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„Alles gehört dir eine Welt aus Papier Alles explodiert Kein Wille Triumphiert „ - Tocotronic: Explosion


Er lebte nur für sie, das stand außer Frage. Manchmal dachte er, er könne nur leben, wenn sie in seiner Nähe wäre. War sie weg, fühlte er sich leer und gestaltlos, höchstens wie ein Viertel seiner selbst. War sie dann endlich da, blühte er regelrecht auf, nahm Gestalt und Farbe an und fühlte sich wieder unter den Lebenden. Nie verloren sie ein Wort darüber, wie sie zueinander standen, nie bekundeten sie sich ihre gegenseitige Liebe, sie wussten beide darum. Auch mussten sie sich nie verabreden, sie trafen sich einfach, an Plätzen, die sie niemals zuvor gesehen hatten und von denen sie nicht wissen konnten, dass der Andere sie kannte. Natürlich gab es auch Tage, an denen sie sich nicht sahen, doch durchlebte er sie dann wie in einer Totenstarre in der die Zeit recht nichtig wurde. Alles hätte perfekt sein können, wenn er da nicht diese Zweifel hätte. Er hasste sich selbst dafür, doch hatte er ein jedes Mal, dass er sie traf, dass 5


Gefühl, dass sie ihm nicht so verfallen war, wie er ihr. Es nagte an ihm, sodass er ihr nicht in ihre Augen sehen konnte, ohne zu überlegen, was sie wohl in den Stunden tue, in denen sie nicht bei ihm war. Er würde dieses Problem niemals ansprechen, er spürte, dass er damit eine der ungeschriebenen Regeln ihrer Beziehung brechen würde. Er würde einfach weiter für sie leben und damit erfüllt sein, wie bisher auch. Doch das Verlangen wuchs in ihm.

„Celeste, mein lieber Celeste “, rief sie lachend und rannte durch den Hain aus jungen Buchen auf ihn zu, kaum dass sie ihn endlich zwischen den Bäumen erspäht hatte. Sie wurde ihm erst gewahr, als sie ihn schon halb erreicht hatte und er konnte gerade noch seine Arme öffnen um sie aufzufangen, als sie den letzten Meter sprang und ihm um den Hals flog. So drehten sie sich unzähli6


ge Male eng umschlungen und im Kusse vereint durch den Wald, in dem sie sich wieder ohne jede Absprache gefunden hatten und in dem keiner von ihnen je vorher gewesen war. „Lea, meine Lea, endlich“, flüsterte er ihr ins Gesicht, denn von ihrem Mund wollte er seine Lippen nicht lange genug lösen um ihr Ohr zu erreichen. Sie hörten auf zu kreisen und er setzte sie auf dem moosigen Boden ab. Sie hielten sich an den Händen und schwankten lächelnd hin und her, sich wortlos in die Augen sehend. Wie viel Zeit dabei verging vermochte keiner der beiden zu sagen, aber der Himmel über ihnen färbte sich langsam golden und warf verträumte Schattenspiele durch die Wipfel der Bäume auf den Waldboden herab. Lea war es, die das Schweigen brach: „Hast du Appetit? Ich habe einen Korb dabei, gefüllt mit Leckereien.“ „Ich habe gar keinen Korb mit dir gesehen.“, ant7


wortete er zweifelnd. „Er steht dort hinten, an einem Baum“, sprach sie und rannte leichtfüßig hinter eine der Buchen, einen Korb mit weiß-rot karierter Decke hervorziehend. „Wo sollen wir essen?“, rief sie noch und lief schon durch den Wald davon, sodass er es schwer hatte, ihr zu folgen, immer sah er nur ihr helles Kleid zwischen zwei Bäumen leuchten. Er holte sie auf der Spitze eines Hügels ein, die einen Blick auf ein lang gestrecktes Tal eröffnete, dass sich wie gemalt in die Ränder des Waldes schmiegte. „Hier sollten wir essen!“, sagte er schwer atmend und ließ sich sogleich ins Gras sinken, streckte sich aus und beobachtete die ziehenden Wolken. Er spürte ihren lächelnden Blick auf ihm liegen, was ihn fröhlich stimmte, worauf die Wolken über ihm zum Leben erwachten und sich in wilde Tiere verwandelten, die stolz an ihm vorbeizogen und 8


mit ihren Mähnen prahlten. Während er Löwen, Elefanten und Flamingos sah, breitete Lea das karierte Tuch neben ihm aus und begann, aus ihrem Korb eine schier unendliche Zahl von Speisen an den Tag zu fördern. So befanden sich bald eine Schüssel Salat, Brot, eine Wassermelone, eine Platte mit Käse, eine Schale mit Früchten, ein riesiger Kuchen, ein Krug mit Wein, Gebäck und Pudding auf ihrem Speisetuch. Der Korb schien immer noch nicht entleert zu sein, denn sie warf einen prüfenden Blick hinein und kramte mit ihrer Hand darin herum, doch anstatt noch etwas aufzufahren, klappte sie ihn zu. Celeste richtete sich auf und bewunderte ihre Kochkunst. Der Kuchen war mit einem beigen Zuckerguss garniert, in der Schale lagen apfelgroße Früchte, leuchtend in grünen und blauen Tupfen. „So etwas habe ich noch nie gesehen.“, sagte er und griff sich eine Frucht. „ich denke mir einfach, was ich gerne essen wür9


de und dann bringe ich es mit.“, kam ihre Antwort in einem Ton, als hätte ihm das klar sein müssen. Er verstand nicht genau, was sie damit meinte, wollte aber auch nicht nachfragen und biss stattdessen in sein Obst. Es schmeckte süß und sehr fruchtig, auch wenn er den Geschmack keiner ihm bekannten Frucht zuordnen konnte. Er ließ seinen Blick über das Tal schweifen. Am östlichen Rand sah er einen kleinen See, der das untergehende Sonnenlicht schimmernd reflektierte. An ihm hatte sich ein Rudel Wildtiere gesammelt, das trank. Er konnte nicht erkennen, was es für Tiere waren und fragte Lea um Rat. „Ich weiß es nicht“, sagte sie, „aber wäre es nicht wundervoll, wenn das große Vögel wären, die mit ihren Schweifen einen Regenbogen zeichnen könnten?“ Er lächelte sie an und zog sie zu sich, dass Essen war beendet, er vergaß sich in ihren Küssen und sah nicht mehr, wie die Tiere am See ihre Schwin10


gen ausbreiteten und sich in die Lüfte erhoben, jedes Einzelne eine Farbe des Regenbogens hinter sich herziehend.

Sie war nicht mehr da und seine Welt wieder durchsichtig. Wenn er allein war, wusste er nie so genau, wo er war, es schien ihm, als liefe er durch eine große, aber leere Stadt, die ständig im völligen Nebel lag, sodass man lediglich wenige Meter weit sehen konnte. Er schritt meist über eine große, verlassene Straße, auf der ein paar Autos wild herum standen, blickte dabei in leere Schaufenster, die nicht spiegelten und keinen Blick durchließen. Er war weder hungrig, noch durstig, er empfand eigentlich gar nichts außer zwei Dingen: Das Erste war eine träge Müdigkeit, das Zweite war das Gefühl, dass ihn seit neustem verfolgte, der nagende Zweifel, der sich inzwischen einen festen Platz unter seinem Brustbein gesucht hatte. War sie bei 18


ihm, dann trollte sich sein kleines Schreckgespenst zeitweise, eingeschüchtert durch ihre reine Erscheinung, doch war er wieder allein, drang es in ihn ein und tröpfelte ihm sein Gift direkt ins Herz. Er fragte sich, wieso er sich so schrecklich tot fühlte, wenn sie nicht da war und vor allem, wieso sie jedes Mal, wenn sie lächelte, auch dieses kleine Glitzern in ihren Augen hatte, dass nicht nach Liebe, sondern eher nach Spott aussah. Er vergaß all seine Zweifel, wenn er bei ihr war, bis auf diesen, ja, dieser wurde sogar noch stärker wenn er in ihre Augen sah und dort etwas bemerkte, was er früher noch nicht dort geglaubt hatte. Als hätte sie ein Geheimnis vor ihm.

Als er Lea das nächste Mal traf, wurde ihm bewusst, dass sie den Ort ihres Treffens auszusuchen schien. Ein jedes Mal wanderte er durch eine ihm unbekannte Landschaft und hielt unwillkür12


lich nach ihr Ausschau. Er wusste bereits vorher, wann er sie treffen würde, immer dann, wenn in seine Umgebung endlich wieder Licht einfloss. Heute stand er am Fuße eines Wasserfalls, inmitten von hüfthohen Weidengräsern. Die Sonne stand hoch am Himmel und warf Reflexe in das klare Wasser, weshalb er seine Augen zusammenkneifen musste, um überhaupt etwas zu erkennen. Sie stand am Kopf des Wasserfalls, nur wenige Schritte vom Wasser entfernt. Wie er so zu ihr herauf sah und mit den Armen winkte, fragten ihn seine Zweifel, ob es nicht eigentlich immer so sei, er herabgesetzt, der zu ihr aufsah. Doch gerade jetzt hatte er keine Zeit, sich mit dieser Frage auseinander zu setzen, denn Lea schrie ihm über das Tosen der Wassermassen zu, dass sie jetzt herunterkommen wolle. Sie zog ihre Jacke aus und warf sie ihm zu, sie wurde allerdings vom Wind erfasst und in den kleinen See geweht, der sich dem Wasserfall anschloss. 13


„Ich hole sie“, brüllte er hinauf, glaubte allerdings nicht, dass sie ihn hören konnte. Er deutete ins Wasser und knöpfte sein Hemd auf. Bei einem letzten Blick nach oben zeigte sich ihm allerdings, dass sie ihm zuvor kommen würde. Er sah nur ihren Kopf, was hieß, dass sie ein paar Schritte zurückgetreten war. Dann auf einmal war sie wieder da, in ihrer ganzen Schönheit, nicht auf festem Boden stehend, sondern in der Luft gen Boden fallend, mit den Armen und dem Kopf voran. Noch bevor sie im Wasser landete, verschluckte sie der gischtige Sprühnebel. Er schrie ihren Namen und rannte ins Wasser, nach wenigen Schritten stolpernd und ungrazil wie ein Sack im Wasser landend. Er schwamm mit hektischen Bewegungen, nicht ihrer Jacke, sondern dem Fall entgegen, hinein in den weißen Nebel, der ihm die Sicht raubte. Er geriet kurz unter das fallende Wasser, doch er kam wieder los, tauchte und suchte mit wilden Augen den Grund 14


nach ihr ab. Als er wieder hochgetrieben wurde, tauchte er direkt neben ihr auf. Er sah sie lachen, auf ihre gewohnt kindliche Art, ihre Jacke mit einer Hand schwenkend. Kurz bevor er sie ausschimpfen konnte, hatte sie sich schon lachend auf ihn geworfen.

„Ich kriege Angst, wenn ich dich so etwas tun sehe“, meinte er zu Lea, als sie wieder am Ufer saßen. Er war in eine braune Wolldecke eingehüllt, seine Klamotten lagen zusammen mit ihren zum trocknen auf einem sonnigen Stein. Sie lag nackt neben ihm und ließ sich von den Gräsern kitzeln, Schmetterlinge tanzten über ihrem Gesicht, als sie sich zur Seite drehte und ihn erstaunt ansah. „Aber wieso denn?“, fragte sie ihn, als wüsste sie nicht einmal genau, was er denn meinen könnte. „Weißt du nicht, wie gefährlich so etwas ist?“, fragte er mit einer Geste auf den Wasserfall. 15


„Aber was soll mir denn passieren?“, fragte sie. Er sah in ihren Augen nach Spott, doch er sah nur einen ehrlich fragenden Ausdruck. „Du könntest sterben, Lea.“ Statt einer Antwort ließ sie ihren Blick langsam über den Wasserfall, die Klippen, den See und die Gräser schweifen, so als sehe sie das alles zum ersten Mal und versuche nun, eine Gefahr in dieses idyllische Bild hineinzudenken. „Ich glaube nicht, dass ich das könnte.“, kam nach einer Weile ihre zögernde Antwort. Wie vor den Kopf gestoßen sah er sie an und versuchte zu verstehen, was sie ihm sagen wollte. Er fand keine Antwort. „Ich meine, es wäre dann wohl vorbei, für dieses Mal, “ fuhr sie zögernd fort, „doch ich käme ja wieder.“ Celeste wusste nicht, wie sie das meinte. „Ich bitte dich ja nur, ein wenig vorsichtiger zu sein. Selbst wenn du wiederkämst, dann sicherlich 16


nicht mehr zu mir.“ Sie sah ihn wieder mit ihrem unschuldigen kindlichen Ausdruck an und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Aber bis jetzt bin ich doch auch immer zu dir zurück gekommen“, sagte sie und zog ihm die Decke weg. Das kleine Zweifelgespenst saß in einiger Entfernung und beobachtete, wie sie sich liebten. Es saß schon ein ganzes Stück näher als das vorige Mal.

Diesmal dauerte es eindeutig länger. Zwar unterwarf sich die Zeit keinen festen Regeln, war er alleine, doch sagte sein Gefühl ihm diesmal mit Bestimmtheit, dass sie diesmal länger fortblieb als gewöhnlich. Celeste merkte sich in seinen Phasen als Totgeglaubter nichts aus seiner Umgebung, doch kam es ihm dennoch so vor, als habe er die gesamte triste Stadt, in der er sich bewegte, bereits 17


gesehen. Einmal war er ohne Grund in eines der Geschäfte gegangen, die Tür war unverschlossen gewesen, doch er hatte niemanden angetroffen, weder Verkäufer noch Kunden. Auch lagen keine Waren hinter den verglasten Schaufenstern der Tresen, im ganzen Laden nicht. Mit jedem Moment, den er wartete, wurden die Zweifel mächtiger, erzählten ihm, dass er sie nie wieder sehen werde und er begann immer mehr daran zu glauben. Sie war weg, hatte jemand anderen gefunden, fühlte sich nun von ihm gestört oder angewidert, er hatte sie vertrieben, vielleicht, indem er eine der Regeln gebrochen hatte? Irgendwann saß er auf einer Bank eines kleinen, grauen Stadtparks und tat nichts Bestimmtes, als ihm die Frage begegnete, wo er denn sein Zuhause habe. Dies war seine Stadt, das wusste er, kehrte er doch immer hierher zurück, wenn seine Treffen mit Lea beendet waren, doch wurde er 18


sich gerade das erste Mal in seinem Leben gewahr, dass er sich noch nie in einer Wohnung befunden hatte. Er stand auf und sah sich um, er befand sich gerade im Stadtzentrum, mit dem kleinen Park, dem Rathaus, ein paar Läden und dem Bahnhof. Kaum eines der Gebäude hatte er jemals betreten, nie hatte er einen Zug ankommen gesehen, nie gehört, noch hatte er überhaupt jemanden gesehen. Leise flüsterte er ein „Hallo?“ vor sich hin. Um ihn herum blieb es nicht einfach nur still, es blieb geräuschleer, er hörte weder Wind, noch das Rascheln der Blätter, noch einen Vogel, noch das Summen von Strom, noch das Schlagen seines Herzens. Er schrie sein „Hallo!“ in die Leere und seine Stimme klang blechern verzerrt, wie aus einem alten Transistorradio. Das Zweifelgespenst in ihm lachte.

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„Ich habe so unglaublich viel zu tun, ich komme ja kaum noch zum schlafen“, erzählte Lea ihrem Celeste und lächelte dabei ein wenig melancholisch. „Es tut mir Leid, dass wir uns kaum noch sehen können.“ Sie umarmte ihn und vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter. Celeste saß da und nahm alles, was er von ihr kriegen konnte in sich auf, das Gefühl ihres Körpers an seinem, ihren Geruch, ihre Geräusche, ihre Haare, die ihn kitzelten, ihre Finger, die über seinen Rücken fuhren, ihr Atem, der über seinen Nacken strich. Die Qual der letzten Zeit fiel ein wenig von ihm ab und er konzentrierte sich für einen Moment ausschließlich darauf, soviel ihres Gefühls wie möglich in sich aufzunehmen, um für die Zeit, in der sie wieder weg sein würde, gewappnet zu sein. Und diesmal könnte es für länger sein, denn er hatte sich entschlossen, mit ihr über einiges zu reden. Er ließ ihre Umarmung dauern, bis sie sie löste. 20


„Was möchtest du machen?“, fragte sie ihn und wollte schon wieder aufstehen und irgendwohin laufen, doch er hielt sie am Zipfel ihres Kleides auf und bedeutete ihr, sich zu setzen. Mit unsicherer Miene nahm sie ihm gegenüber Platz und fasste seine Hände. „Ich muss mit dir reden.“, sagte er und merkte sogleich, wie sie sich sträubte und ihre Hände zurückziehen wollte. Er hielt sie fest. „Es muss sein, fürchte ich.“ Er sah ihr lange in die Augen und erkannte Angst. Er zwang sich, weiter zu sprechen: „Etwas stimmt nicht mit mir. Ich kann dir nicht sagen, was es ist, da ich es selbst nicht verstehe, aber ich glaube, dass es mit dir zusammenhängt.“ Er pausierte wieder, suchte nach einer Reaktion an ihr, doch alles was blieb, war der ängstliche Blick. „Wenn ich mit dir zusammen bin, dann fühle ich mich großartig, dann fühle ich mich lebendig. Doch wenn du weg bist, dann ist es, als wäre ich 21


tot. Ich weiß nicht wo ich dann bin, wie ich bin, ich fühle eigentlich gar nichts. Es macht mir Angst.“ Sie sah ihn nun eher zweifelnd als ängstlich an und er fasste ihre Hände fester, wollte sich Kraft holen. „Du bist, wenn ich nicht da bin?“, fragte sie nun. Er verstand nicht und ließ ihre Hände los. „Ja, natürlich bin ich, wenn du nicht da bist, schließlich bin ich noch ich.“ Dann aber glaubte er ihre Frage ein wenig zu verstehen: „Aber ja, du hast recht, irgendwie bin ich dann auch nicht.“ „Ich hätte nicht gedacht, dass du so etwas durchmachst, wenn ich nicht da bin, mein geliebter Celeste, glaub mir.“ Er umarmte sie wortlos und atmete heftig, er wollte sich zwingen, nicht zu weinen, doch er spürte, dass der gewaltige Druck, der auf ihm lastete, irgendwie abgebaut werden musste. „Ich will nicht, dass du gehst“, sagte er, „du sollst nie mehr gehen.“ 22


„Aber das kann ich doch nicht.“, flüsterte sie zurück und küsste sein Ohr. „Du könntest mit mir kommen, dorthin, wo ich wohne“, versuchte er sie zu überzeugen, fast schon panisch, denn das Zweifelgespenst flüsterte ihm ein, dass er sie verlieren würde, sollte sie jetzt gehen. Auf einmal schrak sie hoch, löste sich aus seiner Umarmung und sah sich hektisch um. Er wollte sie nicht gehen lassen, versuchte, sie wieder an sich zu ziehen, doch sie wehrte ihn ab. Sogleich stand sie auf und eilte auf einen nahen Wald zu, der sich an die Wiese anschloss, auf der sie sich heute getroffen hatten. „Warte!“, rief er ihr hinterher und erhob sich um ihr zu folgen. „Ich kann nicht, ich muss los! Bis bald!“, hörte er sie noch antworten, dann verschwand sie in den Bäumen. Er erreichte die Stelle nur einen Augenblick nach ihr, doch sie war verschwunden. 23


Sich im Kreis drehend versuchte er zu verstehen, was eben geschehen war und während er langsam verzweifelte, flüsterte ihm sein Gespenst ein, dass er sie nie wieder sehen werde. Er glaubte es.

Zum ersten Mal in seiner Zeit in der Stadt stand er am Gleis des Bahnhofs. Alles sah aus, als würde es täglich benutzt werden, die Glasscheiben vor den Ticketschaltern waren ohne Sprünge und wirkten geputzt, kein Unkraut wuchs auf den Gleisen. Doch auch hier war niemand und war noch nie jemand gewesen, dessen war er sich sicher. Alles war farblos und wirkte kulissenhaft, man hörte keine Geräusche, kein Knacken eines Holzes, kein Pfeifen eines sich ankündigenden Zuges, kein Wind, der durch Ritzen pfiff. Er wollte sich erkundigen, wann oder ob hier Züge fuhren, mit denen er diese Stadt als Letzter verlas24


sen konnte. Wo immer jeder hin verschwunden war, er wollte ihnen allen folgen. Das Gefühl, Lea sehen zu wollen, grub wie ein glühender Schürhaken in ihm, er wurde wahnsinnig davon und genoss es doch, wusste er schließlich, dass er nie mehr etwas so intensives fühlen würde wie dieses Verlangen. Nun stand er vor dem aushängenden Fahrplan, von dem er erst nicht geglaubt hatte, ihn überhaupt zu finden. Es stand nur eine einzige Auskunft auf dem Blatt, die ihm allerdings genügte: „Abfahrt nach Belieben“. Er stellte sich an den Rand der Bahnstation, direkt ans Gleis. Abwechselnd schaute er in beide Richtungen und wartete auf den Zug. Er war sich sicher, dass er fahren wollte. Doch nichts passierte. Er stand dort, für eine lange Zeit und wartete. Wenn er sich nicht bewegte, hörte man rein gar nichts. Sein kleiner Zweifel wandte sich kurz einem neuen Thema zu und flüs25


terte ihm nun ein, dass er, anstatt Lea, nie mehr einen Zug sehen würde. Doch Celeste blieb einfach stehen und wartete, hatte er ja auch sonst nichts, auf dass er warten konnte.

Kein Zug war gekommen. Es war wieder eine ganze Weile vergangen und scheinbar beliebte es Celeste noch nicht abzufahren. Die Stadt hielt ihn fest und er hasste sie. Gerade saß er wieder auf der Bank im Zentrum, in der Nähe des Bahnhofs, für den Fall, dass ein Zug kommen sollte. An diesem konnte er sich mit geschlossenen Augen noch die Wiesen vorstellen, auf denen er sich mit Lea getroffen hatte. Als er die Augen wieder öffnete, hatte sich etwas verändert. Alles war nun irgendwie intensiver, schärfer. Der Nebel war verschwunden, das grau hatte sich aufgeteilt in ausschließlich zwei Farben, einem teerigen Schwarz und einem reinen Weiß. 26


Er selbst hatte jetzt schneeweiße Haut, die von pechschwarzen Konturen umrahmt wurde. Eine Veränderung passierte in seinem Leben stets nur, wenn jemand kam. Wenn Lea kam. Er fuhr hektisch auf und sah sich um, sah sie nicht. Er rannte die Hauptstraße herab, ihren Namen schreiend, jetzt nicht mehr blechern, sondern volltönend in einer Luft, die an Sauerstoff gewonnen zu haben schien. Sie stand in einer Nebenstraße, mitten auf dem Asphalt, neben einem der herrenlosen Automobile und streckte ihren Kopf suchend zu den Dächern der Wohnblocks. Sie war komplett verändert, ihre ehemals hellen Haare waren nun schwarz, ebenso ihre grüne Augen, ihre Haut war ein grelles weiß. Er erkannte sie dennoch sofort an ihren Konturen, ihren Proportionen

und allein an der

Tatsache, dass es niemand anderes sein konnte als sie. Sie hatte ihn noch nicht bemerkt, also rannte er, 27


ren Namen schreiend auf sie zu. Sie drehte sich erst zu ihm um, als er nur noch wenige Schritte von ihr entfernt war, kurz davor, sie in seine Arme zu schließen. Sie wich kreischend vor ihm zurück, traf das Auto und rutsche zu Boden, auf Händen und Füßen weiter von ihm weg kriechend. Er stoppte und breitete seine Arme aus, wollte ihr zeigen, dass er es war, der dort vor ihr stand, doch er drang nicht bis zu ihr durch. Kreischend richtete sie sich auf und rannte stolpernd die Straße herab, weg von ihm. Er konnte ihr nicht folgen, nicht gleich, zu tief saß der Schock in ihm, dass sich Lea von ihm abgewandt hatte. Um ihn herum wurde es dunkler, das Schwarz gewann die Oberhand, ersetzte immer mehr Weiß. Die Häuser zu seinen Seiten waren bereits schwarze Riesen, die sich drohend erhoben und ihn zu erdrücken schienen. Auch der Himmel war jetzt schwarz, ganz ohne jeden wei28


ßen Fleck, der einen Stern hätte bedeuten können. Er hörte aus der Ferne ihre Schreie, diesmal rief sie seinen Namen, immer wieder, panisch. Celeste rannte los, schneller als vorher. Er bemerkte nicht, dass nun die Autos schwarz waren, auch die Schaufenster und dass sich auch der Bürgersteig verfärbte. Ihre Schreie kamen aus einem Hinterhof, der ebenfalls nur noch ein schwarzes Maul im Gesicht eines Riesen war. Er musste sich hinein tasten. Er folgte also ausschließlich ihren Hilferufen und fand sie, hinter etwas quadratischem sitzend, vielleicht Mülltonnen, es war nicht mehr zu erkennen. Sie dafür sah man nun umso besser, da dass Schwarz fast vollkommen aus ihrem Körper gewichen war und sie so weiß erstrahlte, dass man kaum noch ihre dünnen Konturen wahrnehmen konnte. „Lea?“, fragte er unsicher und bei dem Klang sei29


ner Stimme schrak sie auf. Sie sah ihn einen ewigen Augenblick an, in dem Celeste nicht abschätzen konnte, ob sie gleich wieder weglaufen oder sich auf ihn stürzen würde. Schließlich fiel sie ihm um den Hals und erdrückte ihn in ihrer Heftigkeit. Er löste sich ein wenig aus ihrer Umklammerung, einzig aus dem Verlangen, nicht zu ersticken, dann bedeckte er ihr strahlendes Gesicht mit unzähligen Küssen. „Celeste, mein Celeste, ich hatte ja solche Angst“, stammelte sie zwischen den Küssen, „ich wurde verfolgt, von einem Ungeheuer und dann kamst du und sahst genauso aus, also bin ich gerannt und dann merkte ich erst, dass du es warst, aber dann war alles so dunkel und ich konnte dich nicht mehr finden!“ Sie brach in ein trockenes Weinen aus, er hielt sie fest und gab ihr soviel Kraft wie möglich, gab sie sich natürlich auch selbst, denn jetzt war sie wieder da und er wollte sie diesmal nicht gehen las30


sen, war sich sogar sicher, dass sie diesmal gar nicht mehr gehen konnte, jetzt, wo sie einmal hier war. „Celeste, mein Celeste, was machen wir bloß in so einem furchtbaren Traum, bis jetzt war es doch alles so schön“, kam es von seiner Schulter. „Es kann nicht immer alles schön sein“, antwortete er. „Ich will das nicht@will das nicht@“. „Aber was machst du denn?“, fragte er, sie fester drückend. Sie schien scheu zu lächeln, es war schwer zu sagen, bei dem vielen Weiß konnte er ihren Mund kaum noch erkennen: „Früher hat das immer funktioniert, als ich noch ganz klein war.“ „Was hat funktioniert?“ „Immer wenn ich als Kind schlecht träumte, habe ich diesen Satz gesagt, immer wieder, so lange, bis ich aufwachte.“ Er ließ sie los: „Was redest du da bloß, Lea?“ 31


„Es ist alles so dunkel hier. Es ist wie damals. Weißt du, dass ich als Kind am meisten Angst vor dem schwarzen Mann hatte?“ Sie lachte unsicher: „Ich dachte immer, er würde unter meinem Bett wohnen. Und vorhin, als ich weggerannt bin, da sahst du genauso aus wie er.“ Er erstarrte. „Ich hatte noch nie einen Alptraum mit dir.“, meinte sie nachdenklich. Er starrte sie an. „So lange träumte ich schon nicht mehr von dir, so sehr ich auch vorm einschlafen an dich dachte@ ach, Celeste, mein Celeste, warum kann es denn nicht wie immer sein?“ Er wollte sich dagegen wehren, doch plötzlich begriff er alles. „Lass es uns für heute Nacht beenden, ja? Es hat ja keinen Sinn, hier in dieser schrecklichen Stadt. Ich bin mir sicher, ab jetzt werde ich dich wieder wieder öfters träumen, jetzt, wo ich dich endlich 32


wieder gefunden habe.“ Der Zweifel verließ ihn. Seine Arbeit war beendet. Sie kam zu ihm und nahm seine Hände: „Vergiss mich nicht, versprich mir das, ja?“, sagte sie lächelnd. Durch die Konturlosigkeit seines Gesichts bemerkte sie nicht, dass es vor Schmerz verzerrt war. „Wirklich, wäre ich dir im Wachen begegnet, ich würde dich genauso lieben, wie in meinen Träumen.“ Und sie küsste ihn noch einmal, auf todeskalte Lippen, doch sie bemerkte es nicht, war sie doch nur noch halb da, war sie doch bereits am erwachen. „Ich muss gehen, mein Liebster. Auf bald!“, flüsterte sie zum Abschied und wartete nicht mehr auf eine Antwort, die er nicht hätte geben können. Sie verschwand. Kaum war sie weg, wurde alles wieder grau und farblos. Ihr Alptraum hatte geendet. Seiner hatte nun seinen Höhepunkt erreicht. Der Schrei, den er ausstieß, war blechern und hohl, 33


trotzdem hörte man ihn in der ganzen Stadt. Aber niemand hörte zu.

Er stand wieder am Bahnhof. Es beliebte ihm jetzt, abzufahren, ganz sicher. Er wollte und würde sie nie wieder sehen. Nach nicht einmal fünf Minuten hörte er das Sirren der Gleise, die den nahenden Zug verrieten. Er blickte zurück auf seine Stadt, in der er die ganze Zeit lang allein gewesen war. Es war noch nicht lange her, dass Lea verschwunden war und er wollte nicht das Risiko eingehen, sie noch einmal sehen zu müssen. Vor seinem Antritt am Bahnhof hatte er nur einen weiteren Weg gehabt, zu seiner Bank, dem einzigen Punkt, an dem er sich immer ein wenig wie daheim gefühlt hatte. Dort hatte er gesessen und sich klar gemacht, was er war. Er erkannte, dass es ihn kaum störte, dass er nicht real war, es war etwas anderes. Er liebte sie und er lebte sie, dies 34


war ihm bewusst und er hätte es nicht ändern wollen. Es hätte ihm sogar gefallen, nur für sie zu existieren, es wäre die höchste existierende Form der Liebe gewesen. Womit er nicht leben konnte, war, dass sie ihn nicht in gleichem Maße liebte. „Wirklich, wäre ich dir im Wachen begegnet, ich würde dich genauso lieben, wie in meinen Träumen.“, hatte sie zu ihm gesagt und dies war es gewesen, was sein Herz gebrochen hatte, denn während sie das gesagt hatte, lag ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Und nun stand er also am Abfahrtsgleis und sah den Zug herangefahren kommen, ein weißgraues Licht eines Scheinwerfers schnitt durch die Düsternis. Er warf einen letzten Blick auf seine Umgebung und trat auf die Gleise. Lea war sein einziger Gedanke. Der Zug fuhr durch den Bahnhof, ohne sein Tempo zu verlangsamen.

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Was geschieht mit einem Menschen, wenn er erkennt, dass er sich in seiner Liebe get채uscht hat? Mehr noch, wenn er erkennt, dass das, was er f체r Liebe gehalten hat, sich als etwas ganz anderes herausstellt? Dies ist die Geschichte der Liebe Celestes zu seiner Lea.


Lea lieben