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I. VOR DEM SCREENING

Entstanden zu Zeit des Kalten Krieges, werden die Invasionsfilme oft als antikommunistische Propaganda interpretiert – immerhin kommt die Gefahr vom „roten Planeten“ Mars! Die Warnung zur Wachsamkeit („Keep watching the skies!“) ist jedoch meist ambivalent. Der Antikommunismus der McCarthy-Ära, der die „Infiltrierung“ der US-Bevölkerung durch sowjetische Ideen fürchtete und in der staatlichen Bekämpfung „unamerikanischer“ Aktivitäten paranoide Züge entwickelte, ist als zusätzliches, innenpolitisches Ziel der Kritik selten ganz auszuschließen. Auch der drohende Atomkrieg ist ein wichtiges Motiv. In THE DAY THE EARTH STOOD STILL (DER TAG, AN DEM DIE ERDE STILLSTAND, USA 1951, R: Robert Wise) erscheinen die Marsianer sogar als moralisch überlegene Art, die die zerstrittene Menschheit zum Frieden auffordert. Optisch gleichen sie Menschen. In Erinnerung bleibt die Ära jedoch vor allem durch die noch einfachen Spezialeffekte, Marsmenschen in grünen Gummianzügen und ein eher schlichtes Weltbild – Zutaten der klassischen Science-Fiction, die in neueren Filmen wie MARS ATTACKS! (USA 1996, R: Tim Burton) und INDEPENDENCE DAY (USA 1996, R: Roland Emmerich) lustvoll parodiert werden. Wie sich das Bild der Außerirdischen über die Zeit wandelte, zeigt exemplarisch das Werk Steven Spielbergs. In CLOSE ENCOUNTERS OF THE THIRD KIND (UNHEIMLICHE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART, USA 1977) kommen die Besucher als Freunde, von der Menschheit sehnsüchtig erwartet; E.T. – DER AUSSERIRDISCHE (E.T. THE EXTRATERRESTRIAL, USA 1982) zeigt die Freundschaft zwischen einem verängstigten Alien und einem kleine Jungen. Beide Filme spiegeln den Idealismus der 1970er-Jahre. In Spielbergs düsterer Neuverfilmung KRIEG DER WELTEN (WAR OF THE WORLDS, 2005) ist davon nichts mehr übrig. Der Angriff der Marsianer wird zur deutlichen Metapher auf die Anschläge auf das World Trade Center vom 11. September 2001. Wie stets in der Science-Fiction zeigen sich im unheimlichen Anderen die Ängste des Menschen vor sich selbst.

Faszination Weltraum Einen rational-wissenschaftlichen Zugang zum Weltraum suchte in den 1950er-Jahren zunächst eine Reihe von Mondfahrtfilmen wie DESTINATION MOON (ENDSTATION MOND, USA 1950, R: Irving Pichel) und ROCKETSHIP X M (RAKETE MOND STARTET, USA 1950, R: Kurt Neumann). Doch die zunehmende Realisierung ihrer Visionen – 1957 startete mit dem sowjetischen Sputnik der erste Satellit, 1961 reiste Juri Gagarin als erster Mensch ins All – zwang die Science-Fiction zur Neuorientierung. In seinem Meisterwerk 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM aus dem Jahr 1968

>>Foto: © Daniela Mangiuca / istock 42161642

verband Stanley Kubrick die durchaus realistisch anmutende Darstellung des Lebens auf einer Raumstation mit einer Fülle philosophischer Menschheitsfragen. Auch SOLARIS (UdSSR 1972) von Andrei Tarkowski sucht im riesigen Weltraum nach dem Kern menschlicher Existenz. Beide Filme begründeten eine Tradition des poetischen Weltraumfilms mit betont langsamen Bildern, die mit Filmen wie MOON (GB 2009, R: Duncan Jones) und GRAVITY (USA 2013, R: Alfonso Cuarón) bis heute fortgesetzt wird. Allgemein machte sich nach der Mondlandung 1969 Ernüchterung breit. In SILENT RUNNING (LAUTLOS IM WELTRAUM, USA 1972, R: Douglas Trumbull) bewacht ein einzelner Astronaut, nachdem er seine drei Kollegen umgebracht hat, die letzten Reste irdischer Flora und Fauna auf einem Raumschiff – die Geburt der Öko-Science-Fiction.

SCIENCE FICTION – KEEP WATCHING THE SKIES!

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Filmklassiker Material Science Fiction  
Filmklassiker Material Science Fiction