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8but10.mag Das Jubil채umsmagazin zum 10. digitalanalog-Festival

2010


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IMPRESSUM Herausgeber

digitalanalog e.V. Klenzestraße 30 80469 München Tel 089 649605-7 Fax 089 649605-9 www.digitalanalog.org

Vorstand

Claudia Holmeier

Fotos

Gunter Hahn David Kirchhoff Richee Weigl Kerstin Groh |)()|\|

Gestaltung Druck

visualMAFIA GbR Landeshauptstadt München, Stadtkanzlei


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gruß worte Liebe Leser,

Liebe Besucher des Festivals digitalanalog,

Zum 10. Mal findet dieses Jahr das Festival „digitalanalog“ statt. Es freut mich sehr, dass aus der Zusammenarbeit mit der Landeshauptstadt München und der Festivalleitung eine Reihe entstanden ist, ein audiovisuelles Gesamtergebnis zu verwirklichen.

in diesem Jahr steht beim Festival digitalanalog ein Jubiläum ins Haus, das jetzt schon zum 10. Mal veranstaltet wird und damit schon längst zum festen Bestandteil der größeren Münchner Kulturereignisse gehört. Die enthusiastischen und treuen Fans, aber auch interessierte Neulinge in dem Metier finden bei dem breit gefächerten Angebot des Festivals im Gasteig, bei nach wie vor freiem Eintritt, etwas für jeden Geschmack, in dieser noch so herrlich unkonventionellen und unverbrauchten Kunstrichtung. Von perfekt gemischter elektronischer Musik, über künstlerisch gestaltete Videosequenzen und hervorragend präsentierter Performance Literatur, bis hin zu Diskussionen zwischen Publikum und Künstlern, aber auch dem fachlichen und persönlichen Austausch der Künstler untereinander, bieten Abend und Nacht im Gasteig ein weites Spektrum digitaler Kultur bei immer angenehmer Clubatmosphäre. Damit sind, wie schon in den Vorjahren, mehr künstlerische Ausdrucksformen bei digitalanalog vereint; als auf irgendeinem anderen Kulturevent in München. Die Stadt festigt durch dieses besondere künstlerische, aber auch organisatorische Engagement der hiesigen „Digitalcommunity“ seinen Ruf als besonders innovative Szenestadt und kreatives Pflaster.

Den jüngsten Besuchern wird am Nachmittag die Möglichkeit gegeben mit einem extra angebotenen Kinderprogramm in die Kunst zu schnuppern. Abends können die Besucher von der Lesung bis zur Modenschau über viel Musik begleitet von „bewegten“ Bildern einen Einblick über das Treiben Münchner Künstler und internationalen Gästen gewinnen. In den zwei Tagen ist für jeden etwas dabei. Dr. Ingrid Anker Stadträtin Kulturpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion

Liebe Besucher von digitalanalog, alle Hürden sind gemeistert und digitalanalog, das audiovisuelle Musik-Festival findet im Jahr 2010 zum 10. Mal in München statt. Die Landeshauptstadt München hat wie bereits in den Jahren zuvor, die Räume im Gasteig zur Verfügung gestellt und genießt mit digitalanalog das elektronische Live-Musik-Festival. Die digitale Familie wird mit digitalanalog in den Räumen des Gasteig eine wunderbare Zeit der Kreativität erleben. Meine Achtung und mein Dank gehört all den Künstlerinnen und Künstlern, die sehr viel Engagement, Kraft, Ausdauer, Zeit und Arbeit investiert haben, um dieses Kulturprojekt entstehen zu lassen. Die künstlerische Gestaltung, die elektronische Musik, Videosequenzen und Literaturperformance laden zu einem wunderbaren multikulturellen Kulturerlebnis ein. Ich freue mich über dieses Kulturevent und wünsche allen Beteiligten, Organisatoren und Besuchern von digitalanalog viel Freude und unvergessliche Erlebnisse beim Genießen der zahlreichen kreativen Darbietungen. Christa Stock Stadträtin Kulturpolitische Sprecherin der FDP Stadtratsfraktion

Mein Dank gilt zu diesem Jubiläumsfestival besonders den unermüdlichen Veranstaltern und Organisatoren, die mit ihrem hartnäckigen und zähen Einsatz das fast unmögliche auch in diesem Jahr wieder möglich machen, sowie den Unterstützern und Sponsoren, darunter der Landeshauptstadt München. Allen Besuchern und Akteuren wünsche ich wieder einen Abend mit interessanten Stunden, spannender Unterhaltung, neuen Eindrücke, guten Gespräche und viel, viel Erfolg, damit das Festival gesichert in ein weiteres Jahrzehnt gehen kann. Richard Quaas Stadtrat, stv. Fraktionsvorsitzender Kulturpolitischer Sprecher der CSU-Fraktion


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subkulturbehörde? S

ubkultur, Underground und Szene - verträgt sich das mit öffentlicher Kulturförderung? War früher noch ein klares Nein die Antwort, wollen heute viele raus aus den engen, selbstgezimmerten Nischen und suchen auch den Kontakt zum Kulturreferat. Die Zusammenarbeit bezieht sich auf Projektförderung, Veranstaltungstechnik und Räume. Aber kommunale Kulturförderung will mehr als nur Ressourcen und Infrastruktur für einzelne Projekte zur Verfügung zu stellen. Kulturreferent Dr. Hans-Georg Küppers setzt auf Vernetzung und bringt Akteure unterschiedlicher Szenen und Genres zusammen. Vermitteln und Ermöglichen, nicht Verwalten, sondern Gestalten lautet die Devise. Künstlerische Experimente, Innovationen und Avantgardistisches werden mit Blick auf Qualität und Nachhaltigkeit unterstützt. So bleibt München immer in Veränderung. Das lässt, hört und sieht man auch an der Musik und in der Popkultur, die zweifelsohne ein gewichtiger Teil des kulturellen Lebens unserer Stadt ist. Ob es einen spezifischen München-Sound gibt? Vielleicht eher viele. Mjunik Disco erweist heute dem legendären Münchner Disco-Sound der 1980er die Referenz. Jazz aus München ist nicht nur dank des weltweit renommierten Clubs Unterfahrt ein Dauerbrenner. Auch in der elektronischen Musik hat der Süden schon immer Standards gesetzt. Dass München europaweit die meisten mittelständischen Tonträgerfirmen und Independent-Labels beheimatet, kommt nicht von ungefähr. ECM Records, ENJA, ACT, Winter & Winter, Trikont, Gomma, NEOS und viele weitere Labels sorgen dafür, dass neue Töne aus der Stadt auch international beachtet werden. Und unter www.substanz-fm.com sind jede Woche neue Münchner Bands im Netz zu hören. Die Münchner Clubkultur ist ebenfalls eine Liga für sich: In den 1990ern setzte die bayerische Kapitale Maßstäbe mit TechnoEvents und Hallenkultur. Seit der Jahrtausendwende geht der Trend hin zu kleinen Clubs mitten in der Stadt mit (Live-)Musik in Wohnzimmer-Atmosphäre. Und in den letzten Jahren arbeiten Clubs und Labels immer öfter mit etablierten Kulturinstitutionen zusammen. Die Szene erschließt sich neue Orte, erweitert ihr Publikum und entwickelt neue Veranstaltungsformate. digitalanalog hat es vorgemacht – mit dem Festival an sich und der Idee, das Kulturzentrum Gasteig für elektronische Musik, Visuals, Performance-Literatur, Modedesign, Digitalkultur und Clubwelt zu erobern. Der digitalanaloge Remix ist jedes Jahr neu und anders, er kennt keine Berührungsängste. Nicht einmal, wenn es um Klassik geht... digitalanalog ist nach zehn Veranstaltungen in neun Jahren zur festen Größe geworden und vielleicht auch ein bisschen zum Vorbild. Jedenfalls hat das Festival gezeigt, dass es Spaß machen kann, über Genres und Szenen hinaus künstlerisch zu experimentieren. Und das Ergebnis ist eben nicht nur für Insider zu erleben, sondern für alle, die neugierig sind. Ein schöner Ansatz, „niederschwellig“, aber mit Qualität. Das Kulturreferat der Stadt München unterstützt digitalanalog seit 2002 und stellt gerne Räume im Gasteig zur Verfügung. Dort präsentierte sich 2010 übrigens auch erstmals die Münchner freie Musikszene bei Lautwechsel und bespielte vier Tage die Black Box. Beim Klangfest hatten im Mai über 10.000 Besucherinnen und Besucher die Münchner Musik-Labels und ihre Künstlerinnen und Künstler erlebt. Bei BassArt brummten das benachbarte Deutsche Museum und die Muffathalle. Die sorgt übrigens gemeinsam mit dem Kulturreferat dafür, dass Urban Vibes aus der ganzen Welt in München zu hören sind. Beim Kongress in der Alten Kongresshalle auf der Theresienhöhe war die Club- und Subkultur Münchens versammelt. Dass mittlerweile nicht nur Clubs und andere Konzert-Locations, sondern sogar Münchner U-Bahn-Züge für Underground-Veranstaltungen zur Verfügung stehen, passt gut: mit Spoken Word Poetry und DJing werden sie temporär zu „Slam Trains“. Diese und weitere neue Initiativen hatte das Kulturreferat zusätzlich zu seinem bisherigen Engagement für die lokale Musikszene gefördert. Und auch das Feierwerk als Experimentierfeld und Konzert-Location mit angeschlossener „Beratungsstelle“ für den Nachwuchsbands wurde für seine Aktivitäten besser ausgestattet. Es hat sich also viel getan in der Szene, gemeinsam mit dem Kulturreferat konnte viel bewegt werden – und das ist gut so! Bleiben wir zusammen am Ball. Die Kolleginnen und Kollegen aus dem Kulturreferat wünschen allen Kreativen weiterhin Lust auf und Mut für Experimente und Neues. Und freuen sich auf laute(r) Überraschungen bei digitalanalog 2010!


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latexlove So was schreib ich hier nun übers digitalanalog-Festival? Etwas über die Anfänge in der Tube in der Einsteinstraße? Wo vieles drunter und drüber ging. Alles nicht zu laut sein durfte. Und trotzdem das Who is Who der Münchner Elektronikszene live spielte. Wo man um jedes Kabel und Dezibel kämpfen musste, und trotzdem eine Menge Spaß dabei war. Und das nächste Jahr alle wieder mitmachten, obwohl man erstmal alles verflucht hatte. Kinderkrankheiten. Oder geh ich gleich über zu den späteren Veranstaltungen im Gasteig? Die für das digitalanalog das angenehme Flair vom „endlich Angekommen“-sein widerspiegeln. Wo man gewachsene Münchner Subkultur erleben darf ohne einen Pfennig Eintritt zahlen zu müssen. Und ich meine hier wirkliche Subkultur. Wo es ein Genuss ist, in den audiotechnisch perfektionierten Räumen des Gasteig elektronische Musik hören und selber spielen zu dürfen. Fest steht für mich, dass das digitalanalog weiterhin in seiner konzeptionellen Ausrichtung einzigartig bleibt in der Münchner Festival-Landschaft. Nicht zwingend weit weg vom Gedanken des Abfeierns, wird doch der experimentelleren Seite ein großer Bereich eingeräumt wie sonst nirgendwo in dieser Stadt. Ich kenne keine andere Veranstaltung dieser Größenordnung in München, bei der ich weiss, dass ich auch mal was komplett anderes machen kann. Ganz abseits von dem, was bei einem normalen Auftritt in einem Club von mir gefordert wird. Bleibt mir nur noch zu hoffen, dass es das digitalanalog weiterhin schafft, dies alles unter einen Hut zu kriegen. Aber wie ich die Veranstalter so kenne, mache ich mir da keine größeren Sorgen. Also, auf die nächsten 10… Ich freu mich drauf. Steril aka Latex


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D

as digitalanalog Festival rund um Claudia Holmeier hat uns von redspotgames schon immer mit offenen Armen empfangen – da persönlicher Bezug zur Demoszene gegeben war, haben einige redspotgames-Mitarbeiter den Besuchern dieses wundervollen Events die faszinierende Subkultur der Demoszene näher gebracht. Für das Festival war umso interessanter, welche Tracks aus der Demoszene es in die Elekro-Community geschafft haben. Doch um die Demoszene und ihr Handeln zu verstehen, müssen Grundsätze vermittelt werden. So hatten wir zum digitalanalog 7 mit Jürgen „Weasel“ Brunner einen echten Oldschool-Demoszener vor Ort, der uns dank seines Mitwirkens bei den Demogroups Crest, TRSI, Padua, Hitmen und Genesis*Project so einiges zu erzählen hatte. Vorgesehen war eine Podiumsdiskussion mit Einbindung des Publikums im „Kleinen Konzertsaal“. Ich habe einige Tage davor schon ein kleines Konzept ausgearbeitet, welches den Ablauf koordinieren und ein paar Fragen zur Verständigung klären sollte. In der Tat ist es wirklich nicht einfach, einem Laien die Komplexität der Demoszene in wenigen Sätzen einfach und verständlich nahe zu bringen. Es bedarf Mitarbeit und Einfühlungsvermögen - auch vom Empfänger dieser Informationen. Vor allem Computerunerfahrenen das Thema „Realtime“ zu erklären ist doch ein bisschen aufwendiger. Dem Publikum wollte ich damit Fragen über die Technik der Demos rauskitzeln. 15 Minuten bevor die Präsentation starten sollte, gehe ich meinen Text nochmals durch. Vor dem Saal schreite ich mit großen Schritten auf und ab. Da der Geräuschpegel selbst im Foyer schon zu hoch war, ging ich in die Backstage-Garderobe, nicht weit weg vom Eingang zum Kleinen Konzertsaal. Dort habe ich vor kurzem noch ein paar Künstler getroffen und mich mit ihnen unterhalten. Doch es war niemand mehr da. Perfekt um in Ruhe nochmals alles durch den Kopf gehen zu lassen. Nach nur wenigen Minuten will ich mich bereit machen für den Auftritt. Weniger als 10 Minuten bis alles beginnt. Ich höre hinter mir ein Klicken. Hörte sich an wie das Schließen eines Türschloss. Und in wenigen Sekundenbruchteilen realisierte ich, dass es genau dieses Geräusch war. Ich war eingeschlossen. Mehrere Rufe und Klopfen an der Tür wurden anscheinend nicht gehört. Ich ging in die andere Hälfte des Raums und fand heraus, dass ein weiterer Konzertsaal sich hinter der Garderobe befand. Jedoch war dieser dunkel und leer, die Tür zum Foyer war auch zu. Handy? Gerade hier kein Empfang. Ich irre herum und denke beim Kreisen durch die Räume an eine mögliche Lösung aus dieser Situation. Die Uhr sagte in diesem Moment, dass die Podiumsdiskussion gerade begonnen hat.

demo szene Irgendwann fand ich dann auch ein schnurgebundenes Telefon aus den 80ern in der Gardarobe, welches ich benutzte. Leider waren nur interne Rufnummern zugelassen, eine Beschreibung, welche Durchwahl nun zu wem führte, war nicht notiert. Also erstmal blind drauf los gewählt. Von mehreren Personen wurde ich hin und her verbunden, bis sich schließlich ein Pförtner meiner annahm und eine Anfrage zum Öffnen der Tür an Claudia Holmeier weitergeleitet hat. Die Vorstellung im Kleinen Konzertsaal ist schon seit gut 10 Minuten am laufen. Nach kurzer Wartezeit hörte man Schritte vor der Tür – ein Schlüssel drehte sich im Schloss um und die Türe öffnete sich wieder. Welch eine Wohltat, endlich frei! Claudia stand vor mir und ihr Gesichtsausdruck hatte eine Mischung aus Mitleid und Ärger. Sie fand die Aktion nicht wirklich lustig. Jedoch nicht, weil ich mich in der Gardarobe aufgehalten und mich einsperren hab lassen, sondern Ärger gegen die Person, die mich eingeschlossen hatte. Sie entschuldigte sich mehrmals. Obwohl der Vortrag schon seit 15 Minuten lief, war ich weder verärgert noch traurig – die Freude über die Freiheit und über dieses kleine Erlebnis waren einfach zu groß. Als ich in den Saal zurückkam, schmiss sich Jürgen „Weasel“ Brunner mächtig ins Zeug. Ich klinkte mich zu einer günstigen Stelle ein und sah in viele interessierte Augen vor mir. Jürgen war voll in seinem Element und wegen meinem Fehlen überrascht, aber auch nicht böse. Die ganze Zeit hat er die Stellung gehalten und selbstständig die gesamte Demoszene-Show abgezogen – ganz ohne Ablaufplan. Vielen Dank daher an Jürgen für diese super Performance (zum digitalanalog 10 sehen wir uns wieder!) und Claudia (nicht nur) für die Befreiung aus meiner „Gefangenschaft“, die es nun zur Anekdote ins Jubiläumsheft geschafft hat! Max Scharl redspotgames


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zurück

zumfutur

... oder was hat einstein mit pong zu tun?

digitalanalog II fand 2002 in mehreren Kellergewölben

des Einstein Kulturzentrums statt, unter anderem in der tube. Das FUTURFOTO bestand damals aus Thomas Bauer und mir. Wir waren eingeladen, um Visuals für STERIL, STUPOR und viele andere zu zeigen. Thomas kenne ich noch aus der Zeit von 4D, einer legendären Studiogemeinschaft in der Fraunhoferstraße anfangs der 1990er Jahre, dem Geburtsort der Visuals in München. Mit seinem alten Ford Escort Kombi holte er mich ab, in dem wir alles transportierten und in der Einsteinhalle folgendes aufbauten: Hardware:

3 Panasonic AG 5700 S-VHS Recorder 1 Panasonic WJ-MX 50 Videomischer 2 weitere S-VHS Recorder 5 Monitore 36cm 1 Videokamera 1 Spielzeughund (der mit dem Kopf wackeln kann)

Software:

3 Reisekoffer mit bespielten VHS / S-VHS Kassetten

Zum ersten Spieler gesellte sich schnell ein zweiter, und in kurzer Zeit drängten sich immer mehr Menschen um den grünen Bildschirm. Auf dem ein großes, weißes Riesenpixel hin- und her sprang, links und rechts von 2 weißen, beweglichen Balken daran gehindert, ins Aus zu hüpfen. Pong. Der Ursprung sämtlicher Videospiele. Die ersten Spieler in dieser Nacht mussten auf Druck derer, die auch mal drankommen wollten, aufhören. Sie gingen in die anderen Hallen, erzählten, was sie erlebt hatten, kamen mit ihren Freunden und Freundinnen zurück und stellten sich hinten an, denn in der Zwischenzeit gab es eine zehn Meter lange Schlange, bis hinaus in den Flur, alle wollten spielen, spielen, spielen… Dieter Schnabl Futurfoto

Alles in allem sehr, sehr analog… Als Blickfang und selbstironischen Kommentar zu unserem drei Meter langen Oldschool Video Tisch stellte ich meine Spielkonsole, eine nahezu unbenutzte Philips Odyssey 2001 von 1976 und einen Monitor in Richtung Publikum, „vielleicht möchte der eine oder der andere mal kurz damit spielen.“ Das Publikum kam, die Hallen füllten sich schnell. DJ’s, Musiker, Videoleinwände und –Installationen wurden wohlwollend betrachtet. Es dauerte nicht lange, und ein Gast fragte mich, ob die Konsole funktioniert und ob er darauf spielen könne. „Klar, dafür hab ich sie ja hingestellt!“ Mit leuchtenden Augen drehte ein junger Mann, keinesfalls älter, eher jünger als das Videospiel an der Steuertaste. Einen Joystick gab es 1976 noch nicht im Handel.

Foto: homecomputermuseum.de

In der Odyssey 2001 sind drei verschiedene Spiele eingebaut, zwischen denen man mit der „Feuertaste“ des linken Spielreglers umschalten kann. Die Feuertaste des rechten Spielreglers setzt den Punktestand auf Null zurück. Die enthaltenen Spiele sind Tennis, Squash und eine kuriose Fußballvariante, bei denen die Spieler nur den Torwart steuern können. Die Feldspieler werden durch zwei senkrechte Reihen auf- und abwandernder Punkte simuliert, die den Ball bei Berührung ablenken.


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japaustria Mit digitalanalog verbindet mich einiges.

Beim ersten Mal wurde unser japanischer Freund und DJ Yoshihiro Sawasaki eingeladen - bei der schon fast legendären Auseinandersetzung mit der Schrannenhalle, die dann später aber kollektiv von der Münchner Szene erfolgreich zum Paria erklärt worden ist und zu Recht ein gescheitertes Randdasein führt. Sawasaki durfte dann Dank Szenen-Solidarität kurzfristig in der Roten Sonne auflegen. Chaotisch aber unvergesslich und letztendlich lebendig. Die zwei anderen Male bezog das Festival schon den Gasteig. Beim ersten Anlauf wurde mein kongenialer Partner Hans Platzgumer krank, dass wir spontan absagen mussten - die Organisatoren bewiesen uns gegenüber die Treue und luden uns aber gleich im nächsten Jahr wieder ein. So konnten wir nach langer Vorlaufphase unseren Einstand im digitalanalog 2008 feiern. In der für den Underground viel zu großen und sauberen Konzerthalle des Gasteigs durften wir diese besondere Gegensätzlichkeit des normalerweise so strikt getrennten Over- und Underground spüren und genießen. digitalanalog ist eich echter Beitrag zur Erneuerung des festgefahrenen Kulturbegriffs - und man staune : mit viel Spaß. Unsere volle Unterstützung sei auch in Zukunft garantiert, wann immer digitalanalog eine japanisch-österreichische Note braucht! Cami Tokjiro SHINTO

digitalanalog ist für mich eine schöne bunte Spielfläche, offen für allerlei musikalische, visuelle und sonstige künstlerische Experimente jenseits des allzeit vorherrschenden Mainstreams. Liebevoll organisiert von der Familie Holmeier verbinde ich mit dieser Plattform ein buntes Erleben von Kultur. Viele alte und neue Bekannte und Freunde bringen sich ein und ich treffe immer Leute, die ich ewig nicht mehr gesehen habe, da diese leider nicht mehr soviel ausgehen.

blut Auch mir wurde vielfach sowohl in musikalischer, (wer erinnert sich an noch an Hertzwerk, mein erstes Krach Experiment oder an den musikalischen Auftritt mit Kowee, wo irgendwann tatsächlich ein paar Leute ihr Tanzbein schwangen?!) als auch in meiner Tätigkeit als Vj immer wieder eine Plattform geboten. Als VJ Kollektiv mit Sven , als VJ Heiligenblut ...Tigerhasen auf der Gasteig Leinwand....und danach ein leckeres Essen und ein gepflegtes Bier und dabei wieder 1000 Leute treffen und den Töchtern, Ariane, Valerie und Loretta dabei zuschauen, wie cool sie die Bar und den WelcomeDesk managen! :-)) Manuela Leu Heiligenblut


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eightbutten A

ber immer der Reihe nach: Begonnen hat die Geschichte von diesem Festival, Event und für viele Künstler sogar ein Treffen unter Freunden, in der „Tube“ des Einstein-Kulturzentrums – für die, die es nicht kennen, dass sind die alten Kellergewölbe des Unionsbräus. Kurz nach dem Öffnen dieser Veranstaltungsräume und bei einem Besuch der damals spärlich besuchten Veranstaltungen, hat einer der Verantwortlichen so in die Runde geworfen, was man machen könne um mehr Besucher zu locken. Die Herren Volker Rommel, Niel Mitra und Stefan Holmeier meinten daraufhin, die Szene muss eben eingeladen sein, das wäre schon zu machen. So war digitalanalog I geboren. Namen wie Richard Bartz, Zombie Nation, Ernst Horn standen auf dem Line-Up und die Besucher kamen. So zahlreich, dass sofort eine zweite Veranstaltung ein halbes Jahr später geplant wurde. Das war der Zeitpunkt an dem mehr Organisation gefragt war und deshalb Claudia Holmeier ins Planungsteam eingeladen wurde, bisher vermittelte sie nur über ihre Kontakte aus dem damaligen Arbeitsfeld „Gigolo“ Künstler. Auch das zweite Festival wurde ein Erfolg – 3 Tage in 3 Hallen (46 Liveacts + VJs). Für uns Veranstalter zu viel. Es war und ist ein Festival, dass von den Verantwortlichen in ihrer Freizeit organisiert wird. Volker Rommel und Niel Mitra verliessen aus Zeitgründen das Planungsteam und wir beschlossen von da ab, lieber nur einmal im Jahr eine Veranstaltung dieser Größenordnung zu realisieren. Die baulichen Veränderungen (Lärmschutz der Anwohner) zwangen uns diese Räume zu verlassen und wir machten einen Ausflug in die Clubwelt mit unseren Gästen, ins „Harry Klein“. Hierher kamen nun unsere Besucher, der Clubszenerie eigentlich fremd. Es zog uns aber weiter, die nächste Station waren die „Kunstarkaden“, so klein, dass wir einen eigenen Türsteher beschäftigten, der den Besuchern sagen musste, wann sie wiederkommen sollten, um Einlass zu erhalten. Selbst mit diesen „Auflagen“ kamen unsere Gäste zurecht. Aber ab jetzt war klar, wir brauchten mehr Platz. Damals wurde gerade die „Schrannenhalle“ geplant und wir interessierten uns sehr stark dafür an diesem neuen zentralen Spielort als einer der ersten eine aussergewöhnliche Veranstaltung zu präsentieren. Es war damals nicht abzusehen als die Halle geplant wurde, wo ihre Entwicklung enden würde. Wir wurden eines der ersten Opfer der sehr speziellen Veranstaltungspolitik der Betreiber. Während bei laufender Veranstaltung und unserem freien

Eintritt bereits an der Clubeingangstüre Eintrittsgelder für eine andere Veranstaltung kassiert wurde, diskutierten wir mit den Projektleitern heftig als einem unserer Künstler während des Liveauftritts der Strom abgeschaltet wurde. Daraufhin war für uns klar, dass ein zweiter Tag dort nicht in Frage komme. In einer spektakulären Aktion wurde die Veranstaltung in die „Rote Sonne“ verlegt. Die Betreiber erfuhren früh morgens von den Ereignissen in der Schrannenhalle und der daraufhin folgenden Absage und boten spontan an, ihr geplantes Programm nach hinten zu verschieben und uns Platz zu machen. Es gab Radiodurchsagen mit dem Hinweis, dass der zweite Tag digitalanalog in die Rote Sonne verlegt wurde. Es sprach sich in Windeseile herum, schon zu Beginn füllte sich der Raum und ab 22.00 Uhr waren Warteschlangen vor dem Eingang. Das war eines der schönsten, härtesten und szeneübergreifendsten Ereignisse überhaupt von digitalanalog. Danach bespielten wir das Haus der Kunst im „Terrassenraum“ nahe dem P1. Das war mit Abstand das anstrengendste Festival, denn die gesamte Technik musste angekarrt werden. Mit unglaublicher Manpower gelang es uns alles zeitgerecht zu schaffen. Die Akustik machte es uns nicht leicht, durch den Denkmalschutz durften wir keinen einzigen Nagel, etc. an den Wänden befestigen. Einzig der Blick in den nächtlichen Englischen Garten entschädigte uns dafür. Nach diesem Mal stand für uns fest: Für die jetzige Besucherzahl brauchen wir eine größere Spielort. Bei der Pressekonferenz zu „digitalanalog 5 1/2“ (im Haus der Kunst) kam u.a. auch ein Mitarbeiter aus dem Gasteig, der damals meinte, warum nicht mal dort veranstalten. Nach Gesprächen mit dem Kulturreferat und den Stadträten Dr. Anker und Richard Quaas, war die Finanzierung gesichert, und das erste Mal im Gasteig fand statt. Es war für uns nicht von Anfang an klar, wie unsere Künstler sich mit dieser neuen Spielstätte anfreunden können, wie das alteingesessene Besucherklientel mit digitalanalog zurechtkommen und nicht zuletzt wie uns das Haus aufnehmen würde. Die Künstler waren mehr als begeistert über die technischen Möglichkeiten an diesem Ort, der für Musik immer schon gebaut war. Für uns steht fest, die beste Technik, die wir je hatten. Und das Haus fand es schön, einmal eine „junge neue Reihe“ zu präsentieren. So wurde der Gasteig unsere neue „Homebase“, dieses Jahr zum 4. Mal. Seit 3 Jahren mit einem extra Kinderprogramm am Nachmittag. Zur Erklärung: digitalanalog I – 8 + digitalanalog 5 ½ + 6 ½ = 10 x digitalanalog in 9 Jahren. Claudia & Stefan Holmeier digitalanalog e.V.


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von1bis8

teil1

digitalanalog I

Mein Debüt. Das Jahr 2002 - stellt es Euch vor. Eine Zeit ohne Facebook, Myspace & Co. Eine Zeit in der man sich die Nächte im Ultraschall II rumtrieb oder auf illegalen Parties. Man sammelte kleine buntbedruckte Zettel, um zu wissen, wo man das kommende Wochenende verbrachte. Nur ein ganz kleiner eingeschworener Teil der Nachtschwärmer traf sich im Internet - und das ausgerechnet auf der nicht offiziellen Seite eines Weichspülers (damit ist jetzt keine Person gemeint, sondern die Marke eines bekannten Waschmittelherstellers). Dort tauschte sich dieser „Untergrund“ aus. Man war stolz dazuzugehören und wusste mehr als die „normalen Partygänger“. Ich denke dort erfuhr ich auch von dem Festival in der T-U-B-E. Bewaffnet mit meiner 1,5 MegapixelKamera (die erste Generation kompakter Digitalkameras), fuhr ich dahin. Der Auftrag: Fotos machen und anschließend gleich online stellen. Ich spreche hier von Fotos der Künstler und der Atmosphäre - nicht welche von betrunkenen Gästen, die sich selbst profilieren wollten. Sowas gab es in dieser Zeit noch nicht - und die entsprechenden Internetportale ebenso wenig. Ich machte dies rein zum Spass - so wie das ganze kleine elect(Ro)tation-Magazin. Mein ultimatives Ziel an diesem Abend war es „LATEX LOVE“ zu hören. LATEX war eigentlich STERIL, der jedoch weil er bei einem anderen Label releasedte, nicht unter diesem Namen auftreten durfte. Seinen Auftritt begann er in schwarzer Lederjacke und Gasmaske. LOVE war ein komplett in Mülltüten verschnürter Maxim mit weisser Sonnenbrille. Sphären, Krach, Geräusche und dann mein heiss ersehnter Bass. Gut eine Stunde begeistert stand ich davor. Quatschte mit einem Kumpel, der das ganze Spektakel auf Video bannte, beobachtete Niel und Glenn, die eifrig die Show für Ihre Radiosendung Brainput auf DAT-Kasette mitschnitten, traf sicherlich auch Splank! und ein paar andere und war in meiner Münchner Elektrowelt. digitalanalog IV Zwei Festivals habe ich zwischendrin wohl ausgelassen. Ich weiss nicht mehr aus welchem Grund. Jedenfalls ging es 2004 in die Kunstarkaden gleich neben dem Beck am Marienplatz. In der Zwischenzeit hatte sich einiges geändert im Münchner Nachtleben. Es gab bereits die Registratur und das Harry Klein und somit verkommerzialisierte sich schleichend der „Untergrund“ wie wir ihn damals immer noch nannten. Illegale Parties wurden da schon rarer. Klub Soda war noch ein bisschen am Start und die Soundfreaks eroberten paarmal das Münchner U-Bahnnetz, doch die meisten

Wochenenden verbrachte man eher in den Clubs. Da war Abwechslung erwünscht und die sollte das digitalanalog bringen. Anfangs doch recht ungewöhnlich. Eine recht cleane und ungewohnte Location war das. Ich glaube anfangs passierte auch nicht wirklich viel. Eine kleine Installation hinten in der einen Ecke. In der Halle (gut - in dem Raum) anfangs, denke ich, eine Lesung mit der ich damals so gar nix anfangen konnte. Dann ein paar Leute mit akustischen Instrumenten - whaa, das war zu dieser Zeit so gar nicht meine Welt. Ich mochte Musik. Sie war mir damals schon sehr wichtig. Aber ich war intolerant. Somit blickte ich umher, fand die Bar und war begeistert, wie die „kleinen Töchter“ der Veranstalter diese schmissen. Dann endlich. Der Zyklus. Sphären und düstere Klänge. Dazu eine Frau auf der Bühne. Sie bewegte sich eigentlich gar nicht. Nur Ihre Finger am Kontroller. Sie hinter einer transluzenten Tüll-Leinwand auf der Visuals liefen und die ihr Gesicht grün leuchten ließen. Samstag. Zweiter Teil. Die erste Lesung meines Lebens mit der ich was anfangen konnte. Roderich Fabian nicht live auf der Bühne sondern hinter dieser. Abgefilmt und auf die Leinwand gebracht. Klasse. Anschliessend Drum&Bass mit Epileptic Rotz. Damals nicht ganz meine Musik, aber man kannte sich. Weitere 2 Liveacts und dann das, wofür ich eigentlich gekommen bin. Elektro. Mixmup und fertig. Nein. Das stimmt nicht ganz. Ich weiss nicht, wie es kam - doch ich blieb länger und half mit beim Aufräumen. Irgendwann waren alle sehr fertig und man traf sich am nächsten Morgen noch um die schlimmsten Überreste zu beseitigen. Weisse Wände in einer offiziellen Stadtkultur-Einrichtung sind eben nicht das Wahre für solche Feiern. Das war mein Einstand im Team von digitalanalog. digitalanalog V Oh, ein legendäres Festival - aber ich fange mal ganz von vorne an. Freitag, 11. November 2005 Schrannenhalle. Am späten Nachmittag: Aufbau der Bar für Musiker und Mitarbeiter. Bändchen sortieren. Nette Gespräche mit dem Team. Anschließend mal rüber zu einem Panel gegangen und mir angehört, was ein Rechtsanwalt jungen Musikern rät in den Themen GEMA und Verdienstmöglichkeiten. Durchaus interessant. Wie sah das Nachtleben so aus im Jahre 2005? Ich war nicht viel in München zu dieser Zeit. Paarmal in der Kranhalle (meist unspektakulär), auf zwei illegalen Festen (ja ganz wenige gab es noch) und sonst war man eigentlich recht enttäuscht vom Münchner Nachtleben. Also dann doch öfter nach Berlin oder Barcelona. In Münchner Clubs zu fotografieren machte jedenfalls schon länger keinen Spass mehr, da


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Am 13. November 2005 im Ticker von elect(Ro)tation: sich immer mehr „Partyfotografen“ rumtrieben und fremden Menschen ihre Linse mitten ins Gesicht hielten. Mit solchen wollte man nicht verwechselt werden. Zurück in die Schrannenhalle. Ein ganz seltsamer Ort. Sehr offen - ich meine hiermit die Bauweise - ich keinem Fall jedoch Betreiber und sonstiges Publikum. Mitten drin in dieser Gastro-Abzockhalle - eingepfercht zwischen Touristen, Kölnern, die lustig ihren Karneval feierten (oh mein Gott!) und den ungemütlichsten Bayern, die ich in meinem Leben gesehen hatte - stand eine Bühne. Erst erneut eine Videolesung von Roderich Fabian (die kannte ich ja schon und hatte eh noch gut organisatorisch an der Bar zu tun). Leute treffen, Begrüssungsrede von Claudia Holmeier, ein Pianist. Hmmm. Helium Vola und ein paar weiss-geschminkte Gesichter in schwarzer Kluft. Alles etwas skurril in dieser Umgebung. Dann runter in den Keller. Viel zu durchgestylte Location. Alles weiss. Die Beleuchtung Blau und Violett. Zwei Stunden lang gute Musik von Emin Corado, Steril und Richard Bartz. Doch dann… - diesen Teil schreibe ich nicht erneut, sondern zitiere mich anschließend selbst und füge die Artikel ein, die ich damals auf elect(Ro)tation veröffentlicht habe.

Am Freitag fand wie angekündigt das fünfte Festival in der Schrannenhalle statt. Alles lief wie geplant. Künstler, jede Menge Helfer waren ehrenamtlich dabei dieses außergewöhliche Festival tatkräftig zu unterstützen. In der Halle kamen Musik und Visuals beim doch sehr gemischten Publikum gut an. Von 22:30 sollte dann unten im Club die zweite Area mit eher elektronischer Musik starten. Bis 2:00 sollten dort Musiker wie Steril, Richard Bartz, Emin Corado & Co spielen und anschließend die Crew von der „Geheimen Gesellschaft“ (was für ein peinlicher Name) übernehmen. Als gegen 1:00 den Künstlern der Strom abgedreht wurde und sie von ihrer Bühne verwiesen wurden, kippte die Stimmung. Zwei Gorillas ließen keine Gäste des Festivals mehr in ihren Club, stellten ihre Trance-DJs auf die Empore und ließen mit einem Blick, dass einem übel werden konnte niemand mehr in den Club. Vorsichtige Bemühungen der Festivalbesucher, die Securities zu beruhigen, brachten nur nach sich, dass sich selbsternannter „Clubbesitzer“ und Chef der Geheimen Gesellschaft blicken ließ und in einem dermaßen aggressiven Ton die Menschen verscheuchte, dass es ein Wunder war, dass niemand körperverletzend auffiel. Kurz und gut - das Festival war zu Ende. In der Halle oben bemühte sich die Express Brass Band zwar noch, die Stimmung etwas ins Positive zu drehen, doch so wirklich fröhlich war niemand der Besucher mehr. Zu guter Letzt noch eine Ansprache der Veranstalter, dass der zweite Festivaltag definitiv nicht in der Schranne stattfinden werde.

Am 12. November 2005 im Ticker von elect(Ro)tation: Am 14. November 2005 im Ticker von elect(Ro)tation: Leider passieren oft ungeahnte Sachen - so am Freitag Abend gegen 01:00 Uhr früh - mitten während dem laufenden digitalanalog Festivals in der Schrannenhalle. Während oben in der Halle alles super lief und das doch so gemischte Publikum seine Freude an den Acts hatte, wurden unten im Club unearwartet die Künstler Richard Bartz, Steril, Emin Corado & Co vom Clubbetreiber (Geheime Gesellschaft) vom Pult geholt, und kein Besucher des Festivals mehr in den Club gelassen. Da wollte jemand lieber mit schlechter Musik, schlechten Leuten dreckiges Geld verdienen. Das konnten weder Gäste des Festivals noch die Veranstalter verstehen. Aus diesem Grund findet das gesamte Festivalprogramm heute in der ROTEN SONNE von 21:00 bis 24:00 statt (Eintritt bleibt bis 24:00 kostenlos - danach geht der normale Clubbetrieb mit Eintritt weiter). Aufgrund des spontanen Locationwechsels, kann es kurzfristige Änderungen im Ablauf, Zeitplan und Line-Up geben. Dafür bitten alle Beteiligten um Nachsicht, freuen sich aber gleichzeitig auf einen schönen Festivaltag; in einer passenderen Location; mit den richtigen Leuten. Kommt! Kommt! Kommt!

Ein riesiger Dank der Veranstalter, Mithelfer, Sponsoren und Künstler geht an Upstart und seinen Club „DIE ROTE SONNE“! Als spontaner Retter in der Not konnte er überredet werden, sein Partyprogramm am Abend zu erweitern und bereits um 21:00 die Pforten zu öffnen. digitalanalog am Samstag war gerettet! Als die Veranstalter erst Mittags die finale Absage der Registratur bekamen, hieß es Finger-wund-telefonieren und den Festivaltag retten. In einer Blitzaktion wurde umdisponiert, abgebaut und wieder aufgebaut, so dass am Abend so gut wie reibungslos das Festival weiter ging. Zwar sehr eng , aber doch die passendere Location und die Mundpropaganda hat perfekt funktioniert, so dass die gesamte Szene vor Ort war. Einige mussten aufgrund Überfüllung wohl draussen bleiben, aber die gut 400 Leute drinnen (eigentlich ist bei 300 schon dicht) genossen sichtlich die Acts. Resumee für kommendes Jahr: Noch größer, noch besser und die wirkliche elektronische Musikszene der Stadt definitiv im Rücken!

Samstag 12. November 2005 nachmittags Hintereingang der Roten Sonne: Chaos. Organisation. „Wo bleibt der…“ Rumsitzen, warten, Geduld haben. Irgendwie klappt alles auf die letzte Sekunde. Ansprache und Danksagung an die spontane Rettung des Festivals durch Dorle und Upstart. Dann geht‘s los. Hans Platzgumer erzählt aus seinem Musikerleben und liest aus seinem Buch. Sehr spannend. Sehr witzig. Überraschung. Ein klassisches Quartett spielt mitten in einem Club. Zwei Youngsters auf der Bühne machen Trash-Rave, Yoshihiro Sawazaki legt besonders hart auf und Angie Reed singt, kreischt dreckig und laut. Kurzum, der Abend ist gerettet. Das Festival ist gerettet. Alles nochmals irgendwie gut gegangen.


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rotesonne Claudia rief mich an und erzählte mir das die Veranstaltung

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ndlich haben wir Katzen eine „art-gerechte“ Plattform unsere Kunst zu präsentieren. Ich „Mini“ von den „Analog Cats“ bin dieses Jahr schon zum dritten Mal dabei. Zusammen mit Gasteig Tv Twilight und Dieter Döpfer bin ich für Analog Sounds und Visuals verantwortlich. Meine Wunsch - macht weiter so.......mehr Katzenmusik für das Volk......!!!!!! Andreas Merz

digitalanalog den zweiten Abend nicht mehr in der Schrannenhalle stattfinden kann, weil sie sich mit den Verantwortlichen der Schrannenhalle zerstritten hatten. Warum, wieso, weshalb, weiss ich nicht mehr. Kurzum es wurde ein Ausweichplatz gesucht, da ja alle Künstler am Start waren. Die Rote Sonne öffnet um 23 Uhr, der Candyclub stand auf unserem Programm. Ich telefonierte mit Thomas Lechner vom Candyclub, ob er was dagegen hätte wenn seine Veranstaltung evtl. etwas später starten würde und das digitalanalog in den Candyclub übergehen würde. Er stimmte zu. Das digitalanalog wurde für den frühen Abend in die Rote Sonne verlegt. Die Künstler kamen und auch eine Menge Publikum. Ich erinnere mich besonders an die Sängerin/Musikerin/ Performerin Angie Reed. Faszinierende Ausstrahlung und eine Menge Mut zu einem unterhaltsamen Auftritt. Dorothea Zenker Rote Sonne

achtungachtung A

chtung: Der Besuch des digitalanalog Festivals kann den musikalischen Horizont erweitern und garantiert das Beiwohnen von Unvorhergesehenem/ Unvorhergehörtem. So kann ich von zwei Begebenheiten berichten die für Teile des Publikums erstaunlich gewesen sein müssen. Ein Duett von Robert Görl (DAF) am Korg-Synthesizer und dem Autor dieser Zeilen am Schlagzeug. Das Konzert fand im HARRY KLEIN irgendwann spät in der Nacht statt. Ich konnte meine Freundin, die berufstätig war und sich am ende der Arbeitswoche nichts sehnlicher wünschte als zu schlafen, scheinbar nur durch den Umstand das wir frisch verliebt waren ins HARRY KLEIN locken. Das ist auch deshalb erstaunlich, wenn man weiß dass sie elektronische Musik für verzichtbar hält - ausser es handelt sich um kubanischen Hip Hop. Das Resultat war, wir haben zusammen noch mehrere digitalanalog Festivals besucht, und sie hat dieses Konzert künftig als Massstab für live dargebotene elektronische Musik genommen. Diesem Vergleich musste sich auch das experimentelle Konzert der EXPRESS BRASS BAND stellen, bei dem ich ebenfalls mitgewirkt habe. Das Experiment bestand darin, dass die einzelnen Musiker nicht nur das Publikum, sondern auch sich selbst mit dem Einsatz von Bandechos, Verzerrern und Drumcomputern überraschten. Und wieder gelang es mir Gäste einzuladen deren Hörgewohnheiten üblicherweise in seichteren Gewässern zu hause waren. Es waren Musiklabelbetreiber die Gitarrenpop veröffentlichten (Sie sind die einzigen Leute die ich kenne, die Musik als „nett“ bezeichnen, wenn sie auf etwas wirklich stehen). Aber darum geht es doch schließlich bei guten Festivals, dem unbedarften Teil des Publikum den Horizont erweitern. Und innovative Festivals schaffen zusätzlich ein Umfeld, in dem die Künstler Neues ausprobieren und ihre Möglichkeiten erweitern können. Dann werden selbst die Szene- und Musikkenner noch mit Überraschungen belohnt. Martin Prötzel musik-begeistert.de


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dadada

Zzzztsch ssssssss-bt tick tickttttttttick waäng bum tschack dotz slirp dröhn Fläche bum tschack bass!!! Klong zock wirbel ssss Hall! Fläche bass! Tick Bum tschack ding di ng krtzt klong bass dong tsch hhh bum tschack…. AG_Trickbeat Selbstportrait: live beim digitalanalog I


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Von Anfang an war ich Teil von digitalanalog, doch mei-

ne Beziehung zur Veranstaltung veränderte sich mit jedem Jahr, das ich älter wurde. Zu Beginn, in der tube war ich passive Teilnehmerin des Musikfestivals, da ich die Musik um mich herum noch nicht wirklich verstand, jedoch machte ich Bekanntschaft mit einigen Musikern und half eifrig, alle Flaschen einzusammeln. Das Festival wuchs und ich mit. Ein prägendes Ereignis wurde digitalanalog in den Kunstarkaden der Sparkassenstraße. Die Räumlichkeiten waren sehr beengt, dennoch fanden sich viele Interessierte dort ein und die beiden Abende hatten eine wundervolle Atmosphäre. Viele kannten sich schon und die, die es nicht taten, lernten sich kennen. Ich stand an der Bar und musste alle „Flensburger-Fans“ beschwören, es sei bald soweit, dass ihr Lieblingsbier endlich ausgeschenkt werden würde. Nur müsse noch das restliche Becks und Budweiser ausgetrunken werden. Den Ausschank des Flensburger oder „Flens“ wie Kenner es nennen, bekam ich allerdings nicht mehr mit, denn ich war schon im Nebenraum eingeschlafen. Das digitalanalog Festival in der Schrannenhalle konnte ich leider nur eingeschränkt miterleben. Da ich bei weitem noch keine 18 Jahre alt war, musste ich verfrüht gehen und vom spontanen und erzwungenen Ortswechsel in die Rote Sonne erfuhr ich nur durch Erzählungen. Nichts desto trotz genoss ich in der Schrannenhalle einige Musikprojekte und unterstütze die Organisation so weit es mir möglich war. Es folgte ein weiterer Umzug bis digitalanalog schließlich im Gasteig seine Heimat fand. Nun war ich auch schon älter, ich konnte endlich „richtig“ mithelfen, gab Auskünfte am Infostand und betreute die Musiker. Für mich ist digitalanalog ein Zeugnis meiner Entwicklung. Das Festival wurde größer, ich wurde älter. Die Anfänge sah ich mit den Augen eines Kindes, die Musik war vielleicht noch nicht fassbar, die Menschen aber dafür umso mehr. Mit jedem Jahr, das verging, fand ich mehr Zugang zur Musik. Nun erleben wir das zehnte Festival, kurz nach meinem zwanzigsten Geburtstag und für mich ist dieses Jubiläum umso bedeutsamer, da ich das Festival all die Jahre auf ganz unterschiedlichen Ebenen wahrgenommen habe. Insgesamt ist digitalanalog eine Mischung aus einem unvergleichlichen Musikerlebnis, vielen interessanten Menschen und einer magischen Stimmung. Loretta Holmeier Team digitalanalog

kurze

geschichten Mit dem digitalanalog-Festival verbinde ich viele große

und kleine wunderschöne Augenblicke und Erlebnisse. Ein wirkliches Aha-Erlebnis war und ist es für mich, daß man die Elektronische Musik mit all ihren Facetten in einem bestuhlten Konzertsaal genießen kann. Ich war gut eingeführt in diese Musik durch die legendären SLACKER-NIGHTS im damaligen ULTRASCHALL im Kunstpark-Ost und nicht zuletzt durch meinen Sohn Niel. Und nun finden Konzerte bekannter DJs, elektronischer Künstler zusammen mit Videokünstlern ganz selbstverständlich in den Räumlichkeiten des Gasteigs statt. Einfach wunderbar!! Doch 2009 in der Blackbox ... hingerissen lauschten die Zuhörer dem DJ auf der Bühne. Wenn ich mich recht erinnere war es DJ Spenza. Einige hielt es nicht mehr auf ihren Stühlen, standen auf und bewegten sich im Rhythmus. Immer mehr taten das Gleiche. Ich ließ mich ebenfalls mitreissen. Es war wunderschön! Besonders beeindruckt mich immer das Zusammenspiel von Musik und Videokunst (Peter Becker, Heiligenblut usw). So 2009 Grenzland und SicoVaja. Ich freu mich schon auf das nächste digitalanalog-Festival und bin neugierig auf die Vielfalt. (soll ich noch meinen Jahrgang preisgeben? also : 1941) Heidi Mitra

Ich bin ja die letzten 2 mal immer alleine vor der Blackbox

gesessen, um die LED Panels zu programmieren. Als es letztes Jahr dann wieder so weit war, hatte ich eigentlich aus Spass mal meine Freundin gefragt, ob sie nicht mitkommen mag, um mir bei der Gestaltung der Programme zur Seite zu stehen. Jetzt sind wir ein Team und freuen uns riesig auf das nächste digitalanalog-Festival. Ana + Olly


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neu

hahnstein Claudia habe ich im Harry Klein kennengelernt. Da

hatte ich den Auftrag, den Club für einen Image-Artikel zu fotografieren. Sie engagierte mich gleich für das digitalanalog-Festival zu den gleichen Konditionen wie die Künster: Null Gage. Nachdem mich visuelle Präsentation von Bühnenauftritten fotografisch reizte, kam ich in die Schrannenhalle. Die Live-Auftritte waren integriert in das Leben. Die Bühne hatte ihren Platz neben Ständen, Restaurants, Stühlen und Tischen und auch auch neben den vorbeigehenden Leuten, die auf der Suche nach ihrer kulinarischen Geschmacksrichtung waren. Viele Kleinstgruppen schienen mir da gewesen zu sein, um eine Art „public viewing“ von Kultur zu genießen. Ungewöhnliche Musik konnte, eingebettet in das Leben, ohne Risiko kennengelernt werden. Ich war so positiv über die Abwechlung der Musik überrascht. Völlig abseits der Mainstreams in Clubs und Radios, schien es hier keine Konventionen zu Instrumentierung zu geben. Die Gemeinsamkeit, elektronische Instrumente zu nutzen, fiel mir kaum auf. Tastaturen und bildschirmgekoppelte Soundmaschinen integrierten sich mit Flügel und Blechblasinstrumenten zu interessanten Kombos. Der Schwerpunkt lag auf der Musik, die mit optischen Reizen unterlegt wurde. Visuals als Unterstützung, den Blick für eine Zeit von den Künstlern abzulenken, ohne den Fokus auf die Musik zu verlieren. Auch in der Roten Sonne lag der Schwerpunkt auf der Musik. Diesmal integriert in Club-Atmosphäre. Den Künstlern schien es kaum auf die Optik ihres Auftritts anzukommen, sehr wohl aber auf das Herüberschwappen ihres musikalischen Engagements in die Körper der Besucher. Die Auftritte integrierten sich nicht in das Leben, sondern integrierten die Clubgäste in die Musik. Wir Zuschauer sollten nichts anderes tun können, als mit voller Aufmerksamkeit dabei zu sein und mitzuschwingen. Die Künstler strengten sich an, den musikalischen Reiz ihrer Kunst zu vermitteln, losgelöst von Streichinstrumenten und Computern, losgelöst von Genres.

Das Haus der Kunst war für mich eine schwierige Location. Durch den großen, schmucklosen Raum auf der einen Seite und durch die aus meiner Sicht fehlende Verbindung zu Ausstellungen wurde der Ort so austauschbar. Lediglich die Terrasse außerhalb des Gebäudes hatte den Charme einer besonderen Örtlichkeit. Allerdings rückten die Visuals deutlich in den Vordergrund. Die Live-Performance wurde durch die optische Unterstützung erst komplett. Selbst wenn es sich nur um ein überdimensionales, statisches Foto aus dem Englischen Garten handelt. Und nun zum Gasteig. Das Gebäude ist ja für musikalische Kunst gebaut. Aber wie passt da elektronische Musik und wie passen da Visuals hin? Glänzend! Bei den digitalanalog-Festivals profitieren die Künstler und Zuschauer von den speziellen Gegebenheiten, wie der Privatheit der Black Box oder der Offenheit der Wege zwischen den Bühnen. In den letzten beiden Jahren haben sich gerade hier musikalische mit optischen Leckerbissen getroffen und vereinigt zu Gesamtkunstwerken. Das große Erlebnis im Carl Orff Saal benötigt den zweckmäßigen Sitzplatz, damit sich Augen und Ohren des Besuchers ganz auf den Genuss konzentrieren können. Selbst „am Rande“ befindliche, also ohne eine Bühne nutzende, leuchtende Installation im Gang, wie die Projektion von Buchstaben auf passierende Menschen erzeugen Gefühle bei dem Betrachter und damit ein Kunsterlebnis. Das digitalanalog-Festival ist da angekommen, wo es hingehört. Es ist nicht getrieben von kommerziellen Interessen die bemüht sind, den Geschmack eines Publikums zu treffen und zu überintensivieren sondern vielmehr davon, Künstlern eine Plattform zu bieten, die sich auf hohem Niveau eher auf Pioniergebiet bewegen. In meinem Jahresplan hat das digitalanalog-Festival einen festen Platz. Ich freue mich auf für mich unbekannte Musik, auf die Abwechslung, auf die künstlerische Horizonterweiterung und auf Überraschungen. Gunter Hahn Fotograf


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r端ckblick

da I-IV

L

aufruf

eider geben die Archive nicht viel Bildmaterial her, was die Festivals digitalanalog I bis III betrifft. Hier daher ein Aufruf an alle, die damals vor Ort waren:

Wer hat Fotos von den Festivals im Einstein-Kulturzentrum (t-u-b-e) , aus dem Ultraschall bzw. dem Harry Klein?


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blick

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rückblick

da 5½ + 6


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rückblick da 6½


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hp D

as Münchner digitalanalogfestival war/ist anders als alle anderen Musikfestivals. Ich kann das bezeugen, denn ich habe in meiner jahrzehntelangen Karriere hunderte unterschiedlichster Festivals gespielt. Das digitalanalog war immer freier, familiärer, wilder, chaotischer, leidenschaftlicher und unvorhersehbarer als der Rest. Und das obwohl es mit der Wahl seiner In-Door-Locations in seinem 9-jährigem Bestehen stets den üblichen Hauptunsicherheitsfaktor Wetter geschickt umgangen ist. Ich erinnere mich, wie vor 5, 6 Jahren das gesamte Festival während des ersten Festivalabends die Location wechselte, kurzerhand mit allem Sack und Pack von der Schrannenhalle, die sich als äußerst ungeeignet und widerspenstig erwies, in die Rote Sonne umzog. Dort spielten dann jene Acts, die dem kurzfristigen Umzug zugestimmt hatten, vor jenem Publikum, das vom kurzfristigen Umzug erfahren hatte. Noch während das Equipement von einem Klub in den anderen getragen wurde, traten bereits die ersten Künstler auf - je früher und je kürzer desto besser, denn das zweitägige Festival musste nun auf ein Programm von etwa 5 Stunden komprimiert werden, um den unvermeidbaren Zwist mit den Resident-DJs der Sonne zu mildern. Das alles klingt absolut unmöglich, aber die Holmeiers, Herr und Frau digitalanalog, zogen es durch, und heraus kam ein großartiger, unvergesslicher Abend voller irrsinniger Überraschungen. Seit ein paar Jahren nistet sich das Festival erfolgreich im Gasteig ein, aber für Überraschungen ist es immer noch gut, das wissen und schätzen mittlerweile die Festivalbesucher ebenso wie die auftretenden Künstler. digitalanalog schafft immer wieder Freiräume, sprengt Grenzen, steht für Anarchie mitten im herkömmlichen Kulturbetrieb, macht immer wieder das, was eigentlich nicht gut gehen kann, aber trotzdem irgendwie funktioniert. digitalanalog lebt das Motto, von dem andere bloß reden: „Es gibt keine Probleme, es gibt nur Lösungen“. Wir sind froh, dass wir diese Lösungen seit nun 9 Jahren und hoffentlich noch mindestens weitere 9 Jahre miterleben dürfen. Im Oktober geht es schon wieder rund! Ich freu mich drauf. Hans Platzgumer Convertible / hp.stonji / SHINTO / Queen of Japan / e:gum

gasteig1 Im Herbst 2007 fand digitalanalog erstmalig im Gasteig

statt. Wahrscheinlich erahnte im Vorfeld niemand, welch tatsächlich aufregendes Festival wir uns da „ins Haus geholt“ haben. Nicht nur Claudia und Stefan Holmeier sondern auch der Gasteig betraten Neuland: Als „ehrwürdiges“ Kulturzentrum musste man sich erst mal auf die unkonventionellen und ausgefallenen Wünsche von digitalanalog einlassen – und nach dem Motto „L‘appétit vient en mangeant“ wurden beim Kennenlernen der fast schon unbegrenzten räumlichen und technischen Möglichkeiten im Gasteig auch die Augen von Claudia und Stefan immer größer: Da konnten auch die „lästigen Sicherheitsbestimmungen“ und natürlich wie immer das begrenzte Budget die Vorfreude kaum trüben. Gemeinsam mit unseren Technikern entwickelten sie ein verheißungsvolles Programm – So kam dann am 26. und 27.10.2007 der große Tag X und das Festival entpuppte sich noch lebendiger und spannender, als wir uns es im Vorfeld hätten träumen lassen: Ohne Scheu und Berührungsängste vereinnahmten die Gäste den ehrwürdigen Gasteig, man ließ sich entspannt in allen Ecken und Enden der Foyers auf dem Boden nieder, sog die Visuals in sich auf und feierte die auftretenden Bands. Das digitalanalog Publikum hatte den Gasteig erobert. Wir wünschen uns, dass das Festival digitalanalog nach einer Reihe wechselnder Locations im Gasteig seine Heimat gefunden hat und sich und das Publikum wohlfühlt – Wir geben unser Bestes, dass es so bleibt! Gasteig München GmbH Veranstaltungsmanagement

Hans Platzgumer liest beim digitalanalog V in der Roten Sonne


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gasteig2 Ich kann mich noch sehr gut an das erste Mal erinnern,

als digitalanalog 2007 bei uns im Gasteig stattfand. Wir hatten schon im Vorfeld einige technische Herausforderungen zu meistern und ich war sehr gespannt auf die zwei Veranstaltungstage. Die Mischung von unterschiedlichen Künstlern, die trotz allem perfekt in das Konzept passten, begeisterte mich genauso wie das Publikum, das ausgelassen feierte und die Musik genoss. Von etablierten Acts bis zu Neuentdeckungen, die ich auch heute noch in der Münchner Szene höre, gab es genauso positive Feedbacks wie von Seiten des Publikums. Nicht zuletzt diese besondere Stimmung während des Festivals und die Mischung der Gäste tragen dazu bei, dass digitalanalog für mich jedes Jahr wieder zu den Highlights in unserem Veranstaltungskalender zählt.

unterschätzt A

ls digitalanalog das erste Mal im Gasteig veranstaltete und obwohl wir von den Veranstaltern „vorgewarnt“ wurden, dass viele Besucher erwartet werden würden, haben wir doch die Resonanz unterschätzt. Es kam wie es kommen musste und diese Unterschätzung brachte uns an unsere Grenzen. Wir setzten alles an Mitarbeitern und Material ein, was irgendwie noch mobil zu machen war. Es waren alle letztendlich doch zufrieden und seither freuen wir uns jedes Jahr darauf, auf die etwas andere Musik bei uns im Hause. Gast Speise & Kult GmbH

Sebastian Gattner Fachkraft für VA-Technik Gasteig (ex AZUBI)

wardoch cooloder? Z

um ersten Mal spielten wir nicht auf einer Feier, sondern auf einer ganz „normalen“ Veranstaltung und waren dementsprechend aufgeregt. Wir wussten nicht, wie die Leute auf unser improvisiertes Set mit zwei PCs, einem DJ und Kontrabass reagieren wuerden. Ich hatte nur den Grundbeat einprogrammiert, alles weitere würde sich während des Auftritts ergeben. Vor uns fand eine Lesung statt, wir waren der erste Musikact. Man sagte uns, wir sollten den Leuten ein wenig Zeit geben, um aufzustehen und den Raum zu verlassen, falls sie nur zur Lesung gekommen wären. Gesagt getan, so warteten wir erst einmal ab, doch viele waren nicht gegangen. Ich begann also langsam eine atmosphärische Loop einzufaden. Sicherlich merkten die Leute dann schnell was auf sie zukommen würde - moderne, rhythmisierte elektronische Klangforschung eben - doch alle blieben sitzen und hörten aufmerksam zu. Komische Menschen, diese Literaturfreunde, sie bewegten sich kaum, standen nicht auf, waren fast regungslos in dem - für uns - viel zu hell erleuchtetem Raum. Zobeir fing an Beats und Sounds unter meine Loops zu mischen und Flo checkte die Tonart, um nicht komplett daneben zu liegen mit seiner Bassinterpretation. Jetzt bemerkte ich, dass zwar der Publikumsteil im Raum erleuchtet war, unsere Bühne jedoch zu wenig, um die verschiedenen Farb-

markierungen auf meinem 64 Drehregler starkem Conttroller auseinander zu halten. So kam was kommen musste: ein äußerst lauter und komplett alle Frequenzen abdeckender Sweep-Sound entkam meinem Rechner. „Swuuusch!“ Jetzt waren sicherlich auch die letzten, der während der Lesung Eingeschlafenen wach. Sichtlich bestürzt sahen Zobeir und Flo wegen der plötzlichen Wendung zu mir herüber. Ich hob die Schultern mit der Gewissheit, dass dies noch des öfteren passieren würde. Es war mir ziemlich peinlich, da ich zuvor alles mehrmals ausprobiert hatte, um derartig ungewollte Klangereignisse auszuschliessen. Naja, nun war das Chaoselement eben da und ich versuchte noch nicht einmal mehr die unterschiedlichen Farben auseinanderzuhalten. Während der nächsten 40 Minuten war ich immer mehr lethargisch hinter meinem Monitor versunken und ein wenig enttäuscht, da sich in den Proben alles so gut entwickelt hatte. Irgendwie brachten wir einen stimmigen Schluss hin, da die Leute - wohl eher mitleidig - klatschten. Der Applaus wurde immer lauter und anhaltender und wir, so dachte ich, waren ein wenig verwundert darüber. Flo verbeugte sich, also taten wir ihm gleich. Zobeir guckte mich an und sagte: „War doch cool, oder?“ „Waaas?“ sagte ich. „Hast du gerade eben nicht zugehört?“ „Ach Max, du siehst alles immer so negativ.“ meinte er. Zwei Wochen später übergab mir Stefan den Mitschnitt und meinte, es hätte ihm gut gefallen und dass er ihn sich einige Male zuhause angehört hatte. Und tatsächlich, selbst der seltsame Sound am Anfang fügte sich gut ins gesamte Klangbild. Ich höre mir die Aufnahmen immer noch dann und wann an und war seitdem selbst auch auf mehreren Lesungen. Die Parties sind zwar weniger geworden, mein Verständnis für seltsame Leute dafür umso größer. Max Pisec


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herzens babyoderrentenbeitrag A

„ lles, was ein Mann braucht!“, so der Kommentar des Hausmeisters, als ich in der Tiefgarage der „Einstein-Hallen“ ein wenig entschuldigend auf den Berg an alten und neuen Synthesizern deutete. Ja, alles sollte dabei sein an diesem Oktoberabend 2002, sozusagen die komplette elektrische Eisenbahn, frei nach dem Motto der Holmeiers: „Tu, was Du willst, wir können Dir nichts zahlen, aber wir stellen Dir den Rahmen dafür zur Verfügung“. Das lässt sich jemand, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit rumnörgelt, dass er eigentlich schon immer was ganz anderes machen wollte, und überhaupt ganz grundsätzlich zu Höherem geboren sei, nicht zweimal sagen. Das Konzept für meinen Auftritt war schnell gefunden: 1991 hatte ich eine CD zum Thema „Golfkrieg in der Medienrealität“ produziert. Die Kriegsberichterstattung auf CNN, die quotenträchtige Action, aber keine echten Informationen bieten konnte, waren damals ein vieldiskutiertes Ereignis, gerade, weil man sich nicht so klar war, wie man den Angriff auf den Irak politisch bewerten sollte. Zwölf Jahre später war es einfacher: Der missratene Sohn von George Senior wollte dem Papa zeigen, wie man das richtig macht und sammelte fadenscheinige Argumente für den Einmarsch in Baghdad. Es lag etwas in der Luft, eine unheilvolle Wolke, von der man wusste, dass sie sich nicht durch Petitionen und Demonstrationen auflösen ließe. Auch ich war diesmal vom Protest gegen die US Regierung und ihre eindeutigen Absichten motiviert. Deshalb wollte ich nun in meiner Komposition ein Einzelschicksal, das Opfer kriegerischer Willkür, in den Mittelpunkt rücken und bat Sabine Lutzenberger, mit der ich seit 2001 das Projekt „Helium Vola“ gestalte, um die Darstellung einer „Lili Marleen“ , einer Soldatenbraut in Baghdad, die vergeblich auf die Rückkehr ihres Geliebten wartet. Dazu verwendeten wir Gedichte auf Altportugiesisch, aus dem Hildebrantslied und natürlich Samples der Herren Bush Vater und Sohn und anderer Regierungsmitglieder. Alles sollte live an den Synthesizern gespielt und „geschraubt“ werden. Für den Sound in der „Tube“ stand uns eine schöne Surroundanlage zur Verfügung, mit deren Hilfe wir die Klänge im Raum verteilen konnten. Optisch wurden wir von Peter Becker, einem Münchner VJ und Medienkünstler unterstützt, mit dem wir uns im Vorfeld ausgiebig beraten konnten. Das waren in der Tat sehr gute Vorausset-

zungen, wie man sie im kommerziellen Umfeld nicht so einfach zur Verfügung hat. Sehr gespannt war ich auf das Publikum. Da ich in einer bekannten Szeneband –„Deine Lakaien“ – spiele, bin ich gewohnt erst einmal ein paar Reihen bedingungsloser Fans vor mir zu haben. In der Mitte schöne, schwarz gewandete Frauen, die den Sänger anhimmeln und auf meiner Seite die technophobe Herrenwelt, die darüber debattiert, ob der LFO-Regler auf meinem Rolandsynthesizer in der Baureihe von 1975 nicht doch gelb, anstatt rot ausgeführt gewesen sei. Diesmal war es ganz anders: entsprechend dem kunterbunten Programm, vom Avantgarde-Streichquartett bis zum experimentellen Hörspiel, war das Publikum sehr gemischt. Was sie allerdings einte, und da sehe ich den großen Wert eines solchen Festivals, war ihre Neugier auf Musik, Klänge und Bilder in Kombinationen, die sie noch nicht kannten. Auch für uns Musiker war es eine schöne Erfahrung, auf Kollegen zu treffen, von deren Arbeit wir keinen blassen Schimmer hatten und ihre Musik in zwangloser Athmosphäre kennen zu lernen. Da aber Musiker gegenüber fremden „Szenen“ meist toleranter sind, als ihre Fans, war mir schon ein wenig bange vor dem Auftritt. Vor hundert Leuten, die vor Dir sitzen und Dich nicht kennen, zu spielen, kann heikler sein, als vor zwanzigtausend grölenden Fans auf einem Open-Air Festival. Bei uns funktionierte alles wunderbar – sonst würde ich hier ja auch nicht so ausführlich darüber schreiben, nicht wahr? Die Technik, meine prähistorischen Analog-Kisten und deren digitale Steuerung, ließ diesmal Gnade vor Recht ergehen und mich nicht im Stich. Sabine Lutzenberger sang wie immer ganz fabelhaft und das Publikum hörte aufmerksam zu. Man konnte sich ganz leise Passagen wie in einem klassischen


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flyhigh Helium Vola beim digitalanalog 6 im Carl-Orff-Saal Konzert erlauben, es blieb still und gespannt. Das war für uns ein tolles Ereignis und eine große Freude, wie auch die anschließenden Gespräche mit unseren Zuhörern beim Bier. Wenn etwas so gut geklappt hat, kommt man natürlich gerne wieder, falls es die Zeit erlaubt. Und so fanden Sabine und ich uns 2005 in der Schrannenhalle zu einem Auftritt mit Songs von Helium Vola ein. Diesmal war das Ambiente schwieriger und ein Clash der Kulturen vorprogrammiert. Unvergesslich ist mir, als sich vor dem exaltiert singenden Frontmann einer Elektro-Popband ein dicker Bayer mit Lederhose und Gamsbart aufbaute und ihn anstarrte. Der Sänger ließ sich nicht lumpen und starrte zurück. So standen sie sich eine ganze Zeit lang gegenüber bis schließlich der Bayer mit einer Scheibenwischer- Geste abdrehte. Zum Glück haben die Organisatoren dieses feinen Festivals nun mit dem Gasteig eine Heimstatt gefunden, die mir ziemlich ideal erscheint. Ein bespieltes Foyer, die Black Box mit der Bühne in der Mitte des Raums, der Carl-Orff Saal, mit seiner, für elektronische Musik gut geeigneten, trockenen Akustik und seinen bequemen Sesseln und die vielen Plätze, an denen man miteinander kommunizieren kann, das sind hervorragende Voraussetzungen, wie wir 2007 bei einem erneuten Helium Vola Auftritt feststellen konnten. Und wenn man dereinst die Betriebsanweisung von Leonard Bernstein für den großen Saal („burn it!“) befolgen wird, weil es am Hofgarten einen schönen neuen Konzertsaal gibt, dann wird das digitalanalog Festival auch noch über den ganz großen Abenteuerspielplatz verfügen können. Aus meiner Sicht kann ich nur jedem Musiker empfehlen: Wenn Du ein Projekt hast, das Du unbedingt auf die Bühne bringen möchtest, weil es Dein Herzensbaby und nicht Dein Rentenbeitrag ist – bewirb Dich bei diesem Festival, es lohnt sich! Nicht zuletzt, weil man danach eine Dokumentation in Form einer DVD mit einer Videoaufzeichnung und vielen Fotos in Händen hält, die vielleicht eines Tages nützlich sein könnte, und sei es auch nur zur Präsentation im Netz. Hoffen, dass uns dieses Festival erhalten bleibt, dass es weiter wächst, ohne sich von seinen Wurzeln zu trennen, die man in einem Wort zusammenfassen kann: Idealismus! Ernst Horn Deine Lakaien / Helium Vola

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u digitalanalog 2003 hatte ich die Ehre als VJ des Labels Highflyer - Elektronische Bild-und Klangforschung bei einem sehr interessanten Act zur späten Stunde die Visuals live zu gestalten. Dabei war es mir eine große Freude eine kurze Sequenz aus dem legendären „Amon Düül Play Phallus Dei“ Film von 1968 von Rüdiger Nüchtern (mit Wim Wenders an der Kamera) als Referenz an experimentellen Pop - Amon Düül werden von der aktuellen Indie-Szene in USA als deren Vorgänger geehrt - in die Visuals einzuspielen. Sofort nach dem Set kam ein netter Gast auf mich zu, er hatte nicht nur den Streifen an sich, sondern auch den dahinterstehenden Gedanken einer Hommage an die psychedelische Kultur der Endsechziger und im besonderen des Münchner Undergrounds, in Gestalt der damals international bekannten Amon DüülFormation, erkannt. Der aufmerksame und mich sehr efreuende, weil Underground-gebildete Gast war niemand anders als Dieter Schnabl von Futurfoto, seines Zeichens einer der ersten deutschen VJs von Rave und Techno. In das nun folgende anregende Fachgespräch während des EquipmentAbbaus zwischen Mixer-Verpacken und Kabel-Einrollen „schaltete“ sich wiederum niemand anders als Stefan Holmeier, künstlerisch-konzeptionelles Mastermind von digitalanalog, mit ein und - wenn ich mich recht erinnere - merkte er Dieter gleich einmal für das nächste digitalanalog Festival im darauffolgenden Jahr vor, was zum Beginn einer langen und fruchtbaren Zusammenarbeit von Futurfoto und dem digitalanalog Festival führte. Peter Becker aka VJ Autopilot Highflyer / LMU München


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warumichneuerdings nunauch häufigernachmittags umunserenhäuserblock fahrenmuss, umeinenparkplatz zusuchen. Mein Nachbar ist – dank Flatrate - immer online. Und weil

er – dank Einführung der modernen Kommuniationstechnologie – auch schon seit Längerem arbeitslos ist, hat auch auch viel Zeit, sich online zu vergnügen. Eine Erbschaft hat dafür gesorgt, dass Flatrate, Fertigpizza und Flaschenbier immer erschwinglich bleiben. Mein Nachbar chattet gerne, auf „friends.de“, der Homepage für unkomplizierte, einen Tick anspruchsvollere Leute, die einen guten Chat zu schätzen wissen. Und eines Tages scheint er tatsächlich auch die richtige Gesprächspartnerin gefunden zu haben. Nach wenigen Runden im Forum finden sie sich im Separée für Zwiegespräche wieder. Er schreibt: „Ich finde den neuen Tarantino zwar nicht so stark wie seine Vorgänger, aber cinematographisch ist das doch immer noch mehr als beachtlich. Ich habe Quentin übrigens mal kurz kennengelernt, auf einer Party in LA.“ Sie schreibt: „Wahnsinn, du warst schon mal in Hollywood. Ich bin schon froh, wenn ich mir alle drei Jahre zwei Wochen Toskana genehmigen kann. Aber dann: Der Wein, das Licht, die Farben – und gegen die toskanische Küche kommt ja wohl gar nichts an.“ Er schreibt: „Ich habe noch eine Kiste 99er ´Montepulciano` im Keller. Hat mir mein damaliger Marketingchef mitgebracht.“ Sie schreibt: „Ich bin eher Bardolino-Fan, da entfaltet sich das Aroma früher. Was machst du eigentlich beruflich?“ Er schreibt: „Ich bin zur Zeit frei tätig. Mir hat dieses dumpfe Nine-to-Five-Rumgesitze einfach nichts mehr gegeben. Ich habe momentan so verschiedene Projekte am Laufen. Und du?“ Sie schreibt: „Zur Zeit Krankenschwester, aber nur vorübergehend. Warte noch auf den Linguistik-Studienplatz. Und ´was anderes als München kommt nicht in Frage.“ Er schreibt: „Sehe ich genau so. Wenn man sich München leisten kann, kannst du jede andere deutsche Stadt vergessen. Allein die Architektur oder wenn die Sonne über der Isar aufgeht.“ Sie schreibt: „Liebe ich auch sehr. Manchmal nehme ich frühmorgens meinen Musil unter den Arm und setze mich auf eine Parkbank.“ Er schreibt: „Wer oder was ist Musil`?“ Sie schreibt „Robert Musil – österreichischer Schriftsteller. ´Der Mann ohne Eigenschaften´ ist von ihm.

Er schreibt: „Ja, klar, Musil, konnte ich momentan nicht einordnen.“ Sie schreibt: „Was liest du denn so?“ Er schreibt: „Früher hauptsächlich Existenzialismus, Sartre, Camus und so. Heute eher so die interessanteren Amerikaner: TC Boyle und dieser mit dem griechischen Namen... Sie schreibt: „Ach der, ja, da fällt mir der Name grade auch nicht ein. Kicher.“ Er schreibt: „Kicher!“ Sie schreibt: „Man kommt ja auch kaum zum Lesen. Gehe lieber ins Theater, wenn ich jemanden finde, der mitkommt.“ Er schreibt: „Früher habe ich keine Premiere in den Kammerspielen verpasst. Aber ich finde, das experimentelle Theater hat seine Grenzen längst ausgelotet.“ Sie schreibt: „Ich stehe eher auf die Klassiker: Schiller, Beckett usw. Da gibt´s doch auch immer wieder großartige Neuinszenierungen.“ Er schreibt: „Unbedingt. Also was der Heiner Müller früher an der Berliner Volksbühne mit „Kabale und Liebe“ angestellt hat – Chapeau!“ Sie schreibt: „Du kommst ja ganz schön ´rum. Vielfliegerbonus, was?“ Er schreibt: „Na ja, in letzter Zeit geht mit das ewige Rumgewarte in den Airport-Lounges ganz schon auf den Geist. Es wird Zeit, dass ich sesshaft werde.“ Sie schreibt: „Verheiratet – Fragezeichen“ Er schreibt: „Noch – aber wir leben seit einem Jahr getrennt. Und du?“ Sie schreibt: „Zur Zeit solo. Vielleicht erwarte ich zu viel von den Menschen. Scheiß-Romantik.“ Er schreibt: „Vielleicht treffen wir uns einmal“ Und so kommt es, dass mein Nachbar und jene Frau, die eigentlich Angelika heißt, aber auf ihrem Chat-Namen „Chantal“ besteht, so kommt es, dass die beiden ihre Telefonnummern austauschen und sich schließlich in einem Café in der Innenstadt, also auf neutralem Boden, verabreden. Nach schüchternen Bussis wird nun bei zwei Latte Macchiato die Lage von Angesicht zu Angesicht gepeilt. Er sagt: „Eigentlich sollte ich lieber Espresso trinken. Mit Latte krieg´ ich die zwanzig Kilo bestimmt nicht wieder ´runter.“


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Sie sagt: „Ach, das hab´ ich schon aufgegeben. Du hättest mich vor zehn Jahren sehen sollen: Wie eine Bohnenstange, aber Kunststück: Boulemie. Heute sage ich mir: Scheißdrauf, wenn sich jemand nur für mein Gewicht interessiert, ist er´s eh nicht wert. Man einigt sich lachend darauf, noch zwei Stück Sachertorte zu bestellen. Diesen folgen diverse Amaretti bzw. Brandies, und nach zwei Stunden ist man schon in gehobener Stimmung, der Krampf ist verflogen. Er sagt: „Ich habe übrigens einen Sohn, aber der lebt bei seiner Mutter.“ Sie sagt: „Ich habe auch einen Sohn, aber der lebt bei mir“ Er sagt: „Oh!“ Sie sagt: „Ja, aber der ist schon fünfzehn, aus dem Gröbsten ´raus, geht seine eigenen Wege.“ Er sagt: „Klar, so ist das nun mal. Man muss auch loslassen können.“ Und das tun die Beiden dann auch, gehen noch in eine Bar mit livrierten Obern, und sie trinkt verschiedene Weine und er noch mehrere Pils und ein paar Kurze zwischendurch. Von Literatur und Theater ist jetzt keine Rede mehr, dafür hagelt es Familiengeschichten, Exkurse über das Fernsehprogramm mit besonderer Berücksichtigung des SuperstarWahns und heiter-wehmütige Erinnerungen an Zeiten, als man noch rank war und ziemlich viel gekifft hat. Feuchtfröhlich klingt der Abend aus, und man verspricht sich, das möglichst bald zu wiederholen. Was auch geschieht. Diesmal freilich endet der Abend in meines Nachbarn Wohnung, wo man sich gegenseitig das gibt, was man dringend nötig hatte, auch wenn man sich das in kühnen Träumen vielleicht etwas anders vorgestellt hatte. Nach wenigen Wochen gesteht mein Nachbar, dass er von einem Vielfliegerbonus weit entfernt ist. Kurz danach gesteht Chantal, dass sie das geplante Linguistik-Studium innerlich schon abgeschrieben hat. Sie gesteht weiterhin, dass sie ´tierischen Stress´ mit ihrem Vermieter hat und dass man sich gar nicht vorstellen könne, wie wenig eine Teilzeit-Krankenschwester verdiene. Es vergehen nur wenige weitere Wochen, da zieht Cantal bei meinem Nachbarn ein. Bald durchweht der zarte Hauch von Räucherstäbchen die Wohnung. Gegen seine tiefsten Überzeugungen verstoßend, probiert mein Nahbar nun, die Geheimnisse der makrobiotischen Küche kennen zu lernen. Chantals 15jähriger Sohn lebt nun hauptsächlich bei seinem leiblichen Vater, der dem Vernehmen nach Alkoholiker ist, sich aber gottseidank nicht blicken lässt. Der Sohn taucht gelegentlich auf, um sich Taschengelder und andere Subventionen abzuholen und lässt dabei nicht nur äußerlich einen Hauch von Skinhead im Raume stehen. Man beschließt, man brauche mal Luftveränderung und fährt gemeinsam mit seinem alten Polo für eine Woche in die Toskana. Leider ist April, und es regnet nahezu unaufhörlich, die Pension ist scheißteuer und man kommt überein, dass man beim Italiener zuhause aber um Klassen besser essen könne. Man redet dort natürlich auch über eine gemeinsame Zukunft, aber viel fällt den Beiden dazu nicht ein. Zurück in München wagt mein Nachbar einen Aufstand gegen Makrobiotisches Essen und Räucherstäbchen. Auch Chantals Yoga-Übungen dürfen in Zukunft nur noch in seiner Abwesenheit absolviert werden. Wenn Chantal schläft

und schnarcht, begibt sich mein Nachbar gelegentlich wieder in – nun eindeutig dunklere – Chaträume. Die Telefonrechnung steigt exorbitant, was sich mein Nachbar und Chantal ihm nicht erklären kann. Er geht so weit zu verkünden, dass dass ganze Körnerfutter doch keinen Sinn habe, wenn man am Abend bei der Besichtigung diverser Soap Operas gleich mehrere Tafeln Schokolade in sich hineinstopfe. Chantal gibt sich verletzt und droht, nicht mehr länger zu kochen. Schließlich kommt ihr Ex-Mann Alex doch mal „auf einen Sprung vorbei“. Man besäuft sich tierisch mit den Resten der einst stattlichen Spirituosen-Sammlung. Ein erster Misston taucht auf, als Alex sagt, dass ihm die ´ganze Computerei` nerve und man sowas früher überhaupt nicht gebraucht habe, um glücklich zu sein. Mein Nachbar bemerkt, dass Chantal in diesem Moment den Tränen nahe ist. Doch dann beginnen die beiden Ex-Partner über Erziehungsfragen zu streiten, und mein Nachbar hat schließlich alle Mühe, Handgreiflichkeiten zu verhindern. Am nächsten Mittag nach dem Aufstehen ringt er sich dazu durch, Chantal zum baldigen Auszug aus der Wohnung aufzufordern. Erst beginnnt sie zu heulen, aber dann entwickelt sich ein Riesenstreit, bei dem gegenseitig das Wort „Mogelpackung“ fällt. Mein Nachbar stellt ein Ultimatum, das sie verstreichen lässt. Man lebt nun nebeneinander her. Gottseidank sind zwei separate Fernseher zur Verfügung. Von einem Tag auf den anderen ist Chantal verschwunden, mit Sack und Pack und den zwei Buddhas, also Geschenken, die sie meinem Nachbarn einst machte. Doch als er eines Abends in die nun wieder nach Bratfett riechende Wohnung kommt, stellt er fest, dass sie – noch immer in Besitz des Wohnungsschlüssels – das halbe Geschirr mitgenommen hat, eindeutig auch Gegenstände, die sie nicht in den kurzfristigen, gemeinsamen Haushalt eingebracht hat. Mein Nachbar sieht sich daraufhin gezwungen, das handelsübliche Schloss der Wohnungstüre durch ein speziell amerikanisches Sicherheitsschloss zu ersetzen. Die beiden einzigen Schlüssel teilen sich mein Nachbar und sein Sohn in familiärer Einigkeit. Für das alte Schloss hatte ich einen Schlüssel. Das war praktisch. Denn mein Nachbar verfügt über einen sperrigen, aber sehr nützlichen Handwagen, mit dem man problemlos zwei Getränkekisten transportieren kann. Wenn mein Nachbar nun nachmittags nicht zu Hause ist, was erstaulicher Weise häufiger der Fall ist, komme ich nicht mehr an den praktischen Handwagen heran und bin somit gezwungen, meine Getränke mit dem Auto zu besorgen. Dazu muss ich meine schöne – in unserer Gegend überaus rare - Stellfläche aufgeben, die nach meiner Wiederkehr vom Getränkemarkt garantiert nicht mehr frei ist. Na, und jetzt wisst ihr, warum ich neuerdings nun auch häufiger nachmittags um unseren Häuserblock fahren muss, um einen Parkplatz zu suchen. Roderich Fabian Musikjournalist, Musiker, Moderator Zündfunk Originaltext der Lesung beim digitalanalog 6


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Zum glück gezwungen es gibt/ begebenheiten wie diese/ da trifft man sie/ motiviert/ stürmisch entschlossen/ dem thema unbedingt verpflichtet/ und dann/ dann/ dann passiert es/ wie die jungfrau zum kind/ ist gleich wie man selbst zur sponsorenliste/ beides kann irritieren/ man läßt es/ oder/ man läßt sich ein/ auf die physik der digitalanalogen welterkenntnis/ auf superhaufen/galaxiehaufen (lokale gruppen) und sternhaufen (auch offene) /galaxien/ planetensysteme/ sterne und planeten/ die Monde nicht vergessen/ asteroiden/kometen/staubpartikel/moleküle/atome und die elementarteilchen/ kurzum/ das holmeiersche universum/ soviel versteht man/ ich glaube/ es gibt eine ordnung im chaos/ 10 lichtjahre nach urknall/ begegnungen/ begebenheiten/ freunde, die heimat geben/ stilles schweigen für einen freund/ musik/ musik/ musik/ bild/ inspiration/ freie gedanken/ und die verfügbarmachung von raum/

Kraft, Kampfgeist und Liebe. Meine Wünsche für die nächsten 10. Manchmal wird man zum Glück gezwungen. Auch Tschingis Torekulowitsch Aitmatows Djamila wählte den Weg des schweren Glücks. Na dann, Gratulation! Kerstin Groh


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digital analog dieworte

Meine erste Begegnung mit dem digitalanalog Festival

war mehr vom Hörensagen - von einer Freundin, mit einem starkem Hang zur Kunst und elektronischer Musik. Es kursierte allerdings nur der Name luftleer im Raum, mit dem ich noch nicht viel verbinden konnte. Bald sollten sich die Worte digital/analog für mich jedoch eng an mein Studium der Kunstpädagogik verbinden. Drei Jahre digitalanalog habe ich bis jetzt mitbekommen, digitalanalog 6, 6 1/2 und 7, von 2007-2009. 2007 war ich hierbei nur zu Besuch, bei den anderen beiden Festivals habe ich selbst als VJ mitagiert. Wie fast man diese Jahre zusammen, welche Einblicke hinter und vor den Kulissen bleiben einem an einprägsamsten und sollten erzählt werden? Als Mensch, der sich der visuellen Kunst widmet, lenkt sich meine Aufmerksamkeit automatisch mehr diesem Bereich zu. So möchte ich vorwiegend von Eindrücken dieser Art berichten. Im Jahre 2007 zog das digitalanalog Festival ins Gelände des Gasteigs ein. Als bekannte Gesichter wirkten dort meine zwei Dozenten, Peter Becker und Daniel Botz aus dem Bereich Multimedia, sowie Volksmop Royal, das damalige Vj-Team des Instituts für Kunstpädagogik und Vj Mo, einer weiteren Studentin unseres Instituts. Zu Gesicht bekam ich hierbei Daniel Botz, der mit Laptop und Mixer unterm Arm mir hektisch entgegenlief, auf der Suche nach seinem heutigen Spielort, um sich kurz vor Beginn noch schnell „einstöpseln“ zu können. Peter Becker trat mit Helium Vola im Carl Orff Saal auf. In diesem großen Saal brannte sich bis heute ein Bild in mein Gedächtnis ein. Die Leinwand verwandelte sich kurzfristig aufgrund eines Keying Effekts in eine kreisförmige Bildfläche. In diesem Kreis türmte sich ein Haufen von unaufhörlich von oben herunter prasselnden Münzen auf. Dieses Bild lebte von einem, durch Effekte erzeugten, extrem feurigen Rot auf türkis-bläulichem Hintergrund, welches seine volle Wirkung erst auf der riesigen Leinwand bekam. Und so rieselten und rieselten sie vor sich hin, in ihrem einnehmenden Rot. 2008 wurde dann das Jahr des eigenen „Spielens“. Zum einen, weil ich nun selber mit meiner VJ-Gruppe NEONouveaux am Kinderprogramm, sowie in der diesjährigen zusätzlichen Auslagerung des Festival in der Registratur, teilnahm. Zum anderen gab es viel zum Anfassen, Hinein-

tauchen und zum Bestaunen. Es tat sich vor mir regelrecht eine „Spiellandschaft“ der unterschiedlichsten Dinge auf. Im Hof konnten Personen, wenn sie sich im rechten Winkel befanden, in die, auf die Hausfassade strahlenden großen Lichtprojektionen, hineintauchen. So wurde ich schnell zu einem gescheckten Menschen aus sich wechselnden abstrakten Mustern, was mich wiederrum sofort anregte die eigene Videokamera herauszuholen. Mit ihr bewaffnet ging es, nach weiteren Entdeckungen im Hof, ins Haus hinein zu einer sich drehenden Scheibe. Von allen Seiten wurde das Gerät von meinem Team und mir genauestens - mit Einsatz der Kamera natürlich - untersucht. Zwischen zwei durchsichtigen Scheiben befand sich eine gelbliche Flüssigkeit. Die Blasen, die sich in ihr gebildet hatten und sich immer wieder im Kreis drehend neu formatierten, wurden an die gegenüberliegende Wand projiziert. Dies stellte für mich das analoge schlechthin dar und irgendwie auch ein Relikt aus einer etwas älteren Generation. Bei einem Videomixer hingegen muss man schon eher überlegen, wieso dieser genau jetzt analog und nicht digital ist. Bei einem Laptop stellt sich die Frage nicht. Neben dem Erkunden des Festivals, erinnere ich mich gerne auch besonders an die Begegnungen mit den einzelnen Künstlern, mit denen ich intensiver zusammen gearbeitet habe. Hier wäre Marion Dimbarth zu erwähnen, die Sängerin, für die wir 2008 ihre Kinderlieder visualisiert haben. So herrschte im Vorfeld ein reger Austausch über die Lieder und unsere visuellen Konzepte dazu. So hatte sich jeder von uns fünf ein Lied ausgesucht und konnte sich so speziell in seiner bevorzugten Art der Materialbeschaffung und Umsetzung austoben, sei es selbstgedreht, rotoskopiert oder aus foundfootage erstellt. Dies war auch unser erstes Projekt, indem es um eine gezielte, genaue Vorbereitung ging und sich in der Vorproduktion mehr der Arbeitsweise für ein Musikvideo ähnelte. Sehr anregend fand ich auch die Zusammenarbeit mit dem Künstler Perdex, aka Elektrosmurf, mit dem ich 2009 einen gemeinsamen Auftritt hatte. Er besuchte mich im Vorfeld für eine Jamsession daheim. Diese artete, nach einem kurzen Mixen meines Videomaterials zu seinen Musikkostproben, in einen sehr anregenden Austausch über selbstgebastelte Mixer und anderlei elektronische Leckerbissen aus. So wartet auch sein Schatz an alten VHS-Kassetten, auf die er u.a. die unterschiedlichsten Störbilder aus den Anfängen der Fernsehzeit aufgenommen hat, seitdem auf eine Aufarbeitung. Vielleicht kommt es zu einer Zusammenarbeit, vielleicht bei digitalanalog. So trifft auf diesem Festival für mich digital und analog in der Technik aufeinander, aber auch unterschiedliche Zeiten und Generationen und deren Gestaltungsprinzipien finden sich zusammen. So lassen die Menschen, mit denen man in Kontakt kommt, eine heterogene Mischung an Eindrücken zurück, sei es im Publikum, bei den Künstlern, oder der „Veranstalterfamilie“ selbst. Jana Gleitsmann VJ Jandoon


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von1bis8

teil2

digitalanalog 5.1/2 Halbzeit. Haus der Kunst. Inzwischen richtig drin im Team. Nachmittags Sachen besorgen. Zum Technikpool fahren. Sachen schleppen, Kühlschränke und Kästen rücken. Aufbau. Die Location ist schön. Direkt am Englischen Garten. Die Terrasse ein Traum. Der Saal eine akustische Hölle, wie sich schnell herausstellen sollte. Probleme mit dem Beamer. Manu am Verzweifeln. Irgendjemand rettet. Sven? Keine Ahnung. Es füllt sich. Es hatte sich herumgesprochen. Junge, ältere, aber noch wenig Weggeh-Volk als es dann losgeht. Bekanntes Prozedere. Begrüssung und Lesung. Moment mal. Hans Nieswandt ist gar nicht nach München gekommen. Dennoch liest er. Hierzu wurde im Vorfeld seine Lesung auf Video aufgezeichnet und nun abgespielt. Ahh, dies war also die grosse Verzweiflung mit dem Beamer. Dann aber Musik. Frisch von der Werneckwiese hereinmaschiert: Der Englische Garten. Hinter ihm selbiger als Projektion. Passt. Schnell zurück zur Bar - Sell + Snackman sind durstig, als sie nochmals ihre Tracklist durchgehen. Seltsame weitere Gäste an der Bar. Lebensgroße aufkaschierte Pappfiguren. Die sind allerdings nicht durstig. Auftritt. Viel Schlagzeug. Viel zu viel Schlagzeug für diese Akustik. Hart an der Grenze. Spenza, die Diamond Dipp Foundation und Dakar & Grinser am Schluss. Ich weiss nicht mehr ob anschließend oder am nächsten Morgen (es war jedenfalls draußen hell) erneut Aufräumen. Eine Auseinandersetzung mit einer Dame des Wachpersonals und die Diskussion um die Definition von „Besenrein“. Gut. Eben nur ein Intermezzo alles. Eine Halbzeit. Man hat daraus gelernt. Akustik ist das A und O.

digitalanalog 6 Premiere. Gasteig. Wahnsinn. Und letzteres in allen Interpretationsformen. Die Festivalvorbereitungen 2007 begannen für mich schon im Juni. Neben dem bereits üblichen Mithelfen am Veranstaltungstag, übernahm ich die komplette Grafik mit einem Teil Projektmanagement. Aus der ganzen Musikszene hab ich mich langsam entfernt. Zumindest was das Weggehen betrifft. Man wird eben älter. Setzt seine Prioritäten und konzentriert sich auf das, was man eben gut kann. Wie langweilig! Aus diesem Grund wollte ich hinter den Kulissen weiter machen und hatte zwar viel Stress aber auch jede Menge Freude an der Erstellung der Plakate und des Programmheftes. Respekt habe ich gelernt. Jede Menge Respekt an die Veranstalter, die sich im Vorfeld um so vieles kümmern müssen. Techniker müssen abgestimmt werden, Technik und Equipment organisiert, mit Haustechnikern, Vermietern, der Stadt, dem Kulturreferat verhandeln etc. Mir hat es schon gereicht ein kleines Booklet zu erstellen - ein 16-Seiter in dem Sponsoren ebenso auftauchen sollten, wie ein (sofern möglich) finaler Timetable und natürlich Bilder und Texte zu den 43 Künstlern, Gruppen oder Projekten des Festivals. Viel Arbeit mit der der Respekt gegenüber allen Beteiligten immer mehr wuchs. Am Freitag selbst habe ich nicht viel von den Auftritten mitbekommen. Dafür bin ich einige Kilometer im Gasteig gelaufen, was mir meine Beine später verrieten. Hoch zur Bar, rüber zum Infostand, ab in die Blackbox, hinter zu den Künstlergarderoben. Alarm im Carl-OrffSaal - die Feuerpolizei gibt den Saal noch nicht frei. Verzögerung. Letztlich läuft alles. Aber auch nur, weil alle im Orga-Team ebenfalls laufen. Viertelstündlich muss ein Künstler in seine Garderobe, braucht irgendein Videokabel, das er nicht eingesteckt hat, oder regt sich auf, weil man sein (in diesem Fall ihr) wahres Geburtsdatum ins Programmheft gedruckt hat (obwohl sie sich lieber 15 Jahre - aufgepasst - ÄLTER darstellen würde). Paradox, aber keine Zeit für sowas. Ein Haustelefon klingelt schon wieder und jemand braucht den Garderobenschlüssel. Zwischen ein paar netten Gesprächen mit Politikergattinen, Künstlern, Freunden oder der Familie, bekommt man auch ein bisschen Musikalisches mit - die Bühne im Foyer wird bespielt. Samstag. Irgendwie das gleiche Spiel - aber mit etwas mehr Gelassenheit und jetzt schon Routine. Einlass, Begrüssung, Lesungen. Zeit, sich die Lesung anzuhören und mit Freude dabei, was das Team von SubBavaria so an Schmankerln der bayrischen Musikszene verbal miteinander verlinkt. Sonst viel Bewegung und die gleichen Gänge wie am Vortag. Nach der äußerst „interessanten“ Performance von Robert Görl bzw. seinen Tänzerinnen, dann zusammenpacken und das erste Team sein, welches zur anschließenden Party in der Freiheizhalle fährt. Dort Ruhe und Erholung pur. Viel Platz, wenig Besucher, allerdings äußerst gut gelaunte Soundfreaks, die ihren Auftritt vor gerade mal einer Hand voll Leuten durchgezogen haben und dennoch ihren Spaß gehabt zu haben schienen. Rest unwichtig, da sich alle Beteiligsten einig waren: eine After-Show-Party brauchen wir künftig nicht mehr.


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digitalanalog 6.1/2 Intermezzo, die Zweite. Gott sei Dank nur ein Abend. Error - dafür in zwei Locations! Alles viel gemütlicher. Man ist inzwischen daheim im Gasteig. Kennt die Verantwortlichen und die Haustechniker und weiss auch wie man mit wem umzugehen hat. Zwar auch hier viel zu tun. Das mit der Lauferei hat sich auch nicht verbessert. Schließlich existieren nur 2 Schlüssel für die Künstlergarderoben. Also wieder Künstlerbetreuung und Feuerwehr spielen. Dennoch - und das erstaunte mich - hatte ich auf einmal Zeit, mir den einen oder anderen Auftritt anzusehen und zu genießen. Durch digitalanalog bin ich offener geworden, was Musik betrifft. Der akustische Horizont wurde bei mir erweitert - was heisst hier erweitert - er wurde erstmal geöffnet. Ich habe durch die vielen Festivals schon einiges sehen und hören können, das anders war, nicht in mein kategorisches Musikschubladen-Denken passte, mich aber bereicherte. So konnte ich 2008 eine ganze Menge der Auftritte wirklich genießen und mich weiterbilden. Mit zu meinen Favoriten zählte die Musikarbeiterkapelle - diese jedoch nicht im Carl-Orff-Saal, sondern bei ihrem anschließenden Auftritt in der Registratur. Dort fand der zweite Teil an diesem Abend statt. Nicht als After-Show-Party, sondern als fester Bestandteil des Festivals. Als ich reinkam, legte gerade Heike Reich auf - als ich ging, Mick Wills. Doch irgendwann zwängten sich diese 20-30 Musiker mit ihren Blechinstrumenten in den Club und passten einfach nicht in den Backstageraum. David war netterweise an diesem Abend sehr kooperativ und erlaubte mir, die Kombo in den Keller zu verfrachten, wo sie sich einstimmen konnten. Dann rüber zum DJ-Pult und mit Heike abstimmen, auf welches Signal sie die Regler runterzieht, wenn die Kapelle einläuft. Es hat alles geklappt. Viele überraschte Gesichter. Polka statt Techno in der Registratur - und alle fanden es witzig. Den Rest der Nacht verbrachte ich im Backstageraum mit vielen Künstlern und allen Beteiligten. Die digitalanalog-Crew, die über die Jahre zur digitalanalog-Familie geworden ist.

digitalanalog 7 Routine. Alles läuft. Die Familie trifft sich erneut am 09. Oktober 2009 im Gasteig. Alle freuen sich. Relativ locker wird alles aufgebaut. Man kennt sich. Man weiss, wer was am besten kann. Dementsprechend sind die Aufgaben verteilt. Jeder spricht sich vorher ab, welchen Auftritt er sehen möchte und dementsprechend gibt es später keine Konflikte. Klingt alles super? War es auch. Harmonisch und locker hinter den Kulissen. Zahlreiche Gäste davor. Spielkonsolen im Foyer. Lichtinstallationen außen am Gebäude. Alles strahlt. Der Abend geht gemütlich seinen Lauf. Am Samstag dann ähnlich. Jetzt gibt es neben den Künstlern, die schon ein weiteres Mal beim Festival mitmachen auch wieder schöne Neuentdeckungen des Kuratoriums. Dazu eine Rolltreppe, die zu einem Laufsteg wurde und mit jeder Menge Witz passend moderiert wurde. Ein weiterer neuer Aspekt im Kunstuniversum von digitalanalog. Mein persönliches Highlight und die 40 Minuten, die ich mir ganz Zeit für die Musik genommen habe, war Spenza in der Blackbox, die mehr einem Club ähnelte. Kurze 10 Minuten einer äußerst freakigen Operette der CloneHeadz konnte ich im Carl-Orff-Saal erfahren und das wars auch schon wieder, was man an Musik als Teil des Teams selbst mitbekommt. Später erfuhr ich, dass ich einige wahnsinnige und erstklassige Auftritte anderer Künstler verpasst hatte. Aber so ist das eben, wenn man nicht als Gast zum Festival kommt. Hinter den Kulissen (und v.a. in den Vorbereitungen) stecken jede Menge Arbeit, viele kleine Helferlein und leider viel zu oft Hürden die genommen werden müssen, und Steine, die aus dem Weg geschafft werden müssen. Das schafft die digitalanalogFamilie jedoch Jahr für Jahr. Auch wenn es manchmal alles sehr anstrengend ist und man sich jedes Jahr aufs neue fragt „warum tun wir uns den Stress eigentlich immer an?“, wird man letztlich doch durch das Feedback der Gäste belohnt und ich freue mich auf viele weitere Jahre digitalanalog. Erstmal aber auf ein schönes und gelungenes: digitalanalog 8! |)()|\| ehem. elect(Ro)tation


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ausdruck aufguss Trifft man gar nicht so oft – normalerweise. Diese Streicher.

Machen sich ja eher rar – normalerweise. Die haben halt immer was zu tun. Business und so. Lassen sich auch nur ungern mit postpartyellem Dunst kombinieren – normalerweise. So zarte Näschen. Und ohne Licht geht gar nix – normalerweise. Soundcheck nur mit Putzfunzeln an. Kann man doch die Noten so schlecht lesen. Sonst. Das macht der Interpretation Aua. Zum Glück war beim digitalanalog noch nie irgendwas normal. Da trifft man dann bisweilen sogar solche und wahlweise auch jene. Eben die, die man andernfalls vielleicht nicht träfe. Oder an welchen man vorbei musizierte. Linker Hand. Unter allen Umständen. Wider alle Widerstände. Scheuklappe zu, Musik tot gibt’s hier nicht. Einmal 1 Ohm Kultur, Herr Ober. Bitte. Simon Kummer nfo. collective


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am parkder garten S

eit digitalanalog 5½ weiß ich mit Sicherheit dass die Räumlichkeiten des ‚Haus der Kunst’ für Konzerte mehrköpfiger Popformationen akustisch denkbar ungeeignet sind. Natürlich hatten wir damals bereits im Vorfeld deswegen Bedenken, nur die Versuchung war zu groß direkt an dem Park, dem unsere Band den Namen verdankt aufzutreten. Die Gelegenheit zu digitalanalog sollte man sich als Auftretender oder Besucher ohnehin nicht entgehen lassen, und dabei ist es fast schon egal wo in München das Festival stattfindet. Ob man im Haus der Kunst musikalisch absäuft oder im Gasteig das Biertrinken schwerfällt, digitalanalog ist in seiner Art einzigartig und so wohltuend für unsere Stadt. Was man auch daran sieht dass dann jedes Jahr doch (fast) alle wieder da sind zum Austauschen, Amüsieren, Besserwissen, Einfachmal-schauen oder was auch immer. So wie ich. Keep on! Bernd Hartwich Der Englische Garten

gegen satz d

igitalanalog, so heißt die gelebte Schnittstelle vermeintlicher Gegensätze, die die Veranstalter alljährlich einem interessierten Publikum zum freien Eintritt präsentieren. Eine computergenerierte Musik trifft hier auf eine mehr oder minder herkömmlich instrumentierte Musik, eine angeblich ernste Musik auf eine sprichwörtlich unterhaltende. Videokunst und Lesungen, Tanztheater und Diskussionen runden das Ambiente ab, das ursprünglich wechselnde Spielstätten, seit Jahren aber den Gasteig als festes Domizil in ein reizüberflutetes Labor verwandelt, in welchem mit häufig vernachlässigten Möglichkeiten einer Kultur experimentiert wird. Indem die Veranstalter sich von Anfang an bemühten, dieses Angebot einer kulturellen Bestandsaufnahme und gleichzeitigen Infragestellung dem Publikum kostenfrei anzubieten, und damit jedem den Zugang zum Festival zu ermöglichen, will die hier präsentierte Kunst und Musik jenseits eines behaupteten Mainstreams gar nicht die eltitäre Avantgarde sein, die bildungsbürgerlich versnobte Menschen für sich ebenso beanspruchen, wie kulturell benachteiligte Menschen sich häufig von ihr ausgegrenzt wähnen. Die hier geschmiedete Speerspitze soll vielmehr ganz im Sinne einer Demokratisierung die Mehrheit zum Kampf gegen eine meinungsmachende Bevormundung durch die Kulturindustrie durchaus auch im Adorno´schem Sinne rüsten. Damit folgt diese Veranstaltung auch einem politischen Bildungsauftrag, ohne sich in parteipolitischen Zankereien zu verlieren. Wobei hier der Motor solcher Bildung das Vergnügen ist, das man eben nicht mit Geld bezahlt, sondern man zahlt sie mit eigenen Vorbehalten, Vorurteilen und Unsicherheiten, ohne die es sich aber ohnehin besser lebt. Insofern man im anderen sich selbst erkennt, empfehle ich allen BesucherInnen des digitalanalogs, die Gelegenheit zu nutzen, und gerade die Angebote aus einem umfangreichen Programm auszuprobieren, die mit den bis dato gelebten eigenen Vorlieben am wenigsten zu harmonieren scheinen. Mit etwas Glück und sehr viel Spaß werden auch sie dann die Gemeinsamkeit im Gegensatz entdecken. Dirk Wagner Süddeutsche Zeitung / M94.5


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förder mitgliedschaft S

Hiermit erkläre ich meine Fördermitgliedschaft zum gemeinnützig anerkannten digitalanalog e.V. mit einem Betrag von jährlich: EUR ______________ ,*(reduzierter Förderbeitrag für Schüler, Studenten 5 EUR jährlich gegen Vorlage einer Schul- bzw Unibestätigung)

durch O Überweisung auf das Postbank Kto. 838 68 58 53, BLZ 760 100 85 O Bar (übergeben Datum s. unten)

________________________________________ Datum, Unterschrift

eit Jahren erreicht das Musikfestival digitalanalog als Schnittstelle zwischen analoger und elektronischer Musik ein generationen- und szeneübergreifendes Publikum, das hier zeitgenössische Musik fernab von allem Genre-denken als Kunstform erfährt. Weil es den VeranstalterInnen dabei wichtig ist, auch vermeintlich „kunst-ferne“ Menschen mit ihrem Angebot zu erreichen, um sie Teil haben zu lassen an einer Kultur, die in den gängigen Massenmedien nur wenig Verbreitung findet, bieten sie dieses alljährliche Festival zum freien Eintritt an. Damit ist digitalanalog ein niedrigschwelliges Kulturangebot, das niemanden pekunär ausgrenzt. Fand das Festival früher in wechselnden Clubs statt, nutzt es mittlerweile die Räumlichkeiten des Gasteigs, der als neutraler Ort jedes Szenedenken verneint und also auch jenen Menschen einen Zugang zum abwechslungsreichen Programm bietet, die aus einer wie auch immer begründeten Unsicherheit gegenüber bestehenden Clubs für elektronsiche Musik diesen leider nur allzu häufig fernbleiben. Wenn Ihnen unsere Veranstaltung gefällt, würden wir uns sehr freuen, wenn Sie uns als Fördermitglied im gemeinnützig annerkannten digitalanalog e.V. unterstützen, weitere Informationen unter: press@digitalanalog.org Auch kleine Beträge helfen zur Realisation des Festivals. Erstes Fördermitglied: Stadtrat Richard Quaas, weitere Fördermitglieder u.a. : Cafe Reitschule, Gasteig Kult- Speise GmbH, Michi Kern, visualMAFIA GbR

digitalanalog e.V. Vorstand: Claudia Holmeier – VR 200115 AG München Klenzestr. 30 – 80469 München - Tel 089 649605-7 – Fax 089 649605-9 Kontoverbindung: Postbank – Kto 838685853 – BLZ 76010085 www.digitalanalog.org


partnerschaften

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BluePrint Conrad Caine elect(Ro)tation Gast Gasteig Highflyer Institut für Kunstpädagogik der LMU München Kerstin Groh Fotos! Landeshauptstadt München Kulturreferat Ludwig-Maximilians-Universtät München Markus Hirner neuhahnstein Neumann & Müller o2 Optimal Otto Pachmayr RA Schnürch & Kollegen redspotgames Reitschule sub-bavaria.de Swimmingpool Productions visualMAFIA webflow Zündfunk

Danke an ALLE, die an digitalanalog bisher mitgewirkt haben!



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