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DIE NOVUM Jeden Mittwoch für Mittweida

8. Ausgabe

2. Mai 2013

Lobbyismus erwünscht

Leben mit der Angst

Lokale Klamotte

Die US-Investmentbank Goldman Sachs bezahlt Manager, die in die Politik wechseln. Die Regierungen schauen weg. – Seite 2

Unkontrollierbare Ängste bestimmen den Alltag vieler Menschen. Ein normales Leben ist für Betroffene kaum vorstellbar. – Seite 3

Seit zwei Jahren kreiert Alexander Heidel unter dem Namen „Snapshot“ Shirts mit Motiven aus Chemnitz und Umgebung. – Seite 7

Preisbremse greift nicht

Holger Müller

Strom wird mal wieder teurer

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ine Tankfüllung weniger, darauf muss sich die deutsche Durchschnittsfamilie 2013 einstellen. Sie wird in diesem Jahr rund 68 Euro mehr für Strom bezahlen. Der Grund: das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG), das den Ausbau der Öko-Energie regeln soll. Solarparks und Windkraftanlagen, wie jene im Chemnitzer Ortsteil Wittgensdorf, werden gefördert, die Mehrkosten dafür teilweise auf den Kunden verlagert. Die sogenannte EEG-Umlage sollte im Laufe des Jahres von 3,6 Cent pro Kilowattstunde auf bis zu 5,2 Cent pro Kilowattstunde steigen. Bei diesem Betrag wollte Bundesumweltminister Peter Altmaier gern die „Strompreisbremse“ ziehen. Doch dabei wurde er blockiert: Sein Vorschlag wurde vom Rot-Grün dominierten Bundesrat abgelehnt. Die Deutsche Energieagentur (dena) rechnet bis Jahresende nun sogar mit einem Anstieg auf 6,3 Cent pro Kilowattstunde, EnviaM-Chef Carl-Ernst Giesting nennt für Sachsen einen Preisanstieg von bis zu 10 Prozent. Als Grund

führt er erhöhte Netzentgelte, sowie den Anstieg der EEG-Umlage auf. Doch deren Steigerung ist längst nicht mehr mit reinen Förderkosten der Energiewende zu erklären. Eine gewichtige Rolle spielen Fehlkalkulationen aus dem vergangenen Jahr und das Industrieprivileg, das ein großes Loch in die Kasse der Energiewende reißt: Immer mehr Unternehmen mit besonders hohem Stromverbrauch werden von der EEG-Umlage befreit. Ein Schritt, mit dem die internationale Wettbewerbsfähigkeit großer Betriebe aufrecht erhalten werden soll. In Sachsen betriff t das rund 60 Betriebe, so beispielsweise die WEPA Papierfabrik in Kriebstein. „Die Kosten der Industrieförderung erhöhen sich gegenüber dem Vorjahr um 35 Prozent“, weiß Dr. Hermann Falk vom Bundesverband für Erneuerbare Energien. Während die Wirtschaft also um 4,7 Milliarden Euro entlastet wird, muss der Normalbürger mehr bezahlen. Nach einer Umfrage des ZDF empfinden 81 Prozent der Befragten eine solche

Befreiung als ungerecht. Bundeskanzlerin Angela Merkel beschloss am vergangenen Mittwoch das vorläufige Ende der Strompreisbremse. Die Meinungen über die Umsetzung der Bremse lagen zwischen Ländern und Parteien von Beginn an zu weit auseinander. Vor den Bundestagswahlen im September wird es keine weitere Diskussion geben. GrünenFraktionschef Jürgen Trittin nannte das „eine gute Nachricht“, da er die Energiewende gefährdet gesehen hatte. Die Privathaushalte und den Mittelstand hat er mit dieser Meinung nicht auf seiner Seite, denn ihnen steht laut Altmaier eine „Preisexplosion“ bevor. Dem Endnutzer ist es nun selbst überlassen, die Preisbremse zu ziehen. Laut dem letzten Bericht der Bundesnetzagentur haben 80 Prozent aller Haushalte noch nie den Stromanbieter gewechselt. Damit befinden sie sich in den meisten Fällen im mit Abstand teuersten Tarif. Mit einem Wechsel zum günstigsten Anbieter kann der durchschnittliche deutsche Haushalt

mehrere hundert Euro jährlich sparen. Als „interessante Alternative“ zur derzeitigen Strompreisexplosion in Deutschland bezeichnet Christian Krannich vom Informationsportal strompreisentwicklung.info das Norwegen-Modell. Der skandinavische Staat deckt seinen gesamten Energiebedarf durch Wasserkraft ab. Ein Zuschlag für Ökostrom ist den Norwegern somit fremd, die Strompreise werden durch die Nachfrage bestimmt. „Zwar profitieren die Norweger im Sommer von fallenden Strompreisen, müssen im Winter aber mit höheren Kosten rechnen“, erklärt Krannich. So kostete zum Beispiel eine Kilowattstunde im Sommer vergangenen Jahres 2,8 Cent und im Februar 2013 stolze 6,3 Cent. Damit das norwegische Modell auch auf Deutschland übertragbar ist, müssten die Deutschen mehr „Flexibilität bei der Anbietersuche“ zeigen, so Krannich. „Die vollzogene Energiewende“ sieht er als eine weitere Bedingung. Thomas Kraftschenko


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Politik und Wirtschaft

Die Novum

2. Mai 2013

Goldman Sachs regiert die Welt Wie Banken Seitenwechsler in die Politik belohnen roßunternehmen üben gern Einfluss auf die Politik aus. Das zahlt sich aus – jedenfalls für die Firmen: Die US-amerikanische Organisation Project on Goverment Oversight berichtet, dass Wall-StreetUnternehmen ihren Angestellten hohe Boni zahlen, wenn diese in die Politik wechseln. Bekannt wurde diese Praxis, als veröffentlicht wurde, dass der neue US-Finanzminister Jack Lew eine Million Dollar von seinem früheren Arbeitgeber Citigroup erhalten hatte. Ganz ohne Gegenleistung? Anti-Lobbyorganisationen wie Lobby-control argwöhnen, dass mit solchem Geld Entscheidungen von Regierungsbeamten gekauft werden. Der USFinanzminister ist nicht der Erste, der zuvor bei einer Bank tätig war. Bei Goldman Sachs, einer der weltgrößten Investmentbanken, gehört es seit Jahren zur Tradition, „Ex“-Mitarbeiter in guten Positionen zu platzieren. Robert Rubin ist ein Musterbeispiel dafür. Nach 26 Jahren bei Goldman Sachs, davon zwei Jahre als Präsident des Investmenthauses, wurde er unter Bill Clinton Finanzminister. Während seiner fünfjährigen Amtszeit wurde die Trennung von Kredit- und Investmentbanking aufgehoben. In seiner Funktion hob er verschiedene

Steffen Knüdel

G

Ehemalige Topmanager wechseln in politische Spitzenpositionen – Goldman Sachs vergoldet‘s.

Gesetze auf, die zu einer Regulierung der Märkte beigetragen hätten. Auch in Deutschland lässt sich eine Einflussnahme von Banken vermuten. Aus einer Kleinen Anfrage der Linkspartei im Februar 2013 geht hervor, dass die US-Investmentbank Goldman Sachs die meisten Termine im Bundeskanzleramt hatte. Christoph Brand, ein deutscher Partner bei Goldman, hatte 48 Treffen mit Vertretern der Bundesregierung. Hingegen

war der Chef der Commerzbank nur 17 Mal im Kanzleramt – obwohl das Finanzhaus zu einem Teil dem Staat gehört. Nach der Großbank Goldman Sachs folgt die Deutsche Bank im Ranking der Institute mit den häufigsten Kontakten zur Regierung. Die aktuellen Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen hatten insgesamt 14 Termine in Berlin – hinzu kommen weitere Treffen von Lobbyisten mit Regierungs-

vertretern. Das bekannteste Gesicht in Europa, das von den Goldmännern in die Politik ging, ist Mario Draghi. Der Italiener ist heute Chef der Europäischen Zentralbank, zuvor war er Vizepräsident von Goldman Sachs in London. Erst ein Büro in der Londoner City, heute im Turm der Europäischen Zentralbank in Frankfurt. So ziehen die Banker in die politischen Führungsetagen Europas ein. Allerdings spricht fast niemals jemand aus dem Finanzsektor dieses Wissen offen aus. In anderen Anti-Lobbykreisen hingegen ist die Annahme, dass Goldman Sachs die Welt fest im Griff hat, längst weit verbreitet. Im englischsprachigen Raum gibt es den Begriff „Government Sachs“, das Geldinstitut hält die US-Regierung längst in seiner Hand. Auch in Deutschland sehen Politiker die Verbindung in die Finanzbranche nicht als kritisch. Vertreter des Finanzministeriums sagten dem Handelsblatt während der Finanzkrise: „Bei vielen Entscheidungen der vergangenen Jahre waren wir auf den Rat der Banken angewiesen.“ Im Zuge der Eurorettung wären die Kontakte zu Banken eine „notwendige Begleiterscheinung“, heißt es aus der Bundesregierung. Florian Barth

Hart zu beißen am Zahnersatz Hohe Eigenanteile setzen das Sparschwein auf Diät ronen, Brücken und Implantate sind oft nötig, der Preis nicht immer gerechtfertigt. So der Barmer GEK Zahnreport 2013: Zahnärzte würden einseitig beraten, Patienten seien nicht skeptisch genug und die Eigenanteile würden steigen. Dennoch sei der deutsche Versorgungsstandard sehr gut. Im weltweiten Vergleich belegt Deutschland Platz fünf. Eine bessere Versorgung bieten beispielsweise Japan und Dänemark. Das deutsche Zuschusssystem sichert die Regelversorgung jedes Patienten. Abhängig vom Befund trägt die Krankenkasse einen festen Teilbetrag der Kosten. Im Jahr 2009 waren das circa 600 Euro pro Patient – rund 780 Euro wurden aus eigener Tasche gezahlt. Der Eigenanteil stieg damit um 18 Prozent zum Vergleichsjahr 2005. Liegt der Preis für eine medizinisch notwendige Krone bei 250 Euro, übernimmt die Krankenkasse rund 50 Prozent, den Rest zahlt der Patient. Sogenannte Härtefalle, wie BAföGBezieher oder Geringverdiener, müssen zumeist nichts zuzahlen. Zudem

sxc: Velma

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Der jährliche Routinecheck beim Zahnarzt hilft viel Bares beim Zahnersatz zu sparen.

reduziert ein lückenlos geführtes Bonusheft den Eigenanteil um bis zu 30 Prozent. Laut Zahnreport ist der Eigenanteil für Zahnersatzleistungen in den neuen Bundesländern geringer. In Sachsen liegt er bei circa 44 Prozent, bundesweit bei geschätzten 55 Prozent. Ein Grund ist die Frühvorsorge: In der DDR gab es die schulische Routine-untersuchung und damit

früh eine regelmäßige Kontrolle. „Die Versorgung in Sachsen stellt sich positiv dar“, erläutert Dr. Thomas Breyer, Pressesprecher der sächsischen Zahnärztekammer, „wir halten das deutsche Versorgungssystem für gerecht, weil für alle Bürger die Grundversorgung gesichert ist.“ Zum Haupttenor des Zahnreports, die Patienten müssen mehr zuzahlen, meint Breyer: „Das ist richtig, aber die Barmer könnte das ein-

fach ändern: Zuzahlung erhöhen.“ Für medizinisch nicht notwendigen Zahnersatz kommt der Patient selbst auf. In diesem Punkt sind sich Krankenkassen und Ärzte einig – heißt: Ab dem fünften Zahn im Gebiss ist eine farblich angepasste Verblendung nicht nötig und erhöht den Eigenanteil. „Es ist Jedem freigestellt, ob er einen Zahn mit Swarowski-Steinen besetzen lassen will“, erläutert die Pressesprecherin der sächsischen Barmer-GEK Claudia Szymula. Mit „Luxusausstattung“ werde viel Geld verdient und das Verkaufsgeschick der Ärzte spiele eine große Rolle bei der Entscheidung des Patienten. Die Krankenkassen würden deshalb eine bessere, patientenorientierte Aufklärung durch die Mediziner fordern und mehr Skepsis auf Seiten der Patienten. Dr. Thomas Breyer hält dagegen. Er gibt zu verstehen, dass die Behandlungsmöglichkeiten fair erläutert würden und der Bericht politisch motiviert sei: „Es geht um den Schutz der eigenen Interessen.“ Erik Lindner


2. Mai 2013

Hintergrund

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Die Novum

Politik handelt endlich: Pilotprojekt soll hohe Schulabbrecherzahlen im Freistaat senken

Der Angst ins Auge blicken

Toni Plewe

Dreißig Prozent der Deutschen erkranken irgendwann an einer Angststörung

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nika Kleinert* sitzt gemütlich mit ihrer Familie vor dem Fernseher, sie genießen das unterhaltsame Abendprogramm und freuen sich über die gemeinsame Zeit. Doch plötzlich überkommt Anika ein ungutes Gefühl – ihr wird schwindelig, das Herz rast wie ein ICE, die Handflächen füllen sich mit Schweiß und der Blutdruck steigt rasant an. „Ich werde sterben oder irgendetwas anderes Schlimmes wird passieren“, so ihre Gedanken. Anika kommt ins Krankenhaus.

Keine Normalität möglich Angst ist ein natürliches und lebensnotwendiges Gefühl, ein normaler Schutzmechanismus, der uns vor Gefahr warnen soll. Angst ist dann als krankhaft zu bezeichnen, wenn sie übermäßig stark, sehr oft oder ohne Grund auftritt. Panik ist eine schwere Form der Angst und schränkt Menschen stark im Alltag ein:  Normale Aktivitäten wie Einkaufen, Freunde treffen oder Kinobesuche werden zur Qual. Panikattacken sind unkontrollierbar und überrennen die Betroffenen in den ruhigsten Momenten. Laut Jens Bartoll, Heilpraktiker und Angsttherapeut in Chemnitz, steigt die Anzahl der Angstpatienten stetig. Häufige Ursachen seien Stress, unsichere Zukunftsaussichten und schwere familiäre Situationen. Eine Verhaltens- oder Hypnosetherapie könne dem Patienten auf natürliche Art und Weise helfen. Anika Lagendorf leidet seit Jahren unter Angstattacken. Ihren

Alltag bewältigt sie mühsam, versucht potentielle Angstsituationen so gut es geht zu vermeiden: Einkaufen im Eiltempo, menschenüberfüllte Orte umgehen und sonst lieber zu Hause bleiben. „Ich kann meine eigene Tochter nicht mal in die Schule bringen“, erzählt sie. Nach einem Angstanfall wurde sie untersucht und bekam Medikamente gegen Durchfall und Übelkeit. Da die Ärzte nichts weiter finden konnten, wurde Anika als depressiv eingestuft. Erst vier Monate später, während einer stationären Behandlung gegen Depressionen, wurde festgestellt: Anika leidet unter Angststörungen.

Ursachen schwer zu finden Etwa 30 Prozent aller Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Angsstörung. Dabei sind die Ursachen meist erst nach langer Therapie erkennbar. Menschen, die sehr sensibel sind und zu Stress neigen, sind anfälliger für Panikattacken und Angstzustände. Weiterhin können traumatische Erlebnisse in der Kindheit oder auch lebensveränderte Geschehnisse im Erwachsenenalter, wie zum Beispiel Verkehrsunfälle, Panikstörungen auslösen. Auch schlimme Ereignisse, die im Freundes- oder Familienkreis vorgefallen sind, können Menschen Panik bereiten. Es gibt unterschiedliche Arten von Angst:  Angst vorm Zahnarzt oder Fliegen, Prüfungsangst, Angst vor Autofahren, Angst vor Krankheiten,

vor Gesprächen mit dem Chef oder vor dem Arbeitsplatzverlust. All diese Ängste können bestimmten Objekten und Situationen zugeschrieben werden. Weitaus schlimmer sind unbegründete und ungewisse Ängste.

Angst vor der Panik Meistens entwickelt sich später eine Phobophobie, die Angst vor der Angst oder auch Erwartungsangst genannt. Da Betroffene ständige Panikattacken als bedrohlich ansehen, entsteht im Laufe der Zeit die Angst, Angst zu haben. Als Resultat beginnen Phobophobiker ihren Körper permanent nach ersten Anzeichen abzusuchen und beschäftigen sich ununterbrochen mit Symptomen. Durch diese Selbstbeobachtungen wird der Körper ständig in Alarmzustand gestellt. Diplom-Psychologe Dr. Rolf Merkle weiß, „ängstliche Menschen müssen sich ihrer Angst stellen und die Panikattacke zulassen“. Diese sei nicht lebensbedrohlich und daher ist die Angst unangemessen. Bei Patienten treten Depressionen und Angstattacken oft gemeinsam auf. Beide Erkrankungen können durch schlechte Erlebnisse ausgelöst werden. „Ich lag ein Vierteljahr hilflos im Bett und dachte, ich drehe durch“, erzählt Anika. Außerdem bildete sie sich ein, eine schwere Krankheit zu haben und bald sterben zu müssen. Schreckliche Angst, die sie nur mit Hilfe ihrer Familie übersteht. „Sie waren die ganze Zeit eine tatkräftige

Unterstützung“, erzählt sie. Zurzeit macht sie eine Verhaltenstherapie. „Ich versuche, die Dinge zu vermeiden, die mir Angst machen“, sagt die Patientin. Der Alltag von Betroffenen ist extrem eingeschränkt, Anika ist komplett arbeitsunfähig. Viele Dinge, die sie früher gemacht hat, kann sie heute nicht mehr tun. Bei ersten Anzeichen einer Angststörung sollte sich jeder pyschologische Hilfe suchen, um durch eine Therapie gegen die Angst zu kämpfen.

Schwieriger Umgang mit Angst Selber sollte jeder versuchen, sich nicht ständig zu beobachten, zur Ruhe zu kommen und vor allem nicht aus Angstsituationen zu flüchten, sondern sich ihnen stellen.  Nur so kann gewährleistet werden, dass die Angst verlernt wird und Betroffene die einst beängstigenden Situationen als völlig normal und gefahrenlos anerkennen. Außerdem ist es wichtig, der Familie und Freunden von diesem Problem zu berichten und es nicht abzutun. Nur so kann das Umfeld dies verstehen und helfen. „Ich lebe in der Hoffnung, dass meine Therapie mir irgendwann helfen wird und ich wieder ein normales Leben in vollen Zügen genießen und endlich meine Tochter von der Schule abholen kann – ganz frei von Angst“, schaut Anika positiv in die Zukunft. *Name von der Redaktion geändert Kateryna Anikina, Kitty Kalkbrenner


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Hochschule und Wissenschaft

Die Novum

2. Mai 2013

Wenn die sieben Zwerge würfeln Gedächtniskünstler führt Studenten in die Welt der Eselsbrücken as ganze Vokabelheft auswendig können? Zwanzig zehnstellige Zahlen aus dem Gedächtnis aufsagen? Vorwärts und rückwärts? Der Herr Staub weiß, wie sowas geht. Gregor Staub gibt dazu Kurse in ganz Deutschland, sein Tourneeplan ist bis Ende 2017 gefüllt. Dank der Fakultät Wirtschaftswissenschaften und der studentischen Unternehmungsberatung Ventus Novus e.V. stand er vor über 400 Besuchern in Mittweida und zeigte, dass Lernen vor allem Spaß machen muss. Damit stimmt auch die Veranstalterin Professorin Silke Meyer überein: „Am effektivsten lernen wir, wenn wir uns etwas selbst aneignen wollen. Wichtig ist mir dabei der Wille“. Mit etwas Motivation und der richtigen Technik ist es kein Problem, sich innerhalb von fünf Minuten zehnstellige Zahlen zu merken. Ähnliches gilt auch für Namen, Vokabeln oder die wichtigsten Stichpunkte des nächsten Vortrags. Was zuerst unmöglich klingt, basiert auf einer Art des Lernens, die schon in der griechischen Antike verwendet wurde: Die Mnemotechnik. Das A und O dieser Praktik sind Assoziationsketten. Dabei wird der Lernstoff mit Bildern verknüpft. Um die

HS Mittweida

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Hauptsache motiviert – Gregor Staub zeigt, wie richtig gelernt wird.

Orientierung zu behalten, werden diese Bilder dann „abgelegt“: An verschiedenen Punkten im Raum, oder auch am eigenen Körper. Das demonstriert Staub, indem er sein Publikum die verschiedenen Bundesministerien auswendig lernen lässt: Da wird das Knie zum Symbol des Verteidigungsministeriums, das Innenministerium befindet sich im Bauchnabel und das Familienministerium am Herzen. Dieselbe Kreativität ist gefragt, wenn es um das Merken von Zahlenketten geht. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Wichtig ist es, eigene Geschichten zu schaffen, die im

Kopf bleiben. Die kleine Geschichte von den sieben Zwergen, die auf einem Baum sitzen und um einen dreibeinigen Hocker würfeln, könnte die Zahl 7136 sein. Denn die sieben Zwerge stehen für die „7“, der Baum für die „1“, der dreibeinige Hocker für die „3“ und der Würfel steht für die „6“. Damit lassen sich lange Telefonnummern und Passwörter im Gedächtnis abspeichern. Mit etwas Übung können solche Zahlenketten dann in dem Bereich von hunderten Bildern verlängert werden. Ganz ohne Wiederholen geht es aber natürlich nicht. „Bis zu fünf Mal sollten Sie

etwas wiederholen, damit es im Langzeitgedächtnis bleibt“, so Staub. Seine Karriere als Mentaltrainer begann vor gut 20 Jahren. Damals hatte er sein Auto am Flughafen gesucht. „Wissen Sie, wie frustriert ich war, als ich mich dann nach drei Stunden daran erinnert habe, dass ich mit dem Zug ankam?“, pointiert er seine Geschichte. Nachdem er etliche Praktiken und Hilfsmittel ausprobiert hatte, testete er sie mit mehreren tausend Studenten an der Universität Zürich. Doch trotz der empirischen Erforschung seiner Techniken stößt Staub immer wieder gegen Mauern. „Zu Beginn meiner Arbeit zweifelten viele Lehrer und Professoren am wissenschaftlichen Beweis meiner Technik. Jetzt bedanken sich die, die meine Ratschläge bei ihren Schülern anwenden“, schwärmt der 58-jährige. Für das deutsche Schulsystem wünscht er sich jedoch einige Verbesserungen: „Die Lehrer werden nach einem falschen Ansatz bezahlt. Es sollte lieber einen gestaffelten Lohn pro verbesserte Klassendurchschnitte geben. So entstehe auch der Anreiz, neue Techniken zu benutzen und nicht immer auf dasselbe Schema F zurückzugreifen. Sebastian Weiß Anzeige

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Lokales

2. Mai 2013

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Die Novum

Gesichter Mittweidas

Griechische Mythologie in der Mensa E

in Pan mit seinen Nymphen, Eros und Psyche und wilde, kämpfende Amazonen. Sie alle sind aufgereiht an der Wand der Bierschwemme in der Mensa Mittweida zu finden. Nackt, wie sie geschaffen, erzählen die glasierten Keramiken fanatasievoll die Geschichten aus dem alten Griechenland mit ihren Sagen und Mythen. Außerdem wurde die Beziehung zwischen Frau und Mann künstlerisch und thematisch gestaltet. „Ich schreite fast täglich an meiner Arbeit vorbei. Jene, die da sitzen, wissen nicht, dass sie den einstigen Arbeitsplatz des vorüberschreitenden, alt gewordenen Mannes einnehmen“, sagt Walter Oehme stadtbekannter Chronist Mittweidas. Er ist es, der die Keramik-Reliefs des Naumburger Künstlerehepaars Marika und Klaus Sängerlaub in der Mensa angebracht hat. Die Verordnung, in größeren öffentlichen Gebäuden ein bis zwei Prozent der Planungskosten für künstlerische Elemente aufzubringen, gibt es schon seit der DDR-Zeit. Um dem gerecht zu werden, wurden die Skulpturen im Schankbereich der Schwemme aufgehängt. Oehme war bereit, die Herausforderung anzunehmen – obwohl sie viele Schwierigkeiten mit sich

brachte. Die Künstler boten ihm ihre Hilfe an, doch er lehnte das Angebot ab. Der kreative Handwerker entwickelte mit großer Freude verschiedene Methoden der Absicherung, um die schweren Keramikstücke sicher an der Wand zu befestigen. Dies war besonders schwer, da die Innenseite der Reliefs hohl ist. Doch vor der Anbringung musste er die einzelnen Teile der Skulpturen aneinanderfügen. Wenn er heute nach fast 30 Jahren seine Arbeit betrachtet, ist er froh, damals den Auftrag angenommen zu haben. Jedoch ist Oehme von den Künstlern nie mit dankenden Worten für seine Arbeit bedacht worden. Das Ehepaar ist wenige Wochen nach Einweihung von Mensa und Bibliothek samt Kind in der Saale verunglückt. Bei den Kunstwerken handelt sich um insgesamt zehn Bilder, darunter „Odysseus und die Sirenen“, „Omphale und Herakles“ sowie die „Amazonen“, bei denen inzwischen ein kompletter Kopf abgebrochen wurde. Auch weitere Beschädigungen, wie abgebrochene Finger oder Hände, sind nicht zu übersehen. Walter Oehme ist über den Vandalismus an der Kunst sehr bestürzt. Während der Betrachter sich fragt, wer zu so etwas fähig sein könnte, bringt es Oehme auf den Punkt: „Rabauken gibt es überall.“ Solche Leute haben seiner Meinung nach nichts anderes

Eric Klapper

Urmittweidaer Walter Oehme erinnert sich

Mit den Keramik-Reliefs sorgt Walter Oehme für einen Hauch Kunst in der Mittweidaer Mensa.

als die Gewalt, um sich auszudrücken. „Menschen mit Geist machen so etwas nicht und außerdem ist diese Nackedei-Sache doch eigentlich was für Studenten“, so Oehme. Er zählt mit seiner Familie zum Urgestein Mittweidas. Zur Stadt selbst hat der willensstarke 87 Jahre alte Mann eine tiefgreifende Verbindung und erinnert sich gern an die vergangenen Zeiten. Einige der damit verbundenen Geschichten hat er über viele Jahre in einigen Schriften festgehalten. Diese sollen als Buch zur Einweihung des Zentrums für Medien und Soziale Arbeit veröffentlicht werden. Hauptberuflich war Oehme 21 Jahre lang als Lehrausbilder tätig. Bei seiner Arbeit

hat er Schülern unter anderem das Maurerhandwerk, verschiedene Holz- und Stahlflechtarbeiten beigebracht. Arbeitsbedingt interessierte er sich neben Architektur auch für die Kunst, so erinnert er sich unter anderem gern an die Arbeiten in der Schwemme der Mensa. Neben seinen beruflichen Erinnerungen schreibt er zum Beispiel auch über die Zeit mit seinem Großvater, der einer der letzten Stubenweber Mittweidas war. „Ich erinnere mich gern daran zurück, wie ich als kleiner dreijähriger Junge mit meinem Großvater an einem Webstuhl saß“, erzählt Oehme. Felix Tisch

„Jeden Tag mittendrin“ Markus Kretzschmar

99drei Radio Mittweida feiert Relaunch

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in neuer Wind weht seit gestern durch Radio Mittweida. „Wir legen viel Wert auf lokale Themen und sprechen unsere Hörer direkt an“, erklärt Programmchefin Sarina Jasch. Daher auch das neue Sender-Motto „Jeden Tag mittendrin“. Noch bevor die Sonne über Mittweida aufgeht, sind die Frühflieger auf Weck-Mission. Für einen gelungen Start in den Tag informieren gut gelaunte Moderatoren über das Neueste aus Mittweida

und dem Rest der Welt. „Gute Laune am Mikrofon ist besonders wichtig“, so Sarina Jasch, „denn es ist wissenschaftlich bewiesen, dass sich das auf sehr viele Zuhörer überträgt“. Dazu gibt es praktische Tipps und den „perfekten Musikmix für die Stadt“. „Sehr viele Hörer verfolgen unser Programm auch am Arbeitsplatz“, weiß Jasch, „darum heißt ‚Der Feierabend‘ jetzt ‚Der 99drei Nachmittag‘, die Hörer werden aber weiterhin von kreativen

Köpfen hinter dem Mikrofon in den Feierabend begleitet.“ Außerdem geht ab sofort auf 99drei jeden Dienstag ab 21 Uhr „Die Blackbox“ auf Sendung. Die Hörer erwartet ein Mix aus R´n´B, Hiphop und Urban Music. Neu im Programm ist der Kulturtipp. Jeden Mittwoch sucht das Radioteam im Kulturprogramm der Region die attraktivsten Angebote heraus. Diesmal wurden die Redakteure sogar im eigenen Haus fündig: Der Tag der offenen Tür und das 99drei Familienfest. Jeder, der wollte, konnte einen Blick ins Sendestudio werfen und den Radiomachern Fragen stellen. „Wir wollten unseren Hörern ein Stück näher kommen und alle besser kennenlernen“, verrät die Programmchefin. Und 99dreiHörerin Mandy Pfleitzschner (16) aus Mittweida freut sich: „Den André Glatzl hab‘ ich mir genau so vorgestellt, das ist mein Lieblingsmoderator“,

und präsentiert stolz ein Autogramm. Die Hörer dürfen sich auch weiterhin aktiv ins Programm einmischen. Die 99drei Charts präsentieren jeden Donnerstag die beliebtesten Hits der Mittweidaer, ermittelt durch ein online-Voting auf www.radio-mittweida.de. Mitmachen ist ganz einfach und jeder kann für seinen aktuellen Lieblingssong stimmen. Wer will, kann auch direkt eine Nachricht an den Moderator schicken – die neue Funktion „Mail ins Studio“ macht‘s möglich. Auf der Website gibt es auch noch einmal kompakt alle Informationen zum Sender, zur Redaktion und zum Programm. Nur einen Klick entfernt ist auch der Live-Stream – für alle die, die das Sendegebiet mal verlassen: Auch am Südpol, in Blagojeweschtschensk und Washington kommt 99drei so aus dem Lautsprecher. Nicole Grimm


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Sport

Die Novum

2. Mai 2013

Auf den Spuren von Jackie Chan Wushu – Chinesische Tradition auf dem Weg zu Olympia? s erinnert ein wenig an Jackie Chan gegen Jet Li: Die Sportler stehen sich gegenüber, führen langsam die rechte Faust in die linke Handfläche und blicken sich dabei fest in die Augen – ein Zeichen von Respekt. Das ist die traditionelle Begrüßungszeremonie im Wushu, einer Sportart, die schon bald Teil des olympischen Programms sein könnte. Ende Mai berät das Internationale Olympische Komitee über die Einführung dieser neuen Sportart ab 2020. Unter dem Oberbegriff Wushu werden alle traditionellen chinesischen Kampfkünste, ähnlich dem Kung Fu, zusammengefasst. Der bisher eher unbekannte Sport mit chinesischen Wurzeln erlangt in Deutschland immer mehr Aufmerksamkeit. Die Mittweidaer Studentin Lydia Nordengrün trainiert seit vergangenem Sommer beim Wushu Riesa e.V. und ist begeistert: „Es ist eine große Herausforderung, meinen Körper und Geist gleichermaßen trainieren zu können. Das finde ich genial“. Werte der chinesischen Philosophie wie Disziplin, Harmonie und Durchhaltevermögen kennzeichnen die Sportart.

dpa: Adi Weda

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Die Sportart Wushu könnte ab 2020 für Höhenflüge bei Olympia sorgen.

Grundsätzlich wird im Wushu zwischen der traditionellen und der modernen Form unterschieden. Letztere rückt die körperliche Ertüchtigung und Ästhetik in den Vordergrund. In Riesa wird traditionelles Wushu unterrichtet. Dabei geht es vor allem um die Ausübung verschiedenster Kampftechniken. Thomas Enskat gründete 1989 den Wushu Riesa e.V. und ist einer von nur zwei Meistern, sogenannten Shifus, in

Deutschland. Er hat die höchste von insgesamt neun Stufen des Wushu erreicht und beherrscht ungefähr 100 Waffen- und Handtechniken. Nun gibt er sein Wissen an seine Schüler weiter. Rund siebzig Sportler trainieren derzeit in Riesa. „Unser Verein ist bunt gemischt. Die Jüngsten sind sechs, die Ältesten um die sechzig Jahre alt“, weiß Lydia Nordengrün. „Es werden verschiedene Kampftechniken vermittelt und es ist möglich, eine

Waffe seiner Wahl zu erlernen“. In Riesa wird auch San Shou angeboten. Dabei ermitteln Wushu-Sportler, die mit Handschuhen, Brust- und Kopfschutz ausgestattet sind, im Zweikampf einen Sieger. „Dabei zuzusehen ist immer atemberaubend“, findet Nordengrün. Bei internationalen Turnieren bewerten Kampfrichter Bewegungsqualität, Vorführungsniveau, Kraft und Rhythmus der Sportler. „In unserem Verein wird in erster Linie ‚Sieben Sterne Gottesanbeterin Kung Fu‘ trainiert. Das sind schnelle explosive Bewegungen, wenige Lauf- und Sprungbewegungen und tiefe stabile Stände“, erklärt die 22-Jährige. Wushu umfasst allerdings auch eine komplette Gesundheitslehre. Durch Atemtechniken und Konzentrationsübungen soll sich die Willensstärke und das Wohlbefinden der Sportler verbessern. Darum ist die Sportart in China fester Bestandteil des Sportunterrichts in Grundund Oberschulen. Im September soll eine endgültige Entscheidung getroffen werden, ob Wushu in das olympische Programm aufgenommen wird. Claudia Metzner Anzeige

n Mai 2013

ne ZUMM Aktio Hausgemachtes Milch-Soft-Eis nach altem Familienrezept

Waffeleis mit Schlagcreme wie zu DDR-Zeiten 6 Sorten italienisches Eis (auch laktosefrei)  viele verschiedene Eisbecher, Eisbomben und Familien-Eis-Packungen  diverse Heiß- und Kaltgetränke  

So, 05.05. Sonntagsbrunch Beginn 10.30 Uhr, Preis 14,80 € Bitte reservieren Sie rechtzeitig.

So, 12.05. Muttertagsbrunch Beginn 10.30 Uhr, Preis 14,80 € Bitte reservieren Sie rechtzeitig.

Mo, 06.05. Vernissage „Auf Augenhöhe“ Perspektiven einheimischer Insekten Fotoausstellung Sven Schlafke Dazu begleitende Musik von Christoph Scheithauer Beginn 18.00 Uhr

Sa, 18.05.

Mi, 08.05.

Mi, 22.05.

ZUMMunplugged Live Musik „Kellergeister“ mit Rock‘n‘Roll, Country, Oldies, Pop und Schlager Beginn 20.00 Uhr

Kommen Sie vorbei und genießen Sie unsere Eiskreationen. Wir bedienen Sie: Mo - Fr 11.00 -18.30 Uhr Sa, So & Feiertag 13.00 -18.30 Uhr

Do, 09.05.

ZUMM 1. HimmelfahrtFrühschoppen und Angrillen Beginn 09.00 Uhr, abends geschlossen

ZUMMpartytime ZUMBA Party „Exotische Rhythmen, Spaß und Bewegung“ mit Nuvia Ollares Beginn 20.00 Uhr

ZUMMunplugged Live Musik mit „KrisSi“ Songs, die unter die Haut gehen, zum Zuhören und Mitsingen. Beginn 20.00 Uhr Mo, 27.05.

ZUMM 2. Kneipenquiz Beginn 20.00 Uhr Bei allen Events ist der Eintritt frei. Öffnungszeiten:

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Fan werden


Kurz vor knapp

2. Mai 2013

Die Novum

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„Ich wollte meine zwei Leidenschaften verbinden“ Der Modedesigner Alexander Heidel im Interview mit Susann Schadebrodt er 26-jährige Student Alexander Heidel gestaltet unter dem Namen „Snapshot“ T-Shirts und Beutel. Im Interview berichtet er von besonderen Augenblicken und wirtschaftlichen Kniffen. Was war der Auslöser dafür, dass du dich entschieden hast Mode zu designen? Ich hatte mir damals von dem Musiker Philipp Poisel das Albumcover „Bis nach Toulouse“ angeschaut – und war total gepackt von dem Bild. Da war eine Autobahn mit dem Toulouse-Schild abgebildet. Mir gefiel das Motiv so gut, dass ich mir dachte: So ein Foto will ich auch schießen. Doch ich wollte nicht nur Fotos für mich machen, sondern auch Leute erreichen. Und wieso über Kleidung und nicht über einen Blog, wie es viele machen? Ich interessiere mich für Mode und für Fotografie und wollte meine zwei Leidenschaften verbinden. Eine Idee zu haben ist immer die eine Sache, doch an der Umsetzung scheitern viele. Wie bist du vorgegangen? Ich habe coole Spots aus Chemnitz und Umgebung ausgesucht, dort Bilder gemacht und sie am Computer überarbeitet. Im Internet habe

Marie-Luis Langfeld

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Der Designer Alexander Heidel bereichert nicht nur Chemnitz mit seinen kreativen T-Shirts.

ich dann kartonweise Basic T-Shirts bestellt und bin mit meinen Motiven zu einem Kumpel gegangen. Er hat bei sich zu Hause einen Plotter stehen und mit dem haben wir die Sachen bedruckt. Der Ablauf ist bis heute eigentlich derselbe. Kannst du dich noch an dein erstes, selbst designtes T-Shirt erinnern? Obwohl ich ja eigentlich Fotos aus Chemnitz nehmen wollte, war mein

erstes T-Shirt ein Motiv aus Leipzig. Ein echtes Moment-Foto: Ein kleiner Junge lief gerade an einem alten Abbruchgebäude lang und den Kontrast habe ich dann festgehalten. Ich wusste sofort, das kommt auf mein erstes T-Shirt rauf. Ein Modeschöpfer braucht Geschäftssinn. Wie hast du dich auf den Markt gebracht? Zuerst habe ich meine Klamotten auf Facebook

Mensaplan Mittwoch, den 1.5.2013

Tag der Arbeit Donnerstag, den 2.5.2013

Hähnchenkeule, Pommes frites, Ketchup, Vier-Jahreszeiten-Salat | mensaVital BohnenZucchini-Chili mit Vollkornreis | Holzfällersteak, Pilze, Zwiebel Ofengrillkartoffeln, Fitnesssalat

Grüße Ich würde gerne meine Eltern grüßen und mich dafür bedanken, was sie in den letzten 20 Jahren bis hin zu meinem Umzug nach MW vor kurzem für mich getan haben! Maximilian Desczyk Ich grüße die zwei neuen Kollegen Prof`s Amrhein und Winkler in der Fakultät Medien und wünsche Spaß und Erfolg bei der Arbeit :) Prof. Tamara Huhle

An meine nach Schokolade duftende Freundin: Vielen Dank für alles… auch für’s versuchte PornoPingPong :* BGJS grüßen ihren König Lustig! Ich grüße die besten Eltern der Welt (nämlich meine). Danke dass ihr immer für mich da seid. Hab euch lieb! Nancy

Hinweis

Freitag, den 3.5.2013

Frikadelle mit Rahmchampignons, Kartoffelpüree, Salatgarnitur | zwei gekochte Eier, Senfsoße, Rotkohlgemüse, Kartoffeln, Obst | mensaVital Seelachs mit Blattspinat, Mozzarella und Mandeln, Vollkornreis Montag, den 4.5.2013

mensaVital Schweinerücken mit Gemüsestreifen, geröstete Spätzle | Bunter Gemüseteller holländische Sauce, Petersilienkartoffeln | Braumeisterschnitzel, Buttererbsen, Pommes frites Dienstag, den 5.5.2013

Sächsische Kartoffelsuppe, ein Paar Wiener Würstchen, eine Scheibe Bäckerbrot | mensaVital Schupfnudel-Pfanne mit Gemüse, Pilzen | Hähnchenpiccata in Käse-Eihülle, Tomatenconfit, Pilawreis, Salatgarnitur Mittwoch, den 6.5.2013

Seefischfilet, gebacken, Pommes frites, Salat | mensaVital Vollkornspagetti mit Bolognese von roten Linsen | Spanferkelrollbraten, Schwarzbiersoße, Romanescogemüse, Klöße

Liebe Grüße an das Brain von Ronis und Mogulis!

Tweet der Woche „Nur weil Du in den Zug kotzt, bist Du noch lange nicht bahnbrechend.“ @lokfuehrer_tim

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Kinoprogramm Folgende Filme werden in der Filmbühne Mittweida, in der Woche vom 2. Mai bis 8. Mai 2013 gezeigt:

The Croods Donnerstag bis Mittwoch 17:00 Uhr Samstag und Sonntag auch 15:00 Uhr

Schlussmacher Donnerstag bis Mittwoch 19:45 Uhr Freitag, Samstag und Mittwoch auch 22:00 Uhr

3096 Tage Donnerstag bis Mittwoch 20:00 Uhr Freitag, Samstag und Mittwoch auch 22:15 Uhr

Rubinrot Donnerstag bis Mittwoch 17:15 Uhr Fünf Freunde 2 Samstag und Sonntag 15:00 Uhr

Filmbühne Mittweida, Theaterstraße 1 Telefon: 0 37 27 / 31 42

präsentiert. Als dann 2011 der Designer Markt im Chemnitzer „Weltecho“ war, hatte ich mir dort einen Stand genommen und ausgestellt. Plötzlich kam jemand auf mich zu und meinte, er würde einen Laden aufmachen und suche noch Leute, die mit ihren Sachen mit einsteigen. Joa, und da habe ich zugesagt. Was war dein größtes Erfolgserlebnis bisher? Als eine Freundin, in deren Laden ich meine Klamotten verkaufe, anrief, weil sie von einem bestimmten Shirt eine Größe L brauchte. Eine Freundin von ihr wolle es ihrem Freund schenken, der in Amerika studiert. Und da wusste ich, meine Sachen gehen jetzt über den großen Teich. Ich war stolz wie Bolle! Hast du Pläne für die Zukunft? Eigentlich habe ich mein Ziel schon erreicht. Ich habe die Möglichkeit meine Klamotten im Laden zu verkaufen und Leute kommen auf mich zu und sagen mir, dass sie cool finden, was ich mache. Mehr will ich eigentlich nicht. Ich habe nicht vor, damit mein Geld zu verdienen, denn wenn man finanziell von etwas abhängig ist, steht dahinter mehr Druck als Spaß.

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Die Novum

Feuilleton

2. Mai 2013

„Sei hübsch ordentlich und fromm“ Struwwelpeters Angstpädagogik – weit entfernt von einer heilen Kinderwelt rgendwo liegt‘s bestimmt noch, tief im Schrank vergraben. Ein Buch, oder sogar ein Stück Kindheit. Auf dem Cover eine gruselige Erscheinung: die Haare stehen wirr in alle Richtungen. Und Fingernägel, fast ein Jahr lang! Ein Vers sagt nun, um wen es hier geht: „Sieh einmal, hier steht er. Pfui, der Struwwelpeter!“ Pfui – da erlaubt sich einer, quer zum bürgerlichen Ideal vom angepassten, reinlichen Knaben zu stehen. Das Werk gehört zu den erfolgreichsten deutschen Kinderbüchern, schon 1876 hatte es seine 100. Auflage. Es wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt, oftmals verfilmt und vertont. Der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann schrieb es 1845 für seinen dreijährigen Sohn. Er fand kein passendes Weihnachtsgeschenk, also zeichnete er kurzerhand selbst ein Bilderbuch. Es entstanden Geschichten, in denen Kindern bitterböses Unheil widerfährt, weil sie nicht artig ihren Eltern gehorchen oder gar ihren eigenen Kopf haben. Wie etwa die kleine Pauline: allein zu Haus, entzündet sie aus kindlichem Leichtsinn ein Streichholz. Doch ehe sie sich versieht, fängt ihr Kleid Feuer. Die schlimme Strafe kommt prompt: „Verbrannt ist alles ganz und gar, das arme Kind mit Haut

Heinrich Hoffmann

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Das umstrittene Kinderbuch Struwwelpeter aus dem Jahre 1876 ist auch heute noch aktuell.

und Haar, ein Häuflein Asche bleibt allein und beide Schuh‘, so hübsch und fein.“ Hoffmanns Werk ist bis heute umstritten. Es bescherte dem einen oder anderen im Kindesalter eher Alpträume als friedliches Einschlummern nach dem abendlichen Vorlesen. „Das Buch verdirbt mit seinen Fratzen das ästhetische Gefühl des Kindes“, meinen Kritiker. Andere halten dagegen:

„Das Kind erfasst und begreift nur, was es sieht.“ Hoffmann bringt die damals aktuellen Erziehungsprobleme auf eine unterhaltsame, literarische Ebene, doch sind die dafür angebotenen Lösungen längst überholt. Nicht alles passt in das Muster der puren Abschreckungsmoral: Die Eltern glänzen in den einzelnen Geschichten oft durch Abwesenheit, auch gibt es eine beklemmende Stimmung bei Tisch.

Die feinen Risse in der Fassade der bürgerlichen Welt scheinen zum Erfolgsgeheimnis zu gehören – zumindest in den Augen der erwachsenen Leser. Die Thematik ist unserer realen Welt dadurch viel näher. Seiner Zeit weit voraus, thematisiert Hoffmann bereits damals das Thema Rassismus. Der dunkelhäutige „Mohr“ wird von drei Knaben aufgrund seiner Hautfarbe verspottet. Zur Strafe taucht sie der „Nikolas“ in schwarze Tinte: „Nun seht einmal, wie schwarz sie sind, viel schwärzer als das Mohrenkind.” In neuerer Zeit wurde der „Struwwelpeter“ auch von der Psychologie entdeckt. Experten finden bei „Zappelphilipp“, „Suppenkasper“ und „Hans-guck-in-die-Luft“ Parallelen zu häufig auftretenden Jugenderkrankungen wie ADHS und Magersucht. An Aktualität hat das Werk also nur geringfügig eingebüßt. Hoffmanns Kinderbuch lebt im Frankfurter Struwwelpeter-Museum weiter. Dessen Leiterin Beate Zekorn von Bebenburg findet auch: „Das Buch wurde so alt, weil es so ist, wie es ist. Denn es berührt Kinder in einer Weise, wie es wenige andere Bücher tun. Es liegt gerade an diesen übertriebenen Darstellungen.“ Natalie Scheffler

Oben ohne Autofahrt Eine Liebeserklärung an das Leben ittag. 120 Mann kleben mit mir im Hörsaal. 120 Mann ziehen das gleiche entnervte, gestresste Gesicht wie ich. Die Gedanken drehen sich um Meetings, Vorträge, Klausuren. Gerade wünsche ich noch, dass es mich hoffentlich nicht aus diesem wilden Karussell schleudert, als mich plötzlich in dieser geistigen Einöde eine Melodie ablenkt. David Bowie und seine „Golden Years“. Ich träume davon, wie ich mit offenen Scheiben über den vor Hitze flirrenden Asphalt rolle und vor dem Wahnsinn fliehe. Meine Freunde fliehen mit mir. Die Mädels lehnen am Fenster, den Wind im Haar, das einnehmende Lachen der Jungs quillt auf die Straße und wir zeigen der stressigen Welt den Finger. Der Verkehr spült uns aus der Stadt und zusammen mit Icona Pop brüllen wir „I Love it“. Die Straße führt über Felder und Wälder in die Berge. Appollo Sunshine weckt mit „Breeze“ das Verlangen, in zarten Kleidern durch tiefe, wilde Wiesen zu streifen. Vereinzelte Kieselsteine drücken sich

© Filmladen Filmverleih

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Alle sieben Sachen packen und einfach mal dem Alltag entfliehen, mit guter Musik auf den Ohren.

gegen nackte Füße. Warmer Regen auf der Haut, Gras zwischen den Zehen. Lachen durchdringt jede Faser im Körper und wir denken uns nur „Come on over“, wie es Psychic City vorsingt. Der Sprung in den Bergsee lässt uns vor Vergnügen kreischen wie eine Horde Affen. Mit „Jungle Drum“ im Ohr werde ich untergetaucht. Am Abend sitzen wir unter den Sternen, denken an Mazzy Stars „Into Dust“ und lauschen dem Flüstern des Lagerfeuers. Ich schau zu den Jungs.

Mit Fever Rays „Coconut“ im Kopf umhüllen uns die Geräusche des Waldes. Die Hitze des Feuers prickelt. Es ist still, bis eines der Mädels uns an einen wilden Abend erinnert, an dem die Welt uns gehörte. Ich denke zurück und muss lachen. Kurz darauf können wir uns nicht mehr halten und kugeln über den Waldboden. Mit The Notwists „One with the Freaks“ weiß ich: Das Leben ist schön! Die Lerchen singen, der Morgen dämmert. Mit den ersten Sonnenstrahlen

im Gesicht blicken wir über den See dem neuen Tag entgegen und denken „Just Breath“, wie auch Telepopmusik. Jemand hustet, ich schrecke hoch. Sonne weg. Wald weg. Ich finde mich auf den harten Stühlen im Hörsaal wieder. Verwirrt blicke ich mich um. Doch meine Freunde links und rechts von mir haben die Augen geschlossen. Ich lächele und folge ihnen mit „Air“ und „All I Need“. Anne C. Brantin


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