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500 Jahre Niederländischer Protestantismus


Inhalt

WIllkommen ausstellung 500 Jahre niederländischer Protestantismus Zwei Nachbarn mit einer verwandten Sprache – das sind die Niederlande und Deutschland. Kirchenhistorisch und kirchlich gibt es zwischen beiden Ländern aber große Unterschiede. Die Wanderausstellung lädt ein zu einer Entdeckungsfahrt durch die niederländische Kirchengeschichte in elf Stationen. Sie erwuchs aus einem Gemeindeprojekt, um im Jahr 2017 an verschiedenen Orten gezeigt zu werden. Diese Broschüre dokumentiert alle Stationen – auch für alle, die die Ausstellung nicht an ihren Präsentationsorten besichtigen können. Lassen Sie sich informieren und überraschen. „Veel plezier!“

Orte Ereignisse 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11

Vor Calvin: Luther Toleranz?! Vor die Tür gesetzt Bilderverbot? Erneuter Stolz Gereformeerden Versäulung Freimachung Engagierte Kirche Säkularisierung Verstreut


Übersicht

Orte

ulrum 06 GrOninGen witmArsum 02

kAmpen 08

AlkmAAr AmsterDAm 04 09

kOOtwijk 06 Den hAAG 08 utrecht

mÜnster 02

rOtterDAm lent (nijmeGen) 05 DOrDrecht 03 nieuwDOrp 10

einDhOven

Antwerpen 01 03 brÜssel 01

DuisburGruhrOrt 11

köln mAAstricht


üBersicht

ereignisse 1523 1533-1535 1536 1568-1648 1584 1588-1795 1602 1606-1669 1618-1619 1648 1672 1683 1789 1798 1804 1815 1834 1848 1848 1853 1879 1880-1968 1886 1892 1898 1911 1914-1918 1917 1917 1919 1933, 1939 1940-1945 1944 1945 1947 1948 1955 1965 1965 1968 1975 1983 1989 1990 2004

Erste niederländische protestantische Märtyrer 01 Das Täuferreich von Münster 02 Menno Simons lässt sich taufen, mennonitische Friedensethik 02 80-jähriger Befreiungskrieg gegen Philipp II., König von Spanien, Herr der NL 01 Wilhelm von Oranien, Anführer im Aufstand gegen die Spanier, ermordet 01 Republik der Vereinigten Niederlande Gründung der Niederländischen Ostindien-Kompanie Rembrandt van Rijn, Blütezeit der Malerei 04 Dordrechter Synode, Entstehung der Remonstranten 03 Westfälischer Friede, Ende des 30- und des 80-jährigen Krieges 01 Katastrophenjahr (Rampjaar): Angriff von England, Frankreich, Köln und Münster Anthonie van Dale, Arzt u. mennonitischer Pfarrer, gegen Aberglaube für Aufklärung Beginn der Französischen Revolution Erste niederländische Verfassung ermöglicht (formal) die freie Religionsausübung 05 Napoleon wird Kaiser der Franzosen Wiener Kongress, Königreich der Niederlande entsteht, landeskirchl. Regiment 06 Afscheidung: Die Christelijk Gereformeerde Kerken entstehen 06 Revolution und Krawalle in Europa Neue niederländische Verfassung: konstitutionelle Monarchie, Erweiterung des Wahlrechts, freie Meinungsäußerung, freie Schulgründungen ermöglicht 05 Wiederherstellung der römisch-katholischen bischöfliche Hierarchie 05 Abraham Kuyper gründet die erste und protestantische Parlamentspartei 07 Zeitalter der konfessionell geordneten Säulengesellschaft 07 Doleantie: Zweite Abspaltungswelle aus der öffentlichen Kirche 06 Vereinigung der Kirchen aus der Afscheiding und der Doleantie 06 Vorläufergemeinde der Niederländ. Kirche in Deutschland in Duisburg-Ruhrort 11 Ordination der ersten Pfarrerin, der Mennonitin Anne Zernike Erster Weltkrieg Oktoberrevolution in Russland Neue niederländische Verfassung: allgemeines Wahlrecht für Männer, staatliche Bezuschussung von konfessionellen Schulen 07 Allgemeines Wahlrecht für Frauen Hitler wird Reichskanzler, Zweiter Weltkrieg beginnt 08 09 Deutsche Besatzung der Niederlande 08 09 In Den Haag verliest Klaas Schilder die Akte van Vrijmaking 08 Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, Ende des Zweiten Weltkriegs 09 Anne Franks Tagebuch wird veröffentlicht Ökumenischer Weltrat der Kirchen (ÖRK) wird in Amsterdam gegründet 09 Der rote Pfarrer Jan Buskes verwirft die Apartheidspolitik in Südafrika 09 Wiederaufbau endet, Staat übernimmt sozialkulturelle Aufgaben von den Kirchen Anfang der Entkirchlichung in größerem Stil 10 Martin Luther King jr. wird ermordet Friede in Vietnam Neue niederländische Verfassung schützt gegen viele Formen der Diskriminierung Wende und Mauerfall Ende der Apartheid, Nelson Mandela wird freigelassen 10 Gründung der unierten Protestantische Kirche in den Niederlanden (PKN) 01 06 10


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1536 • Witmarsum • münster

Toleranz?!

D

ie Reformierte Kirche konnte sich Anfang des 17. Jahrhunderts zur publieke kerk (öffentliche Kirche) entwickeln, allerdings ohne damit eine Staatskirche zu sein. Niemand wurde zwangsverpflichtet, Mitglied zu werden – trotzdem war sie die einzige vom Staat anerkannte Kirche. Da sie sich nicht als Volkssondern Bekenntniskirche verstand, in der die Zucht gehandhabt wurde, waren nur zehn Prozent der Bevölkerung Mitglied der reformierten Kirche.

menno simons und die Wiedertäufer Neben den Lutheranern machten auch die Wiedertäufer den Reformierten in den Niederlanden anfangs ernsthafte Konkurrenz. Sie lehnten die Kindertaufe ab und dehnten sich von Zürich über Nordwestdeutschland bis in die Niederlande aus. Menno Simons aus dem friesischen Witmarsum machte die Wiedertäufer vor allem in den nördlichen Provinzen zu einer starken Bewegung. Typisch für die „Mennoniten“ war ihre pazifistische Haltung. Nach dem Debakel des Täuferreichs in Münster (1533-1535) schwor Simons 1536 aller Gewalt ab. Trotzdem wurden sie vom Staat beargwöhnt und verfolgt, meist jedoch toleriert. Zucht wurde unter ihnen groß geschrieben. Damit machten sie einen großen Eindruck auf die Reformierten, die sie aus diesem Grund aber auch als Konkurrenten bekämpften. Heutzutage gilt die kleine Gemeinschaft der doopsgezinden in den Niederlanden als liberal, progressiv und pazifistisch.

Andere Kirchen waren offiziell verboten. Die Wirklichkeit sah jedoch anders aus. Während die Reformierten die Konkurrenz bekämpften, ließ die formal zwar meist reformierte, aber liberal eingestellte Obrigkeit die anderen Kirchen gewähren. Diese tolerante Haltung war pragmatisch motiviert. Sie war ein Mittel, um in der Gesellschaft Ruhe und Ordnung zu gewährleisten und damit ein Klima zu erhalten, in dem der Handel gut gedeihen konnte. Erst seit 1816, nachdem die Französische Revolution auch die Niederlande in den Griff bekommen hatte, sind alle Kirchen auch offiziell gleichberechtigt. 5 Hervormde Victoriuskerk in Pingjum

Foto: Baykedevries / CC-By-sa 3.0

Foto: Gerard dukker rijksdienst voor het Cultureel erFGoed / CC-By-sa 4.0

In Pingjum war Menno Simons römischkatholischer Priester. Heute befindet sich im Dorf die wohl berühmteste mennonitische schuilkerk (verborgene Kirche). Sie ist von außen nicht als eine solche erkennbar.


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1618 - 1619 • DorDrecht • Antwerpen

Vor die Tür geseTzT

U

nmittelbar nachdem sich die calvinistische oder reformierte Kirche als öffentliche Kirche durchsetzen konnte, kam es zu einem ersten folgenreichen Konflikt innerhalb dieser Kirche.

Jakobus Arminius 3

Der Streit entzündete sich an Calvins Prädestinationslehre. Ein zunächst theologischer Zwist zwischen den Hochschullehrern Arminius und Gomarus führte fast zu einem Bürgerkrieg. Die Synode in Dordrecht, die im November 1618 begann, sollte den Streit schlichten. Arminius’ Mitstreiter drückten dort in einer Remonstrantie, einem Diskussionsstück, ihre Überzeugung aus. Sie bezeugten, dass Calvins Prädestinationslehre den Menschen und insbesondere seinen freien Willen zu sehr missachtete. Gomarus und seine Mitstreiter hielten dagegen, der menschliche Glaube wäre ausschließlich gottgewirkt und käme ohne jegliche menschliche Mitwirkung zustande. Diese Lehre setzte sich auf der Synode durch. Arminius’ Mitstreiter wurden buchstäblich vor die Tür gesetzt. Ihre Lehre wurde am 6. Mai 1619 in den Dordtse leerregels verworfen. Diese Canones gehören seitdem zu den Bekenntnisschriften der Reformierten Kirche in den Niederlanden.

die remonstranten Pfarrer, die die Dordtse Canones nicht unterschrieben, wurden des Amtes enthoben. Sie gründeten in Antwerpen die Remonstrantse Broederschap. Nach 1625 änderte sich die Stimmung. In Amsterdam wurde die erste remonstrantse schuilkerk (verborgene Kirche) in Gebrauch genommen. Die Theologie der Remonstranten entwickelte sich im Laufe der Zeit in Richtung Rationalismus und Aufklärung: Jeder Mensch könne durch den rechten Gebrauch der Vernunft zur Kenntnis Gottes kommen. Heutzutage gilt die Remonstrantse Broederschap als eine ausgesprochen vrijzinnige (liberale) Religionsgemeinschaft. Die einzige Gemeinde im Ausland befindet sich im norddeutschen Friedrichstadt. Sowohl Remonstranten als auch Mennoniten fanden dort Anfang des 17. Jahrhunderts Zuflucht vor Verfolgungen in den Niederlanden.


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1656 • amsterdam

BilderVerBot?

D

ie Wurzeln der niederländischen Kunst liegen in Flandern, wo fein gemalte Bilder entstanden, die Geschehnisse aus der Bibel oder Heiligenlegenden zum Thema hatten. Sie dienten der Belehrung des Volkes, das zum größten Teil nicht lesen konnte. Calvin legte das zweite Gebot (Du sollst dir kein Bildnis machen) eng aus und sah in der Ausschmückung der Kirchen eine Verehrung des Bildes und Ablenkung der Gläubigen vom reinen Wort Gottes. Er forderte die Entfernung von Bildern aus den Kirchen. Einige charismatische Prediger riefen sogar zur Zerstörung der Kunstwerke auf. Da Kirchen und Klöster als Auftraggeber ausfielen, sahen sich die Künstler nach neuen Käufern um und fanden sie in Amsterdam und Rotterdam bei reichen Kaufleuten. Die calvinistischen Handelsherren sahen im Abschluss guter Geschäfte eine Gunst des Herrn, die in ihren Wohnstuben auch gezeigt werden konnte.

Neben Porträts und Gruppenbildern kommt Malereien mit zwei calvinistisch geprägten Themen besondere Bedeutung zu. Einerseits entstanden typisch niederländische Stillleben, auf denen die Vergänglichkeit der Schöpfung thematisiert wird. Die fein gemalten Blumenstücke zeigen gerade Blumen in den verschiedenen Stadien des Vergehens. Ungeziefer frisst die Blätter an. So wird die Endlichkeit der Schönheit ausgedrückt. Frühstücksstillleben haben den gleichen Inhalt: Die Speisen sind teilweise angebrochen. So wird impliziert, dass irgendwann alles aufgegessen ist. Manchmal ist eine Uhr als Zeichen der vergehenden Zeit hinzugefügt. Andererseits erzählen Historienbilder Geschichten vorwiegend aus dem von Calvinisten gerne gelesenen Alten Testament. Die Bilder drücken eine Identifikation mit dem auserwählten Volk aus. Wie Israel sei auch Holland zum Frondienst gezwungen. Gott ließ die ägyptischen Soldaten im Roten Meer ertrinken; die Niederländer ließen die spanischen Söldner untergehen. Israel wanderte 40 Jahre entbehrungsreich durch die Wüste; die Holländer führten 80 Jahre lang (1568-1648) ihren Befreiungskrieg.

7 Willem van Aelst 1656: Stillleben mit Blumenvase und Taschenuhr 5 Jan Pynas 1610: Aaron verwandelt das Wasser des Nils in Blut


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1853 • lent (nijmegen)

erneuter stolz

V

on allen Konfessionsgruppen wurden die Katholiken in den protestantischen Niederlanden gesellschaftlich am meisten marginalisiert. Öffentliche Religionsausübung war verboten und wurde je nach Stadt und örtlichem Einfluss der Reformierten Kirche mit unterschiedlicher Intensität unterdrückt. Die Bekleidung öffentlicher Ämter war Katholiken nicht erlaubt. Die Maxime Wes der Fürst, des der Glaub’ galt aber in den Niederlanden nicht. 02 Trotz der Ausgrenzung war auch in den Provinzen Holland und Utrecht, dem kulturellen und politischen Zentrum der Niederlande, mehr als ein Viertel der Bevölkerung katholisch. Diese Zahl sank im Laufe der Jahrhunderte kaum.

Eines der vielen Beispiele des zurückeroberten katholischen Selbstbewusstseins findet man im Dorf Lent, unweit der deutschen Grenze. Nur hundert Meter entfernt von der reformierten Dorfkirche baute die römisch-katholische Pfarrgemeinde 1877-1879 die wesentlich größere Mariä-GeburtKirche. Beide Kirchen waren für viele Menschen sichtbare Wahrzeichen, weil sie lange Zeit direkt an einer später verlegten Autobahn lagen.

Maßgeblich zu dieser andauernden Lebendigkeit des Katholizismus trugen Klopjes, zölibatär lebende Frauen, bei. Sie besuchten halbwegs heimlich die Gemeindemitglieder. So entstand eine stille, häusliche und innerliche Form des Katholizismus. Erst nach einem längeren Prozess, begleitet von massiven Protesten seitens der Reformierten, wurde die 1816 beschlossene Freiheit der Religionsausübung 1848 auch in der Verfassung umgesetzt. Nach der Wiederherstellung der bischöflichen Hierarchie 1853 wurde die Innerlichkeit des niederländischen Katholizismus schnell zur Vergangenheit. Überall wurde mit dem Bau expressiver neugotischer Kirchen der neuen Freiheit Ausdruck verliehen. Das Jahrhundert des rijke roomse leven (üppiges römisches Leben) fing an. Hoch engagiert bauten Katholiken ein intensives, sichtbares kirchliches und Gemeinschaftsleben auf. Eine Bastion hatte aber Bestand: Noch im 20. Jahrhundert waren angeheiratete katholische Mitglieder des Königshauses wiederholt ein Politikum.


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1834 • 1886 • UlrUm • KootwijK

Gereformeerden

I

n den Niederlanden waren die pietistisch geprägten Abspaltungen von der öffentlichen Kirche im 19. Jahrhundert massiv. Sie prägen den niederländischen Protestantismus bis heute. Im Jahr 1834 fand die erste große Abspaltung von der reformierten Kirche statt. Am 14. Oktober unterzeichneten Pastor Hendrik de Cock und seine Gemeinde in Ulrum die Acte van Afscheiding. Damit brachten sie ihren Unmut über den liberalen Geist innerhalb der öffentlichen Kirche zum Ausdruck. König Willem I. hatte 1816 nach dem Muster der deutschen Landeskirchen der Hervormde Kerk ein Algemeen Reglement auferlegt. Das beinhaltete eine von der Obrigkeit bestimmte Verwaltung und viel Freiraum im Umgang mit den Bekenntnisschriften.

Nach Auffassung bekenntnistreuer Gemeinden war dieser Freiraum ein Freibrief für eine Theologie, die u. a. die Gottessohnschaft Jesu leugnete. Mit der Abspaltung kehre man zur Orthodoxie zurück, so deuteten Ulrum und mit ihr viele andere Gemeinden die Entstehung ihrer Christelijk Gereformeerde Kerk. Auch die Kirchentrennung im Jahr 1886 ereignete sich aus Protest gegen die moderne Theologie. Vorreiter dieser Doleantie war der Theologe, Journalist und Politiker Professor Abraham Kuyper, der 1880 die bekenntnistreue Freie Universität in Amsterdam gründete. 07 Als die zur öffentlichen Kirche gehörende Gemeinde Kootwijk den ersten Theologiestudenten der Freien Universität zum Pastor berief, kam es am 2. Februar 1886 zum Bruch mit der Hervormde Kerk. Kootwijk war die erste von vielen Gemeinden, die sich abtrennten. Sie organisierten sich in dolerende, d. h. trauernden Kirchen – in erster Linie, weil ihnen die kirchlichen Güter vorenthalten wurden.

trennung und Vereinigung Die zwei abgespaltenen Kirchen vereinigten sich im Jahr 1892 als Gereformeerde Kerken in Nederland – bis diese 2004 Teil der Protestantse Kerk in Nederland wurden. Insgesamt gibt es in den Niederlanden aber noch immer rund zehn selbstständige Gemeindeverbände, die sich gereformeerd nennen. Sie haben eine halbe Million Mitglieder, die meistens sehr aktiv sind.

Abraham Kuyper 1


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ca. 1880 - 1965

Versäulung

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trenggläubige Protestanten, Katholiken und Sozialdemokraten bauten vom Ende des 19. Jahrhunderts an jeweils ein eigenes Netzwerk von Organisationen auf. Durch eine deutlich umrissene eigene Gemeinschaft hofften sie, ihre gesellschaftliche Position zu verbessern und bedrohliche Einflüsse fern zu halten. Dergleichen Netzwerke bestanden auch anderswo. Im deutschen Kaiserreich entstanden z. B. ein sozialdemokratisches und ein katholisches Milieu.

In den Niederlanden dominierten solche Netzwerke das gesellschaftliche Leben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In der Politik bündelten Reformierte und Katholiken ihre Kräfte, um gleiche Rechte für katholische und reformierte Schulen zu erlangen. Die orthodoxen Protestanten organisierten sich als erste im eigenen Kreis. Schon vor der Kirchenspaltung von 1886 06 hatten Abraham Kuyper und seine Mitstreiter eine eigene Tageszeitung, eine Freie Universität, Schulen und eine politische Partei ins Leben gerufen. Später gründeten sie Gewerkschaften, Frauen- und Jugendverbände. Katholiken und Sozialdemokraten folgten diesem Vorbild. Seit ihrer Entstehung herrschte ständig Diskussion über die Daseinsberechtigung separater katholischer, orthodox-protestantischer und sozialdemokratischer Organisationen. War eine eigene Gewerkschaft oder eigener Fußballklub wirklich nötig? Manchmal lauthals, manchmal still gingen Betroffene andere Wege.

Es besteht auf den ersten Blick noch einiges an Versäulung in den Niederlanden. Weltanschaulich geprägte Rundfunkanstalten haben eine starke Stimme bei der Gestaltung des Medienangebots. Der Staat finanziert neben öffentlichen auch katholische und protestantische Schulen. Wer aber näher hinschaut, sieht eine ganz andere Situation als vor 60 Jahren. Weltanschauliche Organisationen haben eine starke Konkurrenz bekommen. Außerdem stehen katholische und protestantische Schulen gegenwärtig jedem Schüler offen.

CDA-Gründungsvorsitzender Piet Bukman 1980 3

Foto: FotoColleCtie nationaal arChieF/ aneFo/MarCel antonisse / CC-By-sa 3.0

gibt es noch Versäulung?

In den 1950er- und 1960er-Jahren wollten sich immer mehr Niederländer für gemeinsame Ziele zusammenschließen. Wie in Westdeutschland wurden ehemals versäulte Organisationen in den 1960er- und 1970er-Jahren umgeformt oder aufgelöst. So entstand z. B. die allgemeinchristliche Partei Christen-Democratisch Appel (CDA).


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1944 • Den Haag • Kampen

Freimachung?

A

uch in den schwersten Kriegs- und Besatzungsjahren kann eine Kirchentrennung stattfinden. Während des Zweiten Weltkriegs arbeiteten viele sowohl hervormde als auch gereformeerde 06 Gemeinden in bewusster Opposition zur deutschen Besatzung mit Widerstandsgruppen zusammen. Vielleicht potenzierte gerade der Widerstand gegen die deutsche Besatzung den innerkirchlichen Kampf. Nach langem Tauziehen über die Bedeutung der Taufe erklärte die Synode der Gereformeerde Kerken in Nederland 1944, dass Kinder in der Gemeinde getauft werden können aufgrund ihrer mutmaßlichen Wiedergeburt; es sei denn, das Gegenteil stellt sich durch Unglauben und einen abtrünnigen Lebenswandel heraus. Diese Verteidigung der Kindertaufe wurzelte in Calvins Auserwählungslehre und in äußerst spekulativen Gedanken über die ewigen Ratschlüsse Gottes.

5 Die Theologische Hochschule, später Theologische Universität in Kampen

Zwei Professoren an der Theologischen Hochschule in Kampen widersetzten sich jener Taufauffassung vehement. Sie schmälere Gottes verheißungsvollen Bundesgedanken und mache die Taufe letztendlich vom menschlichem Verhalten abhängig. Beide Professoren wurden von ihrer Lehrtätigkeit suspendiert. Einer der beiden, der Widerstandskämpfer Klaas Schilder, trat aus seinem Versteck und fuhr unter Lebensgefahr nach Den Haag. Hier verlas er am 11. August 1944 die von ihm erstellte Acte van Vrijmaking en Wederkeer. Beharrend auf Artikel 31 der Kirchenordnung, der aussagt, dass eine mehrheitlich getroffene Entscheidung der Synode auf Grund der Bibel widerlegt werden kann, sollte man sich vom synodalen Joch vrijmaken (freimachen) und zur Bibel und den Bekenntnisschriften zurückkehren. In den 1950er-Jahren revidierte die Synode ihre Aussage zur Taufe. Auch entschuldigte sie sich für ihr Vorgehen während der Kriegszeit. Zu einer Wiedervereinigung kam es jedoch nicht. Mit einer konservativen Theologie, einer eigenen politischen Partei und einer eigenen Zeitung hatten sich die Vrijgemaakten mittlerweile zu einer eigenen Minisäule 07 entwickelt, die es – sei es auch weniger ausgeprägt – bis heute gibt.


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1948 • 1968 • AmsterdAm

EngagiErtE KirchE ach der großen Katastrophe des Faschismus, der Judenverfolgung und des Zweiten Weltkriegs war vielen klar, dass die Menschheit Instrumente brauchte, die eine weltweite Einheit in Verschiedenheit ermöglichten. Die Vereinten Nationen entstanden, und die europäische Einigung erfolgte in ersten Schritten. Kirchlicherseits wurde nach längerem Vorlauf der Ökumenische Weltrat der Kirchen (ÖRK) gegründet, der seitdem Christen von fast aller Couleur und Konfession vereint. Die Jahre 1945 bis 1975 kann man als Blütezeit eines sozial fortschrittlichen Christentums in den Niederlanden werten. Es war darum nicht nur Zufall, dass der ÖRK 1948 in Amsterdam gegründet wurde und der Niederländer Willem Visser ’t Hooft (1900-1985) erster Generalsekretär wurde. Er war ein Beispiel für den tiefgreifenden Einfluss des schweizerischen reformierten Theologen Karl Barth in den Niederlanden. In dessen Spuren entwickelte der wirkungsvolle niederländische Pfarrer Kornelis Heiko Miskotte eine Theologie, die klar am biblischen Zeugnis festhalten möchte und gerade darum sozial engagiert ist. Mit einem Programm mit Bibelkursen für Gemeindemitglieder wollte Miskotte, dass die Bibel aufgehe wie eine Welt, in der man wohnen kann und mit der man sich wappnen kann, z. B. gegen den Faschismus.

Foto: Harry Pot / aneFo / CC-By-Sa 3.0

6 Willem Visser ’t Hooft

Die politische Lehre, die sich daraus ergab, führte aber auch zu Kontroversen. Für Pfarrer wie Miskotte gab es keine klaren Grenzen für in und außerhalb der Kirche. Viele Niederländer waren aber aus bewusst christlichen Gründen politisch konservativ. Sie befürworteten den niederländischen Kolonialkrieg in Indonesien (1945-1949) und die Apartheid. Als der Weltkirchenrat 1968 nach der Ermordung Martin Luther Kings das Program to Combat Racism startete, das mit Baldwin Sjollema einen niederländischen Programmdirektor bekam, zeigten sich erneut sehr unterschiedliche Haltungen in den Kirchen. Die Zerrissenheit wurde Anfang der 1980er-Jahre noch einmal klar in der Debatte um die Stationierung von NATOMarschflugkörpern in den Niederlanden.

Foto: BundeSarCHiv, Bild 194-1283-23a / laCHmann, HanS / CC-By-Sa 3.0

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Karl Barth 3


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ab 2000 • Nieuwdorp

SäkulariSierung

U

nd bei euch bilden die Calvinisten doch die Mehrheit? Die Frage drückt eine weitverbreitete Vermutung aus. Die Wirklichkeit ist, dass weniger als zehn Prozent der Niederländer zur 2004 unierten Protestantse Kerk in Nederland gehören. Dazu kommen bei einer Gesamtbevölkerung von rund 17 Millionen etwa eine halbe Million Mitglieder der ungefähr zehn konservativen reformierten Kirchenverbände. Die katholische Kirche ist mit rund vier Millionen Mitgliedern wesentlich größer, aber der Beteiligungsgrad am kirchlichen Leben ist geringer als bei den Protestanten. Auch in ländlichen Regionen verringert sich die Mitgliederzahl der protestantischen Kirchen, sodass sakrale Gebäude ihre Funktion verlieren. Ein Beispiel ist die ehemalige gereformeerde Kirche in Nieuwdorp in der Küstenprovinz Seeland. Obwohl die 1841 gebaute Kirche zentral im Dorf liegt, wurde sie nach der Vereinigung der gereformeerde und hervormde Kirchengemeinde 2004 in einen Wohnblock umgewandelt.

Es gibt verschiedene Gründe für die ungestüme Säkularisierung der Niederlande. Das Land ist in weiten Teilen eine hochmoderne Stadtgesellschaft. Die Kirchen waren immer nur locker im staatlichen Gefüge eingebunden. Die letzten Verbindungen zwischen dem Staat und der öffentlichen reformierten Kirche wurden mit einer neuen Kirchenordnung 1951 gekappt. Vereinsstrukturen und freiwillige Mitgliedschaftsbeiträge sind die einzige wackelige Existenzgrundlage der Kirchen. Das macht aktive Beteiligung der Mitglieder umso wichtiger, führte aber auch zu einer teilweise überspannten religiösen Disziplinierung, die sich ab den 1960er-Jahren rächte, als die Gesellschaft offener wurde. 07

Foto: Steinbach

Mittlerweile geht die Protestantische Kirche davon aus, in nächster Zukunft nicht mehr flächendeckend präsent sein zu können. Das spiegelt eine Realität wider, bei der in Großstädten gerade noch ein bis zwei Prozent zur ehemaligen öffentlichen Kirche gehören – die Niederlande sind ein spannendes religiöses Feld geworden. Mit neuen Projekten, die unter dem Titel Pionieren laufen, entwickelt die Kirche aber mit beschränkten finanziellen Mitteln neue Gemeindeformen.


D

ie Niederländische Kirche in Deutschland (NKiD), ist eine der vielen ausländischen protestantischen Kirchen in Deutschland, deren Gemeindemitglieder den Glauben in der Muttersprache erleben möchten. Solche Kirchen sind notwendig. Glaube ist eine der tiefsten persönlichen Erfahrungen, wozu der Mensch eine gewisse sprachliche und kulturelle Vertrautheit benötigt. Das Nicht- oder Weniger-Vorhandensein dieser Voraussetzung macht es schwieriger, den Glauben zu erleben, in Worte zu fassen und weiterzuvermitteln.

HERAUSGEBER

D

e Nederlandse Kerk in Duitsland (NKiD), is één van de vele buitenlandse protestantse kerken in Duitsland, waarvan de leden hun geloof in hun eigen taal willen ervaren. Dergelijke kerken zijn nodig. Geloof is één van de diepste persoonlijke ervaringen, hiervoor heeft iemand een bepaalde taal en culturele vertrouwdheid nodig. Het niet voorhanden zijn van deze voorwaarden maakt het moeilijker om het geloof te ervaren en door te geven.

Kerkenraad van de Nederlandse Kerk in Duitsland Kerkelijk Bureau • Annie Wagenaar • Lienen 1 • 26931 Elsfleth Telefon: 04404 960296 • E-Mail: bureau@nederlandse-kerk.de

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Tim van de Griend, Fred Sandbergen und andere

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