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M a r z e na S k u ba t z


Realität und ihre Lücke Marzena Skubatz lässt mit ihrer Arbeit den Betrachter eine assoziative Reise unternehmen. Sie selbst beschreibt dies als „Nachtwanderung durch einen Wald, die immer wieder durch Störmomente aufgebrochen wird, die die Fragen „Was ist Erinnerung?“ und „Was ist Traum?“ aufwerfen. Erinnerungen und auch Träume sind amorphe, sich permanent verändernde Überschneidungsräume von Empfindungen, Erfahrungen und Geisteszuständen.  Der Mensch befindet sich im Übergang, den er nicht zu steuern oder beeinf lussen in der Lage ist. Vielmehr ist er Eindrücken und Entwicklungen unterworfen. Das Ich ist ein Zustand ohne Zustand. Dennoch befindet sich das Bewusstsein in einem Transfer, es geschieht eine Bewegung ohne zeitliche oder räumliche Bezüge und mündet in einem Chaos von Rekonstruktion, das an die Oberf läche tritt. Aus Versatzstücken der Realität entsteht eine neue künstlerische Augenblicklichkeit, ein punctum. Obwohl Marzena Skubatz „fotohandwerklich“ reale Objekte abbildet, handelt es sich noch nicht einmal in der subjektiven beziehungsweise in der direkt visuellen Interpretation um Realität, sondern um Assoziationen jener: eine Nicht- oder Zwischen-Realität der Erinnerung oder der Träume. Somit ist sogar die angewandte Technik der Fotografie ein interpretatorisches Zwischenstadium. Die Verwendung einer „Maschine“ zur Darstellung eines visuellen Spektrums von Erinnerung oder Traum liegt zudem nahe, weil der Mensch ein Mängelwesen ist, das mit Verstand ausgestattet ist. Es möchte seine biologische Determiniertheit mit Hilfe von Erfindungen, also Maschinen, ausgleichen bzw. überwinden. Dahinter verbirgt sich die menschliche Sehnsucht nach Unverwundbarkeit und Unsterblichkeit (Baudrillard). Durch den Verstand ist es aber erst in der Lage, zu träumen oder sich zu erinnern. Marzena Skubatz hat die technischen Virtualitäten einer Maschine ausgeschöpft und mit der irrealen Verstandesleistung der Träume/Erinnerungen verschmolzen – also Mangel und Vorteil vereint, um Identität abzubilden. Ihr Entwurf von Identität wendet sich gegen die Vorstellungen der Romantik (wenngleich sich einige ihrer Bilder rein visuell klassischen Ölgemälden der Romantik annähern), dass das Leben eine Reise zu Gott oder zu etwas Höherem sei. Dieser auch im Kunstverständnis weit verbreitete Irrglaube, dass das Subjektive die Quelle allen Authentischen und Genialen sei, stiftet noch heute die Sehnsucht nach der „verlorenen heilen Welt“. Der Kunstmarkt gestaltet und organisiert dementsprechend ein reichhaltiges Angebot „authentischer“ Kunst, wie zum Beispiel die neorealistische Malerei. Dabei setzt sich die Kunsttheorie längst mit der finalen Demontage des „unmittelbar Anschaulichen“ aus-


einander. Was die Betrachter von Bildern prägt, gilt für Künstler in verstärkter Weise: Bewusste Bilderproduktion reichert im Bild die Effekte an, die sich aus der Organisation unseres visuellen Systems ergeben. Karl Clausberg nimmt diesen Stand der Hirnforschung zum Anlass, eine „Neuronale Kunstgeschichte“ vorzuschlagen. Mit Clausberg kann man mit Mitteln der Kognitionsdisziplinen Werke aus der gesamten Kunstgeschichte entdecken, die sich wie Porträts von Gehirnen lesen lassen – nach außen gestülpte neuronale Netze. Augen spiegeln die Welt nicht, sondern was wir sehen, ist das Resultat aufwändiger innerer Konstruktionsleistung. Marzena Skubatz setzt dagegen auf das sich selbst aktivierende Selbst, das die Widersprüche des modernen Lebens und die disparaten Elemente des eigenen Ichs in sich aushält. „Das Selbst“ in den Arbeiten von Marzena Skubatz ist zum unscharfen Gespenst in einer dunklen, undurchsichtigen und undurchdringbaren Welt geworden. Der Gegenstand, „das Bild“, ist vorhanden, aber bereits im Verschwinden begriffen. – und als Realität vornherein fehlend. Deswegen wäre es fast paradox, es auszustellen, beziehungsweise eine Hängung oder Reihenfolge festzulegen. In der vorliegenden temporären Anordnung fallen Ausnahmebilder auf, die den vermeintlichen Fluß der Bilder, dem der Betrachter unterworfen ist, absichtlich unterbrechen. Die Rückenfigur eines Menschen (ebenfalls in der Romantik begründet) bewirkt einen Zugang und gezwungene Identifikation des Betrachters. Während in der Romantik monumentale Naturlandschaften in Distanz des darüber Erhabenen angelegt sind, umgibt den Betrachter nun lediglich eine Art ursprüngliche Leere, was ihn stärker anregt, sich orientieren zu müssen. Diese Bilder stehen so still, dass sie im Gegensatz zum Kino oder Film einen tatsächlichen Bildstillstand bewirken. Das Prinzip setzt sich bei den Fernsehbildschirmen fort, wo hier wiederum Technik Technik festhält. Film und Fernsehen produzieren eine Art Narkose. Aber entgegen und unabhängig von Lärm, Geschwindigkeit und Bewegung von Kino und Film, die ein Objekt umgeben, überführt das Foto dieses mit der Bewegungslosigkeit in den Zustand des Schweigens und bewirkt stillstehende Leere. In den Arbeiten von Marzena Skubatz erscheint das „Selbst als Server“ (Thomas Feuerstein), in dem sich Werte, Konditionierungen, Normen und Diskurse einloggen. Insofern unterliegt das Selbst sogar kulturellen Strömungen der Konjunktur und Depression. Mit steigender Komplexität von Gesellschaften nimmt die Bedeutung des Selbst zu, um sich als sozialer Knoten innerhalb von Beziehungsnetzen zu begreifen. Als Kultur- und Psychotechnologie gehorcht das Selbst einer Doppelstruktur, die über die Verschaltung und Integration von Hirnregionen hinausgeht. Das Selbst operiert auch als emanzipatorischer Imperativ, um sich zu individualisieren, zu separieren, als Entität zu behaupten. Das Selbst vermittelt zwischen System und Umwelt und übernimmt die Funktion eines Zuschrei-


bungskonzeptes von Erfahrungen, Wirklichkeiten und Erlebniswelten. Es korrigiert Störungen und entwickelt Strategien der Anpassung und des Aufbegehrens. In Zeiten, in denen die Identität des Subjekts ungesichert erscheint, braucht es Übergangssubjekte. Die Kunst hat dann die Aufgabe, Übergänge, Vehikel und Schnittstellen zu schaffen. Im Mittelpunkt dieser Übergänge stehen abseits narzisstischer und hedonistischer Konzepte Fragen der Befindlichkeit des Menschen in seinen Systemen. Die Nachtwanderung von Marzena Skubatz ist ein solches Vehikel: Ein Streifzug durch das Dunkel mit zahlreichen Schlaglichtern auf das Selbst. Sie spielt mit dem Blick des Anderen. Der Betrachter findet im Moment des parallelisiertem Selbst seine eigene Einzigartigkeit wieder. Manche Lücken werden erst bemerkt, wenn sie geschlossen werden. Kai Kreuzmüller


Š copyright 2010 Marzena Skubatz


Marzena Skubatz - Here There  

Skubatz, Marzena - Here There 109-210

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