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Hatte sie jemals daran gedacht, Kinder zu bekommen, bevor ihre Töchter geboren wurden? Hatten Eltern jemals mit so großen Augen vor dem Lebenshunger gestanden und sich dann ein Fahrrad geschnappt für eine Runde um den Park oder ein Stück Asphalt in Richtung Asien? Sie konnte sich danach nicht erinnern, sich einen anderen Mann vorgestellt zu haben, bevor dieser andere auftauchte, der mit seinen großen Füßen auf eine erstaunliche Art im Boden zu stehen schien und in einem flüchtigen Moment von Nähe nach etwas gerochen hatte, das vielleicht ihren Aufbruch beschleunigte. Ihr Körper breitete sich aus

neben dem Mann, und in ihr ein Schmerz, eine Empfindung von Zwangsläufigkeit auch, die keinen Aufschub duldete: jetzt war der Moment gekommen, der eine Augenblick, in dem sie gehen konnte. Als sie Abschied nehmen wollte, hatte er die Wange nach oben gezogen, so dass sein linkes Auge wie eingeklemmt wirkte; der bizarre Gedanke an ein Monokel lenkte sie kurz ab. Niemals hatte er so viele Fältchen gehabt, wie in dem Augenblick, als sie das große Mädchen in den Wagen setzte, das kleine von seiner Schulter dem Papa hinhielt für ein Lächeln. Wer hätte sie freisprechen können von den

Jana Kempe - Monolog mit meinen Töchtern  

Kempe, Jana - Monolog mit meinen Töchtern 454-210

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