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DIAGNOSE 3/2007 Das Magazin von Ärzte ohne Grenzen Österreich www.aerzte-ohne-grenzen.at Gesamtkosten dieser Informationszeitschrift: 50 Cent (inkl. Produktion und Porto) Sponsoring-Post GZ02Z0304985 Verlagspostamt 1020 Wien

diagnose medikamente 3 /2007

Sven Torfinn/MSF

die apotheke der armen ist in gefahr

Zentralafrikanische Republik: Kampf gegen Schlafkrankheit

Mosambik: Einsatz für lebensnotwendige Aids-Medikamente

Äthiopien: Sicherung der medizinischen Grundversorgung

Private Spenden sichern Unabhängigkeit


1

Aktuell: Einsatzländer von Ärzte ohne Grenzen 1

3

2

Zentralafrikanische Republik: In den Städten Bogilla und

Freiwillige aus Österreich derzeit auf Einsatz Einsatzländer von Ärzte ohne Grenzen

Makunda leitet Ärzte ohne Grenzen Krankenhäuser mit den Behandlungsschwerpunkten HIV/Aids, Tuberkulose und seit kurzem auch Schlafkrankheit. 2



Mosambik: In dem südostafrikanischen Land sind 16 Prozent

3

Äthiopien: In der südwestlichen Region Gambella in der

Nähe zum Sudan fehlt grundlegende medizinische Versorgung.

der Bevölkerung von Aids betroffen. Ärzte ohne Grenzen hilft mit

Ärzte ohne Grenzen betreibt mobile Kliniken und unterstützt ein

einem umfassenden HIV/Aids-Programm.

Provinzkrankenhaus. diagnose 3/2007


Behandlung der Schlafkrankheit: Eine Krankenschwester verabreicht Schmerzmittel gegen die Nebenwirkungen der Medikamente. In Afrika sind 60 Millionen Menschen von dieser tödlichen Krankheit betroffen, für die aus Profitmangel keine neuen, weniger giftigen Wirkstoffe erforscht und hergestellt werden.

Rainer Fehringer

inhalt:

Dr. Reinhard Dörflinger Präsident von Ärzte ohne Grenzen Österreich

Editorial:

Die Apotheke der Armen muss offen bleiben Der Versuch von Novartis, das indische Patentrecht zu verschärfen, ist vorerst gescheitert. Ein wichtiger Erfolg im Kampf um leistbare Medikamente für Menschen in armen Ländern.

Lori Waselchuk/MSF

F

à Waltraud Wernhart 1

ist Labortechnikerin und regelmäßig mit Ärzte ohne Grenzen unterwegs. Sie hat zuletzt den Aufbau und die Professionalisierung eines Krankenhauslabors in der Zentralafrikanischen Republik geleitet.

2 Pere-Joan Pons arbeitet für die MedikamentenKampagne ACCESS und war zuletzt in Mosambik, um sich dort für eine bessere Versorgung mit HIV/Aids-Medikamenten einzusetzen.

À Friedrich Weber ist 3

Allgemeinmediziner aus Oberösterreich mit reicher Erfahrung in Tropenmedizin. Er ist im August von seinem Einsatz in der äthiopischen Region Gambella zurückgekommen.

ast acht Monate sind vergangen, seit wir erstmals unsere Aufforderung „Drop the Case!“ („Lasst die Klage fallen!“) an das Schweizer Pharmaunternehmen Novartis gerichtet haben. Gemeint war jene Klage, mit der Novartis versucht hatte, das indische Patentrecht zu verschärfen. Die Folgen einer solchen Verschärfung für Patienten und Patientinnen in armen Ländern, die zu einem beträchtlichen Teil auf preisgünstige Nachahmer-Medikamente aus Indien angewiesen sind, wären dramatisch. Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) hat deswegen im Laufe dieses Jahres immer wieder dazu aufgefordert, unsere an Novartis gerichtete Petition zu unterzeichnen. Mehr als 420.000 Menschen sind unserem Aufruf nachgekommen und haben damit ihre Überzeugung zum Ausdruck gebracht, dass Menschen wichtiger sind als Patente. Anfang August hat das Gericht im indischen Chennai sein Urteil gefällt: Der Klage wurde nicht stattgegeben. Indien kann bis auf weiteres erschwingliche Generika für Millionen Patienten in armen Ländern produzieren. Wir danken allen, die uns bei der Mobilisierung gegen die Novartis-Klage unterstützt haben! Indiens Status als „Apotheke der Armen“ ist mit dem Gerichtsentscheid vorerst gesichert. Das ist nicht zuletzt auch für unsere Hilfsprogramme von Bedeutung: So stammen etwa 84 Prozent der HIV/Aids-Medikammente, mit denen Ärzte ohne Grenzen weltweit Patienten behandelt, aus Indien. Wir hoffen, dass das Novartis-Urteil zum Präzedenzfall wird. Auch andere Länder sollten sich ermutigt fühlen, Regelungen einzuführen, mit denen lebensnotwendige Medikamente erschwinglich werden und gleichzeitig die Entwicklung neuer Präparate gefördert wird. Ärzte ohne Grenzen wird sich weiterhin dafür einsetzen. Vor allem aber versuchen unsere Teams immer die bestmögliche Hilfe zu leisten – auch mit begrenzten Mitteln.

Dr. Reinhard Dörflinger diagnose 3/2007

Thema Medikamente:

Ärzte ohne Grenzen setzt sich dafür ein, dass Menschen in Entwicklungsländern Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten erhalten … 4 Interview:

Der Arzt Florian Breitenecker über die Patentrechtsklage von Novartis gegen den Staat Indien … 7 Bericht:

Der ACCESS-Mitarbeiter Pere-Joan Pons berichtet von seinem Einsatz in Mosambik … 8 Hintergrund:

Wie Medikamente zu den Patienten kommen … 10 Einsatzgebiete:

E-Mail aus Itang. Aus Österreich im Einsatz. Flut in Pakistan. Flüchtlinge auf Lampedusa. Ernährungskrise in Niger ... 13 Spenden:

Unterstützung durch private Spenderinnen und Spender sichert Unabhängigkeit … 14

www.aerzte-ohne-grenzen.at/ medikamente

Impressum: Medieninhaber und Herausgeber: Ärzte ohne Grenzen, Taborstraße 10, 1020 Wien Postfach 240, Tel. 01/409 72 76, Fax 01/409 72 76-40 E-Mail: office@aerzte-ohne-grenzen.at www.aerzte-ohne-grenzen.at, DVR-Nr.: 0778737, ZVR-Zahl: 517860631 Spendenkonto: PSK 930 40 950 Spender-Service: Tel. 0800 246 292 Chefredaktion: Mag. Irene Jancsy, Marcell Nimführ Mitarbeiter: Dr. Florian Breitenecker, Dr. Reinhard ­Dörflinger, Mag. Elisabeth Nyanda, Andreas Plöckinger, Pere-Joan Pons, Dr. Friedrich Weber, Waltraud Wernhart Graphisches Konzept, Gestaltung und Produktion: buero8 Druck: Berger, Horn Papier: EuroBulk Volumenpapier Erscheinungsweise: viermal jährlich Auflage: 93.000 Stück




Leben mit der blauen Kühlbox

Zugang zu Medikamenten: Millionen Menschen in Entwicklungsländern brauchen dringend günstige und wirksame Medikamente. Im Rahmen der ACCESS-Kampagne setzt sich Ärzte ohne Grenzen dafür ein, dass ein besserer Zugang gewährleistet wird.

W

enn die Morgentemperatur in Bangkoks östlichem Slum-Bezirk On Nuch steigt, steht die 33-jährige Frau Somying mit ihrem 13-jährigen Sohn am Kanal­ ufer. Seit drei Monaten warten sie dort täglich auf ein Boot. Es bringt Eis, das die lebenswichtigen Aids-Medikamente kühlt, welche die beiden täglich nehmen. Frau Somying war im Jahr 2000 eine der ersten Patientinnen in Thailand, die in einem HIV/Aids-Programm von Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) behandelt wurden. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als weithin bezweifelt wurde, dass die Krankheit in Entwicklungsländern überhaupt behandelbar sei. Mittlerweile erhalten 100.500



HIV-Patienten weltweit von Ärzte ohne Grenzen eine antiretrovirale Therapie. Erst die radikale Preissenkung für AidsMedikamente von 10.000 US-Dollar pro Patient und Jahr auf unter 140 US-Dollar machte diese Behandlung möglich. Frau Somying wurde so erfolgreich behandelt, dass sie schon wieder Geld verdienen kann. Nachdem ihr Mann gestorben ist, ernährt sie sich und ihre zwei Kinder mit der Herstellung und dem Verkauf von Blumengirlanden an buddhistische Tempel. Doch vor drei Monaten wurde sie krank. „Nach ein paar Tests sagte mein Arzt, dass es mir schlecht gehe, weil mein Körper nach sieben Jahren resistent gegen die antiretrovirale Behandlung geworden ist“, erzählt

sie. Frau Somying und ihr ebenfalls infizierter Sohn kamen daraufhin in einem vom thailändischen Gesundheitsminis­ terium finanzierten Programm unter, wo sie in einer so genannten Therapie der Zweiten Behandlungslinie auf das Medikament Kaletra umgestellt wurden. Dieses hat den Nachteil, dass es ständig gekühlt werden muss. Da Frau Somying sich keinen Kühlschrank leisten kann, gab ihr ein MSF-Mitarbeiter eine kleine blaue Kühlbox. Für die Eissäckchen, die sie jetzt jeden Tag wechselt, bezahlt sie ein Drittel ihres Monatslohns. „Ich kaufe jeden Tag das Eis“, erzählt sie, „aber manchmal gerät Wasser in die Flasche, und die Tabletten werden feucht.“ Da sie ihre Medikamente zu einem bestimmten

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Zahlen & Fakten zu Medikamenten Behandelte HIV/Aids-Patienten in MSF-Programmen:

100.500

Preis der HIV-Medikamente pro Person/Jahr (2000):

10.000 US-Dollar

Preis der HIV-Medikamente pro Person/Jahr (2004): Neues HIV-Medikament der Zweiten Linie (Kaletra/2007):

140 US-Dollar 2.700 US-Dollar

Patentschutzdauer für Medikamente: Entwickelte Medikamente 1975 bis 2004 weltweit:

20 Jahre 1.556

Davon für tropische Krankheiten und Tuberkulose: Unterschriften gegen Novartis-Klage:

20 420.000

THEMA:

Donald Weber/Atlas Press, Juan Carlos Tomasi/MSF

Zugang zu Medikamenten

Hilfsprogramm zur Behandlung der Schlafkrankheit in Tambura, Süd-Sudan: Die Behandlung ist aufwändig und schmerzhaft.

Zeitpunkt einnehmen muss, hat sie die blaue Kühlbox immer bei sich. „Es wäre um so vieles einfacher“, sagt sie, „wenn es ein Medikament gäbe, das nicht gekühlt werden muss.“ Ein solches gibt es auch. Aber sie bekommt es nicht. Frau Somying teilt das Schicksal vieler Millionen Menschen in Entwicklungsländern. Menschen, die nicht die bestmögliche, keine gute oder schlicht gar keine Behandlung bekommen. Sei es, weil sie an einer Krankheit leiden, bei der kein Gewinn durch den Verkauf von Medikamenten zu erwarten ist oder weil die Preise für existierende Medikamente unerschwinglich sind. So sterben jährlich 17 Millionen Menschen an behandelbaren Infektionskrankheiten, wie Tuberkulose und Malaria, der Schlafkrankheit, Chagas, Buruli-Ulkus oder Kala Azar. An vernachlässigten Krankheiten, von denen viele Menschen bei uns noch nie etwas gehört haben.

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Medikamentenkampagne

Weil der fehlende Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten oft auch die Möglichkeit, Hilfe zu leisten, bremst, hat Ärzte ohne Grenzen im Jahr 2000 die Medikamentenkampagne „ACCESS – Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten“ gestartet. Das Ziel dieser Initiative ist, Lösungen zur besseren Medikamentenversorgung für Menschen in den ärmeren Ländern zu erarbeiten. Die ACCESS-Mitarbeiter verhandeln Preisreduktionen mit Pharmakonzernen, drängen Regierungen dazu, ihre Verantwortung wahrzunehmen, und zeigen gleichzeitig, wie Menschen auch mit begrenzten Mitteln bestmöglich behandelt werden können. Zu Frau Somyings Glück gibt es das Medikament Kaletra. Aber es gäbe seit mittlerweile zwei Jahren auch eine Abwandlung von Kaletra, Aluvia genannt, die nicht mehr gekühlt werden muss. Ein

unermesslicher Vorteil für die vielen Betroffenen in tropischen Gebieten. Doch Patienten und Patientinnen in Thailand werden Aluvia vermutlich nie erhalten. Zwar hatte der US-Hersteller Abbott versprochen, das neue Medikament zu niedrigeren Preisen in mehr als 150 Länder anzubieten, hat aber Thailand davon ausgenommen. Herstellerfirmen argumentieren, dass Forschung und Entwicklung eines Wirkstoffes 300 bis 600 Millionen US-Dollar kosten und dass sie deshalb über einen langen Zeitraum einen angemessenen Preis dafür verlangen müssen. Garantiert wird dieser Zeitraum durch das Patentgesetz. Zwanzig Jahre lang hat ein Pharmaunternehmen das Monopol auf den von ihm entwickelten Wirkstoff in jenen Ländern, in denen einem Patentantrag stattgegeben wurde. Erst danach können andere Unternehmen dieses Medikament nachbauen und durch eingesparte




Frau Somying und ihr Sohn kaufen Eis zur Kühlung ihrer Medikamente.

THEMA:

Brendan Bannon/MSF

Zugang zu Medikamenten

Abbott verweigert Thailand den Zugang zum temperaturstabilen HIV/Aids-Medikament Aluvia.

Forschungskosten als so genannte Generika sehr viel günstiger verkaufen. Ärzte ohne Grenzen verwendet in den weltweiten Hilfsprogrammen fast ausschließlich diese günstigen Nachbau-Präparate. Wer lebensbedrohlich krank ist, kann nicht zwanzig Jahre warten, bis die Behandlung leistbar wird. Für Entwicklungsländer gelten deswegen Ausnahmen vom Patentschutz. Schwellenländer stellen schon vor Ablauf der Patentfrist Medikamente legal her und vertreiben sie. Im Fall Kaletra hatte Thailand einem lokalen Unternehmen die Lizenz erteilt, das HIV/Aids-Medikament vor Ablauf der Patentfrist nachzubauen, um damit mehr Patienten behandeln zu können.

„Diese Lizenz wird von der Welthandelsorganisation (WTO) gebilligt“, erklärt der Wiener Arzt und ACCESS-Mitarbeiter Florian Breitenecker. „Daher ist die Weigerung Abbotts, den Nachfolger anzubieten, als Bestrafung Thailands zu verstehen.“ Vorgänge wie diesen oder etwa auch die Klage von Novartis gegen die indische Regierung (siehe Kasten und Interview) ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, um Druck auf die Verantwortlichen auszuüben, sieht Ärzte ohne Grenzen als Teil seiner Verantwortung. Das Lobbying bringt mitunter sehr konkrete Erfolge. So haben die meis­ten afrikanischen Länder auch auf Druck von Ärzte ohne Grenzen die staatliche Malaria-Behandlung auf

ACT-Kombinationswirkstoffe geändert, die heute wesentlich wirksamer sind als das bisher gängige Chloroquin, das bei vielen Patienten wegen Resistenzen keinen Behandlungserfolg mehr bringt. „Es ist schön zu sehen, wie Malaria-Patienten mit den richtigen Medikamenten innerhalb kürzester Zeit erfolgreich behandelt werden“, erzählt die Ärztin Tanja Zils von ihrem Einsatz in Kongo-Brazzaville. Vernachlässigte Krankheit

Schwieriger ist die Situation bei einer vernachlässigten Krankheit, die in Afrika eigentlich schon ausgerottet war: der Schlafkrankheit. Sie tritt seit den 1980erJahren wieder auf, betrifft mittlerweile 60 Millionen Menschen und verläuft

Michel Lotrowska/MSF

Novartis-Klage abgelehnt

Demonstration in New Delhi, Indien, gegen die Klage von Novartis: Menschen sind wichtiger als Patente.



Viele Wochen lang dauerte das Warten auf ein Urteil, am 6. August war es schließlich so weit. Der Gerichtshof im indischen Chennai hatte im Fall Novartis vs. Staat Indien entschieden: Die Patentrechtsklage des Pharmaunternehmens wurde abgewiesen. Eine frohe Nachricht für Patienten und Patientinnen in den armen Ländern der Welt, die auf erschwingliche Medikamente aus Indien angewiesen sind. Hätte Novartis gewonnen, wäre die Möglichkeit, Generika in Indien herzustellen, wesentlich eingeschränkt geworden. Ärzte ohne Grenzen hatte deswegen Ende 2006 eine Online-Petition gestartet, mit der Novartis zum Zurücklegen der Klage aufgefordert wurde. Mehr als 420.000

Menschen haben diese unterschrieben, unter ihnen auch Erzbischof Desmond Tutu, die ehemalige Schweizer Präsidentin Ruth Dreyfuss, die Deutsche Ministerin für Entwicklung Heidemarie Wieczorek-Zeul und der Autor John Le Carré. Am 8. August wurden die Unterschriften mit der Aufforderung, keinen Einspruch gegen das Urteil zu erheben, im Novartis-Hauptquartier in Basel übergeben. Im DIAGNOSE-Dossier: „Medikamente“ auf aerzte-ohne-grenzen.at/medikamente gibt es Hintergrundinformationen zum NovartisProzess. Weitere Themen: Die Forschungsinitiative DNDi, ein ausführliches Porträt von Frau Somying (siehe S. 4), sowie der Einsatzbericht von Waltraud Wernhart (siehe S. 6).

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Novartis vs. Staat Indien

ohne Behandlung zu 100 Prozent tödlich. „Diese Krankheit, die so weit von ‚unserer Welt‘ entfernt ist, wird von der Pharmaindustrie nicht berücksichtigt“, erklärt Waltraud Wernhart, Labortechnikerin aus Niederösterreich, die vor kurzem von einem Einsatz in der Zentral­afrikanischen Republik zurückgekommen ist. „In Makunda in der Zentralafrikanischen Republik hat Ärzte ohne Grenzen in der örtlichen Klinik vor kurzem eine kleine Station für Patienten eingerichtet, die an Schlafkrankheit leiden“, erzählt Waltraud Wernhart. „Die Behandlung ist äußerst schwierig. Zuerst benötigt es mehrere Tests, um eine korrekte Diagnose zu stellen. Dann gibt es zwei mögliche Medikamente. Eines stammt aus den 1940er-Jahren und ist hochgiftig. Fünf Prozent aller Patienten sterben an den Nebenwirkungen. Das andere bedingt viermal am Tag Injektionen, die unglaublich schmerzhaft sind.“ Ein Medikament wurde aus Profitmangel eingestellt und die Produktion erst wieder aufgenommen, nachdem derselbe Wirkstoff in Enthaarungscremen verwendet wurde. „Als Arzt steht man hier vor einer schweren Entscheidung“, resümiert ACCESS-Mitarbeiter Florian Breitenecker: „Patienten sterben ohne Behandlung und können auch an der Behandlung sterben. Gäbe es diese Krankheit in den Industrieländern, wären schon längst Wirkstoffe am Markt, die nicht so giftig sind“.

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Worum ging es im Prozess von Novartis gegen den Staat Indien? Es ging um einen Teil des indischen Patentrechtes, der besagt, dass nur wirklich neue Innovationen schützenswert sind. Ältere Medikamente sollen für den günstigen Nachbau als Generika zu Verfügung gestellt werden. Novartis wollte ein älteres Medikament durch leichte Veränderung für weitere zwanzig Jahre schützen lassen. Das indische Patentamt lehnte ab, Novartis klagte daraufhin gegen das Patentgesetz. Warum sind Millionen von Menschen auf Medikamente aus Indien angewiesen? Von indischen Herstellern produzierte Medikamente gehören zu den güns­ tigsten weltweit. Indien ist eines der wenigen Schwellenländer, die über die Kapazitäten verfügen, qualitativ hochwertige Medikamente in großen Mengen herzustellen. Einer der Gründe des günstigen Preises liegt in Indiens bisher liberalem Patentgesetz. Indien

Marcell Nimführ/MSF

Paijittra Katanyuta/MSF

Interview: Der Wiener Arzt Florian Breitenecker arbeitet in der Medikamenten-Initiative ACCESS von Ärzte ohne Grenzen. Er hat in Thailand und Malawi in HIV/Aids-Programmen gearbeitet.

Florian Breitenecker, Arzt in Wien.

Gunsten der Hersteller geändert werden, werden immer weniger wirklich innovative Wirkstoffe entwickelt. Was bedeutet es nun, dass Novartis verloren hat? Es war ein Präzedenzfall. Für indische Generika-Produzenten wird es nun eher möglich sein, für Entwicklungsländer erschwingliche Medikamente herzustellen. Durch die Bestätigung der derzeit gültigen Rechtslage können jetzt nur wirklich neue Medikamente patentiert werden. Was unternimmt Ärzte ohne Grenzen?

„84 Prozent der von Ärzte ohne Grenzen in HIV/Aids-Programmen verwendeten Medikamente sind Generika aus Indien.“ hat eine Schlüsselrolle in der Generika­Produktion. Welche Verbindung besteht zwischen Patenten und günstigen Medikamenten? Patente schaffen Monopole, verhindern Konkurrenz und damit niedrige Preise. Erst durch die Konkurrenz der Generika konnten die Kosten bei HIV/AidsBehandlung pro Patient und Jahr von 10.000 US-Dollar auf unter 140 Dollar gesenkt werden. Pharmakonzerne behaupten, dass nur durch Patentschutz Innovationen gesichert seien. Doch obwohl die Patentgesetze immer mehr zu

Der Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten ist ein wichtiges Thema für uns. Gegenwärtig stellt die Welthandelsorganisation (WTO) den Schutz geistigen Eigentums über die Bedürfnisse der Menschen in Entwicklungsländern. Solange sich dies nicht ändert, werden wir weiterhin auf die Pharmaindustrie einwirken, sowohl die Preise zu senken als auch das Recht auf Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten zu achten. Im Fall Novartis haben mehr als 420.000 Menschen unsere Petition unterzeichnet und dem Schweizer Konzern zugerufen: „Drop the Case – lasst die Klage fallen!“




THEMA:

Zugang zu Medikamenten Pere-Joan Pons ist in der Einsatzzentrale in Genf für die Medikamentenkampagne ACCESS zuständig.

Odyssee im südlichen Afrika

Mosambik: Pere-Joan Pons setzte sich bei seinem jüngsten Einsatz bei den Behörden des südafrikanischen Landes für eine effizientere HIV/Aids-Behandlung ein. Hohe Medikamentenpreise und Ärztemangel sind die Hauptprobleme der Gesundheitsversorgung.

E

s hat gerade zu regnen aufgehört an diesem Juni-Morgen in Mosambiks Hauptstadt Maputo. In der südlichen Hemisphäre ist Winter, und auch die Sonne scheint zu kränkeln. Ich stehe am Eingang des Gesundheitszentrums Xipamanin, in einem ärmlichen Teil der Stadt. Auf dem Gehsteig sehe ich einen Mann näher kommen, er ist in Decken gewickelt und hat eine Wollmütze auf dem Kopf. Obwohl er sie tief ins Gesicht gezogen hat, sieht man sofort, wie krank er ist. Sein Blick ist schwach, er bewegt sich langsam, scheint kaum mehr Kraft für die Schritte bis zum Eingang der Klinik zu haben. Xipamanin ist eines von mehreren Gesundheitszentren in Maputo, in denen Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) HIV/Aids-Patienten mit der antiretroviralen Therapie behandelt – der bestmöglichen Therapie gegen die Immunschwächekrankheit. Im ganzen Land bekommen fast 13.000 HIV/AidsPatienten von unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen die für sie so wichtige Behandlung, pro Monat werden 200 neue Patienten aufgenommen – wie in Xipamanin immer im Rahmen der staatlichen Gesundheitsstrukturen.



So erfreulich diese Zahlen sind – im täglichen Kampf gegen die Krankheit haben unsere Teams enorme Probleme zu bewältigen. Immer wieder kommt es zu Engpässen, sowohl bei lebenswichtigen Medikamenten als auch beim Gesundheitspersonal. Von 270.000 Menschen in Mosambik, die dringend eine antiretrovirale Behandlung benötigen, erhalten diese derzeit gerade einmal 55.000. Die Behörden haben sich hohe Ziele gesteckt: 2008 sollen bereits 120.000 HIV/Aids-Patienten in Therapie sein. Aber wenn nicht schnell drastische Schritte gesetzt werden, bleibt dieses Ziel in weiter Ferne. Auch die Folgen für unsere Hilfsprogramme und unsere Patienten wären dramatisch. Dies ist der Grund für meinen Einsatz in dem südostafrikanischen Land. Als Verantwortlicher für die Medikamentenkampagne ACCESS in der Genfer Einsatzzentrale bin ich damit beauftragt, den Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten für unsere Hilfsprogramme voranzutreiben. Angesichts einer drohenden Verteuerung der Aids-Behandlung und dramatischer Personalengpässe hat mich das Team in Maputo um Hilfe gebeten.

Mosambik Fläche:  801.590 km2 Einwohner:  19,4 Millionen Hauptstadt:  Maputo 42 Jahre Lebenserwartung:  163 von 1.000 sterben Kindersterblichkeit:   vor ihrem 5. Geburtstagtag 3 pro 100.000 Ärzte pro Einwohner: 

Tansania Sambia MALAWI Lilongwe

Harare

Mosambik

Simbabwe

Nampula

Quelimane

Beira INDISCHER OZEAN

Südafrika Swasiland

Maputo

diagnose 3/2007


Ich bin gekommen, um mich bei den Behörden von Mosambik dafür einzusetzen, dass die Regierung die Medikamente von den Pharmafirmen zum niedrigstmöglichen Preis bezieht. Außerdem werde ich mich im Namen von Ärzte ohne Grenzen für eine Dezentralisierung der Aids-Behandlung stark machen, die dringend notwendig ist, damit auch Betroffene in entlegenen Gebieten eine realistische Chance auf eine Behandlung bekommen. Letzteres scheitert vor allem am extremen Ärztemangel: In dem Land mit 19,4 Millionen Einwohnern gibt es weniger als 700 Ärzte und Ärztinnen, die Hälfte davon in der Hauptstadt. Im ganzen Land sind die Krankenhäuser völlig überlastet. Das Gesundheitsminis­ terium müsste beispielsweise den Krankenschwestern und medizinisch-technischem Personal erlauben, auch Rezepte auszustellen. Beim Besuch verschiedener KlinikApotheken wird mir klar, wie sehr die Beschaffung der Medikamente für HIV/Aids-Patienten und -Patientinnen noch immer einer Odyssee gleicht. Eine Apothekerin erzählt mir, dass es ihr viel zu oft an den Basismedikamenten fehlt, die für die Behandlung der typischen Begleitkrankheiten von HIV/Aids notwendig sind. „Zur Behandlung von Tuberkulose haben wir nur wenig mehr als die grundlegendsten Medikamente“, klagt sie. Wenn die Lieferungen der Gesundheitsbehörden ausgefallen sind, hat Ärzte ohne Grenzen die Medikamente aus

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den eigenen internationalen Beständen ersetzt, um folgenschwere Behandlungsunterbrechungen für die Patienten zu verhindern. Wir besuchen die Direktorin der Pharmazeutika-Einkaufszentrale von Mosambik, um mit ihr über diese Probleme zu sprechen. Sie macht die schlechte Koordination der verschiedenen zuständigen Stellen, von den Gesundheitsbehörden bis zu den Pharmafirmen, für die Lieferunterbrechungen verantwortlich. Es herrscht Aufregung: Das Schweizer Pharmaunternehmen Roche kündigt an, das HIV/Aids-Medikament Viracept weltweit aus Qualitätsgründen zurückzuziehen. Es ist das Medikament, das in den staatlichen Aids-Programmen von Mosambik verwendet wird. Nun gilt es für die Menschen, die das Medikament brauchen, schnell eine Alternative zu finden. Dieser Wechsel im nationalen Behandlungsprotokoll wird es möglich machen, in Mosambik das Mittel Lopinavir/Ritonavir einzuführen. Für dieses Aids-Medikament hat Ärzte ohne Grenzen zur Verwendung in den Hilfsprogrammen beim US-Hersteller Abbott eine Preisreduktion von 7.500 US-Dollar auf 500 US-Dollar pro Patient und Jahr erreicht. Sofort setzen wir uns bei Behörden und Vertretern der internationalen Geber dafür ein, dass dieser Preisnachlass auch für die staatlichen Programme in Mosambik gefordert wird. Mit Erfolg. Mittlerweile bezieht Mosambik diese Mittel zu einem ähnlichen Preis wie Ärzte ohne Grenzen. Im Krankenhaus von Lichinga, 1.500 Kilometer von Maputo entfernt, betreibt Ärzte ohne Grenzen ein HIV/Aids-Programm. 90 Prozent der Medikamente, die hier an Aidskranke ausgegeben werden, stammen aus Indien. Sie kosten weniger als 140 US-Dollar pro Patient

Ärzte ohne Grenzen in Mosambik Einsatzbeginn: 1984 Internationale Mitarbeiter: 59 Nationale Mitarbeiter: 853 Schwerpunkt: Behandlung von HIV/Aids

und Jahr, ein beachtlicher Preis, bedenkt man, dass dieselbe Behandlung vor weniger als zehn Jahren nicht unter 10.000 US-Dollar zu bekommen war. Aber die Einführung von Medikamenten wie Lopinavir/Ritonavir wird die Kosten stark in die Höhe treiben. Betroffene, die wir hier treffen, sind deswegen sehr besorgt. Auch ihnen versichern wir, dass wir weiterhin Druck ausüben. Nach einigen Wochen mache ich mich wieder auf den Heimweg, Bilder von unseren Patienten im Kopf, wie jener Mann vor der Klinik Xipamanin. 270.000 Menschen benötigen in Mosambik eine HIV/Aids-Behandlung. Damit dies möglichst bald Realität wird, müssen wir weiterhin beweisen, wie die Behandlung gut funktioniert, die Probleme aufzeigen und uns bei den Verantwortlichen – seien es Regierungen, internationale Geber oder Pharmafirmen – für den Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten einsetzen.

Pere-Joan Pons/MSF

Benjamin Bechet/MSF

16 Prozent der Menschen in Mosambik sind mit HIV/Aids infiziert. Daneben sind grundlegende medizinische Versorgungsmängel und die Folgen von Flutkatastrophen der vorangegangenen Jahre die größten Probleme.

Klinik in Maputo, der Hauptstadt von Mosambik.




HINTERGRUND Ein Lager in Bordeaux In Bordeaux, Frankreich, ist MSF-Logistique, das Logistikzentrum von Ärzte ohne Grenzen, stationiert. Dort stehen neben anderen Hilfsgütern auch Medikamentenpakete bereits fertig verpackt und verzollt für den Einsatz bereit. Tabletten werden für Ärzte ohne Grenzen nicht wie gewohnt in 10-, 20-, 30-Stück-Schachteln, sondern in Dosen zu 1.000 Stück abgefüllt. Insgesamt verfügt MSF-Logistique über 13.200 medizinische Produkte.

WIE MEDIKAMENTE ZU PATIENTEN KOMMEN

Logistik bei Ärzte ohne Grenzen: Damit die Patientinnen und Patienten in den Hilfsprogrammen die nötigen Medikamente bekommen, hat Ärzte ohne Grenzen eine ausgefeilte Logistik entwickelt: Innerhalb von 24 Stunden können Medikamentenlieferungen an ihrem Bestimmungsort sein.

Generika für Entwicklungsländer Ärzte ohne Grenzen folgt dem Grundsatz, ausschließlich günstige Nachbau-Medikamente, Generika genannt, zu verwenden, wenn es solche für eine Krankheit gibt. Gelegentlich kauft die Organisation Medikamente am lokalen Markt ein, wenn es aufgrund entfallender Transportwege und Zollgebühren günstiger ist. Die Versorgung wird auch eher sichergestellt, wenn Ärzte ohne Grenzen ein Projekt später an das jeweilige Gesundheitsministerium oder an eine andere NGO übergibt.

Essentielle Medikamente im Plastsiksackerl Ärzte ohne Grenzen hat es geschafft, die Liste der essentiellen Medikamente auf ungefähr 50 zu reduzieren. Alle Ärzte verwenden in allen Programmen die gleichen Medikamente für eine Krankheit. Patienten erhalten dann ein kleines Plastiksackerl mit der Wochenration. Darauf ist die Einnahmeuhrzeit abgebildet, in Form von Sonne oder Mond für Tag und Abend.

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Carl Cordonnier, Ton Koene (2), Sergio Cecchini, Espen Rasmussen, Francesco Zizola, Jean-Marc Giboux/alle MSF

Manche Medikamente müssen ständig gekühlt werden. Flüge, mehrere Verteilstationen, Autofahrten durch Dschungel oder Wüste: Der gesamte logistische Apparat von Ärzte ohne Grenzen läuft auf Hochtouren, damit die Medikamente in optimalem Zustand an ihrem Bestimmungsort ankommen.

Behandlungserfolg trotz Schwierigkeiten Nach der Verteilung besteht die Gefahr, dass Patienten die Einnahme vorzeitig abbrechen, wenn es ihnen besser geht. Oder sie verteilen die Medikamente im Glauben, dass sie gut für die ganze Familie seien. Doch dank des Einsatzes der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen liegt beispielsweise in HIV/AidsProjekten die erfolgreiche Behandlungsrate bei 80 Prozent.

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Aus den Aus den Einsatzgebieten Einsatzgebieten

E-mail aus Itang

MSF-Mitarbeiter in Gambella: Patienten leiden hauptsächlich an Durchfallerkrankungen, Tuberkulose und HIV/Aids.

L

iebe Kollegen, jetzt wird’s aber einmal Zeit, euch einen Bericht abzuliefern, hatte ja schon öfters dran gedacht … Seit über drei Monaten bin ich hier in Itang in der äthiopischen Region Gambella. Itang hat so etwa 3.000 Einwohner und liegt am Baro-Fluss. Die Hauptbevölkerungsgruppen bestehen aus Anuak und Nuer, die seit etwa drei Jahren friedlich nebeneinander leben, nachdem es durch die Wirren der dauernden Vertreibungen und Umsiedelungen im Jahr 2003 Kampfhandlungen gegeben hatte. Ärzte ohne Grenzen leitet hier seit März 2003 ein medizinisches Hilfsprogramm zugunsten der ärmsten Menschen in der Region. Das äthiopische Gesundheitsministerium betreibt ein Gesundheits-

zentrum, welches Ärzte ohne Grenzen unterstützt. Das Zentrum wächst ständig. Es gibt eine kleine Abteilung für unter­ ernährte Kinder, eine Mutter-Kind-Abteilung mit Kreißsaal, seit einem Jahr ein Tuberkulose-Dorf und seit zwei Monaten auch ein HIV/Aids-Programm. Unser Team, bestehend aus bis zu drei Ärzten, behandelt täglich rund 100 ambulante Patientinnen und Patienten. Zu meiner Unterstützung habe ich wechselnde äthiopische Ärzte. Ich arbeite besonders gern mit Dr. Daniel aus Addis Abeba zusammen. Er sorgt sich um alles und ist in Sachen HIV/Aids sehr bewandert. Ich werde noch einiges von ihm lernen können. Wir wechseln uns monatlich darin ab, wer für die Stationen im Krankenhaus und wer für

Unternährung bei Kleinkindern

Anne Yzebe/MSF

Niger: Beunruhigender

Trend im Jahr 2007

Ärzte ohne Grenzen hat in der nigerischen Region Zinder seit Anfang dieses Jahres bereits 4.372 unterernährte Kinder behandelt. Diese Zahl liegt höher als jene von 2006 und beunruhigt die Teams von Ärzte ohne Grenzen, denn die Periode, in der die Erntevorräte aufgebraucht sind und die Menschen auf die nächste Ernte warten, hat gerade erst begonnen. Obwohl sich die Lage nach der große Nahrungskrise von 2005 im vorigen Jahr entspannt hatte und die Hirsepreise stabil blieben, stieg die Zahl der behandelten Kinder im Jahr 2007 wieder an. Derzeit unternimmt Ärzte ohne Grenzen in dieser Region eine Untersuchung der Ernährungslage, um herauszufinden, wie schwerwiegend der Nahrungsmangel in diesem Jahr ist.

den ambulanten Bereich zuständig ist. Wir sind eben recht flexibel. Das ist ein Hauptkriterium, um bei Ärzte ohne Grenzen arbeiten zu können. Die Arbeit macht mir sehr viel Freude, es ist schön, Patienten über eine gewisse Zeit begleiten und mit medizinischer Grundversorgung, klinischem Wissen und Hausverstand doch eine Menge erreichen zu können! Unsere Hauptarbeitsgebiete sind Durchfallerkrankungen, Tuberkulose, HIV/Aids, Schlangenbisse, Verletzungen, aber auch diverse Atemwegs- und Herzerkrankungen, die eben leider nur bedingt behandelt werden können. So behandle ich einen achtjährigen Buben namens Kong, der an Atemnot und immer wieder auftretenden Bauchschmerzen leidet. Die klinische Untersuchung zeigte, dass Kong offensichtlich einen angeborenen Herzfehler hat. Diagnostische Möglichkeiten wie Echokardiografie gibt es hier nicht, und ein Transport in die Hauptstadt ist aus finanziellen Gründen nicht möglich. Aber immerhin kann ich ihm mit Medikamenten Erleichterung verschaffen. Tja, so sieht’s hier aus. Die Regenzeit schickt ihre Vorboten voraus, die Zahl der Schlangen nimmt zu, Moskitos werden auch mehr, und am Morgen prasselt es vor dem Fenster.  Liebe Grüße aus Itang, Friedrich Weber

Ernährungshilfe in Zinder, Niger: Eine Mutter erhält das Fertignahrungsmittel „Plumpy Nut“.

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Stefan Pleger/MSF

Äthiopien: Der oberösterreichische Arzt Friedrich Weber berichtet von seinem Einsatz in der südäthiopischen Region Gambella.


„Wenn wir von der italienischen Küstenwache über die Ankunft eines Flüchtlingsbootes informiert werden, fahren wir mit unserer mobilen Klinik zum Hafen. Wir haben zuvor die Medikamente für die Nothilfe, das medizinische Material sowie etwas Essen, Wasser, Tee oder hochproteinhaltige Kekse vorbereitet.“

Margareta Ahrer, Myanmar (Burma) Wien, biomedizinische Analytikerin Ahmed Al Sarraf, Sudan Neunkirchen (NÖ), Arzt Cem Angeli, Tschad Wien, Administrator Gurbanjemal Atakova, Sierra Leone Wien, Ärztin Petra Charousova, Mosambik Chocen (CZ), Pharmazeutin Patricija Ecimovic, Nigeria Ljubljana (SL), Anästhesistin Rudolf Fertschnig, Kirgisistan Vandans (VB), biomedizinischer Analytiker Bertrand Gosset, Dem. Rep. Kongo Wien, Administrator Petra Haderer, Sierra Leone Waldkirchen (OÖ), biomedizinische Analytikerin Thomas Hohenberger, Sudan Wien, Logistiker Ondrej Horvath, Sudan Prag (CZ), Logistiker Therezie Hurychova, Kolumbien Litomysl (CZ), Krankenschwester Caroline Koberg, Sudan Wien, Hebamme Marius Koscal, Myanmar (Burma) Bratislava (SK), Logistiker Alena Koscalova, Myanmar (Burma) Bratislava (SK), Ärztin Michael Kratzer, Sierra Leone Wien, Arzt Leopold Kröll, Usbekistan Wien, Psychotherapeut Marion Lassager, Kirgisistan Wien, Administratorin Petr Macek, Liberia Prag (CZ), Logistiker Marcin Pietraszkiewicz, Myanmar (Burma) Gdansk (PL)/Wien, Arzt Irena Rusnokova, Äthiopien Bratislava (SK), Ärztin Georg Schreyer, Myanmar Graz, Arzt Laura Spannocchi, Dem. Rep. Kongo Wien, Krankenschwester Maria Steinbauer, Sudan Eggwald (St), Psychologin Ingrid Strasser, Sri Lanka Wien, Krankenschwester Mario Thaler, Pakistan Imst (T), Administrator Tanja Thurn, Liberia Krieglach (St), biomedizinische Analytikerin Eva Vyoral-Prock, Uganda Paasdorf (NÖ), Hebamme Friedrich Weber, Äthiopien Neumarkt im Mühlkreis (OÖ), Arzt Isabelle Weisswasser, Sudan Wien, Administratorin

diagnose 3/2007

Flüchtlingskatastrophe in Italien Italien: Ärzte ohne Grenzen versorgt Flüchtlinge auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa. edes Jahr landen 18.000 Flüchtlinge auf Lampedusa. Sie kommen zumeist aus nord- und westafrikanischen Ländern sowie dem Nahen Osten und haben oft eine monate- oder gar jahrelange Reise hinter sich. Meist sind es sehr junge Männer. In den vergangenen Wochen ist es vermehrt zu dramatischen Situationen vor der Küste der Mittelmeer­ insel gekommen. Schlecht ausgerüstete Boote und überfüllte Schiffe sind gekentert und dabei sind viele Menschen ertrunken. Jene, die den Weg über das Meer überleben und den Hafen erreichen, sind erschöpft, hungrig und durstig, leiden an Atemwegsbeschwerden. Ärzte ohne Grenzen hat die ärztliche Erstversorgung der Ankömmlinge übernommen. Das Team besteht aus zwei Ärzten, einer Krankenschwester und einem Übersetzer. Diejenigen, die medizinische Hilfe benötigen, werden in mobilen Kliniken behandelt. Sie erhalten Medikamente zur Nothilfe, Nahrungsmittel und Getränke.

Chris Maluszynski/MOMENT

J

Hafen von Lampedusa: Jährlich kommen 18.000 Flüchtlinge an.

Die Strapazen sind für viele traumatisch. Das Risiko, dass die Boote kentern, ist groß. Diese lebensbedrohliche Situation führt nicht selten zu einem Gefühl von Ohnmacht und Schrecken. Ein Psychotherapeut von Ärzte ohne Grenzen betreut Betroffene, die an akuten Belastungsstörungen, Depressionen und Angstsymptomen leiden.

Einsatz nach der Flut Pakistan: Medizinische

Hilfe nach

Überschwemmungen

MSF

Erklärung: Name, Einsatzland; Geburts- bzw. Wohnort ­([Bundes]land), Beruf

MSF

Der italienische Arzt und Psychotherapeut Luciano Grisio betreut für Ärzte ohne Grenzen Flüchtlinge auf der italienischen Insel Lampedusa.

Derzeit im Einsatz:

Nachdem heftige Monsunregen und der Zyklon Yemyin Ende Juni schwere Überschwemmungen in Pakistan ausgelöst haben, hilft Ärzte ohne Grenzen der Bevölkerung in von Hilfe abgeschnittenen Dörfern mit mehreren mobilen Kliniken. Zudem wurde ein Zentrum für die Behandlung von Fluthilfe: Versorgung mit Trinkwasser. Durchfallerkrankungen eingerichtet. Teams kümmern sich um die Versorgung mit Trinkwasser. Darüber hinaus verteilt Ärzte ohne Grenzen lebenswichtige Hilfsgüter wie Zelte, Decken, Hygienesets und Nahrungsmittel. Die Mitarbeiter bieten auch medizinische Versorgung an, um das Gesundheitsministerium zu unterstützen. In Turbat verfügt Ärzte ohne Grenzen über Vorräte an Medikamenten und Materia­ lien, um 50.000 Menschen für drei Monate zu behandeln.

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Wirksame Hilfe in einem Kala-Azar-Programm in Somalia: Unabhängigkeit ist entscheidend.

spenden, partner, kooperationen

So können Sie Ärzte ohne Grenzen unterstützen ➤ per Zahlschein: einfach Betrag einsetzen und bei der Bank einzahlen. Zahlscheine liegen fast jeder Aussendung bei (z. B. dieser DIAGNOSE) oder können beim Spender-Service angefordert werden ➤ per Überweisung auf unser Spendenkonto PSK 930 40 950 (BLZ 60.000) ➤ per Abbuchungs- bzw. Dauerauftrag: Sie bestimmen Höhe und Intervall, und die gewünschte Spende wird automatisch von Ihrem Konto abgebucht ➤ per SMS: einfach gewünschten Spendenbetrag als SMS-Text an 0664 660 1000 schicken (derzeit nur für A1-Privat- und B-free-Kunden möglich) ➤ online: ganz bequem auf unserer Website www.aerzte-ohne-grenzen.at/spenden

So erreichen Sie uns: Taborstraße 10, 1020 Wien Tel.: 0800 246 292 (gebührenfrei) Fax: 01/409 72 76-42 E-Mail: spende@aerzte-ohne-grenzen.at www.aerzte-ohne-grenzen.at/spenden Spendenkonto: PSK 930 40 950, BLZ 60.000

Unabhängig: Humanitäre Hilfe muss ohne Einfluss durch politische oder wirtschaftliche Interessen erfolgen. Um auch in Zukunft rasch und effizient helfen zu können, brauchen wir die Unterstützung von privaten Spendern.

O

berstes Ziel bei allen Einsätzen von Ärzte ohne Grenzen ist immer, Menschenleben zu retten. Wir sind der Meinung, dass jeder Mensch – unabhängig von Nationalität, Hautfarbe, politischer oder religiöser Überzeugung – ein Recht auf professionelle medizinische Hilfe in lebensbedrohlichen Situationen hat. Die Entscheidung, wo geholfen werden soll, muss daher allein danach getroffen werden, wo die Not am größten ist. Aus diesem Grund sind private Spenden enorm wichtig. Spenden von Privatpersonen stellen sicher, dass wir finanziell unabhängig sind. Das bedeu-

tet, dass wir uns bei der Wahl unserer Hilfseinsätze nicht nach politischen oder wirtschaftlichen Prioritäten von Regierungen oder öffentlichen Institutionen richten müssen, sondern dort helfen können, wo wir am meisten gebraucht werden. Ärzte ohne Grenzen erhält natürlich immer wieder auch öffentliche Unterstützung. Es wird aber strikt darauf geachtet, dass der Großteil der Einnahmen von privaten Spendern stammt. Uns ist es genauso wichtig wie unseren Spendern, jenen Menschen rasch und effizient helfen zu können, die unsere Hilfe am dringendsten benötigen.

Neue DVD

Gebührenfrei zu Ärzte ohne Grenzen: 0800 246 292

Film des Jahres 2006/07

MSF

Spender-Service:

Spender-Service-Team: Martha Berger, Mag. Elisabeth Nyanda, Jasmin Brunner

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Private Spenden sichern Unabhängigkeit

Sie haben Fragen an Ärzte ohne Grenzen? Möchten Sie eine Adressänderung bekannt geben, Informationen anfordern, einen Abbuchungsauftrag ändern? Oder planen Sie eine Benefiz-Aktion? Unser Team vom Spender-Service beantwortet gerne Ihre Fragen, gibt Ihnen Tipps und Hinweise für Ihre Spendenaktion und schickt Ihnen die gewünschten Informationen. Sie erreichen uns zwischen 9 und 17 Uhr unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800 246 292.

Der Film gibt einen Einblick in die verschiedenen Einsatzgebiete von Ärzte ohne Grenzen. Die DVD kann bei unserem SpenderService kostenlos angefordert werden: 0800 246 292 (gebührenfrei)

Alle Kosten der Hotline trägt Telekom Austria. Danke.

diagnose 3/2007


MSF

Espen Rasmussen/MSF

Spender-Betreuer und -Betreuerinnen im Einsatz: Persönliche Gespräche sind wichtiger als jeder Brief.

Partnerschaft mit Europ Assistance:

Telefonische Spenderbetreuung

Serie: Wirkungsvoll spenden Immer öfter fragen uns Spender, wie sie einfach und kostengünstig spenden können. In dieser Serie beantworten wir die häufigsten ­Fragen.

Teil 3: online spenden Wer einen Internet-Zugang hat, kann auch online spenden. Sicher, einfach, schnell und jederzeit von überall auf der Welt. So können Sie spenden: Abbuchungsauftrag: Regelmäßiger wie auch einmaliger Überweisungsauftrag vom eigenen Konto an Ärzte ohne Grenzen. Einzige Voraussetzung ist ein eigenes Konto. Internet-Banking (EPS): Wer das InternetBanking seiner Bank benützt, kann direkt von der Spendenseite dorthin wechseln und somit alle persönlichen Einstellungen verwenden. Kreditkarten: Inhaber von VISA, MasterCard und Diners Club können Spenden wie von Online-Shops gewohnt abwickeln. Bankomatkarte: Dazu muss Ihre MaestroKarte von Ihrer Bank für Online-Zahlungen freigeschaltet sein. Alle Infos dazu erhalten Sie direkt bei Ihrer Bank. paybox: Bequemes und sicheres Spenden übers Handy steht allen paybox-Kunden zur Verfügung. Sicherheit: Der gesamte Spendenbereich von Ärzte ohne Grenzen liegt auf einem sicheren Server, wird von der Firma e-spende betrieben und von Qenta Payment Solutions abgewickelt. Die Seite ist von VeriSign zertifiziert. Beim Spendenvorgang werden alle Daten mittels SSL-Verschlüsselung versendet, wodurch sie von Unbefugten nicht abgefangen werden können. Wie bei allen Spenden werden übermittelte Daten streng vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Unsere Empfehlung: Online spenden ist vor allem für jene Menschen besonders geeignet, die mit dem Internet vertraut sind und ihre Einkäufe oder Bankgeschäfte ohnedies online erledigen. Fragen? Für weitere Informationen steht Ihnen unser Spender-Service gerne zur Verfügung: 0800 246 292 (gebührenfrei) oder spende@aerzte-ohne-grenzen.at. Noch mehr darüber unter www.aerzte-ohne-grenzen.at/ spenden

diagnose 3/2007

„Schön, dass ich Sie persönlich erreiche …“ Ein Satz, den Sie vielleicht schon am Telefon gehört haben. Denn Ärzte ohne Grenzen hat gemeinsam mit Europ Assistance seit drei Jahren eine telefonische Spenderbetreuung eingerichtet. Seither haben unsere Mitarbeiter Tausende von Spendern und Spenderinnen angerufen: um sich für eine Spende zu bedanken oder auf ein aktuelles Anliegen aufmerksam zu machen. Für Ärzte ohne Grenzen ist ein Telefongespräch wertvoller als jeder Brief. In einem persönlichen Gespräch mit den Spendern und Spenderinnen können wir unsere Anliegen erklären. Außerdem ist es für uns wichtig, mehr über die Wünsche und Bedenken unserer Spender zu erfahren. Manche sind überrascht, wenn wir anrufen. Doch nach fast jedem Gespräch sind beide Seiten zufrieden. Viele Spender sagen das direkt, andere zeigen es durch eine weitere Spende. Dank dieser Unterstützung kann Ärzte ohne Grenzen in über 60 Ländern der Welt tagtäglich Menschen das Leben retten! Europ Assistance bringt als Partner viel Erfahrung in der Telefonbetreuung mit. Zusätzlich unterstützt Europ Assistance jedes unserer Telefongespräche mit einer Spende.

Zukunft schenken mit einem Vermächtnis Immer mehr Menschen beschließen, auch über ihr eigenes Leben hinaus Hilfe für Menschen in Not zu leisten. Mit einem Vermächtnis an Ärzte ohne Grenzen setzen sie ein sichtbares Zeichen dafür. Ärzte ohne Grenzen hat einen Ratgeber zum Thema Testament und Erbrecht erstellt. Sie können sich hier zu Fragen der Erbschaftssteuer, der gesetzlichen Erbfolge, des gesetzlichen Pflichtteils und über Formvorschriften für ein gültiges Testament informieren. Gerne senden wir Ihnen diesen Ratgeber kos­tenlos und unverbindlich zu. Ihre Ansprechpartnerin Elisabeth Meyer informiert Sie auch gerne in einem persönlichen Gespräch: Tel.: 01/409 72 76-13, elisabeth.meyer@aerzte-ohne-grenzen.at. Charity-Turnier in Traunsee:

Golfen für einen guten Zweck Am 19. Mai fand das traditionelle jährliche Charity-Turnier des Golfclubs TraunseeKirchham statt – diesmal zugunsten von Ärzte ohne Grenzen. 80 Teilnehmer, unterstützt von zahlreichen regionalen Sponsoren, erspielten 7.500 Euro. Wir danken der Organisatorin Gabriele Ninol für ihr großartiges Engagement.

BernerStolz verbessert Wiener Büro Das Wiener Architektenbüro BernerStolz sieht das so: Wenn die Arbeitsumgebung stimmt, stimmen auch die Leistungen. Das gilt nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch für Non-Profit-Organisationen. Bereits zweimal wurden daher die Arbeitsplätze im Wiener Büro von Ärzte ohne Grenzen unter die Lupe genommen, und es wurde dem Platzmangel abgeholfen. Mit kostenloser professioneller Beratung und Konzepten, die auch in der Umsetzung nichts gekostet haben. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bedanken sich herzlich.

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Thomas Dandois/MSF

Ärtze ohne Grenzen sucht Chirurgen Für Einsätze

Gary Myers operiert in einem Krankenhaus in Adré, Tschad. In vielen Hilfsprogrammen von Ärzte ohne Grenzen brauchen wir dringend Chirurginnen und Chirurgen, Anästhesisten und Anästhesistinnen sowie OP-Pflegekräfte, die mit uns auf Einsatz gehen und dadurch sicher­stellen, dass Menschen in Krisen­gebieten operiert werden können. Für einen Auslandseinsatz gelten folgende Voraussetzungen: ■ abgeschlossene Ausbildung (Facharzt) ■ sehr gute Englischkenntnisse ■ mindestens zwei Monate verfügbare Zeit ■ Belastbarkeit ■ Teamfähigkeit. Vorteilhaft sind weitere Fremdsprachen und Auslandserfahrung.

Weitere Informationen: Ärzte ohne Grenzen, Tel.: +43/1/409 72 76, www.aerzte-ohne-grenzen.at


DIAGNOSE 3/2007