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Dennis Fassing

Zu fr端h in Calais Kurzgeschichte


You don't know love like you used to. You don't feel love like you did before. - Editors: You don‘t know love


Ich laufe in einer viel zu langen Schleuse, von der ich nicht weiß, wo sie mich hinführen wird. Warnleuchten drehen sich langsam über meinem Kopf und mein Körper zittert. Ich bin eingepackt in einen weichen Stoff, der in Bahnen auf mir liegt. Von irgendwoher dringen Geräusche an mein Ohr, doch ich kann die Richtung nicht bestimmen. Ich glaube, im Dunkel des Tunnels einen Abschluss zu erkennen, eine Schleusentür, doch ich habe das Gefühl, dort nicht ankommen zu können. Und tatsächlich, sobald ich mir dies dachte, beginnt alles heller zu werden und sich aufzulösen, fällt mir der Boden unter den Füßen weg. Ich falle scheinbar, denn mein Kopf fällt nach links und prallt gegen eine Wand, die ich nicht mehr sehen kann. Ich öffne die Augen, nur kurz, dann muss ich sie wieder zukneifen, da mich ein grelles Licht sticht. 5


Ich spüre Schmerz im Nacken, mein Kopf ist verdreht, mein Ohr ist gequetscht. „Wach auf, wir sind da“, sagt Bernhard. Eine Hand zieht die Decke weg, die ich um mich gewickelt habe. Der Anschnallgurt schneidet mir in den Hals, ich kann mich kaum aufrichten, so steif und kalt fühlen sich meine Glieder an. Nicole sieht mich vom Beifahrersitz an, sie hat die Decke weggezogen. Sobald ich mich aufgerichtet habe, wendet sie sich wieder nach vorne. Rechts von mir sitzt Elli, auch sie sieht aus, als wäre sie gerade erst aufgewacht, einige dünne Haarsträhnen stehen nach oben ab, sie blinzelt wie ein Maulwurf, der sich an die Oberfläche gegraben hat. „Wie spät isses denn?“, murmele ich. „Kurz nach fünf.“, antwortet Bernhard. Ich erinnere mich, zuletzt gegen drei Uhr wach gewesen zu sein. Zu dieser Zeit waren wir noch auf belgi6


schen Autobahnen, die so ausgestorben in der Nacht lagen, dass man sich wie in einer Filmkulisse fühlte. Ich sehe aus dem Fenster auf eine riesige Industrieanlage zu meiner Linken. Hohe schlanke Schlote werfen weißen Dampf gegen den schwarzen Himmel, rote Positionsleuchten blinken nahezu überall. Zwischen der Anlage und der Straße scheint nichts zu sein, eine dunkle Ebene. Ich glaube, dass wir immer noch in Belgien sind. „Das ist Calais?“, frage ich. „Sieh nach vorne. Das ist Calais“, sagt Nicole. Elli und ich rücken gleichzeitig in die Mitte der Rückbank und gucken zwischen den Vordersitzen hindurch nach draußen. Unsere Oberschenkel berühren sich, ihre Hand wird zwischen sie gedrückt und wieder kommt mir der Gedanke, dass ich mit ihr verkuppelt werden soll, dass sie nur deshalb auf dieser Reise dabei ist. Ich kenne sie kaum, 7


könnte sie nicht eine Freundin nennen. Sie gehört zu Nicole, irgendwie. Vor uns weitet sich die enge Straße zu einer vielspurigen Zufahrtstrasse. Außer uns ist hier kein anderes bewegtes Fahrzeug. Ich suche vergeblich nach Lastwagen oder wenigstens Staplern, doch nichts rührt sich. Ich muss mir die Augen reiben, um endlich das Gefühl zu verlieren, nur in einer Kulisse zu sein. Bernhard reiht den Wagen in eine der Linien ein und steuert das linke der beiden offenen Zollhäuschen an. „Gebt mir eure Ausweise vor“, sagt er und lässt schon das Fenster runter. Eiskalte Luft schlägt mir entgegen und ich will mich sofort wieder in die Decke einwickeln. Stattdessen fische ich meinen Ausweis aus dem Portmonee und reiche ihn zusammen mit Ellis Dokument nach vorne. Die 8


Schalterfrau wirkt, als wäre sie gerade aufgestanden, vielleicht stimmt das sogar. Sie scheint sich nicht sonderlich für uns zu interessieren, unsere Papiere gibt sie uns so schnell zurück, dass sie sie unmöglich alle vier angesehen haben kann. Langsam rollen wir durch die Zollschranke, Bernhard befestigt eine Platzkarte am Rückspiegel. Wir müssen nach 6-122, was in meinen Ohren sehr weit weg klingt. „Die nächste Fähre geht um sechs. Und wir hatten mir der Acht-Uhr-Fähre geplant. Wir sind zu früh“, sagt er. „Blitzmerker“, denke ich. Statt etwas zu sagen, sehe ich aus dem Fenster auf die tote Betonwelt. Auch hinter den Zollschranken bewegt sich nichts. Einer von Europas größten Passagierhäfen und nicht ein Hafenarbeiter kehrt auch nur den Parkplatz. Ich bekomme das dringende Bedürfnis, aus dem Wagen zu steigen und 9


den Ort mit meinen Schritten zu beleben, ihm eine Wirklichkeit einzulaufen. Einen Tee an Kaimauer zu trinken, falls es hier so etwas gibt. Ich kann das Wasser nicht sehen. „6-122 ist da vorne“, sagt Bernhard und biegt auf einen weiteren abgetrennten Parkplatz ein. „Da steht sogar schon ein Bus. Wir sind nichtmal die Ersten.“ Ich drücke mir die Nase platt, um einen Blick auf andere Menschen zu ergattern, doch die Türen des Busses sind zu, die meisten Fenster mit Gardinen zugezogen. Aber zwischen den Ritzen brennt Licht. Wir halten zwei Parkspuren neben dem Bus, auf der ersten Spur für Kleinwagen. Sobald ich aus dem Wagen heraus bin, merke ich an der Kälte, dass ich wach sein muss.

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„England im Spätsommer ist super.“ „Ich glaube, da ist es schon wahnsinnig kalt bei denen, im Spätsommer. Die kennen gar keinen Spätsommer. Die kennen da ein bisschen Sommer und dann ganz viel Herbst.“ „Du hast doch gar keine Ahnung von England, dass hör ich doch schon. Es ist da viel schöner als hier um die Zeit, da ist alles viel grüner, viel mehr Natur. Und wir wollen ja auch schließlich keinen Strandurlaub machen, das hatten wir schon oft genug.“ „England im Spätsommer also. Warum nicht. Dann kaufe ich mir vorher eine spätsommerliche Regenjacke.“ „Du bist ein Idiot. Außerdem bist du doch derjenige, der gerne wandert, oder? Das kann man da sicherlich richtig gut.“ „Ich komm ja auch mit, ist ja gut. Also, Benni, du 11


und ich? Klingt nach Spaß.“ Nicole wollte nach England, also war das beschlossen. Eigentlich war es nur fair, denn auch Bernhard und ich hatten uns schon durchgesetzt, waren nach Teneriffa gefahren, damals noch mit Isa und Marcel. Aber musste es ausgerechnet England im Spätherbst sein? Ein halbes Jahr im Voraus beschlossen. Zu einem Zeitpunkt, an dem Nicole und Bernhard noch kein Paar waren.

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Tatsächlich kann man hier bis an eine Kaimauer laufen. Wenn ich die Auffahrtsrampen richtig verstehe, wird die Fähre nur wenige Meter von mir entfernt anlegen. Aber hier ist auch immer noch niemand, der mich aufhalten würde, sollte ich falsch stehen. Ich trinke überbrüten schwarzen 12


Tee und der bittere Geschmack schüttelt mich. Die Frauen sind zum Toilettengebäude gelaufen, Bernhard ist im Wagen geblieben. Ich denke über Nicole und Bernhard nach und über mich, denn ich gehöre dazu. Oder gehörte es mal. Es scheint viel Zeit vergangen zu sein, seit wir diesen Urlaub geplant haben. Es muss so gewesen sein, denn unsere Beziehung ist inzwischen eine vollkommen andere. Ich bin die dritte Person geworden, der Einzelne, der einem Paar an den Beinen hängt und sie davon abhält, sich pärchenhaft zu verhalten, wo immer sie die Lust darauf haben. Ich wollte nie derjenige werden, auf den Rücksicht genommen werden muss, wegen dem man sich zurückhalten muss. Der mitgeschleppt werden will. Deshalb ist auch Elli dabei. Sie soll die Schieflage korrigieren, soll ein zwei mal zwei daraus machen, eine gute gerade Anzahl. Nur mit ihr könnten wir 13


zusammen Tennis spielen gehen, im Doppel. Wahrscheinlich wollen sie mich verkuppeln, denn ein glücklicher Pärchenurlaub ist eben doch noch mal etwas mehr als ein Urlaub mit zwei Alleinstehenden unterschiedlichen Geschlechts. Ich stelle mir vor, mit Elli in diesem Urlaub zusammen zu kommen und kriege einfach kein Bild dazu. Also stelle ich mir vor, mit Elli in diesem Urlaub zu schlafen und auch hier gelingt es mir kaum. Ihr nackter Körper muss mager sein, sie ist größer als ich, sie hat diese gewöhnliche Schönheit, die ich kaum wahrnehme. Ich stelle mir langweiligen Sex vor und verwerfe das Bild wieder. Ich stelle mir stattdessen Nicole vor. Da passt jeder Gedanke.

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„Links, links, links!“, schrie Benni und warf eine Granate. Ich duckte mich gerade rechtzeitig hinter ein Auto, sofort prasselten die Schüsse auf mich ein, der Wagen brannte schon, würde gleich explodieren. Eine Blendgranate explodierte, alles war weiß, ich hörte nur noch ein hohes Fiepen, wusste nicht, in welche Richtung ich stolperte. „Scheiße, pass auf!“, brüllte ich, dann färbte sich mein Sichtfeld rot, dann wurde alles schwarz. Das Spielmenü forderte mich auf, wieder einzutreten, doch ich legte den Controller weg und goss mir frischen Wodka in mein leeres Glas. „Die kriegen wir noch auf Veteran, wir sind schon kurz vor dem Silo“, sagte Benni und man hörte ihm an, dass er betrunken ist. An diesem Abend sollten wir gar nichts mehr kriegen, wir waren kaum noch in der Lage, das Spielgerät zu halten. Aber wir sollten etwas anderes schaffen. 15


„Ich glaube, ich habe mich in Nicole verknallt“, sagte er auf einmal. Ich trank, länger als ich es wollte, das Glas eigentlich nur an die Lippen gekippt, um ein paar Sekunden für meine Antwort zu gewinnen. „Ich weiß“, sagte ich schließlich. „Das ist ziemlich offensichtlich.“ „Ehrlich?“ Er sah mich derart entsetzt an, dass ich lachen musste, obwohl ich ernst bleiben wollte. „Ja. Ehrlich. Du kannst so was schlecht verbergen, Benni.“ Wir saßen eine Weile still nebeneinander. Vom Fernseher tönten die Geräusche des Spiels herüber. „Ich meine, du versuchst, ihr jeden Wunsch zu erfüllen.“, erklärte ich. „Und du lässt dir alles von ihr gefallen, auch die ganzen kindischen Scherze. Da ist so was doch klar.“ 16


Er sah mich von der Seite an, während ich meinen Wodka mit Orangensaft streckte. „Und was machen wir jetzt?“, fragte er schließlich. „Zusehen, dass das was wird“, antwortete ich und wir prosteten uns zu. Und dann schafften wir die Mission auf Veteran doch noch. Das war vor über zwei Jahren.

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Elli kommt als erste aus dem Toilettenhäuschen. Sie sieht zu mir herüber, aber auf die Entfernung kann ich gut so tun, als würde ich sie nicht bemerken. Nach einem Augenblick geht sie zurück zum Wagen und setzt sich hinein. Ich gehe ein paar Schritte auf das Häuschen zu. Es ist hässlich gekachelt und wirkt kränklich in dem orangen Licht, in 17


das hier alles getaucht ist. Ich werfe einen Blick hoch und sehe einen der riesigen Lichtmasten direkt über mir. Der Himmel glimmt in diesem Licht. Nicole kommt aus dem Häuschen. Ich stehe jetzt deutlich näher dran, gebe ihr somit keine Chance an mir vorbei zu kommen. „Hey“, sage ich und halte ihr meine halbvolle Teetasse hin. Sie nimmt sie mir ab, trinkt aber nicht, wärmt nur beide Hände daran. „Wir sind echt schnell durchgekommen“, sage ich, als sie stumm bleibt. Sie nickt und lächelt zaghaft. Ich wippe auf meinen Zehen hin und her, werfe die Arme um mich herum, als wäre mir kalt. Es sind nur Bewegungen, um die Distanz auszufüllen. Ich spüre, dass ich fast soweit bin, sie zu fragen, es fehlt nur noch ein kleines Stückchen. Sie will mir den Tee zurückgeben. 18


„Ich geh mal wieder in den Wagen, es ist kalt.“ „Was ist eigentlich los?“, frage ich, nachdem sie etwa drei Schritte weit gekommen ist. Sie dreht sich um und sieht mich fragend an. „Was meinst du denn?“ Genau in diesem Moment fährt das erste Mal an diesem mausetoten Morgen ein Lastzug mit Kisten hinter dem Toilettenhäuschen hervor und umkurvt den Parkplatz. Er dröhnt in das Nichts herein und ich muss warten, bis ich antworten kann. Der Blick, den wir in diesen Sekunden austauschen, sagt mir, dass sie weiß, was ich meine. „Was soll diese Stimmung? Zwischen dir und mir. Oder nein, zwischen uns dreien. Seit Wochen schon geht das so. Ich habe das Gefühl, ihr zieht euch immer mehr von mir zurück. Warum?“ Sie sieht sich um, ich glaube erst, dass sie zurück zum Auto will, ihr linkes Bein zuckt kurz in diese 19


Richtung, dann dreht sie sich wieder zu mir, ruckartig. „Du stellst mir wirklich diese Frage? Du stellst sie mir jetzt, an diesem Hafen, direkt zu Beginn von unserem Urlaub?“ Ich nicke nur. „Du weißt es echt nicht, oder? All die Zeit dachte ich mir, dass das nicht sein kann. Das du doch nicht so blöd sein kannst. Aber ich glaube, du bist es.“ „Wollt ihr mich nicht mehr dabeihaben? Wollt ihr jetzt lieber die Pärchennummer fahren? Dann sagt es mir und nehmt mich nicht mit in den Urlaub!“, antworte ich wütend. Sie sieht mich an, als wäre ich der größte Idiot der Welt. „Ich kann dich nicht mehr in meiner Nähe haben. Nicht mehr jetzt, wo ich mit Bernhard zusammen bin.“, sagt sie jetzt, und ich begreife. „Du denkst doch nicht, ich sei in dich verliebt, oder? So ist es nicht.“ Ich versuche ein Lächeln, 20


doch ihr Blick zeigt mir, dass gerade etwas furchtbar falsch läuft.

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Diese eineinhalb Jahre, in denen jeder wusste, dass Bernhard in Nicole verliebt war, waren eigentlich eine schöne Zeit. Sie wusste es eigentlich noch früher als jeder von uns und sah das meistens nicht als großes Problem. Sie machte einfach ständig klar, dass sie Benni nur als guten Freund sah und meistens war es damit getan. Er versuchte sein Bestes und sie war immer ehrlich und offen, ließ sich extra nicht darauf ein, um ihm keine falschen Hoffnungen zu machen. Ich war der Berichterstatter, vor allem für ihn, da er der Meinung war, mein Kontakt zu ihr sei unbeschwerter und daher intimer. Er verstand nie, dass er kaum 21


besser war als der ihrige. Es gab kurze Phasen, in denen es kritisch war. Er wurde melancholisch und bemitleidete sich selbst, wurde teilweise wütend auf sie, obwohl sie ihm dazu keinen Anlass gab. Seltener wurde er wütend auf mich, wenn ich mich seiner Meinung nach zu wenig für ihn einsetzte. Und natürlich setzte ich mich manchmal weniger für ihn ein, in Phasen, in denen ich keinen Sinn darin sah, weil ihre Haltung offener ablehnend wurde. Auf diese Weise vergingen zwei Jahre. Zwei Jahre, in denen sie keinen anderen Freund hatte und in der er keine andere Freundin hatte. Zwei Jahre, in denen ich nicht mehr als eine kurze Affäre zu Stande brachte, die unser Dreiergespann dennoch für eine kurze Zeit empfindlich störte. Vielleicht war ich auch ein Arsch, damals, ich kann es nicht genau sagen. Und dann, nach dieser Zeit, als keiner 22


mehr daran glaubte, kriegte er sie. Er brauchte dafür nur eine einzige Nacht und einen heißen Kakao. Hätte er das mal früher gewusst.

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„Du denkst, dass sei mein Problem? Das ich glaube, du seist in mich verliebt?“ Ihr Blick ist Eis, ich spüre den Tee in meinen Händen kaum noch. „Nein“, stammele ich, „eigentlich denke ich das nicht, aber ich weiß nicht, was sonst das Problem sein soll.“ „Du selbstverliebter egoistischer Arsch!“ Sie wirft die Worte auf mich und ich zucke zusammen unter der Heftigkeit, mit der sie kommen. Jetzt dreht sie sich um und wird endgültig zum Wagen gehen, sie rennt fast, dreht dann aber wieder um, kommt zurück, bleibt dicht vor mir stehen, sieht 23


aus, als wolle sie mich ohrfeigen. Ihr Blick funkelt vor Wut, denke ich und sehe dann die Tränen. „Ich wollte dich.“

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Benni ruft mich mittags an, er ist so aufgeregt, dass ich gar nicht weiß, was los ist. Er erzählt mir, wie sie küssen kann, dass er dachte, es verhauen zu haben, aber dann immer wieder von ihren Lippen. Am Abend vorher, wir waren alle bei ihm, Nicole hatte zu viel getrunken, um noch nach Hause zu fahren, wir wollten also alle dort übernachten. Doch die meisten verabschiedeten sich doch noch und am Ende waren es nur noch wir drei. Und so kam mir wieder einmal eine Idee, wie ich ihm helfen konnte. Ich täuschte Kopfschmerzen vor, furchtbar plump natürlich, doch 24


eigentlich hatten wir eh zuviel Bier getrunken. So radelte ich heim und ließ die beiden alleine zurück, ohne ernstlich damit zu rechnen, dass da etwas passieren würde. Sie schauten noch einen Film, Nicole bekam Lust auf einen Kakao, er machte ihr natürlich einen. Und wie es nicht anders passieren konnte, wenn man gegen drei Uhr nachts betrunken einen heißen Kakao serviert, verschüttete er die halbe Tasse auf ihr Bein. Sie trug schon ihren Schlafanzug, berichtete Bernhard und verbrühte sich daher den Oberschenkel. Ich rollte am Telefon mit den Augen, nur um dann zu erfahren, dass er ihr eine Salbe aufmassierte, um dann fünf Minuten später mit ihr in den Armen dazuliegen, küssend und streichelnd. Ich war wie vor den Kopf geschlagen, zuerst, war sogar der Meinung, er würde sich da irgendetwas ausdenken, doch sie bestätigte mir alles. 25


„Wärst du die Nacht über dageblieben, wäre es wahrscheinlich nie soweit gekommen“, sagte sie mir einmal, als wir kurze Zeit später etwas trinken waren in. Auf diesen Satz stießen wir damals alle zusammen an.

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„Wäre ich die Nacht über dageblieben, wäre es wahrscheinlich nie soweit gekommen“, denke ich und starre auf das glatte Wasser hinaus, das wie Öl aussieht. Um mich herum lärmt eine Schulklasse, die sich scheinbar in dem Reisebus befand. Sie schreien in einer Sprache durcheinander, die ich nicht verstehe, sie klingt abgehackt und roh. Ich schütte den Rest des Tees mit einer weiten Geste in das Hafenwasser und stelle mir Nicole auf dem Sofa vor, in dieser Nacht, wie wir dort zu dritt sit26


zen, sie in der Mitte. Als Bernhard den Kakao über sie schüttet, verarzten wir sie beide, trösten sie gemeinsam, es kommt zu keinen Küssen. Hätte ich dort übernachtet, hätte ich wahrscheinlich neben ihr auf der Bettcouch geschlafen. Ich kann mir problemlos vorstellen, dass es nie soweit gekommen wäre. Sowohl der Reisebus als auch Bernhards Wagen hupen. Ich höre nur den Bus, doch das reicht um zu bemerken, dass die Fähre angelegt hat. Sie liegt nur wenige Meter neben mir und ich habe kein Bild davon, wie sie in den Hafen gefahren kommt. Meine Hände sind eisig, ich weiß nicht, wie lange ich hier schon stehe. Auf dem Weg zum Wagen sehe ich am Horizont eine schmale rote Linie glühen. Der Morgen. „Wolltest du hierbleiben?“, fragt Bernhard, als ich einsteige und mich unnötigerweise anschnalle. 27


Der Weg in den Bauch der Fähre beträgt keine 200 Meter. Ich weiß nicht, wann Nicole in den Wagen gekommen ist, sie stand auf jeden Fall nicht bei mir. Ich sah sie schnell weglaufen, sie hatte mir keine Zeit zum antworten gelassen. Ihre Augen sind rot. Niemand sagt etwas, als wir auf die Fähre fahren. Ich starre sie die ganze Zeit an, sie starrt bewegungslos nach vorne. Ich habe den völlig verrückten Impuls, ihr übers Haar zu streichen. Das ist schließlich meine Trostgeste für sie.

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„Manchmal würde ich mir wünschen, er bekäme eine andere.“, sagte sie mir an dem Abend, als ihr wirklich einmal alles zu viel wurde. Bernhard hatte angekündigt, etwas Abstand zu ihr zu halten, weil es im Moment zu schwer für ihn sei und sie 28


nahm es persönlich, als sei es ihre Schuld. Das war ungefähr ein Vierteljahr, bevor sie zusammenkamen. An diesem Abend lagen wir auf ihrer Couch und sie in die ganze Zeit in meinen Armen und ich streichelte ihr über das Haar, um sie zu trösten. Wir redeten wirklich selten über Liebesdinge, denn die Fakten waren eigentlich geklärt. Doch natürlich gab es solche Momente immer wieder und da half eine streichelnde Hand meistens, die Dinge gleich ein wenig besser zu machen. „Eine Nette, die ihn schnell auf andere Gedanken bringt. Von mir aus auch, indem sie ständig vögeln.“ Ich lachte auf. „Ich meine, ich fühle mich jetzt echt scheisse. So als wäre ich alleine Schuld, wenn zwischen uns nichts läuft.“ „Ja, aber das ist ja nun mal Schwachsinn und das weißt du und das weiß auch er.“, sagte ich. Ich 29


war damals der Meinung, dass es in solchen Momenten immer am besten sei, die Lage objektiv zu betrachten. „Wieso liebt er mich denn auch immer noch? Das geht jetzt schon so lange.“, sagte sie. Während ich dadurch Zeit gewann, mit einem Finger hinter ihrer Ohrmuschel entlang zu fahren, überlegte ich mir meine nächsten Worte sehr genau. „Ich kann das verstehen. Manchmal glaube ich, dass mir das nicht viel anders gehen würde.“ Sie blickte zu mir hoch. „Ich meine, das ist bei dir sehr lohnenswert. Du bist hübsch, du hast einen tollen Charakter und du bist gleichzeitig eine gute Freundin, mit der man Bier trinken und Poker spielen kann. Das ist wie das volle Paket, was soll denn da noch anderes kommen.“ Sie sah mich weiter an, also ergänzte ich: „Außer eine schwedische Austauschschülerin.“ Sie schlug mir auf den 30


Arm, aber hakte nach und ich merkte, dass ich mich auf dünnes Eis begab: „Aber wenn er das in mir sieht, müsstest du dass doch auch in mir sehen, oder?“ Ich zögerte. „Sag schon.“ „Ich glaube, das tue ich.“ Es entstand eine Pause, die mir nicht im Geringsten gefiel und ich zog die Reißleine: „Aber weißt du, er hat das glaube ich deutlich früher bemerkt. Und er ist ein guter Freund. Nein, er ist mein bester Freund. Seit inzwischen über acht Jahren. Er glaubt so fest daran, dass du die richtige für ihn bist, dass ich auch daran glaube.“ Sie antwortete nicht gleich darauf und ich rettete mich auf die Toilette. Kurze Zeit später ging ich und konnte auf dem Heimweg den Gedanken nicht verjagen, dass ich in dieser Nacht gerne weiter mit ihr gegangen wäre, als Bernhard es je gehen würde. 31


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Ich stehe auf dem Oberdeck der Fähre und nippe an einem ekelhaften Kaffee. Da es immer noch dunkel ist, kann ich mir vorstellen, dass ich Tee trinke, einen Tee, der mich immerhin wärmt. Durch große Fenster kann ich in den beleuchten Innenraum des Decks sehen, dort sitzen müde Lastwagenfahrer und essen große Portionen englischen Frühstücks, baked beans und Toastscheiben, fettige Würstchen. Sie sehen alle nicht sonderlich glücklich aus, finde ich. Ich kann mich nicht in der Scheibe sehen, daher weiß ich nicht, wie ich aussehe. Die anderen sitzen entweder auf der anderen Seite des Oberdecks, oder sie sind gleich unter Deck in einer der Bars geblieben. Es ist nass und kalt hier oben, aber die Luft ist frisch 32


und es fliegen Möwen hinter dem Heck des Schiffes her. Calais liegt hinter uns, wird immer kleiner. Dafür wird die Horizontlinie immer klarer und an einer Stelle wölbt sich die rote Glut wie die Korona eines Seevulkans. Dort wird gleich die Sonne aufgehen. In all der Zeit, in der ich wirklich glaubte, nur der Freund von allen sein zu wollen, habe ich wirklich nicht bemerkt, dass sie mich wollte. Ich musste es mir nicht einmal ausreden, ich wusste es einfach nicht. Auch jetzt weiß ich nicht, ob ich die Szenen, die mir ins Gedächtnis kommen, nur nachträglich abändere, oder ob sie wirklich so offensichtlich waren. Was wäre geschehen, wenn ich ihr einen Kakao gebracht hätte? Mir ist klar, dass dies niemals hätte passieren können, denn ich war damals der festen Überzeugung, dass es Bernhards Aufgabe war, ihr jeden Kakao zu bringen, den sie ha33


ben wollte. Und ich war mit dieser Aufteilung zufrieden. In meiner Welt war ich derjenige, der zu schlichten versuchte, wenn er den Kakao nicht mehr bringen oder sie ihn nicht mehr annehmen wollte. Ich reibe mir lange beide Augen mit den Handballen und als ich damit aufhöre, tanzen kleine weiße Blitze in meinem Blick. Und zwischen all diesen Blitzen geht die Sonne auf. Sie ist ein Stück flüssiges Metall, dass gerade aus einer Esse fließt, ein Rest aus dem Ofen, der auf den Boden getropft ist. Das Meer um diesen Fleck herum muss gerade verdampfen. Ich sehe zum ersten Mal, wie der Anbruch eines neuen Tages wirklich aussieht. Ich verstehe zum ersten Mal, wie Menschen von einem Moment auf den anderen behaupten können, jetzt beginne ein neues Leben für sie. Ich schaffe es, nach vier Versuchen, ein Foto die34


ser Sonne zu machen, das mir gefällt. Dann stehe ich so lange an der Reling, bis es wirklich Morgen geworden ist und ich beim Blick über meine Schulter die Klippen von Dover sehen kann. Ich packe die Kamera ein und gehe die anderen suchen. Ich werde ihnen sagen, dass ich von Dover aus versuche, irgendwie an der Küste entlangzukommen, vielleicht eine Pension am Meer zu finden. Ich will auf jeden Fall am Meer bleiben. Für eine Woche und ein Flugticket nach Hause reicht mein Geld. Ich denke, sie werden es verstehen. Nicole zumindest wird es und das ist alles, was zählt. Etwas endet gerade und ich spüre das. Ich weiß nicht, ob ich verliebt bin. Ich weiß nicht, was danach anfangen wird, aber die Klippen von Dover leuchten in der Sonne, so wie man es sich immer erzählt. 35


Zu früh in Calais  

Der Start einer Urlaubsreise findet seine erste Hürde bereits am Ende des europäischen Festlands.

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