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Illustration: ILLUMUELLER.CH

Aussenbetrachtung  Kunstkolumne

ICH, DIE MALERIN «Jeder ist ein Künstler», sagte Joseph Beuys. Unsere Autorin wollte herausfinden, ob das auch auf sie zutrifft. Während der Schulzeit galt sie im Zeichnen als durchschnittlich unbegabt, später unternahm sie keine weiteren Versuche. Beste Voraussetzungen also für den Besuch einer «Art Night», wo jede ein Bild hervorbringen soll, das gut genug ist, um es zu Hause aufzuhängen.

Text:

CAROLE BOLLIGER

D

ie Reaktion meines Mannes, als ich ihm erzählte, dass ich einen Malkurs ­machen werde: «Du und malen?» Ich muss allerdings gestehen, dass diese Reaktion nicht völlig ­überraschend kam, bin ich doch malerisch und zeichnerisch alles andere als begabt. Gezeich­ nete Menschen sehen bei mir immer noch etwa gleich aus wie auf meinen Kindergartenzeich­ nungen. Aber ich bin offen und probiere g ­ erne Neues. Dieses Mal eben malen. Etwas aufgeregt sitze ich vor der ­weissen Leinwand. Drei verschieden dicke Pinsel, ein Bleistift, ein kleiner Kartonteller und ein B ­ echer mit Wasser gefüllt stehen vor mir. Neben mir sitzt Saskia Iten. Sie hat die sogenannte «Art Night» in die Schweiz geholt. Ursprünglich kommt der Anlass aus Deutschland, mittler­ weile finden «Art Nights» in der Schweiz bereits in neun Städten statt. Die Angst vor meinem ­eigenen Mut hat mir Saskia schon am Telefon genommen. Als ich sie anrief und ihr erklärte, dass ich gerne an der «Art Night» mitmachen würde, aber leider über kein künstlerisches ­Talent verfüge, meinte sie, ich solle mir k ­ eine Sorgen machen; 95 Prozent aller Teilnehmen­ den würden das von sich behaupten. «Und noch jeder ist mit einem Bild nach ­Hause gegangen, das ihr oder ihm gefiel», versicherte sie. «Das pinke Blumenmädchen», so heisst das Sujet, das wir heute zeichnen und m ­ alen sol­ len. Mit mir zusammen haben sich 23 andere ­F rauen, geschätzt im Alter zwischen z ­ wanzig und v ­ ierzig Jahren sowie ein einziger junger Mann versammelt. Mit 25 Teilnehmenden ist der Kurs ausgebucht; das M ­ alabenteuer kann ­losgehen. Vanessa Belz ist unsere ­leitende Künstlerin. Unter­stützt wird sie von ihrer

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Assistentin Xenia Gokhberg. Nachdem ­Vanessa uns eine kurze Einleitung gegeben hat – zum Bei­ spiel, dass wir ausschliesslich mit ­Acrylfarben malen, weil diese sich gut für Anfänger eignen und schnell trocknen – wird’s Ernst. Obwohl das Kunstwerk «Das pinke B ­ lumenmädchen» heisst, haben wir in der Farbgestaltung freie Hand. Das ist mir recht, mag ich doch Blau­töne lieber als Pink. «Ihr müsst nicht versuchen, das perfekte Bild zu malen, legt den Fokus ein­ fach auf die Freude am Malen», sagt Vanessa. Ich bin erleichtert, dass man die Vorlage abzeichnen, also durchpausen kann. Mit dem Bleistift ziehe ich Linie für Linie nach, kon­ zentriert auf meine Arbeit. Dass so innert zwei Stunden ein Bild entstehen, das mir zudem gefallen soll, sehe ich noch immer nicht, aber ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeu­ gen. Sobald die Bleistift gezeichnete Vorlage steht, geht es mit dem Pinsel weiter. Mit sehr viel Wasser und der gewünschten Farbe – bei mir Türkis – sollen weiche Übergänge gemalt werden. Bloss die Farbe tropft meinem armen Blumenmädchen nur so übers Gesicht, ich habe wohl zu viel Wasser genommen. Kein Problem. Xenia eilt zu Hilfe und zeigt, dass man Farbe einfach mit einem Küchenpapier wieder abtup­ fen kann. Glück gehabt, ich sah mein Kunst­ werk schon in Farbe ertrinken. Mir gegenüber sitzen Gisela und Tiffany. Während Gisela zum ersten Mal seit der Kind­ heit einen Pinsel in der Hand hält – immerhin wollte sie seit Monaten an einer «Art Night» ­teilnehmen, wie sie erzählt –, malt Tiffany hobby­mässig schon länger und regelmässig. Ich bin gespannt, wie ihr Werk aussehen wird. Auf meinem Kartonteller mische ich etwas Dunkelblau in die bestehende Farbe. Vanessa versichert mir, es gäbe beim Malen kein Richtig oder Falsch. Es sei immer auch Geschmacks­ sache. Damit mein Blumenmädchen doch nicht nur in Blautönen daherkommt, sollen die Blumen

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auf dem Kopf pink werden. Ob das eine gute Idee ist? Für allzu langes Überlegen ist die Zeit zu knapp, schon bald sind die zwei Stunden, die der Kurs dauert, vorbei. Wofür noch Zeit sein muss: für die Konturen des Mundes, die Augen, die Haare und ein paar Wimpern. Ein wenig Rouge auf die Wangen – und dann, finde ich, ist mein Blumenmädchen fertig. Und ich muss gestehen, dass es mir ganz gut gefällt. Natürlich kann es nicht mit dem von Tiffany mithalten, das schon sehr professionell wirkt. Auf die Frage, wo ich das Bild aufhän­ gen werde, weiss ich keine Antwort. Darüber ­hatte ich mir, vor lauter Zweifel am erwarteten ­Ergebnis, noch keine ernsthaften ­G edanken ­gemacht. Doch ich werde eines Besseren ­belehrt werden. Um eine tolle Erfahrung r­ eicher, z ­ udem mit meinem e­ igenen Kunstwerk – auf das ich ehrlich gesagt ein wenig stolz bin – ­u nter dem Arm plus netten neuen Bekannten, gehe ich ­zufrieden nach Hause. Ein nächster «Art Night»-­Besuch ist schon jetzt fest ­geplant. Und mein Mann war auch ganz positiv überrascht über mein Erschaffenes. «Das hätte ich dir nicht zugetraut», sagte er. Übrigens hat er mein Blumenmädchen noch am gleichen Abend zu Hause aufgehängt.

«ArtNight», 2016 von David Neisinger und Aimie Carstensen-Henze in Deutschland gegründet, veranstaltet kreative Erlebnisse (Eigenreklame). Unter Anleitung eines Künstlers schaffen Teilnehmer ihr eigenes Kunstwerk in ­lokalen Bars und Restaurants. Die Techniken werden so vermittelt, dass Anfänger ohne ­jegliche ­Erfahrung ein tolles Bild auf die Leinwand bringen. In der Schweiz wird «ArtNight» seit Juni 2018 von den Geschwistern Mario und Saskia Iten ­geführt. Zurzeit finden «Art Nights» schweizweit in neun ­Städten statt, für 54 Franken ist man d ­ abei, ­weitere Infos: www.artnight.ch

Nr. 2 2019

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WW Magazin No. 2/19  

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