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ErstauNlichE gEschichtE

rEpOrtagE

gutE tipps

Hitchcock in den Alpen, Piccard am Gletscher

Auf Tuchfühlung mit Hannibal

Wandern mit Klier, auf Skitour mit Lama

DiE WilDspitzE zeitschrift für das intensive Erleben des Ötztals

Nummer 1, Oktober 2009

Euro 5,00

pOrtfOliO

Wie das wilde tal gezähmt wurde. Bilder eines Jahrhunderts


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O E T Z . O B E R G U R G L . H O C H G U R G L


WilDspitze 01.2009

eDitoriAl

liebe Gäste! Die Tatsache, dass Sie im Ötztal ihre wertvollen Urlaubstage verbringen, weist Sie als gute Freunde unserer Region aus. Dafür wollen wir uns revanchieren. Die neue Zeitschrift „Die WilDspitze“, deren erste Ausgabe Sie gerade in die Hand genommen haben, ist ein Geschenk an die Gäste des Ötztals, ein Dankeschön – aber auch ein Bitteschön. „Die WilDspitze“ ist eine Zeitschrift, die Ihnen das Ötztal vorstellt, wie Sie es vielleicht nicht kennen. Wir erzählen Ihnen so manches über dieses Tal, seine Orte und seine Menschen, was sich nicht unmittelbar in ein Tagesprogramm für morgen umsetzen lässt (aber auch) – und auf diese Weise vielleicht nicht typisch für eine Publikation des lokalen Tourismusverbandes ist. Wir denken, dass es richtig ist, wenn Sie unsere Landschaften besser kennenlernen, unsere Geschichten, unsere Menschen, unsere versteckten Winkel. Unsere Tiere, Speisen, Ausblicke, unsere Denker, Freigeister, Pioniere – Gefühle.

Wir möchten, dass Sie mehr über uns wissen, dass Sie eintauchen in die Welt, die unsere Welt ist – und für ein paar Tage, eine Woche, vielleicht auch für länger die Ihre. „Die WilDspitze“ ist die neue „Zeitschrift für das intensive Erleben des Ötztals“. Intensives Erleben des Ötztals: Das ist, was wir Ihnen wünschen, und wir hoffen, dass diese erste Ausgabe Ihnen dabei als Gebrauchsanweisung dient.

Oliver Schwarz, Direktor Ötztaltourismus PS.: „Die WilDspitze“ erscheint in einer Auflage von 50.000 stück einmal jährlich. Dies ist ihr persönliches exemplar.

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inHAlt

WilDspitze 01.2009

Kunst

MAGiscHe orte

prominente Gäste verraten ihre lieblingsplätze im Ötztal

Wo der Maler Albin egger-lienz sich seine inspirationen holte

BrAucHtuM

Der uralte Brauch, aus schafwolle moderne Kleider zu machen

MAGiscHe orte

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Martin Gstrein und sein Leben als Bergführer auf die Wildspitze.

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Jutta Kleinschmidt und der Blick der Rallyefahrerin auf die historische Ortsdurchfahrt von Oetz

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sebastian Vettel und die Ruhe des F1-Piloten auf dem Gaislachkogl Hans Haid und die Wurzeln des Volkskundlers im Venter Tal

Kletterstar David lama zeigt seine lieblingsrouten

Kultur

reportAGe

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Bauernkalender von Markus roost

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Kunst. Der Maler Albin egger-lienz und seine Ötztaler Inspirationen

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Wissenschaft. Die Landung des Ballonfahrers Auguste piccard auf dem Gurgler Ferner

Kino. Alfred Hichcock drehte in Hochgurgl einen Film. Der Krimi: Der Film ist verschwunden

Event. Auf Tuchfühlung mit der Legende Hannibal, die in Sölden denkwürdig in Szene gesetzt wurde

sport unD serVice

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Skitouren gehen mit David lama Skifahren durch die Geschichte

Amelie Kober und der Kontrast zum Snowboarden am Piburger See

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Architektur. Die spannende Geschichte der alpinen Rundung

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Acht Fragen an Hans Jäger

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Zoologie. Die einzigartige Lebenswelt der raren Arten des Ötztals

literAtur

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Brauchtum. Der uralte Brauch, aus Schafwolle moderne Kleider zu machen

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Lesegeschichte. Sommer, oben. Von ernst Molden

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Gedicht. „Wildspitze“ von raoul schrott

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Damals/Heute

Dossier

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sKitouren

Die Eroberung der Landschaft. Ein Jahrhundert im Ötztal im Spiegel der Bilder seiner Pioniere

Wandern mit Walter Klier Kochen auf der Almhütte

Impressum


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Autoren

WilDspitze 01.2009

zooloGie

Die einzigartige tierwelt in der alpinen ruhezone

KocHen

tiroler Gröstl. so wird’s gemacht. schritt für schritt

Autoren Horst christoph geboren 1939 in Innsbruck, besuchte in Umhausen die Volksschule, schrieb seine Doktorarbeit über die Mundart von Sölden und machte in Wien Karriere als Kulturjournalist („Die Presse“, „profil“). Er schreibt über Albin Egger-Lienz (S. 44) und das Phänomen der alpinen Rundung (S. 48) Walter Klier geboren 1955 in Innsbruck, ist ein österreichischer Schriftsteller und Wanderautor. Er schreibt über das Phänomen „Hannibal“, dem im Ötztal neun große Inszenierungen gewidmet wurden (S. 54). Zuletzt erschien sein Roman „Leutnant Pepi zieht in den Krieg“ (Limbus Verlag). peter iwaniewicz geboren 1958 in Wien, ist Zoologe an der Universität Wien und schreibt eine wöchentliche Tierkolumne für die Stadtzeitung „Falter“. Er porträtiert Tiere, die es nur im Ötztal gibt (S. 50). Zuletzt erschien sein Buch „Bambi, Sau und Zeitungsente“ (Falter Verlag).

ernst Molden geboren 1967 in Wien, ist ein österreichischer Schriftsteller und Musiker. Er verbrachte einige Sommer seiner Jugend auf der Alm und schreibt darüber in seiner Erzählung „Sommer, oben“(S. 70). Zuletzt erschien sein Album „Ohne di“. www.ernstmolden.at

Der Fotograf philipp Horak Die Fotos für die erste Ausgabe der „Wildspitze“ besorgte der aus Niederösterreich stammende Fotograf Philipp Horak, Jahrgang 1976. Horak, hier neben dem Gipfelkreuz der Wildspitze zu sehen, ist Mitarbeiter internationaler Magazine und Buchverlage. www.philipphorak.com


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magische orte

„Zwischen himmel und himmel“ Er blickt auf ein Leben als Bergführer zurück und stand fast tausend Mal auf dem Gipfel der Wildspitze. Ein besonderes Erlebnis ist es jedes Mal. Der Berg ist ein Denkmal, und der Berg ist ein Arbeitsplatz. Einerseits: Höher als die Wildspitze ist, von Österreich aus betrachtet, nur der Großglockner, und mit 3.774 Metern ist die Wildspitze der Höhepunkt der Ötztaler Alpen. Sie erhebt sich über das Venter Tal, ihre West- und Nordflanken bilden den Talschluss des Pitztals. Nach Norden fließt der Taschachferner ins Pitztal ab, nach Südwesten der Mittenkarferner, nach Südosten der Rofenkarferner ins Venter Tal. Martin Gstrein, Bergführer, ist 79 Jahre alt. Er ist ungefähr 900 Mal auf die Wildspitze gegangen, genau weiß er es nicht mehr, denn er hat nicht Buch darüber geführt. Es könnte also sein, dass es auch 950 Aufstiege waren, Treffpunkt Hotel Gstrein in Vent, servus Martin, Berg Heil!, Aufstieg über die Breslauer Hütte (2.844 Meter) und das Mitterkarjoch (3.468 Meter), Schwierigkeitsstufe 2, aber dass es 1.000 Aufstiege gewesen sein könnten, jubiläumstauglich, glaubt Martin Gstrein nicht: „Da fehlen noch ein paar.“ Der Aufstieg ist nicht schwer, geübte Alpinisten sagen „leicht“, wobei das stets relativ genug verstanden werden sollte. Die Erstbesteigung des Südgipfels der Wildspitze gelang bereits 1848, Leander Klotz aus Rofen und ein unbekannter Bauer sind als Gipfelpioniere aktenkundig. Der Nordgipfel, damals noch höher als der Südgipfel, inzwischen jedoch durch Abschmelzung der Eiskuppe niedriger geworden, gelang Leander Klotz erst 1861. Martin Gstrein ging den Südgipfel zuweilen zweimal am Tag, und es darf nicht

martin gstrein verschwiegen werden, dass er dabei eine halbe Schachtel Zigaretten verbrauchte, und zwar nicht, indem er sie verlor. Er machte das Handicap einer Fußverletzung, die ihm den Gebrauch von Steigeisen verunmöglichte, durch einen besonderen Stil, Eis zu begehen, wett. Sein vergnügter Standardsatz zum Eis: „Haale wars“, glatt und rutschig – kein Wunder, ohne Steigeisen. Der Blick von oben ein Aphrodisiakum. Er reicht, wenn das Wetter mitspielt, von den Berner Alpen im Westen bis zur Schobergruppe im Osten, und er ist, wie Martin Gstrein gerne sagt, nur von der Erdkrümmung begrenzt. Wenn über dieses Maß an Freiheit einer sprechen darf, dann ist es, mit Verlaub, er.

Martin Gstrein, 79, lebt als Bergführer und Hotelier (Hotel Gstrein) in Vent.

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Die Wildspitze, Luftaufnahme Mit 3.774 Metern ist die Wildspitze der Höhepunkt der Ötztaler Alpen.

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magische orte

„Jeden augenblick festhalten“ Die Rallyefahrerin Jutta Kleinschmidt hat bei aller Geschwindigkeit gelernt, das Besondere zu sehen – den Ortskern von Oetz. Die Straße, die vom Inntal hinauf in die Höhen des Ötztals führt, gut ausgebaut, breit, bereit für den Transport aller, die oben frische Luft atmen wollen und den Blick frei schweifen lassen. Oetz ist eine Station auf dieser Straße, und wer zielstrebig nach oben fährt, wird gar nicht sehen, wo die Straße früher einen Schlenker machte, eine Kurve. Der alte Ortskern von Oetz ist nicht mehr sichtbar auf den ersten Blick. Es bedarf eines Abstechers, um in eine andere, eine vergangene, prächtige Welt einzutauchen. Oetz ist ein altes Dorf. Spuren aus der Hallstattzeit lassen errechnen, dass hier bereits vor zweieinhalbtausend Jahren Menschen lebten. In einer Schenkungsurkunde von Herzog Heinrich dem Löwen an das Stift Wilten wird „Ez“ zum ersten Mal schriftlich festgehalten, und weil im 13. Jahrhundert der Sitz der Gerichtsbarkeit für das ganze Tal in Oetz angesiedelt wurde, bekam im Handumdrehen das ganze Tal den Namen seines Eingangsdorfes. Der Ortskern, ein wuchtig gewachsener, dörflicher Organismus. Auf dem Felsen die Kirche, im Schatten des Hausbergs Acherkogl die breitschultrigen Zeugen bäuerlichen Wohlstands: wuchtige, voluminöse Häuser. Die Fassaden prächtig bemalt, die breiten Balken selbstbewusst sichtbar. Eingänge in Gasthäuser und Hotels, wo sich, als die Städter zu reisen begannen, touristische Pioniere aus England und Deutschland einfanden, um die ungewohnte Pracht der Berge aus eigener Anschauung zu studieren. Jutta Kleinschmidt ist eine schnelle Person. Sie bewegt motorisierte Fahrzeuge jeder Art durch schwieriges Gelände:

Jutta Kleinschmidt Motorräder am Beginn ihrer Karriere, Buggys und andere Wüstenfahrzeuge später, sie steigerte die Herausforderungen, denen sie sich stellte, beständig, bis sie schließlich im Marathon-Rallyesport ankam, Stichwort: Paris-Dakar. 2001 gewann sie die anspruchsvollste Prüfung für Motorsportler. Aber die begeisterte Ötztal-Reisende hat das Schauen nicht verlernt. Wenn sie – „eine eigene Herausforderung“, wie sie sagt – auf Oldtimerrallyes historische Fahrzeuge durch historische Landschaften bewegt, präzise wie ein Uhrwerk, geht auch die Schönheit, die sich abseits des Wegs befindet, nicht an ihr vorbei. Der Ortskern dieses alten Dorfes ist vor Jutta Kleinschmidts Auge geblieben, ein wertvolles, kostbares Bild, auch wenn ihr Auto längst weitergerollt ist. Jutta Kleinschmidt, 47, ist gelernte Physikerin und praktizierende Marathon-Rallyepilotin. Sie verbringt regelmäßig Zeit im Ötztal, vorzugsweise bei Oldtimerrallyes.

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Oetz, Alte Ortsdurchfahrt Oetz ist ein altes Dorf. Hier lebten bereits vor zweieinhalbtausend Jahren Menschen.

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magische orte

„Plötzlich diese Übersicht“

Manchmal sucht auch ein Formel-1-Star den Blick von oben nach unten. sebastian Vettel bevorzugt den Gaislachkogl bei Sölden. Der Gaislachkogl ist nicht weniger als 3.056 Meter hoch. Der Berg, mitten in den Ötztaler Alpen gelegen, kann im Sommer von der Gaislachalm aus erstiegen werden, der Wanderführer berichtet von „gut markierten Wegen und Steigen“, aber auch von „teilweise steilem Gelände“. Die Tour ermöglicht einen schönen Blick „auf die Berge des Ramolkamms mit den nordseitig eingelagerten, steilen Gletschern“, sie ist für den geübten Wanderer mühelos zu bewältigen. Fazit der Autoren: „Das sollte man sich bei schönem Wetter nicht entgehen lassen!“ Von Sölden aus transportiert die größte und modernste Doppelseilumlaufbahn der Welt ihre Fahrgäste in zwei Sektionen auf den Gaislachkogl. Die Wintergäste schwärmen von den erstaunlichen Abfahrten, die sich von hier eröffnen, in den Internetforen, wo sich die Aficionados austauschen, wird von den steilen Abfahrten vom Gaislachkogl, natürlich abseits der Piste, außerordentlich geschwärmt. Zur speziellen Stunde treffen sich auf dem Gaislachkogl sodann die verwegenen Herrschaften mit den kurzen Skiern, die diesen Platz zu ihrem deklarierten Eldorado erkoren haben: die Freerider und Rinnenskifahrer. Sebastian Vettel ist ein junger Mann, der sehr schnell Auto fahren kann. Der junge Heppenheimer ist der aktuelle Shootingstar der Formel 1, er brach zahlreiche Rekorde: Er war der jüngste F1-Pilot, der einen WM-Punkt machte, der jüngste, der ein Rennen anführte, der jüngste, der eine Pole-Position errang. Und er war der jüngste, der ein Formel-1-Rennen gewann, 2008 in Monza, damals noch für „Toro Rosso“. In der

Der Gaislachkogl, Aussichtsplattform Von Sölden aus transportiert die größte und modernste Doppelseilumlaufbahn der Welt ihre Fahrgäste auf den Gaislachkogl.

sebastian Vettel darauffolgenden Saison wechselte er zum „Red Bull“-Team und etablierte sich mit diesem in der Weltspitze, das logische, kurz- bis mittelfristige Ziel lautet „Weltmeistertitel“. Vettel und der Gaislachkogl, eine kleine Liebesgeschichte. Als der Rennfahrer im Ötztal den Extrem-Kajakfahrer Schorsch Schauf besuchte, um beim Paddeln Kraft zu trainieren, nahm ihn dieser mit auf die BIG3Plattform auf dem Gaislachkogl. Vettel, schwer beeindruckt von der Rundsicht, die sich auf der Aussichtsscheibe bietet: „Es ist ein unglaublicher Ort. Man ist umringt von diesen mächtigen Bergen. Die Aussicht ist faszinierend, und es ist etwas Besonderes, die Natur aus dieser Perspektive bewundern zu dürfen.“ Sebastian Vettel, 22, ist Formel-1-Pilot und kämpft mit Red Bull Racing-Team um die Weltmeisterschaft. Er hält zahlreiche Rekorde im Formel-1-Sport.

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„Der Landschaft zuhören können“

Der Ötztaler Volkskundler hans haid hat ein Faible für magische Orte. Er liebt die Landschaft seiner Kindheit, das Tal, das hinauf nach Vent führt. Hans Haid liebt das Venter Tal, er hat sich hier einen Platz zum Leben gesucht. Der Volkskundler und Schriftsteller, der Bauer, Mundartdichter und Querkopf ließ nicht locker, bis er, der Längenfelder, den Hof „Roarle“, weit oben im Venter Tal, erwerben durfte, einen Hof, der im Berghofkataster die höchste Punktezahl erreicht, sprich schwierigste Bedingungen, um den Hängen rundherum abzutrotzen, was Mensch und Tier zum Leben brauchen. Haid ist ein sensibler Mensch, er sucht Plätze, deren Energien außergewöhnlich sind. Er geht, „weglos“, wie er sagt, über die Felder, die Wiesen, die Fluren, um Orte zu erspüren, die etwas Besonderes sind. Er fand Steinmännchen, weit weg von den touristischen Routen, Steinformationen an besonderen Plätzen, er fand Steine, die zum Sitzen einluden, die außergewöhnliche Kerben, Mulden, Schalen hatten, und er fügte das, was er über die Landschaft wusste, zusammen mit dem, was er spürte. Zwar pocht Haid darauf, kein „Geomant“ zu sein, keiner, der „hellsehen“ könnte oder die Zeichen der Erde so deuten, dass daraus Botschaften abzuleiten wären, aber er verfügt über die Ruhe, seiner Landschaft zuhören zu können: der Landschaft, in der er seine Kindheit verbrachte; dem Tal, aus dem seine geliebte Großmutter stammt; dem Land, das Haid als seine „echte Heimat“ bezeichnet. Die Kirche von Heiligkreuz ist ein Symbol für Haid, ein Symbol der Spannung, der vielfältigen Energien. Sie steht, wo früher ein Steinkreis stand, etwas unterhalb eines Felsens, den die Kinder den „Teufelsstein“ nannten. Ein Platz, wie Haid sagt, der

Venter Tal, Herbstaufnahme Ein Platz der mindestens „kulturell“, wenn nicht sogar „kultisch“ aufgeladen ist.

hans haid mindestens „kulturell“, wenn nicht sogar „kultisch“ aufgeladen ist. Hans Haid pendelt zwischen Ötztal Bahnhof und seinem Hof „Roarle“. Er ist ein Kämpfer. Er will, dass auch das Abseits seinen Wert behält, soll heißen: Auch die Kinder seiner Kinder sollen am angestammten Platz ihren Kindergarten, ihre Schule haben, und im Kampf um den Status seiner Landschaft lehnt sich Hans Haid weit aus dem Fenster, um gleich darauf am Platz, den er liebt, die Kraft zu schöpfen, die er dafür braucht.

Hans Haid, 71, ist Volkskundler, Schriftsteller und Heimatdichter. Er lebt auf einem Bergbauernhof im Venter Tal und in Ötztal Bahnhof.

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magische orte

Der fabelhafte see der amelie

Ein Bild von einem Gewässer: Weltklasse-Athletin amelie Kober stellt für den Piburger See sogar das Snowboard in die Ecke. Es war einer seiner genialen Einfälle. Der Herrgott verlegte vor einigen Tausenden Jahren mit ein paar Millionen Tonnen Gneis eine parallel zum Ötztal verlaufende Talfurche. Die solcherart geschaffene Senke füllte sich mit Wasser. Das ist, im historischen Zeitraffer, die Geschichte des Piburger Sees. Er liegt inmitten von Felsblöcken und Findlingen, auf denen sich Moos und Farne breitmachten. Ein außerordentlich hübsch anzusehendes Kind der Natur ist er. Manche meinen sogar, der schönste Fleck des Ötztals. Für die Bewahrung der jadegrünen Pracht wird einiges getan. So ist der Piburger See heute das wohl am besten geschützte Gewässer Tirols. Er genießt den Status eines Naturdenkmals und Landschaftsschutzgebietes, am Ufer gilt ein Seenschutzbereich. Das Institut für Zoologie und Limnologie der Universität Innsbruck wacht über das Wohlergehen von Wasser, Fauna und Flora. Dem See tun diese Beschränkungen gut. Bitte nicht falsch verstehen. Besucher sind hier durchaus willkommen – mit Maß und Ziel. Von Oetz führt ein Wanderweg herauf, mit dem Auto gelangt man bis zum nahe gelegenen Weiler Piburg. Dort muss der Kraftwagen allerdings warten, bis seine Besitzer vom Spaziergang rund um den 13 Hektar großen See zurückkehren. Oder aus der Badeanstalt, die für jene eingerichtet wurde, die der Versuchung des 24 Grad Celsius warmen Wassers nicht widerstehen können. Auch Ruderboote gibt es zum Ausleihen. Gut möglich, dass in einem Amelie Kober sitzt. Die bayerische Top-Snowboarderin trainiert, sooft sie kann, am

Der Piburger See Das wohl am besten geschützte Gewässer Tirols: Er ist Naturdenkmal und Landschaftsschutzgebiet.

amelie Kober Gletscher in Sölden. Vor einigen Jahren hat sie das Tal erstmals in der warmen Jahreszeit besucht. „Das war ein echtes Erlebnis. Der Sommer im Ötztal hat mich fast noch mehr beeindruckt als der Winter“, erzählt die Gewinnerin des Snowboard-Disziplinenweltcups. Den Piburger See mag sie wegen seiner landschaftlichen Schönheit. Und weil man ihn auch mit dem Mountainbike umrunden kann. „Denn eigentlich bin ich niemand, der stundenlang im Wasser rumplanscht. Aber dieser Ort ist so schön, dass ich eine Ausnahme mache.“

Amelie Kober, 22, ist das Aushängeschild der deutschen Snowboard-Race-Szene. Die Oberbayerin ist Gewinnerin einer Olympia-Silbermedaille und des Disziplinenweltcups 2009 im Parallel-Riesentorlauf. In Sölden bereitet sie sich regelmäßig auf die Rennsaison vor.

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schlagwort

wildspitze 01.2009

B E I K AU F 3 TA G E EST G R AT I S T


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8 fragen

warum haben sie ein leben lang gesammelt, herr Jäger? Acht Fragen an hans Jäger, Leiter des Turmmuseums Oetz. Auskünfte über Kunst in den Alpen, den künstlerischen Blick auf die Berge und das Interesse der Tiroler an ihrer Vergangenheit.

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Herr Jäger, Sie haben 2004 das „Turmmuseum“ in Oetz ins Leben gerufen. Ist das nicht außergewöhnlich viel Arbeit für eine Privatperson? Ich bin ein Sammler, ein Augenmensch. Ich bin vor 72 Jahren in Oetz geboren, und ich sitze immer noch da. In meinem Leben habe ich Belegstücke für die Geschichte dieses Tales zusammengetragen, die es wert sind, dass man sich an sie erinnert. Für Ötzer Verhältnisse bin ich ein Sonderling, aber meine stärkste Waffe war es immer, um Sachlichkeit bemüht zu sein. Das heißt: Ich baute meine Bibliothek auf – im Moment stehen in meinem Haus 124 Laufmeter Bücher, wie der Kunstkataster erhoben hat –, und ich habe diese Bücher auch gelesen. Wie schnell ist Ihre Sammlung entstanden? Es steckt ein ganzes Leben dahinter. Und ziemlich viel Durchhaltevermögen. Ich bin ein Bibliomane, und ich war zeit meines Lebens ein sehr aktiver und kritischer Mensch. Zum Sammeln fühlte ich mich geradezu verpflichtet. Schließlich bin ich der Einzige im Dorf, der die dafür nötige Kennerschaft besitzt. Was sind die Schwerpunkte der Sammlung? Ich habe mich auf Kunst und Landesgeschichte konzentriert: Fotografie, Grafik und viele Ölbilder. Ein Schwerpunkt dieser Bilder liegt wiederum im 19. Jahrhundert, als zahlreiche Maler aus Dresden, Berlin und München nach Oetz kamen und in der „Post“ abstiegen. Georg Engelhardt (1823-1883) und Carl Hummel (1821-1907) waren nur die Bekanntesten von ihnen. Sie verbrachten mit ihren Familien den Sommer bei uns. Es war eine regelrechte Malerkolonie im Ort. Zuerst, von 1770 bis 1790, haben die Engländer auf dem Weg in die Schweiz das Tiroler Oberland bzw. Oetz gestreift, dann die Maler des Erzherzogs Johann, schließlich die großen Deutschen. Kam die Kunst immer von außen in das Ötztal hinein? Nein. Der größte Künstler des Ötztals war Matthias Bernhard Braun, ein Barockbildhauer, der 1684 in Sautens geboren wurde. Er war, was man heute einen „internationalen Künstler“ nennen würde. Er verließ das Tal bereits früh und kam bald nach Prag, wo er berühmte Statuen, zum Beispiel die der heiligen Luitgard auf der Marienbrü-

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VALERIE ROSENBURG

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cke, schuf. Er war bekannt und reich und blieb in Prag. Ich bin seinen Spuren selbstverständlich gefolgt. Sie haben die Objekte Ihrer Sammlung zuerst in Ihrem Haus, am Ortsrand von Oetz, ausgestellt. Ja. Mein Haus war mein erstes Museum, die „Galerie zum alten Ötztal“ in der Piburgerstraße. Aber es wurde zu klein für die vielen Bilder. Der Turm im Ortskern von Oetz war ideal für das Museum, denn er ist eines der wertvollsten Gebäude im Dorf, eine Sehenswürdigkeit für sich. Oetz hatte eine einmalige Dichte an guten profanen Bauten, wie die besten Orte in Südtirol. Im Turm wohnte eine Landadelsfamilie zwischen einigen Bauernhöfen. Im 15. Jahrhundert wurde der Turm zum Verwaltungssitz für die Ötztaler Güter des Klosters Frauenchiemsee. Aus dieser Periode stammt auch sein heutiges Aussehen, außen und innen. Sehr schön und sehr sehenswert. Was ist das Spezielle am Turm? Die baulichen Details reichen von der Romanik bis zur Gegenwart. Sie wechseln zwischen Zeugnissen von ärmlichen Wohnverhältnissen, wie sie im Mittelalter üblich waren, bis zu großen, hellen Räumen aus der frühen Neuzeit. Das Mobiliar besteht aus bäuerlichen und noblen Stücken, wie es halt bei den schönen Ötzer Häusern üblich war. Die Bilder zeigen Landschaft und Leben des Ötztals? Die frühen Bilder sind religiösen Themen gewidmet. Über die alpine Landschaftsmalerei haben wir bereits gesprochen, sie macht den Kern der Sammlung aus. Die Fotografien wiederum sind nicht nur als künstlerische Äußerungen zu sehen, sondern auch als topographische Beweise. Sind Sie – bei so viel Hinwendung zur Ötztaler Kunst – ein Urtiroler? Sicher, ich bin aber auch frankophon. Mit meinem Hund kann ich französisch sprechen. Der Hund selbst ist ein Schäfermischling namens Flora – ein schöner Name, nicht wahr? Einen Hund, der Cindy heißt, hätte ich nie und nimmer haben können.

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Hans Jäger, 72, geboren in Oetz, gründete das Turmmuseum Oetz 2004. Turmmuseum Oetz, Schulweg 2, 6433 Oetz, Tel.: 05252 20063. www.turmmuseum.at Öffnungszeiten: Di. bis So. 14 bis 18 Uhr, Feiertage geöffnet.


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www.glanzer.at www.trendsport.co.at

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dossier

Die Eroberung der Landschaft

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MUcH HEiSS/ALPinEr KUnStvErLAg, vErLAg c. LAMPE (2), ScHöPF HAnSi PitZE

Zuerst das Wilde, Ungezähmte. Dann greifen außergewöhnliche Menschen zu Seil und Pickel und fordern die höchsten Felsen heraus.

Pioniere bauen Straßen und Seilbahnen. Hotels zaubern den Komfort der Stadt ins Hochgebirge. Ein Panorama des Fortschritts in den Bergen. Von Roman Polak


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wildspitze 01.2009

1900 bis 1950

Zwischen 1817 und 1900 verlor das ötztal ein Drittel seiner Einwohner. Das karge Leben im tal zwang viele, sich in der Ferne Auskommen und Überleben zu sichern. Doch zu Beginn des neuen Jahrhunderts machte man einen Silberstreif am Horizont der eigenen geschichte aus. 1903 wurde die bis nach Sölden führende Straße fertiggestellt. Und auf ihr reisten erstmals mehr Menschen ins tal hinein als hinaus. Die Kunde vom „thale“ und seinen naturschönheiten lockte Briten, Schweizer und Deutsche an. Und die Besucher brachten mit, woran es bisher so sehr gemangelt hatte: geld und Arbeit. Einer der gründerväter dieses Booms war Franz Senn. Der legendäre gletscherpfarrer aus Längenfeld war Mitbegründer des Deutschen Alpenvereins. Er schuf ab 1870 die voraussetzungen für das Aufblühen von Alpinismus und „Fremdenverkehr“. Als Kurator der Pfarre St. Jakob in vent bildete er Bauern zu Bergführern aus, organisierte den Bau von Wegen und Schutzhütten. in Längenfeld entstand mit dem Kurbad zudem ein vorläufer des heutigen Aqua Domes. Ein Prospekt aus dem Jahr 1904 verweist neben „feuchten Einpackungen und Kaltwasserkuren“ auch auf „Magen- und Darm-Ausspülungen“. Derlei exotische Anwendungen beflügelten den Aufschwung wohl weniger als die stetig wachsende Begeisterung für den jungen Skisport. 1911 gründeten die Obergurgler ihren Skiclub. 1912 gab es in Sölden bereits zwölf gasthäuser. Der zarte Wohlstand erhielt in den dreißiger Jahren durch die tausend-Mark-Sperre der nationalsozialisten einen erheblichen Dämpfer. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kam das einst florierende geschäft mit den Urlaubsgästen praktisch zum Erliegen. Doch bereits Ende der vierziger Jahre knüpften die umtriebigen ötztaler wieder da an, wohin sie ihr praktischer instinkt schon Jahre zuvor geführt hatte.

Pionierzeit. Postkarten aus den Zeiten, als Fremdenverkehr noch die Ausnahme, nicht die Regel war

MUcH HEiSS´ nAcHFOLgE/ALPinEr KUnStvErLAg (2)

Bittere Armut. nicht anders lässt sich beschreiben, worauf die Menschen des Ötztals zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurückblickten.


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BErnHArD BErg, PHOtO WErnEr LOHMAnn (2), vErLAg DEr BUcHHAnDLUng J. griSSEMAnn, vErLAg c. LAMPE (2), vErLAg PUrgEr

Staunen in Farbe. Farbfotografie und Eroberung der Landschaft begleiteten einander

Glaube, Liebe, Hoffnung. Die Traditionen im Tal waren intakt. Dazu z채hlte freilich, dass die Kinder nur am Sonntag Schuhe trugen

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Tourismus alt. Das Erobern der Berge mit Skiern, Fellen und Muskelkraft als schöne Selbstverständlichkeit

Die Fünfziger

vorbei die Zeiten, da durchgeschwitzte Flanellhemden die voraussetzung für Abfahrten durch Pulver und Firn waren. Der Bau dreier Sessellifte markiert den Beginn der großen Wintersportrevolution im ötztal. Hans Falkner errichtet mit seinen Mitstreitern den ersten Lift von Sölden nach Hochsölden, Angelus Scheiber jene von Obergurgl auf den gaisberg und die Hohe Mut. in wenigen Minuten schweben Urlaubsgäste von da an die Berge hinauf. Das An- und Abfellen der tourenskier ist Schnee von gestern. Ein Avantgarde-Sport entwickelt sich endgültig zur Massenbewegung. Tourismus neu. Mit dem Lift von Obergurgl auf den Gaisberg wird am Talschluss das Sesselliftzeitalter eingeläutet

rÜBELt, LOtHAr/OnB BiLDArcHiv/PictUrEDESK.cOM

Maschinen- statt Muskelkraft: die sessellift-epoche steht am Anfang eines wirtschaftswunders.


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chronik

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Das Wagnis. Der Bau einer Seilbahn von Sölden auf den Gaislachkogl galt selbst den wohlmeinendsten Beobachtern als enormes unternehmerisches Risiko. Seilbahnunternehmer Hans Falkner wagte – und gewann

Die Sechziger

crEDit

Auf in neue sphären: der Bau der Gaislachkoglbahn öffnete dem Underdog sölden den eintritt in den elitären club der großen tiroler wintersportorte. ein ehrgeiziges projekt mit anfangs ungewisser zukunft. „Jetzt habe ich dich immer für einen gescheiten Menschen gehalten, und dann machst du so einen Blödsinn.“ Franz Denggs Kommentar war eindeutig. Der spätere Seilbahnpionier aus dem Zillertal räumte dem jüngsten Wurf seines ötztaler Freundes keinerlei Erfolgschancen ein. Hans Falkner, vulgo Buggls Hans, hingegen war überzeugt von seinem Projekt. Der gaislachkogl sollte zum zweiten großen Skiberg Söldens ausgebaut werden, das einstige Bergbauerndorf endgültig aufsteigen in die erste riege der tiroler Ski-Klassiker wie Kitzbühel und St. Anton. 1966 begann der Bau einer Pendelbahn auf den 3.058 Meter hohen gipfel. Eine unglaubliche technische Herausforderung. Ausgesetztes steiles gelände musste bebaut, Abfahrtsschneisen in den Fels gesprengt werden. Und über allem die bange Frage: Würden die gäste die neuen Pisten annehmen, würde die rechnung aufgehen? Selbst der Söldener gemeindearzt lästerte, man werde die Menschen wohl nur mit dem Hubschrauber von dort oben runterbringen. Der unbeirrbare, aber stets nüchtern kalkulierende Hans Falkner war sich des risikos bewusst. in späteren Jahren räumte er ein, dass der Bau der gaislachkoglbahn wohl die riskanteste Entscheidung seines unternehmerischen Lebens gewesen sei. Zwei Jahre nach der Eröffnung feierten die Bergbahnen Sölden den umsatzstärksten tag ihrer damals noch jungen geschichte. Es sollten noch viele weitere solcher rekorde folgen. im Winter 2010 geht eine neue gaislachkoglbahn in Betrieb.


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Die Siebziger

Als das eis noch ewig war und der pioniergeist ungebremst: der Bau einer Gletscherschaukel ermöglichte Anfang der siebziger Jahre 365 tage im Jahr skilauf. Allerheiligen 1975. in ganz Sölden gibt es kein Brot mehr, die Fleischvorräte sind aufgebraucht. Seriöse Schilderungen von Zeitzeugen lassen auf eine Hungersnot oder zumindest auf wirtschaftlich problematische Zeiten schließen. Der historisch verbriefte versorgungsengpass war einem Bericht des Bayerischen rundfunks geschuldet. Ein mehrminütiger Fernsehbeitrag (in Farbe!) zeigte das training der deutschen Ski-nationalmannschaft auf dem rettenbachferner. Die Folge: ein Massenansturm von Skigästen mitten im Herbst. niemand war darauf vorbereitet. Zwei Jahre zuvor erst bahnten Baggerschaufeln die letzten Meter einer 13 Kilometer langen Straße zum gletscher. Erste Liftanlagen entstanden. 1981 folgte das Skigebiet am tiefenbachferner. Für die verbindung zum rettenbach sorgte der höchstgelegene Straßentunnel Europas.

Das ganze Jahr Winter. Das Erschließen der Gletscher ermöglichte plötzlich allen begeisterten Skifahrern, auch außerhalb ihrer Winterferien Ski fahren zu gehen. Die Basis dafür legten die Techniker des Gebirgsstraßenbaus

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1979

skirennen auf dem Gletscher oder wie sölden zum Fixpunkt des weltcup-kalenders wurde.

Sölden im Winter. Bereit für Großereignisse aller Art

Profirennen in Sölden. Vorstufe der heutigen Weltcup-Klassiker

in den siebziger Jahren zählte der heutige Schlagerstar Hansi Hinterseer zu den besten Läufern im Slalom und riesenslalom. 1974 gewann er bei der Ski-WM in St. Moritz Silber. nach drei verkorksten Saisonen kehrte er mit 24 Jahren dem Weltcup-Zirkus den rücken, allerdings nicht dem Skisport. Er startete bei der World Pro Skitour, einer Konkurrenz-Serie des FiS-Weltcups, die bis Mitte der achtziger Jahre existierte. 1979 ging Hinterseer im rahmen der Profi-rennen beim legendären tyrolia cup in Sölden erstmals an den Start. Sein erbittertster Konkurrent damals: Andre Arnold aus Sölden (Bild rechts). trotz zweier Einzelwertungs-triumphe in der Abfahrt musste sich Hinterseer in der gesamtwertung zweimal dem ötztaler geschlagen geben. Arnold gewann den titel Profi-Skiweltmeister insgesamt viermal. Sölden wiederum sammelte die nötige Erfahrung für zukünftige skisportmäßige großereignisse. Etwa für den Pirelli-cup, ein Einladungsrennen für Amateure. Alberto tombas Stern ging hier auf oder auch jener von Franck Piccard, dem dominierenden Abfahrtsläufer in der ersten Hälfte der neunziger Jahre. 1993 hatten die Sölder schließlich, was sie über die Jahre anstrebten. ihr eigenes Weltcup-rennen, das seit mehreren Jahren die rennsaison eröffnet.

PrESSEBiLDAgEntUr vOtAvA (2)

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Lokale und nationale Prominenz in der Ötztal-Arena. Erste Reihe fußfrei bei der Eröffnung der neuen Gaislachkoglbahn, u. a. von r. Landeshauptmann Alois Partl, Bundeskanzler Franz Vranitzky, Alt-Landeshauptmann Eduard Wallnöfer, SPÖ-Tirol-Vorsitzender Hans Tanzer und Landesrat Franz Kranebitter

Die Achtziger

„den schnee, auf dem wir alle talwärts fahren, kennt heute jedes kind“. Falco, 1980. Leggings, Dauerwelle und neon-Overalls vergällen vielen Menschen noch immer dieses bunte Jahrzehnt. Dabei kamen von 1980 bis 1989 auch Dinge in Mode, die bis heute nützlich sind. Etwa die Beschneiung von Skipisten mit dem so genannten „Kunstschnee“. Die mechanisch und pünktlich herstellbare Pracht in Weiß machte ein Phänomen schier vergessen: die schlaflose nacht der tourismusmanager. Künstlich ist am Schnee aus der Kanone übrigens nichts. Das Wasser zu seiner Herstellung muss trinkwasserqualität haben, eine weltweit einmalige vorschrift. im ötztal bemerkt man früh den nutzen dieser technik. Alleine in Sölden stehen heute rund 250 Beschneier im Einsatz. Und ach ja: Auch Seilbahnen wurden gebaut. Mit der Festkoglbahn in Obergurgl und der neuen gaislachkoglbahn in Sölden zwei technische Unikate der damaligen Zeit.

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Legendär: Die Fundstelle des Ötzi im Similaun

es wächst zusammen, was zusammengehört.

viel los im ötztal. ötzi wird am Hauslabjoch gefunden, reinhold Messner taucht auch zufällig auf. Der „ötztaler“ mutiert zum kultigsten radmarathon der Alpen mit tausenden teilnehmern. Die Skigebiete von Obergurgl und Hochgurgl reichen sich mittels top-Express die Hand. Sölden baut sein „golden gate to the glacier“, die verbindung zwischen dem giggijoch und dem rettenbachferner. Und am 31. Dezember 1999 wird der digitale Weltuntergang doch noch auf ein anderes Jahrtausend verschoben. trotz funktionsfähiger Lifte war am vormittag des 1.1.2000 wenig los auf den Skipisten des tals. Warum wohl? Der „Millennium-Bug“ war’s jedenfalls nicht …

Ötztal Classic Oldtimerrallye. Der Buckelvolvo auf Gletscherniveau

Ötztal Radmarathon 2008. Amateure und Profis müssen vier Alpenpässe überwinden

HAUKE DrESSLEr /LOOK-FOtO , BErnHArD SPöttEL, tOUriSMUSvErBAnD ötZtAL

Die neunziger


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2004

Begegnungen der dritten Art im Ötztal? nein, nur der eintritt in ein neues erlebniszeitalter. Entwarnung für fiebrige Ufo-Phantasten: in Längenfeld landete mit dem Aqua Dome ein Objekt, das vielmehr der Ent- denn der Anspannung dient. Dabei sind die futuristischen Schalenbecken der tirol therme durchaus der richtige Ort, um vorübergehend abzuheben aus dem Alltag. im 36 grad celsius warmen thermalwasser, fünf Meter über dem Erdboden und mit Blick auf die dramatische Bergkulisse ringsum.

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Aus dem Bunten Bauernkalender der „wildspitze“ Von Markus Roost

„Der Bauer liebt das fette Schwein, denn etwas Speck muss immer sein!“

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Dezember 2010. Gaislachkogl Sölden.

Künftig erschließen zwei neue Seilbahn-Systeme aus dem Hause Doppelmayr Söldens herausragenden Skiberg. Beide Anlagen versprechen architektonische Blickfänge mit betont hellen und freundlichen Stationsgebäuden. Und seilbahntechnische Einzigartigkeit: Die 1. Sektion bis zur Mittelstation wird von einer Einseilumlaufbahn erschlossen. Von der Mittelstation führt anschließend eine 3-S-Bahn auf den Gipfel des Gaislachkogls. Eine Investition für mehr Komfort und mehr Erlebnis.

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Als Alfred Hitchcock in Obergurgl einen Krimi drehte Seite 40. Die Ötztal-Studien des Malers Albin Egger-Lienz Seite 42. Die Bruchlandung des Pioniers Auguste Piccard auf dem Gurgler Ferner Seite 44. Moderne Architektur in den Bergen Seite 46. Pflanzen, die nur im Ötztal vorkommen Seite 48. Der moderne Werkstoff Schafwolle Seite 50. Raoul Schrotts Gedicht über die „Wildspitze“ Seite 52.


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DAS GEHEiMniS DES BERGADLERS Die Filme, die ihn auf der ganzen Welt berühmt machen sollten, hatte Alfred Hitchcock noch nicht im Kasten, als er im Jahr 1925 nach Tirol kam, um hier Außenaufnahmen für seinen zweiten Film „The Mountain Eagle“ zu drehen. Leider war dieses Frühwerk nicht so erfolgreich wie „Psycho“, „Vertigo“ oder „Die Vögel“. Nur so ist zu erklären, dass der Film seit Jahrzehnten verschollen ist. Erst durch Nachforschungen von Christian Flatz im Auftrag von Cine Tirol wurden neue Details über die Dreharbeiten und den Film bekannt. Einer kleinen Postkarte war es zu verdanken, dass Alfred Hitchcock 1925 das Tiroler Ötztal für seine Dreharbeiten auswählte. Da in England zu wenig Geld für Filmproduktionen vorhanden war, wurde Hitchcock für zwei deutsch-britische Koproduktionen engagiert. In den Emelka-Studios in München-Geiselgasteig sollte er seinen erst zweiten Film „The Mountain Eagle“ inszenieren. Für die Außenaufnahmen suchte er nach einem kleinen, romantischen Dorf in einer unberührten Bergwelt. Während der Vorbereitungen in München entdeckte Hitchcock in der Auslage eines Geschäfts eine Postkarte. Er fragte den Ladenbesitzer, wo denn das Dorf auf der Postkarte läge. „Obergurgl in Tirol“, antwortete dieser. Hitchcock machte sich mit seinem deutschen Assistenten sogleich auf den Weg dorthin. Mit dem Zug nach Innsbruck und dann mit

Der Meister im Schnee. Ein etwas übellauniger Hitchcock mit Hund im Winter von Obergurgl

einem offenen Wagen über sieben Stunden ins Ötztal und von dort noch einmal zweieinhalb Stunden zu Fuß nach Obergurgl. Die beiden waren sich eigentlich schon einig, dass unter diesen Transportbedingungen kein Filmteam arbeiten konnte. Doch als sie Obergurgl erreichten, zeigte sich Hitchcock fasziniert. Er hatte gefunden, wonach er suchte. Ein kleines, idyllisch gelegenes Dorf mit schneebedeckten Bergen und grünen Wäldern fernab jeder modernen Zivilisation. „The Mountain Eagle“ (dt. Der Bergadler) erzählte eine etwas seltsame Geschichte über ein Dorf in den Hügeln von Kentucky: Der Ladenbesitzer Pettigrew liegt im Streit mit dem Einsiedler Fear O’God. Als die Dorflehrerin die Annäherungsversuche von

Filmgeschichte. Originalplakate von Alfred Hitchcocks großen Kinoerfolgen „Psycho“, „Vertigo“ und „Die Vögel“

Pettigrew zurückweist und in die Berge flüchtet, nimmt Fear O’God sie bei sich auf. Um sie zu schützen, heiraten die beiden. Nach einigen Verwirrungen kommt Pettigrew bei einem Unfall um, und das Paar findet zu einem glücklichen Leben. Im Oktober 1925 begann Alfred Hitchcock mit seinen Dreharbeiten. Später beschrieb er in einem Interview die Probleme, die dabei auftraten. Nach der beschwerlichen Anreise in das Ötztal und dem Aufstieg nach Obergurgl suchte Hitchcock mit seinem Kameramann sofort die ersten Einstellungen für die Außenaufnahmen aus. Doch als sie am Morgen aus dem Fenster ihrer Unterkunft blickten, lag eine dichte Neuschneedecke auf den am Vortag noch grünen Wiesen und Wäldern. Also entschloss er sich noch am selben Tag für den Abstieg nach Umhausen. Nun sollten dort die Aufnahmen gemacht werden. Doch am nächsten Tag lag auch hier Neuschnee. Der starke Schneefall zwang die Filmcrew zu Untätigkeit. Hitchcock hatte einen ganzen Sack Zitronen mitgebracht, und so musste er wenigstens nicht auf seine geliebte Limonade verzichten. Nach vier Tagen legte sich der Schneefall, doch Hitchcock war verzweifelt. Das ganze Tal lag unter einer dichten Schneedecke. Er musste etwas unternehmen: „Hier half nur noch eine Sache: Wir mussten Tauwetter produzieren. Ich sprach mit den vier Männern, die die Freiwillige Feuerwehr von

„Je gelungener der Schurke ist, desto gelungener ist der Film“ Alfred Hitchcock

COURTESy OF THE ACADEMy OF MOTION PICTURE ARTS AND SCIENCES

Kino. Die Story des Films ist mysteriöser als der Film selbst. Die Fakten: 1926 dreht der große Alfred Hitchcock in Hochgurgl den Thriller „Der Bergadler“. Der Film floppt. Dann löst sich der Film in Luft auf. Von Johannes Koeck und Christian Flatz


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PICTUREDESK/ORF-PHOTOGRAPHIE (3), THE RONALD GRANT ARCHIVE

Alfred Hitchcock (rechts), bei den Dreharbeiten zum „Bergadler“, 1927. Neben Hitchcock: seine spätere Frau Alma Reville. Dahinter Kameramann Gaetano Ventimiglia

Umhausen bildeten, und überzeugte sie davon, dass sie mit ihrer Feuerwehrpumpe den Schnee wegwuschen.“ Die Feuerwehrleute richteten nun tatsächlich ihre Handpumpe auf das Dorf und befreiten Dächer, Bäume und Boden vom Schnee. Doch eines der Häuser schien ein undichtes Dach zu haben – die Bewohnerin beschwerte sich bitterlich über die Sturzbäche in ihrem Heim. Der Bürgermeister forderte einen Schilling Entschädigung für die Frau. Hitchcock gab ihr zwei. „Wenn ich ihr zehn gegeben hätte, dann hätte ich das ganze Tal überschwemmen können, so hat sich die Frau gefreut.“ Auf dem schmalen, vom Schnee befreiten Flecken

ScHLAGWORT

Land konnte Hitchcock nun seine Aufnahmen fertigstellen. Als wir mit der Suche nach dem Film „The Mountain Eagle“ begannen, hörte man im Ötztal das Gerücht, Hitchcock sei zwar hier gewesen, habe aber nicht gedreht. Ein Anfall von Übelkeit habe ihn veranlasst, vorzeitig wieder abzureisen. Wie die meisten Gerüchte enthält auch diese Geschichte einen wahren Kern. Tatsächlich erlitt Hitchcock während einer Drehpause einen länger andauernden Anfall von Brechreiz. Doch hinderte ihn das nicht daran, die Filmaufnahmen im Ötztal fertigzustellen. Später interpretierte Alfred Hitchcock diesen Anfall als Reaktion auf die Tiroler Gutturallaute. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder von englischsprechenden Menschen umgeben zu sein, obwohl er selbst gut Deutsch sprach. „The Mountain Eagle“ gilt heute als einer

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der weltweit meistgesuchten Filme. Nach den ersten Vorführungen 1927 verschwand er rasch aus den Kinos, und während von allen anderen Hitchcock-Filmen noch Kopien vorhanden sind, ist „The Mountain Eagle“ bis heute verschollen. Es existierten lediglich sechs Fotografien von den Dreharbeiten zu diesem Film. Diese sind im Besitz der Nachfahren des damaligen italienischen Kameramanns Baron Gaetano Ventimiglia. Nach weiteren Recherchen tauchten Standbilder vom Film selbst auf, dabei wurden auch neue Fotos von den Dreharbeiten im Ötztal gefunden – Cine Tirol konnte diese Bilder nun erstmals präsentieren. Ob jemals noch eine Kopie vom Film selbst auftauchen wird, bleibt indes ungewiss. Johannes Koeck ist Leiter der Cine Tirol. Christian Flatz ist Mitarbeiter des Bergfilmfestivals St. Anton am Arlberg

Auch Ötzi wird zum Filmstar. Standfotos aus dem Fernsehfilm „Der Ötztalmann und seine Welt. Das Jahr, bevor er schlief“ von Kurt Mündl. Deutschland/Österreich/USA 1999


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„Der Totentanz von Anno neun“ (1908). Das drastische Bild war ein Auftrag zum 60. Regierungsjubiläum von Kaiser Franz Joseph und sollte den Tiroler Freiheitskampf von 1809 zum Inhalt haben. Es wurde als Provokation empfunden und verhinderte, dass Egger-Lienz Professor an der Akademie der Bildenden Künste wurde

LEOPOLD MUSEUM WIEN

Das Ötztal als Motiv für den Maler. „Almlandschaft im Ötztal“ (oben) entstand 1911, Ergebnis langer Aufenthalte des Künstlers in Längenfeld


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KULTUR

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„icH MALE MEnScHEn, KEinE BAUERn“

MUSEUM SCHLOSS BRUCK/LIENZ

Kunst. Der Maler Albin Egger-Lienz und die Kunst am Ort ihres Entstehens: Porträt eines Künstlers, der geliebt und gehasst wird, aber niemanden kaltlässt. Von Horst Christoph

Seit fünf Jahren hatte der Osttiroler Maler damals fast jeden Sommer mit seinem gesamten Material an Farben, Pinseln und Leinwänden im mittleren Ötztal verbracht und dort einige seiner wichtigsten Bilder gemalt: „Totentanz von Anno neun“, „Bergmäher“, „Sensendengler“ und „Bergraum“. Das Ötztal war für den bedächtigen Künstler eine Liebe auf den zweiten Blick. Schon 1904 war der damals 36-Jährige kurz in Umhausen und Längenfeld gewesen, um nach einem sommerlichen Malplatz Umschau zu halten, hatte dann aber Südtirol den Vorzug gegeben, 1906 nahm er sich mehr Zeit. Er durchwanderte das Ötztal in seiner ganzen Länge und wählte schließlich Längenfeld als Aufenthalts- und Arbeitsort: „der Mittelpunkt des Thales, der größte Ort u. daher viel zu sehn für mich“, notierte er. Er mietete für sich und seine Familie Quartier im Gasthaus zur Rose. „Alle andern Gasthöfe od. Häuser sind schon ganz für den Fremdenverkehr eingerichtet“, schrieb er, „dagegen sind dies einfache Leute, wie Bauern, auch macht alles einen reinlichen Eindruck.“ Der Zeitpunkt des Beginns seiner Sommerfrische in Längenfeld war, wie sein wichtigster Interpret Wilfried Kirschl erkannte, nicht zufällig. In Lienz, seiner Heimatstadt, die er seinem bürgerlichen Namen Egger hinzugefügt hatte, lag sein Vater im Sterben. Eine Landschaft, die die Wahrnehmungen seiner Osttiroler Heimat, die rauschenden Lawinen im Spätfrühling,

Egger-Lienz, im Selbstporträt von 1926. Das Ötztal rief in ihm Erinnerungen an die Heimat herauf, ohne die Schmerzen

die dampfende Erde, den Föhnwind und den Schnee auf den Bergen ohne die schmerzlichen Familienerinnerungen wachrufen konnte, war das Ötztal. Hier, in Längenfeld, fand er auch ideale Arbeitsbedingungen vor. Eine alte Pestkapelle stand ihm als Bilderlager zur Verfügung, und gleich daneben, zwischen zwei Heustädeln,

Turmmuseum Oetz Die beste Adresse für Kunstgenuss im Ötztal ist das von Hans Jäger geleitete Turmmuseum in Oetz (siehe auch Interview Seite 17). www.turmmuseum.at

fand er den idealen Platz für sein Freilichtatelier. Die Gitterstruktur der hölzernen Scheunen bildete auf vielen Bildern den Hintergrund, so auch auf Eggers Selbstporträt von 1911. Die Landschaft des mittleren Ötztals, der Kontrast zwischen dem ebenen Haupttal, den steilen Nebentälern und den sich darüber weitenden Almflächen hatten es dem Maler angetan. So entstand eines der faszinierendsten Landschaftsbilder der modernen Malerei, „Bergraum“, 1911, ein Tiefblick ins Sulztal, ganz konträr zu den üblichen Landschaften, in deren Mittelpunkt der Gipfel steht, gemalt in erdigen Brauntönen, nicht mehr in Öl, sondern in der freskohaften Kaseintechnik, mit der er gerade zu experimentieren begonnen hatte. Zeit seines Lebens hatte Egger mit dem Vorwurf des „Bauernmalers“ zu kämpfen. Gerade die Ötztaler Bilder aber zeigen, dass es ihm nicht um Bauerntypen ging, sondern um Menschen in elementaren, schicksalhaften Situationen. Diese fand er in den herben Gesichtern seiner Längenfelder Modelle wie Aemilie Auer oder Ehrenreich Brugger, die er 1910 in den Bildern „Mann und Weib“ und „Leben“ eindrucksvoll darstellte. Alle Menschen in Eggers Bildern der Ötztaler Jahre, von den „Ruhenden Hirten“ über den „Weihbrunn sprengenden Bauern“ bis zum Buckligen im „Totentanz“, sind Längenfelder. Nur für den nackten Teufel in „Sämann und Teufel“ stand ihm kein Einheimischer zur Verfügung. Den musste er in Wien nachmalen.

1-Schilling-Münze Der „Teufel“ von Egger-Lienz wurde 1947 als Motiv auf die 1-SchillingMünze geprägt. Die Reaktionen waren, freundlich gesagt, geteilt.


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KULTUR

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ALS AUF DEM GLETScHER EinE LEGEnDE LAnDETE Wissenschaft. Auguste Piccard war Wissenschafter, Erfinder und Abenteurer. 1931 setzte sein Stratosphärenballon auf dem Gurgler Ferner auf. Eine Rekonstruktion

Als das Luftfahrzeug des Professors am 27. Mai 1931 in Augsburg in die Luft geht, sieht es aus wie eine verschrumpelte Birne. Der Ballon, an dem die kleine, silberne Gondel hängt, ist nicht zur Gänze mit Wasserstoff gefüllt. Der Professor, Auguste Piccard, und sein Assistent Paul Kipfer tragen Körbe auf dem Kopf, die mit Kissen gefüttert sind: so wollen sie sich im Fall einer unsanften Landung vor Verletzungen schützen. Auguste Piccard (1884-1962) war Forscher und Pionier in einer Person. Er wollte hoch hinaus und tief hinunter. In der Höhe wollte Piccard die kosmische Strahlung beobachten, in der Tiefe der Meere galt den Tieren, die in absoluter Dunkelheit leben, sein Interesse. Piccard war Professor für Physik, zuerst in Zürich, dann in Brüssel. Gemeinsam mit seinem Bruder Jean, einem Professor für Chemie, entwickelte er einen Plan, wie man die Stratosphäre, jene Schicht zwischen 15 und 50 Kilometer über der Erdoberfläche, bereisen könnte. Das wäre nur dann denkbar, darüber waren sich die Brüder einig, wenn man den Luftdruck von der Erdoberfläche in die Höhe mitnehmen könnte. Auguste Piccard machte sich ans Werk und konstruierte die erste Druckkapsel der Geschichte. Sie hatte die Form einer Kugel, besaß einen kreisrunden Ausstieg und ein System zum Recycling der verbrauchten Atemluft. Die Kapsel montierte Piccard an einen Ballon, der mit Wasserstoff gefüllt wurde. Wasserstoff ist leichter als Luft, er

Auguste Piccard war der große Abenteurer unter den Forschern. Er erforschte Stratosphäre und Meerestiefen. Seine Bruchlandung auf dem Gurgler Ferner machte weltweit Schlagzeilen.

sollte das Luftschiff in bisher unerreichte Höhen heben. Als Piccard aufbricht, ist er 47 Jahre alt. Er trägt eine runde Brille und einen schmalen Schnurrbart. Seine Haare bilden kleine Pakete über den Ohren, so dass Piccards hohe Stirn besonders gut zur Geltung kommt. Das Fahrzeug hebt ab, auch wenn der

Dr. Piccard starb 1962. Als „Professor Bienlein“ lebt er bei „Tim und Struppi“ weiter.

Ballon noch nicht vollgepumpt ist. Die Falten haben System: der Wasserstoff wird sich bei schwindendem Luftdruck ausdehnen. Als der Ballon die Stratosphäre erreicht, ist er eine pralle Kugel. Doch in der Kapsel wird nicht gefeiert: ihre Wand hat ein Leck. Beim Abladen war die Metallkugel vom Transporter gefallen, doch hatte niemand den Riss im 3,5 Millimeter dicken Aluminiumblech der Außenwand festgestellt. Piccard und sein Assistent stehen vor der Gewissensfrage: Sollen sie das Leck provisorisch abdichten oder die Reise in die Stratosphäre abbrechen? Sie entscheiden sich dafür, Dichtungsmaterial in den Riss zu stopfen – und sie hätten gar keine andere Wahl gehabt: das Seil, mit dem das GasAblassventil betätigt wird, hat sich bei der Abfahrt verwickelt und kann nicht mehr betätigt werden. Die Kapsel steigt und steigt. Ihre Insassen wissen nicht, wie sie ihr Gefährt wieder zum Sinken bringen sollen. Der Wind trägt den Ballon nach Südosten. Er steigt, als würde der Abenteuerschriftsteller Jules Verne eine virtuelle Fernbedienung betätigen, steigt auf eine Höhe, die nie zuvor ein Mensch erreicht hat: 15.785 Meter hoch. In der Kabine banges Warten: der Ballon lässt sich nicht mehr steuern. Piccard und Kipfer rätseln: Wohin wird der Wind uns tragen? Und vor allem: werden die Luftreserven, die nur für wenige Stunden ausgelegt waren, reichen?

1989

wurde dem abenteuerlustigen Professor im Zentrum von Obergurgl ein Denkmal gesetzt. Eine stilisierte Kapsel und das Profil Piccards erinnern an dessen Notlandung auf dem Gurgler Ferner.


KULTUR

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ULLSTEIN BILD/PICTUREDESK.COM

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Um 17 Uhr 50 notiert Piccard in das Bordbuch: „Wir haben nur noch für vier Stunden Sauerstoff.“ Aus der nächsten Eintragung um 18 Uhr 08 spricht bereits aufkeimende Verzweiflung: „Unglaublich, dass der Ballon nicht sinkt.“ Längst schwebt das Luftschiff über den Alpen. Die Sonne verschwindet und mit ihr die Wärme, die den Ballon durch die dünne Luft außergewöhnlicher Höhe schweben lässt. Die „FNRS“ – Piccards Luftfahrzeug war nach den belgischen Financiers der Expedition „Fond National de la Recherche Scientifique“ genannt worden – beginnt zu sinken, in eine Welt aus Stein, aus Eis und Schnee. Gegen 21 Uhr ein Rumpeln, ein Schlag. Der Ballon ist gelandet, er gleitet über

Bilddokumente eines einzigartigen Abenteuers. Nach Piccards Landung auf dem Gletscher wurde die erste Druckkapsel der Welt (u.) von einheimischen Helfern geborgen

unbekannten Grund, bis er schließlich, gebremst vom Stoff des Ballons, zum Stillstand kommt. Piccard vermerkt auch den erleichterten Blick aus der Luke in seinem Bordbuch: „Schönes, unbekanntes Hochgebirge, Gondel und Ballon liegen auf einem Gletscher.“ Der Gletscher ist der Gurgler Ferner. Die nächste Siedlung ist das Bergbauerndorf Obergurgl mit seinen gezählten 14 Höfen. Die drei Gurgler Bergführer Hans Falkner, Hugo Gstrein und Martl Grüner bringen die gestrandeten Wissenschaftler in Sicherheit.

Die spektakuläre Rettungsaktion und die darauf folgende noch spektakulärere Bergung der Kapsel heben Obergurgel in die internationalen Schlagzeilen. Während Piccard bereits seine nächsten Expeditionen vorbereitet, strömen Hundertschaften von Schaulustigen nach Obergurgel, um den Platz von Piccards Rettung zu sehen. Piccard erreichte im Jahr darauf mit einem neuen Ballon 16.940 Meter Höhe, darauf wandte er sich den Meeren zu, deren Tiefen er mit ähnlichen Technologien erkundete. 1960 erreichte er den Boden des Marianengrabens elf Kilometer unter dem Meerespiegel, unerschrocken: als hätte er beweisen müssen, dass Jules Verne mit seinen Fantasien recht gehabt hatte.


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DER HüFTScHWUnG DER FASSADEn Architektur. Wie das moderne Bauen vom Ötztal aus die Alpen eroberte.

Was muss das für ein Eindruck gewesen sein für den Städter, dessen erste Nacht das Rauschen der Ache begleitet hatte, den schon am Morgen das gleißende Licht blendete und der später am Tag das Tropfen des schmelzenden Schnees, das Donnern ferner Lawinen und den warmen Frühlingswind spürte. So ähnlich wird es wohl gewesen sein, wenn ein Gast in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts auf den geschwungenen Balkon des Hotels Gstrein in Vent trat und die Bergwelt mit allen seinen Sinnen aufnahm. Nichts lenkte ihn ab, die Zimmer verschwanden hinter dunklem Holz, das Dorf mit nicht mehr als vielleicht einem Dutzend Bauernhäusern, Kirche und Widum duckte sich auf der Hinterseite des Hotels in den Talgrund, und vorne öffnete sich im Viertelrund des Balkons das Panorama des Alpenhauptkamms. Hans Fessler, ein in Tirol arbeitender Architekt aus Vorarlberg, hatte diesen auf die Gesamtheit der Sinne wirkenden Panoramaeffekt mit einer ebenso einfachen wie effektvollen Fassadendrehung erreicht, einer Drehung im Viertelkreis, innerhalb dessen im Erdgeschoß die Gasträume in Schwung kommen, während in den darüberliegenden Stockwerken die Gästezimmer von Süden nach Westen wandern. Dieser „Hüftschwung“ der Fassade ist keine Erfindung Fesslers. Fast gleichzeitig hat ihn, ebenfalls im hinteren Ötztal, Franz Baumann beim Hotel Hochfirst in Obergurgl angewendet. Dieser Bau kommt, wie

Hotel Hochfirst in Obergurgl Der Schwung der Fassade erlaubt das Sonnen zu unterschiedlichen Tageszeiten

der Architekt in seiner Lagebeschreibung erklärt, „so zu stehen, dass er seine bogenförmige Hauptfront nach Südwesten richtet“. Wie bei Fessler ging es auch hier zum einen um den Blick auf das Bergpanorama, zum andern aber um den sich ändernden Sonnenstand: Am Nachmittag, wenn die Gäste von der Skitour oder der Bergwanderung zurück sind, genießen sie von Terrasse oder Balkon Aussicht und Sonnenstrahlen. Gio Ponti, ein Mailänder Architekt, änderte bei seinem drei Jahre später gebauten, inzwischen leider devastierten Hotel Valmartello in Südtirol die in seinem ursprünglichen Entwurf nach Osten gerich-

Aktuelle, preisgekrönte Architektur Die Supermarktbauten der M-PreisKette (hier die Filiale in Sölden von Architekt Raimund Rainer) sind mit zahlreichen Architekturpreisen ausgezeichnet und ziehen Architekturtouristen aus aller Welt an.

Von Horst Christoph

tete Fassadenkrümmung, indem er sie spiegelverkehrt, der Nachmittagssonne folgend nach Südwesten orientierte. Diese Dynamisierung der Fassade, die sich auch bei Lois Welzenbachers Terrassenhotel am Oberjoch bei Hindelang, bei Siegfried Mazzaggs Seefelder Berghof oder beim Seegrubenhotel Franz Baumanns in Innsbruck findet, war also keine Stilfrage, auch nicht Ausdruck einer bestimmten „Schule“, denn Baumann und Fessler arbeiteten in sehr konträren Ateliers: Ersterer beim „Klassiker“ Lois Welzenbacher, Letzterer beim barocken Clemens Holzmeister. Es war etwas anderes, was damals Architekten verschiedener Generationen und unterschiedlicher Ausbildung erkannten: Die Gesellschaft hatte sich verändert, und mit ihr die Freizeitgewohnheiten. Wo noch um die Jahrhundertwende großbürgerliche Luftkurgäste durch den Talboden von Oetz spazierten und dabei in historisierenden Schlösschen wie dem Hotel Drei Mohren oder dem Posthotel Kassl logierten, hatten deren Kinder inzwischen den Sport in einer Natur entdeckt, der man sich möglichst unmittelbar aussetzen wollte. Nicht zufällig gab es damals nicht nur die konvexe Hotelfassade, die sich wie eine wind- und sonnenhungrige Brust nach vorne wölbt, sondern auch, wie bei Franz Baumanns Erweiterung des Hotels Monte Pana im Grödental, eine konkave: Sie kehrt sich nach innen und gewährt damit einem Außenraum Schutz vor dem Wind.

Tanken mit Geschmack Tankstelle in Ötztal Bahnhof des Architekten Martin Kinzer. Eine Ausnahmegenehmigung des Mineralölkonzerns macht es möglich, außergewöhnliche Architektur außerhalb des Corporate Designs entstehen zu lassen.


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KULTUR

Berghof Seefeld. Die zeitgenössische Architektur drückte neue Freizeitgewohnheiten aus

BERGHOF (2), BUNDESDENKMALAMT INNSBRUCK, IMAGO SPORTFOTODIENST

Berghotel Patscherkofel. Eine gelungene Mischung aus moderner Funktionalität und Behaglichkeit

Hahnenkammbahn von Alfons Walde. Der Maler gab mit seiner Architektur der Eroberungshilfe der Bergwelt eine Heimat: der Seilbahn Hotel Gstrein in Vent. Kühne Behauptung eines Architekten in der Abgeschiedenheit des Bergsteigerdorfes

Schützende Behaglichkeit verströmen auch die Innenräume dieser Hotels. Mit ihrer niedrigen Decke und dem einfachen Kachelofen signalisiert Baumanns Gaststube im Hotel Krone in Umhausen Geborgenheit. Und Skifahrer wie Langläufer dürfen müde sein, wenn sie in der Halle von Mazzaggs Berghof in Seefeld in die tiefen Sessel mit den breiten Armlehnen sinken. Die Architekten kannten die Bedürfnisse der jungen Sportler, nicht umsonst planten sie ja auch die Bauten der neuen Erobe-

rungsgehilfen der Bergwelt, der Seilbahnen: Baumann auf der Innsbrucker Nordkette, Fessler ihm gegenüber am Patscherkofel, Alfons Walde, besser bekannt als Maler denn als Architekt, mit der Talstation der Kitzbüheler Hahnenkammbahn. Und Gio Ponti übertraf mit seinem unerfüllten Traum, Bozen und Cortina d’Ampezzo mit 160 Kilometer Drahtseilbahnen zu verbinden, das heutige „Superski Dolomiti“ bei Weitem. Es war, zwischen den beiden Katastrophen des Ersten und des Zweiten Weltkriegs, eine kurze Zeit der Privatheit –, auch in der Literatur und im frühen Tonfilm. Ernest

Hemingway, der Sportler und Schriftsteller, beschrieb damals, nur ein paar Dutzend Kilometer Luftlinie vom Ötztal weg, in seiner ironischen Kurzgeschichte „Eine Alpenidylle“ die Sonne, den Frühlingsfirn, die Gasthaustische und die merkwürdigen Bräuche der Einheimischen. Und vielleicht waren es ja auch die übermütigen Skispuren in Arnold Fancks Film „Der weiße Rausch“, in denen die Tiroler Hannes Schneider, Guzzi Lantschner und Walter Riml neben Leni Riefenstahl die Hauptrollen spielen, die den Schwung vorgaben, dem die neuen Hotelfassaden folgten.


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KULTUR

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DiE GAnzE WELT FüR EinEn ScHMETTERLinG Zoologie. im Ötztal haben einige seltene und sonst nirgendwo anders vorkommende Tier- und Pflanzenarten ihre Heimat. Von Peter Iwaniewicz Der Begriff „Heimat“ hat eine wechselvolle und teilweise auch – wie der Gipfel der Wildspitze an manchen Tagen – umwölkte Geschichte. Zuerst bedeutete er nur das Recht, auf Grund seiner Geburt in einer bestimmten Gegend Bleibe- und Wohnrecht zu besitzen. Doch schon in der Romantik verloren viele Menschen durch die ökonomisch erzwungene Flucht in die industrialisierten Städte ihre regionale Verankerung, und „Heimat“ wurde zur „Spazierwelt“, also etwas, das man betrachtet, beschreibt, ersehnt, aber nicht mehr besitzt. Dann wurde der Begriff stark national vereinnahmt und mutierte zum „Vaterland“, das nur mehr für Menschen gleicher Geschichte und Abstammung Heimat sein wollte. Erst mit dem Aufkommen der Ökologiebewegung in den achtziger Jahren entwickelte sich ein neues Verständnis von Heimat jenseits wertkonservativer Projektionen im Sinn des Bewahrens eines Natur- und Kulturerbes. Der Rückgang natürlicher Lebensräume und der sie bewohnenden Tier- und Pflanzenarten wurde zu dieser Zeit immer offensichtlicher, und man veröffentlichte die ersten Roten Listen bedrohter heimischer Arten. Doch wen galt es zu schützen? Gab es doch auch „Zuag’reiste“, sogenannte Neobiota, also fremde Arten, die seit der Entdeckung Amerikas und der damit verbundenen Globalisierung plötzlich auch an fernen Orten und Tälern auftauchten und den dort ansässigen Lebewesen Konkurrenz machten. Also begannen unentwegte

Vom milden Klima des Ötztals begünstigt Holarctica cervini

Umweltbewegte, jene „Aliens“ zu jagen, und eine mitunter unschöne Diskussion begann, wer denn nun eigentlich als „echter“ Einheimischer zu gelten hätte. Der entsprechende Fachbegriff „endemisch“, der so viel wie „einheimisch“ (en = innerhalb und demos = Volk) bedeutet, wurde schon 1820 vom Schweizer Naturforscher Augustin de Candolle dazu verwendet, um bestimmte Regionen zu kennzeichnen, die auf Grund besonderer geografischer Barrieren eine eigenständige und nirgendwo sonst vorkommende Flora besaßen. Dies erschien damals aus europäischer Sicht ausschließlich als Phänomen exotischer Inseln, bis man entdeckte, dass hohe Berge für manche Lebewesen aus ökologischer Sicht durchaus auch wie Inseln von einem Meer aus unüberwindlichem Tiefland

Hier spricht der Gletscher Der Künstler Kalle Laar nahm an der Forschungsstation Vernagtbach das Schmelzwasser des Vernagtferner auf und übertrug das Rauschen des Wasser auf die Münchner Telefonnummer 37914058. Das Projekt „verschafft dem Klimawandel Gehör“.

umgeben sind. Und dank seiner zahlreichen Berge besitzt Österreich im Vergleich mit Mitteleuropa die größte Zahl solcher endemischer Arten. Natürlich kümmern sich Pflanzen und Tiere nicht um politische Grenzen und verbreiten sich überall dort, wo es für sie optimales Klima, ausreichendes Nahrungsangebot und wenige Konkurrenten gibt. Das kann der gesamte Alpenraum oder auch nur ein bestimmter Höhenzug sein. Das Ötztal bietet mit seinen hohen Bergen spezielle Lebensbedingungen: Der Tschirgant schützt das Tal vor den kalten Nordwinden, und die Berge im Süden bilden eine Front gegen den Regen, sodass die Gegend von einem bemerkenswert milden und trockenen Klima geprägt wird. Nur hier gedeiht das seltene GrisebachsHabichtskraut (Hieracium sparsum grisebachii), und den seltenen Enzian, den ZwergHaarschlund (Comastoma nanum), findet man zusätzlich auch noch in den Hohen Tauern. Das warme Wetter schätzen auch Schmetterlinsgsarten wie die Gespinstmotte (Kessleria burmanni), die da über der Waldgrenze auf Schutthalden und Steinbrechgewächsen lebt. Manche dieser das Ötztal bewohnenden Insekten kommen auch in anderen Gebieten vor, was ihnen zwar den Status eines regionalen Symbols, nicht aber ihre Besonderheit nimmt. Der Engadiner Bär (Arctia flavia) ist ein begehrtes Objekt unter Schmetterlingssammlern, für den 1850 noch ein ganzes Jahresgehalt bezahlt wurde, weil er nur an einer einzigen, gut gehüteten Stelle gefunden

Augustin de Candolle (1778–1841) war ein von Alexander von Humboldt beeinflusster Schweizer Botaniker und Naturwissenschafter. Auf seine Arbeiten geht der Begriff der „endemischen“ Arten zurück.


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Nur im Ötztal zu Hause 1. Arctia flavia, 2. Comastoma nanum, 3. Standfussiana wiskotti

werden konnte. „Echte“ Ötztaler sind der urtümliche, auf den Gletschervorfeldern lebende Felsenspringer (Machilis gepatschi) und die Baldachinspinne (Abacoproeces molestus), die am Taleingang trockene Kiefernwälder bewohnt.

Allen gemeinsam ist, dass sie durch die Klimaerwärmung stark bedroht sind. Mit steigenden Durchschnittstemperaturen wandern sie Jahr für Jahr weiter bergauf, bis für sie das Ende der Stange erreicht ist. Heimat, so definierten 1854 die Brüder

Fun & Profit

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Grimm in ihrem deutschen Wörterbuch, ist „das land oder auch nur der landstrich, in dem man geboren ist oder bleibenden aufenthalt hat“. Hoffen wir, dass dies für die Endemiten des Ötztals auch so bleibt.


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AM AnFAnG WAR DiE WäScHE

Manufaktur. Wie ein kleines Unternehmen aus traditioneller Schafwolle einen modernen Werkstoff macht.

Im Ötztal leben ungefähr 15.000 Schafe, sie leben gut hier. Die Weiden sind zuweilen steil und unwegsam, dafür von höchster Qualität. Die Mischung aus alpinen Kräutern und saftigem Gras sagt den Tieren zu, und wenn ihre Weiden nicht ergiebig genug sind, werden manche von ihnen von erfahrenen Hirten über das Timmelsjoch nach Südtirol geführt, um dort den Sommer zu verbringen. Doch nicht die Schafzucht ist das erstaun-

lichste Gewerbe dieses Landstrichs, sondern vielmehr das, was mit der Wolle dieser Schafe geschieht. In Umhausen, zwischen Oetz und Längenfeld im unteren Drittel der Talschaft gelegen, produziert eine Handvoll Menschen traditionelle und gleichzeitig höchst zeitgemäße Produkte aus Schafwolle. Wir kennen zwar aus eigener Anschauung das bemitleidenswerte, nackte Schaf, das nach der Schur wieder ins Leben auf der

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Gewinnung und Verarbeitung von Schafwolle Im Schafwollzentrum Ötztal wird Schafwolle gewaschen und gekämmt. Vorraussetzung dafür, dass die Wolle Form annehmen kann, ob traditionell (l.o.) oder modern (re.)

Weide zurückfinden muss, und wir kennen die traditionellen Schafwollpullover, die in den Regalen der Trachtenfirmen liegen. Aber wir wissen nichts über das Dazwischen, über den geheimnisvollen Vorgang der Transformation. Diese Transformation beginnt mit einem scheinbar simplen Vorgang: der Wäsche. Das Ötztaler Schafwollzentrum, gegründet 1938 (www.schafwolle.com), war die ersten elf Jahre lang nur mit Flachsverarbeitung beschäftigt, und verlegte sich seit 1950 auf die Wollwäscherei (und anschließende Verarbeitung der gereinigten Wolle). Damit stehen die Ötztaler im gesamten Alpenraum einzigartig da: die nächsten vergleichbaren Betriebe finden sich in Belgien und Großbritannien. Das Waschen von Schafwolle beschreibt

„Transhumanz“ Wenn im Sommer die Schafe über den Pass ins Italienische ziehen, handelt es sich dabei um „Transhumanz“, die im Ötztal nach wie vor praktizierte Wanderviehwirtschaft. Seit der Frühgeschichte werden Tiere so gehalten, freilich nur noch an wenigen Plätzen in der Welt. Wenn der Hirte im Sommer mit den Schafen über das Himmelsjoch geht (l.), ist das ein Ereignis außerhalb unserer Zeit.


MARKUS BSTIEHLER (2), KRIEGER/PICTUREDESK.COM

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Joachim Regensburger, der den Betrieb mit seinem Vater und vier Mitarbeitern bespielt, als „heiklen und aufwändigen Prozess“. Zuerst muss die Wolle nach Qualitäten und natürlichen Farben sortiert werden. In einer großen Maschine, einer Art sensibler Waschstraße, wird die Wolle in einigen Schritten vom groben Schmutz befreit, wobei die Herausforderung darin besteht, das Material trotz der hohen Wollwaschtemperatur von 65 Grad nicht verfilzen zu lassen. Filz entsteht, wenn Feuchtigkeit, Wärme und Druck zusammenspielen. Für das Wollwaschen sind Feuchtigkeit und Wärme logische Voraussetzungen. Der Druck hingegen wird durch die eigens entwickelte Technologie entscheiden verringert, so dass die Wolle sauber – und als Wolle – die Waschstraße verlassen kann. Nun wird sie mit warmer Luft getrocknet, im nächsten Durchlauf auch von Staub,

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kurzen Fasern und pflanzlichen Verunreinigungen gesäubert. Geordnet nach den natürlichen Farben weiß, braun und schwarz wird die Schafwolle zu Ballen montiert, die nun die Vorrausetzung für die weitere Verarbeitung sind: für eine Verarbeitung zu Teppichen verschiedener Qualität, wie sie das Schafwollzentrum selbst herstellt, oder zu Filzwolle. Zu Pantoffeln, Decken, Steppbetten oder Matratzen, die Partnerbetriebe für die Ötztaler herstellen, oder zu einer Serie innovativer Produkte, wie sie zum Beispiel das Innsbrucker Architekten-, Grafik- und Designteam Pudelskern (www.pudelskern.at) entwickeln, zu Wohngegenständen und Kleidern, denen man die traditionelle Herkunft beim besten Willen nicht mehr ansieht. Etwa 400 Tonnen Schafwolle werden auf diese Weise für die weitere Produktion gewaschen und kardiert, also gekämmt, ein

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Außergewöhnliche Technik, einmalig im Alpenraum Die Wolle, die hier gewaschen, gekämmt und verarbeitet wird, stammt nicht nur aus dem Ötztal. Sie kommt aus Südtirol, Bayern und der Schweiz

Vielfaches dessen, was die Schafe des Ötztals an Wolle abgeben können. Die Wolle kommt aus dem gesamten Alpenraum, aus Bayern, Südtirol, der Schweiz, um in Umhausen für die Weiterverarbeitung bereit gemacht zu werden. Joachim Regensburger: „Ohne Wäscherei würde heimische Wolle oft gar nicht mehr verarbeitet werden. Produzenten würden auf synthetische Fasern ausweichen oder oft minderwertige Schafwolle aus Übersee importieren.“ Kleiner Betrieb, großer Gedanke. In Umhausen wird an der Wechselwirkung gearbeitet: an der Rückbesinnung auf einen traditionellen Werkstoff, der in neuen Formen in die Welt hinaus geschickt wird, bunt und prächtig, traditionell und modern.

Das Innsbrucker Architektur- und Designbüro pudelskern entwickelte für das Ötztaler Schafwollzentrum neue Erscheinungsformen von Schafwolle: Surfer Sofa, Teppich „Fat Sheep“ (von rechts). www.schafwolle.com


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Wildspitze

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Von Raoul schrott

mit der sinkenden sonne geht die farbe des firns von gelb über ins glühen zur scheibe gedrängt vom aufsteigenden schatten - die narbe des abends die sich über dem eingeweide der erde erst schließt wenn das licht diesen rand. mit einer klinge ausbrennt – stumpf wie kreide breitet die kälte sich unter dem felsband aus – auf den schlacken des schnees glimmt sie im dunkeln noch einmal auf und der wundbrand der nacht beginnt - als wäre diese agonie nie wirklich gewesen: die stille - dann kippt alles wieder zurück in den grauton einer photographie die abstufungen eines einzigen intervalles von zeit – die ärmel streifen am anorak – die hände verschrammt – kauernd – der laut eines windfalls wie vor einem hörsturz – die winterwende man hält nicht lange aus am gipfel – es ist als wäre da ein anderer körper und das licht ohne ein ende

Raoul Schrott Das schöne Gedicht des Tiroler Dichters Raoul Schrott stammt aus dessen Gedichtband „Tropen. Über das Erhabene“, erschienen im Hanser Verlag, München

INTERFOTO/PICTUREDESK.COM

die gegendämmerung hält in der schwere des erdschattens noch aus die strahlen nun zur garbe gebündelt: den tropen einer inszenierten atmosphäre


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Der Schrecken aus den Alpen Event. Kam Hannibal mit seinen elefanten tats채chlich 체ber die Berge? oder war alles nur eine monumentale inszenierung? Von walter Klier


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ie frühere römische Geschichte ist uns durch einen einzigen Schriftsteller überliefert, nämlich livius. Ansonsten hat sich aus der zeit der römischen republik so gut wie nichts erhalten. es bleibt also nichts übrig, als livius zu glauben – oder auch nicht. im Folgenden werden wir ihm ganz einfach glauben, soweit es uns nicht allzu schwerfällt. zu den beliebten Highlights des zweiten Punischen Krieges (218–201 v. Chr.) gehört der zug des karthagischen Feldherrn Hannibal über die Alpen. rom und Karthago, seit längerem verfeindete mächte des zentralen mittelmeerraums mit interessen in Spanien, sind hierüber wiederum in Streit geraten. und so kommt es, dass die römischen Gesandten im karthagischen Senat ihre Kriegserklärung abliefern und der junge und hochbegabte Feldherr Hannibal von Sagunt (in der nähe des heutigen valencia) in richtung italien losmarschiert. 90.000 mann und 12.000 berittene mit 60 Kriegselefanten ziehen über die Pyrenäen nach Südfrankreich, an der rhône aufwärts und nach zurücklassung eines Heeresteils (denn auch die Provence ist Kriegsschauplatz) durch das Tal der isère, über den Kleinen Sankt bernhard (2.188 meter) ins Aostatal. Der eigentliche Alpenübergang dauert zwei Wochen und bringt, obwohl im Sommer durchgeführt, schwerste verluste. mit 20.000 mann zu Fuß, 6.000 reitern und 20 elefanten steht Hannibal nun in italien und beginnt wie wild vor sich hin zu siegen, was ihm aber am ende nichts nützen wird.

„alle antiken geschichten sind nur allgemein anerkannte Fabeln“ Voltaire, französischer Aufklärer und Schriftsteller

laut eigenen Angaben verfügte das römische italien zu jener zeit über 800.000 erwachsene männer, von denen 80.000 gegen Hannibal in die Schlacht bei Cannae marschierten (wobei man inklusive der nichtkämpfenden Truppe auf etwa das Doppelte kommt), von denen wiederum 70.000 dort hingemetzelt wurden. zuvor waren bereits zwei römische Heere in der Poebene an der Trebbia und am Trasimenischen See vernichtend geschlagen worden. Da hätte also ein land von der einwohnerzahl der heutigen Schweiz für eine einzige Schlacht jeden fünften Wehrfähigen aufgeboten, flugs verloren, danach offenbar wieder ersetzt, da nämlich ein 17 Jahre währender Krieg zu führen war, in dem nicht nur landheere in ganz italien, Südfrankreich, Spanien und nordafrika operieren, sondern auch erhebliche Flottenverbände, die fallweise von Stürmen vernichtet werden, im nu wieder durch neue ersetzt werden, woraufhin sie dem Gegner bedeutende Seeschlachten liefern … Die logistik solcher unternehmungen wäre selbst für die neuere zeit buchstäblich kaum zu glauben. Je näher man auf diese Geschichten hinschaut, desto absurder werden sie, lösen sich in ein Geflimmer von Widersprüchen auf; und dies gilt nicht nur für die Sache mit Hannibal und seinen römischen Gegenspielern, dem jüngeren Scipio und dem zauderer Quintus Fabius maximus.

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man kann also getrost davon ausgehen, dass es sich bei der ganzen Geschichte um Fabelhaftes, viel später und zu anderen zwecken zusammengereimtes handelt. Das war unter anderem schon voltaire aufgefallen: „Alle antiken Geschichten sind, wie das einer unserer klugen Köpfe zu sagen pflegte, nur allgemein anerkannte Fabeln.“ Freilich kommen derlei Fabeln niemals aus dem luftleeren raum, sondern aus der zeit, in der sie tatsächlich niedergeschrieben wurden – und spiegeln deren aktuelle Probleme, die politischen und religiösen bestrebungen und jüngstvergangene Geschichte. es liegt also nahe, die „entstehung“ oder erfindung der antiken Geschichte in jene zeit zu legen, als die gesamte antike literatur wundersam aus tausendjährigem Schlaf hinter finsteren (und offenbar schimmel-, feuerund mottensicheren) Klostermauern erwacht, von eifrigen Suchern, Findern und Sammlern angeblich wiederentdeckt, abgeschrieben und in Druck gegeben wird: Das ist die zeit um 1500, die sogenannte renaissance. und gerade da wird es in rom bitter nötig, eine grandiose vorgeschichte zur legitimation der päpstlichen Herrschaft vorweisen zu können. Die reformation bringt die gute alte katholische ordnung ins Wanken, und von osten bedroht der Türke die Christenheit als Ganzes; vor Kurzem erst, 1453, ist Konstantinopel und mit ihm der letzte rest des alten oströmischen reiches untergegangen. 1527 wird rom von deutschen landsknechten unter der Führung des Jörg von Frundsberg (Achtung: erster Tirol-bezug!) erobert und ausgeplündert, was „die zeitgenossen in ungeheuren Schrecken versetzt“, wie der Große Ploetz, die Daten-enzyklopädie der Weltgeschichte, in unübertrefflicher lakonie formuliert. Dieser ungeheure Schrecken ist es, der durch die Hannibal-Geschichte geistert, der Schrecken aus den Alpen, zunächst scheinbar nicht zu besiegen, alles niederwalzend – aber das ewige rom, das schon vieles gesehen hat (und vieles, auch Ähnliches, späterhin sehen wird, nicht zuletzt die landsknechte von 1943/44), wird auch diese Fährnisse überwinden und zu alter Größe zurückfinden. und so wird auch Hannibal, „das militärische Genie“ (denn anders sind seine manöver fern der Heimat nicht zu erklären, haarsträubend riskant, mit kaum vorhandenen nachschublinien, abhängig von einer bande wankelmütiger verbündeter, Kelten, man weiß ja, was man an denen hat …), am ende besiegt werden. und ganz am ende, einen ganzen Punischen Krieg (und einen schönen dicken roman, Gustave Flauberts „Salammbô“) später, wird das böse Karthago ganz und gar vernichtet, dem erdboden gleichgemacht, so sehr, dass am ende der Pflug drüberfährt und nichts mehr davon übrig ist. Das, so kann man getrost sagen, ist historisches Wunschdenken, der Konjunktiv des Futurums in unserer livius-Geschichte. Denn die tatsächlichen vorbilder für „Karthago“ erfreuten sich – aus römischer Sicht – höchst bedauerlicherweise auch weiterhin bester Gesundheit, seien es die Türken, das reich der ungläubigen, das den christlichen Westen zu Wasser und lande in höchste bedrängnis brachte, seien es die nordafrikanischen Sarazenen, deren seeräuberische Tätigkeit ein unausrottbares Übel für die christliche Seefahrt darstellte, sei es das kleine, aber ungemein reiche und mächtige venedig, dessen name, veneziA, ja schon mit dem der PHÖnizier fast identisch ist.


ullSTein bilD/PiCTureDeSK.Com

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Hannibal, das militärische Genie? Schreckensszene aus dem Gemälde „Hannibal and his Army crossing the Alps“ aus dem 19. Jahrhundert/The Granger Collection, New York

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Über venedig ärgert sich nicht nur rom, sondern dazu noch jeder andere der vielen kleinen italienischen Staaten jener zeit (das sind in der Hannibal-Geschichte die italischen oder keltischen bundesgenossen, die ständig die Seiten wechseln, was die italiener ja bekanntlich bis ins mittlere 20. Jahrhundert hinein routinemäßig immer machten). venedig ist – wie das nach seinem vorbild konzipierte Karthago – republikanisch verfasst, besitzt durch den Seehandel Weltgeltung, wird de facto von einer mächtigen oligarchie beherrscht und agiert militärisch mit einem Söldnerheer und einer mächtigen Flotte. lediglich die offiziere sind „eigene“, die mannschaften fast durchwegs ausländische berufssoldaten. venedig ist ein irgendwie von allen benötigter, aber ebenso ungeliebter bestandteil der italienischen Staatengemeinschaft. und wo bleiben bei all dem die elefanten? mit ihnen ist Hannibal über die Alpen gezogen, und zwar, wie schon gesagt, ziemlich weit hinten, in diesem gewagten hochalpinen umgehungsmanöver über den Kleinen Sankt bernhard. Sie seien dazu da gewesen, die römer so richtig zu schocken und aus ihrer üblichen Sieggewohnheit zu reißen. zwar hatte Hannibal dazu ohnehin seine geniale umklammerungstaktik, wo in jeder Schlacht von neuem das zentrum ein wenig nachgab und die römer von den Flanken her in die zange genommen und schließlich eingekesselt wurden; aber for good measure, wie der engländer sagt, nahm er eben noch seine 60 beziehungsweise, nach Alpenübergang, 20 elefanten mit. Allerdings kannten die römer diese Wunderwaffe schon aus dem süditalienischen Krieg gegen den König Pyrrhus, sprichwörtlich geworden durch seinen für ihn selber verheerenden militärischen erfolg, bei dem er die identische Anzahl, auch 20 Kampfelefanten, mitgeführt hatte. Hannibals zwanzig halfen jedenfalls in Cannae, den Sieg so schön vollkommen zu machen. Über die beschaffenheit der Passstraße ist wenig bekannt, aber anscheinend gelang es doch, mit mann, maus und material irgendwie hinüberzukommen. Wie man wohl diese menge an Tieren überhaupt bis Spanien brachte, beziehungsweise die menge, die es brauchte, damit am ende sechzig von ihnen gen italien losziehen und zwanzig bis in die Poebene gelangen konnten? Aber, wie gesagt, wir befinden uns im reich der Fabel, und da sollte man nicht zu strenge Kriterien anlegen, sondern sich fragen, was die Geschichte uns eigentlich sagen will. Der elefant ist zunächst Symbol für religion – bis heute im buddhismus. Da marschiert also eine neue oder andere religion gegen rom und wird mit letzter Kraft zurückgeschlagen. Das sind der Protestantismus und der islam, der eine aus dem norden über die berge gekommen, der andere übers meer, die in der Hannibal-Geschichte verschmelzen. Außerdem lernt gerade das europäische sechzehnte Jahrhundert den elefanten als eine der beeindruckendsten Kreaturen auf Gottes weiter erde höchstpersönlich kennen. im Winter 1551/52 marschierte ein leibhaftiger Dickhäuter, der angeblich auf den namen Soliman hörte und als Geschenk des spanischen Königs an den Kaiser in Wien gedacht war, über die Alpen, und zwar, per Schiff von Spanien kommend, von Genua durch norditalien über die übliche

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„ohne dass es einem heutigen leser auffallen würde, trägt Hannibal den elefanten in seinem Namen!“ Transitroute, also den brennerpass. Am 18.12.1551 war er in brixen, wo ein traditionsreiches Hotel „elephant“ bis heute an ihn erinnert (zweiter Tirol-bezug!). er könnte die damals in Wien arbeitenden Humanisten wie den Arzt, linguisten und Historiker Johannes Sambucus auf die idee mit der alpenüberquerenden elefantenarmee gebracht haben. Sambucus lebte von 1531 bis 1584 und war seit 1560 „Hofhistoriograph“ des Kaisers maximilian ii. und ohne dass einem heutigen leser das auffallen würde, trägt Hannibal den elefanten in seinem namen. Die Geschichtsschreiber von dazumal dichteten ja nicht unbedingt aus dem blauen, sondern arbeiteten mit alten Chroniken oder Königslisten – diese waren aber unter umständen ohne vokale und von rechts nach links geschrieben (zum beispiel Arabisch). und wenn man das mitbedenkt sowie den umstand, dass gewisse laute wie P und F immer wieder miteinander vertauscht werden (wie aus dem lateinischen PATer ein deutscher vATer wird), so kann aus einem HAnnibAl, also H-n-b-l, gleich einmal ein l-b-n-H werden, ein elePHan, oder eben aus dem elefanten ein Hannibal. nachbemerkung: Die alte Geschichte, die, weil irreal, als solche und bis auf die fetzigen Storys auch nie zu merken war, hat uns zu unseren Schulzeiten alle gequält, leider. Wenn man sie auf die oben skizzierte Weise vom Kopf auf die Füße stellt, so wird sie, meine ich, auf einmal unermesslich interessant. Aus der allgemein wenig bekannten einschlägigen literatur seien hier nur drei Titel genannt, denen Anregungen für diesen Text entnommen wurden: anatoli Fomenko: History – Fiction or science? Bde. 1–4, MitHeC, 2004 ff. Christoph pfister: die Matrix der alten geschichte, dillum Verlag, Fribourg 2002. Ulrich thomas Franz: pan-europa oder der endgültige Untergang des römischen reiches. Bod, Norderstedt 2006.

Walter Klier, 54, ist ein österreichischer Schriftsteller und lebt in Innsbruck. Er schrieb zahlreiche Romane („Aufrührer“) und literarische Essays („Der Fall Shakespeare“), gab die legendäre Literaturzeitschrift „Gegenwart“ heraus (mit Stefanie Holzer) und ist Autor zahlreicher alpinistischer Werke und Wanderführer. Sein Zugang zu Hannibal darf also als aus allen Richtungen abgesichert gelten.


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Hannibal im Ötztal Die Fotos zu dieser Geschichte stammen von den außerordentlichen inszenierungen der Hanniballegende, die der regisseur Hubert lepka bereits neun mal auf dem rettenbachferner, einem Gletscher oberhalb von Sölden, stattfinden ließ. licht, Ton, schwere Pistengeräte und zahlreiche Komparsen verwandelten den Gletscher in eine gigantische Freilichtbühne, auf dem, wie die „neue zürcher zeitung“ meinte, vor Tausenden zuschauern „eine Art zeitgenössisches Passionsspiel“ stattfand.


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sport und service

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Hochwilde 3480 m

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Fu n d s t e l l e " H o h l e r S t e i n"

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Innere Schwarze Schneid 3367 m

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Hohe Geige 3392 m

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Weißkugel 3739 m

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Bliggspitze 3453 m

Hapmesköpfe 3289 m

Verpeilspitze 3423 m

Mandarfen 1670 m

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Grubealm 1687 m Gamskogl 2813 m

Amberger Hütte 2136 m

Längentaler Weißer Kogel 3217 m

Jausenstation Hochwald 1580 m

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Breiter Kogel 3293 m

Sulztalalm 1898 m

Hahlkogelhaus 2042 m

Rofelwand 3353 m

Rüsselsheimer Hütte

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Breitlehnalm 1874 m

Hörndle 2985 m Breiter Grieskogel 3287 m

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Brand 1385 m

Unterlehnerhof 1454 m

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Gleirscher Fernerkogel 3189 m

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Hauerseehütte 2383 m

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Winnebachseehütte 2361 m

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Feuerkogel 2954 m

Hauerkogel 2491 m

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1569 m

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Felderkogel 3071 m

Pollttalalm 1840 m

Nisslalm 2051 m

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Schrankogel 3497 m

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Grubenkopf 2821 m

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Leiterberg Alm 2090 m 1910 m Fre i ze i t A re n a Edelweißhütte 1821 m Murkarspitze 3150 m Gh. Granstein Pollesalm

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Hochvernagtspitze 3535 m

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Rotkogel Rotkogeljochhütte 2947 m Heide Alm 2662 m Rettenbach Alm 2145 m

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Kleble Alm 1983 m Stallwies Alm 1842 m

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Mittagskogel 3159 m

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Braunschweiger Hütte 2759 m

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Tiefenbachkogel 3307 m

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Wildspitze 3774 m Vernagt Hütte 2755 m Breslauer Hütte 2848 m

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Gaislachkogel 3056 m

Lochle Alm 1843 m Söldenkogel 2902 m

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Hochjoch Schöne Aussicht 2846 m

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Lenzen Alm 1896 m

Brunnenkogelhaus 2738 m

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Hochstubaihütte 3174 m

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Sahnestüberl 1658 m

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Siegerlandhütte 2710 m

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Martin-Busch-Hütte 2500 m

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Schraakogel 3137 m

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Eiskögele 3233 m

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Seelenkogel 3470 m

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24.10.2008

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1180 m

Rotpleiskopf 2884 m

Stabelealm 1908 m

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Innerbergalm 1990 m Hohe Seite 2852 m

LÄNGENFELD

Fundusfeiler 3079 m

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Wurzbergalm 1575 m

Frischmannhütte 2192 m

Sonnenwand 3106 m Nederkogel 2755 m

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Niederthai 1550 m

Öt z ta 186

ler

Stuibenfall

1401 m

Zwieselbachalm

Larstigalm 1777 m

Schweinfurter Hütte 2028 m

Ötzi Dorf

Waldcafe Stuböbele

Vordere Fundusalm Leierstalalm

UMHAUSEN 1036 m

Kreuzjochspitze 2675 m

KleinGroß-

Kraspesspitze 2954 m

Wettersee

Erlanger Hütte

Bichl 1550 m

Hohe Wasserfalle 3003 m

Wildgrat 2971 m

Wenderkogel 2200 m

S

Gleischer 2994 m

Hintere Fundusalm

Köfels

Ac he

Horlachalm

Östen

Gamskogel 2985 m

Weiter Karkopf 2774 m Hahnenkamm 2497 m

Hintere Tumpenalm Gehsteigalm

Farst

Erster Karkopf 2513 m

1482 m Acherkogel 3007 m

Blosse 2536 m

Vordere Tumpenalm

Zwölferkogel 2988 m

sport & service Tumpen

Gaiskogel 2820 m

Speicher Finstertal

186

Hochwanner 2488 m

Vordere Karlesspitze 2574 m

Drei-Seen-Hütte 2311 m

2017 m

Issalm

Pirchkogel 2828 m

Mareil 1740 m

Wetterkreuzkogel 2591 m

Hochoetz

Habichen

S

Knappenhaus

Panorama Bielefelder S Restaurant Hütte Balbach Alm Jausenstation Schönblick Kühtaile Alm

Obere Issalm

Maisalpe

Piburger See

Piburg

Acherbergalm

Ötzerberg

SAUTENS

820 m

812 m

Tu r m mu s e u m

Ötzerau 1016 m

1420 m

Marlstein

970 m

OETZ

2020 m

Speicher Längental

Kühtai

Hochalter 2678 m

Armelenhütte

Wörgegratspitze 2716 m

Pockkogel 2807 m

Auf skitouren mit den Kletterstars david lama und Hansjörg Auer Seite 62. skifahren im vergleich zwischen toni sailer und Florian scheiber Seite 64. die liebsten wanderrouten des schriftstellers walter Klier Seite 66. die besten Hüttengerichte zum nachkochen Seite 68. Ochsengarten

1802 m

1538 m

724 m

Ötzta ler Ache

1690 m

Ötztal-Bahnhof

Feldringalm

704 m

Hohe Wand

Haimingerberg 1013 m

8

Roppen

Ambach

Amberger See

Sattele

D

CH

München - Zürich

Inn

A12

A

D

Innsbruck - Salzburg Wien - München

HAIMING 670 m

Imst- Fernpaß -

186

Magerbach

Haiminger Alm 1786 m


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sport und service

wildspitze 01.2009

Am rücKen des weissen riesen Tourengehen. die Kletterstars david lama und Hansjörg Auer über großartige erlebnisse abseits der präparierten pisten.

Tourengeher David Lama Mit der Freude des Kenners über den Strahlkogl gegangen: Kletterstar David Lama

Free Solo-Kletterer Hansjörg Auer bester Laune am „Similaun“ und der „Kuhscheibe“ unterwegs

Skitouren sind Abenteuer abseits der Piste, kleine Eroberungen großer Erlebnisse. Die einstmals klassische Methode, Gipfel zu erobern und sich mit der Kraft der eigenen Schenkel die Freude zu verdienen, von oben abfahren zu dürfen, hat dem Breitensport Skifahren Platz gemacht. Das „Tourengehen“ hingegen kristallisierte sich als Sport für Individualisten heraus, für alle, die mit Fellen und Tourenskiern

ausgerüstet die gewaltige Wildnis der Alpen ungefiltert erleben wollen. Die Touren, die auf der folgenden Seite beschrieben werden, sind anspruchsvoll, aber nicht nur für Profis geeignet. Sie werden beschrieben von Ausnahmesportlern: von den beiden Kletterern David Lama und Hansjörg Auer, die ihre Erfahrungen am Similaun, dem Strahlkogl und der Kuh-

scheibe detailliert beschreiben – und in ihrer Begeisterung für das Durchwandern der winterlichen Alpen zur Nachahmung einladen. Geübte Tourengeher werden aus den Zeilen der Kletterer herauslesen, was sie zu erwarten haben; ungeübte solten sich auf jeden Fall der Hilfe professioneller Bergführer versichern.

HEIKo WILHELM (1)

Die letzten Meter auf dem Weg zur Wildspitze. Eine Tour, die nicht schwer ist, aber Schwindelfreien mehr Spaß macht


wildspitze 01.2009

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sport und service

skitouren aus erster Hand Die Kletterstars David Lama und Hansjörg Auer beschreiben ihre Lieblingsskitouren im Ötztal

Strahlkogl, 3.295 m

Gehzeit: 5–6 stunden, Höhenmeter: 1.760 m

Similaun, 3.606 m

Gehzeit vent-similaunhütte: ca. 4 stunden, Höhenmeter: 1.119 m Gehzeit similaunhütte-similaun: ca. 2,5 stunden, Höhenmeter: 587 m Die Skitour zum Similaun, Fundstätte des Ötzi, ist eine Tour, die auf zwei Tage aufgeteilt werden sollte. Ausgangspunkt ist Vent, ein Eldorado für Wanderer und Bergsteiger. Neben wunderschönen Höhenwegen und hochalpinen Touren im Sommer garantiert es auch im Winter neben Pistenskilauf grandiose Skitouren im vergletscherten Gelände. Am ersten Tag gelangt man relativ einfach über das sogenannte Niedertal zur MartinBusch-Hütte (2.501 m). Hier biegt man leicht links ab und erreicht über das nun breitere Tal, entlang des markanten Marzellkammes, nach knapp vier Stunden die Similaunhütte (3.019 m). Nun befindet man sich bereits auf italienischem Staatsgebiet. Seit Jahren wird die Hütte von Markus Pirpamer aus Vent und seiner Familie geführt. Bekannt ist sie neben den einmalig gestalteten Zimmern und Lagern auch für die ausgezeichnete Küche und die guten Weine aus Südtirol. Eingebettet zwischen dem Hauslabjoch, der Fundstelle von Ötzi, und dem sehr nah zur Hütte führenden Similaunferner, verbringt man die Nacht auf über 3.000 m Seehöhe. Am nächsten Morgen geht es dann so richtig los. Nicht extrem steil, aber doch immer recht ansteigend gelangt man über den Similaunferner, der einen oder anderen Spaltenzone ausweichend, zum Gipfelaufbau. Die Skier lässt man am Skidepot zurück, dafür schnallt man sich seine Steigeisen an die Schuhe. Nur bei wirklich optimalen Bedingungen kann man den abschließenden, doch etwas ausgesetzten Firngrat ohne Steigeisen bewältigen. Am Gipfel gibt es Platz für alle. Ein schönes Plateau sorgt auch beim nicht ganz schwindelfreien Alpinisten für ruhige Nerven, und jeder wird die einmalige Aussicht ganz in Ruhe genießen können. Nach dem Abstieg zum Skidepot geht es der Aufstiegsroute entlang zurück zur Hütte, und nach einem durstlöschenden Radler gleitet man hinaus nach Vent.

Der Strahlkogl mit seinen 3.295 m ist weder eine der höchsten noch eine der bekanntesten Skitouren im Ötztal. Und trotzdem … Wenn man einem Umhausner erzählt, man sei im Winter auf diesem Gipfel gestanden und anschließend noch mit den Skiern heruntergefahren, so ist das etwas, das ihn staunen lässt – auch wenn er es am Anfang vielleicht nicht zugibt. Die Tour oder, besser gesagt, das Abenteuer beginnt in Niederthai, 1.535 m. Zuerst geht es über die Loipe auf der rechten Talseite durch einen Wald, bis nach kurzer Zeit ein kleiner Steig nach rechts Richtung Grasstallsee abzweigt. Diesem folgt man dann in das atemberaubend schöne Grasstalltal. Dem kleinen Bach in der Mitte des Tals entlang geht es immer weiter in Richtung des Sees. Zuerst an der mächtigen Westwand des Grasstaller Grieskogls vorbei. Dann an der Südwand, neben der man steil aufsteigt. Auf rund 2.700 m quert man dann etwas nach rechts, bis man über eine Rinne auf den Grasstallferner kommt. Diesen relativ spaltenarmen Gletscher überquert man an seine Nordseite, bis man auf rund 3.150 m die Skier abschnallt und über eine kleine Schneerampe auf den Gipfelgrat klettert. Hier deponiert man die Skier und klettert über den Grat zum Gipfel (Kletterei im 3. Schwierigkeitsgrad!). Zurück geht es wieder über den Grat bis zum Skidepot und von dort aus über den meist unverspurten Larstigferner hinunter ins Larstigtal, über welches man auf eine Rodelbahn kommt, die einen direkt zum Parkplatz führt.

Kuhscheibe, 3.189 m

Gehzeit: ca. 5 stunden, Höhenmeter: 1.620 m Ausgangspunkt für die Kuhscheibe ist das kleine Bergdorf Gries im Sulztal (1.569 m). Über zahlreiche Kehren erreicht man von der Dorfmitte in Längenfeld aus den großen Parkplatz am südlichen Ende von Gries. Denen, welche die gut 1.600 Höhenmeter auf zwei Tage aufteilen wollen, sei die Amberger Hütte (2.136 m) wärmstens empfohlen. Nach knapp 1,5 Stunden erreicht man die Hütte über die präparierte Rodelbahn und kann sich wohlverdient zur Nachtruhe begeben. In der Früh beginnt die eigentliche Reise. Zuerst noch flach taleinwärts steigt man nach 15 Gehminuten in vielen Spitzkehren über die sehr markante Steilstufe in das so genannte Roßkar auf. Der erste Anstieg ist nach osten ausgerichtet. Wer die Kuhscheibe als Frühjahrsskitour zurücklegt, der wird wohl etwas ins Schwitzen kommen. Weiter geht es durch eine einmalige Winterlandschaft fernab des großen Massentourismus durch schöne Mulden bis auf eine Höhe von etwa 2.700 m. Hier hält man sich etwas links und steigt Richtung Süden zum Roßkarferner auf. Über den kleinen Gletscher, völlig spaltenfrei, kommt man in einem leichten Linksbogen zum Gipfel, wobei die letzten Meter in leichter Kletterei über unschwieriges Blockwerk zurückgelegt werden. Der Ausblick ist wahrlich gigantisch. Schrankogl zur Linken und die äußerst schroffe Wilde Leck zur Rechten. Ganz hinten Richtung Südwesten kann man noch die klassischen Gipfel der hinteren Ötztaler erkennen. Vom Similaun über die Weißkugel bis hin zur Wildspitze. Die Abfahrt genießt man am besten entlang der Aufstiegsroute. Da die Hänge, besonders im oberen Teil, gegen die nördliche Hälfte ausgerichtet sind, findet man meist perfekten Pulverschnee vor. Wer im Frühjahr unterwegs ist, der fährt am besten direkt vom Gipfel Richtung Süden über eine anfangs steile Rinne hinunter, damit er dann über die ausgedehnten Flächen des Kuhscheibenferners in den wahren Firngenuss kommen kann.


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sport und service

wildspitze 01.2009

zeit im bild Lederkappe (nicht Helm) mit verstärkten Schutzwülsten

Startnummer „flatternd“ aus Stoff

Brille „Weißglas“ nicht beschlagfrei

Windbluse aus Popeline

Keilhose nichtelastischer Cordstoff, 2 Bänder unter den Knien (antiflatternd)

Lederfäustlinge

Geschnürte Lederschuhe (mit Lederriemen zur Fixierung) Bambusskistöcke mit großen Schneetellern LangriemenBindung mit fixen Vorderbaken

der blitz Aus Kitz, 1956: toni sAiler (1935–2009)

Nachdem der alpine Skilauf in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Österreich Einzug gehalten hatte, erlebte diese neue Sportart in den folgenden Jahrzehnten einen rasanten Aufschwung. Parallel dazu entwickelten sich Material und Technik. Hatte man zu Beginn von Wagnermeistern hergestellte „Fassdauben-Skier“ mit Riemen an die genagelten Bergschuhe gebunden, wurden diese im Laufe der Jahre von einfachen

Holzskiern (noch ohne Kanten und Belag) mit Strammerbindungen abgelöst. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges schritt die Weiterentwicklung der gesamten Skiausrüstung zügig voran. In der goldenen Ära des Toni Sailer Mitte der fünfziger Jahre, als er in Cortina drei Goldmedaillen gewann, begann der revolutionäre Aufstieg der Skiindustrie (mehrfach verleimte Hickory-Schichtenskier mit Stahlkanten und Belag, Langriemenbin-

dung). Auch die Bekleidung wurde funktioneller (Keilhose mit Gummisteg, Windblusen, Lederfäustlinge, aerodynamische Lederkappen). Die Rennen wurden noch auf unpräparierten und kaum abgesicherten Pisten gefahren. Das Sturzrisiko war entsprechend hoch, und wer sich weh tat, tat sich zum Teil wirklich weh. Zwischen den Aufnahmen der beiden abgebildeten Rennläufer liegen gut fünfzig

CoRBIS

Hickory-Skier mit verschiedenen verleimten Holzschichten

Die Piste nicht maschinell präpariert und kaum abgesichert


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wildspitze 01.2009

Skitechnik. wer gestern gesiegt hat, würde heute hinterherfahren. Auf einen blick: wie sich das skifahren in 50 Jahren verändert hat.

Helm aus Karbon

Brille mit auswechselbaren beschlagfreien Farbgläsern

Skianzug (durchgehend) aus Hightech-Material (80% Polyester, 20% Elasthan)

Fingerhandschuhe aus Leder mit Schlagschutzeinlagen Skistöcke mit Sicherheitsgriff aus Alu/Karbon, extrem kleine Plastikteller

Skischuhe Kunststoffschale mit bis zu 5 Schnallen, maßgeschäumter Innenschuh

Carvingski aus Titani, Alu, Glasfasern. Gehärtete Stahlkanten, Grafitbeläge

ÖTZTALToURISMUS

ÖtztAler sKistAr, 2009: FloriAn scHeiber (*1987) Jahre. Der alpine Skilauf ist längst im Hightech-Zeitalter angekommen. Extrem leichte Materialien, wie Karbon, Titanium, Glasfasern, Kunststoffe etc. haben Holz, Leder und Stoff längst abgelöst. Die heutigen Rennanzüge schmiegen sich wie eine zweite Haut an den Körper. Die Skilänge hat sich in den letzten Jahren seit Erfindung des Carvingskis stark verkürzt, damit einhergehend wurde die Fahrtechnik

drastisch verändert. Galt früher eine enge Skiführung als das Nonplusultra, ist für den heutigen Rennläufer, bedingt durch die Carvingtechnik, ein breitbeinigerer Stil (hüftbreit) notwendig. Auch die Pistentechnik hat sich rasant weiterentwickelt. Durch die maschinelle Bearbeitung der Pisten(Pistengeräte, Beschneiungsanlagen, Sprühbalken) werden heute extrem hohe Geschwindigkeiten

erreicht, die einen gesteigerten Kraftaufwand seitens des Rennläufers erfordern. Im heutigen Skirennsport sind moderne Sicherheitsstandards (doppelte Fangnetze, Sturzräume, Helme) unerlässlich. Durch den erhöhten Trainingsumfang wurde der Skirennsport zum Ganzjahressport (Sommertraining und Weltcup-Auftakt finden am Gletscher statt).


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wildspitze 01.2009

3.068 HÖHenmeter Freizeit Wandern. der schriftsteller walter Klier über drei Ausflüge, die ihm besonders am Herzen liegen.

Wanderungen, die er aus eigener Anschauung empfiehlt: WanderführerAutor Walter Klier

Von der ortschaft Ötztal Bahnhof, noch draußen im Inntal, bevor es ernst wird, 704 Meter über dem Meer, bis auf die Höhe der Wildspitze, mit 3.774 Metern der höchste Gipfel Tirols, liegen 3.068 Höhenmeter Fels, Wald, Eis, Wildwasser, Almen, gotische und barocke Kirchen, Bergbauernhöfe und im Winter jede Menge Schnee: Das Ötztal ist zweifelsohne eines der spektakulärsten Täler des ostalpenraums. Etwa 70 Kilometer lang zieht es sich, charakteristisch abgestuft, bis hinauf in die Gletscherregion des Alpenhauptkamms. Die zwei hintersten Dörfer, Vent und Gurgl, liegen schon fast auf 2.000 Metern. Die einzelnen Talabschnitte, durch Steilstufen getrennt, sind flach und weit, stellenweise gar lieblich zu nennen, die Talhänge dagegen oft ungemein steil und felsdurchsetzt. Weiter oben in der Almregion gibt es wieder weite Böden, und das Gleiche wiederholt sich, wenn man, nach schweißtreibendem Anstieg, in der Gipfelregion angekommen

ist: Dort dehnen sich große Flächen, die das Gletschereis weithin bedeckt. In mittlerer Höhe, vor allem auch in den Seitentälern, finden sich zahlreiche Berggasthäuser und Almwirtschaften; jede von ihnen lohnt einen Ausflug, an dessen Ende zudem Speis und Trank locken und eine Rast in einmaliger Bergwelt. Umso mehr gilt das für die Wanderungen zu den Alpenvereinshütten, die meist schon im Angesicht von Fels und Eis die höchstgelegenen Stationen für Verpflegung und Unterkunft bieten. Die glitzernde Touristenwelt von Sölden bietet einen interessanten Kontrast dazu.

So kann in dieser Region jeder Wanderer nach seiner Fasson selig werden. Dem Freund ebener Talwege und moderat fordernder Mittelgebirgswanderungen bietet sich ein hervorragend ausgebautes Wegenetz. Aber, seien wir uns ehrlich, der flache Talboden dient hier hauptsächlich zum Kontrast: Wer extra hierher zum Wandern kommt, den zieht es höher hinauf. Die Zustiegswege zu den über dreißig Alpenvereinshütten sind zugleich durchwegs lohnende Tagesausflüge – außer sie liegen so hoch und weit hinten am Hauptkamm, dass man sie besser im Rahmen einer Zwei-, Drei-

oder gar Viertagestour besucht. Nehmen wir die große Runde ums Venter Tal: Die Route Vent–Breslauer Hütte–Vernagthütte–Brandenburger Haus– Hochjochhospiz–Martin-BuschHütte–Vent lässt sich auch beliebig zu einem Wochenurlaub in Fels und Eis ausbauen, wenn man den einen oder anderen Dreitausender mitnimmt und zusätzlich Abstecher macht zu den schon an der Staatsgrenze am Hauptkamm gelegenen Hütten, der „Schönen Aussicht“ und der Similaunhütte. Den Tag über sich in der Wildnis des Hochgebirges schier verlieren – und dann abends in die sorgliche obhut der Hütte zurück, wo ein Bier und ein Schnitzel schon auf einen warten: Für einigermaßen geübte Berggeher gibt es kaum Schöneres. „Könnte man einen südlichen Flachländer oder Städter durch Zauberspruch plötzlich hierher bestimmen, ich glaube er müsste verwirrt, wenn nicht gar betäubt werden“ – so schrieb Österreichs erster Weitwanderer, Joseph Kyselak, der im Jahr 1825 auf seiner Fußreise durch Österreich hier durchkam und die Strecke von „Passei bis oberlengenfeld“ in elf Stunden bewältigte.

Belohnung nach getanen Schritten. Im Sommer lockt auf der Tour um den Piburger See der Sprung ins Wasser


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sport und service

wildspitze 01.2009

3

VENT

1900 m

OBERGURGL 1930 m

rucksackinhalt

HOCHGURGL 2154 m

Wanderführer unseres Autors für ein paar zusätzliche Kilometer.

ZWIESELSTEIN 1427 m

SÖLDEN 1377 m

HOCHSÖLDEN 2090 m

Alpenvereinsführer Ötztaler Alpen Rother Bergverlag München, 22,90 Euro

HUBEN

GRIES

1180 m

1569 m

LÄNGENFELD 1180 m

Wanderführer Ötztal 50 ausgewählte Berg- und Talwanderungen Rother Bergverlag München, 11,90 Euro

NIEDERTHAI 1550 m

2

UMHAUSEN 1036 m

3 1 OETZ

820 m

SAUTENS 812 m

OCHSENGARTEN Information

1

Klettersteig Via ferrata Paragliding Startplatz S Paraglide start area Paragliding Landeplatz Paraglide landing area Outdoorparcours Outdoor course Hängebrücke Suspension bridge Campingplatz Campsite

Bahnhof Train station Flughafen Airport Klettergarten Climbing garden Rafting

1538 m

Tirol Therme AQUA DOME Schwimmbad, Badesee Swimming pool, lake Archäologische Fundstelle Archaeological site

2

ÖTZTAL BAHNHOF 704 m

Museum

Kajaking Kayaking

Hütte bewirtschaftet Serviced mountain hut

Canyoning

BIG 3, Top Mountain Star

Bootsverleih Boat rental

Ötztal Trail

HAIMING 670 m

RoTHER VERLAG (5)

ÖTZTAL TOURISMUS 6450 Sölden Austria T +43 (0) 57200 F +43 (0) 57200 201 info@oetztal.com www.oetztal.com

TOUR 1: Piburger See

TOUR 2: Hochwildehaus

TOUR 3: Guben-Schweinfurter Hütte

Den idyllischen Bergsee im vordersten Ötztal erreicht man auf bequemem Weg in einer halben Stunde von Oetz. Wildromantisch liegt er von Wald und riesigen Felsblöcken umgeben auf dem Gebiet eines eiszeitlichen Felssturzes. Man geht der Ache entlang zum Gasthaus Seehäusl an seinem Südende und von dort weiter zum Weiler Piburg. Über Haderlehn gelangt man nach Sautens mit seiner sehenswerten klassizistischen Kirche, einer der wenigen ihrer Art, und in weitem Rund schließlich wieder dem Fluss entlang zurück nach Oetz. Die ganze Runde erfordert knapp 2 1/2 Stunden Gehzeit.

Fast schon auf der Höhe des Hauptkammes, südlich weit über dem Ort Obergurgl, steht diese Alpenvereinshütte in eindrucksvoll exponierter Lage über dem großen Gurgler Ferner. Der Anmarsch ist mit fünf Stunden zu veranschlagen, Ausdauer, Trittsicherheit und gutes Schuhwerk sind in dieser Höhenlage selbstverständliche Voraussetzung. Am schönsten ist der Zugang von der Bergstation der Hohe-Mut-Seilbahn. Von dort steigt man ab in das Rotmoostal mit seinem weiten Hochmoor zur SchönwiesSkihütte, wo man auf den Hüttenweg trifft. Nach zwei Stunden erreicht man das Etappenziel der Langtalereckhütte, mit 2.430 Metern auch schon auf stattlicher Höhe. Nach der Überquerung des Langtals geht es nochmals steil bergauf; nach weiteren zwei Stunden ist es dann geschafft. Für den Abstieg nach Obergurgl sind nochmals drei bis vier Stunden Marsch zu veranschlagen.

Diese Hüttenwanderung führt uns weit hinein ins Horlachtal, ins Herz der südlichen Sellrainer Berge. Ausgangspunkt ist das beschauliche Örtchen Niederthai, auf 1.538 Meter die einzige Dauersiedlung in diesem hochgelegenen Seitental. Von hier geht es stets auf dem breiten Talweg einwärts, vorbei am einsamen Larstighof, der zur Einkehr lädt, ebenso wie die Horlachalm. Da ist man, nach etwa zwei Stunden, schon fast bei der Hütte angelangt. Für den Rückweg nehmen wir den sogenannten Bergmahderweg, der vom Larstighof weg an der nördlichen Talseite verläuft. Dieser Weg, durch altes, immer noch intensiv genutztes Bergbauernland, erfordert an einer abschüssigen Stelle etwas Trittsicherheit.


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wildspitze 01.2009

Hüttenwirt Prantl Jakob. Lehrstück von der Kunst, alles, was gut ist, in einer Pfanne auf den Tisch zu bringen. Man könnte auch sagen: Tiroler Wok

eine pFAnne voll Freude Kochen. Auf der Hütte darf niemand hungrig bleiben. wie das am besten funktioniert, zeigen uns die beispiele der Gampe thaya.

die Ötztaler Hütten

Eine tolle Mischung aus Naturund Kulturerlebnis: Die Ötztaler Hütten sind die Punkte auf dem i der Wildnis.

Hüttenkost ist etwas scheinbar Einfaches. Was auf den Berghütten links und rechts über dem Tal gekocht wird, erhebt nicht den Anspruch auf originalität. Kulinarische Verrenkungen haben hier keinen Platz. Was vom Hüttenofen kommt, soll schmecken und satt machen. Nein, Speckknödel, Kasspatzlan und Hauswurst sind keine Schonkost. Wer sein Herz an die leichte Küche verloren hat, wird an den schartigen Tischen der Berghütten nicht glücklich werden, außer er beschränkt sich auf einen gespritzten Apfelsaft

und gestattet sich höchstens ein Riechen an der gusseisernen Pfanne, aus welcher der appetitliche Dampf kräftiger Nahrung aufsteigt. Hüttenkost ist ein Produkt langer Traditionen. Sie wurde mehrheitlich für Menschen mit langen Bärten entwickelt, die ihren Tag damit verbrachten, auf achtzehnhundert Meter Seehöhe hundertjährige Bäume mit dem Handbeil zu fällen, zu entrinden und ins Tal zu befördern. Da es im Hochwald keine Buffets gab, waren die Herrschaften abends froh über etwas, was satt macht. Und weil sie gar nicht gerne mit leerem Magen zur Arbeit gingen, verspeisten sie ihre Speckknödel auch in der Früh. Nun haben sich die Zeiten verändert, und die Gäste der Hütten sind oft Damen und Herren, die sich auf eine Wanderung, eine Skitour begeben haben oder einen gelassenen Tag an der Sonne verbringen, während die Alpinskier vergebens darauf warten, gebraucht zu werden. Es handelt sich um Menschen, die in der Regel gut gefrühstückt und ordentlich zu Mittag gegessen haben. Nun erfüllen Speckknödel, Kasspatzlan und Hauswurst plötzlich einen neuen Zweck. Sie sind nicht mehr Heißhungerstiller, sondern Botschafter heller Freude. Niemand müsste so deftig essen – aber jeder möchte es, weil es nämlich nicht nur nährt, sondern außergewöhnlich gut schmeckt. An die Pfanne, Freunde. Hier kommen die Rezepte, um den Hüttenzauber auch zuhause erleben zu können.

Feldringer Alm, Haiming In den Händen junger, ambitionierter Wirtsleute. Gut erreichbar im Sommer und im Winter. Tolles und einfaches Ausflugsziel.


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wildspitze 01.2009

Gampe pfanne Kasspatzlan, Tiroler Gröstl, eingezetteltes Kraut, Speckknödel und Hauswurst.

Tiroler Gröstl

zutaten: 60 bis 80 dag festkochende Erdäpfel gekochtes Rindfleisch 1 Zwiebel Salz, Pfeffer, Kümmel, Majoran

zubereitung: Die Erdäpfel kochen, schälen und erkalten lassen, anschließend blättrig schneiden. Im heißen Fett Zwiebel anrösten, das Fleisch kleinblättrig schneiden und mit etwas Suppe dünsten. Würzen und dann die Erdäpfel dazugeben und alles vermischen.

Kasspatzlan

zutaten: 30 dag griffiges Mehl Salz ca. ¼ l Wasser 1 Ei

zubereitung: Die Zutaten rasch zu einem Teig verarbeiten und durch ein Spätzlesieb in kochendes Wasser streichen. Wenn die Spätzle im Wasser schwimmen, abseihen und mit kaltem Wasser abschrecken. In Butter mit reichlich Bergkäse in der Pfanne erhitzen bis sich eine schöne Kruste bildet. Mit Kräutersalz und Pfeffer würzen.

Kirchtags-Krapfen Eine kulinarische Hüttenspezialität, die es vorzugsweise zum traditionellen Söldener Sennelar-Fest am 15. August gibt.

zutaten: ½ kg Mehl, Salz 75 g Butter 2 Eigelb lauwarme Milch

Für die Fülle: Birnenmehl, Mohn, Marmelade, Preiselbeeren, Zucker, Zimt, Nelkenpulver, etwas zerlassene Butter. Zum Schluss etwas Semmelbrösel

Gampe Thaya, Sölden Gute Lektion in Ötztalerisch (Gampe = Hütte). Beste Lebensmittel mit Schwerpunkt auf eigenen und regionalen Erzeugnissen.

zubereitung: Mehl in eine Schüssel geben, Salz und Butter reinbröseln, 2 Eigelb und lauwarme Milch zugeben, alles zu einem festen Teig verarbeiten. Zugedeckt rasten lassen. Nach einer halben Stunde dünn ausrollen. In die Hälfte des Blattes gibt man die Häufchen mit Fülle, dann die zweite Hälfte Teig darüberlegen und mit dem Krapfenradl trennen. In heißem Schmalz herausbacken.

Nisslalm Urige, bodenständige Hütte hoch über Gries im Sulztal. Im Winter toll für Rodler. Resche Wirtin (Albertina!)


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literatur

wildspitze 01.2009

sommer, oben erzählung von ernst Molden

D

er Bursch kam zufällig dort oben an. Ein Halt auf einer Bergwanderung mit seiner Familie, am Ende eines Sommers. Der Mutter tat der Fuß weh, man würde es nicht mehr ans geplante Ziel schaffen, also blieb man. Das Wetter war glasklar und vorherbstlich. Die Alm, sagte der Chef der Almerer, der winzig klein, aber breit wie ein Felsbrocken war und einen struppigen Zeusbart im Gesicht trug, die Alm liege achtzehnhundert Meter hoch. Er brachte Schnaps und Milch. Da war der Bursch dreizehn. Sprunghaftes Wachstum in allen seinen Gliedern, mitten in einem verstörenden hormonellen Reifeprozess, eigentlich noch ein Kind, das gerne Tiere mochte. Hier waren sie versammelt: Rinder in allen Größen. Dicke Schweine, zigarrenfarben vor Schlamm. Fette Enten, die sich wiegend die Hohlwege entlangschoben, rastlose Hasen, die wie Halluzinationen zwischen den Felsen auftauchten und wieder erloschen. Hinter den Steinmäuerchen pfiffen Murmeltiere. Raubvögel kreisten am Himmel. Die Tiere am Boden wateten durch den Morast. – Fast zu viele Bäche, sagte der Chef, kämen hier aus dem Berg, seine Alm heiße deshalb Koathittn, Drecksalm. Die Hütte sei vierhundert Jahre alt, der eine Stall nicht viel jünger. Der Bub staunte und war glücklich. Der Chef der Almerer mochte die Familie, also blieb die Familie den ganzen Tag. Die wilden Männer saßen mit ihnen vor der Hütte, manchmal gingen sie ab und erledigten ein Kapitel des Tagwerks. Zweimal machte der Bursch auf sich aufmerksam, einmal, als zwei andere Bergleute vorbeikamen, einer mit einer Ziehharmonika, auf der er einen Landler spielte. Der Bursch griff sich die an der Wand hängende, nur noch dreisaitige Gitarre und spielte mit, nur einen Basslauf, es ging sich herrlich aus. Musik, hmm?, sagte der Chef. Der Bursch nickte. Am Ende des Tages trieben zwei Helfer des Chefs eine Herde Milchkühe auf das schwarze Geviert der Stalltür zu. Als die Kühe bei ihnen vorbeikamen, versuchte eine, durch eine Lücke im Zaun auf die dahinterliegende Weide auszubrechen. Der Bursch stellte sich, ohne zu überlegen, vor diese Lücke, obwohl er Kühen misstraute. Die Kuh hielt ihren riesenhaften, weißgelockten Schädel ganz still vor seinem Magen, während sie ihn ansah. Dann drehte sie ab und ging in den Stall. Der Chef, der das beobachtet hatte, kam von der Hütte herunter auf ihn zu. Er legte ihm eine Pranke auf die Schulter, die ihn gleichzeitig zur Erde drückte und ihn zwang, sich zu strecken. Wennst naxten Summa nix hosd, sagte er, kimmst zu ins. * Den ganzen Winter über hatte er diese Einladung vergessen, aber sobald der Schnee weg war, fiel sie ihm wieder ein. Als die Schule aus war und der Juli neu, ließ er sich

mit einem Rucksack und seiner Gitarre, die sechs Saiten hatte, ans Ende des gegenüberliegenden Tales bringen. Er überstieg die zweitausend Meter hohe Passhöhe, das Joch, und fand im Gewirr der Zirbenwälder, Felsnasen und Wildbäche auf der anderen Seite seine Hütte wieder. Der Chef begrüßte ihn, als ob man sich am Vortag getrennt hätte. Er zeigte ihm die anderen. Der Lange, ein Riese mit rotem Hoferbart und gezwirbeltem Schnauzer, wasserblaue Augen und ein ständiges Kichern in der ganzen Existenz. Der Alte, ein zerbrechliches Wesen mit weißem Bart, das sich in einem ständigen Hüpfen befand. Sein Sohn, der Kurze, der nur wenig älter als der Bursch selbst war, warmherzig und eigenbrötlerisch. Eigentlich sei er da, sagte der Kurze, um auf seinen Vater aufzupassen. Heia homma mea Viech, sagte der Chef, drum semma mea Leit. Der Bursch bezog die obere Hälfte eines Stockbettes, in dessen unterer Lage der Lange schlief. Er lernte, dass die Tage um fünf begannen. Da fuhr der Milchführer mit seinem waidwund heulenden Laster die halsbrecherische Straße aus dem Grund herauf und holte die Kannen des Vortages. Wenn einer etwas aus der Welt brauchte, trug man es dem Milchführer auf, und er brachte es. Der Bursch bestellte nie etwas. Für die Süßigkeiten, die er sich manchmal wünschte, genierte er sich. Und nach den Zigaretten, die er zu anderen Zeiten gern gehabt hätte, traute er sich nicht zu fragen. Manchmal vergaßen Wanderer ihre Packungen auf der Hütte, die bunkerte er sich dann, und hie und da saß er am Steilhang unter einer Zirbe, paffte eine, und wenn die Benommenheit abgeklungen war, ging er wieder zur Hütte. War der Milchführer wieder weg, gingen alle Männer die drei Dutzend Kühe melken. Es war das drittletzte Jahr vor der Melkmaschine. Noch ging alles von Hand. Seine Aufgabe war das Umutzn, das Vormelken. Behutsam, aber nicht zu zart, bereitete der Umutzer die Euter der Kühe vor, er molk nur ein paar Strahlen, und wenn die Kuh präpariert war, kam der eigentliche Melker. Eine Stunde später war Ausmisten, dann das zweite Frühstück. Der Tag brachte immer etwas anderes. Heuen, eine Wasserleitung richten, einen Zaun aufstellen. Auf den Burschen wartete meistens die Suche nach dem Jungvieh, das noch ein paar hundert Meter weiter auf dem Hochleger weidete und sich gern auf den umliegenden Hügeln zerstreute. Er trieb die Herde zusammen und überließ sie wieder ihrem Schicksal. Einmal musste er den Ziegenbock holen gehen, der sich der Leidenschaft wegen auf eine Alm ins nächste Tal verzogen hatte. Mit den dortigen Almerern war der Chef verfeindet, und als der gegnerische Boss drohte, den streunenden Bock abzuknallen, musste ausgerechnet der Bursch ihn holen. Mit einem Strick und einem Stock brach er auf. Nach zwei Stunden hatte er an einem Wildnach den riesenhaften Ziegenbock gefunden. Der musterte ihn aus unergründlichen schwarzen Augen, er stank


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„Als die Kühe bei ihnen vorbeikamen, versuchte eine, durch eine Lücke im Zaun auf die dahinterliegende Weide auszubrechen“

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bestialisch, und seine korkenzieherartig gekrümmten Hörner machten dem Burschen Angst. Der Bock ließ sich anbinden, und trotzdem brauchten sie sechs Stunden für den Rückweg. Der Bock machte vier Schritte, dann stemmte er die Hufe in den Boden, schnaubte und blieb stehen. Der Bursch hatte keine Chance. Der Strick riss ihm allmählich und qualvoll die Handflächen auf. Er konnte den Bock prügeln, an ihm zerren, ihn bitten. Erst wenn der Bock wieder wollte, machte er erneut vier Schritte. Oder fünf. Oder zwei.

„Die Kuh hielt ihren riesigen Schädel ganz still vor seinen Magen“ Nach zwei Stunden kam ein Gewitter. Der Bursch setzte sich neben den ruhig verharrenden Ziegenbock, und der Regen durchnässte seinen Parka und wusch ihm schwarze Drecksbahnen ins Gesicht. Der Regen verging, goldenes Abendlicht kam. Beim Einbruch der Dunkelheit hatten sie erst das Joch erreicht. Der Bock wirkte frisch wie der Tau. Der Bursch hätte sterben wollen. Bei einer neuen Rast, am höchsten Punkt des Weges, riss der Bock sich los und rannte hundert Meter weg. Dort schnaubte er triumphierend. Hinter ihm schlängelte sich der Weg zwischen den grauen Findlingen zu den feindlichen Hütten, wo sie den Bock erschießen würden, wenn er zurückkehrte. Vor ihm das Hochmoor, auf dessen anderer Seite der Abstieg zu seiner eigenen Alm begann. An dieser Stelle hätte es eigentlich leichter werden können. Der Bursch merkte, wie erschöpft er war. Seine Handflächen brannten, als hätte man Essig in die Wunden gegossen. Nur zehn Meter weiter entsprang eine Quelle, dort hätte er die Hände kühlen können, aber nicht einmal das schaffte er. Er hockte sich hin und begann zu heulen. Nicht wegen der Müdigkeit, nicht wegen der brennenden Hände. Weil er seine Aufgabe nicht hingekriegt hatte. Das Heulen half. Die Hände beruhigten sich, und die Knie hörten auf zu zittern. Er würde jetzt aufstehen, zur Hütte hinuntergehen und seine Kapitulation vermelden. Da berührte ihn plötzlich das Tiergesicht, überraschend und zärtlich. Der Bock war zurückgekehrt. Er stand neben ihm und blies ihm seinen stinkenden, potenten Atem in den Nacken. Widerstandslos ließ er sich heimbringen, zur Hütte, zu seiner eigenen Herde. Als der Bursch mit dem Ziegenbock ankam, war es schwarze Nacht. Im Schein der Gaslampe betrachtete ihn der Chef. Er brachte ihm Schnaps und eine Art Schmierfett für die Wunden an den Händen. Der Bursch fragte, ob der Bock einen Namen habe, der Chef schüttelte den Kopf. Der Bursch sagte, für ihn heiße der Bock jetzt Goliath, und obwohl derartige Namen nicht der Stil der Männer waren, blieben alle dabei. * Einmal wies der Chef auf eine Steinmauer, hinter der die Kälber weideten. Do san Beisswiam, sagte er, Kreuzottern. Er berichtete von Kälbern, die nach Vipernbissen Beine wie Baumstämme bekämen. Der Bursch nahm sich einen Stock und ging die Mauer ab. Es war heiß, der erste schöne Tag nach einer gewittrigen nassen Augustwoche. Bachstelzen wippten auf der Mauer, kleine blaue und weiße Falter ließen sich nieder. Aber keine Schlangen. Nichts, dachte der Bursch. Als er aber auf der anderen

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Seite der Mauer wieder gehen wollte, machte es zu seinen Füßen Ssssss. Auf einem Stein zwischen Almrosen lag eine nachtschwarze Kreuzotter, winzig eigentlich, aber ungeheuer selbstbewusst. Mit ihrem klobigen, abgesetzten Kopf und den darin glimmenden kupferfarbenen Augen wirkte sie größer, als sie war. Wäre sie geflohen, dann wäre er einfach weitergezogen. Aber die Viper formte ein aufgeblähtes, muskulöses Knäuel aus ihren Windungen und zischte ihn an. Kscht, machte er und hob den Stock. Sie bewegte sich ein Stück in seine Nähe und züngelte ihm entgegen. Er merkte, wie er schwitzte. Die Zeit stand. Von weit weg läuteten die Kälberschellen. Der Bursch sah das zarte Genick der Schlange und lenkte seinen ersten Hieb dort hin. Die Windungen der Schlange zerfielen, sie machte sich pfeilgerade und zischte wieder, aber nach dem zweiten Schlag rührte sie sich nicht mehr. Keine zwei Sekunden später saß die erste Fliege auf dem wunderschönen Tier. Tief deprimiert fädelte der Bursch den Leichnam auf seinen Stecken und trug ihn zur Alm. Der Chef nagelte den Beisswuam an die Hüttenwand, wo er den Sommer über langsam skelettierte. Immer wenn der Bursch die Trophäe ansah, erschrak er vor sich selber. Ein andermal kamen zwei Frauen auf einer Wanderung. Der Alte und der Kurze mussten den Stall übernehmen, und der Chef und der Lange raspelten Süßholz, sangen Gstanzln, der Bursch spielte die Gitarre. Alle außer ihm waren bald betrunken. Der Chef gab seine amourösen Pläne irgendwann auf und begab sich mit der letzten Strophe seines Liedes ins Bett. Der Lange aber fasste den besoffenen Plan, den deutschen Damen noch einen Hasen zu braten, lud das Kleinkaliber und wankte in die Fins-

„Nach dem zweiten Schlag machte die Schlange keinen Muckser mehr“ ternis. Der Bursch schrie ihm nach, die Hasen in Ruhe zu lassen, denn er liebte sie. Aber der Lange blieb bei seinem Plan. In der Zwischenzeit zogen die Frauen sich ins Heu zurück. Der Bursch brachte ihnen noch Decken. Leg dich her, sagte eine. Er hielt kurz den Atem an, dann ging er in die Nacht zurück, denn der Lange wollte ja morden. Er fand den Rotbärtigen draußen, hinter einem Felsen eingeschlafen. Er nahm ihm das Gewehr weg und trug es in die Hütte. Dann legte er sich in seine eigene Koje und schlief unruhig. * Am Ende des Sommers verließ der Bursch die Alm einen Kopf größer und fünf Kilo leichter. Er war dunkelbraun gebrannt. Er konnte jetzt Kühe fangen und in der Nacht über die Berge steigen. Im nächsten Jahr kam er wieder. Der Chef umarmte ihn, ließ sich erzählen, dass der Bursch jetzt Rock’n’Roll spielte und Selbstgedrehte rauchte. Der Bursch kam aber nur auf Besuch.

Ernst Molden, 42, verbrachte drei Sommer seiner Jugend auf der Alm. Seinen Lebenswunsch, Musiker zu werden, hat er inzwischen umgesetzt. Er brachte mehrere Alben heraus, zuletzt mit Willi Resetarits die außergewöhnliche Liedersammlung „Ohne di“ (Monkey).


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IMPRESSUM Herausgeber: Ötztal Tourismus, 6450 Sölden. Redaktion: Christian Seiler (Ltg.), Peter Reinthaler. Gestaltung: Erik Turek, buero8. Fotograf: Philipp Horak. Fotoredaktion: Valerie Rosenburg. Mitarbeiter: Hansjörg Auer, Horst Christoph, David Lama, Christian Flatz, Peter Iwaniewicz, Walter Klier, Johannes Koeck, Ernst Molden, Roman Polak, Lisa Reinthaler. Illustrationen: Anje Jager, Markus Roost. Anzeigenleitung: Roman Polak, Polak Mediaservice, Stadtplatz 8, Top A 4, A-6460 Imst. Herstellung: Michael Bergmeister. Lithographie: Bull Verlags GmbH. Druck: Druckerei Odysseus, 2325 Himberg. Auflage: 50.000 Exemplare. Offenlegung laut § 25 Mediengesetz: Eigentümer zu 100 Prozent und Herausgeber ist Ötztal Tourismus, Gemeindestraße 4, 6450 Sölden, Tel.: +43 057200. Fax: +43 057200-201 info@oetztal.com www.oetztal.com. Direktor: Mag. Oliver Schwarz. Verleger: CSV Verlags GmbH, 3710 Fahndorf, info@csv.at. www.csv.at. Geschäftsführer des Verlags: Christian Seiler. Blattlinie: Information der Öffentlichkeit über Vorzüge, Geschichte und Eigenheiten der Tourismusregion Ötztal.

oberes Foto hat keinen credit, unteres: horak

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Die Wildspitze #1 2009  
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