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Falten, fragte sie sich später, als der Tag lange zurücklag, an dem sie spontan von der Allee in das Stoffgeschäft hineingelaufen war, in dem es Meterware gab für einen neuen Vorhang, zartgelb und nicht ganz durchsichtig, ganz wie sie gewollt hatte. Dann war eine Zerbrechlichkeit hinzugetreten, die diffus darauf verwies, was er nicht hatte haben können, als er es brauchte. Sein Lächeln wirkte besonders jungenhaft, sah sie, kindlich sogar, und fand sich für Sekunden in seinen unausgesprochenen Wünschen wieder, von denen sie nicht wusste, ob er sie sich selbst gestand. Was soll man mit anderen reden, hatte er, während gleichzeitig ein alter

Schmerz den Rücken herauf kroch, mit einer eckigen Schulterbewegung gemeint, was soll man mit anderen reden, denen man kaum mehr als mit den Augen folgen kann? Hals über Kopf war er die Treppe hinunter– gestürzt, kurz vor dem Frühdienst einer Nach– barin. In eben diesem Augenblick hatte sie Ärger verspürt, weil der Tag so früh begann, und eine rätselhafte Gier nach Lebendigkeit, die sie hochtrieb aus dem Bett, genauer gesagt: heruntertrieb vom Hochbett, kurz nach sechs Uhr.

Katja Albert

Jana Kempe - Monolog mit meinen Töchtern  

Kempe, Jana - Monolog mit meinen Töchtern 454-210

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