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“Now I'm breaking down your door, To try and save your swollen face. Though I don't like you anymore You lying, trying waste of space.” - Placebo


Im Zweifel 1. Es war ein kühler, nebliger Januarmorgen, Hand in Hand gingen Lea und Florence den Strand entlang. Der Wind reißt an ihren Haaren und sie genießt, wie ihr die Strähnen von hinten ins Gesicht geweht werden. In der Ferne war das Nebelhorn des Leuchtturms zu hören, als ihr Fuß gegen etwas stieß, das halb im Sand eingegraben lag. Eine Flasche, durch das blinde Glas war kaum etwas von ihrem Inhalt zu erkennen. Der Korken am Hals ist mit weißem Wachs versiegelt, was Leas Interesse weckte. „Kannst du den aufmachen?“, fragte sie Florence. Er trug immer ein kleines Taschenmesser bei sich, welches er nun an die Flasche ansetzte. Der mürbe Korken riss bei dem Versuch, ihn mit der Messerspitze aus dem Hals zu hebeln, in der Mitte entzwei. Florence bohrte die Spitze daher in den 5


verbliebenen Kork und drückte die Brösel nach und nach in die Flasche hinein. Beide standen sie da und lugten durch die schmale Öffnung ins Innere. Sie erkannten, dass sich etwas in der Flasche befand, doch nicht, was es war. Florence schüttelte sie und spürte eine Bewegung, beförderte aber nichts ans Äußere. „Lass sie uns mitnehmen, daheim haben wir eine Zange oder eine Pinzette“, sagte er. Lea biss sich auf die Unterlippe und sah ihren Freund mit leicht schräg gelegtem Kopf an. Er bemerkte die Ungeduld, hatte bereits geahnt, dass ihr sein Vorschlag nicht schnell genug gehen würde. Daher reichte er ihr die Flasche und blieb zurück, während sie den Strand einige Meter hinauflief, zu den flachen Steinen. „Du weißt, dass du den Inhalt beschädigen könntest?“, rief er ihr nach, was ihm eine wedelnde Handbewegung einbrachte. Die Hände in den Hosentaschen lief er ihr nach. Er erreichte Lea, als 6


diese sich bereits vor einen Stein gekniet hatte. Nach zwei Schwüngen ins Leere ließ sie den Flaschenboden beim dritten Schlag auf den Fels herab fahren und das Glas zerbrach. Der Wind trug die Geräusche mit sich fort, zum Vorschein kamen Korkenbrösel und ein dreckiges Stück Stoff, gerollt und mit einer Kordel gebunden. Lea zog die Schleife auf und breitete das Tuch zu seiner vollen Größe aus, es an gegenüberliegenden Ecken festhaltend. Der Wind zog an dem Fetzen und rollte die nicht gehaltenen Kanten um. Florence beugte sich über Lea, beide betrachteten die wenigen Wörter, die mit schwarzer Tinte in den Stoff geschrieben standen.

„Lea träumte nie wieder von Celeste.“

An manchen Stellen war die Tinte zu stark in den Stoff gesogen, die Schrift wirkte ungelenk. Dennoch war jedes Wort lesbar. Lange Zeit sagte kei7


ner von ihnen ein Wort. Leas Haare wurden vom Wind gegen Florences Kinn geweht, er stand unverändert über sie gebeugt, die Hände in den Hosentaschen. Sein Blick wanderte von dem Tuch auf den Hinterkopf seiner Freundin, das lange braune Haar, offen getragen, dass vor ihm tänzelte, die einzelnen verwirbelten Strähnen, die über sein Gesicht strichen. Nach einiger Zeit hob sie ihren Kopf, blickte ihn von unten an. „Wer ist Celeste?“, fragte sie ihn. Er sah ihre blauen Augen, ihre blassen Sommersprossen, ihren zartrosa Mund. „Wer ist Lea?“, fragte er zurück. „Das bin ich“, sagte sie.

2. Auf dem Weg zurück zu ihrem Haus redeten sie wenig. Lea hatte die Stirn in Falten, sie sah beim Gehen auf den Weg. Das Tuch ließ sie durch die Finger ihrer linken Hand fahren. Florence hatte ei8


nige wenige Versuche unternommen, auf die Möglichkeit des Zufalls hinzuweisen. Dass ihr Name nicht einzigartig sei. Dass sich jemand einen Scherz erlaubt habe. Doch Florence glaubte nicht an den Zufall, er war ein Verfechter des Schicksals. Lea war eigentlich die Vertreterin des Zufalls, an ihr wäre es gewesen, die Sache abzutun. Doch tat sie es nicht. „Kennst du einen Celeste?“, fragte er nun. „Nein.“ Lea sah aufs Meer hinaus. „Das heißt, ich kenne den Namen. Bei Camus gibt es ihn, das weiß ich sicher.“ „Also aus der Literatur?“, hakte er nach. „Ja. Es ist ein heute nicht sehr häufiger Name.“, antwortete sie. Schweigend gingen sie die letzten Meter zum Haus. Wie immer nach einem Strandspaziergang betraten sie es über die Treppe zur Terrasse. Lea ging hinein, Florence blieb zurück, aufs Geländer gelehnt und in die grauen Wolken starrend, die 9


sich über dem offenen Meer auftürmten. Einige Minuten später trat Lea wieder neben ihn, ein zerlesenes Buch in der Hand. „Hier“, sagte sie, auf eine Stelle deutend, „er ist ein Barmann. Er ist auch noch etwas anderes, aber ich erinnere mich nicht mehr daran, es ist zu lange her. Aber nur seine Figur blieb aus diesem Buch überhaupt hängen.“ Er las die Stelle und blätterte die dünnen Seiten weiter, überflog wahllos Passagen, ohne den Namen wieder zu finden. „Er ist keine Hauptfigur, oder?“, fragte er mit Blick auf den Klappentext. „Nein, ich glaube nicht. Er spielt gar keine große Rolle.“ „Wieso erinnerst du dich dann an ihn?“ Sie blickte auf das Buch, ließ ihren Blick über die Lettern fahren: „Ich mochte den Namen. Celeste. Ein schöner Name.“ „Schöner als meiner?“, fragte Florence. Sie sah ihn aus ihren großen Augen an, der Wind hatte 10


sich wieder in ihren Haaren verfangen und verhüllte so ihr Gesicht. Doch er konnte sehen, dass sie lächelte als sie sagte: „Geht so.“ Er nahm sie in den Arm und sie küssten sich, dann gingen sie ins Haus und bereiteten ein Abendessen.

3. Florence erwachte nur langsam von dem Rütteln an seiner Schulter. Er schlief seitlich und das erste Licht, dass seine halboffenen Augen traf, war das blaue Stechen des Funkweckers. Es war tief in der Nacht. Mühsam drehte er sich um und blickte Lea an, welche an den Kopfteil des Bettes gelehnt saß. „Ich habe von ihm geträumt.“, sagte sie, ihn anblickend. „Jetzt?“, brachte er hervor. „Nein. Vor einiger Zeit. Noch bevor wir uns kannten.“ „Du hast von dem Barmann Celeste geträumt?“ Er 11


unternahm einen Versuch, sich aufzurichten, sank aber schnell wieder in sein Kissen zurück. „Nicht von der Figur aus dem Buch. Von einem Mann namens Celeste. Er war eine Traumfigur.“ „Und daran erinnerst du dich heute noch? Das du einmal einen Traum hattest, in dem ein Celeste vorkam?“ Florence schaffte es jetzt, sich auf einem Arm abzustützen und seinen Kopf in die Hand zu legen. „So ist es nicht“, antwortete sie, „ich habe oft von ihm geträumt. Es gab eine Zeit, da verging keine Woche, in der ich nicht von ihm träumte.“ Er bemerkte jetzt, dass sie das Tuch auf der Decke liegen hatte, ihre Hände spielte damit, rollten es zusammen und wieder auseinander. „War er ein Schwarm von dir? Wem sah er ähnlich?“ „Du verstehst das nicht. Er sah niemandem ähnlich. Er war keine Projektion eines Menschen, den ich wirklich kannte. Er war eine Figur meiner Träu12


me. Er war die Figur überhaupt.“ „Lea, das ist doch nicht möglich. Du redest, als hättest du Einfluss auf deine Träume gehabt.“ Sie sah ihn an und jetzt sah er die wache Tiefe hinter ihren Augen. Ihr Blau wirkte voller als sonst. Er begann zu spüren, dass diese Geschichte wahr war. „Und worum ging es in diesen Träumen?“, fragte er zögernd. „Ich weiß es nicht mehr. Es waren schöne Träume. Fantasievolle Geschichten. Und Orte. Es war wie in meinem Wunderland. Mit ihm.“ „Hattet ihrA“. Er brach die Frage ab, doch sie wusste genau, worauf er anspielte: „Ja, ich glaube schon. Aber es war nicht so, wie du vielleicht denkst. Es waren nicht solche Träume. Ich glaube, es ist passiert, aber wenn, dann war es nur ein Teil der Geschichte.“ Irrationale Eifersucht wuchs in Florence. Er erstickte sie jedoch für den Moment erfolgreich. 13


„Wann war das letzte Mal, dass du einen Traum mit ihm hattest?“ Sie dachte lange nach, sah dabei auf das Tuch, dass sie immer wieder durch ihre Finger fahren ließ: „Ich weiß es wirklich nicht mehr. Es ist lange her. Wir kannten uns noch nicht. Ich war viel jünger damals, eigentlich noch ein Mädchen.“ Sie lächelte und sah Florence von der Seite aus an. „Ich war wahrscheinlich verliebt in ihn, zumindest für eine Zeit.“ Florence erwiderte den Blick, dann ließ er sich wieder auf sein Kissen sinken und drehte sich auf den Rücken. Lea tat es ihm gleich und legte den Stoff auf ihren Nachttisch. „Und was bedeutet dann diese Nachricht?“, fragte er, ohne seine Augen von der Deckenlampe zu wenden. Lange blieb es neben ihm still. Als Lea antwortete, war ihre Stimme dumpf und müde: „Vielleicht möchte er, dass ich wieder von ihm träume.“ 14


Florence lag noch wach, als Lea neben ihm wieder eingeschlafen war. Er wollte sich einreden, dass er keinen Grund habe, sich an der Sache zu stören. Doch es gelang ihm nicht.

4. „Ich habe über ihn geschrieben“, rief Lea aus ihrem Zimmer heraus. Florence stand in der Küche und wartete, dass sie zu ihm kommen würde. Als das nicht geschah, legte er die Pilzbürste zur Seite und ging zu ihr. Er fand sie auf dem Boden sitzend, vor ihrem Schreibtisch, eine offene Pappkiste stand neben ihr, die voll mit alten Büchern war. Sie hielt etwas in der Hand, das er an ihrer Handschrift als ein altes Tagebuch erkannte. Lea schenkte ihm ein strahlendes Lächeln: „Ich war eine Schwärmerin damals. Über einen Zeitraum von fast zwei Monaten schreibe ich hier fast nur über ihn.“ Ihr Lachen ruft zwei Gefühle in ihm hervor, die er nicht miteinander vereinen kann. Sein Lä15


cheln muss gequält aussehen, daher wendet er sich schnell ab und blickt zum Fenster hinaus. „Und was war nach den zwei Monaten?“ „Dann wird es erst weniger“, antwortete sie ihm, während sie das Buch bis ans Ende durchblättert, „und irgendwann verschwindet er. Hier schreibe ich, dass ich es Schade finde, nicht mehr mit ihm träumen zu können.“ „Mit ihm?“, fragte er. „Ich war eine solche Poetin!“. Lea lachte und warf ihm das Buch zu. Er konnte es gerade noch so auffangen. Sie kam zu ihm, legte ihm die Hände auf die Schultern und drückte einen Kuss auf seine Wangen. „Lies es, wenn du möchtest. Ich erlaube es dir.“ Er blickte sie mit hochgezogenen Augenbrauen an, was sie wieder zum Lachen brachte. „Meine Abenteuer in der realen Welt stehen in anderen Büchern. Und die wirst du niemals zu sehen kriegen. Und jetzt musst du kochen.“ Als sie ihn 16


zur Tür hinaus schob, war sein Lächeln echt.

5. Lea schlief bereits, er saß in einem Sessel an der Terrassentür, das Buch auf dem Schoß, einen heißen Tee auf dem Tisch daneben. Draußen warf der Mond Reflexionen auf das Meer und die Terrasse lag in seinem grauen Licht. Florence schlug das Buch an einer von Lea markierten Stelle auf. Bevor er zu lesen begann, strich er mit den Fingern über die Seiten. Sie waren durch ihr Alter vergraut und faserig, ihre Schrift war in die Seite hinein gedrückt. Lea hatte ohne Linien geschrieben und trotzdem ein sauberes und gerades Schriftbild zustande gebracht. Florence bemerkte, dass dieses Tagebuch den typischen Verschönerungen ermangelte, es gab weder Schnörkel, noch farbliche Hervorhebungen, auch keine kleinen Herzen, Notenschlüssel oder andere Zeichnungen. Mit dem Geschmack des herben Tees im 17


Mund begann Florence zu lesen:

„Ich träumte wieder von Celeste. Ich weiß nicht, der wievielte Traum es tatsächlich war, denn am Anfang habe ich nicht darauf geachtet. Aber innerhalb der letzten zwei Wochen war es das vierte Mal. Wir waren wieder auf den Wiesen vor dem Wasserfall, in dieser Kulisse, die ich niemals malen könnte, die ich hier nicht beschreiben kann, weil mir die Worte fehlen. Es ist eine Landschaft, die eben nur in meinen Träumen entstehen kann und ich bin froh, dass meine Fantasie dazu in der Lage ist. Ich weiß nicht, woher ich mein Bild von Celeste habe, er sieht niemandem ähnlich, den ich kenne. Vielleicht habe ich so einen Mann in einem Film, oder nur auf der Straße gesehen, an mir vorbei laufend. Ich fände es spannend, den echten Celeste zu finden, und das, obwohl ich gar nicht weiß, ob er mir gefällt.“ 18


Florence erkannte viel seiner heutigen Lea in den Worten dieses jungen Mädchens. Ihre Art, die Dinge anzunehmen und ihr Verstand, über diese nachzudenken. Er blätterte weiter, las an manchen Stellen nur flüchtig, übersprang die Stelle, an der sie ihr erstes Mal mit Celeste schilderte, sobald er sie entdeckte und blieb einige Seiten später wieder haften:

„Ich bin vom Wasserfall gesprungen und es war ein Gefühl, das ich noch hierher mitnehmen konnte. Ich bin kurz aufgewacht und ich spürte, wie mein Herz in mir schlug, so als wäre ich wirklich gefallen. Wie ich es geschafft habe, wieder an die Stelle des Traums zu kommen, an der ich ihn verlassen hatte, weiß ich nicht, so etwas gelingt mir normalerweise nie, so sehr ich es auch will. Ich glaube, dass ich meine Träume inzwischen dirigieren kann, denn Celeste erzählte mir, dass er mich 19


nach dem Sprung gesucht habe und erst nicht finden konnte, ich dann aber wie aus dem Nichts neben ihm aufgetaucht sei. Ich träume eine Welt, die mir greifbarer erscheint, als vieles in meinem wirklichen Leben. Ich habe mit Susi darüber gesprochen, aber sie denkt wohl, dass ich übertreibe. Ich weiß, dass ich es nicht tue. Ich bin mir inzwischen fast sicher, dass ich solange von Celeste träumen werde, bis ich ihm hier auf dieser Seite begegnen werde. Oder aber, bis ich mich für seine Seite entschieden habe. Aber ich schreibe Blödsinn, daher höre ich hier auf.“

Über dieser Stelle blieb Florence lange sitzen. Er trank seinen Tee leer, während er sie zweimal wieder las. Die eifersüchtigen Stiche ließen sich nicht beruhigen. Doch sie hatte selbst gesagt, dass diese Sache wieder geendet hatte, einfach verflogen sei. Florence blätterte weiter, an die letzte Stelle, 20


die Lea ihm markiert hatte:

„Ich hatte einen Alptraum mit Celeste. Wie es immer so ist mit Alpträumen, weiß ich nicht, was der Auslöser gewesen sein könnte. Aber ich wusste ja auch nie, was die Auslöser für meine anderen Träume waren. Viel merkwürdiger als der Traum aber war das Gespräch, das ich mit Celeste führte. Ich konnte mit ihm darüber sprechen, dass alles nur ein Traum sei. Im Traum übers träumen zu reden ist beunruhigend, es gefällt mir nicht. Und Celeste gefiel es auch nicht. Anders als ich wusste er nicht, dass alles nur Schein ist. Aber woher hätte er es auch wissen sollen. Ich frage mich, ob ich träumen könnte, dass er sich der ganzen Sache bewusst ist. Ich werde vor dem Einschlafen genau daran denken, vielleicht gelingt es mir dann im Traum. Und ich glaube, ich muss mich bei ihm entschuldigen. Ich scheine ihn sehr aus der Fassung gebracht zu haben.“ 21


Aus den folgenden Einträgen erfuhr Florence, dass Lea nie wieder einen Traum gehabt hatte, in dem Celeste vorgekommen war. Erst bestürzt darüber, schien die Erinnerung zu verblassen und die Themen wechselten immer mehr hin zur Realität. Kurz nach der letzten Erwähnung Celestes in einem Nebensatz endete das Buch. Florence legte es zugeschlagen auf seinen Schoß und betrachtete den Deckel. Langsam strich er über die wellige Schutzfolie. Er lehnte sich zurück und betrachtete den Mond, der die Spitze seiner Bahn bereits überschritten hatte und sich langsam der Horizontlinie näherte. Nachdem er den türmenden Wolken lange genug hinterher gestarrt hatte, schlief er schließlich ein.

6. „Wach auf.“ Celeste saß auf einer flachen Mauer, die Knie an22


gezogen und die Füße gegen den blätternden Putz gestemmt. Er betrachtete die vor ihm liegende Gestalt, die ihm nach all den Jahren so unwirklich vorkam. Er zitterte, sah sich immer wieder um und dann wieder auf die Person. Sie rührte sich, erwachte aber nicht, schien in einem bösen Traum gefangen. Celeste lachte bitter auf. „Du sollst aufwachen!“ Endlich öffneten sich Augen zu Schlitzen, erhob sich zaghaft ein Kopf, stemmten Arme einen Oberkörper nach oben, in eine sitzende Position. Celeste blieb auf der Mauer sitzen, etwa zwei Meter entfernt. „NunA“, begann er und wusste dann nicht weiter. Er hatte einen nicht geringen Teil seiner Zeit damit verbracht, sich Worte zurecht zu legen, sich ganze Reden aus zu denken, die er an die Person richten würde, von der er glaubte, sie irgendwann in seinem Leben wieder sehen zu müssen. Und nun fand er keine Sprache. 23


Sein Gegenüber hatte sich inzwischen aufgerichtet, stand auf scheinbar wackeligen Beinen. Sie musterten sich gegenseitig. „Du bist es, oder? Du bist Celeste.“ Celeste antwortete nicht gleich. Er war sich nicht sicher gewesen, ob der Fremde seinen Namen kannte oder nicht, oder was er erwartet hatte. „Ich war Celeste, richtig. Es gab nur einen Menschen, der mich bei diesem Namen kannte. Es gab tatsächlich nur einen Menschen.“, sagte Celeste. „Sie ist meine Freundin.“, antwortete der Mann, „sie heißt Lea.“ Celestes Gesicht zuckte, seine Mundwinkel verzogen sich zu einer Grimasse. Er glitt von der Mauer herab und ging zu Florence hinüber.

7. Lea schlief eine lange Zeit traumlos. Mehrmals 24


schrak sie auf, immer nur für Sekunden, gestört durch ein Geräusch, einen Wind oder ein Gefühl. Ihre wachen Phasen reichten kaum aus, ihr Bewusstsein aus dem Schlaf zu befreien, schnell glitt sie wieder in ihn hinüber. Zuletzt träumte sie von sich an einem Strand. Es war nicht der Strand vor ihrer Haustür, viel zu weit war er, in alle Richtungen. Die Wellen türmten sich riesig gegen die Küste, das Wasser schien in jeder brandenden Welle anders beleuchtet, über grau und grün reichte es zu blau und schwarz. Sie wollte sich diesem Meer nicht nähern, denn es drohte, sie mit sich zu reißen, hinaus in eine Welt jenseits der Wellen. Sie ahnte, dass sie gegen diese Strömung nicht würde ankämpfen können. Neben ihr führte bereits eine frische Fußspur zum Wasser, so frisch, dass der stete Wind sie noch nicht zerstreuen konnte. Sie konnte ihre nackten Füße problemlos in die Spuren stellen und wusste, dass es Florences Abdrücke waren. Zögernd folgte sie 25


dem vorgezeigten Pfad bis zu der letzten trockenen Stelle. Dahinter waren die Spuren längst ausgewaschen. Sie blickte den Strand entlang, doch sie war allein.

8. Celeste und Florence waren in etwa gleich groß, sie blickten sich direkt in die Augen. Seine Hände lagen auf Florences Schultern. In seinem Blick sah Florence Sätze und Möglichkeiten, die dieser jetzt durchging. Sein Mund war zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Als die Hände seine Schultern fester umgriffen, war es Florence, der das Wort ergriff: „Wir haben deine Nachricht gefunden.“ Nichts in seinen Augen verriet eine Regung, doch Celeste fragte: „Welche Nachricht?“ „Der Stoff in der Flasche“, antwortete Florence, „mit deiner Nachricht darauf.“ Celeste ließ seine Arme sinken, sah Florence aber 26


weiter unverwandt an: „Es gibt keine Nachricht.“ „Die Nachricht auf dem Stoff war unmissverständlich an Lea gerichtet.“, beharrte Florence. „Sie enthält ihren Namen, deinen Namen und sieA“. Weiter kam Florence nicht, bevor er Celestes Hände um seinen Kopf gelegt spürte. Mit aller Kraft drückten die Handflächen seinen Kiefer nach oben und hinderten ihn am weitersprechen. Dann riss Celeste Florence Kopf ruckartig nach links und schrie ihm direkt in sein Ohr: „Es gibt keine Nachricht! Sie dich um! Es gibt nichts hier, gar nichts! Es gibt hier keine anderen und es gibt hier keine Lea!“. Mit einem Tritt stieß Celeste sein Gegenüber nach vorne, Florence fiel auf die Knie und musste seinen Sturz mit den Händen abbremsen. „Seit Lea gibt es nichts mehr. Nur diesen Ort hier und der ist noch viel schlimmer als der, an dem ich davor war. Und es gibt nichts anderes.“ Florence sah über seine Schulter hinauf zu Celes27


te, der drohend über ihm ragte, schwer atmend die Hände zu Fäusten geballt. Sein Gesicht war gerötet. Florence betrachtete den stoppeligen Bart und die halblangen Haare, die starr um seinen Kopf herum fielen. In der Hoffnung, ihn zu beruhigen, sagte er: „Lea erinnert sich wieder an dich! Selbst wenn die Flasche nicht von dir stammt, sie hat ihren Zweck erfüllt. Und nicht nur bei ihr, auch ich bin jetzt hier.“ Celeste wandte sich ab, ging zu der Mauer zurück, auf der er gesessen hatte, blickte hinter sie. Florence stand wieder auf und klopfte sich den Staub von den Klamotten. Er stand auf dem Platz, auf dem er erwacht war. Um ihn herum standen wie ausgebrannt wirkende steinerne Häuser, mit leeren schwarzen Fenstern und Türen. Der Himmel war von schwarzen Wolken überzogen und nur spärlich drang graues Licht durch sie hindurch. „Das ich hier bin, muss für dich doch eine Hoff28


nung sein“, versuchte es Florence erneut. Celeste drehte ihm immer noch den Rücken zu, lachte nur einmal schnappend auf. „Wenn ich es kann, wird Lea es auch wieder können. Sie hat doch früher so oft von dir geträumt.“ Celeste sprach, ohne sich Florence zuzuwenden, stattdessen schien er eine Lücke zwischen zwei der Hausruinen zu fixieren: „Träumen. Ich weiß nicht mal, was das ist. Ich glaubte einmal, es zu wissen, bis ich bemerkte, dass ich selbst es scheinbar niemals tat. Früher schlief ich nicht einmal, dass kann ich jetzt immerhin. Denkst du wirklich, ich möchte, dass Lea wieder von mir träumt? Dass es wieder wie früher ist?“ „Ihr hattet schöne Zeiten miteinander.“ „Sie hatte schöne Zeiten mit mir.“ „Das heißt, du hast ihr nur etwas vorgespielt? Oder hattest vielleicht gar keine Wahl, es nicht zu tun?“ Celeste wandte sich jetzt doch um. Tränen hatten 29


helle Streifen in sein schmutziges Gesicht gewaschen: „Natürlich war die Zeit für mich auch schön. Sie war das einzig Schöne, das ich jemals erleben durfte. War sie nicht da, war ich es auch nicht. Ich dachte damals, normal zu leben, doch ich tat nichts als warten, nichts anderes, als mich für sie aufzubewahren. Ich war damals wohl glücklich, denn ich begriff nichts.“ Florence erwiderte nichts, er sah auf die traurige Gestalt, die sich zitternd bemühte, klar zu sprechen, es aber von Satz zu Satz weniger zu Stande brachte: „Verstehst du, wie es sich hier anfühlt? Was du siehst, ist alles! Weißt du, wie es ist, hier zu sein? Und ich bin hier wegen ihr! Wie könnte ich sie lieben, würde sie wieder von mir träumen! Wie könnte ich widerstehen, meine Hände um ihren Hals zu legen und zuzudrücken, bis alles endet. Würde sie mir begegnen, ich würde sie töten. IchA ich habe versucht, mich zu töten. Dadurch bin ich hierher gekommen. Ich bin in der Hölle. Ih30


rer Hölle! Sie lässt mich nicht gehen, sie hat mich irgendwo in ihrem Kopf, so tief drinnen dass nur noch dieser Ort hier für mich bleibt, der reicht, mich zu verwahren, mich für immer aufzuheben, für den Fall, dass sie mich doch noch einmal braucht, sie mich vielleicht zurückholt. Jeden Tag, den ich erwache, habe ich mehr Angst davor, nicht mehr hier zu sein, als es zu sein. Jeden Tag hoffe ich, dass sie endlich stirbt, in ihrer Welt, damit sich ihre ganzen Gedanken auflösen und ich mich mit ihnen!“ Florence umfing eisige Kälte. Der Hass, den dieser Mensch Lea entgegenbrachte, war begründet aus tiefstem Herzen. Wie konnte er nur so etwas träumen? War er es nicht, der Celeste diese Worte formen ließ? „Du bist doch nur unser Geist!“, warf Florence dazwischen und brachte Celeste zu einem abrupten Stopp. Wild starrte dieser zu ihm herüber. „Ich muss mir dieses Gerede nicht anhören! Ich 31


muss nicht meiner Freundin im Traum vorwerfen, was meine Fantasie zusammengesponnen hat, als ich ihre Tagebücher las. Ich verstehe dein Leid, aber sei versichert, dass es endet, sobald ich erwache. Wenn Lea von dir träumt, wird es wieder wie früher sein. Ich glaube, sie hat dich damals geliebt. Sie würde dir keinen Schmerz zufügen.“ Florence war auf Celeste zugegangen, hatte sogar überlegt, ihm die Hand auf die Schulter zu legen, doch der Blick in sein Gesicht ließ ihn auf der Stelle verharren. Als Celeste wieder das Wort erhob, war seine Stimme kalt und schneidend: „Du träumst das alles nur, ja? Dann wach auf! Wach jetzt auf!“ Florence zögerte nur kurz, entschied sich dann dagegen, etwas zu erwidern, sondern kniff sich selbst in den Arm, eine Methode, die er noch aus seiner Kindheit kannte. Als nichts geschah, schloss er die Augen und kniff noch einmal, dies32


mal fester. Er spürte ein saugendes Gefühl mitten in seinem Kopf und wusste, dass er jetzt aufwachen würde. Als er die Augen öffnete, stand Celeste unverändert vor ihm. „Alle Träume sind geträumt. Auch für dich. Sie sind gekommen.“ Celeste blickte an Florence vorbei in den Hintergrund. Langsam drehte sich dieser herum und sah die großen schwarzen Tiere, die sich wie Schattenrisse auf den Fassaden der Gebäude eingebrannt hatten. Sie bewegten sich, schwebten wie zweidimensionale Quallen über alle Flächen, die Mauern und den Boden. Wo ihre Körper eine Fensteröffnung bedeckten, wurde diese noch schwärzer. Florence verstand nicht mehr, was Celeste sagte. Er hörte seine Stimme, doch sie wurde von dem Geräusch in seinem Kopf übertönt, das immer mehr anschwoll und letztlich alles vor seinen Augen schwarz werden ließ.

9. 33


Lea erwachte früh am Morgen, draußen graute der Tag. Sie war allein, Florences Decke lag unberührt aufgeschlagen auf seiner Seite des Bettes. Sie ging ins Bad und trat danach ins Wohnzimmer. Auf seinem Leseplatz lag ihr Tagebuch, er hatte es gestern Nacht lesen wollen. Auf dem Tisch stand eine leere Tasse Tee. Neben dieser lag das Tuch aus der Flasche. Sie las den einen Satz, der unverändert darauf stand und noch immer seine Gültigkeit hatte. Lea hatte auch diese Nacht nicht von Celeste geträumt. Ein wenig hatte sie es erwartet, nach all den Gedanken, die wieder in ihr hochgekommen waren. Sie setzte sich in den Sessel und schlug ihr Buch auf, blätterte darin, legte es aber kurze Zeit später wieder weg. So blieb sie sitzen und besah den Sonnenaufgang. Sie wartete auf Florence, der noch früher als sie aufgewacht sein musste um anschließend auf einen morgendlichen Spaziergang zu gehen. Noch bevor die Sonne Zeit gehabt hätte, die Kälte der 34


Nacht zu vertreiben, würde er wieder bei ihr sein. Das Gefühl der Sehnsucht, das sie überkam, schob sie auf die ersten hellen Strahlen, die sich über das Meer hin zu ihr erstreckten.

10. Noch bevor Florence die Augen wieder aufschlug, hörte er das Rauschen des Meeres. Er spürte den kalten Sand unter seinen Fingern, als er sie in den Boden grub. Er blinzelte und pustete sich Körner aus den Haarsträhnen. Das Licht war schlecht, die Sonne noch nicht aufgegangen. Ihm war am ganzen Körper kalt, aber es war schließlich Winter. „Wieder wach.“, stellte Celestes Stimme irgendwo hinter ihm fest. Florence brauchte einige Sekunden, sie zuordnen zu können. Als es ihm aber gelang, saß er im gleichen Augenblick aufrecht und sah sich um. „Ich bin oft hier. Es ist der beste Ort, den ich kenne.“, sagte Celeste, der einige Meter von ihm ent35


fernt im Sand saß, die Beine dicht an den Körper gezogen und mit den Armen umschlungen. An den Klippen, in die der Strand an seinem oberen Ende überging, waberten Schatten. Florence war nicht in der Lage, zu sprechen. Immer wieder sah er aufs Meer hinaus und wieder zurück zu Celeste, der jetzt mit einem Finger Figuren in den Sand zeichnete. „Ja, du bist noch hier.“, sagte er schließlich. „Als ich heute Morgen hierher kam, warst du schon da. Und sie auch.“ Er zeigte hinter sich. „Ich habe lange gebraucht, um sie von mir wegzutreiben. Aber diesmal muss ich keine Angst haben. Ich glaube, diesmal sind sie deinetwegen hier. Sie sind Zweifel.“ „Zweifel?“, brachte Florence heraus. Celeste lachte auf: „Warum nicht. Es scheint mir ein guter Tag für Zweifel zu sein.“ Er stand auf und ging zu Florence hinüber, streckte ihm eine Hand hin.

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„Wir werden reden.“, sagte er. „Lass dir ruhig Zeit, es wird nicht eilig sein.“, fügte er hinzu, als Florence sie nicht gleich ergriff.

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Der zweite Teil der Celeste-Trilogie

Lea tr채umte nie wieder von Celeste. Doch bedeutet dies den Tod f체r eine Traumfigur? Manche Bindungen sind tiefer, als es sich ein Mensch vorstellen kann. Manche Bindungen bestehen auch noch 체ber Welten hinweg. Dies ist die Geschichte des Hasses Celestes auf seine Lea.


Im Zweifel  

Der zweite Teil der Celeste Trilogie

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