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DIE NOVUM

Politik und Wirtschaft

9. Oktober 2013

Muezzin an der Pleisse Moscheebau in Leipzig geplant

ohlis, ein Stadtteil im Leipziger Norden, in dem 7.400 Menschen leben. Hier plant die muslimische Ahmadiyya-Gemeinde (AMJ) den Bau der ersten Großmoschee in Mitteldeutschland. Der Stadt Leipzig liegen Baupläne vor, in der von Minaretten die Rede ist, deren Kuppeln zwei bis zwölf Meter hoch werden sollen. Stadtrat Wolf-Dietrich Rost (CDU) sieht das Ergebnis des Bauantrags noch als völlig offen an. Für ihn sind weiterhin zu viele Fragen ungeklärt, „sowohl zum städtebaulichen Konzept als auch zum Hintergrund der Antragsteller“, betont er. Im Moment leben circa 5.000 Muslime in Leipzig, davon gehören jedoch lediglich 1,7 Prozent der AhmadiyyaGemeinde an, die den Neubau stemmen will. Die Ahmadiyya unterhält deutschlandweit bereits 36 Moscheen mit Minaretten und Kuppeln. Die geplante Moschee in Gohlis soll im Zuge einer großen Neubauwelle entstehen, bei der die AMJ bundesweit über 100 neue muslimische Gebetshäuser errichten will. Die Gohliser selbst sind zwiegespalten. Während besorgte Bürger in Flugzetteln „den Bedarf an weiteren Moscheen derzeit nicht gegeben“ sehen, stören sich andere nicht am geplanten Moschee-Bau. So Adrian Graßhof, der seit 23 Jahren in Gohlis wohnt: „Der Islam ist eine interessante Religion und bietet auch in Sachen Kultur einiges“. Außerdem erkennt er Positives für das Viertel: „Die Straße hat einige Häuser, die nicht ansehnlich sind“ – die neue Moschee soll auf

www.ptext.de, SteffenKnüdel

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Der Uni-Riese und das Rathaus zieren bisher die Leipziger Skyline – in Zukunft könnte auch eine Moschee den Blick über Leipzig prägen.

einem Brachgelände in der GeorgSchumann-Straße entstehen. Mit ihrem orientalischen Stil könnte sie das Bild des Stadtteils aufpeppen. „Ich denke, dass es nicht schaden könnte“, meint Adrian Graßhof. Doch bereits im Jahr 2006 scheiterte die Ahmadiyya mit einem Bauantrag für eine Moschee. Damals war der Grundstückspreis zu hoch. Dieser ist sieben Jahre später wohl kein Problem mehr, die Volksbank als Grundstückseigner

will das verwucherte Gelände loswerden. Fehlt nur noch die Genehmigung der Stadt. Sie muss entscheiden, ob der orientalische Bau in das städDie Ahmadiyya wurde in den 1880ern in Britisch-Indien gegründet. Sie versteht sich als Sondergemeinschaft und Reformbewegung des Islam. Gläubige leiten „Ahmadiyya“ vom Namen „Ahmed“ ab, der im Koran für „Mohamed“ genannt wird. Am 9. Oktober

tebauliche Konzept passt. Bis Ende 2013 soll über die Voranfrage entschieden werden. Thomas Kraftschenko 1924 legte sie in Berlin den Grundstein für die älteste erhaltene Moschee Deutschlands. In Hessen hat die Ahmadiyya als einzige muslimische Vereinigung in Deutschland den gleichen Rechtsstatus wie die großen christlichen Kirchen.

Bitte Lächeln! Prävention. Ein Kommentar von Erik Lindner

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ackel-Dackel raus, Entspannungsmusik rein und immer schön langsam! Im gesamten Bundesgebiet schwärmen am Donnerstag rund 15.000 Polizisten und kommunale Mitarbeiter aus. In der 24-stündigen Präsenzzeit ab sechs Uhr früh sind die 8.600 Blitzer für mehr Sicherheit im Straßenverkehr im Einsatz. An den einschlägigen „Rennstrecken“ von Geschwindigkeits-Enthusiasten, typischen RaserHochburgen wie Bundes- und Landstraßen, stehen die Staatsbediensteten für Sie bereit, um in aufklärenden Gesprächen an Ihr Sicherheitsbedürfnis zu appellieren. Nun gut, der ein oder andere Knöllchen-Euro wird wohl auch raus-

springen. Primär soll es aber um die Prävention gehen! Daher werden reichlich Einsatzfahrzeuge, egal ob zivil oder in Polizei-Kolorit, bepackt mit allerhand Technik zur Geschwindigkeitskontrolle, zu finden sein. Zudem ist die Beweisführung durch kurze Videoclips geplant. Dem ein oder anderen Beobachter dürfte die Anti-RaserKampagne sehr realitätsnah und medienwirksam vermitteln: Füße weg vom Gaspedal, die Unkosten sind uns egal. Ok, ganz unbegründet sind derartige Maßnahmen nicht. Überhöhte Geschwindigkeit belegt in den UrsachenCharts des statistischen Bundesamtes, einen vorderen Rang – 37 Prozent aller 2012 erfassten Verkehrstoten lassen

sich darauf zurückführen. Allerdings ist die Zahl der Autounfälle mit Todesfolge in den meisten Bundesländern rückläufig. Zu den Ausnahmen gehört neben Hessen auch Sachsen. Die Verkehrspolizei betont deshalb, dass es ausschließlich um die Sicherheit ginge. Demnach ist im Rückschluss zu erwarten, dass mehrere Hundertschaften in einem nächtlichen Großeinsatz leere Zugwaggons bewachen und kriminelle Graffiti-Vandalen durch Vor-Ort-Gesprächsrunden aufgeklärt werden? Da lob ich mir unseren trendigen Freistaat. Das sächsische Ministerium des Innern zeigt sich auch bei uns spendabel, wenn es um „angepasste Geschwindigkeit“ geht – nur irgendwie sinnstiftender. Zum 19. Mal veranstal-

ten die sächsischen Polizeireviere die „Blitz for Kids“-Aktionstage. Im gesamten Freistaat verteilen sich zwischen dem 7. und 18. Oktober zukunftsbewusste Beamte an Problemzonen wie Schulen und Kindergärten, um Gaspedal-Durchdrückern die gelbe Karte zu zeigen. Gut, streng genommen setzt die Polizei auf minderjährige, schulpflichtige Hilfsarbeiter um die Karten und Mahnungen zu verteilen. Ist ja auch effektiver – Wer würde Sie zum Bremsen bewegen, der 55-jährige Polizeibeamte, der Geldstrafen verteilt, oder ein 10-jähriger Grundschüler, der von Ihnen wissen will, warum Sie leichtfertig sein Leben gefährden?


9. Oktober 2013

Hintergrund

DIE NOVUM

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„Es geht um demokratische Standards für alle“

Alexander Heidel

Die deutsche Pressefreiheit auf dem Abstieg

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nbequeme Fragen? „Darüber können wir Ihnen keine Auskunft geben“. Kritische Recherchen? „Gegenwärtig stehen uns keine Informationen zur Verfügung“. Die international anerkannte Organisation Reporter ohne Grenzen veröffentlicht jährlich eine Rangliste der Pressefreiheit. Deutschland wurde von dieser Rangliste 2013r um eine Stufe auf Platz 17 (von insgesamt 179) herabgesetzt. In dieser Liste werden Faktoren wie Gewalt gegen Journalisten, Zensur in den Medien, Zugang zu Informationsmöglichkeiten oder die Medienvielfalt untersucht.

Abnehmende Pressevielfalt Kritik gab es durch das abnehmende Spektrum der deutschen Presselandschaft. Aus Kostengründen arbeiten immer weniger Zeitungen mit einer gänzlich eigenständigen Redaktion. Vor allem die komplette Schließung mehrerer Zeitungshäuser, wie beispielsweise die Financial Times Deutschland trugen zur Herabstufung bei. Zudem greifen viele Verlage auf Reporterpools zurück, die identische Inhalte an verschiedene Redaktionen liefern. Auch die Vermischung von kommerzieller Werbung und redaktionellem Beitrag – die für den Leser nicht immer ersichtlich ist – schmälern die Qualität einer Zeitung deutlich. Die Auflagenstärke sank in den letzten zehn Jahren um 30 Prozent. Folglich sind in vielen Regionen wenig bis gar keine konkurrierenden Printmedien mehr anzutreffen. Ebenso besteht auch immer noch das

jahrelang andauernde Problem, Informationen durch Behörden zu erlangen. Die Landesbehörden haben sich den Landespressegesetzen unterzuordnen. Ein solches Pendant gibt es für die Bundesbehörden bisher noch nicht. Kritik dazu kommt auch von Ulrich Janßen, dem Bundesvorsitzenden der Deutschen Journalistinnenund Journalisten-Union (dju): „Die Menschen müssen durchschauen können was läuft, auch was hinter den Kulissen läuft. Und wir müssen durchschaubar machen, wer da offenbar lieber im Verborgenen schalten und walten will. So gesehen geht es um demokratische Standards für uns alle.“ Nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes Leipzig, entstand in diesem Jahr eine Richtlinie für den Auskunftsanspruch auf Bundesebene. Die Anfrage eines BILD-Journalisten, wie viel Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) Mitglied der NSDAP, SS, Gestapo oder der Abteilung Fremde Heere Ost waren, wurde vom BND abgeblockt. Daraufhin stellte der Reporter eine Untätigkeitsklage gegen die Behörde.

Fehlende Regelungen Da es zur Zeit keine gesetzliche Festlegung für einen presserechtlichen Auskunftsanspruch auf Bundesebene gibt, wird dieser unmittelbar aus dem Pressefreiheitsgesetz - Artikel 5 des Grundgesetzes - hergeleitet. Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes ist laut Michael Konken, dem Bundesvorsitzendem des Deutschen JournalistenVerbandes (DJV) jedoch sehr zwiespältig. Einerseits bestätigt es die

Wichtigkeit von Journalisten und den Medien in Deutschland, da die Pressefreiheit direkt im Grundgesetz verankert ist. „Das ist positiv, denn damit bekommen die Fragen der Journalisten gewissermaßen Verfassungsrang“, so Michael Konken.

Auskunft als lästige Pflicht Andererseits sind die Bundesbehörden zwar der Auskunft gegenüber den Medien verpflichtet, müssen aber nur einen „Minimalstandard“ an Auskunft gewährleisten. „Bei kritischen Fragen besteht die Gefahr, dass die Behörden nur das Notwendigste beantworten, um einer lästigen Pflicht nachzukommen“, folgert der DJV-Bundesvorsitzende. Die Klage des BILD-Journalisten gegen den Bundesnachrichtendienst wurde dennoch abgelehnt, denn die Auskunftspflicht bezieht sich nur auf Informationen, die den Behörden aktuell vorliegen. Informationen zu beschaffen bleibt somit Aufgabe der Journalisten und kann nicht auf die Ämter übertragen werden. Im Magazin journalist heißt es: „Die Arbeit der Bundesbehörden verschwimmt im Nebel. In den Amtsstuben kann künftig völlig legal gekungelt, verschwiegen und vertuscht werden. Es ist ein Freifahrtsschein für alle Bundesbehörden.“ Bereits eine Lösung hat Michael Konken: „Wir fordern daher vom Gesetzgeber ein Presseauskunftsrecht auf Bundesebene, das Schluss macht mit dem Minimalstandard.“ Bisher hat der Bund seine Gesetzgebungskompetenz nicht genutzt, um hier Klarheit zu

schaffen und um den Journalisten mehr Einblick in die Arbeit der Bundesbehörden zu gewährleisten. Nun sind die regierenden Parteien gefordert zu handeln. In der Kritik steht neben den schwer zu erlangenden Informationen auch der Quellen- und Informationsschutz. Die so genannte „Vorratsdatenspeicherung“, bei der Verbindungsdaten von Computern und Mobiltelefonen zu Fahndungszwecken gespeichert werden, wird ebenfalls als Angriffspunkt auf die Pressefreiheit bewertet. Das führt dazu, dass Informanten nicht mehr mit Journalisten in Kontakt treten, da sie Angst um ihre Anonymität haben.

Bürgerrecht auf Internet Dies sind Gründe, warum Deutschland im internationalen Vergleich trotz einer guten Platzierung abrutscht. Die Rangliste wird seit Jahren von Finnland angeführt – gefolgt von den Niederlanden auf Platz zwei und Norwegen an dritter Stelle. Nach Angaben der Reporter ohne Grenzen ermöglichen die nordischen Länder ihren Medienschaffenden, einen einfachen Zugang zu Behördeninformationen und tragen zum Schutz journalistischer Quellen bei. In Finnland haben nicht nur die Journalisten, sondern auch jeder Einwohner das Recht auf eine bezahlbare Breitbandverbindung ins Internet. Selbst Goethe wusste schon zu seiner Zeit: „Es ist nicht genug zu wissen – man muss auch anwenden. Es ist nicht genug zu wollen – man muss auch tun.“ Simon Grübler


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Hochschule und Wissenschaft

9. Oktober 2013

Ohne Zuhause

Wohnungssuche gestaltet sich für Studenten immer problematischer ie Wohnung zu klein, keine Badewanne oder die Küche im Flur: Wenn Mittweidaer Studenten eine Wohnung suchen, stoßen sie eher auf Luxusprobleme. Doch in den großen Studentenstädten sind viele schon froh, überhaupt eine Bleibe zu finden. Viele der rund 2,5 Millionen Studenten bundesweit müssen deshalb bei der Wohnungssuche kreativ werden – und bekommen dabei reichlich Unterstützung vom freien Markt. In Städten wie Frankfurt, Leipzig oder auch Lübeck ergänzen jetzt Luxuswohnheime die Angebote der Studentenwerke. Der Student bekommt hier ein RundumPaket mit moderner Einrichtung, Internet, Waschsalon und Einbauküche. Der Haken: An die 430 Euro verlangen die Immobilienfirmen monatlich für 20 Quadratmeter. Die gleiche Wohnfläche im normalen Studentenwohnheim kostet gerade mal die Hälfte. Damit bleibt der Luxus eine attraktive, aber eben teure Option. Eine ausgefallene Wohnvariante gibt es ab jetzt für alle Studenten, die in die Hauptstadt ziehen wollen. In BerlinTreptow setzt derzeit Jörg Duske eine aus Amsterdam stammende Idee um.

dpa: Presto46

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Containerstädte sollen in Deutschland bald der studentischen Wohnungsnot entgegenwirken.

Er baut Frachtschiffcontainer zu Wohncontainern um – und will damit ein ganzes Studentendorf schaffen. Die ersten Container sind bereits bezugsfertig. Das Projekt „Eba 51“ soll mit insgesamt 400 Containern im Sommer 2014 eröffnen. Interessierte gibt es genug – 160 Anfragen hat Duske für die ersten 15 Container erhalten. Auf circa 26 Quadratmetern sind diese mit Küche, Bad, Schlafzimmer, einem Wohn- und Arbeitsbereich ausgestattet. Die Miete liegt zwischen

350 Euro (unmöbliert) und 400 Euro (möbliert). Hannover, Kiel und Saarbrücken bieten eine weitere, ausgefallene Wohnmöglichkeit. Seit 2011 werden hier Projekte realisiert, bei denen angehende Akademiker im Seniorenheim unterkommen können. „Derzeit sind alle unsere 16 Studentenappartements vermietet“, so Susanne Hartsuiker, Stiftsdirektorin des Eilenriedestifts in Hannover. „Studenten und Senioren leben in einem nachbarschaftlichen Verhältnis. Wir haben hier zum Beispiel einen Jura-Studenten, der sich um einen pensionierten Staatsanwalt kümmert. Im Gegenzug hilft dieser ihm bei Studienfragen.“ Außerdem ansprechend für die Studenten: Das Preis-/Leistungsverhältnis. In Kiel zahlt ein Student 200 Euro inklusive Nebenkosten für 25 Quadratmeter. Aber auch in der Politik wird nach Lösungsansätzen für die studentische Wohnungsnot gesucht. Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Dr. Peter Ramsauer, berief Ende 2012 deshalb einen Runden Tisch ein. Sein Vorschlag zur Verbesserung der Situation: Der Ausbau leer stehender Bundeswehr-Kasernen zu Studentenwohnheimen. Das Deutsche Studentenwerk (DSW) hält Ramsauers Vorschlag jedoch für unrealistisch. Ein Grund dafür ist die finanzielle Seite. Laut DSW sollten 2014 ein Teil der 518 Millionen Euro für den sozialen Wohnungsbau vom Bund an das studentische Wohnen ausgegeben werden. Im Juli folgte jedoch der Beschluss, dass die Mittel für alle Investitionen im Bereich des sozialen Wohnungsbaus verwendet werden können. Aufgrund dessen seien keine wirklichen Effekte zu erwarten. Das DSW stellt bundesweit 180.000 öffentlich geförderte Wohnheimplätze zur Verfügung. Nicht jeder Student braucht ein Wohnheimzimmer, einige wohnen noch im Elternhaus oder haben bereits eine andere Wohnung gefunden. Doch trotzdem fehlen in Deutschland

70.000 Wohnheimplätze. Das besagt eine Schätzung des Generalsekretärs des DSW, Achim Meyer auf der Heyde. Besonders in den Studienmetropolen Berlin, Frankfurt, Hamburg, Köln und München werden die Wartelisten für die Wohnheimplätze immer länger. Das Berliner Studentenwerk verzeichnet zur Zeit 1.100 wartende Bewerber, das sind über 200 mehr als im Vorjahr. Die angehenden Studenten sind somit gezwungen, auf die oben genannten Möglichkeiten auszuweichen oder auf private Vermieter und Immobiliengesellschaften zurückzugreifen. Letzteres führt oft erst zu einem Bewerbungsverfahren für die potentiellen Mieter. Erscheint der junge Student nicht gut genug, wird er von der Liste gestrichen. „Ich habe mich gegenüber fünf anderen Bewerbern durchsetzten können“, erklärt Michael Felber, Lehramts-Student aus Dresden. Laut seiner Immobilienmaklerin fehlten bei den anderen Interessenten Unterlagen, oder sie wirkten nicht vertrauenswürdig. Aber auch die Bewerber haben ihre Vorstellungen, vor allem suchen sie ein angemessenes Preis-Leistungsverhältnis: „Die Mieten sind hier relativ hoch und es wird auch viel Katastrophales angeboten – alte Badeinrichtung und dreckige Zimmer“, so Felber. Nach all diesen Alternativen bleibt noch eine letzte Möglichkeit: Die Unterkunft bei Privatpersonen. Für die Kieler Medizinstudentin Janina Herklotz hieß das, das Gästezimmer bei einem Ehepaar zu beziehen. „Die Familie nahm mich zu einem freundschaftlichen Preise solange bei sich auf, bis ich eine eigene Wohnung gefunden hatte.“ Das ist auch das Ziel der Aachener Kampagne „Extraraum“. Sie appelliert an Familien, Alleinstehende oder auch Senioren. Dafür hat sie jetzt eigens eine Wohnbörse eingerichtet. Diese enthält für das kommende Wintersemester immerhin schon 200 Angebote für Aachen und Umland. Sarah Albrecht


Lokales

9. Oktober 2013

DIE NOVUM

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Wiedersehen macht Freude

Neun Klassen aus vier Schulen trafen sich vergangenes Wochenende wieder – nach 25 Jahren. ürgen, altes Haus!“ Zwei reifere Herren fallen sich lachend in die Arme. Eine Gruppe Frauen beobachtet die Szene und kichert. Während sie ihre Zigaretten rauchen, begutachten sie die anderen Ehemaligen, die angekommen sind zum Treffen der Superlative. Neun Klassen des Abschlussjahrgangs 1988 aus vier Mittweidaer Schulen sind nach 25 Jahren erstmals vereint. Geplant, koordiniert und umgesetzt hat das Ganze eine kleine Gruppe Absolventen um Thomas Leichsner. Der sympathische Sachse steht vor dem Eingang des „Schwanenschlösschens“, die Jacke bis oben zugezogen. Vor einigen Jahren zog er wieder in die Gegend. Ab und an traf er auf alte Klassenkameraden und da kam ihm die Idee: „Ich wollte es packen, nach 25 Jahren alle Leute zu einem großen Treffen zusammenzutrommeln“, verrät Leichsner grinsend. Wie er es schaffte, alle zu erreichen? „Facebook! Wir eröffneten die Gruppe „Jahrestreffen 1988 MW“. Das wurde zum absoluten Selbstläufer.“ Im „Schwanenschlösschen“ ist der Teufel los. Alle reden durcheinander, es ist laut. Eine Frage beherrscht die Gesellschaft besonders: „Wo ist die

Johannes Krüger

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Ozapfts is! Bei einem „kühlen Blonden“ wurden alte Bande in Mittweida neu geknüpft.

Zeit geblieben?“ Am Tisch der POS „Ernst Thälmann“-Absolventen wird gelacht und gejohlt. Sandro unterhält den halben Saal – das war schon zu Schulzeiten nicht anders. Neben ihm sitzt sein Kumpel Rico: „Wir gingen gemeinsam zur Schule, studierten zusammen hier in Mittweida Angewandte Informatik und sind nun Arbeitskollegen.“ Andere Ehemalige treffen sich zum ersten Mal seit vielen

Jahren wieder, schwelgen in Erinnerungen und stoßen anschließend mit frisch gezapftem Pils und sprudelndem Sekt an. Michael Müller studierte in Mittweida ebenfalls Angewandte Informatik und ist Keyboarder bei den „Brothers of Feinripp“, der Band um Medien-Dekan Professor Michael Hösel. Er war damals zusammen mit Thomas Leichsner in einer Klasse an der POS

„Erich Weinert“. „Das muss man sich mal überlegen, die Leute reisen aus der ganzen Republik an: Hamburg, Berlin, Stuttgart. Es ist schön, sie alle in Mittweida zu treffen.“, so Müller. „Jetzt gehen unsere Kinder hier gemeinsam auf das Gymnasium. Unglaublich, wie die Zeit vergeht.“ Eine Blondine, Absolventin der Fichte-Schule, schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch und kreischt „Sören, ich bitte dich!“ und der gesamte Tisch bricht in schallendes Gelächter aus. Fast vergessene Geschichten werden wiederbelebt und lassen die Gesellschaft Tränen lachen. Ein Mann stellt fünf Bier auf dem Tisch der Pestalozzi-Schule und wird gefeiert wie ein König. Ausgelassen sind die Leute und sie genießen das Wiedersehen – jeder auf seine Art. An der Bar lehnt ein zufriedener Thomas Leichsner. Um ihn herum brummt es wie in einem Bienenstock. Der Barmann zapft um sein Leben. Immer mehr Leute kommen nun an, zum Klassentreffen der Superlative. Aber dieser eine Moment, als er mit einem stillen Lächeln in die um ihn versammelte Runde blickt, der gehört nur ihm allein. Anne C. Brantin

Mit viel Liebe für den Käse Individuelles Einkaufsvergnügen in Mittweida n der Rochlitzer Straße in Mittweida sind gerade in den letzten zwei Jahren viele Läden gekommen und gegangen. Allerdings gibt es auch Geschäfte, die auf eine längere Geschichte zurückblicken können – zum Beispiel die Käsetheke von Jürgen Voigt und seiner Frau. Diese existiert bereits seit 1992 – trotz anspruchsvoller Preise und starken Konkurrenten wie LIDL, Netto, Simmel oder Kaufland. Die Novum hat sich auf der Einkaufsstraße umgehört und festgestellt, dass nur wenige Mittweidaer das Käsegeschäft kennen. Dennoch setzt sich der Traditionsladen gegen die Konkurrenz durch, die laut Voigt ein übersichtliches und durchaus kostengünstigeres Angebot bietet. „Persönliches Engagement und viel Liebe zum Beruf“, darin sieht Jürgen Voigt sein Rezept für den beständigen Erfolg am Markt. Als weiteren Vorteil seines Geschäftes gegenüber den großen Ketten sieht er die Nähe zum Kunden. „Bei uns erfahren die Käseliebhaber im Gegensatz zu den meisten Supermärkten, wo die Produkte herkommen“, so der Käsefachmann. Der Besitzer der Käsetheke setzt au-

Julian Mevius

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Seit 20 Jahren mit einem Lächeln für Mittweidaer Käseliebhaber: Voigts Käsetheke.

ßerdem sehr viel Wert auf Kundenberatung und Verkostung vor Ort. „Neben dem normalen Verkauf von Waren bieten wir auch Catering-Service für Geburtstage oder Betriebsfeiern“, erklärt der Eigentümer. Wie man sich als Unternehmer in Mittweida durchsetzt, haben aber längst nicht alle verstanden. Laut Gewerbeamt mussten die meisten Läden schlichtweg wegen Unwirtschaftlich-

keit schließen und deshalb gibt es so manchen Leerstand auf der Rochlitzer Straße. Einige Geschäfte konnten jedoch durch Übernahme oder Neugründung wiederbelebt werden. André Siegmund, Inhaber von „Siegmund’s Schlüssel-Schuhservice“, hat seinen Laden auch übernommen. Der 53-Jährige liefert einen möglichen Grund für die Ladenschließungen: „In Mittweida steht die Miethöhe in kei-

nem gerechtfertigten Verhältnis zum Umsatz der meisten Geschäfte.“ Auch er versucht mit der Zeit zu gehen und sein Angebot immer ein wenig zu erweitern, damit er ständig neue Kunden locken kann. Neue Ideen und unermüdlicher Einsatz – wenn in der Mittweidaer Innenstadt wirtschaftlicher Erfolg möglich ist, dann sind das die Schlüssel. Von viel Einsatz weiß auch das Ehepaar Voigt zu berichten: „Wenn wir wegfahren, dann sind es meist nur wenige Tage“. Mehr Urlaub ist für die Geschäftsleute nicht drin. „Damit eigenständige Unternehmen Bestand haben, müssen die Eigentümer berufliches vor privates stellen“, erklären die Voigts. Ihr Lohn: ein fester Kundenstamm, der ihre Existenz sichert. Um ihren Interessenten immer wieder neue Käsesorten anbieten zu können, sind Voigts oft auf Messen unterwegs. So werden sie auf der nächsten „inter Mopro“ unterwegs sein, einer internationalen Fachmesse für Molkereiprodukte in Düsseldorf. Dort werden sie wieder versuchen, die neuesten Köstlichkeiten nach Mittweida zu holen. Martin Wolf


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DIE NOVUM

Sport

9. Oktober 2013

Sepp Blatter und die FIFA: Foulspiel am Fußball

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er Bau der Stadien für die FIFA Fußball Weltmeisterschaft 2022 in Katar wird für viele Beteiligte zum Albtraum. Bei den Arbeiten starben zwischen Juni und August bereits über 40 nepalesische Gastarbeiter durch Unfälle oder Herzversagen. Auf den Baustellen des arabischen Emirats herrschen, laut Berichten der britischen Zeitung „The Guardian“, menschenunwürdige Zustände und Zwangsarbeit. Den überforderten Menschen fehlt es bei 50 Grad an Trinkwasser und Hygiene in den überfüllten Unterkünften. Zu allem Übel werden den Arbeitern bei ihrer Einreise die Pässe entzogen und keine Löhne ausgezahlt. Dem Weltfußballverband FIFA waren diese Verhältnisse durchaus bekannt. Darum forderte sie im November 2011 bessere Bedingungen für die Arbeiter vom WM-Gastgeber. Geschehen ist bis dato nichts. Stellt sich die Frage, wieso FIFA Präsident Blatter und sein Exekutivkomitee die Fußball-WM 2022 an Katar gegeben haben, dem

reichsten Land der Welt, das nach politischem Einfluss und mehr Bekanntheit strebt und den Fußball augenscheinlich als Instrument dafür benutzen will. Wieso erhält ein Land den Zuschlag, dessen gesellschaftliche Bedingungen ebenso fragwürdig sind wie seine fußballerische Tradition und die klimatischen Bedingungen? Warum wird nach den jüngsten Skandalen Katar nicht die WM entzogen? Die Antwort ist einfach: Bestechung, Korruption, Amtsmissbrauch. Katar hat sich die Weltmeisterschaft erkauft und nun büßt nicht nur der Fußball dafür. Blut klebt an den Händen der FIFA-Funktionäre, allen voran Sepp Blatter. Den Präsidenten der FIFA verfolgen seit seiner ersten Wahl 1998 Korruptionsvorwürfe. „Ich hab nicht verloren, ich wurde betrogen“, so der ehemalige Präsident der UEFA, des europäischen Fußballverbandes, Lennart Johansson nach seiner überraschenden Wahlniederlage gegen Blatter 1998. Geld und bessere Posten für BlatterWähler. Der Fußball bleibt dabei auf der Strecke. Das Spiel steht schon lange nicht mehr im Vordergrund der FI-

Kristin Jacob

Ein Kommentar von Maximilian Desczyk

Fair play? – Nicht mit FIFA-Boss Sepp Blatter!

FA, eines Konzerns, der als Monopolist im Milliardengeschäft Fußball fungiert. Keine Ethik, keine Moral, die FIFA mutiert zum Zirkus – dem Fair Play, Respekt und der Sport egal zu sein

scheint. Sepp Blatter spielt ein abgekartetes Spiel. Sinnbildlich dafür steht das Projekt „Goal“, das den Fußball in unterentwickelten Staaten fördern soll. Gelder fließen, doch Fortschritt, neue Fußballplätze oder Ausrüstung sind weit und breit nicht zu sehen. „Goal“ ist nichts weiter als Geldschieberei, um dem Präsidenten die Loyalität der Delegierten der Staaten zu sichern. Dabei geht es im Sumpf von Lügen, Intrigen und Betrug beinahe unter, dass sich, laut Blatter, auch Deutschland die WM 2006 erkauft haben soll. Die FIFA braucht einen Konkurrenten, eine Alternative für den Fußball auf dem Weltmarkt. Denn das „System Blatter“ hat längst die FIFA unterwandert und wird auch ohne ihn weiter funktionieren – sollte er denn irgendwann tatsächlich zurücktreten. Fußball. Das ist Faszination, Leidenschaft und Gefühl. Die FIFA hat damit nichts mehr zu tun. Sie vergeht sich an ihrem eigenen Kind – ein Foulspiel am Fußball. Anzeige


Leben & Gesellschaft

9. Oktober 2013

DIE NOVUM

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Coole Brause

Wie ein Tee zum begehrten Kultgetränk wurde

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s ist braun, hat zunächst einen ungewöhnlichen Geschmack und einen hohen Koffeingehalt. Die Rede ist nicht etwa von Kaffee oder Energydrinks, sondern einem mit Kohlensäure versetzten Tee. Mate – ein Erfrischungsgetränk, das je nach Hersteller die Bezeichnung „Club-Mate“, „Rio Mate“ oder gar „Flora Power“trägt. Wer glaubt, dieser Eistee habe seinen Ursprung in deutschen Großstädten und wird nur von Hipstern, einer dem Mainstream trotzenden Generation, getrunken, der irrt. Schon im 16. Jahrhundert lernten spanische Eroberer von Indianervölkern Mate kennen. Als „Sekt-Bronte“ wird der Mate-Tee dann erstmals 1924 im fränkischen Dietenhofen bekannt. Bis schließlich eine Brauerei in den 90er Jahren die Lizenz zur Herstellung dieses Getränks erwarb, es in „ClubMate“ umtaufte und ihm dem Weg vom bayerischen Dorf in die Großstadt wies. Traditionell wird der Tee aus einem hohlen Flaschenkürbis getrunken. Dies erklärt auch seine Bezeichnung, denn Mate bedeutet ursprünglich im indischen „Kürbis“.

Die große Unbekannte – nur wenige Konsumenten wissen, woher ihr Lieblingsgetränk stammt.

Seine Teeblätter werden „Yerba“ genannt und in Südamerika angebaut. Indische Mediziner setzten die Teeblätter wegen ihrer heilenden Wirkung gegen Gelbsucht, Gicht und Fieber ein. Durch den erhöhten Koffeingehalt wirken sie aktivierend und kreislaufstärkend und regen außerdem auch noch die Nerven, die Muskeln und den Stoffwechsel an. Club-Mate

beinhaltet beispielsweise 20 mg Koffein pro 100 mg. Das sind zwar 10 mg mehr als in einem Cola-Getränk, aber 15 mg weniger als in schwarzem Tee und sogar 60 mg weniger als in Kaffee. Im „Computer Chaos Club“ wurde hauptsächlich wegen der aufweckenden Wirkung die „Hackerbrause“ in großen Mengen konsumiert. Der Club-Mate-Geschäftsführer Marcus

Mensaplan Donnerstag, den 10.10.2013 Schlemmerfilet mit Broccoli, Kartoffelpüree, Bröselbutter | gebackene Zwiebelringe, SojaAioli-Dip, Wedges, Salatgarnitur | Schweinefilet, Pfefferrahmsauce, Waldpilzpfanne mit Pfifferling und Steinpilzchampignons, Schupfnudeln | mensaVital Hirschragout mit Rotwein und Birnen, Bohnen, Kartoffelklöße Freitag, den 11.10.2013 Schweineschnitzel Wiener Art, Buttererbsebgemüse, Pommes frites | 4 Kartoffeltaschen mit Frischkäsefüllung, Quark, Hirtensalat | Garnelenpfanne mit Wok-Gemüse, Tagliatelle |mensaVital Kichererbsen-Tomaten Eintopf mit Pinienkernen, Vollkornbrot Montag, den 14.10.2013 Pfannengyros, Zatziki, Fladenbrot, griechischer Salat | Vegetarisches Schnitzel Toscana, Tomatenconfit, Gnocchi | Thai-Hähnchenbrustfilet XL, Wokgemüse, Yasmin-Duftreis, Wok-Soße | mensaVital Tagliatelle mit Lauch-Sojasahne-Soße, gehackte Walnüsse Dienstag, den 15.10.2013 Jägerschnitzel, Tomatensoße, Makkaronilocken | 3 Rösti, Getreide, Mais-Lauch, Kürbis dazu Salsa und Coloradosalat | Schweinesteak, Paprikaletscho, Leipziger Allerlei, Pommes frites | mensaVital Orientalische Gemüsepfanne mit Dinkel, Sojasoße und geröstetem Sesam Die Novum wünscht guten Appetit!

Loscher setzt bewusst auf „Mund-zuMund-Propaganda“ und verfügt nach eigenen Angaben weder über ein Vertriebskonzept noch eine Marketingstrategie. Umso erstaunlicher, dass Club-Mate jetzt in breiteren Massen seine Beliebtheit feiert. Im Jahr 2011 traten sogar für einige Monate Lieferengpässe auf. Auf Facebook wurde deshalb die Veranstaltung „Matacalypse Now“ gegründet mit dem Ziel, die gehorteten Pfandflaschen wieder zurückzubringen, um weiter produzieren zu können. Der Club-Mate-Hersteller selbst produziert nun auch Cola und Eistee auf Mate-Basis. Von dem „Mate-Boom“ hierzulande wollten auch andere Unternehmen profitieren. So auch einer der größten Abfüller für Pepsi in Deutschland, der mit der „Mio Mio Mate“ an den Getränkemarkt ging. Andere Firmen, wie beispielsweise „Kolle Mate“, produzieren glutenfreie, vegane und biologische Mate und gewannen damit neue Zielgruppen. Neuerdings gibt es sogar dank einer Berliner Brauerei „Mier“, das erste mit Mate versetzte Bier Deutschlands. Louisa Harter Impressum

Grüße Ich grüße den verplanten Seifert, den chilligen Purche, den dynamischen Pole, den Aggro-Basti, die bezaubernde Lorraine und alle die das vergangene Stück zu dem gemacht haben was es ist. Danke. Wir sehen uns beim DVD-Abend. Euer Franz Ich grüße das ganze TopfKoch-Team! Ihr wart großartig und ohne euch wäre die Produktion nicht so lustig und schön gewesen! Ich bin stolz auf euch und finde es fantastisch was in nur 3 Monaten aus einer Schnapsidee entstanden ist, danke dafür Mella! :) Danke Basti für deine Geduld mit mir und danke Max für die tägliche Motivation und dafür das du die Idee von Anfang an ernst genommen hast! das-was-mit-medien-studierende-Trampeltier ;)

Ich grüße den liebsten Siggi, der mir das Schönste Lebkuchenherz von den ganzen Wasen mitgebracht hat. Great Success, Baby! Piew Grüße an das Trapezgesicht! Meister Reier. Hinweis Ihren Gruß schicken Sie bitte an: gruesse@die-novum.de. Des Weiteren weisen wir darauf hin, dass Grüße keine fremdenfeindlichen, rassistischen, persönlichkeitsverletzenden oder in anderer Art gegen bestehendes Recht verstoßende Inhalte aufweisen dürfen. Bei Verletzung dieser Richtlinien behalten wir uns rechtliche Schritte vor. Kinoprogramm

Folgende Filme werden in der Filmbühne Mittweida, in der Woche vom 10. bis 16. Oktober gezeigt: Planes Samstag und Sonntag 14:45 Uhr Keinohrhasen & Zweiohrküken Donnerstag bis Mittwoch 16:45 Uhr Feuchtgebiete Sonntag bis Mittwoch 18:15 Uhr Gravity 3D Donnerstag bis Mittwoch 18:30 + 20:15 Uhr Freitag und Samstag auch 22:15 Uhr

Riddick Donnerstag bis Mittwoch 20:15 Uhr Freitag und Samstag auch 22:30 Uhr Turbo 3D Donnerstag bis Mittwoch 16:45 Uhr Samstag und Sonntag auch 14:45 Uhr Filmbühne Mittweida Theaterstraße 1 Telefon: 0 37 27 / 31 42

Die Novum ist eine Ausbildungszeitung der Fakultät Medien / Die Novum Print der Hochschule Mittweida, unterstützt von: AMAK AG und Medieninstitut Mittweida e.V., Verleger gemäß SächsPresseG vom 3. April 1992: Mittweida Research, Division GmbH / AMAK AG, Technikumplatz 17, 09648 Mittweida, www.amak.ag Geschäftsführerin: Silke Knauer Vorstand: Prof. Dr. Otto Altendorfer Anschrift: Hochschule Mittweida, Redaktion Die Novum-Print, Leisniger Straße 9, 09648 Mittweida E-Mail: redaktion@die-novum.de, www.die-novum.de; Herausgeber: Fakultät Medien V.i.S.d.P.: Prof. Dr. Michael Hösel Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr. Andreas Wrobel-Leipold Chefredaktion: Stefan Kirsten, Nicole Grimm CvD: Sandra Winnik Politik: Erik Lindner Hintergrund: Simon Grübler Lokales: Eric Klapper, Claudia Metzner Hochschule/Wissenschaft: Christina Honig Sport: Maximilian Desczyk Leben & Gesellschaft: Susann Schadebrodt Feuilleton: Corinna Robertz Marketing: Annabell Saupe Anzeigen: Marcus Winkler Grafik: Sara Bieder Layout: Philipp List, Ulrike Dorn Foto: Marie-Luis Langfeld, Alexander Heidel Online: Felix Aue Technik & Druck: Christian Greim, Sindy Herrmann, Markus Linz Vertrieb: Nancy Matschke


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DIE NOVUM

Feuilleton

9. Oktober 2013

Die Kunst der Heilung

Weltweit wird jede dritte Frau in ihrem Leben sexuell missbraucht. Trotzdem schweigen die Opfer. Ein Fotoprojekt rüttelt auf. enn das Schweigen endlich gebrochen ist, stellen sich die Opfer vor eine Kamera und lassen sich fotografieren. In den Händen halten sie ein Schild, beschriftet mit den Worten ihrer Peiniger. Worte, die sie vor, während, oder nach der Tat zu hören bekamen und nicht mehr vergessen können. Hinter der Kamera steht die 21-jährige Amerikanerin Grace Brown. Wie die meisten Menschen hat auch sie von sexueller Misshandlung viel gehört und gelesen. Von anonymen Figuren mit erschreckenden Geschichten, aber eben ohne greifbare Gesichter. Deren Erlebnisse machen betroffen, aber genauso schnell gehen sie im Strudel der Zeit auch wieder verloren. An einem Samstagabend trifft sich Grace mit einer Freundin, die ihr genau eine solche Geschichte erzählt. Aus anonymen Figuren wird plötzlich eine bekannte Person, deren Erlebnisse die Fotografin nicht mehr vergessen kann. Am nächsten Morgen entsteht die Idee zu „Project Unbreakable“, einem Fotoprojekt für mehr Bewusstsein für sexuellem Missbrauch in der Gesellschaft. Obwohl weltweit jede dritte Frau die Erfahrung von sexuellem Missbrauch macht, werden 15 von 16 Tätern nie einen Tag im Gefängnis verbringen.

Grace Brown

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Betroffene zeigen sich bewusst der Öffentlichkeit. Ihre Bilder gehen um die halbe Welt. Sexueller Missbrauch bekommt endlich ein Gesicht.

Viele Leidtragende schweigen aus Scham und Angst. Grace Brown will das ändern. Sie beginnt die Betroffenen zu fotografieren. Es sind schlichte Fotos, die den Betrachter gerade deshalb nicht mehr loslassen. Da steht eine Frau, wie man sie täglich sieht und der nicht anzumerken ist, dass auch sie ein Opfer ist. Vergewaltigt im Kindesalter von ihrem älteren Bruder. Mit überraschender Ehrlichkeit und Of-

fenheit werden die Geschichten greifbar gemacht, die bisher anonymen Personen dahinter bekommen endlich ein Gesicht. Aufmerksamkeit und Bewusstsein für ein sonst so stillgeschwiegenes Thema. Es passiert aber weitaus mehr. Das Niederschreiben von nicht vergessenen Worten und das anschließende Fotografieren helfen den betroffenen Menschen bei der Verarbeitung. „Pro-

ject Unbreakable“ wird zum Selbstläufer, löst sogar eine ganze Welle aus. Opfer senden selbst Fotografien ein, Blogger berichten über das Projekt, die Bilder werden geteilt, gehen um die Welt, während sich jeden Tag neue Betroffene melden. Anonymität gegen Aufmerksamskeit und Bewusstsein. Betroffene gehen den Tausch bereitwillig ein. Corinna Robertz

„Leipzig ohne Tille ist wie ‘ne Platte ohne Rille“ Der älteste Technoclub Ostdeutschlands und sein Kampf gegen das Ende n den Kellern von Leipzig, wo das Wasser von den Wänden tropft und der Bass mit voller Wucht gegen die Brust hämmert, dort fühlen sich Nachtschwärmer zu Hause. Dort können sie sich selbst verlieren, beim Tanzen bis in die frühen Morgenstunden. Als Vorreiter der Leipziger Clubszene hat die Distillery nun schon 21 Jahre auf dem Buckel. Ein Jungspund in Menschenjahren, als ältester Technoclub Ostdeutschlands ein wahrliches Urgestein. Doch die Zukunft des Szeneschuppens steht gerade auf der Kippe. Hinter besprühten Mauern auf der Kurt-Eisner-Straße in der Leipziger Südvorstadt schlummert sie bei Tag, in der Nacht tummeln sich Tanzbegeisterte aus allen Ecken der Stadt, um ausgelassen zu feiern und alles um sich herum zu vergessen. „Leipzig ohne Tille ist wie ‘ne Platte ohne Rille“ prangert auf einem Schild über dem Eingang des Clubgeländes. Und das nicht ohne Grund. Das Areal gehört der Deutschen Bahn und diese schmiedet gemeinsam mit der Stadt Leipzig große Pläne. Im künftigen Stadtraum Bayri-

Tom Schulze, www.tom-schulze.de

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Ein altehrwürdiger Technoschuppen soll neuen Wohnhäusern weichen. Ein Zuhause in Gefahr.

scher Bahnhof sollen neue Wohnhäuser entstehen. Dabei ist die Distillery nicht mehr vorgesehen. Doch ein Umzug ist für die Betreiber keine Option. Zu groß ist die Angst, der Laden könne an einem anderen Standort nicht ebenso gut laufen, zu groß wären die anfallenden Kosten und Investitionen.

Man hat es sich dort schließlich auch gemütlich gemacht, mit den angrenzenden Nachbarn arrangiert, eben ein zu Hause geschaffen. Im Klartext heißt das für alle Szeneliebhaber: Etwas bewegen oder sang- und klanglos untergehen. Doch ganz wie es sich für alte Partyhasen gehört, halten sie die Füße

nicht still: So tanzten im September unter „Save the Distillery“ etwa 2.000 Menschen im friedlichen Protest auf der Straße. Die dazugehörige Onlinepetition fand schon über 6.100 Unterzeichner und ist noch bis zum 28. Oktober aktiv. Unterstützung im Stadtrat gibt es dabei seitens der SPD, Grünen und Linken, die in ihrem Antrag die Berücksichtigung des Clubs in der Neubebauung als schützenswerte Kultureinrichtung an ihrem bisherigen Standort fordern. Bis im November eine Entscheidung fällt, heißt es also nicht abwarten und Tee trinken, sondern auf in die Distillery, zu elektronischen Beats das Tanzbein schwingen und beim Poetry Slam lyrischen Ergüssen lauschen. Oder aber dem Kino einen Besuch abstatten: Seit einigen Wochen läuft der Dokumentationsfilm „Willkommen zu Hause“ in den Leipziger Programmkinos. Er beleuchtet die feuchtfröhliche Clubgeschichte und zeigt, warum der Technoclub das moderne Wohnzimmer einer ganzen Generation ist. Mareike Rückert


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