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DIE BESTE ZEIT Das Magazin für Lebensart Wuppertal und Bergisches Land

Februar/März 2011 - 3,50 Euro

Caligula und die Würstchen Albert Camus‘ Drama

Musikhochschule Man will sein Publikum erreichen

Dorothea Renckhoff Die Heimkehrerglocke

Toshiyuki Kamioka Von der Heydt-Preisträger 2011

Ute Klophaus Anders als mit Worten

Wolfgang Schmidtke All things you are

Von der Heydt-Museum Gustav Wiethüchter

Joseph Haydn L´incontro improvviso

Günter Krings Ein kreativer Prozess

Ragna Schirmer Sinfonieorchester Wuppertal

Peter Brötzmann Jazz ist ein politisches Genre

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Impressum „Die beste Zeit“ erscheint in Wuppertal und im Bergischen Land Erscheinungsweise: 5 – 6 mal pro Jahr Verlag HP Nacke KG - Die beste Zeit Friedrich-Engels-Allee 122, 42285 Wuppertal Telefon 02 02 - 28 10 40 E-Mail: verlag@hpnackekg.de V. i. S. d. P.: HansPeter Nacke und Frank Becker

Erfüllungsort und Gerichtsstand Wuppertal Bildnachweise/Textquellen sind unter den Beiträgen vermerkt. Gastbeiträge durch Autoren spiegeln nicht immer die Meinung des Verlages und der Herausgeber wider. Für den Inhalt dieser Beiträge zeichnen die jeweiligen Autoren verantwortlich. Umschlagabbildung: Toshiyuki Kamioka, Foto: Antje Zeis-Loi

Kürzungen bzw Textänderungen, sofern nicht sinnentstellend, liegen im Ermessen der Redaktion. Für unverlangt eingesandte Beiträge kann keine Gewähr übernommen werden. Nachdruck – auch auszugsweise – von Beiträgen innerhalb der gesetzlichen Schutzfrist nur mit der ausdrücklichen Genehmigung des Verlages. Trotz journalistischer Sorgfalt wird für Verzögerung, Irrtümer oder Unterlassungen keine Haftung übernommen.


Editorial Liebe Leserin, lieber Leser, vor Ihnen liegt die 8. Ausgabe des Kulturmagazins „Die Beste Zeit“, nun nicht mehr kostenlos, jedoch erneut mit vielen interessanten Artikeln aus allen Bereichen der regionalen Kultur. Als ich im Oktober 2009 die erste Ausgabe in Wuppertal vorgestellt habe, war ich noch recht euphorisch, voller Hoffnung und auch der festen Auffassung, dass ein regionales Kultur-Magazin, inhaltlich anspruchsvoll und klar gestaltet, eine gewisse Berechtigung und Überlebenschance hat – als Ergänzung und Gegenpol zur Tagespresse, ohne Gefälligkeitsjornalismus oder als reiner Anzeigenfriedhof und ganz bestimmt ohne jede Vorstellung, aus einem solch ambitionierten Produkt Profit zu schlagen. 2010 konnte ich Frank Becker als Mitherausgeber gewinnen. Nach einer gewissen Anlaufphase zumindest kostendeckend zu produzieren war aber schon unsere Vorstellung. Inzwischen ist der Enthusiasmus einer gewissen Ernüchterung gewichen, und wir müssen mangels Abonnenten und Anzeigen um ein Fortbestehen des Magazins kämpfen. Im Laufe der letzten 14 Monate sind über 400 kulturjournalistische Seiten entstanden, 28.000 Hefte haben wir kostenlos in Wuppertal, Remscheid und Umgebung verteilt. Viele bekannte Autoren haben ihre Beiträge ohne Honorar zur Verfügung gestellt. Über Oper, Schauspiel, Tanz, Konzerte, Literatur und Ausstellungen haben wir berichtet, Persönlichkeiten aus dem Bereich der Kultur porträtiert und neue Kunstbücher vorgestellt. Die Arbeit hat stets auch unter dem branchenüblichen Termindruck Freude gemacht und soll es auch weiterhin tun. Nur müssen wir ab jetzt auch der wirtschaftlichen Erfordernis Rechnung tragen, was bedeutet, dass „Die Beste Zeit“ nicht mehr kostenlos zu erhalten sein wird. Diejenigen unserer Leser, die „Die Beste Zeit“ weiterhin lesen möchten können sie bei unseren Partnern erwerben, die es bereithalten – das sind: Buchhandlung Nettesheim, Cronenberg Ronsdorfer Bücherstube Buchhandlung v. Mackensen Illert Bürobedarf Museums-Shop des von der Heydt-Museums Lichtbogen Frank Marschang Galerie Epikur Bücher Köndgen Barmen Bahnhofsbuchhandlung im Barmer Bahnhof Skulpturenpark Waldfrieden Druckservice HP Nacke KG Bücherladen Jutta Lücke Wenn Sie das Magazin abonnieren möchten, erhalten Sie es bequem mit der Post ins Haus. Viel Freude beim Lesen und Genießen wünschen Ihnen Ihr HansPeter Nacke und Frank Becker als Mitherausgeber

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Inhalt Heft 8 Februar/März 2011

Caligula und die Würstchen

Die Heimkehrerglocke

Albert Camus‘ Drama im Wuppertaler Schauspielhaus von Frank Becker

aus dem Tagebuch von Gottlieb Waltz von Dorothea Renckhoff Seite 6

Toshiyuki Kamioka

Wolfgang Schmidtke

über den frisch gebackenen Von der Heydt-Preisträger von Marlene Baum

All the things you are von Frank Becker

Seite 32

Seite 9

Günter Krings

Von der Heydt-Museum zur Gustav Wiethüchter-Ausstellung von Herbert Pogt

Seite 29

Seite 11

Ein kreativer Prozess von Antje Birthälmer

Ragna Schirmer

Neue Kunstbücher

spielt Mozart Sinfonieorchester Wuppertal von Frank Becker

Gegenwart und Zukunft der Malerei in Deutschland von Thomas Hirsch

Seite 16

Hochschule für Musik und Tanz

Die Stimme der Poesie und Freiheit

Man will mit allen Poren sein Publikum erreichen! von Marlene Baum

die Wuppertaler Else-Lasker-SchülerGesellschaft wurde 20 von Heiner Bontrup

Seite 18

Ute Klophaus

Schnitzel

Anders als mit Worten von Thomas Hirsch

zur Aufführung von Stefan Otto und Dirk Michael Häger von Frank Becker

Seite 23

Seite 34

Seite 37

Seite 39

Seite 41

Die unverhoffte Begegnung

Ernst Höllerhagen

Joseph Haydns „L´incontro improvviso“ im Opernhaus Wuppertal Georges Braque, Amaryllis, 1958 von Martin Freitag Seite 25

Jazz unterm Hakenkreuz – die Wiederentdeckung einer Swinglegende von Heiner Bontrup Seite 42

Peter Brötzmann

Buchvorstellungen

Jazz ist ein politisches Genre von Matthias Dohmen

Seite 27 Georges Braque, Amaryllis, 1958

Türme, Treppen, Bügeleisen Jahrbuch Histor. Kommunismusforschung Lurchi, das lustige Salamanderbuch

Seite 43


Caligula und die Würstchen Martin Kloepfer inszeniert Albert Camus´ Drama als Parabel auf den Kleinmut Deutsche Bearbeitung von Uli Aumüller

v.l.: Julia Wolff, Gast, Hendrik Vogt, An Kuohn, Gregor Henze, Piono Popolo, Sophie Basse, Gast, Anne-Catherine Studer, Gast

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Was braucht es, um einen Menschen in derart heiligen Zorn zu versetzen, daß er sich gegen den Tyrannen erhebt? Den Mord am eigenen Vater? Die Schändung der eigenen Tochter? Selbst zum Mord am Geliebten befohlen zu werden oder einer solch schändlichen Tat als Zeuge beizuwohnen? Mehr als das, signalisiert Regisseur Martin Kloepfer in seiner um das erbärmliche Zeitkolorit aktueller TVPräsentationen bereicherten Inszenierung von Albert Camus´ selten aufgeführtem Drama um die Selbstbestimmung des Menschen.

Die nämlich endet da, wo er auf das unüberwindbar scheinende Hindernis unbegrenzter Autorität zu stoßen glaubt. Vor Kaiser Caligula (Gaius Caesar Augustus, 12-41, römischer Herrscher von 37-41, eine historische Figur) und seiner hemmungslosen Ausübung absoluter autokratischer Macht knicken die Hofschranzen des Imperium Romanum ein, gleich welches Unrecht, welche Erniedrigung ihnen zugefügt wird. Gregor Henze gibt in der Wuppertaler Inszenierung den juvenilen Tyrannen in einer grandiosen Gratwanderung zwischen dem Beobachter


mit klarem Verstand und seinem Handeln in wachsendem Wahnsinn, in den seine Hybris mündet. Aus dem Kreis der Vertrauten, die den jungen Herrscher bis zum einschneidenden Verlust seiner Geliebten und Schwester Drusilla geführt haben, wird im Handumdrehen ein nur kurz aufbegehrender Haufen von zitternden Opportunisten, der unter den ersten, heftig geführten Schlägen des blutdürstigen Imperators zu niederstem Personal zerfällt. Armselige Würstchen, lassen sie alles, aber auch alles geschehen, bebend vor

v.l.: Thomas Braus, Gregor Henze Furcht, das nächste Opfer des skrupellosen Herrschers zu werden. Daß Kloepfer dabei den Blick mehr als nur „auch“ auf das Publikum richtet, sondern es mit parodistischen Mitteln von Beschreibungen „moderner Kunst“ durch Caesonia (grandios: Sophie Basse) und mit grell überzeichneten Schnipseln deutscher TV-Unterhaltung (Lutz Wessel und ebenfalls Sophie Basse) eindeutig in den Fokus seiner Fingerzeige rückt, ist nicht zu übersehen. Ja, die Rede ist in Kloepfers Interpretation von Ihnen und von mir, von uns. Gelähmt von der unnachgiebigen Gewalt des Mannes, der sich für den einzig freien Menschen hält und das nur in sinnlosen Morden glaubt beweisen zu können, der in wahnwitzigen Maskeraden seine makabren Späße treibt, wissen die Erniedrigten nicht die eigene Macht zu nutzen – so Scipio (Hendrik Vogt), der mit der blanken Klinge in der Hand vor der Rhetorik des gefesselten Caligula scheitert. Nur zwei Personen schlagen sich aus unterschiedlichen Motiven auf die Seite des von Frauen erzogenen 25-jährigen Kaisers: die ältere, notgeile Kurtisane

Caesonia und der aus dem Sklavenstand erhobene Günstling Helicon. Caesonia, weil sie nichts anderes kann, als - durchaus zu ihrem eigenen Vorteil - Liebe geben und Helicon, weil er blind vor Dank und bei aller Intelligenz („Ich weiß viel, aber es interessiert mich nicht.“) Caligula hündisch ergeben ist, ein Strizzi mit Goldkettchen und Badelatschen. Am erbärmlichen Untergang dieser beiden wird sich auch das Ende des Tyrannen messen. Sophie Basse glänzt in hinreißender Wandlungsfähigkeit, gibt ihrer Caesonia genau den gebrochenen Charakter, der sie zum Bindeglied zwischen Caligulas Liebes-Trauma und seiner am Unmöglichen scheiternden Maßlosigkeit werden läßt. Obwohl privilegiert, wird sie das letzte Opfer der auch aus Hunger nach den eigenen Grenzen mordenden Bestie. Basse tut das komödiantisch und ungemein tief empfindend. Eine einzige Figur vermag Caligula wirklich zu widerstehen – der an den Rollstuhl gefesselte Dichter Cherea (Thomas Braus), der zwar als denkender Mensch und erklärter Gegner Caligulas mit dessen Duldung energisch den Gegenpart gibt, aber weise genug ist, den Bogen ange-

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sichts der Unzuverlässigkeit selbst von Verschwörern nicht zu überspannen. Thomas Braus verkörpert den intellektuellen Hofnarren, einen Philosophen, der auch dem Patriziertum, mit dem er sich zeitweilig verbündet und seinem geld- und einflußgierigen Opportunismus ablehnend gegenübersteht. Caligula ist er nicht nur ein ebenbürtiges, sondern mehr: ein überlegenes Gegenüber. Hier sieht der Maßlose in Minuten des offenen Wortes seine Grenzen, hier vergeht er sich gegen sich selbst, indem er sich dazu erniedrigt, Hand an den Hilflosen zu legen. Doch auch durch solche Selbstbestrafung kann er sich dem eigenen Untergang nicht entziehen. Seinen Sturz provoziert er, der das höchste, bewußt überzogene Ziel nicht erreichen konnte, nämlich den Mond zu besitzen, in restloser Übersättigung selbst. Was er wolle, kann er noch einmal sagen: „Nichts mehr! Nur noch alles!“ Martin Kloepfer macht auch aus dem Tyrannenmord eine Absurdität, er läßt Caligula nicht stilgerecht erstechen, sondern mit Flaschen

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erschlagen, nachdem er ihn Jonathan Kings „Everyone´s Gone To The Moon“ (1965 für eine Woche auf Platz 10 der US-Charts) gebrochen hat singen lassen. Es sind die leisen Töne, die diese Inszenierung ausmachen, viel tiefer dringen als das plakative Verrecken an Gift-Pillen, die angedeutete Vergewaltigung einer Patrizier-Tochter oder der grölende Caligula. Es ist auch dadurch so erschreckend, daß sich die Figuren im Laufe der drei Jahre überspannenden Handlung zwar äußerlich verändern, ihre angstgelähmten, katzbuckelnden Charaktere aber nicht entwickeln. Ein hervorragendes Ensemble, allen voran Gregor Henze, Sophie Basse und Thomas Braus trägt die 105 Minuten ohne Pausen-Unterbrechung – sehen wir mal vom hölzernen Spiel zweier Laiendarsteller ab – und setzt das Regiekonzept in geradezu  unbedeutender Ausstattung brillant um. Camus´ „Caligula“ wurde zu seiner Entstehung 1945 als Parabel auf Hitler und seinen Hofstaat gesehen. Heute ist nicht nur die Welt voller kleiner und großer, und beileibe

nicht nur politischer Hitlers, heute scheint die Bedenkenlosigkeit, mit der solchen Gestalten auch medial Freiraum gewährt wird, grenzenlos. Kloepfer könnte mit seiner Inszenierung einen Hinweis darauf geben wollen. Wenn das sein Plan war, ist die Rechnung aufgegangen. Regie: Martin Kloepfer Ausstattung: Oliver Kostecka Dramaturgie: Sven Kleine Besetzung: Gregor Henze (Caligula) – Sophie Basse (Caesonia) – Lutz Wessel (Helicon) – Thomas Braus (Cherea) – Hendrik Vogt (Scipio) – Helmut Büchel (Senectus) – An Kuohn (1. Patrizierin) – Pino Popolo (Octavius) – Julia Wolff (2. Patrizierin) – Klaus Hille (Lepidus) – Anne-Catherine Studer (3. Patrizierin) – Wolfgang Möser (Mucius) Weitere Informationen unter: www.wuppertaler-buehnen.de Frank Becker Fotos: Uwe Stratmann


Man muss das Herz des Stückes spüren Professor Toshiyuki Kamioka ist frisch gebackener Von der Heydt-Preisträger

Toshiyuki Kamioka in der Stadthalle Wuppertal Foto: Antje Zeis-Loi

Genau eine Woche nach der Preisverleihung und zwischen zwei Konzerten durfte ich ihn sprechen. Für seine selbstverständliche Offenheit möchte ich ihm ganz herzlich danken. Toshiyuki Kamioka war von klein auf Einzelgänger. Am liebsten war es ihm, wenn er im Kindergarten ganz allein in der Ecke des Sandkastens sitzen konnte. Nur mit viel Geduld war das schüchterne Kind dazu zu bewegen, Kontakt zu anderen aufzunehmen. Schon die Aufnahmeprüfung für den Kindergarten schaffte er zunächst nicht, und auch in der Schule glänzte er nicht sonderlich. Es war ihm kaum möglich, vor anderen zu sprechen ohne zu erröten. Diese Zurückhaltung ist ihm bis heute geblieben, und sie macht einen großen Teil seines Charmes aus, gerade weil sie so echt ist. Abgesehen von der Geduld seiner Eltern war der Glücksfall seiner Kindheit der evangelische

Kindergarten in Tokio, in den Toshiyuki per Zufall geriet, weil er in der Nähe des Elternhauses gelegen war. Dort hatte er eine Lehrerin, „die fantastisch Klavier spielen konnte.“ Ihr verdankt Kamioka den Zugang zur klassischen Musik. Mit dieser Lehrerin ist er bis heute in Kontakt; sie ist inzwischen 80 und er selbst 50 Jahre alt. Der evangelische Kindergarten brachte für den Knaben nicht nur den Zugang zur klassischen Musik, sondern auch zum Christentum, obgleich weder er selbst noch seine Eltern einer Kirche angehören. Bis zu seinem 16. Lebensjahr ging der junge Kamioka jeden Sonntag in die Kirche, die, obgleich nur ein ganz schlichter Raum, ihm immer etwas ganz Besonderes war: „Einmal am Sonntag dort zu sein, hielt für die ganze Woche vor.“ So wuchs der junge Musiker wie selbstverständlich mit der klassischen Musik und dem christlichen Gedankengut auf, was

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ihm den Zugang zu der umfangreichen geistlichen Musik sehr erleichtert hat. Für einen Japaner ist es vergleichsweise einfach, sich in die europäische Musiktradition einzuarbeiten und einzufühlen, weil die japanische Musik ungleich komplizierter ist, zumal es keine einheitliche Notation gibt. Der Hang zur Einsamkeit ist Kamioka geblieben. Bis heute ist ihm Schweigen lieber, – kein Wunder, dass Chopin sein Lieblingskomponist ist. Dieser Vorliebe ist der Dirigent treu geblieben. „Nur schade, dass Chopin keine Oper geschrieben hat.“ Bis heute besitzt Kamioka weder ein Fernsehgerät noch Schallplatten. Deshalb ist er vollkommen authentisch, wenn er Musikwerke einstudiert. Tagelang am Klavier zu sitzen oder Partituren zu studieren erfüllt ihn mit Glück. Aus Begeisterung und Liebe zu einem Stück erwächst dann der Wunsch, diese mit dem Publikum zu teilen. „Man muss begeistert sein, man muss das Herz des Stückes spüren und die Musik so lieben, dass man sie mitteilen will und das Publikum unbedingt von diesem Stück überzeugen möchte. Darin liegt die Hauptaufgabe des Dirigenten. Dazu gehört tausendmal Notenlesen, und das Lesen vieler Bücher. Ich möchte des Komponisten bester Freund sein.“ Doch der Weg zum Konzertpodium ist immer dornenreich. Nach wie vor ist das Lampenfieber ständiger Begleiter, von jeder Probe bis zum Schlussapplaus. Da hilft kein noch so großer Beifall, im Gegenteil, trotz der Freude fühlt sich der Dirigent noch mehr herausgefordert, sein Bestes zu geben. Daher erklärt sich auch die kleine Verzögerung, mit der Kamioka auf der Bühne zu erscheinen pflegt, und die uns, seinem Publikum, so vertraut ist. Sie ist dem Mut geschuldet, den es erfordert, aufzutreten. Da ist es für den Dirigenten ein großes Glück, „seine Mannschaft“ zu haben, auf die er vertraut. „Ich bin immer selbstkritisch und nervös und frage mich, ob ich es richtig gemacht habe. Die Musik selbst ist ja ohne Ziel, und ich möchte das Bestmögliche herausholen.“ Eitles Ego oder Machtgefühle einem Orchester gegenüber kommen diesem Dirigenten erst gar nicht in den Sinn, denn er sieht sich als Liebender und als Diener der Musik. „Seine Mannschaft“

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möchte er nicht missen. „Natürlich bin ich der Chef, aber es liegt mir überhaupt nicht, ein Machtwort zu sprechen, ich möchte musizieren. Man soll sich ohne Worte verstehen.“ Die klangliche Wärme, die das besondere Charakteristikum des Streicher- und Bläserklanges der Wuppertaler Sinfoniker ausmacht, resultiert aus der Herzenswärme, die wiederum aus der Liebe zum Werk erwächst. Kamiokas Liebe gilt besonders der menschlichen Stimme. „Ein Instrument kann man immer spielen, die Stimme jedoch ist abhängig von Stimmungen, sie kann nicht lügen. Es gibt keine Stimme, die der anderen gleicht, auch jeder Chor hat seinen unverwechselbaren Klang.“ Die Oper mit ihrer reichen Gefühlswelt – „immer stirbt da jemand“ – ­fasziniert ihn. Als Dirigent jedoch muss man diesen permanenten Exaltationen gegenüber distanziert bleiben, denn nur aus der persönlichen Distanz kann man den musikalischen Ausdruck angemessen umsetzen. „Der richtige Genuss kommt eigentlich nur zu Hause beim Klavierspielen.“ Das sagt der Dirigent, der selbst ein herausragender Pianist ist! Nein, es juckt ihn nicht in den Fingern, wenn er mit seinem Orchester einen Pianisten begleitet, sondern ihm geht es ausschließlich um das gemeinsame Musizieren. Nun ist Toshiyuki Kamioka Von der Heydt-Preisträger der Stadt Wuppertal, was sicher auch als Liebeserklärung an den Dirigenten zu verstehen ist. Diesen Preis anzunehmen, ist ihm natürlich schwer gefallen, „denn eigentlich hätte ihn doch ‚die Mannschaft’ verdient.“ Aber auch Preise anzunehmen muss man eben lernen. Hat Kamioka noch Träume? „Ja, Komponieren, Klavierspielen und Dirigieren. Nur – die Reihenfolge stimmt nicht, ich bin gerade erst bei Nummer drei, dem Dirigieren. Zum Klavierspielen habe ich zu wenig Zeit, und das Komponieren war schon immer mein eigentlicher Traum.“ Toshiyuki Kamioka ist 1960 in Tokio geboren. Als Dirigent und Pianist lebt

Toshiyuki Kamioka, Foto: Pluszynski und arbeitet er seit 1984 in Deutschland. 2004 wurde er Generalmusikdirektor in Wuppertal und hat gleichzeitig eine Professur für Dirigieren an der Hochschule für Musik in Saarbrücken inne. Seit er 2009 Generalmusikdirektor am Staatstheater in Saarbrücken geworden ist, bleibt er den Wuppertalern wenigstens als Chefdirigent und Künstlerischer Leiter erhalten. Mit „seiner Mannschaft“ hat er inzwischen nicht nur das europäische Ausland begeistert, sondern auch seine Landsleute. 2007 und 2010 waren alle Konzerte in Japan ausverkauft, und die Fans standen Schlange um Autogramme. Vielleicht gibt es eines Tages eine Professur für Dirigieren in Wuppertal? Marlene Baum


Gustav Wiethüchter 1873 - 1946 Ausstellung im Von der Heydt-Museum 23. Januar bis 26. Juni 2011

Kennen Sie diesen Künstler mit dem schwer auszusprechenden ostwestfälischen Namen? Wahrscheinlich nicht, obgleich er im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts eine Größe in der deutschen Kunstszene war. Er ist in Vergessenheit geraten, nur einige Kenner in seiner Heimatstadt Bielefeld und in Wuppertal, wo er seit dem Februar 1900 wirkte, können mit seinem Namen etwas verbinden. Das wird sich mit dieser Ausstellung ändern. Nach seiner Ausbildung als Dekorationsmaler in Bielefeld und einer künstlerischen Fortbildung in Berlin wurde er als Lehrer für Malen nach der Natur und Formenlehre an die Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Barmen berufen. Barmen hatte wie das benachbarte Elberfeld seine eigene Kunstgewerbeschule, die zwei Jahre nach der Vereinigung der beiden Städte sowie anderen Gemeinden

zur Großstadt Wuppertal 1931 zusammengelegt wurden. Schnell erwarb sich Wiethücher den Ruf eines hervorragenden Pädagogen. Bis zu seinem vorzeitigen Eintritt in den Ruhestand 1933 hat er nach eigener Aussage annähernd 5.000 Schüler ausgebildet: vom Anstreicherlehrling über die Textildesignerin bis zu Jankel Adler, einem der „vergessenen“ Künstler von Weltrang. Als guter Pädagoge war Wiethüchter stets darauf bedacht, auf dem jeweils neuesten Stand der Kunstentwicklung in Berlin, im Rheinland und in Paris zu sein, den er dann an seine Schülerinnen und Schüler weiter vermitteln konnte. So arbeitete er in seiner Frühzeit in einem an Ferdinand Hodler erinnernden symbolistischen Stil, um 1920 experimentierte er mit expressionistischen Formelementen, ab der Mitte der 20er Jahre finden sich in seinen Gemälden verstärkt französische Ansätze. Er griff Anregungen

Die Ehe um 1920, Pappe, 49 x 41 cm

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von Braque, Bonnard und den Fauves auf; unter seinen Arbeiten auf Papier finden sich postimpressionistische Pastelle, neusachliche Familienporträts sowie Collagen und abstrakte Aquarelle. Diese Vielfalt hat ihm den Vorwurf eingebracht, kein authentisches Werk geschaffen zu haben. Seine Mannigfaltigkeit macht ihn aber wohl eher vergleichbar mit den ganz Großen Kandinsky oder Picasso, die in ihrem Leben auch die unterschiedlichsten Perioden und Stile durchlaufen haben. Wiethüchter entwickelte eine Fülle von Ausdrucksmöglichkeiten, sein Reichtum an künstlerischen Fähigkeiten scheint unbegrenzt gewesen zu sein. Das Von der Heydt-Museum besitzt seit vielen Jahren eine größere Gruppe an Gemälden von Gustav Wiethüchter – heute insgesamt vierzehn. In den 90er Jahren

des vergangenen Jahrhunderts erhielt das Museum eine beträchtliche Schenkung von Irmin Sauer-Wieth, Tochter des Künstlers und selbst eine in Wuppertal angesehene Künstlerin. Es waren wohl nur zwei Gemälde des Vaters darunter, aber mehrere Hundert seiner Arbeiten auf Papier: Pastelle, Zeichnungen, Linolschnitte, Aquarelle, Collagen sowie Skizzenhefte, Fotografien, Fotoalben und viele Manuskripte. Wiethüchter war nicht nur ein extrem vielseitiger Künstler, der auch Spitzen für die Wuppertaler Textilindustrie entwarf, sondern auch ein fleißiger Autor, der sich in Zeitungen und Zeitschriften sowie selbstverlegten Broschüren insbesondere zu Themen der Kunst und Pädagogik äußerte. Im Jahre 2009 wurde diese Werkgruppe ergänzt um eine weitere reiche Schen-

Sommer in Schweizer-Jura,1937, Öl auf Leinwand, 63 x 71 cm

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kung, dieses Mal aus dem Nachlass der älteren Tochter Gisela Bonert-Wieth, wohnhaft in Aarau/Schweiz. Auch hier finden sich neben Pastellen und Zeichnungen wiederum zahlreiche Manuskripte aber auch Druckgrafik, die in der Zueignung der Schwester Irmin Sauer-Wieth fehlt. Dazu kommen zwei Dutzend Schülerarbeiten u. a. von den beiden genannten Töchtern. Der Schwerpunkt der großzügigen Schenkung liegt jedoch auf 70 Gemälden von Gustav Wiethüchter. Der Kunst- und Museumsverein verwaltet dieses Konvolut als Stiftung, deren Ertrag zur Erforschung des Lebens des Künstlers sowie zu Ausstellungen und Publikationen über G. Wiethüchter dienen soll. Die Schau, die am 23. Januar eröffnet wurde und bis in den Juni hinein läuft, ist eine Verkaufsausstellung; der größte Teil der 70 Gemälde und eine Vielzahl von Dru-


cken und Pastellen, sowie WiethüchterKataloge früherer Ausstellungen können erworben werden. Der Erlös dient dem Stiftungszweck.

Gustav Wiethüchter muss ein beachtliches Oeuvre geschaffen haben, überlebt haben aber nur relativ wenige Gemälde, davon allein 70 in der Sammlung seiner Tochter

Gisela. Sehr vieles ist vernichtet, manches hat der Künstler selbst in späteren Jahren zerstört oder übermalt. So fehlt fast das gesamte Frühwerk vor Ende des Ersten

Vase mit Spiraea, 1937, Öl auf Leinwand, 67 x 57 cm

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Weltkrieges. Das Museum ist stolz darauf, in der Ausstellung einige der frühen Arbeiten zeigen zu können: Unter dem Apfelbaum von 1901 und Mutterschaft

von 1903/06. Das Meisterwerk der ersten Barmer Jahre Prinzessin und Schweinehirt (um 1913/14 ), das seinerzeit in vielen Ausstellungen in ganz Deutschland zu

Brücke mit zwei Bäumen, 1928, Öl, Leinwand auf Presspappe, 64 x 54 cm

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sehen war und in der Presse hoch gelobt wurde, ist verschollen und hat nur in einer Fotografie überlebt.


Die ersten Ausstellungen Wiethüchters fanden in der Ruhmeshalle, dem heutigen Haus der Jugend, in Barmen statt. 1908 beteiligte er sich erstmals an einer Ausstellung außerhalb des Wuppertals, in Heidelberg. Sein deutschlandweiter Durchbruch gelang ihm mit dem angesprochenen Meisterwerk. Danach häuften sich die Ausstellungen: elfmal war er auf der Großen Kunstausstellung Berlin, viermal auf der Berliner Sezession, siebenmal in der Preußischen Akademie vertreten und seit 1927 mehrfach auf dem von den Fauves begründeten Herbstsalon in Paris. Er beteiligte sich an der Internationalen Kunstausstellung Dresden 1926, auf der tausend Werke der Avantgarde vom Impressionismus bis zur Gegenwart gezeigt wurden. Selbst in den USA sind seine Werke 1932 ausgestellt worden. Seine letzte Ausstellungsbeteiligung datiert aufs Jahr 1936 in Bochum, die Schau trug den Titel „Berg und Mark“. Danach kam ihm nicht einmal die „Ehre“ zuteil, auf der Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 in München und anderswo gezeigt zu werden. Da war er schon vergessen. Ein Spätwerk Wiethüchters existiert ebenso wenig wie ein Frühwerk; alles, was nach seinem letzten Besuch 1938 bei seiner Tochter Gisela entstand, und er muss verbissen gearbeitet haben, fiel den alliierten Bombenangriffen zum Opfer. Wuppertal-Barmen wurde im Mai 1943 bombardiert und weitgehend zerstört. Spätestens nach diesem bis dahin schwersten Angriff auf eine deutsche Stadt hat Wiethüchter sein gesamtes Werk ausgelagert: nach Berlin zur Tochter Irmin, zu seinem Bruder in Bielefeld, seinem Sohn Winfried in einer anderen Ecke Wuppertals, der Schwägerin in Kassel und einen kleinen Teil zu seiner Tochter in der Schweiz. Das Wohnhaus der Wiethüchters im ehemaligen Dürerweg (sic!) blieb verschont, auch in der Schweiz fielen keine Bomben, ansonsten wurden alle Ausweichquartiere zerstört oder sind ausgebrannt, kein Werk ist dem Inferno entkommen. Auch das futuristische Gemälde, eine Barmer Stadtansicht, das im Keller der Ruhmeshalle versteckt war, hat zwar die Nazi-Säuberungen überlebt (ein Verdienst des Hausmeisterehepaars Sinss), nicht aber den britischen Luftangriff.

Am 7. April 1933 trat das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufbeamtentums“ in Kraft mit dessen Hilfe jüdische, kommunistische und weitere unerwünschte Künstler aus öffentlichen Ämtern gewaltsam entfernt wurden – wie Paul Klee aus der Kunstakademie Düsseldorf, Oskar Schlemmer aus den Berliner Vereinigten Kunstschulen oder Willi Baumeister von der Städelschule Frankfurt. Ob Wiethüchter zuvor schon seinen Dienst freiwillig quittiert hatte oder auf Grund des Gesetzes entlassen wurde, ist bisher nicht bekannt; auch nicht, ob er eine Pension als Professor, zu dem er 1915 ernannt worden war, erhielt oder vom Privatverkauf seiner Arbeiten leben musste. (Die von der Gustav Wiethüchter-Stiftung zu finanzierende Forschung hat noch ein weites Feld vor sich.) Aus seiner antifaschistischen Einstellung hat er auf jeden Fall kein Hehl gemacht. Noch 1935 äußerte Wiethüchter in einem Zeitungsbericht, dass „rechte Kunst stilisierter Dreck“ sei. Die Presse war noch nicht gleichgeschaltet und konnte solche Berichte durchaus noch abdrucken. Es verwundert aber auch nicht, dass Wiethüchter laut eines Briefs seiner Tochter Gisela an Jankel Adler, verhaftet wurde, ja sogar zweimal ins KZ eingeliefert werden sollte; verleumdet und völlig isoliert lebte er die letzten Jahre nur für seine Kunst.

am Salon d‘Automne in Paris seinen für Franzosen unaussprechlichen ostwestfälischen Namen in Wieth änderte. So nannten sich auch seine Töchter. Noch schlimmer war es, wenn er nach der Bedeutung seines Namens gefragt wurde. Er gab an, Wiethüchter heiße Viehhüter, was sachlich nicht richtig ist. Dr. Friedel Helga Roolfs von der Kommission für Mundart- und Namenforschung Westfalens, Münster, teile mit „Wiet könnte auf ‚Wald, Gehölz‘ bezogen werden. Hüchter könnte außer auf ‚Dickicht, Gestrüpp‘ auch auf ‚Höhe‘ zurückgeführt werden.“ Herbert Pogt Kurator der Ausstellung www.von-der-heydt-museum.de

Das Wohnhaus am heutigen Gelben Sprung wurde 1943 leicht beschädigt, Wiethüchter ersetzte geborstene Scheiben, deckte ab und reparierte. Dabei zog er sich einen Leberriss zu. Aus dem Krankenhaus wurde er als unheilbar entlassen, man benötigte nach dem zweiten Bombenangriff im Juni 1943, dieses Mal auf Wuppertal-Elberfeld, jedes Bett. Durch die Pflege seiner Frau Elfriede, geb. Boss, überlebte er wohl diese Verletzung, aber an den Spätfolgen starb er unterernährt 1946. Ein Jahr später fand im damaligen Städtischen Museum Wuppertal eine Gedenkausstellung mit dem Titel „Wieth“ statt, 1983 die bisher einzige große Retrospektive. Wiethüchter hatte seit mehreren Jahren schon seine Gemälde mit „Wieth“ signiert, als er 1927 nach seiner ersten Beteiligung

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Ragna Schirmer spielt Mozart Sinfonieorchester Wuppertal

Ragna Schirmer, Foto: Frank Eidel

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Das 5. Sinfoniekonzert der Saison 2010/11 in Wuppertal mit Werken von Messiaen, Mozart und Mendelssohn wurde zum gefeierten Erfolg für das bestens aufgestellte Orchester unter Toshiyuki Kamioka – doch vor allem durch die grandiose Gast-Solistin Ragna Schirmer. Wuppertal. Wenn sich an einem nebligtrüben, naßkalten Januarmorgen der große Saal der Historischen Stadthalle Wuppertal nahezu bis auf den letzten Platz füllt, kann das im Grunde nur bedeuten, daß zum einen Publikumsliebling Toshiyuki Kamioka dirigiert und sich darüber hinaus durch die Ankündigung eines besonderen Solisten ein doppelt herausragender Musikgenuß erwartet wird. So also geschehen am 23. Januar in Wuppertal beim 5. Sinfoniekonzert der Saison, zu dem die Pianistin Ragna Schirmer als Gast eingeladen war. Der Name der auch durch ihre CD-Einspielungen von Werken Haydns, Schumanns und Chopins und die Verleihung des „ECHO Klassik“ 2009 an die Spitze der weltbesten

Pianisten vorgerückten Musikerin zog Besucher auch aus der weiteren Umgebung an, die sich die Chance nicht entgehen lassen wollten, Ragna Schirmer einmal im Konzertsaal zu erleben. Sie wurden nicht enttäuscht. Vor ihr Auftreten hatte das Programm ein Lächeln gestellt, Olivier Messiaens Komposition „Un sourire“ für großes Orchester. Im wiederkehrenden Wechsel seiner weichen Melodieblöcke von Streicher und Holzbläsern mit den scharfen Klangkontrasten durch die perkussiven Instrumente entsteht ein entrücktes, zugleich den Hörer entrückendes musikalisches Gebilde von hohem ästhetischem Rang, eine „Kleingkeit“ von gerade mal acht Minuten – ein Lächeln eben. Für Ragna Schirmers Auftritt mit Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert Nr. 22 in Es-Dur KV 482 aus dem Jahr 1785 wurde der große Steinway-Flügel des Hauses aufs Podium gebracht, der unter ihren Händen seine ganze glasklare Klangqualität zeigte. Es wäre ungemein


spannend, Ragna Schirmer einmal die Mozartschen Klavierkonzerte auf einem alten Walter oder Bösendorfer spielen zu hören, denn ihre Fertigkeit läßt Mozarts Musik so hören, wie man sie sich von ihm selbst vorstellt. Technisch sicher auf Augenhöhe mit dem Rang des damals 29-jährigen Pianisten/Komponisten verinnerlichte Schirmer dessen Musik, zeigte sich trotz des hohen Schwierigkeitsgrades und mancher Klippen des Stückes, das Mozart vermutlich für sich selbst geschrieben hatte, traumwandlerisch sicher. Spürbar aus dem Herzen heraus spielte sie souverän, doch im steten Augenkontakt mit dem Dirigenten, folgte in den Ruhephasen der Hände doch stets konzentriert mit dem ganzen Körper dem Fortgang der Orchesterpassagen. Völlig hingegeben verströmte sie die Musik förmlich, lief im großen Solo-Part des Allegro zu unerhörter Form auf und führte im Verein mit dem Orchester einen ungemein modernen Mozart auf, der Ahnungen von Beethoven und anderer späterer Komponisten bis ins 20. Jahrhundert hinein fühlen ließ. Das „DoppelPaket“ Schirmer/Kamioka präsentierte eine Sternstunde in Virtuosität, Kongenialität und tiefstem Musikempfinden. Das abschließende Andantino cantabile markierte noch einmal die glückliche Zusammenarbeit mit vielen lächelnden Blicken. Ein großartiges Geschenk für das begeisterte Konzertpublikum, dessen Applaus mit zwei köstlichen Zugaben belohnt wurde. Meeresstille Tiefe Stille herrscht im Wasser, Ohne Regung ruht das Meer, Und bekümmert sieht der Schiffer Glatte Fläche rings umher. Keine Luft von keiner Seite! Todesstille fürchterlich! In der ungeheuren Weite Reget keine Welle sich. Felix Mendelssohn-Bartholdy gehörte der zweite Teil des Vormittags – seine „Meeresstille und glückliche Fahrt“ op. 27 entfaltete vor geschlossenem Auge das beeindruckende Bild, das Mendelssohn mit dieser Musik zu Goethes Text gezeichnet hat. Auch die Weiterfahrt unter vollen Segeln bei aufkommendem Wind hat

Ragna Schirmer, Foto: Frank Eidel Mendelssohn beschrieben – von Kamioka und dem Orchester wunderbar umgesetzt. Glückliche Fahrt Die Nebel zerreißen, Der Himmel ist helle Und Aeolus löset Das ängstliche Band. Es säuseln die Winde, Es rührt sich der Schiffer. Geschwinde! Geschwinde! Es theilt sich die Welle, Es naht sich die Ferne; Schon seh ich das Land! Mit scharfen Tempo ging Kamioka Mendelssohns Sinfonie Nr. 4 A-Dur op. 90, die „Italienische“ zum Abschluß des Konzertvormittags an. Dem OhrwurmCharakter des 1. Satzes Allegro vivace gab er neue Bedeutung, entwickelte ihn

prächtig in allen seinen Variationen und trieb das Orchester so dynamisch an, daß es danach zum seltenen Satz-Applaus kam. Das Thule-Motiv (abermals Goethe) bestimmt den 2. Satz, den Kamioka kunstvoll auströpfeln ließ, gefolgt vom tänzerisch beschwingten, mit weiter Geste angelegten 3. Satz con moto moderato. Das italienischste der „Italienischen“ ist sicher der vierte Satz Saltarello, Presto, der mit temperamentvollen italienischen Tanzmotiven neapolitanisches Lokalkolorit zeichnet. Das Konzert wurde am folgenden Abend an gleicher Stelle vor restlos ausverkauftem Haus mit entsprechendem Erfolg wiederholt. www.sinfonieorchester-wuppertal.de Frank Becker

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Man will mit allen Poren sein Publikum erreichen! Begegnungen in der Hochschule für Musik und Tanz Köln / Abteilung Wuppertal Variation III: Fit für den Auftritt

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Die Hochschule für Musik und Tanz Köln, Abteilung Wuppertal, lehrt nicht nur die Hauptfächer Instrumental- und Gesangsunterricht, sondern bietet darüber hinaus ein breites Spektrum von sogenannten „Bildungs- oder Ergänzungsfächern.“ Sie sollen den Studierenden umfassende Kenntnisse vermitteln, die zum Verstehen, Vermitteln und Aufführen von Werken unerlässlich sind. Das Angebot ist so vielfältig, dass ich nur in vergleichsweise wenigen Seminaren hospitieren konnte. Um so intensiver waren die Eindrücke, zumal ich während der Hospitationen mehrere Aufführungen miterleben durfte. So wurde deutlich, wie praxisorientiert der Unterricht ist. Es ist schon ein besonderes Gefühl, unter jungen Menschen zu sein, von denen man weiß, dass jeder von ihnen bereits Bühnenerfahrung hat und jeder schwerste musikalische Werke studiert. Deshalb begegnen sich Dozenten und Studierende, anders als Lehrer und Schüler in der Schule, irgendwo auf Augenhöhe.

„Eigentlich seid Ihr ja Profis“, sagt Frau Professor Dr. Corinna Vogel. Sie lehrt Musikpädagogik, Bewegung und Tanz an den Hochschulen in Köln und in Wuppertal. Frau Vogel gehört auch zu den Dozenten, die den neuen Studiengang „Elementare Musikpädagogik“ mit konzipiert haben. Dieser bietet neben der Lehrbefähigung für ein Instrument oder für Gesang eine Fülle von weiteren Fächern und bildet besonders vielseitig qualifizierte Musiker aus. Absolventen können an Schulen, Musikhochschulen, in der musikalischen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Familien und Senioren an verschiedenen Institutionen arbeiten. Vorausgesetzt werden Musikalität, Kreativität und enorme Vielseitigkeit, und entsprechend reichhaltig ist das Studienangebot. „Schon jetzt können sich Studierende dieses Faches kaum vor Angeboten von Musikschulen, Grundschulen und anderen Institutionen retten, sagt Frau Vogel.“ Die Studenten sind dabei, Formab-

Foto: Michael Büsching


schnitte eines modernen Musikstückes in Körperbewegungen zu übertragen. Dazu wird etwa mit dem Ellenbogen ein Kreis beschrieben oder mit dem Knie ein imaginärer Rhombus auf den Boden gemalt, oder man schreitet eine bestimmte Form im Raum ab. Dann positioniert sich die Gruppe auf dem Boden zu einem Quadrat oder zum Kreis oder baut ein Haus mit ihren Körpern. Auf diese anschauliche Weise kann man Kindern durch Körpererfahrung musikalische und mathematische Formen vermitteln, lange bevor diese in der Schule erlernt werden können. Den Beginn einer weiteren Übung gibt die Dozentin vor: Alle nehmen ihr Instrument und legen es auf einen Stuhl. Notenpulte stehen davor, Notenblätter liegen auf dem Boden. Es ist vollkommen still. Nun soll jeder ein Notenblatt auswählen und in irgendeiner Weise damit in Interaktion treten, sogar Flieger

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dürfen gebaut werden. Jetzt wird die Stille durch verschiedene Papiergeräusche unterbrochen. Schließlich geht jeder an seinen Platz und spielt nach aleatorischen Prinzipien aus „seinen“ Noten, entweder irgendwelche Takte oder Zeilen, einmal, mehrmals oder rückwärts, ganz nach Wunsch, auch dann, wenn das Notenblatt soeben zu einem Papierschiffchen geworden ist. Nach einem zweiten Durchgang werden brauchbare Ergebnisse fixiert, und die Studenten, die zugleich in die Rolle des Lernenden und des Lehrenden schlüpfen, sollen sich Gedanken darüber machen, wie es weitergehen könnte. Die Improvisation bleibt also kein Selbstzweck, sondern es wird immer reflektiert, was passiert, selbst dann, wenn es „nur“ ein Ausprobieren war. Damit kreative Prozesse gelingen, in die alle Sinne integriert sind, bedarf es einer Atmosphäre der Ruhe und des Vertrauens. Der Lehrende

muss alles zulassen können, aufmuntern und anregen. Aus gutem Grund ist die Teilnahme an diesen Fächern für Studierende des Bachelor of Music in Education Pflicht. Die gewonnenen Erfahrungen können unmittelbar erprobt werden, denn die Musikhochschule kooperiert mit städtischen und privaten Musikschulen. Ein besonderer Höhepunkt ihrer Arbeit war für Frau Vogel und ihre Studierenden die Zusammenarbeit mit der Pina Bausch Tänzerin Ruth Amarante, die auf eigenen Wunsch mehrere Wochen lang in der Gruppe hospitiert hat. Weniger improvisiert und reflektiert wird bei Joanna Jankowska, die Bühnentanz lehrt. Ihr Unterricht orientiert sich am klassischen Ballett: Alle Positionen und Schrittfolgen sind genau definiert und werden in französischer Sprache angegeben. Das bedeutet nicht, dass weniger gelacht wird, auch, wenn der Schweiß fließt. „Meine Arbeit macht mir Freude, wenn

Foto: Michael Büsching

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ich sehe, dass sie einen Sinn hat“, sagt die Künstlerin. Sie hat in Warschau als Solotänzerin auf der Bühne gestanden und für die Wuppertaler Bühnen so manche Choreographien konzipiert. Seit acht Jahren arbeitet sie mit Studenten. Die meisten von ihnen sind Sänger, denn für diese ist das Fach vier Semester lang Pflicht. Aber es kommen auch andere, weil sie merken, wie hilfreich Körperbeherrschung auch für das Instrumentalspiel und für die persönliche Ausstrahlung sein kann. „Nimm das Kinn höher, Schultern nach unten, Ellenbogen locker“, korrigiert die Lehrerin beim klassischen Training an der Stange. Der zweite Teil der Stunde ist folkloristischen Charaktertänzen gewidmet. Sechs Tänze aus verschiedenen Ländern wie Frankreich, Griechenland, Russland, Rumänien oder Amerika sind bereits einstudiert, was die Choreographie anbetrifft; für die geplante Aufführung im Januar

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wird derzeit an den Feinheiten und am Ausdruck gearbeitet. Das Erlernen der Tänze geht unglaublich schnell: Die Dozentin erklärt eine Schrittfolge, tanzt sie vor, dann üben die Studierenden einmal „trocken“ und dann mit Musik, und schon haben alle verstanden! Für den Laien ist das kaum zu fassen – Musiker haben eben ein besonderes Gedächtnis. Für zukünftige Bühnenauftritte ist mehr und mehr Vielseitigkeit gefragt. Der Sänger muss genau wissen, wie er mit seinem Körper umgeht, denn „man singt mit dem ganzen Körper.“ Dazu werden Drehungen auf der Diagonalen geübt: „Halte die Arme vor Dir wie einen Korb, nimm den Kopf mit beim Drehen. Finde eine Orientierung, damit Dir nicht schwindelig wird, bleibe beim Vorgehen auf der halben Spitze.“ Eine Fülle von Anweisungen, die jedoch helfen, den Körper mit dem Raum zu koordinieren. „Mit der Konzentration auf

Foto: Christian Nielinger

einen Punkt im Raum kann man sogar das Lampenfieber kontrollieren“, erklärt Frau Jankowska. Zum Schluss wird die Diagonale im Charlestonschritt gequert, denn auch moderne Tänze muss ein Sänger beherrschen. Und beendet wird die Stunde mit der korrekt und elegant ausgeführten klassischen Verbeugung, die bei den Damen natürlich anders aussieht als bei den Herren. Eine Studentin, die zunächst gar nicht überzeugt war von der Notwendigkeit dieses Studienfaches, hat der Lehrerin später eine Karte geschickt: „Sie haben mich gelehrt, das Tanzen zu lieben.“ Stefanie Siebers lehrt Schauspiel und Sprecherziehung. Beide Disziplinen sind für das künstlerische Studium ebenso unerlässlich wie für die angehenden Pädagogen, denn auch diese werden vor Publikum stehen. Im heutigen Seminar geht es um die Präsenz, wobei die körperliche Präsenz nicht zu trennen ist von der der Sprache. „Die Präsenz des Körpers überträgt sich auf die Stimme“, sagt Frau Siebers. Auch ihre Stunde bietet mehrere Übungen: Zunächst werden Strophen aus einem unbekannten Gedicht vorgetragen. „Probiert, mehr zu geben, versucht zu experimentieren, gebt alles“, ermuntert die Dozentin. In der folgenden Übung geht es allein um die Präsenz des Körpers, des Blickes und der Gedanken. Wie kann man sein Publikum fesseln und mit ihm in Dialog treten ohne ein Wort zu sprechen? „Du musst die Leute gewinnen wollen, denke ’schau mich an, schau mich an!’“ Sofort werden die Blicke intensiver, die Körperhaltung wacher. Wie schwer das alles ist, wird besonders aufschlussreich beim Vorlesen einer Gebrauchsanleitung für ein Handy. „Wir müssen selbst spannend finden, was wir erzählen, sonst machen wir uns langweilig.“ Jetzt ist gefragt, was vorher geübt wurde: langsam und deutlich vorlesen und dem Zuhörer Zeit geben, tatsächlich dem komplizierten Text zu folgen. Dabei gibt es natürlich viel Gelächter, aber schließlich klappt es immer besser. In einer anderen Übung soll der Vortragende, mit dem Rücken zum Publikum


wohin sie geht. Warum spricht sie, und wann löst der Gesang die Sprache ab? Auch hier ist Präsenz gefragt, und diese zu fördern dienen zu Beginn des Unterrichtes Konzentrations- und Wahrnehmungsübungen. Nach ständig wechselnden Regeln gilt es, in einem geradezu atemberaubenden Tempo Bälle zu werfen und zu fangen. Anschließend gibt es kleine szenische Übungen ohne Text. Es geht darum, wohin der Darsteller seine Aufmerksamkeit lenken kann: Ist er bei sich, in sich gekehrt, gilt seine Aufmerksamkeit den Mitspielern und dem Publikum, oder gilt sein Interesse einem Geschehen außerhalb der Bühne? Der Zuschauer soll wissen, woher der Schauspieler seine Motivation erhält. Abschließend wird eine kleine Szene aus Ioneskos’ Stück „Die kahle Sängerin“ geübt. Zahlreiche Varianten werden ausprobiert. „Völlige Offenheit und Flexibilität sind wichtig,“ sagt Thomas Braus. „Die jungen Darsteller sollen nie festgelegt werden.“ Musiklehre mit Kindern sitzend, einen Text lesen. „Sende den Text an Deinem Kopf vorbei, auch der Rücken hat eine Ausstrahlung, sonst langweilst Du das Publikum.“ Unwillkürlich denke ich an die Spannung, die Rückenfiguren in Bildern der Romantik bewirken. Auch auf der Bühne werden häufig Texte nach hinten gesprochen, und gerade dann ist die Präsenz des Darstellers gefragt. Auch ein Lehrer, der sich von der Klasse abwendet, muss sich der Aufmerksamkeit seiner Schüler gewiss sein. Abschließend trägt jeder ein Gedicht vor, das er allerdings vorher durchlesen durfte. Alle haben sichtlich an Ausdruck, Gestaltungswillen und Präsenz hinzugewonnen: „Man will mit allen seinen Poren das Publikum erreichen,“ schließt Frau Siebers ihre Stunde. Wie wichtig Sprecherziehung, Körperund Bewegungstraining und Schauspielunterricht für spätere Auftritte sind, zeigte ein interdisziplinäres Projekt unter der Leitung von Frau Siebers und Frau Bald im Dezember. Auf ihre Anregung hin ha-

Foto: Christian Nielinger ben die Studierenden zu dem historischen Roman „Türkischrot“ von Christiane Gibiec eine Aufführung erarbeitet. Das Stück entstand in Zusammenarbeit mit dem Historischen Zentrum in Barmen und ist interdisziplinär und multimedial angelegt. Von Studenten erstellte Klangcollagen, Bühnenmusik, Videos, Rezitationen, auch aus Originalquellen, Rollenspiel und Tanz verschmolzen zu einem spannenden Gesamtkunstwerk. Thomas Braus, den Wuppertalern aus dem Schauspielhaus bestens bekannt, lehrt seit sechs Jahren Schauspiel und Rollenarbeit. Er baut auf dem auf, was die Studierenden bei Stefanie Siebers gelernt haben. Dabei geht er über die Improvisation hinaus und erarbeitet Szenen aus Theaterstücken, denn auch Sänger haben häufig Dialoge zu sprechen. Ihm ist die Frage wichtig, wie und warum eine Figur überhaupt eine Bühne betritt, worin ihre Motivation liegt, woher sie kommt und

Ganz anders wird in den musikwissenschaftlichen Disziplinen gelehrt und gelernt. Hier geht es nicht um künstlerische Präsenz vor Publikum, sondern um das theoretische Rüstzeug: Wie ist ein Musikstück gemacht, wie ist es zeitlich einzuordnen, wie haben sich historische Instrumente angehört, wie kann die Interpretation eines Werkes begründet werden? Spätestens im Seminar „Gehörbildung“ bei Herrn Professor Dr. Hesse ist klar, dass man unter Fachleuten sitzt. Zu Beginn wird ein Musikstück vorgestellt, das allen Zuhörern unbekannt ist. Beschreibend nähert man sich der formalen Gestalt, dem Ausdruck, der Instrumentierung, der zeitlichen Einordnung und kommt so der Lösung immer näher: Es handelt sich um das Scherzo einer Sinfonie von Camille Saint-Saëns. Diese Musik erscheint einer Studentin „bombastisch“, doch Herr Hesse wünscht sich eine wertfreie Formulierung, und so einigt man sich auf „monumental“. Solche Feinheiten in der Wortwahl sind keine Wortklauberei, sondern sie sind ebenso genau zu nehmen wie die präzise Widergabe und Interpretation eines Werkes.

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Auftritt: Nicht nur die Generalprobe für ein Konzert in der Stadthalle stand an, sondern die Wuppertaler Bühnen hatten kurzfristig angefragt, ob Sängerinnen für die „Drei Knaben“ für die Wiederaufnahme der „Zauberflöte“ zur Verfügung stünden. Innerhalb von drei Wochen konnten tatsächlich sechs junge Sängerinnen in Doppelbesetzung mit den Bühnenproben beginnen. Auf meine Frage, wie es möglich sei, in so kurzer Zeit eine Partie zu erarbeiten, hieß es, wer das nicht könne, dürfe gar nicht erst anfangen Musik zu studieren. Das Musikergedächtnis ist eben ein Phänomen! Publikum und Presse waren einhellig begeistert von diesen bezaubernden „Knaben.“

Foto: Christian Nielinger Dem eher ganzheitlich – analytischen Hören folgen Hörübungen mit Intervallen und Hördiktaten: Der Dozent spielt eine wenig eingängige Melodie vor, die von den Studierenden nach Gehör in Noten übertragen werden muss. „Schreiben Sie erst dann, wenn Sie alles wissen“, rät Herr Hesse. Schließlich werden Akkorde analysiert und beziffert, dabei geht es um Ungetüme wie den „hart verminderten Dominatseptakkord“ oder den „übermäßigen Terzquartakkord.“ Den Abschluss bildet wieder eine Analyse, jedoch ist diese nicht ganzheitlich wie zu Beginn der Stunde, sondern es gilt, die ersten drei Takte des Vorspiels von Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“ genau zu erfassen. Die Noten dazu stehen an der Tafel. Wie Herr Hesse erläutert geben sie ein Beispiel dafür, dass Wagner der Affektenlehre des Barock folgt, indem er durch die Chromatik Schmerz und Trauer und durch die kleine Sexte gleich zu Beginn des Stückes Sehnsucht ausdrückt. Damit wird von Anfang an das Thema der Oper hörbar. Die Melodien

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verdichten sich zu einer zuvor nie gehörten Akkordik, die spätere Komponistengenerationen fasziniert hat. Hier stellt sich den Studierenden eine Grundfrage an die Künstler: Ist eine solche Komposition Intuition oder Konzept? Kann die Theorie zum Verstehen eines Werkes beitragen? Herr Hesse selbst liefert dazu die Synthese: „Ich vergesse alle Theorie, wenn die Musik mich packt.“ Wenn der Sinn so unmittelbar anschaulich wird wie in diesem Seminar, kann sogar ein so trockenes Fach wie Gehörbildung lebendig werden. Dazu trägt auch die besondere Situation in Wuppertal bei, wo fächerübergreifender Unterricht möglich ist, weil ein Dozent mehrere theoretische Fächer abdeckt. So kann Herr Hesse Gehörbildung, Harmonielehre, Tonsatz Formenlehre und Musikgeschichte in einem unterrichten, und gerade dann wird es spannend. Während meiner letzten Hospitationen im Dezember konnte ich mehrfach erleben, wie effektiv angehende Bühnenkünstler fit gemacht werden für den

Thomas Braus probt auch Arien mit den Studierenden der Gesangsklassen. Am liebsten würde er auch Duette und Terzette erarbeiten, denn da ist viel szenisches Spiel gefragt. Eine junge Sängerin ist unzufrieden mit ihrer Mimik für eine dramatische Arie aus der Oper „Rusalka“ von Dvorˇák, die sie in der Historischen Stadthalle konzertant vortragen soll. Thomas Braus schaut sich das an und unterbricht sie und den Korrepetitor Michael Albert: „Singe mit den Augen. Bleib draußen, bleib’ am Publikum, sing nicht in Dich hinein.“ Dann rät der Lehrer zu einer praktischen Übung: „Stell’ Dir vor, Du ziehst mich an einem Seil zu Dir hin.“ Das wird erst pantomimisch geübt und dann konzertant – und es klappt! Spontan dankt die junge Sängerin dem Lehrer: „Jetzt weiß ich, warum ich die Arie singe!“ Dann eilt sie zur Generalprobe. Thomas Braus studiert auch konzertant vorzutragende Arien szenisch, denn „die Konzentration wird besser, wenn die Musik körperlich durchlebt wird. Die tiefen Emotionen, die der Sänger aufbaut, muss der Zuschauer miterleben können. Die Figur hat eine Seele, der Sänger muss die Seele der Figur zu seiner Seele machen können.“ Marlene Baum


Anders als mit Worten Ute Klophaus ist im Alter von 70 Jahren gestorben

Die Fotografin Ute Klophaus ist am 6. Dezember in ihrer Heimatstadt Wuppertal verstorben. Bekannt wurde sie vor allem mit einem – nur vermeintlich – indirekten Beitrag: mit ihren fotografischen Aufnahmen zu Joseph Beuys und seinen Aktionen. Ihre Leistung war es, sein Charisma und das Wesen seiner Arbeit, deren Aura zu vermitteln. Was so manche BeuysAusstellung, die heute ohne den Künstler auskommen muss, nicht schafft, das gelang Ute Klophaus mit lapidaren s/w-Fotos, ganz unspektakulär und ganz eigen. Sie zählt zu den bedeutenden Anwälten für die Sache von Joseph Beuys. Ihre fotografischen Bilder zu Beuys standen auf einem sicheren Fundament, in handwerklicher Hinsicht, aber auch in ihrer Kenntnis und Erfahrung mit der zeitgenössischen Kunst. Geboren am 10. Februar 1940 in Wuppertal, hat Ute Klophaus im Anschluss an eine Fotografen-Lehre 196162 an der Staatlichen Höheren Fachschule für Photographie in Köln studiert. Eine

Bildfolge aus diesen Jahren fokussiert die Grabsteine, Denkmäler auf dem Friedhof von Barmen und trägt schon alle Züge ihrer späteren Kunst: das Ausschließliche, die Hinwendung zu einer verwitterten Textur und eine radikale Subjektivität in der Fokussierung, in der Perspektive, ohne Rücksicht auf irgendwelche Erwartungen. Ute Klophaus ging es um das Innige und Intensive der Erfahrung, ernsthaft und unerbittlich. Im Juli 1965 fotografiert sie das „24 Stunden“-Happening in der Galerie Parnass von Rolf Jährling, unter anderem mit Joseph Beuys, Nam June Paik, Wolf Vostell und Bazon Brock. Ute Klophaus fasst ihre Aufnahmen dazu in einem Buch zusammen: in freier, nicht-chronologischer Ordnung, damit die Wahrnehmung auf die Situation selbst lenkend. Dafür wurde sie von den Künstlern des Happenings nachträglich zur Teilnehmerin erklärt. Von nun an fotografiert sie wesentliche Beiträge im Umfeld von Fluxus. Besonders wendet

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sie sich den Aktionen von Joseph Beuys zu, aus freien Stücken und dadurch unabhängig, dabei von Beuys in ihrer Eigenständigkeit respektiert. Ihre Fotografie ist unmittelbare Annäherung, als Verdichtung selbst Aktion und vielleicht eine der wenigen Möglichkeiten, angemessen das Vergängliche von Performance festzuhalten. Im Gespräch in ihrem Wuppertaler Wohnatelier vor drei Jahren hat Ute Klophaus auf ein eigenes Statement dazu aufmerksam gemacht: „Ich habe keine ‚Werkabbildungen‘ gemacht. … Meine Bilder sind Ausdruck meiner Empfindungen, eine eigenschöpferische Leistung“ (Kunst und Recht 5/2007). Schon deshalb machte sie die Haltung der Erben von Joseph Beuys, welche die Veröffentlichung dieser Fotografien verbieten wollten, betroffen. Der Disput um Joseph Beuys hat ein bisschen ihre anderen fotografischen Projekte überlagert. So hat sie sich, dazu beauftragt, mit exponierten Orten auseinandergesetzt, zusammengefasst in Katalogen, für die sie noch Texte geschrieben hat. Ausgezeichnet 1986 mit dem Eduard von der Heydt-Preis der Stadt Wuppertal, hat sie im Herbst 1989 Košice, die slowakische Partnerstadt von Wuppertal, und Prag besucht und fotografiert und wurde dabei Zeugin der Öffnung der Grenzen. Ihre Bilder thematisieren auf subtile Weise das Verhältnis von Kirche und Staat, halten die nächtliche Stadt fest, dokumentieren die Begrüßung der Neugeborenen im Standesamt und fangen dann wieder in Ausschließlichkeit Blattwerk und deren Schatten ein. Assoziativ umkreist sie ihre Themen und Anliegen, ebenso bestimmt wie vorsichtig. 1998 setzt sie dies fort. Unter dem Titel „Weimar – ein Mythos“ geht sie den Spuren von Goethe und Schiller nach, sie fotografiert schließlich deren Totenmasken, auch nimmt sie die Herzogin Anna Amalia Bibliothek auf. Und dann erschaudert sie vor dem KZ Buchenwald, das sie von nun an nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Auch stammt von ihr ein Foto mit den Krähen im kahlen Geäst am historischen Friedhof, gesehen als Silhouette. Vor allem bei solchen Aufnahmen tritt der tiefe Humanismus hervor, der vorsichtige Umgang mit der Geschichte, aber auch der Frage, wie man sich ein Bildnis vom Menschen machen darf – und wie das Unsagbare zum Ausdruck bringt.

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In der Weimar-Serie hat Ute Klophaus ihre fotografische Sprache bis in die Abstraktion geführt. Der Blick der Kamera zeigt nun auf den harten Pflasterstein oder steil nach oben. Etliche der Fotografien kennzeichnet etwas Plötzliches, ein Einfrieren von Bewegung, die selbst noch gegenwärtig bleibt. Dieses Handelnde und unmittelbar Beteiligte korreliert noch damit, dass die fotografischen Abzüge stets an einer Seite (noch dazu unregelmäßig) gerissen sind und damit auf Individualität sowie Ausschnitt deuten. Mitunter hat sie die Negative und Aufnahmen bearbeitet, Kratzer zugelassen und damit Gebrauch und Erleben ebenso wie Vergänglichkeit zugleich sichtbar gemacht. Dabei handelt es sich stets um Schwarz-Weiß-Fotografien, die Ute Klophaus wortwörtlich als Lichtbilder versteht: Ihre Aufnahmen tragen die Beschäftigung mit Helligkeit und Dunkel in allen Schattierungen aus. Es ist ein bestimmter Ton, der durchweg die fotografischen Bilder von Ute Klophaus kennzeichnet. Der staunende Blick der

visuellen Entdeckung weist von einer äußeren „allgemeinen“ phänomenologischen Welt nach innen. Plötzlichkeit und der Erkenntnisprozess treffen zusammen, dabei wird Ute Klophaus zur tief eindringenden Chronistin, indem sie gerade nicht linear dokumentiert. Im Katalog zu Košice steht das Statement „Warum ich photographiere“, in dem sie schreibt: „Die Photographie ist für mich eine Möglichkeit, hinter die Dinge zu schauen. Mich interessieren die Hintergründe. ... die Photographie [gibt] demjenigen, der sich ihr ... aussetzt die Möglichkeit, auf eine ganz besondere Weise zu denken, zu sprechen, zu analysieren, Sinnzusammenhänge zu erfassen, Hintergründe aufzuspüren, Grenzen zu erweitern“. Ute Klophaus hat sich jeder vorschnellen Eingängigkeit verweigert, immer, überall und jederzeit. Mit ihr hat die zeitgenössische Fotografie eine große Künstlerin verloren. Thomas Hirsch Fotos: Jörg Lange


Die unverhoffte Begegnung Opernhaus Wuppertal Joseph Haydns „L´incontro improvviso“

Eine echte Rarität, nämlich Joseph Haydns Türkenoper „L´incontro improvviso“, korrekt mit „Die unverhoffte Begegnung“ übersetzt, gibt es an den Wuppertaler Bühnen in einer eigens erarbeiteten Version unter dem Titel „Unverhofft in Kairo“ zu erleben. Die komödienhafte Handlung um eine Haremsentführung erinnert ein wenig an Mozarts „Entführung aus dem Serail“ und muß nicht erläutert werden. Regisseur Jakob Peters Messer und sein Team haben zunächst alle Rezitative gestrichen und durch einen türkischen Text zu improvisionierter Musik auf einer Ud (eine türkische Kurzhalslaute) ersetzt und übertitelt, den der „verreiste“ Pascha, der Schauspieler Selim Dursun ein wenig emotionsgedrosselt spricht. Die im Original auf Italienisch gesungenen Musiknummern werden in deutscher Sprache gegeben, hier wäre dennoch ebenfalls eine Übertitelung mitunter hilfreich. Positiv ergibt sich ein Blick auf

einen gläubigen Muslim, der nach dem Koran Gnade walten läßt; negativ ist das eine enorme dramatische Bremse, die die Handlung behindert. Dazu kommt leider eine recht einfallslose Regiearbeit. Wo ein Jean-Pierre Ponnelle aus übermäßigem Kofferpacken der Fliehenden einen Gag machte (Mozarts „Entführung“), wird hier daraus fast der ganze zweite Akt bestritten. Die optische Rettung kommt im Wesentlichen in Gestalt der ungemein geschmackvollen Ausstattung Markus Meyers, die vor allem in der aparten Farbigkeit der Kostüme im Spiel mit dem Bühnenbild besticht, das durch eine geschickt eingesetzte Drehbühne für optische Abwechslung sorgt. Lohnend wird der Abend vor allem durch die wirklich bezaubernde Musik des unterschätzten Klassikers Haydn. Ein reizendes Frauenterzett mit liebevollem Humor, sehr anspruchsvolle Arien mit weitem Tonumfang und viel Koloratur

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betören die Ohren. Und das junge Wuppertaler Ensemble kann alle Positionen sehr geschlossen besetzen, also findet sich

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das richtige Werk am richtigen Ort. An erster Stelle muß das Liebespaar Rezia und Ali genannt werden: Banu Bökes Sopran eignet sich durch herzlichen Tonfall und gerade Höhe besonders für diese Art von Musik, ihre geläufige Gurgel reißt das Publikum zu sofortigen Bravi unmittelbar nach der großen Koloraturarie hin. Christian Sturms lyrischer Tenor erobert sich immer mehr Sicherheit, wenn auch die Registerüberblendungen noch nicht ganz perfekt sitzen, hier haben wir es mit einem Mozart-Tenor der Zukunft zu tun. Das sympathische Äußere paßt bestens zur Stimme. Dorothea Brandt und Miriam Scholz erfreuen als Balkis und Dardane in Spiel und Ton, in der bereits erwähnten Perle des Frauenterzetts mischen sich ihre Stimmen mit der Banu Bökes hervorragend. Boris Leisenheimer gibt als Diener Osmin einen Buffotenor par excellence, Miljan Milovic, setzt als betriebsamer Qualander (Derwisch, Bettler, Spion und Kaufmann in einem)

als einzige tiefe Stimme mit angenehmem Bariton seine Farben. Kleine Solorollen werden von Solisten aus dem Chor liebevoll gestaltet. Das Sinfonieorchester Wuppertal spielt die anspruchsvolle Haydn-Musik engagiert unter Florian Frannek, der dem Ganzen noch etwas mehr Schwung verleihen könnte - so trocken und bieder muß Haydn nicht klingen. Vielleicht kein besonders spannender Abend, doch die seltene Kostbarkeit mit den frischen Stimmen des Wuppertaler Ensembles zu hören lohnt die Fahrt. Hoffentlich entdecken noch ein paar andere Bühnen den „unbekannten“ Opernkomponisten Joseph Haydn. Martin Freitag Redaktion: Frank Becker Fotos: Sonja Rothweiler


Jazz ist ein politisches Genre Annäherungen an ein Porträt des Saxophonisten Peter Brötzmann

„In der Welt daheim und in Wuppertal zu Hause“, könnte man in Adaption des Werbespruchs einer bayerischen Hefeweizenbrauerei von ihm sagen. 250 Tage im Jahr ist er immer noch on tour, tritt rund um den Globus auf, je älter er wird, um so lauter ruft die Musikwelt nach ihm. Es ist beschwerlich, so plagte ihn kürzlich ein Bandscheibenvorfall, aber auch schön. Man will ihn hören, den am 6. März vor 70 Jahren geborenen Saxophonisten und Maler. Ursprünglich stammt er aus Remscheid, wo er auch zur Volksschule und zum Gymnasium ging, das er allerdings nicht abschloss. Ihm lag mehr am Basteln und Zeichnen. In der Wuppertaler Werkkunstschule wurde er, gerade 18 geworden, gleich angenommen. Gebrauchsgrafiker nannte sich der Ausbildungsgang damals. Mit 21 hat er dann geheiratet, seine Frau ist vor ein paar Jahren gestorben, ein Sohn und eine Tochter wohnen in Berlin. Beide sind künstlerisch veranlagt, der Sohn tritt

sogar hin und wieder mit dem Vater auf. 20 Jahre hat er in der Siegesstraße gewohnt, ein kleines Werbebüro unterhalten, auch schon mal bei seinem Schwiegervater in der Schmiede ausgeholfen oder bei Wicküler gejobbt. Die Musik, lang ist’s her, war Nebenbeschäftigung. Gegen Ende der 1960er Jahre dann nicht mehr: Ab 1964 nimmt er an einer Reihe von Festivals im In- und Ausland teil, seine Werke stellt er zu Hause und in den Niederlanden aus. Zwei Jahre später nimmt er mit dem drei Jahre jüngeren und 2002 in New York verstorbenen Peter Kowald die erste Platte auf. Es folgten Engagements in die Niederlande, nach Belgien, Großbritannien, Frankreich und den skandinavischen Raum, vielfach Osteuropa, ab den 70er Jahren in die USA, wieder ein Jahrzehnt später nach Japan. In Afrika ist er auf Einladung des GoetheInstituts gewesen, wo er in Kamerun, Ghana und der Elfenbeinküste auftrat. Maßgeblich haben ihn die 1960er Jahre

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gen, wo er in der Obergrünewalder Straße über eine Wohnung, ein Büro und – hinter Hof und Garten – ein Atelier verfügt. Das Malen ist ihm ein „guter Gegensatz zum Leben unterwegs“, bei dem man zu zweit, zu dritt, zu viert oder zu zehnt, sich 24 Stunden am Tag auf der Pelle hockt. Wuppertal war in den letzten Jahrzehnten für die Kunst kein schlechtes Pflaster, meint der Von der Heydt-Preisträger und verweist auf das Schauspielhaus, das manchen berühmten Regisseur und Schauspieler anzog. „Peter Zadek zum Beispiel.“ Den Austausch unter den Künstlern der Stadt beschreibt er als intensiv und lebhaft. Doch vieles liege im Argen, das kulturelle Leben bedürfe dringend neuer Impulse. Dass in einer solchen Situation darüber nachgedacht werde, das Schauspielhaus zu schließen, kommt ihm beispielhaft vor: „Wenn eine Stadt dieser Größenordnung einen solchen Kulturtempel schließt, stellt sie sich ein Armutszeugnis aus.“

geprägt, als er und viele seiner Kollegen mit der Musik „die Welt verändern“ wollten. Daran glaubt er nicht mehr. „Trotzdem: Jede künstlerische Äußerung ist eine politische Äußerung.“ Musik sei die „direkteste Art, Menschen zu erreichen“. Der Kontakt zum Publikum nach einem zweistündigen Konzert ist ihm wichtig. Wenn schon nicht mit der Schuld, so lebt man doch mit der Scham. Als Brötzmann zum ersten Mal in Tel Aviv auftritt, sind nicht nur, wie gewohnt, junge Leute da, sondern auch Israelis seines Alters, „die mich auf Deutsch angesprochen haben“. Das vergisst man so schnell nicht. Jazz und Blues waren immer „die Musik der Underdogs“, und sie sind es für ihn heute noch. Auf seiner Internetseite, www.peterbroetzmann.com, kann man nachlesen, mit wem er rund um den 28

Globus auftritt. In seiner Generation und der darauf folgenden habe sich niemand dem Jazz, der „nicht in Konzertsälen groß geworden ist“, verschrieben, „der rechts ist“. Er stammt aus einer normalen bürgerlichen Familie. Aus Pommern stammen beide Eltern, der Vater hört deutsche und russische Klassik, bis es dem Sohn „zum Hals heraus hängt“, der sich folgerichtig musikalisch anders orientiert. Im Zusammenhang mit dem Besuch der Werkkunstschule zieht er, ein halbes Jahrhundert ist das jetzt her, in die Stadt an der Wupper, zuerst nach Wichlinghausen in ein „Rattenloch“ am Gaskessel, das er für 15 Mark mietet. Seit über 20 Jahren hat er seine Zelte im Luisenviertel aufgeschla-

Die Antwort auf die Frage, welche Hobbys er pflege, fällt überraschend aus. Seine wichtigste Lieblingsbeschäftigung ist nämlich der Jazz, denn „im Grunde genommen bin ich Amateur“. Immerhin ein solcher, dessen Instrumentenbauer in Japan arbeitet. Brötzmann liebt es, in der wenigen Zeit, die er in Wuppertal verbringt, mit Kollegen zusammen zu sein. Oder im Briller Viertel, auf Scharpenacken und im Gelpetal spazieren zu gehen, locations und Landschaften, in denen er sich Anregungen für seine Malerei holt. Er liest gern US-amerikanische Romane und Kriminalgeschichten, zumeist in Originalausgaben, die großen Epiker wie Thomas Wolfe oder Upton Sinclair, Lyriker vom Schlag eines Kenneth Patchen oder Tom Sawyer, Spannung pur by Michael Connelly und Dashiell Hammett. Der Saxophonist, Weltbürger und Wuppertaler Brötzmann wird also 70. Wir gratulieren. Mach weiter, Peter. Matthias Dohmen Fotos: Jörg Lange


Die Heimkehrerglocke Aus dem Tagebuch des reisenden Arztes Gottlieb Waltz aus Halle (1756)

Dorothea Renckhoff, Foto: Ron Preedy

Ich habe in diesen Tagen große Fortschritte gemacht auf dem neuen Weg, die äußeren Bilder festzuhalten; Blätter und Blumen, Landschaften und sogar Menschen, alles hat das Licht mir auf meine präparierten Blätter gezeichnet, ohne Feder und Stift. Ich tränke ein Blatt mit Silbersolution, und meine geliebte Camera nimmt es auf in sich und empfängt damit Umriss und Abbild der Welt in ihrer sichtbaren Gestalt, ohne Hilfe einer menschlichen Hand, und was zurück bleibt auf dieser wundersamen Schicht, ist recht eigentlich mehr, viel mehr als ein bloßes Abbild, es ist die Spur des direkten Abdrucks einer lebendigen Gegenwart, der festgehaltene Augenblick, das gebannte Wunder, gleich dem nicht von Menschenhand gemachten Bild auf jenem Tuch, in das unser Erlöser sein Angesicht drückte. Doch eifersüchtig duldet das Licht nicht, dass man sein Gemälde bewahre, und zeichnet immer fort, bis das gesamte Kunstwerk in einem beklagenswerten Dunkel versinkt. Ach, auch das Gotteshaus ist in diesem verelendenden Ort in einem beklagens-

werten Zustand, und der nach papistischer Art mit Blumen und Engeln überreich verzierte Schnitzaltar so gänzlich vom Holzwurm zerfressen, dass das ganze unheilige Gebilde am vergangenen Sonntag in sich zusammenbrach, gerade während der Messe, die ich nach weidlicher Überlegung besuchte, um nicht das Vertrauen des abergläubischen Volkes zu verlieren, und das war klug gedacht von mir, denn in ihrer Verblendung schoben sie die Schuld an der wie Hexenkunst furchtsam bestaunten Zerstörung den wenigen verbliebenen Protestanten des Dorfes zu und nahmen die Sache zum Anlass, sie mitsamt ihren Familien davon zu jagen. Ich sah die Vertriebenen ausziehen, ich sah, wie sie dem See und der Kirche den Rücken kehrten, um das Tal zu verlassen, ihren ganzen Besitz auf ein paar Saumpferde geladen, auf ein paar Esel, ein paar Wagen; Wagen, mit denen sie holprige Feldwege zu bezwingen hofften, schlammige Straßen und steile Pfade durch nasse Wälder. In den Türen, vor den Häusern

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standen die Zurückgebliebenen und sahen dem Zug nach. Aber keiner sprach ein Wort, alles blieb still; nichts war zu hören als die Schritte der Verjagten, das Knarren der Räder, und ab und zu das Brüllen einer unwilligen Kuh, die man von ihren Gefährten getrennt hatte. Und verstohlen wandten die Rechtgläubigen schon ihre Blicke von den Fremdgewordenen ab und suchten in deren Höfen und Gärten, was da zu holen, was in Besitz zu nehmen, was gegen den Anspruch der anderen Daheimgebliebenen zu verteidigen wäre. An einem der verlassenen Häuser bewegte sich ein Vorhang, als die Protestanten vorbeizogen, glänzte ein hastig vor dem wahren Besitzer zugeschlagenes Fenster kurz in der Bewegung auf, die den Eindringling verriet, mitsamt seiner Gier, die ihm nicht erlaubt hatte zu warten, bis die Ausgestoßenen das Tal verlassen hätten. Die Protestanten sahen schweigend auf den Lichtreflex in der Fensterhöhle, gingen schweigend weiter, ein wortloser Chor von Schritten auf der Dorfstraße, die nicht mehr ihnen gehörte. Die Daheimbleibenden standen am Weg, und noch immer sagte Keiner ein Wort zum Abschied. So rasch waren die Andersgläubigen zu Fremden und Verfolgten geworden, als hätte man nicht Jahre und Jahrzehnte miteinander im selben Dorf und Haus an Haus gelebt. Dann begann die Glocke im Kirchturm zu läuten, die sie die Heimkehrerglocke nennen, diese Glocke, deren Klang so weit trägt, dass er oft Verirrten und Verstiegenen den Rückweg aus Nebel und wüsten Bergwänden gewiesen hat. Sie läutete, und niemand wusste, wer das Seil gezogen hatte, niemand auch wollte es hernach gewesen sein. Sie läutete, und viele der Auswanderer sahen starr vor sich hin, geradeaus vor sich, auf den Weg, der aus dem Tal führte, der sie fort führte vom Klang dieser Glocke; Viele wurden ganz steif in der Anstrengung, sich ihrem Ruf zu widersetzen; einige brachen in Weinen aus; aber alle gingen weiter, Manche etwas langsamer, Manche entschlossener, und dann fing ganz vorne im Zug jemand an zu singen, ‚O Gott, von dem wir alles haben,’ die Zunächstgehenden fielen ein,

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und bald sangen sie alle. Die Zurückbleibenden standen, noch immer schweigend, und sahen sie ausziehen, und hörten sie singen, noch lange, nachdem sie auf dem Weg ganz klein geworden und schließlich um die Biegung verschwunden waren. Sie sangen, als wollten sie den Klang der Heimkehrerglocke übertönen, ‚O Gott, von dem wir alles haben, die Welt ist ein sehr großes Haus…’ In meinem Herzen habe ich mitgesungen, aber meine Lippen blieben verschlossen, denn wenn ich mich hier als Protestant verriete, so wäre das das Ende meiner Forschungen in diesem verarmten und für mich so reiche Ausbeute bergenden Ort. Aber ich denke mir, dass die Glocke vielleicht von jenem Stelzfuß geläutet worden ist, dessen prachtvolle blaue Jacke so wenig zu seinem Erscheinungsbild passt. Er sei Offizier gewesen, heißt es, und habe sein Bein im Krieg für die Kaiserin verloren, aber noch nie habe ich eine so schwere Verwundung bei einem Offizier gesehen, denn das Bein ist ihm direkt unter der Hüfte abgenommen. Er ist ein merkwürdiger Mann, und ich habe mich schon gefragt, was er in diesem Dorf im Gebirge sucht. Vor wenigen Tagen sah ich ihn, an einem nebelverwehten Morgen, als ich mit meinem Führer zu einem einsam gelegenen Hof unterwegs war, wo ich fünf Aussätzige zu finden hoffte (es war aber wieder nur Skorbut); der Einbeinige zog mit einem Esel in einiger Entfernung an mir vorbei, ganz allein auf dem Pfad, wie eine Erscheinung zwischen Nebelfetzen und hohen Baumstämmen, und war nach wenigen Augenblicken im Dämmer des Waldes verschwunden. Mein Führer erzählte, dass der Fremde schon viele Kranke im Tal geheilt habe, zuerst mit dem Saft goldgelber Früchte aus seiner Truhe, später mit Brennesseln, aber woher hat einer, der kein Arzt ist, dieses Wissen um eine Seemannskrankheit, der ich nur auf Schiffen begegnet bin, bis ich in dieses Tal kam, wo die Menschen in ihren Gärten nur gelbe Rüben ziehen für das Vieh und selbst nichts essen als eine abscheuliche Suppe aus geröstetem Mehl und Salz? Ich bin der festen Überzeugung, dass er zur See gefahren sein muss, aber Keiner weiß mehr über ihn, als dass

er Goldstücke besitzt, die sie alle nur zu gern an sich bringen würden. Einer wie er, der die Welt gesehen hat und nicht in den fest gefügten Vorstellungen dieses abgelegenen Tals befangen ist, könnte sehr wohl die Glocke zum Tönen gebracht haben, um den Flüchtlingen zu sagen, dass sie zu Unrecht vertrieben waren, und den vermeintlich Rechtgläubigen, dass nicht ihnen gehörte, worauf sie schon die gefräßigen Hände gelegt hatten. Warum er das getan haben sollte, weiß ich nicht, aber er gilt als unberechenbar, und sein ganzes Verhalten als unverständlich. So spricht man auch vom letzten Weihnachtsfest, als ich noch nicht im Dorf war; damals habe man in der Sägemühle ein Theaterspiel aufgeführt, und als der König Balthasar dem Kind in der Krippe sein ganzes Gold darbrachte, habe der Einbeinige mit einem Mal so bitterlich zu weinen begonnen, dass die Umsitzenden ihm ihre Schnupftücher gereicht hätten, und ‚es hilft nichts!’ habe er immer wieder gestammelt, ‚wenn ich auch alles herschenke, es kann nichts helfen, wir sind verdammt und müssen dort hinab, wo die Feuer brennen, und keiner von uns ist jemals glücklich geworden,’ doch wen er meinte mit diesem ‚uns’, wusste auch mein Führer nicht zu sagen. Es scheint wohl, dass er eine schwere Schuld auf sich geladen und jede Hoffnung auf Rettung aufgegeben hat. Und doch heißt es, er sei für gewöhnlich heiter und freundlich. Ich aber sah ihn, an jenem Sonntagmorgen, als der Altar zusammenbrach; er war einer der Letzten in der Kirche und schob sich immer näher zu dem geborstenen Bildwerk, und plötzlich bückte er sich und hob ein Stück auf, das eine ganze Strecke über den steinernen Boden gesprungen war, es war ein kleiner Engel mit einer Rose im Fäustchen, ich hatte ihn schon oft gesehen, ganz oben in dem geschnitzten Himmel, aber jetzt war sein kleiner Bauch voller winziger Löcher, und sein Gesicht ganz zerfressen, und ich dachte an die vielen Schiffe am Grund des Meeres, die der Holzwurm hat sinken und sterben lassen, und der Einbeinige barg die Figur unter seiner Jacke. Vielleicht ist es aber auch die Darstellung


eines Christuskindes gewesen, wer soll sich auskennen mit diesem papistischen Kram. Doch während ich ihn beobachtete, blickte der Einbeinige mich plötzlich an, seine Augen taten sich auf, und ich sah darin die Bewegung vieler Wellen, eine nach der anderen rollte über einen Abgrund hinweg in eine große Ferne, und an einem weit entlegenen Punkt, ganz tief in seinem Auge, wiegte eine kalte Flut eine Schar von schlafenden Gestalten, die zwischen zerbrochenen Kisten und zersplitterten Planken um einen dunklen Schiffsrumpf trieben. Doch im nächsten Augenblick brach zwischen seinen Lidern ein Schillern auf wie von Glasscherben und verbarg das Bild dahinter. Dann aber sah ich, wie er eine Hand auf seine Brust legte, dorthin, wo unter dem weichen blauen Stoff das versehrte welsche Kindlein, vielleicht auch das verbote-

ne Abbild des menschgewordenen Gottes ruhte. Er tat es mit einer Behutsamkeit, die schlecht zu ihm passte, ganz gleich, ob er nun ein kriegserprobter Offizier oder ein Seeräuber war. Und heute denke ich, dass er die kleine hölzerne Gestalt vielleicht in jenem Augenblick zum Leben erweckt hat, als er sie so zart vor der endgültigen Vernichtung zu schützen suchte, und dass der Atem aus dem zernagten Mund in ihm eine Hoffnung auf Erlösung hat erstehen lassen. Aber wo führt mich das hin, wenn ich für möglich halte, dass ein heidnisches Machwerk, eine geschnitzte Puppe aus totem Holz Mitleiden und Hoffnung in einem erstarrten Herzen wecken kann? Knie ich bald selbst vor geschminkten Bildern und vergoldeten Altären? Wo ist fromme Wahrheit, und wo der übertünchte Tod? Ach, über all diesen Überlegungen habe ich das Blatt in meiner Camera vergessen; es ist ganz schwarz geworden. Könnte man doch das Licht daran hindern, weiter

und immer weiter zu zeichnen, bis das gesamte Bild im Dunkel versinkt. Vielleicht hätte man dann das wahre Abbild. Oder das Abbild der Wahrheit. Dorothea Renckhoff

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All The Things You Are Wolfgang Schmidtkes „Nachtfoyer“ im Schauspielhaus

Foto: Frank Becker

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Als der Saxophonist Wolfgang Schmidtke am 11. Dezember 1981 bei der Verleihung des alternativen Eduard von der Heydt-Kulturpreises (Bürgerpreis) an den Graphiker und Musiker R.M.E. Streuf mit seinem Quartett auftrat, zog er sich das beinahe entsetzte Stirnrunzeln der anwesenden Riege der Avantgarde zu: er hatte Jerome Kerns „All The Things You are“ in einer Bebop-Version gespielt – und damit in der Stadt des Free Jazz ein Sakrileg begangen. Doch das konnte den Aufstieg des musikalischen Multitalents an die Spitze des Jazz in der Stadt seiner Wahl und auch überregional nicht bremsen. In Münster, Düsseldorf und Wuppertal als Saxophonist, Musikwissenschaftler, Komponist und in Jazz-Theorie akademisch ausgebildet, brachte der in Lüdenscheid geborene Musiker das Rüstzeug für eine solide Karriere und eine tiefe Liebe zum Jazz und zur klassischen Musik mit. Fragt man ihn nach Vorbildern, fallen schnell aufeinander die Namen John Coltrane, Jimi Hendrix und Franz Schubert. Da erübrigt sich ein Kommentar. Alle Saxophone und die Baßklarinette

sind seine Instrumente, dazu das Klavier, an dem er die meisten seiner Kompositionen schreibt – Jazz, Kammermusik, Musicals – alles Musik „zum sofortigen Gebrauch“, womit er sagen will, daß er nicht „für die Truhe“ schreibt, sondern für das Jetzt. Seine Arbeit als Hochschuldozent und Instrumentalpädagoge hat Wolfgang Schmidtke nie davon abgehalten, auch auf anderen Sektoren neugierig und Tätig zu sein. Seine fünf Alben mit Tom Mega haben ihn in den 90ern einem jungen Rock-Publikum bekannt gemacht, mit der Formation „Das Pferd“ begegnete er dem Fusion-Jazz, als „E-Musiker“ kennt man ihn im Holzbläser-Ensembles des Sinfonieorchesters Wuppertal und viele Jahre lang hat Wolfgang Schmidtke für das Wuppertaler Schauspielhaus Bühnenmusik geschrieben und aufgeführt – legendär die Inszenierungen des „Sommernachtstraum“, von „Buddy Bolden´s Blues“, „I have a dream“ und „Sidemen“. „Carmen – Ein deutsches Musical“ entstand für die Bad Hersfelder Festspiele. 2002 die Produktion „Präludien,


Fugen, Kommentare“, eine Kombination Bachscher Werke mit zeitgenössischer Improvisation. „Der Tod und das Mädchen“ (2003) verband Schuberts Quartett mit zeitgenössischer Musik. Mitwirkende: Auryn Quartett, Markus Stockhausen, Claudio Puntin. „Tango Westfalica“ (2005) ist eine Verbindung von mittelalterlichen Musiken mit der Welt des Tango. Mitwirkende: Hans Reichel, Stephan Meinberg, Achim Fink, Christian Thome. 2007 folgte „Elses Blaues Klavier“, Songs aus Gedichten von Else Lasker- Schüler – mit der WDR Bigband und Lisa Bassenge. Auftritte und Touren mit Karl-Heinz Stockhausen, Horace Parlan, Lydie Auvray, Ginger Baker, Randy Brecker, etliche Dutzend CD-Einspielungen tragen seiner Handschrift, und mehrere eigene Alben hat er aufgenommen, womit wir uns dem Thema nähern: „Nachtfoyer“. Am 20. Dezember 1997 schlug die erste Stunde der jetzt seit 14 Jahren veranstalteten äußerst erfolgreichen Jazz-Reihe im Foyer des Wuppertaler Schauspielhauses mit einen Konzert des Wolfgang Schmidtke Orchestra + Peter Kowald, bei dem die Formation und der berühmte Free Jazz-Bassist Kowald (1944-2002) ausschließlich Stücke von John Coltrane spielten. Eine Verneigung vor dem großen Saxophonisten und ein „grenzüberschreitender“ musikalischer Händedruck zwischen Bop und Free. An dieses Konzert denkt Wolfgang Schmidtke, der als Vorsitzender der Peter KowaldGesellschaft dessen Vermächtnis hochhält, noch heute mit glänzenden Augen. Aber Gründe und Musiker, sich mit leuchtenden Augen an die seither rund 100 Konzerte zu erinnern, gibt es reichlich. Ein Jahr nach dem Debüt-Konzert stellte Wolfgang Schmidtke 1998 mit seinem „Wolfgang Schmidtke Orchestra“ das Album „Blues Variations“ vor. Mit dabei: Kurt Billker (dr), Harald Eller (b), Dietrich Geese/Martin Zobel (tp), Annette Gaddatsch (fl), René Pretschner (p) und Klaus Bernatzky/Wolfgang Schmidtke (as, ts, bcl). In der Ära Holk Freytag, der das Nachtfoyer intensiv unterstützte, gab es immerhin zehn Konzerte pro Jahr, ab 2001 noch jährlich sechs. Alle Intendanten

auch nach Freytag (Gerd Leo Kuck und Christian von Treskow zeigten und zeigen absolute Solidarität mit dem Projekt, über das auch von weither angereiste Stars der internationalen Jazz-Szene sagen: „So etwas gibt es bei uns nicht, das ist einmalig“. Und wer ist nicht alles aufgetreten: das Stefano Bollani Trio, Alexander von Schlippenbach, Peter Brötzmann, Willem Breuker, Hans Reichel, Aki Takase , das Tomasz Stanko Quartet, Simon Nabatov + Nils Wogram, das Louis Sclavis/ Aldo Romano/Henri Texier Trio, Charles Peterson + Jasper van´t Hof, das Joachim Kühn Trio, Horace Parlan, die WDR Bigband, Arkadi Shilkloper, Markus Stockhausen + Conny Bauer, Steve Lacy, Alan Skidmore, das Trio Frank Chastenier/ John Goldsby/Hans Dekker. Und das ist nur eine Auswahl. Dem klassischen Jazz ist man in Wuppertal allerdings weniger aufgeschlossen, wie der Musiker ja schon 1981 feststellen konnte. Da wird auch schon mal Kritik laut: „Herr Schmidtke, das war aber gewagt.“ Viele der Konzerte waren Unikate der Jazzgeschichte, die zehnmal vom WDR 3 live in der Sendung „Nachtmusik im WDR“ übertragen wurden und die auch dafür sorgten, daß „Wuppertal definitiv unter den ersten fünf Städten der Republik im Jazz rangiert“ (W. Schmidtke). Wie er das hinbekommen hat? „Persönliche Kontakte sind das A und O. Viele der Musiker haben sich nur auf das Nachtfoyer mit zum Teil einmalig gespielten, eigens geschriebenen und arrangierten Programmen eingelassen, weil man sich kannte und vertraute.“ Auf die Selbstherrlichkeit vieler Musiker hat Wolfgang Schmidtke nie Rücksicht genommen: „Für mich braucht ein Programm mehr als nur die Persönlichkeit des Interpreten, nämlich einen klaren Inhalt, eine Idee. Kein Theaterintendant engagiert einen Botho Strauß, nur weil er Botho Strauß heißt, sondern weil Botho Strauß eine Idee zu einer bestimmten Thematik hat. In der Welt des Theaters heißt das Dramaturgie (lacht).“ Damit ist er gut gefahren und hat auch die Erfahrung gemacht, daß „in Wuppertal anspruchsvolle Sachen funktionieren, die in Düsseldorf oder München nicht gehen“. Sicher spielt auch eine wichtige Rolle, daß

dank der zuverlässigen Unterstützung der Reihe durch die „Freunde der Wuppertaler Bühnen“ seit jeher die Finanzierung gesichert war und ist. Und bei Engpässen haben die JazzAGe und das Kulturbüro ebenfalls stets geholfen. Der Wuppertaler Erfolg führte übrigens dazu, daß Wolfgang Schmidtke die Idee des Nachtfoyer später parallel auch in Dresden und Bremen mit guter Resonanz verwirklichen konnte. Ob es Mitschnitte gibt, beantwortet Schmidtke vorsichtig optimistisch: „… schon, einige, aber es sind noch Schätze zu heben.“ Einen Schatz hat er nicht nur gehoben, sondern vor wenigen Tagen für eine CD abgemischt: Das Thelonious Monk-Programm „Monk’s mood“, 2001 arrangiert von Schmidtke und eingespielt vom Wolfgang Schmidtke Orchestra mit Alexander von Schlippenbach, dem seinerzeit zum ersten Mal außerhalb Berlins ein solches Programm angeboten worden war. Noch vor dem Sommer soll das Album fertig sein – eine Herzensangelegenheit für Wolfgang Schmidtke. Zuvor aber wird man sein Nachtfoyer noch ein paar Mal besuchen und genießen können: Samstag, 26. März, 23:00 Schauspielhaus Wuppertal Elberfeld Arkady Shilkloper (h, flh) und Vadim Neselovskyi (p) Samstag, 09. April, 23:00  Schauspielhaus Wuppertal Elberfeld Robert Landfermann (b), Niels Klein (ts, bcl), Jonas Burgwinkel (dr) Frank Becker

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Ein kreativer Prozess Der Wuppertaler Günter Krings, der im Februar 2011 seinen 75. Geburtstag feiert, hat mit seiner „inszenierten Fotografie“ eine einzigartige, eigenwillige und unverwechselbare Bildauffassung entwickelt. An der Fotografie reizten ihn die Möglichkeiten des Bildermachens, an technischen Fragen hingegen war er nie sonderlich interessiert. Auch heute noch arbeitet er in seinem Atelier mit einer recht einfachen Fotoausstattung. Angesichts der Aussagekraft seiner Fotos mag es paradox klingen, aber der künstlerische Aufwand liegt bei Krings eindeutig nicht im Fotografieren selbst.

Günter Krings

Cui Bono, Analogprint, 1992, 50 x 60 cm

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Und so hat es begonnen: mit 24 Jahren, im Jahr 1959, hat sich Krings seine erste Kamera gekauft. 1960 fotografierte er in klassischer SchwarzWeiss-Manier, im Rahmen eines Fotowettbewerbs, Menschen im Alltag. Hierfür begab er sich nach Paris. Die Bildserie wurde ausgezeichnet und im selben Jahr auf der Photokina in Köln ausgestellt.

Weitere Preise und Auszeichnungen ermutigten ihn, der ohne jegliche handwerkliche Ausbildung zum Fotografen geworden war, sich regelmäßig, und mit Erfolg, an über 250 nationalen und internationalen Fotoausstellungen zu beteiligen. Seine größten Erfolge waren sicher der Preis des französischen Staatspräsidenten 1968 in Versailles und der hoch dotierte Staatspreis der österreichischen Fotografie 1995 für seine Serie „Die 4 Elemente“. Zum ordentlichen Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie wurde er 1994 berufen. Auch an der Wuppertaler Fotoszene nahm Günter Krings lebhaft Anteil. Günter Aust, der frühere Museumsdirektor, stellte 1979 in der Barmer Kunsthalle im Haus der Jugend die fünf bekannten Wuppertaler Fotografen vor: Kah Jagals (gest. 1997), Günter Krings, Rolf Löckmann, Prof. Harald Mante - später Dekan an der Uni Dortmund für Fotografie und Design - und KH. W. Steckelings. In dieser Ausstellung nahm Günter Krings zugleich Abschied von der Schwarz-Weiss-


Y’quem 1847, Digitalpr., 2008, 30 x 40 cm

La Chapelle 1961, Digitalpr., 2007, 50 x 60 cm

Petrus 1947, Digitalpr., 2009, 50 x 60 cm

Fotografie und dem Menschenbild, mit einer Ausnahme: Nur Pina Bausch und ihrem Ensemble widmete er weiterhin Fotoserien in einfühlsamen Schwarz-WeissTönen, wovon ein beeindruckender Kalender im Jahr 1999 Zeugnis ablegt. Ende der 70er Jahre wandte Günter Krings sich der Farbfotografie zu. Zunächst mit typischen Farbmotiven, die er auch farblich manipulierte oder Aufnahmen von detailliert beobachteten Strukturen. Damals schon leitete ihn der Gedanke, der aggressiven Bilderflut etwas Besinnliches entgegenzusetzen: „Die Schönheit des Unbeweglichen, die Einsamkeit einer Landschaft, die Liebe zu ausgewogenen Formen und Farben und eine Suche nach Stille“. (Zitat Ausst.Kat. 1979) Dennoch fühlte Krings, dass seine Arbeit künstlerisch noch nicht ausgereift war, geriet darüber in eine Krise, zog sich zurück, und nach einer langen Zeit des Suchens und vieler Diskussionen mit seinem Freund Kah Jagals fand er Mitte der 80er Jahre seine eigene, ganz persönliche Bildsprache mit der inszenierten Fotografie. Was ist das Geheimnis dieser Bilder? Es liegt eben nicht in der Technik der Fotografie, sondern im kreativen Prozess der Bildgestaltung, die wie eine Gemäldekomposition ein Denken in Form und Farbe voraussetzt.

Château Mouton 1945, Digitalprint, 2009, 50 x 60 cm

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Am Anfang gab es nur ein paar Fundstücke, Gegenstände ohne jede Aussage, Blech, Kunststoffteile, ein Stückchen Holz, Abfälle und Schrott - und eine weiße Platte, die Krings „fast zum Wahnsinn brachte“, bis daraus ein geeigneter, immer wieder variabler Bildhintergrund für seine Fotos geworden war. Der ist wichtig als Bühne und als Stimmungsträger für malerisch wirkende und auch mit Mitteln der Malerei erzeugte Elemente wie Farbe, Licht und Struktur in seinen Fotos. In Verbindung mit den davor platzierten Objekten gestaltet Krings ein kunstvolles Stillleben. Erste internationale Beachtung fanden die neuen Arbeiten von Günter Krings 1991 durch eine Einladung der Firma Agfa zu den 1. Internationalen Fototagen in Herten ( Zeche Scherlebeck) und die Gestaltung des Kunstkalenders 1992 für Amnesty International. Der Memento-mori-Gedanke zieht sich als roter Faden durch alle Fotoarbeiten von Krings. Sie lesen sich wie ein kritischer Bildkommentar auf unsere Zeit. Da gibt es Hinweise auf historische Umwälzungen - wie etwa den Mauerfall - in jüngerer Zeit, auf die offen oder verborgen herrschende Gewalt, auf die Möglichkeit künftiger Katastrophen. Die Vision des Untergangs wird jedoch mit sinnlicher Pracht beschworen, um das Unheil abzuwenden. Die Mahnung, die dahinter steht, ist - noch - mit Hoffnungen verbunden. Die Vermittlung einer Botschaft ist Krings sehr wichtig. Über die Bildzeichen sucht er eine heimliche Verständigung mit dem Betrachter. In ähnlicher Weise haben die Künstler des Barock sich mit Allegorien, Gedankenbildern, ausgedrückt. Wer ihre Symbolik richtig auslegen konnte, gehörte zu den Eingeweihten. Umgekehrt kann man über Krings sagen, wer die Zeichen unserer Zeit versteht, wird auch die Mitteilung seiner Bilder begreifen. Eine neue Bildserie beschäftigt sich mit teuren Weinflaschen, geziert von edlen Etiketten, die Motive z. B. von Picasso und Baselitz zitieren. Auch leer sind die Flaschen noch wertvolle Sammlerobjekte. Vom Räderwerk der Zeit angegriffen, stehen sie hier für

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Apokalypse, Analogprint, 1991, 50 x 60 cm

Dinotopia, Analogprint, 1995, 30 x 40 cm den Gegensatz, der das Leben prägt - Freude am Genuss, die Wünsche des Menschen, Lebens- und Sinnenfreude also auf der einen, Angst vor Veränderung und Verlust, Tod und Untergang auf der anderen Seite. Bildhaft repräsentieren sie den Wertewandel, dem alles in der Welt unterworfen ist. Im Sommer 2010 wurden die künstlerischen Inszenierungen „Kultweine der Welt“ von Günter Krings in Anwesenheit des Deut-

schen Botschafters in Südkorea im „Culture Center“ in Seoul gezeigt. Die künstlerische Bedeutung von Krings‘ inszenierter Fotografie liegt in der Magie der Bilder. Es geht um die Schaffung einer großartigen Illusion, die nicht in der Realität greifbar, sondern nur im Medium der Fotografie existent ist. Antje Birthälmer


Neue Kunstbücher Gegenwart und Zukunft der Malerei in Deutschland von Thomas Hirsch

Cornelia Schleime, Wer aus mir trinkt, wird ein Reh, 88 S., Hardcover, 30,5 x 24 cm, Kerber, 33,80 Euro Cornelia Schleime malt figürlich, klassisch realistisch, sie zentriert die Büste und fördert so den Charakter als Porträt, vorgetragen in motivischen Reihen. Aber kaum lässt sich das Werk der 1953 in Ostberlin geborenen Malerin in einem Stil oder Gruppengedanken verorten – es bleibt einzelgängerisch, subjektiv, traditionell und doch überraschend frisch, gegenwärtig. Für diese Malerei jenseits aller Trends wurde

Cornelia Schleime, In der Liebe und in der Kunst weiß ich genau, was ich nicht will, 264 S., 23,5 x 16,5 cm, Kerber, 29,95 Euro

Cornelia Schleime, die in Dresden studiert hat und 1984 nach Westberlin geflohen ist, mit dem Gabriele Münter- sowie dem Fred-Thieler-Preis ausgezeichnet. Vielleicht erst diese Ehrungen und die emsigen Aktivitäten ihres Galeristen Michael Schultz haben sie weiter in der Öffentlichkeit präsent und in der deutschen Kunstszene bekannt gemacht. Damit erklärt sich auch das Erscheinen von gleich zwei Büchern im Kerber Verlag. Anlässlich einer Ausstellung in der Berliner Galerie von Michael Schultz stellt das eine Buch die Werkgruppe „Camouflage“ mit Malereien auf Leinwand und Papier zwischen 2008 und 2010 vor. Bei jeder dieser Arbeiten verschmelzen eine ganzfigurige Frau und ein Tier zu einer körperlichen Einheit, die malerische Hinwendung gilt vor­rangig der zoologischen Darstellung, die mitunter pastos gegeben ist. Es geht um Einzigartigkeit, offenen und verbor­genen Charakter und Persönlichkeit. Zwar lassen die bildhaften Kombinationen und auch der Titel des Buches „Wer aus mir trinkt, wird ein Reh“ auf erzählerische Hintergründe, gar Mythologien ­schließen – aber alles ist reine Erfindung von Cornelia Schleime. Auch hier ist die Figur in einen oft weißen oder hellen Umraum gesetzt und wirkt wie von Licht umspielt. In diesem sehr gelungenen Buch kommen die Maler­eien wie selbstverständlich daher, treten leicht und bestimmt auf, wie hingehaucht und tiefschürfend, aber sie hüten sich insgesamt vor Bedeutungszuweisungen und wirken dadurch freilich fast beliebig. Deutlich aber wird, wie sehr Cornelia Schleime mit ihrer künstlerischen Nervosität den Dingen, Begriffen und Bildvorstellungen auf den Grund geht – und wie sehr dies ein Grundton überhaupt ihrer Malerei ist. Dies bestätigt erst recht die Publikation „In der Liebe und in der Kunst weiß ich genau, was ich nicht will“, bei der es sich um ein wahres Künstlerbuch handelt. Es ist sozusagen das Buch zum Film, das nicht nur mitteilt, wie sehr für Schleime Kunst mit existentieller Hinwendung zu tun hat, sondern auch, wie Erinnerung, Sprache, Heimat mitschwingen und erst ihre Malerei „grundieren“, sie sozusagen erklären. Aus dem Kosmos von Cornelia Schleimes Werk und ihrer Biographie heraus ist dies ein frei flottierendes und intuitiv doch genau arrangiertes Bilder-, Foto- und

Textbuch. Schließlich bestätigt sich darin noch, dass Cornelia Schleime gerade nicht die biedere Malerin ist, die ihre Bilder mitunter suggerieren, und vielmehr eine wichtige zeitgenössische malerische Position einnimmt. Solche Missverständnisse gibt es bei Eberhard Havekost nicht. Avanciert, augen­blicklich reflexiv in der Hinterfragung gegenständlicher Malerei, trat seine Kunst schon immer auf. Freilich ist er, der 1967 in Dresden geboren wurde und ebenfalls dort studiert hat, erheblich jünger als Cornelia Schleime – und von anderen deutsch-deutschen Erfahrungen geprägt. Ein wenig erinnert sein künstlerischer Ansatz an die Malerei des polnischen Künstlers Wilhelm Sasnal. Bekannt wurde Havekost, der seit Herbst vergangenen Jahres eine Professor an der Kunst­akademie Düsseldorf innehat, schon vor über einem Jahrzehnt mit Bildern, die das Neo Geo in unserer Umgebung wiederfanden. Seine frühen Malereien zeigen Fahrzeuge, Fassaden, Kleidungs­stücke mit Flächen einer machtvoll eisigen, wie unbelebten Welt, die heran gezoomt sind in satter Farbigkeit, auf möglichst objektiver Basis. Seit etlichen Jahren geht Havekost weiter, handelt noch stärker mit Künstlichkeit, die er im Alltäglichen und mit den uns vermittelten Bilder kon­statiert. Und er abstrahiert mit heutigen Verfahren, mittels Fotografie und digitaler Veränderung und Inkjet-Ausdrucken,

Eberhard Havekost, Ausstellung, 264 S., durchgehend farbige Abb., Broschur, 31 x 21 cm, Distanz, 58,- Euro

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mit einem hohen konzeptuellen Anteil, bei dem das „Coole“ brüchig ist, etwa wenn er eine aufgefaltete, aufgespannte Leinwand als solche oder Schneevolumen auf Blattwerk zeigt. Ganz ohne Handlung, vielmehr als kondensierte Momentaufnahmen, rekonstruieren seine Malereien die Realität als Phänomene unserer Bild- und Erlebniswelt... Dazu liegt nun ein hervorragendes Buch vor, das zugleich wesentliche Ausstellungen Havekosts seit 2008 rekapituliert und sinniger Weise „Ausstellung“ heißt. Erschienen ist es im vor kurzem gegründeten DISTANZ Verlag um Christian Boros, mit Sitz in Wuppertal und Berlin. Im hinteren Teil dieser Monographie (die leider auch arg ehrgeizige, sich wichtig gerierende Texte aus dem Kuratorenmilieu enthält, die der Künstler gar nicht nötig hat) sind die Bilder wie ein Werkverzeichnis aufge­listet, wodurch sich veranschaulicht, wie genau bei Havekost die Themen, Motive ausgelotet sind und eins aus dem anderen erwächst. Den größten Teil des Buches aber nehmen die Abbildungen ein, ganz pur ohne technische Angaben, oft ganzseitig mit linker leerer Seite und somit in direkter Konfrontation. Schon da wird klar, wie intensiv diese Bilder sind, wie radikal sie ihren Gegenstand analysieren und Lehren für die unmittelbare Malerei ziehen. Höchste Nähe, Unschärferelation, Verwischungen, Lichteffekte, Valeurs, Ausschnitt und ein Flächenraum hin zu reinen Farbbehauptung sind die vielleicht dominierenden Phänomene dieser Bilder von Eberhard Havekost. Malerei ist das hellwach Schlaftrunkene im Resonanz-

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Bernhard Martin, Thema verfehlt, 260 S., üwg. farbig, Hardcover, Leinen, 32,5 x 27,5 cm, DuMont, 58,- Euro raum des Vertrauten, und daraus entstehen ganz außergewöhnliche Bilder. Rundum seltsam und rundweg erfreulich. Wie anders sind die Bilder des fast gleichaltrigen Bernhard Martin! Martin agiert genussvoll mit dem Effekt; seine Werke sind plakativ und provozierend und muten sich allerhand zu mittels der Collage und der freien Verfügbarkeit des malerischen Zitats, des Ikonoclash unterschiedlicher Stile, die unvernäht aufeinander treffen. Aber ist das noch Malerei? Bernhard Martin wurde 1966 in Hannover geboren, er hat in ­Kassel studiert und ist heute vor allem im hochkarätigen Galeriebetrieb etabliert. Entsprechend auftrumpfend, dabei sehr edel und stilvoll, ist nun seine Monographie „Thema

verfehlt“ im DuMont Verlag gelungen, welche mit Schwerpunkt auf der Malerei die verschiedenen Medien der letzten vier, fünf Jahre präsentiert. Gemeinsam sind den Malereien, Zeichnungen und Plastiken und Keramikreliefs die Haltung und der Duktus: der ebenso lakonische wie handwerklich versierte Umgang mit dem Realismus, vorgetragen als etwas krude, vor allem verzerrte Form, die mitunter Spuren eines Comic trägt, indem Momente des Anekdotischen mitwirken. Deutlich wird in der Zusammenstellung der verschiedenen Medien noch, dass Bernhard Martin die Sinnlichkeit und Attraktivität der Oberfläche hin zur räumlichen Tiefe interessiert. Die Figuren seiner Bilder trudeln schon mal durch den Bildraum; oder ein Flur zieht sich suggestiv in die Tiefe. Entsprechend ereignen sich die Werke von Bernhard Martin simultan auf mehreren Ebenen, gedanklich, formal. Die Alltagswelt als Supermarkt, durch den man sich sozusagen zappt, ist noch gebrochen durch reine Farbformen und -bahnen, die mit Geometrien handeln oder ausfasern und vor allem Zitate auf die Moderne implizieren. Bernhard Martin konfrontiert die Originalität der Malerei mit den neueren Tendenzen der Malerei und erreicht ein manchmal feines und manchmal grobes Oszillieren zwischen Ernst und Witz, Ironie und Nüchternheit. Darin verrätselt sich seine Malerei, hebt sich in der direkten Präsenz der malerischen Mitteln auf, stellt Fragen und gibt kaum Antworten. Also ist dies eine Zukunft gegenständlicher Malerei?

08.02.11 19:28


Die Stimme der Poesie und Freiheit Die Wupertaler Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft wurde 20.

Else Lasker-Schüler als Prinz Jussuf

Totenmaske Else Lasker-Schüler

Nein, es verstummte nicht, das blaue Klavier, als die Welt verrohte. SA-Trupps im Berlin des Jahres 1933 hatten die Dichterin auf offener Straße geschlagen. Da stand es zwar eine Weile im Dunkel der Kellertür, aber aufgehört zu spielen auf der Klaviatür ihrer Poesie hat Else Lasker-Schüler dennoch nicht. Denn Schreiben, Dichten war für sie, die sich aus dem Kreis des bürgerlichen Lebens und zum Teil auch des Literaturbetriebs heraus katapultierte hatte, eine Überlebensstrategie. Die Grenze zwischen Leben und Poesie, zwischen Dichtung und Wirklichkeit einzureißen, war für sie ein Lebensprogramm. Ihr Werk ist ihr Leben. Nur so kann man Sätze verstehen wie diese: „Ich bin in Theben (Ägypten) geboren, wenn ich auch in Elberfeld zur Welt kam im Rheinland. Ich ging elf Jahre zur Schule, wurde Robinson, lebte fünf Jahre im Morgenland und seitdem vegetiere ich.“ Vielleicht lagen die Ursprünge dieser „Weltflucht“ in der außerordentlichen Sensibilität des Schulmädchens, das wie ihre jüdischen Mitschüler auf dem Schulweg mit antisemitischen Hep-Hep-Rufen (Hep= Hierosolyma est perdita, Jerusalem ist verloren!) schikaniert wurde, und das sich einen Fluchtpunkt zuerst in ihrer wild überbordenden Phantasie, später im Reich ihrer Dichtung Poesie suchte. Ein Psycho-Mechanismus, der sich auch in späteren Jahren bewähren wird, wenn sie, die Kleist-Preis-Trägerin und ungekrönte Königin der Berliner Avantgardecafés, nicht mehr weiß, wie sie die Miete für den nächsten Monat zahlen soll. Da wird zu sie zu „Tino von Bagdad“, zu „Prinz Yussuf von Theben“. Und selbst wenn sie im Schweizer Exil Publikationsverbot erhält, so ist sie doch immer noch unumschränkte Herrscherin im Reich ihrer Dichtung. Else Lasker-Schüler stirbt am 22. Januar 1945 - in ihrer „wilden Stadt der Juden“, in Jerusalem, einen langen und schweren Tod. Ein Leben ist zu Ende gegangen, gelebt in aller Radikalität, stets sich selbst gegenüber geführt bis an die Grenze des Aushaltbaren und auch darüber hinaus. Als es zu Ende ging, wusste sie, dass ich bald sterben muss – Es leuchteten doch alle Bäume - /Nach langersehntem

Julikuss -/Fahl werden meine Träume -/ Nie dichtete ich einen trüberen Schluss/ In den Büchern meiner Träume/…/Mein Odem schwebt über Gottes Fluss - /ich setze leise meinen Fuss/Auf den Pfad zum ewigen Heime. Dichterlesungen in Asylbewerberheimen Viele der deutschen Dichter, die wie sie ins Exil gehen mussten, um zu überleben, hat der zweite Tod getroffen: Sie wurden vergessen. Oder erst sehr spät durch die erst in den 70er Jahren beginnende Exilliteraturforschung wiederentdeckt. Häufig kam diese Wiederentdeckung zu spät, denn die literarische Szene der jungen Bundesrepublik wurde von den Autoren der frisch gegründeten Gruppe 47 beherrscht, unter ihnen Kriegsheimkehrer wie Günter Grass und Heinrich Böll, die das Trauma des Weltkriegs und die inneren Widersprüche der Wirtschaftswunderlandes auf ihre Art thematisierten. Nur wenige große Schriftsteller der Weimarer Republik wie Thomas und Heinrich Mann, Bertolt Brecht und Kurt Tucholsky entgingen diesem Schicksal. Zu groß, zu bedeutend ihr Werk, als dass es dem Vergessen hätte anheim fallen können. Dass Else Lasker-Schüler heute nicht vergessen ist, ist vor allem der Größe ihrer Dichtung geschuldet. Sie hat Verse für die Unsterblichkeit gedichtet, und auch ihr dramatisches Werk und die Essays sind weit mehr als wertvolle Zeugen ihrer Zeit. Ein besonderes Verdienst hat sich indessen auch die in der Heimatstadt der Dichterin gegründete und ansässige ElseLasker-Schüler-Gesellschaft erworben, die am 23. November 1990 das Licht der Welt erblickte. Im Zentrum der Gesellschaftsaktivitäten stand zunächst die Idee, Leben und Werk der Dichterin lebendig zu erhalten. Von Beginn an verstand sich die Gesellschaft aber auch als eine politisch agierende Literaturvereinigung: Als 1992 Neonazis in Hoyerswerda, Rostock, Schwerin und anderswo Asylbewerberheime in Brand setzten, veranstaltete der junge Verein Dichterlesungen in solchen Heimen. Mehr als 50 Autorinnen und Autoren waren beteiligt; darunter die Literaturnobelpreisträger Herta Müller und Günter Grass.

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Unfreiheit als unendliche Geschichte Für ihren Gründer Hajo Jahn sind Leben und Werk der Dichterin „eine Metapher für das Unrecht, das dem Geist in den Zeiten des Nationalsozialismus, aber auch in der zweiten deutschen Diktatur auf deutschem Boden, in der DDR angetan wurde.“ Else Lasker-Schüler stehe symbolisch für das Schicksal der ins Exil getriebenen Dichter und Autoren, Musiker und bildenden Künstler, aber auch für deren Überlebenswillen und Kampf um Freiheit des Wortes und Denkens. „Das ist leider eine unendliche Geschichte und findet seine Fortsetzung heute in vielen Ländern wie beispielsweise in China, Russland und im Iran oder neuerdings in Ungarn.“ Das Engagement für die Wuppertaler Dichterin ist daher immer auch ein Engagement für Menschen, die wegen ihrer freien Meinungsäußerung weltweit verfolgt werden. Drei Theaterstücke hat die Gesellschaft initiiert, davon zwei über Else Lasker-Schüler und eines über die mutige und kritische russische Journalistin Anna Politkowskaja, die für ihr journalistisches Engagement mit ihrem Leben bezahlen musste. Erinnerung wach halten und wachsam sein für das Unrecht, das hier und heute geschieht, so kann man das Wirken der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft umschreiben. Insgesamt 17 Else-LaskerSchüler-Foren im In- und Ausland haben ein Netzwerk von Menschen

geknüpft, die sich für dieses Doppelziel einsetzen. Einige der Überlebenden des Holocaust und der ins Exil Getriebenen waren Teilnehmer an Literatur-Foren in Deutschland, Israel, Polen, Tschechien, der Schweiz und Italien, darunter der streitbare isaraelische Publizist Uri Avnery, die Dichterin Hilde Domin und Jazzmusiker Coco. Zentrum der verfolgten Künste Else Lasker-Schüler konnte sich über literarische Erfolge auf eine sehr erfrischende und auch kindliche Art begeistern. In diesem Sinne hätte sie sich gewiss auch darüber gefreut, dass im Schauspielhaus Zürich - dort wo ihr großes Versöhnungsstück „Arthur Aronymus und seine Väter“ unter den Augen von Thomas Mann über die Bühne ging das Stück „Die Verscheute“ von Gerolt Theobalt mit Hanna Schygulla in der Rolle der Dichterin im Rahmen des XV. ELS-Forums uraufgeführt wurde. In dem Stück wird die Zürcher Passion der Else Lasker-Schüler dargestellt. Eine späte Verbeugung der Stadt und auch der Schweiz vor der Dichterin, der sie einst ein Publikationsverbot erteilt hatte. Die Aktionen, Lesungen, Symposien und vor allem die Foren, die die Else-LaskerSchüler-Gesellschaft in den vergangenen 20 Jahren veranstaltet hat, verfolgten von Beginn an ein Ziel, nämlich die Einrichtung eines Zentrums für verfolgte Künste.

Mit Hilfe der Stiftung „Verbrannte und verbannte Dichter/Künstler“, unterstützt von der Fotografin Ursula SchulzDornburg, Düsseldorf, sowie von der Schriftstellerin und früheren Präsidentin des deutschen P.E.N. Ingrid Bachér ist das Zentrum im Solinger Kunstmuseum mit der Exilliteratur-„Sammlung Jürgen Serke“ und der „Sammlung Gerhard Schneider“ etabliert worden. Neben den realen Ausstellungen gehören zum Zentrum zwei Internetforen: Exil-Archiv (www.exil-archiv.de), in dem weit über 4.000 Lebensgeschichten verfolgter Intellektueller dokumentiert sind, und der Exil-Club (www.exil-club.de), ein pädagogisches Portal, in dem Schülerinnen und Schüler die Lebensgeschichten verfolgter Intellektueller in ihren Heimatstädten recherchieren und dokumentieren. Mit dem Füßen im Schlamm, mit dem Kopf in den Sternen. Früher wurde man mit 21 volljährig. So gesehen könnte man das von der Else-Lasker-SchülerGesellschaft sagen. Aber wie sagte doch die Dichterin? „Mensch= Das sonderbare Wesen: Mit den Füßen im Schlamm, mit dem Kopf in den Sternen.“ So geht es der nach Else Lasker-Schüler benannten Gesellschaft: Die Finanzierung ihrer beispielhaften Internetprojekte ist ungesichert. Andererseits wurde soeben in der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof zu Berlin die große Ausstellung „Else Lasker-Schüler. Die Bilder“ eröffnet. Auf der Rückseite einiger der Bilder befindet sich noch immer der Stempel „Berliner Nationalgalerie“. Dort waren mehr als 100 Lasker-Schüler-Zeichnungen 1937 als „entartet“ entfernt worden. Jetzt ist Else Lasker-Schüler zurückgekehrt an den Ort, von dem sie einst verbannt wurde. Eine späte Wiedergutmachung, nein mehr noch ein Triumph, der auch den Wandel Deutschlands vom Unrechtsregime der Nazis hin zur demokratisch verfassten Bundesrepublik spiegelt. Doch dass es jetzt, 66 Jahre nach dem Tod der Künstlerin, diese Retrospektive gibt – wer wollte bezweifeln, dass dies auf das 20jährige Bohren dicker Bretter zurückzuführen ist? Heiner Bontrup

Eröffnung Büro 2000, Herta Müller, Hajo Jahn und Jürgen Serke.

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Schnitzel Stefan Otto und Dirk Michael Häger überzeugen auch zehn Jahre nach der ersten Aufführung Regie: Hans Werner Otto Choreographie: Bénédicte Billiet Besetzung: Fellner (Stefan Otto) – Bösel (Dirk Michael Häger)

Dirk Michael Häger und Stefan Otto (von links) Fotos: Jochen Viehoff

So vital und pointiert wie im Dezember 2000 zeigen sich Dirk Michael Häger und Stefan Otto auch zehn Jahre später in der Wiederaufnahme von Josef Haders und Alfred Dorfers Tragikomödie „Indien“. Damals unter der in der Wuppertaler Theaterszene anerkannten Firmierung „neue wuTh“ aufgeführt, wurde die bergische Adaption des Stoffes am vergangenen Wochenende mit einem Gastspiel an den Wuppertaler Bühnen im todgeweihten (!) Schauspielhaus an der Elberfelder Kluse zum beachtlichen Erfolg. Die längst von den damaligen Laien zu veritablen Theater-Profis gewachsenen Schauspieler zeigen noch einmal unter der bewährten Regie von Hans Werner Otto das bewegende Drama um die beiden GasthausKontrolleure Uwe Bösel (Dirk Michael Häger) und Jörg Fellner (Stefan Otto). Diese beiden ins Leben geworfenen und vom Leben enttäuschten Männer, die in einer Zwangsgemeinschaft als reisende Tester für den Katalog des TourismusVerbandes zwischen Velbert und Meinerzhagen unterwegs sind, erkennen bei Schnitzel und Kartoffelsalat die Ausweglosikgeit ihrer Existenz – und setzen ihr eine zunächst unmöglich erscheinende Freundschaft entgegen. Der moderate Feingeist Fellner, von der Freundin betrogen und in exotischen Träumen Halt suchend und der desillusionierte, derbe und von der Ehe verbitterte Bösel wird schließlich sogar der Gewinn

der zarten Männerfreundschaft genommen, die zwar äußerlich polternd, aber doch ganz leise in dieser teils recht groben Groteske entsteht. Als sie erkennen, daß sie, so unterschiedlich sie auch sind, gut miteinander auskommen können, erkrankt Fellner an Krebs und stirbt wenig später in Bösels Armen. Stefan Otto und Dirk Michael Häger vermitteln Fellners vordergründig überlegene Heiterkeit und Bösels hinter aller Grobheit dann doch tiefe Rührung bewegend als Selbstschutz und geben dem Mitgefühl für zwei gequälte Seelen Raum. Mit einer Raga und einem Weißbier (hier kommt als Kellner kurz Regisseur Hans Werner Otto ins Bild) beginnt das sehr intime Kammerspiel, mit einer Raga und dem unerbittlichen Moment des Sterbens endet es. Dazwischen keimt in beiden die tragische Erkenntnis allein zu sein. Es liegt keine Hoffnung im Tod. Was in dem legendären Film von den Autoren Josef Hader und Alfred Dorfer verkörpert wird, leben (und sterben) Dirk Michael Häger und Stefan Otto hier auf der Bühne in gleich hoher Qualität. So kann und muß Theater sein – es soll uns mitnehmen. Ein Jammer, daß das (s.o.) quasi als ein Abgesang auf das traditionsreiche Wuppertaler Theater mit einer der letzten Veneigungen vor dem denkmalgeschützten Elberfelder Schauspielhaus in der kargen Atmosphäre von dessen mühsam am Leben erhaltenen Foyer stattfindet. Oder sollte da doch noch Hoffnung sein? Angesichts solcher brillanter Leistungen – ich verweise ausdrücklich auch auf die „Caligula“- Premiere vom vergangenen Donnerstag – sollte sich jeder städtische Verantwortliche für die Wuppertaler Kultur sein Votum für die anstehende „Umnutzung“ dieses wunderschönen Theaterhauses ordentlich überlegen. Wenn eine Stadt abgewirtschaftet hat, sollte das zuletzt die Kultur treffen. Nur die nämlich ist in der Lage, auch in Krisenzeiten den Bürgern Perspektiven zu bieten. Weitere Termine von „Indien”: 18.02.2011, 20:00 Uhr und 19.02.2011, 20:00 Uhr | Zusätzliche Infos unter: www.wuppertaler-buehnen.de Frank Becker

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Jazz unterm Hakenkreuz Ernst-Höllerhagen-Story Die Wiederentdeckung einer Swinglegende

Eines der großen und zu Unrecht vergessenen Ausnahmetalente des deutschen Jazz wurde 1912 in Wuppertal-Barmen geboren. Die Lebensgeschichte des großartigen Klarinettisten und Saxophonisten haben der Wuppertaler Jazzexperte E. Dieter Fränzel & Heiner Bontrup rekonstruiert, Zeitzeugen interviewt, in Archiven geforscht und legen nun das Ergebnis ihrer Arbeit in Form einer Monographie vor, die im Wuppertaler Nordpark-Verlag erscheint: „Wiederentdeckung einer Swinglegende: Die Ernst Höllerhagen Story.“ Das Buch wird am 18. März, 20.00 Uhr im Historischen Zentrum vorgestellt. Dabei wird die Lebensgeschichte des Wuppertaler Jazzmusikers in Form eines Hörstücks präsentiert, das Heiner Bontrup für die Bühne eingerichtet hat. Mit nur 13 Jahren steht Ernst, „Erni“, Höllerhagen schon als Kinomusiker auf der Bühne und improvisiert zu den Gags Charlie Chaplins und anderer Stummfilm-Größen. Mit 20 Jahren wird er zum besten Saxophonisten Deutschlands gekürt. Nach Tingeltangeljahren im In- und Ausland spielt er bei den besten europäischen Tanz- und Swingorchestern von Teddy Stauffer, Melle Weersma und Jack Hilton. Schließlich führt ihn sein Weg in die legendären Amüsiertempel des Swingin’ Ballroom Berlin. Doch mit der Machtergreifung Hitlers wird sich vieles ändern: „Swingtanzen verboten“, heißt es nun

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immer häufiger. Hitlers Chefideologe Alfred Rosenberg geißelt den „undeutschen Charakter“ der Jazz-Musik und wettert gegen die „Mulatten- und Negerkultur“. Doch während die Hitler-Jugend gegen den Charleston mobil macht und der Deutsche Frauen-Orden in seinen Statuten vor „dem negativen Einfluss des Jazz, der Neger und der Juden auf die Sexualmoral“ warnt, tanzt das feine Berlin Swing. Höllerhagen spielt mitten in dieser verrückten Zeit auf zum Tanz auf dem Vulkan. Der jüdische Musiker Benny Goodman, der King of Swing, ist sein musikalisches Vorbild. Die Biographie Höllerhagens ist auch eine Zeitreise in das Berlin der 30er Jahre und zeigt den Wahnsinn, aber auch die inneren Widersprüche der nationalsozialistischen Kulturpolitik, für die Jazz und Swing „entartete Musik“ war, die aber zugleich eine eigene Jazz-Band engagiert hatte: „Charlie and his Orchestra“ spielte hochwertigen und aktuellen Swing. Die Texte der Songs entsprachen nur in der ersten Strophe den Originalen, die folgenden hatten englische Nazi-Texte, die den Gegner demoralisieren sollten. Zugleich spielte die Band bei Partys von hohen Nazi-Funktionären. Mit Kriegsausbruch entschließt sich Höllerhagen für ein Leben im Schweizer Exil: „Lieber sterben, als mit Marschmusik leben“, sagt Höllerhagen, dessen wahre Heimat der Jazz ist. Die Schweiz ist während des II. Weltkriegs Fluchtpunkt für viele Jazzmusiker. Dort trifft Höllerhagen u.a. auf Coleman Hawkins, dem Vater des modernen Jazzsaxophon-Spiels, mit dem er Platten einspielt. In der Schweiz begegnet er auch Hazy Osterwald, mit dem ihn eine langjährige Musikerfreundschaft und eine unglückliche Liebesgeschichte verbinden. Bis zu Höllerhagens tragischem Freitod gehört er Osterwalds Showband an. Bei einem Konzert in Schweden ist Benny Goodman von dem virtuosen Klarinettenspiel Höllerhagens so beeindruckt, dass er ihm anbietet, auf seiner Klarinette zu spielen: ein musikalischer Ritterschlag. Jazz-Journalisten sind begeistert und erklären den Wuppertaler zum “europäischen King of Swing”. Das Berührende an der Lebensgeschichte

dieses Musikers ist, dass er sich und seiner Musik in den entscheidenden Augenblicken seines Lebens treu blieb. In dem Hörstück wird die Lebensgeschichte Höllerhagens aus der Perspektive des Freundes und Wegbegleiters Hazy Osterwald erzählt. Der Kölner Schauspieler Andreas Ramstein (Ensemblemitglied der Wuppertaler Bühnen) schlüpft in die Rolle des Schweizer Bandleaders; eingespielt werden historische Schallplattenaufnahmen mit Höllerhagen. Die Stimmungen des Textes werden in dem Textkonzert von dem Perkussionisten Dietrich Rauschtenberger, der Wuppertaler Akkordeonistin Sabine Prüss sowie dem Kölner Klarinettisten und Saxophonisten Axel Petry improvisierend aufgegriffen. Text und Musik lassen sich auf einen Dialog ein, der beiden Raum zu freier Entfaltung lässt, aber auch Verschmelzung ermöglicht. Im Anschluss an das Textkonzert findet ein Werkstattgespräch mit den Autoren statt. Hörstück & Buchvorstellung Freitag, 18. März, 20.00 Uhr Historisches Zentrum, Wuppertal Eine Veranstaltung der JazzAge Wuppertal in Kooperation mit dem Historischen Zentrum, dem Nordpark-Verlag Wuppertal, Stadtsparkasse Wuppertal und der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft. Heiner Bontrup


Buchvorstellungen Türme, Treppen, Bügeleisen Vor 400 Jahren gegründet und mit den Stadtrechten versehen, war das historisch und sprachgeschichtlich noch zum Rheinland gezählte Elberfeld bis zur preußischen Gemeindereform eine stolze, blühende und vor allem selbständige Kaufmannsstadt. 1929 mit den ebenfalls freien Städten Barmen, Vohwinkel, Cronenberg und Ronsdorf zum Kunstgebilde „Wuppertal“ zusammengelegt, mußte Elberfeld wie auch die anderen seine Unabhängigkeit aufgeben. Es ist – offen gesagt – nie ein wirkliches Wuppertaler Bewußtsein entstanden, denn jeder bleibt in dieser Stadt in seinem Dorf, wenn auch die berühmte Schwe-

bebahn bereits seit 1900 die entlang der Wupper aufgereihten Stadtteile verband. Bezeichnend ist eine besonders von den Elberfeldern gerne kolportierte Anekdote, die Kaiser Wilhelm II. zitiert, als er 1900 mit seiner Gattin zur Einweihung mit dem genialen Verkehrsmittel von Barmen nach Elberfeld fuhr: „Hermine, setz den Hut auf, wir kommen in die Stadt“, soll er gesagt haben. Im „Niemandsland“ zwischen Elberfeld und Barmen, dem Ortsteil Unterbarmen, verläuft eine wenn auch unsichtbare, so doch bis heute spürbare Grenze. Man kultiviert seine Vorbehalte. Etwas abfällig heißt es aus Elberfelder Sicht bis auf den Tag: „In Barmen, da wohnen die

Armen“. Die Barmer halten dagegen: „... und die in Elberfeld, die haben auch kein Geld“. Was ja angesichts der desolaten Lage der aktuellen Stadtfinanzen durchaus seine Berechtigung hat. Als Elberfeld – und daran sieht man die eisern bewahrte Anhänglichkeit zur eigenen Lokalgeschichte – jüngst seinen 400. Geburtstag feierte, wurde das ausgiebig mit allerlei Festivitäten getan. Da so viele Menschen an den Straßenfesten u.a.m. teilgenommen haben, darf ich vermuten, dass sich auch ein paar Barmer unter die Feiernden gemischt haben. Die Jüngeren sehen das sicher nicht mehr so eng. Und es gab natürlich einiges an Literatur zum Thema. Ein kleiner, nichtsdestoweniger hübscher Fotobildband des bekannten Wuppertaler, Pressefotografen Jörg Lange, zu dem der Journalist Klaus Göntzsche einige Texte beigetragen hat, ist durchaus auch nach dem Jubeljahr 2010 der Erwähnung wert. Auf 60 Seiten versammelt der Band die schönsten Ansichten Elberfelds, das trotz der verheerenden Bombardierung im 2. Weltkrieg noch über viele historische Baudenkmäler verfügt. Im Kontrast mit moderner Bau- und Skulpturenkunst, der bis in die Stadt hinein reichenden Natur und der sie umgebenden und durchziehenden Naherholungsgebiete zeigt sich in „Elberfeld – Ein schönes Stück Wuppertal“ der Charme dieser eigenwilligen, auf ihre ganz besondere Art liebenswerten Stadt. Jörg Lange hat ihn in schönen Perspektiven und ausgesuchten Details u.a. der Türme, der Laurentius- und der Friedhofskirche, berühmter Treppen und Bügeleisenhäuser, des von der Sparpolitik bedrohten Schauspielhauses, der Universität und des Von der Heydt-Museums festgehalten. Die Texte Klaus Göntzsches ergänzen die Impressionen mit knappen, treffenden Informationen. Ein Buch für Elberfelder – und als Geschenk für deren Freunde. Frank Becker Elberfeld – Ein schönes Stück Wuppertal © 2010 Stadt-Bild-Verlag Leipzig / Buchhandlung Mackensen, 60 Seiten Fotos Jörg Lange, Text Klaus Göntzsche, 16,90 Euro, ISBN 978-3-937126-80-7

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Wilke schlägt zu Manchmal muss man sich nur an die eigene Nase fassen. Für die Ausgabe 2011 plant die Redaktion des „Jahrbuchs für historische Kommunismusforschung“, das im Aufbau-Verlag (Berlin) erscheint, als Schwerpunktthema den Antikommunismus. In diesem Jahr war es die Geschichte der kommunistischen Bewegung in Westeuropa nach 1945. Dort nimmt sich der einschlägig bekannte Manfred Wilke die – sicherheitshalber in Anführungsstriche gesetzten – „bürgerlichen Bündnispartner“ der SED respektive DKP vor, und eine Lena Darabeygi hat keine Probleme damit, die Position bundesdeutscher Kommunisten schlicht und einfach als „BRD-feindlich“ zu denunzieren, die friedliche Koexistenz als böse Erfindung der Sowjetunion darzustellen und – letztes Beispiel – der „Bild“-Zeitung zu attestieren, sie habe sich Anfang der 1960er Jahre in der Pflicht gesehen, „die Ideale der Bundesrepublik zu verteidigen“. Vestigia terrent. Gleichwohl ist das 1993 von Hermann Weber begründete Jahrbuch eine unverzichtbare Quelle, in der Aufsätze namhafter Wissenschaftler, umfangreiche kommentierte Dokumentationen (in der aktuellen Ausgabe etwa über die Weisungen der Komintern zum MolotowRibbentrop-Pakt an die Mitgliedsparteien), Forschungs- und Archivberichte und Sammelrezensionen stehen. Ein Schmuckstück ist zweifellos der regelmäßig fortgeschriebene, hauptsächlich englischsprachige 50-seitige „Newsletter of Communist Studies“, in dem Neues aus Archiven, Forschungsprojekte und Dissertationen, Bibliographien, Vor- und Nachberichte von Konferenzen sowie, sehr umfangreich, Internetseiten vorgestellt werden. Zum Letztgenannten zählen eine Auflistung von 219 periodisch erscheinenden Medien zur Geschichte kommunistischer Parteien einschließlich deren Websites. Marcel Bois und Florian Wilde konstatieren einen „kleinen Boom: Entwicklungen und Tendenzen der KPDForschung seit 1989/90“. Am Anfang der „Veröffentlichungswelle“ habe eine Forschungskontroverse zwischen Hermann Weber, der 1945 kurzzeitig zur „Gruppe

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Ulbricht“ gehörte und heute einer der Überväter der KPD-Historiographie ist, und Klaus-Michael Mallmann gestanden. In der Sache geht es darum, ob die KPD in den Jahren ab 1924 einen Prozess der Bolschewisierung durchlief (Weber) oder ob der „Kommunismus nie ein demokratisches Projekt“ war (Mallmann). Als exemplarisch für die in der Weberschen Traditionslinie liegenden Veröffentlichungen nennen die Autoren die 2003 in Münster erschienene Arbeit „1923. Die gescheiterte Deutsche Oktoberrevolution“, bei der es um eine geringfügig aktualisierte und mitnichten „völlig überarbeitete“ Neufassung einer Dissertation aus den 1950er Jahren handelt, deren Veröffentlichung seinerzeit an Wolfgang Abendroth scheiterte. Das Vorwort zur neuen Publikation hat – Manfred Wilke beigesteuert. Ohne Zweifel erlebt die KPD- und, mehr noch, Komintern-Forschung einen neuen Aufschwung, nachdem die Moskauer Komintern-Archive erstmalig geöffnet worden sind, auch wenn der Zugang momentan wieder deutlich erschwert ist. In einer Sammelrezension von nicht weniger als neun zwischen 2006 und heute erschienenen Monographien stößt sich Hermann Weber an einer von ihm ausgemachten Unterschätzung der „SchlageterRede“ in einer vor drei Jahren publizierten Dissertation über die Beziehungen von KPD und KPF in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Karl Radek hatte damals den Nationalisten Avancen gemacht, die vorübergehend missverständliche Verbrüderungen von Rechts und Links zur Folge hatten. – Erwähnenswert ist schließlich der Artikel von Ulrike Breitsprecher über die „Bedeutung des Judentums und des Holocaust in der Identitätskonstruktion dreier jüdischer Kommunisten in der frühen DDR – Alexander Abusch, Helmut Eschwege und Leo Zuckermann“. Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2010, 38 Euro, Berlin: Aufbau-Verlag Matthias Dohmen


Lurchi – Das lustige ­Salamanderbuch »Lange schallt´s im Walde noch: „Salamander lebe hoch!“« Für die meisten von uns steht seit Jahrzehnten exemplarisch für das, was man beim Einkauf „so mitnimmt“ ein Heftchen, das – denn damit beginnt es – seit Generationen und bis vor kurzer Zeit Kindern den lästigen Gang ins Schuhgeschäft versüßte, und deshalb wollen wir Ihnen davon erzählen: „Lurchis Abenteuer“ heißt, besser: hieß das Blatt mit den Erlebnissen eines Salamanders und seiner Freunde aus Wald und Flur. Welches Kind hätte nicht den Schuhkauf geduldig ertragen, um zur Be­lohnung am Ende das Lurchi-Heft zu bekommen – gratis, versteht sich. Weit über 140 Folgen wurden in den Filial­geschäften der Schuhandelskette „Salamander“ bereitgehalten – in wunderschöner Schreibschrift und zahlreichen Vignetten, mit bunten Bildern und in einfache Reime gefaßt, stets mit einer Moral versehen und dem Hinweis auf den Nutzen guten Schuhwerks (Text: Günther Bentele/Erwin Kühlewein, Zeichnungen: Dietwald Doblies/Heinz Schubel): „Salaman­der lebe hoch!“   Die Figuren der Geschichten neben dem Helden, dem Feuersalamander Lurchi – sind der Frosch Hopps, Mäusepiep, Igel und Unkerich, da fällt die Zuordnung leicht und schließlich der Zwerg  Piping– wurden so beliebt, daß sie sogar als Spielzeug hergestellt wurden und mittlerweile bei Salamander sechs Bücher mit insgesamt 114 zusammengefaßten Abenteuern gegen einen geringen Preis angeboten werden. Die Lurchi­-Hefte werden derzeit leider nicht mehr aufgelegt. Doch die Bücher sind – wenn nicht noch eventuell in den Salamander-Filialen, so aber in jetzt fünf Bänden zuverlässig beim Esslinger Verlag zu bekommen, der die früheren Salamander-Sammelbände inhaltsgleich und im Schriftbild identisch, doch in etwas größerem Format, folglich größeren Illustrationen und größerer Schrift und auf besserem Papier mit Fadenheftung wiederveröffentlicht   Im Jahr 1937 hatte die Erfolgsgeschichte begonnen. Im ersten Heft waren auf 12 Seiten die spannenden Abenteuer des

Feuersalamanders und seiner Gefährten zu lesen. Später wurde die Seitenzahl auf 8 reduziert, was den Abenteuer-Geschichten, welche die beliebten Figuren in aller Welt erlebten, nicht schadete. Eine Werbefigur wurde nicht zum ersten und einzigen Mal zum Kulturgut. Salamanders Lurchi wurde so beliebt wie z.B. Mecki, der Redaktionsigel der „HÖR ZU!“. Wer heute ein paar Jährchen älter ist und irgendwo den Lurchi-Heften begegnet, wird sich wehmütig an die Kindheit erinnern. Durch die drei wieder aufgelegten Sammelbände mit den ersten 57 Geschichten kann man diese Erinnerung greifbar und dauerhaft machen. Für Sammler ohnehin eine Pflicht! Die Reihe wird fortgesetzt.

Lurchis Abenteuer in fünf Bänden (Reprint-Ausgabe) © 2009/10 Esslinger Verlag / Salamander GmbH, geb., Fadenheftung, durchgehend farbig illustriert, je 12,90 Euro Weitere Informationen unter: www.esslinger-verlag.de Frank Becker Umschlagfotos Esslinger Verlag,

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Kulturnotizen Ulrike Schloemer † Schauspielerin, Regisseurin geboren am 26.02.1944 in ­Beelitz (Brandenburg) – gestorben am 16.01.2011 in Wuppertal

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Die Schauspielerin und Regisseurin wuchs in Berlin auf und absolvierte dort das Abitur und die Schauspielschule. Es folgten bald Engagements an bedeutende Bühnen, u.a. die Schaubühne Berlin, das Hamburger Schauspielhaus, das Schau­spielhaus Bochum (wo sie zehn Jahre blieb), die Wuppertaler Bühnen, das Staatstheater Darmstadt und das Deutsche Theater Berlin. In NordrheinWestfalen spielte sie mit großem Erfolg auch an den Theatern Bonn, Oberhausen und Dortmund. Zu den Regisseuren, mit denen Ulrike Schloemer zusammenarbeitete, gehören Peter Stein, Klaus Michael Grüber, Matthias Gehrt, Frank-Patrick Steckel, Uwe Hergenröder und Andrea Breth. Von der Kritik wurde Ulrike Schloemer für ihre Rolle der Aase in Ibsens „Peer Gynt“ zur „Besten Schauspielerin NRW“ gewählt. In den letzten Jahren arbeitete sie freischaffend. Sie war bundes­ weit erfolgreich mit eigenen Soloabenden  – ihr szenisches Else-Lasker-SchülerProgramm „Was soll ich hier“  (UA 1991 am Schauspiel Bochum) wurde als von der Presse „Theaterereignis” gefeiert. In weiteren  Soloprogrammen setzte sie sich etwa für die Lyrik der Exildichterin und Nobelpreisträgerin Nelly Sachs ein – Titel „Gespräch mit dem Wind” – oder schuf ein Bühnenprogramm mit Briefen Rosa Luxemburgs unter dem Titel – „Mein Zwi Zwi – oder der Ruf der Kohlmei-

se“. Das  Internationale Albert Camus Festival 2010 im Wuppertaler Schauspielhaus eröffnete sie mit dem eigenen Camus-Abend  „Pensée du Midi – Vom Geist des Mittelmeeres”.  Eigene Regiearbeiten in Köln und Wuppertal – u.a. Else Lasker-Schülers Drama „Arthur Aronymus und seine Väter“ und die Kinderoper „Brundibár”. Arbeiten für Film und TV. Ulrike Schloemer stellte – bei größter persönlicher Bescheidenheit – ihre Kunst beharrlich immer  wieder in den Dienst von Flüchtlings- und Menschenrechtsarbeit. Die Wiederentdeckung auch weniger bekannter Exilschriftsteller wie Armin T. Wegner und Lola Landau ist von ihr maßgeblich vorangebracht worden. Ulrike Schloemer war Mitbegründerin und Mitglied der internationalen Armin T. Wegner Gesellschaft (Los Angeles / Wuppertal). Kunstmuseum Bonn präsentiert Dix, George Grosz und die Neue Sachlichkeit  Bonn - Unter dem Titel „Gefühl ist Privatsache“ zeigt das Kunstmuseum Bonn ab dem 16. Februar bis zum 15. Mai Werke von Otto Dix, George Grosz, Christian Schad und anderen Kunst-Vertretern der Neuen Sachlichkeit. Zu sehen sind rund 130 Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafiken aus dem Bestand des Berliner Kupferstichkabinetts sowie als Leihgaben 35 Gemälde. Auf die Erfahrung des Ersten Weltkriegs und auf die Krise der Gesellschaft antworteten die Künstler der Neuen Sach­lichkeit nicht mehr mit der expressionistischen Utopie des Neuen Menschen, einer Ekstase des Subjekts und seiner Emotionen. Vielmehr richteten sie einen abgekühlten, detailgenauen Blick auf die

Christian Schad Halbakt 1929 det.


Wirklichkeit zwischen sozialer Misere und der Banalität des Alltags. Nüchtern, unsentimental und scharf erfaßten sie Figuren und Dinge von ihrer Kontur her, um ihnen wieder Halt und Festigkeit zu geben und eine unüberschaubar gewordene Welt ins Überschaubare zu ­stabilisieren. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr sowie mittwochs von 11 bis 21 Uhr geöffnet. Internet: www.kunstmuseum-bonn.de Langen Foundation zeigt ­Japanische Naturdarstellungen  Neuss - Die Ausstellung „Japanische Naturdarstellungen“ in der Langen Foundation Neuss zeigt ab dem 14. Februar bis zum 8. Mai Exponate aus der Sammlung Viktor und Marianne Lange. Zu sehen sind Werke aus der Zen-Tradition der monochromen Tuschmalerei - in Japan auch „suiboku-ga“ genannt. Maxime des Zen-Buddhismus war, mit minimalem Mitteleinsatz eine maximale Wirkung zu erzielen. Im frühen 15. Jahrhundert entwickelte sich die monochrome Tuschmalerei zur mehrfarbigen und

ebenfalls die Nanga-Schule während der Edo-Zeit (1615-1868). Die Langen Foundation ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Internet: www.langenfoundation.de   Bielefelder Kunstverein zeigt Arbeiten von Thomas Julier Bielefeld - Der Bielefelder Kunstverein zeigt ab dem 12. Februar die erste institutionelle Einzelausstellung mit aktuellen Arbeiten des Künstlers Thomas Julier. Die bis zum 11. Mai laufende Schau präsentiere unter anderem raumbezogene Neuproduktionen, hieß es. Der 1983 geborene Julier, der in Zürich lebt, arbeitet

Künstlerhaus Dortmund zeigt „Die ornamentale Geste“ Dortmund - Das Künstlerhaus Dortmund präsentiert ab dem 18. Februar die Ausstellung „Die ornamentale Geste.“ Die bis zum 27. März laufende Schau zeigt architekturbezogene und konzeptionelle Arbeiten, Rauminstallationen und digitale Medien, Malerei und Zeichnungen von insgesamt 10 internationalen Künstlern, hieß es in einer Ankündigung. Im Zentrum des Interesses steht weder das Ornament als schmückendes Beiwerk noch als vordergründig erkennbares System von Wiederholungen, betonten die Kuratorinnen Anett Frontzek, Maria

Nicole Andrijivic: paradise Schleiner und An Seebach. Die Ausstellung ist donnerstags bis ­sonntags von 16 bis 19 Uhr geöffnet. Internet: www.kh-do.de

figurativeren Malerei weiter. Die Kunst der Landschafts­malerei war geboren. Ab dieser Zeit wurden Künstler beauftragt, den perfekten Zustand und die perfekte Umgebung - fernab von den weltlichen Pflichten und geschäftigen Städten gelegen - in Bildern festzuhalten. Motive waren meist ruhige, friedvolle und paradiesische Umgebungen. Der chinesischen Überzeugung folgend, daß der Mensch nur einen unendlich kleinen Platz im weiten Kosmos einnimmt, gaben sie menschlichen Figuren in ihren Landschaften nur eine untergeordnete Rolle, oder sie wurden von der Darstellung ganz ausgeschlossen. Aufgegriffen wurde diese Malerei von der Muromachi-Periode (1333-1573) mit ihren führenden Tuschmalern Josetsu (tätig um 1415), Shûbun (1414-1463) und Sesshû (1420-1506) und dominierte

vor allem mit den Medien Fotografie, Video und Skulptur. Die Möglichkeiten der Digitalfotografie, Bild- und Grafikprogramme sowie computergestützter Produktion bestimmen seine Bilder, Objekte und Rauminstallationen. In seinen Arbeiten finden sich kunsthistorische und popkulturelle Motive ebenso wieder wie die Stadt- und Werbearchitektur des öffentlichen Raumes. Seine eigenen Fotografien entziehen sich den Konventionen herkömmlicher realistischer Dokumentarfotografie. Stattdessen beschäftigen sie sich mit visuellen Effekten architektonischer Oberflächen und Strukturen. Die Ausstellung ist donnerstags und freitags von 15 bis 19 Uhr, samstags und sonntags von 12 bis 19 Uhr sowie montags bis mittwochs nach telefonischer Vereinbarung geöffnet.

Große Kunstausstellung NRW startet am 13. Februar Düsseldorf - Die diesjährige „Große Kunstausstellung NRW“ findet vom 13. Februar bis zum 6. März im Museum Kunstpalast statt. Wie der Verein zur Förderung von Kunstausstellungen in Düsseldorf mitteilte, wird die Schau zeigen, was in den Düsseldorfer aber auch in auswärtigen Ateliers in jüngerer Zeit an Kunst entstanden ist. Eröffnet wird die traditionsreiche Schau, die früher unter dem Titel „Winterausstellung“ stattfand, am 12. Februar um 18.00 Uhr im Robert-Schumann-Saal am Ehrenhof in der NRW-Landeshauptstadt. Den Kunstpreis der Künstler erhält in diesem Jahr Horst Egon Kalinowski. Der Förderpreis 2011 geht an den Bildhauer Clemens Botho Goldbach, hieß es im Vorfeld der Ausstellung. Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags

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von 11 bis 18 Uhr und donnerstags von 11 bis 21 Uhr geöffnet. Internet: www.diegrosse.de   Antiker Bernstein-Schmuck im Römisch-Germanischen Museum Köln - Unter dem Titel „Zauber in Bernstein“ präsentiert das RömischGermanische Museum in Köln vom 29. Januar bis zum 25. April BernsteinSchmuck aus der antiken Basilicata in Süditalien. Aus Bernstein schufen Schmuckkünstler bereits im 8. Jahrhundert vor Christus vielgliedrige Colliers, prächtige Diademe, kostbare Gürtel und zauberhaft geschnitzte Amulette, hieß es in einer Ankündigung. Die feinen Kunstwerke aus der Basilicata, einer noch wenig bekannten Region Italiens, vermitteln einen Eindruck vom Reichtum dieser Landschaft in der Antike. In Köln stehen die Kunstwerke aus Gräbern italischer Frauen aus vor- und frühgeschichtlicher Zeit im Dialog mit römischen Bernsteinschnitzereien aus der Colonia Claudia Ara Agrippinensium, der römischen Kolonie im Rheinland, hieß es weiter. Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Internet: www.museenkoeln.de   Ausstellung über Keramikdekore um 1930 Zons - Unter dem Titel „Mit Pistole und Schablone“ präsentiert das Kreismuseum Zons seit dem 30. Januar Keramikdekore aus der Zeit um 1930. Die gezeigten Exponate stammen aus der Sammlung Wieneke-Zuschlag und sind bis zum 25. April zu sehen. Etwa ab 1925 kamen Tortenplatten, Kannen, Vasen oder Dosen mit extravaganten Dekoren, kühnen Farbkombinationen und eigen-

willigen Formen aus den Werkstätten und veränderten das herkömmliche Aussehen von Keramik und Porzellan, hieß es in der Vorankündigung der Schau. Auffallend war die Reduzierung auf die geometrischen Grundformen Rechtund Dreieck, Quadrat oder Kreis, die monochrom oder farblich verschieden schattiert übereinander lagen oder durch ihre Kombination neue Formen ergaben. Die Ausstellung ist dienstags bis freitags von 14 bis 18 Uhr sowie samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Internet: www.kreismuseumzons.de Lehmbruck-Museum in Duisburg präsentiert Max Klinger Duisburg -  Unter dem Titel „Von der herben Zartheit schöner Formen“ zeigt das Duisburger Lehmbruck-Museum bis zum 24. April eine Retrospektive zum Werk des 1920 verstorbenen ­Künstlers Max Klinger. Die Schau zeigt den Maler, Graphiker und Bildhauer als einen der einflußreichsten Künstler seiner Zeit, der zunächst durch seine symbolistischen und gesellschaftskritischen Radierzyklen berühmt wurde.  Klingers Einfluß ist auch in Werken anderer Künstler - etwa Käthe Kollwitz, Alfred Kubin, Max Beckmann und Wilhelm Lehmbruck - spürbar. Die in dieser Ausstellung erstmals realisierte

Max Klinger: Kauernde

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Max Klinger: Meeresnymphe Gegenüberstellung Klingers und Lehmbrucks mit ausgewählten Werken aus dem Bestand des Museums macht das deutlich. Die Schau zeigt unter anderem auch Klingers polychrom gestaltete Bildwerke wie „Die Neue Salome“ (1893), „Kassandra“ (1894) und „Beethoven“ (1902). Die gezeigten insgesamt 181 Exponate stammen aus der Sammlung Siegfried Unterberger aus Meran/Leipzig, aus Museen in Thüringen und Sachsen sowie aus dem Bestand des Lehmbruck-Museums. Das Museum ist mittwochs bis samstags von 12 bis 19 Uhr, donnerstags von 12 bis 21 Uhr sowie sonntags von 11 bis 19 Uhr geöffnet. Montags und dienstags ist das Haus nur für angemeldete Gruppen geöffnet. Internet: www.lehmbruckmuseum.de Rundgang durch Düsseldorfer Kunstakademie startet am 9.2. Düsseldorf - Der von Kunstfreunden hoch geschätzte Rundgang durch die Düsseldorfer Kunstakademie findet in diesem Jahr vom 9. bis zum 13. Februar statt. Bei der Schau präsentieren die Studenten der auch international renommierten Akademie eine Auswahl ihrer neuesten Arbeiten aus den Bereichen Malerei, Fotografie, Bildhauerei, Bühnenbild, Freie Kunst, Architektur und Film/


Video. Der Rundgang zählt bei Kunstfreunden im Allgemeinen, aber auch bei Sammlern, Galeristen und Museumsleuten zu den beliebtesten Terminen. In den vergangenen Jahren wurden jeweils rund 30.000 Besucher gezählt. Werktags ist der Rundgang von 9 bis 20 Uhr und samstags/sonntags von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Stadtmuseum Münster präsentiert den Fotografen Andreas Feininger Die Ausstellung mit dem Titel „That‘s Photography“ startete am 1. Februar Münster - Unter dem Titel „That‘s Photography“ zeigt das Stadtmuseum Münster bis zum 3. April eine Ausstellung mit Bildern des Fotografen Andreas

Feininger. Klarheit, Einfachheit und Organisation seien für den Meisterfotografen die Grundprinzipien seiner Arbeit gewesen, so die Kuratoren. Wie kaum ein anderer habe es Feininger verstanden, Bildinhalte mit strengen formalen Kriterien, wie Perspektive und Komposition, zu verknüpfen. Nach einem Studium der Architektur und einem Aufenthalt in Frankreich ging er 1933 nach Stockholm,

wo er sich als Architekturfotograf einen Namen machte. Seine Ansichten der Metropole New York, die kurz nach seiner Ankunft 1939 entstanden, zählen heute zu den Klassikern der Fotografiegeschichte. Vor allem Stadtansichten und Naturmotive hatten es Andreas Feininger angetan. Die Architektur seiner Wahlheimat New York hat ihn über die Jahrzehnte hinweg fasziniert. Immer wieder hielt er die Skyline von Manhattan, die Straßenschluchten, die Wolkenkratzer, die Brücken und Hochbahnen in atmosphärisch dichten Bildern fest. Der Fotograf starb 1999, im Alter von 92 Jahren in New York. Die Ausstellung ist montags bis freitags von 10 bs 18 Uhr sowie samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Internet: www.muenster.de/stadt/museum Ausstellung zeitgenössischer chinesischer Kunst in der Stiftung Mercator Essen - Unter dem Titel „Das Ich im Anderen“ zeigt die Stiftung Mercator in Essen ab dem 14. Januar eine Ausstellung mit Werken zeitgenössischer chinesischer Kunst. Als künstlerische Mittel wurden sowohl Malerei, Fotografie, Kalligraphie und Skulptur als auch Video, Schrift und Bücher gewählt. Gezeigt werden bis zum 30. Juni Arbeiten der jüngsten Generation chinesischer Künstler, die meist in den 1980er Jahre geboren wurden und so von der Kulturrevolution und dem 1989er Massaker am Tiananmen weitestgehend unbelastet sind. Die Generation wuchs im entstehenden Globalismus und mit dem Internet auf, sie verfügt anders als chinesische Künstler vor ihnen über kunstgeschichtliche wie gesellschaftspolitische Informationen weltweit und fusioniert so das „Ich im Anderen“ zu einer eigenen, neuen Sprache die ebenso universell wie chinesisch ist. Die Ausstellung ist werktags in der Zeit von 10 bis 17 Uhr in der Huyssenallee 46 in Essen kostenlos geöffnet. Bei Gruppenbesuchen ab vier Personen wird um vorherige Anmeldung unter 0201–2452220 gebeten. Fotoausstellung über die Jahrzehnte des Jetset Die Schau mit dem Titel „Zeitgeist und

Bert Stern: Twiggy, VOGUE, 1967 Glamour“ startete am 5. Februar in Düsseldorf Düsseldorf - „Zeitgeist und Glamour“ lautet der Titel einer Fotoausstellung im NRW-Forum Kultur und Wirtschaft, die sich mit den Jahrzehnten des Jetsets beschäftigt. Bis zum 15. Mai zeigt die Schau rund 400 Aufnahmen mit dem Fokus auf die 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung mit bislang noch nie öffentlich ausgestellten Aufnahmen bietet ein Kaleidoskop von Lebensformen der 60er und 70er Jahre, das sich auf die „Szenen“ der Metropolen der westlichen Welt konzentriert und führt in die Zentren des Jetset, an die Côte d’Azur und nach St. Moritz, nach Paris, London, Rom, New York. Heute kennt man viele der Protagonisten – so sieht man Gunther Sachs, Brigitte Bardot, Andy Warhol, aber auch Truman Capote oder den jungen Karl Lagerfeld. Heute kennt man auch die inzwischen großen Fotografen, die damals ihren Ruf begründeten, wie etwa Richard Avedon, David Bailey, William Klein, Jeanloup Sieff oder Robert Mapplethorpe. Zusammengetragen

Motiv für die Taft Haarspray Werbung in den 1960er Jahren © F.C. Gundlach

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wurden die Aufnahmen in der Schweizer Nicola Erni Collection. Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 11 bis 20 Uhr sowie freitags von 11 bis 24 Uhr geöffnet. Internet: www.nrw-forum.de Kunstsammlung NRW zeigt den Fotokünstler Thomas Struth Düsseldorf - Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen beginnt das neue Jahr mit zwei neuen Akzenten. Zum einen zeigt sie eine große Werkschau des Fotokünstlers Thomas Struth im K20 am Grabbeplatz am Rande der Düsseldorfer Altstadt. Er zählt nach Angaben der Kunstsammlung heute zu den be­ deutendsten Vertretern der deutschen Foto-Szene. Vom 26. Februar bis zum 19. Juni  zeigt die Ausstellung unter dem Titel „Thomas Struth - Fotografien 19782010“ rund 100 Arbeiten und gibt damit erstmals in Europa einen repräsentativen Überblick über das Gesamtschaffen des Künstlers. Zum anderen wird im 50. Gründungsjahr der Kunstsammlung NRW der Kunstbesitz des Landes umfangreicher als je zuvor zu sehen sein. 1961 erwarb das Land insgesamt 88 Werke Paul Klees, die das Fundament der Museumssammlung bilden. In unmittelbarer Nachbarschaft zu den surrealistischen Werken von Max Ernst, Salvador Dalí, Yves Tanguy und René Magritte wird Rosemarie Trockel ab Anfang Februar 2011 einen Raum mit ihren neuen Arbeiten einrichten. Internet: www.kunstsammlung.de Ausstellung über „die Haut, in der wir leben“ Hilden - „Materia Magica - die Haut, in der wir leben“ lautet der Titel einer Ausstellung im Wilhelm-Fabry-Museum Hilden, die am 20. Januar eröffnet wurde. Die Düsseldorfer Künstlerin Isabel Kneisner hat sich malerisch und bildhauerisch des größten menschlichen Organs, der Haut, angenommen. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen die Eigenschaften der aus verschiedenen Schichten bestehenden Haut. Ihre Schutzfunktion ebenso wie ihre Verletzbarkeit und Transparenz. In pastellfarbenen Tönen, in zarten und filigranen Figuren bringt die Künstlerin dem Betrachter das schmerzvolle, oft auch

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drastische Thema der verletzten Haut näher. Aufgesprungen, gekratzt, geritzt und gespachtelt und umhüllt mit Farbe oder Wachs wird eine immer neue Objektwirkung erzeugt, so die Aussteller der bis zum 17. April laufenden Schau. Die Ausstellung ist dienstags, mittwochs und freitags von 15-17 Uhr, donnerstags von 15-20 Uhr, samstags von 14-17 Uhr und sonntags von 11-18 Uhr geöffnet. Internet: www.wilhelm-fabry-museum.de Drei Ausstellungen zur Kunst von Heinz Mack in NRW-Museen Mönchengladbach/Düsseldorf/Bonn Anläßlich des 80. Geburtstags des Malers, Bildhauers und Mitbegründers der Gruppe ZERO, Heinz Mack am 8. März gibt es in drei nordrhein-westfälischen Museen Ausstellungen zum Werk des Künstlers. So präsentiert das Museum Abteiberg in Mönchengladbach vom 3. April bis 25. September frühe und teilweise unbekannte kinetische Skulpturen von Mack. In der Gartenebene des Museums werden Arbeiten mit Röhrenlampen, Tischtennisbällen, Spiegelstreifen und Laserpointern einen Eindruck von erstaunlich vielfältigen künstlerischen Werken und Experimenten geben. In der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland startet am 18. März eine große Retrospektive zum Werk des in Mönchengladbach lebenden Künstlers. Schließlich widmet sich das Museum Kunstpalast in Düsseldorf ab dem 25. März dem Zeichner Mack. Bekannt geworden ist der Künstler durch seine experimentellen Lichtreliefs sowie seine Licht-Installationen in der Wüste, die zu den frühesten Beispielen der Land-Art zählen. Er ist mehrfacher documentaTeilnehmer und vertrat 1970 Deutschland auf der Biennale in Venedig.

KlangArt im Skulpturenpark Waldfrieden 2011 Natur und Kunst: Klang-Improvisation, Jazz und Weltmusik. Die Konzertreihe KlangArt in Tony Craggs Skulpturenpark geht 2011 ins dritte Jahr. Von Ende März bis Mitte August bieten diesmal 9 Konzerte in internationaler Besetzung ein Spektrum von zeitgenössischem Jazz, Improvisierter Musik und Weltmusik. Der Skulpturenpark hat sich inzwischen auch als Konzertort etabliert und erfreut sich bei Kunst- und Musikfreunden großer Beliebtheit. Umgeben von einer reizvollen Landschaft, in der die ausgestellte Kunst überraschende Ansichten und Perspektiven schafft, strahlt der naturverbundene Ort eine zauberhafte Atmosphäre aus, die auch von Musikern geschätzt und als anregend empfunden wird. Die ersten drei Konzerte im Frühjahr finden im gläsernen Ausstellungspavillon statt, der aufgrund der speziellen akustischen Bedingungen als Klangraum für die Musiker immer wieder eine Herausforderung darstellt: Den Beginn macht dort am 27. März der amerikanische Saxofonist Rob Brown, der wie sein Partner Daniel Levin am Cello zur New Yorker Jazz-Avantgarde gehört. Die faszinierende Stimme der aus Istanbul stammenden Sängerin Saadet Türköz ist am 10. April zu hören, begleitet wird sie von dem Schweizer Cellisten Martin Schütz. Dazu kommt als spezieller Gast der bekannte Posaunist Conny Bauer. Irène Schweizer

Redaktion und Zusammenstellung: Frank Becker, Andreas Rehnolt

Saadet Türköz, Foto: Paul Jaquat


Rob Brown, Foto: Dennis Scharlau gilt als profilierte Pianistin des europäischen Jazz, mit dem ebenfalls aus der Schweiz stammenden Perkussionisten Pierre Favre gibt sie ein Duo-Konzert am 8. Mai. Die Konzerte im Sommer sind als Freiluftveranstaltungen auf einer Bühne im Park an der Villa Waldfrieden konzipiert: Den Auftakt bildet dort am 18. Juni der kubanische Pianist Omar Sosa, der mit seiner Gruppe „Afreecanos“ afrocubanische Rhythmen, Jazz und Hip Hop miteinander verbindet. Aufsehen erregte das in der klassischen StreichquartettBesetzung auftretende radio.string.quartet. vienna mit seinen Jazz-Interpretationen. Selbst John McLaughlin war begeistert von ihrer Version des Mahavishnu

Omar Sosa Orchestras, die das Quartett am 19. Juni zelebrieren wird. Nils Wogram hat sich als einer der versiertesten Posaunisten und als Komponist einen Namen gemacht. Mit seinem originellen Septett mit sechs Bläsern und Schlagzeug gastiert er am 2. Juli im Skulpturenpark. In der Band von Miles Davis wurde sie international bekannt, als Partnerin von Jan Garbarek setzt sie rhythmische Akzente: die Schlagzeugerin Marilyn Mazur. Am 3. Juli stellt sie ihre Gruppe „Celestial Circle“ vor, zu der die schwedische Sängerin Josefine Cronholm und der englische Pianist John Taylor gehören. Das Portico Quartet aus London zählt zur Generation von jungen innovativen Musikern, die sich zwischen Indie-Pop, Jazz und Minimal-Music be-

wegen. Auf vielen Festivals bereits präsent ist das Quartett am 13. August erstmals in Wuppertal zu hören. Zum Abschluß der open-air-Konzerte ist portugiesischer Fado angesagt: die Sängerin Cristina Branco, die sich auf den klassischen Fado-Gesang ihrer Heimat Portugal bezieht, sich aber auch von südamerikanischer Musik inspirieren lässt, kommt am 14. August in den Skulpturenpark. Veranstalter von KlangArt im Skulpturenpark ist die Cragg Foundation, die künstlerische Leitung hat E. Dieter Fränzel. Tickets gibt es bei www.nrw-ticket.de , Ticket-Hotline 0180-5001812 und im Skulpturenpark Waldfrieden. www.skulpturenpark-waldfrieden.de

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