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DIE BESTE ZEIT Das Magazin für Lebensart

Ausgabe 24, 2013/2014 - 3,50 Euro

Highlights Ausstellung im Von der Heydt-Museum

Eine Zeit auf einer Insel Kurt Schwitters’ Jahre auf der Isle of Man

Avantgarde in Bewegung Calder-Ausstellung in Düsseldorf

Regina Advento Leben wie ein Tanz

Die Fledermaus

Operette im Wuppertaler Opernhaus

The Big Package Christo im Gasometer Oberhausen

TalPassion Gemalter Kreuzweg von Annette Marks

Der Rollstuhl Erzählung von Marianne Ullmann

Bernhard Helmich Generalintendant in Bonn

ISSN 18695205

Wuppertal und Bergisches Land

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www.barrenstein.de

„Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ Psalm 91,11

Erfahrung, Einfühlungsvermögen, Verständnis und Kompetenz. Wir beraten. Wir organisieren. Ob Erd-, Feuer-, See- oder Naturbestattung. Ihre Entscheidung ist uns Verpflichtung. 2

Berliner Straße 49 + 52-54, 42275 Wuppertal, 0202.663674, www.neusel-bestattungen.de


Editorial Von Menschen und Passionen Kürzlich traf ich mal wieder einen alten Bekannten. Genauer gesagt, es waren einige Bekannte. Na ja, so ganz richtig getroffen haben wir uns nicht. Zudem kennen wir uns eher nur flüchtig. Selbst ihre Namen sind mir nur als Pseudonyme bekannt. Sie heißen Beobachter, Kohlfurter, Melody, Kichererbse, Mr. Smith und so weiter. Und auch ich nenne mich anders. Das mit dem Treffen ist in Wirklichkeit nur so eine fixe Idee von mir, schließlich lebe ich seit einiger Zeit in Kanada. Sie immer noch in Wuppertal. Unser Treffplatz sind die Kommentarspalten der WZ, der einzigen Tageszeitung in unserer schönen Stadt Wuppertal. Wir treffen uns ausschließlich virtuell, im Internet. Und diese Treffen sind ein bisschen einseitig, weil ich nur ein „Zuhörer“ bin. Oder besser, ein Leser von Kommentaren. Selten, wenn ich es gar nicht mehr aushalte, melde ich mich selbst zu Wort. Ich gestehe, ein schöner Tummelplatz ist das nicht immer. Ganz im Gegensatz zu den Ereignissen, die uns zusammenbringen: wir treffen uns innerhalb der Nachrichten zum aktuellen Geschehen in Wuppertal. Gern und auf meinen persönlichen „Wunsch“ vor allem im Bereich Kultur. Und genau dort trafen wir uns also zuletzt. Wir fanden diesmal bei einer gemischten Nachricht zueinander. Wirtschaft und Kultur. Die Musiker des Sinfonieorchesters hatten einen Auftritt. Zeigten sich aber zuvor kämpferisch. Es ging um ihre Abkoppelung von den Lohnsteigerungen der letzten Jahre im öffentlichen Dienst. Man muss sich das vorstellen. Da wird den Musikern schon seit langer Zeit die vertraglich vereinbarten Gehaltserhöhungen verweigert. Darum und um einen großartigen Auftritt ging es bei unserem Treffen. Nun ist das mit den Kommentaren im Zeitalter des Internets so eine Sache. Noch vor gar nicht allzu langer Zeit konnte man seine Meinung in einer Zeitung nur dann loswerden, wenn man sich viel Mühe machte. Papier nehmen. Einen Stift oder die Schreibmaschine. Einen Brief schreiben. Ihn einpacken und – versehen mit dem vollen Namen - zur Post oder gleich zur WZ bringen. Da überlegte man schon mal, ob es das wert ist. Heute sitzen meine Bekannten am PC und melden sich zu Wort. Und weil es so schön anonym ist, geht dem Einen oder Anderen auch schon mal so manche heftige Ausdrucksweise über das Keyboard. Und so bekamen die Musiker gleich ihr Fett weg. Nicht wenige meiner Bekannten waren der Meinung, ein Orchester brauchen wir nicht. Die sollen doch bitte schön für ihr Hobby nicht auch noch bezahlt werden. Und dann auch noch von Steuergeldern, die ja ohnehin knapp sind. Und jetzt auch noch Forderungen stellen. Ganz ehrlich. Überrascht war ich nicht direkt. Und dann wieder doch. Denn die Härte der Reaktionen und diese Ablehnung eines ziemlich hochrangigen Orchesters, das eben nicht gebraucht wird, die hatte mich dann doch getroffen. Gewiss, auch die Meinung, diese Menschen müssen nicht gut bezahlt werden und sollen am Wohlstand nicht so wirklich teilhaben. Doch gleich die komplette Auflösung, weil nicht gebraucht? Meine „Bekannten“ haben mich immer mal wieder auf dem falschen Fuß erwischt. Denn sie sagen gern auch mal so etwas wie: „Ich will kein altes, hässliches Metall im Wald rumstehen haben und das auch noch eingezäunt. Ich will frei und ungestört durch den ganzen Wald spazieren gehen.“ Oder: „Ich war noch nie bei Pina Bausch. Aber was man so hört, handelt es sich um eine Mischung aus Rumgehopse, Aerobic und albernem Tanz.“ Gott sei Dank weiß ich ja, meine Bekannten sind nicht repräsentativ für die Meinung und die Stimmung in Wuppertal. Lebt man weit weg seiner alten Heimat und verliert den Kontakt dorthin ein wenig, gerät man allerdings leicht in Gefahr, gerade das zu vermuten. Was also passiert da mit meinen Bekannten?

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Gerade lese ich einen Bericht des neuen Brasilien-Korrespondenten in der ZEIT. Der erzählt davon, wie langsam dort alles läuft und wie kompliziert alles ist – bis man begreift, wie die Menschen dort funktionieren. Man muss mit ihnen sprechen. Sie zu Freunden machen, was in der Regel einfach ist. Man muss, ja, man muss mit ihnen einfach nur sprechen. Freundlich sein und Freundlichkeit gleichermaßen erwidern. Sie im wahrsten Sinne des Wortes umarmen. Dann wird auch der schärfste Beamte, ob in einer Verwaltung, ob der Polizist auf der Straße, eben dieser Freund. Die virtuelle Kommentar-Spalte einer WZ lässt solche Gespräche nicht zu. Selbst der Versuch einer Diskussion muss scheitern, weil meine „Freunde“ dort nicht offen dafür sind. Eine Umarmung, und sei sie auch nur imaginär, ist unmöglich. Es geht um die schnelle Bemerkung, die man loswerden will. Und am nächsten Tag ist es schon wieder eine andere Meldung, die „beschimpft“ werden muss. Doch diese Geschichte bringt mich auf einen Gedanken, den ich später noch mal zurückkommen will. Im Februar 2013 besuchte ich nach einem Jahr meine ehemalige Heimatstadt. Beim Umsteigen auf dem Flughafen in London stieß ich – in meinem Leben ist vieles nicht ganz zufällig - auf eine große Gruppe des Tanztheaters, die gerade einen Triumph in London erlebten. Was für ein Gedanke, diese vielen Auftritte dort. Große Presse. Wuppertal international und in aller Munde. Wieder einmal. Alles schien wie immer. Ich war in meiner Welt angekommen. Und dabei noch nicht einmal in Deutschland. Dennoch blieb ich gespannt auf die Atmosphäre im Tal der Wupper, nach diesen 12 Monaten. Und tatsächlich war der erste Eindruck genau der, den mir meine Zeitungsbekanntschaften vermitteln. Eine graue Stadt, die unter Auflösungstendenzen leidet und in einer tiefen Sinneskrise, einem tiefen Pessimismus steckt. Und das lag ganz sicher nicht am typischen Wuppertaler Wetter. Das war nämlich gar nicht schlecht. Vielleicht war es der Eindruck, der sich durch allzu große Nähe zu meinen „Bekannten“ in meinem Kopf festgesetzt hatte. Dass die ziemlich einseitigen, engen und ablehnenden Meinungen dieser Wuppertaler meine ganz anderen Erfahrungen konterkarierten. Ich musste mich dringend davon befreien. Nach wenigen Tagen dann gab es die erste Gelegenheit dazu, die Befreiung begann. Zunächst traf ich auf eine Künstlerin aus der Theaterszene. Sie arbeitete an einem Projekt mit Künstlern verschiedener Bereiche für die Wuppertaler Bühnen. Eigentlich ging es nur um die kurzfristige Untervermietung meiner Wuppertaler Wohnung. Und doch war es viel mehr. Der Austausch von Gedanken, die Kraft, die aus einer künstlerischen Arbeit erwächst, das veränderte meinen ersten Eindruck total. Wir trafen uns in einem Raum in einer der typischen Straßen in der Nordstadt. Dort hatte eine Künstlerin ein Environment aufgebaut, das von außen gut sichtbar war. Zufällig kamen auch andere Menschen dazu. Ein Dramaturg eines anderen Theaters. Die Künstlerin, die die Kunst dort eingerichtet hatte. Meine Gesprächspartnerin. Ein vollkommen anderes Wuppertal. Einen Tag später dann die Generalprobe zu einem der Stücke Pina Bauschs. Ein Stück, „Auf dem Gebirge...“, das ich bis dahin nur ein einziges Mal gesehen hatte. Die Begegnung mit dem Ensemble in London hatte mir dies ermöglicht. Und da war sie wieder, diese Stadt Wuppertal, mit dem ganzen Reichtum ihrer Kultur, die ich über so viele Jahre miterlebt, manchmal auch in bescheidenem Masse mitgestaltet hatte. Und die ich in dieser Weise hier in der neuen Welt nirgendwo sehe. Es gibt vereinzelte Orte, wo man etwas davon spürt. Das schon. Zum Beispiel, als das Tanztheater Pina Bausch zwei großartige Auftritte in Ottawa hatte und das riesige Theater an beiden Abenden ausverkauft war. Ich spüre es, wenn ich ganz aktuell einen Bericht aus Montreal lese, in dem schon jetzt voller Enthusiasmus die Eintrittskarten für Pina Bausch‘s „Vollmond“ angepriesen werden: Für November 2014! Ein Artikel, zu dem es viele aufgeregte, gespannte und euphorische Kommentare gibt.

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Ich spüre ein wenig davon in einer kleinen Galerie in Ottawa, die ein sehr beherztes und starkes Programm bieten. Und die Leidenschaft, die Passion, war eben wieder da in Wuppertal. Es brauchte nur wenige Tage, um den ganzen Pessimismus, die leidigen Bekanntschaften aus dem Internet, das Klagen und Meckern zu vergessen. Ich traf alte Freunde. Künstler. Galeristen. Menschen, die kulturell arbeiten. Ich war im „Ort“. In der Backstubengalerie. Beim Tanztheater. War einmal mehr in Tony Cragg‘s Skulpturenpark. Im Museum. Wuppertal ist am Ende doch immer wieder erstaunlich. Diese Passion, mit der offizielle Kunst und eine großartige Subkultur miteinander konkurrieren, sich begleiten oder gegenseitig ergänzen. Menschen mit unglaublicher Leidenschaft, die die aktuelle ökonomische Situation einfach ignorieren. Die ihre Gedanken, ihre Kreativität und ihre Visionen in diese Stadt einbringen. Es ist die Passion, die ich bei meinen Bekannten vermisse, in dieser virtuellen Welt der Tageszeitung. Sicher, auf ihre Weise sind sie auch leidenschaftlich, wenn sie gegen alles und jedes argumentieren. Wenn Kultur als unnötig erklärt wird. Wenn der kulturelle Reichtum der Stadt nicht wahrgenommen, nicht genutzt, nicht verstanden wird. Mit Leidenschaft das ablehnen, das ich nicht kenne, ist ja durchaus eine typische menschliche Reaktion. Es ist das Gespräch, das diesen Menschen ganz offenbar fehlt. Ein Gespräch, dass die Furcht vor dem Unbekannten nehmen könnte. Ganz offenbar hat es in der Vergangenheit nie stattgefunden. Weder in der Schule, noch in der Familie oder dem Freundeskreis. Manchmal denke ich an eine gezielte Aktion zwischen der WZ und Kulturschaffenden in der Stadt. Die WZ, die die Email-Adressen ihrer Kommentatoren kennt, lädt bei jeder negativen Anmerkung zu einem kulturellen Bericht die Autorin, den Autoren ein. Melody wird umarmt mit einem ganz allein für sie geführten Besuch einer Ausstellung oder im Skulpturen-Park. Mit einer VIP-Karte bei einem Konzert in der Stadthalle. Sie wird eingeladen zu einem Besuch eines Ateliers mit einem Künstler, der besonders kommunikativ ist. Oder von Jo Ann Endicott zu einer Führung in die alte Lichtburg. Ein persönliches Gespräch. Ein Einblick in das Training. Ich lese gerade Jo Ann Endicotts zweites Buch „Warten auf Pina...“ und weiß doch, wie kommunikativ sie ist. Und wie leicht sie einem skeptischen Menschen zeigen könnte, was Leidenschaft und Kunst ist. Und welche ungeheuren Botschafter dieses Ensemble für dieses Wuppertal weltweit ist. Das mag nach Utopie klingen. Doch was wäre die Welt ohne Utopie? Und was wäre eine Welt ohne Passion oder nur im Sinne von leiden und nicht von Leidenschaft? Kürzlich traf ich wieder einmal Bekannte. Doch diesmal waren es tatsächlich echte Bekannte. Menschen, die ich auch in der realen Welt treffe. Mit denen ich mich auch in der Ferne austausche. Diesmal traf ich sie im Magazin „Die beste Zeit“ wieder. Und siehe da, hier klappt das Gespräch. Da zeigt sich das ganz andere Wuppertal. Das Wuppertal, das Passion lebt und an ein besseres Morgen glaubt. Ein Wuppertal, das von einem Geist der Kreativität geprägt ist. Und das spiegelt sich auch in diesem neuen Heft „Die beste Zeit“ wider. Das ist das Wuppertal, das sind die Wuppertaler, die ich liebe und die mir in der Ferne fehlen. Obwohl ich auch sie virtuell treffen kann und treffe. Ich denke, ich muss aufpassen, mit wem ich mich in Zukunft einlasse und meine Bekanntschaften sorgfältiger auswählen. Mehr auf mein Herz hören und weniger auf meinen Verstand, der – ebenso wie mein Herz - einfach davon ausgeht, dass Kunst doch Jeden betört. Man muss die Menschen einfach in den Arm nehmen. Sie alle zu Freunden machen... Georg Westerholz Kanada, im November 2013

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Ueberholz. Wir inszenieren Lebensart

Ueberholz. GmbH Büro für temporäre Architektur Telefon: +49 (0) 202 2 80 96-0 www.ueberholz.de Impressum Die Beste Zeit erscheint in Wuppertal und im Bergischen Land Erscheinungsweise: alle zwei Monate Verlag HP Nacke Wuppertal - Die Beste Zeit Friedrich-Engels-Allee 122, 42285 Wuppertal Telefon 02 02 - 28 10 40, E-Mail: verlag@hpnackekg.de V. i. S. d. P.: HansPeter Nacke Ständige redaktionelle Mitarbeit: Frank Becker, Thomas Hirsch, Matthias Dohmen, Susanne Schäfer Darüber hinaus immer wieder Beiträge von: Marlene Baum, Heiner Bontrup, Antonia Dinnebier, Beate Eickhoff, Fritz Gerwinn, Klaus Göntzsche, Johannes Vesper und weiteren Autoren Erfüllungsort und Gerichtsstand Wuppertal

The art of tool making

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Nachdruck - auch auszugsweise - von Beiträgen innerhalb der gesetzl. Schutzfrist nur mit der ausdrücklichen Genehmigung des Verlages. Gastbeiträge durch Autoren spiegeln nicht immer die Meinung des Verlages und der Herausgeber wider. Für den Inhalt dieser Beiträge zeichnen die jeweiligen Autoren verantwortlich. Kürzungen bzw. Textänderungen, sofern nicht sinnentstellend, liegen im Ermessen der Redaktion. Für unverlangt eingesandte Beiträge kann keine Gewähr übernommen werden. Trotz journalistischer Sorgfalt wird für Verzögerung, Irrtümer oder Unterlassungen keine Haftung übernommen. Bildnachweise/Textquellen sind unter den Beiträgen vermerkt. Titelfoto: Weihnachtsmarkt Schloss Lüntenbeck Foto Bjørn Ueberholz


Inhalt Ausgabe 24, 5. Jahrgang, Dezember 2013 Das Netz der Liebe

Highlights Ausstellung im Von der Heydt-Museum Die besten Werke der Sammlung

Seite 8

Seite 12

Seite 17

Seite 18

Das Bühnen-Solo „Die Frau, die gegen Türen rannte“, von Frank Becker Seite 57

Seite 24

Foto von Elisabeth Heinemann – Gedicht von Renate Mahlberg

Eine Zeit auf einer Insel

The Big Package

Kurt Schwitters Jahre auf der Isle of Man von Thomas Hirsch

Christo im Gasometer in Oberhausen

Der Tod eines Einsamen Erzählung von Karl Otto Mühl

Spiel vom Ende der Routine Das Leben der Ameisen, Schauspiel nach Maeterlinck, von Daniel Diekhans

Von Treskow inszeniert Maria Stuart Seite 30

von Martin Hagemeyer

Seite 64

Das Geschenk Gottes Seite 33

Joachim Arnold, der Kamioka-Stellvertreter von Klaus Göntzsche

Seite 67

Gänseglück Geschichte von Friederike Zelesko Seite 69 Paragraphenreiter

Seite 38

Interessantes zu den Themen Steuern und Recht, von Susanne Schäfer

Seite 70

Weil es so schön ist… Seite 41

Lüntenbecker Weihnachtsmarkt im Bergischen Land

Seite 71

Originelle Ausgrabung

Avantgarde in Bewegung Alexander Calder-Ausstellung in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf

Seite 60

Erst im Kuss der alte Stolz

Was bleibt? O. Joachimsmeier fotografierte Wuppertaler Industrie-Zeugen, von Anne Fitsch Seite 34 Der Rollstuhl Erzählung von Marianne Ullmann

Seite 58

Seite 26

Die Fledermaus Operette in drei Akten im Opernhaus von Fritz Gerwinn

Seite 54

Märchenwald

Evita in Wuppertal Premiere im Opernhaus von Fritz Gerwinn

Generalintendant in Bonn, interviewt von Fritz Gerwinn Die Frau, die niemals aufgibt

TalPassion Gemalter Kreuzweg von Annette Marks von Marlene Baum

Zum 80. Geburtstag Johanna von Koczians von Klaus Göntzsche Seite 53 Bernhard Helmich

Heinrich Böll über Wuppertal Aus dem Archiv von André Poloczek

Seite 50

Wuppertal als Sprungbrett

Leben wie ein Tanz Ein Portrait der Tänzerin Regina Advento von Heiner Bontrup

Kunst zum Thema Liebe von Wulf Brand

Seite 42

Me and My Girl im TiC-Theater von Frank Becker

Seite 72

Neue Kunstbücher

Die kreisrunde Stadt Berganza

und andere Buchvorstellungen

Erzählung von Dorothea Renckhoff Seite 48

Seite 74

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Highlights Ausstellung im Von der Heydt-Museum bis zum 23. Februar 2014 Aus seiner reichen Museumssammlung hat das Von der Heydt-Museum einige der besten Werke ausgesucht. Das Museum, Am Turmhof 8, zeigt hier mit Monet, Sisley, Renoir u. a. die Schätze des Impressionismus, außerdem Bilder der großen Einzelgänger Bonnard und Ensor. Unter den Highlights sind auch Spitzwegs biedermeierliche Idyllen, die im Vergleich zu den Stillleben- und Porträtstudien der Münchner Feinmaler Wilhelm Leibl und Otto Scholderer zu sehen sind. Unterschiedliche Sichtweisen ein und desselben gesellschaftlichen Milieus bieten sich mit Heinrich Christoph Kolbes Doppelbildnis seiner Kinder, mit Max Liebermanns „Holländischer Nähschule“ oder Paula ModersohnBeckers „Mädchenakt mit Blumenvase“. Viele weitere Lesarten dieser Zusammenschau sind möglich und machen auch den wiederholten Sammlungsbesuch spannend. Das Von der Heydt-Museum bleibt damit in Bewegung: Es zeigt immer wieder neue Ausschnitte aus seiner bedeutenden Sammlung. Jede Werkauswahl setzt andere Schwerpunkte, einzelne Gemälde oder Skulpturen werden herausgestellt, neue Zusammenhänge aufgezeigt und selten gezeigte Schätze ganz besonders zur Geltung gebracht. Unterschiedliche Orte, neue Blickwinkel, andere Perspektiven gewähren überraschende Blicke auch auf die weltberühmten Schätze des Museums.

Carl Ferdinand Dahl, Landschaft an der Elbe, 1832 Die Elblandschaft ist eines der frühesten Werke des weniger bekannten Berliner Malers Carl Ferdinand Dahl (1810-1887), entstanden noch vor seiner mehrjährigen Tätigkeit in der Landschaftsklasse von Johann Wilhelm Schirmer an der Kunstakademie in Düsseldorf. Mit einer in mehrere Bildgründe gestaffelten Komposition und einer detailreichen, feinmalerischen Ausführung weist sie schon alle Kriterien seines Landschaftsstils auf. Im Sinne von Caspar David Friedrich dürfte die alle Bildebenen durchschneidende Eiche Lebenskraft und Dauer versinnbildlichen.

www.von-der-heydt-museum.de

Lyonel Feininger Marktkirche in Halle bei Nacht, 1931 © VG Bild-Kunst, Bonn Lyonel Feininger (1871-1956) schuf das Gemälde als Teil einer elf Bilder umfassenden Serie expressionistischer Stadtansichten von Halle. Besonders der blau schimmernde Himmel faszinierte ihn, der durch die Rußpartikel der Braunkohleindustrie typisch für Halle geworden war. Die spätgotische Architektur der Marktkirche ist trotz der kubistisch aufgebrochenen Form klar auszumachen. Die prismatischen Flächen, in denen sich das Licht bricht, und die geometrischen Formen, die den Schein eines grafischen Rasters erzeugen, verbinden sich zu überschneidenden Farbschleiern. (Abb. Seite 6)

Johann Richard Seel, Atelierwand, 1856 Die „Atelierwand“ von Johann Richard Seel (1818-1875) gehört zu den wohl rätselhaftesten Bildern des Museums. In hervorragender Maltechnik und Trompe-l’oeil-Effekten gibt uns der Wuppertaler Künstler des Vormärz ein Ratespiel auf: Er reflektiert hier seine eigene Biografie. Die Eule der Minerva mag der Hinweis auf die materielle Erfolglosigkeit aller Bemühungen um Weisheit sein. Der Affe, zentral im Bild dargestellt, könnte auf die nachahmende Tätigkeit des Malers verweisen.

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Camille Pissarro, Bäuerin mit Kuh, 1883 Seine letzten neunzehn Lebensjahre verbrachte Pissarro (1830-1903) in Eragnysur-Epte, wo mehr als 160 Bilder entstanden. In konventioneller Kompositionsweise sind hier rechts eine Bäuerin und eine in starker VerkĂźrzung wiedergegebene Kuh auf einem sonnenbeschienenen Feld zu sehen. Da Pissarro keine durchgezogenen Linien mehr einsetzte, sondern die Formen durch verdichtete Strichlagen und Farbwechsel begrenzte, entstand eine in sich unruhige, aber insgesamt gleichmäĂ&#x;ige Oberfläche. Anders als bei seinen frĂźheren tiefenräumlich gestaffelten Landschaften sind die Umrisse der Figuren in die dichte malerische Textur der Umgebung eingewoben, so dass das Bild flächig wirkt und der Blick auf die Maltechnik gelenkt wird. (Abb. Seite 8)

Heinrich Chr. Kolbe, Luise und Étienne Kolbe, um 1820 Heinrich Christoph Kolbe (1771-1836) studierte zunächst an der alten DĂźsseldorfer Akademie bevor er 1801 nach Paris ging, wo er zuletzt als Porträtmaler im Atelier von François GĂŠrard arbeitete. In seinen Porträts setzte er sich aber mit einer betont malerischen Umsetzung des Klassizismus, mit dem Einsatz sanfter Umrisslinien und gedeckter Farben, von den franzĂśsischen Vorbildern ab. Die Darstellung seiner beiden Kinder verleiht dem Bild eine tiefe Emotionalität. ĂœĂœĂœÂ°Ăƒ>““Â?Ă•Â˜}‡}ˆ}ÂœĂ•Ă?°`i

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von Cranach bis GĂŠricault ->Â&#x201C;Â&#x201C;Â?Ă&#x2022;Â&#x2DC;}Ă&#x160;Â&#x2C6;}Â&#x153;Ă&#x2022;Ă?

Meisterwerke aus dem MusĂŠe des Beaux-Arts et dâ&#x20AC;&#x2122;ArchĂŠologie de Besançon Ă&#x20AC;Â&#x201C;Â&#x;}Â?Â&#x2C6;VÂ&#x2026;Ă&#x152;Ă&#x160;`Ă&#x2022;Ă&#x20AC;VÂ&#x2026;\

+UNST UND-USEUMSVEREIN 7UPPERTAL

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Leben wie ein Tanz Aus starker Mitte Regina Advento – ein Portrait

Sie ist immerzu in Bewegung. Wenn sie erzählt, wie sie trommelt, trommelt sie. Wenn sie erzählt, wie sie singt, singt sie. Wenn sie im Sitzen erzählt, wie sie tanzt, bewegen sich ihr Oberkörper und ihre Arme im Rhythmus einer imaginären Musik, die innerlich hörbar wird, wenn man den Bewegungen ihres Körpers folgt. Alles ist im Fluss, alles ist in Bewegung, nicht nur der Körper, auch die Mimik: Ihr Gesicht spiegelt die rasch sich wandelnden Stimmungen: Vergegenwärtigung der verschiedensten Empfindungen, die Traurigkeit etwa, die sie überfiel, als sie vom Tode Pina Bauschs erfuhr, oder das Glück, das sie als Kind in der Geborgenheit ihrer Großmutter erleben durfte. Es ist, als ob all das, was sie erlebt hat und was in ihr steckt, raus muss. Ihre Art sich auszudrücken ist die Bewegung, der Tanz ihre Muttersprache, der Körper ihr Medium. Aber sie ist eine polyglotte Künstlerin und spricht viele „Sprachen“: sie choreografiert, therapiert, lehrt, singt, malt, schreibt Songs und Gedichte. „Ich mache vieles“, sagt sie, ich bin neugierig, will experimentieren und immer wieder Grenzen ausloten.“

Ihre Art sich zu bewegen, erinnert an die Verse der zweiten Strophe des RilkeGedichts „Der Panther“: Ihr „Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht“. Nur dass der große Wille nicht betäubt ist. Sie steckt in keinem Gefängnis, und wenn doch, dann in dem ihres eigenen Körpers, aus dem sie aber permanent ausbricht. Den Preis, den das kostet, wird nur sehr selten sichtbar; dann legt sich für einen kleinen Augenblick ein Schatten der Müdigkeit über das sonst so bewegte Gesicht; ihr Blick ist dann für eine sehr kurze Weile „so müd, dass er nichts mehr hält“. Merkwürdigerweise sind gerade diese Augenblicke besonders wertvoll, lassen für einen flüchtigen Moment einen Blick in die Tiefe zu. Geboren wurde Regina Advento in Belo Horizonte, einer Millionenstadt im Südosten Brasiliens. Sie wuchs in sehr bescheidenden, aber glücklichen Verhältnissen auf. Ihr Vater war Bauarbeiter, die Mutter arbeitete als Hausangestellte

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„Meine Kindheit war sehr schön, ich habe dieses einfache Leben geliebt. Die Lieder, die wir zuhause gesungen haben, waren einfach: Sie erzählten vom alltäglichen Leben. Und noch heute bin ich auf der Suche nach der Schönheit dieser Einfachheit.“ Regina Advento erinnert sich mit großer Freude an den Hof vom Kindergarten, den sie besuchte. „Da lebten wir Kinder in einer Art Baum-WG. Wir alle hatten uns eine kleine Wohnung in den Avocado- und Mango-Bäumen eingerichtet. Wir sind wie die Affen von Baum zu Baum, von Wohnung zu Wohnung geklettert und haben uns wechselseitig besucht. Es war wie im Paradies.“ Und sie erinnert sich, wie hart ihre Eltern gearbeitet haben, „damit wir Kinder, mein Bruder und ich es einmal besser haben sollten.“ Der Mittelpunkt der Familie war die Großmutter. „Sie sagte nicht viel, aber es war klar, dass sie der Häuptling war. Sie war eine große Persönlichkeit und hielt die Familie nach dem frühen Tod ihres Mannes zusammen. Die Großgrundbesitzer, für die sie arbeitete, haben sie mit sehr großem Respekt behandelt.“ Es mag gut sein, dass die Grandezza dieser Großmutter in verwandelter Form in Regina Advento weiterlebt; ihr Vorname verweist auf diese Königinnen-Natur. Vielleicht hofften oder ahnten die Eltern, dass ihre Tochter in diesem Sinne etwas ganz Besonderes werden sollte.

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Dabei ist sie als Kind schwarzer Landarbeiter im Brasilien der 1970er- und 1980er Jahre zunächst vielen Vorurteilen ausgesetzt. Es ging und geht noch immer ein tiefer Riss durch dieses nach außen hin so fröhlich anmutende Land, in dem es Menschen mit schwarzer Hautfarbe schwer haben, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen. „Als Kind wurde ich von anderen Kindern wegen meine Hautfarbe beleidigt. Ich habe mich dann mit denen geprügelt. Überhaupt war ich für meine Eltern kein einfaches Kind. Ich war hyperaktiv.“ Es mag sein, dass das, was von den Lehrern als Hyperaktivität diagnostiziert wurde, das Produkt einer enormen Anpassungsleistung war, die dem jungen Mädchen zugemutet wurde, das in mancherlei Hinsicht „anders“ war als ihre Mitschülerinnen. Das Ergebnis war jedenfalls, dass die „hyperaktive“ Regina in ihrer Schule an einem Tanz-Projekt teilnehmen durfte. „Im Nachhinein hat sich das als großes Glück herausgestellt, weil ich da mein Talent nutzen konnte, um mit dem inneren Druck und meiner Aggressivität klar zu kommen“, resümiert Regina Advento heute. Doch damals rebellierte sie zunächst gegen diese Maßnahme. „Lieber wollte ich mit gleichaltrigen Jungen Fußball spielen als tanzen.“ Aber durch den Tanz findet sie eine Form, ihre Energie in künstlerische Formen zu transformieren. „Ich habe gelernt, meine Aggression und meine damals unbe-

wussten Konflikte in kreative Bahnen zu lenken.“ Etwas von dem, was sie damals erlebt hat, gibt sie heute in tanzpädagogischen Projekten weiter, die sie z. B. mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten Wuppertals in der Alten Feuerwache, einem soziokulturellen Zentrum in der Nordstadt Elberfelds durchgeführt hat. „Es war verdammt hart, mit den Jugendliche zu arbeiten, die am Anfang nur kommerziellen Fernsehtanz machen wollten und sich gar nicht auf andere Formen einlassen wollten.“ Aber Regina Advento gibt nicht auf. „Wenn meine Tanzlehrerin damals, als ich mich verweigerte, aufgegeben hätte, dann wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Also habe ich mir gesagt: „Mach weiter!“ An diesen Jugendlichen schätzt sie deren Unmittelbarkeit und Ehrlichkeit. „Da waren drei wilde Jungs, die habe ich geliebt, und mit denen konnte ich wunderbar arbeiten.“ Doch nicht nur mit Jugendlichen, sondern auch mit Senioren entwickelt Regina Advento Choreographien, so in dem Tanztheater-Projekt „Einatmen und alles was du dir wünschst“, das unter der gemeinsamen Regie mit Tanzpartner Milton Camilo 2010 in der Börse uraufgeführt. Da hat sie generationenübergreifend mit Menschen zwischen 18 und 70 Jahren zusammengearbeitet. „Mir kam es dabei nicht nur darauf an, dass die Teilnehmer sich über den Tanz neu erfahren, neu entdecken konnten, sondern ich wollte auch eine stimmige künstlerische


Idee entwickeln und verwirklichen.“ Doch zurück nach Brasilien, zurück zu den Anfängen. Nach der Grundschule wechselt Regina Advento in eine Privatschule. „Es war ein großes Glück, dass meine Mutter mit der Leiterin dieser Privatschule befreundet war. Nur so konnte ich auf diese Schule gehen, denn meine Eltern hätten sich das Schulgeld nicht leisten können.“ In dieser Schule wird das künstlerische und tänzerische Talent Regina Adventos weiter gefördert. Dort beginnt sie auch zu schreiben und sich mit bildender Kunst zu beschäftigen. Doch der künstlerische Schwerpunkt bleibt der Tanz. Sie erhält ein Stipendium von »Corpo Escola de Dança«, einer Ballettschule von Grupo Corpo, eine der renommiertesten Tanzgruppen in Brasiliens. „Mit 14 habe ich das erste Mal am Festival zum Schuljahresende der Corpo Escola de Dança teilgenommen. Seitdem habe ich die Bühne nicht mehr verlassen.“ Mit 16 Jahren wurde Regina Advento dann Mitglied von Grupo Circo de Dança, der Amateurgruppe der Corpo Ballettschule. Im darauffolgenden Jahr, mit 18 Jahren, absolvierte sie dann das Abitur, tanzte kurz darauf bei Grupo Corpo vor und blieb dort sieben Jahre als professionelle Tänzerin. Diese sehr wichtige und erfolgreiche Phase war geprägt durch die Zusammenarbeit mit dem Choreographen Rodrigo Pederneiras und dem künstlerischen Leiter Paulo Pederneiras. Den Weg vom Tanz zum

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Tanztheater fand sie, als Susanne Linke 1988 nach Brasilien kam, um eines ihrer berühmtesten Stücke - Frauenballett - mit Grupo Corpo wiederaufzunehmen. 1990 sollte dann das Jahr werden, was sie nach Deutschland bringen und zu Pina Bausch bringen sollte. Das Tanztheater Pina Bausch gastierte in diesem Jahr in Rio de Janeiro mit der Produktion „Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört“. „Ich bin dort hingefahren, weil ich unbedingt das Tanztheater der Pina Bausch sehen wollte. Pina hat mich sehr freundlich empfangen und ich durfte vortanzen“, erinnert sich Regina an den Moment, der ihr Leben in neue Bahne lenken sollte. Denn drei Monate später ruft Pina Bausch bei ihr an beruft sie in ihr Tanztheater. „Die 17 Jahre Zusammenarbeit mit Pina waren die spannendste, kreativste und überraschendste Zeit in meinem tänzerischen Leben.“ In dieser Zeit avanciert Regina Advento zu einer der ausdrucksstärksten und beim Publikum beliebtesten Tänzerinnen des Ensembles. „Alle Bausch-Fans“, schreibt der Tanzkritiker der britischen Tageszeitung The Guardian, „männliche und

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weibliche, lieben am Ende Advento, und der Rezensent bildet da keine Ausnahme. In ihrer Verletzbarkeit und ausgefeilten Absurdität erzählt sie ihre ganz eigenen Geschichten. Dasein ist ein ängstlichzitterndes Ding; aber das Glück kann uns jede Zeit umkreisen und das Leben durchflackert die Dunkelheit.“ Und auch die New York Times akzentuiert die besondere Bedeutung Regina Adventos für die Arbeit Pina Bauschs: „Herausragende Tänzer können die Absichten ihrer Choreographen sichtbar machen, uns helfen die Puzzle, aus denen ein Stück zusammengesetzt, richtig zusammenzusetzen. Regina Advento ist der Inbegriff von Pina Bauschs surrealen Choreographie und ihren fantastischen traumhaften Visionen.“ Als Pina Bausch am 30. Juni 2009 starb, war das für Regina Advento ein tiefer Einschnitt in ihrem Leben. Um ihre Trauer zu verarbeiten, schrieb sie ein Lied für Pina. Jetzt sie singt es. Leise aber mit innerer Bestimmtheit und Kraft. Plötzlich ist sie wieder da, die Traurigkeit dieses Moments – in der Melodie, aber auch in der Mimik. Dazu trommeln ihre Finger leise den ruhi-

gen getragen Rhythmus des Lieds, in dem am Ende doch auch so etwas wie Neubeginn und Loslassen aufscheinen. Dann sagt Regina Advento: „Pinas Wissen, ihre Art die Kunst zu sehen, haben mich sehr geprägt. Als ich von ihrem Tode erfuhr, war ich wütend. ‚Pina, du kannst doch nicht einfach gehen, ohne dich von mir verabschiedet zu haben. Ich war traurig. Doch dann habe begriffen, dass man Pina nicht festhalten kann. Sie ist ein freier Geist. Und freie Geister muss man ziehen lassen. Meine neue Herausforderung ist es jetzt, alles das, was ich von Ihr gelernt habe, alles, was ich mit ihr erlebt habe und alle Erfahrungen, die ich mit ihr gemacht habe, in etwas Eigenes umzuwandeln und diese Umwandlung mit meiner eigenen Identität und Authentizität zu verbinden.“ Heiner Bontrup Alle Fotos: Karl-Heinz Krauskopf


Heinrich Böll über Wuppertal

Zeichnung: Andreas Noßmann

Lange Zeit habe ich geglaubt, Wuppertal bestehe nur aus Bahnhöfen, aneinandergereiht, um die Lokomotivführer nicht übermütig werden zu lassen, sie das Bremsen, Anfahren, Bremsen zu lehren; diese lange Schlucht, dicht bebaut, von der Eisenbahn aus betrachtet unwirklich, schien für den Zweck gut gewählt: die dunklen Häuser oberhalb des Bahnkörpers, die phantastische Schwebebahn waren wenig geeignet, dem kindlichen Gemüt diesen Alptraum der Enge als wirkliche Stadt erscheinen zu lassen. Während des Krieges steigerte die Verdunkelung den Eindruck des Grandios-Unglaubwürdigen, das Respekt und Furcht einflößte, in seiner Geschlossenheit so künstlich wirkte, dass ich die winkenden Kinder auf einer Brücke für bestellt hielt, bestellt, dieser Eisenbahnschlucht den Kredit der Wahrscheinlichkeit zu beschaffen; auf die Gefahr, einem Trick zu erliegen, winkte ich zurück. Als ich zum ersten Mal in Wuppertal ausstieg, inzwischen erwachsen und doch noch nicht ganz vom Vorhandensein dieser Stadt überzeugt, war ich froh, dass ich wirklich gewunken hatte. Die Stadt nahm überschaubare Dimensionen an: die Wupper war wirklich da, Kirchen, Straßen, alles, besonders der noch leicht heimatlich klingende Dialekt wirkte ernüchternd, nichts weniger als künstlich: ungeschminkt. Wuppertal schminkt sich nicht, und das ist — wie bei Frauen, die es sich leisten können, ungeschminkt zu gehen — wohltuend und enttäuschend zugleich. Spät, manchmal nie, entdeckt der Ortsfremde die Hintergründe dieser ungeschminkten Stadt: Privatsammlungen, die das Museum mancher Stadt zu einer Sensation machen würden, Bibliotheken voller Kostbarkeiten. Die Kunst übt eine starke Anziehungskraft auf die Stadt aus, die Stadt weniger auf die Kunst. In den Privatsammlungen herrscht Tempelstimmung — ein Gegensatz zu der ernsten, so fleißigen Stadt da draußen, deren Arbeitstempo selbst den tiefsten Träumer ernüchtert. Andere Städte, deren Industrien nicht patriarchalischen Ursprungs sind, haben diese heftige Beziehung zur Kunst nicht. Wuppertal ist von Unternehmen gemacht, nicht von anonymen Gesellschaften, deren Aktionäre irgendwo schnippelten, ohne auch nur

den Bahnhof des Ortes zu kennen, aus dem das Geld zu ihnen floss. Diese Unmittelbarkeit ist in Wuppertal bis heute zu spüren, sie gibt der Stadt, mag sie auch der großbürgerlichen Ära entwachsen sein, ihren Stil. Wo nicht geschminkt wird, wird auch nicht geschmeichelt, und ich könnte mir denken, dass Diplomatie nicht gerade die Stärke der Wuppertaler ist. Wenn man eine unangenehme Wahrheit nicht aussprechen möchte, würde man sich dort wohl eher auf die Zunge beißen, als es auf die glattzüngige Art zu versuchen. Es wäre anmaßend, in einem so kurzen Vorwort alle Vorzüge und Nachteile einer Stadt auch nur annähernd erklären zu wollen: etwa das ABC der Sekten und Religionsgemeinschaften aufzuzählen, von den „Adamiten” bis zu den „Wiedertäufern”, das Wuppertal zu einem Katalog der religiösen Gruppen macht. So unterschiedliche Geister wie Claire Schlichting und Ernst Bertram, Rudolf Herzog und Else Lasker-Schüler entstammen der Stadt; Kolping gründete hier den Gesellenverein, und die „Barmer Erklärung” wurde auf der ersten Synode der Bekennenden Kirche hier formuliert. Die beiden großen Friedriche des 19. Jahrhunderts: Engels und Bayer, beide Mitbegründer großer Mächte, des Marxismus und der chemischen Industrie, stammen aus dieser engen Schlucht, die so verwirrend viele Bahnhöfe hat. Je tiefer man in die Stadt eindringt, auf die grünen Höhen zu, die der Stadt einen so eindrucksvollen, ja versöhnenden Rahmen geben, desto unwirklicher wird die Bahn da unten, die dem kindlichen Gemüt als das einzig Vorhandene erschien; ob der einigermaßen Erwachsene fähig wäre, die komplizierte Urbanität dieser Stadt, ihre Gegensätze darzustellen, bleibt zweifelhaft; so mag es dem Ortsfremden gestattet sein, Klagen und Enttäuschungen über diese Stadt, die er nur aus der Literatur und der Fama kennt, zu übergehen; „der geht über die Wupper”, diese Redewendung hat im Rheintal einen düsterdrohenden Klang. Seit ich Wuppertal kennerlernte, habe ich das Drohende dieser Redensart nicht mehr empfinden können.

Aus dem Archiv von André Poloczek

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TalPassion Annette Marks malt den Kreuzweg – nicht nur für die Laurentiuskirche von Marlene Baum Während einer Ausstellung mit Werken von Annette Marks im Jahr 2011 wandte sich Dr. Werner Kleine, Pastoralreferent des Erzbistums Köln, spontan an die Künstlerin mit der Frage: „Wie wäre es denn mit der Passion?“ Gemeint war eine Serie von Bildern zur Passion zum Osterfest 2014 für die St. Laurentiuskirche in Elberfeld.

Vor Pilatus, Öl auf Jute, 2012/13, 220 x 170 cm

Annette Marks hat als Zeichnerin begonnen, widmete sich eine Zeit lang der Bildhauerei und arbeitet heute als Malerin. Mit ihrer expressiven, großfigurigen Malweise und der Vorliebe für leuchtende Farben scheint dieser Künstlerin das Thema „Passion“ geradezu auf den Leib geschneidert! Mit diesem Auftrag steht die Künstlerin in der uralten Tradition, die Sprache der Bibel in die Sprache von Bildern zu fassen. Anfangs ging es darum, Menschen, die nicht lesen und schreiben konnten oder der lateinischen Sprache nicht mächtig waren, die Berichte der Bibel zu veranschaulichen. Gerade Themen wie Verrat, Geißelung (Folter) und Kreuzigung (Terror und Todesstrafe) sind als zentrale Probleme des menschlichen Miteinander von ungebrochener Aktualität. Zur Zeit Jesu und bis zur Aufklärung waren Gewalt und Grausamkeit an der Tagesordnung und dienten sogar der Volksbelustigung. Gegenwärtig verändert sich die Einstellung der Gewalt gegenüber, sie wird geächtet, verdrängt und analysiert und ist dennoch allgegenwärtig. Die Darstellung einer Passion im 21. Jahrhundert stellt also eine besondere künstlerische Herausforderung dar. Für diesen Auftrag, den sie als beeindruckend empfand, stürzte sich Annette Marks sofort in die Arbeit; innerhalb von wenigen Wochen entstanden Stapel von Zeichnungen, mit denen die Bilder minutiös vorgeplant wurden. Die Malerin erwarb eine Bibel und schrieb sich ein an der Theologischen Hochschule Wuppertal. Besonders die theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema inspirierte die Künstlerin. Sie entschloss sich, ihrer Arbeit die Schilderung aus dem Johannes-Evangelium zugrunde zu legen, weil Jesus bei Johanes als Souverän erscheint und nur dieser Evangelist vom „Ungläubigen Thomas“ berichtet. Anzahl und Anordnung der Stationen der Passion bleiben der Künstlerin überlassen. Sie malt acht große Bilder in unterschiedlichen Formaten in Öl auf Jute. Entgegen der Konvention wird sie die Bildfolge mit der Darstellung des „Ungläubigen Thomas“ beginnen, denn: „Wie das Staunen am Beginn des Philosophierens steht, so könnte der Zweifel ganz wichtig sein für den Glauben.“ Mit ihrer „Passion“ möchte

Annette Marks die Menschen erreichen und aufrütteln und klar machen: „Der Kreuzestod ist das Grässlichste, Demütigendste, Schmachvollste, was man sich vorstellen kann, das ist heute kaum noch nachvollziehbar. Es gibt genug Leid auf der Welt, daher möchte ich den Weg der Passion von der Auferstehung her sehen, denn sie ist das eigentliche Phänomen.“ Es dürfte kein Zufall sein, dass sich die Künstlerin für acht Stationen entschlossen hat: Die Zahl Acht symbolisiert im Christentum unter anderem die Auferstehung, die im Johannes-Evangelium zur zentralen Botschaft wird. Im Kapitel 3 Vers 4-8 heißt es: „Ihr müsset von neuem geboren werden.“ Daher sind Baptisterien und Taufbecken meist achteckig. Da Annette Marks figürlich arbeitet, stellte sich ihr zum Beispiel die Frage, wie Jesus aussehen solle. Sie hat sich für ein junges, bartloses Gesicht entschieden, das Ruhe, Energie und Männlichkeit ausstrahlt, so, wie man sich die Gestalt entsprechend den Worten der Bibel vorstellen kann. Im Sommer, als ich die Künstlerin im Atelier besuchte, hatte sie ein Bild noch nicht begonnen, zwei weitere befanden sich in Arbeit. Die Kreuzigung war als großformatige schwarze Zeichnung auf hellem Grund zu sehen. Die Malerin stand vor der Frage, dieses Bild farbig zu gestalten, Figuren hinzuzufügen oder es als Zeichnung zu belassen. Auch wenn solche Überlegungen bei Gesprächen im Atelier diskutiert wurden, hat sie diese Entscheidungen letztlich ganz allein zu fällen: Der Prozess des Schaffens im Sinne von „Schöpferisch sein“, an dem Künstler in besonderer Weise teilhaben, kann sich nur in der Einsamkeit vollziehen. Seit sie an der Passion arbeitet, entdeckte die Künstlerin in einigen ihrer früheren Werke Motive, deren religiöse Bedeutung ihr erst jetzt klar wurde: „Mir ging es um die Darstellung des erfüllten Augenblicks und existentieller Erfahrungen.“ So hat sie 2002, als ihre Schwester schwanger war, eine junge Frau im Kindbett gemalt. Sie ist umgeben von Personen, ein Mann reicht der Wöchnerin ein Glas Wein. Von Mutter und Kind geht ein so besonderes Leuchten aus, dass man unwillkürlich an die Geburt Jesu denkt. Im Jahre 2000 entstand ein Stillleben mit Fischen – der Fisch ist eins der ältesten Symbole für Christus. 2007

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malte Annette Marks eine Tänzerin, die nur mit einem Tuch um die Hüften bekleidet ist und zu deren Füßen drei schlafende Männer liegen. Im Zusammenhang mit der Passion erinnert diese Szene an die Auferstehung. Die Künstlerin übernimmt für ihr Bildprogramm das barocke Repertoire von Rückenfiguren, expressiven Körperhaltungen und Bewegungen mit gewagten Bildanschnitten. Die Figuren selbst sind meist lebensgroß und plastisch herausgearbeitet. Die differenzierte Farbgebung wechselt zwischen leuchtenden und farbloseren Zonen. Annette Marks’ künstlerische Einzigartigkeit liegt in der Kombination von figurativen, „lesbaren“ Darstellungen im Vordergrund, während die ungegenständlichen Hintergründe

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meist malerisch-flächig gestaltet sind: Es bleibt bei Andeutungen. Der Bildraum ist bei Annette Marks’ „Passion“ kein Innenraum, sondern er ist aufgebrochen ins Außen und entsprechend der jeweiligen Station ganz unterschiedlich gestaltet: Beim „Ungläubigen Thomas“ hat die Malerin den Hintergrund in vier flächige Teile gegliedert, deren Trennungslinien ein Kreuz ergeben. Raumtiefe wird nur durch zwei diagonale Linien erreicht, durch die der kniend fotografierenden Frau eine winzige Bühne bleibt. Beim „Verrat“ ist die Bildoberkante durch einen gelblichen Streifen begrenzt, den man als Horizont oder als Rahmen lesen könnte, darunter verliert sich der Raum in dunklem Blau. Die hoch erhobene Hand

des Häschers überschneidet die Bildoberkante so, dass man meint, der prügelnde Mann trete aus dem Bild heraus. Sein Unterkörper wird jedoch durch die Rückenfigur im Vordergrund verdeckt, so dass jegliche Logik des Raumes aufgehoben ist. Zum „Verhör durch Pilatus“ steht Jesus als Rückenfigur auf einer Art Rampe, während Pilatus zu schweben scheint, er hat keinen Boden unter den Füßen. Gesicht, Attitüde und Gestik sind beredt, aber nicht zu deuten, die Figur bleibt rätselhaft. Den größten Teil des Raumes verdeckt eine türkisfarbene Fläche, auf der ein Auge zu erahnen ist. In der Tiefe des Bildgrundes erscheinen maskenhafte Gesichter mit weit aufgerissenen Augen und Mündern. Dieser Geißelung, Öl auf Jute, 2013 190 x 230 cm


Raum wirkt bedrohlich und chaotisch, weil er weitgehend undefiniert ist. Bei der „Geißelung“ ist das Raumgefüge so unfassbar wie das Geschehen selbst. Zwei der Peiniger erscheinen schemenhaft aus einem hellen, diffusen Bildgrund, der teilweise linear gerahmt ist, während ein Dritter aus einem ganz anderen Raum buchstäblich ins Bild tritt. Jesu Körper ist vom unteren Bildrand überschnitten, so dass der Sturz noch dramatischer erscheint, zumal nicht zu sehen ist, wohin der Misshandelte fallen wird. Die „Kreuzigung“ selbst gewinnt Raum allein durch die Zeichnung, die Korpus und Kreuz Plastizität verleiht. „Zeichnung“ könnte man hier durchaus wörtlich nehmen – Jesus ist der Gezeichnete. Die „Auferstehung“ und „Gethsemane“ zeigen sowohl den irdischen als auch den

himmlischen Raum. Beide Bilder sind noch im Entstehen. Raum, Form und Farbe sind in einem zu sehen und dienen der künstlerischen Absicht, ein Höchstmaß an Ausdruck zu erreichen. In allen Bildern finden sich formale und farbliche Bezüge, die das Programm nicht nur inhaltlich sondern auch gestalterisch klammern. Ein Formelement, das alle Bilder durchzieht, sind die abgewinkelten Arme mit scharf markierten Ellenbogen, deren unterschiedliche Winkelungen äußerst aussagekräftig sind. Sie verleihen den Bildfiguren eine besondere Dynamik. Auch diese „Ellenbogen“ dürften in einigen Bildern wörtlich genommen werden. Ein weiteres verbindendes Formelement sind die Prügel, die in drei Bildern eingesetzt werden; rein

formal markieren jene Bilddiagonalen, inhaltlich vermitteln sie brutale Realität. Dem Reichtum des formalen Gefüges entsprechen die teilweise großzügig fleckig aufgetragenen Farben, die von Bild zu Bild aufgegriffen und variiert werden. Die farbliche Gestaltung der Werke lebt von dem Kontrast zwischen malerischen Partien und scharf begrenzten linearen Formen, die häufig schwarz bleiben. Die Farben des Prisma, die aus sich heraus leuchten und deshalb seit dem Mittelalter für sakrale Themen angewendet werden, waren schon immer die bevorzugten Farben von Annette Marks. Im Hinblick auf die Passion ist die Farbe Orange für die Künstlerin von Bedeutung, „weil sie eine besondere Energie Judaskuss und Gefangennahme, Öl auf Jute, 2012, 180 x 210 cm

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Annette Marks 1986-1996 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf 1995 Meisterschülerin von Tony Cragg seit 2000 freischaffende Künstlerin in Wuppertal 2005-2010 Lehrauftrag Bergische Universität / Architektur 2007-2009 Lehrauftrag Bergische Universität / Design 2009-2010 Lehrauftrag an der Folkwangschule Essen / Design 2011 Enno und Christa Springmann-Preis Annette Marks lebt und arbeitet in Wuppertal.

Annette Marks mit einer Skizze zu „Maria von Magdala“ ausstrahlt, wie etwas Feuriges, etwas von brennender Intensität.“ Beim „Ungläubigen Thomas“ sind Partien von Jesu Körper orangefarben, bei „Gethsemane“ und vor allem bei der „Auferstehung“ taucht das Orange in den Wolken auf, bei der „Gefangennahme“ erscheint es in der Kleidung der Häscher. Das reine Rot und Gelb, aus dem das Orange ermischt wird, ist in allen Bildern zu sehen. Beide Farben finden sich beim „Verrat“ in der Gestalt Jesu und als indirekter Lichtschein einer Laterne, der die Protagonisten aus dem Bildinneren heraus beleuchtet. Beim „Verhör“ und bei der „Geißelung“ trägt Jesus ein rotes Gewand. Neben den leuchtenden Farben stehen reines Schwarz und zahlreiche Grauwerte. Weißgrau ist die Fläche, vor der sich der Oberkörper Jesu beim „Ungläubigen Thomas“ abhebt, mit Grautönen sind Himmel und Garten von Gethsemane vernebelt. Das aufgehellte Grau kehrt auch in der Kleidung des Pilatus wieder, hellgrau ist auch das Podest, auf dem Jesus steht. Besondere Bedeutung kommt dem Grau bei der „Geißelung“ zu, denn was dort geschieht, ist für Annette Marks so schrecklich, dass sie den Peinigern keine Farbe zugesteht. Vielleicht darf man auch hier das „Grauen“ wörtlich nehmen. Das diffuse Grau wird kontrastiert durch präzise tiefschwarze Formen, die das Bild spannungsDer ungläubige Thomas, Öl auf Jute, 2012/13, 230 x 190 cm

voll durchziehen, während die Gesichter und die Körper schemenhaft bleiben. Der Scherge rechts erscheint wie ein Schattenriss flächig schwarz. Mit dem Grau und dem Schwarz kontrastieren die warmen, leuchtenden Farben der Gestalt des Gemarterten. Nur dessen Tränen sind grau, die drei Tropfen entsprechen in Anzahl und Farbe denen der Peiniger. Diese, als das „unfassbar Böse“, haben keine Augen. In zwei Stationen der Passion aktualisiert Annette Marks das Geschehen durch sparsame Hinweise: Der tretende Folterknecht trägt ein falsch herum sitzendes Käppi auf dem Kopf. Die Szene des „Ungläubigen Thomas“ wird durch ein Foto festgehalten, das eine junge Frau mit dem Handy schießt „so, wie man durch eine Fotografie etwas von dem Flüchtigen, das ständig an uns vorüber rauscht, festhalten möchte.“ Der junge Mann rechts trägt eine Armbanduhr. Durch diese wenigen Requisiten erweisen sich die Bildfiguren als Zeitgenossen. Die großen, plastisch modellierten Figuren sind so präsent, dass sie den Betrachter unmittelbar ansprechen, gerade auch dann, wenn sie sich ihm nicht zuwenden, sondern ihn als Rückenfiguren einladen, am Bildgeschehen teilzuhaben und die eigene Position zu definieren. Bibelsprache und Bildsprache wollen auf ihre Weise eine Botschaft übermitteln. Beim Betrachten der Bilder von Annette Marks lässt sich ein besonderes künstlerisches Mit-

tel entdecken: Sie nimmt die Sprache der Bibel gleichsam beim Wort und überträgt Wortsprache unmittelbar in Bildsprache. Wie ihr das gelingt, ist besonders deutlich an der Darstellung der Figur des Pilatus zu sehen, der im Evangelium des Johannes charakterlich unbestimmt bleibt: Ausdruck und Gestik machen ihn zu einer gebrochenen Figur, zumal er keinen Boden unter den Füßen hat: Er verurteilt Jesus grundlos. Das Bild „Maria von Magdala“, der ersten Verkünderin der Auferstehung, hat die Künstlerin noch nicht begonnen. Es soll den Zyklus abschließen und wird daher neben der „Kreuzigung“ zu sehen sein. Annette Marks möchte „Maria von Magdala“ in einer weiten Landschaft zeigen, die zu dem ganz auf die Gestalt Jesu konzentrierten Hochformat der „Kreuzigung“ in deutlichem Kontrast steht. Zugleich nimmt Annette Marks mit der „Maria von Magdala“ Bezug auf den „Ungläubigen Thomas“; beide Bilder mit den Zeugen der Auferstehung Jesu werden die Stationen des Kreuzweges umrahmen. Um dem Projekt noch mehr Öffentlichkeit zu geben, hat Werner Kleine geplant, es als „TalPassion“ während der Osterwoche 2014 in großformatigen Projektionen im städtischen Raum zu zeigen. Infos: www.talpassion.de Fotos 1 – 4: Christoph Schönbach

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Evita in Wuppertal Musical in zwei Akten Gesangstexte von Tim Rice, Musik von Andrew Lloyd Webber (Inszenierung der Originalproduktion von Harold Prince) Premiere: 5. Oktober 2013 Opernhaus Wuppertal

Banu Böke Foto: Uwe Stratmann

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Spontane Frage in Pausengesprächen: War das wirklich Che Guevara, der da Evita begleitet? Dem Bild, das gemeinhin von ihm existiert, Che aus bürgerlichem Hause, der sich schon früh zum Revolutionär entwickelt, entspricht diese Rolle gar nicht. In diesem Stück ist er eher ein eleganter und geschmeidiger Sonny-Boy, leicht amerikanisiert. Dass er sich danach zu dem Revolutionär entwickelt, dessen Bild man auch heute noch im Kopf hat, ist schwer verständlich. Dieses doch etwas fragwürdige Bild hatte der in Wuppertal geborene Sänger Patrick Stanke angenommen und verkörperte es sicher, singend und tanzend. Ungewohnt auch, dass die Erwartungen an ein Musical nicht ganz aufgingen. Denn aus Evita ist fast eine Oper geworden, die das Leben der Protagonistin keineswegs verherrlicht, sondern auch gerade ihre problematischen Seiten deutlich herausstellt. So hatten es Textdichter Tim Rice und Komponist Andrew Lloyd Webber auch geplant. Also keine Sprechszenen, die dann in ein Lied oder eine Tanzszene münden, sondern durchkomponierte Musik, gespro-

chen wird kaum. Lloyd Webber verwendet etliche Mittel, die eher aus dem klassischen Musikbereich kommen, auch dem neueren. So werden die am Anfang erklingenden scharfen Dissonanzen an wichtigen tragischen Stellen mehrfach wiederholt. Weiter bedient er sich unterschiedlichster Musikstile. Das geht vom überdrehten Tango über mehr oder weniger verfremdete Märsche bis zum Rock, es gibt unendliche Repetitionen (Perón) im Sprechchor und sogar Stellen, die an ein Opernrezitativ erinnern. Absolut unspektakulär und für ein Musical unerwartet ist auch der abrupte Schluss. Insofern haben die Sänger der einzelnen Partien neben musicaltypischen Stellen durchaus schwierige Passagen zu bewältigen, die in Richtung Oper gehen. Das wurde meiner Ansicht nach hervorragend bewältigt, und die gelegentlich geäußerte Kritik, die Mitglieder des Wuppertaler Opernensembles sängen zu opernhaft, kann ich nicht nachvollziehen. Eher zeigten sie etliche Facetten ihrer Bandbreite, an den richtigen Stellen präzise eingesetzt. Da sie eine Woche vorher schon in der „Fledermaus“ mit noch weitergehenden Mitteln


brilliert hatten, wurde deutlich, was sie alles können. Die vier SängerInnen des Ensembles: Boris Leisenheimer als schmieriger Tangosänger, Annika Boos als abgelegte Liebhaberin Peróns mit nur einem Song, der aber sehr überzeugte; Olaf Haye machte sängerisch und darstellerisch deutlich, dass und wie er von seiner Frau gesteuert wurde. Schließlich machte Banu Böke als Evita hervorragend die Ambivalenz der Hauptperson deutlich, Höhepunkt war ihr Song „Don´t cry for me, Argentina“ zu Beginn des zweiten Teils. Dieses Lied – und das ist auch ein opernhaftes Element – kommt übrigens mehrfach vor, mit unterschiedlichen Texten, gleich am Anfang als pseudoreligiöse Litanei, und auch Motive daraus werden immer wieder aufgegriffen. Die Leistungen von Patrick Stanke und den vier Mitgliedern des Opernensembles waren eingebettet in eine reife Ensembleleistung (Inszenierung Aurelia Eggers). Dazu gehören Chor und Extrachor, die nicht nur den mitunter nicht einfachen Gesangspart (viele Stellen ohne Instrumen-

talbegleitung) exzellent bewältigten, sondern auch die Schauspiel- und Tanzszenen. Erfreulich, dass auch der Kinderchor der Bühnen mit Gesang und vielfältigen Aktionen einbezogen war (alle Chöre einstudiert von Jens Bingert). Hörbar waren auch Engagement und Vergnügen im Orchester (Leitung Tobias Deutschmann), dessen Instrumentarium durch Drumset, E-Gitarre und Keyboard erweitert war. Auch harfen- und cembaloähnliche Klänge kamen aus dem Orchestergraben, besondere Virtuosität zeigt der Percussionist. Schließlich ist noch das bewegliche Bühnenbild (Jürgen Lier) bemerkenswert. In einem angedeuteten Kinosaal werden mehrere Ebenen und Leinwände bewegt, auf denen historische Filmausschnitte oder vorher produzierte Filme die Wirkung der einzelnen Szenen verstärken ( die repräsentative Treppe, die das Ehepaar Perón hinabschreitet, ist übrigens die Treppe im Kronleuchterfoyer). Und Achtung: das Bild Evitas auf der Leinwand blinzelt! Fritz Gerwinn

Weitere Aufführungen: 10., 11., 12., 31. Dezember 2013, 10., 11., 12., 31. Januar, 1., 28., Februar, 1., 2. März 2014

vorne: Banu Böke hinten: Chor und Statisterie der Wuppertaler Bühnen Foto: Uwe Stratmann

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Eine Zeit auf einer Insel Kurt Schwitters’ Werk der 1940er Jahre auf der Isle of Man

links: Kurt Schwitters, Pink, green, white, 1940, Papier, collagiert / Papier, 21,8 x 16,5 cm, Privatbesitz, © VG Bild-Kunst, Bonn, Foto: Tate Photography/David Lambert and Rod Tidman unten: Kurt Schwitters, Ausstellungsansicht Sayle Gallery, Douglas, Foto: Ezzidin Alwan, London, © VG Bild-Kunst, Bonn

2013 war ein gutes Jahr für das Andenken an Kurt Schwitters. Dazu trugen die mehr indirekten Maßnahmen bei. In Hannover wurde der im zweijährigen Turnus vergebene Kurt-Schwitters-Preis an die Pionierin der Appropriation-Art Elaine Sturtevant verliehen. In Köln hat das Museum Ludwig in seiner Neupräsentation Schwitters als Anreger für Künstler wie Jasper Johns und Rauschenberg positioniert. Und in der Sayle Gallery auf der Isle of Man war im September und Oktober eine Ausstellung seiner Werke zu sehen. Die Isle of Man, gelegen in der Irischen See, ist am einfachsten mit dem Flugzeug zu erreichen, der dortige Flughafen ist mit dem Auto 20 Minuten von der Hauptstadt Douglas entfernt. Die Isle of Man ist lediglich 570 km² groß. 80.000 Einwohner leben hier. Hier hat sich das älteste durchgehend bestehende Parlament der Welt konstituiert, der Tynwald, im Jahr 979. Zwar ist die Queen Staatsoberhaupt, aber die Insel ist autonom, sie gehört nicht zum Vereinigten Königreich. Im übrigen besitzt sie – mit dem Pfund als Währung – eigenes Geld und Brief-

marken. Bekannt ist die Isle of Man aber vor allem für ihre spektakulären Motorradrennen – die Tourist Trophy, die seit 1907 auf den Landstraßen durchgeführt wird – , den Status als (einstiges) Steuerparadies und die Katzen ohne Schwänze. Eindrucksvoll sind die mittelalterlichen Festungsanlagen und Siedlungen, die steilen Klippen, gegen die das Meer brandet, und im nächsten Moment strahlt der Sonnenschein über den Feldern; dann wieder schließt sich der Wald dicht. Eine Besonderheit, berichtet Eva Wertheim bei der Fahrt die Küste entlang, sei das Nebeneinander unterschiedlicher Vegetationen, die jeweils ihr eigenes Klima bedingen. Beliebt bei Touristen ist der Strand in der Bucht von Douglas. Aber es gibt kleinere traumhaft menschenleere Sandstreifen, etwa bei Port Erin, im Süden der Insel. Der Fotograf Chris Killip, der 1946 in Douglas geboren wurde und heute an der Harvard University unterrichtet, dokumentiert seit Jahrzehnten die Facetten dieser Insel. Er schildert das Rüde der

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Landschaft und die Frachtschiffe vor der Küste ebenso wie den Alltag der arbeitenden Bevölkerung. Im Frühjahr 2012 waren seine eindringlich kargen s/w-Fotografien im Museum Folkwang in Essen ausgestellt. Ein weiterer Künstler, der auf dieser Insel aufgewachsen ist, ist Michael Sandle. Sandle, geb. 1936, ist als Bildhauer und Zeichner international renommiert. Er wurde zweimal zur Documenta eingeladen und hat als Professor in Kanada und in Deutschland (in Pforzheim, dann in Karlsruhe) gelehrt; heute lebt er in London und kehrt immer wieder auf die Isle of Man zurück. An beiden Orten stehen seine Arbeiten exponiert im öffentlichen Raum. In London ist Sandle Mitglied der Royal Academy und auf der Isle of Man ist er Patron der Sayle Gallery, die jetzt die Ausstellung mit Schwitters durchgeführt hat. Auch Kurt Schwitters ist in das kulturelle Gedächtnis der Insel eingegangen, obzwar er hier lediglich 17 Monate gelebt hat und das in relativer Unfreiheit, aber mit der Möglichkeit, künstlerisch zu arbeiten. Kurt Schwitters wurde 1887 in Hannover geboren. Er studierte dort und in Dresden. Ab 1919 gehörte er zu den vor allem in Berlin tätigen Dada-Künstlern; berühmt ist seine lautpoetische „Ursonate“ (1925). Teil der Kunstgeschichte ist auch seine Merz-Kunst, die – im weiteren Sinne – als Prinzip der Collage und Assemblage zu verstehen ist. Überwiegend auf der Grundlage von Fremdmaterial, das Schwitters ausgewählt und kombiniert hat, erstellt er ab 1918 Bilder und Objekte und später die Merz-Bauten. Den Titel hat Schwitters übrigens 1917 von einem Ausschnitt der „Kommerz- und Privatbank“ genommen. Seine Pioniertaten sind um so höher einzuschätzen, als sie in Zeiten des Aufbruchs und Umbruchs und der beiden Weltkriege entstanden sind, von denen er unmittelbar betroffen war. 1937,

als die Nationalsozialisten in Deutschland sein Werk als „entartet“ beschlagnahmten, emigrierte er nach Norwegen, wo er sich schon seit 1929 jährlich aufgehalten hatte. Er zog schließlich nach Tromsö, musste von dort aber weiter fliehen. Er gelangte auf die Isle of Man, auf der er, in diesen unruhigen, politischen Zeiten, wie viele andere interniert wurde. Er war von Juli 1940 bis November 1941 im Hutchinson Square Camp in Douglas untergebracht, ehe er zu seiner Familie nach London ausreisen konnte. In London blieb er dann bis zu seinem Tod 1948. Die Ausstellung in der Sayle Gallery hielt jetzt die Balance zwischen der Vergegenwärtigung des Ortes, der Objektivierung von Situation und Zeit und der persönlichen Betroffenheit Schwitters. Einerseits war er auf der Isle of Man sicher und konnte seine Kunst fortsetzen, andererseits beschäftigte ihn die Unsicherheit über das Schicksal der Verwandten und die eigene Zukunft. Anschaulich wurde dies in der Sayle Gallery noch durch einige Bilder weiterer deutschstämmiger Künstler wie Bruno Ahrends und Fred Uhlman, der in seinen Zeichnungen den Lageralltag dokumentiert hat. Zugleich wurden Schwitters' Bilder von der Isle of Man in den Kontext seines eigenen Werkes eingebettet, mit früheren Beiträgen (etwa einem Video der „Ursonate“) und später entstandenen Arbeiten (so einer Vitrine mit drei abstrakten Kleinplastiken) und Archivalien. Im Zentrum aber standen die Werke, die Schwitters auf der Isle of Man gefertigt hat: Nach über sieben Jahrzehnten sind sie hierher für einige Wochen zurückgekommen – der Hutchinson Square liegt keine 300 m von der Uferpromenade entfernt, wo sich heute die Sayle Gallery befindet. Die Auswahl an Werken dieser Ausstellung, die von Fran Lloyd, Professorin für Kunstgeschichte an der Kingston

University in London kuratiert wurde, verdeutlicht, wie sensibel Schwitters auf seine Zeit reagiert hat. Schon die einzelnen Collageschnipsel beinhalten Hinweise auf die politische und gesellschaftliche Lage. Eine wesentliche Rolle spielen die Titel, die mitunter mehrere Bedeutungsebenen besitzen und das Bildgeschehen unterstützen. Bei aller Poesie der Collagen zwischen austariertem ästhetischem Farb-, Struktur- und Formspiel: „Harmlos“ sind diese Werke nie. Schwitters verleiht dem tagtäglichen Material – Schreibpapier, Zeitung, Prospekt, Briefumschlag oder Verpackung – eine eigene Bedeutsamkeit. Er fügt unterschiedliche Oberflächen zueinander, lässt den Formen das Gefundene, schichtet oder überlappt sie und lehrt uns, nichts vorschnell hinzunehmen, aber genau hinzusehen. Aus Alltag wird Kunst. Mit dem Wissen um die autobiographische Betroffenheit Schwitters' und seine künstlerische Kommentierung der Ereignisse, ahnt man, dass selbst ein Gemälde, das sich auf einen Fensterblick aus erhöhter Position beschränkt (O.T., 1941), viel mehr als ein urbanes Exterieur zu bieten hat. Das Hausdach, das vom Vordergrund ausgehend massig in die Tiefe schneidet, trägt noch den euphorischen Klang künftiger Veränderung. Aber die Illusion wird doch wieder „geerdet“: Harte Schnitte markieren den Giebel und die Begrenzung des Daches. Und das Dach „prallt“ quasi gegen ein querstehendes Gebäude. Dieses – mit seinen Schornsteinen und den kleinen Fenstern typisch für die Zeit – ermöglicht zwar den Blickkontakt, gleichzeitig verhindert es die freie Sicht. Schwitters Gemälde formuliert Ernüchterung und Hoffnung zugleich. Übrigens ist es mit Enkaustik, aufgetragen auf einen Linoleum-Grund, angefertigt. Dadurch entstehen fein nuancierende, satte grün-graue Töne; das Dach wirkt körperhaft stofflich – natürlich lässt

Hutchinson Square heute in Douglas. Foto: Ezzidin Alwan, London

Michael Sandle,Denkmal für Sir William Hillary und seine Crew, 2001, Bronce, © M. Sandle

Rote Welle in Douglas.


diese Sinnlichkeit noch an die Textur der Collagen mit den ausfransenden Rändern denken. Aber sie signalisiert hier noch Lokalkolorit: Schwitters malte, wie er das Dach im verhangenen Licht sah. Wir sind in Douglas, auf der so atemberaubenden Isle of Man. Thomas Hirsch

The Sayle Gallery, Villa Marina Colonnade, 1-3 Harris Promenade in Douglas. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

Sayle Gallery in Douglas. Foto: Ezzidin Alwan, London

Südklippen der Isle of Man.

www.saylegallery.com

Kurt Schwitters, o. T. (Hausdächer in Douglas, Isle of Man), 1941, Wachstempera auf Linoleum, 38,7 x 43,7 cm, Sprengel Museum, Hannover, © VG Bild-Kunst, Bonn, Kurt Schwitters Archiv im Sprengel Museum Hannover, Foto: Aline Gwose/ Michael Herling

Uferpromenade in Douglas. Foto: Ezzidin Alwan, London

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Die Fledermaus Operette in drei Akten von Johann Strauss Sohn Text von Richard Genée nach der Komödie „Le Réveillon“ von Henri Meilhac und Ludovic Halévy

v. l. n. r. Olaf Haye, Miljan Milovic, Banu Böke, Joslyn Rechter, Kay Stiefermann, Elena Fink, Annika Boos, Chor der Wuppertaler Bühnen Foto: Uwe Stratmann

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Lauter und lang anhaltender Beifall, als Gefängniswärter Frosch den Verdacht äußert, der neue Obermusikrat wolle nur mit teuren Leihinstrumenten spielen. Wer gemeint ist, dürfte klar sein, der zukünftige Opernchef, Toshiyuki Kamioka, der mit offenbar schon ausgesprochenen Kündigungen und bis dato unklaren oder gar widersprüchlichen Plänen das Ensemble und das kulturell ohnehin gebeutelte Wuppertal kräftig verunsichert hat. Vorher hatte schon die (anwesende) Stadtspitze ihr Fett wegbekommen, und danach kam sogar Angela Merkel dran. Alle drei Pointen trafen genau ins Ziel. Das war bezeichnend für die gesamte Inszenierung, die hervorragend war und keine Schwachpunkte hatte. Entsprechend feierte das Wuppertaler Premierenpublikum sein Ensemble, das wohl komplett in einem Jahr gehen muss, ebenso wie der Opernintendant und Regisseur dieser Aufführung, Johannes Weigand. Und alle zeigten, was sie können, und das mit leichter Hand. Nicht nur, dass die Sänger zu großer Form aufliefen, sie bewiesen auch, und zwar ohne Ausnahme, dass sie

erstklassige Schauspieler sind, gestisch hervorragend und verständlich bis in die letzte Reihe. Das Publikum wollte mit dem Beifall gar nicht mehr aufhören, zum Schluss gab es sogar standing ovations. Weiß der neue Operndirektor wirklich nicht, was für tolle Leute er schon im Haus hat? Immerhin hat er mit einigen von ihnen 2005 ja schon einmal eine „Fledermaus“ dirigiert. Und die neue „Fledermaus“ im Opernhaus lohnt sich wirklich! Auch wer die Handlung nicht kennt (die sich ja aus der am Anfang nicht bekannten Vorgeschichte ergibt), geht nicht ratlos aus dem Haus, sondern weiß sehr schnell, dass es sich um die gelungene Rache der „Fledermaus“ Dr. Falke handelt, denn darauf wird immer wieder Bezug genommen. Längen kommen nicht auf, die Inszenierung steigert das Vergnügen durch zügiges Tempo, die gesprochenen Szenen hüten sich vor Überlänge, auch der in anderen Inszenierungen oft ausufernde Monolog des Gefängniswärters Frosch wird nicht übermäßig ausgedehnt, sondern entfaltet seine Wirkung, weil er knapp und


knackig ist (formuliert vom Dramaturgen Johannes Blum). Das Orchester unter Florian Frannek befand sich offensichtlich auch in konzentrierter Sektlaune, die Abstimmung mit Sängern und Chor war perfekt, aber nicht nur bei durchgängig temporeichen, rasanten Stellen, sondern auch bei plötzlichen Tempowechseln oder wenn es innerhalb eines Stückes langsamer oder schneller wurde. Auch interessante Instrumentalfarben wurden herausgestellt (man beachte z. B. die Rolle der Piccoloflöte im Vorspiel zum 3. Akt!) Im 1. Akt wird deutlich, dass es mit dem Adel nicht weit her ist, nicht nur, was das gegenseitige Fremdgehen angeht. Eine enge, spießige Wohnung wird gezeigt, immerhin mit einem Flügel, der aber nur einmal zum Klavierspielen benutzt wird, ansonsten dient er als Liebesort oder Abfalleimer für Hähnchenschenkel. Ein Hirschgeweih dient als Garderobe, und Eisensteins Essmanieren sind auch nicht die besten. Die Regie macht sehr deutlich, dass alle so tun als ob, während sie ganz andere Ziele haben

(Eisenstein und das Dienstmädchen Adele wollen auf Orlofskys Fest, aber mit durchaus unterschiedlichen Motivationen, Eisensteins Gattin Rosalinde freut sich dagegen auf das tête-à-tête mit ihrem früheren Liebhaber, dem Tenor Alfred, bei dessen hohem B sie zuverlässig dahinschmilzt). Als Gefängnisdirektor Frank erscheint (alt und grau, ein Meisterstück der Wuppertaler Schminkkunst!) und Alfred anstelle des Hausherrn mitnimmt und ins Gefängnis bringt, hat dieser sogar Nachtkleid und Mütze des Hausherrn angezogen. Das führt im 3. Akt zu weiterem Unmut bei Eisenstein, ehe er vollständig entlarvt wird. Im 2. Akt dagegen Weite, ein Palast mit Buchsbaumbüschen, vier muskulöse Diener sorgen vor allem bei Eisenstein für unablässigen und zwangsweisen Alkoholnachschub schon am Anfang. Orlofsky ist dick und behäbig, muss immer von zweien seiner Diener aufs Podest gehoben werden und begibt sich wegen seiner Unbeweglichkeit gegen Ende des Aktes sogar in einen Fesselballon, um das unter ihm tanzende gesamte andere Personal

nicht beim Walzer zu stören. Köstlich der Dialog zwischen Monsieur Renard (Eisenstein) und Monsieur Chagrin (Frank), die beide als Franzosen vorgestellt werden, die sich herzlich begrüßen müssen, weil sie sich nach langer Zeit wiedersehen, sich aber weder kennen noch ein Wort Französisch können. Unvergesslich auch die Episode, als Eisenstein seine als ungarische Gräfin verkleidete Frau anbaggert und behauptet, seine Frau sei alt und hässlich. Nach der Weite des 2. Aktes hörbare Überraschung beim Publikum, als sich nach der Pause der Vorhang wieder öffnet. Es ist noch enger als im 1. Akt, oben zwei Luken, durch die man die jeweils Ankommenden schon sehen kann, man hat Blick aufs 00, das immer wieder als Rückzugsort dient, rechts zwei Zellen, so könnte der Vorraum eines Gefängnisses ja tatsächlich aussehen. In einer der Zellen Alfred, der ständig singt, einmal sogar v. l . n. r. Elena Fink, Kay Stiefermann, Banu Böke Foto: Uwe Stratmann

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vorne v. l. n. r. Annika Boos, Elena Fink hinten v. l. n. r. Olaf Haye, Gregor Henz Foto: Uwe Stratmann

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einen falschen Tamino, und erst aufhört, als Frosch Gesangskenntnis zeigt und ihn korrigiert. Der Schnaps, der im Gegensatz zu anderen Inszenierungen hier nur dezent fließt, steht hinter dem Kaiserbild. Das wissen alle, auch die, die noch nie in diesem Raum waren. Und tatsächlich kommen nacheinander alle, die in der Nacht vorher bei Orlofsky gefeiert haben, mehr oder weniger derangiert an. Das ist lustig und spritzig gemacht, die nahe liegende Überspitzung durch Klamauk hält sich in Grenzen, auch wenn ein voller Nachttopf durch mehrere Hände geht. Dass die Inszenierung hervorragend war und auch vom Publikum begeistert aufgenommen wurde, wurde schon gesagt. Wichtiger erscheint mir, dass dies nicht nur das Werk des Leitungsteams war (Johannes Weigand, Regie, Moritz Nitsche, Bühne, Judith Fischer, Kostüme), sondern ein Gemeinschaftswerk des gesamten Opernensembles, in dem alle uneingeschränkt ihr Bestes gaben. Deshalb will ich auch nicht einzelne Sänger hervorheben, sondern einfach ihre Namen (in der Premierenbesetzung) nen-

nen: Kay Stiefermann, Banu Böke, Elena Fink, Olaf Haye, Joslyn Rechter, Christian Sturm, Miljan Milovic´, Boris Leisenheimer, Annika Boos. Einen einzigen Gast gab es doch, der war aber aus dem Wuppertaler Schauspielensemble: Gregor Henze, ein Super-Frosch. Nicht zu vergessen: neben dem schon gelobten Orchester unter Florian Frannek ein sängerisch und auch darstellerisch brillanter Chor, von Jens Bingert einstudiert. Nach diesem fulminanten Saisonanfang werden sich viele gefragt haben, ob so hervorragende Kräfte wirklich komplett gekündigt werden müssen. Dass und wie sie mit dem Wuppertaler Theater verwachsen sind, zeigte Intendant Johannes Weigand in der Premierenfeier auf, indem er die Rollen aufzählte, die die SängerInnen in Wuppertal schon gesungen haben. Bei einigen waren es fast 40! Kann man auf solche Qualität verzichten? Fritz Gerwinn Weitere Aufführungen: 8.12., 14.12., 26.12.2013


Tod eines Einsamen Schon der vierte alte Freund ist in diesem Jahr gestorben. Ich sage das mit einer Art Vorwurf in der Stimme, fällt mir auf. Es war wie schon oft: Das Gefühl, ihn anrufen zu müssen, hatte sich in den Tagen davor verstärkt. In den letzten Jahren erging es mir fast immer so. Ich rief ihn an, und wir führten ein unauffälliges Gespräch. Er sprach übrigens immer extrem gleichmütig, fast unbeteiligt, und das nicht erst, seit er alt geworden war. So sprach er schon vor dreiundsiebzig Jahren. Es passte zu seinem glatten, freundlichen Konfirmandengesicht, das mich an Max Raabe, den Sänger alter Evergreens, erinnerte. Karl Otto Mühl, Foto: Frank Becker

Tatsächlich, denke ich gerade – er sprach immer gleichmütig, aber nie über seine Gefühle, und dazu passte sein freundliches Gesicht mit dem verbindlichen Ausdruck. Auch in den letzten Jahren hatte er nie etwas über seine Empfindungen gesagt. Dabei fand ich, dass er, der Neunzigjährige, ein elendes Leben hatte. Er war fast blind, hatte Herzinfarkte hinter sich, wohnte in einem alten Schieferhaus, das ihm gehörte, allein. Seine Frau war vor einigen Jahren gestorben. Er ging nie aus dem Haus. Die Gründe waren Schwäche und Sehbehinderung. Niemand besuchte ihn (doch, einmal im Jahr kam aus Hannover ein Verwandter zu Besuch). Lebensmittel kauften die Nachbarn für ihn ein. Vor dreiundsiebzig Jahren spielten wir zusammen in einer Theatergruppe. Seine Kabarett-Nummer, für die er immer Beifall bekam, war das Gedicht „Der Überzieher“. Bei diesem Vortrag wurde er sprühend lebendig. Er hatte einen leisen, friedlichen Vater und eine übermächtige, aber gewinnende Mutter. Heute meine ich, er sei immer Sohn gewesen, vielleicht auch Sohn, der schließlich von daheim wegblieb, weil er eine andere, übermächtige Person gefunden hatte; auf jeden Fall blieb er aber ein Sohn, der den Mann in ihm vertreten musste. Kinder hatten er und seine Frau nicht.

Diese Schilderung klingt ungerecht, ist es auch. Er war vor allem ein fleißiger, treuer und gewissenhafter Mensch. So bescheiden, dass es manchmal weltfremd wirkte. Weihnachten hatten wir ihn besucht und einen gefüllten Weihnachtsbeutel für ihn auf den Nebentisch gestellt. Einige Stunden, nachdem wir ihn verlassen hatten, rief er an: Wir hätten ja einen Beutel mit Geschenken bei ihm stehen lassen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass ihm jemand etwas schenkte. Wenige Tage nach unserem Telefonat bekam ich die Todesanzeige. Ich werde zur Beisetzung fahren. Im Augenblick aber sitze ich still in meinem Arbeitszimmer am Schnittpunkt meiner Erinnerungen und gegenwärtiger Stille. Nichts scheint zu geschehen, aber natürlich geschieht doch etwas. Ich schiebe nämlich meine Füße langsam in die neben mir stehenden Clogs, und denke dabei, dass dies und alles, was ich wahrnehme, schon geschehen ist. Es ist freilich keine neue Erkenntnis, dass wir die Gegenwart immer nur als Vergangenheit erleben können. Neu ist für mich allerdings, dass sich jetzt, wenn ich die vergangene Gegenwart loslasse (und das tue ich jetzt) überwältigende Leere auftut, und ich stelle mir vor, dass ich am Rande von Unendlichkeit und Ewigkeit stehe, ganz dicht, und es ist die Gewalt der Leere, die mich überfällt, der graue Nicht-Raum vor mir; und vielleicht eine Art innerer Horizont, hinter dem ich ein Spiel von Licht, Musik und Farben erahne. Und das Besondere: Es gibt keine Angst. Sie ist unbekannt. Karl Otto Mühl

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Was bleibt ? Zeugen Wuppertaler Industrie Fotografien von Olaf Joachimsmeier Herbstmorgen. Es ist dunkel und noch schläft der neue Tag. Nur der Wind rauscht leise verträumt durch das bunte Laub der Bäume. Ich gieße mir einen Tee auf und denke über die vergangenen Jahre nach, die ich, mit einigen Unterbrechungen, nun schon wieder in dieser Stadt lebe. Was immer andere Leute sagen - ich wohne unglaublich gerne hier.

Wuppertal, dieses trotzige Straßenkind, mit seiner spannenden Geschichte und seinen Menschen, seinem Überlebenswillen, seinen Aufbrüchen und Umbrüchen. Immer wieder berühren sich hier Vergangenheit und Gegenwart und der Herbst scheint mir die richtige Jahreszeit zu sein, um den Zauber zu entdecken, der in den alten Industriegebäuden schläft. Der Sage nach wanderte einst ein Zwergenkönig durch die Wälder des Bergischen Landes. Eine alte Frau bot ihm von den gesammelten Waldfrüchten in ihrem Korb an. Der König, welcher hungrig war, folgte der Einladung gerne. Nach dem Mahl fragte er das Mütterchen, wie er ihre Wohltat erwidern könne und welchen Wunsch er ihr erfüllen solle. Die Frau war jedoch recht bescheiden und wünschte sich nichts weiter, als dass es für sie und ihre Kinder immer genug Arbeit und Brot geben möge. „So will ich dir Wasser schenken“, sprach der Zwerg, klopfte mit seinem Wanderstock gegen einen Stein und ein Fluss kam hervor, der seit jenen Zeiten den Menschen im Bergischen Land Arbeit und Brot gibt. An diese kleine Erzählung denke ich oft, wenn ich in der Stadt unterwegs bin. Immer wieder stoße ich auf alte Fabriken, die dem, der sich die Zeit nimmt, erzählen von den Tagen, als die Wupper noch bunt war und die Schornsteine schwarzen Rauch über das Tal pusteten. Ja, die Nachfahren jener alten Frau wussten das Wasser zu nutzen und es wurde ihnen zum Segen. Wuppertal gehörte im 19. Jahrhundert zu den reichsten Städten Europas. Im Stadtwappen symbolisiert der Löwe den Handel als König dieser einstmals so Krühbusch

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wichtigen Wirtschaftsmetropole. In den Wäldern, die sich an den steilen Hängen des engen Flusstals schmiegen, gab es zahlreiche Kotten, die sich den vielen Regen zu Nutzen machten, Teiche anlegten und so, mit Hilfe der Wassermühlen Werkzeuge herstellten. Unzählige kleine Bandwebereien im Umland belieferten die Textilindustrie im Tal. Stoffe und Bänder gingen von hier in die ganze Welt hinaus. Große Fabriken entstanden am Ufer der Wupper und aus dem ganzen Land kamen die Menschen, um hier Arbeit zu finden. Zahlreiche Bahnstrecken verbanden das Tal mit der Höhe und weiter mit den Nachbarstädten. Die Bahn transportierte Menschen und Güter, lieferte nötige Rohstoffe ins Tal und verschickte Wuppertaler Erzeugnisse ins Inund Ausland. Inzwischen ist mancher kleine Bahnhof stillgelegt. Zwischen den Gleisen wächst das Unkraut und die Bahnhofsuhr, soweit sie noch steht, hat die Stunden eingefroren. Es mag sein, dass man in kalten Winternächten noch einmal das Schnaufen der einfahrenden Lokomotive hört, Stimmen und Schritte zu vernehmen meint und den Schatten einer Frau an der Hauswand sieht, die hier vielleicht einen Sohn in den Krieg verabschiedet hat. Manchmal sind es nur wenige Schritte, nur ein Blick, nur ein kurzes Innehalten, das uns die Tore in andere Zeiten öffnet. So stehen die alten Wohnhäuser in der schmalen Gasse zwischen Friedrich-Ebert-Straße und der Wupper wie Wächter vor dem Tor zu einem großen Geheimnis. Nein, es ranken sich keine Rosen an den Wohn- und Fabrikgebäuden der ehemaligen Brauerei hoch und doch schläft hinter diesen Mauern ein wichtiger Teil Wuppertaler Industriegeschichte. Von hier aus trat das heutige Küppers-Kölsch seinen Siegeszug um die Welt an. Im Schatten der Schwebebahn wurde Bier gebraut und spielten Kinder. Arbeiter saßen in der Mittagspause müde in der Sonne. In ihre Tagträume vermischten sich die Geräusche des Wassers und das laute Rattern der Schwebebahnräder auf den eisernen Schienen. Wenige hundert Meter weiter stehe ich auf der Moritzbrücke im Stadtteil Arren0ben: Bahnhof Hahnenfurth mitte: Ruine Kalkwerke Dornap unten: Hinterhof in der Friedrich-Engels-Allee 161

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berg. Im fließenden Strom der Wupper spiegeln sich flimmernd Himmel und Bäume und das wunderschöne, im roten Ziegel erbaute ELBA-Gebäude. Erich Kraut gründete 1917 die Firma für Büroartikel und schon lange vor der offiziellen Zusammenlegung der Städte, verband er Elberfeld und Barmen zu dem Firmennamen ELBA. Zu Hause auf meinem Schreibtisch schaue ich mir noch einmal Olafs Fotografien an: Was für eine Stadt. Überall im Tal finde ich die lebendigen Spuren einer Geschichte, die von Mut und Visionen, Aufbruch und Morgenstimmung handelt. Ich entdecke Unternehmergenerationen, die über den Profit hinaus sich auch um die persönlichen Belange ihrer Arbeiter kümmerten. Bis in den 2. Weltkrieg war dieses Engagement mit die Grundlage für den außergewöhnlichen Wohlstand und sozialen Frieden. Heute hat sich die Stadt verändert: Wo einst imposante Industriegebäude und rauchende Schlote das Bild prägten, ziehen vor allem Künstler und Dienstleistungsbetriebe in leerstehende Produktionshallen, werden aus den stahldurchzogenen Backsteinbauten interessante Wohneinheiten. Die Industrie ist weitergezogen. Das Wasser strömt aber noch immer ... Anne Fitsch oben: Witte & Co. Löwe-Ruine Christbusch 6, Unterbarmen mitte: Elba, Wupperbrücke an der Moritzstraße unten: Friedrich-Ebert-Straße 191

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Der Rollstuhl

Marianne Ullmann studierte Germanistik in Wuppertal. Sie lebt als Autorin in Schwerte und schreibt vor allem Kurzprosa und Erzählungen. Mitglied der GEDOK und Redaktionsmitglied der Bergischen Zeitschrift für Literatur KARUSSELL

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Sie hatte sich eines Tages auf den Küchenstuhl gesetzt und gesagt, dass sie nicht mehr laufen könne. Was blieb denn Vater anderes übrig, als einen Rollstuhl zu besorgen? In dem saß Mutter jetzt. Seitdem fuhr ich sie täglich über den Hof. Zuerst über die Tenne, an den Schweinen vorbei, am Klo mit den Zeitungsstapeln, beim Kuhstall, der im Sommer leer war, weil die Kühe auf der Weide grasten. Die Tröge waren leer und der Betonboden abgespült. Hier wurde jedes Jahr mein Geburtstag gefeiert. Mutter fand es praktisch und ich auch. Ich durfte so viele Freundinnen einladen wie ich wollte. Der alte Tisch aus der Schlachtküche wurde geholt und bekam eine geblümte Decke. Das Alltagsgeschirr darauf. Fertig. Die Melkschemel für die Kühe blieben kopfüber im Regal. Die konnte man für Spiele gebrauchen: Reise nach Jerusalem, Stille Post, Plumpsack, Schwarzer Mann oder Deutschland erklärt den Krieg gegen... Neuerdings spielten wir oft Gummitwist. Aber wer würde das alles vorbereiten? Mutter stand einfach nicht mehr auf. Sie kochte nicht mehr: Es würde keinen Mohnkuchen mehr geben und keinen Kümmelbraten. Mutter fütterte nicht mehr die Schweine und melkte keine Kühe. Dann würde es wohl auch keine Geburtstagsfeier mehr geben. Vielleicht Oma? Sie war schon uralt und schälte immer nur Kartoffeln und hielt sich mit ihrem Korb in der Nähe des Herds auf.

ein Tuch. Eine Kanne Öl stand plötzlich da, ich träufelte einige Tropfen davon auf die quietschenden Stellen. Dann hob Vater Mutter von der Bank und setzte sie zur Probe hinein. „Na, wie ist er? Ein Kissen?“ Oma holte zwei von den guten Sofakissen aus dem Wohnzimmer, in das wir nur gingen, wenn wir Besuch hatten. Die Kissenhüllen hatte Mutter selber bestickt. Als Oma sie ihr hinhielt, schüttelte Mutter den Kopf. „Die haben die Flucht überlebt – und – und jetzt soll ich mich einfach? Nein! Nein!“ Sie wehrte die Kissen heftig ab. „Haben wir denn keine anderen? Alte, aus der Küche vielleicht?“ Aber Oma wollte ihre Kissen aus der Küche nicht abgeben. Wenn die Erntehelfer kamen oder die Leute, die beim Dreschen halfen. Sollten die sich auf die harten Bänke setzen? Oma ließ sich nicht erweichen. „Ich muss aufs Feld“, sagte Vater. Die Tür schlug zu. Ich sah durchs Fenster. Die Zweige unseres Apfelbaums vor dem Haus bewegten sich nicht. Aber in ein paar Tagen wären die Frühäpfel soweit, dann könnte man die ersten probieren. Von dem Fallobst machte Mutter immer Kompott. Das war wohl auch vorbei. Niemand fragte danach, warum Mutter nicht mehr laufen wollte. Vielleicht hätte sie doch noch laufen können und sie versuchte es gar nicht mehr, aus Angst hinzufallen.

„Den hatten die Nachbarn noch auf dem Speicher“, sagte Vater, als er den Rollstuhl vom Anhänger holte. „Fürs Erste reicht’s. Man weiß ja nicht, für wie lange.“ Er ließ den staubigen Rollstuhl mitten auf dem Hof stehen und kümmerte sich nicht weiter darum. Da stand er, der Rollstuhl, einerseits ein Möbelstück, andererseits ein Wagen. Er hatte eine Stange zum Schieben. Neben der rechten Armlehne gab es einen Hebel – die Bremse. Soweit die technische Ausstattung. Vorsichtig berührte ich das Holz und begann den Rollstuhl vom Hof zu schieben. In den Radnaben jaulte es und ich traute mich nicht, ihn weiter von der Stelle zu bewegen. Oma kam und zog das neue Möbelstück resolut über den Hof, als hätte es ihr schon immer gehört. Sie stellte mir einen Eimer Wasser hin mit Schmierseife und gab mir

Mutter saß schließlich auf ihren gestickten Kissen, die die Flucht überstanden hatten. Ich konnte mir nicht viel unter dieser Flucht vorstellen. Mutter kam aus dem Osten, und war wohl den ganzen Weg bis hierher gelaufen. Ihre Eltern waren unterwegs gestorben. Das Gepäck, das sie getragen hatten, musste Mutter fremden Leuten überlassen. Es gab Großeltern, die ich nie kennen gelernt hatte. Nirgendwo gab es ein Foto von ihnen. Heimlich blätterte ich in dem Album mit den schwarzen Seiten. Nichts. Keine Großeltern. Keine Bilder, keine Briefe. Es gab nur diese kurze Geschichte über sie. Ich schob Mutter weiter durch das große Holztor nach draußen in Richtung Scheune, in der die Strohgarben bis unters Dach


gestapelt waren. Bald würde der Drescher kommen und das frische Korn käme auf den Kornboden über dem Kuhstall. Beim Dreschen stand Mutter manchmal hoch oben auf der rosaroten Maschine, nahm die Garben mit der Forke auf und warf sie in das schwarze Maul. Die Dreschmaschine trennte das Korn vom Halm und rüttelte die Körner über mehrere Siebe direkt in Säcke. Männer aus der Nachbarschaft brachten die Säcke weg. Das leere Stroh wurde am Ende der Maschine fertig gebunden hinausgeworfen. Beim Wegtragen durfte ich helfen. Bevor die letzten Garben zum Dreschen vom Boden aufgenommen wurden, stellten sich die Arbeiter mit Schaufeln bewaffnet um sie herum. „Hoch“, lautete das Kommando, dann schlugen alle Schüppen wild auf den Boden. Die Mäuse quiekten und schrien und versuchten kreuz und quer zu entkommen. Aber Mieze holte sie alle: die Zerquetschten und auch die, die für einen Augenblick glaubten, gerettet zu sein. Unser Hof war nicht gepflastert. Samstags bei trockenem Wetter fegte ich Muster mit dem Besen auf die Erde. Aber wenn es geregnet hatte, liefen die Schlaglöcher voller Wasser. Ich musste Kurven fahren mit dem Rollstuhl, um nicht umzukippen. Mutter war leicht und doch schwer. Wenn ich sie schob, konnte ich nicht nach vorn schauen, weil ich zu klein war. Mutter überließ mir das Sehen und auch das Reden. Und wenn ich sie fragte, wohin sie denn möchte, antwortete sie nur selten. „Wer weiß, was sie alles mitgemacht hat auf der Flucht“, sagte Oma. „Schieb Mutter mal durch den Garten.“ Der Bauerngarten war Omas ganzer Stolz. Die mit Buchsbaum umsäumten Kräuterbeete und das Gemüsefeld mit Stangenbohnen und Erbsenranken, Porree, Salat und Möhren, später im Jahr gab es noch verschiedene Kohlarten. Überall dazwischen standen Blumen: bunte Spinnendahlien, rosa Phlox, halbhohe Astern oder Strohblumen. Oma ließ sich von niemandem helfen. Sie ächzte und stöhnte beim Umgraben und rieb ihre Knie, stieß den Spaten wieder in die Erde und machte immer öfter eine Pause. Dann rief sie mich zu sich. Engerlinge lagen auf dem Weg. „Das werden mal Schmetterlinge“, sagte

sie. „Manche Tiere verkriechen sich für einige Zeit. Aber sie kommen eines Tages aus der Erde und können fliegen. So geht es deiner Mutter, warte mal ab.“ Neben dem Garten führte die Chaussee entlang. Hier kamen alle vorbei, die von dem einen Dorf ins andere fuhren. Auch meine Freundinnen. „Heeh, was machst du, kommst du mit, letzter Tag von der Kirmes? Ist alles billiger.“ Ich zog die Schultern hoch und zeigte auf Mutter. „Wir bleiben nicht lange. Nur zwei Mal mit dem Kettenkarussell und dann zurück. Halbe Stunde, nicht länger – ganz bestimmt!“ Ich fuhr Mutter hinter die Stangenbohnen, stellte mein Sparschwein auf den Kopf, holte mein Fahrrad und raste wie vom Teufel getrieben den Mädchen hinterher. Ich drehte mich nicht um. Hatte Mutter was gesagt? Sie sagte ja nie was. Der Platz war bestimmt gut. Sie konnte direkt auf die Dahlien schauen und der Rosenbogen stand auch in voller Blüte. Sie liebte doch Blumen. Eigentlich hätte sie auch gerne im Garten gearbeitet, sich ein eigenes Beet angelegt, aber das ließ Oma nicht zu. „Na, endlich! Wo bleibst du denn so lange?“ „Meine Mutter.“ – „Aber doch nicht den ganzen Tag. Nu mach schon!“ Ich schnaufte vor Anstrengung und fädelte mich in die Fahrradreihe ein. Die Vögel zwitscherten. Wir fuhren durch ein kurzes Waldstück. Ganz leicht lag der Herbst in der Luft. Er stieg aus der Erde und kroch durch meine Nase in mich hinein. Säuerlich und süß. Die Blätter an den Bäumen kräuselten sich schon etwas. Ich brauchte mich nicht umzudrehen, ich wusste, dass unser Haus nicht mehr zu sehen war. „Musst du eigentlich den ganzen Tag auf deine Mutter aufpassen?“, fragte meine beste Freundin, die in der Schule aber nicht neben mir saß, weil sie größer war als ich. Und alle Größeren saßen hinten. Was fragte sie jetzt so dumm? Sie wusste genau, dass ich bloß bei trockenem Wetter draußen war mit ihr. Und wenn ich Schulaufgaben machte, lag Mutter im Bett. Sie konnte sich mit den Händen

am Rollstuhl abstützen und ließ sich aufs Bett fallen. Ich hatte sie auch schon dabei ertappt, wie sie einen Fuß bewegte und ihn hinstellte. Da glaubte ich, dass sie uns allen etwas vorspielte. Aber wenn Mutter im Rollstuhl saß, konnte man sie nicht allein lassen. Man wusste ja nie, wann sie Hilfe brauchte, obwohl Vater ihr eine Klingel an die Armlehne montiert hatte. So eine, wie es sie auch in unserem Hotel im Dorf gab. Aber wenn niemand die Klingel hörte? „Nein, siehst du doch!“, antwortete ich patzig. Meine Freundin musste doch im Sommer selber oft auf dem Feld arbeiten. Dann konnten wir auch nicht zusammen spielen und ich hatte mich nie beschwert. Wortlos fuhr ich weiter. Vielleicht hätte ich doch nicht mitfahren sollen? Herbstkirmes. Überall hingen Plakate. Fast ein Wunder, dass sie den Wald ausgespart hatten. Schon von weitem hörte ich die Schlager dröhnen. „Los, wer zuerst da ist!“, rief ich und trat so kräftig ich konnte in die Pedalen und setzte mich an die Spitze der Fahrradkolonne. Der Rummelplatz quoll über von Menschenmassen, fast alles Kinder und Jugendliche. Einige Mütter, wenige Väter. Überall gab es Warteschlangen. Die längste am Kettenkarussell. „Dann nehmen wir die Raupe“, sagte ich. „Alle hinter mir her!“ Aber keiner hatte Lust dazu. Die anderen hatten sich zusammengetan und einen festen Plan geschmiedet. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich anzuschließen. Zuerst also das Kettenkarussell. Fast die ganze Klasse war da. Die Jungen auch. Sie standen abseits, die Hände in den Hosentaschen und sahen ständig zu uns rüber. Wir guckten weg und taten so, als wären sie gar nicht da. Endlich rückten wir auf und stiegen ein. Zuerst wurde mir schwindlig. Dann hatte ich Übung. Mein Geld reichte für drei Fahrten. Als wir durch die Luft sausten, grölten unten die Jungen. Der ganze Kirmesplatz schaute zu. Als Musikwunsch hatte ich Elvis gesagt und die Frau an der Kasse hatte genickt. Wenn der Kirchturm nicht gerade im Weg stand, konnte man über das ganze Dorf hinweg, sogar über den Wald, fast bis zu unserem Haus sehen. Die nächste Kirmes käme erst wieder

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zu Ostern. Auf dem Heimweg schnatterten wir los. „Diese blöden Heinis, gemeinsam sind sie stark, was?“ Wir fielen vor Lachen fast von unseren Fahrrädern, als wir von den Jungen sprachen und kicherten schon, wenn wir uns bloß ansahen. Der Himmel bewölkte sich zusehends. Es schien ein Gewitter heranzuziehen. Wolkenberge türmten sich auf - sie kamen hinter dem Wald herangeschossen und brachten gleich ein Grummeln mit, als hätten sie große Steinladungen in ihrem Bauch. Immer dunkler wurde es, stürmischer und kälter. Uns war es heiß von den Karussellrunden, vom Lachen, Toben und Wettfahren. Jetzt begannen wir zu frieren. Das Waldstück, das vor uns lag, schien wie eine dunkle Höhle. Keine wollte als Erste hineinfahren. Wir stiegen von unseren Fahrrädern, stellten uns nebeneinander, eine sagte: „Auf!“, und wir rasten durch die Dunkelheit. Seltsam ruhig war es, obwohl doch der Wald tobte. Niemand von uns sagte etwas, weil wohl jeder auf den Sturm lauschte, der aber rüttelte die Baumwipfel durch und peitschte die Äste bis tief auf die Straße. Dann riss etwas entzwei, eine unendliche Stoffbahn begann zu reißen. Und gleich danach ein Blitz, der den Wald wie in ein Feuer setzte. Ich war allein. Die anderen Mädchen waren entweder vor oder hinter mir. Ich konnte es nicht so schnell erkennen, denn die Dunkelheit schloss plötzlich alles wieder ab. Donner folgte und ich spürte, wie der Regen über meine Haare unter die Kleidung lief. „Mama“, flüsterte ich und wünschte mir, dass Mutter aus ihrem Rollstuhl aufstünde, um mir entgegenzueilen, mich zu rufen und zu suchen, weil sie sich Sorgen um mich machte und fürchtete, dass ich im Wald von einem Baum erschlagen würde. „Mama!“, rief ich, weil ich bereute, sie allein gelassen zu haben. Ich hatte nur an mein Vergnügen gedacht, hatte sie im Stich gelassen. Nicht nur das, ich hatte sie versteckt, wie einen alten Eimer in die Ecke gestellt, wo sie vielleicht niemand finden würde und dann hatte ich mich aus dem Staub gemacht. Wenn der Rollstuhl im Sturm umgefallen wäre, Mutter auf der Erde lag und zwischen

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den Bohnen herumkriechen musste, um Hilfe schrie wie Menschen, die im Meer ertrinken? Vielleicht konnte sie ja nicht einmal mehr schreien? „Mama!“, rief ich und tauchte strampelnd aus dem Wald auf. „Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?“, sagte Oma ruhig, als ich schluchzend in die Küche stürzte. „Sie sitzt in der Badewanne, kannst mir helfen.“ Oma drückte mir ein Stück Seife und einen Waschlappen in die Hand. „Rücken“, sagte sie. „Ich hole Papa zum Hochheben.“ Sollte das alles gewesen sein? Mama saß wie Schneewittchen in der Badewanne. Ihre schwarzen Haare fielen an ihr hinunter und lagen mit den Spitzen im Wasser. Ihr Gesicht und ihr Körper waren tatsächlich weiß wie Schnee. Aber ihre Lippen waren nicht rot wie Blut, sondern blau angelaufen. Das Badewasser dampfte. Mutter hielt sich mit beiden Händen am Wannenrand fest. Ich fuhr mit der Seife über Mutters Rücken, bis er ganz glitschig war. Mit Mutters Haaren wischte ich mir durchs Gesicht. Entschuldigung, wollte ich sagen. Bitte, bitte entschuldige. Ich werde dich nie nie mehr allein lassen. Ich hatte solche Angst. Aber Mutter murmelte die ganze Zeit vor sich hin, sprach vom Garten und davon, dass sie morgen die Bohnen pflücken müsste und dass Oma auch älter würde und nicht mehr alles allein schaffte. Feste Pläne in klaren Sätzen. Als ich in Mutters Gesicht sah, beachtete sie mich gar nicht. „Geh nur, geh nur, Kind, ich mach das schon“, sagte sie und schaute auf den tropfenden Wasserboiler. Mutter hatte Fieber und wurde ins Krankenhaus gebracht. Die Zeit ohne Rollstuhl wurde mir langweilig. Erst jetzt merkte ich, wie Mutter mir fehlte. Ich war es gewohnt, nachmittags mit ihr zu reden. Nicht, dass es eine Unterhaltung gewesen wäre. Aber das, was so in der Schule passierte, welche Arbeiten wir schrieben, was wir in Mathematik durchnahmen und wie ich jetzt endlich die Textaufgaben verstanden hatte. Das zu erzählen, fehlte mir. Früher hatte es mich geärgert zu hören,

dass sich meine Freundinnen verabredeten, ohne dass ich dabei sein konnte und mir die schönsten Sachen entgingen. Es war mir dann so vorgekommen, als hätten sie Geheimnisse vor mir und würden mich ausschließen. Aber jetzt war mir alles egal. Wie hätte ich jetzt spielen können? Die anderen kicherten, kicksten und giffelten albern herum. In der Schule fragten sie mich, ob wir uns nicht verabreden könnten. „Wozu?“, fragte ich und sagte meistens: „Ich hab keine Zeit!“ „Aber jetzt hast du doch - “, sagten sie und brachten den Satz nicht mal zu Ende. Ich hatte viel zu tun: Ich reparierte den Rollstuhl, die Holzstange zum Schieben war durchgebrochen. Oma und Vater hatten davon gesprochen, einen neuen Rollstuhl zu kaufen, wenn Mutter aus dem Krankenhaus käme und dass sie den alten verbrennen wollten. Die Eisenbeschläge könnte man sogar noch an den Schrotthändler verkaufen, sagten sie. Doch ich besorgte eine neue Stange, strich alles Holz rot an, entrostete die Beschläge und wusch das Flucht-Kissen. Alles war wie neu. An meinem Geburtstag stand der lange Tisch im Kuhstall, mit einer weißen Tischdecke und diesmal mit dem guten Geschirr darauf. Alle Freundinnen waren gekommen, Verwandte und einige Nachbarn. Sie alle warteten mit mir darauf, dass Mutter nach Hause käme. Ab und zu strichen Omas Hände mir über den Kopf, die ich unwirsch abschüttelte. Ich dachte nur an den roten Rollstuhl in meinem Zimmer, in dem ich schon mal Probe gesessen hatte. Marianne Ullmann


Spiel vom Ende der Routine Das Leben der Ameisen Schauspiel nach Maurice Maeterlinck Eine Produktion der Wuppertaler Bühnen in Kooperation mit der Theaterschule des Theater der Keller Köln

Die Ameisen sind korrekte Leute. Zum Stehkragen tragen sie Krawatte. Zum Hemd den Anzug. Die Haare sind ordentlich frisiert und gescheitelt. Auch ihr Denken ist schwarz-weiß. Ordnung ist gut, Unordnung schlecht. Sie leben im Kollektiv. Sie bewegen sich in Kolonne. Sie arbeiten pausenlos. Sie halten sich an Aktenordnern und Kaffeetassen fest. Der Alltag, der niemals enden will, ist ihr einziges Glück. In seinem Text „Das Leben der Ameisen“ fragte der belgische Dramatiker Maurice Maeterlinck 1930 nach dem Verhältnis von Insekten- und Menschenwelt: „Was würde uns so ein Leben, ins Menschliche übertragen, bedeuten? Wäre es im Vergleich zu unserem Jetzigen unerträglicher, nutzloser, unerklärlicher, trostloser oder nicht?“ Als erster hat Christian von Treskow das dramatische Potential von Maeterlincks

Essay erkannt. Der Wuppertaler Theaterindendant inszeniert „Das Leben der Ameisen“ in der Form einer Pantomime. In die Rolle der Arbeitstiere schlüpfen Schauspielschüler des Kölner „Theater der Keller“. Verstärkt wird das junge Ensemble durch die Wuppertaler Profis Heisam Abbas und Marco Wohlwend. Bastian Wegner unterlegt die Handlung mit einem aufregenden elektronischen Soundtrack. Für die passende Lichtdramaturgie sorgt Sina Kohn. Ende Mai feierte „Das Leben der Ameisen“ Premiere im inzwischen geschlossenen Wuppertaler Schauspielhaus – zusammen mit einer szenischen Lesung von Becketts Erzählung „Der Verwaiser“. Vergangene Woche gastierte Treskows Inszenierung im „Depot 2“ des Kölner Schauspiels. Ein Wiedersehen, das große Freude macht. Denn Aufbau und Auflösung der Ameisenwelt ist perfekt choreographiert. Ähnlich wie beim klassischen Ballett treten die stummen Akteure solo, im Duo oder im großen Ensemble auf. Zum Auftakt allerdings agiert das Kollektiv noch in geschlossener Formation. Gemeinsam schafft man Arbeitsplätze. Schreibmaschinen rattern im Takt. Sogar Intrigen und Liebesaffären werden

routiniert abgespult. Der Chef kontrolliert den Betrieb. Doch allmählich läuft sich die Maschine heiß. Von fern ist ein dumpfes Pochen zu hören, das in eine Dauerschleife gerät. Weißes Rauschen dringt aus Verstärkerboxen hinter den Kulissen. Das Lachen der Ameisen klingt wie Röcheln. Die Komik nimmt gespenstische Formen an. Die eingeübten Bewegungsabläufe geraten ins Stocken. Gesichter verzerren sich. Arme und Beine zucken. In heftigen Krämpfen winden sich die Körper. Papiermüll sammelt sich auf dem Bühnenboden. Das Licht geht aus und wieder an. Aber die eingeübte Routine stellt sich nicht mehr ein. Mühsam unterdrückte Sehnsüchte kommen zum Vorschein. Gewalt bricht sich Bahn. Das Kollektiv verschwindet von der Bühne. Nur ein einzelner Körper bleibt zurück. Es scheint, als ob Christian von Treskow den Bogen von Maeterlincks „Ameisen“ zu Woyzecks „Büchner“ schlagen wollte: „Still, still – als wär die Welt tot.“ Daniel Diekhans Weitere Informationen unter: www.wuppertaler-buehnen.de

Inszenierung: Christian von Treskow Bühne und Kostüme: Sandra Linde und Dorien Thomsen Musik: Bastian Wegner Licht: Sina Kohn Besetzung: Heisam Abbas, Manuel Bashirpour, Klaus Beleczko, Luana Bellinghausen, Anja Crynen, Franziska Ferrari, Lena Flieger, Luan Gummich, Moritz Heidelbach, Alena Kolbach, Antonio Kosztics, Pinar Özden, Emil Schwarz, Julie Laure Stark, Marco Wohlwend, Alice Zikeli Foto: Tom Buber

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Avantgarde in Bewegung Alexander Calder - Ausstellung bis 12. Januar 2014 Kunstsammlung NRW K20 Düsseldorf Grabbeplatz „Dieses Zaudern, dieses Wieder-von-vornBeginnen, dieses Tasten, diese Ungeschicklichkeit, dieses jähe Sich-Entschließen und vor allem dieser wunderbare schwanenhafte Adel machen aus Calders Mobiles seltsame Wesen, halb Materie, halb Leben.“ Jean-Paul Sartre

Cello on a spindle, 1936 158 × 118 × 90 cm, Metall, Holz, Blei, Farbe, Kunsthaus Zürich © 2013 Calder Foundation, New York / Artists Rights Society (ARS), New York Foto: Kunsthaus Zürich

Erstmals seit zwanzig Jahren ist das Werk des amerikanischen Bildhauers Alexander Calder (1898 – 1976) wieder umfangreich in einem Museum in Deutschland zu sehen: Mit der Ausstellung „Alexander Calder – Avantgarde in Bewegung“ lädt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen jetzt zur Neubewertung Calders als überraschend vielschichtiges Mitglied der künstlerischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts ein. Nie zuvor sind die Arbeiten des Amerikaners, der als einer der Erfinder der kinetischen Kunst gilt, in ihrem ungeahnt engen Zusammenspiel mit dem experimentellen Film und der avantgardistischen Musik seiner Zeit gezeigt worden. Deutlich wird so die Universalität im Denken Calders, dessen Mobiles heute weltweit bekannt sind. Der Ausstellungsschwerpunkt im K20 Grabbeplatz liegt auf den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, dokumentiert Calders Weg zur Abstraktion und seine lebenslange Freundschaft mit Künstlern der europäischen Avantgarde. Zu sehen sind in zwei Ausstellungshallen auf etwa 1.600 Quadratmetern rund 70 Werke von kleinformatigen MobileEntwürfen (1939) aus Holz und Blech bis zum monumentalen stählernen Stabile „Le Tamanoir“ (1963), das mit seinen 2300 Kilogramm aus Rotterdam angereist ist. Als architektonische Besonderheit ermöglicht ein langer, begehbarer Steg in der Kleehalle den Besuchern ungewöhnliche Perspektiven auf die „schwebenden“ Mobiles. Calders erste Einzelausstellung abstrakter Werke 1931 in der Pariser Galerie Percier konnte als wichtige Station zu einer eigenen Formensprache für die Düsseldorfer Ausstellung teilweise dokumentiert werden. Seine Künstlerfreundschaften der Pariser Zeit machen einzelne bedeutende Gemälde – heute im Besitz der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen – von Piet Mondrian, Joan Miró und Hans Arp deutlich. Es war ein kleiner Anstoß, der das große Ausstellungsprojekt auf den Weg gebracht hat: 2008 kam die Skulptur „Ohne Titel“ von 1936 als Neuerwerbung des Landes in den Besitz der Kunstsammlung. Das Werk gehört zu den vergleichsweise unbekannten „noise-mobiles“ Calders, bei denen durch leichte Pendelbewegung einer an einem Draht hängenden Kugel

ein Klang erzeugt werden kann. Diese fast unbekannte Arbeit vereint verschiedene Werkphasen des Künstlers: Sie verweist auf die Anfänge der Drahtskulptur der 1920er Jahre und auf die luftbewegten, ebenfalls „klingenden“ Mobiles der späteren Zeit. Die Form der einzelnen Standelemente zeigt sowohl die Hinwendung Calders zur Abstraktion als auch die organische Formensprache, wie sie bei Arp und Miró wiederzufinden ist. Wie kein anderer amerikanischer Künstler, lediglich vergleichbar mit seinem Freund Man Ray, zählte Calder zwischen 1926 und 1933 fest zu den avantgardistischen Pariser Künstlerkreisen. Er war anerkannt bei den wichtigsten Vertretern unterschiedlicher künstlerischer Haltungen – allerdings ohne sich selbst in die Rivalität zwischen Abstraktion und Surrealismus hineinziehen zu lassen. Calder bewegte sich in diesen Jahren eher unbekümmert zwischen den Richtungen und siedelte sein Werk an im Spannungsfeld zwischen den kühlen geometrischen Bildkonstruktionen Mondrians und der biomorphen, verspielten Abstraktion von Miró und Arp. Die Ausstellung zeigt vor allem das abstrakte Werk, das erst nach Calders berühmtem Pariser Schlüsselerlebnis entstanden ist: Im Oktober 1930 besuchte er das Atelier Mondrians und war tief beeindruckt von der Gesamtkomposition des Raumes, insbesondere den schwarz-weiß strukturierten Wänden, die zu Studienzwecken mit farbigen Quadraten und Rechtecken bestückt waren. Den Besuch dieses Environments beschrieb Calder in seiner Autobiografie als „Schock“, der ihn sein bisheriges Werk überdenken ließ. In den folgenden drei Wochen entstanden ausschließlich abstrakte Gemälde – ein kurzes Intermezzo. Danach entwickelte er die ersten ungegenständlichen, räumlichen Drahtkonstruktionen. Im Herbst 1931 fanden die Einflüsse der vorhergehenden Jahre einen noch deutlicheren Niederschlag in der Kunst Calders: Es entstanden die ersten beweglichen Skulpturen. Marcel Duchamp gab ihnen den Namen „Mobiles“, ein Wort, das sowohl „motion“ (Bewegung) als auch „motive“ (Motivation, Absicht) umfasst. Die durch Drähte und Gelenke miteinander verbundenen Elemente der hängenden Skulpturen be-

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Untitled, ca. 1934, Rohr, Rundstab, Holz, Draht, Farbe, Schnur, 114,5 x 94 cm, Calder Foundation, New York, © 2013 Calder Foundation, New York / Artists Rights Society (ARS), New York Foto: Courtesy Calder Foundation, New York / Art Resource, New York

Araignée d’oignon, ca. 1940 21,8 × 35 × 36,5 cm, Eisen, Moderna Museet, Stockholm, © 2013 Calder Foundation, New York / Artists Rights Society (ARS), New York, Foto: Moderna Museet, Stockholm

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finden sich stets im Gleichgewicht, durch das Prinzip der zufälligen spielerischen Drehung erzeugen die einzelnen Elemente beständig neue, unerwartete Konstellationen. Als Gegenstück hierzu entwickelte Calder später unbewegliche Konstruktionen aus Stahlblech, die Hans Arp als „Stabiles“ bezeichnete. Einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Werke Calders leisten die Experimentalfilme, die Calder während der Zeit in Paris gesehen hat, in denen Bewegung und Rotation in verschiedensten Facettierungen das Thema ist. Viele Künstler aus dem engeren Umkreis Calders haben sich in den 1920er Jahren mit dem Medium Film und dem bewegten Bild beschäftigt, so beispielsweise Fernand Léger in „Ballet Mechanique“ (1924), Marcel Duchamp mit „Anémic Cinéma“ (1926) oder auch Man Ray mit „Le Retour à la Raison“ (1923). In der Ausstellung sind diese Ex-

perimentalfilme als weiterer Hintergrund für Calders Bewegungs- und Raumstudien zu sehen. Um die Einbindung Calders in die historische Avantgarde ganz zu erfassen, ist auch ein Blick auf die Experimentalmusik der Zeit wichtig: Calder war befreundet mit den Komponisten Edgar Varèse, Virgil Thomson, John Cage und anderen. Zeitgenössische Musik, wie sie auch in der Ausstellung zu hören ist, hat Calder stark beschäftigt. Sie dürfte die „noisemobiles“, in denen die „Zufälligkeit“ des Klangs eine große Rolle spielt, beeinflusst haben. In besonderem Maße dankt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen der Calder Foundation, New York, und ihrem Präsidenten Alexander S. C. Rower, der die Ausstellung mit wichtigen fachlichen Hinweisen unterstützt hat. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog incl. DVD.

Le Tamanoir, 1963 320 × 290 × 650 cm, Stahl, Farbe, Sculpture International Rotterdam, © 2013 Calder Foundation, New York / Artists Rights Society (ARS), New York, Foto: © Jannes Linders; www. sculptureinternationalrotterdam.nl

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Stiftung Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K20 GRABBEPLATZ Grabbeplatz 5, 40213 Düsseldorf Telefon: 0211.83 81-730 Öffnungszeiten: Di – Fr 10 – 18 Uhr, Sa, So und feiertags 11 – 18 Uhr www.kunstsammlung.de

Installationsansicht Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf © Calder Foundation, New York / Artists‘ Rights Society (ARS), New York, © Kunstsammlung NRW

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Die kreisrunde Stadt Berganza

Dorothea Renckhoff, Foto: Frank Becker

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Ich weiß nur, dass in der Nacht ein riesiger, doch wunderschöner Pferdekopf durch mein Fenster stieß, obwohl ich damals im obersten Stockwerk eines Hochhauses wohnte. Ich spürte etwas wie einen scharfen Trennungsschmerz, als würde ich rundum aus einem Myzel geschnitten, von dessen Verbindung zu mir ich nichts gewusst hatte. Später fand ich mich in einem Zimmer in einem der alten Häuser der kreisrunden Stadt Berganza. Diese Stadt lag, wie ich feststellte, als ich zum Dachgeschoss der Gebäude und den Zinnen des Turms hinaufstieg, in einem dichten Wald im Gebirge. Von dort oben sah man die wie mit einem Zirkel ausgerichtete Umfassungsmauer und die ungepflasterte Straße, die sie umschloss, als wäre eine Gruppe von Menschen mit festen Stiefeln jahrelang und Tag für Tag um die Mauer herumgegangen und hätte dabei erst einen Pfad, dann einen Weg und schließlich eine staubige Straße in die Pflanzen getreten. Aber irgendwann hatten sie wohl den Mut verloren und ihre Umlaufbahn verlassen, um den Steig zu nehmen, der in steilen Kehren durch die Bäume abwärts führte, und das war auch kein Wunder, denn es gab in der Mauer nirgendwo ein Tor, und jetzt sah ich nie jemanden mehr um die Stadt herumgehen. Nur ganz selten kamen Wanderer über den Steig herauf und nahmen Quartier in dem Gehöft draußen vor der Stadt, wo sie dann bis in die Nacht im offenen Hof oder auf dem Altan saßen und zusahen, wie in manchen Fenstern von Berganza die Lichter angingen, und sie schauten zwischen den leuchtenden Rechtecken hin und her, als wollten sie sich eines davon aussuchen, und ihre Augen saugten sich an dem erwählten fest, und viele weinten. Aber lange hielt es keiner aus, und bald stiegen sie wieder hinab und verschwanden im Wald, woher sie gekommen waren. Schon nach wenigen Tagen begann ich, mich zwischen den alten Häusern der Stadt umzusehen. Ich schaute zwischen den offenen Läden hinein, und bald stieß ich auch die Türen auf, und keine war verschlossen. Ich wanderte über die grünen Flecken an den Wegrändern und durch die kleinen Gärten, aber ich war

fast der Einzige, der so herumstöberte, und wenn mir auch jemand begegnete, draußen oder drinnen, so schauten doch fast alle weg, wenn wir aneinander vorbei gingen, und nicht oft kam ein Gespräch zustande. Viele sah ich auf ihren Betten liegen, offensichtlich noch immer betäubt von dem Trennungsschmerz, den auch ich empfunden hatte, dem Gefühl, aus Allem herausgeschnitten zu sein, dem würgenden Empfinden von Verlust. Auch ich war ja nur deshalb schneller wieder aufgestanden als sie alle, weil ich in der kreisrunden Stadt Berganza jemanden suchen musste. Es war sehr still dort; manchmal trug der Wind den Klang von Glocken zu uns her; in Berganza gab es keine Kirche und keine Kirchenuhr. Man hörte die Vögel draußen im Wald zwitschern, aber in den Bäumen innerhalb der Stadtmauer ließ sich selten einer von ihnen nieder. Es gab ein paar Hühner, die im Sand herumscharrten, aber sie gackerten nicht, und sie hatten auch keinen Grund dazu, denn Eier legten sie wohl keine. Sie wären auch nicht gegessen worden, denn niemand in Berganza aß oder trank. Außer den stummen Hühnern gab es keine Tiere, nur manchmal hörte ich Hufschläge, und die wenigen Menschen, die ich sprach, erzählten von einem Mann, der den großen Turm bewohnte und zuweilen auf einem wunderschönen Pferd fortritt, und wenn man ihn zurückkommen sah – und keiner wusste, ob sich die Mauer vor ihm öffnete oder ob es vielleicht doch ein verborgenes Tor gab – dann hielt er eine Gestalt vor sich auf dem Pferderücken in seinen Armen, und wenn dann der nächste Abend hereinbrach, leuchtete ein Fenster mehr in den alten Häusern auf. Aber obwohl man nie jemanden die Stadt verlassen sah, wurden die Bewohner darin nicht mehr, und nie waren in der Nacht alle Fenster erleuchtet. Manchmal jedoch schien die Dunkelheit einen Horizont aufzureißen, und in die Stille brachen plötzlich Straßenlärm, heulende Motoren und Hupsignale, ein Klangteppich wie von einer vielbefahrenen Großstadtkreuzung, als schwebte ganz Berganza mit Mauer und Wald über einem zentralen Verkehrsknotenpunkt, unsichtbar für die dort unten, unbemerkt von ihnen und selbst nicht in der Lage,


mehr als nur den Lärm wahrzunehmen, und der verstummte auch am Morgen wieder, und die übliche Stille hüllte den abgeschiedenen Ort ein. Wie lange ich hier bin, weiß ich nicht, es ist mir nicht gelungen, die ununterscheidbaren Tage zu zählen, und bis heute habe ich ihn, den ich suche, nicht finden können. Ich habe jeden Winkel von Berganza abgesucht und weiß nur eines: er ist nicht hier. Ich habe bis jetzt nicht versucht, über die Mauer zu steigen, denn ich habe vom Turm aus zwischen den Bäumen nur den steilen Weg ins Tal gesehen, und dort zu suchen, erscheint mir ganz sinnlos, denn dort ziehen die weinenden Gäste hinab, wenn sie den Anblick von Berganza nicht mehr ertragen, und würden sie weinen, wenn sie auch nur die leiseste Hoffnung hätten, am Ende des Weges unten im Tal die wiederzufinden, die sie suchen? Sonst aber habe ich rundum nichts gefunden als Baumkronen, so weit man sehen kann, und der weglose Wald macht mir Angst.

Ich trete in den Garten neben dem schönen Haus mit den Bogengängen, das ich für mich das Haus des Zauberers nenne. Ab und zu geht ein leises Wispern durch die Beete, als flüsterten die Kräuter untereinander. Alles ist mit Buchsbaum eingefasst, der duftet unter der Sonne. Dicht an der Stadtmauer erhebt sich ein Stein mit einer Inschrift; hier liegen drei Hunde begraben, ihr Bild schaut mich aus den Buchstaben hervor an; sie haben kreisrunde Augen, so groß wie Teetassen. Vielleicht ist diese kreisrunde Stadt nur eines von einer Vielzahl solcher Augen, und vielleicht bin ich im falschen Auge; vielleicht werde ich ihn niemals wieder finden, den ich suche. Eine dicke Staubschicht hat sich in den Hundeaugen abgesetzt, und ohne nachzudenken nehme ich mein Tränentuch und wische den Dreien die Telleraugen sauber. Sie schauen mich groß an, und in der Mauer springt eine kleine Tür auf. Dahinter liegt der Wald. Ich fürchte mich. Die Augen der Hunde werden groß wie Mühlräder, und ich wische

noch einmal darüber. Blätterschatten und Sonnenkringel locken auf einen schmalen Pfad, der tiefer zwischen die Bäume führt. Ein Zilpzalp wiederholt ohne Ende seinen Namen. Hoch in einem der Wipfel ruft ein Kuckuck, doch als ich mitzählen will, verwirrt sich die Reihenfolge der Ziffern. Ich habe die Fähigkeit zu zählen verloren. Die Hundeaugen sind jetzt groß wie der Turm, in dem der Mann mit dem Pferd wohnt, ich muss durch den ganzen Garten laufen, um sie reinzuwaschen, ich schwanke auf der Schwelle der kleinen Tür, ich verliere das Gleichgewicht und taumle hindurch. Die Hunde machen große Augen, als ich ein paar Schritte auf dem Weg in den Wald tue, wie viele Schritte es sind, kann ich nicht mehr feststellen. Die Tür schlägt zu. Ich muss weiter gehen, in diesen Wald mit seinem grünlichen, schwindelerregenden Licht. Der Kuckuck ist verstummt. Aber der Zilpzalp lässt mich nicht allein. Dorothea Renckhoff

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Das Netz der Liebe Es ist das große Thema aller Menschen (direkt nach dem hoffentlich erträglichen Kampf um das tägliche Überleben): die Liebe. Beginnend mit der Geburt die Liebe zwischen Eltern und Kind, später die Liebe zwischen Zweien. Die von allen Religionen geforderte Liebe zum oder zur Nächsten. Die Liebe zu einem Haustier und was sonst noch man aufzählen könnte. Nicht zuletzt die Liebe zu den Künsten. Da verwundert es nicht, dass in diesen die Liebe auch eine Hauptrolle spielt. Von den großen Arien der Klassik bis zum wievielten Schlager. Von den großen Dramen bis hin zum GroschenKitschroman. Gibt es Filme, in denen keine Liebesszene vorkommt? Allein in der bildenden Kunst der Moderne ist es nicht ganz einfach, herausragende Beispiele für eine Thematisierung der Liebe zu finden. Brancusis „Kuss“, Arbeiten von Chagall und dann Indianas „Love“. Natürlich ließen sich noch einige Namen auflisten, aber die bildende Kunst war im letzten Jahrhundert mehr mit sich selbst beschäftigt als mit Themen außerhalb ihrer.

oben: Pocket 11, Volker Hildebrandt, „flower“, Plastikkarte, 54 x 86 cm mitte Pocket 12, Rob Scholte, „Kiss“, Plastikkarte, 54 x 86 cm unten: Pocket 3, Volker Hildebrandt, „moremoremore“, Plastikkarte, 54 x 86 cm

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Pocket 5, Theodor Storm, „Ich bin mir meiner Seele“, Plastikkarte, 54 x 86 cm

Volker Hildebrandt, Kölner Künstler und in Wuppertal von mehreren Ausstellungen in der Galerie Epikur bekannt, will das ändern. „love pro toto“ (die Liebe für das Ganze) heißt sein Kunst-Projekt, welches nach mehrjährigen Planungen und Vorbereitungen vor kurzem gestartet wurde. „love pro toto“ ist ein „soziales Netzwerk“ im Internet, wobei Hildebrandt lieber von einer „sozialen Skulptur“ ganz im beuys’schen Sinne spricht. Und bevor man ihn fragen kann, ob es neben „facebook“ und all den anderen Netzwerken noch eines weiteren bedarf, antwortet er schon, dass im Gegensatz zu all den anderen „love pro toto“ ein erklärtes Ziel habe, einen Sinn, einem Zweck diene, der weit über das bloße Vernetztsein hinausreiche: das Ziel des Projektes sei, eine Welt zu schaffen voller Liebe. Eine Welt, der Liebe voll und des Liebens würdig. Und, so betont er, handele es sich um ein Kunst-Projekt, vielleicht das größte, das jemals gemacht worden sei. Eines für wirklich alle Menschen, ausnahmslos alle. Weil es nicht gebunden sei an materielle Möglichkeiten oder besondere KunstKenntnisse. Es sei im wahrsten Sinne des Wortes „Pop-Art“. „Pop-Art 2.0“. Vom einfachen „schön finden“, dass Menschen „Ich liebe Dich“ sagen bis hin zu tiefschürfenden philosophischen Betrachtungen über den Sinn des Lebens eröffne es eine schier

unendlich große Bandbreite unterschiedlichster Möglichkeiten für alle Bedürfnisse und Fähigkeiten. Dabei ist die Idee ganz einfach: wenn alle Menschen zu allen anderen „Ich liebe Dich“ sagen, dann ist es eine Welt voller Liebe. Und so ist es die Voraussetzung, an „love pro toto“ teilzunehmen, ein kleines Video aufzuspielen, in dem der neue Teilnehmer, die neue Teilnehmerin, in seiner oder ihrer Sprache und mit seinem oder ihrem ganz persönlichen Ausdruck „Ich liebe Dich“ sagt. Einige Tausend haben das schon getan und es ist einfach schön, immer wieder aufs neue, immer wieder anders Menschen „Ich liebe Dich“ sagen zu hören und zu sehen. Ob es Hildebrandt gelingen wird, alle Menschen dazu zu bewegen (damit natürlich auch alle Leser von „Die Beste Zeit“)? „Ja, es ist ein Traum. Aber manchmal werden Träume wahr“, sagt der Künstler. Und man ist geneigt hinzuzufügen, wo, wenn nicht in der Kunst (und in der Liebe), soll man träumen dürfen. „love pro toto“, so Hildebrandts Vorstellung, soll im Laufe der Zeit zu einem Kompendium der Liebe werden. Aus allen kulturellen Bereichen sollen Werke zum Thema Liebe vorgestellt werden, ein virtuelles Museum, eine Bibliothek, ein Kino, eine Musik-Halle und ein Veranstaltungs-Center sollen

nach und nach „angebaut“ werden. Und nicht zuletzt werden die TeilnehmerInnen animiert werden, eigene Werke vor- und zur Diskussion zu stellen. Das „home of love for a world of love“ soll entstehen und wachsen. Seine Anschrift ist www.loveprototo. com. Hildebrandt selbst hat ein Markenzeichen, ein Logo geschaffen für das Projekt: „ILU“ (I love U). Neben der Grund-Version in den Primärfarben Rot, Gelb und Blau kann es in mannigfachen Farbvariationen, so auch insbesondere in Länderfarben, ausgeführt werden. In einer ersten Kooperation mit dem Museum in Krakau, MOCAK, ist so unter anderem ein Pin in den polnischen Farben entstanden, der im dortigen Museums-Shop vertrieben wird. Es ist vorgesehen, das Logo auf unterschiedlichste Produkte, vom Pin eben bis zum Button, vom T-Shirt bis zum Becher usw. aufzubringen. Insbesondere aber gibt es „ILU“ als Grafik in den verschiedensten Größen und: als originale Acryl-Bilder. All das und manches mehr findet sich in der dem Projekt angegliederten Galerie und dem Shop (shop.loveprototo.com). Darin auch Arbeiten international bekannter Künstler wie Robert Indiana, Ingeborg Lüscher oder Rob Scholte. Alle mit einem deutlichen Bezug zum Thema von „love pro toto“: der Liebe.

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Volker Hildebrandt, „revolution“, 2012, Digitaldruck, 30 x 40 cm, signiert, unlimitiert Die Einnahmen aus dem Verkauf sollen helfen, das Projekt zu finanzieren. Darüberhinaus wird Hildebrandt aber auch auf Spenden und Unterstützung in vielerlei Hinsicht angewiesen sein, denn manchmal kann die Liebe eben ganz schön teuer sein. So bittet er ausdrücklich darum, zu schreiben, dass HansPeter Nacke mit seiner Druckerei in Wuppertal alle Drucke der Galerie und des Shops von „love pro toto“ kostenlos herstellt und somit große Hilfe leistet. Gar nicht teuer sind die „Pockets“. Das sind kleine Plastik-Karten, Geldkarten gleich.

Robert Indiana, „Summer Love“, 2006, Wolle, 38 x 38 cm, unlimitiert, rückseitig auf COA numeriert und drucksigniert.

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Volker Hildebrandt, „livelove“, 2013, Digitaldruck, 30 x 40 cm, signiert, unlimitiert

Doch sie sind „not for money. for love“. Die Idee dahinter ist, dass man Jemandem ein solches Kärtchen schenkt und der oder die hat immer ein Stückchen Liebe bei sich. Und ein Stückchen Kunst dazu. 13 „Pockets“ sind bisher erschienen und die kleine Reihe wird ständig erweitert werden. Gut möglich, dass sich da ein neues Sammelgebiet auftut.

von einer Welt voller Liebe wahr wird. Weil es doch unser aller Traum ist. Träum weiter, Künstler. Bitte träum weiter. Wulf Brand www.loveprototo.com shop.loveprototo.com

„love pro toto“ ist ein wirklich schönes Kunst-Projekt. Ganz einfach. Und ganz einfach schön. Es ist geradezu unumgänglich, dass wir Hildebrandt und seinem „love pro toto“ viel Glück wünschen, wünschen, dass sein Traum

Volker Hildebrandt, Pin ILU, 2011 Aluminiumguß, Hartemail, 15 x 15 mm

Volker Hildebrandt, Pin Polish ILU, 2012, Aluminiumguß, Hartemail, 15 x 15 mm


Wuppertal als Sprungbrett Johanna von Koczian zum 80. Geburtstag

Jahrzehntelang waren es eigentlich nur zwei Namen, die immer wieder genannt wurden, wenn es um große Karrieren nach ihrer Zeit am Theater in Wuppertal ging: Horst Tappert und Johanna von Koczian. Tappert ist am 13. 12. 2008 verstorben, Johanna von Koczian feierte am 30. Oktober 2013 ihren 80. Geburtstag und bei dieser Gelegenheit tauchte dann bei der Auflistung ihrer beruflichen Stationen auch Wuppertal immer wieder auf. Als 21-jährige kam sie im Jahre 1954 aus Tübingen an das Theater-Provisorium in der Elberfelder Bergstraße. Seit vielen Jahren lebt sie in Berlin-Dahlem und feierte noch 2010 im Theater am Kurfürstendamm in der Rolle der „schlechtesten Opernsängerin der Welt“ in der Komödie „Glorious“ einen riesigen Publikumserfolg.

Und die Zeit vor fast 60 Jahren in Wuppertal? Bei einem Gespräch mit ihr für die erste der beiden Rundschau-Serien „Sprungbrett Wuppertal“ war die Erinnerung sehr lebendig: „Ich habe in Wuppertal die Möglichkeit bekommen, sehr unterschiedliche Sachen zu spielen. Die Schauspieler waren damals auf keinen bestimmten Typ festgelegt – man konnte sich noch ausprobieren.“ In dem Stück „Die Heirat“ von Nikolai Gogol spielte sie die Rolle der Agafja, in der die gertenschlanke Jung-Mimin dicke Strümpfe und eine strohblonde Perücke trug. „Ich sah aus wie ein rosarotes Schweinchen. Aber es wurde ein großer Erfolg, der FAZ-Kritiker schrieb eine wahre Hymne über mich.“ Schließlich lockte es auch den berühmten Regisseur Boleslaw Barlog vom Berliner Schillertheater nach Wuppertal. „Ich habe davon erfahren und war furchtbar nervös. Zur Beruhigung nahm ich Baldrian.“ Barlog hat (er teilte es ihr noch in der Pause mit) Johanna von Koczian nach „Viel Lärm um nichts“ von Shakespeare als Anne Frank zu den Berliner Festwochen engagiert. „Wuppertal war für mich das echte Sprungbrett der Karriere.“ Mit „Minna von Barnhelm“ feierte sie 1954/55 einen ihrer vielen Erfolge in Wuppertal. Sie spielte die Rolle der Franziska und der spätere Intendant Arno Wüstenhöfer den Major von Tellheim. Ihre letzte Rolle an der Bergstraße spielte sie 1956 an der Seite von Hans Hinrich in „Cäsar und Cleopatra“ unter der Regie von Dietrich Haugk. Zur gleichen Zeit wie Johanna von Koczian haben in Wuppertal auch Größen wie Bernhard Minetti, Hubert von Meyerinck, Erich Ponto, Herbert Fleischmann, Xenia Pörtner, Lucie Mannheim, Hans Caninenberg und Harald Leipnitz gewirkt. Mit Horst Tappert spielte Johanna von Koczian nur einmal zusammen (Tappert war Ottokar im Lustspiel „Ingeborg“ von Curt Goetz) – später traf man sich bei Derrick-Folgen wieder. Der Regisseur Dietrich Haugk inszenierte 1954/55 an der Bergstraße auch den „Eingebildeten Kranken“ von Molière. Johanna von Koczian mochte den Regisseur so sehr, dass er ihr erster Ehemann wurde. 1974 führte jener Dietrich Haugk auch die Regie in der allerersten Derrick-Folge „Waldweg“. Nach einem - Gott sei Dank missglückten - Überfall auf dem Heimweg von der

Bergstraße ins Briller Viertel wurde sie oft von besorgten Kollegen nach Hause gebracht. Oder man begab sich auf den Sedansberg nach Barmen in den Vergnügungstempel namens „Palette“. Viele Stunden ihrer Zeit in Wuppertal hat sie allerdings an einem anderen Ort verbracht: “Bei Nettesheim habe ich alle meine Bücher gekauft. Eine fabelhafte Buchhandlung war das.“ Die Karriere der in Berlin geborenen und in Österreich (Salzburg) aufgewachsenen Johanna von Koczian von Miskolczy und Edle von Kronenfeld (diese Namen stehen im Stammbuch) füllt Seiten. Gedreht hat sie mit Hansjörg Felmy, Ewald Balser, Ivan Desny, Claus Biederstaedt, Mario Lanza, Carlos Thompson, Walther Reyer, O.E.Hasse, Hannes Messemer, Götz George und auch mit Curd Jürgens. Johanna von Koczian: „Unvergessen ist „Wir Wunderkinder“. Dieser Film ist in aller Welt gezeigt worden und wenn ich unterwegs bin, werde ich darauf immer wieder angesprochen.“ Sie spielte die Dänin Kirsten, die sich in den armen Studenten Hans Boeckel (Felmy) verliebte. Die eigentlichen Bretter, die die Welt bedeuten, hat sie bei aller Filmerei nie vernachlässigt. Bei den Wiener Festwochen beeindruckte sie als „Johanna auf dem Scheiterhaufen“, das Hamburger Thalia-Theater erlebte sie in „Viel Lärm um nichts“, am Theater an der Josefstadt in Wien spielte sie die „Undine“ und regelmäßig ist sie (wie erwähnt) im Theater am Kurfürstendamm in Berlin aufgetreten. Johanna von Koczian hat viele Typen verkörpert: blitzblanke Fräuleins, Offizierstöchter, Baronessen, komische Backfische, anmutig kluge Salondamen und heitere Wirbelwinde. Sie hat Kinder- und Jugendbücher geschrieben, zwei Romane („Sommerschatten“ und „Das Narrenspiel“) und vor einigen Jahren erschienen im Wiener Doblinger-Verlag freche Opernparodien unter dem Titel „Gestatten, ich heiß’ Lohengrin“. Aber da war doch noch was? Richtig. 1977 ist ein Song entstanden, mit dem sie sogar die Hitparaden eroberte. „Das bisschen Haushalt macht sich von allein, sagt mein Mann. Das bisschen Haushalt kann so schlimm nicht sein...“ Sie traf mit diesem Text den Zeitgeist der späten 70-er Jahre. Klaus Göntzsche

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Bernhard Helmich

Lang ist es her, dass Bernhard Helmich in einem Leistungskurs Musik als Schüler vor mir saß. Am Gymnasium Am Kothen machte er 1981 sein Abitur. Als ich ihn vor einigen Jahren bei einem Jahrgangsstufentreffen wiedertraf, war er schon Intendant in Chemnitz und hatte sich durch mutige Projekte einen Namen gemacht. Der Einladung nach Chemnitz konnte ich leider nicht nachkommen, aber als ich hörte, dass er Generalintendant in Bonn ist, habe ich ihm ein Interview für die „Beste Zeit“ vorgeschlagen. Er lud mich nach dem Interview noch zu zwei Generalproben ein, die ausgezeichnete Aufführungen erwarten ließen. Am Abend „Tosca“ von Puccini, am Nachmittag „Dido und Aeneas“ von Purcell, ein Education-Projekt, bei dem Bonner Schüler den Chor und, angeführt und angeleitet von Profis von „concerto köln“, das Gros des Orchesters.

Sie sind in Wuppertal zur Schule gegangen. Erinnern Sie sich noch daran? Welche Beziehungen haben Sie heute noch zu Wuppertal? Natürlich kann ich mich daran erinnern, weil ich ja auf dem Kothen, einem musischen Gymnasium, war. Das war schon sehr entscheidend. Das war auch eine Zeit, in der das Wuppertaler Theater noch von seiner finanziellen Ausstattung und seiner Bedeutung etwas ganz Anderes war als heute. Daran kann ich mich heute auch noch in allen Einzelheiten erinnern. Das war vor allem die Zeit, in der Pina Bausch ihre Anfänge hatte und ihre ersten internationalen Erfolge durch ihre maßgeblichen Stücke. Das war enorm prägend. Heute habe ich natürlich noch viele Freunde in Wuppertal. Es ist aber jedes Mal so, dass ich traurig bin, wenn ich aus der Stadt wieder wegfahre, weil man da doch eine starke Form von – man kann es nicht anders formulieren - Niedergang in jeder Art sieht und spürt, nicht nur am Theater. Schon allein das äußere Bild der Straßen, wo sich seit meiner Jugend kaum was verändert hat, außer dass die verfallen, das ist was sehr Trauriges. Sie hatten sicher während Ihrer Schulzeit noch nicht die Idee, später Theaterintendant zu werden. Aber hat es sich da schon gezeigt oder angekündigt, dass Sie später etwas mit Theater zu tun haben wollten? Das wollte ich auf jeden Fall, auch schon während der Schulzeit, und ich habe auch fast jeden freien Abend im Theater verbracht. Ich wusste aber überhaupt nicht genau, was ich da machen könnte oder wofür ich am Theater eigentlich geeignet bin. Klar war, dass es nicht der Gesang sein würde, denn dafür war ich immer völlig unbegabt. Ich habe eine Zeitlang auch überlegt, Orchestermusiker zu werden, ich hab ja Trompete gespielt und an der Kölner Musikhochschule als Jungstudent angefangen. Das war sehr lange unklar, was, aber dass es etwas mit Theater sein sollte, war eigentlich immer klar. Und das hat sehr viel mit der damaligen Qualität des Wuppertaler Theaters zu tun. Können Sie die wichtigen Stationen Ihrer Karriere kurz beschreiben? Was haben Sie

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jeweils gelernt und mitgenommen. Gab es herausragende Erfahrungen? Ich habe gelesen, dass Sie bei John Dew Dramaturg waren und auch in Taiwan gearbeitet haben. Ja, das war direkt nach dem Studium. Da war ich drei Jahre in Taiwan beim Nationaltheater und bei der Kulturbehörde der Regierung. Das hat sich über meine Frau ergeben, die aus Taiwan kommt, und das war natürlich eine extrem exotische Erfahrung, mit einer völlig anderen Art von Theater, mit einem anderen Theatersystem und einer anderen Lebenskultur, die man sich in Zeiten von Internet gar nicht mehr vorstellen kann. Man kann sich nicht mehr vorstellen, wie das ist, wenn man nicht auf Knopfdruck erfährt, was zu Hause passiert, oder wenn man nur mit Briefen, die eine Woche dauern, kommunizieren kann. Es war damals – inzwischen 20 Jahre her – noch eine tatsächlich sehr andere Kultur. Heute hat sich das wahrscheinlich alles etwas nivelliert, und es ist auch selbstverständlicher, mal eine Zeit im Ausland zu sein. Bei der Theaterarbeit war es in der Tat eine sehr lange Zeit mit John Dew. Er hat ja auch in Wuppertal inszeniert, eine „Zauberflöte“, an die ich mich noch sehr gut erinnern kann, Ende der achtziger Jahre. Ich war sechs Jahre lang Dramaturg und sein persönlicher Referent in Dortmund und hab auch vorher schon in Bielefeld mit ihm zusammengearbeitet. Und diese Zeit in Bielefeld und Dortmund war auch die Zeit, in der ich wirklich am meisten über Theater gelernt habe. Danach war ich Chefdramaturg in Leipzig, was noch mal eine ganz andere Erfahrung war in einer ganz tollen Stadt mit einem sehr großen Theater und einer ganz großen Tradition, wo man dann auch merkt, wie wichtig für ein Theater die Frage ist, ob es nicht nur eine jahrzehntelange, sondern sogar eine hundertoder gar zweihundertjährige Tradition gibt. Das prägt dann immer noch heute, und das war in Leipzig sehr deutlich zu erfahren. Chemnitz war dann meine erste Station als Intendant. Jetzt sind Sie nach der Zeit in Chemnitz Intendant in Bonn. Was ist Ihnen da besonders wichtig? Kommunikation nach


Innen, Außenwirkung, Programmgestaltung? Kommunikation und Strukturen nach Innen sind was ganz Unspektakuläres und unglaublich Mühevolles. Das macht man nicht gerne, wenn man es nicht muss, aber in Bonn ist das zunächst mal meine Hauptaufgabe, weil hier durch die starken Wachstums- und Schrumpfungsprozesse des Theaters vieles intern einfach in Unordnung ist. Das ist etwas, worum ich mich sehr stark kümmern muss. Ansonsten ist das, was ich persönlich am allerliebsten mache, die Programmgestaltung in der Oper, weil ich immer den besonderen Ehrgeiz habe, dass es einen außergewöhnlichen Spielplan gibt. Damit verbinde ich aber doch, dass der außergewöhnliche Spielplan ganz viele Zuschauer anzieht. Das ist für mich die größte Herausforderung. Natürlich sind alle anderen Dinge auch wichtig. Wir haben hier z.B. ein großartiges Schauspiel und eine neue Schauspieldirektorin, die ich mitgebracht habe. Das ist auch etwas Erfreuliches. Theater Bonn, Rheinseite

Was muss ein Intendant wagen, riskieren, und wo sind seine Grenzen? Wo die Grenzen sind, ist immer schwer zu sagen. Wenn man irgendwas riskiert, was dann zwei oder drei Jahre später greift, dann hat man natürlich gewonnen. Und wenn man da wieder nach Wuppertal zurückguckt und Pina Bausch als Beispiel nimmt: da haben insgesamt drei Intendanten leere Zuschauerräume ausgehalten, bis der dritte dann tatsächlich noch erlebt hat, dass es Weltruhm und volle Häuser gab. Hätte das nicht funktioniert, hätten die drei da einen anderen Weg eingeschlagen, was wäre dann heute? Man muss den künstlerischen Entdeckungen folgen, man muss eine Nase dafür haben, und ich denke, das Entscheidende ist: Man muss das immer absichern. Man muss natürlich viel Neues wagen, und das soll man auch, muss man auch, denn dafür kriegen wir das Geld. Aber man sollte dann versuchen, an einer anderen Stelle einigermaßen kalkulierbaren Ausgleich zu schaffen, damit man nicht in eine Schieflage kommt. Das ist, glaube ich, verantwortungsvoll gegenüber den Zuschauern, den Steuerzahlern und den Mitarbeitern.

Sie haben ja jetzt schon was riskiert. Ich habe gehört, dass Sie die Premiere von „Written on Skin“ schon vor der Uraufführung für Bonn eingekauft haben. Das ist etwas, was mir Spaß macht. George Benjamin ist in meiner Generation der Komponist, den ich am allermeisten bewundere. Als ich gehört habe, dass der eine Oper schreibt, hab ich die sofort sozusagen blind eingekauft. Ich fand auch, dass das ein richtiges Signal war für meinen Anfang in Bonn, weil ich eine sehr hohe Sparsumme im Wirtschaftsplan einzuarbeiten habe. Ich wollte direkt am Anfang zeigen, dass wir das nicht mit reinem Unterhaltungstheater machen, sondern dass trotzdem weiter der künstlerische Anspruch ganz oben steht. Deshalb sollte das das Signal am Anfang sein, und ich glaube, das hat auch funktioniert. Haben Sie bestimmte Vorlieben, was Sprechstücke und Opern angeht? Ich persönlich mag am liebsten in der Oper Verdi und Puccini, und im Schauspiel liebe ich am meisten Kleist. Diese Vorlieben sollten aber nicht unbedingt den Spielplan prägen.

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Haben Sie vor, noch mal selbst zu inszenieren? Nein, das hab ich zwar studiert und auch in Taiwan gemacht. Ich finde aber, erstens gibt es enorm viele begabte Menschen, die das besser können als ich, und zweitens glaube ich, dass es in der heutigen Zeit schwer ist, als Intendant sich auf eigene künstlerische Arbeit und gleichzeitig auf das, was man sonst noch zu tun hat, zu konzentrieren, weil sich das Berufsbild doch ziemlich verändert. Man hat nicht mehr mit automatisch funktionierenden Betrieben und mit einem automatisch kommenden Publikum zu tun, man hat vor allem nicht mehr mit automatisch fließenden Geldern zu tun, und man muss sich um all das kümmern. Zumindest bei mir beansprucht das einen ganz anderen Teil des Gehirns als die künstlerische Kreativität. Ich bewundere aber Menschen, die beides können.

StB Susanne Schäfer RINKE TREUHAND GmbH – www.rinke.eu

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Können Sie nach so kurzer Zeit schon Unterschiede festmachen zwischen Intendanz und Erfahrungen in Chemnitz und Bonn? Ja. Chemnitz und Bonn sind zwei Städte, wie sie auch von der Bevölkerungsstruktur unterschiedlicher nicht sein können. Chemnitz ist eine geographisch etwas isolierte Arbeiterstadt im äußersten Osten, und hier diese Stadt, die sich doch in den letzten Jahren wahnsinnig verjüngt hat, unheimlich lebendig und international ist. In Chemnitz haben wir ein unglaublich treues Stammpublikum, und hier müssen wir von Stück zu Stück gucken, welche Leute man damit anspricht. Das ist schon ein Riesenunterschied. Ost und West, macht das irgendwas aus? Das macht ganz viel aus. Im Osten war ich ganz viel der Wessi, der die armen Ossis rausschmeißt und anscheinend irgendwelche neoliberalen Strukturen mitbringt; und in Bonn bin ich ganz oft der doofe Ossi, der erstmal beweisen muss, dass er hier in der Weltstadt klarkommt. Ich hab eine Abo-Kündigung hier, wo jemand geschrieben hat: „Das ist ja wohl doch ne Nummer zu groß für diesen Ossi, ich kenne zwar Herrn Helmich nicht, aber ich kenne Neustrelitz.“ Das hat zwar auch ein Theater und hört mit itz auf, ist aber nicht dasselbe wie Chemnitz. Es gibt da also immer noch Riesen-Vorurteile. Ganz grundsätzlich gibt es einen Unter-

schied: in der Theaterarbeit selbst sind gewachsene traditionelle Strukturen sowohl bei den Abonnenten als auch bei der Arbeit selbst im Osten noch stärker präsent, was es manchmal einfacher macht zu arbeiten. Sind Sie, was die Gesamtentwicklung der Oper angeht, eher optimistisch oder pessimistisch? Ich weiß es nicht. Ich frag mich ganz oft, wie es weitergeht. Einerseits habe ich das Gefühl, dass Oper, nicht nur in Deutschland, sondern auch international, von der Qualität her immer besser, immer bunter, immer vielfältiger wird. Ich hab das Gefühl, dass heute viel mehr gute neue Opern als noch vor 30, 40, 50 Jahren geschrieben werden, weil es einfach viel unverkrampfter geschieht. Ich hab das Gefühl, dass Sänger und Musiker viel besser und vielseitiger ausgebildet sind. Diese Seite entwickelt sich also eigentlich wahnsinnig positiv, andererseits habe ich aber überhaupt keine Ahnung, wie es sich mit dem Publikum entwickeln wird. Es war schon immer so, dass eher ältere Menschen in die Oper gehen, das ist auch logisch und nachvollziehbar, die erneuerten sich sozusagen in jeder Generation. Ob das so weitergeht? Ich bin da nicht sicher. Es hat einfach was damit zu tun, dass das nicht mehr automatisch vererbt wird. Früher wurde das Wissen um Oper weitergegeben, was ja Voraussetzung ist, um das zu lieben, weil es einfach zu kompliziert ist, um ohne Wissen rezipiert werden zu können. Das findet aber nicht mehr im Elternhaus statt, es findet auch nicht mehr in den Schulen statt. Deshalb werden natürlich die theaterpädagogischen Abteilungen immer größer und immer besser. Aber diese Entwicklung galoppiert so, dass wir das eigentlich gar nicht auffangen können. Und es ist auch nicht mehr so, dass Abonnements von Generation zu Generation weitervererbt werden. Wenn da einmal ein Bruch geschieht, ist es schwer vorauszusehen, wie es weitergeht. Aber spannend bleibt es allemal. Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg in Bonn! Das Interview mit Bernhard Helmich führte Fritz Gerwinn am 30. 10. 2013


Die Frau, die niemals aufgibt Julia Wolff brilliert in Roddy Doyles Bühnen-Solo „Die Frau, die gegen Türen rannte“ Regie und Bühne: Frank de Buhr Kostüm: Svenja Göttler Paula Spencer: Julia Wolff

Julia Wolff

Vier Quadratmeter Flokati, darauf wie das übrige Mobiliar unwirklich surreal teils im freien Raum schwebend eine Musiktruhe aus den 50ern, ein zweisitziges Sofa aus den 70ern, ein irgendwo aufgelesener Couchtisch, auf dem eine Flasche Schnaps steht. Das ist die eng bemessene, durch raffinierte Bühnentechnik zudem schwankende Welt von Paula Spencer, geb. O´Leary (Julia Wolff ), Alkoholikerin, Mutter von vier Kindern, Witwe des von der Polizei erschossenen Verbrechers Carlo Spencer. Paula, recht gepflegt im akkuraten dezenten schwarzen Kleid, die Füße in giftgrünen Pantoffeln, tanzt versunken mit sich und einem grünen Sofakissen. Frank de Buhr, der inszeniert und für die Ausstattung zeichnet, ist für die Wuppertaler Bühnen ein Wurf gelungen, der im Theatersaal des Café ADA ein gutes Quartier gefunden hat, nachdem die Stadtpolitik die architektonische Perle Schauspielhaus, einst das Aushängeschild Wuppertals, gezielt verfallen läßt. Als Paula schließlich mit scheinbarer Leichtigkeit aus ihrem Leben zu erzählen beginnt, nimmt sie die anfangs gelegentlich noch amüsierten, bald jedoch von der erbarmungslosen Chancenlosigkeit dieser Frau erschütterten Zuhörer mit in ein von Kindheit an unter den Vorzeichen körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt verkorkstes Leben der irischen Unterschicht, eines wie es wieder und wieder, auch jetzt, in diesem Moment irgendeiner Frau widerfährt. Julia Wolff lullt als Paula zunächst mit deren scheinbar schönen, vordergründig witzigen, wenn auch derben Erinnerungen an erste Verliebtheit und erste Sexualität ein. Ja, der Sex, den sie erst gab um „jemand zu sein“, dann um Liebe zu bekommen, war ihr durchaus wichtig, aber er machte sie billig, sie machte sich billig. Und schnell wird deutlich, dass alle ihre Hoffnungen von außen zerschlagen wurden und die Liebe - nicht ihre - stets nur Illusion und Lüge war, schließlich zu Prügel und Suff, Suff und wieder Prügel wurde. Ihr erster Ausbruch erschreckt bis ins Mark, weil er so echt ist. Echt wie die Tränen, die ihr nach und nach über die Wangen rinnen. Immer tiefer tauchen wir mit ihr in dieses fürchterliche Leben mit allen seinen schrecklichen Facetten ein, das dieser brutal zerstörten Frau 17 Jahre Ehe als ein

einziges Martyrium in ständiger Angst vor einem sadistischen Ehemann war. Und immer wieder hören wir die üblichen, traurig bekannten sich selbst Schuld zuweisenden Lügen von ihren Männern geschlagener Frauen: „Ich bin die Treppe hinunter gefallen. Ich bin gegen die Tür gelaufen. Warum habe ich auch gesagt, er solle sich seinen Scheiß-Tee selber kochen“ - und die Stereotypen jedes Trinkers, der mit flatternden Händen den nächsten Schluck ersehnt: „Ich weiß, wann Schluß ist. Ich kann jederzeit aufhören. Wenn ich will.“ Wie Inseln der Seligen in einer verwüsteten Welt nehmen sich zwischendrin die sanften Sequenzen der eingespielten Songs von Don McLean („Starry starry night“) und den Carpenters („We’ve Only Just Begun“) aus. So hätte sie es sich gewünscht, romantisch mit einem schönen, edlen Mann wie Steve McQueen und nicht irgendwo hinter einer Hausecke oder auf einem Feld gefickt werden („Robert Redford hätte seine Picknick-Decke mitgebracht“) - da glänzen ihre Augen: „Mein Leben ist vielleicht beschissen, aber es hat einen tollen Soundtrack.“ Und sie hat vier Kinder (ein fünftes starb früh), auf die sie alle neue Hoffnung setzt, für die sie ihre Alkoholsucht überwinden möchte, wenn sie es auch nicht kann, nicht jetzt. Aber wenn sie will. Als sie sich endlich befreit, den Schläger, den sie trotz allem immer noch auf unerklärliche Weise liebt, vor die Tür gesetzt hat, muß sie ein knappes Jahr später dessen Beerdigung bezahlen. Aber er ist weg, wird sie nie wieder schlagen. Und ihre Träume leben noch. Etwas anderes hat sie nicht. Julia Wolff überzeugt in jeder Minute und allen Facetten dieses großartigen Wechselbades der Gefühle, Erinnerungen und Wunschträume – eine geschlagene, zerbrochene, aber zähe, starke Frau. Eine beeindruckende Leistung, ein Kammerspiel von ungeheurer Intensität. Einer von Paulas Rettungsringen ist die stolze Illusion: „Es ging nur um mich, immer nur um mich!“ Daran hält sie sich aufrecht, diese Frau, die niemals aufgibt. Weitere Informationen: www.wuppertaler-buehnen.de Frank Becker

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VOLLENDUNG

wenn die Tage kürzer werden die Abende länger die Sonne matter der Himmel fahler wenn erste Blätter fallen Blumen Blüten verlieren die Wiese den letzten Schnitt braucht sind wir der Vollendung um ein Jahr nähergerückt

Märchenwald, 2008 Foto: Elisabeth Heinemann Gedicht: Renate Mahlberg


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The Big Air Package Im Gasometer in Oberhausen: Christo – The Big Air Package noch bis zum 30. Dezember 2013 18 Jahre nach der Verhüllung des Reichstages und 14 Jahre nach der Abschlussinstallation „The Wall“ für die Internationale Bauausstellung Emscher Park präsentiert Christo im Gasometer Oberhausen ein weiteres außergewöhnliches Kunstprojekt. Der weltweit angesehene Künstler zeigt in dem 117 Meter hohen Industriedenkmal sein „Big Air Package“ – die größte bisher geschaffene Innenraumskulptur der Welt.

Christo - Big Air Package, Gasometer Oberhausen, Germany, 2010 – 13 © 2013 Christo Alle Fotos zur Ausstellung: Wolfgang Volz

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Die Skulptur im Gasometer-Inneren ist aus 20 350 Quadratmetern lichtdurchlässigem Gewebe und 4 500 Metern Seil gefertigt. Die Hülle erreicht bei einem Gewicht von 5,3 Tonnen eine Höhe von 90 Metern, einen Durchmesser von 50 Metern und ein Volumen von 177 000 Kubikmetern. Das riesige „Luft-Paket“ reicht nahezu von Wand zu Wand des ehemaligen Gasspeichers und lässt lediglich einen schmalen Gang frei, um die Skulptur umschreiten zu können. Besichtigt werden kann es sowohl von au��en als auch von innen. Luftschleusen erlauben es den Besuchern, das sich selbst tragende Paket zu betreten. Zwei Gebläse erzeugen einen konstanten Luftdruck von 30 Pascal (0,3 Millibar) und halten das Kunstwerk aufrecht. Big Air Package ist damit die größte jemals geschaffene aufblasbare Hülle, die ohne ein Skelett auskommt. Beleuchtet durch die Dachfenster des Gasometers, erzeugt das Kunstwerk im gesamten Inneren ein diffuses Licht, dämpft die üblichen Geräusche und schafft so eine Atmosphäre der Ruhe und kontemplativen Stille. Werkschau aus fünf Jahrzehnten Begleitet wird die Skulptur Big Air Package von einer Ausstellung auf der untersten Ebene des Gasometers. Sie zeigt eine Auswahl der bedeutendsten Projekte, die Christo und Jeanne-Claude in den vergangenen fünf Jahrzehnten an unterschiedlichsten Orten der Welt realisiert haben. Im Gasometer Oberhausen selbst sorgten Christo und Jeanne-Claude bereits 1999 mit einer Installation für Aufsehen: Aus 13 000 Ölfässern errichteten sie „The Wall“, eine 26 Meter hohe Mauer, die das Industriedenkmal auf seiner gesamten Breite durchzog. Original-Entwürfe in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen Sieben originale Entwurfszeichnungen des Big Air Package sind während der Europas höchste Ausstellungshalle, der Gasometer Oberhausen. Foto: Machoczek

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Ausstellungszeit zusätzlich im Kabinett der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zu sehen. Diese überwiegend großformatigen Arbeiten lieferten die Vorlage für das Big Air Package. Sie entstanden in Christos New Yorker Studio und zeigen die Entwicklung der Idee in den Jahren 2010 bis zur Realisierung 2013. Die LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen ist über einen kurzen Fußweg gut vom Gasometer Oberhausen aus zu erreichen. Infos: www. ludwiggalerie.de Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen: 10 bis 18 Uhr, montags geschlossen; in den NRW-Ferien an allen Wochentagen geöffnet Eintrittspreise: Erwachsene 9 Euro, ermäßigt 6 Euro Familien (2 Erwachsene, bis zu 5 Kinder) 20 Euro Kombiticket mit der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen 13 Euro Weitere Infos unter www.gasometer.de oder www.christojeanneclaude.net

Christo im Inneren des Big Air Package im Gasometer Oberhausen, Februar 2013

Konstruktion des Big Air Package im Gasometer Oberhausen, Februar 2013

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Erst im Kuss der alte Stolz Wuppertals Intendant inszeniert den Klassiker Maria Stuart. Inszenierung: Christian von Treskow. Bühne und Kostüme: Dorien Thomsen. Video: Filmproduktion Siegersbusch. Musik: Bastian Wegner. Dramaturgie: Sven Kleine. Besetzung: Elisabeth, Königin von England: Juliane Pempelfort – Maria, Königin von Schottland: Hanna Werth – Hanna Kennedy, ihre Amme: Anne-Catherine Studer – Melvil, ihr Haushofmeister: Markus Haase – Robert Dudley, Graf von Leicester: Marco Wohlwend – Georg Talbot, Graf von Shrewsbury: Andreas Ramstein Wilhelm Cecil, Baron von Burleigh: Bernhard Majcen – Wilhelm Davison, Staatssekretär: Jakob Walser – Amias Paulet, Hüter der Maria: Jochen Langner Mortimer, sein Neffe: Heisam Abbas Graf Aubespine, französischer Gesandter: Jakob Walser.

Christian von Treskow hat sich 2007 mit einem Groß-Klassiker dem Wuppertaler Publikum und ebenso dem Haus vorgestellt: Goethes „Urfaust“; kurz darauf wurde er Intendant. Nun endet bald seine Ära, und zur letzten Spielzeit inszeniert er einen weiteren Groß-Klassiker: Schillers „Maria Stuart“. Weit treiben muss man den Vergleich nicht - nur so viel: Manch anderer hätte zum Einstand „Werktreue“ gewählt und sich kontroversere Regiearbeiten für später aufgespart. Hier ist es wohl umgekehrt. Aber Christian von Treskow war auch nie Diplomat. Sorgten moderne Mittel wie die englischen Rock-Versionen von Goethe-Passagen damals für einige Skepsis, so ist das diesmal kaum zu befürchten. Zwar begleitet auch heute ein Mann mit Gitarre das Stück - doch spielt und singt er keine SchillerÜbersetzungen. Zudem ist Markus Haase nur lose in die Handlung eingebunden (und entpuppt sich als Marias Prediger erst ganz am Ende) – wirkt dadurch allerdings

auch nicht so interessant wie Mephisto als nonchalant zupfender (Menschen-)Spieler. Insgesamt wird heute Abend jedenfalls durchaus klassisch inszeniert und gespielt. Stichwort Figurengestaltung: Man darf wohl sagen, dass die Regie in dem großen Konflikt zwischen Elisabeth, Königin von England, und Maria, Königin von Schottland in deren Gewalt, die Sympathien klar verteilt – und dieser Eindruck kommt ja auch bei Schillers Vorlage auf: Juliane Pempelfort gibt eine gegenüber ihrer Gefangenen sichtlich unterlegene Machthaberin. Mit Gesten der Unbeherrschtheit, die zuweilen ans Komische grenzen – mit beleidigt verschränkten Armen oder rutschend die Bühne herab, auf der Dorien Thomsen ein regelrechtes Szenario mit Hanglage errichtet hat. Am Ende hat Elisabeth die Rivalin hingerichtet, ohne sich recht dazu zu bekennen. Etwas schwierig wird es übrigens durch alldies, der Königin doch noch ihre finale

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Tragik abzunehmen, nachdem ihre Getreuen sich abwenden – allen voran Graf Leicester; er ist bekanntlich „zu Schiff nach Frankreich“. Hanna Werth ist in scharfem Kontrast dazu ganz die stolze Titelfigur, die sich überlegen weiß und aus ihrer hilflosen Lage große Auftritte zieht. Und die dramatischen Höhepunkte sind heute Abend so stark gespielt wie textnah: Sir Mortimer (Heisam Abbas als Maria-Fan mit allen Gefahren eines Fan-atikers) hat sie zum Zusammentreffen mit der Schottin in den Park gelockt. Doch statt ihre Chance zur Demut zu nutzen, zieht Maria eine andere Chance vor: die zum langersehnten „Augenblick der Rache, des Triumphs“. Sprachlos muss Pempelfort sich von ihrer Gefangenen „Bastard“ und Thronräuberin nennen lassen. Dieser Stolz, er gehört ja schon bei Schiller ganz eng zur Titelgestalt. Aber Regiekunst bewährt sich eben auch da, wo sie mit eigenen Mitteln einer Figur

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nahekommt. Nachdem Maria sich selbst aller Aussicht auf Gnade beraubt hat, scheint Hanna Werth erst eine andere: Hell ist nun ihr Kleid, still hockt sie allein mit ihrer Dienerin - erlaubt ihr der Triumph die späte Ruhe, oder eher der sichere Tod? Doch dann gönnt die Inszenierung Maria doch noch ihren Abgang im Stolz: Dem Grafen Leicester (Marco Wohlwend), dem bis zum Schluss unentschlossenen Feigling, presst sie abrupt einen Kuss auf die Lippen, wie man einen höhnischeren überhaupt noch nie gesehen hat. So kurz und krass kann man einem Klassiker auch gerecht werden. Es ist einer der eigensinnigen Momente eines Abends, der ansonsten dem Text und seiner Kraft vertraut. Sinnlos provoziert und „Generationen verschreckt“ hat dieser Regisseur allerdings auch früher nie – trotz allem, was zuletzt über ihn gesagt worden ist. Martin Hagemeyer

Foto Seite 24: Juliane Pempelfort //// v.l.n.r. Marco Wohlwend, Bernhard Majcen, Andreas Ramstein Foto Seite 25: Markus Haase Foto unten: vorne: Hanna Werth, Juliane Pempelfort //// hinten: Ensemble Fotos: Uwe Stratmann


Das Geschenk Gottes für die Wuppertaler Oper

Joachim Arnold war die Situation erkennbar peinlich. Diplomatisch antwortete der künftige Stellvertreter des designierten Opernintendanten Toshiyuki Kamioka: „Oje Toshi, du beschämst mich.“ Geschehen ist das auf der mit einer merkwürdig erdrückenden Stimmung belegten Pressekonferenz im Kronleuchter-Foyer des Wuppertaler Opernhauses. Es ging um die Vorstellung des Kamioka-Stellvertreters ab der Saison 2014 und Kamioka überschüttete den mit seinem silbergrauen Mercedes aus Saarbrücken angereisten Kulturmanager Joachim Arnold mit nur schwer zu übertreffenden Lobeshymnen. Die anwesenden Medienvertreter erstarrten gleichermaßen vor Ehrfurcht wie vor Verwunderung über diese ungewöhnliche „Liebeserklärung“. Kamioka erklärte wörtlich, er habe Arnold förmlich „angeln“ müssen, Arnold sei ein Geschenk von Gott und eigentlich gehöre er gar nicht hier her. Ziemlich starker Tobak, doch Kamioka kündigte bei der Gelegenheit auch an, das Opernhaus in Wuppertal zu einem der bedeutendsten Häuser der Republik zu machen und als das nicht reichte, war sogar von Weltgeltung die Rede. Vorsicht in Wien, Salzburg, Mailand, New York, Berlin, Stuttgart und Baden-Baden: wir kommen !!! Wie eng das Verhältnis des in den letzten Jahren als Dirigent in Wuppertal vergötterten Asiaten mit dem 1965 in der saarländischen Kleinstadt Merzig geborenen früheren Pianisten und Dirigenten ist, verdeutlicht eine andere Formulierung: „Als mich der hochverehrte Toshi fragte, konnte ich nicht

nein sagen.“ Joachim Arnold aber hat bei dieser skurrilen Veranstaltung an einigen Dingen keinerlei Zweifel gelassen: „Ich habe in den letzten sieben Jahren immer schon drei Sachen gleichzeitig gemacht und brauche auch keine Sekretärin, meine Termine stehen im IPad und meine Post erledige ich selbst.“ Es gibt eine für viele Lebensbereiche zutreffende Philosophie: „Wer sich nicht verändert, der wird verändert. Die Veränderung muss anregen und Lust machen. Aber nicht nur, wenn sie andere betrifft, sondern auch dann, wenn die eigene Welt von ihr erfasst wird.“ Es wird ab Herbst 2014 im Wuppertaler Opernhaus wenig von dem übrig sein, was über Jahrzehnte vertraut war: kein Intendant mehr mit ständiger Präsenz, sondern ein durchreisender Dienstleister mit einem durch seine spannende Vergangenheit garantierten Netzwerk. Heutzutage auch in dieser Szene unbezahlbar wichtig. Arnold war neben vielen anderen Stationen vier Jahre lang am Opernhaus von Zürich für PR und Marketing zuständig. Intendant war damals der derzeitige Salzburger Festspiel-Chef und designierte Mailänder Scala-Intendant Alexander Freiherr von Pereira-Arnstein (65). Wer diesen Mann und seine hohen Ansprüche kennt, der könnte Kamiokas Hymnen auf Arnold sogar verstehen. Pereira gilt als begnadeter und auch gnadenloser Vermarkter, er beschaffte Sponsorengelder in Millionenhöhe und führte das Züricher Haus zur Weltgeltung. Pereira verhandelt mit den ganz Großen der Gesangszunft ohne jede Rücksicht auf den

Namen. Wir erinnern uns anlässlich eines Besuches in seinem kargen und mit schier endlosen Papierbergen belegten Büro an das Gespräch mit einer gefeierten Sopranistin: „Wenn Sie für diese Gage nicht wollen, kommt die Kollegin x.“ Es kam nicht Frau x, es kam die Dame vom Telefonat. Wer vor Pereira jahrelang besteht, der muss ein Guter sein. Trotzdem wird sich Joachim Arnold mit seinen Tätigkeiten im Saarland und in Wuppertal auf einem Extrem-Spagat bewegen. Absolut glaubhaft war seine Bemerkung: „Ich denke unternehmerisch“. Dafür spricht die 1999 vollzogene Gründung der Musik & Theater Saar GmbH, deren Geschäftsführender Gesellschafter er bis heute ist. In seiner Geburtsstadt Merzig hat er 2001 den Zeitpalast Merzig mit bis zu 1000 Plätzen gegründet. Es war deshalb auch nur logisch, dass sich Saarbrückens führende Tageszeitung mit dem neuen Job von Arnold beschäftigte. In der Wuppertaler Rundschau konnte man einige der Äußerungen Arnolds aus der Saarbrücker Zeitung nachlesen. Arnold wurde als Bühnen-Modernisierer und Konzeptionist für einen kostengünstigeren und personell flexibleren Theaterbetrieb bezeichnet. Aber auch in der HauptstadtZeitung des Saarlandes ließ Arnold keinen Zweifel aufkommen, dass er die Tätigkeit in Wuppertal hauptsächlich aus Loyalität zu Kamioka übernommen habe. Ironisch soll er die Frage nach dem „Traumjob“ in Wuppertal beantwortet haben: „Das sind dort nicht die Berliner Philharmoniker.“ Und: „Der Stellvertreter eines Mannes wie

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Gemeinsamer Auftritt im Opernhaus: Toshiyuki Kamioka (l.) und Joachim Arnold kennen sich seit Jahren.

Der designierte Mailänder Scala-Intendant Alexander Freiherr von Pereira-Arnstein (65)

Kamioka zu sein, kommt direkt hinterm Portier.“ Bleibt zu hoffen, dass er es wirklich ironisch gemeint hat. Aufmerksame Zuhörer bei der Wuppertaler Pressekonferenz waren etliche Mitglieder des Wuppertaler Orchesters, das wenige Tage zuvor mit dem Stadt-Marketingpreis ausgezeichnet wurde. Allerdings ohne die Anwesenheit ihres ChefDirigenten. Mitglieder des von Kamioka gekündigten Opern-Ensembles waren nicht erschienen. Bis auf Annika Boos und Martin Js. Ohu haben alle aufgrund ihrer

um die 20 (viele marode) und in den Niederlanden ist das sehr angenehme Haus in Amsterdam Solist. Im Wuppertaler Opernhaus stehen spannende Zeiten bevor. Wie sagte schon Alt-Intendant Gerd Leo Kuck: „Theater muss aufregen…“

langjährigen Zugehörigkeit Ansprüche auf Abfindungen. Von Oberbürgermeister Peter Jung stammt der Satz, er kenne unter Künstlern keinen besseren Rechner als den von ihm engagierten Kamioka. Wenn das wirklich stimmt, wird Kamioka sich auch hüten, alle Mitarbeiter in die Opernwüste zu schicken. Davor wird ihn schon der Manager Joachim Arnold bewahren. Obwohl es in keinem anderen Land der Welt mit über 80 so viele Opernhäuser gibt wie in Deutschland. Fast mehr als im Rest der Welt. In den USA sind es sechs, in Italien

Klaus Göntzsche

Alexander Freiherr von Pereira-Arnstein im Gespräch mit Klaus Göntzsche Foto: Klaus-Jörg Tuchel

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Gänseglück

Ständiges Zupfen von Gras. Ein strahlend weißes Federkleid nach der Reinigung mit dem Schnabel. Manchmal liebevolles Schnattern und Schnäbeln mit der Nachbargans. Heben der Flügel mit Schütteln und Plustern. Majestätisches Watscheln mit Heben und Senken der Schwanzfedern. Zufriedenes Schnattern bis aufgeregtes Kreischen bei der Fütterung. Vor den Gänsen muss man sich in Acht nehmen, sagt man. Sind sie tatsächlich

wie ihr Ruf, schnatternd, hinterhältig und wichtigtuerisch? Müssen sie deshalb am Ende des Jahres ihr Leben lassen, frage ich und werde dabei gleichzeitig belehrt: „Sie schmecken in den letzten Monaten des Jahres am besten und sind am bekömmlichsten!“ Gleich eine Reihe von Festtagen kommen uns gelegen, sie auf den Tisch zu bringen, angefangen mit St. Martin. Es gibt kaum ein Restaurant in Wuppertal, das nicht wirbt mit: Gans lecker, Gans knusprig oder Gans zu Ihren Diensten! Im vorelektrischen Zeitalter waren die Menschen voller Angst, wenn das Jahr alt und schwach wurde und die Tage kürzer. Dann gab es etwas, das tröstete, nämlich den Gänsebraten, der Magen und Seele erquickte, wenn es draußen stürmte und schneite. Auch ein Augustinerpater des beginnenden 18. Jahrhunderts fragt: Warum aber wird Martinis Bild einer Gans zugeordnet? Sogar in Bauernkalendern wird man statt seines Bildes eine Gans sehen. Warum das? Wo hat Martinus Gansfleisch gegessen? Das wird nirgendwo in seinem Leben gelesen. So geschieht es anheut, viel tausend Gäns‘ müssen auf dem Kuchelfeuer zum Brandopfer werden.

Das Christentum hatte einfach das heidnische Erntedankfest zum Martinstag gemacht und Wotan, den Anführer der wilden Reiter, in die Rauhnächte verbannt. Seine Gans blieb und verwandelte sich vom Korndämon in die Martinsgans. Bis heute feiert sie den Sieg über die bösen Geister klassisch mit Kraut und Knödeln. Gänse stehen gern auf einem Bein. Wenn sie jung sind, ist das Standbein besser, weil muskulöser, fleischiger. Bei alten Tieren sind die Keulen des Spielbeins zart, während das Standbein sehnig, zäh und ungenießbar wird. Da muss sich der Ganskenner schon beim Tranchieren entscheiden, was er lieber hat, Stand- oder Spielbein. Die Frage: Fleisch- oder Fettgans wurde von meiner Großmutter zugunsten des Fetts entschieden, denn das Gänseschmalz erinnerte uns noch lange an den Festtagsbraten. Friederike Zelesko

Sparkassen-Finanzgruppe

„Wunderbar, dass unsere Sparkasse einer der größten Kulturförderer Wuppertals ist.“

 Die Stadtsparkasse Wuppertal unterstützt Soziales, Kultur und Sport in Wuppertal mit rund 5 Mio. € pro Jahr. Wir sind uns als Marktführer unserer Verantwortung für die Menschen und Unternehmen in unserer Stadt bewusst und stellen uns dieser Herausforderung. Mit unserem Engagement unterstreichen wir, dass es mehr ist als eine Werbeaussage, wenn wir sagen: Wenn’s um Geld geht – Sparkasse

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Paragraphenreiter Weiß das Finanzamt, ob ich ein wahrer Künstler bin?

Susanne Schäfer, Steuerberaterin Geschäftsführerin der Rinke Treuhand GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft/ Steuerberatungsgesellschaft

Stille Orte Kalender 2014

13 Fotografien von Elisabeth Heinemann Gedichte Renate Mahlberg

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Das Finanzamt weiß alles – insbesondere im Zeitalter von Auskunftsersuchen und Amtshilferichtlinienumsetzungsbeschlüssen. Und wenn es denn ausnahmsweise doch einmal nichts weiß, fragt es seine übergeordnete Behörde: die Oberfinanzdirektion. Tatsächlich bestehen bei den meisten deutschen Oberfinanzdirektionen (in der Regel hat jedes Bundesland gleich mehrere davon) sogenannte „Gutachterkommissionen für den Bereich bildender Kunst.“ Denn mit dem Erkennen von Kunst ist das oft nicht so einfach. Die Meinungen darüber, was Kunst ist (und viel skandalträchtiger: was nicht) schwanken von Ost nach West, vom Altertum über die Aufklärung bis zur Postmoderne und von Gesellschaftsschicht zu Gesellschaftsschicht. Eine amtliche Feststellung (im abgabenrechtlichen Sprachgebrauch: ein Bescheid oder Verwaltungsakt) zu diesem Thema käme also manchmal ganz gelegen. Wie immer enttäuscht uns die Bürokratie nicht. 1 Am Anfang steht das Wort, hier auch Rechtslage genannt. Wenn sich, wie bei der Frage nach Sein und Wesen der Kunst, in den Steuergesetzen selbst keine Definition findet, ist auf Rechtsprechung und Kommentarmeinungen zurückzugreifen. Und die sind reich und blumig: „Einen allgemeinen Begriff der Kunst gibt es nicht.“ (Ach ne!) „Die künstlerische Tätigkeit – formal gegliedert in Musik, Literatur, darstellende und bildende Kunst – ist nicht nur durch das Ineinandergreifen bewusster und unbewusster Vorgänge, sondern auch durch das Vollbringen einer eigenschöpferischen Leistung gekennzeichnet, in der die individuelle

Anschauungsweise und Gestaltungskraft zum Ausdruck kommt und die über eine hinreichende Beherrschung der Technik hinaus grundsätzlich eine künstlerische Gestaltungshöhe erreicht.“ (Über die natürlich kontinuierlich diskutiert wird.) „So sei es wertungswidersprüchlich, bei einem Teil der künstlerischen Tätigkeit die Zuordnung zur freiberuflichen Tätigkeit an die Erfüllung bestimmter Qualitätsanforderungen zu binden; dies geschehe insbesondere bei schriftstellerischer Tätigkeit nicht.“ (Weswegen es auch nur Gutachterkommissionen für bildende Kunst gibt: die Qualität schriftstellerischer Produktion ist wie wir regelmäßig sehen irrelevant.) 2. Danach folgt die Erklärung. Formulare zur Begutachtung des steuerrechtlichen Status bildender Künstler sind bei den jeweiligen Berufsorganisationen erhältlich. 3. Dann wird´s unter Umständen teuer. Für die Begutachtung, ob sich der Kunstbegriff des Steuerrechts mit dem des antragstellenden Künstlers deckt, ist in einzelnen Bundesländern eine Prüfungsgebühr zu zahlen. In Nordrhein-Westfalen sind das 250,00 Euro zuzüglich gesetzlicher Umsatzsteuer. 4. Spätestens hier stellt sich die Frage: wozu das alles? Wegen des Geldes natürlich! Anerkannte Künstler üben eine freiberufliche, keine gewerbliche Tätigkeit aus, unterliegen damit nicht der Gewerbesteuer und genießen auch darüber hinaus diverse steuerliche Vorteile. Und wer weiß? Vielleicht überzeugt so ein oberfinanzdirektionales Gutachten ja auch das Publikum. Verlag HP Nacke Wuppertal 14 Blatt, Format 42 x 31 cm ISBN: 978-3-942043-38-0 VK 12,90 Euro Verlag HP Nacke Wuppertal Friedrich-Engels-Allee 122 42285 Wuppertal Telefon 02 02/28 10 40 verlag@hpnackekg.de


Weil es so schön ist.... Zimt, Glanz und Vivaldi – so lautet auch 2013 das Motto des traditionsreichen Lüntenbecker Weihnachtsmarktes im Bergischen Land.

Und erneut zieht es die Menschen nach Wuppertal Lüntenbeck, wenn am 2. und 3. Adventwochenende (7. und 8. sowie 14. und 15. Dezember) einer der schönsten Weihnachtsmärkte Deutschlands öffnet. Tiefer als vor der historischen Kulisse der Schlossgemäuer kann man kaum eintauchen in die sinnesanregende Adventszeit. An allen vier Tagen erstrahlt der Hof von 11 bis 19 Uhr in gewohntem Glanz. Durch sein ganz besonderes Flair hat sich der Markt seit 30 Jahren in den Herzen der Besucher verwurzelt. Auf Schloss Lüntenbeck kann man sich für ein paar Stunden entführen lassen in eine besondere Welt der Weihnachtsromantik. Nicht nur die Szenerie der geschichtsträchtigen Gebäude und des gut erhaltenen Hofes entzieht sich durch die märchenhafte Lage dem Rummel der Stadt – das gesamte Konzept des Marktes ist mit liebevollem Blick aufs Detail abgestimmt und überzeugt seine Besucher immer wieder aufs Neue. Verteilt auf mehr als 100 individuelle Stände findet man die ganz besonderen Geschenke für seine Lieben und für sich selbst. Wenn sich die Trends und Geschmäcker auch immer wieder ändern mögen, in einem wird sich der Markt stets treu bleiben: Kunsthandwerk statt Massenkonsum

und klangvoll dezente Barockmusik statt lautem Getöse. Die liebevoll handgewebte Eintrittskarte, nach altem Wuppertaler Bandweberhandwerk, wird heute bereits unter Sammlern geschätzt. Besondere Leckereien und ein handverlesenes Rahmenprogramm überzeugen die Besucher jedes Jahr aufs Neue. Spazieren und staunen, schlemmen und rasten, liebäugeln und raunen. Für Groß und Klein ist alles dabei, was in der Adventszeit Freude bringt. Wussten Sie, dass man nun auch über die Nordbahntrasse das Schloss ohne große bergische Steigungen erreichen kann?

Seit der Öffnung des Dorper Tunnels freuen sich Radfahrer und Spaziergänger über den idyllischen Ausflug durch die umgebende Natur. Schilder am Wegesrand leiten hier den Weg zum Schloss. Termine: 7./8. und 14./15. Dezember 2013 – jeweils von 11-19 Uhr Eintritt: Tageskarte 4 Euro, Dauerkarte 6 Euro, Kinder bis 12 Jahre frei. Neu ! Das Kombiticket: Eintritt + Bus + Bahn für nur 6 Euro.über www.wuppertal-live.de www.schloss-luentenbeck.de Foto: Jörg Lange

Eintritt: 4 € | Dauerkarte: 6 € | Kinder bis 12 Jahre frei | Kombiticket ÖPNV über www.wuppertal-live.de Schloss Lüntenbeck | 42327 Wuppertal | Anfahrt und Parken: www.schloss-luentenbeck.de

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Originelle Ausgrabung Me and My Girl Premiere im TiC-Theater am 27. 9. 2013

Inszenierung: Ralf Budde Musikalische Leitung, Arrangements (für Flöte, Trompete, Tenor-/Altsaxophon, Posaune, Banjo, verdammt altes Klavier/ Cembalo, Kontrabaß, Schlagzeug, Perkussion, Vibraphon, Xylophon, Holzblock, Luftballons, Party- & Zugpfeifen, Hupen, Ratschen, Kastagnetten, Kochtöpfe) und Musikproduktion: Stefan Hüfner Choreographie: Dana Großmann Bühne und Kostüme: Kerstin Faber Maske: Heike Kehrwisch Premierenbesetzung: Bill Snibson: Benedict Schäffer - Sally Smith: Jennifer Pahlke - Jacqueline Carstone: Kerstin Trant - Gerald Bolingbroke: Christopher Geiss - Lady Battersby: Annika Tahiri - Lord Battersby: Detlef Schulz - Herbert Parchester: Carsten Müller - Sir Jasper Tring: Wolfgang Sprotte - Maria, Herzogin von Dene: Ilka Schäfer - Sir John Tremayne: Andreas Wirth - Chor: Karolin Hummerich, Natascha Neugebauer, Tobias Unverzagt

rechts: Benedict Schäffer nächste Seite: Ensemble TiC-Theater

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Pygmalion mit umgekehrten Vorzeichen Wir kennen alle die Geschichte vom Cockney-Blumenmädchen Eliza Doolittle, die zur Dame erzogen und als „My Fair Lady“ die Musical-Bühnen und Kino-Leinwände der Welt erobert hat. Legendär und stets präsent auch die Ohrwürmer dieses Musicals aus dem Jahr 1956, das übrigens parallel zur heute vorzustellenden Inszenierung ebenfalls im „Atelier“ des Wuppertaler TiC-Theaters gezeigt wird. Dass die Herren Loewe und Lerner nicht nur Shaws „Pygmalion“ umgesetzt haben, sondern auch sehr genau den bereits 1937 geschriebenen Plot von „Me and My Girl“ von Arthur Rose und Douglas Furber mit der Musik von Noel Gray kannten, wird offenbar, wenn man heute diese Musical Comedy anschaut, die am 24. September im „Atelier“ Premiere feierte.

Benedict Schäffer – Slapstick 1a! Inszeniert wurde die originelle Ausgrabung, deren Original verschollen ist, von Intendant Ralf Budde, die brillanten MusikArrangements besorgte bewährt (s. o.) Stefan Hüfner, und Kerstin Faber gebührt für den Rahmen, also das Bühnenbild und besonders die ganz hervorragenden Kostüme allerhöchste Anerkennung. Erzählt wird die Geschichte des fröhlichen und zufriedenen Cockneys Bills Snibson (Benedict Schäffer), der, als illegitimer Sohn des 14. Earl of Hareford entdeckt, nun das Erbe auf Hareford Manor antreten und dafür seine geliebte Sally Smith (Jennifer Pahlke) aufgeben soll. Der Titel verrät es: ohne sein Mädel macht er da nicht mit. Benedict Schäffer ist in der turbulenten Inszenierung mit ungeheurer Spielfreude die tragende Säule, sanglich, komödiantisch, tänzerisch, artistisch. Seine gekonnten Slapstick-Einlagen wie der


Kampf mit dem Hermelin-Umhang und dem Bärenfell und die kleinen Spielereien mit der Melone amüsieren und nötigen Bewunderung ab - das muss man erst mal mit solcher selbstverständlichen Leichtigkeit hinbekommen! Zudem ist Schäffer, später wird die Rolle alternativ von Henning Flüsloh und Christopher Geiss ausgefüllt, auch Sympathieträger des Abends, neben ihm Andreas Wirth als Sir John. Castle vs. East End Bei den Damen der Handlung steht Jennifer Pahlke (später Natascha Neugebauer) in der sympathisch-unaufdringlichen Rolle der Sally im Zentrum, auch stimmlich der intriganten Gegenspielerin Jacqueline (Kerstin Trant) überlegen. Diese Rolle übernimmt später auch Sophie Schwerter alternativ. Unserem Helden fällt es nicht schwer, sich zwischen der wirklichen Liebe und der ihm aufgenötigten Jacqueline zu entscheiden, er stellt den Earls-Rang zur Disposition und will vom Schloss zurück zu Sally und seinem Londoner Eastend-Viertel Lambeth gehen. Wie das alles mit manchem sozialen Affront,

Anstands-Unterricht, Cockney-Rhyming, viel Musik, hinreißend choreographierten Ensemblenummern und Songs sowie einem kleinen Seitenhieb gegen Loewe/Lerner vor sich geht, führt das TiC in knappen zweieinhalb unterhaltsamen Stunden vor, in denen die aristokratischen und proletarischen Zwanziger Jahre Englands schon allein durch die perfekten Kostüme Gestalt bekommen. Die Ohrwurm-Frage Was dem Stück aber im Gegensatz zu „My Fair Lady“ fehlt, sind die eingängigen Melodien, die Ohrwürmer und Gassenhauer. Jacquelines Verführungsszene „Du darfst, wenn Du magst“, Sallys Solo „Hast Dein Herz verloren“, „Die Liebe bewegt die Welt“ (Bill/John/Chor), Sallys „Smile“ haben dazu nicht das Zeug. Hingegen könnten der Titelsong, das optimistische „Die Sonne ist heut’ Spitze“ als Opener des 2. Aktes und das mit einer Verneigung vor Gene Kelly inszenierte Solo Bills „Leaning On A Lamp Post“ sich im Laufe der Spielzeit noch dazu entwickeln. Seit der Uraufführung 1937 ist allerdings der Schlußtitel des 1. Aktes

in aller Munde und Beine: der „Lambeth Walk“, der damals sogar für kurze Zeit zum Modetanz wurde und vom Londoner West End Theatre auch zum Kontinent hinüberschwappte. Den haben Ralf Budde, Stefan Hüfner und Choreographin Dana Großmann zu einer ansteckenden EnsembleNummer gestaltet, die selbstverständlich auch im Zugaben-Repertoire wiederkehrt. Den „Lambeth Walk“ pfiff der Rezensent noch auf dem Heimweg und am Morgen danach beim Rasieren. So soll es sein. Frank Becker Fotos: Martin Mazur Weitere Informationen: www.tic-theater.de

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Neue Kunstbücher Architektur in ihrer Zeit an ihrem Ort vorgestellt von Thomas Hirsch Der Umsturz politischer Verhältnisse bringt einen Wechsel gesellschaftlicher und kultureller Zustände mit sich. Besonders augenscheinlich ist dies beim Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa und beim Arabischen Frühling der letzten Jahre, auf die eine Abkehr von Dogmen und ein Pluralismus des Ausdrucks folgten oder sich andeuteten. Umgekehrt erweisen sich Architektur und Städtebau auf lange Sicht als Spiegel dieses Wandels und sie dokumentieren den terminus ante quem. Von daher vermitteln gute Architekturführer und Bücher zur Städteplanung – wie sie heute zuhauf erscheinen – über die Beschreibung und stilistische Einordnung hinaus wesentliche Erkenntnisse über den jeweiligen Status der Gesellschaft in ihrer Zeit an ihrem Ort. Dies gelingt hervorragend in dem Buch „Sowjetmoderne. 19551991“, das bei Park Books erschienen ist und sich der Architektur in den einstigen Sowjetrepubliken widmet. In Zeiten, in denen das Reisen leichter geworden ist und die Länder sich nicht mehr in dem Maße abschotten, ist es möglich, den „Altbestand“ zu sichten, bevor er verfällt oder überhaupt anderen Bauten weichen muss. Hier nun hat sich eine Forschungsgruppe vom Architekturzentrum Wien auf Reisen begeben und vor Ort mit weiteren Kollegen vernetzt. Das Gebiet, um das es geht, ist riesig, reicht vom Baltikum zum Kaukasus und bis nach Zentralasien, ist trotz verbesserter Infrastruktur oft nur schwer zugäng-

Sowjetmoderne. 1955-1991, 360 S. mit 634 farb. und 384 s/w-Abb. Broschur, 29,5 x 25 cm, Park Books, 48,– Euro

Schweizer Bahnbrücken, 240 S. mit 160 farb. u. 171 s/w-Abb., geb. m. Schutzumschlag, 27,5 x 22,5 cm, Scheidegger & Spiess, 58,– E.

lich, und zu den Stärken dieses Buches gehört, auch Basisdaten zur Geographie, Struktur und Geschichte dieser Länder zu liefern. Im Grunde hat es, auch in seiner Gestaltung, etwas von einem Reiseführer à la Merian, manche Texte sind sehr feuilletonistisch, aber dies ist zugleich ein produktives Verfahren, um der Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Sensationen und historischer, kultureller und geographischer Kontexte Herr zu werden. Und dabei sind auch gut zu lesende Geschichten entstanden. Erfasst sind überwiegend Repräsentativ-Bauten im städtischen wie ländlichen Umfeld. Die Qualität des Bildmaterials ist mit historischen Aufnahmen und Neufotografien außerordentlich, und man könnte über den Umgang mit Ornamentik, über Typisches und den Sonderfall referieren, auch darüber,

dass die Architekten im Osten sehr genau Kenntnis davon hatten, was im Westen geschah. Jedenfalls, es sind in diesem Buch faszinierende Gebäude abgebildet, von denen wir nicht wussten, dass es sie gibt. Aussagekräftig vor allem in Bezug auf Aspekte der Urbanisierung und Industrialisierung sind die Eisenbahn-Brücken der Schweiz. In der frisch gedruckten Monographie „Schweizer Bahnbrücken“ des Verlages Scheidegger & Spiess wird das Einzigartige dieser Bauwerke thematisiert, die sich in diesem Land durch hinreißende Landschaften und Berge und über winzige Dörfer hinweg schwingen. Aber woran liegt es, dass die Brücken in diesem Buch selbst nicht so aufregend „rüber kommen“ wie sie doch tatsächlich

Kultur, Information und Unterhaltung im Internet Täglich neu – mit großem Archiv Literatur – Musik – Bühne – Film – Feuilleton – Museen – Comic – Fotografie – Reise

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sind? Es fehlt bei den Aufnahmen – und vor allem im Lay-Out – die Wucht und der Schnitt in die Landschaft … Indes enthält das Buch mit seiner Auswahl von rund 100 Brücken alles, was für die wissenschaftlich informative Erfassung dieser Bauwerke erforderlich ist. Es ist präzise, trägt die Standorte der Brücken auf der Landkarte ein, teilt die Baudaten und den baulichen Zustand mit und es sensibilisiert für die (technischen, ökologischen) Fragen des Brückenbaus, als eigener Gattung der Architektur. Dazu tragen die umfangreichen Texte bei, die auf jedes der beschriebenen Beispiele ausführlich eingehen. Also, trotz der vielen Reproduktionen funktioniert dieses Buch nicht so recht als Bildband, brilliert dafür aber als Standardwerk, welches einiges auch über die Schweiz und ihre Geographie vermittelt und uns Brücken mit anderen Augen sehen lässt. Und doch ist das Buch „Schweizer Bahnbrücken“ im Vergleich zum „Architekturführer Berlin“ opulent, schwelgerisch in seinen Bildern; dieser ist karg, nüchtern, fast buchhalterisch ... Ja! Falsch! Bei dem Architekturführer zu

Architekturführer Berlin, 632 S. mit 1.888 teils farb. Abb., Klappenbroschur, 24,5 x 13,5 cm, Reimer Verlag, 29,95 Euro

den Bauten in Berlin, der nun in siebter Auflage im Reimer Verlag erschienen ist, geht es doch um etwas Anderes. Das dickleibige, aber handliche Taschenbuch ist praktisch zu benutzen bei der Fahrt durch Berlin. Es erfasst insgesamt 937 Bauten nach dem gleichen Schema, und zwar mit jeweils einer Spalte, die meist je eine Abbildung der Fassade und des Grundrisses beinhaltet, unvermeidlich als Briefmarke, aber doch hilfreich, mit Angaben zum Architekten und – ausführlich – zur Baugeschichte. Das ästhetische Erleben obliegt hier den Bauten selbst, auf die man allenthalben in der Stadt und in den Kiezen stößt. Natürlich impliziert ein Buch über Berlin auch die Geschichte von West und Ost, der beiden verschiedenen Systeme und das Aufgehen in einem vereinigten Deutschland. Architektur wird hier noch zu Zeugnissen und Parametern der Stadt- und Staatsgeschichte. Auch deshalb lässt sich selbst fernab von Berlin in diesem Buch einfach blättern und gerne lesen. Das Kursorische der „Sowjetmoderne“ – sowohl in der variablen Anordnung der Bilder und ihrem Nebeneinander historischen und neuen Fotomaterials als auch in der Verwendung unterschiedlicher Textsorten und Typografien – kennzeichnet nun auch ein Buch, das sich von verschiedenen Seiten den Umwälzungen im Mittleren Osten widmet. Damit ist das Buch auf der Höhe der Zeit: in der Thematik, aber auch mit der Gestaltung und im diskursiven Vorgehen. „Middle East. Landscape. City. Architecture“ erläutert aus verschiedenen Perspektiven und anhand von Fallbeispielen sehr anschaulich und überschaubar (und deshalb, trotz des englischen Textes, gut verständlich) den Status der Architektur im Kontext des Stadtbildes in dieser Krisenregion. Ein bisschen vermittelt sich sogar das Pulsierende und Vibrierende der Städte im Aufeinanderprall der Religionen und Kulturen. Der Willkür in der Auswahl der Sujets wird entgegengearbeitet, indem die wirklich arrivierten Protagonisten vorgestellt werden (wie Walid Ra'ab und Bernard Khoury) und die Beispiele signifikant bleiben. Das Buch,

Josep Lluís Mateo (Hg.), Middle East. Landscape – City – Architecture, englisch, 180 S. mit 106 farb. und 134 s/w-Abb., Hardcover, 22,5 x 16,5 cm, Park Books, 38,– Euro wie die „Sowjetmoderne“ erschienen bei Park Books, liefert Impressionen, ziemlich knapp, sehr eindringlich, und bestätigt noch einmal die Aussagekraft von Architektur für gesellschaftliche Prozesse. Speziell und gut!

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Auf den Krieg folgt Frieden und... Jochen Rauschs Roman „Krieg“

Jochen Rausch, Krieg 18,99 Euro [D] | 19,60 Euro [A] Roman, 256 Seiten, Berlin Verlag ISBN-13: 9783827011695

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„In den Nächten hört er Schüsse, wenn es denn Schüsse sind.“, mit diesen Worten beginnt Jochen Rauschs Roman „Krieg“. Schon der erste Satz vermittelt ein präzises Bild dessen, was den Leser erwartet. Sowohl sprachlich, wie auch thematisch. Die Dunkelheit der Nacht, in der sich nicht alles erkennen lässt. Schüsse, nicht ein einzelner Schuss; wer schießt nachts, wenn das Licht gar nicht ausreicht, um das Ziel klar zu erkennen und auf wen oder was wird geschossen – wird überhaupt geschossen? Er, das ist der ungefähr 50jährige Protagonist Arnold Steins, hat sich in eine Berghütte zurückgezogen; die Ausstattung der einfachen Behausung hat er von deren Vorbewohner, einem Bildhauer, übernommen und ein Radio ist das einzige Medium, mit dem er Kontakt zur Außenwelt hält. Von wenigen Einkaufsfahrten ins tiefer gelegene Dorf abgesehen. Ein Hund ist sein ständiger Begleiter. Doch führt der Autor nicht in eine idyllisierte Bergwelt, in der ein zivilisationsmüder Aussteiger seine Einsiedelei lebt. Die Hütte ist Arnold Steins’, in einer eiskalten und steinernen Umgebung gelegener, Schutz- und Fluchtraum. Auch sie ist nicht sicher. Ein Unbekannter verwüstet die Hütte, zerschlägt Vieles und vor allem das Radio. Der Hund wird durch einen Bolzenschuss lebensgefährlich verletzt. In einer zweiten, parallel erzählten Zeitebene erfahren wir die Vorgeschichte Steins’. Eine Vorkriegs – und Kriegsgeschichte. Die Geschichte von Arnolds Sohn Chris, der als Soldat nach Afghanistan gegangen ist. Der seinem Vater E-Mails aus dem Krieg schreibt, von der die Mutter nichts erfährt. Sie soll nicht beunruhigt werden durch das, was ihr Sohn in diesem Krieg erlebt. Chris wird diesen Krieg nicht überleben. Doch steht der Romantitel nicht nur für die militärische Gewalt in Afghanistan – Rausch erzählt von zwei Kriegen – einem weiteren nämlich, den Steins in der Gegenwart zu kämpfen hat. Gegen einen unsichtbaren Gegner, der vor keiner grausigen Tat zurückschreckt. Das ist ein Krieg, dessen Ursprung weit in die persönliche Vergangenheit zurückreicht. Rauschmittel In ungemein knapper und genauer Sprache führt Rausch seine Leser über

mörderisches Terrain. Doch war es nach Bekunden des Autors nicht so sehr seine Arbeit als Radiomann (der Journalist, Autor und Musiker Rausch ist seit 2000 Programmchef vom WDR-Jugendsender 1live), die ihn zu diesem lakonischen Stil geführt hat – vielmehr, sagt er, war es seine Arbeit als Fernsehreporter: „Wenn Du nur eine Minute dreißig hast, da kannst Du nicht anfangen zu schwafeln!“ Ähnlich wie bei dieser Art des journalistischen Schreibens, bei der alles Überflüssige gestrichen wird, ist der Autor auch an die Überarbeitung des Romans gegangen. Darin folgt er auch einem seiner literarischen Vorbilder, Elmore Leonard. Der formulierte als letzten von zehn Tipps zum literarischen Schreiben: „Versuche alles wegzulassen, was der Leser überblättert!“ In „Krieg“ gibt’s tatsächlich nichts zu überblättern und ähnlich wie bei der vorangegangen Buchveröffentlichung „Trieb – 13 / Storys“ ist das, was Rausch erzählt, geeignet, sensiblen Lesern den Nachtschlaf zu rauben, oder zumindest für sehr beunruhigende Träume zu sorgen. Daran ändert auch der Schluss des Romans nichts, der zwar nicht mit dem Krieg versöhnt - wie sollte er auch – der aber zumindest die Perspektive eröffnet, dass auf Krieg immer Frieden folgt. André Poloczek


Geschichtsbücher, Buchgeschichten Vorgestellt von Matthias Dohmen

Ein Mitmachbuch Ein Geschenk für Absolventen der JuniorUni oder – wie der Verlag schreibt – das wildeste und originellste Naturentdeckungsbuch, seit es Bäume gibt. Es hat zwei Autoren: Keri Smith und das Kind, das seinen Namen zusätzlich auf den Umschlag schreiben soll. In einer dunklen, stürmischen Nacht nämlich fand Smith ein paar rätselhafte Seiten, die verstreut in einem Park herumflogen. Sie sind nun ordentlich gebunden, doch die Aufgaben, die es enthält, harren der Bearbeitung. Ein „Geheimclub des verlorenen Waldes“ wird gegründet, die Leserin oder der Leser hat zu observieren, zu recherchieren und zu dokumentieren, schließlich an einem Manifest mitzuarbeiten. Erst wenn der letzte Geheimcode geknackt wird, ist das „grüne Handbuch“ komplett. Auf einer der letzten Seiten steht eine kleine Liste mit weiterführender Literatur: Warum hat der Verlag hier in Absprache mit Smith keine deutschsprachigen Werke (möglicherweise zusätzlich) aufgeführt statt US-amerikanischer Bücher, die hierzulande schwer zu beschaffen sind? Ansonsten ein super originelles, super inspirierendes, in höchsten Tönen zu lobendes Mitmachbuch für junge Forscher. Keri Smith, Mein wildes Buch, München: Kunstmann 2013. 112 S., 12,95 Euro.

Ein Buch über Willy Brandt Ein Mann beschäftigt die historische Forschung. Nach Abschluss der zehnbändigen „Berliner Ausgabe“ mit gesammelten Werken des SPD-Vorsitzenden und Friedensnobelpreisträgers kamen auf Einladung der Willy-Brandt-Stiftung Geschichtswissenschaftler, Politologen und Zeitzeugen zusammen, um über das politische Wirken, die nachhaltigen Folgen seines Wirkens, kurz sein „Erbe“ zu diskutieren. Eine illustre Schar, zu der Wilfried von Bredow, Eckart Conze, Dieter Dowe, Bernd Faulenbach, Wilfried Loth, Heinrich August Winkler und andere gehörten. Schwerpunkte waren Brandts Außen- und Deutschlandpolitik, seine gesellschaftspolitischen Vorstellungen und seine Arbeit für die Sozialistische Internationale und die Dritte Welt überhaupt. Über die Problematik von Biographien überhaupt macht sich Martin Sabrow seine Gedanken und formuliert (oder zitiert) den schönen Satz, dass „das Leben vorwärts gelebt und rückwärts verstanden wird“. Mit dem „dritten Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus“, den die Sozialistische Internationale zeitweise einschlug, beschäftigt sich Bernd Rother. Bernd Rother (Hrsg.), Willy Brandt. Neue Fragen, neue Erkenntnisse, Bonn: J. H. W. Dietz 2011 (= Willy-Brandt-Studien, 5). 336 S., 32,00 Euro

Ein Ich-erinnere-mich-Buch „Wie macht man als einer, der seine wilden Jahre überlebt hat und nun dabei ist, zum alten Mann zu werden, trotzdem eine gute Figur?“ Diese Frage hat sich die Rezensentin der „Süddeutschen Zeitung“ gestellt, als Wolf Wondratscheks „Geschenk“ vor gut zwei Jahren bei Hanser herauskam. Seit Mitte der 1970er-Jahre dichtet er um die Kultfigur Chuck herum, die jetzt erwachsen ist und einen Sohn gezeugt hat, das Geschenk eben, der 14 Jahre alt ist und die gleichen Symptome an den Tag legt, die wir schon bei seinem Vater bewunderten: Mit der Welt der Eltern will er nichts zu tun haben, er mault und muffelt, wenn sein Erzeuger ihn mit letzten Wahrheiten drangsaliert, und hört einfach nicht zu. Wiederholt sich also die Geschichte? Ja und nein. Für oder wider. Sohn oder Vater. Wer Wondratschek die Treue gehalten hat, wird auch diesmal nicht enttäuscht: „Chuck war pleite, und auf der hohen Kante hatte er auch nichts, aber Sorgen machte er sich deshalb nicht. Es war ihm egal. Es war ihm das Geld, das er nicht hatte, so egal wie das Geld, wenn es hereinkam.“ Eben ein Lebenskünstler. Wolf Wondratschek, Das Geschenk, München 2013 (= dtv, 14200). 172 S., 8,90 Euro.

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Wovon Kinder träumen „Ich wünsche mir einen Stift, der alles weiß“ – Zauberhaft illustrierte Weihnachtswünsche mit Motiven aus Gräfrath und Grefrath! erscheint am 11. 11. 2013 in Farbe als Klebebindung mit Hardcoverbuchdeckel für 12,95 Euro (60 Seiten). Vorbestellungen sind über mail@omms.net möglich. Infos auch unter www.facebook. com/omms.net.

Der Wunschzettel gehört wohl für jedes Kind zu Weihnachten wie der Tannenbaum oder die Geschenke. Dabei hat jeder Mensch seine eigenen, ganz persönlichen Wünsche – ob diese nun materiell, ideell, realisierbar oder völlig absurd sind, spielt absolut keine Rolle. In den vergangenen Jahren hat eine Wunschzettelfee auf den „Romantischen Weihnachtsmärkten“ in Grä(e)frath mit vielen Kindern und Erwachsenen deren Wünsche gesammelt und diese auf geheimnisvolle Weise und mit viel Feenstaub gen Himmel zum Weihnachtsmann geschickt. Einige dieser Wunschzettel wie „Ich wünsche mir

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einen Stift, der alles weiß“ werden im Original dargestellt und zauberhaft illustriert. Diese Faktoren machen das Lesen dieses Weihnachtsbuches zu einem ganz besonderen, unvergesslichen Erlebnis. Aus einer Mischung von Impressionen, Illustrationen mit Motiven des Bergischen Landes respektive des Niederrheins und den teils lustigen, schönen aber auch traurigen Wünschen der Kinder, entsteht ein Werk, das es in dieser Form wohl nicht noch einmal gibt. Highlight: Das kleinste Kino der Welt – lasst euch überraschen und verzaubern von Rudi und dem Weihnachtsmann !


Braune Soße

Jürgen Kasten Absturz in Fahrtrichtung rechts 2013, Bergischer Verlag, 254 S., kartoniert ISBN 978-3-943886-25-2 9,90 Euro

Oft genug wird Journalisten und Autoren vorgeworfen, „auf dem rechten Auge blind“ zu sein. Das kann man Jürgen Kasten bei seinem zweiten Krimi „Absturz in Fahrtrichtung rechts“ nun gewiß nicht vorhalten. Nach seinem erfolgreichen Erstling, dem Bergischen Krimi „Grüße aus dem Jenseits“ spürt man, daß er sich freigeschrieben und nicht im Genre festgelegt hat. Hatte er im Debüt-Roman mit komplizierter Zeitebenen-Struktur einen Privatdetktiv als zentrale Figur, läßt er nun die Wermelskirchener Polizei (das ist ein pittoreskes Städtchen im Bergischen) mit Kölner Unterstützung bei Brandstiftung, Mord und anderer politisch motivierter Gewalt ermitteln. Sechs Tage und Nächte, auf diese knappe Zeit verdichtet er die Kriminalerzählung samt Täter- und Ermittlerprofilen, Rahmenhandlung und polizeiinternen Kommunikationsproblemen. Da ist er wie bekannt in seinem Element, denn viele Jahre war Jürgen Kasten bei der Wuppertaler Kriminalpolizei Chef des Kommissariats, das für die Aufklärung von Tötungsdelikten und für Brandermittlungen zuständig ist. So ist denn das Szenario so dicht an der Wirklichkeit, wie bei einem Krimi nur eben möglich. Mit frischen, unverbrauchten Charakteren, in den meisten Fällen sehr authentisch, baut der Autor ein Team von Skeptikern und Realisten auf, das herausfinden muß, wem der Brandanschlag auf ein linkes autonomes Jugendzentrum, bei dem eine junge Frau schwer verletzt wird, schließlich stirbt, zuzuschreiben ist, welche Rolle der „national gesinnte“ Rechtsanwalt Frank von Schliepenstein dabei spielt und wo evtl. bei der Polizei Mittäter und Maulwürfe sitzen. Daß ihnen dabei natürlich die gewaltbereite rechte Szene, aber auch die systemskeptische „autonome“ Klientel ablehnend gegenüberstehen, macht die Arbeit kompliziert. Murat Cenk, der Kölner Hauptkommissar, der die Leitung der Kommission übernimmt, stößt zudem auch bei einigen Polizisten auf Widerstand, die sich nicht an den Gedanken gewöhnen können, dass ein Mann mit türkischen Wurzeln das Sagen hat und deutsches Recht vertritt. Auch das ist realistisch – dabei haben diese Kleingeister längst vergessen,

woher all die Koslowskis, Tilkowskis und Szymaniaks stammen, die dieses freiheitliche System mit geschaffen haben. Aber zurück zum Krimi und seinen Protagonisten. Mit Cenk ermittelt die Oberkommissarin Caroline Beckers, genannt „Cora“, eine schöne Frau, aber für Männer unerreichbar, weil sie lesbisch ist und ausgerechnet Julia Bielstein, dem Opfer des Brandanschlages, einmal nachgestiegen ist. Daß auch deren Vater Holger der Kommission angehört und wiederum Freund und Nachbar des Vaters eines der Verdächtigen und späteren Mordopfer (es wird noch ein paar Tote und Verletzte geben) ist und offensichtlich eine Polizeipistole als Tatwaffe im Spiel ist, macht das Gewirr der Fäden nicht unbedingt durchsichtiger. Für die technische Klärung sorgt Kriminaltechniker „Manni“, ein loyaler Tüftler. Daß der Leser immer einen gewissen Informationsvorsprung hat, aber ihm dennoch der wahre Täter verborgen bleibt, hält die Spannung. Daß von Anfang an die Bilder der gegensätzlichen Lager allzu deutlich in Schwarz, bzw. Braun (doofe rechtsradikale Schläger) und Weiß (aufgeweckte Lesben und Autonome) getrennt sind, nimmt von der Spannung allerdings wieder ein wenig fort. Und ein am Ende aus dem Hut gezogener Täter überzeugt nur zum Teil. Das anscheinend hastig lektorierte Buch weist eine ganze Reihe von Fehlern auf, die nicht dem Autor zuzuschreiben sind. Der hat seine Geschichte locker und trotz der komlizierten Personal-Struktur flott erzählt. Von Murat Cenk und den Nebenfiguren Patrizia von Schuchnitz (Gerichtsassessorin) und Thorsten Schrader (Reporter des Wermelskirchener General Anzeigers) möchte man schon gerne wieder hören. Frank Becker

Weitere Informationen: www.bergischerverlag.de

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Kulturnotizen Vorschau Von der Heydt-Museum – MenschenSchlachthaus 8. April bis 27. Juli 2014 2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal. Deshalb realisieren wir, in enger Zusammenarbeit mit dem Musée des Beaux-Arts in Reims, eine Ausstellung über diese erste große Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Zwar hat es nach den beiden Weltkriegen nicht an Bemühungen gefehlt, eine Versöhnung zwischen den Völkern und ein Bewusstsein für die Gemeinsamkeiten der europäischen Geschichte herbeizuführen, aber für jüngere Generationen liegt insbesondere der Erste Weltkrieg weit außerhalb ihrer Erinnerung. Deshalb halten es die Museen in Reims und Wuppertal für sinnvoll, den Ersten Weltkrieg noch einmal zum Thema zu machen. Wallraf-RichartzMuseum Köln Sarah Westphal – Timpano Eine Ausstellung in der MittelalterSammlung bis zum 2. Februar 2014 Parallel zu der großen Sonderausstellung „Geheimnisse der Maler“ präsentiert das Wallraf in seiner Mittelalter-Abteilung neun ausgewählte Arbeiten der in Gent und Berlin tätigen Künstlerin. Ihre Folding (Detail), 2010, Lambda-Print, Fotografien treten dort Sarah Westphal u. Galerie Zink, Berlin an die Stelle einiger zurzeit im Untergeschoss gezeigter Hauptwerke. Eindrücklich thematisieren sie deren vorübergehende Abwesenheit und damit gleichsam ein „Fasten des Auges“. Die großformatigen, oft mehrteiligen Fotografien von Sarah Westphal (geb. 1981, Wermelskirchen) sind oft rätselhaft. Faltungen, Spiegelungen, Schleier und Vorhang sind wiederkehrende Motive in ihren Bildern. Auf ebenso tiefgründige wie faszinierende Weise lotet Westphal mit ihren Arbeiten den Themenbereich des Verhüllens und Enthüllens aus. www.wallraf.museum

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kreativ50plus wird zu Akademie Plus Das Angebot der Akademie Remscheid für außerberufliche Schaffensräume hat seinen Namen geändert. Aus kreativ50plus wurde Akademie Plus. Pünktlich mit dem Erscheinen des neuen Programmheftes in der dritten Novemberwoche wurde der neue Name eingeführt. Mit Akademie Plus lädt die Akademie Remscheid weiterhin Entdeckungslustige ein, in den Bereichen Malerei, Musik, Tanz, Theater und Medien Neues zu probieren oder schon Erprobtes weiter zu vertiefen.

Aktionstag „Lang lebe die Kunst“ machte Lust auf Kultur Beim ersten Aktionstag am 31.10. in der Akademie Remscheid nahmen über 150 Besucherinnen und Besucher die Einladung an und gewannen einen Einblick in das Angebot vom Programm Akademie Plus und von kubia (Kompetenzzentrum für Bildung und Kultur im Alter).

Unter dem Motto „Lang lebe die Kunst“ wurde ein vielfältiges Programm präsentiert. In Praxisworkshops konnten die Besucherinnen und Besucher, künstlerische Ausdrucksformen in den Bereichen Musik, Schreiben, Tanz, Theater und digitale Fotografie erproben und entfalten. Während bei den Tanzworkshops „Schritt für Schritt - mit Muße zum Tanz“ von Birgit Aßhoff und „Tanztheater - wie geht das ?“ von Barbara Cleff eine kleine Choreografie einstudiert wurde, konnten die Teilnehmenden im Workshop von Sophie Voets-Hahne Papiermobile-Kreationen, inspiriert von den Werken Alexander Calders, entwickeln.

Im Schreibworkshop „Einfach alles aufschreiben“ von Monika Winkelmann konnten die Teilnehmenden einen Eindruck gewinnen, welche kreativen Prozesse durch das Schreiben freigesetzt werden. Helga Budde-Engelke präsentierte die Gestaltungstechnik „Rost & Patina“. Einen Einblick in die Möglichkeiten kreativer Fotografie gaben die Dozenten Sabine Ullrich und Ulrich Baer. Auch der Workshop zum Thema Theaterimprovisation mit dem Titel „Mehr Erfolg durch Scheitern“ der Dozenten Beate Brieden und Thomas Hoeveler weckte die Neugierde der Teilnehmer. Lust auf Kultur bekamen die Teilnehmenden schon zu Beginn der Veranstaltung durch die Präsentationen einiger Kulturprojekte, die mit Mitteln des Förderfonds Kultur & Alter des Landes Nordrhein-Westfalen entstanden sind. Der Förderfonds, der durch kubia betreut wird, fördert mit einem Jahresbudget von 100.000 Euro neue Ideen für die Kulturarbeit mit Älteren. Das Wuppertaler und Mülheimer Tanztheater Projekt „Zwei Flüsse“ wurde dokumentarisch durch einen Film präsentiert. Neben der Lesung der Schreibwerkstatt für ältere Menschen mit und ohne Migrationshintergrund aus dem Düsseldorfer Projekt „Gemeinsame Geschichte(n)“ sowie dem Chor „Vergiss die Lieder nicht“ - einem Bielefelder Chorprojekt für Menschen mit und ohne Demenz - begeisterte das ebenfalls aus Bielefeld stammende Theaterprojekt „SenAlarm“. Weitere Informationen zu Akademie Plus erhalten Sie telefonisch unter 02191 794 212, per Mail an rauch@akademieremscheid.de oder im Internet unter www. akademieremsche Müllers Marionettentheater Dornröschen Eine zeitgenössische Geschichte von Neugier, Mut und dem Quäntchen Glück Dieser Winter wird mit Dornröschen in Müllers Marionetten-Theater überaus romantisch. Im Dezember ist das zauberhaft inszenierte Märchen, das am 16. November 2013 Premiere feiert, noch einige Male auf der Bühne des Wuppertaler Puppentheaters zu sehen.

Einhundert Jahre schlafen und was kommt dann – ein Mann natürlich. Dornröschen wird vielleicht von ihrem Erwecker enttäuscht sein, jedenfalls aber heilfroh, wieder wach sein zu dürfen. Und mit dem Herren, der sie so frech wach geküsst hat, wird sie schon fertig werden. Schließlich ist die junge Dame nun ganz schön ausgeschlafen! Ein Klassiker der Märchenliteratur dramatisiert von Müllers MarionettenTheater Wuppertal. Aufführungstermine: 1., 4., 7., 8., 11. Dezember 2013 jeweils um 16 Uhr – 3., 4., 5., 10., 11., 12., 13. Dezember 2013 jeweils um 11 Uhr 5. Dezember 2013 um 9 Uhr Eine kleine Hexe Theatermärchen von Günther Weißenborn für Theaterfreunde ab 4 Jahre

Eigentlich ist sie eine liebe kleine Hexe und genau das ist ihr Fehler ! Böse soll sie sein, so böse, wie Hexen nun einmal sind. Und das ist ganz schön schwer für die kleine Hexe Lilienkraut. Aber sie hat ja Hilfe, nämlich den kleinen Drachen Rüdiger, der schon richtig Feuer spucken kann ! Aufführungstermine: 14., 15., 20., 21., 22., 26. Dezember 2013 jeweils um 16 Uhr – 16., 17., 18., 19., 20. Dezember 2013 jeweils um 11 Uhr Der kleine Schneemann Der kleine Schneemann möchte nicht schmelzen und versucht mit Hilfe eines

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Kulturnotizen

Hundes dies zu verhindern. Doch der Schneemann verliebt sich unerwartet in einen Ofen, der in einer gemütlichen Stube steht. Für Kinder ab 3 Jahren. Musik von Peter Tschaikowsky. Aufführungstermine: 19., 22., 25., 26., 29.Januar 2014 jeweils um 16 Uhr Müllers Marionetten-Theater Ursula und Günther Weißenborn GbR Neuenteich 80, 42107 Wuppertal-Elberfeld Telefon: 0)02 / 44 77 66, E-Mail: info@muellersmarionettentheater.de

So., 1. Dezember 2013, 18 Uhr /// 1980 - Ein Stück von Pina Bausch /// Tanztheater Wuppertal Pina Bausch Uraufführung 1980 /// Neueinstudierung So, 1. Dezember 2013, 22:00 Uhr /// Tanztheater Wuppertal Pina Bausch /// Begegnungen /// A. Schwarzer / M. Großmann /// Tanztheater Wuppertal Pina Bausch / PINA40 Sa., 7. Dez. 2013, 18 Uhr /// Premiere /// Die drei Räuber /// Für alle Menschen ab 6 Jahren nach dem Buch von Tomi Ungerer und dem Animationsfilm von Hajo Freitag Weitere Termine: 9. 12. 17 Uhr, 10. 12. 10 und 12 Uhr, 11. 12. 10, 12 und 18 Uhr, 12. 12. 10 und 12 Uhr, 15. 12. 16 und 18 Uhr,16., 17., 18. und 19. 12. jeweils 10 und 12 Uhr, 20. 12. 10, 12 und 18 Uhr, 23. 12. 16 Uhr, 25. 12. 15 und 18 Uhr, 28.12. 18 Uhr

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Sa., 21. Dez. 2013, 19.30 -21.45 Uhr /// Evita /// Musical von Andrew Lloyd Webber. Libretto von Tim Rice in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln Weitere Aufführungen: So., 29 12. 18 Uhr, Di., 31. 12. 16 Uhr und 20.30 Uhr, 10. und 11. 1. 2014, jeweils 19.30 Uhr, 12. 1. 16 Uhr, 31. 1. 19.30 Uhr. So., 22. 12. 2013, 18 Uhr /// Maria Stuart /// Trauerspiel von Friedrich Schiller. Fr. 13. Dez 2013, 19.30 Uhr Weitere Aufführungen 22. 12., 18 Uhr, 5. 1. 2014 16 Uhr (mit Kinderbeteueung) So., 8. 12,, 18 Uhr /// Die Fledermaus /// Operette von Johann Strauß Sohn Weitere Aufführung: 14. 12., 19.30 Uhr, 26. 12. 18 Uhr Sa., 4. 1. 19.30 Uhr Do., 13. 1. 2014, 19.30 Uhr /// Für die Kinder von Gestern, Heute und Morgen /// Tanztheater Wuppertal Pina Bausch Weitere Aufführungen: 17. und 18. 1. jeweils19.30 Uhr, 19. 1. 18 Uhr. Fr., 24. 1., 19.30 Uhr /// Bandoneon /// Tanztheater Wuppertal Pina Bausch /// Weitere Aufführungen: 25. 1. 19.30 Uhr, 26. 1., 18 Uhr.

Wuppertaler Jazz- Kalender 2014

Sinfonieorchester Wuppertal Mo., 2. 12. 2013, 20 Uhr /// 2. Kammerkonzert /// Historische Stadthalle

„Jede Fotografie ist eine Art memento mori“, schrieb einmal die US-amerikanische Essayistin und Publizistin Susan Sontag. „Fotografieren bedeutet teilnehmen an der Sterblichkeit, Verletzlichkeit und Wandelbarkeit anderer Menschen (oder Dinge). Eben dadurch, dass sie diesen einen Moment herausgreifen und erstarren lassen, bezeugen alle Fotografien das unerbittliche Verfließen der Zeit.“ In diesem Sinne sind Fotografien Erinnerungen an die Vergänglichkeit allen Lebens. Der Kalender zeigt bekannte und weniger bekannte Musiker, auch Schüler, die ihre ersten Schritte in der weiten Welt des Jazz gehen. Er spiegelt somit das Konzept des Jazzmeetings wider, das Wuppertaler Musiker in immer neuen und überraschenden Formationen zusammenführt. Krauskopf kann in diesem sehr intimen Ambiente gleichsam gar nicht anders, als sich auf den Samtpfoten Cartier-Bressons an die Musiker anzuschleichen.

Di., 3. 12. 19.30 Uhr /// Die Ägyptische Maria /// Mysterium in einem Akt, in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln St. Joseph-Kirche Weitere Aufführung: 7. 12., 19.30 Uhr St. Remigius-Kirche Mi., 4. 12. 10 und 12 Uhr /// Erstes Schulkonzert /// Edvard Grieg, Peer Gynt, Historische Stadthalle So., 8. 12., 11 Uhr und 9. 12. 20 Uhr /// 4. Sinfoniekonzert /// Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 9 D-Dur /// Historische Stadthalle Do., 12. 12., 20 Uhr /// Liederabend /// Robert Schumann: Frauenliebe und -leben Mit Dorothea Brandt (Sopran) und Oliver Stapel (Klavier) /// Immanuelskirche So. 15. 12. 2013 11 Uhr /// Zweites 2. Familienkonzert /// Erich Wolfgang Korngold, Der Schneemann /// Historische Stadthalle

Wuppertaler Jazzmeetings im Café ADA

Moments in Time Kalender 2014

Fotos Karl-Heinz Krauskopf Verlag HP Nacke Wuppertal

Auf den Samtpfoten Henri Cartier-Bressons: Die Lichtbilder des Wuppertaler Jazzphotographen Karl-Heinz Krauskopf

Moments in Time: Wuppertaler Jazzmeetings im Cafe ADA - Kalender 2014 Verlag HP Nacke Wuppertal Friedr.-Engels-Allee 122, 42285 Wuppertal Tel. 02 02/28 10 40, Fax 02 02/ 8 31 67 verlag@hpnackekg.de · 12.90 Euro ISBN: 978-3-942043-36-6


Mi. 25. 12., 18 Uhr /// 2. Chorkonzert /// Johann Sebastian Bach, Weihnachtsoratorium BWV 248 (I-III) /// Hist. Stadthalle 1. Januar 2014, 18 Uhr /// NeujahrsKonzert /// Historische Stadthalle Fr., 10. 1. 19.30 Uhr /// Die Irrfahrten des Odysseus /// Eine Performance für Instrumentalensemble, Tonband, Erzähler, Sopran und Laterna Magica-Bilder von Dimitri Terzakis, Text von Homer /// Ganztagsgymnasium Johannes-Rau /// Weitere Aufführung: 31. 1., 19.30 Uhr So., 12. 1. 18 Uhr /// 2. Orgel-Akzent Historische Stadthalle Mo., 13. 1., 20 Uhr /// 3. KammerKonzert /// Historische Stadthalle So., 19. 1. 11 Uhr und 20. 1., 20 Uhr /// 5. Sinfoniekonzert /// Ludwig van Beethoven - Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 36 Launy Grøndahl - Posaunenkonzert Ludwig van Beethoven - Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60 /// Historische Stadthalle So., 19. 1. 18 Uhr /// Der Torero oder Liebe im Akkord /// Premiere /// Opéra comique in zwei Akten von Adolphe Adam, Libretto v. Thomas Marie François Sauvage /// Knipex-Werk Alte Schmiede Sa., 25. 1., 19:30 Uhr /// Die Kleinen und Niedrigen /// Premiere /// Schauspiel von Ernst Toller, Robert Walser und Anne Lepper /// die börse /// Weitere Aufführungen: 26. 1. 18 Uhr, 27. 1. 19.30 Uhr, 28. 1. 19.30 Uhr, 29. 1., 19,30 Uhr 29 1., 10 Uhr /// 2. Schulkonzert /// Sergej Prokofjew »Peter und der Wolf« /// Historische Stadthalle /// Weitere Aufführungen: 29. 1. 12 Uhr, 30. 1. 10 u. 12 Uhr

Konzert Cascades d‘accords bleu-orange Samstag > 11. Januar 2014 > 19 Uhr > Neue Ausstellungshalle Toru Takemitsu 1930-1996 > Rain Tree Sketch II> In memoriam Olivier Messiaen für Klavier (1992) Manfred Trojahn *1949 > Danse Pour clarinette et piano. > Pastiche en hommage à Olivier Messiaen (1997/2000) Tristan Murail *1947 > Cloches d'adieu, et un sourire... in memoriam Olivier Messiaen (1992) Olivier Messiaen 1908-1992 > Quatuor pour la fin du Temps (1941) Ulrike Nahmmacher Violine Gerald Hacke Klarinette Susanne Müller-Hornbach Violoncello Florence Millet Klavier Mit Kaskaden von blau-orangenen Akkorden beschrieb Messiaen seine Musik im Quartett auf das Ende der Zeit. Messiaen bezeichnete sich als Synästhetiker, er nahm Klänge bzw. Akkorde als differenzierte Farbkombinationen war. Neben den spirituellen Inhalten und den vielen „imitierten“ Vogelstimmen sind es immer wieder die unermesslichen Klangfarben, die sich in Messiaens Musik wiederfinden.

Konzert PINA40: Savina Yannatou Sonntag > 1. Dez. > 15 Uhr > Pavillon

Heine-Kunst-Kiosk Ekaterina Panyutina –Flieg, kleiner Vogel – Kindheit und Erinnerung Bis 4. Januar 2014 im Heine-Kunst-Kiosk

Savina Yannatou entwickelt seit der Veröffentlichung einer CD auf dem renommierten ECM Label eine immer stärkere Präsenz in der Jazzszene. Bekannt wurde sie in ihrer griechischen Heimat durch die

Noch bis zum 4. Januar 2014 präsentiert der Heine-Kunst-Kiosk unter der Leitung von Barabara Held und Boris Meißner die Ausstellung „Flieg, kleiner Vogel“ der gebürtigen St. Petersburgerin Ekaterina

Wiederentdeckung alter Volkslieder. Über diesen Umweg der Volksmusik wurde Savina Yannatou auch eine gefragte Interpretin für Alte Musik. Der Kontakt nach Wuppertal entstand über die Zusammenarbeit mit Peter Kowald.

Panyutina. In ihren Fotografien setzt sich die 25-Jährige, die mit acht Jahren nach Deutschland kam, mit den Orten ihrer Kindheit und ihren Erinnerungen auseinander und wird bei der Eröffnung Texte aus eigener Feder lesen. Für den Heine Kunst Kiosk -unterstützt u.a. vom Kulturbüro der Stadt Wuppertal- ist die Ausstellung eine Fortsetzung der Reihe „Angekommen in Wuppertal“, in der junge Wuppertaler mit Migrationshintergrund ihre künstlerischen Arbeiten vorstellen können. Heine-Kunst-Kiosk (HKK) Wichlinghauser Str. ort e. V. Peter Kowald Geswellschaft Die Peter Kowald Gesellschaft wird ihr kulturelles Angebot erweitern. cine:ort. Die Filmreihe im Ort. Wir freuen uns auf graue, verregnete Herbstabende, kalte Winternächte und das Erwachen des Frühlings. Gezeigt werden Filme aus dem breiten Themenbereich der ‘improvisierten Musik’ bis Mai 2014, 1 mal im Monat, jeweils donnerstags, ab 20.00 Uhr. Der Eintritt ist kostenfrei. 05_dezember_cine:ort_ Thelonius Monk_ Straight no chaser Von Charlotte Zwerin, 2005, 90 Min. 09_januar_cine:ort_Sing, Inge, sing! – Der zerbrochene Traum der Inge Brandenburg Von Mac Boettcher, 2011, 118 Min. 06_februar_cine:ort_Brötzmann Von René Jeuckens u.a., 75 Min. 06_märz_cine:ort_Transmitting 03_april_cine:ort_Charles Mingus_Triumph of the Underdog

08_mai_cine:ort_Peter Kowald_Chicago Improvisations/365 Tage vor Ort ort – Luisenstraße 116, 42103 Wuppertal http://www.kowald-ort.com

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Kulturnotizen

Louise Lawler, Pink and Yellow and Black I, 1999, cibachrome, 98.4 x 82.6 cm Ausstellung im Museum Ludwlg Louise Lawler. Adjusted 11. Oktober 2013 – 26. Januar 2014 Louise Lawlers Fotografien von Kunstwerken in Museen, Privaträumen, auf Auktionen oder im Depot machen deutlich, wofür wir normalerweise blind sind. Sie zeigen, wie sehr die Bedeutung von Kunst durch den Kontext, die Nachbarschaft, das Arrangement geprägt wird – und dass es eine wertfreie Präsentation von Kunst nicht gibt. Das Museum Ludwig hat der Künstlerin für ihre umfassende Werkschau das gesamte Haus geöffnet. Rund 80 Werke umfasst die Ausstellung und zeigt neben einer Übersicht ihrer wichtigsten Werke auch eine Reihe von Arbeiten aus ihrem Archiv, die noch nie öffentlich gezeigt wurden und ebenso neue Werke, welche in der Begegnung mit der Sammlung des Museum Ludwig überraschende Situationen hervorbringen. www.museum-ludwig.de

Opulente Filme, labyrinthische Installationen, komplexe Vorträge und ausufernde Aktionen – all diese Komponenten gehören zum Kunst-Universum von John Bock und prägen den grenzüberschreitenden Charakter seines Werks. Mit der Ausstellung Im Modder der Summenmutation präsentiert die Bundeskunsthalle eine Fusion der wichtigsten Stränge in Bocks Kunstschaffen und wagt dabei den Grenzgang zwischen Retrospektive und neuer Produktion. Das Prinzip des Überlagerns, des Verdichtens und der Grenzüberschreitung spiegelt sich auch in der großen Überblicksschau, die die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland dem Künstler nun ausrichtet. Im Modder der Summenmutation konterkariert das statische Moment einer retrospektiven Ausstellung und erweitert deren Prinzip, entsprechend dem Charakter des Werks, um das prozesshafte, stets veränderliche Moment. Die Frage „Was kann Ausstellen heute bedeuten?“, beantwortet John Bock hier mit einer bedingungslos offensiven Geste – ein Plädoyer für die fortwährende Erweiterung des Kunstbegriffs.

Osthaus Museum Hagen Hans Kotter – Light flow - Lichtobjekte 10 Lichtobjekte inklusive einer großen Installation. Noch bis zum 12. Januar 2014 In einen regelrechten Farbenrausch versetzt der Künstler Hans Kotter die Betrachter seiner Werke durch das überaus ästhetische Zusammenspiel von Farbkompositionen und sich spiegelnden Flächen. Kotter ist ein Experte im spielerischen Umgang mit Farbe und Licht. Er nutzt dazu unterschiedlichste Materialien wie Öl, Wasser, Plexiglas, Edelstahl und Chrom und kreiert damit sowohl Harmonien wie auch spannungsgeladene Kontraste. Er spielt mit den Sinnen. Kotters Skulpturen und Objekte, seine Leuchtkästen erwecken auf den ersten Blick den Eindruck, sie wären dazu geschaffen Räume zu verschönern, doch in Kotters Kunst geht es um mehr: Mit seinen Lichtarbeiten verwandelt Kotter den Ausstellungsraum durch Ensembles aus Kreisen und Linien oder auch changierenden Farbspektren, die oft mehrfarbig leuchten, in abstrakte Lichtlandschaften. Die Magie des Lichts macht Kotter zum Thema eines Hauptteils seines Werkes. Seine Arbeiten sind Reflektionen über den Prozess der Wahrnehmung.

John Bock, Unzone/Eierloch, 2012. Foto: Rapael Binder, © John Bock, 2013

Hans Kotter: Tunnel View, square, 80 x 80cm, Spiegel, Plexiglas, Metall, LED’s mit Farbwechsel, Edition: 1+2 AP (AP), 2011, Fotografie: Achim Kukulies, Düsseldorf

Bundeskunsthalle Bonn John Bock Im Modder der Summenmutation Noch bis zum bis 12. Januar 2014

John Bock, FischGrätenMelkStand, 2010 Foto: Jan Windszus © John Bock, 2013

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Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn www.bundeskunsthalle.de/ausstellungen

www.osthausmuseum.de/


Ausstellung Renate Horn Entdeckungen in der „Kneipe“ des Hochschul-Sozialwerks Wuppertal, Max-Horkheimer-Str. 15.

Herbst-Fenster, 2013, Collage auf Leinwand, 40 x 50 x 2 cm

Ohne Titel, 2013, Acryl auf Leinwand, 100 x 70 x 4 cm „Entdeckungen!“, so umschreibt Renate Horn treffend das Thema ihrer jüngsten Ausstellung in der „Kneipe“ des Hochschul-Sozialwerks in der Wuppertaler Universität. Ja, es gibt wahrhaftig eine bunte Vielfalt zu entdecken, denn Renate Horn zeigt dem kunstinteressierten Besucher in ihrer großen Herbstausstellung mit mehr als 45 Bildern einen breiten Querschnitt ihres künstlerischen Schaffens: Kleine und große gerahmte Aquarelle, Collagen auf Leinwänden in allen Größen, groß- und kleinflächige Acrylbilder auf Leinwand, Enkaustikarbeiten (heißer farbiger Wachs).

Dabei ist reine Abstraktion neben Gegenständlichkeit anzutreffen. Weibliche Akte, Menschen in unterschiedlichen Positionen und Situationen, Tänzer stehen emotionalen, abstrakten Werken gegenüber. Stets wird der Betrachter durch den intensivkraftvollen und geerdeten Farbausdruck gefesselt. Was die Farbwahl betrifft, so wechselt sie von warmen Rot-Orange-Tönen zu kühlen Blautönen, Goldtönen, Lila - sie bedient nahezu die gesamte Farbpalette, wenn auch dunkle Töne kaum anzutreffen sind. „Sei neugierig wie ein Kind...!“ Mit dieser Einstellung begibt sich die Wuppertaler Künstlerin beim Malen auf Entdeckungsreise. Offen und mit fast kindlicher Neugier folgt sie ihrer Intuition und lässt ihre Kreativität fließen. Genauso inspirieren lässt sie sich durch äußere Gegebenheiten in der Natur, durch Begegnungen und Erlebnisse mit Menschen. Sie lässt dennoch verlauten, dass ihre besondere Leidenschaft die Acrylmalerei sei. So werden mittels der Mischtechnik verschiedene Materialien und Farbmittel wie von einer inneren Stimme, so sagt sie, zu einem neuen Ganzen gefügt. Ähnliches gilt für die Collage-Arbeiten, die ihr sehr viel Spaß machen. „Man weiß nicht, was es am Ende wird...Ich puzzele intuitiv herum und freue mich dann am Endresultat!“ Renate Horn hat sich inzwischen sowohl der Musik als auch der Malerei verschrieben. Musik war mehr als 20 Jahre lang beruflich der Lebensinhalt der gelernten Lehrerin für Musik und katholische Religion. Zur bildenden Kunst kam sie erst vor einigen Jahren, bei der Verarbeitung einer schweren Erkrankung sowie großen Verlusterfahrungen. Heute unterrichtet die Mutter von zwei Kindern nicht mehr, sondern lebt und arbeitet als freischaffende Künstlerin mit ihrer Kunst. Musik und Malerei sind für Renate Horn Wege, ihren positiven Emotionen Ausdruck zu verleihen: „In beiden Bereichen gehe ich zum Inneren und zeige meine Seele“, sagt die 54-Jährige. Inzwischen kann Renate Horn, die seit einem Jahr in ihrem Atelier (Wiescherstr. 11-13 in Wichlinghausen) arbeitet, bereits auf zahlreiche erfolgreiche Ausstellungen zurückblicken. Bis Ende Dezember, jeweils montags bis freitags in der Zeit von 11 bis 23 Uhr Kontakt und Informationen zur Künstlerin: www.artoffer.com/Renate-Horn

Ausstellung im K1 Art-Café Von Katzen und Kaffeemaschinen Neue Graphiken von Stephan Werbeck Oft werde ich gefragt: Was ist denn gerade dein Thema? Ich bin dann meist etwas irritiert, weil ich ins Nachdenken komme und mich selber frage: Ja, was ist es denn eigentlich? Die Antwort liegt auf der Hand: Alles, was mich aus meinem unmittelbaren Umfeld erreicht und mein Interesse weckt, was sozusagen in die Aura meines geistig-seelisch-körperlichen Erlebens dringt, all das ist Thema. Seien es die scheinbar banalen Dinge des Alltags, wie Katzen oder Kaffeemaschinen, aber auch Dinge, die man mit bloßem Auge nicht sehen kann, Zellen in einem Meer von Plasma, oder Elementarteilchen, die sich, einer bestimmten Ordnung folgend, zu einem Gitter formen. Auch das sind meine Themen. Diese Dinge versuche ich, mit den zur Verfügung stehenden, gestalterischen Mitteln und mit meiner Vorstellungskraft und Fantasie sichtbar zu machen. Oft ist es ein simpler Bleistift, mal den Konturen einer Orchidee folgend, mal die Architektur einer Büroklammer erforschend. Es können aber auch auf Lithographiesteinen gespeicherte, digitale Daten sein, je nachdem, was gerade zur Hand ist, was geht und vor allem, was passt. Die Verbindung von klassischen und modernen Medien interessiert mich derzeit ganz besonders. Und die Druckgraphik erscheint mir als ein geeignetes Instrument, um meine Ideen gestalterisch umzusetzen.

Selbst vor Wald, Hartschaumschnitt/ Steindruck, 2013

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Kulturnotizen Neue Postkartenserie zu Wuppertal jetzt im Buchhandel 15 Aussagen und Fotos zur Stadt Bekannte Persönlichkeiten äußern sich zu Wuppertal. Hochwertige Postkartenserie mit Fotografien von Björn Ueberholz und Porträts von Andreas Noßmann.

Literaturhaus Wuppertal e. V. Mit Texten von: Pina Bau

sch, (19

Pina Bausch

40 – 200

9)

Jean Cocteau

Wuppert al keine So ist eine Alltag sstadt, nntagss Das ist tadt. wichtig für unse Arbeit. re

Kasimir Edschmid Friedrich Engels Franz Emanuel Geibel Johann Wolfg. von Goethe Günter Grass Günter Grass (geb. 1927)

Hermann Hesse Else Lasker-Schüler

Und das, Kinder, bringe ich aus Wuppertal mit, wo die Schwebebahn eine Vielzahl wundergläubiger Sekten unfallfrei verbindet.

Gerhard Nebel

2. 12. 2013 – 19:30 Uhr Werkstatt-Lesung: Gibiec, Stracke und Rürup Dieser Termin ist die dritte WerkstattLesung Wuppertaler Autoren. Diesmal lesen die Schriftsteller Christiane Gibiec, Ingrid Stracke und Matthias Rürup aus ihren noch unveröffentlichten Arbeiten. Teo-Otto-Theater Remscheid Klangkosmos – Trio Elsouma Balladen von der Mondinsel Komoren Donnerstag, 19. 12. 2013, 20 Uhr

Jonannes Rau Wilhelm Heinrich Riel Joachim Ringelnatz Else Lasker-Schüler (1869

Robert Wolfgang Schnell

– 1945)

Tom Tykwer

Den Atem mussten wir einhalten, kamen wir an den chemischen Fabriken vorbei, allerlei scharfe e Arzeneien und Farbstoff färben die Wasser, eine Sauce für den Teufel.

Format: 21 x 10,5 cm, per Stück 1,20 Euro.

– 2006) Johannes Rau (1931

der Bindestrich Wuppertal ist estfalen. von Nordrhein-W

Friedrich Engels (1820 –

1895)

Der schmale Fluß ergießt bald rasch, bald stockend seine purpurnen Wogen zwischen rauchigen Fabrikgebäuden und garnbede ckten Bleichen hindurch.

Tom Tykwer

(* 23. Mai 1965)

teckt sich Wuppertal vers und pflegt seine in einem Tal Die Kulisse Geheimnisse. ln mit ihren Hüge dieser Stadt, en steilen Straß und Treppen, immenden und dem best erinnert mich Verkehrsband . cisco an San Fran

Wuppertaler Ansichten 15 Aussagen und Fotos zur Stadt

15 Karten im Schuber: Verlag HP Nacke ISBN 978-3-942043-95-3 Preis 14,80 Euro

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Über diese Stadt wurde viel geschrieben. Fertig geworden ist keiner mit ihr. (Lisa Kristwaldt)

Das Trio Elsouma vereint drei außergewöhnliche Musikerpersönlichkeiten und Elemente der verschiedenen Musikstile und traditionellen Instrumente der Komoren und widmet sich den aktuellen Themen des Lebens auf den Inseln: „Soubi” Athoumane Soubira begegnet 1976 Al Abdou, einem Spezialisten der Dzendze, der komorischen Harfe. Er baut Soubi sein erstes Instrument und lehrt ihn die Kunst, die Geister mit seinem Instrument zu rufen und zu beschwören. Eliasse Ben Joma entwickelte sein eigenes stilistisches Konzept des Za N‘goma (ngoma = Musik oder Rhythmus des Lebens), sein Instrument ist die Gitarre und er gehört zu den anerkannten jungen Talenten des Archipels. Mwegne M‘madi spielt das archetypische Instrument der Komoren, die Gambusi, sowie die kastenförmige Zither Dzendze. Eliasse Ben Joma – Gitarre, Garando, Goma, Gesang, Mwegne M‘madi – Dzendze, Gambusi, Ngoma, Mkayamba, Gesang, „Soubi“ Athoumane Soubira – Dzendze, Gambusi, Mkayamba, Gesang


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