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DIE NOVUM

Politik und Wirtschaft

15. Januar 2014

Dauerbrenner Braunkohle Wende ohne echten Wandel us Braunkohle produzierter Strom steht so hoch im Kurs, wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. 162 Milliarden Kilowattstunden waren es im letzten Jahr in Deutschland. Das sind nur 5,5 Prozent weniger als 1990 – Energiewende hin, Klimaschutz her. Eine problematische Fehlentwicklung: Trotz umfangreicher Förderung von Wind- und Solaranlagen steigt der Kohlenstoff dioxid-Ausstoß. Strommarktexperte Dr. Patrick Graichen spricht vom „Energiewende-Paradoxon“. Obwohl der Anteil des Stroms aus erneuerbaren Energien mittlerweile fast 25 Prozent beträgt, verzeichnet die AG Energiebilanzen seit 2009 eine kontinuierliche Steigerung des erzeugten Braunkohle-Stroms. Woran das liegt? Zum einen seien die Braunkohlekraftwerke nach den Atommeilern die entscheidenden Renditebringer von RWE und Co, so die Umweltpolitikerin Bärbel Höhn. 3,8 Cent kostet die Erzeugung einer Kilowattstunde Braunkohlestrom. Dieser ist ein Exportschlager und lässt sich für 5,7 Cent im Ausland absetzen. Ein lukratives Geschäft, denn: „Über die Förderung erneuerbarer Energien kommt ja immer mehr Strom aus Wind und Sonne auf den Markt. Gleichzeitig produzieren wir unvermindert Strom aus der Braunkohle. Davon profitieren die Energieerzeuger“, erläutert Frau Höhn. Für den CO -Ausstoß müssen die Unter2 nehmen zahlen, aber die Zertifikate sind mit unter fünf Euro pro Tonne

Robin Kuzmovicz

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Schwere Schwaden: Energiekonzerne brennen weiterhin für Braunkohle.

günstig. „Um den CO2-Preis zu er höhen, müsse die Menge an Emissionsrechten reduziert werden“, so Patrick Graichen. Den Kürzeren ziehen die deutschen Verbraucher. Durch die Umlage für ein Mehr an erneuerbaren

Energien im Inland steigt der Strompreis, ohne dass die Energiewende im ausreichenden Maße dem Klimaschutz dient. Daher fordern auch die Grünen auf Bundesebene ein rasches Entgegenwirken von Seiten der Koali-

tion. Um die Stromgewinnung aus heimischer Braunkohle am Laufen zu halten, gehen neue Kraftwerke ans Netz, so 2012 in Boxberg/Oberlausitz. Im Vergleich zu den alten Blöcken sind die Neubauten effizienter und emissionsarmer. Allerdings stößt ein Braunkohlekraftwerk pro Jahr etwa 14 Millionen Tonnen CO2 aus. Selbst unter den fossilen Brennstoffen ist das viel: Ein mit Steinkohle befeuertes Werk bringt es auf 12 Millionen Tonnen – bei gleicher Leistung und höherem Heizwert. Die kosteneffiziente Kohlekraft bietet zudem keinen Anlass zur Förderung des Ausbaus von Gaskraftwerken. Stattdessen werden auch 2014 neue Braunkohlemeiler ans Netz gehen. Braunkohle wird heute größtenteils im Rheinland und der Lausitz abgebaut, aber auch im Raum Leipzig. Von dort stammt der Brennstoff für das Heizkraftwerk Chemnitz-Nord. „Die Braunkohle stammt derzeit ausschließlich aus dem Tagebau Profen bei Leipzig“, erklärt Christian Stelzmann von eins-Energie in Sachsen. Das Kraftwerk arbeitet, wie die meisten, nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK): Strom und Fernwärme werden unter einem Dach produziert. Zwei der drei Chemnitzer Kraftwerksblöcke werden mit Braunkohle befeuert. Der Erdgas-Block dient lediglich als Reserve-Block, so der Unternehmenssprecher. Ein Ausbau des emissionsarmeren Blocks sei derzeit nicht geplant. Erik Lindner

Ein Po(Fall)a für sich Ein Kommentar von Alana Di Filippo

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err Pofalla hat etwas gegen Lobbyismus: Es sei „ein erstaunlicher Vorgang“, dass jemand „schon Wochen nach seinem Ausscheiden die Reputation seines früheren Amtes für eine kommerzielle Tätigkeit nutzt!“ Außerdem „wäre es offensichtlich eine Illusion zu glauben, dass der Appell an politischen Anstand alleine ausreicht, um solche Fälle zu verhindern!“ Dies gab Ronald Pofalla 2005 zum Besten und gemeint war Ex-Kanzler Schröder, der kaum abgewählt, in die Dienste der Nord Stream AG trat. Nun stellt sich heraus: Was Schröder recht ist, ist Pofalla billig. Herr Pofalla will bekanntlich vom Kanzleramt in die Chef-Etage der Deutschen Bahn AG wechseln. Die ganze Angelegenheit hat, um es auf gut

schwäbisch zu sagen, „ein Gschmäckle“. Wird er womöglich dafür belohnt, dass er sich schon im Kanzleramt um die Bundesbahn verdient gemacht hat? Der Ex-Kanzleramtsminister und seine Chefin Angela Merkel hatten sich nämlich im vergangenen Jahr „massiv gegen Forderungen der EU-Kommission gewendet, den Bahnbetrieb und das Schienennetz stärker zu trennen und zu verhindern, dass die Bahn Gelder aus dem Schienennetz abzieht“, wie der GrünenFraktionschef Anton Hofreiter gegenüber stern.de erklärte. Pofalla ist leider kein Einzelfall. Spitzenpolitiker sind begehrt in der Wirtschaft und Interessenverbänden, sie wissen, wie es in den Schaltzentralen der Macht zugeht, sie kennen die richtigen Leute. Und gute Beziehungen schaden nur dem, der

keine hat. Bestes Beispiel dafür ist der ehemalige SPD-Chef Kurt Beck, ein echter Sympathieträger des Volkes und nun Berater des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim. Oder Joschka Fischer, der jetzt Firmen wie Siemens, BMW und RWE berät. Man sieht: Internes Wissen ermöglicht ausgezeichnete Karrierechancen. Denn viele Externe versprechen sich, dem Ohr der Kanzlerin so ein Stück näher zu kommen. Diese sollte sich daher umgehend um eine Regelung bemühen. Doch leider nimmt Schwarz-Rot das Thema nicht ernst. Im Koalitionsvertrag heißt es nur, man bemühe sich um eine „angemessene Regelung“. Mit anderen Worten: Es wird wohl wieder nichts geschehen, denn jeder hat mal einen Parteifreund, den es zu versorgen und zu unterstützen gilt. Obwohl es Unter-

schiede zwischen diesen Fällen und Pofalla gibt: Denn wie jeder weiß, gehört die Bahn dem Bund. Macht die Bahn also Profit, klingeln auch beim Bund die Kassen. Insofern sind die Interessen des Staates und der Deutsche Bahn AG identisch. Um so wahrscheinlicher ist es, dass am Ende die Bahnreisenden auf der Strecke bleiben. Pofalla soll nämlich auch in Brüssel die Strippen ziehen, da der Druck auf die Bahn, Netz und Betrieb zu trennen, stetig steigt. Seine Rolle könnte darin liegen, diesen Druck zu mindern. Anstatt sich wie angekündigt dem Familienleben zu widmen, wird Pofalla wohl auf den fahrenden Zug aufspringen. Fazit: Ronald Pofalla ist ein Fall für sich. Seine Glaubwürdigkeit erkläre ich hiermit auf jeden Fall für beendet.


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Lokales

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Gesichter Mittweidas: Kultur auf dem Kirchberg „Viele wissen noch nicht mal, was Mittweida alles zu bieten hat!“ igentlich erlebt man täglich etwas Spannendes“, sagt die Leiterin des Museums „Alte Pfarrhäuser“ in Mittweida zu ihrem Berufsalltag. Zwar hebt sie hier in Mittweida kein Pharaonengrab aus, doch langweilig findet sie ihre Arbeit im Museum noch lange nicht. So wurde im letzten Jahr sogar ein Weltrekordversuch in den „Alten Pfarrhäusern“ durchgeführt. Anlässlich der Ausstellung über Ernst Sachs, Erfinder des elektrischen Lötkolbens und Absolvent der Hochschule Mittweida, wurden insgesamt 626 Lötkolben im Museum ausgestellt – für Frau Karsch ein echtes Highlight und der Beweis dafür, dass Museen nicht immer langweilig sind. Um den Ausstellungsort auch für Jugendliche und junge Erwachsene interessanter zu machen, bedient sie sich der Zusammenarbeit mit der Hochschule, so zum Beispiel bei der Ausstellung „radiowelten“, die durch Studenten der Fakultät Medien unterstützt wurde. „Leider muss ich feststellen, dass immer mehr junge Leute wenig über die Geschichte und Kultur in unserem Umfeld wissen“, meint Sybille Karsch enttäusch. „Viele wissen noch nicht mal, was Mittweida alles zu bieten hat!“ Das Museum „Alte Pfarrhäuser“ ist aber keineswegs nur ein Museum mit Augenmerk auf die Stadthistorie, auch für Akademiker ist

Lisa Patzer

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Museumsleiterin Sybille Karsch stolz vor dem Museum „Alte Pfarrhäuser“.

die ein oder andere Ausstellung dabei. Um sich zu inspirieren, besucht sie mit ihrem Mann und den zwei Kindern regelmäßig Museen in und um Sachsen. Sibylle Karsch wuchs in einer Familie von Museumsleitern auf. Die Leidenschaft für Geschichte und Kultur liegt ihr also im Blut. Drei Jahre lang war

die studierte Kunsthistorikerin freiberufliche Projektleiterin für Museen, bis sie schließlich die Leitung der „Alten Pfarrhäuser“ übernahm. Schnell konnte sie feststellen, wie bunt der Job einer Museumschefin doch ist. „Ich bin Mädchen für alles“, meint Frau Karsch über sich selbst. Als einzige Fachkraft ist die Leiterin für

alle Bereiche verantwortlich: „Von A-Z liegt alles auf meinem Tisch.“ Aus ganz Sachsen bekommt Karsch Anfragen von Künstler, privaten Sammlern und Kulturvereinen für neue Ausstellungen. Bei der Planung geht die Museumsleiterin sehr akribisch vor und achtet darauf, dass die Themen sich nicht überschneiden und ein möglichst breites Publikum ansprechen. Doch Museumsleitung bedeutet nicht nur Schreibarbeit, sondern auch das Anlernen der Auszubildenden und auch mal das Reparieren der Toiletten. Doch nicht nur das Museum selbst hat viel Interessantes zu bieten. Auch die Stadt- und Bergführung durch den Geheimgänge im unterkellerten Kirchberg ist für Karsch ein definitives Highlight der Stadt. Diese Gänge wurden tief in die Erde gegraben, um fehlenden Anbauplatz zu kompensieren und Lebensmittel kühl zu lagern. Die Alten Pfarrhäuser, in denen sich das Museum befindet, dienten noch bis ins 19. Jahrhundert als Wohnsitz des Pfarrers der Gemeinde. Heute wird darin die Geschichte Mittweidas mit Hilfe von Bildmaterial und Relikten dargestellt. „Ich lade alle recht herzlich ein, schauen Sie bei uns vorbei“, so Frau Sibylle Karsch, Museumsleiterin in Mittweida. Markus Linz

Das Döner-Kartell Ein Kommentar von Anne C. Brantin

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urst oder Käse, Wurst oder Käse, Teewurst, Leberwurst oder Käse ?“, fragte sich schon Helge Schneider in seinem kultigen „Buttersong“. In der kulinarischen Hochburg Mittweida steht der hungernde Bürger vor einem simpleren Problem: Döner oder Pizza? An Auswahl mangelt’s freilich nicht. Dolomiti zaubert die besten Pizzen. Ziemlich teuer, aber Qualität hat ja bekanntlich ihren Preis. Und Vivaldi avanciert zum Dauerlieferanten unserer NOVUM-Redaktion. Aber Pizza? Fettig, wenig Vitamine und Bioaktivstoffe. Die Alternative: Döner. Der Klassiker unter den Ich-hab-Hungeraber-keine-Zeit-Gerichten. Und das Beste: alle kosten sie das selbe. Für 3,50 € bekommt jeder seinen individuell zusammengestellten Lieb-

lingsdöner“. “Customized“ sagen die Marketing-Fritzen dazu. Bei der Pizzabestellung wird’s schon haariger. Da gibt’s die kleinen, mittleren und großen Pizzen. Auch variiert der Preis, beispielsweise für eine 26 cm Pizza von 3,30 € bis 7,40 €. Für Normalverdiener vielleicht erschwinglich, der Student hingegen schluckt gewaltig – und das liegt nicht am Essen. Natürlich haben die erlesenen und exotischen Zutaten wie Scampi oder Lachs ihren Preis. Aber was macht die Pizza zu dem, was sie ist? Italienische Spitzenqualität! kreischen die einen, schmaler Preis und viel auf dem Teller! die anderen. Und in puncto Individualität lassen sich die Pizzabäcker nicht lange bitten: Mit Trüffeln? Mit Carpaccio vom toskanischen Herbstlamm? Tomatenpampe von Aldi? Bittesehr!! Aber das hat seinen Preis, claro. Individualität muss es also

sein, was den Preis sprengt. Nun, wieso aber lässt sich keiner der Dönermänner unseres Vertrauens das bezahlen? Schließlich sind es ja ihre superben Soßen und delizösen Kompositionen aus Salat und Fleisch die ihre Kochkunst so unverwechselbar machen. Aber egal, welcher Virtuose am Werk war – alle lassen sich ihre sanspareillen Fladentaschen gleich bezahlen. Da fragt sich der aufmerksame Bürger: Gibt es ein Preiskartell in Mittweida? Treffen sich maliziös grinsende Dönermänner etwa einmal die Woche im verqualmten Hinterzimmer und karteln die Preise aus? Aber dabei weiß doch jedes Kind, das Kartelle so stabil sind wie das Strohhaus vom kleinen Schweinchen. Einmal uneinig und schon kracht der ganze Laden zusammen. Spiegel-Online berichtete bereits 2002 vom „Döner-Kartell“ aus

Hannover, wo sich Kurden und Türken, seit 1984 in einem ernsten militärischen Konflikt verwickelt, gemütlich an den Tisch setzten und einheitlich beschlossen, die Preise synchron anzuheben. Prost! Haben wir es in Mittweida etwa mit einem Preiskartell der Königsklasse zu tun? Rufen wir Harrison Ford alias Jack Ryan wieder auf den Plan, der bereits 1994 in Phillip Noyce’s Film das Drogenkartell von Unterweltboss Ernesto Escobedo hochgehen ließ. Kleiner Scherz am Rande. Wenn einem also nicht von fett durchtränkten Pizzakartons der Magen schmerzt, dann aber wohl bei der Erkenntis, dass sich in Mittweida das Mühlrad der Kriminalität in Bewegung gesetzt hat. Also bleibt’s doch bei der BiFi aus dem Automaten.


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Sport

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Angst vor dem Anpfiff Wenn Schiedsrichter attackiert werden eleidigungen und Gewaltausbrüche von Fans sind im deutschen Fußball schon zur traurigen Normalität geworden. Auch wenn es meist nur kleine Gruppen innerhalb des Fankollektivs sind, die dem Ruf der Vereine schaden, ist das Thema Fangewalt in den Medien seit Jahren zum Dauerbrenner avanciert. Was in den zahlreichen Berichten allerdings meist weniger zum Vorschein kommt, ist die nicht gerade geringe Zahl von Beleidigungen und körperlichen Übergriffen auf Schiedsrichter. Und das nicht nur von „Fans“ – sondern von den Spielern selber.

aber auch diesen Spieler mit Gelb verwarnen. „Als ich mich wegdrehte um die Kartenvergabe in den Spielbericht einzutragen, wurde es plötzlich Nacht“, erklärt Lehmann. Er kam erst einige Minuten später im Krankenwagen zu sich und ermahnte pflichtbewusst die Sanitäter zur Eile „…die zweite Halbzeit fängt gleich an“. Die Rettungssanitäter sahen das zum Glück anders und nahmen Frank Lehmann für diesen Tag vom Platz. Im Krankenhaus stellten die Ärzte dann ein Schädelhirntrauma 1. Grades, sowie Brüche des Kiefers und des Jochbeins fest.

Nino Pazourek

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„ Als ich mich wegdrehte um die Kartenvergabe in den Spielbericht einzutragen, wurde es plötzlich Nacht“ Jüngstes Beispiel: Der Stürmer Akut Öztürk, Profi beim Drittligisten RotWeiß Erfurt, wurde vom DFB für vier Ligaspiele gesperrt. Der 26-jährige hatte beim Spiel gegen die Stuttgarter Kickers den Schiedsrichter übel beschimpft - und das von der Reservebank aus. Ein Kavaliersdelikt könnte man jetzt denken, doch mit ihrer Vorbildfunktion sollten Profifußballer nicht so leichtfertig umgehen. Den meisten Spielern, die mit Fußball ihren Lebensunterhalt bestreiten, ist das auch bewusst, schließlich drohen Geldstrafen und Sperren von Seiten des Vereins und des Deutschen Fußball-Bundes. Junge Amateure scheint das nicht abzuschrecken, denn bei ihnen hängt die eigene Existenz nicht am Fußball. Womöglich ist das auch ein Grund, warum es gerade beim Hobbysport schneller zu Kurzschlussreaktionen kommt als im Profifußball. Wenn Referees in den unteren Klassen Spiele pfeifen, sollten sie ein sehr dickes Fell haben. Wer sich hin und wieder einmal ein Match der heimischen Mannschaft in der Kreisklasse anschaut, weiß, dass dort bei der Wortwahl schnell mal in die unterste Schublade gegriffen wird. Leider bleibt es nicht immer dabei, was auch Frank Lehmann aus Chemnitz am eigenen Leib erfahren musste. Bei einem Spiel der ersten Kreisklasse Chemnitz wird der alteingesessene Schiedsrichter Opfer eines brutalen Angriffs. Nachdem er der Heimmannschaft in der 44. Spielminute einen Elfmeter verweigert hatte, beschwerte sich ein Spieler lautstark und wurde dabei ausfällig. Lehmann zückte regelkonform die gelbe Karte. Ein weiterer Spieler verspottete anschließend den Schiedsrichter mit höhnischem Beifall, Lehmann ermahnte ihn mehrfach, musste dann

Schwere Verletzungen, die nicht nur durch einen Faustschlag verursacht wurden. Wie Zeugen später berichteten, trat der Angreifer dem bewusstlos am Boden liegenden Referee noch einmal gegen den Kopf, bevor er das Weite suchte. Bei der Gerichtsverhandlung zeigt der angeklagte Spieler wenig Reue und Einsicht, mit einer Bewährungsstrafe von acht Monaten und 100 Sozialstunden kam er denkbar billig davon. Frank Lehmann ist immer noch als Schiedsrichter tätig und geht, trotz des Vorfalls, ohne Angst auf den Platz. Dennoch hat der Chemnitzer für sich Konsequenzen aus dem Vorfall gezogen: „Ich dreh mich auf Garantie nicht mehr um, wenn ich jemanden eine Karte gezeigt habe“, sagt er. Verständlich. Aber es hätte ihn noch schlimmer treffen können. Sein holländischer Kollege Richard Nieuwenhuizen wird niemandem mehr eine Karte zeigen. Der 41-jährige wurde im Dezember 2012 von drei jugendlichen Amateurkickern bei einem Spiel in Almere zu Tode getreten. Bis jetzt der traurige Höhepunkt von unzähligen Gewaltakten an Schiedsrichtern und auch das bisher einzige Mal in den letzten Jahren, dass das Thema in allen großen

Gefährlicher Job – Wenn aus Emotion Aggression wird, müssen Schiedsrichter geschützt werden.

die attackiert werden. Erst im letzten Jahr wurde ein 16-jähriger Referee vom 42-jährigen Vater eines Spielers während eines Amateurspiels im schwäbischen Mengen K.O. getreten.

“Die Spiele auf Amateurebene sind Hobbyspiele, das soll Spaß machen. Es ist unglaublich, dass so etwas passieren kann“ Medien vertreten war. Es wird Zeit, dass man den Umgang mit Schiedsrichtern mehr hinterfragt. Denn diese ehrenamtliche Tätigkeit bekommt nicht zuletzt durch mangelnden Respekt massive Nachwuchsprobleme, denn oft sind es junge Schiedsrichter,

Kein Wunder also, dass der Job des Schiedsrichters bei jungen Leuten wenig populär ist. Der DFB bekommt diesen massiven Rückgang deutlich zu spüren. Heute pfeifen deutschlandweit über 5.000 Schiedsrichter weniger als noch vor sechs Jahren. Auch

der Bruder von Nationalkeeper Manuel Neuer, Marcel Neuer, ist Schiedsrichter und wurde in jungen Jahren von Verwandten eines Spielers in der Kabine attackiert. Im Interview mit dem DFB antwortete er auf die Frage, wie er die Nachricht aus Holland aufgenommen hat: „Ich war fassungslos. Die Spiele auf Amateurebene sind Hobbyspiele, das soll Spaß machen. Es ist unglaublich, dass so etwas passieren kann.“ Er trifft damit den Kern des Problems. Denn auch, wenn es in einem Fußballspiel um den Wettkampfgedanken und damit um große Emotionen geht, bleibt es trotzdem genau das, ein Spiel – nicht mehr. Philipp Wallatt


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Feuilleton

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Mehr ist nie Genug – Die Moral von der Geschicht‘ D

ie Kritiker sind sich uneinig. Handelt es sich bei Scorseses neustem Werk um eine brillante Satire oder die Beschönigung fragwürdiger Machenschaften? Geld, Sex, Drogen und Macht. Darum geht es in „The Wolf of Wall Street“, dem neusten Film von Martin Scorsese. Gezeigt wird der Aufstieg und Fall des New Yorker Börsenmaklers Jordan Belfort, der in den 1990er Jahren in krumme Geschäfte verwickelt ist. Mit seiner Firma „Stratton Oakmont hat er es nach ganz oben geschafft. Der 26-jährige Börsenmakler, gespielt von Leonardo Di Caprio, hat alles, was er je zu träumen wagte – und noch mehr. Der Broker schmückt sich mit der sexuell betörenden Naomi Paglia und genießt ein exzessives Leben voller Partys, Drogen, Prostituierten, Geld und Macht. Als er vier Jahre zuvor ins Geschäft einstieg, fand er in Mark Hanna (Matthew McConaughey) seinen Mentor, der dem Neuling schnell das simple und erfolgsversprechende Konzept des Börsenmarktes verinnerlichte: „Das Spiel heißt: Zieh deinen Kunden das Geld aus der Tasche und lass es in deiner verschwinden“. Belfort lernte schnell und verstand sich immer mehr in der Welt der krummen Deals. Dann

kam der Börsencrash vom 19. Oktober 1987. Der Broker weiß nun den Wert eines jeden einzelnen Dollars wieder zu schätzen – und versucht sich durch den Verkauf von Billig-Aktien über Wasser zu halten. In diesem wenig überwachten Bereich wittert er seine Erfolgschance. Mit Donnie Azoff und einigen weiteren flüchtigen Bekannten startet er einen neuen Versuch und macht sich selbstständig. Der rasante Aufstieg beginnt. Doch dies weckt die Skepsis von FBI Agent Patrick Denham, er kommt Belfort langsam aber sicher auf die Schliche und bringt ihn schließlich hinter Gitter. Der circa drei stündige Film: „Wolf of Wall Street“, von Regisseur Martin Scorsese beruht auf der gleichnamigen Autobiographie des Börsenmaklers Jordan Belfort und erinnert inhaltlich so manchen an Scorseses Mafia-Drama „Good Fellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“, aus dem Jahr 1990. „Wolf of Wall Street“ ist das fünfte Gemeinschaftsprojekt des Zweiergespanns Scorsese- Di Caprio. Die Meinung der Kritiker ist gespalten. Die Einen sehen es als ein weiteres Meisterwerk einer der einflußreichsten Regisseure der US-Filmbranche, andere kritisieren die übertriebene Verherr-

dpa

„The Wolf of Wall Street“: Die ethisch umstrittene Filmbiographie des New Yorker Brokers kommt Morgen auch in die deutschen Kinos

Leonardo Di Caprio spielt Jordan Belfort.

lichung der bösen Buben und wünschen sich mehr Moral. „Ihr seid gefährlich. Euer Film ist ein rücksichtsloser Versuch, so zu tun, als seien diese Delikte unterhaltsam, ausgerechnet in einem Land, das nach einer weiteren Runde von Wall-Street-Skandalen noch immer umhertaumelt.“. Christina McDowell, deren Vater in den 90ern mit Belfort krumme Geschäfte abwickelte, erhob diesen Vorwurf in einem Brief an die „LA Weekly“. Ihrer Meinung nach hätten sich Regisseur und Produzent mit dem Verbrecher Belfort durch die Verfilmung verbün-

det und die US-amerikanische Besessenheit von Reichtum und Status verschlimmert. Im Interview mit dem Online-Magazin „Deadline“, erklärt Scorsese, dass die Kritikwelle an der gegenwärtigen Kultur liegt, die das im Film dargestellte Verhalten nicht nur respektiert, sondern zusätzlich dazu noch motiviert. Der nun 71jährige habe einen Wandel der Gesellschaft beobachtet und Wertvorstellungen seien somit nicht mehr die gleichen wie vor dreißig Jahren. Heutzutage stehen diese Werte in einer Relation mit Handlungen, die vor allem eins bringen: Geld. Zuschauer die sich in auch nur ansatzweise in Belfort wiedererkennen, verfallen in eine emotionale Krise und sie würden sich besser fühlen, wenn sie den Börsenmakler für seine illegalen Machenschaften mehr bestraft sehen würden, so Scorsese. Daher komme also das starke Verlangen nach Moral und siegreicher Justiz, das „The Wolf of Wall Street“ nicht zu genüge darbiete. Auch wenn „The Wolf of Wall Street “ keine neuen Rekorde aufstellt, klingeln dennoch in zufriedenstellender Weise die Kinokassen. Christina Clasohm

Die Renaissance der Schallplatte

Toni Plewe

Trotz fortschreitender Digitalisierung des Alltags – die Nachfrage nach Schallplatten steigt wieder

Musikhören wie einst die Eltern ist wieder modern. Digitale Formate sind eben kaum greifbar.

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inyl ist wieder im Kommen. Was in subkulturellen Kreisen immer schon zum „guten Ton“ gehörte, genießt nun immer mehr Verbreitung. Nicht mehr nur Independent – Labels, auch Major-Labels setzen wieder auf Vinyl. Wohl kaum ein anderes Medium als Träger von Bild und Ton ist so

langlebig wie die Schallplatte. Anfang des 20. Jahrhunderts von Emil Berliner entwickelt, war sie kompakt, praktisch und wurde schnell zum Massenmedium. Eine Walze aus Wachs, auf der Tonaufnahmen erstmals konserviert wurden, diente der Platte als Vorlage. Bestanden die ersten Scheiben noch

aus harzartigen Ausscheidungen der weiblichen Gummilackschildläuse – dem Schellack, kamen 1930 die ersten Vinyl-Schallplatten auf. Bis in die 80er Jahre dominierten sie den Markt für Tonträger, dann kam das digitale Zeitalter und mit ihm die CD. Sie läutete vorerst den Niedergang der Schall-

platte ein und verdrängte diese fast völlig. In den 90er Jahren fristete das Vinyl ein Nischendasein bei Audiophilen und „Musiknerds“. Heute, wo Musik fast ausschließlich digital konsumiert wird, scheint es jedoch eine Rückbesinnung zu geben. Anstatt den gewünschten Titel immer noch schneller herunterzuladen ist wieder entschleunigtes und bewußtes Hören angesagt. Individualität, dank verschiedenster Formate wie EP, 12 Inch oder Single, farbiges oder transparentes Vinyl ist gefragt. Das haptische Erlebnis, allein eine Platte aus dem bunt illustrierten Artwork herauszunehmen, ist unter Kennern ein Ritual. Seit der Einführung des Internationalen Record Store Days 2007, sind die Presswerke ausgelastet, obwohl die Maschinen eigentlich längst ausrangiert sein müssten. Die Idee beim Record Store Day (RSD) ist, Käufern mehr Atmosphäre und Beratung beim Kauf zu bieten und somit dem Medium Vinyl wieder etwas an Bedeutung und Auftrieb verleihen. Allen Individualisten und „Klang-Gourmets“ sei also der nächste RSD im April 2014 empfohlen. Andreas Scherer


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