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editorial

Liebe zeitgenossen! Schnell, schneller - wird alles nur noch schneller? Können Sie wirklich mehrere Dinge gleichzeitig tun? Wie beeinflussen uns Hektik und Eile? Goethe hatte eine recht vernichtende Meinung zur Beschleunigung. Wir widmen uns in dieser Ausgabe seinen Ansichten, begingen aber auch Selbstversuche im Langsam-Sein, erforschten den „Flow“ und erkundeten die Langeweile, nur um Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu erhalten. Hiermit halte ich inne und wünsche Ihnen schöne Momente mit

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zeitgeschichte das zeitbild

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zeitgeschichte das zeitbild

„Sie (die Fabrikspinner) erfahren an ihrem eigenen Körper die negativen Begleiterscheinungen von Geschwindigkeit: Lärm, Stress Unfallrisiken. Sie tauchen tagtäglich in eine ganz neue Welt ein, in der alles in Bewegung ist – in teilweise rasender Bewegung, mit der das Auge nicht mehr mitkommt, eine Bewegung, die mit ungeheurer Wucht auf alle Sinne einwirkt, die verwirrt und den Pulsschlag erhöht, die Körper und Geist mitreißt und diese vibrieren lässt, die fasziniert und Angst macht, die den ganzen Menschen beherrscht und ihm keinen klaren Gedanken mehr erlaubt, die ihn zur höchsten Konzentration zwingt und dennoch betäubt, die ihn wachrüttelt und gleichzeitig in einen Rauschzustand versetzt.“

Aus Peter Borscheid, Das Tempo-Virus

Charlie Chaplin in „Modern Times“


Titel

INHALT

Zeitgeschichte

der pausenhappen

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Alles veloziferisch Anmerkungen zur Modernität Goethes

Warum langsam schön und schnell geil ist

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Stoibers berühmte zehn Minuten

Zeitläufe 18

Im Rausch der Geschwindigkeit Wissen und Dissen

Zeitreise 22

Cum Tempore oder: eine Lanze für die Langsamkeit Mit der Barkas 1000 (fast) einen Langsamkeitsrekord brechen

Wo die Uhren anders gehen 26

heute: Slowenien

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Zeitverwendung, Zeitverschwendung 32

Auf der Suche nach dem Suchtstoff Das Flow-Gefühl beim Klettern

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Sex alle 8 Minuten Was Multimedia mit unserer Aufmerksamkeit macht

44 Auf der Suche nach der verlorenen Zeit Zwei Frauen dokumentieren einen Tag in ihrem Leben alle zehn Minuten

50 Kurz und Knapp


INHALT

Der Mensch und die Zeit

Zeit in Zahlen

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Was langweilt dich? Bilderstrecke der Dehnung

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Zeit der Zeitlosen Was auf einer Demenzstation mit der Zeit passiert

Zeit-Fakten, die verblüffen

DER ZEITFRESSER 82

Das Rezept, das Zeit braucht diesmal: Die Pekingente

Früher war alles besser 72 Ansichtssache

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Buchtipps

88

Veranstaltungen

74 Archäologie der Neuzeit Der Speiseeis­bereiter BE2

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Wie gut war sie, die alte Zeit? Interview mit einer 70jährigen Rentnerin über das Für und Wider von damals – und heute

Ausblick 90 Thema der nächsten Ausgabe

92 Impressum und Quellennachweis

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zeitläufe

Im Geschwindigkeitsrausch Ein grober Umriss der Beschleunigung Wenn man nach Konstanten in der europäischen Geschichte seit dem Spätmittelalter sucht, stößt man auf das Phänomen der Beschleunigung. Das Tempo variierte freilich geografisch, epochal und sektoral. In der Zeit vom Spätmittelalter bis zur Französischen Revolution (1450 bis 1789) gab es Beschleunigungen nur in wenigen Bereichen. Die Gesellschaften insgesamt wie die Individuen gestalteten Leben und Arbeit „mit der Natur“ und „nach der Natur“. Langsamkeit und Beständigkeit wurden hoch geschätzt, während Veränderung und Beweglichkeit eher als suspekt galten. Das trifft insbesondere für die ländlichen Gebiete zu, das heißt für die überwiegende Mehrheit der Menschen. Aber auch im überregionalen Verkehr gab es zwischen Spätantike, Spätmittelalter und 18. Jahrhundert keine nennenswerte Beschleunigung. Für die Strecke von Rom nach Paris benötigte man im Zeitraum dieser 1500 Jahre immer etwa 26 Tage. Mit der Industriellen Revolution wurden periodische Quantensprünge in der Beschleunigung üblich, wie Borscheid in seinem Buch „Das Tempo-Virus“ anhand der Geschichte der Dampfmaschinen, der Eisenbahn, der Dampfschiffe und der Nachrichtenübermittlung detailliert belegt. Insbesondere die Eisenbahn gab „der Zeit ein neues Tempo“ vor, wie Heinrich Heine bemerkte. Die Dampfkraft als „Alleskönner“ löste nicht nur Begeisterung

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aus. Goethe befürchtete, mit der Eisenbahn würden „junge Leute viel zu früh aufgeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen“, und obendrein entziehe die rasende Bahn dem Reisenden den „Duft der Pflaume“. Parallel zur Beschleunigungsrhetorik entwickelte sich eine Form der Zivilisations- und Kulturkritik, die auf die schädlichen Folgen des Tempowahns für Mensch, Natur und Gesellschaft hinwies. Nüchtern registrierte dagegen Marx, alles Streben der Menschen und alle Ökonomie löse sich in der „Ökonomie der Zeit“ auf – Lebens- wie Arbeitszeit würden zu bloßen Geldfragen. Als Taktschläger bei der Beschleunigung fungierten quer durch die Geschichte die Militärs. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich der Geschwindigkeitsrausch im Zuge der Automobilisierung geradezu treibhausmäßig. Die ersten Nutznießer des Autos stammten aus dem Blut- und Geldadel – Wilhelm II. wurde schon 1905 zum Schutzpatron des Deutschen Automobil-Clubs. Sie betrieben das Fahren als Selbstzweck und genossen das Tempo als Faszinosum. Ernst Jünger beobachtete bei Motorrennen unter den Zuschauern eine Form von „Frömmigkeit“. Borscheid vermutet, „daß der einmal gezündete Beschleunigungsmechanismus“ nur durch eine Katastrophe zu stoppen sei. Die Entwicklung von Computern, Bio- und Nanotechnologie seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts spricht jedenfalls nicht gegen diese Vermutung.


zeitläufe

KeineZeitzuverlieren! Sind wir nicht alle Panikpräsidenten? Sind auch Sie ständig in Eile? Sie würden nicht soweit gehen, zu sagen,  Zeit ist Geld, denn dann wäre ja ihr ganzes Leben eine recht betriebswirtschaftliche Angelegenheit, und das würde nicht nur Ihrem  Ansehen bei Anderen, sogar bei Ihnen selbst schaden. Aber wenn  man es genau betrachtet, tun Sie  das: Sie behandeln Zeit wie ein Gut,  an dem man sparen kann, das man verschwenden, investieren  kann. Kurz, als Deja Vu, erscheinen Ihnen die grauen Männer aus  Momo, die den Menschen ihre Zeit abschwatzen und sie zum Anlegen derselben auf Konten der Zeitsparkasse überreden. Aber nein!  So etwas machen Sie doch nicht! Oder etwa doch? Sie machen  Überstunden, um einen Freizeitausgleich zu haben, Sie horten Zeit  in der Zukunft. Um Zeit zu sparen, lassen Sie die Mittagspause ausfallen oder trennen sich von ein paar Freunden oder Hobbys, oder    Sie reisen mit dem Flugzeug statt mit dem Auto oder gar  zu Fuß.  Wenn nach fünf Minuten keine Antwort auf die  SMS  kommt,  werden Sie nervös.  Knie, Fuß, Fahrrad, Auto, Flugzeug, Licht. Sie hupen, wenn ein vor Ihnen fahrendes Auto nicht zwei Sekunden  nach dem Umschalten der Ampel auf grün losfährt.Die Ampel stellt  um auf grün, und wenn das Auto vor Ihnen nicht innerhalb der  nächsten halben Sekunde Gas gibt, kriegen Sie Zustände.  Schläft der?!  Dann würgen Sie den Motor ab, erröten heimlich und, zack!  Spieß umgedreht, vier Strafsekunden.

Sie stehen in der Schlange der Supermarktkasse, vor Ihnen zahlt jemand mit zwei Artikeln für 2,59 € auf dem Band mit der EC-Karte, die erst beim dritten Mal gelesen werden kann. Kann der keine  drei Euro in der Tasche haben? Sie seufzen vernehmlich. Er unterschreibt die Rechnung in Zeitlupe.Machen Sie eine neue Kasse auf!  Die Zeit drängt! Ungeduld macht sich breit, Aggression kocht in Ihnen hoch, Sie sind  gereizt, die Stimmung fällt auf ein Rekord-Tief. Ist der Einkauf  endlich bezahlt, treten Sie entnervt auf die Straße. Dort werden Sie   von einem vorbeirasenden Fahrradfahrer gestriffen,aber Sie wissen  sich zu wehren.

„Blödes Arschloch, das ist ein GEH-Weg, hallo?!“, brüllen Sie. Der Kerl, der unbedingt mit EC-Karte zahlen musste, tritt neben Ihnen hervor und hebt Ihnen die Einkaufstüte auf. Er lächelt Sie an und jetzt wissen Sie wirklich nicht mehr weiter. Sie erröten, haben Ihre Fassung, nein mehr, Ihre Rolle verloren. Der Kriegstreiber wird vom Zivilisten beherbergt sozusagen, und sein ganzes kriegerisches Vorhaben erscheint ihm nun vergebens, wirklich peinlich, für einen Moment steht die Welt still.

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Zeitreise

Eine Lanze f端r d

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Zeitreise

die Langsamkeit

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Zeitreise

Schnell ist eine Mitfahrgelegenheit ja ohnehin nicht. Die 630 Kilometer von München in meine Heimatstadt Essen kann man zeitsparend mit einem Flugzeug in etwa einer Stunde (reine Flugzeit plus dreieinhalb Stunden An- und Abreise zum bzw. vom Flughafen zum Ziel), dem Zug mit fünfeinhalb Stunden oder mit einem handelsüblichen gängigen Personenkraftwagen in sechs bis sieben Stunden überbrücken.

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Zeitreise

Zweimal mussten wir tanken. Und nicht nur das: Zu jeder Tankfüllung mit Normalbenzin braucht die Barkas noch Öl im Verhältnis 1:50 als „Energizer“ dazu

Aus finanziellen Gründen entscheide ich mich meistens für die letzte der drei Möglichkeiten. Vielleicht aber auch ein bisschen wegen des Erlebnisses: Immerhin lernt man bei einer Mitfahrgelgenheit meistens recht interessante Menschen kennen, erlebt sozusagen etwas; und auch wenn man sich am Telefon zuvor schon einen ersten Eindruck des Fahrers verschaffen kann, weiß man nie, wie es wirklich wird: Der Überraschungsbonus. Man kann sich aber auch gezielt dem Schnelligkeitsvirus in den Weg stellen. Deswegen setzte ich mich neulich mit in eine Barkas B 1000, ein Zweitakter „Kastenmehrzweckfahrzeug“ der ehemaligen DDR mit 46 PS und einer Maximalgeschwindigkeit von 100 km/h - um zu schauen, was denn ein solches Reisen mit mir mache.

Ostalgie und Tarditas Mit Spät fing es an: Ich kam zum vereinbarten Zeitpunkt eine viertel Stunde zu spät, die dritte Mitfahrerin kam erst gar nicht, weil sie verschlafen hatte – was sie wiederum in einem viertelstündigen Hinhalte-Gespräch mit dem Fahrer zu vertuschen suchte. Der Großteil der Gespräche während der Fahrt drehten sich dann auch um das „niedliche“ Fahrzeug, die ungeheuren Möglichkeiten der Veränderbarkeit – Stichwort Mehrzweck – der Inneneinrichtung, intelligente Benzinpumpen – Zylinder – Symbiosen. Alle drei fieberten wir mit, wenn wir dem vorausfahrenden Windschatten-LKW bei einem Überholmanöver auf den Fersen zu bleiben trachteten. Ich hatte auch den Eindruck, dass wir uns alle freuten, dass der Kleine so artig alle Unwetter mitmachte und dass wir überhaupt in der grauen, grauen Autowelt eine ganz lebendige, farbige Ausnahme boten. Und es gab einiges zu bestaunen in der Barkas. Die Lüftungs-

schlitze hinten am Wagen, der kleine DDR-Flicken in der Mitte des Armaturenbretts, die Hupe für den Beifahrer. Kein englisches Wort war zu lesen, und die Betriebsanleitung wies hin auf den enormen Wert dieses zur Vielseitigkeit und Langlebigkeit konstruierten Gefährts und rief zur Dankbarkeit dem Volk gegenüber auf. Auf dem Motor, der sich zwischen Fahrersitz und Beifahrersitz befindet, kann man angeblich Spiegeleier braten - kurz: Ein rundum praktisches Fahrzeug. Seine Konstrukteure scheinen vor allem den Menschen als Urheber und autark Schaffenden gesehen zu haben, und das wirkt auf mich doch wie ein sozialistischer Zug. Sämtliche Reparaturen können bei der Barkas eigentlich selbständig durchgeführt werden - „West“-Autos und auch andere Produkte sind dagegen aus wirtschaftlichen Gründen ganz anders konzipiert. Zu langlebige Produkte von zu hoher Qualität werden schnell vom Markt genommen, sobald das Ausmaß des finanziellen „Verlusts“ sichtbar wird. Ein lukratives Telefon ist nach 2 Jahren extrem reparaturanfällig und dank dem rasenden Fortschritt der Software-Entwicklung auch nicht mehr schnell genug, um sämtliche Funktionen des drahtlosen Datenverkehrs schnell wie die Konkurrenz anzubieten. Auch sehen in einem kapitalistischen System tüftelnde Produktentwickler und Marketing-Strategen den Verbraucher weniger als autarkes, selbständiges Wesen, sondern mehr als Konsumenten mit Bedürfnissen, die wiederum durch die Werbung geformt sind. So finden ganz elementare Bedürfnisse längst nicht mehr Einzug in die Gleichung, denn die sind ja standardmäßig gestillt. Eleganz und Macht drückt das Design der Prestige-Autos aus. Die Technik ist versteckt. Die Barkas erzeugt Sympathie, weil sie nichts darstellen will, was sie nicht ist. Sie verspricht praktisch zu sein. Und genau das ist sie auch.

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Zeitreise

Alle überholen uns! Egal, ich kann gut und gänzlich ausgestreckt auf der Rückbank schlafen.

zwischen Kapitalismus und Sozialismus Letzten Endes ließen mich die neun Stunden und 15 Minuten viel über Produkte von heute und gestern, zwischen Kapitalismus und Sozialismus nachdenken. Die 100 km/h, die wir auch nicht all zu oft erreichten, fühlten sich so langsam gar nicht an, und gemessen an der Maximalgeschwindigkeit eines Menschen ist sie das ja auch nicht. Stuttgart 21 mit seiner Minutenersparnis als milliardenschwer wichtiges Ziel ging mir durch den Kopf, Stoibers Rede für den Transrapid („jede der 10 Minuten!“), vor allem aber erschien mir die Entfremdung zwischen heutigen Autos und der ihnen innewohnenden Technik extrem; Menschen fahren ja nicht mit 200 Sachen über die Autobahn, weil es ihnen viel Mühe und Stress bereitet, sondern weil es ein (wohlkonstruierter) Flow ist, der sich aus dem Zusammenspiel zwischen Mensch und einem PS- und Hubraum-starken Fahrzeug ergibt und jegliche Bodenhaftung aufhebt. Während es früher bei hohen Geschwindigkeiten extrem laut und ruckelig und damit stressig wurde, fühlt sich heute alles leicht an und im Idealfall fährt man wie auf Schienen. Die Kontrolle über das Fahrzeug ist jedoch imaginär, denn sie existiert nur, solange kein unvorherge16

sehener Hirsch urplötzlich den Weg kreuzt. Der Fortschrittsskeptizismus, der mir durch den Kopf geht, ist nichts Neues in der Welt: Schon Goethe warnte vor dem Geschwindigkeitsrausch, dem „Veloziferischen („Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus“) und der Vagabund in „Aus dem Leben eines Taugenichts“ von Eichendorff fühlte sich erschreckt von zu seiner Zeit 8 km/h schnellen Postkutschen. Auch heute erheben viele ihre Stimme für Entschleunigung als Gegenbewegung, Slow Food, das Zurück-Zur-Natur-Prinzip. Die Gegenbewegung ist allerdings im Gesamtkontext bereits konsumerisch absorbiert; sich in Lichtgeschwindigkeit in digitalen Welten und danach langsam beim Yoga bewegen sind heute Teil ein und desselben Lifestyles. Das Autofahren heute erscheint mir als ein Sinnbild für unsere kapitalistisch-verquere Produktwelt. Man steuert eine Maschine, die in ihrer Macht qua Motorenleistung seit langem in keinem Verhältnis mehr zur menschlichen Kraft steht und in ihrer Zusammensetzung das Technikverständnis eines Otto-Normalbürgers weit übersteigt. Das verhält sich ähnlich wie bei den meisten Lebensmitteln, die, ansehnlich verpackt, eine Unzahl an chemischen Ingredienzen wie Konservierungsstoffen, Bindemit-


Zeitreise

teln und dergleichen mehr enthalten. Es lässt nicht nur Kinder staunen, wie so manches Gericht auch ohne unzählige Pulver aus ganz primitiven Früchten der Erde hergestellt werden kann. Sie wundern sich bisweilen, wenn man ihnen zeigt, dass Spinat nicht in Quaderform in Pappschachteln hineinwächst.

nimmt man uns die elektrische versorgung, stehen wir alle da wie blind Was unsere industrialisierte Welt heute ausmacht ist ein Paradoxon. Denn wir leben in Deutschland in einer gefühlt unglaublich stabilen und sicheren Welt; die Regale im Supermarkt sind immer ausreichend gefüllt, Internet kann jeder haben, Strom, Wärme und sauberes Wasser sind selbstverständliche Standards, Mobilität ist ein einforderbares Grundrecht und man kann mit 1000 Kilometern pro Stunde um die Welt fliegen. Gleichwohl ist das globalisierte System, was hinter der Versorgungsmaschinerie steckt, ein höchst fragiles. Der Super-GAU in Fukushima zeigt, wie eine einzige große Welle die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzen kann. Auch in Deutschland wurde nun bei

Sicherheitstests der Atomkraftwerke festgestellt, dass ein einziges Verkehrsflugzeug – seit dem 11. September ein durchaus vorstellbares Szenario – beim Kollidieren mit dem Kraftwerk das Schlimmste bewirken kann. Nimmt man uns das Erdöl, stehen fast alle Autos, LKW‘s, Schiffe still, und Versorgung ist dann lange kein Standard mehr. Nähme man uns die elektrische Versorgung, stünden wir alle da wie blind: Kein Licht, keine Computer, keine computergesteuerten Abläufe, keine Produktion, Stillstand, Katastrophe. Manch einem, der sich an elektronische Einparkhilfen oder auch vollautomatische Eierkocher gewöhnt hat, schlägt im Falle eines Stromausfalls die Stunde Null und er weiß sich nicht mehr zu helfen. Unsere Werkzeuge, die uns das Leben möglich machen, sind in sich so komplex geworden, dass man Designer braucht, die dem Menschen helfen, das Werkzeug überhaupt als solches wahrzunehmen. Wir entwickeln uns zu Spezialisten im Benutzen von User-Interfaces und zu Junkies der Geschwindigkeit, während wir der Wartung der Produkte selbst immer mehr Aufmerksamkeit und damit Zeit widmen. Sukzessive entwickeln wir uns zu Sklaven des Fortschritts.

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Wo die uhren anders gehen

Hauptstadt: Ljubljana (Laibach) Bevölkerung: gut 2 Millionen Fläche: 20.256 km2 Sprachen: Slowenisch regional: Italienisch, Ungarisch Unabhängigkeit von Jugoslawien: 25. Juni 1991

Slowenien. zu den unterschieden in der handhabung der zeit befragte ich anna*, 27-jährige slowenin. sie ist landschaftsarchitektin und lebt seit drei Jahren in deutschland.

Gibt es ein Zeitphänomen in Slowenien, das es hier nicht gibt? Ja. Ich denke, was wirklich anders ist: Wenn du sagst, wir machen morgen was oder wir treffen uns morgen, hat das bei uns noch keine Bedeutung. Es drückt nur aus: Wir werden irgendwann mal was machen und es kann sein, dass das morgen ist, aber dann müssen wir noch mal reden. Oder wenn du dich mit jemandem verabredest, vereinbarst, dich in einer Stunde zum Kaffee zu treffen - dann brauchst du erst in zwei Stunden da zu sein. Und keiner kommt zu früh? Keiner kommt zu früh, das passiert nie. Die Leute sind einfach nicht so pünktlich. Zeit ist nicht so sehr definiert. Und wenn man sagt: „Wir gehen in einer halben Stunde joggen!“ - dann bedeutet das für mich etwas zwischen einer halben Stunde und zwei Stunden. (lacht) Das habe ich erst in Deutschland gelernt, dass eine halbe Stunde heißt: Man guckt hier auf die Uhr, man merkt sich, wo der Zeiger ist, und man weiss dann: In einer halben Stunde. Aber in Slowenien ist das nicht so. Und wie ist es, wenn du doch zu früh da bist und warten musst? Dann sitzt du dann halt da und redest mit jemand Anderem. Wir sagen auch ganz oft so etwas wie „wir gehen für eine Stunde was essen “, das ist dann wirklich niemals nur eine Stunde. Die Menschen vergessen die Zeit, wenn sie zusammen sind. Du kannst nicht in Slowenien mit jemandem für eine Stunde

* Name von der Redaktion geändert

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wo die uhren anders gehen

einen Kaffee trinken gehen. Nur, wenn es wirklich dringend ist, aber das gibt es eigentlich nicht. Auch, wenn du Mittagspause hast, schaust du nicht auf die Uhr. Jetzt kommt das langsam, weil man bei uns nun anfängt zu prüfen und es gibt Karten zur Zeitkontrolle. Es ist eigentlich sehr spontan bei uns. Das heißt, dass die Grenzen nicht so klar sind.

deshalb ist es einfacher. Wenn du wartest, kannst du einfach mit jemandem reden. In einem Café in Slowenien kannst du mit jemandem reden, den du nicht kennst.

War es für dich eine große Umstellung, mit dem deutschen System zurechtzukommen?

Ja, es hat schon einen großen Einfluss. Es ist in mancherlei Hinsicht gut. Aber zum Beispiel im Büro merke ich, dass die Leute, wenn sie schnell reagieren müssen, weil die Zeit drängt, es nicht können. Weil sie erst das Wie und Wann organisieren müssen und eine Besprechung anberaumen - damit verliert man auch sehr viel Zeit, wenn man nicht spontan eine Entscheidung fällen kann. Wenn wir bei uns eine solche Situation haben, ergreift eine Person die Initiative. Dann verlieren wir nicht zwei Wochen, weil wir besprechen müssen, wie es jetzt dazu gekommen ist und wie wir das lösen können. Das hat aber auch Nachteile, weil dann eben nur eine Person entscheidet. Wir regeln die Sachen schneller. Ja, das hat etwas mit Spontaneität zu tun. Es gibt aber auch eine gewisse Sicherheit, wenn du die Zeit gut aufgeteilt hast, wenn du einen Rhythmus hast, wenn du eine Struktur hast - dann kannst du mehr Sachen an einem Tag schaffen. Das habe ich hier gelernt.

(lacht) Ja. Wenn ich jetzt nach Hause komme, sagen alle, dass ich so präzise bin - das bin ich überhaupt nicht, aber das Leben dort ist irgendwie viel langsamer. Und deswegen muss die Zeit auch nicht so gut aufgeteilt und organisiert sein. Ich habe damit immer noch Schwierigkeiten. Hier denke ich mir oft: Ich kann dies und das und jenes machen - aber wenn die Leute mich fragen, wann, dann kann ich es nicht so gut einteilen. In Slowenien heißt das: Wir machen das in irgendeinem Moment, und es ist jetzt nicht so wichtig, ob es heute zwischen 5 und 6 passiert. Und dann fragt der Andere: Hast du schon was um 5 vor? Dann kann es vorkommen, dass ich beschäftigt bin. Und für mich ist es auch schwierig zu sagen, dass ich beschäftigt bin, weil unser Konzept davon auch ein anderes ist. Ich kann dann sagen, nein, wir können das heute schon noch machen, aber dann erwartet auch die andere Person nicht, dass ich pünktlich komme. Sie wartet dann eben. Ich glaube, die Leute sind flexibler. Es ist bei uns nicht so, dass du auf eine Sache fixiert bist. Wenn du auf jemanden warten musst, machst du einfach etwas anderes. Aber wir haben auch keine Großstädte,

Was macht unser System hier, das sich so stark an der Uhrzeit und dem Zeiger orientiert, mit dir? Fühlt sich das Leben anders an?

Das Interview führte Eva Behle

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der pausenhappen

Warum langsam schön Eine Überlegung

Geil - dieses Wort, nehmen wir es mal von seiner gefühlten Bedeutung her und lassen wir die Herkunft außer acht. Auch ohne zu wissen, dass es sich hier um „sexuell stimulierend“ handelt - ich zumindest wusste das als Kind nicht - kann man spüren, dass es einen obszönen Beiklang hat. Dieses Wort ist nicht wirklich salonfähig, es ist eher das, was wir unter dem „Was-AlleDenken-Und-Sich-Aber-Keiner-Zu-Sagen-Traut“ verbuchen würden. Es ist eine heimliche, vulgäre Lust am Tierischen, am Überhöhten, am Schrägen, Energiegeladenen. Es stellt sich sowieso die Frage, ob Sexualität irgendeine Entsprechung in der Geisteswelt finden kann, ob Lüsternheit nicht nur im unmittelbaren Zusammenhang mit lebensgrundsätzlichen Tätigkeiten stattfindet. Nun denn, es soll hier eher um den Zusammenhang „geil-schnell“ und „schön-langsam“ gehen, also zurück dorthin: Geil als Adjektiv drückt meist eine eher sinnliche Begeisterung und materielle Freude aus und wirkt in nicht sinnlichen Zusammenhängen (Geist ist geil) eher etwas merkwürdig und deplatziert. Dem 20


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und schnell geil ist Wort „geil“ haftet seit seiner Verwendung im sexuellen Kontext zusätzlich noch ein allerdings inzwischen nur noch sehr leicht - anrüchiges sowie provokantes Image an. Und das passt außerordentlich gut zu Schnelligkeit, die die Sinne berauscht, den Geist aber benebelt; die viele Prozesse gefährlich macht und doch wirtschaftlich ist - die dem Endverbraucher hilft, Konsumgüter erwerben zu können (Schnelligkeit in der Produktion drückt den Preis), die wiederum schneller kaputt gehen, als wenn sie langsam und gründlich produziert worden wären.

Unser Sinn für Schönheit unterliegt einer gewissen Zeitlichkeit, etwas muss gewogen sein, um als schön zu gelten Langsamkeit und das Adjektiv geil wollen nicht recht zusammen passen. Man kann zwar auch zu langsamer Musik sagen, dass sie „geil“ ist, dies bezieht sich aber auf einen etwas erweiterten Geil-Begriff. Etwas Langsames ist deshalb eher schön als geil,

weil unser Sinn für Schönheit einer gewissen Zeitlichkeit unterliegt, weil etwas gewogen sein muss, bevor es als „schön“ für uns feststeht. Schön ist ein vollkommenerer Begriff als geil, schön kann sich eben auch auf etwas Geistiges beziehen, auf etwas die Seele Bewegendes. Aber auch die Langsamkeit kann man negativ konnotieren. Behäbigkeit, Trägheit, Faulheit wird man dem Langsamen unterstellen, auch Alter und damit Untauglichkeit. Computer, die mehr als vier Jahre alt sind, gelten spätestens dann als alt, jemand, der langsam Auto fährt, wird aus der Sicherheit der eigenen Fahrgastzelle heraus mit „Mach hin, Opa“ angeschnauzt. Langsam kann auch langweilig bedeuten. Interessant ist ja im Grunde, dass sowohl schnell als auch langsam sehr relative Adjektive sind, die extrem vom „Standpunkt“ des Betrachters abhängen. Für die Fliege vergeht die Zeit wesentlich langsamer, das macht sie so reaktionsschnell. Für sie sind wir alle sehr langsam in unseren Bewegungen und man muss der gemeinen Stubenfliege schon mit Heimtücke begegnen, wenn man sie erfolgreich erschlagen will.

Obwohl also beide Begriffe positive und negative Konnotationen haben, ist doch der aktive UND aggressivere Part die Schnelligkeit. Vielleicht heißt es auch deshalb in der Bibel „Meine geliebten Brüder, jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn“, womit angedeutet wird, dass schnelle Auffassungsgabe (also eine passive Anwendung) gut und wichtig ist, wohingegen das Aktive, das Gesagte, und das Gewalttätige (Erzürnte) aber mit Bedacht / langsam vollzogen werden sollte. Und das leuchtet ein, oder?

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Der gekr체mmte R

aum

Schaubild: Erkl채rungsversuch zur Rede

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auch klar, dass t is in e st in E it e S . ndliche Weiten e n u – rümmen k m u a zu R m d u n a u R r e Zeit d it e Geschwindigk n e h o h r h se r e e Stoibers für in d e e R n te sich ab m h rü e b r ayrische! In de B r e d h c eise, die auch u w A e t. B n h c in li g d n be e ir w ghafen finden lu F m zu id p a sr n ra den T hten. dem Laien einleuc

Wenn Sie am Hauptbahnhof in München mit zehn Minuten - ohne dass Sie am

Flughafen noch einchecken müssen dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen am Hauptbahnhof in München starten Sie Ihren Flug. ZEHN MINUTEN - schauen Sie sich mal die großen Flughäfen an. Wenn Sie in Heathrow in London oder sonstwo, meinetwegen Charles de Gaulle in Frankreich oder in in in Rom, wenn Sie sich die Entfernungen mal ansehen. Wenn Sie Frankfurt sich ansehen, dann werden Sie feststellen, dass zehn Minuten Sie jederzeit locker

in Frankfurt brauchen um Ihr Gate zu finden. Wenn Sie vom Hauptbahnhof starten, Sie steigen in den Hauptbahnhof ein. Sie fahren mit dem Transrapid in 10 Minuten an den Flughafen in Franz Joseph Strauss. Dann starten Sie praktisch hier am Hauptbahnhof in München, das bedeutet natürlich, dass der Hauptbahnhof im Grunde genommen näher an Bayern, an die bayerischen Städte heranwächst. Weil das ja klar ist, weil auf dem Hauptbahnhof viele Linien aus Bayern zusammenlaufen.

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Wo die Aufmerksamkeit hingeht

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Jenseits von Angst und Langeweile: Der "flow" beim

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Klettern hat sich zur Trendsportart entwickelt. Was heute längst gängig ist wie Yoga, war 1975 noch ein Sport für Querköpfe, der von der Gesellschaft nicht wahrgenommen oder als schwachsinnig abgetan wurde. „Vom Standpunkt des ‚normalen‘, utilitaristisch eingestellten Außenstehenden gesehen, stellt das Klettern in der Tat eine irrationale Aktivität dar, welche auf eine subtile Form geistiger Störung hinzuweisen scheint“, schreibt Csíkszentmihályi, amerikanischer Psychologe, im Jahr 1975. Schon 1954 notierte Thomas Murray vertraulich in sein „Handbook for Travellers in Switzerland“, dass Bergsteiger an einem „kranken Geist“ leiden. Was mich aber mehr als der Nutzen interessiert, ist zunächst warum Menschen eigentlich klettern. Immerhin gibt es genügend Gegenargumente. Es ist kein ungefährlicher Sport, er ist zugegeben nutzlos, „belohnungslos“ und gerade in Kletterhallen befindet man sich in künstlichen Welten, mit Plastikgriffen, Pseudo-Fels und Spanplatten. Das Naturerlebnis kann es also dort zumindest nicht sein.

Man arbeitet respektive spielt, tanzt, klettert scheinbar mühelos Zweitens interessiert mich, warum Menschen süchtig werden nach Klettern. Was ist es, das Kinder wie Erwachsene mehrmals in der Woche diese extrem unbequemen Schuhe anziehen lässt? Ich vermute hier einen Zusammenhang mit dem Flow-Erlebnis, über das Mihaly Csíkszentmihályi 1975 sein berühmtes Buch geschrieben hat. Das Flow Erlebnis definiert sich durch ein freudvolles Aufgehen im Tun, einem "Fluss". Man arbeitet respektive spielt, tanzt, klettert scheinbar mühelos, unmittelbar und ohne sich selbst zu reflektieren, hochkonzentriert und doch spielerisch leicht. Das Zeitempfinden verändert sich, die Zeit läuft für den im Flow befindlichen schneller ab. Das Flow-Erlebnis kann nur dann entstehen, wenn der Mensch in seinem Bereich (Arbeit, Spiel, Sport) ein gewisses Niveau an Fähigkeiten erreicht hat. Die Aufgabe darf nicht zu schwierig und nicht zu leicht sein. Csíkszentmihályi hat das Klettern als eines von mehreren Bespielen für eine intrinsische Aktivität, sozusagen eine belohnungslose Aktivität, untersucht im Hinblick auf das Flow-Modell, das er in seinem Buch "Das flow-Erlebnis" beschreibt. 27


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Dominik ist 30 Jahre alt, Ingenieur, vor allem aber Kletter-Freak. und erzählt mir, warum

ominik, heute ist Sonntag. Was hast du heute noch vor? Ich gehe arbeiten. (lacht) Aber klettern tust du auch ab und zu? Ab und zu, ja. Du untertreibst. Normalerweise zwei, drei Mal unter der Woche in Kletterhallen und wenn alles gut geht und das Wetter stimmt, zwei Mal am Wochenende am echten Felsen. Das ist schon ziemlich oft - würdest du sagen, du bist klettersüchtig? Ja, auf jeden Fall. Mir geht‘s schlecht, wenn ich nicht klettere. Machst du dir keine Sorgen darum? Die einzige Sorge ist vielleicht, dass ich mich verletze und nicht mehr klettern kann. Ansonsten nicht. Was passiert denn mit dir, wenn du eine Woche nicht kletterst? Ich muss einfach ständig daran denken, wann es das nächste

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Mal endlich losgeht und ich werde ungeduldig, oft auch latent zwider. Zwider? Ich komme nicht aus Bayern - was heißt das? So ein bisschen grantig, angepisst. Ich muss was machen. Ich brauche einfach diese Form der Bewegung. Deine Freundin klettert auch. Hast du sie da mit „reingezogen“? Nein, sie hat vorher schon den Sport ausgeübt. Aber jetzt sind wir eigentlich meistens zusammen unterwegs. Fast immer. Was macht dir soviel Spaß am Klettern, was reizt dich daran? Dass man alles andere, was einen gerade bewegt, vergessen kann. Und du musst es auch vergessen, sonst klappt‘s nicht. Du bist völlig konzentriert, kriegst nichts mehr mit und plötzlich ist man oben. Man löst ja Aufgaben, also Probleme, und das Wahnsinnige ist: Die sind oft am Anfang schier unlösbar, du schaffst keine einzige Bewegung, und wenn man dann die Route wirklich schafft, dann ist sie meistens plötzlich ganz einfach. Man strengt sich natürlich schon total an, aber man empfindet es nicht mehr so. Man macht einfach nur noch, man spult so ein gelerntes Programm ab - es ist schwer zu beschreiben, plötzlich ist man oben und man denkt sich: Was ist eigentlich das Problem? Es läuft einfach.

Hast du schon mal was von dem Flow-Phänomen gehört? (lacht) Ja, man hört das oft. Es wird häufig im Zusammenhang mit Klettern benutzt, habe ich so den Eindruck. Ich sage glaube ich nie „heute hatte ich den Flow“ oder so, aber man sagt „heute läuft‘s einfach“, „es läuft rein“, es ist zum Beispiel auch so: Wenn man eine Route noch nicht kennt und das erste Mal macht und auf Anhieb schafft, dann sagt man auch „die läuft mir gut rein, die Route“, das läuft einfach. Man hat dieses Problem vor sich, und kann es einfach lösen. Man weiß im Vorhinein schon - man schaut sich die Griffabfolgen an - so wird‘s gemacht und dann macht man einfach. Wann war das letzte Mal, dass es so gut gelaufen ist? Hast du das jedes Mal? Nein, man hat es nicht jedes Mal, aber...wo es richtig gut gelaufen ist, das ist eigentlich schon länger her - das war letztes Jahr im Sommer. Da haben wir eine lange alpine Kletterei gemacht von 600 Metern und das war mit einem guten Partner - einem guten Freund - zusammen. Wir sind sehr eingespielt. Dann läuft es einfach dahin. Man steht morgens auf, es ist noch dunkel, geht dann hoch zum Einstieg, bereitet alles vor und klettert auf den ersten Seillängen noch so ein bisschen wackelig. Man hat ja immer so eine innere Anspannung: Was wird kommen, schafft man das, passt alles, passt das Wetter, passt die Kondition, genug Essen, genug zum Trinken, sind die Rucksäcke zu schwer? Aber 29


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irgendwann geht dann alles wie von selber, man schaut auch gar nicht auf die Uhr oder so, man weiss einfach, dass man schnell ist, man klettert und klettert und macht einfach nur noch. Man spricht dann oft auch gar nicht mehr miteinander. Dann ist man auf dem Gipfel und hat ein Riesen-Grinsen im Gesicht und ist einfach glücklich. Die ganze Anspannung, die man vielleicht unterbewusst gehabt hat, fällt ab. Man ist irgendwie völlig erschöpft, aber man hat es gar nicht mitbekommen, dass man was gemacht hat. Man ist oben, dann geht man irgendwann gemütlich wieder runter und behält dieses Gefühl dann auch relativ lange. Das kann wirklich bis zu einer Woche oder so dauern, bis es wieder weg ist. Wenn man hinterher zum Beispiel nach Hause fährt, ist man einfach glücklich. Kann man das mit Drogen vergleichen? Ich weiß nicht, ich nehme nicht so viele Drogen. Ich trinke höchstens. Man empfindet schon so eine Euphorie. Es gibt einem irgendwo ein irrsinniges Gefühl von Glück, und ich denke mal, gewisse Drogen können das auch. Du hast gerade beschrieben, dass du im Nachhinein gar nicht mehr weißt, wo eigentlich das Problem lag - das erinnert mich ein bisschen an die Enthemmung, die man bei Drogen hat, wo man auch aufhört, sich über sich selbst Gedanken zu machen oder um die Tätigkeit selbst. Zanser Alm

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das Gefühl, dass das viel zu groß ist für uns

Solange alles kontrolliert ist, macht man sich auch über die Gefahren keine Gedanken mehr. Solange ich das Gefühl habe, ich kann es, und es läuft gut, denke ich nicht darüber nach, dass ich jetzt runterfallen könnte. Es sind ja immer wieder gefährliche Situationen dabei. Vor allem bei alpinen Klettereien kann immer wieder was passieren. Aber das wird völlig weggeschoben, weil man weiß ja irgendwo, was man kann, und dann spult man einfach aus seinem Erfahrungsschatz, den man so im Lauf der Jahre gesammelt hat, die Fähigkeiten ab. Man denkt halt immer schon so ein paar Meter im Voraus, um nicht überrascht zu werden, wenn man an der Stelle ist. Seit wievielen Jahren kletterst du? Eigentlich schon seit 20 Jahren - mit Pausen.

Ja, weil man sonst Sachen machen würde, die nicht gut sind. Es ist schon interessant, ich habe oft ziemliche Angst, ziemlich krasse Angst sogar - wenn man es dann aber geschafft hat, wird die völlig ausgeblendet. Da ist es plötzlich total unwichtig. Manchmal während des Kletterns habe ich so große Angst dann hat man natürlich keinen Flow, der kommt vielleicht später wieder - dass ich mir denke: Was mach ich eigentlich? Ich will heim, heim zu Mama! Und dann bin ich oben und vergesse das völlig und plane schon wieder die nächsten Sachen, die vielleicht viel, viel gefährlicher sind als die Route von eben. Dieses Glücksgefühl, wenn man etwas geschafft hat, ist einfach so groß, dass man die Gefahren völlig vergisst. Ob es jetzt wichtig ist, dass es gefährlich ist - vielleicht kann man sagen: Hier schau mal, ich habe was Tolles gemacht. Ein Triumph-Gefühl?

Am Angang, hattest du da diese Gefühle auch schon? Nein, weil es da noch kein richtiges Klettern war, da ist man mitgenommen worden. Ich glaube, es ist schon ein Unterschied, ob man nur mitgeht, oder ob man selber aus eigenem Antrieb heraus geht. Ich glaube, man braucht schon eine gewisse Sicherheit. Es ist dann egal, wie schwer das ist, aber du musst die Technik halt beherrschen, um das zu spüren.

Ja es ist schon so eine Ego-Geschichte. Auf jeden Fall. Und ich glaube, dass das mit reinspielt, auch wenn man das nicht zugeben würde, aber man fühlt sich ja besser oder cool, wenn man so etwas gepackt hat, ohne dass etwas passiert. Und lebendig… Ja.

Würdest du sagen, dass die Gefahr ein wichtiger Faktor ist? Du sagst, du blendest sie aus, aber ist sie wichtig im Gesamtgefüge?

Aus dem Buch von Mihaly Csíkszentmihályi habe ich ein Zitat, 31


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vielleicht möchtest du das kommentieren. „Schachspielen ist nichts als sublimierte, ödipale Aggression und Hochgebirgsklettern erschöpft sich in sublimierter Penisverehrung.“ (Lachen) Also dass es ist irgendwie ein Männlichkeitsding ist, und so was Heroisches dabei ist? Das kann schon sein. Klettern hat heute auch viel mit Körperkult zu tun, glaube ich. Man sieht das auch, viele Jungs ziehen sich dann auch obenrum aus dabei, und wollen einfach zeigen wie toll sie sind. Aber das beantwortet jetzt die Frage nicht, oder? Doch, ich nahm eher an, du empfändest das Zitat als schwachsinnig. Ja es ist schon einfach auch eine Ego-Geschichte. Leute wollen beim Klettern schon zeigen, wie geil sie sind. Das passiert mir auch manchmal. Je gefährlicher, desto besser, in manchen Fällen. Kletterst du auch free solo?* Bis zu einem gewissen Grad ja, ich habe es früher ab und zu mal gemacht. Was war da so die maximale Wandlänge, damit ich mir das vorstellen kann? Also das Längste war keine Wand, sondern ein Grat, und das * bedeutet ungesichertes Klettern

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war im vierten Schwierigkeitsgrad, Wegstrecke vielleicht zwei Kilometer, zwischen zwei Berggipfeln. Bei alpinen Touren, bevor die Wand richtig losgeht, hat man oft schon so 300 Meter zum Klettern. Bis zum vierten Grad, da nimmt man meist die Seile raus. Oder in steilen Eiswänden kann das auch schon mal vorkommen. Aber rein free solo, das mache ich nicht. Klettern ist besser im Team? Ja, ich finde schon, dass ein Partner dazugehört. Es bilden sich halt auch super Freundschaften beim Klettern. Man weiß einfach, man kann sich zu 100 Prozent auf die Person verlassen nach einer gewissen Zeit. Es darf ja auch nichts passieren beim Klettern, man darf keine Fehler machen - und das ist einfach schön: zu wissen, da ist jemand, der ist für einen da, da kann kommen was will und der passt auf mich auf. Das ist super. Bei den meisten Leuten, mit denen ich viel klettere, wirkt sich das auch auf das Leben neben dem Klettern aus. Da weiß ich einfach, das ist Einer, auf den kann ich zählen, egal was ist. Da kann ich auch mal anrufen, wenn ich ein Problem habe. Der hört mir zu und erzählt mir auch keinen Scheiß. Dass sich beim Klettern Freundschaften bilden, ist eine schöne Sache. Und es ist wirklich nicht bei allen so, aber gerade mit den Leuten, mit denen ich alpine Sachen mache, entwickelt sich meist eine Freundschaft.


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Hast du vielleicht noch einen Berg-Tipp? Was war dein schönstes Erlebnis und wo war das? Mein schönstes Erlebnis? Das war meine erste alpine Klettertour. Das war eine einfache Kletterei an der Kampenwand und ich war sehr aufgeregt und es war unglaublich schön. Das war im April, es gab viel Schnee, wir waren schon total nass, als wir hingekommen sind und das hat einfach so ein Glücksgefühl in mir ausgelöst, das mich bis jetzt noch nicht losgelassen hat und hoffentlich auch nicht mehr loslässt. Was war an dem Tag das Besondere? Das Gefühl, dass das viel zu groß ist für uns, dass es nicht klappen kann und dass es dann am Ende doch geklappt hat. Dass wir dann das Gefühl hatten, wir können das! An dem Tag hat auch alles gepasst: die Leute, die dabei waren, die Stimmung war super, das Wetter war gut und dann gab‘s ein Bier und am Gipfel waren alle nur noch glücklich.

Patagonien Frey an der Aguja la Vieja

Das Interview führte Eva Behle

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Sex, alle 8 Minuten oder: was Multimedia mit unserer Aufmerksamkeit macht.

Erst kürzlich waren diese Zeilen in einer großen deutschen Tageszeitung zu lesen – sie bezogen sich auf einen Kommentar zum Thema „Mächtige Männer“ und ihr teils riskantes, teils skrupelloses Sexualleben. Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera aus Kassel weist außerdem auf das längst Vermutete hin: „Letztendlich steckt ein domestizierter Schimpanse in uns Allen.“

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Alle 8 Minuten – da kommt schon was zusammen, meint man. 7,5 Mal pro Stunde. Bei 8 Stunden Schlaf bleiben 16 Wachstunden voller acht Minuten. Sechzehn mal 7,5. Hier neigt sich die Acht schon sehr in Schieflage und mutiert fast zum Unendlich. Einhundertzwanzig Mal am Tag?? Es stellt sich die Frage, wie der Mensch bei so viel an Sex denken (es könnte aber im Grunde genommen auch etwas Anderes sein) sich überhaupt wissenschaftlich, philosophisch und technologisch dermaßen entwickeln konnte. Sprunghaftigkeit liegt also offenbar in der Natur unseres Gehirns. Ganz in der Gegenwart aufzugehen, wie es ein Ziel des Buddhismus ist und auch in anderen Religionen ein Idealzustand zu sein scheint, ist eine enorm schwierige Aufgabe. Leonard Giambra, amerikanischer Psychologe, hat unsere Zerstreutheit dokumentiert: Er ließ seine Versuchspersonen ein Puzzle lösen, dabei erinnerte sie ein Piepton in unregelmäßigen Abständen immer wieder an die Aufgabe. Wenn die Teilnehmer dann bemerkten, dass sie gerade an etwas anderes dachten oder nur vor sich hin träumten, sollten sie einen

Knopf drücken. Das taten sie im Lauf von nur einer halben Stunde, die das Experiment dauerte, im Schnitt mehr als 40-mal. Dass ein Proband nicht drückte, weil er sich gerade wirklich dem Puzzle zugewandt hatte war die Ausnahme. In einer Vorrunde ohne Piepton hingegen hatten die Probanden durchweg angegeben, sie seien ganz bei der Sache gewesen.

Was unsere Aufmerksamkeit erregt Stefan Klein erklärt in seinem Buch „Zeit - der Stoff aus dem das Leben ist“ wie es dazu kommt, dass heute so viele Menschen von elektronischen Medien abhängig sind. Je weniger Reizen der Mensch ausgesetzt ist, desto mehr Aufmerksamkeit wird denjenigen Reizen zuteil, die da sind. Heute leben wir jedoch in einer Ereignisgesellschaft. Es gibt Sinnesreize, soviel wir wollen – allein eine einzige Stunde Fernsehen beschert uns über 1000 Einstellungen und die Buchung einer Reise um die Welt ist in wenigen Minuten erledigt. Die vielen Reize jedoch zu genießen, ist eine Zeitfrage


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und die Reizmenge steht der „Zeitmenge“ in einem großen Unverhältnis gegenüber. Unser Gehirn kann neue Informationen nicht schnell genug verarbeiten. Deshalb müssen wir wählen, ob wir uns der sprunghaften Aufmerksamkeit hingeben oder uns eine Art Regenschirm gegen die Informationsflut zulegen. Beides scheint unperfekt: Wenn wir von einem Reiz zum nächsten springen, kosten wir keinen einzigen bis zum Ende aus, auf Dauer geht uns sogar das Vermögen abhanden, das Sitzfleisch sozusagen, den Gehalt auszukosten. Entscheiden wir uns für den Regenschirm, isolieren wir uns in der Welt der Informationen. Der moderne Mensch heute ist nicht nur vernetzt; er hängt im Netz. Die wenigsten können widerstehen, wenn ihr Handy einen SMS-Mitteilungston aussendet oder wenn Internet verfügbar ist, nachzuschauen, ob man nicht doch eine wichtige Nachricht bekommen hat? Vielleicht hat jemand unseren FacebookStatus kommentiert? Die genetische Programmierung unseres Gehirns entstand in einer Zeit, in der neue Reize rar waren und, wenn sie doch auftraten, eine möglicherweise le-

benswichtige Bedeutung hatten. Was sich in unserer Umgebung verändert, weckt die Aufmerksamkeit, ob wir es wollen oder nicht. Automatisch wird der Blick dorthin gezogen. So mögen wir heute vor dem Computer noch so genau wissen, wie belanglos die meisten per E-Mail eintreffenden Botschaften sind – wir stürzen uns dennoch mit der selben Intensität darauf, mit der ein Urzeitbewohner beim kleinsten unerwarteten Geräusch die Ohren spitzte.

Dauergereizt – dauerberauscht Sobald ein bemerkenswerter Reiz eintrifft, wird Noradrenalin freigesetzt. Eng verwandt mit Adrenalin, steigert es Blutdruck und Puls und verschafft uns vor allem ein Gefühl: Man fühlt sich lebendig. Wahrnehmung und Denken beschleunigen sich. Ist der Reiz nicht bedrohlich, handelt es sich um wohlige Anregung man erlebt ein leichtes Kribbeln der Spannung. Die meisten Reize, die uns heute erreichen, sind ein bißchen aufregend und eher

nicht beängstigend. Die meisten Ablenkungen versprechen uns etwas: Der Anruf könnte von einem Freund sein, die E-Mail könnte eine Einladung zu einer Party sein, und sogar die Bilder auf den Info-Screens in den Bahnhöfen der Großstädte verheißen uns ein besseres Leben. Die Aufmerksamkeit steuert sich selbst: es ist sehr schwer, willkürlich solche Signale nicht zu beachten. Außerdem bringt uns ja jede Ablenkung eine kleine Aufregung oder klarer gesagt: Einen kleinen Flash. Der Effekt ist tatsächlich mit dem einer Droge vergleichbar; Substanzen wie Nikotin und vor allem Kokain wirken auf dieselben Nervenbahnen ein. Jeder schnelle Bildwechsel, jedes Klingeln des Handys wirkt leicht elektrisierend. Die tägliche Hast, die Flut der Eindrücke bringt uns in einen Zustand ständiger Stimulation. Wir lieben das verfluchte Tempo, in dem wir leben.

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"Die Intervalle, in denen nichts geschieht, verursachen Langeweile. Oder sie wirken bedrohlich, denn wo nichts geschieht, wo die Intentionalität auf nichts stößt, ist der Tod." Byung-Chul Han, Duft der Zeit

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Langeweile fühlt sich für mich unangenehm an, ich fühle mich dann manchmal starr, unruhig, unwohl, bewegungslos, antriebslos, unruhig. Sie ist also eine Mischung von innerer Antriebslosigkeit und innerer Unruhe, die sich dann in unruhigen, unausgeglichenen Bewegungen und Handlungen äußert. Sie wird bei mir ausgelöst, wenn ich das Gefühl habe, die Zeit nicht sinnvoll zu nutzen. Also die Zeit so zu nutzen, dass ich einen Nutzen von ihr habe, sie mich mit Sinn erfüllt. Wenn dies nicht der Fall ist, entsteht bei mir Langeweile.

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Langeweile ist etwas Unerträgliches und dennoch nicht greifbar. Nicht nur, dass einem jeglicher kreative „Input“ von außen fehlt, man ist sogar noch zu beschränkt sich selbst etwas Befriedigendes einfallen zu lassen, was man eigentlich tun könnte. Langweilen tun mich vor allem Momente in denen es scheint, es sei alles schon da gewesen und es passiert auch nix neues mehr…immer dieselbe Diskussion, das gleiche Frühstück, derselbe Scheiß im TV… alles sollte sich von Zeit zu Zeit entwickeln.

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Langeweile ist Unzufriedenheit, Unruhe ohne Aussicht auf Lösung. Der Wunsch etwas zu tun, eine sinnvolle, erfüllende Tätigkeit. Langweile stellt sich ein, wenn man plötzlich (viel) Zeit hat, mit der man nichts anzufangen weiß, weil man es nicht mehr gewöhnt ist nichts zu arbeiten und sich mit sich selbst zu beschäftigen. Eine Lücke im Alltag, die man nicht zu füllen weiß. Langweile macht träge. „Sinnlose“ Trägheit, beziehungsweise „verschwendete Zeit“ macht unzufrieden.

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Langeweile fühlt sich an, wie wenn man ein zähes Kaugummi kaut, aus dem bereits jeglicher Geschmack entwichen ist. Wie das Fortbewegen durch Sand oder Wasser, bei dem man nur schwer und sehr langsam vorwärts kommt. Sie entsteht auf einer langen Zugfahrt, wenn das Buch, das man zum Lesen dabei hat, bereits ausgelesen ist und sich partout keine anderer Zeitvertreib finden will, beim Zappen durchs Fernsehprogramm, auf der verzweifelten Suche nach einer interessanten Sendung - doch man stößt nur auf längst bekannte Inhalte, die als neue Formate verkauft werden oder auf Inhalte, die einen einfach nicht interessieren. Beim Schlange stehen an der Kasse im Supermarkt, die sich keinen Meter vorwärts zu bewegen scheint...

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Normalerweise habe ich immer etwas zu tun. Meistens zu viel. Wenn ich dann auf einmal gelangweilt bin, falle ich in ein Loch. Ich beobachte ohne Interesse und ohne die MÜglichkeit tätig zu sein. Wie in einer Blase. Ich muss mich dann erst wieder orientieren, Interesse entwickeln. Häufig mache ich einen Haufen sinnlose Sachen, die ich auch nicht wirklich machen will. Manchmal sage ich auch Sachen, die ich nicht so meine, einfach weil mir langweilig ist. Stillstand ist Tod, Gift. Auch in Beziehungen.

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Eintöniges Nebeneinanderherleben ist tödlich. Bei Langeweile ergreife ich die Flucht oder versuche alles mit Bewegung zu retten. Das kann sich als sinnlose Streiterei, Rechthaberei oder Verrücktheit manifestieren. Das fühlt sich an, wie ganz schnell auf der Stelle Rad fahren. Als wäre die Kette ab und man tritt ins Leere.

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T a g e s b e t r e u u


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Zeit der Zeitlosen

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Ein Tag ohne Zeit

Ausschnitt aus einem gewöhnlichen Tag in der Tagesbetreuung für demeziell Erkrankte „Rosengaten“ in München:

und fast durchgehend umherläuft. Er teilt mir ganz zu Anfang und später immer wieder mit, dass Mark „ein guter Mann“ ist.

Um 12:30 Uhr mittags besuche ich die Einrichtung im Stadtteil Allach und darf für einige Stunden am Geschehen teilnehmen, beobachten, Fragen stellen. Heute sind elf ältere an Demenz erkrankte Gäste da. Betreut werden sie von einem freundlichen Team. Da ist zunächst Mark. Er ist der Erste, den ich treffe, als er mich zur Türe einlässt. Er hat hier bis vor einem Monat Zividienst geleistet und arbeitet hier nun als Nebenjob. Dann gibt es noch Corinna, die eigentlich aus einem ganz anderen Bereich kommt, Germanistik und Anglistik studiert hat, sich mit Content-Management-Systemen herumschlägt. Sie ist durch ihren dementen Großvater zum Rosengarten gekommen. Heiko ist examinierter Krankenpfleger. Als ich komme, wird gerade zu Mittag gegessen. Es gibt Suppe.

In rosa Bluse sitzt eine Frau, die recht verdrossen schaut und sich kaum von der Stelle bewegt, auch nicht spricht.

Es läuft Volksmusik aus einem CD-Player. Einige singen oder brummen mit zur Vogelhochzeit. Die Stimmung ist verträumt, friedlich, ländlich. Ich möchte nicht zuviel Staub aufwirbeln und merke, wie ich intuitiv versuche, ganz leise einen Platz auszukundschaften, wo ich meinen Laptop an eine Steckdose anschließen kann und außerdem nicht das Geschehen beeinflusse. Also setze ich mich zum Klavier. Es ist spannend die Gäste zu beobachten: Da ist der Mann mit dem Nike-Käppi, der sehr schmal gebaut ist

Dann gibt es einen Gast, der so seriös wirkt und abseits der Gruppe sitzt, dass ich nachfage, ob er zum Betreuer-Team gehört. Er hat sich in den Nebenraum zum Couchtisch begeben, auf dem Zeitschriften liegen. Er blättert eine durch, vor und zurück, etwas später nimmt er sich ein Nackenkissen und scheint ein wenig zu ruhen. Das alles tut er auf sehr stilvolle Weise, auch scheint er motorisch weitaus weniger eingeschränkt als die anderen Gäste. Da er gemütlich liest, schließe ich, dass er ein Gast sein muss - versichere mich aber auch noch bei Heiko deswegen. Eine Frau, die in der Nähe des Klaviers sitzt, hat ein Pflaster an der Stirn und muss gefüttert werden. Neben ihr sitzt nun Mark. Sein Bein berührt sie seitlich, sehr langsam führt er den Löffel zu ihrem Mund. Dazwischen schaut er sie an, so wie jemand ein Bild betrachtet, das er gemalt hat. Sie schaut nicht zurück. Sie wirkt weit weg, nicht auf dieser Welt, in diesem Raum. Eine andere sitzt am großen Esstisch extrem vornüber gebeugt und wirkt, als würde sie bald auf den Tisch fallen. Auch sie ist sehr still.

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Während ich die einzelnen Teilnehmer betrachte, läuft die Zeit stetig weiter. Das Mittagessen zieht sich lange hin. Dies sei so gewollt, damit Vertrauen und Sicherheit geschaffen werden, sagt mir Corinna, Mahlzeiten sind etrem wichtige Bräuche, die den Tag sinnvoll unterteilen. Und es gibt ja auch keinen Grund zur Eile. Viele Programmpunkte gibt es gerade nicht. Als das Essen etwa um halb zwei für alle beendet ist, werden einzelne Gäste von Mark und Heiko in Betten begleitet, die sich offenbar in nebenan gelegenen Ruheräumen befinden. Auch der stilvolle Mann, der nach dem Essen wie im Restaurant zu Corinna sagt „Vielen Dank, es war sehr gut“, verschwindet für eine gute Stunde und hält Mittagsschlaf. Auf dem Weg dorthin werden die Gäste noch gefragt, ob sie vielleicht zur Toilette müssten? „Nein, ich habe nichts getrunken und nichts gegessen“, meint die korpulente Dame, die zu Anfang mitgesungen hat. „Nichts gegessen?“, lächelt Mark und geht langsam mit ihr Richtung Toilette. Später gehen Heiko und Mark mit Einzelnen für 20 Minuten spazieren. Nach den Spaziergängen gibt es Kaffee und Kuchen aus der Packung. 54


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Was nehmen sie wohl wahr? Auf die Frage, ob sie wissen, wo sie sind und warum, wird mir geantwortet, dass ihnen wohl lediglich bewusst ist, dass sie irgendwie irgendwann dort sind und mit anderen Menschen zusammen Zeit verbringen. Und dass man hier, im Rosengarten doch mehr auf sie eingeht, als das zumeist zu Hause der Fall ist, würden sie wohl auch registrieren.

Zeit haben - für manche ist dies ein großer Wunsch in hektischen Zeiten. Für die Menschen, die ich heute kennen gelernt habe, scheint Zeit jedoch etwas Selbstverständliches, etwas Natürliches zu sein. Sie haben aufgehört, zu erkunden. Mir scheint, es fehlt ihnen ein bleibendes System der Zuordnungen.

Was spielt Zeit bei diesen Menschen für eine Rolle? Sind sie sich dessen bewusst? In kurzen Zeitintervallen scheinbar schon. Einmal spielen einige Gäste miteinander ein Spiel, in dem sie einen stacheligen Gummiball einander über den Tisch zurollen. Die Frau mit der rosa Bluse, die beim Spiel nicht wirklich teilnimmt, hält den Ball immer fest, wenn sie ihn bekommt und rollt ihn nicht zurück. Eine Frau ihr gegenüber mit graumeliertem Haar wird augenscheinlich ungeduldig, sagt immer wieder „Weitermachen, weitermachen. Plem-Plem.“ Mit Plem-Plem meint sie offensichtlich die apathische Frau in der rosa Bluse. Auch fragt sie einige Male nach dem Kaffee. Würde man sie jedoch ein paar Minuten später auf die Situation ansprechen, wäre ziemlich sicher keine Erinnerung daran mehr vorhanden.

Solange ich keine besonderen Gesten mache, bin ich in meiner Ecke neben dem Klavier, mit dem Laptop auf dem Schoß , nicht da für die Gäste. Nur einmal spricht mich der schmale Herr mit dem Käppi an, was das denn für Sachen wären, und zeigt auf die Laptoptasche und den Rucksack, die neben mir am Boden liegen. Als ich ihm sage, dass es meine Sachen sind, und ich sie nachher auch wieder mitnehmen werde, kündigt er an: „Dann komme ich mit“, und zwinkert mir zu.

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früher war alles besser

Für die letzte Weihnachtsfeier im familiären Kreis wollte ich ein Sorbet zubereiten. Dabei stieß ich im elterlichen Haus auf ein Relikt aus anderen Tagen Sensationell fand ich die Bedienungsanleitung, die mich, völlig frei von Anglizismen - und im Gegensatz zu den meisten heutigen Anleitungen auch frei von Rechtschreibfehlern - mit einer technisch ungewöhnlich ausgereiften Sprache vor einige Verständnisschwierigkeiten stellte:

Und heute? Urteilen Sie selbst! Heutige Speiseeiszubereiter heißen zum Beispiel „UNOLD 8875 Turbo-Eismaschine“ und werden so beworben: „Im Nu leckeres Sahne-, Frucht-, Soft-Eis, Sorbets... Für eiskalte Quickies Turbo-EISMASCHINE schafft Sahne-Eis in ca. 30 Minuten

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früher war alles besser

in s v e rg e

s

en de ne juwel e t a r e g sen

r n e u z e it

Der Speiseeis­bereiter BE2

Handhabung

Kühlschrank auf stärkste Kühlung (Eisbereitung) einstellen; die Verdampferplatte soll nicht vereist sein. Eismasse nach Rezept vorbereiten. Motor auf den Tisch stellen, und den Eis-Rührbehälter so über den Motor stülpen, daß der neben dem Antriebszapfen stehende kleine Führungsbolzen in der vorgesehenen Lochung im Rührbehälter steht und die Flachleitung in der Aussparung am Boden des Rührbehälters liegt. Flügelmutter auf den Antriebszapfen des Motors fest aufschrauben. Vorbereitete flüssige Eismasse (bis 3/4 Liter) in den EisRührbehälter geben. Rührarm auf den Antriebszapfen des Motors aufstecken und Deckel aufsetzen. Verdampferplatte des Kühlschrankes mit einer halben Tasse Wasser begießen, damit der Eisbereiter anfriert und so guten Kältekontakt bekommt. Eisbereiter auf die befeuchtete Verdampferplatte setzen, daß die Anschlußleitung am Boden des Rührbehälters liegend nach vorne zeigt. Die Flachleitung zwischen die Türdichtung des Kühlschrankes einklemmen (Tür schließen!) und an die SchukoSteckdose anschließen. Die Kühlschranktür bleibt geschlossen, bis nach 25 bis 35 Minuten das leise Motorengeräusch verstummt; die Eismasse ist gefroren

und hat den Motor zum Stehen gebracht. Jetzt Stecker aus der Steckdose ziehen, und das Eis noch 5 bis 15 Minuten im Kühlschrank belassen. Der angefrorene Eisbehälter läßt sich durch leichtes Anheben von der Verdampferplatte nehmen. Auf keinen Fall beim Lösen des angefrorenen Eisbehälters an der Anschlußleitung ziehen oder versuchen, den Eisbereiter loszureißen. Leicht läßt sich der angefrorene Eisbereiter lösen, wenn man ihn ringsum am Boden mit etwas Leitungswasser benetzt. Sollte das Eis (1/2 Liter) schon vor Ablauf von 25 Minuten - also zu schnell - gefrieren, dann sollte beim nächsten Eisbereiten der Kühlschrank auf geringere Kühlleistung eingestellt werden. Die Eismasse soll, damit sich keine unliebsamen Eiskristalle bilden können, mindestens 25 bis 35 Minuten gerührt werden.

Endlich gibt es die EISMASCHINE, die perfekt in

Das Turbo-Teil schafft Sahne-Eis in nur 30 Minuten

selbstkühlenden Kompressors ist das vielseitige Gerät

unsere schnelllebige Zeit passt. Mussten sich die

(...) Der Zeitablauf und die Temperatur werden digital

auch zum schnellen Kühlen von Getränkeflaschen

Kids bisher noch mit Geduld wappnen, wenn ihnen

angezeigt. Ein Automatik-Programm garantiert

bestens geeignet. Einfach Mixbecher abheben und

selbst gemachtes Eis versprochen wurde, so gibt es

höchsten Bedienkomfort. Genau ein Liter Eiscreme

Flasche auf den Fuß stellen. Der Flascheninhalt ist im

jetzt eine gute Nachricht für alle Eis-Fans: Mit der

fasst der herausnehmbare, leicht zu reinigende Eis-

Handumdrehen runtergekühlt.

EISMASCHINE von UNOLD hat das Warten ein Ende.

behälter. Und der Clou: Dank eines vollautomatischen,

Voll cool, oder?“

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früher war alles besser

Die gute alte Zeit Elfriede Behle ist 70 Jahre alt und Rentnerin. Grund genug, nachzufragen: Wie gut war sie, die alte Zeit?

Elfriede mit ihrer Schwester und den Eltern an Weihnachten 1944

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früher war alles besser

Kommentieren Sie bitte folgenden Satz: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Ehemann dazwischen Den Spatz, der früh am Morgen pfeift, holt abends die Katz. Wenn jemand recht flott und flink ist, schnell überlegen kann – der ist immer gut dran, weil er am ehesten den Wurm erwischt. Und das kommt ihm dann auch zugute. Vielleicht auch nicht immer – manchmal kann es auch nicht so gut sein, wenn man so vorlaut ist, aber das ist einfach gut, wenn einer flott überlegen und flott handeln kann.

gekauft, sondern haben uns im Hotel, wenn wir irgendwo angehalten sind, frisches Wasser geholt, das hat nichts gekostet. Und das hat uns Spaß gemacht, auch mit wenig Geld viel erlebt zu haben, wir haben bei unseren Fahrradtouren in Jugendherbergen günstig übernachtet, da konnte man auch gut essen zum Teil. Das war eigentlich eine schöne Zeit, und es wurde alles immer besser, man konnte sich immer ein bisschen mehr leisten. Das nenne ich die gute alte Zeit für mich. Und vor allem Frieden, es war kein Krieg mehr... Haben Sie den Krieg denn bewußt erlebt? Sie sind 1940 geboren.

Was ist für Sie die gute alte Zeit? Das ist zum Beispiel meine Kindheit. Da war nicht alles gut, aber ich habe eine gute Kindheit gehabt, habe gute Eltern gehabt, die mich gut versorgt haben. Und wir waren sehr dankbar, weil es Nachkriegszeit war, und es wurde immer besser. Wir haben sehr wenig verdient, aber wir haben wenigstens verdient. Im Monat 20 Euro im Monat, also Mark. Das war, als ich gelernt habe, dazu hatte ich allerdings auch Kost und Logis. Und wir sind Fahrrad gefahren, haben uns kein Sprudelwasser

Im Unterbewusstsein, ja. Unsere Mutter musste uns zum Beispiel nachts aus dem Bett holen, wenn wir fest geschlafen haben - dann mussten wir in den Keller gehen, weil Fliegeralarm war. Ich habe das zwar jetzt nicht mehr in Erinnerung, aber meine Mutter sagte eben, dass sie uns immer aus dem Schlaf gerissen hat und dass wir am ganzen Körper gezittert haben. Sie meinte auch, dass sei nicht so gut für kleine Kinder, wenn man sie nachts aus dem Bett holen muss. Ich kann mich noch erinnern an die Sirenen. Wir waren ja hinterher evakuiert in einer Klein59


früher war alles besser

"Telefon! Das ist das Allerschönste, dass man das Telefon hat."

stadt und manchmal, wenn wir vom Kindergarten gekommen sind, ging auf einmal die Sirene. Da sind wir schnell nach Hause gelaufen, meine Schwester und ich. Als die Flugzeuge kamen, sind wir vor die Haustür gegangen um zu sehen, wo die Flugzeuge sind, und als die Erwachsenen entdeckt haben, dass das Feinde waren, die uns beschießen konnten, haben sie uns schnell reingeholt. Einmal waren wir auf dem Land, es kamen Tiefflieger. Wir waren zum Glück im Haus. Mein Onkel hat gerufen: „Legt euch sofort auf den Boden!“ Also haben wir uns auf den Boden geworfen, und die Tiefflieger sind irgendwann wieder abgezogen. Das geschah alles bis zu Ihrem sechsten Lebensjahr. Ja. Dann weiß ich noch, wie ich die ersten Weintrauben ­gekriegt habe, und ein Stück Weißbrot mit Butter - das kam so langsam - das hat einen so gefreut und so geschmeckt! Vor allem der Kaffee! Dass der dann mal süß war, weil es Zucker gab. Vorher gab es keinen Zucker, da war der Kaffee nie süß. Sie haben als Kind schon Kaffee getrunken?

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Ja, Malzkaffee. Und ich kann mich noch erinnern an die Milch, die war so blau - Magermilch, ganz blau war die. Da war überhaupt kein Fett drin. Das wurde aber dann besser. Und das hat man einfach so genossen, dass es besser wurde. Man sagt ja so verallgemeinernd „Früher war alles besser“. Was, würden Sie sagen, war früher besser, und was ist heute besser als früher? Als ich Lehrling war - ich habe Metzgereifachverkäuferin gelernt – hatte ich eine gute Stelle. Samstag Nachmittag hatten wir frei, Sonntag frei, und Mittagspause geregelt, es war eben alles geregelt. Ich habe auch meinen Lohn bekommen, war krankenversichert - das fand ich sehr gut. Und jetzt in der heutigen Zeit gefällt mir nicht, dass die Geschäfte so lange auf haben, dass die Frauen, die dort arbeiten und zu Hause Kinder haben, noch bis 22 oder sogar 24 Uhr im Supermarkt stehen und verkaufen. Dann müssen sie noch den Heimweg mitten in der Nacht bewältigen mit der Bahn - meistens haben Verkäuferinnen kein Auto. Die Kinder haben auch nichts von der Mutter. Ich finde, früher war das geregelter. Das war für die Familie besser. Also ganz früher, bei meiner Mutter, da war es noch ganz schlimm.


früher war alles besser

Die haben wirklich nur arbeiten müssen, bis abends spät. Meine Mutter (auch Fleischereifachverkäuferin) zum Beispiel wollte zum Schwimmen gehen in den Schwimmverein - konnte sie nicht, weil sie zu spät fertig wurde. Sie war darüber sehr traurig, weil sie das sehr gerne gemacht hat. Es gab auch keinen freien Nachmittag. Aber das war vor dem zweiten Weltkrieg, das war nicht schön. Die mussten sehr viel arbeiten. Auch wenig Lohn und andere Probleme. Aber zu meiner Zeit, da ging es bergauf. Auch die Angestellten, die im Büro arbeiteten, hatten samstags ganz frei...Wir hatten samstags noch Schule, das war aber auch nicht schlimm. Dadurch hatten wir die ganze Woche weniger Stunden. Und was ich heute so ganz toll finde, ist Wasserklosett, Waschmaschine, und dass man eine Heizung hat und warmes Wasser. Telefon! Das ist das allerschönste, dass man dasTelefon hat. Das finde ich heute schon sehr, sehr gut. Und dass man sich alles kaufen kann, was man möchte. Nicht alles, aber zum Beispiel Lebensmittel oder Obst. Man kann sich auch mal was leisten.

durften nicht so viel sagen, heute dürfen die Leute auch schon mal was sagen. Oder sich beschweren. Früher wurden die sofort unterdrückt, wenn die was sagen wollten. Und das kommt ja immer auf den einzelnen Menschen an, ob er anständig ist oder nicht. Wir sind auch erzogen worden, dass wir ehrlich sind und höflich, dass man das Alter ehrt, dass man die Eltern ehrt, und die Großeltern. Das haben wir in unserer Familie mitgekriegt, dass wir die ehren und achten. Haben Sie den Eindruck, die Achtung vor dem Alter ist heute zurückgegangen? Das kommt immer auf den Einzelnen an. Es gibt viele, auch junge Menschen, die unzufrieden sind, die vielleicht nicht klarkommen mit dem Beruf, und die denken vielleicht auch ganz anders über ältere Menschen.

Das Interview führte Eva Behle

Waren die Menschen früher anständiger als heute? Überlegt Nein. Nur früher wurden die Leute unterdrückt und 61


zeitfresser

Zeitfresser

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zeitfresser

Zeitfresser ist die Rubrik mit Tipps zur genussreichen und zeitintensiven LebensfĂźhrung. Damit Sie planen kĂśnnen sind deshalb Angaben zur Dauer gemacht

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zeitfresser rezept

vorher

Die Pekingente Der Tradition nach nimmt die Zubereitung mehrere Tage in Anspruch. Sie wirkt wie einer mittelalterlichen Folteranleitung entlehnt. Nach dem Schlachten und Rupfen wird das nackte Tier mit Gemüse gestopft, oben und unten zugenäht und mit einer Luftpumpe zu einem Ballon aufgeblasen (dadurch löst sich die Haut und wird schön knusprig). Dann wird die Karkasse* in heißes Wasser getaucht und eine Stunde gar gekocht, anschließend über Nacht zum Trocknen an einen Eisenhaken gehängt. Zum Finale wird die Ente in einem Ofen geröstet oder, besser, über einem Feuer aus Obstbaumscheiten (streng nach Rezeptbuch zu gleichen Teilen Apfel, Birne und Pflaume), außerdem wird sie immer wieder mit heißem Fett übergossen.

* das Gerippe von Geflügel und anderen Tieren

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Zutaten für 4 Portionen 3 EL

Honig (Tannenhonig)

12 EL

Essig (Sherryessig)

6 EL

Rohrzucker

3 EL

Sirup (Ahornsirup)

1

Ente, frisch, keine TK-Ware

30 ml

Sojasauce, dunkle

30 ml

Sojasauce, helle

2 EL

Sherry, dry

1 TL

Öl (Sesamöl)

1 TL

Honig (Blütenhonig), flüssig


zeitfresser rezept

21 hours later

Zubereitung Beim Kauf der Ente ist darauf zu achten, dass die Haut unverletzt ist. Nach Mög-

Fleisch einführen, das Stäbchen zum schräg gegenüber liegenden Schnitt führen

lichkeit sollte noch ein Stück vom Hals an der Ente sein. Um die verschiedenen,

und ein Stückchen herausschieben. An der anderen Seite ebenso verfahren. Die

notwendigen Trocknungsprozesse optimal zu gestalten, sollte ein kühler, luftiger

Stäbchen müssen nun kreuzweise unter der Entenhaut liegen, und die Enden der

Raum vorhanden sein, in dem die Ente frei hängen kann. Das geht zum Beispiel

Stäbchen ruhen auf den Keulen und Flügeln.

im Kühlschrank, wenn ein Rost in die oberste Schubleiste gegeben wird, und die

Dann wird sie mit kochendem Wasser überbrüht. Ich tauche sie dazu für 5 Sekun-

Ente dann am Rost hängt. Ich konstruiere im Keller immer ein Gestell aus zwei

den in einen großen Topf mit Wasser. Man kann sie aber auch immer wieder mit

Stühlen mit Lehne. Diese werden, mit den Lehnen zueinander, zwischen eine

kochendem Wasser beschöpfen. Wichtig ist, dass die Ente überall mit kochendem

Schüssel gestellt. Dann wird über die beiden Lehnen ein stabiler Stock oder ein

Wasser in Berührung kommt und sich die Haut gleichmäßig dunkel eingefärbt hat.

großer Kochlöffel gelegt. An diesen wird die Ente dann gebunden. Sie schwebt

Nun startet der zweite Trocknungsprozess: Ca. 3 Stunden.

nun zwischen den Stuhllehnen. Optimiert wird das Ergebnis, wenn vor die Ente ein

Aus den ersten Zutaten, die vor der Ente auf der Liste stehen einen Sud aufkochen

Tischventilator gestellt wird. Dann schwebt das Tierchen wie ein Windspiel. Die

und die Ente damit gleichmäßig beschöpfen. Wenn die Entenhaut vorher gut ge-

Trocknungsvorgänge sind zwingend notwendig, um eine Pekingente zu erhalten.

trocknet war, kann sie jetzt viel von dem Sud aufnehmen. Jetzt wird sie für weitere

Die Haut wird nur so rösch und knusprig, wenn die Trocknung optimal war, und die

12 Stunden getrocknet.

Haut vom Fleisch gelöst wurde.

Dann den Ofen auf höchster Stufe vorheizen. Wenn er heiß genug ist, eine

Als erstes wird die Ente gründlich gewaschen, Fettflächen werden abgelöst und

Fettpfanne mit ca. 1 L Wasser auf die unterste Schiene des Backrohres schieben.

eventuelle Federkiele mit der Pinzette sorgfältig und sehr vorsichtig herausgezupft.

Sobald das Wasser kocht wird die Ente, mit der Brustseite nach unten, auf ein

Die Haut muss so intakt bleiben wie möglich. Dann wird um den Hals des Tieres

Rost gelegt und über der Fettpfanne eingeschoben. 10 Minuten braten, umdrehen,

eine Küchenschnur geknotet und die Ente wird gründlich von innen und außen

und nach weiteren 10 Minuten die Temperatur auf 90°C zurückschalten. Nun

abgebraust. Dazu eignet sich beispielsweise eine Badewanne. Nun kommt sie für

weitere 180 Minuten braten und dabei alle 30 Minuten wenden. Zum Servieren die

ca. 3 Stunden auf das Trocknungsgestell.

Zutaten, die nach der Ente aufgeführt sind, in einem Töpfchen verrühren und kurz

Die Haut wird vom Fleisch gelöst. Am Besten eignet sich dafür eine sogenannte

aufkochen lassen.

Hubluftpumpe. Das ist eine Art Rohr mit Fußpedal, das Ventil sitzt an einem flexi-

Zum Servieren die Ente tranchieren, von den Knochen lösen und in Streifen

blen Schlauch. Eine einfache Luftpumpe tut es auch. Jedoch ist die Gefahr größer,

schneiden. Dazu wird die Sauce gereicht und chinesische Pfannkuchen. Gegessen

dass die Entenhaut verletzt wird. Die Haut am Hals leicht anheben, das Pumpen-

wird die Ente, indem man einen Pfannkuchen mit der Sauce bestreicht, darin,

ventil einführen und kräftig pumpen. Dadurch löst sich die Haut vom Fleisch.

ähnlich wie ein Wrap, ein Stück Ente einwickelt, und dann mit etwas asiatischem

Dann wird die Ente mit einer Geflügelschere jeweils am ersten Glied der Flügel

Salat verspeist.

und Keulen amputiert. Die Teile verbrennen sonst und geben einen unangenehmen Geschmack an den Rest der Ente ab. Wenn das erledigt ist, wird die Haut angehoben. Dazu jeweils zwischen den Flügeln und den Keulen einen winzigen Schnitt machen. Dann ein Essstäbchen in den ersten Ritz vorsichtig zwischen Haut und

= ca. 22 Stunden 65


ausblick

Sommer Sommer ist Schwitzen, Caipirinha, Stau und kaltes Wasser. Wir warten das ganze Jahr auf ihn, und kaum, dass er da ist, ist er schon wieder vorbei. Was macht der Sommer mit unserer Seele? Und was mit unserem Körper? Sind Menschen aus warmen Ländern glücklicher als wir? Im nächsten Heft wollen wir uns der sinnlichen und auch der hintergründigen Seite der wohl beliebtesten Jahreszeit der Welt widmen.

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Nr. 19 / 01.08.2011 Deutschland 4 â‚Ź

ausblicK

Das Magazin zum Zeitlichen

SOMMER Hommage an eine Jahreszeit

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quellennachweis und impressum

Das Zeitbild Bild: Charlie Chaplin in Modern Times

Früher war alles besser Bilder: Moderner Speiseeisbereiter: http://www.unold.de/produkte/unold/partyspass/detail/eismaschine-8875/ Maibaum: http://view.stern.de/de/original/Muenchen-Viktualienmarkt-MaibaumDezemberbaum-Blau-Still-%26-Objektfotografie-1317538.html Text: De Saint-Exupéry, Antoine: Der kleine Prinz, Düsseldorf 1978, S. 51

„Erster Motorflug“: http://www.deutsches-museum.de/uploads/pics/033_motorflug.jpg „Durchbrechung der Schallmauer“: http://www.48specialmodels.com/48pics/pegasus/X-1/X-1-chuck.jpg „Start der Apollo“: http://www.aerokurier.de/fm/3/thumbnails/Apollo_11_Start.JPG.21437.JPG „Mc Laren F1“: http://static.cargurus.com/images/site/2008/01/31/22/32/1997_mclaren_f1-pic-23718.jpeg „TGV“: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c3/TGV-Paris.Gare. de.Lyon.2007.JPG „Concord“: http://www.pino-travel.com/concord.html

Bild: Bild Knigge: google.de Texte: „Das Zeitliche segnen“: Przybilla, Andre. URL: http://www.redensarten.net/Zeitliche.html (abgerufen am 18. Mai 2011) „Das Rätsel um das 10 nach 10“: Lütkehaus, Ludger: Gehen Japans Uhren anders?, in: Neue Zürcher Zeitung, Ausgabe 07.10.2003. URL: http://www.amazon.de/ Japanische-Zeiten-Eine-Ethnologie-Verg%C3%A4nglichkeit/dp/ product-description/3463403927 (abgerufen am 18. Mai 2011)

Wo die Uhren anders gehen Bild: http://www.geographixx.de/dbkarten/slowenien.jpg

Zeit In Zahlen Bilder: „Zweibeiniger Gang“: http://www.welt.de/multimedia/archive/00264/affezumensch_DW_ Wis_264690p.jpg „Elektroauto“: http://www.meinklassiker.com/image.php?type=paragraph_ top&id=4562

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Bilder: Ente gebraten: http://chinabereisen.wordpress.com/2010/10/03/pekingente/ Weiße Ente: http://www.g-e-h.de/geh/index.php/rassebeschreibungen/56gefluegelenten/131-deutsche-pekingente?5faf132dffd3d4c1eec696e b27bfa78b=0ffd41d039dab77f2daaa74cf42079a0 Text: Rumpf, Frank: Die Zubereitung der wahren Pekingente dauert Tage, in: Welt Online, Stand: 21. April 2011. URL: http://www.welt.de/reise/ staedtereisen/article13233035/Die-Zubereitung-der-wahrenPekingente-dauert-Tage.html (abgerufen am 25. Juni 2011)

„Dampflok“:: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e5/KFNB_Austria.jpg „Reiterei“: : http://www.pahor.de/data/product-list/45613a.JPG

Kurz und knapp

Zeitfresser Rezept

„Airbus A 380“: http://img.webme.com/pic/x/xfw-spotter/ds_16.04.2007_106.jpg Texte: Gürtler, Detlef in: Wissen, das keiner braucht, aber Eindruck schindet, in: Welt Online, Stand: 20. Juni 2009. URL: http://www.welt.de/ wissenschaft/article2137649/Wissen_das_keiner_braucht_aber_Eindruck_schindet.html (abgerufen am 27. Juni 2011)

Zeitfresser Buch Bilder: amazon.de Texte: „Rubinrot“ und „Die Frau eines Zeitreisenden“: Lang, Kathrin in: http://www.booksection.de (abgerufen am 25. Juni 2011) „Eine Landkarte der Zeit - wie Kulturen mit Zeit umgehen“: G. Miklitz in: http://www.lernforum.uni-bonn.de/levine.html (abgerufen am 25. Juni 2011) „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“: „phoros“, Florian in http://ciao.de (abgerufen am 25. Juni 2011) „Zeitreisen - die Erfüllung eines Menschheitstraums“: Blask, Falko in: http://www.falkoblask.de/ (abgerufen am 25. Juni 2011)

Zeitfresser Veranstaltungen Bilder: „Portraits in Serie. Fotografien eines Jahrhunderts“: Abb: Thomas Ruff (*1958), Portrait (G. Benzenberg), 1985, Color Print, 24 x 18 cm, © Thomas Ruff / VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Niedersächsische Sparkassenstiftung, Hannover „Über die Metapher des Wachstums“: Peter Buggenhout, „The Blind leading the Blind #35“, 2010 Courtesy the artist and Konrad Fischer Galerie, Düsseldorf / Berlin „Der Brandner Kaspar und das ewig‘ Leben“: Foto: Arno Declair „Christoph Sonntag“: Frank C. Müller „Musik der Zeit“: http://www.wdr.de/radio/orchester/sinfonieorchester/beitrag/2010_ special_musik_der_zeit.html „Antike Welten – Griechen, Etrusker und Römer im Alten Museum“: „Aphrodite“: Foto: Johannes Laurentius Texte: Berlin: http://www.smb.museum/smb/kalender/details.php?objID=30067 (abgerufen am 25. Juni 2011) Frankfurt: http://www.wechselausstellungen.de/frankfurt/ueber-die-metapherdes-wachstums/ (abgerufen am 25. Juni 2011) Hamburg: http://www.veranstaltungen-in-deutschland.de/Veranstaltungen. asp?NA=Hamburg&IB=432861 (abgerufen am 25. Juni 2011)


quellennachweis und impressum

Köln: http://www.wdr3.de/schwerpunkte-und-reihen/musik-der-zeit.html (abgerufen am 25. Juni 2011) München: http://www.muenchner-volkstheater.de/index.php?we_objectID=73 (abgerufen am 25. Juni 2011) Stuttgart: http://www.theaterhaus.de/theaterhaus/index.php?id=1,3,12122 (abgerufen am 25. Juni 2011)

Zeitgeschichten Text: Osten, Manfred: Die beschleunigte Zeit, Stand 1999. URL: http://www. zeit.de/1999/35/199935.goethespecial_.xml (abgerufen am 20. Mai 2011)

Zeitläufe Text: Im Geschwindigkeitsrausch: Walther, Rudolf: Im Geschwindigkeitsrausch, Stand: 19. Mai 2004. URL: http://www.zeit.de/2004/22/PBorscheid (abgerufen am 11. Mai 2011)

Zeitverwendung, Zeitverschwendung Bilder: Abgrund: Andreas Steinhoff Alle anderen Fotos: Dominik Ettmayr

Impressum Chefredakteurin: Eva Behle Art Director: Eva Behle Textchefin: Eva Behle Redaktion: Eva Behle Autoren: Eva Behle, Manfred Osten, Helena Donecker Grafik: Eva Behle Assistenz: Theresa Kühnhauser, Rebecca Podlech, Katharina May, Elfriede Behle, Florian Studener, Annemarie Otten, Josefine Berlik, Lena Vogelsang Druck: Druckreiz GmbH Eine Verwertung der urheberrechtlich geschützten Zeitschrift und alle in ihr enthaltenen Beiträge und Abbildungen, insbesondere durch Vervielfältigung und Verbreitung, ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung der Herausgeberin unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urheberrechtsgesetz nichts anderes ergibt. Insbesondere ist eine Einspeicherung oder Verarbeitung der Zeitschrift in Datensystemen ohne Zustimmung des Verlages ungültig.

Text: Sex, alle 8 Minuten: Vgl. Klein, Stefan: Zeit - der Stoff aus dem das Leben ist, Frankfurt 2006, S.107

Alle übrigen Texte, abbildungen und illustrationen: Eva Behle

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