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DIE BESTE ZEIT Das Magazin für Lebensart Wuppertal und Bergisches Land

Oktober/November 2010 - 3,50 Euro

Neuerwerbungen E. Dieter Fränzel Von der Heydt-Museum Wuppertal Zum 75. Geburtstag

Mona Lisa Enträtselt – Alle Fragen offen

Der Sänger ist sein Singen Hochschule für Musik und Tanz

Günther Kieser Zum 80. Geburtstag des Künstlers

Figur und Grund Besuch bei Cornelius Quabeck

Der nimmermüde Autodidakt Der Baum der Erkenntnis Porträt Johannes Dinnebier Tschechows „Kirschgarten“ Ein Lamento Jelineks „Prinzessinnendramen“

Begegnungen mit jungen Menschen in Bosnien

Ratten unter sich La Boheme Erzählung von Dorothee Renckhoff Oper in Wuppertal und Düsseldorf

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Ab 15. Oktober im Buchhandel

uro E 0 18,9

Pina Bausch Tanztheater Wuppertal

Januar: Barbara Kaufmann (Viktor)

Februar: Tsai-Chin Yu („...como el musguito en la piedra, ay si, si, si ...“)

März: Julie Ann Stanzak, Jorge Puerta Armenta (Vollmond)

April: Regina Advento (Ten Chi)

Mai: Ensemble (Iphigenie auf Tauris)

Juni: Julie Shanahan (Sweet Mambo)

Juli: Ensemble („...como el musguito en la piedra, ay si, si, si ...“)

August: Clémentine Deluy („...como el musguito en la piedra, ay si, si, si ...“)

September: Fernando Suels Mendoza („...como el musguito en la piedra, ay si, si, si ...“)

Oktober: Pina Bausch (Danzon)

November: Aida Vainieri, Michael Strecker, Ensemble (Keuchheitslegende)

Dezember: Dominique Mercy (Vollmond) Jochen Viehoff wurde am Szenenfotos aus 15. 6. 1968 in Wuppertal geboren.

Kalender 2011 Szenenfotos von Jochen Viehoff

1989 Aufnahme „...como el musguito endeslaPhysikStudiums an der Bergischen piedra, ay si, si,Universität si...“ · Viktor · Wuppertal, Abschluss des Vollmond · Ten1996 Chi · Iphigenie Studiums, 1999 Promotion im Bereich theoretische auf Tauris · Sweet Mamba · Elementarteilchenphysik. · Keuschheitslegende Neben dem Studium Tätigkeit als Fotograf, seit 1996 Zusammenarbeit mit dem Tanztheater Danzón Wuppertal von Pina Bausch. Von 1999 bis 2005 künstlerisch-wissenschaftlicher

ISBN: 978-3-942o43-73-1

Titelbild (links): Regina Advento (Sweet Mambo)

13 hochwertige VierfarbMitarbeiter an der Kunsthochschule für Medien Köln, seit Juni 2005 Kurator am Heinz Nixdorf Reproduktionen MuseumsForum in Paderborn.in Buchveröffentlichungen u. a.: „PinaFotos Bausch – Ein Staccato-Rasterung, Fest. Fotografien von Jochen Viehoff“ (2000), glänzend lackiert, „Rheingold. Fotografi en von Jochen Viehoff“ (2004). „Es tut mir leid – Ein Novembertag in zzgl. 1 Übersichtsblatt. Berlin, Fotografi en von Jochen Viehoff “ (2006) Weitere Informationen: Format 30,5 xhttp://www.jochenviehoff.de 47,0 cm,

Verlag HP Nacke Wuppertal · Friedrich-Engels-Allee 122 · 42285 Wuppertal · Telefon 02 02/28 10 40 · verlag@hpnackekg.de Herstellung: Druckservice HP Nacke KG, Wuppertal, info@hpnackekg.de


Editorial Liebe Leserinnen, liebe Leser, heute halten Sie die Herbst-Ausgabe der Besten Zeit in den Händen, wieder einmal prall gefüllt mit Berichten und Geschichten aus dem Wuppertal und seiner Umgebung. Es ist ja in jedem Jahr so – kaum ist die Sommerpause vorbei, erwacht die Kulturszene zum Leben und ein Termin jagt den nächsten. Im aktuellen Heft der Besten Zeit können Sie nachlesen, was sich nicht nur derzeit im Tal so alles tut, sondern was hier das ganze Jahr über mehr oder weniger im Verborgenen blüht. Damit erfüllt die Beste Zeit einmal mehr, was sie sich von Beginn an auf die Fahnen geschrieben hat: nämlich die besten Seiten dessen zu präsentieren, was das Bergische Land zu bieten hat. Da wäre zum Beispiel die Hochschule für Musik und Tanz Köln mit Standort in Wuppertal, die jungen Sängern eine weit über die Grenzen der Stadt anerkannte, hochwertige Ausbildung bietet. Marlene Baum berichtet in ihrem Beitrag von den vielfältigen Anforderungen, die an die Studierenden ergeht, aber auch von den guten Chancen, die sich ihnen in Wuppertal bieten, um an der eigenen Sanges-Karriere zu feilen. Aus diesem Grund sind die Bewerbungen für einen Studienplatz in der Stadt an der Wupper zahlreich. Den umgekehrten Weg trat Cornelius Quabeck an: den 1974 in Wuppertal Geborenen zog es nach Düsseldorf, um von dort aus seine inzwischen beachtliche künstlerische Laufbahn einzuschlagen. Thomas Hirsch beleuchtet die Qualitäten seines Werkes, das in wichtigen national und international agierenden Galerien ausgestellt wird. Ein Wuppertaler, der seine Heimat nie, jedenfalls nicht auf Dauer, verlassen hat, und die hiesige Musikszene wie kein zweiter geprägt hat, ist Dieter Fränzel. Anlässlich seines 75. Geburtstages wirft Heiner Bontrup einige Schlaglichter auf den bewegten Lebensweg des Jazzexperten und Ermöglichers. Ein Höhepunkt seines Werdegangs als Kulturvermittler ist sicherlich die beliebte Reihe KlangArt in Tony Craggs Skulpturenpark Waldfrieden, eines der schönsten Schmuckstücke, die Wuppertal zu bieten hat. Einen Blick über die Grenzen des Tals und seiner Verbindungen in die weite Welt bietet Safeta Obhodjas Tagebuch einer Lesereise durch Bosnien und Herzegowina. Die Schriftstellerin hat vor einigen Jahren ihre zweite literarische Heimat hier an der Wupper gefunden. Dorothea Renckhoff versteht es, ihre Leser mit einer kurzen Erzählung unversehens in die Gesellschaft von Ratten zu locken. Diese und ähnliche kulturelle Highlights der Region sind es, die mir das Bergische und seine Metropole so liebenswert machen. Man kann es nicht verschweigen: vieles läuft schief im Tal der Wupper, und es vergeht kaum ein Morgen, an dem es beim Lesen der Lokalzeitung nicht einen Grund zum Aufregen gäbe – über gekürzte Mittel in Kultur, Bildung und Sozialem, über drohende oder bereits erfolgte Schließungen zentraler kultureller Einrichtungen, über die mangelnde Wertschätzung einiger Bürgerinnen und Bürger für ihre Stadt. Und dennoch: meine Heimat liegt mir am Herzen und ich wohne gerne hier. Denn auch wenn sie auf den ersten Blick nur wenig zu bieten hat, so ist die Bergische Metropole ein einmaliges Terrain für Kulturschaffende und Kreative, Neues zu wagen und in kurzer Zeit ein enthusiastisches, neugieriges Publikum für sich zu gewinnen. Beispiele gibt es, wie Sie hier nun schon seit über einem Jahr lesen können, reichlich. So wird es mir schwer fallen, wenn ich im Oktober diese Stadt für mindestens einige Jahre verlassen werde, da mich neue berufliche Chancen nach Westfalen führen. Ich freue mich, die Gelegenheit zu haben, mich an dieser Stelle von allen, die mich kennen, zu verabschieden, und hoffe, dass es auch in Zukunft viele gute Gründe gibt, nach Wuppertal zurückzukehren. Viel Freude beim Lesen und Genießen wünscht Ihnen Ihre Susanne Buckesfeld

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Barbara Neusel-Munkenbeck und die Urne “moi“

Keine Angst vor Berührung

seit 1813

Alles hat seine Zeit. Berliner Straße 49 + 52-54 · 42275 Wuppertal · www.neusel-bestattungen.de Tag

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und Nacht 66 36 74


Inhalt Heft 6 Oktober/November 2010

Mona Lisa

Von der Heydt-Museum Christoph Voll, ein Zeitgenosse von Otto Dix – von Clara Reinecke

Seite 6

mal wieder enträtselt – und alle Fragen offen von Johannes Vesper

Seite 35

Der Sänger ist sein Singen

Zwischen zählen und erzählen

Hochschule für Musik und Tanz Variation II: Vokalisten von Marlene Baum

Zum 80. Geburtstag von Günther Kieser von Siegfried Maser Seite 37 Seite 10

Der nimmermüde Autodidakt

Wir haben nichts mit diesem Krieg…

Ein Porträt des Lichtplaners Johannes Dinnebier von Matthias Dohmen

…zu tun – Begegnungen mit jungen Menschen in Bosnien und Herzegowina von Safeta Obhodjas

Seite 15

Ein Lamento

Zweimal „La Boheme“

Anne Catherine Studer spielt Jelineks „Prinzessinnendramen“ von Frank Becker

Zwei lohnende Opern-Produktionen in Wuppertal und Düsseldorf von Dr. Peter Bilsing

Seite 18

Der Mensch ist...

Neue Kunstbücher

... was er aus sich macht E. Dieter Fränzel wurde 75 von Heiner Bontrup

vorgestellt von Thomas Hirsch

Seite 43

Seite 46

Seite 51

Seite 20

Figur und Grund

Kulturnotizen: Beuys in Düsseldorf

Atelierbesuch bei Cornelius Quabeck von Thomas Hirsch

Kunstsammlung NRW und Schmela-Haus zeigen insgesamt über 300 Werke des Schamanen und Kunst-Revolutionärs Seite 53

Seite 26

Der Baum der Erkenntnis

Nam June Paik in Düsseldorf

Tschechows „Kirschgarten“ als eine zeitgemäße Komödie von Valeska von Dolega

Die Ausstellung im Museum Kunst-Palast findet im Rahmen der Quadriennale statt

Seite 30

Kulturnotizen

Ratten unter sich Erzählung von Dorothea Renckhoff

Seite 54

Seite 32

von Matthias Dohmen, Frank Becker und Andreas Rehnolt

Seite 54


Neuerwerbungen Christoph Voll Ein Zeitgenosse von Otto Dix

Blick in die Ausstellung „Zeitraffer“

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Mit der lebensgroßen Holzskulptur „Nackter Junge“ (1925/26, Eiche, 160 cm) besitzt das Von der Heydt-Museum schon seit den fünfziger Jahren ein Werk des Bildhauers Christoph Voll (18971939), 2008 wurde ein zweites Werk, die Holzfigur „Der blinde Bettler“ (1923/24, Eiche, 36 cm), erworben. In der aktuellen Präsentation der eigenen Sammlung „Zeitraffer - Kunst aus fünf Jahrhunderten“ sind beide Werke zusammen mit mehreren Zeichnungen und Grafiken Volls zu sehen, die in diesem Jahr mit Mitteln der Von der Heydt-Stiftung und einer privaten Spende

neu erworben wurden und nun erstmals öffentlich ausgestellt sind. Von den Nationalsozialisten geächtet, geriet Christoph Voll nach seinem frühen Tod 1939 in Vergessenheit und ist trotz seiner Wiederentdeckung in den 70er Jahren bis heute eher unbekannt. 1897 wurde er als Sohn eines Bildhauers und einer Malerin in München geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters verbrachte Voll seine ersten Jahre in einem Waisenhaus. Das unglückliche Leben unter dem strengen Regime der Nonnen hinterließ


im Von der Heydt-Museum bei ihm Erinnerungen, die sein späteres Werk prägten. 1911 zog er mit der Mutter nach Dresden und ging dort bei dem Bildhauer Albert Starke in die Lehre. Nachdem er sich 1915 freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte, erlebte der junge Christoph Voll ähnlich wie Otto Dix vier Jahre lang die Höllen des Grabenkrieges. Nach seiner Rückkehr besuchte er von 1919 bis 1923 die Dresdner Akademie der Bildenden Künste, an der Oskar Kokoschka lehrte. Dresden galt in dieser Zeit als ein Zentrum des Expressionismus. Gleichzeitig entwickelte sich dort

um Otto Dix ein neuer Realismus, der in der Neuen Sachlichkeit mündete. 1920 wurde Christoph Voll Mitglied in der avantgardistisch-sozialistisch orientierten „Dresdner Sezession - Gruppe 1919“ um die Maler Conrad Felixmüller und Otto Dix. Volls Werk steht unter dem Eindruck der politischen und ökonomischen Folgen des Krieges und thematisiert die Not der Arbeiterschicht. Im Gegensatz zu Dix, der sich z. B. in seiner Radiermappe „Der Krieg“ (1924) direkt mit seinen Erlebnis-

sen im Krieg auseinandersetzt, beschäftigt Voll die soziale Situation des Menschen. Seine Sujets fand er in der unmittelbaren Wirklichkeit. Unter den neu erworbenen Papierarbeiten des Von der HeydtMuseums zeigen drei Federzeichnungen (1927) einen einbeinigen Invaliden im Stehen mit Krücken, beim Hinsetzen und schließlich beim Sitzen und Betteln. Die Reihe lässt Volls Interesse an den verschiedenen Positionen erkennen, die ein Körper während eines Bewegungsablaufs einnehmen kann. In der Federzeichnung „Nonne mit Kindern“ (1921) klagt

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Voll wie in vielen anderen seiner ersten Dresdner Werke die Gewalt gegen Kinder an, die er selbst als Kind im Waisenhaus erfahren hat. Dabei nutzt er karikaturistische Überzeichnungen als Mittel, um die Aufmerksamkeit auf das Leiden der Kinder zu lenken. In einem engen Klassenzimmer, in das wir schräg von oben hereinschauen, hat eine Nonne mit einem hässlich verzerrten Gesicht eine Gruppe von Kindern unter einem Kruzifix um sich geschart. Die Kinder blicken uns aus hohlen Augen an und wirken weder kindlich noch erwachsen, sondern von Welt, Wirklichkeit und Leben verlassen. Die Tuschezeichnung „Kinder“ (undatiert) zeigt vier nur scheinbar fröhliche Kinder, deren verzerrtes und überzogenes Lachen mehr erschreckt als ansteckt. 1922 war Voll in einer Einzelausstellung in der renommierter Galerie Emil Richter in Dresden zu sehen. 1924 stellte er zusammen mit Otto Nagel, Käthe Kollwitz, Otto Dix, Wilhelm Lachnit, Rudolf Schlichter und George Grosz in Moskau in der „Ersten Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung“ aus. Ein Jahr später wurde er an die neugegründete Staatliche Schule für Kunst und Handwerk in Saarbrücken berufen, wo er als jüngster Bildhauer überhaupt die Bildhauerklasse leitete. In Dresden und Saarbrücken entstanden Holzfiguren, die ohne Gipsmodell in taille directe gearbeitet sind und deren sinnliche Kraft in den 20er Jahren einzigartig ist. Die Holzfigur „Der blinde Bettler“, die Voll in einem Brief auch als „Blinder Streichholzverkäufer“ bezeichnete, konzentriert große Ausdrucksstärke und Energie in einem kleinen Format von 36 cm Höhe. In krummer Haltung und mit stumm geöffnetem Mund bietet „Der blinde Bettler“ etwas an, das nicht zu erkennen ist. Dies geschieht mit einer Präsenz, derer man sich nicht entziehen kann. Eine Schirmmütze kennzeichnet den Mann als Proletarier. Die starke Energie der Figur drängt weniger expressiv nach außen, sondern sammelt sich in innerer Ruhe und Abgeschlossenheit. Volls Werke sprechen den Betrachter direkt Christoph Voll, Nonne mit Kindern, 1921, Feder, schwarze Tusche, 50,3 x 34,7 cm

durch ihre Lebendigkeit an, die auch in dem werkgerechten Umgang mit der Materie begründet liegt. Holz als natürliches Material bestimmt die Form der Figuren von innen heraus und belebt sie. Die Arbeitsspuren des Künstlers bleiben sichtbar, die Oberfläche ist nicht ganz glatt, sondern wird zu einer zerfurchten, zerknitterten und geschälten Landschaft. Parallelen dazu weist der Strich seiner Zeichnungen auf, der den Bildhauer erkennen lässt. Volls grafisches Werk umfasst mehr als 1000 Drucke und Zeichnungen. Oft dienen ihm die Zeichnungen als Studien und Entwürfe für seine Holzfiguren. Neben Christoph Voll sind auch die Künstler Otto Dix und George Grosz auf der Suche nach einer dem Publikum zugewandten Kunst. Der Direktor des Dresdner Stadtmuseums, Paul F. Schmidt, der eine Sammlung der Expressionisten und des neuen kritischen Realismus aufbaut, prägt für die Künstler Voll, Dix und Grosz den Begriff „Verismus“ und erklärt ihn als eine „scharfe, sehr deutsche und sehr polemische Einstellung auf das Gegenständliche, die Betonung einer fanatischen Wahrheitsliebe, die nicht Formprobleme will, sondern direkte Aussagen über unsere Gegenwärtigkeit, über das Chaotische einer verruchten Zeit“. Paul F. Schmidt bewundert Volls „naturgewaltige Darstellungskraft, die neben der Malerei von Dix jenseits aller Ekstase ein neues, gesteigertes Verhältnis zur Wirklichkeit sucht“. Wer in der Ausstellung Christoph Volls Werke betrachtet, kann sie mit Werken von Dix und Grosz, die in direkter Nachbarschaft hängen, vergleichen; mit dem Gemälde „Wald am Morgen“ (1940) von Dix und mit den Zeichnungen „Im Gefängnis“ (um 1921) und „Invalide“ (1923) von Grosz. Voll wird häufig als der Bildhauer bezeichnet, dessen Kunst den gleichen veristischen Realismus wie Otto Dix als Maler vertritt. Doch in seinen Werken fehlt die morbide Kälte, die oft die Gemälde von Dix durchzieht: Der Betrachter kann vor Volls Werken mitfühlen.

rie Neumann & Nierendorf Berlin 1927, die Volls Werken große Aufmerksamkeit einbrachte, wurde er 1928 Professor für Bildhauerei an der Badischen Landeskunstschule Karlsruhe. 1937 entließen ihn die Nationalsozialisten aus seiner Professur und seine Werke waren wie die von Otto Dix und George Grosz auf der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München zu sehen. Viele seiner Werke überlebten den Nationalsozialismus und den Krieg in Dänemark, von wo aus sie ihren Weg zu einer geplanten Ausstellung in Oslo fortsetzen sollten. Für die Ausstellung, die durch das Eingreifen der Nationalsozialisten jedoch verhindert wurde, hatte sich Edvard Munch eingesetzt. Er sah in Volls Werken „eine Urkraft, ein Ruhen in sich selbst“. Clara Reinecke

Nach einer Einzelausstellung in der GaleChristoph Voll, Nackter Junge, 1925/26, Eiche, 160 x 40 x 30 cm

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„Der Sänger ist sein Singen“ Begegnungen in der Hochschule für Musik und Tanz Köln / Standort Wuppertal „Günter Wand-Haus“ Variation II: Vokalisten

Alma Samimi mit ihrem Korrepetitor Ulrich Deppe bei einer Probe für ihre Diplomprüfung

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Wie kommt ein junger Mensch darauf, seine Stimme ausbilden zu lassen? Das empfehlen häufig Musiklehrer oder Chorleiter. Milena Stefanskis Mutter war Sängerin im Opernchor und hat viel mit der Tochter gesungen. Für Milena war es von Anfang an klar, dass sie Gesang studieren wollte. Im Alter von etwa 15 Jahren begann der Unterricht, mit 18 konnte sie die Aufnahmeprüfung für das Jungstudium in Köln absolvieren. Barbara Schlick hat sie ein Jahr lang auf diese Prüfung vorbereitet. Von 400 Bewerbern wurden 16 angenommen, dazu gab es Prüfungen in Gehörbildung, Theorie und Klavierspiel. Barbara Schlick, inzwischen in den Ruhestand versetzte Professorin für Gesang, hat in Wuppertal über zwölf Jahre lang Sängerinnen und Sänger ausgebildet. Für sie war es eine Freude, noch den Umzug in das neue „Günter Wand-Haus“ in die Sedanstraße 15 miterleben zu dürfen. Sie hat sich in Wuppertal besonders wohl gefühlt, nicht zuletzt, weil alle einander kennen.

Was ist aus ihren ehemaligen Studenten geworden? „75% verdienen ihr Brot mit Gesang“, einige sind an Operhäusern Solisten oder Choristen, andere sind Konzertsänger geworden. Barbara Schlicks persönliche Vorlieben waren Liedgesang und Oratorien, aber auch über die Neue Musik gelang es ihr, „Begabungen herauszulocken“. Um so mehr freut sie sich, dass Brigitte Lindner, seit zwei Jahren ihre Nachfolgerin, von der Oper kommt. Frau Professor Lindner meint, sie habe „einen hervorragend organisierten Fachbereich ‚Gesang’ übernommen mit hohem Niveau.“ Allerdings musste sie die Umstrukturierung auf die neuen Studiengänge Bachelor und Master planen. Thilo Dahlmann, Alexander Stevenson und sie haben die etwa 30 Sängerinnen und Sänger zu betreuen, 1/3 studieren den Bachelor of Education, 2/3 wählen mit dem Bachelor of Music die künstlerische Laufbahn. Jeder Bewerber für die Eignungsprüfung


„Gesang“ als Hauptfach muss bereits eine Gesangsausbildung nachweisen und drei Stücke vortragen. Dazu kommen Prüfungen in Theorie und Gehörbildung. An die angehenden Musikpädagogen werden nicht ganz so hohe stimmliche Anforderungen gestellt, dafür sollen sie zusätzlich ihre pädagogischen Fähigkeiten unter Beweis stellen, indem sie im Rahmen der Prüfung mit den Mitbewerbern ein Stück einstudieren. Das Lehrangebot für die Sänger ist so umfangreich, dass die Ausbildung alles in allem mindestens fünf Jahre dauert. Außer den wöchentlichen 2 x 45 Minuten Einzelunterricht im Hauptfach Gesang gibt es die Arbeit mit dem Korrepetitor, dazu kommen Klassenstunden, interne und öffentliche Gesangsabende, Schauspiel – und Bühnentanzunterricht, Sprecherziehung, Liedinterpretation, Vom-Blatt-Singen, Italienisch, Oratorienensemble, Chor, Kammerchor, Ensemblearbeit, Alexandertechnik (oder

andere Bewegungslehren), eine Fülle von theoretischen Fächern und als Nebenfachinstrument das Klavier. Diese Aufzählung ist nicht vollständig, und so ist es kein Wunder, dass die Studenten oft den ganzen Tag in der Hochschule verbringen. Einige von ihnen darf ich begleiten. Alexander Stevenson lerne ich kennen, als er gerade sein Postfach leert. „Kommen Sie gern mit in den Unterricht“, werde ich spontan eingeladen und erlebe 45 Minuten äußerst konzentrierter Arbeit mit Philipp Werner, einem jungen Tenor: „Du darfst Deine Töne nie absichern, Du musst immer alles riskieren. Publikum verführt zum Absichern, wir hatten alle immer Angst, dass es schiefgehen könnte, auch die Callas, man hat nie die hundertprozentige Kontrolle über den Ton.“ Immer wieder befragt er den jungen Sänger nach seinem Befinden, wie sich der Ton anfühle, was ihn gerade nicht so glücklich gemacht habe – „Wie würdest

Du als Lehrer das einem Schüler vermitteln, was Du soeben begriffen hast?“ Ziel ist, über das Verstehen der komplizierten Vorgänge der Tonerzeugung dem Schüler die Fähigkeit zu vermitteln, selbstständig zu arbeiten: „Die eigentliche Arbeit ist oft stinklangweilig, die Feinheiten sind das Resultat von einer Art Holzhackertätigkeit.“ Stevenson hat seine eigene künstlerische Karriere, wie er meint, rechtzeitig beendet, er ist nicht frustriert wegen verpasster Gelegenheiten wie manche Kollegen, sondern er unterrichtet leidenschaftlich gern. „Ich bin knallhart, mein eigener Unterricht war schlecht, ich musste mich selbst retten.“ Er verweist auf den Vergleich zwischen Sänger und Tänzer, denn auch der Sänger arbeitet mit dem ganzen Körper. „Der Sänger ist in sich selbst verliebt, er i s t seine Stimme, die er pflegt. Daher bleibt das Singen auch so abhängig von der körperlichen und seelischen Verfassung, die zu erkennen vom Lehrer einiges Fingerspitzengefühl erfordert.“

Prof. Brigitte Lindner (vorn) im Gespräch mit Alexander Puliaev (2.v.l.) und den Studierenden Alma Samimi, Simone Krampe, Ferdinand Junghänel

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Neben dem Einzelunterricht gibt es die „Klassenstunden“ im Kammermusiksaal. Hier begleitet ein Korrepetitor am Flügel und erarbeitet gemeinsam mit dem Dozenten und seinen Studierenden die künstlerische Gestaltung. Hier werden die Prüfungsprogramme optimiert und neue Ideen erprobt. In dem größeren Raum können sich die Stimmen ganz anders entfalten und befreien. „Singe die unwichtigen Worte mit mehr Stütze. Weil der Ton kurz ist, besteht kein Grund ihn zu töten. Bring mehr Text als Klang.“ Einer jungen Sängerin hilft Stevenson: „Weil das Gute so viel besser geworden ist, fällt Dir das Schlechte um so mehr auf.“ Nach der Klassenstunde kann ich mit Jan Ehnes, einem der Korrepetitoren sprechen. Wie der Begriff sagt, repetiert – also wiederholt - er gemeinsam mit den Sängern Lieder und Arien. Korrepetitoren sind musikalische Alleskönner, die in allen musikalischen Disziplinen zu Hause sind. Sie übernehmen verschiedene Aufgaben: In der Oper erarbeiten sie die Partien mit den Sängern, bei Bühnenproben ersetzen sie das Orchester, beim Liedgesang interpretieren sie gemeinsam mit dem Sänger die Werke. Jan Ehnes modifiziert diese Tätigkeit für die Hochschule für Musik: Begleitet er die Studierenden bei Opernarien, ersetzt er nicht nur das Orchester, sondern auch den Dirigenten, indem er Einsätze vorbereitet, wichtige Stimmen hervorhebt und Tempofragen klärt. Als „Regisseur“ weckt er die Sensibilität für den Stoff und das Rollenverständnis und schult das Bewusstsein für dramatische Abläufe und Höhepunkte. Als “Dramaturg“ gibt er Informationen zum Werk und dessen historischem Kontext und versucht, die Studierenden neugierig zu machen, selbst weiter zu recherchieren. Ganz anders ist die Rolle des Begleiters bei Liedern. Hier ersetzt das Klavier kein Orchester, sondern Klavier und Gesang sind gleichwertig. So studieren Sänger und Begleiter jedes Detail gemeinsam, denn das Lied lebt von den Stimmungen, von den Nuancen der Farben, der Lautbildung, den Spannungsbögen und den Energieflüssen. Sänger und Begleiter gestalten ein Gesamtkunstwerk, denn beide sind beseelt von der gleichen Idee.

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Miriam Pilters und Martin Schmidt mit den Pianistinnen Katarina Ilse und Su Young Jung Bei vielen Liedern wird dem Begleiter pianistisch höchstes Niveau abverlangt. Die jungen Sänger arbeiten von Anfang an auch mit dem Korrepetitor. Die Hochschule Wuppertal ist sich der Bedeutung dieser Arbeit in besonderer Weise bewusst und hat ihr von Anfang an viel Raum gegeben. Ehnes erläutert: „Der Korrepetitor ist unerlässlich und unersetzlich, es geht schließlich um die musikalische Substanz. Jeder Studierende hat eine andere Ausbildung und anderes stimmliches Material. Der junge Sänger muss geführt werden, und das Klavier bettet ihn gleichsam musikalisch ein. Diese ,Führung‘ ist sehr sensibel und vertraulich, sie muss flexibel sein, so dass dem Studierenden die Freiheit eingeräumt wird Neues auszuprobieren, an schweren Aufgaben zu wachsen und auch einmal zu scheitern, ohne dass dies irgendwelche Folgen hätte. Auf das aus dieser gemeinsamen Arbeit erwachsene Vertrauen können sich

die Studierenden dann stützen, wenn es ,ernst‘ wird, wenn es darum geht, sich bei Auftritten, in Konzerten und Prüfungen so gut wie möglich zu präsentieren. Denn auch auf dem Podium ist der Korrepetitor immer dabei.“ Eine der Schülerinnen von Professorin Lindner ist Miriam Pilters. Auch sie hat schon früh im Chor und bei Kindermusicals mit dem Singen begonnen. In Wien hat sie Theater- und Musikwissenschaften studiert und nach privatem Gesangsunterricht die Aufnahmeprüfung gemacht. Auch Miriam Pilters ist begeistert vom Standort Wuppertal. Der Wechsel von Wien nach Köln und Wuppertal war zunächst „ein kleiner Kulturschock“, jetzt empfindet sie es als Geschenk: „Hier hält niemand die Nase hoch.“ Miriam Pilters übt Koloraturen. Ihre Traumrolle ist die Zerbinetta. Am Konzertabend der Opernklassen hat sie


die Olympia (Offenbach) und Blondchen (Mozart) gesungen. Die Stimme ist schlank, leicht und sehr hoch. Die halsbrecherischen Koloraturen der „Glöckchenarie“ aus „Lakmé“ von Leo Délibes für die Diplomprüfung werden von verschiedenen Seiten aus angegangen: „Nicht schon vor der schwierigen Stelle verspannen, nicht zu viel Luft verwirbeln. Verbinden Sie die Koloratur mit Körperbewegungen, damit Sie sich nicht verkrampfen und Sie den musikalischen Fluss finden,“ rät die Lehrerin. Spezielle Methoden wie Kinesiologie oder Alexandertechnik helfen, Ängste und Verspannungen zu nehmen. Die Anregungen von Professorin Lindner haben Miriam Pilters so überzeugt, dass sie sich zur begleitenden Kinesiologin hat ausbilden lassen. „Lampenfieber braucht man,“ sagt sie. „Das Studium ist auch Persönlichkeitsschulung. Der Sänger ist sein Singen. Wir sind unser Instrument, daher ist jede Kritik an der Stimme auch persönliche Kritik, dennoch muss man gelassen bleiben. Wichtig ist es, seine eigenen Grenzen kennen zu lernen; Selbstdisziplin ist unerlässlich, z.B. auch hinsichtlich der Ernährung. Musiker ohne Krisen gibt es nicht. Man muss sich durch die Musik mitteilen, das bedeutet, sich ’reinzuschmeißen in Demut.“ Auch Simone Krampe übt Koloraturen bei Frau Lindner, es ist eine Arie aus dem „Messias“ von Händel. Sie wird begleitet von Katharina Ilse, die „Liedbegleitung“ studiert. Auch hier entspinnt sich der Dialog zwischen der Dozentin, der Studentin und der Korrepetitorin durch einfühlsames Nachfragen: „Was ist passiert?“ „Die Vorbereitung war nicht gut.“ „War der Ton innerlich präsent? Nicht schon vorher über die Koloratur nachdenken. Trau Dich! Warum ist die Intonation besser, wenn man in einer Pause nicht atmet? „Weil so der Spannungsbogen gehalten wird.“ Auch Brigitte Lindner ist es wichtig zu vermitteln, wie ihre Studenten eigenständig beim Üben an Probleme herangehen können. Simone Krampe studiert als zweites Hauptfach Akkordeon; als angehende Musikpädagogin wird sie ihre beiden Fächer in idealer Weise miteinander verbinden können.

Miriam Pilters mit Kommilitoninnen hinter der Bühne beim Opernabend Aikaterini Koufochristou, eine Sopranistin aus Griechenland, trägt aus Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ die erste Arie der „Königin der Nacht“ und Schuberts Lied „Du bist die Ruh“ vor. Damit hat sie sich inzwischen erfolgreich für ein Chorstipendium beim WDR beworben. Gleichzeitig wird sie in Wuppertal ihre Ausbildung im Masterstudiengang fortsetzen. Kooperationen gibt es inzwischen mehrere, so mit der Kantorei Barmen Gemarke und mit der Wuppertaler Oper. Da jeder drei Opernchorscheine benötigt, ist es ideal, dass die Studenten im Extrachor mitwirken dürfen. Zuweilen erhalten sie sogar eine kleine Solorolle und es kann beim Vorsingen hospitiert werden. Außer dem Hochschulchor haben sich seit Neuestem noch der Kammerchor und das Oratorienensemble unter der Leitung von Wolfgang Kläsener gegründet, so dass den Studierenden vielfältige Aufgaben und Auftrittsmöglichkeiten ermöglicht werden. Thomas Braus leitet die schauspielerische Ausbildung der Sänger. Der Opernabend zum Thema „Liebe“ im Juni zum Ende des Semesters im vollbesetzten Konzertsaal war ein voller Erfolg! So viel Spielfreude gepaart mit Witz und

sängerischem Können in allen Stilarten zwischen Oper und Musical zu erleben war eine Freude. Stilistisch ganz anders wurde das erste Treppenhauskonzert des Oratorienensembles und des Kammerchores im neuen Domizil in der Sedanstraße inszeniert. Aus verschiedenen Epochen bis hin zu einer Uraufführung des Sängers Philipp Werner für drei Frauenstimmen, Woodblock, Glockenspiel und Orgel, der das Fach Komposition (noch) gar nicht belegt hat, dirigierte Wolfgang Kläsener seine Sänger durch einen kurzweiligen Abend voller Spannung, die klanglichen Möglichkeiten des Treppenhauses geschickt auslotend. Die Intensität der Proben und Konzerte, die Hospitationen im Unterricht so wie die Gespräche mit Dozenten und Studierenden haben mir sehr lebendig und sehr eindrücklich vermittelt, was es heißt, Singen zu lernen. „Sie singen die Töne der Phrase sehr schön“, sagt Frau Lindner zu Simone Krampe, „aber nutzen Sie auch den Text, um die Linie mit Leben und Inhalt zu füllen.“ Marlene Baum

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14.9.2010 - 30.1.2011

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Purer Sozialismus verteilt so lange, bis niemand mehr etwas hat. Purer Kapitalismus schafft es noch schneller in umgekehrter Richtung. Dann bleiben allerdings einige übrig. Karl Otto Mühl


Der nimmermüde Autodidakt Annäherungen an ein Porträt des Lichtplaners Johannes Dinnebier

Johannes Dinnebier. Foto: M. Dohmen

Eintausendfünfhundert Kirchen hat er beleuchtet, von Düsseldorf bis Dubai öffentliche und private Gebäude belichtet, darunter Theater, Messehallen und Flughäfen, aber auch die Bausmühle in Solingen rekonstruiert, in der er heute lebt: Monströse Dimensionen haben ihn genau so wenig geschreckt wie kleine Dinge. Johannes Dinnebier, am 21. Februar 1927 im tschechischen Herrnskretschen geboren, ist, der Not gehorchend, aber auch dem eigenen Triebe Zeit seines Lebens ein Selfmademan gewesen und ist es heute noch. Autodidakt, Visionär, Avantgardist – Johannes Dinnebier ist Lichtplaner und seit über 50 Jahren erfolgreich. Aus seiner Phantasie heraus entwickelte er sich, ohne dazu ausgebildet worden zu sein, zum weltweit gefragten Experten. Seine ungewöhnlichen Lichtkonstruktionen finden sich rund um den Erdball.

Er hat rund um den Globus über 5.000 Plätze illuminiert, vom Flughafen Istanbul über das Diplomatenquartier in Riad bis zur Wuppertaler Schwebebahn. Wer bei Google Johannes Dinnebier eingibt, erhält eine Unmenge an Verweisen. Der „Lichtkünstler“, als der er oft apostrophiert wird, hat aber auch gerne vor der eigenen Haustür gearbeitet. Starallüren sind ihm fremd. Als der Chronist ihn anruft und um einen Termin bittet, erhält er die Auskunft, er, Johannes Dinnebier, müsse wahrscheinlich am nächsten Morgen in eine Rehabilitationsklinik gehen, was dann auch der Fall war. Also verabredete man sich nach kurzer Zeit auf eine Tasse Kaffee am Nachmittag. Ein abenteuerliches Leben. Wie heißt es heute so vielsagend und oft irreführend: Er hatte eine schwere Kindheit und Jugend. Von der Schule ging es an die Front, ein Jahr war er Soldat. Mach das Beste draus:

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Er brachte es beim Forellenfischen zur Meisterschaft, ein Kontinuum seines Lebens, und warf mit US-Offizieren der Kommandatur in seiner Heimatgemeinde so manche Angel aus, darunter zwei Mal mit dem Rommel-Bezwinger Marschall Montgomery. Der Besatzung stand er auch zu Diensten, als deutsche Kriegsgefangene gefragt wurden, wer von ihnen vorsätzlich unbrauchbar gemachte Radios reparieren könne. Daniel Düsentrieb ging ans Werk, machte aus drei kaputten Geräten ein funktionierendes und war gern gesehen. Wenig später hieß es: Kann jemand von den Deutschen mit Motorrädern umgehen? Dinnebier heute: „Das Spiel kannte ich ja schon, ich habe mich dann gemeldet.“ Als einziger. Kräder und, wenig später, Automobile hat er instand gesetzt. Ohne jede Fachkenntnis, aber er wusste, worauf es ankam, irgendwie ein paar funktionierende Exemplare zustande zu bekommen. Doch irgendwann ging auch diese Zeit zu Ende, die Deutschen waren nicht mehr gelitten und wurden vertrieben, und es verschlug die aus Mutter und Tante, einer kränkelnden Schwester, zerstrittenen Großeltern und Johannes bestehende Familie, die sein Improvisationstalent und seine Fähigkeit, Lebensmittel zu beschaffen, zu schätzen gelernt hatte, vom Elbsandsteingebirge in die Nähe von Kassel. Die Familienzusammenführung fern der Heimat war ernüchternd. Dinnebier blickt zurück: „Der Heiland kam mit leeren Händen.“ Vorerst. Denn der Lebens- und Lichtkünstler, als den die Welt ihn noch kennenlernen sollte, gibt nicht auf und beginnt – viel Technik ist nicht erforderlich, und die Blinker stellt er selber her – wieder zu fischen. Und freundet sich erneut mit Amerikanern an. Geben und nehmen: Als Dank für erwiesene Dienste darf er so viel Leder, das die Besatzer akquiriert haben, mit dem sie aber nichts mehr anfangen können, auf einen Jeep laden, wie er fasst. Er hat ein paar Tage Zeit, das Rohmaterial so auseinanderzuschneiden und zu stückeln, dass eine unglaubliche Menge Leder auf das Militärfahrzeug passt und er ein für die damaligen Umstände reicher Mann ist. So er etwas mit den Häuten anzufangen versteht. Dinnebier weiß sich zu helfen, geht für drei Monate bei einem Schuster in die Lehre, dem er einen Teil seines Warenlagers zur Verfügung stellt, kauft sich eine

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Hier hat er als Kind Dienst am Kunden gelernt: die Pension „Zum weißen Rössel“

Delikatessen der frühen Jahre: Dinnebiers Delikato-Laden Oberledermaschine und Leisten (es sind die Zeiten der Tauschwirtschaft), lernt, Felle zu gerben, und … produziert Schuhe. So lange der Vorrat reicht. Später arbeitet er in Garmisch-Partenkirchen, auf Norderney und in der Nähe von Kassel als Mauleseltreiber, Skilehrer und, immer öfter, als Kellner, wobei ihm gewisse Erfahrungen seiner Jugend zustatten kommen, besaß eine seiner Großmütter, lang war’s her, eine Pension. In Kassel und an der Nordsee treten die Kunst, Delikatessen und die Glühbirne in sein Leben. Als die Insel Norderney, eben noch brach daniederliegend, nach der Währungsreform

eine neue Blüte erlebt, betreibt Johannes Dinnebier auf eigene Rechnung die Bar im Kurhaus … und tritt als Schauspieler und Sänger in der Operette „Im weißen Rössl“ auf. Er bekommt von den Amerikanern, den damaligen Betreibern der Spielstätte, sagenhafte 72 D-Mark pro Auftritt: eine phantastische Summe, erhielten doch die Deutschen in den westlichen Besatzungszonen 40 DM einmalig als Startguthaben. „Krösus“ Dinnebier verlässt die Nordseeinsel mit Ziel Kassel. Während er dort dabei ist, auf einem frisch erworbenen Trümmergrundstück Steine zu behauen, um sie wiederzuverwenden, und die Vision eines Delikatessenladens müh-


Die Pension „Zum weißen Rössel“ sam und sehr undeutlich erkennbar Formen annimmt, überreicht ihm ein Nachbar, den Dinnebiers Umtriebigkeit fasziniert, seine Visitenkarte. „Arnold Bode“ steht darauf, und es ist kein Geringerer als der Vater der „documenta“. Bode imponierte Dinnebiers Improvisationstalent, und er brachte einen seiner Brüder dazu, den Dachstuhl und die Holzarbeiten, einen weiteren Bruder dazu, die entsprechenden Bauzeichnungen zu übernehmen. Mit Arnold Bode fährt Dinnebier später zur Weltausstellung in Montreal. Innerhalb kurzer Zeit steht der Laden namens „Delikato“. Viel Laufkundschaft, die Henschel-Werke sind in der Nähe, und die Lizenz, alle Krankenhäuser und Heilstätten in und um Kassel mit Lebensmitteln zu

beliefern, puschen den Umsatz. Zwischenzeitlich hat er Bekanntschaft mit einem Lampenhändler im Württembergischen gemacht und in großem Stil Lampenschirme sowohl selbst hergestellt als auch in Personalunion verkauft. Überhaupt das Verkaufen von Lampen, Ideen, Installationen. Seinen ersten größeren Auftrag erhält er in Düsseldorf, wo er ein groß angelegtes Architekturbüro beleuchtet. Die Bekanntschaft mit Architekten erweist sich als Segen, geht es doch jetzt in rascher Folge und in immer größeren Dimensionen vorwärts: Hannover-Messe, Flughäfen, Gotteshäuser. Und später immer wieder eigene Projekte wie der Lichtturm in Solingen, die Wiederentdeckung des Schlosses Lüntenbeck, Mühlen, alte Fachwerkhäuser. Architektur, sagt er, war zeitlebens sein Hobby. Bei großen und kleinen Bauvorhaben ist er auf die Baumeister (und nicht etwa die zukünftigen Eigentümer) zugegangen und hat mit ihnen Lichtinstallationen entwickelt. Die wichtigste (Innen-) Architektin aber wurde für ihn seine Frau, die dem Gatten an Umtriebigkeit nicht nachstand und ihm zuhause und in der Firma den Rücken freihielt. Originell sind seine unkonventionellen Lösungen. Er hat keine Angst, dass etwas nicht geht. Man könnte auch sagen: Das fordert ihn eben heraus. Und er hat keinerlei professionelle Scheuklappen. Er bringt Dinge zum Leuchten, die keine Lampen sind, in einer Zeit, als sonst niemand auf solche Ideen kommt. Er sieht Wert in Dingen,

die andere wegwerfen, „was im Umgang mit ihm oft genug nervt“, wie jemand kolportiert, der ihn gut kennt. So kam er einmal mit Windrädern aus Strandgut in die „Sendung mit der Maus“. Er entdeckt früh potenzielle Denkmäler als spektakuläre Bauten, die es lohnt zu restaurieren, zuerst Bauernhäuser, dann die Lüntenbeck und schließlich Wassertürme. Er sieht auch die geschäftlichen Chancen in Dingen, die andere als unlukrativ abtun, und hat oft damit Recht behalten. Der Patriarch über fünf Kinder und elf Enkel ist vielseitig und beweglich. Sein Geschäft fing mit Lampenverkauf an, Großhandel und Beleuchtungsprojekte kamen bald hinzu. „Licht im Raum“ gibt es trotz des boomenden Internet-Handels auch noch nach 50 Jahren. Dann „erfand“ er die Lichtplanung: heute heißt die Firma „Dinnebier Licht“, die auch Leuchten für einzelne Bauten entwirft und baut. Daraus entstand schließlich eine eigene Serienproduktion: Die Manufaktur fertigt bis heute in Lüntenbeck. Lichtblicke. Unermüdlich dreht er sein Rad, jettet, soweit es ihm die Umstände erlauben, um die Welt, um immer wieder ins Bergische Land zurückzukehren, liest Buch um Buch, liebt Rilke, Arthur Miller und Irene Dische, ist Ehrenmitglied im Werkbund und gern gesehen bei den Lions und ein Mensch geblieben, der mit beiden Beinen auf der Erde steht. Matthias Dohmen M.A.

Kultur, Information und Unterhaltung im Internet Täglich neu – mit großem Archiv Literatur – Musik – Bühne – Film – Feuilleton – Museen – Comic – Fotografie – Reise Unabhängig, werbefrei und ohne Maulkorb www.musenblaetter.de

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Ein Lamento Anne-Catherine Studer spielt Jelineks „Prinzessinnendramen“

Vergessen wir gleich einmal den in die Irre führenden Waschzettel dieses Einpersonenstücks, das in einer kompakten Stunde einen Rundumschlag in die Welt Grimm’scher Märchenprinzessinnen (samt Ausflügen zu Andersens Kunstmärchen) führt, und vergessen wir auch geflissentlich die Vergabe des Literaturnobelpreises an dessen Autorin – nicht nur mir bis auf den Tag ein Mysterium. „Prinzessinnendramen“ hat Elfriede Jelinek ihre Fingerübung in Sachen Frauenschicksal im Märchen betitelt. Es gäbe derer viele in den von den Brüdern Jakob und Wilhelm Grimm vor 200 Jahren überwiegend im Hessischen gesammelten „Kinder- und Hausmärchen“, die Autorin hat zwei der allgemein bekanntesten, „S(ch)neewittchen“ (KHM 53) und „Dornröschen“ (KHM 50), als Basis für ein unterhaltsames Lamento zwischen Witz und Jelinekschem Sprachwust genommen, die sich mit der Stellung der Frau im Allgemeinen, dem Mutter-Tochter-Konflikt im Besonderen und der Unauffindbarkeit passender Prinzen (von Zwergen ganz zu schweigen) auseinandersetzen. Die Szene läßt keine Frage offen: auf der Bühne eine winzigkleine Showtreppe zu einem Sockel mit gläsernem Sarg voller grüner Äpfel, aus dem sich hustend,

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prustend ein Schneewittchen herausschält, sich selbst, ohne Prinzenkuß, vom vergifteten Obst befreit und zu einem einstündigen Monolog ansetzt. Wir erfahren, von ihr, daß es ihre Geschichte schon seit Jahrhunderten gebe und: „Zwerge sind mir in all den Jahren nicht begegnet.“ Wobei sie einerseits betont „Für Zwerge würde ich mich gerne hinlegen, damit auch die ihre Ego-Erfahrung machen können“, andererseits jedoch ihre Angst vor sieben Zwergengliedern (alle zugleich!) artikuliert. Dornröschen (fliegender Wechsel), aus 100-jährigem Schlaf wachgeküßt, zeigt sich in bürgerlicher Skepsis: „Heißen Sie nur Prinz oder sind Sie es?“ Ein Lacher. Doch resignierend erkennt das kluge Mädel, daß „...schlafende Prinzessinnen ohnehin nehmen müssen, was sie kriegen.“ Wahr und noch ein Lacher. Für alle Fälle spitzt sie aber erweckunshungrig den Kußmund. Welchen Anforderungen, unerfüllten Hoffnungen und Wünschen und Rückschlägen so ein Prinzeßchen ausgesetzt ist, lassen Streiflichter mit Zitaten aus „Froschkönig“, „Aschenputtel“, „Die Prinzessin auf der Erbse“ (hier auf einem Granny Smith) und „Die kleine Meerjungfrau“ aufblitzen. Jelinek stellt hier Volks- und Kunstmärchen nebeneinander, die in die gleiche Kerbe hauen. Die Protagonistin setzt sich mit allen Widrigkeiten bis hin zum erwarteten Tod („Wenn die Zeit gekommen


ist, tut es uns leid, daß wir einen Körper haben.“) amüsant auseinander. Überhaupt gelingt es Anne-Catherine Studer, die diesen Abend solo bestreitet, souverän, mit viel Charme, Ironie, eigenem Witz und vollem Körpereinsatz, in die von aller Märchenromantik befreiten Prinzessinnen-Rollen zu schlüpfen. Sie spielt sich, mit weißem Kleidchen und rosa Leggins, auf Lone-Star-PlateauStifeln trippelnd, hinkend, kokettierend, philosophierend, schwadronierend,

räsonierend, schmollend und brüllend bei hochsommerlichen Temperaturen im Kleinen Haus des Wuppertaler Schauspiels die Seele aus dem schweißüberströmten Leib – und schafft es, allen Schwächen des Stücks zum Trotz eine volle Stunde lang ihr Publikum zu fesseln, zu erheitern und letztlich zu in lang anhaltendem Applaus gipfelnden Begeisterungsstürmen zu animieren. Ein höchst gelungenes kleines Überraschungsbonbon zum Ende der Wuppertaler Spielzeit.

Ganz zum Schluß hat Jelinek der Rolle einen Satz in den Mund gelegt, den man als Fazit für Anne-Catherine Studers beachtlich Leistung auch am Schlusse stehen lassen kann: „Nur wertvolle Frauen können der Welt etwas schenken!“ So ist es. Frank Becker Fotos: Andreas Fischer Weitere Informationen unter: www.wuppertaler-buehnen.de

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„Der Mensch ist, was er aus sich macht!“ E. Dieter Fränzel - Jazzexperte. Ermöglicher. Menschenzusammenführer

E. Dieter Fränzel in seinem Garten – Foto: K.-H. Krauskopf E. Dieter Fränzel ist in diesem Jahr 75 Jahre alt geworden. Ein Rückblick auf mehr als nur ein halbes Jahrhundert Kulturarbeit. Sein Elternhaus, 1913 von der Barmer Baugesellschaft für Arbeiterwohnungen gebaut, steht am Christbusch in Unterbarmen, auf der Südhöhe, direkt am Wald mit Blick über das Tal. Hier hat er, das Arbeiterkind, gespielt, in unmittelbarer Nähe der Villa des reichen Lackfabrikanten Herberts. Auf dem Gelände, wo früher der Großindustrielle und Kunstliebhaber residierte, ist heute der Skulpturenpark „Waldfrieden“ des Bildhauers Tony Cragg. Auf einem seiner vielen Spaziergänge durch diesen Park muss dem Jazzexperten und pensionierten Kulturarbeiter wohl diese Idee gekommen sein: Wie wäre es, wenn dieser schöne Ort durch eine Musikreihe belebt würde? Er sprach Tony Cragg an, der sich für diese Idee begeistern ließ.

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Und so ist der Park zum inspirierenden Ort für die Musikreihe „KlangArt“ geworden, die E. (Ernst) Dieter Fränzel seit zwei Jahren leitet. „Manchmal“, sagt Fränzel, „kann ich gar nicht glauben, dass das mein Leben ist. Mir kommt es vor wie ein Traum…“

gewünscht haben, dass ihr Sohn es einmal besser haben sollte. Vielleicht so: sich hocharbeiten in der Fabrik, Meisterprüfung, eine Familie gründen. Eine Bilderbuch- und Vorzeigegeschichte im bescheidenen Rahmen einer Arbeiterfamilie. Doch es sollte anders kommen…

Geboren wurde Dieter Fränzel in dunkler Zeit, am 23. Juli 1935. Der Vater stirbt während des Russlandfeldzugs, da ist der Junge gerade sechs Jahre alt. „Mein Vater hasste den Krieg und wollte kein Gewehr anfassen“, sagt Fränzel, der selbst ein überzeugter Pazifist ist. Die alleinerziehende Mutter hält die Familie mit dem spärlichen Lohn einer Fabrikarbeiterin über Wasser. Sie erlebt die Bombenangriffe auf Wuppertal und die Hungerjahre unmittelbar nach dem Krieg. Ihr Sohn Dieter durchläuft zu dieser Zeit eine Schlosserlehre bei der Barmer Maschinenfabrik Rittershaus & Blecher. Sicherlich wird sich die Mutter

Vielleicht war es Zufall. Oder vielleicht war das, was sich als Zufall tarnte, einfach nur das „Fällige, das uns zufällt“, wie Max Frisch den Moment beschreibt, der dem Leben eine unerwartete Wendung gibt. Jedenfalls fiel dem jungen Mann, für den die Jugendzeit vom Alltag der Fabrikarbeit geprägt war, irgendwann eine Platte von Charlie Parker in die Hände. Was er hörte, war unerhört: die musikalischen Quantensprünge der Blue Notes, die rasenden, nervösen Phrasen, die Zertrümmerung des musikalischen Themas, die der Bebop in flüchtige melodische Fetzen auflöste. „Die Musik hat mich umge-


Empfang zum Geburtstag im Skulpturenpark Waldfrieden. – Foto: K.-H. Krauskopf worfen, obwohl ich sie nicht verstand.“ Es war der Moment, in dem er sich in den Jazz verliebte. Später wird Dieter Fränzel das Geheimnis aller großen Jazzmusiker herausfinden: „Für sie, die wirklich Großen ihres Fachs, sind Musik und Leben eins.“ Vielleicht gilt dieser Satz – in abgewandelter Form – auch für ihn selbst. Seine Art zu leben und zu arbeiten, sich in den Dienst der Sache zu stellen, sind ein genauer und unmittelbarer Ausdruck seiner Persönlichkeit. „Kultur organisieren“ Sicherlich war es nicht dieser eine Moment alleine, als Dieter Fränzel via Schallplatte Charlie Parker begegnete, der ihn aus seiner ihm scheinbar vorgezeichneten Lebensbahn katapultierte. Aber der junge Mann, bereits vom Virus des Jazz befallen, ist sich sicher: „Ich will anders sein.“ Es ist nicht leicht, die Erwartungen und Hoffnungen der Mutter zu enttäuschen. Dennoch weiß

er, dass er seinen eigenen Weg gehen muss. Er fährt nach Paris, besucht die Existentialistenkeller, saugt die Atmosphäre der Seine-Metropole in sich auf. Auf der Suche nach sich selbst, beschäftigt er sich mit der Existenzphilosophie, liest Jean Paul Sartre und findet dort das Motiv seines Lebens: „Der Mensch ist, was er aus sich macht.“ „Ich will anders sein als die anderen.“ Mit großer Beharrlichkeit und Konsequenz setzt er dieses zunächst noch unbestimmte und vage Programm um. „In mindestens zehn Berufen habe ich mich ausprobiert“, sagt er, bis er seine Bestimmung als Kulturarbeiter, für ihn ein Ehrentitel, gefunden hat. Unter anderem fährt er im Auftrag des Bertelsmann-Verlags als selbst erklärter Werbefachmann mit einem bunt bemalten Vorkriegs-DKW durch das Ruhrgebiet, um Verlagsprodukte, insbesondere natürlich die geliebten Jazzplatten an

den Mann und die Frau zu bringen. Der DKW versagt häufig seine Dienste, und auch am Jazz sind die Menschen weniger interessiert; es ist die Hochzeit des Rock n’ Roll und Musik kommt jetzt aus der Jukebox. Doch Musik von der Stange, das ist seine Sache nicht. Ihm wird klar: „Ich will Kultur organisieren.“ So gründet Fränzel ab 1957 in Wuppertal verschiedene JazzClubs: den Jazz-Bunker am Platz der Republik, das „Karogramm“ in den Katakomben des legendären „Bohème“ am Alten Markt und das „Jazzlabor“ an der Adersstraße, das schnell zum Treffpunkt der noch jungen Wuppertaler Jazzszene wird. 1964 holt er den großen Bassisten Charles Mingus zu einem legendären Konzert in die Stadthalle nach Wuppertal. Im gleichen Jahr gründet er mit anderen die Zeitkunstgesellschaft, aus der dann das „impuls“ hervorgeht. Fränzel fährt häufig nach Amsterdam; dort

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Foto: Dennis Scharlau entflieht er der oft als stickig und spießig empfundene Enge des Tals. Außerdem ist er auf der Suche nach Modellen für soziokulturelle Zentren. Und so wird aus dem Aktionszentrum „impuls“ ein wichtiger Impuls für die Wuppertaler Kultur: das ehemalige Fabrikgebäude an der Viehhofstraße beheimatet das erste Programmkino und den ersten Politischen Buchladen Wuppertals – und natürlich einen Jazzkeller. „Ich will anders sein als die anderen.“ Ein Satz, der dem jungen Kulturarbeiter spätestens dann vor die Füße fällt, als viele junge Menschen im Sog der 68er-Bewegung die gleiche Idee haben und sich in den nun neu formierenden unterschiedlichen politischen und soziokulturellen Sammelbecken einfinden. Das „impuls“ wird zum Treffpunkt der verschiedensten Szenen: Rockergangs, Hippies, Spontis, Schüler, Poeten und Musiker, Aktivisten der Friedensbe-

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wegung. Zwischen diesen Szenen zu vermitteln, ist eine Herkules-Aufgabe. Als das Anti-Vietnam-Kriegs-Stück „Ficknam“ des US-amerikanischen Undergroundpoeten Tuli Kupferberg im „impuls“ über die Bühne geht, protestiert die Junge Union draußen vor der Tür mit Plakaten „Denken statt Ficken“, während Anarchos im „impuls“ die Sicherung rausdrehen; sie weigern sich Eintrittsgeld für die Inszenierung zu zahlen – Kultur gehört doch allen!

an einer Idee auch in schwierigen Zeiten festhalten. Zwei Frauen sind es, die ihn in diesen schwierigen Zeiten unterstützen: Ingrid Schuh, die Mutter des Wuppertaler Jazz, und Doris Golka. „Ohne die beiden hätten wir den Betrieb nicht aufrecht halten können“, sagt Fränzel heute. Aus der Ehe mit Doris Golka geht die Tochter Nina hervor – „ein großes Glück!“ Heute ist es Lebensgefährtin Marlies, die ihm bei seinen Projekten den Rücken stützt.

Ästhetische Erziehung als gesellschaftspolitisches Programm Fränzel, der zwischen allen Stühlen sitzt, ist Angriffen aus Politik und Verwaltung ebenso ausgesetzt ist wie solchen aus der „Szene“. Es hagelte Hausdurchsuchungen, Ermittlungsverfahren und Verbote. Doch Fränzel, der in Auseinandersetzungen mit Rockern auch mal zusammengeschlagen wird, gibt nicht auf. Das ist seine Art „anders zu sein“: beharrlich

Trotz aller Widrigkeiten findet Fränzel Wege, um das finanziell angeschlagene „impuls“ aus den roten in die schwarze Zahlen zu bringen und auch sonst in ruhigere Gewässer zu steuern. „Rückblickend war für mich dieses Jahrzehnt zwischen 1965 und 1975 die spannendste Zeit meines Lebens. Es war eine Zeit des Aufbruchs aus den Erstarrungen der Wirtschaftswunderjahre. Wir experimentierten mit Arbeits- und


E. Dieter Fränzel mit Lebensgefährtin Marlies – Foto: K.-H. Krauskopf Lebensformen. Alles war offen, und niemand wusste, wohin die Reise geht. Alles schien in dieser Zeit möglich.“ Dass die sogenannte 68er Bewegung im Zuge eines konservativen Rollbacks häufig negativ gesehen wird, enttäuscht den heute 75-jährigen. Dennoch ist es für ihn ein Erfolg, dass aus dem „impuls“ das erste soziokulturelle Zentrum der Bundesrepublik, „die börse“, hervorging. An dessen Gründung und Planung ist er maßgeblich beteiligt. Bis heute ist er davon überzeugt, dass Veränderungen hin zu einer faireren und gerechteren Gesellschaft nur über eine Veränderung des Bewusstseins möglich sind: „Kulturarbeit bedeutet immer auch ästhetische Erziehung.“ Deshalb findet er es unverantwortlich, dass „die Politik gerade bei der Kultur spart“. Nach den „impulsiven“ Zeiten in seiner Heimatstadt zieht es Fränzel nach Unna, wo er u.a. als Fachbereichsleiter für kom-

munale Kulturarbeit tätig ist. 1989 wird er nach Wuppertal gerufen und gestaltet als Projektleiter die „Interkulturellen Begegnungen“. Die Chancen, die sich ihm als Kulturarbeiter bieten, nutzt er auch, um den Protagonisten des Jazz und der freien improvisierten Musik Spielmöglichkeiten zu geben. „Ein Ermöglicher und Zusammenführer“, so sieht ihn der Freund und renommierte Filmemacher Christoph Hübner, den Fränzel als Stadtfilmer in Unna kennengelernt hat. Fränzel stelle nicht sich selbst, sondern die Sache in den Vordergrund. „Gerade durch diese zurückhaltende und unaufdringliche, aber stets auch konsequente und nachhaltige Art hat er viele Kulturschaffende in Projekten und auch darüber hinaus zusammengeführt.“ In mehr als 50 Jahren Kulturarbeit ist so eine Art Fränzel-Kosmos entstanden, zu denen Musiker und Autoren, Kulturarbeiter und -theoretiker, bildende Künstler und Ausstellungsmacher gehören.

Weltoffen Obwohl eng mit seiner Heimatstadt verbunden – er lebt seit seiner Geburt in seinem Elternhaus – ist Fränzel ein weltoffener Mensch. Seine Antennen hat er, was Kultur und Politik betrifft, auf weltweiten Empfang gestellt. Reisen führen ihn kreuz und quer durch Europa, nach Afrika, in die USA und nach Kuba, immer auch auf Spurensuche in Sachen Musik und Kultur. Er hat sich nicht nur für Jazz und Musik interessiert, sondern sein Augenmerk auch auf die Entwicklungen im Bereich des Films und der bildenden Kunst gerichtet. Fränzel erlebte u.a. die legendären Happenings und die Geburt der Fluxus-Bewegung in der Wuppertaler Galerie „Parnass“ hautnah mit. Und so ist es Dieter Fränzel, der dem jungen Peter Kowald, der begeistert vom Jazzidiom, aber noch auf der Suche nach neuen und eigenen Ausdruckformen ist, den Kontakt zu Peter Brötzmann vermittelt. Der lotet

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Geburtstagsparty in der Villa Waldfrieden – Abendstimmung – Foto: K.-H. Krauskopf als Autodiktat die klanglichen Spektren des Saxophons aus, studiert an der Werkkunstschule Grafik und ist mitten drin in den Bewegungen, die die Bildende Kunst in den 60er Jahren revolutionieren. Er ist bekannt mit Nam June Paik und einigen FluxusKünstlern um Wolf Vostell. In diesem Dunstkreis entsteht auch der Free Jazz: eine hochenergetisch aufgeladene Musik jenseits der Tonalität, „auf der Suche“, wie Peter Kowald einmal sagte, „zum unmittelbaren Ausdruck der Gefühle.” Brötzmann und Kowald werden mit Platteneinspielungen wie „Machine Gun“ und „Globe Unity“ Jazzgeschichte schreiben. Dass Wuppertal eines der europäischen Zentren des Free Jazz werden konnte, daran hat auch Dieter Fränzel seinen Anteil. Auf diese und viele andere Jazzgeschichten hat E. Dieter Fränzel in dem von ihm und Rainer Widmann (Jazz-

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Age) herausgegebenen Buch „Sounds like Whoopataal - Wuppertal in der Welt des Jazz“ zurückgeblickt. Achtzig Jahre regionale Jazz- und Kulturgeschichte sind dort dargestellt. „Exemplarisch schön bewegt sich das Buch von den Swingzeiten mit dem (wieder) zu entdeckenden Klarinettisten Ernst Höllerhagen und dem blinden Pianisten Wolfgang Sauer über den Free Jazz bis zur Violinistin Gunda Gottschalk. Die Fotos von Hans Harzheim sind allein die welthaltige Schatzsuche wert!“, urteilt der Rezensent der „Zeit“. Und die Fachzeitschrift „Jazzthetik“ kommt zu dem Urteil: „Wunderschöner Existenzbeweis des Lebens in einer Jazzmetropole ist das großformatige, mit Hilfe von ausgewiesenen Kennern geschriebene und zusammengestellte Buch.“ Innerer Kompass Das Buch war ein Rückblick auf eine

Jazz-Zeit, die Dieter Fränzel zum Teil mit gestaltet und als Zeitzeuge miterlebt habt. Doch mit der von ihm initiierten und geleiteten Musikreihe KlangArt sollten der Jazz und die freie improvisierte Musik in seiner Heimatstadt noch einen weiteren schönen Impuls erfahren. Die Kunst in der Natur ganz in der Nähe, das ist für mich ein Glück! Ich betrachte den Park als ein wundervolles Geschenk von Tony Cragg an die Stadt und ihre Bewohner.“ Bereits im ersten Jahr hat „KlangArt“ viele Menschen in ihren Bann gezogen. Viele Musikbegeisterte reisten aus dem Ruhrgebiet und den rheinischen Metropolen an. Der große Erfolg dieser Musikreihe ist wohl auf den fein abgestimmten Mix aus Jazz, Improvisierter Musik und Weltmusik zurückführen. Unter vielen anderen herausragenden Musikern haben im Park Markus Stockhausen und Tara Bouman, Paolo Fresu, Rob Brown, Joachim Kühn, Rabih Abou-Khalil, Ferenc Snetberger, Renaud Garcia-Fons, Philippe


Thomas Pintzke StB

Katrin Schoenian WP/StB

E. Dieter Fränzel mit Dietrich Rauschtenberger – Foto: K.-H. Krauskopf Dr. Jörg Steckhan RA/WP/StB

Cathérine und Jasper van´t Hof, Jean Luc Ponty und Wolfgang Dauner gespielt, Erika Stucky, Saadet Türköz und Savina Yannatou haben hier gesungen und sich vom Zauber dieses Ortes inspirieren lassen. Für Dieter Fränzel war es von Anfang an wichtig, „dass die Musik, die wir hier präsentieren, zur Eigenart und Atmosphäre des Ortes und zur Ausstrahlung der hier ausgestellten Kunst passt.“ Ein solches auf den Ort und den Raum bezogenes Konzept ist rational kaum beschreibbar, wichtig ist das künstlerische und musikalische Fingerspitzengefühl, mit dem die Musikauswahl getroffen und ein Spannungsbogen aufgebaut wird. Sicherlich ist dieses künstlerische Taktgefühl auch das Ergebnis einer 50-jährigen Erfahrung als Kulturarbeiter und Organisator von Jazzkonzerten und -projekten. „Music is an open sky“, dieser Satz von Peter Kowald gilt auch für Dieter Fränzel, der mit wacher Aufmerksamkeit die neuesten Ent-

wicklungen in der aktuellen Musikszene verfolgt. Doch es kommt wohl noch etwas hinzu. Der Freund und Berliner Kulturtheoretiker Joachim Krausse sagt über Dieter Fränzel: „Er hat einen untrüglichen inneren Kreiselkompass, der ihn beruflich und als Mensch eine genaue Orientierung gibt und die richtigen Entscheidungen finden lässt.“ Vielleicht war und ist es dieser innere Kreiselkompass, der es ihm ermöglicht, seinem Lebensmotto „Ich will anders sein!“ auch in schweren Momenten treu zu bleiben: authentisch, bescheiden, beharrlich, ein durch und durch bodenständiger Weltbürger.

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Figur und Grund Atelierbesuch bei Cornelius Quabeck

Ausstellungsansicht Galerie Christian Nagel, Köln 2010

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In den letzten Monaten gab es vielerorts Gelegenheit, die Bilder von Cornelius Quabeck zu sehen. Im Frühjahr fand eine Ausstellung in der Galerie von Stephen Friedman in London statt, dann bei Horst Schuler in Düsseldorf und Kai Hoelzner in Berlin und zuletzt zeigte die Kölner Galerie von Christian Nagel Quabecks aktuelle Malereien. Deutlich wird dabei, in der jüngsten Zeit hat sich in seiner Arbeit trotz (oder wegen) dieser dichten Folge an Ausstellungen eine Menge getan. Es sind neue Motive hinzugekommen, zugleich hat die Beschäftigung mit dem Bildgrund an Bedeutung gewonnen. Weitere Ideen für Künftiges zeichnen sich noch ab, und zu all dem hat Quabeck unlängst ein neues, großes Atelier bezogen. Damit ist der Künstler aus dem Bergischen Land nun ganz in Düsseldorf angekommen, im Stadtteil Bilk. Cornelius Quabeck, der 1974 in Wuppertal geboren wurde und zwischen 1995 und 2002 an der Kunstakademie Düsseldorf und dem Chelsea Collage of Art and Design studiert hat, gehört zu den etablierten Malern seiner Generation. Galerien in Deutschland, London, New York, Tokio und Kopenhagen zeigen seine Bilder, die in ihrer Figürlichkeit inmitten eines ma-

lerisch abstrakten Grundes ausgesprochen zeitgenössisch sind, Behauptung und Fragmentierung geradezu provokativ vortragen und mehrere Wahrnehmungsebenen miteinander verschmelzen. Quabeck malt und zeichnet riesige Affenköpfe, Äffchen in Baumkronen, Eulen, Giraffen, welche aus dem Blattwerk herausragen, dann als Körperausschnitte männliche Gesten der Siegesgewissheit und des Widerstands hinter vorgehaltener Hand, zugleich die aggressiv verzerrten Fratzen von Gorillas oder Katzen, weiterhin Rockmusiker in Aktion, besonders schöne Frauen und sich selbst, Skateboardfahrer, ausgestorbene Vögel und Splitter von Gegenständlichkeit in vibrierenden Farbgründen – wie nach einem Vulkanausbruch, und schließlich diesen selbst ... Die Tür zum Atelier ist offen, Cornelius Quabeck steht schon bereit, ist wie stets gelassen, lässig, dabei konzentriert. Gleich hinter der Tür gibt es Neues zu sehen. An der Malwand hängen drei kleinere, weitgehend abgeschlossene Bilder. An der Seite mit Blick auf die Straße der Tisch für die Tuschezeichnungen auf Papier, und in einem weiteren Raum befinden sich in zwei Reihen mehrere Gemälde aus der Zeit, als Quabeck bei Immendorf und Oehlen an


drängen. Zwischen dem Geschehen aber scheint mittels weniger Anzeichnungen das Gesicht eines Äffchens auf, eigentlich mehr als Ahnung, und vielleicht sehen wir das in dieser Malerei nur deshalb, weil Quabeck mit diesem Sujet vor einigen Jahren bekannt wurde und immer wieder darauf zurück kommt. Überhaupt die Tiere, die bei ihm als Stellvertreter für menschliche Verfasstheiten stehen, mithin metaphorische und ikongraphische Dimensionen vermitteln und noch an Natur und eine archaische Zeit erinnern - - vielleicht geht all’ das auf Erfahrungen in Wuppertal zurück: zum einen auf Besuche im Von der Heydt-Museum, das Cornelius Quabeck schon als Kind kennen gelernt hat, und zum anderen – was die Sujets selbst betrifft – den Wuppertaler Zoo.

Ur, 2004, Öl auf Leinwand, 64 x 53 cm der Düsseldorfer Akademie studiert hat – und von Jörg Immendorff vielleicht für das Insistieren auf der Figur und gesellschaftskritische Themen und von Albert Oehlen vielleicht für das Experiment und die Neugierde an der Abstraktion sensibilisiert wurde: All das kennzeichnet bis heute seine eigene Malerei.

einen unruhig vitalen, ebenso immateriellen wie stofflichen Grund, in den er anschließend, nach dem Trocknen und nun an der Wand, mit gegenständlichen Darstellungen hin zum Realismus eingreift und ihn mitunter durch freie Pinselbewegungen wieder aufnimmt. Also, alle Malerei beginnt mit dem Farbgrund ...

Das Lager befindet sich in einem hinteren Raum; die älteren Malereien lehnen in Regalen. Der Boden ist roh belassen. Hier nun trägt Cornelius Quabeck die ersten Schichten seiner Malereien auf, indem er die aufgespannte ungrundierte Leinwand plan auf die Erde legt. Er setzt die Farben als abstrakte Flächen fast aquarellartig, verwendet noch hochpigmentierte Tusche, arbeitet mit dem Pinsel und handelt mit dem selbständigen Reagieren und Vermischen der Farben. Er lässt den Zufall zu und steuert ihn und erreicht so

Eines dieser neueren Bilder interpretiert indes das Gegenständliche neu. Gegeben ist eine informelle beige-grüne Farbfläche, in der die hellen Töne als unabsehbare Tiefe wolkig schweben, Farbspritzer dazwischen, gleichsam als All-Over und doch organisiert als Ausschnitt aus einem größeren Ganzen. Im Zentrum befinden sich in paralleler Führung mit Abstand nebeneinander zwei schwarze langgestreckt organische Formen, als würde eine Gestalt die Farbschichten des Grundes beiseite schieben und nach vorne

Ein Gespräch mit Cornelius Quabeck dreht sich nicht ausschließlich um seine Malerei und seine neuen Bilder. Natürlich kreist das Treffen um deren Konzepte und deren Aktualität und schließlich sein zentrales Thema: wie Figur in der Malerei alles andere als anachronistisch ist und Malerei heute zeitgenössisch sein kann und wie sie es schaffen könnte, sich aus sich selbst heraus zu erneuern. Es geht Quabeck ganz allgemein um kulturelle Phänomene in einer Zeit der vollständigen und schnellen Verfügbarkeit von allem, des ununterbrochenen Daten- und Informationsflusses und der Virtualität selbst von Körper. Zu seinen Maßnahmen einer sinnlichen Vergegenwärtigung der Umgebung gehören eben auch die Verfahren der Sprache und der Musik. Er spielt in einer Band im Umfeld des Düsseldorfer Künstlerprojekts „Red Mota“ und der Zeitschrift „Der Atom“, die er gemeinsam mit Alexander Esters gegründet hat und in der eigene Texte von ihm abgedruckt sind. Als Singer-Songwriter ist er selbst vor einiger Zeit in der Julia Stoschek Foundation in DüsseldorfOberkassel aufgetreten. Aber der Umgang mit Sprache kommt ebenso in den Bildtiteln zum Ausdruck und hat noch zum Einbezug von Schrift im Bildgeschehen selbst geführt, bei der Werkgruppe „Hellfire Club“ (2006), bei welcher auf den meisten der Leinwände ausgeschnittene Buchstaben am unteren Rand ein

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Figur und Grund Wort ergeben, sozusagen als Konzept und Programm. Die Sujets selbst treten suggestiv und wirkmächtig auf, sie handeln mit Unmittelbarkeit im Gegenüber. Quabecks Malereien psychologisieren assoziativ, arbeiten mit Strukturen des bildhaft Psychedelischen, konfrontieren mit Plastizität auf der Fläche und heben alle Distanz auf. Die Köpfe, Schädel auf seinen Bildern blicken uns unverhohlen an, wirken bedrohlich und vereinnahmend, sie scheinen gar das Bildformat zu sprengen. Schlagartig wird man in den Sog der Darstellungen gezogen. Derartiges hat Cornelius Quabeck schon 2004 in einer Serie aus vier überlebensgroßen Bildern (je 230 x 170 cm) realisiert, bei der Affenköpfe in Kohlezeichnung auf Leinwandstoff – hier also ganz im Verzicht auf Farbe – zu sehen waren, umfasst von einem Strahlenkranz aus hellgrauen Strichen. Die grimassierenden, die Zähne fletschenden Schädeln der Primaner repräsentieren Temperamente: schizoid, depressiv, zwanghaft, hysterisch – natürlich schwingen hier wie überall in Quabecks Werk Analogien zum Comic, überhaupt zur Popkultur mit. Der Schädel stemmt sich dem Betrachter geradezu entgegen und verhält sich innerhalb dieser Folge als Teil einer Ahnengalerie und Typologie. In anderen Werkgruppen hat Quabeck für die Darstellung der Affen die Kohlezeichnung mit grüner Tuschfarbe verbunden oder sich ganz auf eine gestische Malerei verschiedener Grüntöne konzentriert, bei der die Tiere – Eulen und Affen – mit dem da noch monochromen Malgrund verschmelzen. Und in seinen aktuellen Malereien, denen unterschiedliche Verfahren des Farbauftrags zugrunde liegen, liefert Quabeck das Porträt eines legendären Vogels, der seit Jahrhunderten ausgestorben ist: Der Dodo in seinem Bild „Darkburst“ (2010) taucht zwischen den Farbbändern in übergroßer Schärfe auf, gewinnt an Präsenz. Die matten pastellenen Töne erinnern noch an die Atmosphäre der Bilder des Surrealisten Roberto Matta. Der Dodo behauptet mit seinem wachen Blick Einzigartigkeit. Und er ist in all dem augenblicklich Quabecks Darstellungen von Menschen verwandt, etwa den Gitarrengöttern aus der Geschichte der

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Cornelius Quabeck vor: Sunburst, 2010, Airbrush-Farbe, Acryl auf Leinwand, 190 x 230 cm

Darkburst, 2010, Airbrush-Farbe, Acryl auf Leinwand, 170 x 160 cm


EGLE

Schleiereule, 2003 / Eulen-Spiegelei, 2004 / Kleiner Gieraffe, 2004, Öl auf Lw., je 90 x 70 cm

Cornelius Quabeck ist beteiligt an der Ausstellung „Neues Rheinland. Die postironische Generation“ im Museum Morsbroich, Leverkusen, 28. November 2010 - 13. Februar 2011.

Thomas Hirsch © Cornelius Quabeck / Fotos: Cornelius Quabeck, Galerie Horst Schuler

DORIDE TERRA

weist auf astrophysikalische Prozesse der Auslöschung und (Wieder-) Entstehung von Galaxien und Sternen aus unvorstellbaren Dichte- und Hitzegraden“, schreibt Karl Hans Müller. „Und im Zentrum des ungeheuerlichen Prozesses der Destruktion und Restitution das Motiv des Vogels ... Wir schauen darauf und sind doch völlig involviert, durch das Auge, das auf uns gerichtet ist.“ (Faltblatt zur Ausstellung bei Horst Schuler, Düsseldorf 2010) Figur ist nicht ohne Bildgrund denkbar und Bildgrund nicht ohne Figur motiviert – es ist die Leistung der Arbeiten von Cornelius Quabeck, klassische Themen einer klassischen Malerei ganz in die Aktualität zu übertragen. Und in der Konfrontation sind uns diese Darstellungen ganz nah.

COSMIC LEAF

Rockmusik, die er 2005 ins Rampenlicht gerückt hat, anlässlich einer Ausstellung zum Gedenken an Rory Gallagher in Belfast. Oder es gibt den Skateboardfahrer auf einem lebensgroßen Bild, aus dem ein Stück Leinwand geschnitten ist, über das der Junge sozusagen springt, gegeben in der Verkürzung der Untersicht (- ein Topos der Barockmalerei!): Wir schauen auf die Unterseite des Skateboards. Der Titel ist „Beck-Man“, weil – so erzählt Cornelius Quabeck – das Gesicht dieses Jungen ihn an den Maler Max Beckmann erinnert habe. Aber auch die zweite Hälfte seines eigenen Namens kehrt wieder. Vor allem aber bezieht sich Quabeck mit dem Titel auf das Wortspiel von Bateman und Batman in dem Film „American Psycho“. So hängt bei Quabecks eines mit dem anderen zusammen, und formale Destruktion – bei „Beck-Man“ noch im Zerschneiden der Leinwand – ist immer zugleich inhaltliche Konstruktion. „Darkburst“ greift dies in der Fragmentierung der Darstellung auf, ebenso wie das zeitgleich entstandene Bild „Sunburst“, in dem alles zerstiebt und sich dazwischen doch wieder ein riesiger Vogelkopf wie eine Erscheinung, aber gerade durch das Unscharfe in enormer Präsenz abzeichnet. „Die ... Auflösung jeder Dinghaftigkeit

Lichtbogen Frank Marschang e.K. Karlstraße 37 42105 Wuppertal Tel. 0202.244 34 40 Fax 0202.244 34 39 www.lichtbogen-wuppertal.de info@lichtbogen-wuppertal.de

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Der Baum der Erkenntnis. Christian von Treskow inszeniert Tschechows „Kirschgarten“ als eine zeitgemäße Komödie über Scheitern und Neubeginn.

Christian von Treskow.

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Er könnte der Welt, so sagte Anton Tschechow, „nicht die Spur einer rettenden Wahrheit in die Hand geben“. Aber vielleicht sind die Stücke des Autoren so frisch geblieben, weil er nicht die Lösung der großen Probleme Russlands, nicht die Therapie der sozialen Zustände für seine Aufgabe hielt, sondern die schlichte Fragestellung, die klare Diagnose. Anstelle der kluge Antwortengeber zu sein, wollte er „nur“ den aufmerksamen und objektiven Chronisten geben, der gelernte Arzt. Auch im „Kirschgarten“, seiner 1904 uraufgeführten Komödie, die Schauspielhausintendant Christian von Treskow jetzt im Opernhaus auf die Bühne bringt, ist es „der hintergründige, schwarzhumorige Blick des Mediziners auf die Menschheit und dem Wissen: ich kann die Welt nicht ändern. Aber ich kann darüber lachen“, so der Regisseur. Zum ersten Mal inszeniert der 42-Jährige ein Tschechow-Stück. Der „Kirschgarten“, der mit einem grandiosen Versagen

beginnt und dem Eingeständnis der Hauptfigur, den Aufbruch in ein neues Leben nicht geschafft zu haben, grenzt sich für ihn „sehr eindeutig von der Tragödie ab“, es ist eine „Komödie, niemand bleibt auf der Strecke, niemand muss sterben. Letzten Endes gibt es eine passende Lösung für alle. War es ein Spuk? Vielleicht!“. Das alte Wahre und der ökonomische Wert Fast alle großen Fragen werden bei Tschechow wie in einem Brennglas gebündelt. Abschied und Ankunft, Verlust und Gewinn, Aufstieg und Fall ebenso wie Ende und Neuanfang sind existentielle Themen, die angeschnitten werden. „Vor Entscheidungen wird ausgewichen, das macht es so ungeheuer komisch. Es ist mehr ein Schütteln als Prusten, denn Tschechow hält den Menschen einen Spiegel vor.“


Es ist die Geschichte eines grandiosen Scheiterns mit schiefem Happy end. Die adelige Familie ist pleite, Ranjewskaja und ihrer Sippschaft bleibt zum Überleben eigentlich nur eins, den unrentablen Kirschgarten zu verscherbeln. Ausgerechnet Lopachin, als Sohn eines der Ex-Sklaven doch bloß Emporkömmling, erwirbt ihn. In der Grundüberlegung gibt es zwei miteinander konkurrierende Modelle, so von Treskow: entweder man ergreift für den Kaufmann Lopachin, der doch ohne besondere Grausamkeit einfach die Zeichen der Zeit erkennt, Partei. Das folgte dem Prinzip „weg mit der nutzlosen Kunst, her mit Veränderungen“. Oder man bleibt bei Ranjewskaja, sperrt sich gegen das Neue, den Turbo-Kapitalismus, setzt dagegen die Nachhaltigkeit. Bleibt man konservativ, hängt mit Sorgfalt an den Dingen und verweigert sich dem Fortschritt. Oder wählt man mutig die progressive Lebensführung, begrüßt alles Neue stürmisch, ist immer in Bewegung und taxiert Menschen nach ihrem ökonomischen Wert?

Die Angst vor der Stille Tschechow, so beurteilt von Treskow, ist so geschickt, sich nie eindeutig für eine Variante zu entscheiden. Als „RätselStück, das sich den einfachen Aussagen verweigert“ sieht er den Klassiker. Die Zeit in Wuppertal sei reif für diese ambivalenten Fragen, denn so wie Ranjewskaja, ihr lebensuntüchtiger Bruder Gajew und die Töchter jahrelang auf Pump gelebt haben, darf man sich auch in dieser Stadt getrost fragen: wie gehen wir mit unseren Schulden um? Wie geht es weiter? Wie so oft bei Anton Tschechow charakterisieren weniger die Taten das handelnde Personal, als ihre Untätigkeit, das schöne philosophieren und in einer anderen Welt leben. „Und das unablässige Sprechen. Alle haben Angst vorm Schweigen, deshalb reden sie immerzu.“ Und so paradox es auch klingen mag: Das Wichtigste in Dialogen sind die Pausen, das Fundament das Schweigen. Das möchte

Christian von Treskow in seiner Inszenierung – Glamour und die alte Welt treffen auf der eigentlich viel zu kleinen Bühne auf das Wesen des Jetztigen mit einem Kirschgarten wie einer ewig leuchtenden Reklame – zeigen und für den Zuschauer spürbar machen. Zum Schluss sind im Stück stumpfe Schläge zu hören. Der Kirschgarten, Symbol des zaristischen Russlands, wird zu Kleinholz verarbeitet. Die Schläge sind zugleich Schlussakkorde. Oder eben Ouvertüre. Denn wie gesagt, allem Ende wohnt ein Beginn inne. Valeska von Dolega

Der Kirschgarten Premiere 1. Oktober 2010, Opernhaus Besetzung: Jascha Hendrik Vogt Firs Thomas Braus Dunjascha Juliane Pempelfort Semjon Jepichodow Oliver Picker Charlotta Iwanowna Julia Wolff Boris Simjonow-Pischtschik Oliver Held Pjotr Trofimow Gregor Henze Jermolai Lopachin Lutz Wessel Leonid Gajew Andreas Ramstein Warja Maresa Lühle Anja Anne-Catherine Studer Ljubow Ranjewskaja An Kuohn Inszenierung Christian von Treskow Bühne Jürgen Lier Kostüme Dorien Thomsen Dramaturgie Oliver Held

Szenenfoto, Foto: pillboxs

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Ratten unter sich Plötzlich war die Luft von gellendem Kreischen erfüllt. Die Äste der alten Platane gerieten in wilde Bewegung, und eine Wolke grüner Papageien schwirrte zwischen den Blättern hervor. ‚Da sind sie wieder,’ sagte die alte Dame, ‚die kommen vom Melaten-Friedhof. Ob die eine von uns holen wollen?’ Ganz kurz sah sie ihre Begleiterin aus den Augenwinkeln an, und Frau Metternich explodierte ganz wie erwartet: es gab keine Papageien auf Melaten, und erst recht nicht im Stadtgarten, jeder wusste, dass die bei uns im Freien nicht überleben können, schließlich war man hier nicht in Ceylon, und wenn man langsam kindisch wurde, sollte man lieber den Mund halten. Und überhaupt würde sie das dem Sohn der alten Dame erzählen müssen. Bei seinem nächsten Besuch. Die alte Dame nickte und sagte nichts mehr. Geduldig schob sie sich an Frau Metternichs Arm den breiten Weg entlang, ganz langsam, mit winzigen Schritten. Geduld, die brachten sie einem bei, wenn man alt war. Zu allen Dummheiten schweigen, zu allen Unverschämtheiten ja und amen sagen, bloß weil man allein nicht mehr fertig wurde. Doch dies Mal war es Frau Metternich, die besser den Mund gehalten hätte. Gerade hatte sie ihr eigenes Todesurteil ausgesprochen. Die alte Dame lächelte ein bisschen. In einem Monat wollte ihr Sohn kommen. Bis dahin musste es passiert sein. Wenn diese Person doch nur ein Mal wie ein vernünftiger Mensch reagiert hätte. Die Sache mit den Papageien hatte sogar schon in der Zeitung gestanden, aber Frau Metternich las keine Zeitung. Sie las überhaupt nichts, nicht einmal die Etiketten auf den Sherryflaschen, aus denen sie heimlich trank, und darum war es gar nicht so schwer, sie nach Melaten zu schicken, mit oder ohne Papageien. Die alte Dame blähte die Nasenflügel vor unterdrücktem Vergnügen. ‚Da setzen Sie sich jetzt hin und warten, bis ich zurückkomme,’ verlangte Frau Metternich und blieb bei einer leeren Bank stehen, ‚ich muss Ihnen ja wohl wieder mal Ihre Jacke holen.’ Der alten Dame stand schon jetzt der Schweiß auf der Oberlippe. Und während sie sich ganz vorsichtig auf die harte Bank sinken ließ – das Hinsetzen war in den letzten Jahren fast so mühselig geworden wie das Aufstehen – sah sie ihre Begleiterin schon dem Ausgang des Parks zustreben, wie ferngesteuert von der Gier nach dem Sherry im Küchenschrank.

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Vor zwanzig Jahren hatte die alte Dame selbst gern Sherry getrunken. Sie ließ sich regelmäßig einen trockenen und doch vollen Amontillado ins Haus schicken und glaubte darin eine herbe Erinnerung an die abgeholzten Kastanienwälder des schattigen Spanien zu schmecken. Bis sie merkte, dass Frau Metternich mit ihren nassen Lippen aus derselben Flasche trank. Ohne Glas, direkt aus der Flasche. Frau Metternich, das Weib, das ihr Sohn als Stütze und Stab für sie engagiert hatte, als er nach Zürich zog. Und jetzt wurde die Stütze mit jedem Tag dreister, schluckte jedes Mal ein bisschen mehr und genoss das Gefühl, dass sie den Wein der alten Dame trank und dass die es wusste und sich nicht wehren konnte. Sondern die fast geleerten Flaschen stillschweigend wegwarf. Denn immer ließ Frau Metternich einen winzigen Rest übrig, anfangs, um den Schein zu wahren, später zum Hohn. Eines Tages begann sie, auch die ungeöffneten Flaschen anzubrechen und auszutrinken, bis auf den widerlichen Rest.

Dorothea Renckhoff, Foto: Ron Preedy

Die alte Dame hatte sich geekelt und die Bestellung beim Weinhändler unterlassen. Seitdem wurde der Sherry bei Aldi gekauft und oben im Küchenschrank aufbewahrt. Frau Metternich hatte das als Sieg verbucht, denn sie missbilligte Feinkost und Spezialitäten und erledigte sämtliche Einkäufe für die alte Dame in Billigmärkten. Und jetzt marschierte sie der Wohnung zu, um den ersten Zug des Tages aus der geliebten Flasche zu tun. Weitere würden später folgen, bis zum Abschiedsschluck, ehe sie nach Hause ging. Die alte Dame lächelte wieder. Diesen letzten Schluck hatte sie gut vorbereitet. Ihr Gesicht sah jetzt ziemlich boshaft aus. Frau Metternichs fester Schritt hatte eine Ratte aufgescheucht. Die alte Dame sah erwartungsvoll zu, wie das hässliche Tier über den Weg rannte. Ratten waren das Einzige, wovor ihre Stütze eine wahre Todesangst hatte. Doch kein Erschrecken, kein Aufschrei; Frau Metternich hatte das Ungeheuer nicht gesehen, und das Tier verschwand in einem Kellerfenster neben dem Parktor. Die alte Dame seufzte.


‚Schade um das schöne Haus,’ sagte jemand über ihr. Die alte Dame schrak zusammen, doch es war nur der Pfarrer, der mit seiner Einkaufstasche bei ihr stehen geblieben war. ‚Früher hat ein Gärtner drin gewohnt,’ sagte die alte Dame. Etwas zu beleibt, dieser Pfarrer, aber doch ein netter Junge. Sie wäre gerne öfter in seine Kirche gegangen, aber Frau Metternich fand das übertrieben. ‚Haben Sie damals schon hier gewohnt?’ fragte er. ‚Ich bin hier geboren,’ sagte die alte Dame, ‚mein Geburtstag steht auf einem Balken an dem Fachwerkgiebel da drüben. Mein Vater hat es mir immer gezeigt, wenn wir vorüber gingen. <Bei seinem ersten Besuch in Köln mit seinem lenkbaren Luftschiff LZ 2 am 5. 8. 1909 nahm Graf Zeppelin in diesem Hause Wohnung.> An dem Tag bist du geboren worden, hat mein Vater gesagt. Später ist er Missionar auf Ceylon geworden.’ ‚Sri Lanka,’ berichtigte der Pfarrer, ‚Sri Lanka heißt das jetzt.’ Die alte Dame nickte lächelnd. Bloß weil man alt war, hielten sie einen für blöd. ‚Ich weiß,’ sagte sie, ‚wir haben noch Freunde dort. Enkel unserer Freunde von damals, Urenkel. Einer kommt mich bald besuchen.’ Sie war als kleines Mädchen selbst ein paar Jahre dort gewesen. Plötzlich spürte sie wieder den weichen Sand unter den nackten Füßen, fühlte, wie das warme Wasser an ihren Beinchen hochspritzte, während sie am Wellensaum entlanglief. Feste runde Beinchen mit glatter Haut. Wie konnte das sein, dass diese Beine jetzt zwei grauen Stöcken glichen und sie kaum noch trugen? ‚Wie schön,’ sagte der Pfarrer, ‚Sie sind nie allein. Und dann haben Sie ja auch diese wunderbare Wohnung.’ Ja, die Wohnung am Park. Nur ein paar Meter von ihrem Elternhaus entfernt: als junge Frau war sie eingezogen, mit Mann und Sohn und Dienstmädchen; jetzt lebte sie allein in den großen Räumen und bekam täglich von Frau Metternich zu hören, in einem Zimmer im Altersheim wäre sie besser aufgehoben, und im Grab werde sie noch weniger Platz haben. Es war leichtsinnig von ihrem Sohn gewesen, der Person für später die Wohnung zu versprechen. Aber Bubi war ja schon immer auf die falschen Leute hereingefallen. Denn Frau Metternich wollte nicht mehr länger warten. Seit einiger Zeit konnte die alte Dame sich nicht mehr auf die seltenen Besuche ihres Sohnes freuen, denn sie spürte, wie er sie jedes Mal verstohlen und immer besorgter beobachtete. Die Metternich hatte Zweifel

an der Zurechnungsfähigkeit seiner Mutter in ihm geweckt. Kleine Bemerkungen über große Geldsummen und kostbare Schmuckstücke, die angeblich an wildfremde Leute verschenkt worden waren, wahre und erfundene Geschichten von verlorenen Schlüsseln, offenen Gashähnen und brennenden Kerzen auf dem Fernsehapparat. Es war unverantwortlich, gab sie zu verstehen, einen so alten und zeitweilig verwirrten Menschen für viele Stunden und ganze Nächte sich selbst zu überlassen, und wenn nun die Mutter eines Tages das Haus anzündete? Wenn Bubi das nächste Mal kam, würde Frau Metternich auf eine Entscheidung drängen, das schloss die alte Dame aus Bemerkungen und versteckten Drohungen. Altersheim oder Zwangsüberwachung durch diese Person, die mit in die Wohnung einzöge – die alte Dame wusste nicht, was schrecklicher wäre. Sie wusste nur, dass sie daran sterben musste. Etwas vergesslich war sie ja wirklich geworden, sie war hinfällig, und nur ihre gewohntes Zuhause und die eigene Art zu leben hielten ihre gebrechliche kleine Person noch notdürftig zusammen. Und darum würde die Metternich heute Mittag einen großen Schluck Essigessenz trinken, wenn sie die Sherryflasche vor dem Nachhausegehen an die Lippen setzte. ‚Sie wollten doch heute die Plumeaus für Ihre Obdachlosen abholen,’ sagte die alte Dame, als der Pfarrer seine Tasche neu schulterte und sich zum Gehen wandte; er werde wie besprochen um zwei Uhr kommen, versicherte er, ‚aber dass Sie mir auch pünktlich sind!’ schärfte sie ihm ein, ‚Frau Metternich geht heute schon um viertel nach zwei, und die muss Ihnen die Sachen ja aus der Truhe holen, denn Frau Stein macht um die Zeit den Keller.’ Schon vor drei Tagen hatte sie der Putzfrau gesagt, dass heute Mittag der Keller dran war. Sie hatte alles bedacht, und der Pfarrer gab sein Wort, rechtzeitig da zu sein. Ein Druck auf den Klingelknopf, ein kurzer Wortwechsel mit der Metternich, mehr erwartete sie nicht von ihm, das genügte ihr, um die präparierte mit der Sherryflasche zu vertauschen. Nur pünktlich musste er kommen. Die alte Dame lächelte wieder. Beihilfe zum Mord, nur für ein paar alte Federbetten. Frau Metternich kam jetzt wieder auf die Bank zugestapft und mahnte schon von weitem zum Aufbruch. Die alte Dame wäre auf dem Heimweg so gern an dem Fachwerkbal-

ken mit ihrem Geburtsdatum vorbeigegangen, aber die Vettel lehnte ein solches Ansinnen ab, sie solle sich nicht schon wieder zu viel zumuten, es sei ohnehin schon eine Schinderei, sie in die Wohnung zurück zu schleppen. Frau Metternich schritt rascher aus, um zu beweisen, wie recht sie hatte. Die alte Dame beeilte sich, demütig zu nicken, damit die Person nicht noch schneller ging. Es gab wirklich keine andere Möglichkeit als Essigessenz. Schon in der Nacht hatte die alte Dame die ätzende Säure in eine leere Sherryflasche gefüllt. Sie wusste nicht, ob ein kräftiger Schluck tödlich wirkte; vielleicht kam das Weib mit dem Leben davon, aber es wäre monatelang nicht in der Lage zu sprechen. Ohne Angst könnte sie sich auf Bubis Besuch freuen. Es durfte nur nicht so aussehen, als hätte ihre Verwirrtheit den Unfall verursacht. Die Metternich selbst musste schuldig am eigenen Unglück erscheinen, sonst war alles vergebens. Und so hatte die alte Dame heute morgen ihre beiden Frauen in der Küche um sich versammelt, Frau Metternich und Frau Stein, um ihnen zu erklären, dass sie die Essigessenz in eine Sherryflasche hatte füllen müssen, weil der Verschluss des Originalbehälters defekt gewesen war. Frau Stein würde sich daran erinnern; sie würde sich auch an das mit ‚Vorsicht, Gift!’ beschriftete Schildchen erinnern, das vorn über dem Flaschenetikett klebte – deutlich lesbar für jeden, der lesen konnte und wollte. Frau Stein würde auch bezeugen, dass die alte Dame diese Flasche nach unten in den Küchenschrank gestellt hatte, zu den Putzmitteln, und nicht nach oben, wo der Sherry neben den Gewürzen stand. Frau Stein wird bezeugen, dass Frau Metternich jede Art des Lesens verabscheut und niemals richtig zugehört hat, wenn man ihr etwas sagen wollte. Frau Stein ist zuverlässig. Sie kann nach dem Tod der Metternich Einkäufe und Botengänge übernehmen. Gutwillig ließ die alte Dame sich von Frau Metternich die Treppe hoch zerren. Sie setzte den Strohhut ab und steckte die dünnen Handschuhe in ihre Handtasche, die sie wie jeden Tag mit zum Essen in die Küche nahm. Nur Frau Metternichs Fingerabdrücke wird man finden, auf der Flasche mit dem Gift und auf der leeren Sherryflasche im Schrank. Friedlich setzte die alte Dame sich auf einen Küchenstuhl und sah zu, wie das Weib aus Büchsenfleisch und blassen Toma-

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ten eine Mahlzeit zusammenmanschte. Dies eine Mal muss sie den Fraß noch schlucken, dann kann sie sich Pekingente ins Haus bestellen, so viel sie will, und Frau Stein wird gern wieder für sie im Esszimmer decken Das kleine Ölfläschchen der Putzfrau stand neben dem leeren Salzstreuer auf dem Tisch. Von Zeit zu Zeit nahm sie einen Löffel mit einem Gemisch aus zwei Teilen Rizinus und fünf Teilen Olivenöl. Das ständige Lamentieren über ihre Verdauung war wohl Frau Steins einzige lästige Eigenschaft. Die alte Dame lächelte. Wenn gar nichts half, hatte ihr Vater damals in Ceylon manchmal Krotonöl genommen, ganz vorsichtig und tropfenweise. Ein Schlückchen zu viel, hatte er immer gesagt, und man starb auf grässliche Weise. Kein Wunder, dass man es in Deutschland nicht kaufen konnte. Und dann klingelte es, Punkt zwei, genau im richtigen Moment, als sie vom Essen aufgestanden war und am Küchenschrank stand, um ihre Serviette wegzulegen. Sie braucht nur zu warten, bis Frau Metternich durch den langen Flur zur Etagentür gegangen ist; Frau Stein ist längst im Keller verschwunden. Durch die bleiverglasten Scheiben der oberen Schranktür schimmern nebeneinander zwei Sherryflaschen, eine halb voll, die andere so gut wie leer. Nie mehr wird die Metternich diesen unanständigen Rest zurücklassen. Rasch zieht die alte Dame ihre Handschuhe an. Nimmt die halbvolle Flasche heraus, leert sie in den Ausguss und versenkt sie im Mülleimer. Lässt Wasser laufen, damit das Weib den vergossenen Sherry nicht riecht. Sie hört die fette Stimme auf den Pfarrer einreden. Hört die Beiden in das Zimmer gehen, wo die große Truhe mit den Federbetten steht. Was für ein Glück, ihre Ohren funktionieren noch tadellos. Auch bücken kann sie sich noch, wenn es sein muss. Und mit zusammengebissenen Zähnen – es tut doch weh – beugt sie den Rücken, bis sie die Flasche mit der Essigessenz unten im Schrank greifen kann. Nimmt sie von den Putzmitteln fort und stellt sie nach oben, neben die Flasche mit dem hässlichen Rest. Dreht sie mit dem Etikett nach hinten. Seit Wochen hat sie darauf geachtet, dass die Etiketten immer nach hinten zeigen. Die Metternich wird nichts Besonderes daran finden. Wird die Aufschrift ‚Vorsicht, Gift!’ nicht sehen, sondern blind nach einer Flasche greifen, aus der sie am selben Tag schon mehrmals getrunken hat. Glaubt sie.

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Wenn Frau Stein aus dem Keller heraufkommt, findet sie das Weib mit verätzter Kehle vor dem Küchenschrank, in dessen oberem Fach nur noch eine fast leere Sherryflasche steht. Natürlich, wird sie denken und später auch aussagen, Frau Metternich hat nach einer anderen Flasche gesucht und ist an die mit der Essigessenz geraten, unten bei den Putzmitteln. Weil sie am Morgen nicht zugehört hat. Die alte Dame lauscht. Der Pfarrer verabschiedet sich. So rasch sie kann, verlässt sie die Küche, auf ihren Stock gestützt, der ihr in der Wohnung den Arm der Metternich ersetzt. Das Weib darf jetzt auf keinen Fall misstrauisch werden, weil sie so lange in der Küche geblieben ist. Die Wohnungstür fällt zu. Die Metternich stapft noch einmal zur Truhe und werkt daran herum, und mit einigen hastigen Schritten ist die alte Dame im Wohnzimmer und lässt sich in der Sofaecke nieder. Man muss dem Weib Zeit lassen, seinen Abschiedstrunk zu nehmen. Sie wartet geduldig. Jetzt zieht die Person wohl den Kittel aus, das scheußlichste Kleidungsstück der Welt, schlimmer als Trainingshosen. Jetzt ein flüchtiges Händewaschen, das Abtrocknen am Geschirrtuch. Seit die Metternich Dienst in diesem Haushalt tut, haben alle Gläser Streifen und Fettflecken. Aber sie benutzt ja auch nie Gläser. Jetzt geht sie zum Schrank, nimmt die Flasche - - - Die alte Dame umklammert ihre Handtasche. Dann zerreißt ein grauenvoller Schrei die Luft, gellend, gepeinigt, voller Entsetzen. Dass man mit Essigessenz im Hals noch so schreien kann. Die alte Dame hat eher mit etwas wie Röcheln gerechnet. Der Schrei reißt nicht ab, wird höher, panischer und sogar noch lauter. Dann kommen Schritte aus der Küche. Die alte Dame drückt sich erschrocken in die Polster. Sehen will sie das eigentlich nicht. Die Tür schwingt auf. Auf der Schwelle steht Frau Stein. Sie hält etwas großes Dunkles in die Höhe. Ein langer blassrosa Wurm scheint daran herunter zu hängen. ‚Ich hatte im Keller eine Rattenfalle aufgestellt,’ sagt sie. ‚Nun hat sich Frau Metternich so vor dem toten Tier geängstigt, dass ihr die Flasche aus der Hand gerutscht ist.’ Sie schließt die Tür und kommt näher. Der nackte Rattenschwanz baumelt von ihrer Hand nieder. ‚Es war Essigessenz in der Flasche.’ Sie tritt direkt vor das Sofa. Am Kopf der Ratte ist Blut. ‚Sie sollten kein Gift zwischen die Getränke

stellen,’ bemerkt Frau Stein. ‚Es könnte ja auch mal jemand anderes davon trinken als Frau Metternich.’ Gelassen nimmt sie neben der alten Dame auf dem Sofa Platz und legt die tote Ratte auf das gestickte Seidenkissen zwischen ihnen beiden. Die alte Dame kann nicht antworten. Sie starrt ihre freundliche Putzfrau nur an. Und dann fällt ihr Blick auf ihre eigenen Hände, die immer noch die Tasche umklammern. Sie hat die Handschuhe anbehalten. ‚Ja,’ sagt Frau Stein, ‚zur Drecksarbeit trägt man Handschuhe.’ Sie legt ihre Hand mit dem schmutzigen Gummihandschuh auf das Knie der alten Dame, neben die feine Hand im hauchdünnen Saffianleder. ‚Und ich möchte mich auch bedanken,’ fügt sie nach einer kleinen Pause hinzu, ‚dass Sie mir den geschnitzten Schrank aus Ceylon schenken wollen, und die Chippendalestühle. Den Wäscheschrank kann ich leider nicht stellen, aber von den andern Möbeln kann ich sicherlich noch einiges verwenden. Frau Metternich braucht ja Platz für ihre eigenen Sachen, wenn sie nun zu Ihnen zieht. Das können wir ja in den nächsten Wochen alles gemeinsam in Ruhe überlegen. Nur den Biedermeiersekretär würde ich gerne so bald wie möglich abholen.’ Die alte Dame räuspert sich ein paar Mal. ‚Ja, natürlich,’ sagt sie dann, ganz leise. ‚Aber bitte,’ fährt sie nach einem Augenblick fort, ‚nicht vor morgen. Ich möchte heute noch Briefe schreiben.’ ‚Aber gern,’ antwortet Frau Stein zuvorkommend. Sie nimmt die tote Ratte und verlässt mit leisen Schritten das Zimmer. Die alte Dame steht auf und geht zu dem Sekretär, an dem sie damals stundenlang gesessen hat, um die Umschläge für ihre Verlobungsanzeigen zu beschriften. Zur Hochzeit bekam sie ihn dann von ihrem Vater geschenkt. Was war das für ein heißer Sommer. Fast wie auf Ceylon. Sie setzt sich und schreibt einen Brief nach Sri Lanka, wie es jetzt heißt: ‚Ich habe eine reizende Hilfe,’ lautet der Schluss, ‚aber sie hat große gesundheitliche Probleme. Leider kann man bestimmte wirksame Mittel hier in Deutschland nicht bekommen, und ich würde ihr doch so gerne helfen. Wärst Du so freundlich, mir bei Deinem Besuch ein Fläschchen Krotonöl mitzubringen?’ Dorothea Renckhoff


Mona Lisa: mal wieder enträtselt … Lisa, nicht nur Chanel mit dem bekannten Plakat 1988 sondern auch der Friseur in Goslar (siehe Foto). Aber wer ist diese berühmteste Frau der Welt? Die Kunsthistoriker haben natürlich weiter gesucht und geforscht, obwohl doch 2008 schon alles dafür sprach, dass auf dem Gemälde im Louvre tatsächlich Lisa del Gioconda aus Florenz abgebildet ist. Nach dem spektakulären Fund in der Heidelberger Universitätsbibliothek - dabei handelt sich um eine Anmerkung Agostino Vespuccis, eines florentinischen Kanzleibeamten aus dem octobris 1503 gab es keinen Zweifel daran, dass Leonardo 1503 jedenfalls mit einem Gemälde der Lisa del Cioconda, der Ehefrau eines Seidenhändlers aus Florenz, beschäftigt war (Veit Probst, siehe Musenblätter vom 6. 8. 08). Inzwischen wurde die alte Frage, wer die Frau mit dem berühmten Lächeln im Louvre wirklich ist, erneut beantwortet. Dabei stützen sich alle an der Identitätsfrage der Mona Lisa Interessierten auf nur wenige, wirklich wichtige Quellen: nämlich auf die erwähnte Randnotiz Vespuccis auf dem Cicero-Brief aus Heidelberg von 1503, auf die Lebensbeschreibung Leonardo da Vincis von Giorgio Vasari (1550), auf das Reisetagebuch von Antonio Beati (von 1517, s. u.) und die Notariatsurkunde vom 21. April 1525 über das Erbe eines gewissen Salai.

... und alle Fragen offen Die Berühmtheit der Mona Lisa beruht natürlich auf vielen Faktoren. Das Gemälde Leonardos (1452-1519) ist sensationell, wurde und wird von zahlreichen Künstlern zitiert (Leger, Jasper Johns, Jean Dubuffet, Salvadore Dali (Selbstporträt). Die Mona Lisa wurde literarisch (Cole Porter 1934: „Du bist der Nil, Du bist der Turm von Pisa, Du bist das Lächeln der Mona Lisa.“) Auch die Werbung benutzt die Mona

In Vasaris berühmten Künstlerbiographien, die 1550 zum ersten mal erschienen sind, findet sich der Hinweis, dass Leonardo vier Jahre an dem Portrait der Lisa Gioconda gemalt und es nicht vollendet habe. Nach Vasari hat Leonardo zwischen 1501 und 1503 mit dem Portrait begonnen. Von alters her wird das Bildnis der Mona Lisa auf den Aufenthalt Leonardos in Florenz zwischen 1500 und 1506 datiert. Die Angaben Vasaris sind der Wissenschaft aber suspekt, weil seine Publikation nahezu 50 Jahre nach dem Gemälde erschien. Trotzdem war die Wissenschaft vor allem mangels besserer Quellen überzeugt, dass es sich bei der Mona Lisa um Lisa del Giocondo handelt. Der Fund in der Heidelberger Universitätsbibliothek stützt diese Hypo-

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these, ist er doch der erste und früheste Hinweis auf ein Gemälde der Lisa de Gioconda. Zweifellos war also Leonardo 1503 mit einem Porträt der Lisa del Gioconda befaßt. Schon Veit Probst aber bedenkt bereits 2008 die theoretische Möglichkeit, dass dieses Portrait der Lisa Gioconda an dem Leonardo 1503 gearbeitet hat, mit dem Gemälde der Mona Lisa im Louvre nicht identisch sein könnte. Roberto Zapperi begründet in seiner Studie (s. u.) neue Zweifel an der althergebrachten Identität der Mona Lisa im Louvre mit der dritten Quelle (s.o.), nämlich mit dem Hinweis auf das Reisetagebuch des Antonio De Beatis, der die Bildungsreise seines Chefs, des Kardinals Luigi d`Aragona, durch das westliche Europa protokolliert hat, eine der wenigen Bildungsreisen, die von Italien aus nach Norden und Westen geführt haben. Am 08. Mai 1517 startete man von Ferrara aus, reiste durch Österreich und Deutschland, passierte das liebliche Rheintal zwischen Mainz und Köln, kam durch die Niederlande und Belgien und erreichte endlich Amboise an der Loire, wo Leonardo da Vinci, inzwischen im Dienst Franz I. von Frankreich, wohnte. Den Besuchern war klar, dass Leonardo ein berühmter florentinischer Maler war, als er ihnen im Atelier seine Bilder zeigte. De Beatis erwähnt drei Gemälde, nämlich den Hl. Johannes, den Täufer, die Madonna mit Mutter Anna und Sohn Jesus sowie „eine gewisse Florentiner Frau, nach der Natur im Auftrag des verstorbenen Giuliano de Medici gemalt“. Im intensiven Dialog zwischen Leonardo und dem Kardinal sprach man beim Atelierbesuch über dieses und jenes. Leonardo erzählte u. a., dass er mehr als 30 Leichname beiderlei Geschlechtes und jeden Alters seziert habe. Aus dem Bericht Beatis wissen wir auch, dass Leonardos rechte Hand gelähmt gewesen und er offensichtlich Linkshänder gewesen ist. Wegen Leonardos Information aber, dass das Gemälde der Mona Lisa von Guliano de Medici in Auftrag gegeben worden sei (zwischen 1513 und 1515), untersucht Zapperi, von welcher Frau

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dieser wohl gerne ein Bild gehabt hätte. Über Leben und Liebschaften des Giuliano de Medici wird interessant erzählt, berichtet und spekuliert. Seine zahlreichen amourösen Abenteuer machen die Suche nicht einfach. Immerhin hat es unter den zahlreichen Geliebten und Kurtisanen des Giuliano de Medici aber nur eine gegeben, die ihm einen Sohn geboren hat, und um den hat er sich auch gekümmert. Nur eine Frau kann dem Schürzenjäger so im Gedächtnis geblieben sein, dass er Leonardo mit ihrem Porträt beauftragt hat, nämlich die Mutter seines illegitimen Sohnes Ippolito, des späteren Papstes Klemens VII., die da allerdings

schon verstorben war. Guliano de Medici wollte also ein Bild der toten Mutter für den kleinen Sohn, nicht für sich. Das Liebesabenteuer war längst

beendet er selbst inzwischen anderweitig verheiratet. Leonardo mußte nach den Vorstellungen des Auftraggebers das Porträt einer verstorbenen Frau malen, was damals auch von anderen Künstlern der Zeit verlangt wurde. Das Portrait ist also eine Imagination des Künstlers. Nicht einmal eine Totenmaske gab es. Das traurige Lächeln der Mona Lisa könnte den Seelenzustand einer Mutter widerspiegeln, die nicht zusammen mit ihrem Kind leben konnte. Wie das Bild in den Louvre kam? Auch das bleibt unklar. Salai (Leonardo Giangiacomo Caprotti), war ein schöner Knabe und Leonardos Lieblingsschüler. Seit 1490 arbeitete er in der Werkstatt des Meisters. Vielleicht hat dieser Salai ihm die Mona Lisa später abgeschwatzt, um das Gemälde dem König zu verkaufen. Darüber ist er aber verstorben. In der Notariatsurkunde vom 21. April 1525 zum Vermögen des durch gewaltsam zu Tode gekommenen Salai wird eine „Quadro dicto la Joconda“ von hohem Wert aufgeführt. Handelt es sich um das Original oder um eine Kopie des Schülers? Das Thema bleibt jedenfalls interessant. Wir werden auf zukünftige Enträtselungen der Mona Lisa gespannt warten.

Johannes Vesper

Literatur: Veit Probst: zur Entstehungsgeschichte der Mona Lisa, 2008 Verlag regionalkultur Heidelberg, 51 Seiten - ISBN 978-3-89735-538-5 Roberto Zapperi: Abschied von Mona Lisa. Das berühmteste Gemälde der Welt wird enträtselt., 2010 C.H. Beck Verlag, 159 Seiten mit 16 farbigen Bildtafeln und 9 Abb. im Text - ISBN 978 3 406 59781 Fritz Eckenga & Günter Rückert: Mona Lisa muß neu geschrieben werden, 2000 Tiamat Verlag Berlin, 79 Seiten, gebunden, durchgehend farbig illustriert - ISBN: 389320041X, 16,– Euro / SFr. 29,20 Donald Sassoon: Da Vinci und das Geheimnis der Mona Lisa, Gustav Lübbe Verlag 2006, 348 S. ISBN 13:978-3-7857-2232-9


Zwischen zählen und erzählen Zum 80. Geburtstag von Günther Kieser

Als Briefmarkensammler kannte ich Günther Kieser natürlich von seiner Freimarkendauerserie „Bedeutende Deutsche“ aus den Jahren 1961 folgende: Goethe und Schiller, Bach und Beethoven, Dürer und Gutenberg, Kant und andere. Ich hatte schon früh mit dem Sammeln von Briefmarken begonnen aus Bewunderung darüber, welch tolle „Bildchen“ es im Miniformat gibt und man bekam diese ganz nebenbei geschenkt, also ohne zusätzliche Kosten. Beim Betrachten und Vergleichen und Beurteilen solch einzelner Bilder erkennt man schnell Gemeinsamkeiten und Unterschiede, aber plötzlich auch „Lücken“ und so entwickelt sich fast von selbst der Wunsch nach Ordnung, nach Systematisierung, nach ordnendem System zum Ganzen. Dies kennt wohl jeder aus eigener Erfahrung, egal, was wir sammeln: Je mehr wir zusammen sammeln, umso größer wird der Wunsch, ja die Notwendigkeit, das entstehende Chaos zum Kosmos, zur Sammlung zu ordnen.

Erst später, bei meinem Studium der Mathematik, habe ich bemerkt, daß solche Ordnungsprinzipien sowohl in der Mathematik, die ich als Beruf erlernen wollte, als auch in der Kunst, die ich bewundert habe, von zentraler Bedeutung sind. Richtiger noch weiß das der Volksmund: Ordnung ist das halbe Leben! Und so wurde das Ordnen, das Umordnen, das Aufräumen ein zentrales Anliegen von mir. Gefreut habe ich mich natürlich darüber, als ich gelernt habe, dass schon Platon, der in der Philosophie als Begründer der Ästhetik gilt, die Idee des Schönen mit dem Prinzip der Ordnung gleichgesetzt hat: Schönheit ist Ordnung, also gestalten ist ordnen und ordnen ist das halbe Leben. Damit wurde Aufräumen eine Art ästhetische Praxis, das klang gut. Dies führte dazu, dass ich mich neben der Mathematik mehr und mehr mit der Philosophie beschäftigte, insbesondere mit der Ästhetik und ihren Anwendungen auf Kunst, Architektur und Design. Dies war eine interessante Erweiterung zu meiner Logik der Mathematik

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und brachte viele neue Fragestellungen hervor. Später kam dann ganz von selbst die Auseinandersetzung mit der Ethik (Verantwortung) hinzu. Auf der Suche schließlich nach einer Ordnung zwischen diesen philosophischen Teilbereichen selbst - also der Logik, der Ästhetik und der Ethik - fand ich das Feld der menschlichen Kommunikation, bei der diese Teile stets zum größeren Ganzen integriert sind, um zwischenmenschliche Verständigung besser zu verstehen, zu erzeugen, zu fördern, beziehungsweise Missverständnisse abzubauen oder überhaupt zu vermeiden. Worüber (Inhalte) kommunizieren wir? Warum (Motive) und Wozu (Ziele)? Wie (Methode) und Womit (Medien)?

den Abteilungen Industrielles Bauen, Industrial Design und Visuelle Kommunikation (sowie fff = Foto, Film und Fernsehen) „aufräumen“ und ein neues, interdisziplinäres (Weiter-) Studium für Gestalter entwickeln. Die ehemaligen hfg-Studenten konnten dabei ihr/ein Studium abschließen. Es gab natürlich viele Schwierigkeiten, Vorurteile und Missverständnisse: Das IUP wurde daher bald wieder geschlossen. In Braunschweig an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste wurde anfangs der siebziger Jahre ein neuer Fachbereich für „Experimentelle Umweltgestaltung“ eingerichtet (auch in Niedersachsen waren

Gesamthochschulen in Planung und Vorbereitung): Nach einem interdisziplinären Aufbaustudium für Fachhochschulabsolventen aus den Bereichen Städtebau, Architektur, Industrial Design und Visuelle Kommunikation wurde (erstmals in Deutschland!) ein Diplom für Designer auf „universitärem Level“ vergeben. Die dortigen Erfolge waren mit ein Grund für meine Berufung (1978) nach Wuppertal: Hier war man dabei, im Kontext der Gesamthochschule (seit 1972), die Studiengänge der ehemaligen Werkkunstschule/dann Fachhochschule in „integrierte Studiengänge“ umzuwandeln nach dem sogenannten Y-Modell (ab 1978): Nach

Kommunikation ist für uns Menschen (vermutlich für alles Lebendige) lebensnotwendig: Der Mensch ist ein kommunikatives Wesen. Zwischenmenschliche Verständigung geschieht hauptsächlich über Wörter und Bilder, also als verbale und visuelle Kommunikation. Beides lernen wir daher als sogenannte Kulturtechniken in der Schule: Lesen und Schreiben; Sehen und Malen/Zeichnen. Sehen und Lesen dienen uns zur Aufnahme von Informationen; Malen/Zeichnen und Schreiben dienen uns zur Abgabe von Informationen. Dabei nehmen wir im Alltag die meisten Informationen mit den Augen auf, also visuell; und wir geben die meisten Informationen mit dem Mund ab, also verbal. In uns (im Kopf oder im Herz oder wo auch immer?) müssen daher die Transformationen, die Wechselbeziehungen, die gegenseitige Übersetzungen zwischen beiden, zwischen visuell und verbal funktionieren. Richtig „verstanden“ haben wir erst etwas, wenn wir uns ein Bild davon gemacht haben und wir darüber reden können, also sagen, was wir wissen. Nach meiner Habilitation über „Logik und Logistik mit besonderer Berücksichtigung der Kommunikationsforschung“ (1968 in Stuttgart) wurde ich als Dozent für Allgemeine Kommunikationstheorie nach Ulm berufen: In Ulm war die Hochschule für Gestaltung (hfg) aus politischen Gründen gerade geschlossen worden und die Universität Stuttgart gründete dort ein Institut für Umweltplanung (IUP). Wir (sechs neue Dozenten) sollten den Nachlass der hfg mit

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einem gemeinsamen Vordiplom war eine Aufspaltung vorgesehen in einen „kurzen, Praxis-orientierten, fachhochschulentsprechenden Zweig“ und in einen „langen, theoretisch-orientierten, universitären Zweig“. Im Produkt-Design ist dies letztlich gelungen. Im Grafik-Design wurde kein kurzer Zweig eingerichtet, „nur“ ein universitärer Studiengang: Kommunikationsdesign. Dieser Studiengang wird bekanntlich gerade in Wuppertal geschlossen, offiziell nach Essen an die Folkwang Kunsthochschule verlegt. Günther Kieser (Jahrgang 1930: Also herzliche Glückwünsche zum 80. Geburtstag!) hat an der Werkkunstschule in Offenbach am Main Grafik-Design (1946 – 1950) studiert. Die „Werkkunstschulen“ wurden nach dem Krieg in Deutschland gegründet, ihr Vorbild war das frühe Bauhaus. Viele der Werklehrer waren am Bauhaus ausgebildet, alle von dort beeinflusst: Im Zentrum aller Überlegungen und Aktivitäten stand das Werk. Das Herz der Schulen war folgerichtig die Werkstatt, in der das Werk entsteht. Die Ausbildung war somit Praxis-orientiert. Werke mit höchster Qualität nannte man Werkkunst oder Kunstwerk, ein Gedanke der letztlich auf Aristoteles zurückgeht: Kunst ist die höchste Qualitätsstufe jeder poiesis, jeder einer etwas herstellenden Tätigkeit. Werkkunst verwendet die besten Materialien, verarbeitet sie mit den besten Techniken in

bester Qualität, sodass ihre Werke (Gebrauchsgüter) bestmöglichen Gebrauch garantieren. Dies war die zentrale Idee der Werkkunstschulen sowie des Deutschen Werkbundes, der 1907 gegründet worden war. Werkstätten werden nach Materialien unterschieden und geordnet: Holz-Werkstatt, Metall-Werkstatt, Edelmetalle, Keramik, Stein, Textil, Druck etc. Entsprechend war die Organisation der Werkkunstschulen: Es gab Metall-Klassen (später Produkt-Designer), Holz-Klassen (Möbel-Designer), Textil-Klassen (Mode-Designerinnen), Keramik/Porzellan-Designer, Schmuck-Designer, Grafik-Designer, Foto-Designer etc. Als sogenannte „theoretische Grundlagenfächer“ gab es ergänzend Materialkunde, Verarbeitungstechniken, Kostenrechnung und die Kunstgeschichte, manchmal mit dem Schwerpunkt auf die sogenannten „angewandten Künste“; vergleiche dazu auch die Museen für Angewandte Künste oder die Formsammlungen als VorbildSammlungen. Günther Kieser also studierte in der Druckwerkstatt der Werkkunstschule Offenbach zum Grafik-Designer: Die spätere Werkstatt im Beruf heißt dann Atelier und er arbeitet selbständig als freier Grafiker. Typisch für solche Arbeit im Atelier ist es, teils aus finanziellen Gründen, teils aber auch aus innerer Überzeugung: Der Werker macht alles selber! Er konzipiert das Werk,

er wählt Materialien aus und beschafft sie, er erlernt und übt Verarbeitungstechniken, entwickelt eigene Techniken, macht Kostenrechnungen, erstellt das Werk oder sogar Kleinserien, er kontrolliert und überprüft eventuell externe Arbeiten (Verlage, Fotograf, u.a) etc. Der Werker macht möglichst alles selber, er ist daher auch für das Ganze verantwortlich. Letzteres führt umgekehrt auch zu der Überzeugung, selber machen ist besser. Und: Selbermachen geht meistens auch schneller, als dass man jemandem erklärt, was er/sie wie und warum und wozu machen soll. Manchmal weiß dies der Werker selbst nicht im Voraus und spricht dann gerne vom learning by doing und durch Übung entsteht Erfahrung, entsteht der Meister. So werden dann erfolgreich Plakate, Programmhefte, Bücher, Briefmarken, Illustrationen, Bühnenbilder, Filmausstattungen, Ausstellungen, Messeauftritte und anderes gestaltet. Je komplexer dabei die Aufgaben werden, umso mehr entsteht die Notwendigkeit zur Arbeitsteilung, zur Teamarbeit und damit zur expliziten Planung und Organisation der Arbeit: Eine gemeinsame Ordnung, verbindliche Regeln für alle mitarbeitenden Beteiligten werden notwendig: Gegenseitiges Vertrauen, auch Zutrauen wird zur Grundlage gemeinsamer Verantwortung. Auch wenn jemand als Lehrender tätig wird, ist nicht nur qualitatives Gestalten, sondern auch das Reden, das Erklären und Argumentieren darü-

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ber nötig. Nicht nur das Entwerfen und Herstellen von Bildern, sondern auch der Umgang mit Bildern wird wichtig. Nicht allein die ständigen Entscheidungen beim Gestalten, sondern auch deren Begründung tritt in den Vordergrund. Begründung aber setzt Wissen voraus, wenigstens Erfahrung, besser aber formulierbare Erkenntnisse über Gesetzmäßigkeiten: So entsteht ein zunehmender Bedarf an theoretischen Grundlagen; Theorie heißt schließlich, Praxis verstehen! Günther Kieser begann mit Lehraufträgen (1956 – 1968) an der Städelschule (Kunsthochschule) in Frankfurt am Main. Typisch für die Werkkunstschulen in Deutschland war, dass sie sich entweder zur Fachhochschule und dann zur Kunsthochschule (z.B. Braunschweig) oder zur Universität (z.B. Wuppertal) weiter entwickelt haben. Günther Kieser kam 1980/81 nach Wuppertal als Professor für Visuelle Kommunikation in den Fachbereich Design der Bergischen Universität-Gesamthochschule, ehemals Fachhochschule, ehemals Werkkunstschule Wuppertal. Er war damals schon ein „international renommierter Plakatgestalter“, bekannt geworden insbesondere durch seine Plakate zu den Jazzfestivals in Deutschland (Deutsches Jazz Festival Frankfurt, Berliner Jazz Tage, Hessischer Rundfunk u.a.). Sein Plakat über Jimi Hendrix (1969) kennt heute noch jeder: Jimi Hendrix, der „Ikarus des Blues“, wurde zur Gitarrenlegende und Günther Kieser’s Plakate wurden zum Symbol, zur visuellen Kultur dieser neuen Musikszene. In Wuppertal bestand natürlich große Hoffnung, dass Günther Kieser den neuen, universitären Studiengang Kommunikationsdesign mit adäquaten Projekten zu hoher Qualität führen wird. Diese Hoffnungen hat er in höchstem Masse erfüllt (bis 1992) und ich hatte das Glück, viele seiner Projekte als Theoretiker zu begleiten, bis ich dann 1983 zur Hälfte als Prorektor für Studium und Lehre und 1987 (leider) ganz als Rektor der Bergischen Universität Gesamthochschule Wuppertal verschwand. Die zahlreichen Diskussionen mit und ohne Studierende, oft bis tief in die Nacht, waren für mich und für alle Beteiligten eine wunderbare Zeit: Die Auseinandersetzungen zwischen einem erfahrenen und

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erfolgreichen Praktiker, einem anerkannten Bilder-Macher – immer die anschauliche, originelle gestalterische Lösung eines konkreten Problems vor Augen – und einem an der Mathematik geschulten Theoretiker, einem Gedanken-Macher – immer die Begründungsmöglichkeiten im Kontext allgemeiner/abstrakter Zusammenhänge vor Augen; diese Auseinandersetzungen wurden mit großer Begeisterung und Leidenschaft geführt, hart aber fair, kommunikativ, verständlich: Ordnung und Erfahrung, System und Aporie, zählen und erzählen, (unbewusste) Begeisterung und (bewusste) zielgerichtete Auseinandersetzung prallen aufeinander, immer überzeugt davon, dass Universität nicht nur Abbild von Gesellschaft, sondern auch Vorbild zu sein hat. Es war wie ein Spiel, wo es trotz gleicher Spielregeln für alle (Allgemeinheit der Theorie) immer gute und schlechte Spieler (Besonderheit der Praxis) gibt. Günther Kieser wollte gute Spieler ausbilden, ich wollte gute Spiele entwickeln. Gemeinsam war beides zu erreichen: Der subjektive Umgang mit objektiven Regeln ist letztlich immer Ursache fürs Gewinnen und Verlieren, beim Spielen lernen wir für den Ernstfall des Lebens, fürs Überleben. Unsere Themen ergaben sich meist spontan innerhalb der Studienprojekte (oder Diplomarbeiten) und quer durch alle Fächer: Was kann/will die Praxis? Was kann/soll die Theorie? Welche Theorie? Welche Praxis? Wo hilft das erlösende Wort? Wo braucht es die rettende Tat? Helfen gründliche Analysen zur Erzeugung besserer Lösungen? Was sind „richtige Aufgaben“? Gibt es zu richtigen Fragen auch vernünftige Antworten? Wie hängen wahrnehmen, erfahren, erkennen, können miteinander zusammen? Wie hängen denken und handeln zusammen? Wo ist Arbeitsteilung möglich, wo nicht? Was ist Kommunikation? Wie macht man das? Was ist Kreativität? Was Phantasie? Was Harmonie? Was ist Einheit von Material/Medium, Form und Zweck? Entdecken oder Erfinden? Welche (Arbeits- oder Spiel-) Regeln existieren in der beruflichen Praxis? Sind diese veränderbar, veränderlich? Gibt es eine Entwicklung? Wer verändert? Wer entwickelt? Wie? Warum? Wozu? Veränderung ist Bewegung, Bewegung ist lebendig. Welches Selbstverständnis haben die Designer –gestern, heu-

te, morgen? Wie entstehen Vorstellungen, Lösungsideen? Wie erfolgt die „Verwirklichung“ einer subjektiven Idee zu einem objektiven Plakat, Buch, Bühnenbild, …? Wie verwandeln wir Psychisches (Subjektives, z.B. Vorstellungen) in Physisches (Objektives, z.B. Plakate, Anzeigen) und umgekehrt? Wir wollen bekanntlich alles Äußere verinnerlichen (verstehen) und alles Innere veräußern (gestalten) - Friedrich Schiller. Wie entstehen durch Wahrnehmung objektiver Werke beim Betrachter subjektive Empfindungen? Es gab nichts, was innerhalb der Ausbildung nicht fragwürdig gewesen wäre und Rätsel lösen ist für uns Menschen geglückte Unterhaltung: Vom achten und erachten über arbeiten und erarbeiten, erfreuen, ergründen, erkennen, erklären, erlernen, ernennen, erproben, erschaffen, erschauen, erschöpfen, erstellen, erwählen, erwerben, erzählen und zählen, erzeugen bis zum erziehen. Die Antworten waren stets vielfältige: richtige, falsche, übliche und meinige! Aus diesen Geschichten ist längst Geschichte geworden. Günther Kieser ist für viele ein Vorbild geblieben, nicht nur als renommierter Plakatkünstler und Kommunikationsdesigner, sondern auch als hervorragender Lehrer, dem die vielfältigen Spielregeln bekannt waren, der selbst ein hervorragender Spieler war und der vielen ehemaligen Studenten das Spielen beigebracht hat: Aus anfänglichen Marionetten wurden Puppenspieler! Das Klingspor-Museum in Offenbach würdigte den Kommunikationsdesigner Günther Kieser im Juli und August mit der Ausstellung: „ÜberHaupt: Günther Kieser. Grafik, Plakat, Plastik.“ Hier sollte an den Lehrer Günther Kieser erinnert werden und an die Blütezeit eines Studienganges, der in Wuppertal gerade eingestellt wird, meines Erachtens hauptsächlich wegen nicht gelöster Kommunikationsprobleme in der Universität: Ja, die Schreiner haben oftmals die schlechtesten Möbel!

Siegfried Maser


Wir haben nichts mit diesem Krieg zu tun Begegnungen mit den jungen Menschen in Bosnien und Herzegowina

Safeta Obhodjas Foto: Simone Fiedler-Roidl

24. 4. 2010 – Eröffnung der Buchmesse in Sarajevo, in der Sporthalle Skenderija. In zwei Hallen stellen viele Verleger aus dem ganzen bosnisch-kroatisch-serbischen Sprachraum aus. Durch Literatur werden die früheren kulturellen Brücken erneuert und neue zwischen den Nationalitäten geschaffen, die sich so blutig von dem gemeinsamen Land Ex-Jugoslawien verabschiedet hatten. Bosnisch, Kroatisch oder Serbisch, diese Sprachen sind so ähnlich, daß man sich leicht untereinander verständigen kann. Die Buchmesse wurde durch Proteste sozial bedrohter Kriegsveteranen überschattet. Viele der ehemaligen Kämpfer auf beiden Seiten - Föderation und Republika Srpska - leben in Armut, bekommen keinen Job und haben nicht einmal eine Gesundheitsversicherung. Was als eine ruhige Demonstration gegen die untätigen Politiker begann, endete in Vandalismus, denn viele von denen, die im Krieg Kinder gewesen waren, haben sich als Vandalen unter die Veteranen gemischt und die Polizei angegriffen. Das Ergebnis: Viel Zerstörung und viele Verletzte.

25. 4. 2010 – Auf der Buchmesse treffe ich viele Kollegen. Es fällt sofort auf, daß die Schreibenden, die in Bosnien leben, auf Distanz zu uns „Exilanten“ gehen. Wie immer und überall gibt es viel Konkurrenzgeist unter den Kollegen. Die bosnische Kulturszene ist sehr eng und die ohnehin knappen Mittel für Kultur wollen sie mit den Autoren, die im Ausland „gut aufgehoben sind“, nicht teilen. Ihre Vorstellungen sind falsch, weil uns niemand ein Honorar angeboten hat. Ich hatte vier Lesungen in Bosnien, alle habe ich ehrenamtlich gegeben. Auf der Buchmesse lernte ich einen schreibenden Bosniaken aus Belgien, O.A. und seinen siebenundzwanzigjährigen Sohn Z.A. kennen, die vor dem Krieg in Bijeljina gelebt hatten. Der Vater, Muslim, wurde 1992 von den serbischen Nationalisten bedroht und mußte heimlich die Heimatstadt verlassen. Nach der Flucht ist er in Brüssel gelandet. Seine serbische Ehefrau und Sohn Z. blieben in Bijeljina (Republika Srpska). Die Frau ließ sich sofort ohne

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Wir haben nichts mit diesem Krieg zu tun Zustimmung ihres Mannes scheiden, und ihre Trennung konnte der Junge kaum verkraften. 1997 folgte er seinem Vater ins Exil, weil er seine Mutter und Stadt nicht mehr ertragen konnte. Doch in Belgien oder in den anderen Städten in Bosnien konnte er sich nicht einleben. 2005 kehrte er nach Bijeljina zurück. Aber er fühlt sich überall fremd.

22. 4. 2010 (abends) – Eine Lesung in der Stadtbibliothek Kakanj. Mein erstes unmittelbares Treffen mit den Lesern meiner Werke in Bosnien. Der Direktor hat alles sehr professionell organisiert. Im Publikum sitzen viele junge Menschen, die meine Bücher als Informationsquelle nutzen. „Jetzt wissen wir mehr davon, wie unsere Eltern in Ex-Jugoslawien lebten“, sagen sie mir. Junge Frauen und Mädchen identifizieren sich mit den Heldinnen meiner Bücher, weil Frauenrechte in Bosnien weiterhin nur auf dem Papier existieren. In der Öffentlichkeit, besonders in der Politik, kommen Frauen selten zu Wort. Tradition und Patriarchat halten sie immer noch fest im Griff - nicht nur die Musliminnen. 23.-25. 4. 2010 – Ich führe Gespräche mit vielen jungen Menschen in Sarajevo, überall spreche ich sie an. Sie denken nicht mehr an den Krieg, sie wollen nichts mehr davon wissen. Sie träumen davon, sich frei durch die Welt bewegen zu dürfen. Noch müssen sie, wenn sie ihre Verwandten im Ausland besuchen oder etwas von der Welt sehen möchten, monatelang auf ein Visum warten. Sie wünschen sich auch, einen festen Job zu haben. Der Arbeitsmarkt in Bosnien und Herzegowina ist ein Desaster, wo Chaos, Korruption und Vetternwirtschaft herrschen. Die Firmen

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stellen nur befristet ein, und die Bosse verkaufen praktisch die Arbeitsplätze. Eltern sind gezwungen, einen Kredit zu hohen Zinsen bei der Bank zu nehmen, um eine Arbeitsstelle für ihr Kind zu bezahlen. Jugendliche in der bosnischen Föderation wollen die Nationalparteien im Oktober abwählen. Sie denken, daß das Regieren im Namen der Nationen solche mafiose Strukturen in der Wirtschaft möglich macht. 25. 4. 2010 – Mein Auftritt im Dritten Gymnasium in Sarajevo, in den Schulklassen, die Deutsch als Leistungskurs haben. Dort treffe ich auch Herrn Bernd Meisterfeld, der als Koordinator und Fachberater des „Schulmanagements weltweit“ tätig ist. Herr Meisterfeld hat auch Probleme mit den bosnischen Politikern, die sich wenig dafür interessieren, wie man das Schulwesen verbessern kann. Für sie ist viel wichtiger, daß jede Nation eigene Schulen mit angepaßten Programmen hat. 27. 4. 2010 – An diesem Tag treffe ich zwei engagierte Frauen: Dr. Zilka Spahic-Siljak ist eine islamische Theologin, Wissenschaftlerin und Feministin. Sie erzählt mir vom Kampf ihrer Organisation „Die Offene Gesellschaft“ für mehr Frauenpräsenz in der Politik. Im Oktober werden die neuen Wahlen stattfinden, wobei sehr wenige Frauennamen auf den Listen der Parteikandidaten stehen. Aber, obwohl mehr als 50 % Wähler weiblich sind, bekommen diese Kandidatinnen wenig Stimmen. Deshalb arbeitet „Die Offene Gesellschaft“ in der Öffentlichkeit - unterstützt durch das Helsinki Komitee - auf das Ziel hin, den Frauen mehr Vertrauen zu schenken. Ihr Projekt läuft unter dem Motto „Hundert Gründe dafür, eine Frau zu wählen“. Frau Spahic-Siljak gibt zu, daß ein Umdenken schwer zu bewirken ist, und daß dies als ein langer Prozeß betrachtet werden muß. Ausbildung und Studium sind für Mädchen zwar normal geworden, und man akzeptiert das Engagement einer Frau, wenn sie nur ein Ziel hat: existenzielle Sicherung der Familie. In ihrem Beruf kann eine Frau auch Karriere machen,

zwar mühsam, aber es wird toleriert. Nach der Verheiratung jedoch haben Frauen kaum eine Chance, sich in der Gesellschaft zu engagieren. Sowohl die Männer als auch ihre eigene Familie verweigern ihnen die Unterstützung. Sie setzen sie so lange unter Druck, bis sie aufgeben. Besonders schwer ist es, die Aggressivität der Männer zu ertragen, wenn sie sich in ihrer Männlichkeit bedroht fühlen. Für das Scheitern einer Ehe gibt die Umgebung meist der Frau die Schuld. Sie darf nicht mehr wollen, als ihr Mann und ihre Familie ihr erlauben. Rubeena Esmail-Arndt ist Projektmenagerien in der GTZ (German Technikel Cooperation). Sie bestätigt die Aussagen meiner früheren Gesprächspartner darüber, wie man jeden Tag gegen die verkrustete Bürokratie kämpfen muß, um etwas für Jugendliche zu erreichen. Viele Jugendliche, besonders in der Provinz oder in den ländlichen Gebieten sind orientierungslos, sie wissen nicht einmal, was sie nach der achten Klasse der Grundschule anfangen können und sollen. Über zwei Jahre leistete GTZ Überzeugungsarbeit, um einigen Kommunalpolitikern beizubringen, daß junge Menschen, wenn sie ihre Zukunftschance erkennen, die treibende Kraft der wirtschaftliche Entwicklung in den Gemeinden sind. In einigen Kommunen sind Mitarbeiter eingestellt, die für die Arbeit mit den Jugendlichen zuständig sind. Man nennt sie Jugendpfleger. GTZ hat in Gradacac, einer Kommune der es wirtschaftlich gut geht, eine Ausbildungsmesse organisiert, auf der die Berufsschulen aus den umliegenden Ortschaften ihre Angebote für weitere Ausbildung präsentiert haben. GTZ organisiert auch Kurse für junge Existenzgründer und Angestellte in den Betrieben und Firmen, deren Schwerpunkt “Buchhaltung nur mit den echten Belegen” heißt. Sie versuchen den Jugendlichen beizubringen, wie durch eine Buchhaltung mit allen Belegen für Ein-Ausgaben die Korruption bekämpft wird. Sie lernen auch, wie Korruption die gesunde wirtschaftliche Entwicklung hindert und zunichte macht.


29. 4. 2010 – mein Auftritt in der Bibliothek “Dervis Susic” in Tuzla. Wieder viele junge Menschen im Publikum. Ich berichte über mein Engagement in Deutschland, über Probleme der Integration der Zugewanderten in Europa, über meine Bemühungen, wieder einen Platz in der bosnischen Kulturszene zu finden. Darüber befragen mich auch die anwesenden Journalisten vor und nach der Veranstaltung. In dieser Bibliothek sind meine Werke sehr gefragt, gehören zu den meistgelesenen Büchern. 30. 4. 2010 – Bijeljina. Eine Stadt an der Grenze zu Serbien, jetzt in der Republika Srpska. Die Stadt wurde schon im April 1992 von paramilitärischen Einheiten aus Serbien besetzt und „ethnisch gesäubert“. Die Muslime wurden von ihnen vertrieben oder umgebracht. Aber einige, niemand weiß wie viele, sind in der Stadt geblieben. 1995 hat sich die Situation komplett verändert. Bijeljina ist der Zufluchtsort von vielen Serben aus Sarajevo und aus anderen Städten der Föderation geworden. Es ist unklar, wie viele Einwohner die Stadt jetzt überhaupt hat. Der Ort hat eine sehr schlechte Infrastruktur und schlechte Zugangswege. Die Arbeitsplätze sind rar, fast 90 % der Jugendlichen sind arbeitslos. Ich verbringe viel Zeit auf den Straßen Bijeljinas, die sehr laut und chaotisch sind und rede mit den Menschen, die sich ihre Zeit einfach auf den Straßen und in den Cafés vertreiben. Drei Frauen mittleren Alters, die in einem Imbiß arbeiten, fühlen sich hier nicht wohl. Sie äußern Reue, ihre Häuser 1995 in Sarajevo und seiner Umgebung verlassen zu haben. „Wenn wir das alle getan hätten, hätten wir zuhause bleiben können “, sagt Gordana. Vedrana und Bojana sind als Babys nach Bijeljina gekommen, aber heimisch sind sie nie geworden. „Wir sind Städter, Bijeljinas Einwohner sind Bauern“, behaupten die Mädchen. „Nach dem Abitur werden wir diese Stadt verlassen.“ Am Abend treffe ich meinen Bekannten Z.A. und seine Freundin Borislava. Beide haben ein Studium abgeschlossen aber nie einen richtigen Job gefunden. Z. hilft seiner Schwester in ihrer

Touristikagentur. Die Jugendlichen wollen von dem Krieg nichts mehr wissen, diesen Teil der Geschichte wollen sie verdrängen. Aber die Älteren vermitteln den Kindern immer noch, wofür die Serben im Krieg gekämpft hätten. Die Bilder und die Filme mit den brennenden muslimischen Dörfern und Moscheen haben die Kinder auf dem Bildschirm ihrer Handys. Wozu, wissen sie nicht. Aber Ideologie und falsch verstandener Patriotismus schaffen keine neuen Arbeitsplätze oder eine bessere Zukunft. Borislava, Freundin von Z., wird im nächsten Monat bei einer Firma mit einem Praktikum anfangen. Das wurde durch gute Beziehungen ihres Vaters eingeleitet gibt aber keine Garantie für einen unbefristeten Job danach. Leute passen sich einfach an und versuchen nicht einmal sich zu organisieren, um den Teufelskreis der Korruption zu brechen. Das ist das Erbe des Sozialismus, das sich nicht ausrotten läßt, besonders nicht in einem geteilten Land, wo die nationalistische Rhetorik immer noch Konjunktur hat. Und junge Menschen wünschen sich, daß endlich eine Autorität aus dem Ausland kommt und den Politikern sagt: es reicht jetzt! Wie so oft in der Geschichte Balkans.

Anfang Mai 2010, Sarajevo ist voll mit Touristen. Man begegnet Deutschen, Schweden, Engländern und auch den Bosniern, die jetzt Englisch, Slowenisch, Deutsch, Holländisch und viele andere Sprachen sprechen. Ich treffe noch ein paar Journalisten und gebe ein Interview für das Bosnische Islamische Radio. Ich rede offen von den Integrationsproblemen der Muslime in Europa, über die Lage der muslimischen Frauen zwischen den Kulturen. Ich will mich selbst nicht zensieren, aber das versuchen meine Gesprächspartner auch nicht. Sie wollen

Information aus erster Hand. Und ich habe das Gefühl, von ihnen so akzeptiert zu sein, wie ich bin. Ich hoffe sehr, daß der islamische Fundamentalismus keine Chance in Bosnien und Herzegowina hat. Jetzt sieht man auf den Straßen viel weniger Kopftücher als unmittelbar nach dem Krieg, viel weniger als in Deutschland. Junge Leute sind religiös, gehen in die Moscheen beten, aber sie reden nicht von dem Glauben. Sie wünschen sich Arbeitsplätze, Visum, andere Politiker, mehr Zuwendung der Europäischen Union. Safeta Obhodjas http://www.safetaobhodjas.de Redaktion: Frank Becker

Safeta Obhodjas wurde 1951 in Pale, nah Sarajevo, in eine bosnisch-muslimische Familie hineingeboren. Sie hat in Sarajevo studiert und gearbeitet, mit ihrer Familie in Pale gelebt. 1980 begann sie mit den Veröffentlichungen ihrer Prosa. In ihren Werken stellte sie moderne Frauen Bosniens vor, mit ihrer ganzen Zerrissenheit zwischen Moderne und Tradition, in einer patriarchalischen Gesellschaft, deren Auseinandersetzungen der Kulturen und Religionen von kommunistischen Diktatoren ignoriert oder vertuscht wurden. Ihr erstes Buch „Die Frau und das Geheimnis“(1987) hat eine sehr kritische weibliche Feder angekündigt. Aber Ende 1992 musste sie unter dem Druck der serbischen Nationalisten ihre Heimat verlassen. Seitdem lebt sie in Deutschland, in Wuppertal, und hat ihre schriftstellerische Tätigkeit zweisprachig, Bosnisch - Deutsch, fortgesetzt. In den letzen zehn Jahren sind 5 Bücher von Safeta Obhodjas in deutscher Sprache erschienen, letztendlich eine literarischdokumentarische Kollage „Legenden und Staub – auf den christlich islamischen Pfaden des Herzens“, (LIT Verlag Münster), wobei ihr Ko-Autor Sargon Boulos, ein christlicher Assyrer aus dem Irak war. Sie setzt sich für bessere Ausbildungschancen der Migrantinnen in Deutschland ein, möchte gerne Musliminnen hier im Lande animieren, für ihre eigene Integration zu kämpfen.

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Zweimal „La Boheme“ Zwei lohnende Produktionen in Wuppertal und Düsseldorf Premiere Wuppertaler Bühnen, 19. September 2010 Aufführung der Wuppertaler Bühnen: Musikalische Leitung: Hilary Griffiths Inszenierung: Jan David Schmitz Bühne und Kostüme: Carolin Roider Choreinstudierung: Jens Bingert Dramaturgie: Johannes Blum Fotos: Sonja Rothweiler Besetzung: Rodolfo: Iago Ramos Mimi: Sylvia Hamvasi Marcello: Kay Stiefermann Musetta: Elena Fink - Schaunard: Olaf Haye Colline: Michael Tews Benoit/Alcindoro: Aldo Tiziani Parpignol: Jung Wook Kim – Sergeant: Javier Horacio Zapata Vera Chor Opernchor, Extrachor, Kinderchor und Statisterie der Wuppertaler Bühnen Sinfonieorchester Wuppertal

Premiere DOR Düsseldorf, 24. September 2010 Aufführung der Deutschen Oper am Rhein: Musikalische Leitung: Christoph Altstaedt Inszenierung: Robert Carsen Bühne und Kostüme: Michael Levine Licht: Jean Kalmann Spielleitung: Frans Willem de HaasChorleitung: Christoph Kurig Chorleitung Kinderchor: Petra Verhoeven Dramaturgie: Ian Burton Choreografie: Michael Popper Fotos: Hans Jörg Michel Besetzung: Rodolfo Giuseppe Varano Schaunard Richard Sveda - Marcello Laimonas Pautienius - Colline Adrian Sâmpetrean - Benoit Peter Nikolaus Kante Mimi Nataliya Kovalova - Musetta Iulia Elena Surdu - Alcindoro Peter Nikolaus Kante Sergeant Clemens Begritsch Parpignol Dmitry Trunov Zöllner Franz-Martin Preihs Kinder und Jugendchor St. Remigi Orchester Duisburger Philharmoniker Wuppertaler Bühnen Michael Tews, Iago Ramos, Aldo Tiziani, Olaf Haye, Sylvia Hamvasi

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Puccini ist, Gott-sei-Dank, wieder heimisch in und an unseren NRW-Opernhäusern. Auftakt Aachen mit „Madama Butterfly“, dann gleich zwei Premieren binnen einer Woche von „La Boheme“, danach „Turandot“ in Bonn, es folgt das komplette „Il Tritticio“ am 9. Oktober in Dortmund, die Vereinigten Bühnen Krefeld/Mönchengladbach bringen „Le Villi“ neben „Schwester Angelika“, und in Wuppertal läuft weiterhin „Gianni Schicchi“. Am 5. November ein Schmankerl und mein Boheme-Geheimtipp, wird auch am Aalto-Theater Essen eine der schönsten Boheme-Inszenierungen, Regie: Silviu Purcarete, mit toller Besetzung wieder aufgenommen. http://www. aalto-musiktheater.de/wiederaufnahmen/ la-boheme.htm Viel und überwiegend Positives gibt es über den Puccini-Saisonauftakt in Wuppertal und Düsseldorf zu berichten. Um es gleich vorweg zu nehmen: Sowohl sängerisch, als auch orchestermäßig wird an beiden Häusern bester glutvoller Puccini geboten. Daß hier die Wupper-

taler Bühnen, die nicht einmal über den halben Etat des Nachbarhauses verfügen, qualitativ dermaßen hörenswert mithalten können, grenzt für mich immer wieder an ein Wunder (siehe auch meine Besprechung der Florentinischen Tragödie). Alles in allem aber wieder einmal Beweis für die funktionierende größte Theaterdichte dieser Welt in unserem NRW – fern von all diesem fürchterlich künstlich hoch-gepuschten Kulturhauptstadt-Geplänkel in und um die größenwahnsinnige Pleitemetropole Essen oder den Starkult in den internationalen Spitzenhäusern; Stichwort: „Wenn die Garanca nicht singt, komme ich erst gar nicht!“ Da ist das Publikum hier anders, wir sind in Sachen Oper an allem interessiert, egal wer singt, Hauptsache gut. NRW ist in Sachen Oper also immer noch eine lohnende Reise wert. Die Düsseldorfer Boheme ist eine recycelte Fassung, die Regisseur Robert Carsen in den Neunzigern schon innerhalb seines Puccini-Zyklus an der Vlaamse Opera Amsterdam produziert hatte. Der erste Akt spielt auf leerer schneebedeckter Büh-


im Puccini-Land NRW ne, wobei Bühnenbildner Michael Levine in der Mitte ein Quadrat freigelassen hat, welches als Zentrum der Handlung das Innere der Künstlermansarde mit realem Mobiliar darstellt; nahtloser Übergang zum 2.Akt, indem Eis und der Schnee an vielen Stellen aufgebrochen werden und eine bunte Schar von Menschen sich nun über die Bühne ergießt, dekoriert wie in Dickens’ antikem Weihnachtsmärchen mit viel Plüsch und Plunder – fast zuviel von allem. Im dritten Akt dann die absolute Bühnenaskese: einzig ein dunkles Gebäude mit Fenster auf sonst leergeräumter dunkler Ebene; die Szene wird allein durch die fabelhafte Lichtregie von Jean Kalmann gestaltet. Der letzte Akt ist die Umkehrung des ersten, statt Schnee und Eis nun ein frühlingshaftes Blütenmeer von Tulpen, eine sicherlich ungewollte Reminiszenz an Pina Bauschs „Nelken“. Am Ende verlassen die Freunde das Wohn- und Lebensquadrat und schreiten trauernd in alle vier Himmelsrichtungen durchs Blütenmeer davon. Der Tod Mimis hat das Leben aller verändert, nichts wird wieder so sein, wie

vorher – vielleicht das Ende des Künstlerlebens? Ein sehr gelungenes Finalbild. In Wuppertal überwiegt szenischer Armuts-Realismus, was die reale Mülltonne am Bühnenportal schon avisiert. Eine mit Plastikfolie überzogene Bretterbude auf Stelzen, unterhalb wird Mimis Domizil als winziger Verhau, einziges Requisit ein billiger Ölradiator, erkennbar. Schäbige Öde auf schmutziger Leinwand (Bühne: Carolin Roider). Marcello pinselt ständig und wandbreit „bereichert Euch!“ auf die Rückwand. Auch hier Aktwechsel bei offenem Vorhang, während die Bohemiens das ganze Zimmer mühsam nach hinten schieben, fährt wie von Geisterhand ein Plateau herein, welches das Interieur des Cafe Momus stilisieren soll, Tische und als einziges Dekor ein riesiger, einem Weihnachtsbaum angenäherter Champagner-Gläser-Brunnen. Natürlich kollidieren beide Elemente und verhaken sich – die üblichen Bühnenpannen einer Premiere. Vermeidbar? Auf jeden Fall, warum zieht man nicht einfach den Vorhang zu? Der dritte Akt ist gestaltet

wie der zweite und im Finale befinden wir uns wieder im selben schäbig armseligen Stelzenzimmer unserer Künstler, wie am Anfang. Schön anzusehen ist das nicht, aber was ist schon schön auf dieser Welt außer Puccinis Musik? Gesungen wird überall phänomenal gut, keine Ausfälle, kein Anlaß zu irgendwelcher Kritik, das Herz und die Seele des Kritikers und Puccini-Fans strahlten. Grandiose Besetzung aller Bohemiens und überall eine treffliche Musetta; Elena Fink (W) mit kleinem Vorsprung vor Julia Elena Surdu (D). Wobei ich auch dem Wuppertaler Rodolfo, Lago Ramos, aufgrund seiner wunderbar hochgelegenen und stellenweise an Pavarotti erinnernden Tessitura gegenüber seinem recht kraftvoll singenden Kollegen Giuseppe Varano, der eher einem lyrisch leicht reduziertem Domingo ähnelte, bevorzuge. Beide haben sich aber höchsten Respekt verdient, da sie sich schonungslos und notengerecht in die Partien warfen. Respektvolle Bravi-Rufe für beide waren ausgesprochen verdient.

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Wuppertaler B端hnen Ensemble, Opernchor, Extrachor, Kinderchor und Statisten


Auch bei der Besetzung der Mimi war die Unterscheidung in der Besetzung beachtlich. Für mich ist die Düsseldorfer Mimi von Nataliya Kovalova mit ihrer relativ schweren Stimme eher eine Tosca-Besetzung, an die auch ihre Art der Interpretation erinnert, während man in Wuppertal mit Sylvia Hamvasi eine Idealbesetzung hatte. Zerbrechlich, feinsinnig und anrührend gestaltet sie ihren Part, aber dennoch mit den nötigen Kraftreserven bei den großen Ausbrüchen („Sola, mi fo…“ z. B.). Herzergreifend aber sterben beide, da bleibt kein Auge trocken. Insgesamt ein kleiner Vorsprung für Wuppertal und für dessen harmonischeres Ensemble, was sich beim genialen Quartett im dritten Akt hörbar deutlich machte.

Deutsche Oper am Rhein, Düsseldorf Julia Elena Surdu (Musetta), Chor

Mit Hillary Griffith und noch mehr mit dem neuen Düsseldorfer Dirigenten Giordano Bellincampi trumpften zwei Maestros auf, die ihren Puccini nicht nur perfekt einstudiert hatten, sondern auch mit dem erforderlichen Rubato zelebrierten, sowie den nötigen Herzschmerz im Publikum erzeugten. Die Musiker folgten

brav. Das ist Puccini – so muß Puccini gespielt werden! Bravo, bravissimo! Ein Glücksfall. Fazit: Das schönere Bühnenbild an der Rheinoper Düsseldorf gleicht den leichten gesanglichen Vorsprung der Wuppertaler Bühnen wieder aus. Unentschieden! Daß wir aber im Abstand von 30 Minuten Fahrzeit – egal ob mit Auto oder Bahn – zwei so hochkarätige Inszenierungen zum Saisonauftakt in NRW erleben durften, lies das Herz des OPERNFREUNDes frohlocken. Selten hat eine Saison schöner und stimmungsvoller angefangen. Oper kann doch soooo schön sein! Dr. Peter Bilsing Herausgeber der Opernzeitschrift „Der Opernfreund“ Pressefotos: Sonja Rothweiler (W), Hans Jörg Michel (D) Weitere Informationen unter: www.wuppertaler-buehnen.de www.rheinoper.de

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Deutsche Oper am Rhein, DĂźsseldorf Nataliya Kovalova (MimĂŹ)

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Neue Kunstbücher vorgestellt von Thomas Hirsch Hilfen für den Überblick Überblicksbücher zur zeitgenössischen Kunst sind in Mode. Gefragt ist die schnelle Information darüber, welche Kunst gerade angesagt ist und morgen noch angesagt sein könnte: und zwar weltweit. Die Globalisierung der Informationsgesellschaft und die Hinwendung des Kunstbetriebs zu Themenausstellungen machen’s möglich ... Derartige Bücher, alphabetisch nach Künstlern geordnet und mit Werkabbildungen ausgestattet, üben Macht aus. Ein Kriterium für Erfolg im Kunstbetrieb ist das Hochjubeln, die Präsenz. Dies führt dazu, in kürzeren Abständen Publikationen auf den Markt zu werfen, welche die In-Listen aktualisieren. Das klappt natürlich nur, weil offensichtlich ein Markt dafür da ist. Immerhin hat auch dies die zeitgenössische Kunst aus allen Spezialdiskussionen herausgeführt. Einer der Verlage, der die Bedürfnisse der Zeit erkannt hat, aber um differenzierte und ausführliche Darstellung bemüht ist und tatsächlich Hilfen für den Überblick bereithält, ist Phaidon. So stammen von Phaidon die um-

Creamier – Contemporary Art in Culture, 296 S., ca. 700 Farbabb., ungeb. als Zeitung zusammengelegt und im Kartonordner, 42 x 29,5 cm, Phaidon, 39,95 Euro

fassenden medienbezogenen Einblicke in jüngste Ateliers („Vitamin D“), die sich auch nach Jahren nicht verbraucht haben. Schon da war Prinzip, die Auswahl der Künstler unterschiedlichen Akteuren der Rezeption der Gegenwartskunst zu überlassen. Andererseits, unvermeidlich, das Verfahren kommt allem Networking zupass ... Nach diesem Prinzip funktioniert nun auch „Creamier – Contemporary Art in Culture“, gedruckt auf getöntem Zeitungspapier und in einem übergroßen Format, welches das Blättern und Anschauen erschwert und nervt, zumal die Auswahl und die Informationen selbst hilfreich und (auf englisch) ziemlich gut vermittelt sind. Vorgestellt werden, ausgewählt von 10 Kuratoren aus dem internationalen Ausstellungsbetrieb, 100 Künstler, die, unabhängig von der medialen Zuordnung, wichtige Positionen in der heutigen Kunst vertreten und deren „Zukunft“ sein könnten, geboren zwischen 1960 und 1982. Bestimmte Erkenntnisse lassen sich wohl auf den gesamten Kunstbetrieb übertragen: etwa dass nach wie vor Künstlergruppen eine Rolle spielen. Dass das Tafelbild in der jüngeren Kunst gegenüber sozialen performativen Präsentationsformen in den Hintergrund tritt. Oder dass sich die Zentren der Kunstproduktion verschoben haben, London gegenüber Berlin ins Hintertreffen geraten ist und zeitgenössische „markttaugliche“ Kunst nun global entsteht. Und trotzdem, was wir hier sehen, ist die Auswahl aus einem bestimmten Blickwinkel, dem der manifesta’s und der Kunstvereine großer Städte, unübersehbar ist das Avancierte. Die Aufmachung von „Creamier“ als Zeitung hat etwas Ehrliches: Das Projekt ist nur eine Momentaufnahme und nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern. Fortsetzung folgt bestimmt. Das Buch „Die Kunst der Gegenwart“ blickt im Gegensatz dazu nicht voraus, sondern schaut zurück. Eigentlich ist Belser ein sehr feiner Verlag mit relativ wenig Veröffentlichungen, die dann aber exquisite Themen aus der Kunstgeschichte betreffen. Indem die meisten Publikationen zu Ausstellungen im In- und Ausstellungen erscheinen, also unterschiedliche Kräfte daran zerren, finden sich darunter freilich manche schwierige grafische

C. Bonham-Carter, D. Hodge, Die Kunst der Gegenwart, 254 S., ca. 250 Farbabb., Hardcover mit Schutzumschlag, 31 x 26 cm, Belser, 39,90 Euro Umsetzungen. Bei dem Buch „Die Kunst der Gegenwart“ verhält es sich umgekehrt. Die Aufmachung ist sehr gut, die Herangehensweise an das Thema bedenklich. Vorgestellt werden, so heißt es im rückseitigen Text, die „200 am häufigsten ausgestellten Künstlerinnen und Künstler der letzten 40 Jahre“. Dies ist eine mutige Aussage, zumal sie nirgendwo weiter erläutert, verifiziert ist. Tatsächlich bleiben z.B. Rosemarie Trockel, Günther Uecker, Ai Weiwei oder die einzelnen Vertreter der Arte Povera unerwähnt. Hingegen kommt der Holländer Michael Raedecker zum Zug, der doch eher ein Geheimtipp ist, oder die 1970 geborene Jenny Saville, für die nur auf Galerien- und Gruppenausstellungen verwiesen wird – vielleicht liegt’s daran, dass diese Künstler wie die beiden Autoren in London leben? Bleibt man erst mal an derartigen Fragwürdigkeiten hängen, dann fällt immer mehr auf. Bei den Abbildungen handelt es sich m.E. häufig nicht um Schlüsselwerke der Künstler; biographische Daten, die für die Rezeption wichtig sind, weisen teils grobe Fehler auf oder sind unvollständig, der Kenntnisstand der Begleittexte lässt mitunter zu wünschen übrig. Man könnte Belser vorwerfen, mäßig lektoriert zu haben. Man kann sagen, die beiden Autoren haben schnell gearbeitet. Recherche und Nachdenken sind demgegenüber sekundäre Tugenden. Der Kunstbetrieb frisst

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sich selber auf. Und doch, für den Laien vermag das Buch viele Informationen und einen grundsätzlichen Überblick über die Entwicklungen der letzten 20 Jahre zu liefern – für diesen ist es gedacht, und das erklärt vielleicht auch die lexikonartige, deskriptive Sprachform. Gegenüber den Künstlern in „Creamier“ gelten Katharina Fritsch und Tony Cragg als gestandene Größen im Kunstgeschehen, aktuell und präsent vor allem im Metier der Bildhauerei. Weitere Gemeinsamkeiten: Zu beiden sind bei deutschen Verlagen neue Monographien erschienen, im Zusammenhang mit Ausstellungen. Beide leben in Nordrhein-Westfalen und lehren seit neuestem sogar an der selben Kunstakademie, in Düsseldorf. Bekannt wurden sie schon in den 1980er Jahren, wobei bei Cragg (geb. 1949) eines aus dem anderen folgte und er mit einiger Selbstverständlichkeit immer höher zum Gipfel der Gegenwartskunst stieg. Bei Katharina Fritsch (geb. 1956) ereignete sich das innerhalb weniger Jahre, forciert gewiss durch ihre Teilnahme an der Biennale Venedig 1995. Tony Cragg seinerseits war auf der Biennale wie auch auf der documenta vertreten, seine vielen Ausstellungen finden nicht nur in Innenräumen, sondern auch in der Landschaft statt – so wie er selbst an seinem Wohnort Wuppertal einen Skulpturenpark bespielt und

Tony Cragg – Second Nature, 255 S., 317 Farbabb., Hardcover, 32 x 24,5 cm, DuMont, 49,95 Euro

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leitet und seit zwei Jahren Rektor der Akademie in Düsseldorf ist. Ob unter all dem nicht die künstlerische Arbeit leidet? In diesen Wochen zeigen aktuelle Arbeiten in der Ausstellung „Der Westen leuchtet“ im Kunstmuseum Bonn, dass seine Skulpturen nach wie vor elaboriert sind und die besten Qualitäten von Skulptur vereinen. In den letzten Jahren hat Tony Cragg zu einer organischen, dynamischen Form von Skulptur gefunden, die mit volumenhaftem Körper und Silhouette arbeitet, Flächen verschiebt und damit in visuelle Labilität versetzt, und zwar parallel in verschiedenen Werkgruppen. Deutlich wurde dies auch in seiner vorjährigen Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Sie ging noch den Wurzeln seiner Arbeit nach und zeigte auf, wie Cragg aus einer Vielteiligkeit zur Geschlossenheit gekommen ist und organische Kleinformen, Versteinerungen, Oberflächen, Transparenz und Schwerkraft untersucht. Neben einem Einblick in das plastische Werk verdeutlichten dies feinnervige akribische Zeichnungen, mit denen Cragg plastische Befähigungen für sich klärt, die aber auch autonom stehen – sie bilden den Schwerpunkt in dem dazu erschienenen sehr guten, sorgfältigen Buch „Tony Cragg - Second Nature“. Der Wuppertaler hat es übrigens einfach. Im Skulpturenpark Waldfrieden sind Arbeiten aus den verschiedenen Werkgruppen von Cragg zu sehen, weiterhin vor dem Von der Heydt-Museum, der Barmenia Hauptverwaltung und ... Katharina Fritsch arbeitet anders, sie gehört schon einer anderen Künstlergeneration an, die dem Konzept viel Platz einräumt. Ihre Arbeiten frieren Zeit ein und sie brauchen in der Herstellung viel Ziel. Es gibt nur relativ wenige Ausstellungen zu ihrem Werk und schon deshalb ist der Katalog, der zur Ausstellung in Zürich und Hamburg bei Hatje Cantz erschienen ist, unverzichtbar, abgesehen davon, dass er tadellos ist und neben der aktuellen Produktion auch in Marginalien frühe Werke zeigt. In ihrer Arbeit verabschiedet sich Katharina Fritsch erst einmal von den klassischen Fragen der Bildhauerei, um diese doch wieder über die Figur und deren Anschaulichkeit zu gewinnen. Ihre Arbeiten

Katharina Fritsch, Hg. Bice Curiger, 148 S., 84 Abb. davon 58 farbig, Broschur, 28,8 x 21,5 cm, Hatje Cantz, 35,– Euro sind mit monochromer Signalfarbe überzogene, perfekte, vermeintlich industrielle Objekte, welche in prägnanten Realismus Urbilder unserer Emotionen hervorholen. Katharina Fritsch vergegenwärtigt Träume und Albträume, hinterfragt Sensibilitäten, Erschrecken und Glück. Dass sie sich in ihrem Werk, das mittlerweile drei Jahrzehnte umfasst, treu geblieben ist und doch weitere Schritte vollzogen hat, das erfährt man in diesem Katalog. Auch, wie viel dieses Werk über Aspekte heutiger Gesellschaft mitteilt. Also, weg von den Themenausstellungen, zurück zur monographischen Ausstellung!


Kulturnotizen Größte Beuys-Ausstellung der Welt in Düsseldorf Kunstsammlung NRW und Schmela-Haus zeigen insgesamt über 300 Werke des Schamanen und KunstRevolutionärs Düsseldorf - In Düsseldorf ist bis 16. Januar 2011 die weltweit bislang wohl größte Ausstellung zum Werk von Joseph Beuys zu sehen. In der Kunstsammlung am Rande der Altstadt und im SchmelaHaus in der Mutter-Ey-Straße sind im Rahmen der Quadriennale unter dem Motto „Parallelprozesse“ rund 300 Arbeiten des Schöpfers des „Erweiterten Kunstbegriffs“ ausgestellt. Die Schau findet im Vorfeld von Beuys 25. Todestag im Januar nächsten Jahres statt. Auf etwa 3.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche finden die Werke den ihnen gebührenden Platz, wirken teilweise allerdings in den riesigen Hallen des vor wenigen Monaten neu eröffneten Museums doch etwas alleingelassen. Zehn Hauptwerke des Professors der Düsseldorfer Kunstakademie sind zu sehen - Rauminstallationen sowie große, skulpturale Arbeiten. Darunter auch die Arbeiten „The pack (das Rudel)“ und „Zeige Deine

Joseph Beuys, Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch (Lightning with stage in its glare), 1958-1985, Installation, 39 Elemente: Bronze, Eisen, Aluminium, Kompass, Leihgabe Guggenheim Museum, Bilbao. © VG Bild-Kunst, Bonn 2010, Foto: Achim Kukulies

Joseph Beuys, The Pack (das Rudel), 1969, VW Bus, 24 Schlitten mit Wachs/Fett, Baumwollband, Filz, Abbindegurten und Stablampe ausgestattet. Neue Galerie, MHK, Kassel © VG Bild-Kunst, Bonn 2010 Foto: Achim Kukulies

Wunde“. Beides wirkt - da X-mal präsentiert - allerdings überwiegend museal. Interessanter dagegen eine große Auswahl an Zeichnungen, Objekten, plastischen Bildern, Aktionsrelikten und -dokumentationen sowie Photos.

des eigenen künstlerischen Tuns bleiben viele Arbeiten irgendwie blutleer und tot. Das gilt nicht nur für den Filzhut auf dem Flügel, sondern auch für den Filzanzug hoch oben an der Museumswand, der aus dem Jahr 1970 stammt.

Die Ausstellung ist sicherlich vor allem für diejenigen Kunstinteressierten gedacht, die den Künstler nicht mehr selbst erlebt haben. Kunstsammlungs-Direktorin Marion Ackermann will mit der Schau „den ganzen Beuys“ zeigen und ehren. Doch viele seiner Arbeiten sind sicherlich vor allem für Beuys‘sche Zeitgenossen sehenswert und für deren „Aha-Erlebnisse“ nach dem Motto „Weißt Du noch, damals, in den wilden 60‘er, 70‘er und 80‘er Jahren?“

Es sind wohl vor allem die kleinen, feinen Arbeiten von Beuys, die dem Besucher im Gedächtnis bleiben und nicht die monumentalen Riesenskulpturen, denen viel Platz im Museum eingeräumt wird. Geradezu berührend ist die unspektakuläre Arbeit eines schlichten Kreuzes, das Beuys aus zwei dünnen Rosenholz-Zweigen 1985, wenige Monate vor seinem Tod geschaffen hat. Da hat er die dornigen Äste übereinander gelegt und lediglich mit einem kleinen Nagel fixiert.

Die Schau ist ganz sicherlich eine kuratorische Meisterleistung in dem Sinne, als es eine Riesenarbeit gemacht haben muß, die in aller Welt verstreuten Exponate des Künstlers, Schamanen und Revolutionärs Beuys für diese Ausstellung zurück nach Düsseldorf zu holen. Doch ohne die quirlige Art des Künstlers, ohne seine Aktionen und seine noch so kargen Interpretationen

Andreas Rehnolt

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Kulturnotizen Große Schau über Nam June Paik in Düsseldorf Die Ausstellung im Museum Kunst-Palast findet im Rahmen der Quadriennale statt Düsseldorf - Im Rahmen des Kulturfestivals Quadriennale zeigt das Museum Kunst-Palast bis zum 21. November eine groß angelegte Schau zu Person und Werk des des koreanischen Künstlers Nam June Paik. Die Ausstellung gibt einen umfassenden Überblick zu den wesentlichen Entwicklungen dieses außergewöhnlichen und einflußreichen Künstlers. Dabei wird mit zahlreichen Leihgaben aus internationalen öffentlichen und privaten Sammlungen erstmals deutsche, angloamerikanische und koreanische Forschung zum Werk von Paik zusammengeführt. Das Spektrum der Schau reicht von Musik über (Fluxus-) Aktion und Performance hin zu medialen Arbeiten. Dabei stehen sich Installationen der 1970er, 1980er und 1990er Jahre, Videoarbeiten sowie Partituren, (Fluxus-) Konzepte und Handschriften der 1950er und 1960er Jahre als geistige Sprengsätze gegenüber. Gezeigt werden über 30 große skulpturale Werke - darunter zum ersten Mal in Deutschland die Installation „Laser Cone“ aus der letzten Schaffensperiode von Paik, in der er die Technik des Lasers weiterentwickelte und in seine Arbeit hineinnahm. Weitere Highlights der Ausstellung sind

„One Candle“, 1989, Closed-Circuit-Installation, Maße variabel, Kerze, Kamera, 4-6 Projektoren, © Nam June Paik Estate, New York, 2010/Museum f. Moderne Kunst, Frankfurt/Main Foto: Axel Schneider, Frankfurt /Main.

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Manfred Leve: Nam June Paik und K.O. Götz im Rahmen der Eröffnung der Ausstellung „Exposition of Music Electronic Television“, Galerie Parnass, Wuppertal, 11.03.1963, Leihgeber: AFORK, Archiv künstlerischer Fotografie der rheinischen Kunstszene, Düsseldorf / museum kunst palast © Manfred Leve

V-yramid von 1982, Egg Grows von 1984, One Candle von 1989, und Internet Dream von 1994. Ebenfalls zum ersten Mal wird innerhalb einer Ausstellung eine große Gruppe der berühmten TVBuddhas präsentiert, von denen einer in seiner geöffneten Hand das Beuys‘sche Kreuz trägt. Außerdem zeigt die Schau graphische Werke wie etwa eine große Anzahl von Handzeichnungen. Anhand zahlreicher Dokumente, wie Fotos, Briefe, Texte und andere Handschriften, wird den Besuchern zudem die Gelegenheit gegeben, die

Arbeits- und Denkweise Paiks kennenzulernen. Die enge Verbundenheit des Künstlers mit Düsseldorf und dem Rheinland wird in der Ausstellung als besonderer Forschungsschwerpunkt präsentiert. Denn hier entwickelte Paik sich zwischen 1958-63 vom Komponisten und Musiker hin zum „Vater“ der Videokunst. Als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie lehrte Paik von 1979-1995. Paik starb 2006 in Miami. Die Ausstellung ist di, mi, fr, sa und sonntags von 11 bis 18 Uhr, do von 11 bis 21 Uhr geöffnet. www.museum-kunst-palast.de Andreas Rehnolt

„Internet Dream“, 1994, Multi-Monitor-Installation, Splitscreen, 3 Kanäle, ca. 400 x 300 x 100 cm, Videowand: 52 Monitore, 4 3x3-Split-Screen-Generatoren, © Nam June Paik Estate, New York, 2010/ ZKM Karlsruhe, Foto: EnBW/ Steffen Harms


Mille hoch zwei: Dokumente aus rund Tausend Jahren, darunter Urkunden, Briefe, Gedichte, Reportagen und politische Dokumente, enthält das zweibändige Werk „Das Ruhrgebiet. Ein historisches Lesebuch“, das Klaus Tenfelde und Thomas Urban im Essener Klartext-Verlag herausgegeben haben. Über Tausend Seiten in einem stabilen Schuber umfasst das Lesebuch, das mit 44 Euro preisgünstig zu nennen ist. Einer allgemeinen Einleitung, in der die Region hinsichtlich Raum, Zeit und Quellen vermessen wird, folgen 18 Kapitel, die thematische Überschriften haben und innerhalb derer die Dokumente streng chronologisch geordnet sind. Das opulente Opus runden eine Erklärung bergmännischer Fachausdrücke, sehr hilfreich für Leserinnen und Leser jenseits der Montanregion, eine übersichtlich gestaltete Auswahlbibliografie sowie ein Register an, bei dem sich der Rezensent allerdings fragt, warum Personen und Orte nicht gesondert abzufragen sind. Über das Städtekonglomerat um Essen, Dortmund und Bochum ist im Jahr der Kulturhauptstadt viel geschrieben worden. Die Herausgeber definieren es so: „Das Ruhrgebiet ist nicht von Fürsten, es ist von Menschen der Moderne ‚gemacht’worden, von Unternehmern und Arbeitern.“ Der „ausschließliche Entstehungsgrund“ für die nach London und Paris größte Ballungsregion in Europa „war der Aufstieg der Montanindustrie, von Bergbau und Stahl, im Zeitalter der Industrialisierung“. Dass weder Kaiser noch Könige, Fürsten und Erzbischöfe mit ihren repräsentativen Sitzen bei der Geburt dabei waren, ist schließlich der Grund dafür, dass es „die“ Ruhrgebietsstadt nicht gibt und im Gegenteil die administrativen Zentren der drei nordrhein-westfälischen Regierungsbezirke, die sich den „Pott“ teilen, mit Düsseldorf, Münster und Arnsberg … alle außerhalb der Ruhrregion liegen.

chenbare Jahrzehnt“ und „Weimarer Republik – Zwischen scheinbarer Stabilisierung und Weltwirtschaftskrise“ gut bedient. Flugblätter von Arbeiter- und Soldatenräten, Polizeiberichte und Eingaben von Zechenherren bei der Reichsregierung lassen ein lebhaftes Bild davon entstehen, welche Auseinandersetzungen die Weimarer Republik geprägt und es den demokratischen Kräften schwer gemacht haben, dem rechten Generalangriff zu widerstehen. Denn die ohnehin teuer erkaufte so genannte Stabilisierung 1924 ff. war „weder von Dauer noch von tief greifender Natur“ (S. 551). Belegt wird diese These mit einer Reportage von Erwin Kisch und zahlreichen politischen Dokumenten und Berichten. Der Bogen ist weit gespannt. Im ältesten Dokument, das wiedergegeben wird, berichtet ein Mönch über sein Leben im 9. Jahrhundert. Schlaglichter auf die jüngste Zeit werfen am Ende des zweiten Bandes Herbert Grönemeyers Lied über die Currywurst, ein Text über „türkische Gärten und Literatur der Migranten“, ein Artikel über „BVB, Schalke & Co.“, ein dem Internet entnommener Beitrag über die erste Ruhrtriennale, Dokumente zur Kulturhauptstadt 2010 und Frank Goosens Hymne auf Frittenbuden. Ein buntes Bild. Und eine Veröffentlichung, die das Jahr 2010 genau so überleben wird wie der im Kölner Emons-Verlag kürzlich erschienene und etwa gleich teure „Atlas der Metropole Ruhr“. „Ruhrgebiet satt“ titelte dazu ein Rezensent, und die lobend gemeinte Bemerkung kann uneingeschränkt auch für das besprochene Lesebuch gelten. Wer zum Beispiel einiges über die revolutionäre Nachkriegskrise und ihre Bewältigung erfahren will, ist mit den Kapiteln „Weltkrieg, Bürgerkrieg, Besetzung 1914 – Das „unbere-

Klaus Tenfelde/Thomas Urban, Das Ruhrgebiet. Ein historisches Lesebuch, 44 Euro, Essen: Klartext-Verlag Matthias Dohmen M.A.

„Es geht sowieso immer bergab“, sagte ein Adeliger zu mir. „Es kommt darauf an, dass man Haltung bewahrt. Und dass es - immer wieder zwischendurch – scheinbar – ein bischen aufwärts geht.“ Karl Otto Mühl

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Kulturnotizen Buchpremiere in der Thalia Buchhandlung Armin T. Wegner-Gesellschaft und Thalia Buchhandlung präsentieren: „Wer die Wahrheit spricht, muß immer ein gesatteltes Pferd bereit halten“ 26 Geschichten junger AutorInnen um Menschenrechte – Edition Roesner Wien, Herbst 2010 Buchpräsentation am Mittwoch, 27. Oktober 2010 um 20.00 Uhr Thalia Buchhandlung, Schlössersgasse 3, 42103 Wuppertal mit Günter Wallraff, Ulrike Schloemer Ulrich Klan (Hrsg.),Tobias Kiwitt (Hrsg.) 26 Kurzgeschichten von jungen AutorInnen – sie zählen zu den Besten aus dem ersten Armin T. Wegner Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum. Sie wurden ermittelt von einer Jury, der auch die Wuppertaler Journalistin Anne Linsel und der Wuppertaler Schriftsteller Hermann Schulz angehörte. Mit einem Nachwort von Günter Wallraff, dem Schirmherrn des Wegner-Literaturwettbewerbes, der seinerseits als Anfänger von Armin T. Wegner entdeckt und ermutigt wurde. Der schon hoch-betagte Exildichter Armin T. Wegner hörte den jungen Wallraff bei der Dortmunder ‚Gruppe 61‘ und prophezeite: „Von Wallraff werden wir noch viel hören und lesen, wenn seine Kritiker, die braven Versemacher, verstummt sind.“

wurde Tscharenz 1934 in der stalinistischen Sowjetunion mit Publikationsverbot belegt. Er wurde vom Geheimdienst NKWD verhaftet und starb 1937 in Gefangenschaft. Konrad Kuhn Dramaturg, Theaterwissenschaftler, Übersetzer. Arbeitete am Burgtheater Wien unter Claus Peymann und Hermann Beil, am Staatstheater am Gärtnerplatz München und an der Oper Leipzig. Seit 2009 am Opernhaus Zürich. Christoph Haacker Literaturwissenschaftler, Leiter des Arco-Verlages (Wuppertal / Wien). Er war Gründungsvorsitzender der Armin T. Wegner Gesellschaft. Arp-Museum gibt sich „superfranzösisch“ Remagen - „Superfranzösisch“ ist der Titel einer Ausstellung, die bis 27. Februar 2011 im Arp-Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen zu sehen ist. In einem farbenfrohen Reigen hat die Malerei herausragender französischer Meister Einzug in die Kunstkammer Rau gehalten. Am Beispiel von über 60 Gemälden, Skulpturen und kunstgewerblichen Gegenständen erleben die Besucher Geschichte in Bildern. Von den anonymen Heiligenbildern des Mittelalters, über die Schäfer-Idyllen des Rokoko, die Porträts der Aufklärung bis zu den großen impressionistischen Landschaften – von Boucher zu Fragonard, über Delacroix bis zu Degas, Monet und Cézanne - die das Licht und die Farben Frankreichs ins Muse-

Armenische Gedichte Armin-T.-Wegner-Gesellschaft und Literaturhaus Wuppertal präsentieren: Jeghische Tscharenz: Mein Armenien. Gedichte (Deutsche Erstausgabe) Gelesen vom Übersetzer Konrad Kuhn (Zürich) und vom Verleger Christoph Haacker (Wien) am Sonntag, 7. November 2010 Matinee um 11.00 Uhr im Literaturhaus Wuppertal, FriedrichEngels-Allee 83, 42285 Wuppertal Deutsche Erstausgabe, zweisprachig: Ostarmenisch/Deutsch. Arco Verlag Wuppertal 2010 Jeghische Tscharenz (1897–1937) zählt zu den großen Lyrikern des 20. Jahrhunderts. Zunächst überzeugter Kommunist,

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um bringen. Der Sammler Gustav Rau liebte Frankreich und insbesondere die französische Malerei, hieß es zum Auftakt der Ausstellung, die die Entwicklung der französischen Kunst vom Mittelalter bis ins späte 19. Jahrhundert am Beispiel herausragender Kunstwerke und ihrer Maler, Bildhauer und Kunsthandwerker zeigt. Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. www.arpmuseum.org

Xanten zeigt Antiken aus Privatbesitz und europäischen Museen Xanten - „Schatzhäuser“ lautet der schlichte Titel für eine Ausstellung im Xantener Römer-Museum des Landschaftsverbandes Rheinland, die bis 9. Januar 2011 Antiken aus Privatbesitz Xantener Sammler sowie europäischen Museen präsentiert. Der Boden in und um die alte niederrheinische Stadt an der Grenze zu den Niederlanden hat seit Jahrhunderten immer wieder antike Fundstücke freigegeben. Viele dieser Funde blieben in Privatbesitz oder wurden an auswärtige Museen verkauft. Besonders die Hinterlassenschaften aus der römischen Zeit haben seit jeher die Aufmerksamkeit von privaten Liebhabern und Sammlern auf sich gezogen. So sind über Generationen hinweg beachtliche Sammlungen entstanden, die nie ans Licht der Öffentlichkeit gelangten. Nun weckt das Museum die unbekannten Xantener Antiken für eine Weile aus ihrem Dornröschenschlaf. Immerhin rund 40 private Leihgeber stellten für die Ausstellung aus ihren heimischen Wohnzimmern über 600 Exponate zur Verfügung. Die Ausstellung ist täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. www.arpmuseum.org Das große Blau Mediterrane Bilder von Peter Hohberger in der Wuppertaler „Färberei“ Noch bis Ende Oktober zeigt „Die Färberei“ in Wuppertal-Oberbarmen Gemälde des Bildhauers Peter Hohberger. Längst nicht alle Liebhaber seiner Skulpturen, Porträt-Büsten, Torsos und abstrakten bildhauerischen Werke kennen den „anderen“ Peter Hohberger, den Maler, der mit leichter Hand und Fernweh Bilder des Südens auf Leinwand, Karton oder Papier bringt. Die einerseits luftigen, warmen, dann aber auch unübersehbar melancholischen Ölbilder zeugen von seiner Liebe zu den Ländern am Mittelmeer; vor allem griechische, spanische und italienische Motive finden sich in der ca. 25 Exponate präsentierenden Ausstellung: Küsten-Landschaften mit den weißen, im Sonnenlicht strahlenden einfachen Architekturen der Regionen, wenig Vegetation der heißen Landschaften und vor allem dem satten


Foto: Frank Becker Blau des Meeres und seinem leuchtenden Spiegel, dem Himmel. Menschen fehlen. Peter Hohberger läßt die Landschaften im stummen Dialog den Betrachter ansprechen, fängt das leise Rauschen der permanenten Dünung und das wuchtige der Brandung im Bild ein. Es sind die geschwungenen Buchten in ihrer Abgeschiedenheit, die beruhigend schlichten Bauten als sichere Häfen für den Unruhigen, die den Maler faszinieren, wie die perfekte Schönheit den Bildhauer. Die Ausstellung ist bis Ende Oktober gewöhnlich täglich zwischen 14.00 und 18.00 Uhr geöffnet. Große Echnaton-Ausstellung in Hamm Hamm - Unter dem Titel „Echnaton und Amarna“ zeigt das Gustav-LübckeMuseum im westfälischen Hamm bis zum 30. Januar kommenden Jahres eine umfangreiche Präsentation zur Geschich-

te des alten Ägypten unter der Regentschaft des Pharaos Echnaton (1374 bis 1335 vor Christus). Echnaton war der Stifter der ersten monotheistischen Religion. Echnaton proklamierte Aton, die Sonne, der sich durch das Licht und im Licht offenbart, die Welt durchdringt und alles Leben spendet. Für Aton ließ der König neuartige Tempel errichten, die nicht wie frühere ein Kultbild besaßen. Die Ausstellung versucht, der Vision und dem Anspruch der neuen Stadtgründung durch Echnaton in Modellen und originalen Zeugnissen der Amarnazeit nachzuspüren. Rund 120 Exponate - Skulpturen, Reliefs, Stelen und Keramik - werden präsentiert. Die Ausstellung ist dienstags bis samstags von 10 bis 17 Uhr sowie sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. www.hamm.de/gustav-luebcke-museum Ausstellung über Feindbilder auf politischen Plakaten und Flugblättern Dortmund - „Krieg und Frieden“ lautet der Titel einer Ausstellung im Hoesch-Museum Dortmund, die bis 28. Oktober Feindbilder auf politischen Plakaten und Flugblättern aus dem Westfalen der Jahre 1914 bis 1932 zeigt. Plakate seien Spiegel des Zeitgeistes, sie fangen die Atmosphäre des Augenblicks ein, dokumentieren Geschmack und Lebensgefühl, Konsum- und Freizeitver-

halten der Gesellschaft ihrer Zeit, aber auch soziale Spannungen und Konflikte, politische Grundüberzeugungen, Wertvorstellungen und Feindbilder, Hoffnungen, Ängste, Phobien und Ressentiments, hieß es zum Start der Schau. Agitation und Propaganda zur Mobilisierung der Massen waren aus Sicht der staatlichen Obrigkeiten vor 1914 nicht erwünscht. Diese Situation änderte sich dann allerdings schlagartig mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Führende Werbegraphiker und Plakatkünstler wie Ludwig Hohlwein, Julius Gipkens oder Lucian Bernhard stellten sich „in den Dienst der nationalen Sache“, malten Kriegspostkarten und entwarfen Plakate für die Kriegsanleihen oder für nationale Sammel- und Spendenaktionen. Sowohl in Deutschland als auch bei den Gegnern wurde das politische Plakat in dieser Zeit zum wichtigsten Mittel der nationalen Propaganda und der psychologischen Kriegführung. Die Gemeinschaftsausstellung des Hoesch-Museums und des Westfälischen Wirtschaftsarchivs zeigt rund 50 Originale aus den Beständen des Archivs. Die Ausstellung ist dienstags und mittwochs von 13 bis 17 Uhr, donnerstags von 9 bis 17 Uhr und sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

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Kulturnotizen Ausstellung „Eros und Stasi“ im Aachener Ludwig Forum Aachen - „Eros und Stasi“ lautet der Titel einer Fotoausstellung, die bis zum 21. November im Aachener Ludwig Forum für Internationale Kunst zu sehen ist. Präsentiert werden rund 100 Werke bedeutender Fotografen wie Sibylle Bergemann, Evelyn Richter, Ulrich Wüst, Arno Fischer, Daniel und Geo Fuchs, Will McBride, Helga Paris und Roger Melis. Sämtliche Exponate der Schau stammen aus der Sammlung Gabriele Koenig. Schwarz auf Weiß haben die Fotografen alltägliche Situationen festgehalten, die die jüngere Zeitgeschichte des deutschen Ostens abseits der großen Politik spiegeln. In Momentaufnahmen werden beruflicher und privater Alltag, politische Aktivitäten, Stadtlandschaften, Interieurs und Aktfotografie präsentiert. Die „Street- Fotografie“ der 1970er und 80er Jahre, die das Leben in der DDR authentisch und ungestellt wiedergibt, steht nach Angaben der Aussteller im Mittelpunkt der Ausstellung. Stadtansichten von Ursula Arnold und Arno Fischer zeigen die Situation der 50er Jahre. Zehn großformatige, farbige Arbeiten der Serie „Stasi - Secret Rooms“ von Daniel und Geo Fuchs bilden die Nachlese und dokumentieren die verlassenen Stätten des Staatssicherheitsdienstes Jahre nach dem Fall der deutsch-deutschen Mauer. Die Ausstellung ist dienstags, mittwochs und freitags von 12 bis 18 Uhr, donnerstags von 12 bis 20 Uhr sowie samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr. www.ludwigforum.de

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Historisches Zentrum Wuppertal zeigt Meilensteine der Fotografie Wuppertal - „Licht fangen - Die Geschichte hinter den Bildern“ ist der Titel einer Ausstellung im Historischen Zentrum Wuppertal/Engels Haus, die bis zum 9. Januar nächsten Jahres in die Pionierzeit der Fotografie führt. Nach Angaben des Zentrums zeigt die Schau rund 5.000 Exponate aus der Sammlung KH. W. Steckelings und präsentiert Fototechnik ebenso wie historische Fotoapparate und vorher nie gezeigte Aufnahmen. Kameras wie die in Elberfeld um 1860 gefertigte LiesegangNaßplattenkamera oder die erste Amateurkamera Kodak No.1 zeigen die technische Entwicklung und den Drang nach Innovationen und stetiger Verbesserung. In zwei Räumen im Engels-Haus werden die ersten Fotos auf silberbeschichteten Kupferplatten, nach ihrem Erfinder benannte Daguerreotypien, in einer Anzahl gezeigt, wie sie so sonst nirgends zu sehen ist, da diese Einzelstücke sehr fragil sind und daher nur wenige die Zeit überdauert haben. Kuriositäten, wie winzige sogenannte Stanhopes (engl. Stanhope = Lupe), laden zum Schmunzeln ein. Zahlreiche Aufnahmen zeigen verborgene Wünsche und Sehnsüchte des aufstrebenden Bürgertums des 19. Jahrhunderts. Das Reisen in ferne Länder, das Kennenlernen fremder Völker und exotischer Tiere, die Dokumentation spektakulärer Entdeckungsreisen, etwa nach Indien, China und Afrika oder aktuelles Zeitgeschehen wie der Boxeraufstand in China, bedienten die Nachfrage nach immer neuen Bildern. Das Foto diente aber auch zur Selbstdarstellung, zur Erinnerung und zur Dokumentation der wichtigen Ereignisse im Leben, wie Taufe, Hochzeit oder Geburtstag. Sogar der Tod wurde festgehalten. Bis zu ihrem Verbot war die Post Mortem Fotografie ein einträgliches Geschäft für die Fotografen, die aus praktischen Gründen ihre Fotoateliers gleich in der Nähe der Bestattungsunternehmen und Friedhöfe eröffneten. 1888 konnten mit der Erfindung der handlichen Kodak Nr. 1 - die Ausrüstung der ersten Fotografen wog rund 100 Kilogramm - auch Amateure Aufnahmen machen. Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. www.historisches-zentrum-wuppertal.de

Ruhr Museum Essen zeigt Fotos aus der Zeit des Strukturwandels Essen - Unter dem Titel „Alles wieder anders“ zeigt das Ruhr Museum Essen vom 27. September an eine Ausstellung mit Fotografien aus der Zeit des Strukturwandels. Dabei handele es sich um die bislang umfangreichste Schau über die Umbruchzeiten in der früheren Stahlund Kohle-Region, teilte ein Sprecher des Museums mit. Anhand von über 400 Fotos erhalten die Besucher ein facettenreiches Bild von den Jahren, in denen sich das ehemalige Industrierevier maßgeblich veränderte. Die Ausstellung läuft bis zum 16. Februar nächsten Jahres.

Zeitgleich präsentiert das Ruhr Museum die Ausstellung „Schwarzes Revier“. Sie zeigt ebenfalls bis zum 16. Februar kommenden Jahres Fotografien von Heinrich Hauser. Der Fotograf, Schriftsteller, Seemann und Dokumentarfilmer brachte 1930 sein Buch „Schwarzes Revier“ mit 127 Aufnahmen heraus, von denen jetzt viele in der Ausstellung zu sehen sein werden. Insgesamt präsentiert die Schau knapp 130 Fotos des 1955 verstorbenen Fotografen. Die Aufnahmen sind in fünf Kapitel geordnet und dokumentieren die Reise „in ein mittlerweile fremd erscheinendes und doch noch vertrautes Land“, hieß es in der Ankündigung weiter. Die Schönheit der Industriebauten und die Tristesse des Alltagslebens, die erbärmlichen Lebensumstände der Bergleute und Hochofenarbeiter und die Härte von Kinderleben in dieser Zeit. Die Ausstellungen sind täglich von 10 bis 19 zu sehen. www.rurrmuseum.de


Peter-Hille-Literaturpreis an Fritz Eckenga Der nur alle drei Jahre von der PeterHille-Stiftung vergebene Peter-Hille-Literaturpreis „Nieheimer Schuhu“ wurde am 11. September dem Dortmunder Lyriker, Schriftsteller und Kabarettisten Fritz Eckenga vor allem für sein lyrisches Werk verliehen. Der 2007 zum ersten Mal - an Erwin Grosche - vergebene, nach dem ostwestfälischen Poeten Peter Hille benannte Literaturpreis „Nieheimer Schuhu“ hat nach der vorgesehenen Frist von drei Jahren einen würdigen zweiten Preisträger gefunden: Fritz Eckenga. Der Dortmunder Dichter, dem nicht zu Unrecht gelegentlich auch das Etikett „Kabarettist“ angeheftet wird, hat sich in den Jahren seiner Bühnen- und Buch-Tätigkeit mehr und mehr zum veritablen Lyriker gemendelt, neben anderen metrischen Formen das Sonett zu neuer Blüte gebracht, den Spencer und Alexandriner entdeckt, gar das Endecasillabo und man horche auf: das Akrostichon wiederbelebt. Selbst Blankvers und Knüttelreim sind ihm keine Unbekannten. Seine Bücher erscheinen, seit er das Etikett gewechselt hat und Lanzen für die Lyrik bricht, beim namhaften Münchner Verlag Antje Kunstmann. Pünktlich zur Preisverleihung am 11. September ist Fritz Eckengas jüngstes Werk „Fremdenverkehr mit Einheimischen“ zum Lesen und Hören, also als Buch und als CD mit des Dichters Stimme selbst auf den novitätenhungrigen Markt gekommen. Doch trotz aller aktuellen Zeit- und Personenkritik zeigen sich sowohl bei der

Lektüre als auch beim akustischen Genuß als solider Hintergrund der kabarettistischen Aussage die literarische Gewichtung, die Metrik-Verliebtheit, die Versmaß-Akkuratesse des Dortmunders, dem Bescheidenheit ebensowenig ansteht wie dem Papst eine Schanklizenz für Dortmunder Union. Gespräche am Kamin, Kochstunden und Kultur bei der Friedrich-Spee-Akademie Wuppertal. Einblicke in die Denk- und Arbeitsweise bekannter Wuppertaler Persönlichkeiten gewähren die „Gespräche am Kamin“, die der Vorsitzende der FriedrichSpee-Akademie (FSA) Wuppertal, Jochen Zoerner-Erb, auch im kommenden Wintersemester führt. Die rund 90-minütigen Veranstaltungen haben im Kaminzimmer der Mundus-Residenz am Laurentius-Platz, jeweils donnerstags um 16 Uhr, ihren Rahmen gefunden. Den Auftakt macht am 21. Oktober Wuppertals Alt-OB Dr. Hans Kremendahl. Ihm folgt am 28. Oktober die Vorsitzende des Bergischen Geschichtsvereins, Dr. Sigrid Lekebusch. Der Wuppertaler Opernintendant, Johannes Weigand, ist am 11. November Gast von Zoerner-Erb, eine Woche später, am 18. November, kommt Dr. Martina Thöne, Kulturredakteurin der Westdeutschen Zeitung in Wuppertal, zum Kamingespräch. Schließlich stellt sich am 25. November der Direktor des Finanzamts Elberfeld, Klaus Saalmann, den Fragen. Zu sämtlichen Treffen am Kamin kann Jan Filipzik (Tel.: 0172/8275266) im Voraus Auskunft geben. Der Besuch ist kostenlos.

Kulinarisch geht es auf Einladung der FSA am 11. Oktober, und 8. November, jeweils von 17 bis 20 Uhr, in der Wuppertaler „Kornmühle“, Warndtstraße 7 zu. Die Teilnehmer an diesem Kochkurs stellen mit den Jungköchen Daniel Kotthaus und Milan Music ein saisonales Hauptgericht zusammen, das anschließend verzehrt wird. Anmeldung und Informationen sind unter Tel. 82626 in der „Kornmühle“ möglich. Jeweils 18 Euro Kosten fallen an. Weitere Einzelveranstaltungen im Programm der Friedrich-SpreeAkademie am 26. Oktober, 18 Uhr, in der MundusResidenz: Vortrag des früheren Wuppertaler Kämmerers, Dr. Elmar Schulze, unter der Fragestellung „Können Kommunen pleite gehen?“ am Freitag, 26. November, 18.30 Uhr: die Buchvorstellung „Gail Gilmore- Diva furiosa“ durch den Autor Rainer Hackl in der Buchhandlung Mackensen, FriedrichEbert - Straße/Laurentius-Platz und die Filmvorführung „Halleluja Hi Mister Händel“ am Freitag, 3. Dezember, 17 Uhr, in der Mundus- Residenz. Der Film zeigt eine Aufführungsserie aus dem Händeljahr 2009 der Wuppertaler Bühnen. Der Besuch dieser Veranstaltungen ist kostenlos jkr. Das Gesamtprogramm der FriedrichSpee-Akademie BergischLand kann unter www.fsa-online.eu/bergischland eingesehen werden. Texte: Andreas Rehnolt und Frank Becker Auswahl und Redaktion: Frank Becker

Impressum „Die beste Zeit“ erscheint in Wuppertal und im Bergischen Land Auflage 4.000 Exemplare Erscheinungsweise: 5 – 6 mal pro Jahr Verlag HP Nacke KG - Die beste Zeit Friedrich-Engels-Allee 122 42285 Wuppertal Telefon 02 02 - 28 10 40 E-Mail: verlag@hpnackekg.de V. i. S. d. P.: HansPeter Nacke und Frank Becker

Erfüllungsort und Gerichtsstand Wuppertal Bildnachweise/Textquellen sind unter den Beiträgen vermerkt. Gastbeiträge durch Autoren spiegeln nicht immer die Meinung des Verlages und der Herausgeber wider. Für den Inhalt dieser Beiträge zeichnen die jeweiligen Autoren verantwortlich. Umschlagabbildung: Jimi Hendrix, Konzertplakat von Günther Kieser 1968

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Die Beste Zeit Ausgabe 6