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Patrick Batarilo

Das Vermächtnis

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Ein Jugendbuch Ăźber die Geschichte der Waldenser


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Das Vermächtnis Ein Jugendbuch über die Geschichte der Waldenser von Patrick Batarilo

© Deutsche Waldenservereinigung e.V. – 2. Auflage 2011 Herausgeber: Deutsche Waldenservereinigung e. V. (DWV) 75443 Ötisheim-Schönenberg – www.waldenser.de Redaktion: Dr. Albert de Lange, Angelika Bruder, Martin Brückner Gestaltung, Layout: DIGNUS.DE Medien GmbH – www.dignus.de Zeichnungen von Vera Knab: Titel, 16, 32, 62, 84, 122 u, 178 o re Karten und Collagen: DIGNUS.DE Bildnachweise Arbeitsgemeinschaft für Walldorfer Geschichte: 104 u Claudiana: 152 Koninklijke Bibliotheek Den Haag: 50/51, 55 DIGNUS.DE: 20, 68, 122 o, 150/151, 158, 173 DWV: 10, 59, 104 o, 111, 178 o li, 178 u li+re Guido Girardon: 166/167 Landesbildstelle Baden: 99, 155 u, 161, 163 Giorgio Roman: 15, 134 (Medaille) Società di Studi Valdesi: 15, 134 (Brief) Herbert Temme: 5


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Inhalt

Vorwort 4

Karte der Waldenser-Orte im Piemont

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1. Ein Brief aus einer anderen Zeit 9 2. Die Geheimtür 17 3. Die Waldenser 33 4. Die Glorreiche Rückkehr 50 5. Tante Else 59 6. Das Archiv 69 7. Zurück in den geheimen Raum 85 8. Jeanne 100 9. Die Medaille 105 10. Jetzt oder nie 110 11. Das Testament 123 12. Die zwei Hälften 135

Anhang: Überblick über die Geschichte der Waldenser 153

Karte der Waldenser-Orte in Deutschland 175


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vorwort · seinen eigenen weg suchen

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ie Geschichte der Waldenser ist spannend. Es gibt in Westeuropa keine andere christliche Minderheit, der es gelungen ist, trotz aller Verfolgungen acht Jahrhunderte zu überstehen. Noch heute leben ungefähr 20.000 Waldenser in Italien, viele davon im Piemont, in einigen Alpentälern nahe an der Grenze zu Frankreich. Hier liegt auch das kleine Städtchen Perouse, das in diesem Jugendbuch eine wichtige Rolle spielt. Schon im Mittelalter waren viele Einwohner von Perouse insgeheim Waldenser. Meist handelte es sich um Bergbauern. Sie lehnten die reiche, mächtige katholische Kirche ab und hielten nicht deren Geistliche, sondern ihre eigenen Wanderprediger für die wahren Priester, weil diese der Bibel treu waren und in Armut lebten. Im 16. Jahrhundert brachen die Waldenser offen mit der katholischen Kirche und schlossen sich der Reformation an. Auch in Perouse wurde eine protestantische Kirche erbaut. Die Waldenser forderten das Recht, so zu glauben und zu leben, wie Gott es nach ihrer Überzeugung verlangt. Dieser Mut der Waldenser rief heftige staatliche Gegenmaßnahmen hervor. Immer wieder wurden sie verfolgt, massakriert und vertrieben. Im Jahre 1698 wurden 3000 Waldenser aus dem Piemont ausgewiesen. Dazu gehörten auch diejenigen von Perouse. Sie fanden 700 Kilometer weiter nördlich Zuflucht und gründeten im Jahr 1699 in Württemberg ein neues Dorf, dem sie in Erinnerung an ihren Heimatort ebenfalls den Namen „Perouse“ gaben. Auch hier lebten sie wie in ihrer Heimat von Landwirtschaft.


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Die Waldenser blieben noch lange Zeit Fremde in Württemberg. Sie sprachen im Alltag kein Deutsch oder Schwäbisch, sondern „Welsch“, die okzitanische Sprache, die früher in ganz Südfrankreich gesprochen wurde. Sie waren außerdem keine Lutheraner, wie die Württemberger, sondern folgten der Lehre des Genfer Reformators Johannes Calvin. Auch gab es immer wieder Streitigkeiten mit ihren neuen Nachbarn in Württemberg. Obwohl ihnen Feindseligkeit entgegenschlug und sie in bitterer Armut lebten, blieben die meisten Waldenser in Württemberg, denn hier genossen sie wenigstens die Glaubensfreiheit, für die sie zu Hause vergeblich gekämpft hatten.


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vorwort · seinen eigenen weg suchen

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden die Waldenser in Württemberg integriert. Sie vergaßen jedoch ihre Vergangenheit nicht. 1936 wurde die Deutsche Waldenservereinigung gegründet. Diese Vereinigung pflegt nicht nur die Erinnerung an die Geschichte der Waldenser, sondern auch den Kontakt mit den Waldensern in Italien. Es schlossen sich in den vergangenen Jahrzehnten auch viele der Vereinigung an, die selber keine Waldensernachfahren sind. Sie interessieren sich aus anderen Gründen für die Waldenser. Mich persönlich zum Beispiel fasziniert die Frage, wieso die Waldenser den Mut und die Kraft hatten, trotz Unterdrückung jahrhundertelang an ihrem eigenen Weg festzuhalten. Aber wie kann man nun die spannende Geschichte der Waldenser vermitteln? Der niederländische Lehrer Gerard van Bruggen stellte sich diese Frage immer wieder, denn er fuhr oft mit Jugendgruppen in die Waldensertäler. Er fand eine originelle Lösung: Auf dem jeweiligen Friedhof des Ortes wählten die Jugendlichen einen Grabstein aus, der die waldensische Überzeugung des oder der Verstorbenen verriet. Dann machten sie sich an die Arbeit, interviewten die Leute im Dorf und gingen in das Archiv, um mehr über diese Person in Erfahrung zu bringen. Sie betrieben Ahnenforschung, nicht um einen Stammbaum aufzustellen, sondern um zu erfahren, was für ein Mann oder eine Frau dort begraben worden war, um zu erkennen, was das Waldensertum für ihn oder sie bedeutet hatte. Dies schien mir eine hervorragende Idee für ein Jugendbuch über die Waldenser zu sein. Es fehlte nur der Autor.


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vorwort · seinen eigenen weg suchen

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In den Jahren 1999 und 2000 gedachten Perouse und andere Waldenserdörfer in Hessen und Württemberg ihres 300-jährigen Bestehens. In Blick auf die Feier in Palmbach bei Karlsruhe suchte mich die Märchenerzählerin Beate Batarilo auf. Sie stammt nicht von Waldensern ab, interessiert sich aber für deren Geschichte, weil auch in ihrer Familie die Erfahrung von Minderheit, von religiöser Aussonderung und Emigration lebendig ist. Im Gespräch darüber, wie hier und heute junge Menschen zur Geschichte der Waldenser Zugang finden können, gab sie mir den Hinweis auf ihren Sohn, Patrick Batarilo, einen jungen Autor. Spannend, die Geschichte zu erforschen Das war nun ein Glücksfall. Patrick Batarilo nahm die Idee von Gerard von Bruggen auf und verarbeitete diese zu einem überzeugenden Buch, das mich sehr berührt hat. Er hat historische Fakten und Erkenntnisse verwendet und sie zu einer packenden Erzählung umgestaltet. Es handelt sich hier nicht um ein Geschichtsbuch, sondern um einen Roman für die Jugend. Zugleich zeigt Patrick Batarilo, wie spannend es sein kann, wenn man als Jugendlicher die Geschichte der Vorfahren selbst erforscht. Man kann dabei natürlich auch auf beschämende und traurige Sachen stoßen. Aber es kann einem auch so ergehen wie Thomas Papon, der Hauptperson dieses Romans. Er entdeckt, wie mutig die Vorfahren gewesen sind. Und das ermutigt schließlich auch ihn, sich nicht anzupassen, sondern seinen eigenen Weg zu suchen. Albert de Lange


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karte der waldensertäler

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Fenestrelle Pragela

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Grenze Frankreich / Piemont im 16. Jahrhundert

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kapitel 1 · ein brief aus einer anderen zeit

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1. Ein Brief aus einer anderen Zeit 27. März 1702

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iebe Jeanne! Ich werde mich vielleicht verstecken müssen, dort, wohin ich gehe. Um sicher zu sein, dass Dich mein Brief erreicht, schreibe ich Dir daher bereits jetzt. Nur vier Tage sind vergangen, seit ich mich von Euch verabschiedet habe. Nur vier Tage! Und schon gibt es so vieles, was ich Dir erzählen möchte! Meine Gedanken kreisen und kreisen. Seit Tagesanbruch bin ich unterwegs. Die Straßen sind staubig und schlecht, aber es macht nichts, Du weißt, ich bin gut zu Fuß. Noch zwei Tage, dann will ich bei Schaffhausen über den Rhein, von dort aus über Zürich und Bern nach Genf. Und dann? Nach Hause, in meine, unsere Alpentäler! Zurück nach Perouse, zurück in das Dorf im Piemont, aus dem wir vertrieben wurden! Ich weiß nicht, ob man Dir gesagt hat, warum ich aus Württemberg gehen musste, ich jedenfalls hatte keine Gelegenheit dazu. Es ging alles so schnell – und dabei hätte ich so gerne noch einmal mit Dir gesprochen. Ich sehe Dich noch vor mir, Dein schmales liebes Gesicht, der Ausdruck von Unverständnis und Trauer in Deinen dunklen Augen, als wir alle zum letzten Mal in der Küche beieinander saßen. Ich wollte, ich hätte zumindest Deine Hand noch einmal halten können ... Unsere Leute reden oft noch mit Dir wie mit einem kleinen Mädchen, obwohl Du schon fünfzehn bist; selbst Dein Bruder Thomas ist da nicht anders. Darum will ich Dir erklären, warum ich gehen


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kapitel 1 ¡ ein brief aus einer anderen zeit

Alte Darstellung des Perosatals


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kapitel 1 · ein brief aus einer anderen zeit

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musste. Onkel Jean, der in Perouse zurückgeblieben war, um unseren Besitz zu schützen, ist vor einem Monat gestorben. Nun soll ich an seiner Stelle aufpassen, dass man uns dort nicht unsere Häuser, die Felder, das Vieh und das zurückgelassene Werkzeug nimmt, solange wir in Deutschland im Exil leben. Wir alle hoffen doch, dass wir diese Dinge eines Tages wieder brauchen werden – wenn wir zurückkehren dürfen. Nicht heimlich wie ich jetzt, sondern offen und frei. Wie soll es sonst jemals wieder so werden wie vor unserer Vertreibung? Und das ist doch alles, was wir wollen: Unser Leben wieder in Ruhe führen können, wie wir es wollen und wo wir es wollen, wir, die Waldenser! Und nicht wie es dem Herzog von Savoyen oder dem König von Frankreich gefällt! Ich weiß nicht, wie gut Du Dich noch an die Zeit erinnerst, als wir vor drei Jahren in Württemberg ankamen. Lass mich Dir ein wenig davon erzählen – es tut mir gut, weil es mir hilft, meine Gedanken zu klären; und weil es unsere gemeinsame Geschichte ist, und es mir scheint, als könnte das Reden darüber die Entfernung zwischen Dir und mir verringern. Du warst zwölf Jahre alt, damals, Thomas und ich, wir waren beide vierundzwanzig. Allein aus unserem Heimatort hatten über siebzig Waldenserfamilien den Weg ins Exil angetreten. Wie froh wir waren, dass man uns aufnahm! Nach einem ganzen Jahr unterwegs! Mein Großvater war krank, meine ältere Schwester schwanger – und alle waren wir am Ende unsrer Kräfte. Keiner von uns beschwerte sich oder ließ sich auch nur etwas anmerken, als dort nichts so war, wie man es uns versprochen hatte. So dankbar waren wir dem Herzog von Württemberg dafür, dass er überhaupt bereit war, uns zu


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kapitel 2 · die geheimtür

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2. Die Geheimtür

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homas saß eingezwängt zwischen seiner Mutter und einem dicken Mann, der ständig hustete. Er hatte ein wenig Atemnot, weil der dicke Mann bei jedem Husten noch etwas dicker zu werden schien. Die Mitgliederversammlung der Waldenservereinigung ging gerade zum gemütlichen Teil über. Was man so gemütlich nennt – eben war es noch um Dinge wie den „Tagesordnungspunkt 12 a“ und die „finanzielle Lage des Vereins“ gegangen, jetzt sollte man brav auf sein Stück Kuchen starren und nur ja nicht die Gabel mit einem Hubschrauber verwechseln! In dem kleinen Saal mit dem grauen Fachwerk befanden sich lauter Erwachsene. Nur an einem kleinen Tisch auf der anderen Seite, wo die Mittagssonne durch die Fenster in den Saal drang, saßen zwei Mädchen in Thomas’ Alter. Eine rührte brav mit dem Löffel in ihrem Milchkaffee und nickte ständig, während sich der Mund ihres Vaters gleichmäßig öffnete und schloss. Was er sagte, ging in dem allgemeinen Gemurmel unter. Die andere gähnte gerade ziemlich ungeniert. Sie hatte wilde rote Haare und trug einen blau-weiß gestreiften Pullover. Eine kleine Brille mit runden Gläsern lag vor ihr auf dem Tisch. Plötzlich zeigte sie mit dem Finger auf Thomas und flüsterte ihrer Freundin etwas zu. Die beiden kicherten. Im selben Moment spürte Thomas eine feste Hand, die ihm den Kopf zur Seite bog. Ein riesiger Kamm brachte eine Strähne seines dunklen Haars wieder an ihren Platz.


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kapitel 2 · die geheimtür

„Mama! Lass das!“ „Du bist das erste Mal hier, Thomas, also sorge ich dafür, dass du anständig aussiehst.“ Thomas’ Mutter sprach leise, aber deutlich. „Und schau nicht dauernd rüber zu den beiden Mädchen. Du kannst dich auch mal mit Erwachsenen unterhalten!“ Der dicke Mann hustete zustimmend. Beim Einatmen blähte er sich noch mehr auf. Er war jetzt rund wie ein Kugelfisch. „Warum musstest du mich auch mitnehmen? Ausgerechnet am ersten Tag der Osterferien!“, flüsterte Thomas. „Wer sind denn überhaupt diese Waldenser und warum müssen sie sich heute versammeln?“ Seine Mutter sah ihn ungnädig an. „Du weißt genau, wer die Waldenser sind.“ Mit ungeduldigen Fingern zog sie Thomas den Kragen des weißen Hemdes gerade, das sie extra für heute gekauft hatte. „Nein, weiß ich nicht, Mama!“, erwiderte er trotzig. „Und lass mein Hemd in Ruhe, das ist dir doch sonst auch egal!“ „Muss ich dich daran erinnern, wie oft dein Vater früher hierher gekommen ist? Er war selbst ein Waldenser. Und jetzt gehe ich eben. Und du auch! Alt genug bist du ja mit deinen vierzehn Jahren!“ Thomas hatte keine Lust, ihr weiter zuzuhören. Es reichte. Er wollte nach draußen! Der dicke Mann atmete gerade geräuschvoll aus, und Thomas nützte den vorübergehenden Raumgewinn, um sich aus dem Staub zu machen. Seine Mutter warf dem dicken Mann einen entschuldigenden Blick zu. Und das Mädchen mit den wilden roten Haaren sah ihm nach und tuschelte mit ihrer Freundin.


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kapitel 2 · die geheimtür

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Draußen war es heller Tag. Die Sonne strahlte, und Thomas schlenderte langsam über den Hof. Vor ihm, auf der anderen Seite der Straße, streckte sich eine kleine Kirche aus rotem Sandstein genüsslich in die Länge und unterhielt sich mit einem etwas kriegerisch wirkenden Denkmal, das den Gründer des Ortes, Henri Arnaud, darstellte. Thomas zog seine Baseballmütze aus der Jackentasche. Die Mütze war ein Geschenk seines Vaters – eins für besondere Gelegenheiten, wenn ein Abenteuer anstand. Der grüne Stoff war ziemlich abgetragen, und das obwohl es in der letzten Zeit kaum etwas Aufregendes gegeben hatte. Sicherheitshalber hatte Thomas die Mütze trotzdem immer dabei – man wusste ja nie. Und heute? Er drehte sich um und betrachtete das Haus. Es war sehr lang und musste alt sein, zweihundert Jahre mindestens, vermutlich viel älter. Es besaß ein hohes Dach, mit roten Ziegeln gedeckt, darunter dunkles Fachwerk und einen Sockel aus rotem Sandstein. Der Raum, in dem die Versammlung stattfand, war nur ein kleiner Teil des Hauses! Er ging weiter und fühlte in seinen Hosentaschen nach, ob sich da etwas Interessantes finden ließ. Mal sehen – eine Musikkassette, Kaugummis, ein Taschenmesser, Schnur, ein Korken, ein Fußballsticker. Naja, viel war das nicht! Er wollte gerade die Straße überqueren, als plötzlich ein kleiner weißer Hund seinen Weg kreuzte und mit wedelndem Schwanz an ihm vorbei auf das Haus zulief. Es war ein Scotch Terrier mit lebhaften Augen und flinkem Gang. Plötzlich vollzog er einen schnellen Haken nach links, machte ein paar Hopser, als brauche er noch einen kurzen Moment der Vorbereitung, und lief dann zielstrebig eine kleine Steintreppe an der linken Seite des


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kapitel 2 · die geheimtür

Henri-Arnaud-Denkmal in Schönenberg


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kapitel 2 · die geheimtür

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Gebäudes hinauf, die bis zu einer Tür führte. Auf der obersten Stufe hielt der Terrier und sah Thomas direkt in die Augen. Dann stupste er mit der Schnauze gegen die Tür, die sich einen Spalt weit öffnete, und zwängte sich hindurch. Thomas blickte ihm verwundert nach. Was mochte hinter der Tür liegen? Er wog die Baseballmütze in der Hand, als wollte er abschätzen, ob es sich wirklich um ein Abenteuer handeln würde – dann setzte er sie mit einem zufriedenen Grinsen auf und folgte dem Hund. Auf dem obersten Treppenabsatz hielt er an. Langsam steckte er den Kopf durch den Türspalt. Drinnen war es stockdunkel. Er horchte. Kein Scharren oder Winseln, kein Bellen, nichts. Vorsichtig zwängte der Junge sich durch den Spalt, dann zog er die Tür von innen langsam ins Schloss. Niemand sollte merken, dass er hier war. Ein Geruch nach altem Holz und Ruß, nach Staub und kalten Steinen lag in der Luft. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit, und er fing an, Schemen wahrzunehmen – da hingen Dinge an den Wänden, Tafeln oder Bilder. Alles kam ihm so alt vor! Vor ihm erstreckte sich ein Gang ins Dunkel. Wo mochte der Hund hingelaufen sein? Wenn er nur eine Taschenlampe bei sich hätte oder wenigstens ein Feuerzeug! Er machte einen Schritt den Gang hinunter. Plötzlich glaubte er, etwas gehört zu haben, er zuckte zusammen und verharrte regungslos. Doch das einzige Geräusch war sein eigenes Atmen. Er ging weiter, und durch eine niedrige Tür gelangte er in eine alte Küche, mit einem riesigen Herd an der Seite. Auch hier herrschte Dunkelheit. Nur ein einziger schmaler Lichtstreif drang durch die geschlos-


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4. Die Glorreiche Rückkehr 4. April 1702

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iebe Jeanne! Ich bin in Genf angekommen! Ich sitze auf einem Steg am Ufer des Sees und lasse mir die nackten, vom vielen Gehen ganz wunden Füße von der Sonne bescheinen. Weißt Du, wenn ich mein Gesicht so im Wasser betrachte, dann sehe ich, dass ich wieder ein bisschen älter geworden bin. Es ist mir, als hätten von dieser Stadt aus alle wichtigen Entwicklungen in meinem Leben ihren Ausgang genommen und sich in meinem Gesicht eingezeichnet. Einmal, vor beinahe vier Jahren, sind wir gemeinsam durch Genf gekommen – als Vertriebene, auf unserem Weg nach Württemberg. Für


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kapitel 4 · die glorreiche rückkehr

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mich war es nicht das erste Mal, ich war bereits 1686 in Genf und später noch öfter. Das war noch vor Deiner Geburt, und ich bin nicht sicher, wieviel Du darüber weißt. Es gehört zur Geschichte der Waldenser, aber sie erzählen den Mädchen nicht alles. Also nutze ich die Zeit hier am See und berichte Dir davon. Dein Bruder Thomas und ich, wir waren damals elf Jahre alt. Um Frankreich zu gefallen, hatte der Herzog von Savoyen die Waldenser im Piemont vor die Wahl gestellt: Schwört eurem Glauben ab und werdet katholisch – oder verlasst das Land! Was für eine Wahl! Drei Jahre lebten wir im Ausland, Thomas und ich. Wir gingen in Genf und Amsterdam zur Schule, sogar nach Südafrika wollte man uns schicken – solange es nur ein Genf (Stich von 1690)


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kapitel 10 · jetzt oder nie

10. Jetzt oder nie

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homas wartete einige Stunden, dann wurde er allmählich unruhig. Die Wohnung schien enger und enger zu werden, und er beschloss, etwas zu tun. Aber als er Paula auf ihrem Handy anrief, erreichte er nur die Mailbox. Ungeduldig hinterließ er eine Nachricht. „Paula, ich habe die Medaille!“, sagte er. „Jetzt müssen wir Lehmann seine Hälfte abnehmen. Damit die zwei Teile der Medaille wieder zusammenkommen! Und wir müssen herausfinden, wer der Jacques Papon und der Thomas Papon auf der Zeichnung sind.“ Er legte auf und dachte nach. Ihm kam die Idee, dass sich beides vielleicht verbinden ließ. Heute noch! Alles, was er tun musste, war, ein Treffen mit Lehmann zu arrangieren. Er konnte ihm zum Beispiel sagen, dass sie noch weitere Briefe hätten. Wenn er nur überzeugend genug etwas Wichtiges anbot, würde sich Lehmann im Gegenzug schon zu einem Treffen bereitfinden. Dann würde er von dem Schriftsteller etwas über die beiden Papons auf der Zeichnung erfahren können. Möglich war es. Und vor allem würde sich ihm eine Gelegenheit bieten, an die andere Hälfte der Medaille zu kommen. Doch es stellte sich ein Problem: Wie sollte er Kontakt zu Lehmann aufnehmen? Ihm fiel ein, dass die Waldenservereinigung möglicherweise seine Telefonnummer hatte. Über dem kleinen Schrank im Flur, auf dem das Telefon stand, entdeckte Thomas die Nummer des Henri-Arnaud-Hauses. Er wählte, und eine Frauenstimme meldete sich.


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kapitel 11 · das testament

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11. Das Testament

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m nächsten Tag wollte sich Thomas gleich nach dem Frühstück auf den Weg nach Perouse machen. Der Ort war nur schlecht per Bahn zu erreichen, man musste oft umsteigen und am Ende einen Bus nehmen, aber das schreckte ihn nicht. Doch es gab noch ein anderes Hindernis: Seine Mutter stellte sich ihm in den Weg. „Thomas, wir müssen reden“, sagte sie und bat ihn mit der einen Hand, sich wieder zu setzen, während sie mit der anderen das schmutzige Geschirr in der Spüle abstellte. „Es tut mir leid, dass ich gestern so ein Theater gemacht habe. Ich habe nachgedacht, und ich glaube, dass ich einige Dinge ändern muss. Hörst du?“ Aber Thomas wollte nicht reden. „Ich muss gehen, Mama. Mein Zug fährt in einer Viertelstunde.“ „Aber wo willst du denn hin?“, fragte sie. Er zögerte. Es gab so viel zu erzählen, doch die Lust dazu war ihm vergangen. Er war wütend, weil sie am Vortag einfach verschwunden war. Außerdem war er sich nicht sicher, wie sie reagieren würde, wenn sie erfuhr, dass er die Medaille aus dem Schreibtisch seines Vaters genommen hatte. „Nach Perouse“, sagte er schließlich. „Das ist ein Waldenserort, zwischen Pforzheim und Stuttgart.“ „Und warum?“ Er drehte trotzig mit dem Zeigefinger in seinen dunklen Haaren. Seine Mutter sah ihn aufmerksam an.


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kapitel 12 · die zwei hälften

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12. Die zwei Hälften

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iebe Paula! Ich muss Dir schreiben, unbedingt. Ich glaube, am Telefon kann ich Dir gar nicht erzählen, was in der kurzen Zeit Deiner Abwesenheit alles geschehen ist. Stell dir vor – ich bin zu Lehmann gegangen, in sein Haus! Als ich Dich von Perouse aus angerufen habe, habe ich Dir ja erzählt, was dort passiert ist. Soweit bist Du also auf dem Laufenden. Danach wollte ich sofort zu Lehmann, um an die Briefe zu kommen, und meine Mutter war so lieb, mich nach Karlsruhe zu fahren. Und das obwohl ich ihr nicht gesagt habe, warum ich dort hin wollte! Sie hat mich gegen halb acht abgesetzt, in einer Seitenstraße, zwei Minuten von Lehmanns Haus. Damit sie sich keine Sorgen macht, habe ich ihr gesagt, dass ich anschließend bei Tante Else übernachten würde. Und eigentlich hatte ich das ja auch vor! Lehmanns Haus sieht eigentlich ganz hübsch aus, ein bisschen improvisiert gebaut, mit roten Backsteinen, und etwas von der Straße zurückgesetzt, aber es hat auch etwas Kaltes, weil die Fenster kahl sind und die Blumentöpfe in der Einfahrt umgestürzt daliegen. Es war natürlich schon dunkel, aber das Licht der Straßenlaterne reichte ein Stück weit in den Garten. Es war eine von diesen gelben Laternen, mit einem ganz angenehmen, warmen Licht, das mir noch das Gefühl gab, verborgen zu sein. Trotzdem war ich ziemlich aufgeregt. Als ich über die Hecke kletterte und langsam und vorsichtig um das Haus herum in den Garten schlich, sah ich, dass sich auf der Rückseite des Hauses im Dachgeschoß eine große Glaswand


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anhang · die geschichte der waldenser

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Die Waldenser Der lange Weg einer religiösen Minderheit in Europa Die lange, bewegende Geschichte der Waldenser begann vor mehr als 800 Jahren. Damals wohnten die meisten Menschen in Europa auf dem Land und ihr Leben wurde vom Adel und der Geistlichkeit bestimmt. Im 12. Jahrhundert gewannen jedoch die Städte rasch an Bedeutung. Sie entwickelten sich zu Anziehungspunkten für den Handel und das Handwerk und ihre Einwohnerzahl wuchs ständig. Hier entwickelte sich die neue gesellschaftliche Schicht der Bürger, die die Macht des Adels und der Geistlichkeit in Frage stellen sollte. Waldes Eine dieser aufblühenden Städte war Lyon. Hier lebte in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts ein Kaufmann mit Namen Waldes. Er gehörte zum aufstrebenden, selbstbewussten Stand des Bürgertums. Ihn beunruhigte die Frage, ob er als reicher Mann selig werden könne. Die Antworten der Priester stellten ihn dabei nicht zufrieden. Er wollte selbst nachlesen können, was die Bibel dazu sagt. Doch die Bibel war nur auf Latein zugänglich. Waldes konnte zwar lesen, hatte aber kein Latein gelernt. Daher beauftragte er zwei Geistliche, die Bibel in die Volkssprache zu übersetzen. Die Lektüre dieser Übersetzung führte Waldes 1173 zu einer radikalen Änderung seines Lebens. Er beschloss so zu le-


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anhang · die geschichte der waldenser

ben, wie Jesus es von seinen Aposteln gefordert hatte. Er gab sein Geld den Armen und zog als Wanderprediger umher. Er lebte nur von Almosen. Bald scharte Waldes viele Männer und Frauen um sich, die er zum Predigen ausschickte. So entstand vor mehr als 800 Jahren die Bewegung der „Armen Christi“, wie die Gefolgsleute von Waldes sich nannten. Den Namen „Waldenser“ bekamen sie von ihren Gegnern, die damit sagen wollten, dass sie in Wirklichkeit keine Jünger Christi waren, sondern Nachläufer eines Ketzers. Die Laienpredigt Der Erzbischof von Lyon wandte sich schon bald gegen die „Armen Christi“, weil sie als Laien ohne kirchliche Erlaubnis öffentlich predigten. Eigentlich durften nur Priester predigen. Waldes jedoch gab nicht auf und verteidigte sich mit dem Bibelwort, man muss „Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5, 29). Der Konflikt mit der Kirche wurde jetzt unausweichlich. Im Jahre 1184 verurteilte Papst Lucius III. die Waldenser als Ketzer, nicht wegen einer Irrlehre, sondern weil sie unerlaubt weiter predigten. Diese Verurteilung blieb aber zunächst unwirksam, nicht zuletzt, weil die Waldenser die Kirche in ihrem Kampf gegen die Katharer unterstützten. Diese „Ketzer“ (das deutsche Wort „Ketzer“ ist von „Katharer“ abgeleitet) hatten in Südfrankreich und Norditalien eine regelrechte Gegenkirche aufgebaut und so die katholische Kirche in Bedrängnis gebracht. Sie verdankten diesen Erfolg vor allem ihrer scharfen Kritik am Reichtum und am Machtstreben der Geistlichkeit.


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Ein Wanderprediger will nicht vor dem Richter einen Eid leisten.


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„Woher stammt das?“, rief der Mann und zeigte aufgeregt auf den Fetzen Papier in Thomas‘ Hand. „Wir sind dem Hund gefolgt“, setzte Thomas zu einer Erklärung an. Aber Paula unterbrach ihn, sie wollte unbedingt, dass der Raum, den sie entdeckt hatten, ihr Geheimnis blieb. Thomas und Paula suchen die verlorene zweite Hälfte einer alten Medaille. In dem geheimen Raum finden sie ein vergilbtes Foto, das sie weit in die Vergangenheit zurückführt – auf der Spur der Waldenser. Die sind, wegen ihres Glaubens vertrieben, im 18. Jahrhundert aus den französischen Alpen nach Deutschland gekommen. Welche Verbindung schafft die Medaille zwischen Thomas und der alten Glaubensgemeinschaft? Und wer ist der geheimnisvolle Gegenspieler, der sich Thomas und Paula in den Weg stellt?

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Das Vermächtnis  

Ein Jugendbuch über die Geschichte der Waldenser. Von Patrick Batarilo mit Zeichnungen von Vera Knab.

Das Vermächtnis  

Ein Jugendbuch über die Geschichte der Waldenser. Von Patrick Batarilo mit Zeichnungen von Vera Knab.

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