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11. Ausgabe September 2011

Das Alter und Ich

06 Happy Birthday, 911

10 Fakten zum wahrscheinlich folgenreichsten Schlag gegen die USA.

10 Du schreibst, was du bist

Was Handschriftenanalyse alles zu Tage fรถrdert.

25 Jungsein im Kreis 4

Wie ein junger Erwachsener sein Leben zu gestalten versucht.

1 Jahr dieperspektive


INHALT

11. Ausgabe, September 2011

EDITORIAL

IMPRESSUM

seite 03: liebe lesende, alles gute zum Jubiläum

REDAKTION dieperspektive, simon jacoby, conradin zellweger, manuel perriard, bremgartnerstrasse 66, 8003 zürich TEXT

HINTERGRUND

s.a.j. | p.w. | m.s. | p.w. | c.j. | j.f. | c.z. | w.b. | e.l.| l.e. | s.v.m. | f.c. | l.m. | m.b.

seite 04: das duell #1 seite 05: die schweiz, ein sozialdemokratisches land seite 06: happy birthday 911 seite 08: die pervertierung des geldes seite 09: ein politischer massenmord seite 10: du schreibst was du bist seite 12: neue weltordnung

u kol

a.| o.b. | s.r.| k.l. | a.h.b. | s.b. & m.g.

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ILLUSTRATION / BILD ph.s. | g.s. | s.w. | f.s. | g.p. | j.h. | s.k. | s.b. | k.b. & j.b COVER julia marti | juliamarti.com LAYOUT per rjard LEKTORAT mara bieler & daniela bär WEBDESIGN

DAS ALTER UND ICH

timo beeler | timobeeler.ch REDAKTIONSMITARBEITER

seite 13: das alter seite 13: ein gespräch seite 14: bald bin ich alt seite 15: selbstsynopse seite 16: das alter und ich seite 16: kahlrasur seite 17: alt, gechillt und sexy seite 17: kim jong-un seite 18: make up

jonas ritscher & konstantin furrer DRUCK zds zeitungsdruck schaffhausen ag AUFLAGE 4000 ARTIKEL EINSENDEN artikel@dieperspektive.ch WERBUNG conradin@dieperspektive.ch ABO abo@dieperspektive.ch

KREATIVES

LESERBRIEFE leserbriefe@dieperspektive.ch

seite 19: cabaret e seite 20: weder gewonnen noch zerronnen mn u l seite 21: wem gehört die kunst ko

THEMA DER NÄCHSTEN AUSGABE die qual der wahl GÖNNERKONTO pc 87-85011-6, vermerk: gern geschehen REDAKTIONSSCHLUSS

KULTUR

donnerstag 15. september 2011, 23.55 uhr

seite 22: jungsein im kreis 4 seite 24: art miami basel seite 25: es gibt keine wunder mehr seite 25: street-art seite 29: du bist am nullpunkt seite 30: so schreibe ich einen artikel seite 32: alles gute

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DIE NEUERUNGEN • Neues Layout • «das Duell»

jeden Monat duelliert sich ein Mitglied der Redaktion mit Peter Werder zum aktuellen Thema.

• Fixe Autoren

in den nächsten 6 Monaten schreiben Mario Senn, Olivia Bosshart und Apachenkönig Huntin’ Beer über Politik, Kunst & Kultur und das Zürcher Stadtleben. Gleich bleibt: Beiträge einsenden an artikel@dieperspektive.ch

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EDITORIAL

11. Ausgabe, September 2011

Liebe Lesende, alles Gute zum Jubiläum Genau vor einem Jahr erschien die erste, äusserst optimistische Ausgabe von dieperspektive. An Optimismus haben wir seither nichts eingebüsst – im Gegenteil. Wir wurden von eurer Mitarbeit getragen. Schnell wurde uns klar, dass wir mit dieser Zeitung, die als Plattform für Text und Bild fungiert, einen Zeitgeist getroffen haben. Es scheint ein Wunsch zu sein, im bodenlosen Internetzeitalter eine Zeitung anzuschauen, anzufassen, ja, eine Zeitung mitzugestallten. Logisch, man kann auch im Schatzchäschtli vom Blick am Abend sein Herz ausschütten, auf Tagi-Online gegen die Linken und Rechten wettern oder auf Facebook die neuste Illustration posten. Aber bei uns wird der Leserbeitrag zum Subjekt (S. 1-32). Wir haben uns gewünscht, dass wir viele interessante und kreative Beiträge von euch erhalten. Dieser Wunsch hat sich, zum Erstaunen aller, oft erfüllt. Ich möchte es nicht verschweigen: Wir waren mit der Qualität der gedruckten Beiträge und der Ausgaben insgesamt nicht immer ganz zufrieden. Absoluter Perfektionismus ist aber nichts für eine lesergenerierte Zeitung. Eine kleine Anleitung für attraktives Schreiben haben wir euch trotzdem in diese Ausgabe gepackt (S. 30). Was unsere Arbeit betrifft: Wir lernen aus unseren Fehlern und geben uns Mühe, stets ein bisschen besser zu werden. Nach dem ersten Jahr haben wir einige Anpassungen vorgenommen. So erkennt das perspektivisch-geschulte Auge sofort, dass wir mit einem neuen Layout ins neue Jahr starten. Neu ist auch Das Duell, in dem sich Peter Werder gegen ein Redaktionsmitglied zum Monatsthema duelliert (S. 4). Da eröffnen sich echte Perspektiven. Weiter gibt es Leserinnen und Leser, die über mehrere Ausgaben zu einem fixen Thema schreiben. So beginnen wir mit Mario Senn (Politik), Olivia Bosshard (Kunst und Kultur) sowie dem altbekannten Apachenkönig Huntig Bear (Zürcher Stadtleben; S. 5, 21, 25). Alle, die auch einen vertieften Einblick in ihre Perspektiven offenbaren möchten, dürfen sich gerne mit einigen Textproben zu einem beliebigen Thema bewerben (info@dieperspektive.ch). Da wir einen unikaten Mix an Schreiberinnen und Schreibern haben, würden wir gerne mehr über diese erfahren. So bitten wir euch, zu jedem Beitrag einen Kurzbeschreib von euch anzufügen, der dann zum Beitrag mitgedruckt wird. Dieser könnte etwa so aussehen: «Lisa Müller, 26, studierte Medizin in Texas, USA. Praktiziert und schreibt in Schaffhausen. Lisa26@gmail.com». Das Ganze ist natürlich optional. Auch erhälltst du dieperspektive nun per Post nach ganz Europa. Und zwar für 50 Euro im Jahr. Das wärs an Neuigkeiten. Beim Alten bleibt unser unersättlicher Wunsch nach bäumigen Beiträgen von euch. Wir sagen «Danke!» und heben unsere Gläser auf ein weiteres perspektivisches Jahr.

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Conradin Zellweger Für die Redaktion

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HINTERGRUND 11. Ausgabe, September 2011

Das Duell #1 {Text} * Simon A. Jacoby und Peter Werder

Simon A. Jacoby

Peter Werder

«Wer mit 20 nicht links ist, hat kein Herz - wer es mit 50 immer noch ist, hat keinen Verstand.» Völliger Schwachsinn, muss ich zu diesem bekannten Zitat Churchills sagen. Der, der neben mir schreibt, Herr Werder, wird mir, wie meistens in politischen Fragen, frontal widersprechen. Und wie meistens wird er auch hier falsch liegen. Die Spielregeln von Das Duell sehen es vor, dass ich dieses Mal zuerst schreiben darf. Den Beweis, dass sich «links» und «bei Verstand» nicht ausschliessen, lieferte kürzlich der erzkonservative Kolumnist Brooks, als er schrieb: «Ich fange an zu denken, dass die Linke vielleicht doch Recht hat.» Das ist doch ein sehr grosser Schritt. Weiter schreibt Brooks: «Fast alle arbeiten heute härter, leben unsicherer, damit wenige im Reichtum schwimmen. Das ist eine schreckliche Enttäuschung für uns, die wir an freie Märkte glaubten, weil sie freie Menschen hervorbringen würden...» Jaja, auch mein Duellgegner glaubt an den freien Markt. In diesen Tagen wird zum zweiten Mal in wenigen Jahren die Frage beantwortet, ob die freien Märkte scheitern. Die Frage ist also nur noch, wie lange es geht, bis die Rechten und Liberalen von heute merken, dass sparen und liberalisieren nichts nützt. Oder anders ausgedrückt: Sparen und liberalisieren nützt nur den Banken und Versicherungen – dem Klientel der Parteien, die die Staaten weltweit in den Ruin treiben. Klar, auch der Markt kann seine guten Seiten haben und ist nicht vollständig abzulehnen. Der gute alte Keynes wusste, wie es geht: Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, muss der Vater Staat helfen. Zudem, finde ich, sollten die Steuern gefälligst rauf, wenn es dem Lädeli gut geht. Wenn es ihm schlecht läuft, müssen sie wieder runter. Das Thema der Jubiläumsausgabe von dieperspektive lautet «Das Alter und ich». Herr Werder ist noch nicht alt. Gemäss Churchill hätte er noch über zehn Jahre, um zu Verstand zu gelangen. Leider hat er diesen fatalen Schritt schon lange begangen. Und leider hat Churchill den Verstand offensichtlich falsch verstanden. Bei Verstand sein ist sicher lässig, links sein ist zwar nicht mehr ganz so salonfähig wie auch schon, aber in der jetzigen Weltlage zweifellos die richtige Wahl. So, lieber Herr Werder. Ich bin gespannt, ob Sie eine andere Antwort als «Eigenverantwortung» und «der Markt regelt sich von sich selbst» auf diese aktuellen Probleme haben.

Nein, «Eigenverantwortung» und «der Markt regelt sich von selbst» sind nicht meine Antworten. Wer aber in der jetzigen Situation gegen den freien Markt schreibt, und das tun Sie, hat ihn nicht verstanden. Der wird gelenkt von Neid und Naivität, lieber Herr Jacoby. Und er versteht die Stärke des Kapitalismus nicht. Was Sie übersehen: Die Linke kämpft gar nicht mehr gegen den Markt, sondern für einen sozialen Markt. Sie kämpft nicht mehr gegen die Lohnarbeit, sondern für höhere Löhne (natürlich nur im unteren Bereich). Lustig, nicht? Die Linke ist damit auch Teil des Marktes geworden, der Protest gegen den Kommerz ist per se kommerzialisiert. Ich empfehle Ihnen die Lektüre von Illousz‘ «Konsum der Romantik» oder Misiks «Genial dagegen». In meiner bescheidenen Publikation «Utopien der Gegenwart» heisst ein Kapitel «Die Utopie des Nichtkapitalismus und des Nichtkommerziellen». Sicher: Die Schere zwischen Reich und Arm ist heute immer noch weit offen. Aber: Den Armen ging es noch nie so gut wie heute. Ich liefere Ihnen dafür an späterer Stelle gerne konkrete Zahlen, wenn der Platz dazu ausreicht. Die aktuelle Situation ist kein Marktversagen, sondern das Versagen des sozialdemokratischen Ausgabenwahns. Viele EU-Staaten haben mehr ausgegeben, als sie einnehmen konnten. Und dies bei gleichzeitig schon horrenden Steuersätzen. Aufgeblasene Sozialstrukturen und Staatsapparate, kaum noch Anreize, Leute einzustellen (grosser Dank an die Gewerkschaften), kaum noch Anreize, überhaupt zu arbeiten (der Staat winkt mit dem fast bedingungslosen Grundeinkommen, das durch die Steuern der bösen Reichen finanziert wird) – das alles verantworten die Linken, nicht die Liberalen. Und am Anfang stand in den USA die Idee, dass alle – wirklich alle – ein eigenes Haus haben sollen. Die Bonität sollte keine Rolle mehr spielen. Eine beispiellose Umverteilung des Wohlstandes, die ebenso beispiellos in die Hosen ging. Die Reichen noch mehr zu besteuern, um das Geld umzuverteilen, das ist meist einfach nur der Ausdruck einer Neidkultur. Dazu kommt viel Naivität: Sie und Ihre linken Kollegen gehen nämlich davon aus, dass die Armen grundsätzlich nichts für ihre Armut können. «Denen muss man helfen.» Wie wärs mit Anreizen statt mit Verboten? Wie wärs mit Belohnung statt mit Bestrafung? Ja, und hier kommts: Wie wärs mit etwas mehr Befähigung zur Eigenverantwortung, Herr Jacoby? Kein System war je stärker als der Kapitalismus. Weil: Er wird immer besser. Man vertraut darauf, dass auf dem (im Idealfall transparenten) Markt die gemachten Versprechen eingehalten werden. Die Basis des Kapitalismus ist das Vertrauen. Die Basis der Sozialdemokratie ist Naivität und Neid. PS: Gemäss Churchill haben Sie, Herr Jacoby, noch 25 Jahre Zeit für den richtigen Schritt – richtig, weil Sie dann im aufklärerischen Sinn vernünftige Politik machen werden.

* Simon A. Jacoby, 22, Co-Chefredaktor von dieperspektive, Student der Politologie und Publizistik- & Kommunikationswissenschaft und aktiver Politiker, aus Zürich

* Dr. Peter Werder ist bürgerlicher Politiker, Dozent an der Universität Zürich und leitet die Kommunikation eines Konzerns im Gesundheitswesen

DAS DUELL Beim Duell stehen sich jeden Monat Peter Werder und ein Mitglied der Redaktion zum aktuellen Thema der Ausgabe gegenüber. Abwechslungsweise schreibt einer zuerst, worauf der andere eine Replik verfasst.

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POLITKOLUMNE 11. Ausgabe, September 2011

Die Schweiz, ein sozialdemokratisches Land {Text} * Mario Senn

Mit schöner Regelmässigkeit vernimmt man, die Schweiz werde von einer neoliberalen Welle überrollt. Auf die Gegenfrage, woran sich das denn manifestiere, erhält man, abgesehen von üblichen systemkritischen Gemeinplätzen, keine rationalen Antworten. Dies dürfte nicht nur mit der allgemein vorherrschenden Begriffskonfusion zusammenhängen («Neoliberalismus» wird – ideengeschichtlich falsch – primär als undifferenzierter Kampfbegriff gegen alles, was nach Markt riecht, verwendet). Viel eher wird gemeinhin verkannt, wie sehr das Gegenteil der Fall ist: Ein sozialdemokratischer Konsens dominiert unser Land. Was ist darunter zu verstehen? Der Staat interveniert in noch nie dagewesener Weise in das Leben der Menschen. Selbst ein Untertan des absolutistischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. würde sich wundern, mit welcher Selbstverständlichkeit unser Staat heute das Rauchen verbietet oder Gaststätten Vorschriften zur Anzahl der Toiletten macht. Der Staat hat eine zuvor unvorstellbare Grösse angenommen. Daneben wird gesteuert, besteuert, umverteilt, subventioniert. Eine Debatte, ob wirklich jegliche Tätigkeit irgendwie gelenkt werden müsse, findet zwar statt. Daraus folgt in aller Regel aber keine Deregulierung oder Liberalisierung. Weshalb ist man beispielsweise als Steuerzahler in gewissen Städten gezwungen, Hallenbad-Eintritte zu subventionieren? Weshalb ist die Inanspruchnahme von Kinderbetreuung

zu subventionieren? Und wieso finanziert man mit seinem Brief von Zürich nach Zürich eine Poststelle im Bergell? Dahinter steht das sozialdemokratische Konzept, das dem Staat die entscheidende Rolle bei der Lösung aller real existierenden oder vermeintlichen Probleme zuweist. Mit neoliberal hat das gar nichts zu tun. In der Schweiz gibt es konsequenterweise auch keine Partei, die ohne sozialdemokratische Inhalte auskommt. Die CVP führt das Adjektiv «sozial» in ihrem Parteilogo und fordert u.a. staatliche Interventionen (Umver-

«In der Schweiz gibt es konsequenterweise auch keine Partei, die ohne sozialdemokratische Inhalte auskommt.» teilung) zur «Gleichstellung» der traditionellen Familie. Die SVP als neue Arbeiterpartei versucht ihre Wähler mit einer Mischung aus Aussenabschottung und Förderpolitik für bestimmte Gruppen (angefangen bei den Landwirten) bei Stange zu halten. Der Konservatismus ist der Sozialdemokratie bekanntlich in dem Sinn ähnlich, als dass auch er dem Staat zwingend eine gestaltende Rolle zuweist. Auch die FDP wehrt sich nicht gegen eingebürgerte sozialdemokratische Praktiken. Aus liberaler Sicht wären beispielsweise die systemfremden

Kantonalbanken oder das Staatskirchentum abzuschaffen. Und natürlich dürften keine Unternehmen mehr, egal wie gross, mit einer Rettung durch den Staat rechnen. Der viel gerühmte politische Konsens ist in der Schweiz infolgedessen auch meist sozialdemokratisch. Auch unser Vokabular ist wunderbar ver-sozialdemokratisiert. So schwadroniert man von links nach rechts gerne mit Ausdrücken wie «solidarisch», «sozial», «soziale Gerechtigkeit», «Steuergerechtigkeit» oder «Chancengleichheit». Einer Diskussion über die Bedeutung dieser Konzepte wird elegant ausgewichen. Stattdessen dominieren Interpretationen, die im Zweifelsfall eine Staatsintervention hervorrufen und die Freiheit einschränken. Ist so viel Sozialdemokratie schlecht für die Schweiz? Das hängt vom politischen Standpunkt ab. Würde man die Parteiprogramme der Parteien der letzten 50 Jahre vergleichen, würde man jedoch schnell feststellen, dass die SP wohl am meisten ihrer Forderungen durchgebracht hat und dass dies der bürgerlich-liberale Wähler gerne übersieht. Auf die viel kritisierte neoliberale Welle warte ich hingegen immer noch.

* Mario Senn ist Volkswirt und liberaler Politiker in Adliswil ZH, er schreibt monatlich zum Thema Politik Antworte Mario Senn auf leserbriefe@dieperspektive.ch

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HINTERGRUND 11. Ausgabe, September 2011

Happy Birthday 911 {Text} * Pascal Woodtli

Vor ziemlich genau zehn Jahren geschah das Unmögliche: Amerika, das Symbol der Ersten Welt, erwischte es eiskalt – und das mitten im Herzen von Manhattan. Die Metropole rauchte und stöhnte; Bilder, die sich sekundenschnell auf dem ganzen Planeten verbreiteten und seine Bewohner in Verwirrung, Angst und schliesslich Hass stürzten, was wiederum schwere Folgen für die Staaten Zentralasiens und deren Bürger hatte und nach wie vor hat. Damals und heute fragen sich Laien sowie Experten: Wie – in aller Welt und in Gottes Namen und überhaupt – konnte ein solcher Anschlag auf amerikanischem Boden stattfinden? Ist die Weltmacht Nummer eins wirklich verwundbar? Man muss kein pietätloser Verschwörungstheoretiker sein, kein Esoteriker und schon gar kein kompensierender Regierungsgegner – es reicht, den gesunden Menschenverstand einzuschalten, Vorurteile abzulegen und einen nüchternen Blick auf die Angelegenheit zu werfen. Auf Seiten wie 911untersuchen.ch erkennt man, wie aktuell und ernst das Thema wirklich ist. Hier sind zehn Fakten zum zehnjährigen Jubiläum: 1. Vier Maschinen vom Typ Boeing 757 bzw. 767 krachten in die zwei Türme des World Trade Centers (WTC), eine ins Pentagon, eine vierte stürzte bei einem Waldrand in Pennsylvania ab. Das erste Flugzeug traf den Südturm um 08:46 Uhr, das zweite den Nordturm um 09:03 Uhr. Das letzte beendete seinen Flug erst nach 10 Uhr. Die Informationen variieren leicht je nach Quelle, unbestreitbar ist jedoch, dass annähernd 3‘000 Menschen – darunter Geschäftsleute, Feuerwehrmänner, Touristen und Passagiere – an diesem Tag ihr Leben liessen. Verantwortlich: 19 Selbstmordattentäter der alQaida. [1,2,3]

2. Wladimir Putin sagte in einem Interview: «Ich befahl meinem Geheimdienst, Präsident Bush dringend zu warnen, dass sich ca. 25 Terroristen darauf vorbereiten, in den USA wichtige Regierungsgebäude […] anzugreifen.» [4] Der Chef des russischen Geheimdienstes bestätigte diese Aussage. Auch der französische, deutsche und der britische Geheimdienst hatten ihre amerikanischen Kollegen gewarnt. Hosni Mubarak, der ehemalige ägyptische Präsident, betonte, er habe auf mehrere Hinweise seines Geheimdienstes hin persönlich nach Washington telefoniert und vor bevorstehenden Anschlägen gewarnt. [4] 3. 17 Minuten verstrichen zwischen den Anschlägen auf den Süd- und den Nordturm des WTC. Ein Kampfjet vom Typ F-15 Strike Eagle bräuchte für die 115 km nach New York von seiner Luftwaffenbasis in New Jersey ungefähr zweieinhalb Minuten. Es fliegt mit 3‘000 km/h und ist 24 Stunden einsatzbereit – für Notfälle. Der Einschlag des Fluges AA 77 ins Pentagon erfolgte um 09:37, sprich 51 Minuten nach dem ersten Aufprall und ohne Reaktion des Militärs. [1,4] 4. Mit sogenannten Put-Optionen können Anleger einen Gewinn erzielen, indem sie richtig auf das Fallen des Kurses einer Aktie spekulieren. Ab dem 6. September 2001 wurden täglich massenhaft solche Derivate von verschiedensten Firmen mit Sitz im WTC gekauft. Man rechnet mit gesamthaft knapp 15 Milliarden US-Dollar, die nach dem Anschlag den Spekulanten gutgeschrieben wurden. [5] Besonders auffallend waren die 200'000 PutOptionen, die bezüglich der Fluggesellschaft United Airlines gehandelt wurden, wobei es im Normalfall höchstens um die 1’000 gewesen wären. Nach den Anschlägen sank der Kurs der United Airlines-Aktien abrupt von 30,82 $ auf 17,50 $, was den Derivatbesitzern

über fünf Millionen einbrachte. Auch bei American Airlines war dieses Phänomen zu finden. Es ist kein Geheimnis, dass das FBI die Börse bezüglich Anomalien überwacht. [1] 5. AA 11 traf den Nordturm praktisch perfekt in die Mitte der Nordseite in Höhe der 96. Etage, wobei UA 175 den Südturm in Höhe der 82. Etage schräg auf die südöstliche Kante traf. [3] Die Türme des WTC bestanden aus jeweils 200'000 t Stahl und 425'000 t Beton und gehörten somit zu den mächtigsten Gebäuden der Welt. Und sie waren die ersten Wolkenkratzer, die wegen eines Brandes zusammenbrachen. Am 28. Juli 1945 krachte beispielsweise eine B52, die sich im Nebel verflog, ins 79. Stockwerk des Empire State Building. Das Feuer brannte mehrere Stunden, doch das Gebäude steht bekannterweise noch heute. Beim WTC handelte es sich um Brandzeiten von weniger als zwei Stunden. [1] Kerosin kann unter gründlicher Sauerstoffzufuhr beim Verbrennen eine Temperatur von 700 - 1‘000 °C (je nach Quelle) erreichen, wobei Eisen einen Schmelzpunkt von 1535 °C besitzt. [6] 6. Das WTC 7, ein relativ kleines Gebäude, welches ungefähr 100 Meter neben den Twin Towers auf der anderen Strassenseite stand, stürzte noch am selben Abend um 17:20 Uhr – ebenfalls an eine professionelle Sprengung erinnernd – vollständig in sich zusammen. Ursache: Feuer. Darin befanden sich Abteilungen der CIA, der Air Force und des Verteidigungsministeriums. [7] 7. Es gibt dutzende, inhaltlich beinahe identische Aufzeichnungen und Aussagen von Feuerwehrmännern, die in die brennenden Türme stürmten und per Funk miteinander kommunizierten, während sie versuchten, so viele Leute wie möglich zu retten. Ein Beispiel: «Als wir im 6. (!) Stock ankamen, sah es

Der betroffene Teil des Pentagons kurz nach dem Anschlag vom 11. September 2001

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HINTERGRUND 11. Ausgabe, September 2011

da aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte: Alles Glas war herausgesprengt worden und Marmorpaneele, die vorher Wände waren, lagen zersplittert am Boden. Überall lagen verletzte Menschen. Ich verstehe das nicht.» [7] 8. Dass das Pentagon eines der sichersten Gebäude weltweit ist, muss nicht erwähnt werden – immerhin ist es der Hauptsitz des US-Verteidigungsministeriums. Es verwundert deshalb nicht, dass gegen Luftangriffe schon immer eine Abschussvorrichtung installiert war. [8] Behörden konfiszierten alle Videoüberwachungsbänder von nahe liegenden Bauten, welche Licht ins Dunkle hätten bringen können. Obwohl die Boeing 757 angeblich fünf Lichtmasten, die an der Autobahn neben dem Pentagon standen, vollständig aus dem Boden riss, schienen ihr keinerlei Teile abgesplittert zu sein. Auf Fotos, die von Passanten geschossen wurden, erkennt man unschwer, dass in der Mauer kein Loch vorhanden ist, das einem Flugzeug gerecht würde (siehe Bild). Auf dem Rasen davor: nichts. Flugzeugtriebwerke sind aus Titan und können weder verbrennen noch einfach vom Erdboden verschluckt werden. [7,8]

9. Flug UA 93: Ernie Stall, der Bürgermeister von Shanksville, Pennsylvania, war sichtlich verwirrt und sagte in einem Interview: «Mein Schwager und ein Freund von mir waren die ersten an der Absturzstelle. […] Erst später kamen Feuerwehr und FBI. Alle waren wie vor den Kopf gestoßen, weil sie zu einem Flugzeugabsturz gerufen wurden – aber da war kein Flugzeug… kein Flugzeug.» [8] Nur ein dampfendes, leeres Loch. Keine Leichen und auch hier keine Flugzeugteile. Trotzdem konnten Behörden glücklicherweise alle 33 Passagiere – inklusive Attentäter – identifizieren und sogar den Flugschreiber bergen. [8] 10. Nur wer etwas zu befürchten hat, verheimlicht Informationen. Die Regierung und die Behörden der USA brachten es nicht einmal zu Stande, im offiziellen 9/11 Commission Report reinen Tisch zu machen. [9] Das Internet und die Literatur quellen über von Theorien und Bildern – keiner weiss genau, was manipuliert, verschönert und was echt ist. Für mich persönlich gilt: Von nichts kommt nichts. Sogenannte Fakten sollten sich nicht widersprechen. Es gibt zu viele Ungereimtheiten, zu viele Vorwürfe, die die Zuständigen schon längst hätten

klären können, wenn sie gewollt bzw. gekonnt hätten. Es geht weder um Geld noch um Sensationsgeilheit, nein, es geht um die Verantwortung darüber, was in den Geschichtsbüchern unserer Nachkommen stehen wird: Eine ungeheure Wahrheit, eine ungeheure Lüge oder doch nur ein grosses Fragezeichen.

Quellenverzeichnis: [1] Wisnewski, G.: Operation 9/11 – Angriff auf den Globus; Knaur Taschenbuch Verlag, München, 2003 [2] Meyssan, T.: Der inszenierte Terror; Editio Defacto, Kassel, 2002 [3] Aust, S. & Schnibben, C.: 11. September – Geschichte eines Terrorangriffs; Spiegel Buchverlag, Hamburg, 2002 [4] Ahmed, N. M.: Geheimsache 9/11; Riemann Verlag, München, 2002 [5] Bröckers, M.: Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 9.11.; Zweitausendeins, Frankfurt am Main, 2003 [6] Deutschschweizerische Mathematik- und Physikkommission: Fundamentum Mathematik und Physik; Orell Füssli Verlag AG, Zürich, 2001 [7] (Film) Avery, D.: 911 - Loose Change 2Nd Edition, Internetpublikation, 2005 [8] (TV) Wisnewski, G.: Aktenzeichen 11.9. Ungelöst; WDR, 23:00 am 20. Juni 2003 [9] Wisnewski, G.: Mythos 9/11 – Der Wahrheit auf der Spur; Knaur Taschenbuch Verlag, München, 2004

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HINTERGRUND 11. Ausgabe, September 2011

Die Pervertierung des Geldes {Text} * Carl Jauslin

In einer Zeit, in der es von Wirtschaftskrisen nur so wimmelt; in einer Zeit, in der sich jeder fragt, wie es weiter gehen soll mit unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem; in einer Zeit, in der Experten verbittert nach Erklärungen suchen; da möchte ich versuchen ,eine etwas andere Betrachtung zu vermitteln. Manchmal hilft es, eine distanzierte Perspektive einzunehmen und sich von all dem fachspezifischen Gerede, das ich nicht abwerten möchte, abzuwenden. Geld scheint der Ursprung sowohl des Glücks wie auch des Übels zu sein. So wäre es von Vorteil, dessen ursprüngliche Funktionen zu erkunden. Bevor das Geld und im Allgemeinen die Währung erfunden wurde, bestand die Wirtschaft aus Produktion und Tausch. Mit der Einführung von Geld konnten die Arbeitskräfte bezahlt werden. Anders gesagt, das Geld hatte die Funktion eines Wertäquivalents, das die Leistung der Arbeiter vergelten soll. Im Tauschgeschäft nahm es die Rolle eines Zwischentauschmittels ein. Das heißt, das Geld war nur ein Mittel, um von einer Ware zur nächsten erwünschten Ware zu gelangen. Das eigentliche Problem unserer Wirtschaft liegt meiner Meinung nach in der Selbstvermehrung des Geldes. Mit dem Film Wall Street - Das Geld schläft nie von Oliver Stone wird diese Problematik der Selbstvermehrung des Geldes, wie auch im Untertitel angetönt, sehr gut veranschaulicht. Aber schon tausende von Jahren früher war diese Problematik bekannt, wenn wir uns dieses folgende Zitat von Aristoteles vergegenwärtigen: «Das Geld ist für den Tausch entstanden, der Zins aber weist ihm die Bestimmung an, sich durch sich selbst zu vermehren. Daher widerstreitet auch diese Erwerbsarbeit unter allen am

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weitesten dem Naturrecht.»

- Aristoteles, zitiert in:

«Das Geld-Syndrom» von Helmut Creutz, Seite 111

Mit dem Zins und später auch mit der Inflation kamen Faktoren hinzu, die zur Destabilisierung des Geldwertes führten. Das Aufkommen des Börsenmarktes zeigt uns eine riesige fiktive Welt von Angebot und Nachfrage, die den Aktienmarkt bestimmt und in welcher der Wert wie auf Wellen schwankt. Aristoteles hat schon auf den Punkt gebracht, dass die Erwerbsarbeit im Falle der Selbstvermehrung des Geldes dem Naturrecht widerspricht. Die Erwerbsar-

«Die meisten Kriege sind Ressourcenkriege und keine ideologischen Kriege. Kriege werden auch nur des Geldes wegen geführt.» beit ist für den Menschen als Arbeiter nämlich gleich null. Im Zins liegt auch ein Grund für die Vergrößerung der Schere zwischen Reichen und Armen. Die, die schon viel haben, erhalten noch mehr, und die, die wenig haben, bekommen wenig. Es steht außer Frage, dass der Zins viele Vorteile mit sich bringt, jedoch soll hier auf die Problematik der Selbstvermehrung des Geldes aufmerksam gemacht werden. Der eigentliche Punkt ist, dass die Funktion des Geldes als Wertäquivalent nicht durchgehend bestehen bleibt, wenn das Geld nicht durch Erwerbsarbeit vermehrt werden kann. Die zweite Problematik liegt in der zweiten Funktion des Geldes als Zwischentauschmittel und ist nicht wie erstere wirtschaftlicher, sondern psychologischer Art. Jeder Mensch hat Bedürfnisse und Wünsche, viele davon können mit Geld befriedigt und erfüllt

werden. Mit der Zeit kam es meiner Meinung nach zu einer Pervertierung, denn das Geld wurde das eigentliche Ziel. Anders gesagt: Das höchste Gut ist für einige das Zwischentauschmittel. Man will Geld nicht, um sich Wünsche erfüllen zu können, nein, das Geld ist zum eigentlichen Wunsch geworden. Geld ist vom Zwischentauschmittel zum Endgut avanciert. «Die Lebenskraft des Krieges, unendlich viel Geld.» - nach Francis Bacon, Sermones Fideles XXIX, 4 ("Wie wahr, daß Gelder die Lebenskraft des Krieges sind."); zurückgehend auf Cicero, 5. philippische Rede I, 5

Die meisten Kriege sind Ressourcenkriege und keine ideologischen Kriege. Kriege werden nur des Geldes wegen geführt. Vergessen gehen die eigentlichen Wünsche, denn das Geld steht davor und verblendet sie. Das Geld ist an die Stelle der Wünsche getreten. Das Geld scheint anfangs nur Mittel für die Erfüllung von Wünschen, bis es schlussendlich mit dem eigentlichen Wunsch verschmilzt und eins wird mit ihm. Die ursprünglichen Funktionen des Geldes waren, wie anfangs erwähnt, die des Wertäquivalents und die des Zwischentauschmittels. Doch gerade auf der Pervertierung dieser beiden Funktionen basiert der Untergang des Geldes. Geld ist in der heutigen Welt mit der Börse kein Wertäquivalent mehr und durch unsere übertriebene Fokussierung auf das Geld ist sie auch kein Zwischentauschmittel mehr sondern scheinbar für viele die einzige Türe zum Glück.

* Carl Jauslin, 19, Student der Philosophie und Rechtswissenschaft an der Universität Basel. Wohnhaft in Basel, hat römische Wurzeln und bereist und interessiert sich für die ewige Stadt

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HINTERGRUND 11. Ausgabe, September 2011

Ein politischer Massenmord {Text} * Jacqueline Fehr

Eigentlich sagte Jens Stoltenberg kurz nach der Tat bereits alles: «Die Antwort auf Gewalt ist mehr Demokratie, mehr Menschlichkeit, aber nicht mehr Naivität. (...) Niemand wird uns durch Bomben zum Schweigen bringen, niemand wird uns durch Schüsse zum Schweigen bringen.» Der sozialdemokratische Ministerpräsident Norwegens zeigte mit diesen Worten den Weg, den wir alle gemeinsam nach diesem Attentat gehen müssen. Ich habe dann über Facebook doch noch etwas mehr gesagt und zwar folgendes: «Über 80 junge Menschen sind tot, weil sie als junge Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten eine offene und tolerante Gesellschaft verteidigten, sich gegen Hass und Ausgrenzung stellten und die Welt mit demokratischen Mitteln verändern wollten. Ermordet wurden sie von einem Menschen, der eine Mission zu erfüllen glaubt und sich den anderen und dem Anderen überlegen fühlt. Diese ‹Ich-muss-dieWelt-retten-Haltung› fällt nicht vom Himmel. Sie wächst auf dem Boden des Fanatismus, in diesem Fall offenbar des christlichen Rechtspopulismus.» Die ersten Reaktionen auf diesen Eintrag waren kritisch. Man dürfe aus dieser schrecklichen Tat keinen politischen Nutzen ziehen. Man solle die politische Diskussion jetzt sein lassen und einfach trauern. Tönt vernünftig. Doch wie tönt das in den Ohren der Verletzten und Verschonten des Massakers? Wie tönt das in den Ohren der Angehörigen der Opfer? Sie können nicht darüber hinwegsehen, dass es eine politische Tat war. Ihre Freundin, ihre Tochter, ihre Enkelin musste streben, weil sie sich politisch engagiert hatte und zwar für Offenheit, Menschlichkeit und

Toleranz. Die Insel Utøya war Ort der Schreckenstat, weil sich dort seit Jahrzehnten jedes Jahr junge Menschen zu ihrem politischen Sommerlager treffen. Gerade aus Respekt vor den Opfern haben wir die Verantwortung zu anerkennen, dass der Tod ihrer Liebsten kein zufälliger, sondern ein gewollter und ein gewählter war. Gewiss: Es wäre einfacher, von einem Irren, einem Wahnsinnigen, einem Durchgeknallten zu sprechen. Doch damit machen

«Fanatiker sind nicht einfach Irre! Sie sind zutiefst von ihren Positionen überzeugt und verfechten sie bis zum bitteren Ende.» wir uns selber etwas vor. Es war die Tat eines Fanatikers. Und Fanatiker sind nicht einfach Irre! Sie sind zutiefst von ihren Positionen überzeugt und verfechten sie bis zum bitteren Ende. Sie dulden nichts und niemanden neben sich, der die Sache anders sieht. Sie kennen für Andersdenkende nur Verachtung oder Hass. Sie glauben, Teil oder gar Anführer einer Mission zu sein und in der Geschichte eine besondere Rolle erfüllen zu müssen. Sie planen, wählen aus und setzen um. Sie leben unter uns und sind meist unauffällig. Der Boden für Fanatismus - egal ob er politisch oder religiös, ob er links oder rechts, christlich, jüdisch oder islamisch ist – wird dort gelegt, wo im Alltag, in Parteien oder Medien Andersdenkende ausgegrenzt, Toleranz als Gutmenschentum verhöhnt und Hass als po-

litisches Handlungsmotiv salonfähig gemacht wird. An dieser Erkenntnis führt kein Weg vorbei. Denn das Leben ist politisch und Fanatismus ist tödlich. Sich dem nicht bewusst zu sein, ist naiv. Und gerade vor der Naivität warnt uns der norwegische Ministerpräsident Stoltenberg in dieser Stunde zu Recht. Schauen wir den Tatsachen ins Auge und nennen wir die Sache beim Namen. Was in Norwegen passiert ist, ist ein politischer Massenmord. Und als solcher fordert er uns heraus. Was ist unsere Antwort auf dieses Verbrechen? Jens Stoltenberg hat sie bereits gegeben und seit dem Unglückstag mehrmals wiederholt. «Kämpfen wir für noch mehr Demokratie, für noch mehr Menschlichkeit, für noch mehr Offenheit.» Schliessen wir uns ihm an! Und zeigen wir allen die rote Karte, die unsere Freiheit mit mehr Unfreiheit verteidigen wollen! Wir brauchen keine zusätzlichen Sicherheitsmassnahmen, sondern mehr Zivilcourage, wenn es um die Verteidigung von Freiheit, Gleichheit und Solidarität geht! Wir tragen gemeinsam - ob links oder recht - die Verantwortung für den politischen Umgang und die Diskussionskultur in diesem Land. Setzen wir uns deshalb gemeinsam für ein gesellschaftliches Klima des Respekts ein! Und tun wir das überall: an der Bushaltestelle, im Sportverein, in den Medien und im Nationalratssaal. Über 80 Menschen verloren ihr Leben und ihre Zukunft. Unsere Gedanken sind bei ihnen, den Getöteten, bei den Verletzten, den Verschonten und den Angehörigen.

* Jacqueline Fehr, Nationalrätin und Vizepräsidentin SP Schweiz

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HINTERGRUND 11. Ausgabe, September 2011

Du schreibst, was du bist {Text & Interview} * Conradin Zellweger

«Jetzt schreibt ihr auf fünf Zeilen das grosse V» – «Nein Hansli, du musst es da unten spitzig machen, sonst sieht‘s aus wie ein U.» Das waren noch Zeiten, als wir die Schulbank drückten und möglichst schön schreiben sollten. Ganze Schreibhefte haben wir mit den immer und immer gleichen Buchstaben gefüllt. Jeder Schüler genau die gleichen Buchstaben. Sähe der Lehrer das Gekraxelte seiner ehemaligen Schützlinge einige Jahre später, würden ihm wohl die Haare zu Berge stehen. «Aber Hansli, das hab Ich dir ganz sicher nicht so beigebracht!» Ganz recht Herr Lehrer. Das ist die Handschrift von Hans. Doch wie kommt es so weit, dass sich persönliche Handschriften in so viele verschiedene Richtungen entwickeln? Dass es der pure Zufall ist, wie wir unsere Kugelschreiber über das Papier führen, erscheint nicht sehr wahrscheinlich. Genau hier setzt die Graphologie an. Aus Erfahrungswerten ist ein Schlüssel entstanden, wie sich unsere Wesenszüge in der Handschrift wiederspiegeln sollen. In Fachkreisen ist die Wissenschaftlichkeit der Graphologie stark umstritten, und doch kommen graphologische Gutachten nicht selten bei Bewerbungsverfahren zur Selektion von Kandidaten zum Zuge. Machen wir die Probe aufs Exempel. Auf www.graphologies.de wird ein kostenloser Selbsttest angeboten: Kurzer Text abschreiben, Fragebogen mit ungefähr zwanzig Fragen zur Schrift ausfüllen und umgehend hat man eine kurze Charakterisierung über sich selbst. Mein Resultat erschien mir verblüffend exakt. Was anhand dieser gut zwanzig Merkmale der Handschrift abgelesen wird, lautet auszugsweise so: « Er ist sinnlich, warmherzig, gemütlich und phantasievoll. Im Großen und Ganzen wirkt er gelassen bis uninteressiert, wenn er aber von einer Sache überzeugt ist, überrascht er seine Umwelt durch sein überschwängliches und begeisterungsfähiges Auftreten.»

meisselt, sondern man diskutiert Widersprüche, die sich in der Schrift zeigen. Es werden Fragen gestellt, es wird gemeinsam herausgefunden, was hinter den Adjektiven seines Wesens steckt. Sofern man sich darauf einlässt, entdeckt man dabei Eigenheiten an sich selbst, deren man sich bis anhin nicht wirklich bewusst war. Ob ein kostenloser Selbsttest im Internet oder eine kostspielige, professionelle Analyse – es kann eine äusserst bereichernde Erfahrung sein, sich selbst einmal aus einer anderen Perspektive zu sehen und sich ein Bild über die Welt der Handschrift zu machen.

Doch beim Vergleich mehrerer Auswertungen von verschiedenen Personen wird deutlich, dass es sich dabei um eine relativ beschränkte Zusammenstellung von Textbausteinen handelt. Abgesehen davon ergeben sich nicht selten widersprüchliche Aussagen oder gar komplett unpassende Charakterisierungen. Aber wie sieht das Resultat eines professionellen Graphologen aus? Die Graphologin und Vizepräsidentin der Europäischen Gesellschaft für Schriftpsychologie und Schriftexpertise, Esther Dürr, erklärt sich bereit, meine Handschrift zu analysieren. Aufgrund mehrerer Handschriftenbeispiele erhalte ich ein viel persönlicheres, präziseres Feedback als beim Internettest. Was kann man gut, was sind Schwächen, welche Charaktereigenschaften sind wichtig. Das Ganze ist jedoch nicht in Stein ge-

E.D.: Es kommt immer wieder einmal vor, dass bei einem Betriebsgutachten der Kandidat das Gefühl hat, er sei falsch beurteilt worden und erhalte aus diesem Grund die Stelle nicht. In solchen Fällen bespreche ich das Gutachten immer mit dem betreffenden Stellenbewerber – also nicht nur mit dem Personalverantwortlichen - und gebe dem Kandidaten somit Gelegenheit, persönlich auf das Gutachten einzugehen und auch entsprechende Fragen zu stellen. Oftmals passen aber auch die ausgeschriebene Stelle und der Bewerber nicht überein, was dann im Gespräch geklärt wird. Es kann aber auch einmal sein, dass der Kandidat von sich selber ein Idealbild hat, welches nach einer Realitätsüberprüfung ruft. Diese Gespräche sind dann eher etwas weniger angenehm, da man dem Kandidaten auch Illusionen nimmt.

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INTERVIEW Die Akzeptanz der Graphologie als Wissenschaft ist bei Laien sowie Experten umstritten. Wie erklären Sie sich diese Tatsache? Esther Dürr: In der Tat ist es so, dass die Graphologie sehr oft entweder akzeptiert oder abgelehnt wird. Da sie – wie z.B. auch die Jurisprudenz – keine exakte Wissenschaft ist, werden wir Graphologen auch immer wieder angegriffen, kritisiert und unsere Analysen als unseriös abgetan. Wenn man sich aber intensiv mit der Handschrift befasst, merkt man sehr schnell, dass sie zum nonverbalen Ausdruck eines Menschen gehört, welcher der Körpersprache, der Mimik, Gestik sowie der Stimmlage gleichkommt. Graphologie ist eine Erfahrenswissenschaft. Gibt es konkrete Ereignisse, wo Sie als Graphologin diese Skepsis zu spüren bekommen?

Welche Anfragen von Kunden lehnen Sie ab? E.D.: Ich lehne es ganz generell ab, eine Schrift zu beurteilen, bei welcher der Schrifturheber nicht weiss, dass ein Gutachten gemacht werden soll. Aus Datenschutzgründen hat der Schrifturheber ausserdem das Recht, sein Gutachten zu lesen und zu besprechen. Selbstverständlich sind auch Zukunftsvorhersagen nicht möglich; Graphologie ist keine Wahrsagerei. Was halten Sie von Selbstanalysen aus dem Internet ( z.B. www.graphologies.de)? E.D.: Ein schriftpsychologisches Gutachten ist eine vielschichtige Analyse des Deutens und exakten Erklärens, eines wissenschaftlichen Beschreibens und Interpretierens. Es setzt eine fundierte graphologische und psychologische Ausbildung voraus, bei der sich durch systematisches Lernen, Sehen, Üben und Erfahren ein Verstehen und Können entwickelt. Es ist also nicht nur ein Zerlegen und Messen, so wie es in einer Internet-Analyse mit Textbausteinen gegeben ist, sondern es ist ein Erfassen der Ganzheit der Handschrift. Damit gemeint sind Bewegungs-, Form- und Raumgestaltung, verbunden mit der Druckgebung und dem Betrachten des Striches unter der Lupe. Es ist ein Sich-Einlassen auf die Handschrift, die mit der nötigen Intuition und Erfahrung interpretiert werden muss. Gibt es Handschriften, bei denen Sie im Gespräch merken, dass sie rein gar nicht zu einer Person passen? E.D.: So würde ich es nicht formulieren, da die Handschrift ja immer einen Bezug zur Persönlichkeit hat. Es kann aber tatsächlich vorkommen, dass sich im Gespräch eine innerseelische Dynamik zeigt, die in der Handschrift nur bedingt zu sehen ist. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn es sich um eine Persona-Schrift handelt, d.h. wenn die Schrift noch sehr schulmässig ist, die Persönlichkeit sehr angepasst ist und wenig von sich preis gibt. Ich selber bespreche jedes Persönlichkeitsgutachten mit dem Schrifturheber, gehe im Gespräch zudem auf die individuelle Lebensgeschichte ein. In groben Zügen, auf was achten Sie bei einem Gutachten? E.D.: Für mich ist das ganzheitliche Erfassen aller mir zur Verfügung gestellten Unterlagen eine unabdingbare Voraussetzung. Es ist das Gesamtbild, welches die Persönlichkeit ausmacht und nicht nur ein Teilbereich. Ich verlange immer auch alte Schriftdokumente, z.B. Schulhefte, Briefe etc., um mir einen ganzheitlichen Überblick zu verschaffen und die Ent-

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HINTERGRUND 11. Ausgabe, September 2011

wicklung der Schrift nachvollziehen zu können. Ich gehöre zu jenen Graphologen, die den Text lesen; ich mache mir dazu auch meine Gedanken. Der Siegeszug von PC und Mac hat innert kurzer Zeit dazu geführt, dass kaum noch jemand längere Texte von Hand schreibt. Waren Handschriften vor fünfzehn Jahren noch anders? E.D.: Früher wurde sehr viel mehr Wert auf eine korrekte, schulmässige Schrift gelegt. Es war mitunter das Kriterium eines guten Schülers, der sauber und ohne jegliche Flickungen und Stockungen schrieb. Eine perfekte Schulschrift war gewünscht. Heute sind wir Gott sei Dank etwas davon abgekommen, und das Kriterium ist vor allem die Lesbarkeit. Somit kann sich schon viel früher eine persönliche Schrift entwickeln, was auch einen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung hat. Früher war man viel länger an Konventionen und Vorgaben gebunden. Heute scheint mir, dass sich die junge Generation viel weniger in ein Schema pressen lässt und schon recht früh einen persönlichen Stil entwickelt. Man schreibt heute sicher weniger, dafür persönlicher! Bei Bewerbungsverfahren werden graphologische Gutachten zur Beurteilung der Kandida-

ten verwendet. In welchen Branchen und Positionen ist dies verbreitet? E.D.: In meiner Praxis erhalte ich vor allem Anfragen von KMU’s der verschiedensten Branchen, welche keine Assessments machen. Sie haben ihre internen Auswahlverfahren und betrachten das graphologische Gutachten als ein weiteres zusätzliches Instrument, um das Gesamtbild des Kandidaten abzurunden. Das graphologische Gutachten bietet jeweils eine gute Gesprächsgrundlage, um noch vertiefter auf Punkte wie Ausdauer und Belastbarkeit, Durchsetzungsvermögen, Entwicklungsfähigkeit und Flexibilität, Intelligenz und Begabung, soziale Kompetenzen, Selbstsicherheit und Selbständigkeit einzugehen. Meine Kunden schätzen diese doch recht kostengünstige und effiziente Art sehr.

klärung, der Weiterbildung. Es zeigt das anlagemässig vorhandene Potential auf, unterstützt die Optimierung der Work-Life-Balance. Was sind die Grenzen der Graphologie? E.D.: Auf einen Lebenslauf kann die Graphologin nicht verzichten. Sie braucht Angaben über Geschlecht, Alter, Händigkeit und beruflichen Werdegang. Keine Aussagen können in der Graphologie gemacht werden über Lebensumstände, Krankheiten oder Behinderungen. Wie bereits erwähnt sind ebenso wenig Zukunftsprognosen möglich. Hinter jeder Handschrift steckt ein Individuum, welchem wir stets mit Achtung und Respekt begegnen. Esther Dürr, geboren 1952 ist Graphologin aus Zürich

Wem empfehlen Sie ein graphologisches Gutachten oder eine Beratung?

Dipl. Graphologin SGB/EGS www.graphologie-duerr.ch info@graphologie-duerr.ch

E.D.: Ein graphologisches Gutachten kann jedermann, der neugierig ist und mehr über sich selber wissen will, erstellen lassen. Auch ist es ein hilfreiches Mittel in der Berufsauswahl und in der Laufbahnberatung. Es dient der persönlichen Standortbestimmung, der privaten und beruflichen Neuorientierung, der Eignungsab-

Seaquenzielle Kunst mit Marlon Höss-Böttger In der Villa Grunholzer in Uster Vernissage 10 September ab 17.00 Uhr

* Conradin Zellweger, 23, Student in Publizistik & Kommunikation, Redaktor dieperspektive, aus Zürich

Der Illustrator und Autor Marlon Höss-Böttger, der in so mancher Ausgabe der Zeitung dieperspektive zu lesen und zu sehen war, stellt zusammen mit weteren Kunstschaffenden in der Villa Grunholz in Uster aus. vom 10. - 25. September sind die Arbeiten ausgestellt. Am 16. September um 19.00 Uhr findet zudem eine Podiumsdiskusion zum Thema Was ist Sequentzielle Kunst statt.

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dem Reportage-Comic «Hier. Dort. Diese Strasse».

schreibt und zeichnet ausschliesslich Illustrationen und Comics.. Arbeitet zur Zeit an

* Philip Schaufelberger, Gestalter, Illustrator und Comiczeichner. 29 Jahre alt,

HINTERGRUND 11. Ausgabe, September 2011

Neue Weltordnung {Illustration} * Philip Schaufelberger

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DAS ALTER UND ICH 11. Ausgabe, September 2011

Das Alter {Text} W. B.

«Jedes Alter hat seine Reize» oder «man ist so alt, wie man sich fühlt» oder «bleibe jung, damit du alt werden kannst» oder «lieber alt werden als alt aussehen»; all das sind landläufige Sprüche, die man immer wieder hört. Aber stimmen sie auch wirklich? Hat das hohe Alter tatsächlich noch Reize, und was macht das Leben noch lebenswert im Alter? Ist jung sein nur schön und einfach? Zunächst ein kurzer Exkurs zum Thema Alter. Bekanntlich liegt die Lebenserwartung der Menschen heute in der westlichen Welt im Durchschnitt bei den Männern bei rund 77 Jahren und bei den Frauen bei etwa 84 Jahren. Ganz anders sieht es beispielsweise in Zentralafrika aus: Die Menschen in Sambia, Lesotho oder Angola werden im Schnitt nur zwischen 37 und 45 Jahre alt. Was heisst also «alt»? Fühlt sich ein Mensch in Angola mit 37 Jahren gleich alt wie ein westlicher Mensch mit 84 Jahren? Arbeitet das Gehirn eines 40 jährigen Afrikaners ähnlich wie dasjenige eines 80-Jährigen Europäers? Das sind Fragen, die ich selber nicht beantworten kann. Vermutlich gibt es auch keine eindeutigen Aussagen dazu, da das Verhalten, das Denken und das Fühlen der einzelnen Individuen zu unterschiedlich ist. Nun zum weitverbreiteten Klischee, dass jung sein gut und schön, alt sein schlecht und negativ ist. Sicher hat die Jugend gegenüber älteren Menschen Vorteile, aber nicht nur. Junge Menschen sind dynamischer, lernfähiger, schneller, anpassungsfähiger und nicht zu-

letzt auch potenter. Sie haben das Leben noch vor sich mit all dem Schönen, aber auch all den Schwierigkeiten. Sie werden gefordert, in der Ausbildung, im Beruf, in der Familie. Sie wollen oder müssen Karriere machen im Militär, im Beruf oder in der Politik. Sie sind überall gefordert. Stress und Überforderung sind weit verbreitet. Sie können aber auch Schönes geniessen, seien es die vielen Unterhaltungsan-

«Kaum mehr Stress im Berufsleben, mehr Zeit für Ferien, Musse und Hobbys, weniger Verantwortung und meistens finanzielle Unabhängigkeit sind die schönen Seiten des Älterseins.» gebote, die Ferien, den Sport, das Reisen oder die Familie, die Kinder. Im Alter wird es etwas ruhiger. Kaum mehr Stress im Berufsleben, mehr Zeit für Ferien, Musse und Hobbys, weniger Verantwortung und (meistens) finanzielle Unabhängigkeit sind die schönen Seiten des Älterseins. Kleinere oder grössere Leiden und Gebrechen, abnehmende Vitalität und eventuell zunehmende Angst vor dem Sterben sowie das nicht mehr ganz so junge Aussehen können zunehmend Mühe bereiten.

Wie alt schätzt sich der Mensch in der Regel selbst ein? Ich wage die Behauptung, dass sich die meisten jünger einschätzen oder fühlen, als sie tatsächlich sind oder von ihrer Umgebung wahrgenommen werden. Das mag hauptsächlich daran liegen, dass eine Eigeneinschätzung so oder so schwierig ist und grundsätzlich kaum jemand älter sein bzw. aussehen möchte, als er wirklich ist. Möglichst junges Aussehen tut jedem Ego gut. Nicht umsonst floriert die plastische Chirurgie wie nie zuvor. Somit treffen die Sprüche «man ist so alt, wie man sich fühlt» und «lieber alt werden als alt aussehen» sicher auf viele Menschen zu. Nun aber zur Frage, wie ich mich persönlich als 62-Jähriger Jungpensionär fühle? Im Allgemeinen sehr gut, weder ganz jung, noch alt. Mein Alter spielt nur eine untergeordnete Rolle. Sicher ist körperlich nicht mehr alles möglich wie vor dreissig oder vierzig Jahren. Kleinere Bobos und gewisse Einschränkungen müssen in Kauf genommen werden. Aber man wird eher ruhiger, nimmt die Dinge, wie sie kommen, und bleibt insgesamt gelassener. Das Wort «Stress» ist zum Fremdwort geworden. Ich tue und unternehme vor allem das, was ich gerne tue. Dank der Familie, den Hobbys, dem Vereinsleben und den vielen Möglichkeiten für Unterhaltung , Reisen und Ferien gibt es keine Langeweile. Ich geniesse das Leben in meinem Alter. Mein Moto lautet deshalb: Lerne aus der Vergangenheit, geniesse das Heute und hoffe auf eine gute Zukunft.

Ein Gespräch {Text} Esther Lori

Alter: Ey

Mann, was geht? Alter, geht so. Alter: Was gibt’s Neues? Mann: Hat erst neulich wieder einer nach dir gefragt. Alter: Echt jetzt?! Wo denn? Mann: An dieser Tankstelle um die Ecke. Da, wo ich sonst immer einkaufen gehe. Alter: Und gab’s Probleme? Mann: Der wollte mir nichts verkaufen, als es um dich ging, das ist mir echt noch nie passiert dort. Und ich hab ihn dann auch noch provoziert und gesagt, dass es ihm doch scheissegal sein könne, wies um dich steht. Geht den doch echt nichts an! Scheiss-Türke. Alter: Echt krass, wie viel die Leute über mich wissen wollen. Die würden sich lieber mal um ihren eigenen Mist kümmern, als andere über mich auszufragen. Mann: Yeah

Diese ganze Generation! Hält sich für was Besseres, nur weil sie schon mehr von dir auf dem Buckel hat. Ich sag’s dir. Denen würd ich echt am liebsten die Fresse polieren, wenn sie nicht schon poliert wäre. Echt Alter, die haben doch eh nichts Anderes mehr zu tun, als Anti-Aging-Pillen schlucken und mit irgendwelchen Chirurgen zu flirten. Alter: Jetzt übertreibst du aber. Mann: Ich übertreibe? Du hast doch keine Ahnung. Du bist doch eh zu jung. Alter: Ich bin zu jung? Wie kommst du jetzt auf so einen Scheiss? Wir waren doch immer auf gleicher Höhe? Du folgtest mir doch immer auf Schritt und Tritt, all die Jahre! Mann: Ich weiss nicht. Ich hab das Gefühl, wir haben uns irgendwie auseinandergelebt in letzter Zeit. Alter: Ich kann nichts dafür. Ich bin nun mal so, Mann:

wie ich bin. Versteh ja auch nicht, warum bei dir plötzlich alles so schnell geht. Mann: Ich brauch einfach mal ein bisschen Abstand. Das täte uns vielleicht beiden gut. Alter: Werden ja sehen, am Ende schaffst du es eh wieder nicht von mir loszukommen. Das hatten wir doch alles schon einmal. Du wirst mich doch immer irgendwie im Hinterkopf haben. Egal, was du gerade machst. Mann: Weiss nicht, wir werden sehen. Ich muss jetzt echt gehen, Alter. Vielleicht laufen wir uns ja mal zufällig über den Weg. Alter: Ok Mann, bis dann.

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DAS ALTER UND ICH 11. Ausgabe, September 2011

Juhu, bald bin ich alt {Text} * Laura Eigenmann

Mit 18 möchte ich ausziehen. Mit 20 keine finanzielle Unterstützung von meinen Eltern mehr erhalten. Mit 25 möchte ich ein Studium abgeschlossen haben. Allerspätestens mit 27 den Vater meiner Kinder kennenlernen und mit 30 dann mein erstes Kind bekommen. Schöner Plan. Planen ist gut. Ich plane meine Zukunft. Deshalb bezahle ich auch AHV. Naja, eigentlich bezahle ich ja noch keine AHV, aber bald. ENDLICH. Bald darf ich zahlen und mir mein Rentnerleben absichern. Ich male mir schon Bilder aus von meinem schönen Altersheimzimmer mit Seesicht, das ich mir dann gönnen werde. Hach, das wird zweifellos grandios. Meine Oma hat es ja auch ganz nett in Herrliberg. Ob die sich das wohl auch so ausgemalt hatte? Nein, ich denke, sie rechnete eher damit, dass ihre Kinder sich um sie sorgen werden. Dumm gelaufen. Die Zeiten ändern sich eben. Theoretisch könnte ich mir ein Zusatzkonto einrichten und jeden Monat 5% meines Einkommens überweisen, dann wäre ich noch abgesicherter. Ich bin halt schlauer als Oma. Sicherheit ist mir schon wichtig. Ich möchte ja nicht irgendwo im Unterland ableben. Ich möchte Action, ich möchte Seesicht. Will ich das wirklich? Werde ich das wirklich wollen?

Werden. Ich werde noch werden, was ich sein werde. Aber werde ich werden, was ich glaube, werden zu wollen? Was soll ich denn eigentlich studieren? Ich schwanke noch zwischen interessant, aber brotlos, und langweilig, dafür abgesichert. Wenn der Vater meiner Kinder gutaussehen, ein Gewinnertyp sein und sich ein Haus mit Seesicht leisten können soll, dann

«Wieso hat meine Mutter eigentlich kein Haus mit Seesicht? Das will sie doch. Das wollen wir doch alle.» sollte ich mich wohl für das langweilige, abgesicherte Studium entscheiden. Dann würde ich Kinder kriegen, die sich perfekt in unsere Gesellschaft einleben könnten und sich niemals Sorgen wegen Mangel an Geld oder Mangel an gutem Aussehen – was wiederum gleich Geld ist, wenn man es geschickt anstellt – haben werden. Wünscht sich das nicht jeder? Wäre es dann nicht egoistisch, ein Studium zu wählen, das mir tatsächlich Spass macht? Man muss die Dinge langfristig betrachten, sonst verliert man im Leben. Ich sag immer: Planen, planen, pla-

nen, sonst wird nichts aus einem. Ohne den Plan meiner Mutter, mich möglichst früh einzuschulen, Klavierunterricht zum Zwang zu machen, mich schon mit fünf in eine Englischklasse zu stecken und mir einen Vorbereitungskurs für die Gymiprüfung zu bezahlen wäre ich heute wohl nicht da, wo ich heute bin. Oder wäre ich das doch? Wieso hat meine Mutter eigentlich kein Haus mit Seesicht? Das will sie doch. Das wollen wir doch alle. Mir wird das zu viel. Ich werde in einem halben Jahr damit beginnen, AHV zu bezahlen, werde mich mit, sagen wir, 55 zur Ruhe setzen und mein Leben in Küsnacht oder am Zürichberg geniessen. Im Altersheim Sonnenhof soll man ja ganz gut essen können. Mhmm. Ich freue mich jetzt schon. Oder sollte ich doch lieber etwas studieren, das mir Spass macht, Kinder von einem Mann kriegen, der auch Freude am Leben hat, und meine Rentnerjahre kess auf mich zukommen lassen? Ich frage mal Grosi, was sie davon hält.

* Laura Eigenmann, Schülerin, ist 17 Jahre alt und träumt gerne vor sich hin

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DAS ALTER UND ICH 11. Ausgabe, September 2011

Selbstsynopse {Text} * Simon von Mörderthal

Im fünfzehnten Jahr Die Sohlen sind dünn und marode, die Schuhe abgewetzt, das Leder beschmiert mit Parolen und Zeichen, verschiedenfarbige Schnürsenkel zieren die martialischen Stiefel mit symbolischem Wert. Es ist Schuhwerk zum An- und Zutreten, zum Aufstampfen, auffälliges Schuhwerk. Man vermeint gegen Staat, gegen Kirche und Gesellschaft anzustiefeln. Die Hosen sind zerschnitten, eigenhändig, wie es die Lust zum Zerschneiden befiehlt, auf dem Hosenboden steht wasserfest, dick und ortsgemäss etwas Zukunftsloses geschrieben. Es sind eher Fetzen als Hosen, ein Blickfang, militärgrün. Die Unterhosen sind da, es sind konventionelle Unterhosen, mit den Unterhosen muss man nicht provozieren. Die Schamhaare kratzen nicht, das eigene Geschlecht ist eingepackt, kein Aufbegehren in diesem Bereich. Denkt man ans andere Geschlecht, übermannt einen die Furcht vor unzeitgemässen Erektionen. Man denkt lieber nicht, onaniert manchmal. Die Sexualität ist noch egomanuell. Der Reizdarm kümmert einen wenig, man hat ein gesundes Gefühl trotz aller Exzesse. Man raucht und hustet fröhlich. Fetzen umhüllen den Oberkörper, selbstzerstört wie die Hosen. Am Unterarm zeitweilig Schnittwunden, das Blut lässt auf Lebendigkeit schliessen. Den Schorf klaubt man sich selbstbewusst aus den Wunden, man blickt bedeutungsschwanger. Das Gehirn denkt viel und erkennt, was richtig, was falsch ist, alles ist falsch, man ist wütend, zuweilen traurig, man gibt sich melancholisch. Die Welt, die Gesellschaft, alles verkommen. Man glaubt an den Zerfall und dieses Glaubensbekenntnis bleibt nicht nur innerlich. Man sagt es den Leuten, provoziert, man schmiert es in kuriosen Abbreviaturen überzeugt auf Wände, ritzt es in Scheiben. Ins Ohrläppchen lässt man sich ein Loch stechen, man steckt allerlei Schmuck in dieses Loch: Sicherheitsnadeln, Totenköpfe. Man möchte sich noch mehr stechen, obwohl man ein bisschen Schiss hat, mehr Löcher im Ohr, in der Nase, man träumt von einem Nasenring, wie ein Stier, wild, offensiv, aber die Eltern verbieten es. Man gehorcht. Eine Mähne hat man, rotgefärbt, mit grünen Strähnen, Löwenmähne schier, eine Haarwucht, Mädchen wird man zuweilen genannt, als einziger Langhaarige in der Schule, man geniesst die Aufmerksamkeit, verzückt ob der Wirkung effeminierter Züge wähnt man sich anders als alle anderen. Zuweilen beugt man sich etwas vor, lehnt bequem in das Kommende hinein wie in ein Polster potenzierter Jugendlichkeit. Wäre heute schon in fünfzehn Jahren, hätte man sich gewünscht, es ginge nie vorbei.

Im dreissigsten Jahr Die Sohlen sind abgenutzt, die Schuhe ramponiert, das brüchige Leder wie ein Zeichen, der Zeit nicht Paroli zu bieten, neue müssen her, egal welcher Farbe, zweckmässig ohne Zier, ein Schuh, ein einfacher. Es ist Schuhwerk zum Gehen, zum Herumstehen. Man schreitet ohne zu schlurfen, Staat, Kirche und Gesellschaft scheren sich einen Dreck um den Schuh. Die Hosen sind gewaschen, eigenhändig, wie es der Alltag erfordert, lediglich die Enden der Hosenbeine sind etwas ausgefranst, aus Unachtsamkeit, in Zukunft muss man sich kürzere kaufen. Aber die Hosen sitzen, man blicke auf den eingenähten Hintern. Die Unterhosen sind gewaschen, einfache Unterhosen, die man anzieht, weil man Unterhosen anziehen muss, es ist angenehmer. Die Schamhaare wuchern und kratzen wie greise Bärte, das Geschlecht ist entwickelt. Entpackt begehrt es schier ein wenig pubertär alles andere. Nichts ist mehr vorzeitig, man beherrscht sich aus einer Art feministischem Missverständnis heraus. Man onaniert aus Pragmatismus. Zum Reizdarm gesellen sich andere psychosomatische Gebresten, dem ungesunden Gefühl trotzt man mit Exzessen. Man raucht in einer Art Ressentiment, hustet. Man trägt gewaschene Hemden in gleichmässig verschiedenen Farben. Man schneidet sich nunmehr geistig, man weiss, dass man lebt, es gibt kein Entrinnen, die meisten Freunde sind schwanger. Man hirnt viel und zermürbt sich in der vermeintlichen Diagnose, dass nichts richtig, nichts falsch ist, man ist in fatalistischer Weise disthymisch, nicht mehr wütend. Die Welt, die Gesellschaft, alles wie immer. Man ist zu verbildet, als dass man einer Verfallsthese glaubte. Man sagt es den Leuten, die glauben, und provoziert sie mit Resignation. Es ist die kuriose Abkürzung einer selbstbewussten Ohnmacht. Das Loch im Ohrläppchen ist längst zugewachsen, man trägt keinerlei Schmuck, nirgends, andere Löcher nimmt man philosophisch: Das Totenarschloch unten als Gebärmaschine, der Sicherheitsschliessmuskel als manifestes Selbst. Man ist stolz, dass man sich früher dieser Ohrstechmode verweigert hatte. Die Vorstellung eines Nasenrings belustigt. Eine Glatze hat man, rotgefärbt, ein Erbstück des Vaters mutmasslich, eine Tonsur trotz aller Enthaltsamkeit hinsichtlich jeglicher Askese, Mädchen, denkt man, schenken einem keine Aufmerksamkeit mehr. Ein Bürstenschnitt aus Not, nicht anders als alle anderen. Zuweilen lehnt man sich etwas zurück, beugt sich über das Vergangene wie über einen bettlägerigen Alten in Windeln. Heute vor fünfzehn Jahren hatte man sich etwas gewünscht. Mit Wünschen ist es vorbei. * Simon von Mörderthal schreibt, kocht und tönt in Bern. Promoviert am Deutschen Seminar in Basel simonvonmoerderthal@gmx.ch

CNN Journalist Award 2012 Mehr Infos auf www.cnnjournalistaward.com

Nachwuchsjournalisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz können ab sofort bis zum 30. September 2011 Beiträge für den CNN Journalist Award 2012 einreichen. Eine hochkarätige Jury prämiert wieder herausragende journalistische Leistungen zu internationalen Themen. Dieses Mal kann man sich neben den Bereichen TV, Print, Radio und Online auch wieder in der Kategorie Foto bewerben. Teilnehmen können fest angestellte und freie Journalisten, Redakteure, Autoren, Fotografen, Studenten einer journalistischen Fachrichtung und Schüler von Journalistenschulen oder anderen journalistischen Aus- und Fortbildungseinreichtungen, die zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung des eingereichten Beitrags nicht älter als 34 Jahre waren. Die Erstveröffentlichung muss im Zeitraum zwischen dem 1. August 2010 und dem 30. September 2011 liegen. www.cnnjournalistaward.com

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DAS ALTER UND ICH 11. Ausgabe, September 2011

Das Alter und Ich {Text} * Fabiola Casanova

Das Alter. Und ich. Wir. Du. Im Spiegel ein Bild. Ich. Eine Reflexion. Oder nicht. Heute. Jetzt. Für immer, nicht. Das Alter und ich.

* Fabiola Casanova, 19, aus Chur stammende, in Zürich Studierende fotografierende und schreibende fabiola91@gmx.ch

Kahlrasur {Text} * Luca Meister

Kürzlich nahm im Bus vor mir einer Platz und präsentierte mir seine Glatze, so dass mich bei keiner Richtungsänderung meines Blickes das Vergnügen verliess, die prächtige Warze im Zentrum seines Mückenflugplatzes zu bestaunen (ich fühlte mich keineswegs bedrängt und dachte keine Sekunde an Ekel). Offensichtlich ist es bei Männern zwischen 31 und 49 zum Trend geworden, sich auch eine noch gut verbliebene Haarpracht ganz wegzurasieren, sobald im hinteren Schädelbereich erste Anzeichen von Haarausfall auftreten. Der moderne Mann ist ja eitel (wie die moderne Frau). Das Pastellgrau der Stoppeln bringt nicht nur die hellgesunde, mit durchsichtigen Schuppen verzierte Kopfhaut - oft spannend heterogen aufgrund pfirsichroter Pigmente -, sondern auch die schmackhaft kartoffelförmigen, dellenbeschmückten und elegant-eiförmigen Schädelkonturen mit königsblauen Adern und attraktiven Muttermalen ansehnlich zum Vorschein. Nur ein klassisch die kreisrunde Glatze umringender Haarkranz wäre in der Lage, eine solch

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«Die Kahlrasur hat den Vorteil, dass man die leuchtende Schüssel noch vom entferntesten Schiff aus sieht und zum Ausdruck kommt, dass jenes Exemplar des "starken Geschlechts" bezüglich dem Älterwerden keine Probleme hat.»

makellose Rübenpracht zu verbergen. Der Übergang zwischen bewachsener und unbewachsener Partie kommt ausserdem stilvoll zur Geltung: Die rasierten Breiten bestechen durch begehrenswerte Rauheit, die haarwurzelfreien Zonen durch glänzende Herrlichkeit. Auch die Ohren erreichen einen neuen Zenith, was Formvollendetheit und Kopfabstand angeht, und erinnern an Stereoantennen eines sympathischen Ausserirdischen. Die Kahlrasur hat die Vorteile, dass man die leuchtende Schüssel noch vom entferntesten Schiff aus sieht und dass zum Ausdruck kommt, dass jenes Exemplar des "starken Geschlechts" bezüglich des Älterwerdens keine Probleme hat. Es ist eine mutierende Schönheitsnote, die das Maskulinum dem urbanen Gesellschaftsbild verleiht.

* Luca Meister, 29, Studium an der Uni Zürich in Filmwissenschaften, arbeitet Teilzeit in der Redaktion einer technischen Fachzeitschrift und macht in der Freizeit ausgiebig Musik.

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DAS ALTER UND ICH 11. Ausgabe, September 2011

Alt, gechillt und Sexy {Text} * Marco Büsch

Seit ein paar Wochen leiste ich einen Teil meines Zivildienstes in einem Altersheim, wo ich die alten Leute im Speisesaal betreue. Beim Tischeputzen habe ich mir öfters überlegt, wie ich denn wohl im Alter sein werde oder zumindest wie ich gerne wäre. Erstmal werde ich mich nach dem Vorbild einiger Bewohner bei jeder Gelegenheit aufs höflichste beim Personal bedanken. Das heisst, ich begrüsse sie herzlich, bedanke mich, wenn der erste Gang serviert wird und auch, wenn der leere Teller wieder abgeräumt wird. Und das bei drei Gängen. Sechsmal. Vielleicht sogar öfter, wenn es sich ergibt. Zusätzlich werde ich ab und zu – je nach Geschlecht und Alter der Betreuer – Bemerkungen einstreuen wie «blonde/brünette/schwarzhaarige Frauen sind mir die Liebsten» oder «Sie sind aber ein flotter, junger Burscht! Früher war ich genau wie Sie!». Ich werde meine Gabel verstecken, damit mir das Personal eine neue bringen muss, nur um dann festzustellen, dass ich mittlerweile auch das Messer versteckt habe. Am Nachmittag werde ich an der

marco.buesch@uzh.ch

(mailangian@bluewin.ch | www.gians-faerberei.ch)

kie, Filmfan und Hobbyrapper

in seiner Freizeit fröhnt er dem Studententum.

* Marco Büsch, 21, Politologiestudent aus Zürich, Serienjun-

* Gian Steiner kritzelt, schmiert und belichtet für sein Leben gern,

Sonne mit einem guten Freund Schach spielen und dabei werden wir die eine oder andere Flasche Bier – mitunter über den Durst – trinken. Selbstverständlich auch dann, wenn wir beide längst Bluthochdrückler sind; dann erst recht! Ich werde an den seltenen Altersheimfesten mit all den alten Fraueli zu Lady Gaga tanzen, die ich dann spitze finden werde, weil sie mich an früher erinnern wird, an die Zeit, als die Songs mit weniger als 300 bpm durch die Boxen dröhnten und die Musik noch Musik war und nicht so ein Krach wie das zeitgenössische Gedudel. Ich werde überhaupt sehr viel von früher erzählen, ja, ich werde ich dem Personal jeden Tag dieselben Geschichten erzählen und sie müssen jedes Mal so tun, als würden sie es zum ersten Mal hören. Spass muss sein. Ich hätte übrigens die ganzen Alterskrankheiten wie Demenz, Inkontinenz, Sehschwäche und so weiter nicht, aber das versteht sich von selbst. Ich werde ein guter Rentner sein. Am liebsten würde ich den Lappen gleich hinwerfen und mich auf eine Warteliste setzen lassen. Let’s age!

{Illustration} * Gian Steiner

«Ich werde an den seltenen Altersheimfesten mit all den alten Fraueli zu Lady Gaga tanzen, die ich dann spitze finden werde, weil sie mich an früher erinnern wird.»

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DAS ALTER UND ICH 11. Ausgabe, September 2011

Make up

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savve@vtxmail.ch

* Sarah Weishaupt, 27, Grafikerin und Illustratorin aus Basel, interessiert an Kunst und Kultur

{Idee & Foto} * Sarah Weishaupt

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KREATIVES 11. Ausgabe, September 2011

Cabaret {Illustration} Fabian Sigg (www.designersclub.ch)

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KREATIVES 11. Ausgabe, September 2011

Weder gewonnen noch zerronnen {Text} Anonym

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KUNST- & KULTURKOLUMNE 11. Ausgabe, September 2011

Wem gehört die Kunst {Text} * Dr. oec. HSG Olivia Bosshard

Dieser Tage stehen die Zürcher Kunstfreunde wieder vor jeder Menge schwieriger Fragen. Die letzte Augustwoche läutete das Ende der Kunst-Sommerpause ein. An drei Abenden starteten die über 60 Galerien der Innenstadt, Aussersihl, Löwenbräu und Hubertus mit neuen Ausstellungen und den dazugehörigen Vernissagen - der Kunst-Aficionado stand vom 24.8. bis zum 26.8. allabendlich vor der Qual der (Galerien)-Wahl und der Frage: In welche gehen - und wenn ja, in wie viele? Ebenfalls Ende August stellte sich bei KION apassion4 ART eine etwas andere Kunst-Frage, nämlich "Wem gehört die Kunst?". Dass Kunst käuflich ist, ist allseits bekannt, und was sie kostet, lässt sich aus Preislisten, Auktions-Katalogen und sogenannten Kunst-Rankings erfahren. Und dass die Kunst dann dem gehört, der sie kauft, scheint eigentlich selbstverständlich. Trotzdem war die Frage «Wem gehört die Kunst?» Thema der Veranstaltung mit Prof. Wolfgang Ullrich, Autor zahlreicher Bücher und Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hoch-

schule für Gestaltung in Karlsruhe, und Jacqueline Burckhardt, Mitbegründerin und Redaktorin der Kunstzeitschrift Parkett, Kuratorin für ortspezifische Kunst auf dem NovartisCampus AG und Direktorin der Sommerakademie im Zentrum Paul Klee. Wer Kunst kauft, der besitzt sie, und der Käufer kann damit tun und lassen, was er möchte. Er kann das erworbene Kunstwerk ausstellen oder in den privaten Räumen aufbewahren, er kann es - falls es bedeutend genug ist - einem Museum als Leihgabe zur Verfügung stellen und so der Öffentlichkeit zugänglich machen oder es ins Archiv stellen und einlagern. Physisch kann derjenige, dem die Kunst gehört mit ihr tun, was immer er möchte - physisch. Und inhaltlich? Kann der Kunst-Besitzer auch darüber verfügen, was die Bedeutung seines erworbenen Kunstwerks ist? Was es aussagt und was es nicht aussagt? Wer kann über Inhalt, Aussage und Bedeutung bestimmen? Auch der Besitzer? Oder der Künstler als Erzeuger? Und falls dieser nicht mehr lebt, wer dann? Die Wissenschaft? Die Kuratoren? Die Öffentlichkeit?

Oder gar ein Regime? Und hat das dann Allgemeingültigkeit? Gibt es so etwas wie eine Deutungshoheit? Diese zunächst trocken klingende Frage steht im Mittelpunkt von Ullrichs Diskurs «Takeovers und Deutungsmonopole? Wenn Unternehmen Kunst konsumieren» (zu beziehen unter www.kion.ch) .Anhand von Werken, die sich im Besitz bzw. in Kunstsammlungen von Grossunternehmen befinden, illustriert er deren Umgang mit der Deutung- bzw. dem Untersagen von Deutung durch Dritte und was gegebenenfalls die Künstler dazu meinen. Ein ebenso aufschlussreicher wie vergnüglicher Umgang mit der Frage «Wem gehört die Kunst?» - und was soll sie bedeuten…..

* Dr. oec. HSG Olivia Bosshard ist Leiterin der Zürcher Veranstaltungsplattform KION, sie schreibt monatlich zu den Themen Kunst & Kultur Antworte Olivia Bosshard auf leserbriefe@dieperspektive.ch

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KULTUR 11. Ausgabe, September 2011

Jungsein im Kreis 4 {Fotos} * Gianni Pisano (www.giannipisano.com) {Text} Stephanie Rebonati

Der Kreis 4 ist seine Heimat. Kosovo seine zweite. Arian ist 20 Jahre jung und arbeitet im Kino. Was ihm zum Glück fehlt, ist der Weg dorthin. «Wir leben nicht nach dem Prinzip 'alles ist Scheisse, wir müssen gegen den Staat losgehen'. Was wir in der Schweiz haben, müssen wir schätzen. Das tun die meisten leider nicht. Die machen Scheiss. Meine Kollegen und ich bleiben cool. Früher haben wir viel Scheiss gemacht. Viel blöden Scheiss. Wenn man zuschaut, wie Kollegen ausgewiesen werden, macht man sich halt Gedanken, man will dann gar keinen Stress mehr machen. Aber Stress ergibt sich, ohne dass man danach sucht. Überall da im 'Vieri'. Es gibt immer Typen, die sich beweisen müssen. Dann schaut man ihm in die Augen und sagt: 'Kolleg, geh mir aus dem Weg, ich will keinen Stress'. Dann kommt das Wort 'Mutter' ins Spiel. Fick deine Mutter. Das geht gar nicht. Ich respektiere jeden, wenn er mich respektiert. Easy. In meinem Kollegenkreis hat jeder sein Ding, es gibt zwischen uns keine Konkurrenz. Ich habe die Musik. Ich rappe. Letztes Jahr habe ich im Jugendtreff Kreis

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KULTUR 11. Ausgabe, September 2011

4 ein Mixtape aufgenommen. Meine Lieder sind Auseinandersetzungen mit mir selber. Ich rappe in unserem Slang, im Kreis-4-Slang. Was unseren Slang von anderen unterscheidet? Wir murmeln nicht. Ich würde gerne meinen Grossvater wiedersehen. Er ist tot. Er war anders als andere Albaner. Er war gross und breit, hat gut ausgesehen und mir etwas Wichtiges fürs Leben beigebracht: Stärke zeigen. Ich würde nur seine Stimme hören wollen. Egal, was er sagt. Und hören, wie er lacht. Ich möchte keiner anderen Kultur angehören, nein. Aber das ist so eine Sache. Ich bin Kosovo-Albaner, aber wir sind nicht vom Krieg geflüchtet, wir waren vorher hier. Jene, die nach dem Krieg gekommen sind, sind anders, denn sie haben Sachen gesehen, die kein Kind sehen sollte. Ich habe wirklich gemerkt, dass man denen nicht helfen kann. Was mir zum Glück fehlt? Der richtige Weg. Meine Zukunft male ich bunt, aber nicht bunt voller Drogen, sondern bunt durch eine Frau und gut verdientes Geld. Meinen Kindern möchte ich beibringen, dass sie sich einen guten Kollegenkreis suchen sollen. Freundschaft ist Vertrauen. Ein guter Freund muss da sein, auch wenn ich die Schuld für etwas trage. Ich habe schon viel getan für Kollegen und nichts dafür bekommen. Ob ich enttäuscht bin? Nein. Es zeigt mir einfach, wie Menschen ticken. Ich habe auch andere Freunde, die immer für mich da sind, weil sie nichts zu verlieren haben.»

* Gianni Pisano, geb. 1976, wuchs als zweites Kind italienischer Gastarbeiter in der Nähe von Basel auf. Nach der Laborantenlehre in der Basler Chemie zog es ihn nach New York. Er hielt sich mit Jobs im Service über Wasser, wurde bald schon zum Koch, dann zum Restaurantmanager. Als solcher lernte er seinen Landsmann Roberto d'Este, einen in Manhatten sehr erfolgreichen Fotografen kennen, wurde dessen Assistent und kam Jahre später als Fotograf zurück in die Schweiz. Gianni Pisano lebt zur Zeit in Zürich und fotografierte unter anderem die Portraits für das im 2012 erscheinende Rega Buch. www.giannipisano.com

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KULTUR 11. Ausgabe, September 2011

Design Miami: Unikat als Trend {Text} * Karin Linxweiler {Foto} James Harris

An der diesjährigen Design Miami zeigt sich Design besonders stark von einer Seite des Unikats. Das Einmalige am Design-Produkt ist für Sammler besonders interessant: Selbst wenn anders als in der Kunst - das Objekt nicht vom Designer in Handarbeit gefertigt, sondern maschinell mittels einer evozierten Zufälligkeit entstanden ist, vermag es durch eine individuelle Note zu überzeugen. Dies erlaubt, sich eben gerade mit dieser Ausschliesslichkeit von anderen Sammlungen abzuheben, was unweigerlich Wertsteigerung verspricht. Selbst in der heutigen konsum- und kommerzmassigen Zeit mit durchschüttelten Investitionsmärkten mag das hingegen nicht immer der einzige Antrieb sein. Sammeln ist schon seit jeher auch mit der Komponente des suchenden Durchstreifens verknüpft. Der Lohn ist das einzigartige Gefühl von ganz persönlichem Genuss, wenn man das Eine, ganz Besondere entdeckt. Wie war das nochmal mit Design? Kunstfertig, kunstvoll, künstlerisch oder nicht, Produkt-Design zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es auf die Massenproduktion ausgerichtet ist und eine Funktion der Anwendung hat. Form follows function.

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Dass mehr und mehr Übergriffe von Design in den Bereich der Kunst zu beobachten sind, zeigt nicht zuletzt die an der Design Miami angesetzte Podiumsdiskussion «Freedom and Function». Wer der Gesprächsrunde folgt, versteht jedoch sofort, dass das Phänomen zwar überall wahrgenommen, jedoch noch wenig erfasst wird: Die Aussagen – egal ob vom Künstler Jonathan Monk, vom Designer Piet Hein Eek, vom Architekten Jürgen Mayer H., oder vom Moderator Joseph Grima, Editor in Chief bei Domus – sie alle lassen erkennen, dass eindeutige Kategorisierungen verschmelzen und ausschliessliche Zuordnungen zu Kunst oder Design bewusst abgelehnt werden. Die betroffenen Gestalter scheinen jedoch noch zu stark in ihrer Freiheit des Gestaltungsprozesses eingeschränkt zu sein, als dass die Wandlung im Design bereits in neuer Kategorie-Zuordnung konstatiert würde. Eine eindeutige Antwort gibt es in der Branchen-Runde also nicht. Ich als Besucherin der Kunstmesse Art und der angegliederten Design Miami frage mich: Ist die Funktion nun einen Schritt weiter gekommen und erhebt sich vom AlltäglichFunktionalen hin zum Sinnlichen?

In der Entwicklung der Kunst hat es simmer wieder solche Enthebungen gegeben, die zu ihrer Zeit als so ausserordentlich empfunden wurden, dass sie revolutionär waren: Vom sakralen Motiv zum sekulären Element, von der bürgerlichen zur Genre-Malerei, von akademisch zu impressionistisch und mehr, bis Pop-Art erstmals den Konsum-Alltag und seine Produkt-Innovationen inszenierte und auf die Leinwand brachte. Und jetzt? Greifen Produkte und ihre Designer über Serien-Bedingungen nach individuellen Sinnes-Evozionen? Ist es Ausdruck unserer Zeit und Gesellschaft, dass im Alltag nebst funktionaler Handhabung eben auch die individuelle sinnliche Komponente wieder Raum gewinnt? * Karin Linxweiler hat ihren MBA in Sydney erlangt und ist spezialisiert auf Product Design und Innovation Entrepreneurship. Sie liebt Pâtisseries und ist vermutlich die einzige Schweizer Kommunikationsexpertin und Kunsthistorikerin, die als Crew angeheuert und eine Segelyacht von Australien ins Königreich Tonga überführt hat. Da wird klar, woher die moderne Nomadin, die schon 44 Länder bereist hat, ihre Passion für elegante Ästhetik und Natur-taugliche Funktionalität hat

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STADTKOLUMNE 11. Ausgabe, September 2011

Es gibt keine Wunder mehr {Text} * Apachenkönig Huntin’Beer

Oder sind deine Träume etwa schöner als du? Tun sie, was sie wollen? Bist du alt und schwach? Kaufst und/oder hast du eine Perspektive? Möchtest du eine haben? Das Abo! Nur 30 Stutz! Hol es dir! Denn es muss doch endlich etwas kommen! Ein Bus, ein Tram! Irgendwas!? Die Stadt der Engel! Zürich ist es definitiv nicht. Und ob es Los Angeles ist, kann ich nicht sagen. Ich war noch nicht vor Ort. Aber frag doch den Dude! Dafür war ich schon in Vororten von Zürich. Ja, ist so! In Dietikon in der Ikea. Und nein, ich bekomme kein Geld für Schleichwerbung. Schön wärs. Spenden sind aber willkommen. Wir wandern aus von Kabel1 zu Pro7 und über RTL2 in den Sumpf geistiger Umnachtung. Aber es gibt sie noch, die Wunder! Grosse wie kleine. Das Problem? Wenn man nach grossen Wundern kuckt, sieht man die kleinen gar nicht mehr. Mach dir eine Liste! Alle lieben Listen! Ich auch... Hier meine TOP5 of kleine Wunder der letzten Wochen in Zürich: 1. Ein Montagmorgen und die Milch ist nicht klumpig! Tiger Frosties, Hurray! Die wecken den Tiger in dir! Hörst du auch die Melodie, jetzt mit weniger Zucker? 2. Die erfolgreiche Entdeckung und Verköstigung des Fischstäbchensandwiches! Tolles Wort, finde ich, und schmecken tut es auch. Man nehme ein Olivenbrot, halbiere es und schmiere dann auf die Unterseite Tartar, auf die Oberseite Ketchup. Dann! Ja, dann ein bisschen Ex-Trendsalat, Rucola, dazu und dann nur noch Fischstäbchen brutzeln, auf der Unterseite justieren und dann so richtig doll mit der Oberseite quetschen. Jamie Oliver machts auch so, oder so ähnlich. Und die besten Fischstäb-

chen hats im Coop, die, bei denen BIO draufsteht. Sorry Migros, ist aber so... Heul doch! 3. Die Begegnung mit einem supersüssen Büsi. Die MIMI! Gopfertami, ist die süss! Ich habe fast mein Herz verloren. Nur, ohne Krimi geht die Mimi nicht ins Bett (hörst du auch die Melodie?). Deswegen bringt sie noch ein totes Mäuschen oder Vögelchen in die gute Stube. 4. Es ist dunkel, ja, sogar finstere Nacht. Es klingelt an der Tür! Nachbar T.: «Chusch au no eis go zié?» Ich: «Nai merci, muas go pfusa....“. Ein Wunder! Ich habe NEIN gesagt! 5. Hab ich verpasst, weil ich, wie so viele Stadtbewohner, mit saurer Miene im Bus gesessen und mich hinter einem Käseblatt versteckt habe. Ja genau. Der verdammte Blick am Abend. Anstatt nach kleinen Wundern zu blicken, habe ich stoisch geblättert. Geht gar nicht! Und was sind deine TOP5? Lass es alle wissen und freu dich. In Liebe und Ahoi Pivo Apachenkönig Huntin’beer PS: Ein Dankeschön an meine Apachenkönigin für die Entdeckung des Fischstäbchensandwiches und die Bekanntmachung mit MIMI. * Apachenkönig Huntin’Beer ist aus Zürich, deshalb schreibt er auch die Stadtkolumne. Antworte dem König auf leserbriefe@dieperspektive.ch

Street - Art

* Samuel Kaufmann, lebt in Zürich, arbeitet als Industrial Designer und Illustrator

{Text} * Samuel Kaufmann

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KREATIVES 11. Ausgabe, September 2011

Eric Andersen

Preparation for a miracle DADA New York 01. September - 20. November 2011 Vernissage 01. September, 18.00 Uhr

Im Cabaret Voltair Saal pr채sentieren Eric Andersen und Martin Stollenwerk ihre neusten Arbeiten, die im Zusammenhang mit Dada New York realisiert wurden. In der Krypta umschreiben Werke aus der Sammlung des Museum of American Art, Berlin - unter anderen die Fontaine von Marcel Duchamp - den historischen Hintergrung von Dada New York In Zusammenarbeit mit dem Letterpress Studio The Arm, New York

mehr auf www.cabaretvoltaire.ch

zeitschriftenabonnement

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schweizerfranken abo@dieperspektive.ch thema der n채chsten ausgabe: die qual der wahl | beitr채ge bis 15. september an artikel@dieperspektive.ch

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KULTUR 11. Ausgabe, September 2011

ÖV benutzten! Morgens, mittags und abends

«Die Fahrzeuge der VBZ sind alle an die Rechner der Verkehrssteuerung "angeschlossen". Sie melden sich mit einem Sender an Verkehrsknoten an (mit Details zum Fahrzeug, wie dessen Liniennummer, Fahrzeugtyp, Länge, Geschwindigkeit). Dann schaltet der Rechner die Ampeln auf "grün", just auf den richtigen Zeitpunkt des Passierens der Kreuzung. Das System heisst "Sesam". Be einigen Kreuzungen gibt es keine Priorisierung für den öffentlichen Verkehr aus übergeordneten Gründen (z..B. Autobahnzubringer). Bei der Mehrheit der Kreuzungen kann sich das Fahrzeug schon lange vor der Kreuzung anmelden und der Rechner bestimmt dann den richtigen Zeitpunkt für die Freischaltung. Der Fahrer selber muss selber nicht aktiv werden. Das System arbeitet vollautomatisch und verursacht damit auch keine Ablenkung durch Interventionen. Das System erfasst natürlich auch die Trams, nicht nur die Busse.» Andreas Uhl, VBZ

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WIR ROTIEREN FÜR SIE Durch welche Perspektive Sie die Welt auch beleuchten: Wir belichten sie in Cyan, Magenta, Gelb und Schwarz. Zum einjährigen Bestehen von «die Perspektive» gratulieren wir Simon Jacoby, Manuel Perriard und Conradin Zellweger.

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ZEITUNGSDRUCK SCHAFFHAUSEN AG Ebnatstrasse 170 8207 Schaffhausen Telefon 052 633 34 35 Telefax 052 633 34 04 www.zds.ch verkauf@zds.ch 28

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KULTUR 11. Ausgabe, September 2011

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KULTUR 11. Ausgabe, September 2011

So schreibe ich einen Artikel {Text} Redaktion dieperspektive

Artikel zu schreiben ist kein Kinderspiel. Wir haben euch einige Tipps zusammengestellt. Die Texte, die ihr uns schickt, müssen in erster Linie verständlich sein. Sofern es keine kreativen oder lyrischen Artikel sind, begrüssen wir einfache und kurze Sätze. Die Deutsche Presse-Agentur empfiehlt für die optimale Verständlichkeit neun Wörter pro Satz als Obergrenze. Da wir unkompliziert sind, meisseln wir diese Zahl nicht in Stein. Je prägnanter die Sprache, desto besser verstehen die Leser und Leserinnen das Geschriebene, und desto lieber publizieren wir solche Artikel. Begriffe und Abkürzungen sollen vom Autor erklärt werden; Auf Abkürzungen ist im besten Falle ganz zu verzichten. Aktive Sätze werden grundsätzlich besser verstanden. Passivsätze wirken leider oft unlebendig oder gar langweilig.

Artikel geboten werden. Der Lead ist keinesfalls mit einer Zusammenfassung zu verwechseln. In der Regel schneidet er das Thema des Artikels an und präsentiert es im besten Licht – oder eben in der besten PERSPEKTIVE. Ebenfalls auf grosse Aufmerksamkeit stossen Bilder. Gemäss Studien schauen Leserinnen und Leser das Bild und dessen Unterschrift an und entscheiden dann, ob sie den Artikel lesen wollen. Falls ihr also passende Fotos habt, einfach mit dem Artikel mitschicken. Zwischenüberschriften

Titel, Lead und Bild

Umfasst der Text mehr als 1000 Zeichen, empfehlen wir einen Zwischentitel. Der soll gluschtig machen auf mehr. Die Zwischentitel dienen der Verhinderung von sogenannten Bleiwüsten, der Strukturierung des Textes und der Orientierung des Publikums. Die Lesenden werden so sachte durch den Artikel geführt.

Zentral für jeden Artikel sind der Titel und der Lead. Mit dem Titel wird die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser eingefangen. Er soll packen und fesseln. Der Lead folgt direkt auf die Überschrift. In wenigen Worten soll dem Lesenden ein Vorgeschmack auf den folgenden

Diese einfachen Hinweise sind selbstverständlich nicht als Muss zu verstehen. Sie sollen lediglich als Hilfe dienen. Wir sind weiterhin offen wie eh und je für alle verschiedenen Kreativitäten und Absurditäten. In diesem Sinne: Auf weitere tolle Perspektiven.

Boesner Art Award 2012 www.boesner-art-award.de

Der boesner art award würdigt hervorragende künstlerische Leistungen in allen Gattungen zeitgenössischer Kunst (ausgenommen Film- und Videokunst) und wird unter Berücksichtigung wechselnder Themenvorgaben verliehen. Stifterin des boesner art award ist die boesner GmbH holding + innovations. Der boesner art award besteht aus einem Preisgeld in Höhe von 10.000.- (1. Preis), 5.000.- (2. Preis) und 2.500.- (3. Preis). Der boesner art award wird von einer Ausstellung und einer Katalogpublikation begleitet. mehr auf www.boesner-art-award.de

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{Kuchen & Foto} Karin & Jacqueline Bieri


Das Alter und Ich - September 2011