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DIE BESTE ZEIT Das Magazin für Lebensart Wuppertal und Bergisches Land

Ausgabe 12, 2011 - 3,50 Euro

DEAD_Lines Ausstellung Kunsthalle Barmen

Mit spitzer Feder Der Zeichner André Poloczek

TiC mit Kiss me, Kate Musical auf der Bühne

Der Jazz lebt ! Das 9. Wuppertaler Jazzmeeting

Inszenierte Träume Die Fotografin Alina Gross

Zivilist unter Uniformierten Der SPD-Politiker Dr. Willfried Penner

Saitenspiel Das Prisma-Quartett

Zwischen Kloppe und Glück Die Schriftstellerin Karla Schneider

Neue Kunstbücher vorgestellt von Thomas Hirsch

Jeder Vers ein Leopardenbiss Kulturnotizen Irgendwie jüdisch Kulturveranstaltungen der Region Alte Synagoge und jüdisches Museum Peter- Hammer-Verlag

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„Die beste Zeit“ erscheint in Wuppertal und im Bergischen Land Erscheinungsweise: 5 – 6 mal pro Jahr Verlag HP Nacke KG - Die beste Zeit Friedrich-Engels-Allee 122, 42285 Wuppertal Telefon 02 02 - 28 10 40 E-Mail: verlag@hpnackekg.de V. i. S. d. P.: HansPeter Nacke und Frank Becker Erfüllungsort und Gerichtsstand Wuppertal Bildnachweise/Textquellen sind unter den Beiträgen vermerkt.

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Umschlagbild: Erwin Olaf, Di † 1997, aus der Serie Royal Blood, 2000, Lambda Print, 125 x 125 cm, Courtesy Flatland Gallery, Utrecht Gastbeiträge durch Autoren spiegeln nicht immer die Meinung des Verlages und der Herausgeber wider. Für den Inhalt dieser Beiträge zeichnen die jeweiligen Autoren verantwortlich. Kürzungen bzw Textänderungen, sofern nicht sinnentstellend, liegen im Ermessen der Redaktion. Für unverlangt eingesandte Beiträge kann keine Gewähr übernommen werden. Nachdruck – auch auszugsweise – von Beiträgen innerhalb der gesetzlichen Schutzfrist nur mit der ausdrücklichen Genehmigung des Verlages. Trotz journalistischer Sorgfalt wird für Verzögerung, Irrtümer oder Unterlassungen keine Haftung übernommen.


Editorial Liebe Leserinnen, lieber Leser, vor Ihnen liegt die 12. Ausgabe der Besten Zeit. Wir berichten von der aktuellen Ausstellung „Dead-Lines“ in der Kunsthalle Barmen, vom 9. Wuppertaler Jazzmeeting und stellen die Begegnungsstätte Alte Synagoge mit der Ausstellung Tora und Textilen vor. Sie finden Porträts von Dr. Wilfried Penner, dem Karikaturisten Polo, der Fotografin Alina Gross, sowie der Wuppertaler Schriftstellerin Karla Schneider: insgesamt 52 Seiten mit Beiträgen aus dem kulturellen Leben unserer Stadt, interessanten Buchvorstellungen sowie umfangreichen Kulturnotizen im Anhang der Ausgabe. Zum Ende des Jahres stellt sich für mich erneut die Frage: geht es weiter und wenn ja, wie geht es weiter - oder stellen wir die Herausgabe des Kulturmagazins wegen Erfolglosigkeit komplett ein. Es gibt Leser, die immer auf die nächste Ausgabe warten, sie rufen an und möchten den Erscheinungstermin genau wissen. Dennoch ist die Resonanz allgemein betrachtet gering, vor allem wenn man die mühevolle Arbeit bedenkt, die in jeder Ausgabe steckt. Es war meine Vision, ein solches Produkt ins Leben zu rufen, unabhängig und als Ergänzung der kulturell regionalen Berichterstattung unserer Tageszeitung. Für den interessierten Bürger informativer zu sein, Einblicke zu geben in das kulturelle Geschehen, Menschen zu porträtieren, Initiativen oder Institutionen vorzustellen und das ohne jeden Anzeigenfriedhof oder Gefälligkeitsjournalismus. Wir sind sehr erwartungsvoll im Jahr 2009 gestartet, haben viel Zeit und Mühen investiert, leider blieb der erwünschte Erfolg aus. Offensichtlich gibt es keinen Markt neben den hochglänzenden Lifestyle-Magazinen oder reinen Anzeigenblättern. Zu anspruchsvoll, zu einseitig sind wohl die größten Kritikpunkte. Nach meiner Ansicht fehlte aber eine entsprechende, kulturell hochwertige Informationsquelle in dieser Stadt. Ich bringe größtes Verständnis dafür auf, dass man auf Dauer nicht rein für Gottes Lohn arbeiten möchte und so danke ich allen Autoren für ihre konstruktive Mitarbeit. Nachdem Frank Becker seine Arbeit als Mitherausgeber aus persönlichen Gründen zum Ende des Jahres beenden wird, werde ich diese Aufgabe kaum zusätzlich bewältigen können. Allein an Satz und Layout arbeite ich an jeder Ausgabe viele Stunden. Ich bin kaum in der Lage, das Zusammenstellen, Schreiben und Koordinieren der journalistischen Feinarbeit zusätzlich zu übernehmen. Sollte ich das Magazin einstellen müssen, wird mir das sicher nicht leicht fallen. Vielleicht ergibt sich aber doch durch das eine oder andere noch ausstehende Gespräch die Möglichkeit, zukünftig ein Fortbestehen des Magazins sichern zu können. Persönlich danke ich Frank Becker für seine Mitarbeit in der Vergangenheit. Danken aber möchte ich auch den Unternehmen, die uns mit ihren Anzeigen unterstützen. So können wir einen Teil der Produktionskosten auffangen. Ich hoffe, dass es weiter geht und wünsche Ihnen noch sonnige Herbsttage sowie viel Vergnügen bei unserer Lektüre Ihr HansPeter Nacke

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Barbara Neusel-Munkenbeck und die Urne “moi“

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und Nacht 66 36 74


Inhalt Ausgabe 12, 3. Jahrgang, November 2011

Auf Schritt und Tritt

Jeder Vers ein Leopardenbiss

DEAD_Lines – Ausstellung in der Kunsthalle Barmen von Frank Becker

Else-Lasker-Schüler-Almanach im Peter-Hammer-Verlag erschienen von Heiner Bontrup

Seite 6

Gänsehaut

Der Jazz lebt ! Das 9. Wuppertaler Jazzmeeting von Heiner Bontrup

Seite 33

Seite 12

Eine Erzählung von Karl Otto Mühl

Saitenspiel

Als Zivilist unter Uniformierten

Das Prisma-Quartett in der Historischen Stadthalle Wuppertal von Johannes Vesper

Annäherung an ein Portrait des SPD-Politikers Dr. Willfried Penner von Matthias Dohmen

Seite 16

Irgendwie jüdisch

Neue Kunstbücher

Tora und Textilien: Alte Synagoge und jüdisches Museum von Marlene Baum

Die Stadt als Architektur vorgestellt von Thomas Hirsch

Seite 37

Seite 39

Seite 42

Seite 18

Mit spitzer Feder

Buchvorstellungen

Der Wuppertaler Zeichner, Karikaturist und Illustrator André Poloczek von Frank Becker

Geschichtsbücher – Buchgeschichten vorgestellt von Matthias Dohmen

Seite 44

Dada-Ada Assoziationen von Heiner Bontrup

Seite 45

Seite 22

Inszenierte Träume Die Fotografin Alina Gross von Frank Becker

Seite 26

Kulturnotizen

Von Kindheiten, Wunschträumen und Schnecken Die Wuppertaler Schriftstellerin Karla Schneider – von Frank Becker

Kulturveranstaltungen in der Region

Seite 46

Seite 29

TiC mit dem Musical Kiss me, Kate

Zwischen den Fronten

Cole Porters Musical nach 63 Jahren noch immer ein Publikumsmagnet von Frank Becker

Die Kriegstagebücher Gerhard Nebels, wiederentdeckt von Michael Zeller von Johannes Vesper

Seite 33

Seite 50

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Auf Schritt und Tritt Noch bis zum 12. Februar 2012 ist in der Kunsthalle Barmen des Wuppertaler Von der HeydtMuseums eine in ihrem Sujet wohl einzigartige Ausstellung zu sehen: DEAD_Lines.

Solange Künstler sich mit dem Leben beschäftigt haben, ist auch å Ende das Thema. Der Tod ist auf Schritt und Tritt im Leben dabei, daher auch topisch für die bildende Kunst. Raffael, Albrecht Dürer, Hans Baldung, Alfred Rethel und Gustav Klimt haben den Tod gemalt, Arnold Böcklins „Toteninsel“ ist so legendär geworden wie Jacques-Louis Davids „Tod des Marat“ (1793) und Wolf Vostell hat den Tod zum Fluxus-Thema gemacht. Francisco de Goya, A. Paul Weber, Edvard Munch, Bazon Brock, Salvador Dali haben sich mit dem Unausweichlichen beschäftigt - die Zahl der Künstler ist Legion. Erst kürzlich veröffentlichte der Lappan Verlag einen Band mit Cartoons zum Tod, der mit den großen zeitgenössischen Zeichnern publikumsnah die makaber-witzige Seite des Sterbens und seiner Umstände präsentierte. Womit wir beim Heute sind - und uns dem Charakter der aktuellen Ausstellung in Wuppertal nähern. Die Kuratoren Dr. Birgit Richard und Dr. Oliver Zybok haben ihr Augenmerk auf die zeitgenössische Kunst gerichtet - genauer: auf die letzten 20 Jahre - und 120 Arbeiten von 56 internationalen Künstlern für ihre Ausstellung zusammengetragen. Gezeigt werden Gemälde und Zeichnungen, Video- und Raum-Installationen, Skulpturen und Fotografien. Aufgenommen

Dr. Gerhard Finckh, Leiter des Von der Heydt-Museums und die Kuratoren Dr. Birgit Richard und Dr. Oliver Zybok

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wurden „Positionen zur Endlichkeit des Lebens“ (Birgit Richard), die Orte und Symbole des Todes aufsuchen, den allgegenwärtigen medialen Totenkult persiflieren (Beispiel Erwin Olafs „Diana“, 2000), den Jugendkulturen Gothic, Punk und Black Metal Raum geben mit dem Numinosen spielen und hautnah mit dem Tod konfrontieren wie z.B. Anne-Julie Raccoursier mit ihrer Installation „Jet Lag“ (2007), die ein z.T. von einem Leichentuch überdecktes Modell einer Boeing 707 zeigt (ihre Arbeit „The Last Reflex“, 2011) haben wir als Motto über diesen Artikel gestellt), die nüchternen Fotos von Lucinda Devlin, die kühl ausgeleuchtete Todeszellen und Hinrichtungsräume in US-Gefängnissen aufgenommen hat, oder ein von Willie Doherty fotografiertes ausgebranntes Autowrack „Abandoned Vehicle II“ (1994). Mit seiner skulpturalen Installation „Anzug“ (2007), einer männlichen Schaufensterpuppe im dezenten Nadelstreifenanzug, ausgerüstet mit einem Scharfschützengewehr und Unmengen von Munition hat MK Kaehne vier Jahre vor dem grauenhaften Massaker auf der norwegischen Ferieninsel Utoya wie in einer alptraumhaften Ahnung ein künstlerisches Dokument von erschreckender Aktualität geschaffen. Kaehne erreicht es durch zwei eindeutige Hinweise, den Finger am Abzug der Waffe und das Fehlen


Lucinda Devlin, Lethal Injection Chamber, Nevada State Prison, Carson City, Nevada, 1991, aus der Serie The Omega Suites, Chromogenic print, ca. 49,5 x 49,5 cm, Courtesy Galerie m, Bochum der oberen Kopfhälfte, also des Gehirns, die allen Massenmördern, welcher Motivlage auch immer, gleiche Grundsätzlichkeit unmißverständlich darzustellen. Apokalyptisch auch Markus Selgs „Der Vorhof“ (2004), ein grandioses Tableau in der Tradition eines Goya. Schon zu Lebzeiten Ikone und durch ihren mystifizierten Tod beinahe zur Heiligen geworden ist Diana Spencer, Princess of Wales, „Königin der Herzen“ der Yellow Press und ihrer Leser(innen).

Ihr hat - ich erwähnte es oben - der Holländer Erwin Olaf mit seinem Gemälde „Di † 1997“ aus der Serie „Royal Blood“ ein makabres Denkmal gesetzt, das nun selbst das Zeug hat, zur Ikone zu werden. Eines der eindrucksvollsten Werke der Wuppertaler Ausstellung und durch seine Teilnahme wirklich sensationell ist Gregory Crewdsons 145 x 223 cm große Fotoinszenierung „Esther Terrace“

(2006). Crewdson beherrscht wie kein zweiter in der Fotografie die Gegenwart der Tristesse bis hin zur düsteren Existenzangst einzufangen. Vor ihm hat das in der Malerei Edward Hopper zur Perfektion gebracht. Gregory Crewdsons Entwürfe sind jedoch von ungleich komplexerer Anlage. Gewiß ist er seit Beginn des 21. Jahrhunderts einer der weltweit maßgeblichen Fotografen.

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oben: Anne-Julie Raccoursier, sans titre, 2011, Neonröhre, Acryl und Klebefolie auf Wand, Maße variabel, Courtesy by the artist unten: Almut Linde, Dirty Minimal #52.2 — Landschaft / Feuerpause – Landscape / Cease-Fire, 2008, 2-tlg., C-Print, 318 x 206 cm, Courtesy rahncontemporary, Zürich rechte Seite: Erwin Olaf, Di † 1997, aus der Serie Royal Blood, 2000, Lambda Print, hinter Plexiglas auf Dibond aufgezogen, 125 x 125 cm, Courtesy Flatland Gallery, Utrecht

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Nicht gezeigt werden dankenswerterweise Beispiele der entsetzlichen „Plastinate“ des KunstScharlatans Gunter von Hagens - Wuppertals Museumsdirektor Dr. Gerhard Finckh hat die nachvollziehbare Begründung zur Hand: „Das ist keine Kunst, sondern Handwerk und für die Kunstwelt unbedeutend.“ Dem ist wohl nichts hinzuzufügen. Ein Novum ist, daß um eine Woche zeitversetzt parallel in der Galerie der Stadt Remscheid, deren Leiter Oliver Zybok ist, unter gleichem Titel eine zweite Ausstellung überschneidend mit Werken z.T. der selben Künstler wie in Wuppertal eröffnet wird. Die dort gezeigten Arbeiten ergänzen das Thema, die Auswahl aber unterscheidet sich insofern, daß sie den Museumsbesuchern der Wuppertaler Kunsthalle den Anblick einiger der eher widerwärtigen Werke erspart, die Kurator Oliver Zybok für sein eigenes Haus ausgewählt hat. Aber das ist ja vielleicht auch nur mein einer grundsätzlichen Ethik und Ästhetik geschuldeter ganz persönlicher Geschmack. Ich habe Ihnen hier nur einige der 70 in Wuppertal ausgestellten Arbeiten vorstellen können. Ein Besuch in der Ausstellung lohnt auf jeden Fall - sicher auch ein vergleichender/ergänzender Besuch in der Städtischen Galerie Remscheid, die eine Parallel-Ausstellung zeigt. Kunsthalle Barmen - Geschwister-SchollPlatz 4-6 - 42275 Wuppertal Zu den Ausstellungen ist ein von beiden Museen gemeinsam herausgegebener hervorragender Katalog erschienen, der in aller Ausführlichkeit mit brillanten Abbildungen (alle Exponate werden im Bild gezeigt) und diversen Aufsätzen das Thema vorstellt: DEAD_Lines - Hrsg. von Oliver Zybok und Birgit Richard, Texte von Verena Kuni, Thomas Macho, Birgit Richard, Manfred Schneider, Oliver Zybok u. a. © 2011 Verlag Hatje Cantz, ca. 256 Seiten, ca. 200 farbige Abb., Deutsch/Englisch, 24,50 x 30,50 cm, gebunden, ISBN 978-3-7757-3005-1 - 39,80 Euro Weitere Informationen: www.hatjecantz.de www.von-der-heydt-kunsthalle.de Frank Becker Gregory Crewdson, Untitled (Esther Terrace), 2006, aus der Serie Beneath the Roses, Digitaler Pigmentdruck, 145 x 223,5 cm, Museum Frieder Burda, Baden-Baden

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These: Der Jazz lebt ! Beweismittel: Das 9. Wuppertaler Jazzmeeting

links: Saxophon (Klaus Dapper) Foto: Thorsten Leiendecker unten: Roy Harrington und Jens Filser Foto: Karl-Heinz Krauskopf

Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi hatte in den 70er Jahren begonnen, das Phänomen des „Flow“ zu untersuchen. Wer jenes wunderbare Gefühl der Übereinstimmung von sich selbst mit seiner Mit- und Umwelt praktisch und live erleben möchte, der gehe zum Jazzmeeting in die Kulturkneipe „Ada“. Das Haus des Jazz kennt viele Zimmer und Kammern: Ob Hot oder Cool, ob Bebop oder Free: auf zwei simultan bespielten Bühnen und Ebenen kann der Besucher zwischen den unterschiedlichen Spielarten des Jazz flanieren, auf Neues und Unbekanntes stoßen oder sein Herz an Altbewährtem erwärmen. Das von einem Team um Rainer Widmann und Uli Armbruster initiierte und organisierte Jazzmeeting, das nun schon zum neunten Male über die Bühne ging, ist inzwischen zu einer festen Institution der Bergischen Kulturregion geworden. Und zu einer Art Leistungsschau der quantitativ differenzierten und qualitativ hochwertigen Wuppertaler Jazzszene. Mehr als 500 Besucher strömten in das Ada und füllten es bis auf den letzten Platz. „Das Schöne am Jazz-

meeting ist, dass sich hier die Protagonisten ganz unterschiedlicher Stilrichtungen treffen, die einander – obwohl sie in einer Stadt leben und spielen – sonst vielleicht einander gar nicht begegnen würden. So kam es immer mal wieder zu überraschenden Fusionsprojekten.“ Wunderbar ist auch, dass sich der Jazz, dem schon als Musik des vergangenen Jahrhunderts der Tod angedichtet wurde, beim Meeting im Ada als unverschämt lebendig erweist. Da sind junge Gesichter zu sehen – auf der Bühne und im Publikum! In diesem Jahr etwa das „CFG and all that jazz“-Septett des Carl-Fuhlrott-Gymnasiums. Unter der Leitung der Lehrerin und leidenschaftlichen Saxophonisten präsentierte die Schüler-Combo Jazz-Klassiker und heimste dafür begeisterten Beifall an jenem Ort ein, der früher eine Hochburg des Free Jazz war. So ändern sich die Zeiten und künstliche Schranken fallen. Dass der Nachwuchs auch musikalisch überzeugen und dabei sogar Wege jenseits des Mainstreams beschreiten konnte, demonstrierte die die 20-köpfige Band „Jazzpension“ der Bergischen Musikschu-

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le unter der Leitung des Trompeters Martin Zobel. Für viele der jungen Musiker dieses Ensembles ist die Unterkunft in der Jazzpension ein wichtiger Zwischenstopp auf dem Weg zum Studium von Jazz und Popularmusik. Dieses Zusammenführen von etablierten und jungen Musikern ist eine kluge Form der Nachwuchsförderung – was wohl auch das Ministerium für Jugend und Kultur sowie der Landesmusikrat so sehen, die das „Jazzmeeting“ dankenswerterweise als Sponsoren finanziell unterstützen und ermöglichen.

linke Seite: CFG-and all that jazz v.l.n.r. Leon Gleser, Max Schneider, Nicole Schaller-Picard, Zita King, Foto: Karl-Heinz Krauskopf unten links: Holger Mertin Foto: Karl-Heinz Krauskopf unten rechts: André Enthöfer Foto: Thorsten Leiendecker

Neben den Auftritten von Wuppertaler Jazzgrößen wie Andre Enthöfer war das „Saz Special Project“ des Wuppertaler Musikers Ralf Werner einer der Höhepunkte. Das Saz-Projekt vereint unterschiedliche Musikkulturen: Tabla, die indische Handtrommel, trifft in Gestalt des Cellos auf die europäische Musiksprache der Klassik, verbindet sich mit dem Folk der 1970er Jahre und dem jazzigen Sound des Saxophons. Vier Musikkulturen aus Indien, den USA, dem Orient und Deutschland verschmelzen zu einem wunderbaren Amalgam aus Klangfarben. Besonderer Gast bei diesem Projekt war der mit zweitem Wohnsitz in Wuppertal lebende amerikanische Gitarrist David Becker. Beeindruckend war auch die intermediale Performance, bei der drei Musiker auf drei Videokünstler trafen. Eberhard Kranemann (Gitarre, Saxophon, Keyboard, Stimme), Gründungsmitglied der legendären Gruppe „Kraftwerk“ und damit einer der wesentlichen Protagonisten der Neuen Deutschen Welle war Motor

dieses Projektes, bei der alle Protagonisten gemeinsam frei improvisierend auf die Klangangebote und Bildvorschläge der jeweils anderen eingingen, sodass sich ein ständig veränderndes Geflecht aus aus potischen und akustischen Informationen entstand, das den Zuhörer magisch in den Bann seiner Aufmerksamkeit zog. Die Überraschung des diesjährigen Meetings war vielleicht das Duo Mathias Haus und André Nenzda. Haus’ Vibraphon trifft auf Nenzdas Kontrabass; Metall auf Holz und was aus dieser Begegnung entstand, waren dichte Passagen von Schwebungen, Klangschichtungen und intensiver Stille: ein ganz ungewöhnlicher Flow aus Klangfarben und Tönen, der noch lange nachklingen – wie das Jazzmeeting selbst. Heiner Bontrup

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Saitenspiel: Im Quartett (1) Das Prisma-Streichquartett in der Historischen Stadthalle Wuppertal

Das Prisma-Quartett v.l.n.r.: Pirkko Langer, Cello Kathrin Brosi, Violine Annette Hartmann, Viola Benjamin Spillner, Violine © für beide Fotos: Janine Kühn

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Das Prisma-Quartett ist in Wuppertal in bester Erinnerung, war es doch bereits in der letzten Spielzeit am gleichem Ort zu hören, damals mit selten aufgeführten Werken wie Otmar Schoecks „Notturno“ für Solo-Bariton und Streichquartett oder John Cages „String Quartet in Four parts“. Die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Musik ist dem lebendigen Quartett wichtig. In den letzten zwei Jahren wechselte die Besetzung der beiden Geigen zweimal. Nun spielen also Benjamin Spiller, Kathrin Brosi, Annette Hartmann und Pirkko Langer zusammen. Der aktuelle, junge Primarius ist Konzertmeister der Heidelberger Symphoniker und Schüler von Ulf Hoelscher. Kathrin Brosi stammt aus dem Württemberger Kammerorchester und scheint sich schon immer vor allem für Kammermusik interessiert zu haben. An diesem herrlichen, sonnigen Herbsttag (23. 10. 2011) wird das Kammerkonzert am Nachmittag eröffnet mit Joseph Haydns Quintenquartett (Op. 76.Nr. 2),

so benannt nach den fallenden Quinten, mit denen das Quartett beginnt. In der offenen, luziden Akustik des Mendelssohn-Saales wird jede Nuance hörbar, jede Nähe des Bogens zum Steg und jede forcierte Berührung mit der Saite. Die 1. Violine ist bei Haydn immer enorm gefordert, virtuos in den Ecksätzen und im Variationssatz, der warme Ton des Violoncellos hält dagegen. Die Oktavkopplung der Violinen gegen Bratsche und Cello in der Art eines zweistimmigen Kanons gibt es schon in den ganz frühen Streichquartetten Haydns, des Erfinders dieser Gattung. Aber welche musikalische Entwicklung der Persönlichkeit bzw. ihres musikalischen Ausdrucks findet sich zwischen Op. 1.1 von 1756 und dem Op. 76,2 von 1799. Die Vitalität und der Einfallsreichtum sind beim 67 jährigen Haydn ungebrochen, und wir konnten das heute erleben. Der 1926 in Rumänien geborene György Kurtág gilt neben Ligeti als der wichtigste Komponist Ungarns. 1993 war


er als „Composer in Residence“ Gast der Berliner Philharmoniker. Heute nun 12 kurze Stücke („Mikroludien“ Op. 13) von 1977/78. Schwebende Disharmonien, schluchzende Glissandi, kräftige Pizzicati, rhythmische vertrackte Klänge. Leises Flageolett mit Dämpfer oder auch ohne erinnert an Töne, die man von Panflöten her kennt. Kräftige Motive von Bratsche und Cello im Klangteppich der beiden Geigen, Große dynamische Gegensätze im Tremolo mit und ohne Vibrato. Der Zuhörer ist ob der Ausdrucksfülle und der Leichtigkeit des Vortrags fasziniert. Nach der Pause dann das Streichquar-

tett a-moll (Op. 51, Nr. 2) von Johannes Brahms. Zwar kein Alterswerk wie Op. 76.2, aber immerhin war Brahms 40 Jahre alt, bevor er erstmals Streichquartette und zwar die des Op. 51 veröffentlichte. Es war also eine lange Geburt mit seinen Streichquartetten. Er hat sie seinem Freund, dem heute noch berühmten Chirurgen Theodor Billroth gewidmet. Das Werk von 1873 gibt mit singenden, nahezu wienerisch anmutenden, schwelgenden Melodien die Stimmung des Komponisten („frei- aber froh bzw. „frei, aber einsam“! Kopfmotiv: a-f-a-e) wieder. Im 3. Satz, der mit flinkem Piano

Sommernachtsträume weckt, ist die Virtuosität und Sensibilität aller vier gefordert. Das ganze Quartett ist bei seiner Komplexität voll wunderbarer Musik und im letzten Satz mit einem kurzen Finale furioso synkopisch-ungarisch angehaucht. Das Quartett bedankte sich für den reichen Applaus des kleinen Publikums mit dem 2. Satz aus Mendelssohns Streichquartett Nr. 6, welches in Gänze später in der Wuppertaler Kammermusikserie des Quartetts zu hören sein wird. Johannes Vesper

Im Herbst/Winter 2011 bringt das Prisma Quartett folgende Konzertprogramme zu Gehör: J. Haydn: Streichquartett d-moll, op. 76/2 G. Kurtág: 12 Mikroludien für Streichquartett, op. 13, Hommage à Mihály András J. Brahms: Streichquartett, a-moll, op. 51/2 D. Hahne: „Writings“ für Klavierquartett, elektronische Klänge und Video (2009) D. Hahne: „Ecoute II“ für verstärktes Streichquartett und Klarinette (1997) W. A. Mozart: Streichquartett G-Dur, KV 387 B. Bartók: Streichquartett Nr. 3, Sz 85 F. Mendelssohn Bartholdy: Streichquartett Nr. 6, f-moll, op. 80 F. Schubert: Quartettsatz c-moll, D 703 A. Zemlinsky: Streichquartett Nr. 3, op. 19 L. v. Beethoven: Streichquartett B-Dur, op. 18/6 J. Haydn: Streichquartett Es-Dur, op. 64/6 S. Prokofiev: Streichquartett Nr. 2, F-Dur, op. 92, Sur des Thèmes Kabardines M. Ravel: Streichquartett F-Dur Termine in Wuppertal: 25. 11.12011 Schulkonzert Sonntag, 27. 11. 2011, 16.00 Uhr: W. A. Mozart: Streichquartett G-Dur, KV 387 Bela Bartók: 3. Streichquartett F. Mendelssohn-Bartholdy: Streichquartett f-moll Op. 88 Die gesamte Kammermusikreihe 2011/12 mit dem Prisma-Quartett wird wie 2010/11 finanziell gefördert von Detlef Muthmann. Weitere Informationen: www.prisma-quartett.de

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Irgendwie jüdisch Tora und Textilien: Alte Synagoge und jüdisches Museum

Eigentlich hätte dort ein Parkhaus stehen sollen – da, wo seit 1865 bis zu ihrer Zerstörung in der Reichskristallnacht 1938 die Elberfelder Synagoge gestanden hat. Wer hätte gedacht, dass an dieser Stelle heute, mitten in der Stadt, ein Apfelgarten steht! Parkhaus oder Gedenkstätte – darüber stimmte schließlich 1986 nach langen Debatten der Rat der Stadt Wuppertal ab: „Am Platz der ehemaligen Synagoge in der Genügsamkeitstraße in Elberfeld wird ein Mahnmal errichtet. Die Gedenkstätte soll an das Schicksal der Juden in Wuppertal in der Zeit des Nationalsozialismus erinnern und die nachwachsenden Generationen mahnen, das Schicksal dieser Bürger unserer Stadt nicht zu vergessen, um gemeinsam zu verhindern, dass je wieder Gleiches geschieht.“ Die spannungsreichen Diskussionen der Politiker kann man heute in der Begegnungsstätte mittels einer Hörstation verfolgen. Angesichts des Ergebnisses ist es kaum noch nachvollziehbar, dass es beinahe zu einem Scheitern gekommen wäre! Zwei Jahre nach dem Ratsbeschluss wurde ein Architektenwettbewerb zu Gunsten der Architekten- und Künstlergemeinschaft Peter Busmann & Godfried Haberer, Köln, mit dem Bildhauer Zbyszek Oksiuta, Köln, und dem Landschaftsarchitekten Volker Püschel aus Mettmann entschieden. Im Juni 1993 gründete sich der „Trägerverein Begegnungsstätte Alte Synagoge

Wuppertal“ e. V. aus zehn Vereinen, zu denen u. a. die Bergische Universität Wuppertal, evangelische und katholische Institutionen und die Jüdische Kultusgemeinde Wuppertal gehörten. Ulrike Schrader hat die Begegnungsstätte seit 1994 ohne Dauerausstellung geleitet. 2009 sah sie die Zeit gekommen, das Konzept zu ändern: „Mit dem wachsenden zeitlichen Abstand vom Nationalsozialismus gerät der moralische Aspekt in den Hintergrund. An seine Stelle tritt der Bedarf an Informationen, die zeitgemäß lebendig und anschaulich aufbereitet sein müssen, um auch in Zukunft Interesse zu wecken.“ ‚Tora und Textilien’ heißt die Ausstellung, denn es war die Herstellung von Stoffen und Bändern, also Textilien, die das Wuppertal seit dem 17. Jahrhundert für Einwanderer, darunter auch vielen Juden, so attraktiv machte. Da die Juden als unterdrückte Minderheit dauernde Rechtsunsicherheit zu erdulden hatten, hofften sie auf günstigere Lebensund Arbeitsmöglichkeiten. So ist es kein Wunder, dass sie sich mit den Zielen der Französischen Revolution identifizierten und die Chancen ergriffen, die ihnen die rechtliche Gleichstellung und der rasante wirtschaftliche und technische Aufschwung zu Beginn des 19. Jahrhunderts boten. Während 17 Jahren ihrer Tätigkeit als Leiterin der Begegnungsstätte hat Ulrike Schrader von Wuppertaler Bürgern und

rechts: Die Begegnungsstätte Alte Synagoge an der Genügsamkeitstraße in Elberfeld linke Seite: „Die kleine Reni“ – Ausstellungsdetail

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vor allem von ehemaligen Wuppertalern, die als Juden ihre Heimat um 1930 haben verlassen müssen, eine Fülle von Dokumenten wie Schriftstücken, Fotografien und Objekten bekommen. Diesen Schatz galt es zu ordnen und zu gestalten. An diesem Punkt begann die Zusammenarbeit zwischen der Kuratorin Ulrike Schrader und der Kommunikationsdesignerin Andrea Hold-Ferneck und ihren Mitarbeitern. Sie konnte neben ihrer beruflichen Qualifikation - „Designer gestalten die zu kommunizierenden Inhalte im Raum und setzen dabei optische Schwerpunkte,“ auch ihre Erfahrungen als bildende Künstlerin einbringen, da sie ihre Fotografien in den jeweiligen Ausstellungsräumen eigenwillig inszeniert, indem sie vorgefundene Gegenstände einbezieht. In Abstimmung mit der Kuratorin entwickelte sie das gesamte künstlerische Ausstellungskonzept – von der Innenarchitektur über das farbliche und grafische Erscheinungsbild so wie der Lichtführung des gesamten „Museums“. Unterwegs zur Gedenkstätte sieht der Besucher sofort, dass ihn eine besondere Architektur erwartet. Der Blick ist gefesselt durch das langgezogene stilisierte Sockelgeschoss eines Gründerzeithauses, das dort einst an der Genügsamkeitstraße gestanden hat. In seiner eigenwilligen Perspektive erscheint es einem expressionistischen Bühnenbild entnommen. Angelehnt an den Hang und damit aus der Senkrechten gekippt, leitet es zum Eingang des Hauses. Jetzt, im September, steht dort ein Korb mit museumseigenen Äpfeln. Sie sind aus dem Apfelgarten der Gedenkstätte. Der Landschaftsarchitekt Wolfgang Püschel hat oberhalb der Gebäude am Hang einen durch Mauerreste und Häuser abgeschlossenen Apfelgarten mit zehn Apfelbäumen und einem schmalen, achsialen Wasserlauf angelegt. Die rechte Seite der Baukörper begrenzt eine schlichte, grau geschotterte Freifläche, deren einziger Schmuck eine „sofora japonica“, ein prachtvoller Baum mit tief hängenden Zweigen ist, der sich den unwirtlichen Bedingungen dieses Standortes gewachsen zeigt. Unter den Zweigen fast verborgen findet sich ein Granitblock, der ebenso an eine Bank denken lässt wie an einen Sarkophag. Von dort aus sieht man gut den abweisenden grauen Baukörper des Langhauses, der an eine

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Lagerbaracke erinnert. Jeder Bau besteht aus einem anderen Material, Stahl, Ziegel, Granit, Beton oder Blei. In Anlehnung an den Grundriss der früheren Synagoge haben die Architekten eine Gruppierung von Bauten geschaffen, die sich aus geometrischen Grundformen wie Würfel, Rechteck, Halbkreis und Kreis addieren und eng auf einander bezogen sind, indem sie sich irgendwo durchdringen. Diese an mittelalterliche Kirchen erinnernde additive Bauweise wirkt ebenso leicht wie wuchtig, einladend und abweisend, zurückhaltend und monumental, spannungsvoll und zurückgenommen. Das gesamte Ensemble bezieht sich auf den Grundriss der früheren Synagoge, deren ehemaliger Fußboden durch dunkle Steinplatten aus Granit bezeichnet ist, die sich in der großen Halle des Kubus fortsetzen und gegen hellere Platten aus Marmor innerhalb der neuen Bebauung abgesetzt sind. Die Architekten haben alle Fenster- und Türrahmen der Halle auf den ursprünglichen Grundriss bezogen, so dass alles aus den Fugen geraten scheint, entsprechend dem Fragment des Gründerzeithauses an der Straßenfront. Nichts ist an eine Achse gebunden außer dem schmalen Wasserlauf, der den Obstgarten durchteilt, und deshalb ist alles in Bewegung. Selbst die Apfelbäume sind schräg gepflanzt. Diese stillen, leeren Räume galt es einerseits zu bewahren, andererseits für eine Dauerausstellung zu nutzen. Die

Designerin sah die Herausforderung darin, sich nicht der vorhandenen Architektur unterzuordnen, sondern ihre eigenen Ideen „in Harmonie dagegen zu setzen.“ So hat Andrea Hold-Ferneck die architektonische Sprache aufgenommen: Alle Maße der Einbauten in der Ausstellungshalle beziehen sich auf die von der Architektur vorgegebenen Proportionen und ordnen sich so der Harmonie des Raumes ein. Bei der Präsentation der Ausstellungsstücke war es der Kuratorin und der Gestalterin ein Anliegen, den Besucher durch modernes Ausstellungsdesign aufzufordern sich einzulassen. Gemeinsam haben sie aus dem reichen Fundus der verschiedenen Themenkomplexe die passenden Stücke zusammengestellt und Ideen entwickelt, wie die Objekte, Dokumente, Texte und Hörstationen zu präsentieren seien. Andrea Hold-Ferneck kam dabei ihre Fähigkeit zugute, Inhalte in Farben, Formen und Proportionen einzubetten und sich in die Rolle des möglichst unbefangenen Betrachters zu versetzen. Ulrike Schrader wünschte sich ein vielseitiges, abwechslungsreiches Ausstellungskonzept. Ihr ist es wichtig, dass die Begegnungsstätte auch als außerschulischer Ort des Lernens genutzt werden kann. So ist ein überaus anschauliches, lebendiges „Museum“ entstanden. Das Foyer der Begegnungsstätte ist schlicht und zurückgenommen. Hier wurde als erstes für eine hellere Beleuchtung gesorgt. Rechter Hand öffnet sich ein großer, heller runder Bibliotheksraum, der zum Verweilen einlädt.


Vom Treppenhaus aus wird der Betrachter mit jedem Schritt in das Leben und in die Bräuche der Juden eingeführt. Die Farben Grün und Rot begleiten ihn durch das Haus – bis auf die kleinen weißen Täfelchen, die ihm zum ersten Mal im Treppenhaus begegnen. Sie sind blau beschriftet „irgendwie jüdisch“. „Blau ist die jüdische Farbe,“ sagt Ulrike Schrader, „denn Himmelblau ist die Farbe der Streifen des jüdischen Gebetsmantels, des Tallit. Und deshalb müssen wir neben dem Grün auch noch ein bisschen Blau haben. Öffnet man ein Täfelchen, blickt einem ein Mensch entgegen wie du und ich, der über seine ‚irgendwie jüdische’ Identität Auskunft gibt.“ Schnell wird klar, dass es „das Judentum“ nicht gibt. Oben angekommen befindet man sich in einer strahlend hellen kleinen Rotunde. Hier finden sich stilisierte Küchenschränke, in denen man koschere Speisen entdecken kann, Speisevorschriften so wie verschiedene Gegenstände aus dem jüdischen Alltag und Festtagskreis. Ein schmaler Korridor führt unmittelbar in den Kubus, der großen Ausstellungshalle, mit einem abgetrennten intimeren Raumteil für Ausstellungsstücke, die dem Schicksal der Juden seit dem ersten Weltkrieg gewidmet sind. Frei im Raum, jedoch auf dem Bodensegment der früheren Synagoge, stehen stilisierte Synagogenbänke, die auch an altmodische Schulpulte erinnern. Hier kann man sich niederlassen, Schubfächer und Pultdeckel öffnen, Dokumente

und Objekte entdecken oder Biografien nachlesen. Neben den Bänken sind wunderschöne, detaillierte hölzerne Modelle der Synagogen im Bergischen Raum zu sehen. Im Kubus laden leuchtend orangefarbene Täfelchen Kinder ein, sie in die Hand zu nehmen: „Der Wuppertaler Künstler Wolf Erlbruch hat Illustrationen zu dem jüdischen Weber Samuel Steilberger gezeichnet, der Mitte des 19. Jahrhunderts mit seiner Frau und seinen neun Kindern von Langenberg in das aufblühende Elberfeld gezogen ist. Dieser weit verzweigten Familie verdanken sich zahlreiche Ausstellungsstücke, die von 1701-2010 datieren und vor allem den kleinen Besuchern helfen sich zu orientieren.“ Durch hohe schmale Fenster fällte der Blick auf den Apfelgarten. Der Garten liegt am Hang und präsentiert sich in seiner ganzen üppigen Fülle. Jetzt, im Herbst, leuchten die Früchte rot aus dem Laub. Im Inneren ist die Ausstellungsarchitektur durch ein kühles lichtes Grün dominiert, das mit einem hellen Brombeerrot kontrastiert. Vereinzelt sieht man es als Akzent auf Beschriftungen, und beide Farben finden sich auf dem Logo des Museums. Dazu sagt die Designerin: „Mir war es ein Anliegen, die zahlreichen beigefarbenen und grauen Dokumente so einzubetten, dass sie optimal lesbar sind und möglichst prägnant wirken. Die Farbe musste zu den vorhandenen Grautönen passen und auf den Betrachter anre-

gend wirken. Außerdem soll sich weiße und schwarze Schrift gut abheben. Die Farben haben also bestimmte Kriterien zu erfüllen. Auch der Blick von Außen nach Innen ist zu bedenken: Ein grünes Inneres passt zu einem roten Ziegelbau und leuchtet von Innen nach Außen. Ich habe diese Farben nicht aus symbolischen Gründen gewählt.“ Dennoch darf man sich als Betrachter an die symbolische Bedeutung von Farben erinnern. So steht das Grün ebenso für den Tod wie für das Leben und bedeutet in der Kabbala „Sieg“. Auch die Äpfel kann man symbolisch sehen. Sie sind zugleich Sinnbilder der Fruchtbarkeit und der Liebe wie der Sünde und des Bösen; im Lateinischen heißt der Apfel ‚malum’, das Böse. Eva ist der Versuchung erlegen, von dem Apfel zu essen, und Maria, die Jüdin war, trägt als neue Eva den Apfel in der Hand. Selbst die Anzahl der Apfelbäume ist wohl nicht zufällig gewählt: „Die Zehnzahl bezieht sich möglicherweise auf den ‚Minjan’, das Quorum der jüdischen Männer, die anwesend sein müssen, wenn aus der Tora gelesen werden soll.“ Die Begegnungsstätte Alte Synagoge ist ein lebendiges „Museum“, das ebenso souverän wie zurückhaltend mit einem überaus sensiblen Thema umgeht und sich nicht aufdrängt. Sie ist eine Ort der Stille mitten in Elberfeld, an den man gern zurückkehrt. So reiht sie sich ein in die die Kostbarkeiten, die in dieser Stadt zu entdecken sind. Öffnungszeiten: Dienstags bis freitags 14 – 17 Uhr Sonntags 14 – 17 Uhr Führungen: Telefon 02 02-5 63 28 43 Marlene Baum Fotos: Andrea Hold-Ferneck

Fotos links und linke Seite: Ausstellungsdetails Foto rechts: Blick in die große Ausstellungshalle

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Mit spitzer Feder

André Poloczek Foto: Jörg Lange

Der mit Wupperwasser getaufte Zeichner, Karikaturist und Illustrator André Poloczek (51), ein überzeugter Arrenberger, der unter dem Kürzel «POLO» zu den besten deutschen Cartoonisten zählt, erreicht mit der 2 g leichten Zeichenfeder etwas, das von unschätzbarem therapeutischem Wert ist: er schenkt uns eins ums andere Schmunzeln oder herzliches Lachen. Längst ist er neben seinem Urgroßonkel Wilhelm Neumann-Torborg (1856-1917), der 1903 das jüngst auf dem Elberfelder Kirchplatz wiedererrichtete Armenpflege-Denkmal geschaffen hatte, in die Wikipedia-Liste der berühmten Wuppertaler eingezogen. Daß Wuppertal mit Künstlern wie Chlodwig Poth, Eugen Egner und Jorgo Schäfer eine große Tradition der gezeichneten Satire und somit einen guten Boden dafür hat, sei am Rande erwähnt. Aus seinem Atelier an der FriedrichEbert-Straße - mit Wupperblick und Schwebahn-Vorbeiflug im 3-Minuten Takt - gehen die Bilder ins Land, die schon so viele Menschen zu eben diesem Lachen gebracht haben, Leser von „Titanic“ (seit 2009 mit Andreas Greve als „Jünger & Schlanker“), „Eulenspiegel“, „ran“, „Tabula“, „Kowalski“ und „XMag“ (um nur einige zu nennen) werden es wissen. Sein «Anton von der Gathe» (zuerst in den Wupper Nachrichten

später) in der Wuppertaler Rundschau war 20 Jahre lang Kult, wenn auch ein Ölberger, ähnlich die monatlichen „Tuffis“ im Satire-Magazin „iTalien“. Sicher hat manch einer auch schon eins seiner an die 20 Bücher, in der Mehrzahl beim Lappan Verlag erschienen, in den Händen gehabt und nicht wieder hergeben wollen. Das ist zu verstehen, denn sie sind von tiefem Humor, der mitunter auch beißenden Spott und scharfe Satire enthält. „Schadenfreude ist die reinste, aber auch die einfachste“, sagt POLO, „das ist mir meist zu wenig.“ Diesen Grundsatz hält er ein und ist zufrieden, wenn das Lachen ein Erkenntnis-Lachen ist: „Dann stimmt die Pointe!“. Große Erfolge waren 1997 das geradezu prophetische „Die Post geht an die Börse“, 1998 das ultimative VWBuch „Echt Käfer“ (beide mit Ari Plikat) und 2001 „Mama, was ist ein Klugscheißer?“, Humorstandards seine Bücher der Reihe „Cartoons für...“. Wer sich übrigens eine bittere Pille aus der Apotheke holen muß, kann sich die auch mit POLOs Cartoons versüßen: Seit 2000 ist POLOs jährlicher Kalender „Heitere ApothekenWelt“ der Renner im legalen Drogenhandel. Dauerhaft lauern seine Cartoons und Postkarten in den Buchläden auf Lachhungrige.

Loriots Grabstein

Die Gitarrenspielerin

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POLO arbeitet diszipliniert mit einer selbst gesetzten Kernzeit von 10.30 – 19.30 Uhr in seiner Humorwerkstatt und legt Wert auf das Handwerk. Er gehört zu den wenigen, die - wenn auch nicht ausschließlich - noch mit der Zeichenfeder und dem Tuschefäßchen arbeiten und er ist ständig auf der Jagd nach dem raren Werkzeug, damit das heitere Werk gelinge. 1996 wurde er mit dem 1. Preis beim Berliner Karikaturensommer belohnt, vergleichbar mit dem Deutschen Kleinkunstpreis, sozusagen der „Oscar“ der Zeichner, 2002 in Dresden mit dem mit 5.000,Euro dotierten 2. Platz im „Deutschen Karikaturenpreis“. Seit 2008 nimmt er jährlich am Prerower Karikaturensommer teil, einer Open-Air-Ausstellung;, 2010

schmückte einer seiner Cartoons den Titel des begleitenden Katalogs – und auch die „Caricatura“ in Kassel sieht POLO gerne als ständigen Gast. Sein Strich wird erkannt und geschätzt, auch von privaten Auftraggebern, denn er arbeitet auch als Illustrator und Werbegraphiker. Seine erste Liebe galt übrigens der Malerei, er ist ein großer Vermeer-Verehrer. Da ist POLOs „Gitarrenspielerin“ als Tribut an den alten Holländer nur logische Konsequenz. Mit Andreas Greve, den er schon 1989 bei F.K. Waechters Sommerakademie getroffen hat, bildet POLO seit 2009 das Cartoon-Duo „Jünger & Schlanker“. Nicht nur veröffentlichen die beiden regelmäßig ihre Cartoons in der „Titanic“ und in den „Musenblättern“, sie treten

auch mit Bühnenprogrammen live vor ihr Publikum und das - wovon ich mich schon selbst überzeugen konnte - mit großem Erfolg. Die Welt kann Schüler von F.K. Waechter und F.W. Bernstein, der nun selbst zur Bundesliga der heiteren Graphik zählt, zwar mit seinen urkomischen, bisweilen erfrischend albernen Cartoons nicht besser machen, aber man erträgt sie lachend leichter. Dazu dienen dem „gelernten“ Literaturwissenschaftler als Augen zwinkernd benutze Mittel Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Joachim Ringelnatz hat es in einem seiner „Kuttel Daddeldu“-Gedichte auf den Punkt gebracht: „Du mußt die Leute in die Fresse knacken...“. Das tut POLO konsequent, doch keiner könnte ihm böse sein – er hat ja Recht! Was viele gar nicht wissen, ist, daß er so ganz nebenbei ein vorzüglicher Portrait-Karikaturist ist, der die Großen der deutschen Literatur zu seinem Lieblingsthema gemacht hat. Hermann Hesse, Heinrich Böll, Günther Grass oder besagten Ringelnatz zum Beispiel hat er mit scharfem Blick und spitzer Feder in limitierter Auflage köstlich aufgespießt. Wenn POLO nicht zeichnet oder zur Entspannung zur E-Gitarre greift (Rock/ Blues) - – als Mitglied der „Yell Owl Girl Group“ konnte er vor einiger Zeit sogar beim Revival des legendären „Armutszeugnis“ aufspielen -, ist er auch ein vorzüglicher Kaffeemaschinen-Imitator, wie er in Jürgen von der Lippes Fernsehshow „Wat is?“ bewiesen hat und Kopist der Fahrrad-Werbung aus alten NeckermannKatalogen. Auch nicht zu verachten, aber viel zu selten zu sehen. Was ihm gegen den Strich geht? Die äußerst unangenehme Vorstellung, mal keinen Stift und kein Papier bei sich zu haben. Frank Becker

Illustrationen: links: Klobürste rechts oben: Magellanstraße, Mitte: Giraffe, unten: Heliumschwein rechts außen:Leuchtturm

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Buchveröffentlichungen 1992 Erster eigener Cartoonband, „Arsch auf Grundeis“, Semmel Verlach, Kiel. 1993 Mittelalter-Comicband „Walther –Teufelspakt und Minnesang“ mit Axel Stöcker, Semmel Verlach 1995 „Cartoons für Katzenfans“, Lappan Verlag, Oldenburg 1996 „Cartoons für Feinschmecker“, Lappan Verlag, „Cartoons für Geburtstagskinder“, Lappan Verlag 1997 „Viel Spaß beim Tanzen“, Lappan Verlag, „Die Post geht an die Börse“ zusammen mit Ari Plikat, Lappan Verlag. 1998 „Cartoons für Banker“, Lappan Verlag „Cartoons für Schwiegermütter“, Lappan Verlag „Echt Käfer“ zusammen mit Ari Plikat, Lappan Verlag 2000 „Cartoons für Apotheker“ zusammen mit Steffen Köpf, Lappan Verlag 2001 „Mama, was ist ein Klugscheißer?...“ Lappan Verlag 2003 „Möchtest du darüber reden?“ Selbst gemachte Katastrophen ein Klappbuch bei Lappan Cartoons, Karikaturen, Comics und Illustrationen erschienen bisher u. a. in: Der Rabe, Die Mitbestimmung, Eulenspiegel, Finanztest, Frankfurter Rundschau, GEO Saison, iTALien, Konkret, Kowalski, mare, Maxi, Stern, Süddeutsche Zeitung, taz, titanic, Top Magazin, Wuppertaler Rundschau, ‘ran, x-mag, metallzeitung, Rat Aktuell. Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen 1994 Sonderpreis des Regierenden Bürgermeisters von Berlin beim ‚Köpenicker Karikaturensommer‘ Dritter Preis beim ‚Ironimus ‘94‘ 1996 Erster Preis beim ‚Berliner Karikaturensommer‘ 2002 2. Platz beim „Deutschen Karikaturenpreis“ der Sächsischen Zeitung 2010 Sieger beim Prerower Sommer Weitere Informationen unter: www.polo.cartoon.de und www.juengerundschlanker.com

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Inszenierte Träume Die Fotografin Alina Gross

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Alina Gross inszeniert - sie inszeniert Traumwelten, Märchen, Realitäten, Provokationen - und sie inszeniert sich. Das tut die in Düsseldorf lebende Foto-Designerin seit dem Beginn ihrer bemerkenswerten fotografischen Karriere konsequent, mit Akribie und unter hohem künstlerischem wie materiellem Aufwand. Bereits während ihres Studiums begann sie mit aufwendigen Produktionen, darunter der schwarz-weiße Zyklus „Labyrinthe avec Alinka“, durch den 2005 erstmals die Presse nachhaltig auf ihre Arbeit aufmerksam wurde. Das Diplom mit der Arbeit „Alinka Pandora“*) an der Universität Wuppertal, Ausstellungen in Köln, Düsseldorf und Wuppertal, Foto-Shootings im Studio und Inszenierungen auf Modemessen, hinter Theaterkulissen, in Tiefgaragen, in der Natur und in Kiesgruben markieren den Weg und zeigen die Vielseitigkeit der außergewöhnlich talentierten Fotografin; als freie Mitarbeiterin gestaltete sie die ersten Fotoseiten des Kulturmagazins „Musenblätter“ mit.

*) „In allen Bildern geht es bei der fotografischen Inszenierung um die Kombination von Mensch, Natur und dem Animalischen. Ich stelle mich mal als ein Mischwesen zwischen Mensch und Katze, mal als Blume, Sumpffrau, Nymphe oder kriegerische Amazone dar. Die Nacktheit in meinen Selbst-Bildern ist Teil der Inszenierung, kann verführerisch wirken, aber auch befremden, trägt in jedem Fall eine symbolische Botschaft. In meinen Bildern ist der Körper als Teil der physischen Präsenz ungeheuer wichtig und unverzichtbar, er dient quasi als Projektionsfläche meiner inneren Befindlichkeit. Die Bühne, auf der ich diese Konzepte in Szene setze, ist von Menschen leer, ich kann ungestört mit der Natur verschmelzen. Anteil am Ergebnis der Fotostrecken hat auch das Unberechenbare der Natur, das mitunter maßgeblichen und unmittelbaren Einfluss auf die Arbeit mit und in ihr ausübt. Ich bewege mich in einer Art Zeitverschiebung zwischen den Zeiten. Die Kamera ist dabei meine Tür zwischen den Dimensionen, die ich über das Medium der Fotografie


auf meinem Filmstreifen „mit nach Hause zurück bringe“. Alina Gross (Alinka), 1980 mit ukrainischen, tatarischen und transsilvanischen Vorfahren in Tschernowzy (Tschernowitz), Ukraine/UdSSR geboren, kam mit der Familie 1992 nach Deutschland. Alina fühlte sich bereits als Kind dem Wundersamen, Grotesken zugetan, las viel, insbesondere russische Volksmärchen und Sagen, griechische Mythologie und die dänischen Kunstmärchen H.C. Andersens. Im russischen sozialistischen System in Jugendverbände, Sportvereine und Gruppen eingebunden, stand Alina Gross in Deutschland plötzlich „am Rand“, spürte eine Ausgrenzung und setzte sich folglich noch intensiver mit sich selbst auseinander. Am Gymnasium Wuppertal-Vohwinkel legte sie im Jahr 2000 das Abitur mit den Schwerpunkten Deutsch und Geschichte ab, als Ergebnis der Auseinandersetzung mit Kultur und Gesellschaft der neuen Heimat. Mit künstlerischer Gestaltung hatte sie bis dahin über den Rahmen

des schulischen Kunstunterrichts hinaus erstaunlicherweise noch keine Berührung gehabt. Der erste Kontakt zur Fotografie entstand durch eine Schulkameradin, die einen VHS-Kurs in Fotografie besuchte und ein Modell brauchte – eine Initialzündung: „Das kann ich auch!“ Während sie sich mit den Fotos der Freundin bei Agenturen bewarb und auch für Mode- und WerbeFotografie gecastet wurde, begann sie autodidaktisch selber mit der Fotografie, richtete zu Hause ein Studio ein und begann Freunde, Verwandte, Nachbarn und die eigene Schwester zu portraitieren. Erste Grundlagen gewann sie durch ein Praktikum bei dem Solinger Werbefotografen Thomas Philippi (u.a. Telekom, Zwilling, Wilkinson). Der künftige Studiengang und Lebensweg war sonnenklar: es mußte die Fotografie werden. Beim Auswahlverfahren am Fachbereich Visuelle Kommunikation in Wuppertal konnte sie sich gegen 400 weitere Bewerber durchsetzen und bekam einen

der 30 Studienplätze dort zugesprochen. Auch die Folkwang-Hochschule Essen bot ihr einen Studienplatz an, aber Alinka entschied sich 2001 für Wuppertal. Über Modefotos und journalistische Fotografie dort bei Marc Itzikowitz kam sie sehr bald auf den Schwerpunkt ihrer Studien: die inszenierte szenische Fotografie (bei Susan Lamér) und die gelegentliche Selbstinszenierung im Rahmen aufwendiger FotoShootings. Ein Layout-Studium bei Uwe Lösch folgte. Der Austausch mit Thomas Rusch in Paris, mit Svenson (Hamburg, Berlin, Paris) und Udo Spreitzenbarth (New York) gab Alina Gross entscheidende Impulse für ihre Arbeit. Arbeitskontakte (technische Unterstützung) mit Agfa und Epson. Veröffentlichungen in „Max“ und „Photographie“ (Modell) und „Max Online“ (Fotostrecke mit eigenen Arbeiten). Alina Gross: „Meine Selbstporträts liegen in der kunsthistorischen Tradition dieses Genres. Das „Selbstbildnis” im traditionellen Sinn - die Darstellung eines Künstlers

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mit dem eigenen Gesicht, Körper und persönlicher Ausstrahlung ist heute nicht mehr einzige Form der Selbstdarstellung. Ich habe mich hingegen bewusst für die traditionelle Darstellungsform entschieden. Vom Anbeginn der Kunst genossen biblische, mythologische und historische Szenen mit der menschlichen Gestalt als tragendem Element einen höheren Rang, als z.B. Stillleben. Das fesselte mein Interesse an antiken Sagen und Geschichten über den Ursprung der Welt, am Entstehen der darstellenden Kunst und ihrer Bedeutung. Die Frage, warum so viele Kunstwerke seit jeher ihren starken Ausdruck in der Darstellung der weiblichen Gestalt als elementarer Bestandteil der Natur finden, trieb mich zusätzlich um.“ Alina Gross hat neben Fantasy und Fiction und Film Noir („Anges Obscures“, „Studie Androgyn“, „Der Mann, der vom Himmel fiel“, „Film Stills“) die subtil inszenierte Erotik zum Kernthema ihrer Arbeit hinter der Kamera gemacht. Zu den herausragenden Fotostrecken zählen neben ihren erotischen Märchen-Inszenierungen mittlerweile „Absolut makellos“, „Plastic Dreams“, „The Golden Age of Pin Ups“, „Märchen für Erwachsene“, „Paper Moon“, „Les grandes bourgeoises“ und „Die unheimliche Frau“, erotische Zeitreisen in reale wie surreale Phantasiewelten, die auch in Ausstellungen gezeigt wurden. Das Bizarre und Groteske des Alltags, das sie auch in ihrem Leben entdeckt, findet ebenso Eingang in ihre Arbeit. „Ich benutze die Kamera als künstlerisches Werkzeug und die Fotografie als Medium meiner Selbsterfahrung und -darstellung für meine Selbstinszenierungen. Fotografien protokollieren meinen Versuch, unter die zerbrechliche Schale zu blicken, mehr zu sehen, als oberflächlich da ist und das alles durch meinen Körper und die benutzten Symbolismen zum Ausdruck zu bringen. Ich befasse mich mit den Idealen der Weiblichkeit sowie mit den Urbildern der Frau, den weiblichen Bildern in ihrer idealisierten, aber auch bedrohlichen Form. Die Natur wird von mir als Frau personifiziert. Meine Selbstporträts handeln von persönlichen Leidenschaften, Ängsten, sowie den Grenzgängen des Frau-Seins, auf die es gilt, sich einzulassen. Die Vielschichtigkeit der denkenden, fühlenden, handelnden, spielenden, kämpfenden Frau,

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kret. „Die gefestigte Basis meines Lebens lasse ich trotz aller Experimentierlust, der Berührung von Grenzen und der Abgründe, die mich bei meiner Arbeit nicht gleichgültig lassen, nicht los.“

ihres Wesens und ihrer Natur kommt in meinen Selbstbildern zum Ausdruck. Ich übernehme in die überkommenen, traditionell überlieferten Darstellungen der Frau, zeige in ihnen die vorgegebene Rolle - und breche sie.“ Daß aber neben der Provokation und der bitteren Ironie auch Heiterkeit einen Platz in Alina Gross´ Werk hat, zeigt ihre augenzwinkernde Pin-Up-Serie, die mit strahlendem 50er-Jahre-US-ZahnpastaLächeln ein mittlerweile klassisches Genre parodiert. Sich selbst sieht sie als verträumt, doch geschäftstüchtig, zielstrebig, jedoch zurückhaltend, neugierig, aber nicht indis-

Aktuelle Arbeiten und Projekte 2008 nahm Alina Gross, die sich nicht mehr „Alinka“ nennt, sondern bewußt auf die Verniedlichungsform verzichtet, eine Stellung bei der Casting-ModelSchauspielagentur Thomsen (ehemals Coackroach) als Casting-Fotografin an und wurde in Düsseldorf und Hamburg eingesetzt. 2009 folgt eine Einladung zu einer Gruppenausstellung. Thema „der nackte Mensch“. Sie macht eine Serie von Selbstportraits und nennt sie „Vanitas I-II“. Das Hauptthema Ihrer Arbeit ist es, Schönheit zu zeigen, welche sich aus bizarren Elementen definiert. Mode, Requisite und Technik benutzt Sie als Mittel zur emotionalen Darstellung von Frauen. Die Ausstellung ist ein Erfolg, und es folgt eine Einladung in die Künstlergruppe Bergische Kunstgenossenschaft (BKG, deren Mitglied sie seit 2009 ist). 2010 erste Soloausstellung im Studio der BKG. Bei der Ausstellung „Photographie 6 Positionen 2010“ lernt Alina den Regisseur Joachim Mais kennen. Mit Ihm beginnt Sie Kurzfilme zu drehen. Es folgt ihre erste Performance. Weitere Kurzfilme folgen. Sie lernt den Komponisten Andreas Resch kennen. Gemeinsam arbeiten sie an Kurzfilmen und Musikvideos. Ihre neue Muse wird das Model Sydney La Faire. Beide Frauen haben zahlreiche Projekte zusammen gestaltet, sowohl kommerzieller wie auch künstlerischer Art. 2011 folgt eine Ausstellung unter dem Titel „Die unheimliche Frau“ in den Räumen der Wuppertaler Zeitschrift „Bergische Blätter“ Vom 3. Dezember 2011 bis Anfang Februar 2012. „Die unheimliche Frau“ im Showroom A M P L I T Y D E Fech & Schäfer GbR, Benderstraße 142 40625 Düsseldorf zu sehen. 2011 erreicht sie der Ruf zu einer Gastdozentur am Fashion Design Institute Düsseldorf. Frank Becker


Von Kindheiten, Wunschträumen und Schnecken oder Zwischen Kloppe und Glück

Die Wuppertaler Schriftstellerin Karla Schneider

„Es war so still im Klassenzimmer, daß man hören konnte, wie der Tafelschwamm sein Wasser verdunstete.“ Solch wunderbare Sätze sind es, die Karla Schneiders Bücher zum besonderen Lesegenuß machen. Sie hat das Vermögen der Sprache, die Gabe des Erzählens, den Vorzug ausgezeichneter Erinnerung, das Geschenk des Humors – und sie schreibt aus Passion. Ihr genauer Blick, die akkurate Beschreibung und das treffende Wort machen dem Leser Erkennen und Wiedererkennen, Betrachtung und Identifikation möglich. Genaue Recherche gehört zusätzlich zum Handwerk. Lesen als Spaziergang durch die eigene Phantasie oder das eigene Leben – mit diesem Ziel schlägt man gern ein Buch auf. Seit 32 Jahren Wuppertalerin, hat die in Dresden geborene Schriftstellerin Karla Schneider, Kolumnistin der „Zeit“ und der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, schon reichlich Preise und Ehrungen für ihr umfangreiches Werk bekommen. U.a. war es 1989 der Astrid-Lindgren-Preis für das Kinderbuch „Fünfeinhalb Tage zur Erdbeerzeit“, 1993 der Bettina von Ar-

nim-Preis für Kurzgeschichten; „Die Reise in den Norden“ brachte ihr 1995 Plätze in den Focus- und Deutschlandfunk-Bestenlisten ein, 1996 die Nominierung zum Kinder- und Jugendbuchpreis und die Aufnahme in die Ehrenliste des „International Book Board for Young Children“. 2008 wurde Schneider mit dem AlexWedding-Preis ausgezeichnet, 2009 das Buch „Wenn ich das 7. Geißlein wär´“ mit dem „Luchs“ von Radio Bremen und es wurde gleichzeitig vom Institut für Jugendliteratur zum „Buch des Monats März 2009“ gekürt. Landesstipendien ermöglichten die Arbeit an ihrem Opus magnum „Rückkehr nach Podgoritza“, die Geschichte des Geschwisterpaares Siemen und Nora, das sich nach 28 Jahren der Trennung wieder findet und die Erinnerung an die Kinderzeit in der sächsischen Heimat intensiv durchlebt. Karla Schneider, 1938 in Dresden geboren und nicht durch proletarische Abkunft privilegiert, hatte es in der gleichgeschalteten DDR nicht leicht, und sie ist auch nicht den leichten Weg gegangen. Fabrikarbeit, Buchhandelslehre, Journalismus (Feuilleton „Die Union“),

Foto: Frank Becker

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den sie bald wegen des eklatanten Mangels an Entfaltungsmöglichkeiten an den Nagel hängte, ein Krimi im EulenspiegelVerlag, wieder Buchhandel und vier Jahre monatliche Ausreiseanträge, verbunden mit Schikanen. Dann 1979 endlich die Chance, den Maulkorb abzustreifen. Sie durfte den ungeliebten Staat und mußte die geliebte Heimat verlassen.

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Ihre Bücher schreibt sie für Kinder und Erwachsene. Die Romane entstehen in der Stille ihrer Cronenberger Wohnung, wo sie bei idyllischem Blick, noch immer ohne PC, auf ihrer geliebten „Gabriele“ die Entwürfe schreibt.

render Erzählkunst, zugleich ein Entwicklungsroman von Rang. Anspruchsvoll detailgenaue historische Erzählungen, kindgerecht erzählte Geschichten und dramatische Entwicklungsromane stehen in Karla Schneiders Werk gleichberechtigt nebeneinander. Abseits von jedem hochgestochenen literarischen oder stilistischen Experiment, ohne pseudointellektuellen Schnickschnack schreibt Karla Schneider ehrliche, vergnügliche, höchst amüsante, lesens- und schenkenswerte Bücher. Übrigens: Lob für ihr sprachlich und stilistisch aus der Menge herausragendes Werk weist sie bescheiden zurück: „Das bin ich dem Leser schuldig.“

Die autobiographisch beeinflußten Romane „Kor, der Engel“, „Zwischen Kloppe und Glück“ und „Rückkehr nach Podgoritza“ gehören als ihre persönlichsten Bücher auch zum Berührendsten ihres Œuvres. Ihr großer Roman „Die Geschwister Apraksin - Das Abenteuer einer unfreiwilligen Reise“, ein aufregendes Buch, das vom Überlebenswillen der Geschwistern Polly, Klascha, Ossja, Fedja und Dilldotschka erzählt, die sich in den Wirren nach der Russischen Oktoberrevolution allein durchschlagen müssen, entwirft das großartige Panorama einer aufgewühlten, unsicheren Zeit zwischen Moskau, Wolgograd, Rostow, Sewastopol, Charkow und Kursk mit schillerndem Personal - ein episches Werk von faszinie-

Die Märchensammlungen der Brüder Grimm inspirieren Autoren immer mal wieder zu neuen Interpretationen, Umdichtungen, mundartlichen Nacherzählungen und dümmlichen Übersetzungen in eine aufgesetzte Jugendsprache. Die Grande Dame der Jugendliteratur, Karla Schneider, begeht einen völlig anderen Weg. Zwei der bekanntesten Märchen, ´Rotkäppchen` einerseits und ´Der Wolf und die 7 Geißlein` andererseits, fügt sie zu einem Erzählstrang zusammen, versetzt sich in einen kleinen Jungen und läßt ihn sagen „Wenn ich der Jäger wäre, hätte ich es so gemacht: …“. In der Fortsetzung der Phantasiereise spielt er dann eines der Geißlein und fabuliert „Wenn ich das 7. Geißlein wär´…“. (J.K.)

Karla Schneiders jüngster Erfolgsroman ist in den 1950er Jahren der jungen Bundesrepublik angesiedelt, in einer Zeit des Aufschwungs einerseits und der noch nachklingenden NachkriegsUnsicherheit andererseits. Die 13-jährige Wilhelmina wird durch die Spielsucht des durchaus liebenswerten Stiefvaters in eine verzweifelte Situation gestürzt: er hat die Wohnung der kleinen Familie samt Inventar als Pfand eingesetzt und verloren. Von einer Klassenfahrt zurück, steht Willa vor verschlossener Tür, hinter der fremde Menschen von ihren Tellern essen, in ihren Möbeln wohnen und ihre Filmprogramm- und AutogrammkartenSammlung auf den Müll geworfen habe. Eine Welt stürzt ein. Doch es tun sich überraschende Wege auf, die Willa mit ihrem im Krieg gefallen geglaubten Vater zusammenbringen und sie in die Traumwelt des Filmgeschäftes führen. Wieder hat Karla Schneider mit geschickter Hand und fesselnden Erzählfäden eine Geschichte gewoben, die sowohl jugendliche Leser - hier vielleicht insbesondere Mädchen -, als auch Erwachsene nicht losläßt.


Karla Schneiders Bücher und Publikationen (Auswahl): Die Brauerei auf dem Kissen, Berlin/ DDR 1974 (unter dem Namen „Karla Sander“) Der Mensch und sein Drachen, Düsseldorf (u.a.) 1988 Spätprogramm, Lohr 1988 Raben-Beiträge, Zürich, ab 2008 Die Suche nach der Lerche, Erlangen 1989 Fünfeinhalb Tage zur Erdbeerzeit, Hamburg 1989 (Astrid-Lindgren-Preis) Vielleicht sind Schränke gar nicht so, Lahr 1989 Der Knabenkrautgarten, Zürich 1989 Ritter Suppengrün und das süße Geheimnis, Würzburg 1991 Lauter Windeier, Weinheim 1992 Die abenteuerliche Geschichte der Filomena Findeisen, Weinheim 1992 Kor, der Engel, Zürich 1992 Wenn man Märri Schimmel heißt, Weinheim 1993 Almuth und Helene, Zürich 1993 Die Reise in den Norden,. Weinheim 1995 (Focus-Bestenliste) Merits Geburtstag, Berlin 1996 Matti Sörensen und Petja Wuppdich, München 1996 Zwischen Kloppe und Glück oder Wer sammelt hat mehr vom Leben, Weinheim 1997 Der Zaun, Hamburg 2000 Rückkehr nach Podgoritza, Frankfurt am Main 2001 Der klügste Hase unter der Sonne, Weinheim 2003 Glückskind, München 2003 Marcolini oder wie man Günstling wird, München 2007 Wenn ich das 7. Geißlein wär‘, Köln 2009 (Buch des Monats/„Luchs“ Radio Bremen) Holly Vogeltritt. Ein Märchen, Düsseldorf 2009 Der Sommer, als ich Filmstar war, München 2010

Frank Becker

Links einige der zahlreichen Buchtitel von Karla Schneider.

Karla Schneider – aus: „Priesterin des Grammophons“ (unveröffentlicht) „Wir gehen spazieren“, hieß es, als ich mich erkundigte, wo wir denn hin wollten. Langsam wurde mir unbehaglich, denn es passte nicht zu meiner Mutter, ohne Anliegen auszugehen. Und Spaziergänge gehörten ausschließlich zum Sonntagnachmittag und fanden dann im Familienkonvoi statt: Opa, Oma, zwei Töchter, zwei Enkel. Kurz vorm Wasserwerk, das einsam in den Wiesen lag, kam uns jemand entgegen. Serge Kerambrune. Ich brüllte seinen Namen, damit er uns ja auch rechtzeitig erkannte und sich rechtzeitig freuen konnte. Aber der Ruf wurde mir von meiner Mutter mit der Hand in den Mund zurückgepresst. Das verstörte mich. Mir war nicht klar, wer von uns dreien sich denn zu fürchten hatte. Und weshalb. Wir gingen jetzt zu dritt auf dem Wiesenweg weiter; Serge in der Mitte. Mit der einen Hand führte er mich, den anderen Arm hatte er um meine Mutter geschlungen. Mit ihren Gesichtern taten sie, was ich sonst nur bei Pferden im Gespann beobachtet hatte - so ein zärtliches Beschnuppern und Kosen. Als wir den Schlosspark erreichten, der zu dieser Zeit menschenleer war, ließen sich Serge und meine Mutter auf eine Bank fallen. Ich sollte auf der großen Wiese Blumen pflücken. Den Rasen zu betreten war eigentlich streng verboten. Erst nach der dritten ungeduldigen Versicherung meiner Mutter, das würde um diese späte Stunde nicht mehr gelten, traute ich mich. Der Rasen war schon ganz dunkel, weil ihm die Baumkronen ringsum das Tageslicht nahmen. Ich hockte mich hin zum Pflücken, und der Tau pinselte Nasses an die bloßen Stellen unterm Rock. Buschwindröschen! Unmengen! Als ich merkte, dass ich von weißem Nebel umzingelt war, blickte ich mich um. Aber da war niemand mehr. Die Stelle, wo vorhin noch die Bank mit meiner Mutter und Serge gestanden hatte, war leer. Ich blieb stehen, wo ich stand und fing an nach meiner Mutter zu rufen. Endlich kam eine Antwort, sehr leise. Sie kam aus dem Dunkel hinter meinem Rücken. Ich hatte mich beim Pflücken mehrmals gedreht und die Richtung verloren. Undeutlich erkannte ich jetzt zwei Gestalten, die, zu einer zusammengewachsen, noch immer auf der Bank saßen. Die Stimme meiner Mutter klang schläfrig und nachsichtig. Trotzdem kam es mir so vor, als ob sie sich über mich ärgerte. Ich blieb ratlos vor der Bank stehen, konnte nur mehr die Umrisse der beiden sehen und scharrte unglücklich mit der Schuhspitze im Sand. Ich war nicht willkommen, soviel war klar. Nach einer Weile wurde endlich eine Hand ausgestreckt. Sie gehörte Serge und stopfte mich unter Serges Achselhöhle. Serge küsste meine Mutter und meine Mutter küsste Serge. Und manchmal küsste Serge sogar auch mich. Für den Heimweg nahmen wir nicht mehr den Wiesenweg, sondern lieber die feste Straße, die zwischen den Apfelplantagen entlanglief. Wir gingen noch schleppender als auf dem Herweg, durch Arme und Hände aneinandergefesselt. Straßenbahnen rasselten an uns vorbei. Die herabgezogenen Verdunklungsrollos vor den Fenstern waren von gelben Lichtstreifen eingerahmt wie gelockerte Türchen von Adventskalendern.

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Am Platz angelangt, blieben wir im Schutz der Telefonzelle stehen. Eine Frau näherte sich, vom Unterdorf her. Sie hatte eine Taschenlampe dabei, weil alle Straßenbeleuchtung verboten war, um die Flieger nicht anzulocken. Die Frau schlug Haken, um den geraden Weg über den Platz zu vermeiden und unterhalb der Telefonzelle anzukommen, so dass sie an uns vorbei musste. Ihr Kopf mit dem kleinen Dutt war interessiert nach unserer Umarmungsgruppe gedreht. Serge sagte gerade etwas Halblautes auf Französisch. Meine Mutter zischte, er solle still sein. Ich konnte hören, wie sie die Luft einzog, als hätte sie sich verbrannt. Jetzt erkannte auch ich, wer die Frau war. Es war die Trulle von nebenan. Die, vor der Oma solche Angst hatte. Sie nannte sie manchmal „die Vorsitzende der Frauenschaft“, manchmal „die Zöllnern“. Doch trotz dieser Angst war Oma nie dazu zu bewegen, zu den „bunten Abenden“ dieses Klubs zu gehen. Meine Mutter und Tante Irmi hingegen kamen nicht darum herum. Sie stöhnten und guckten mit verdrehten Augen an die Decke. Dann hieß es: „Bringen wir es hinter uns.“ Und anderntags machten sie sich über all das lustig, vor allem über die Lieder, die man dort singen musste. Kaum war die Vorsitzende außer Sicht, trennten wir uns von Serge. Unser Hof, von den drei Flügeln des Hauses umrahmt und vom Torgitter zur Gasse hin abgeriegelt, empfing uns mit vorgeschriebener Düsternis. Kein Fenster hell. Alles verdunkelt, wie es sich gehörte. Doch kaum hatten wir das quietschende Hoftor hinter uns, als auch schon Omas Stimme von oben ein furchtsames „Käthe, bist du das?“ rief. Wo um Himmelswillen wir bis jetzt gewesen wären? Nach Einbruch der Dunkelheit, ohne vorher Bescheid zu geben! Wenn nun Alarm gewesen wäre? Was hätte sie dann Opa sagen sollen? Ein bisschen Rücksicht auf den alten Vater dürfe man von einer erwachsenen Tochter doch wohl erwarten. Das Abortfenster der Riedels, direkt unter unserem gelegen, öffnete sich behutsam, und ein Kopf schob sich heraus wie bei einer Schildkröte. Um Oma zu beschwichtigen und um den ehrbaren und gefahrlosen Charakter unseres Abendspaziergangs zu betonen, meldete ich mich aus dem Grund des Hofes zu Wort. Außerdem war ich der Meinung, dass unsere Beziehung zu Serge Kerambrune aus dem Land Bretannje längst den Status einer legitimen Familie erlangt hätte. Mit einem Stöhnen knallte Oma das Fenster zu. Auch meine Mutter stöhnte und schlug im Dunkeln heftig

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und blindlings nach mir. Halb gestoßen, halb gezerrt wurde ich durchs nachtschwarze Treppenhaus nach oben befördert. Während ich mit einem Ruck in unsere Wohnung hineinflog, verschwanden Oma, die uns oben abgepasst hatte, und meine Mutter in unserem Wohnzimmer, wo wir uns nie aufhielten und wo alles mit Betttüchern verhängt war. Ohne Licht saß ich in der Küche, die Hände zwischen die Knie geklemmt, und wartete darauf, dass das geheime Palaver zu Ende gehen und mir jemand endlich Abendbrot machen würde. Meine Mutter, als sie wieder herauskam, sprach von da an nur mehr das Nötigste mit mir. Und am nächsten Tag trat die verhängte Strafe in Kraft: Ich durfte nicht mehr in den Garten. Die Begründung blieb unklar, wie immer bei uns. Ich bekam nur soviel mit, dass ich selbst für die Strafe verantwortlich sei. Erst nach dem Feierabend der Dachdecker dürfte ich wieder raus, hieß es. Ich hielt es am nächsten Tag so ohne Garten und ohne Serge nicht aus und ging zu Trudchen Mix, meiner Schulfreundin. Wir haben dann in ihren Büchern alle schwarzweißen Bilder mit Buntstiften ausgemalt. Trudchen Mix wusste nichts von Serge. Sie hatte keine Ahnung, dass er mein neuer Vater werden würde. Wir redeten überhaupt nie über unsere Familien, wir hatten genug anderes. Doch als ich schließlich die weißen Vorsatzblätter in einem ihrer Bücher mit Kolonnen von Särsch Särsch Särsch anfüllte, noch eine und noch eine, von oben nach unten, Särsch Särsch Särsch, wurde sie böse. „Das radierst du mir wieder weg! Was soll das überhaupt heißen? Das Wort gibt’s doch gar nicht.“ Als ich nach Sonnenuntergang daheim aufkreuzte, war meine Mutter nicht da. Oma kam mit in unsere Wohnung, strich mir eine Brotschnitte mit Margarine und träufelte auf die andere sogar vom kostbaren Kapillärsirup aus Opas Kelterei. Oma war es auch, die heute bei uns die Läden vorlegte und die flache Kerze anzündete und mir auf der Gasflamme Wasser warm machte für Gesicht und Zähne. Als ich mich nach meiner Mutter erkundigte, sagte Oma bloß: „Die kommt schon wieder. Zieh jetzt dein Nachthemd an!“ Stunden später klappte unten die Haustür. Der Verschluss der Wohnungstür schnappte behutsam, und meine Mutter war wieder da. Sie tat ganz beiläufig, als sei sie nur eben rasch auf dem Abort gewesen, drüben in der anderen Wohnung.


TiC mit dem Musical Kiss me, Kate Theater auf dem Theater ist immer ein besonderer Spaß - auch für die Darsteller, die dabei selbstironisch aus dem (ihrem) Bühnenleben schöpfen können. „Kiss Me Kate“ von Samuel und Bella Spewack mit den Songs von Cole Porter ist so ein Stück, das auf mehreren Ebenen den Protagonisten wenigstens zwei Chancen gibt, zu brillieren: im Shakespeare´schen Original und der Rahmenhandlung. Das gelang am Wochenende den Darstellern des Cronenberger TiC gleich zweimal hintereinander bei vollem Haus und guter Stimmung in der spritzigen Inszenierung von Ralf Budde à la bonheur.

Szenenfoto aus „Kiss me, Kate“ von Gerhard Bartsch

Nach 63 Jahren ist Cole Porters Musical „Kiss me, Kate“ noch immer ein Publikumsmagnet. Und weil man im gar nicht mehr so kleinen Wuppertaler Privattheater erfindungsreich ist, sich vorzüglich auch auf Musical-Stoffe versteht, über erstaunlich große Sing-Stimmen im Sprechensemble verfügt, gelingt es immer wieder (zuletzt in „My Fair Lady“ und „Der kleine Horrorladen“) neben klassischem Theater und Boulevard auch im musikalischen Bereich Volltreffer zu landen. So also jetzt wieder mit „Kiss Me Kate“ in den prächtigen Kostümen von Kerstin Faber die auch für die stimmungsvoll ausgestattete, ideenreiche Bühne zeichnet. Theater auf dem Theater ist stets ein besonderes Vergnügen: Fred Graham (André Klem) spielt in (s)einer zweitklassigen musikalisch aufgebrezelten Inszenierung von Shakespeares Komödie „Der Widerspenstigen Zähmung“ vor leerem Haus im provinziellen Baltimore den Petruchio, der die männerfeindliche, kratzbürstige und schöne Katharina zähmen muß, um mit ihr in den Hafen der Ehe segeln zu können. Ausgerechnet seine „Geschiedene“ Lilli Vanessi (Sabine Henke), die ihn heimlich immer noch liebt (wie er sie), hat diesen Part übernommen. So entwickelt sich die Geschichte zum doppelten „Zähmen“ in allen verzwickten Richtungen und mit allen nur denkbaren Verwicklungen.

Nicht nur, dass er sich mit einem wenig engagierten Ensemble herumschlagen und den Seiltanz zwischen seiner Ex und der verführerischen Lois Lane (so heißt übrigens auch Supermans heimliche Liebe) bewältigen muß, es rücken ihm auch zwei Gangster auf die Pelle, die Geld von ihm fordern, das Lucentio-Darsteller Bill (Henning Flüsloh) unter seinem Namen beim Spiel verloren hat. Die deutsche Text-Fassung von Susanne FelicitasWolf ist zu der verzwickt komischen Handlung zwischen Globe und Off-Broadway ein weiterer Garant für beste Unterhaltung. Die Aufzählung der Hits, mit denen Cole Porters schwungvolle Bearbeitung von Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ seit seiner Broadway-Premiere 1948 wuchern kann, reiht unsterbliche Evergreens aneinander, die seither wirklich die Spatzen von den Dächern pfeifen. „Premierenfieber(Another Op´nin´, Another Show)“ ist ungezählte Male auch anderenorts zitiert worden, der Walzer „Wunderbar“ ein Mitsummer, den man tief im Ohr verankert mit nach Hause nimmt, das fingerschnippende „It´s Darn Too Hot (Viel zu heiß)“ wurde in der Choreographie von Dana Großmann zur mitreißenden EnsembleTanznummer und „Wo ist die liebestolle Zeit?“ wie seine anderen Songs zum Triumph des hervorragenden André Klem als Fred Graham/Petruccio. Sabine

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Henke an seiner Seite gibt mit Temperament eine kratzbürstige Lilli Vanessi/Katharina, der mit „Kampf dem Mann (I Hate Men)“ die vielleicht meistbejubelte Paradenummer des Abends gelang. Beiden höchst charmanten Besetzungen des pfiffigen Blondchens Lois Lane/Bianca (Jana Konietzki/Elisabeth Wahle) gelang deren Motto-Song „Aber treu bin ich nur dir (Always True In My Fashion)“ zuckersüß. Unsichtbar für das Publikum, aber sozusagen in einer glänzend besetzten Hauptrolle agiert dabei die Musik Cole

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Porters. Stefan Hüfner zog bewährt die musikalischen Fäden und bereitete den Boden für die unsterblichen Melodien und schmissige Tanznummern (Choreographie: Dana Großmann). Natürlich wartet man seit Wolfgang Neuss/Wolfgang Müller auch gespannt auf „Schlag nach bei Shakespeare (Brush Up Your Shakespeare)“, mit dem geflügelten Refrain. Die beiden Filmkomiker haben Maßstäbe gesetzt, die kaum mehr zu erreichen sein werden. Tobias Unverzagt und Reinhard Clement gaben die beiden bildungsbeflissenen Gangster

und spielten/sangen sich als Ganoven mit Herz für die Bühne auch in die Herzen der amüsierten Gäste. Ein vergnüglicher Abend, den man sich ruhig zweimal gönnen kann.

Informationen und Termine der nächsten Vorstellungen: www.tic-theater.de Frank Becker

Szenenfotos aus „Kiss me, Kate“ von Gerhard Bartsch


Jeder Vers ein Leopardenbiss Der neue Else-Lasker-Schüler-Almanach im Peter Hammer Verlag erschienen

„Sie ist cool, sie ist Trend“, schreibt eine Schülerin über Else Lasker-Schüler. Was wohl die Dichterin dazu gesagt hätte? Vielleicht würde sie, lebte sie in unseren Tagen, sagen: „Nein, cool war ich nie, Gott sei Dank!“ Eher war sie wohl „shibusa shirazu“, ein japanischer Ausdruck für jene delikate Mischung aus „hot“ und „meschugge“ - für die es im Deutschen kein Äquivalent gibt. Oder sie hätte mit ihren eigenen Worten aus dem Jahre 1912 geantwortet:

„Wahre Kunst ist ewig, ob sie von heute oder von damals ist. Welcher Dilettant hat das Wort modern erfunden! Was wertvoll ist – bleibt bestehen.“ Kaum ein anderes Zitat passt treffender zum 20-jährigen Bestehen der Else-Lasker-Schüler-Gesellschschaft und ihrem Jubiläumsalmanach. Denn knapp einhundert Jahre später erfährt die Aussage der Dichterin und Poetin der Zeichenfeder Bestätigung: In der „Deutschen Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof –

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Museum der Gegenwart“ in Berlin fand im Frühjahr 2011 die Ausstellung “Else LaskerSchüler“. Die Bilder“ statt. Die Poetin der Zeichenfeder kehrt damit zurück in den Kanon der Bildenden Kunst und zugleich an jenen Ort, aus dem die Nationalsozialisten ihre Zeichnungen vor 78 Jahren als „entartet“ verbannt hatten. Dass ihre Kunst wieder neu entdeckt wird und ihre Dichtung die Zeit überdauert, ist einzig das Verdienst der großen Poetin selbst, doch mit dazu beigetragen hat sicherlich auch die nach der Dichterin benannte Wuppertaler Literaturgesellschaft, die der Heiligen Else der Poesie mit 16 hochkarätig besetzten Symposien im In- und Ausland die Messe gesungen hat. Der neunte Almanach, gerade druckfrisch im Peter Hammer Verlag erschienen, bietet einen Rückblick auf die vier letzten Symposien in Wuppertal/Solingen (2008), Berlin (2009), Catania (2009) und in Tel Aviv (2010) und ist wegen der Umschlaggestaltung durch den Wuppertaler Grafiker Wolf Erlbruch nicht nur ein literarisches, sondern auch ein ästhetisches Vergnügen. Im Mittelpunkt der Symposien standen neben den der Dichterin gewidmeten Theaterstücken aus der Feder Gerold Theobalts, wissenschaftliche Vorträge und politische Diskussionsrunden: ein 500 Seiten buntes Kaladeiskop durch Leben und Werk der Dichterin. Publiziert werden bislang unbekannte Zeitungsberichte, neue Grundlagen für die Forschung, und wissenschaftliche Vorträge. Die Autorenliste liest sich wie ein Who is Who der Else-Lasker-Schüler-Forschung. Professor Heinz Rölleke beleuchtet in seiner bekannt unprätentiösen und im besten Sinne nüchternen Art die Liebesbeziehung zwischen Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn, der spät, sicherlich zu spät über die einstige Geliebte schrieb: „Dies war die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte... Immer unbeirrbar sie selbst, fantastisch in sich selbst verschworren, feindlich allem Satten, Sicheren, Netten, vermochte sie ihre leidenschaftlichen Gefühle auszudrücken, ohne das Geheimnisvolle zu entschleiern und zu vergeben, das ihr Wesen war.“ Doch dies ist bereits der Abgesang auf eine Liebesbeziehung, die längst erloschen war, gesungen nach dem Tod der Dichterin und Benns späten Einsicht in

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den eigenen fatalen politischen Irrtum vor seinem Rückzug in die innere Emigration. Rölleke zieht trennscharf eine Demarkationslinie zwischen dem wissenschaftlich Belegbaren und dem bloß Spekulativen dieser lyrischen Liaison und lässt dafür dem dichterischen Wort dieses Liebesdialogs freien Raum zur Entfaltung. Für Else Lasker-Schüler war der Arzt Dr. Benn, der Dichter des Morgue-Zyklus, der so sarkastisch und nüchtern auf das menschliche Leiden schauen und damit einen vollkommen neuen Ton in die deutsche Dichtung brachte, ein Faszinosum: „Jeder Vers ein Leopardenbiss“. Lasker-Schüler-Biographin Sigrid Bauschinger berichtet über einen Brief der Dichterin, den diese 1940 an Papst Pius XII. geschrieben und „im Namen des Judentums“ den Heiligen Vater um eine eindeutigen Haltung der Katholischen Kirche gegenüber Hitler-Deutschland gebeten hatte. Bauschingers Rekonstruktionen, welche Irritationen und (kirchen-) politischen Richtungskämpfe innerhalb der Kurie dieser Brief der Dichterin ausgelöst hat, lesen sich spannend wie ein Krimi. Ungeheuer sexuelle Augen Neben den wissenschaftlichen Beiträgen sind es häufig die Lebenserinnerungen von Zeitzeugen, die der Dichterin noch begegnet sind, die entzücken und dem Leser die Dichterin näher bringen. Avital Ben Chorin, 1923 in der Luther-Stadt Eisenach als Erika Fackenheim geboren, schloss sich früh der zionistischen Bewegung an und reiste 1936 nach Palästina aus. Ihre Eltern wurden 1944 in Auschwitz ermordet. In Jerusalem studierte sie und wollte als Lehrerin arbeiten. Als junge Frau verliebte sie sich in ihren späteren Mann, den Dichter Schalom Ben-Chorin. Sie wurde dann literarische Sekretärin im Hause des Staatspräsidenten Ben Zvi. Avital Ben Chorin erinnert sich in ihrem Beitrag für den Almanach an ihre Jerusalemer Begegnungen mit Else Lasker-Schüler, deren Gedichte sie schon als Jugendliche gelesen und bewundert hatte. Doch das junge Mädchen war zu schüchtern, um der großen Dichterin ihre Bewunderung zum Ausdruck bringen zu können. Zu ihren Lesungen kam auch ihr späterer Mann und es mag unbewusste Eifersucht der alten Dichterin im Spiel gewesen sein, als sie ihm sagte: „Bringen

Sie nur diese Frau nicht wieder mit!“ Und dann hinzufügte: „Ungeheuer sexuelle Augen!“ Avital Ben Chorin erzählt auf eine sehr berührende Art und Weise, wie in den letzten Lebensjahren der Dichterin das Eis zwischen ihr und Else Laker-Schüler schmolz und sich die frühe Ablehnung in eine späte Freundschaft wandelte. Avital Ben Chorin hat diese Begebenheit auch Schülerinnen und Schülern der nach der Dichterin benannten Wuppertaler Gesamtschule berichtet. Eine für die jungen Menschen sehr beeindruckende Erfahrung, da sie hautnah miterleben konnten, dass das, was sie im Deutschund Geschichtsunterricht lernen, in der konkreten Begegnung mit Menschen lebendig wird. Neben dem wissenschaftlichen Austausch waren daher die Zeitzeugenbegegnungen und die Zusammenarbeit mit Schulen immer ein wesentlicher Bestandteil der Symposien, über den die Journalistin Ulrike Müller in diesem Almanach eindrücklich berichtet. Experimentallabor für ein Zentrum der verfolgten Künste „In ihrem Zusammenspiel von künstlerischen Beiträgen, wissenschaftlichem Austausch und Zeitzeugenbegegnungen und Zusammenarbeit mit Universitäten und Schulen sind die Symposien auch eine Art Experimentallabor dafür, wie ein Zentrum der verfolgten Künste arbeiten könnte: international, interdisziplinär, interkulturell“, sagt Hajo Jahn, Vorsitzender der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft und Herausgeber dieses Almanachs. Es gehöre wenig prophetische Gabe dazu zu erkennen, dass das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert der Migrationsbewegungen werde – ausgelöst durch humanitäre, ökonomische und ökologische Katastrophen. „Eine Ethik der Erinnerung an das Exil kann daher mit dazu beitragen, dass wir unsere eigene Gesellschaft im Hinblick auf das, was auf Europa und Deutschland in Zukunft zukommen wird, menschlicher und toleranter gestalten.“ Heiner Bontrup Jeder Vers ein Leopardenbiss Peter Hammer Verlag, 2011 ISBN 987-3-7795-0360-6 Erhältlich zum Preis von 22 Euro


Gänsehaut Karl Otto Mühl

Foto: Frank Becker

Der Tag der Rückkehr hat mit Ereignissen begonnen, die über mich hinwegrauschten wir eine Ouvertüre. Eine Politikerwitwe stand am Dreieckstisch. Sie war gekommen, um das Stehcafé kennenzulernen, von dem sie gehört hatte. Mehr Tische vorzufinden, hätte sie sogar enttäuscht, sagt sie gleich entgegenkommend. Nein, dieser riesige Dreieckstisch hier, der sei genau das Richtige. Sie hat eine Freundin mitgebracht, die aufmerksam zu-hört. Das Gespräch schweift ab zum Thema des NeinSagen-Könnens – zum Beispiel jetzt zu einem weiteren Stück Kuchen. Aber sie kann das Thema auch weiter fassen, sagt sie: Nein zu Leuten, die einen vereinnahmen wollen. Die soll man für ihr Interesse und ihr Engagement loben, empfehle ich. Schließlich haben wir es hier auch mit einer Art von Liebe zu tun. Gleichzeitig soll man sich aber auch heimlich zu machen, oder sogar aus dem Staub. „Verstehe. Es geht um schwache Ichgrenzen“, sagt die Politikerfrau sachkundig und zustimmend. „Man ist selber schuld, wenn einen die Leute bestürmen.“ Jedoch, ich muss fort. Mein Scheibenwischer sitzt fest, und so kann ich nicht herum-

fahren. Ich fahre zu Marek, dessen Hof voll Autos steht. Es sind kleine, alte Autos, auch große alte, aber auch jüngere, noble, große. Man sieht ihnen nicht an, wem sie gehören, armen oder reichen Polen, armen oder reichen Deutschen. Es kommen aber immer mehr altansässige Deutsche, die herausgefunden haben, dass Marek sich seiner Kunden annimmt. Drei Männer beugen sich mit sorgenvollen Gesichtern über einen Motor, Marek tastet eine Oberfläche mit dem Zeigefinger ab. Darius eilt von der Seite mit einem Schraubenschlüssel herbei. Ich weiß nicht, was sie machen, aber nach zehn Minuten segelt der Audi wieder stolz davon. Marek eilt zum nächsten der herumstehenden Autos. Jetzt hat mich Marek entdeckt. „Hier kommt ein Veteran“, ruft er. „Er schreibt Bücher. Bringt ihm Kaffee!“ Gleich darauf sitze ich in Mareks Büro, werde nach Milch und Zucker gefragt. Regelmäßig schaut Mareks Mitarbeiter, Sebastian, nach, ob ich noch genügend Kaffee habe. Durch die Türe erspähe ich fast ein Dutzend von Mareks Genossen. Manche stehen beratend und unterstützend bei

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einem Monteur; Einzelne, die ich noch nicht kenne, scheinen neu eingestellt zu. Ich höre viel Polnisch. Es dauert schon fast eine Stunde mit der Reparatur. Marek kommt herein und erklärt es mir. Die Einzelteile sind oxidiert. Man nimmt alles auseinander und reinigt es. „Was machen die Kinder?“ frage ich Marek. „Sie haben jetzt doch zwei.“ Das ist das Stichwort für Marek. „Drei!“ berichtigt er mich stolz. „Die machen so viel Freude. Ich habe letzte Woche jeden Abend bis ein Uhr gearbeitet und das große Puppenhaus auf der Veranda gebaut. Ohne Zeichnung, alles mit Bohrmaschine und Säge. Glauben Sie mir, es hat sich gelohnt.“ „So viele Kinder!“, sage ich. „Jetzt müssen Sie ein richtig anständiger Mensch sein.“ „Bin ich das nicht?“ fragt er erschrocken. Ich berichtige mich schnell, ich habe sagen wollen, dass er jetzt abends mehr zuhause sein müsse. Schließlich habe ich ihn schon mit Freunden durch die Stadt ziehen sehen. „Früher war ich schlimmer“, gibt Marek zu. „Aber jetzt!“ Den Rest des Satzes ersetzt er durch eine einfallsreiche Handbewegung. Ich verstehe. Schlimm sei er nur kurze Zeit gewesen, ergänzt Marek. Schon als Junge sei er ja regelmäßig dem „Papa“ nach Belgien gefahren und habe monatelang auf Pflanzungen gearbeitet. Dann hatten sie zuhause wieder Geld.

„Sie kennen ja die Vorurteile hier“, sage ich. „Die Polen seien faul, unordentlich und so – alles Quatsch! Viele sind sogar besser.“ „Man muss es lernen“, antwortet Marek mehrdeutig. Ich sehe aber, seine Werkstatt ist aufgeräumt – wie sagt man bei uns – wie aus dem Ei gepellt. Wenn er auf Landsleute treffe, die nicht zuverlässig seien, schimpfe er mit ihnen. Das seien keine Geschäftsleute, wie er sie sehe. Es gebe auch aus manchen Ländern Unzufriedene, die eingewandert seien. „Geht doch zurück“, sage ich denen. „Da ist es vielleicht wärmer.“ Das alles höre ich natürlich gern. Aber, frage ich, da habe er doch diese Liebhaberei, diese Stahlhelme, SS-Koppelschlösser, Messer – Darauf sei er sogar gierig, antwortet er. Er kaufe das Zeug, wo er es finde. Hier seien die CD´s mit Kriegsfilmen im Schrank. Er sei verrückt darauf. Wenn es krache und die Leute vorwärts stürmten. Aber – „Was ist mit „Aber?“ frage ich. Aber er möchte beileibe nicht dabei sein. Das nicht. „Und wir sind in euer Land eingefallen.“ „Ich weiß. Aber der Hitler war doch ganz ...“ „Was, Marek?“ „Einfach wie wahnsinnig.“ „Aha“, sage ich. „Möchtet Ihr ihn haben?“

„Ich bin doch nicht verrückt.“ Das glaube ich auch nicht. Eher glaube ich, dass Marek demnächst ausgebrannt sein wird, wenn er fortfährt, immer gleich mehrere Autos auf einmal zu reparieren. Ich sage ihm das. „Nein“, sagt er, „das passiert mir nicht. Ich bin ja abends mit meinen Kindern zusammen. Am Sonntagmorgen lag die Mittlere zwischen uns im Bett. Wissen Sie, was sie mir gesagt hat? Sie hat gesagt: Papa, ich danke dir, dass du mir das Leben geschenkt hast. Ich habe eine Gänsehaut bekommen. „Geht mir jetzt auch so“, sage ich. Füe mich klingt der Satz seiner kleinen Tochter wie Worte aus einer Gegenwelt. „Und meiner Frau hat sie einen Brief geschrieben: „Mama, ich liebe dich so. Ich möchte keinen Tag ohne dich leben. Meine Frau hat ihr darauf geschrieben: „Ich liebe dich auch. Du machst mir soviel Freude.“ Ich schaue gerührt nach unten. Ich hasse den Gedanken, dass diese schönen Worte vielleicht von einer Lehrerin vorgesagt wurden. Ich glaube es auch nicht. „Der Mann lobt Gott mit seinem Leben“, würde mein Freund, der Pastor, sagen. Ich gehe zum Auto, das Marek schon an der Straße geparkt hat. „Viel Gesundheit!“ ruft er hinter mir her.

Karl Otto Mühl

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Als Zivilist unter Uniformierten Annäherungen an ein Porträt des SPD-Politikers Dr. Willfried Penner

Willfried Penner (links) mit Manfred Wörner im Bundestags-Verteidigungsausschuss, 1980. Foto: Arnold, Bundesarchiv

Drei repräsentative großformatige in Blau eingebundene Bücher, allesamt Unikate, das eine mit dem „Bericht des Verteidigungsausschusses als 1. Untersuchungsausschuss gemäß Artikel 45a Absatz 2 Grundgesetz – 16. Wahlperiode –“, das zweite mit sämtlichen Reden, die Dr. Willfried Penner jemals im Bundestag gehalten hat, das dritte schließlich mit den Jahresberichten des Wehrbeauftragten aus den Jahren 2000 bis 2004: Der gebürtige Wuppertaler, vielfach im Bund wie in seiner Heimatstadt ausgezeichnet, ist ein wenig stolz auf diese Konvolute, die Zeugnis ablegen über einen bedeutenden Teil seines politischen Lebens. Zu dem dickleibigen Band über die Zeit als Wehrbeauftragter haben zwei persönliche Referenten jener Jahre, Bettina Petzold und Guido Large, ein persönlich gefasstes Vorwort beigesteuert. Ausgiebig habe er von seinem Recht Gebrauch gemacht, Truppenteile unangemeldet

aufzusuchen, um mit Mannschaften und Offizieren quasi unpräpariert ins Gespräch zu kommen. Häufig habe er sich mit folgenden Worten vorgestellt: „Guten Tag, ich bin Willfried Penner aus Wuppertal in Berlin, nicht vorbestraft, seit 34 Jahren mit derselben Frau verheiratet, drei Kinder und noch unterhaltspflichtig.“ Macht die Umgebung einen sehr martialischen Eindruck oder steht sie gar unter Waffen, wir zitieren weiter, „hebt er dabei die Hände zu einer Geste, als wolle er sich angesichts des drohenden Todes retten“. Er hat noch mehr überlebt. Der geborene Wuppertaler machte sein Abitur am Dörpfeld, studierte und promovierte, trat schließlich in seiner Heimatstadt das Amt eines Ersten Staatsanwalts an. 1966 wurde er Mitglied der SPD, für die er sieben Jahre im Rat der Stadt saß. Viele Menschen kennen ihn als langjährigen Vorsitzenden des Stadt-

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Bühnenfoto v. Daniel Werkle, Aufführung am 5. 12. 2009 im Kleinen Schauspielhaus Wuppertal mit (v.l.) Julia Penner, Alexander von Hugo und Willfried Penner sportbundes. Seit 1972 schaffte er acht Mal den direkten Einzug in den Bundestag, war dort u. a. Vorsitzender des einflussreichen Innenausschusses, nahm an mehreren Untersuchungsausschüssen teil und übte maßgebliche Funktionen in seiner Fraktion aus. Zu Zeiten des NATO-Doppelbeschlusses arbeitete er als Parlamentarischer Staatssekretär auf der Hardthöhe. Im Jahre 2000 wurde er, spannendes Ende einer Dienstfahrt, mit einer breiten Mehrheit zum Wehrbeauftragten gewählt. In diesen Jahren war er auch als Generalbundesanwalt und als BND-Chef im Gespräch. Zu den vielen Auszeichnungen, die er erhielt, zählen das Große Bundesverdienstkreuz, der Ehrenring der Stadt Wuppertal, deren Ehrenbürger er sich nennen darf, und die Goldene Schwebebahn. Heute wohnt der – nach dem Tod von Katharina Penner in zweiter Ehe verheiratete – 75-Jährige am Katernberg. Die drei Kinder sind längst erwachsen. Auch die Schauspielerin Julia, die ebenfalls an ihrer Vaterstadt hängt. „Else“ heißt die

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Collage über die große Lyrikerin LaskerSchüler, die ein Kollege vom Fach, sie selbst und Vater Willfried Anfang Dezember 2009 im Schauspielhaus zur Aufführung brachten. Seinen Ausflug auf die Bretter, die die Welt bedeuten, betrachtet er als einmalige Angelegenheit. Drei Wochen drei bis vier Stunden am Tag Texte einzustudieren, hat auch von Wilfried Penner, der sich rühmt, ein gutes Gedächtnis zu haben, einiges verlangt. Im nächsten Jahr wird die Tochter, die derzeit im armenischen Jerewan ihre Schauspielkünste zum Besten gibt, ins Tal zurückkehren, und zwar mit einer Revue über Friedrich Engels. Der Vater wird dann im Zuschauerraum sitzen. So wie er sein berufliches Leben unter Volldampf absolviert hat, pflegt er jetzt mit der passenden Ruhe sein Pensionärsdasein. Und erinnert sich beizeiten. Etwa an seine Zeit in der Zentralen Stelle zur Verfolgung von nationalsozialistischen Gewaltverbrechen, eine Dienststelle der Bundesländer mit Sitz in Ludwigsburg,

an die es den 30-Jährigen 1966 verschlug. Es sei, sagt er, eine „mitunter frustrierende Zeit“ gewesen, in der nicht alle um Auskünfte gebetenen staatlichen Stellen sehr kooperativ gewesen seien. Welcher Geist in manchen Amtsstuben und auf manchen Gerichtsfluren herrschte, kann man in Wolfgang Staudtes legendärem Film „Rosen für den Staatsanwalt“ studieren. Ludwigsburg ist längst passé, und wir schreiben die 1980er Jahre, als der Bundestagsabgeordnete Dr. Willfried Penner die bolivianische Hauptstadt La Paz und dort den Deutschen Klub besucht, in dem immer noch der Geist des Wilhelminischen Reiches oder auch der braunen Zeit hochgehalten wird. Auf die Frage, ob man hier Herrn Altmann kenne (den Namen hatte der in Frankreich zwei Mal zum Tode verurteilte NS-Verbrecher Klaus Barbie angenommen), antwortete man ihm: „Ja, der ging hier ein und aus und führte ein großes Wort.“ Mitarbeiter der deutschen Botschaft besuchten, wie man sich denken kann, ebenfalls


den Klub, doch auf Fragen, ob man etwas über den Verbleib des ehemaligen SS-Hauptsturmführers wisse,

Dr. Willfried Penner Foto: Matthias Dohmen

bekamen die Mitarbeiter der Zentralstelle seinerzeit vom Auswärtigen Amt die stereotype Antwort, man wisse von nichts und niemandem.

zender nicht mehr an. Heute weiß er, dass seine Beharrlichkeit ihm zumindest im Nachhinein viele Sympathien an der Basis eingebracht hat.

Das muss man dann schlucken oder weiterbohren. „Tag und Nacht haben wir seinerzeit geackert“, sagt er heute. Ein hohes Maß an Arbeitseinsatz und Disziplin bescheinigt ihm Freund und Feind, zum Beispiel im Flick-Untersuchungsausschuss oder, siehe oben, als Wehrbeauftragter, eine Art Traumjob für Willfried Penner. Vorgeschlagen hatten ihn die Fraktionen von Grünen, FDP, PDS und SPD.

Die Zeit nutzt er heute für Reisen und das Lesen dicker Wälzer über Friedrich den Großen, Dietrich Bonhoeffer, über das Dritte Reich und die „Endlösung“, über den Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Selten fällt sein Blick auf die in Blau eingebundenen Bände. In das Vorwort zu den Wehrbeauftragten-Berichten haben ihm die ehemaligen „Persönlichen“ ein großes Lob hineingeschrieben: „Wir haben unendlich viel gelernt, nicht nur über die Bundeswehr, sondern auch über Kollegialität bis hin zur Freundschaft, und wir werden uns den Rest unseres dienstlichen Daseins daran erinnern.“ Vielleicht auch darüber hinaus.

Das war nach den turbulenten Jahren, als die Auseinandersetzungen um die „Nachrüstung“ die SPD schwer zerrissen. Willfried Penner hielt, als Zivilist auf die Hardthöhe geraten, um dem damaligen Minister Apel zur Seite zu stehen, stramm Kurs und trat bei der Wahl 1982 in Wuppertal als SPD-Unterbezirksvorsit-

Matthias Dohmen

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Neue Kunstbücher Die Stadt als Architektur Vorgestellt von Thomas Hirsch Architektur teilt etwas über ihre Zeit mit, sie folgt nicht nur Funktionen, sondern auch Stilen und Moden und spiegelt die Form der Gesellschaft wider. Zweifelsohne wirkt sie – und im Verbund als Anlage der Stadt – auf das Wohlbefinden der Menschen ein. Folglich kann mittels Architektur und Städteplanung Einfluss auf die Bevölkerung genommen werden. Zu den Ländern, die dies auf schlimme Weise demonstrieren, gehört Nordkorea mit seiner Hauptstadt Pjöngjang, in der etwa drei Millionen Menschen leben: eine „Retortenstadt, in der das Leben von der ersten Zellteilung an in einzelnen Funktionseinheiten streng überwacht wird“, wie Philipp Meuser in seinem „Architekturführer Pjöngjang“ schreibt, den er im eigenen Verlag DOM publishers veröffentlicht hat. Dieses Buch führt schon durch seine Existenz diese Stadt ad absurdum. Pjöngjang scheint nur wenig für Menschen und schon gar nicht zur Begehung geschaffen. Die Architektur dient der Darstellung des Regimes; die perfekte Großzügigkeit, die hier demonstriert wird, geht zulasten des Einzelnen und dessen Versorgung. Dieser wirkt durch die Größe der Gebäude, der Straßen, der Plätze und der Denkmäler noch kleiner und soll sich dem Herrschaftssystem unterordnen. Der „Reiseführer Pjöngjang“ besteht aus zwei handlichen Büchern im Schuber, der erste Band gibt mit seinen Abbildungen und Kurztexten die offizielle Sicht von Pjöngjang wieder. Es wird ein umfassendes Bild vermittelt, das keine Selbstzweifel kennt. Der zweite Band macht sozusagen die Probe aufs Exempel, schreitet nun in Großaufnahmen die heroi-

Philipp Meuser (Hg.): Architekturführer Pjöngjang, zwei Bände im Schuber, zus. 368 S. mit 350 Abb., Broschur, 24 x 14 cm, DOM publishers, 38,– Euro

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schen Stätten, Sportanlagen und Versammlungsplätze ab und bemüht sich dabei um eine objektive Sicht. Philipp Meuser hat sich in sein Projekt hinein gekniet, selbst fotografiert, und dazu gehört, dass er auch das Traktat zur Baukunst des Staatspräsidenten Kim Jong-Il abdruckt. Die Bauten selbst orientieren sich übrigens an den sowjetischen Vorstellungen des Wohnens und Lebens, die Ideologie des Kommunismus ist hier zum Äußersten getrieben.

Frédéric Chaubin: CCCP – Cosmic Communist Constructions Photographed, 312 S., durchgehend s/w und farbig bebildert, Hardcover, 34 x 26 cm, Taschen, 39,99 Euro Dass es in der ehemaligen Sowjetunion noch andere Formen der Architektur gab, das zeigt eine weitere Neuerscheinung. Der Journalist und Fotograf Frédéric Chaubet betreibt hier seine private Recherche über die non-konforme Architektur der Sowjetunion, die vor allem nach dem Tod Breshnews vereinzelt zugelassen wurde. Dieser „Aufweichung“ an Gebäuden und Denkmälern ist Chaubet bis nach Asien auf der Spur: den pitturesken Bekrönungen und Verschiebungen der Baukörper, den seriellen Wabenstrukturen und Wellenlinien aus Beton. Chaubet spricht von der „Form der Extravaganz“ und der „unerwarteten Schönheit dieser vergessenen Relikte“, die meisten der Gebäude sind außer Gebrauch, schon im Status des Verwitterns. - Schon das ist gefährlich: ein Hauch von Nostalgie schwingt mit, dabei schleicht sich eine merkwürdige Verschiebung ein, die das Diktatorische des Sowjetkommunismus ausblendet. Auch inhaltlich bleibt unscharf, worum

es geht. Zu disparat sind die Bauten, die Chaubet fotografiert und in das Buch aufgenommen hat. Mitunter ist die Landschaft (die Platzierung des Gebäudes, dessen Aussicht) die Sensation. Die Bildlegenden sind wenig aussagekräftig, ja es ist dumm, wenn eine Darstellung des Ikarus als „Batman von Tiflis“ bezeichnet wird. Trotzdem, es gibt eindrucksvolle Fotos außergewöhnlicher Gebäude zu sehen, für den sehr guten Druck ist der Taschen Verlag verantwortlich. Ein schönes Bilderbuch, zum Ausliegen auf den Beistelltischen. Wie aus einem Guss wirkt das Buch „Brasilia“ im Verlag Scheidegger & Spiess, das Fotografien von René Burri aus der Zeit zwischen 1958 und 1997 umfasst. Also, Burri ließe sich gewiss nur ungern mit Chaubin in einen Topf werfen. Brasilia, das Meisterstück des Architekten Oscar Niemeyer, ist eine künstliche Stadt wie etwa Chandigarh in Indien und – schlussendlich – auch Pjöngjang. Brasilia wurde im wesentlichen zwischen 1958 und 1970 errichtet als gigantisches Projekt des brasilianischen Staates. Brasilia sollte Hauptstadt mit dem Regierungssitz werden. Im riesigen Maßstab, mit den architektonischen Ambitionen im Hinblick auch auf die Verschiedenheit der Gebäude und die Infrastruktur und schließlich im enormen Tempo der Realisierung sorgte der Bau, vermittelt in Illustrierten durch Fotografen wie René Burri, weltweit für Aufsehen. Neben Repräsentationsbauten entstanden Schulen, Wohnblocks, Freizeitanlagen. Aber davon zeigen seine s/w- und Farbfotos wenig. Burri dokumentiert die Entstehung, die Baustellen, er porträtiert die Arbeiter und Einwohner und verdeutlicht so das Euphorische des Projektes. Er fängt vermeintlich banale Szenen so ein, dass sie dynamisch bleiben, als Teil des Ganzen vermittelt sind und sich selbst nicht zu wichtig nehmen: Burri ist überschauender Augenzeuge. René Burri wurde 1933 in Zürich geboren. Seit 1959 gehört er zu den Fotografen der berühmten Pariser Agentur „Magnum“. Als Reportagefotograf reist er rund um den Erdball, den unterschiedlichsten Themen auf der Spur. Unter anderem dokumentiert er die architektonische Arbeit von Le Corbusier. Der Anspruch des Dokumentarischen auf höchstem Niveau kennzeichnet auch seine Bilder von Brasilia. Natürlich


Arthur Rüegg (Hg.), René Burri - Brasilia, 224 S. mit 130 farb. und 80 s/w-Abb., Hardcover, 31 x 23 cm, Scheidegger & Spiess, 77,– Euro muss das für Burri selbst ein journalistisches Vergnügen gewesen sein, die Entstehung einer Hauptstadt von Anfang an und über Jahre begleiten zu können. Eine Art Goldgräberstimmung zeichnet sich in seinen Fotografien ab. Burri arbeitet mit Symbolik und aussagekräftigen Situationen, etwa wenn er den Staatspräsidenten Kubitschek an seinem Schreibtisch zeigt oder Baufahrzeuge im Ackerland fotografiert. All dies ist nun in eine grob chronologische Abfolge eingebunden, als Story aus Vision und schließlich Resümee – ein großartiges Buch!

„Ich fühle mich sehr der Idee der europäischen Stadt mit ihrer zweitausend Jahre alten Geschichte verpflichtet. Diese Idee möchte ich weiterentwickeln“, schreibt Max Dudler, ein Landsmann von René Burri und etablierter Architekt. Seit neuestem sind die sieben Bände, die zu seiner Architektur seit den 1990er Jahren von ihm herausgegeben und beim Schweizer Verlag Niggli publiziert worden sind, in einem Schuber zusammengefasst. Schon die solide Präsentation und die graphische Gestaltung der Bände signalisieren: Max Dudlers Sache ist die Strenge und die Akkuratheit der Form, die Präzision im Detail. Basismodul ist das Quadrat, das etwa zu gleichen Rasterungen der Fassade oder einer einheitlichen, aus gefugten hellen Steinen gebauten Front führt. Dann wieder fördern riesige Scheiben den Austausch von Innen und Außen und deuten weiter an, wie Dudler auf die jeweilige städtische Situation reagiert. Nie sind seine Gebäude abweisend, sie sind „Teamplayer“ innerhalb der urbanen oder landschaftlichen Umgebung und mitunter auf ökologische Praktikabilität ausgerichtet. Max Dudler wurde 1949 in der Schweiz geboren, nach Studien in Frankfurt und Berlin war er zunächst Architekt bei O. M. Ungers, ehe er sich selbstständig gemacht hat, heute mit Büros in Berlin und Zürich. Seit 2004 hat er eine Professur für Baukunst an der Düsseldorfer Kunstakademie inne. Ein Schwerpukt seiner Tätigkeit ist Berlin – hier ist er zu den wenigen Hauptstadt-Architekten zu rechnen, die sensibel umbauen

und implantieren und an der Vermittlung zwischen Bewahrung von Substanz und homogener Formulierung von Gegenwärtigkeit und Fortschritt arbeiten. Zu seinen Bauten gehören das Jacob-und-Wilhelm-GrimmZentrum der Universität, das Umspannwerk Lützowplatz und das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, die in der Kassette im Niggli Verlag vorgestellt werden. In der Vielzahl von schwergewichtigen Publikationen internationaler Architekturbüros, die selten frei von der Selbstbewerbung sind, ragt der „Dudler-Schuber“ angenehm heraus: durch die präzise Vermittlung der Anliegen der Architektur im Stadtbild und die Konsequenz im Werk dieses Architekten. Max Dudler: Kontinuität/Continuity, 7 Bände im Schuber, zus. 664 S. mit über 500 Abb., Broschur, 28 x 23,5 x 8 cm, Niggli, 140,– Euro

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Geschichtsbücher, Buchgeschichten Vorgestellt von Matthias Dohmen

Es ist der „immer wieder“ tobende Streit, „ob Wahrheit in der Geschichtswissenschaft überhaupt ein sinnvolles Ziel sei, ob die Geschichtswissenschaft nicht viel mehr der Literatur ähnele“, fragt sich Robert Schnepf in der Einleitung (Seite 9). Und zitiert wenig später Hegel, der geschrieben hat, die Erfahrung lehre, „dass Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt“ haben (S. 34). Sehr instruktiv sind des Autors – sich durch das ganze Büchlein durchziehende – Darlegungen über Freund und Feind in der so genannten Fischer-Kontroverse, die bis auf den heutigen Tag anhält. Ob die Wilhelminische Regierung den Ersten Weltkrieg provoziert und ausschlaggebend hervorgerufen hat, beschäftigte schon 1919 den Sozialdemokraten Karl Kautsky. Sehr viel schlauer wird der Leser Schnepfs allerdings nicht. Selbst Quellen können in die Irre führen und haben nur ein „Vetorecht“ (S. 38). Robert Schnepf, Geschichte erklären. Grundprobleme und Grundbegriffe, Göttingen: Vandenhoeck 2011. 189 S., 24,95 Euro

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Doch ein Triumph des gedruckten Buchs: Seit 1995 legt die Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn unter Mitwirkung der Bibliothek der Stiftung „Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR“ in Berlin diese renommierte Bibliographie vor. Es gibt zwar – auch von der FES – jede Menge Datenbanken im Internet, doch muss ma sich deren (Teil-) Ergebnisse auch ausdrucken, um sie nachhaltig zu nutzen. Und was bringt ein Bücherverzeichnis, das nicht durch sauber aufbereitete Register erschlossen ist? Die hier besprochene Bibliographie enthält Verzeichnisse der Personen (Verfasser, Herausgeber, aber auch solche, die Gegenstand von Biographien sind), der Schlagworte, von Regionen und Orten sowie der behandelten Körperschaften. Einige Hundert Zeitschriften aus 23 Ländern sind für das Jahr 2010 ausgewertet worden. Hut ab! Bibliographie zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Jahrgang 35/2010, hrsgg. von der Bibliothek der FriedrichEbert-Stiftung, Bonn: J. H. W. Dietz 2011. 216 S., 29,90 Euro

Neben Paul Wentzke ist Hans Spethmann der führende stark rechtsgewirkte Historiograph des „Ruhrkampfes“. Beide führten ihre antimarxistische Geschichtsschreibung in brauner Zeit fort und kamen nach 1933 mit ihrem „Ja“ zum „Führertum“ so recht zu Ehren. Schande über SPD und KPD: Auf die Großindustriellen war man „vor dem Umbruch“ 1933 „nicht gut zu sprechen“ (S. 1457). Gleichwohl enthält Spethmanns insgesamt fünf Bände umfassende Darstellung eine Fülle an Fakten, die ihresgleichen sucht. Nun hat der Klartext-Verlag nach der Neuauflage der ersten drei Bände, die man allerdings nicht einmal mehr bei Amazon kaufen kann, die als verschollen geltenden Teile Drei und Vier in einem Band publiziert. Ein Literatur- und Quellenverzeichnis, ein Gesamtregister (über alle Bände) und Karten runden die sorgfältig aufgemachte Publikation ab. Hans Spethmann, Das Ruhrgebiet. Band 4 und 5, hrsgg. von Gustav Ihde und Hans-Werner Wehling, Essen: Klartext 2011. 1756 S., 64,95 Euro


Dada-Ada Assoziationen. Früher nannte man das Spinnen. Stoffe spinnen, Themen. Tibetteppiche in Berlin In Zürich und im Engelstal.

Zürich-Dada im Cabaret Voltaire, Spiegelgasse. Das Ada, Wiesenstraße. Unterm Tippentappentönnchen: Migrationsgegend. Gegen Hintergrund. Aber viel Vordergrund. Arbeiterviertel Ohne Arbeiter. Arbeit. Los. Wanderergastronomie, wunder wie. Dort Richard Huelsenbeck und Tristan Tzara. Hier Mitch Heinrich in vokalen Klang- und Sinnaakrobationen. Sinnfreiheiten – Freier Sinn. O.K., einverstanden, zugegeben: Raumzeitliche Distanzen. Weltgeschichtlicher Abstand. Aber. Sinnliche Allianzen.

Tastendes Experimentieren im Reich der Klänge und Töne. Auch Soundrevolutionen brauchen Ihren Ort. Damals. Hier wie Dort: Befreiung. Aufbruch. Wegblasen. Kaputtspielen. Weil ein Land erstarrt. Stinkt wie Schweizer Käse: Deutsche Schweiz, deutscher Schweiß Deutsche Scheiße. Braun in Berlin. In-Berlin: Blue die Notes und zuweilen auch die Eier. Dem Bürger fliegt vom Kopf der spitze Hut. Und Im Ada Töne um die Ohren. Jedes Böhnchen eins. Damals. Heute: neue Bürgerlichkeit. Free Jazz ohne Freibier. Improvisation, Tanz, Performance. Zwischen Rakhi und Rembetiko Zwischen Börek und Brötzmann Zwischen Döner und Daxophon: (K)ein Tango ohne Tanga? Wer weiß das schon? Wahrscheinlich. Jedenfalls Unterm Sheddach Pepes Bass Schlagwerk, Sax und ein Pianola für den toten Geist von Astor Piazola Heiner Bontrup

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Kulturnotizen

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Gryphius-Preis 2011 an Michael Zeller Der mit 10.000 Euro dotierte Große Literaturpreis der KünstlerGilde e.V. Esslingen geht in diesem Jahr an den in Wuppertal lebenden Schriftsteller Michael Zeller. Der noch im deutschen Breslau geborene Preisträger wendet sich in besonderer Weise in seinem gewichtigen literarischen Werk den Nachbarn im Osten und Südosten zu und ist durch sein kontinuierliches Wirken ein wichtiger aktiver Vermittler einer europäischen Verständigung. In Romanen und Erzählungen engagiert sich der Autor für eine tragfähige deutsch-polnische Nachbarschaft. Der Andreas Gryphius-Preis wurde von der KünstlerGilde 1957 begründet. Zu seinen Preisträgern gehören u.a. Heinz Piontek, Johannes Urzidil, Wolfgang Koeppen, Franz Tumler, Peter Huchel, Siegfried Lenz, Horst Bienek, Peter Härtling, Stefan Chwin und zuletzt Arno Surminski und Renata Schuman. Die Preisverleihung nimmt am 11. November

Christina Rau zu Besuch in der Begegnungsstätte Alte Synagoge Die Vorsitzende der Johannes-Rau-Stiftung ließ sich durch die Dauerausstellung führen Einen Besuch in Wuppertal verband die Witwe von Johannes Rau heute mit einer Besichtigung der Ausstellung über die jüdische Geschichte in Wuppertal. Die Johannes-Rau-Stiftung zählt zu den Sponsoren der Begegnungsstätte, und so zeigte Christina Rau lebhaftes Interesse an der neuen Konzeption. Von Antonia Dicken-Begrich, der Vorsitzenden des Trägervereins Begegnungsstätte Alte Synagoge, und Dr. Ulrike Schrader, ließ sie sich die einzelnen Stationen der Schau und ihre lebendigen Vermittlungsmethoden erläutern. In den Herbstferien steht die Ausstellung zwischen 14 und 17 Uhr (außer Montags und Samstags) allen Interessierten Besuchern offen.

Mirijam Contzen – Saltando Die renommierte Geigerin Mirijam Contzen kommt nach Wuppertal und wird Werke zeitgenössischer Komponisten sowie zeitgenössische Bearbeitungen von Kompositionen von Franz Liszt spielen. Alle Werke sind Uraufführungen! Sonntag, 06.11.2011um 20 Uhr in der Historischen Stadthalle Wuppertal, Mendelssohn-Saal. Der Abend steht unter dem Motto „Saltando“ (deutsch: „mit tanzendem/ springendem Bogen“)

der Bundesvorsitzende der KünstlerGilde, Prof. Dr. Wolfgang Schulz, im Gerhart-HauptmannHaus in Düsseldorf vor. Die Laudatio hält die Literaturkritikerin und Autorin Marta Kijowska. Der Andreas Gryphius-Preis wird seit 1957 durch die 1948 in Esslingen gegründete KünstlerGilde e. V. verliehen. Sein Name erinnert an den großen schlesischen Dramatiker und Dichter Andreas Gryphius (1616-1664). Er zählt zu den renommiertesten Literaturpreisen in der Bundesrepublik Deutschland. Unter den Trägerinnen und Trägern befinden sich nicht zuletzt Heinz Piontek, August Scholtis, Johannes Urzidil, Franz Tumler, Horst Bienek, Manfred Bieler, Wolfgang Koeppen, Rose Ausländer, Gertrud Fussenegger, Peter Huchel, Frank Thiess, Reiner Kunze, Saul Friedländer, Hans Sahl, Hans Werner Richter, Siegfried Lenz, Otfried Preußler, Peter Härtling, Ota Filip, Andrzej Szczypiorski, Janosch, Jiri Grusa, Karl Dedecius sowie Stefan Chwin.

Foto: Begegnungsstätte Alte Synagoge

Mirjam Contzen

Die Welt hebt an zu singen Erneut haben Wuppertaler Autoren Anerkennung durch Aufnahme von lyrischen Texten in Anthologien gefunden. Dieter Jandt, Mitglied des Verbands deutscher Schriftsteller (VS), hat sich erfolgreich um Aufnahme dreier Gedichte in die Anthologie „Schlafende Hunde II - Politische Lyrik in der Spaßgesellschaft“ beworben. (Wie schon vor einer Weile berichtet, sind in dieselbe Anthologie auch fünf Gedichte von Karl Otto Mühl aufgenommen worden.) Darüber hinaus sind Karl Otto Mühl und Michael Zeller, beide Mitglieder sowohl des VS wie des PEN, mit je einem Gedicht in dem gerade erschienenen Reclam-Bändchen „Die Welt hebt an zu singen“, hg. von der Wuppertaler Literaturwissenschaftlerin Gabriele Sander, vertreten.

Mirijam Contzen, vielfach ausgezeichnete Solistin von internationalem Rang (Echo-Klassik 2001), zieht die Hörer mit lebendiger Musikalität und atemberaubendem Virtuosentum in ihren Bann. Begleitet wird sie von Sinfonia NRW, einer der interessantesten Orchester-Neugründungen der letzten Jahre, die den Hörerinnen und Hörern bereits vom Auftritt bei der Bergischen Biennale 2010 bekannt ist. Ausgangspunkt ihres Programms SALTANDO ist Franz Liszt, Jubilar des Jahres 2011. Der ist nun zwar als Klaviervirtuose bekannt – doch lassen Sie sich überraschen, wie den zeitgenössischen Komponisten des Abends der Sprung in ein aufregend neues Violingenre gelingt! So viel sei verraten: Auch Paganini spielt eine Rolle …

Auch die Wiederholung eines Bühnenerfolgs kündigt sich an: Karl Otto Mühls „Rheinpromenade“, 1974 in Wuppertal uraufgeführt und Jahre lang im Repertoire vieler deutscher Bühnen, feiert demnächst Wiederaufnahme (angekündigt für 2012, nunmehr verschoben auf 2012/13) in der „Schlosserei“, einer Spielstätte des Kölner Schauspielhauses. Regie führt Nora Bussenius.


Eine Einführung zu dem Konzert mit dem Musikwissenschaftler Reinhard Buskies findet um 19 Uhr statt. Das Programm: Franz Liszt: Mephistowalzer Nr. 1 - Der Tanz in der Dorfschenke - Bearbeitung für Kammerorchester von Johannes Marks (UA) Lutz-Werner Hesse: Introduzione e moto perpetuo für Violine und Ensemble (UA) Franz Liszt: Etude "La campanella" nach Paganini in der Bearbeitung für Violine und Kammerorchester von Michael Schultheis (UA) Franz Liszt: Polonaise Nr. 2 E-Dur Bearbeitung für Kammerorchester von Michael Schultheis Johannes Marks: Konzert für Violine und Kammerorchester (UA) Michael Walter: Offene Gegend. Musikalische Szene nach Faust II (UA) Das Kammerorchester Sinfonia NRW hat sich einer lebendigen Musikausübung verschrieben: Die Programme bestehen immer aus einer Mischung von Altem und Neuem - die spannungsvolle Verflechtung von Bekanntem in Konfrontation mit Reaktionen der heutigen Zeit steht im Zentrum. Die Musikerinnen und Musiker sind herausragende Studierende aus NRW, die gemeinsam mit erfahrenen Orchestermusikern spielen. Zum Konzept gehört auch der unmittelbare Austausch mit den Komponisten. Der Klangkörper ist ungewöhnlich besetzt:

Zu den solistischen Streichern treten u.A. Blechblasinstrumente und Schlagwerk, so dass verglichen mit dem 'normalen' Kammerorchester ein größeres klangliches Volumen erzielt wird. Vorverkauf: 0211/27 4000 und www. westticket.de Eintritt: 20 EUR /erm. 13 EUR Aufführung in Wuppertal: Sonntag, 06.11.2011, 20 Uhr, Historische Stadthalle Wuppertal, MendelssohnSaal, Johannisberg 40 Konzerteinführung um 19 Uhr Weitere Aufführungen: Freitag, 04.11.2011, 20 Uhr, Hörsaal H 1, Hindenburgplatz 10-12, Münster Samstag, 05.11.2011, 20 Uhr, Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund, Hansastraße 3

Ruhr-Museum Essen zeigt Bilder seiner Fotografischen Sammlung Essen - Unter dem Titel „Von A bis Z. Die Fotografische Sammlung des Ruhr Museums“ präsentiert das Ruhr Museum in Essen eine neue Sonderausstellung. Die bis zum 10. Juni nächsten Jahres laufende Schau in der Galerie der Kohlenwäsche auf dem Welterbe Zollverein zeigt etwa 300 Bilder aus dem gewaltigen Fotoarchiv des Museums, die zum Teil noch nie öffentlich zu sehen waren. Die neue Schau ist Auftakt einer Reihe von Ausstellungen, in denen die einzelnen Sammlungen des

Ruhr Museums präsentiert werden, die von regionaler und internationaler Bedeutung sind. Die Ausstellung ist montags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Internet: www.ruhrmuseum.de Internationale Tanzwochen in Neuss gestartet Neuss - Im rheinischen Neuss sind die diesjährigen Internationalen Tanzwochen gestartet. Bis zum Februar kommenden Jahres werden Ensembles aus der ganzen Welt ein abwechslungsreiches Programm zeigen. Zum Auftakt kam die Armitage Gone! Dance Company aus New York, die

The art of tool making

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mit ihrer Choreographie „Relativity“ zum ersten Mal in Deutschland zu sehen ist. Unter der Leitung von Karole Armitage zeigt das Ensemble darüber hinaus „The Watteau Duets“ und die „Ligeti Essays“. Bereits zum zweiten Mal besucht das Cedar Lake Contemporary aus New York unter der Leitung von Benoit-Swan Pouffer die international renommierte Veranstaltung in Neuss. Zu ihrem einzigen Gastspiel in NRW kommt das Bayrische Staatsballett 2 im Dezember an den Rhein. Ivan Liška und Konstanze Vernon haben eine 16köpfige Juniorcompagnie zusammengestellt, die bereits im großen Staatstheater auftreten konnte. Aus Stuttgart kommt Gauthier Dance in die Neusser Stadthalle, die ihr abwechslungsreiches Programm „Lucky Seven“ präsentiert. Das Zürcher Ballett unter der Leitung von Heinz Spoerli, der schon im Gründungsjahr der Tanzwochen zu Gast war, zeigt „In den Winden im Nichts“, eine Choreographie der Cello-Suiten 2,3 und 6 von Bach. Internet: www.tanzwochen.de Ausstellung „Stroh zu Gold“ im Ziegeleimuseum Lage eröffnet Lage - „Stroh zu Gold“ lautet der Titel einer Ausstellung im Ziegeleimuseum im

westfälischen Lage, die bis zum 18. März nächsten Jahres den Mythos magischer Geschichten und Figuren aus textilen Märchen aufgreift. Zu sehen sind über 250 Objekte aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Darunter Arbeitsgeräte wie Spinnrad, Spindel, Webstuhl, Schneidertisch und Zwirnmühle. Bücher des 19. Jahrhunderts zeigen in der Ausstellung Holzstiche aus der Märchenwelt der Brüder Grimm und des Wilhelm Hauff. Ausgestellt werden außerdem 60 Jahre alte Theaterkulissen, kleinteilig in kolorierte Pappe geschnitten, sowie Märchenbilder im Jugendstil aus „Stollwerck´s königlichen Schokoladentafeln“ von 1906. Einen Hauch von der zauberhaften Atmosphäre orientalischer Märchen aus 1001 Nacht vermitteln ZeremonialGegenstände der Turkmenen wie Kronen, Hochzeitspantoffeln, ein Dolch mit Damastklinge sowie ein kunstvoll gearbeiteter Jurteneingang. Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Museum Abteiberg zeigt Werke des US-amerikanischen Künstlers Morgan Fisher

Mönchengladbach - Unter dem Titel „Translations“ präsentiert das Museum Abteiberg in Mönchengladbach eine Ausstellung mit Werken des amerikanischen Künstlers Morgan Fisher. Es ist die erste Ausstellung, in der Fisher seine Auseinandersetzung mit der Malerei zeigt. Seit den späten 1990er Jahren fertigt der in Los Angeles arbeitende Künstler Installationen aus Malerei, in denen monochrome Gemälde zu einem neuartigen Anschauungsobjekt werden. Sie handeln von den Größen, Formaten, farblichen und räumlichen Beziehungen, von den Gesichtsfeldern des Betrachters, den Bedingungen von Architektur sowie den Phänomenen der


Wahrnehmung und ihrer Nachbilder. Fisher ist auch Filmemacher und studierter Kunsthistoriker. In seinen Werken hat er sich auch immer wieder mit der Komposition und Wirkungsweise anderer künstlerischer Werke befaßt. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der Wiener Generali Foundation. Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Internet: www.museum-abteiberg.de Duisburger Museum würdigt Ulrich Erben mit einer Werkschau

Duisburg/Düsseldorf - Unter dem Titel „Ulrich Erben – Lust und Kalkül. Malerei aus fünf Jahrzehnten“ würdigt das MKM Museum Küppersmühle in Duisburg den 1940 geborenen Künstler. Die Werkschau läuft bis zum 29. Januar nächsten Jahres und zeigt rund 160 Gemälde sowie Papierarbeiten und einen Lichtobjekt-Raum. Erben zählt seit über 40 Jahren zu den wichtigsten deutschen Vertretern der Farbfeldmalerei. Erben, der in Düsseldorf lebt, war 25 Jahre als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf/ Münster tätig. Die Ausstellung ist mittwochs von 14 - 18 Uhr sowie donnerstags bis sonsntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Internet: www.museum-kueppersmuehle.de Deutsches Glasmalerei-Museum Linnich würdigt Georg Meistermann Linnich - Zum 100. Geburtstag des Künstlers ist seit dem 22. Oktober im Deutschen Glasmalerei-Museum im nordrhein-westfälischen Linnich die Schau „Das Leben des Menschen ist in Farbe eingehüllt“ zu sehen. Die bis zum 29. Januar nächsten Jahres laufende Schau würdigt den Künstler Georg Meistermann (1911-1990), der

in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Man zeigt Werke aus allen Phasen und Kunstgattungen des Schaffens von Münstermann. Glasmalereien, Entwurfskartons, Gemälde und Zeichnungen bieten dem Besucher einen Einblick in das malerische und glasmalerische Werk Meistermanns in den Jahren von 1927 bis 1990. Der Künstler mußte schon 1933 auf Anweisung der Nationalsozialisten die Kunstakademie in Düsseldorf verlassen. Noch im gleichen Jahr hatten die Nazis seine Ausstellung geschlossen und die Arbeitsmöglichkeiten des Künstlers erheblich behindert. Das Frühwerk Meistermanns wurde im Krieg zerstört, heute zählt er mit zu den bedeutendsten Vertretern der „Inneren Emigration“ und der „Verfemten Kunst“. In über 52 Jahren stattete der Künstler unter anderem mehr als 170 Kirchen mit umfangreichen Glasfensterzyklen aus. Er wirkte zudem maßgeblich beim künstlerischen Wiederaufbau der romanischen Kirchen in Köln mit. Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Internet: www.glasmalerei-museum.de Erste deutsche Ausstellung zum Werk von Mamma Andersson in Krefeld Krefeld - „Dog Days“ lautet der Titel der ersten deutschen Ausstellung zum Werk der schwedischen Künstlerin Mamma Andersson, die bis zum 5. Februar nächsten Jahres im Museum Haus Esters in Krefeld zu sehen ist. Die 1962 geborene Andersson geghört zu den wichtigsten zeitgenössischen

Künstlern Skandinaviens. In der eigens für das Krefelder Museum konzipierten Schau werden etwa 14 neue Gemälde und 4 Arbeiten auf Papier gezeigt, die im Zeitraum eines Jahres entstanden sind. In ihrer Malerei läßt die Künstlerin verschiedene Quellen zu überraschenden, mehrschichtigen Amalgamen zusammenfließen. So bezieht sie sich einerseits auf die Tradition der nordischen Landschaftsmalerei des 19. und 20. Jahrhunderts, während sie andererseits Interieurs als Vorlage verwendet, die aus kriminaltechnischen Recherchen stammen und daher ungeschminkte, gewöhnliche Räume in ihre Gemälde eindringen lassen. Wo die Künstlerin auf die Darstellung von Personen verzichtet, werden Interieurs und Dinge der Außenwelt durch malerische Mittel psychologisch aufgeladen. So entpuppt sich etwa die Darstellung eines gewöhnlichen Kinderzimmers näher besehen als Ort von Einsamkeit und Destruktion, ein leeres Schiffsdeck von schwarzer See umgeben als Metapher existenziellen Ausgeliefertseins.

Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Internet: www.kunstmuseenkrefeld.de

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Ausstellung zu Expression und Religion im Essener Museum Folkwang

Louis Soutter „The Empty Cross“, 1939, Fingermalerei in Deckfarben Essen - „The Empty Cross - Expression und Religion in Werken einer Schweizer Privatsammlung“ lautet der Titel einer Ausstellung, die am 12. November im Essener Museum Folkwang eröffnet wird. Zu sehen sind bis zum 22. Januar 2012 etwa 70 druckgrafische Blätter vor allem des Expressionismus gemeinsam mit thematisch verwandten Aquarellen und Zeichnungen, unter anderem Arbeiten von Emil Nolde, Karl Schmidt-Rottluff und Max Beckmann, die in der Zeit um den Ersten Weltkrieg viele Werke religiösen Inhalts schufen. Bei der Darstellung von Motiven des Alten und Neuen Testaments vor allem in Holzschnitten und Radierungen gelang es den Künstlern, den psychologischen Gehalt der Szenen herauszuarbeiten. Eine sehr persönliche Fortentwicklung der christlichen Ikonographie realisierte auch Louis Soutter in seinen Zeichnungen, die in den 1920er und 1930er Jahren entstanden. Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr sowie freitags bis 22.30 Uhr geöffnet. Internet: www.museum-folkwang.de Picasso durch die Kamera von David Douglas Duncan gesehen Münster - „Picasso bei der Arbeit - Durch die Linse von David Douglas

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Duncan“ lautet der Titel einer Ausstellung, die im Kunstmuseum Münster zu sehen ist. Der spanische Künstler wird in den Aufnahmen von Duncan bis zum 15. Januar 2012 von seiner privaten Seite gezeigt. Auch in Bielefeld und Köln sind derzeit Ausstellungen über Picasso zu sehen. Insgesamt 115 Fotografien zeigen ihn in der Münsteraner Schau bei der künstlerischen Arbeit im Atelier, umgeben von seiner Frau Jacqueline und seinen Kindern. Die Ausstellung stellt parallel zu Duncans Arbeiten auch viele der auf den Fotos auszumachenden Kunstwerke von Picasso aus, darunter zahlreiche Keramiken, Bronzen und Blechskulpturen. Der als Kriegsfotograf bekannt gewordene Duncan durfte Picasso über Jahre hinweg mit der Kamera begleiten, angefangen bei ihrem ersten Treffen 1956 bis hin zu Picassos Tod 1973.

Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Internet: www.kunstmuseum-picasso-muenster.de Ausstellung zum Werk von Werner Gilles im Kunstmuseum Mülheim/Ruhr Mülheim/Ruhr - „Träumender und Sehender“ lautet der Titel einer Ausstellung im Kunstmuseum Mülheim/Ruhr, die bis zum 8. Januar nächsten Jahres Werke des Künstlers Werner Gilles präsentiert. Mit seinen lyrischen Abstraktionen hat der Maler und Grafiker (1894–1961) eine eigene Position in der Kunst des 20. Jahrhunderts eingenommen. Die Ausstellung findet anläßlich des 50. Todestages von Gilles statt und präsentiert rund 150 Gemälde und Aquarelle des Künstlers. Von den Nationalsozialisten verfemt, gehörte Gilles nach dem Zweiten Weltkrieg zu den ersten modernen Künstlern,

die wieder ausgestellt wurden. 1954 mit dem Großen Preis für Malerei des Landes NRW ausgezeichnet, nahm der Künstler 1955 und 1959 an der Documenta I und II in Kassel teil. Ausgehend von seinen großen Kompositionen und Zyklen mit mythologischen und christlichen Motiven spannt die Ausstellung einen Bogen hin zu den mediterranen Landschaften seiner Wahlheimat, der italienischen Insel Ischia. Zu sehen sind auch Fotografien und der preisgekrönte Film „Der Maler des Orpheus“ aus dem Jahr 1960 von Carl Lamb. Die präsentierten Gemälde, Aquarelle und Grafiken stammen entweder aus dem Nachlaß des Künstlers oder sind Leihgaben unter anderem der Hamburger Kunsthalle, der Staatlichen Museen zu Berlin, dem Von der Heydt-Museum Wuppertal, dem Märkischen Museum in Witten oder dem Folkwang-Museum in Essen. Die Ausstellung ist dienstags, mittwochs und freitags von 11 bis 17 Uhr, donnerstags von 11 bis 21 Uhr sowie samstags und sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Internet: www.kunstmuseum-mh.de Ausstellung über Leben und Werk von Nelly Sachs in Dortmund Dortmund - „Flucht und Verwandlusng. Nelly Sachs, Schriftstellerin, Berlin - Stockholm“ lautet der Titel einer Ausstellung, die am 18. November

Nelly Sachs’ Wohnung am Bergsundsstrand 1970


im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte eröffnet wird. Anhand einer Fülle bisher unbekannter Fotos, Texte und Zeugnisse werden die wachsende Radikalität und der kulturgeschichtliche Kontext ihrer Dichtung herausgearbeitet. Die Schau entstand in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Berlin, dem Jüdischen Theater Stockholm, der Königlichen Bibliothek Stockholm, der Schwedischen Botschaft und dem Suhrkamp Verlag. Im Dezember vergibt die Stadt Dortmund zum 25. Mal den 1961 gestifteten und nach der Dichterin benannten Nelly Sachs Literaturpreis. Im Mai Die Ausstellung ist dienstags, mittwochs, freitags und sonntags von 10 bis 17 Uhr, donnerstags von 10 bis 20 Uhr sowie samstags von 12 bis 17 Uhr geöffnet. Internet: www.mkk.dortmund.de Hetjens-Museum präsentiert „Japanische Keramik zwischen Tradition und Moderne“

Taitan Fukuda, Set für kalten Sake mit Sakegießer und 2 Bechern, 2002, Steinzeug mit Kupferglasur Jahren erinnert. In der Studioausstellung werden Objekte der historischen Sammlung des Museums modernen Keramiken aus Japan gegenübergestellt, die als Leihgaben aus dem Museum für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin kommen. In der Zusammenschau wird das für Japan so symptomatische Nebeneinander von Tradition und Moderne deutlich. Einerseits orientieren sich die Töpfer noch heute stark an traditionellen Vorbildern etwa bei Formentypen und Dekore. Andererseits gehen Studiotöpfer ganz ungewohnte neue Wege in der Keramikgestaltung. Ablesbar ist der bis heute prägende Einfluß des Zen-Buddhismus, denn gerade die Teekeramik ist in ihrer kunstvollen Natürlichkeit nicht ohne den buddhistischen Kontext zu verstehen. Die Ausstellung ist dienstags sowie donnerstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr und mittwochs von 11 bis 21 Uhr geöffnet. Weltweit größte Sammlung von Arbeiterskulpturen kommt nach Dortmund Dortmund - Die weltweit größte Sammlung von Arbeiterskulpturen des

Kawabata Fumio, Vasenobjekt, 2003, Unglasiertes Steinzeug aus marmoriertem Ton mit Feuerschur-Deko

Düsseldorf - Das Hetjens-Museum in Düsseldorf zeigt bis zum 29. Januar nächsten Jahres die Ausstellung „Japanische Keramik zwischen Tradition und Moderne.“ Die laufende Schau findet im Rahmen des Japan-Jahres statt, das an die Aufnahme der Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Japan vor 150

Bauarbeiter von A. Boucher (1850-1934)

Gelsenkirchener Kunstliebhabers Werner Bibl hat seit Samstag im Industriemuseum Zeche Zollern in Dortmund eine neue Heimat. Wie der Landschaftsverband Westfalen-Lippe als Träger des Museums mitteilte, handelt es sich um über 200 Bronzefiguren namhafter Bildhauer. Die Objekte zeigen Menschen aus den Bereichen Bergbau, Landwirtschaft und Schwerindustrie und geben einen Einblick in die unterschiedlichen Facetten menschlicher Arbeit. Einen Termin für die erste öffentliche Ausstellung der Skulpturen in Dortmund gibt es noch nicht. Zunächst wird die Sammlung Bibl im kommenden Jahr im Weltkulturerbe Erzbergwerk Rammelsberg in Goslar gezeigt, erklärte ein Sprecher des Verbandes Kinofest Lünen zeigt ab 10. November aktuelle deutschsprachige Filme

Lünen - Das überregionale Kinofest im westfälischen Lünen zeigt ab dem 10. November vier Tage lang insgesamt 50 aktuelle, deutschsprachige Filme. Zehn Streifen laufen im Wettbewerb um die „Lüdia“, den mit 10.000 Euro dotierten Hauptpreis des Kinofestes, über den das Publikum entscheidet. Im Mittelpunkt der diesjährigen Produktionen stehen starke Persönlichkeiten, die jenseits der üblichen Entwürfe um ihren Platz im Leben kämpfen. So zeigt etwa der Spielfilm „Der Brand“ von Brigitte Maria Bertele die Folgen einer Vergewaltigung, in der Dokumentation „Der Fall Chodorkowski“ gehe es um die Hintergründe für die Verurteilung des russischen Ex-Oligarchen. Die Beiträge für junge Zuschauer konkurrieren um den Kinderfilmpreis „Rakete“. Internet: www.kinofest-luenen.de Von Andreas Rehnolt und Frank Becker

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Die beste Zeit Nr. 12 2011