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FINSTER WORLD

Frauke Finsterwalder und Christian Kracht

DEUTSCHE DREHBÜCHER Herausgegeben von Fred Breinersdorfer und Dorothee Schön für die Deutsche Filmakademie


Frauke Finsterwalder Christian Kracht

FINSTERWORLD

Der Text erschien erstmals bei FISCHER Taschenbuch Frankfurt am Main, November 2013 Š S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2013

Mit freundlicher Genehmigung von Frauke Finsterwalder und Christian Kracht


Besetzung und Stab Einsiedler Claude Petersdorf Tom Dominik Natalie Jonas Maximilian Sandberg Franziska Feldenhoven Inga Sandberg Georg Sandberg Frau Sandberg Lehrer Nickel Herr Malchow Pfleger Pelzhändler Massai-Frau

Johannes Krisch Michael Maertens Ronald Zehrfeld Leonard Scheicher Carla Juri Max Pellny Jakub Gierszal Sandra Hüller Corinna Harfouch Bernhard Schütz Margit Carstensen Christoph Bach Markus Hering Michael Kranz Dieter Meier Norshumu Moluau

Regie Drehbuch

Frauke Finsterwalder Frauke Finsterwalder und Christian Kracht Markus Förderer Andreas Menn Katharina Wöppermann Lotte Sawatzki Christina Baier Michaela Meliàn André Bendocchi-Alves Simone Bär Tobias Walker und Philipp Worm (Walker+Worm Film) Lhasa-Films, Bayerischer Rundfunk, Arte Alamode

Kamera Montage Szenenbild Kostüm Maske Musik Sounddesign, Mix Casting Produzenten Co-Produzenten Verleih

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Drehbuch

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Wald

Es ist dunkel, der deutsche Urwald nur schattenhaft zu erkennen, wir hören Naturgeräusche, Vogelzwitschern, Wind in Baumwipfeln. Es ist neblig. Während die Morgendämmerung anbricht und es langsam immer heller wird, fährt die Kamera langsam durch die Baumkronen, gegenlichtige Morgensonne. Flechten hängen herab. Bemooste Felsbrocken. Unergründliche, dunkle Teiche. Alle Schattierungen von Grün; von grell bis dunkel. Durch die Krone eines riesigen Eichenbaumes scheinen wenige Lichtstrahlen, in denen Nebelschwaden wabern. Baumwurzeln in den Strahlen des morgendlichen Sonnenlichts. Insekten. Titel: FINSTERWORLD Ein Jungvogel fällt aus dem Nest auf den moosigen Waldboden und schreit vor Angst. Der EINSIEDLER bleibt bei dem Vogel stehen, bückt sich und untersucht ihn vorsichtig, mit vor Kälte roten, dünnen Fingern. Der Vogel schreit auf. Der EINSIEDLER überlegt kurz und birgt ihn dann zärtlich unter seine Jacke, nah an sein Herz. Dann verschwindet er mit dem Vogel im Dickicht.

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Tankstelle

CLAUDE PETERSDORF steht an der Zapfsäule und betankt seinen Kombi. Auf den Türen seines uralten Autos steht: »Fußpflege Claude Petersdorf«, ein schwarzer Fußabdruck mit einem lächelnden Gesicht darin und der Slogan »Wir zaubern Ihren Füßen ein Lächeln ins Gesicht«. CLAUDE versucht summend, auf der Preisanzeige eine gerade Zahl hinzutanken. Die Euro-Anzeige springt immer leicht darüber oder darunter. Nach ein paar Anläufen schafft er es und lächelt zufrieden.

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Landstraße, Claudes Auto

CLAUDE fährt in seinem Kombi auf der Landstraße. Auf dem Armaturenbrett kleben drei mit Bonbons gefüllte Marmeladengläser, handbeschriftet: »Waldmeister«, »Himbeere«, »Zitrone«. Er schiebt sich einen Waldmeisterbonbon in den Mund und guckt nach oben in den Himmel, als bedrohe ihn etwas von dort. Sein Telefon klingelt. CLAUDE Ja. Fußpflege Claude Petersdorf. Hallo? Ja, wir kommen gerne auch zu Ihnen nach Hause. Als ob sein Bonbon heute anders schmecken würde, nimmt er leicht irritiert den Waldmeisterbonbon aus dem Mund und wirft ihn aus dem Fenster. CLAUDE Normalerweise machen wir ein neutrales Fußbad oder mit Essenzen. Nein, nein. Natürlich Schneiden und Feilen der Zehennägel. Entfernen der Hornhaut, Hühneraugen … 4


Er nimmt die nächste Ausfahrt. CLAUDE Massage der Füße mit Creme. Ja, mit hochwertiger Kamille. Vierzig Euro. Da ist die Anfahrt mit drin. Ja, gern. Warten Sie, ich notier mir kurz Ihre Adresse. Er klemmt sich das Mobiltelefon zwischen Kopf und Schulter und kramt im Handschuhfach. CLAUDE Ich finde grad keinen Stift. Hinter ihm blinkt ein Streifenwagen der Polizei. CLAUDE O Gott, nein. Nein, ich meine nicht Sie. Hören Sie, ich fahre gerade zu einem Termin im Altersheim. Würden sie mich bitte noch mal anrufen? Ohne eine Antwort abzuwarten, drückt er das Gespräch weg und wirft das Telefon auf den Beifahrersitz.

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Landstraße am Feld

CLAUDE fährt rechts ran, hält sich mit beiden Händen am Steuerrad fest und atmet aus. Im Rückspiegel beobachtet er den sich nähernden Polizisten und schnallt sich schnell an. Der Polizist TOM steht an der Tür des Kombis, das Fenster ist heruntergerollt. CLAUDE Ich weiß natürlich, daß man nicht telefonieren darf, weiß ich. Ich mach das auch nie, ich schwöre es Ihnen, sonst gar nicht …

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TOM Fahrzeugschein, Führerschein. CLAUDE gibt ihm die Papiere. CLAUDE Die Geschäfte gehen nicht so gut, es ist alles keine Freude, da bin ich eben einmal ans Telefon gegangen heute morgen, bitte sehen Sie es mir doch nach … TOM Einmal ist einmal zuviel. Vierzig Euro und einen Punkt. CLAUDE (flehend) Ach, bitte … Noch einen Punkt, dann darf ich nicht mehr fahren. Dann kann ich nicht mehr zu meinen Kunden im Altersheim. Die freuen sich doch immer so, wenn ich komme. TOM Schade für die alten Herrschaften. CLAUDE druckst und faßt sich an die Nase. CLAUDE Äh, kann ich Ihnen die vierzig Euro nicht einfach so geben? TOM zückt brüskiert sein Funkgerät. CLAUDE Nein, warten Sie doch mal bitte, schauen Sie mal. CLAUDE wühlt auf der Rückbank verzweifelt in seiner Arbeitstasche. Er nimmt irgendein Kosmetikprodukt, dann noch eines. Ihm kommen fast die Tränen. CLAUDE Hier, ich schenk Ihnen diese Fußcremes. 6


Und diese auch noch. Und diese hier können Sie für die Hände nehmen. Macht sie ganz zart. Manchmal denken wir Männer an so was gar nicht. Und dieses Produkt hier macht einen herrlichen, gesunden und frischen Teint. Wirklich. Für Ihre Frau. Oder Ihre Freundin. TOM nimmt die Produkte durchs offene Fenster, dreht und wendet sie in den Händen. CLAUDE Ich schenke sie Ihnen. Und nehmen Sie doch bitte auch das Geld. TOM Geht’s noch ein bißchen auffälliger? Hast du nicht eine Tüte dabei? CLAUDE Ja, natürlich. Er kramt im Fußraum des Beifahrersitzes nach einer bunten Papiertüte und packt die Cremes hinein. TOM Gute Weiterfahrt. CLAUDE (nickt ununterbrochen) Ja, danke. TOM Und nächstes Mal anschnallen. CLAUDE Ja, danke … CLAUDE pustet die Backen auf, wischt sich mit einer schnellen Handbewegung die immer noch tränenden Augen und atmet aus.

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Straße mit weißen Zäunen

DOMINIK und NATALIE auf dem Weg zur Schule. Beide tragen Brillen und Schuluniformen. NATALIE zum Rock lange Kniestrümpfe und abgewetzte Springerstiefel, DOMINIK zottelige Haare und löcherige Converse. Seine Uniform wirkt unordentlich und etwas zu groß, er hopst und schlurft. DOMINIK Kennst du eigentlich diese Unterhosen, wo vorne ein Elefantengesicht ist, also wo der Penis vorne in dem Rüssel steckt, so? NATALIE lacht. DOMINIK Ist jemand, der das anhat, ein Furry? NATALIE Nein, das ist ein Depp. Die Unterhose ist doch nur ein Scherzartikel für so Managerparties. Furries sind Typen, die sich danach sehnen, wirklich Stofftiere zu sein. In echt. DOMINIK Aber der Typ, der diese Elefantenunterhose trägt, hätte doch auch gerne einen Penis so groß wie ein Rüssel. NATALIE Vergiß es, das verstehst du nicht. Sie gehen schweigend ein paar Schritte. NATALIE Die treffen sich in ihren Kostümen auf großen Konferenzen in stillgelegten Flugzeughangars und knuddeln sich. DOMINIK Und haben die dann Sex? 8


Natalie tritt ihn in den Hintern. DOMINIK Aua! Und haben die Sex? Sie sind an einer Straßenecke angekommen, auf der anderen Straßenseite stehen MAXIMILIAN und JONAS, zwei athletische blonde Jugendliche in akkuraten Schuluniformen und mit gescheitelten Haaren. Ihre Hemdkrägen sind hochgeschlagen, ihre Hände tief in den Hosentaschen vergraben, sie rauchen, Zigarette wie James Dean im Mundwinkel. Die beiden haben NATALIE und DOMINIK schon eine Weile beobachtet. JONAS (brüllt übertrieben laut) D-U-M-M-I-N-IK!!!

DOMINIK und NATALIE zucken erschrocken zusammen, und MAXIMILIAN und JONAS lachen meckernd. DOMINIK und NATALIE schlendern über die Straße zu den anderen beiden. NATALIE Aah, endlich. Die Navy Seals. JONAS hält seinen Mund sehr nah an NATALIES Gesicht. JONAS Buh! NATALIE Uargh. Dein Mundgeruch steht echt in krassem Gegensatz zu deiner geschniegelten Frisur. MAXIMILIAN Sie hat recht. Du riechst heute echt ’n bißchen … tschuldigung … JONAS Ja, genau. Spinnst du? NATALIE Es war ’n perfekter Morgen, bis ihr 9


aufgetaucht seid. JONAS Also ich hab dich TOTAL vermißt, Natalie. NATALIE Vielleicht hast du nur ein denkendes Gehirn vermißt. MAXIMILIAN stellt sich zwischen DOMINIK NATALIE und legt gönnerhaft den Arm um beide.

und

MAXIMILIAN Na, ihr Spasmos? Ready for the KZ Besuch? DOMINIK Ich, äh, ja, schon … MAXIMILIAN Ein Scheiß (Sch-e-i-i-ß langgezogen und geflüstert), wenn ich das mal ganz salopp ausdrücken darf. JONAS Totale Zeitverschwendung. NATALIE (zu JONAS) Vielleicht hättest du lieber nicht Geschichts-LK wählen sollen. Das braucht man ja fürs BWL -Studium auch nicht. DOMINIK … komm schon, Natalie … MAXIMILIAN schlägt NATALIE im Gehen kumpelhaft auf die Schulter, drückt sie kurz an sich, sie entwindet sich.

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Plattenbauwohnung, Wohnzimmer

Die Dokumentarfilmerin FRANZISKA FELDENHOVEN hat die Kamera in der tristen Wohnung des Arbeitslosen HERRN MALCHOW aufgebaut. Im Fernseher läuft ein Film über Eichhörnchen von Heinz Sielmann. Auf dem Rauchglastisch ein großer Teller Dosenspaghetti mit Soße, die HERR MALCHOW zum Frühstück ißt. FRANZISKA filmt von oben mit der Handkamera die Urzeitschneckensammlung unter dem Rauchglastisch, dann mit einem gekonnten Schwenk den Mann beim Aufrollen der Nudeln auf die Gabel. Er starrt, ohne aufzuschauen, kauend in den Fernseher. FRANZISKA Vermissen Sie Ihre Frau eigentlich? HERR MALCHOW Och. FRANZISKA Auch nicht beim Essen? HERR MALCHOW zündet sich eine Marlboro an. HERR MALCHOW Och, nö. FRANZISKA Aber so ganz alleine essen … HERR MALCHOW Hm? FRANZISKA … Also ich ess ungern allein. Und Sie? HERR MALCHOW Ist mir wurscht. FRANZISKA Ist Ihnen Ihre Frau auch egal? ExFrau, meine ich? Erzählen Sie mal. 11


HERR MALCHOW Och, nö. Wollen Sie auch ’n Teller Nudeln? Er schaut sie (also ihre Kamera) fragend an. FRANZISKA läßt das Gerät sinken und stellt es aus. Eigentlich ist sie genervt, aber unterdrückt es professionell und tut, als würde sie scherzen. FRANZISKA Das, äh, das geht im Dokumentarfilm nicht, Herr Malchow, daß Sie in die Kamera gucken. Sonst kann ich das alles im Schnitt nachher nicht verwenden. HERR MALCHOW Tschuldigung. Hab vergessen. Also, woll’n Se jetzt nen Happen mitessen?

ich

Sie setzt sich neben ihn aufs Sofa. Er stellt den Fernseher auf leise. Sie sieht in die Nudelschüssel. FRANZISKA (lügt) Oh. Ja, probier ich gern. Sie hält ihm einen Teller hin, er schöpft einen Klacks Nudeln darauf. Sie ißt zaghaft, aber auch beherzt, um ihn nicht zu beleidigen, so, als sei sie auf seiner Seite. HERR MALCHOW Ist lecker. FRANZISKA Oh ja, doch, klar. Gut. Haben Sie … gekocht? Schweigen, man hört weiter die Eßgeräusche des Mannes. FRANZISKA Haben Sie eigentlich mal ausgerechnet, wie viele Stunden Sie am Tag vorm Fernseher sitzen? 12


HERR MALCHOW Nee. FRANZISKA Ich meine nur. Sagen wir mal so neun Stunden. Drei morgens, drei nachmittags und drei abends. Das wären dann dreiundsechzig Stunden in der Woche … HERR MALCHOW Hm. FRANZISKA … geteilt durch vierundzwanzig wären das so ungefähr zweieinhalb Tage. Also zehn Tage im Monat. Im Jahr wären das dann hundertzwanzig Tage, also ein Drittel vom ganzen Jahr, und in Ihrem Leben dann … Wie alt sind Sie noch mal? Franziskas Telefon klingelt. FRANZISKA Hallo, ja, wart mal. Muß mal kurz nach nebenan gehen … (zu HERRN MALCHOW) Meine Chefin vom Sender. Darf ich nebenan kurz …? Er grunzt ohne aufzuschauen. FRANZISKA geht mit dem Telefon am Ohr Richtung Schlafzimmer.

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Plattenbauwohnung, Schlafzimmer

Im Zimmer ein Schlafsofa mit bunter Bettwäsche und ein rötlichbraunlaminierter Wandschrank. Ein paar alte, schmutzige Stofftiere aus den sechziger Jahren, ein paar rote Plastikblumen, wie man sie auf der Kirmes schießen kann. Rauhfasertapete mit Glitzereffekt. Eine gebrauchte Herrenunterhose liegt auf dem Bett. Franziska steht am Fenster und telefoniert, in den Redepausen dreht sie an einer Haarsträhne. Sie schaut sich das Chaos im Zimmer leicht 13


angewidert an. Ihr enthusiastischer Tonfall steht in starkem Gegensatz zu ihrem besorgten Gesichtsausdruck. FRANZISKA Es läuft wirklich genial, also besser könnte es gar nicht … Ja! Es ist alles ganz echt. Also ich meine, fast ZU echt. Das hat man wirklich so noch nie gezeigt, wie ich es versprochen habe … Ja, ja, auch tragisch, der vermißt seine Frau wirklich ziemlich … Aus dem Nebenzimmer dringen starke Hustgeräusche von HERRN MALCHOW. FRANZISKA Na ja, so echte Emotionen zeigt er natürlich nicht, aber ich krieg das schon erzählt, kennst mich ja … Ja, also die Ebene fehlt mir noch ein bißchen. Was hältst du eigentlich von dem Titel »Spaghetti zum Frühstück«? … Ach so? War nur so eine Idee heute. Mit einem Stift hebt sie den Herrenslip hoch und manövriert ihn hinters Sofa. FRANZISKA Das wird ja auch ein trauriger Film natürlich. Aber mit viel Hoffnung auch … Wie gesagt, ein neuer Neo-Realismus … Na ja, Hoffnung halt … Auf eine bessere Zukunft. Auf Veränderung. Ein Leben raus aus der Starre … Ich denke, noch drei Wochen, dann bin ich fürs erste durch … HERR MALCHOW ruft etwas Unverständliches aus dem Nebenzimmer. FRANZISKA Nächste Woche schon mal was zeigen? Kein Problem. Klar … Okay, dann bis dann. Wir 14


telefonieren. Erschöpft lehnt Fensterscheibe.

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FRANZISKA

ihren

Kopf

gegen

die

Hotelzimmer

Die Hotelsuite ist im internationalen Einheitsstil ausgestattet; viel Holzfurnier, Flatscreen-TV in die Wand eingelassen, weiße Lilien in einer überdimensional großen Glasvase, cremefarbene Sofas. Auf dem Bett zwei schicke Koffer, halb gepackt. INGA und GEORG SANDBERG tragen flauschig-weiße Hotelbademäntel und sehen leicht verkatert aus. GEORG untersucht seine Nase im Handspiegel einer Puderdose und versucht ein herausstehendes Nasenhaar mit Daumen und Zeigefinger herauszuziehen. Es erscheint sehr schmerzhaft und ausweglos. INGA sitzt vor dem Schminkspiegel und cremt sich die Hände ein. INGA Meinst du, wir könnten die Minibarflaschen wieder auffüllen? Vielleicht machst du Leitungswasser in die Wodka-Fläschchen und schraubst sie wieder zu, dann müssen wir die nicht bezahlen. GEORG Weiße Lilien in großen Vasen auf der ganzen Welt, überall gleich. Ich kann es nicht mehr ertragen. INGA steckt sich eine Zigarette an. Ihr Blackberry klingelt. INGA Hallo? Nein, nein, das ist das Ablaufdatum. Null fünf null vierzehn. Aha. Ja. Und wo ist der Sicherheitscode? Hinten oder vorne? 15


GEORG Vorne. Bei der Amex ist das immer vorne. INGA Psssst … Nee, nicht Sie. Wie, es gibt heute keinen Flug? GEORG Düsseldorf. Düsseldorf.

Düsseldorf.

Frag

mal

ab

INGA (ins Telefon) Wir müssen aber morgen früh in Paris sein für den Überseeflug. Das sehen Sie doch im System. INGA versucht, ihre Augenringe mit einem Abdeckstift zu überschminken. GEORG Da ist man schon HON -Member und dann können die nicht mal … INGA Pssst! Was kostet das, wenn wir ein Auto mieten und es in Paris abgeben? … 1900? Mit ADAC -Rabatt? (zu Georg) 1900 Euro. GEORG verdreht die Augen und bedeutet INGA mit einer Geste, daß es ihm egal ist. INGA bemalt ihre Lippen geübt mit einem orangefarbenen Lippenstift und korrigiert mit ihrem kleinen Finger. INGA Okay. Aber bitte die höchste Wagenklasse und auf keinen Fall so ein Naziauto. Kein Mercedes, BMW oder Porsche. Wie, Sie haben nur deutsche Autos? Aber dann lassen Sie sich jetzt bitte mal was einfallen. Ja-ha, ich bin Kunde bei Ihnen, hab ich ja schon gesagt. GEORG erwischt endlich das Nasenhaar. 16


GEORG Aua! Au! INGA Georg … Es ist eklig. Inga tuscht ihre Wimpern und betrachtet das Resultat mit übertriebenem Augenklimpern. INGA Fünfzehnvieracht neunnullzwovier. Inga Sandberg.

viervierfünfacht

GEORG zieht sich mit einer Hand erst eine Unterhose, dann die Hose umständlich unter dem Bademantel an, mit der anderen Hand wühlt er im Koffer nach seinem Gürtel. INGA Schicken Sie es mir aufs Telefon. Ja, und den Wagen hierher ins Hotel in die Tiefgarage. Ich will auf keinen Fall zu Ihnen in die Filiale kommen müssen. Da krieg ich Depressionen. Sie legt auf, schmeißt das Telefon aufs Bett, geht zu GEORG und gibt ihm einen Kuß. Sie fallen auf das Bett. INGA Na? Hast du’s erwischt? Nasenhaarfreund. GEORG streicht ihr über das Haar und sieht sie zärtlich an.

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Baumstamm am Fluß

Der EINSIEDLER tritt aus dem Wald und balanciert über einen mit Moos überzogenen Baumstamm, der über einen Fluß führt. Er trägt eine zerlumpte dunkelgraue mongolische Steppjacke mit Flicken und eine alte verwaschene, ehemals grüne Militärhose, es 17


sieht aus, als habe er sich eine Samurai-Uniform aus Lumpen geschneidert. Er trägt den verletzten Vogel. 10

Vor der Waldhütte

Der EINSIEDLER nähert sich seiner liebevoll gezimmerten, im Unterholz verborgenen Hütte.

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Waldhütte

Der EINSIEDLER öffnet die Tür. Alles ist aus grobem Holz, Sonne fällt durch Löcher und Ritzen. In der Mitte des Raumes ein Tisch, an der Seite ein Schrank und ein altes Spülbecken, in der Ecke ein Feldbett mit einer Filzdecke und einem alten, kaputten Teddybären, ein Kruzifix an der Wand darüber. Vor dem Fenster ein alter, zerfetzter Vorhang. Überall Bücher. Es ist staubig, aber aufgeräumt. Der EINSIEDLER setzt den Vogel sanft auf den Tisch. Lächelnd beobachtet er ihn. Schließlich gibt ihm der EINSIEDLER etwas Wasser, die beiden fassen Vertrauen, beinahe spielen sie miteinander.

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Seniorenheim, Flur

FRAU SANDBERG fährt in ihrem Rollstuhl den Gang des Seniorenheimes entlang. Auf einigen Tischen stehen Blumensträuße auf kleinen Deckchen. Aus dem Fernsehzimmer klingt der Fernseher.

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Seniorenheim, Fernsehzimmer

FRAU SANDBERG fährt am Fernsehzimmer vorbei, darin sitzen mehrere alte Menschen und starren auf den Fernsehbildschirm, der über ihnen in der Ecke hängt. Es läuft ein Film über Eichhörnchen von Heinz Sielmann. Einigen Alten steht der Mund offen. Irritiert schüttelt FRAU SANDBERG den Kopf, bleibt stehen und rollt zurück. FRAU SANDBERG Guten Morgen! Keiner antwortet.

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Seniorenheim, Badezimmer

FRAU SANDBERG in ihrem Badezimmer. Sie kämmt sich das weiße Haar sorgfältig mit einem Kamm und betrachtet sich im Spiegel. Sie ist hübsch. FRAU SANDBERG nimmt eine Haarspange vom Waschbecken und befestigt sie in ihren Haaren. Sie streicht langsam mit der Hand über ihr Gesicht. In der Badezimmertür taucht das Gesicht von CLAUDE auf. Er klopft mit einer leicht übertriebenen Geste in die Luft und lächelt. CLAUDE Klopf, klopf. Er hebt ein Tütchen mit Keksen auf Augenhöhe und winkt damit. FRAU SANDBERG Ach, Claude. Ich wollte mir schon welche kaufen. Ich hab doch immer diesen schrecklichen Appetit auf Süßes. CLAUDE Diese können Sie nicht kaufen, Frau Sandberg. Ich backe sie nämlich mit einem Geheimnis darin. 19


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Seniorenheim, Schlafzimmer

Das Zimmer von FRAU SANDBERG. Ein Krankenhausbett, dessen Kopflehne sich verstellen läßt. Ein Rufknopf, Mineralwasserflaschen und eine Topfpflanze. Ein Familienfoto von INGA, GEORG und MAXIMILIAN. Umgeben von seinen Fußpflege-Utensilien sitzt CLAUDE auf einem kleinen Kinderhocker vor dem Rollstuhl von FRAU SANDBERG. Er massiert ihre Füße. Sie summt leise, in ihrem attraktiven Gesicht mit wachen, lustigen Augen liegt deutliche Wohligkeit. FRAU SANDBERG Das finde ich immer den allerschönsten Teil. CLAUDE Das ist Kamillenessenz, Frau Sandberg, die macht die Haut schön weich und geschmeidig. So. FRAU SANDBERG beißt anmutig von einer Keksecke ab. FRAU SANDBERG Mmmmmmh. Köstlich. Mein erster Mann konnte ja gar nicht backen. Er ist dreiundfünfzig aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt, seine Hände waren zertrümmert. Den Weißmeerkanal hat er bauen müssen, im Winter waren es vierzig minus. CLAUDE Auf dem Weg hierher bin ich fast verhaftet worden, also nicht wirklich. Der Polizist war eigentlich gar nicht so schlimm. Aber ich habe so eine elementare Angst vor Autoritäten, vor Gewalt. FRAU SANDBERG Das geht mir genauso. Man würde ja denken, die Welt sei anders geworden, aber die Bewohner hier sind so aggressiv gegen alles, was anders 20


ist. Trotzdem … Gibst du mir mal das Menü? FRAU SANDBERG liest das Menüblatt des Altersheims. FRAU SANDBERG Morgen wieder Hühnerfrikassee. Jede Woche gibt es das. Aber immer an unterschiedlichen Tagen, damit wir das nicht merken. CLAUDE Das lieb ich ja, wenn es gut gemacht ist … CLAUDE hebt vorsichtig ihre Füße an. CLAUDE Und jetzt wieder die Maschine … Er beginnt, die Hornhaut mit Hilfe der Maschine zu entfernen. Die Hautstücke fallen auf ein schwarzes Tuch in seinem Schoß. CLAUDE raspelt und feilt achtsam weiter. Das Tuch ist bald mit Fußstaub und Hautstückchen übersät. FRAU SANDBERG Mein Sohn Georg hat Angst vor dem Sterben. Also hat er auch Angst vor mir, vorm Alter. So muß ich es mir erklären. Deshalb kommt er nicht. Das ist ja schon in Ordnung, aber mein Enkel. Ich vermisse ihn so. CLAUDE faltet behutsam das schwarze Tuch mit den Fußraspeln und legt es in eine hübsche kleine Dose. CLAUDE So, jetzt ist alles wieder schön. FRAU SANDBERG Fühlen sich viel leichter an. Sie sind ein wirklicher Künstler, Claude.

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CLAUDE Sie wissen gar nicht, wie sehr mich Ihr Lob freut. Und ich wollte Ihnen noch sagen, das mit Ihrem Enkelsohn, das …, also, das tut mir sehr leid. Er sieht FRAU SANDBERG schüchtern von unten an.

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Hotelgarage

Ein riesiger schwarzer Cadillac-SUV steht in der leeren Parkgarage. GEORG und INGA mit ihrem Gepäck. Sie prusten los. INGA Oh. Mein. Gott. GEORG Hoffentlich sieht uns da drin keiner. INGA Ist das toll. GEORG Super. Sie verstauen ihr Gepäck in dem sich mit einem Fiepen automatisch öffnenden Kofferraum. Durch die Kofferraumklappe sehen wir an der Parkgaragenwand die Nummer 15.

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Cadillac GEORG Man sitzt in der Blase und hört nichts außer diesem angenehmen Schnurren. INGA Wunderschön. Beruhigend. Alles Störende bleibt draußen. Gott, ist das hier häßlich. 22


Beide lauschen. INGA Das nennt sich Psychoakustik. Damit sind Tausende von deutschen Ingenieuren beschäftigt, deswegen sind die Autos auch so teuer. Und wenn dann einer kommt und sich so ein teures Auto kauft, dann will er sein neues Exoskelett natürlich auch schön ausfahren … Deswegen gibt es auf der Autobahn keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Todesrasen ist ja nur in Deutschland erlaubt, damit alle denken, sie seien – frei. GEORG … ich hab Hunger. INGA Gleich. Wir halten noch mal an irgend so einem Biomarkt. GEORG Können wir nicht einfach zu McDonald’s gehen? INGA Süß. Du klingst wie dein Sohn. Nein, können wir nicht. GEORG Schön, wie du immer alles entscheidest. Kannst du mir eine Zigarette anzünden? INGA küßt ihn aufs Ohr und zündet ihm eine Zigarette an.

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Pelzgeschäft

Nahaufnahme eines Zobelpelzmantels. Er hängt an einer Kleiderstange, was zunächst nicht zu erkennen ist. Erst als eine Männerhand den Pelz weiterschiebt, sehen wir einen weiteren Pelz, einen braunen Fuchs, dann einen Chinchilla, einen blaugefärbten Fuchs; kurz, eine ganze Reihe prächtiger Pelzmäntel an einer Stange. Beim letzten Pelzmantel angelangt, erkennen wir TOM in Polizeiuniform, der die Pelze bewundert. Der soignierte PELZHÄNDLER sitzt mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einem Stuhl und sortiert sein Zigarrenetui. TOMs Hand fühlt die verschiedenen Pelzqualitäten, fast streichelt sie an den Pelzen entlang. Versunken legt er die Hand in den Nacken und den Kopf leicht schief. TOM Was kosten die denn eigentlich so, Ihre schönen Pelze? PELZHÄNDLER Wie bitte? Ach so, ja, so ab dreieinhalbtausend. TOM Aha. So. Hm. Ja. Schade. Dann kann ich ja mal anfangen zu sparen. PELZHÄNDLER Lächeln ist das Kleingeld des Glücks. Der PELZHÄNDLER lächelt unergründlich, fast grausam. TOMs Telefon klingelt, er tippt sich mit dem Zeigefinger an die Polizeimütze und verläßt das Pelzgeschäft. TOM(ins Telefon) Hallo. Von innen sehen wir durch die Schaufensterscheibe, wie er in 24


seinen Streifenwagen steigt und davonfährt.

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Plattenbausiedlung, Spielplatz

FRANZISKA sitzt mit ihrer großen Kameratasche, Stativ und einem Lichtkoffer auf einer Bank und schaut einigen Kindern beim Spielen zu. Sie telefoniert mit TOM. FRANZISKA Du, ähm … ich hab mir gedacht, wir könnten vielleicht heute nachmittag mal was zusammen machen? Zu zweit meine ich … Ja, was kochen. Und reden … Ich hab so Lust auf Thai-Essen. Ja, Tom Ka Gai. Vielleicht kannst du auch einkaufen gehen? … Ich hab mein ganzes Equipment dabei, ich schaff das gar nicht. Ja? Ach toll … Hm, also Shrimps, die großen, Tiger Prawns, nicht die kleinen, rosafarbenen … Ja, die … Und Kokosmilch. Zitronengras. Frischen Koriander. Fischsoße. Zwiebeln. Die kleinen roten … Die Kinder auf dem Spielplatz schubsen ein kleines MÄDCHEN, es fällt hin, und sie lachen. FRANZISKA beobachtet weiter das Geschehen. FRANZISKA Hast du was zum Schreiben? … Zwei Dosen Kokosmilch. Ein Bund Zitronengras. Zwei Bund Koriander. Fischsoße. Die milde. Rote Thai-Zwiebeln. So hundert Gramm. Und eine Mango, bitte. Nicht zu hart, nicht zu weich … FRANZISKA beobachtet, wie die Kinder das MÄDCHEN an das Klettergerüst binden, indem sie ihre Strickjacke mit ihr und einem der Metallpfosten darin zuknöpfen. 25


FRANZISKA Du, Tom, ich muß los. Hier passiert gerade was. Für den Film. Bis nachher, ja? Die Mango nicht vergessen. Küsse dich. Ciao! Das MÄDCHEN schluchzt und prustet. FRANZISKA läuft zu ihnen. FRANZISKA Hey, sagt mal, geht’s noch? Die Kinder lassen von dem MÄDCHEN ab und rennen weg, sie sinkt weinend zu Boden. FRANZISKA Hallo. Ist alles gut? Hast du dir weh getan? Wo ist denn deine Mama? Das MÄDCHEN schaut sie an und richtet sich dann auf. Dabei klopft sie den Sand aus ihren Kleidern und entwirrt sich die Haare. FRANZISKA Oder hast du etwa keine Mama? Ist wahrscheinlich den ganzen Tag auf Arbeit, nicht? MÄDCHEN Fick dich. Das MÄDCHEN dreht sich verächtlich um und läuft den anderen hinterher.

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Park an der Schule

CLAUDE schiebt FRAU SANDBERG im Rollstuhl durch einen Park. Er bleibt kurz stehen, zückt eine seiner Bonbondosen, bietet FRAU SANDBERG einen Bonbon an und steckt sich dann selber einen in den Mund. FRAU SANDBERG lächelt. 26


CLAUDE Kennen Sie diese Fernsehwerbung für Werther’s Echte Bonbons, ich glaube das ist so fünfzehn, zwanzig Jahre her. Da geht ein kleiner Junge in so eine Art Tante-Emma-Laden, und eine Stimme sagt so was wie: Ich weiß noch genau, wie mir mein Großvater mein erstes Bonbon schenkte. FRAU SANDBERG Ja! CLAUDE Es ist so interessant, weil ich dachte immer, es würde DER Bonbon heißen, nicht DAS Bonbon. FRAU SANDBERG Ja, ja, genau, ich weiß, was Sie meinen. Seit dieser Werbung ist man sich nämlich nicht mehr sicher, wie es heißen muß. DER oder DAS … CLAUDE Ja. Und immer wenn ich diese Bonbons sehe, muß ich an die Werbung denken und daß DAS Bonbon irgendwie so falsch klingt und gleichzeitig heimelig. Und dann überkommt mich so ein leicht ungutes Gefühl, so wie wenn man an einem Stückchen Schorf an einer Wunde zieht. Wissen Sie, was ich meine? FRAU SANDBERG nickt zustimmend. CLAUDE Ich habe es besonders stark bei so Zeilen in so deutschen Volksliedern. Zum Beispiel bei »Ein Vogel wollte Hochzeit machen«. CLAUDE singt. CLAUDE »Ein Vogel wollte Hochzeit machen in dem 27


schönen Wahalde, Fiderallalla, Fiderallalla, Fiderallallallalla.« Ich meine dieses Wort. Dieses FIDERALLALLA . Irgendwie ekelt es mich, wenn ich es ausspreche, und gleichzeitig kann ich es nicht lassen, es zu sagen: Fiderallalla. FRAU SANDBERG Und dieses … Sie singt. FRAU SANDBERG Auf einem Baum ein Kuckuck – Sim sa la bim, bam ba, sa la du, sa la dim, auf einem Baum ein Kuckuck saß. Sie spricht. FRAU SANDBERG Dieses: Sim sa la bim, bam ba, sa la du, sa la dim. CLAUDE Schrecklich. Und trotzdem kann man kaum damit aufhören. Sie sind an einer Parkbank vor der Schule angekommen, CLAUDE schiebt den Rollstuhl daneben und setzt sich. FRAU SANDBERG Ich verstehe davon zwar nichts, auch wenn mein Sohn was mit Werbung zu tun hat, aber meinen Sie, daß Leute wie er, die sich Werbungen ausdenken, auf dieses Ekel-Gefühl mit dem Schorf spekuliert haben, als sie sich die Bonbonwerbung ausgedacht haben? CLAUDE Vielleicht haben andere Menschen diese Gefühle gar nicht. 28


Vor der Schule strömen die Schüler in das Gebäude. Ein Reisebus wartet davor. MAXIMILIAN, JONAS, NATALIE und DOMINIK kommen feixend am Schulgebäude an, JONAS und DOMINIK steigen schon in den wartenden Reisebus, während MAXIMILIAN NATALIE rauchend etwas erzählt und dabei lachend seine weißen Zähne zeigt. FRAU SANDBERG nimmt die Hand vor den Mund. FRAU SANDBERG Mein Enkel. Meine Güte, der ist ja so erwachsen! Maximilian! Ha-llo! NATALIE und MAXIMILIAN drehen sich um. FRAU SANDBERG winkt. MAXIMILIAN starrt sie an, aber erkennt sie nicht oder will sie nicht erkennen. Dann dreht er sich Richtung Bustür und steigt ein.

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Reisebus

Der Geschichtsleistungskurs der Privatschule ist im Reisebus auf der Autobahn auf dem Weg zur KZ -Gedenkstätte. LEHRER NICKEL trägt jetzt ein etwas zerschlissenes Tweedjackett, darunter eine Weste, Krawatte, Hornbrille. Er steht vorne und spricht in ein Mikrofon. LEHRER NICKEL »Here over an acre of ground lay dead and dying people. You could not see which was which … Babies had been born here, tiny things that could not live …« Die Schulklasse in ihren Schuluniformen. Kernige, weißzähnige Jungs mit hochgestellten Hemdkrägen, Krawatten, zurückgegelte Haare, die Alphatiere der Klasse. Die Mädchen tragen 29


Kaschmirschals mit durchgezogenen Schalknoten, Hemden, deren Krägen ebenfalls aufgestellt sind, Perlenohrstecker. LEHRER NICKEL »A mother, driven mad, screamed at a British soldier to give her milk for her child, and thrust the tiny thing into his arms, then ran off, crying terribly. He opened the bundle and found the baby had been dead for days. This day was the most horrible of my life.« DOMINIK sitzt im Bus neben NATALIE, ein Corto-MalteseComic-Heft lesend. NATALIE sitzt am Gang und liest »Ghost World«, MAXIMILIAN auf der anderen Seite des Ganges neben ihr, daneben JONAS. DOMINIK öffnet während des Vortrages seinen Rucksack und baut vor sich, halb auf seinem Comic-Heft, halb auf dem Klapptischchen, die Zutaten seines Mittagessens auf: ein kleines Töpfchen Himbeermarmelade, Ketchup, ein Tütchen Kühne-Senf, mehrere Scheiben Gesichtswurst, M&M s. Er schmiert den Ketchup mit dem Finger auf eine Brötchenhälfte, belegt sie mit der Gesichtswurst und malt der Wurst Haare aus Senf und einen Bart aus Marmelade. LEHRER NICKEL Bitte vergessen Sie nun nicht, was wir immer und immer wieder besprochen haben. Man muß an die Orte gefahren sein, allein, zu zweit und immer wieder, und dann begreift man, daß man wissen und sehen muß, und man muß sehen und wissen. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen. Wenn Sie in ein ehemaliges KZ fahren, ohne etwas über die Geschichte dieses Lagers zu wissen, sehen Sie nichts, verstehen Sie nichts. Tragen Sie das bitte in Ihrem Herzen. DOMINIK ist immer noch mit seinem Brötchen beschäftigt. Er greift nach den M&M s und verwendet sie als Augen des 30


Wurstgesichts. Dann klappt er das Brötchen zu, beißt hinein, kaut und liest dabei weiter sein Corto-Maltese-Heft. Die Marmelade tropft auf ein Bild, und er leckt sie mit der Zunge ab, dabei trifft sein Blick den MAXIMILIANs, der ihn entgeistert anschaut. MAXIMILIAN (zu NATALIE) Dein Freund ist echt kraß eklig. Ist doch dein Freund, oder? NATALIE Nee. MAXIMILIAN Also, ihr lest beide Comic-Hefte, tragt beide Brillo-Brillengestelle, Waschprodukte eher zweitrangig, Kleidungsstil DDR -Avantgarde bis schwachsinnig und ansonsten spackig. Insgesamt echt zu cool für diese Welt. NATALIE Warum fährst du eigentlich hier im Bus mit uns Asos? Wär doch mal ganz was Neues mit Papis Mini Cooper zum KZ -Besuch? JONAS deutet eine Verbrennung an, indem er die Hand schüttelt. JONAS Autsch, Maximilian. Autsch, Autsch, Autsch. DOMINIK vertieft sich in sein Comic-Heft und versucht, die beiden zu ignorieren. MAXIMILIAN meldet sich eifrig. MAXIMILIAN Herr Nickel! Hallo, Herr Nickel! LEHRER NICKEL Ja, Maximilian. MAXIMILIAN Ich finde den von Ihnen vorgetragenen Text wirklich schockierend. Diese menschenverachtende, kalte Brutalität. Die Systematik 31


der Vernichtung. Aber ebenso schockierend ist, daß hier einige unter uns völlig respektlos mit Lebensmitteln wie mit Spielzeug verfahren. Während Sie von hungernden Gefangenen sprechen. LEHRER NICKEL Wissen Sie Maximilian, Denunziantentum ist auch nicht gerade eine Tugend. Vielleicht möchten Sie persönlich darüber beim Besuch der Gedenkstätte mit mir sprechen. MAXIMILIAN Ach, aäh, nee, lieber nicht … LEHRER NICKEL Ich glaube schon, daß Sie das gerne wollen. Sehr, sehr gerne sogar. JONAS Schon wieder Autsch. NATALIE kurbelt, der Kurbel einer Angelrute gleich, langsam und genüßlich ihren Mittelfinger in die Höhe und Richtung MAXIMILIAN. MAXIMILIAN richtet eine angedeutete Fingerpistole erst auf sie, dann auf DOMINIK, schießt und pustet den imaginären Rauch weg.

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Cadillac

GEORG und INGA fahren im Cadillac dahin. GEORG steuert einhändig, mit Daumen und Zeigefinger. Dabei summt er leise. GEORG Hättest du mich eigentlich auch geheiratet, wenn ich eine Tätowierung hätte? INGA zündet sich eine Zigarette an. 32


INGA Nein. GEORG Aber wenn du es vorher einfach nicht gemerkt hättest. INGA Aber das merkt man doch schon am Charakter. Jemand wie du hätte einfach keine Tätowierung. GEORG Na ja, aber wenn trotzdem? Wenn es an einer Stelle wäre, wo man es nicht sieht. INGA Was für eine Stelle soll das denn sein? GEORG Weiß nicht … Zum Beispiel zwischen den Pobacken. INGA Hmm. Dann müßte es aber schon direkt am Poloch sein. Das ist der einzige Ort, wo ich es nicht gesehen hätte. GEORG Aua. Das würde furchtbar weh tun, wenn man da mit einer Tätowiernadel reinstechen würde … INGA kramt ihr Telefon aus der Handtasche und hält es GEORG hin. INGA Hast du Maximilian angerufen? GEORG Nee. INGA Aber wir haben doch gesagt, daß wir ihn wenigstens jeden dritten Tag anrufen, und das wäre, ähm, gestern gewesen. 33


GEORG Ruf du ihn doch an. Wenn ich ihn anrufe, kann ich geradezu hören, wie er die Augen verdreht. Er haßt mich. Der ist nur lieb zu mir, wenn er was will. Geld, Mini Cooper … INGA Du hast ihn doch so verwöhnt. GEORG Die sind alle verwöhnt. INGA Aber unserer ist der Verwöhnteste. GEORG Ich finde ihn jedenfalls nicht sympathisch. Seit er in der Pubertät ist. INGA … kannst du dich übrigens erinnern, ob die Meilen bei der HON -Card nach zwei Jahren verfallen oder gar nicht? GEORG Das ist die größte Betrügerei überhaupt, weil man muß 600 000 Meilen im Jahr sammeln, und dann bringt die Karte überhaupt rein gar nichts. Man sammelt die Meilen ja, weil man doch jetzt lieber im Flugzeug sitzen würde und nicht im Auto. INGA Aber ist es nicht wunderschön, grad jetzt? Ist es nicht richtig nett? Wie früher.

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Am Weiher

MONTAGE :

Die Wasseroberfläche des Weihers. Der EINSIEDLER schwimmt. Das Sonnenlicht spiegelt sich in den Baumwipfeln. Der Vogel sitzt auf der Brust des EINSIEDLERs. 34


Sie spielen miteinander. Der EINSIEDLER liegt bäuchlings am Ufer und schreibt in sein Tagebuch. Der Vogel sitzt auf seinem Rücken und beobachtet ihn.

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Am Waldrand

Der EINSIEDLER wandert eine kleine Anhöhe hinauf, auf seiner Schulter der Vogel. Auf einem Felsen schichtet er Steine zu einem Türmchen auf zu einer Art Stupa. Er verneigt sich und geht weiter. Plötzlich bleibt er wie angewurzelt stehen und lauscht. Das Geräusch eines Autos. Der EINSIEDLER schaut über die Böschung. TOMs Streifenwagen kommt dort unten zum Stehen, TOM steigt aus. Sein Oberkörper ist nackt. Er öffnet seinen Gürtel und die Hose und beginnt, sich diese herunterzuziehen. TOM schaut, ob jemand ihn beobachtet. Der EINSIEDLER duckt sich und wartet. Dann wagt er einen weiteren Blick. Er sieht, wie TOM, die Beine bereits in einer Fellhose steckend, nun das Oberteil eines Bärenkostüms anzieht und den Reißverschluß von unten nach oben zieht. TOM blickt noch einmal unsicher um sich und öffnet die Wagentür um einzusteigen. Der EINSIEDLER zieht sich mit dem Vogel zurück.

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Furry Convention, Parkplatz

Auf einem Parkplatz vor einem Konferenzgebäude stehen mehrere Kleinbusse und Kombis in fröhlichem Durcheinander. Über dem Eingang des Gebäudes ein Transparent, darauf abgebildet ein listig zwinkernder Fuchs und die Worte »Euro Fur 2013«. Aus den geparkten Wagen schälen sich Menschen in Kunstfell35


Verkleidungen verschiedenster Art. Eine Katze tapst und tapert und schnurrt dabei, ein Fuchs hüpft aufgeregt auf und ab. TOMs Streifenwagen parkt ein. TOM, im Fellkostüm, schaut sich unsicher um, geht dann zum Kofferraum, um den Eisbärenkopf und die Pfoten herauszunehmen.

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Furry Convention

MONTAGE : TOM lehnt neben einem Getränkeautomaten an der

Wand und setzt sich seinen Kopf auf. Eine HYÄNE und ein WOLF gesellen sich zu ihm und bewundern sein Kostüm. Im Raum haben sich zwanzig bis fünfundzwanzig FURRIES versammelt, einige liegen am Boden und machen Lockerungsübungen, einige tanzen, andere sind damit beschäftigt, sich gegenseitig den Rücken zu kraulen und zu kratzen. TOM wird von der HYÄNE und dem WOLF in den Raum geschoben. Er betrachtet das Geschehen. Die FURRIES tanzen. Darunter ein FUCHS mit unheimlich rot leuchtenden Augen. TOM und die HYÄNE sitzen am Boden. TOM läßt langsam die Schultern sinken und entspannt sich. Hinter ihm legt sich ein Furry auf den Partner. TOM rückt näher an die HYÄNE heran, sie kuscheln.

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Wohnzimmer Franziska und Tom

TOM sitzt glücklich auf dem Sofa. Sein Oberkörper in weißem TShirt ragt noch aus dem Bärenkostüm, das er halb ausgezogen hat. Mit einem Tuch wischt er sich den Schweiß aus dem Gesicht, spuckt einige Fellfusseln aus. Das Telefon klingelt. Auf dem Display steht »FRANZISKA «. Er geht nicht ran. TOM atmet aus, er schwitzt. Dann besieht er sich die von CLAUDE bekommene Papiertüte mit den Fußprodukten. 36


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Eßzimmer von Franziska und Tom

TOM und FRANZISKA sitzen am von TOM liebevoll gedeckten Eßtisch. Er schenkt ihr ein sehr volles Glas Weißwein ein. Sie trinkt es gierig. TOM Wie findest du den Veltliner? FRANZISKA Mmmh. Die Österreicher machen einfach die besten Weißweine. Und tolle Filme auch. Haneke zum Beispiel. Seidl. Wenn ich so was hinkriegen könnte … TOM Vielleicht solltest du ja mal einen Film in Österreich machen? FRANZISKA verdreht die Augen. FRANZISKA Der Malchow ist einfach so wahnsinnig passiv-agressiv, das ist echt so frustrierend. Jedesmal wenn ich ihn was frage, sagt er nur Hmm oder Nö. TOM Aber so sind doch die meisten Menschen. FRANZISKA Das kann ich einfach nicht glauben. Sonst müßte ich sofort aufhören, Filme zu machen. Es gibt doch Schönheit in dieser Welt. Oder Liebe, verdammt noch mal. Schau doch mal, wie nett es bei uns aussieht … Das ist so deprimierend, weil, es passiert auch einfach nichts bei dem, oder ich sehe es einfach nicht. TOM steht auf und geht in die Küche. 37


TOM (aus der Küche) Aber deprimierend ist doch gut beim Dokumentarfilm … TOM schneidet den Koriander mit lauten Schnittgeräuschen. TOM Was hältst du eigentlich von Pediküren? Weil da habe ich heute im Streifenwagen drüber nachgedacht. Das muß doch eklig sein, wenn man Fremden die Hornhaut von den Fußsohlen schneidet. Oder Zahnärzte. Er kommt zurück. TOM Den Leuten die versteinerten Essensreste aus den Zähnen schaben. Ich glaube, von allen Sachen, die man als Beruf machen kann, würde ich das am wenigsten gerne machen. FRANZISKA Ich wäre am wenigsten gerne so wie der Typ, den ich gerade filme. Vielleicht ist das auch das Problem. Weil ich den eigentlich gar nicht mag. Man muß seine Protagonisten zumindest interessant finden, aber der ist einfach nur total stumpf und blöd. TOM steht hinter FRANZISKA und versucht, sie zu küssen. Sie entwindet sich.

FRANZISKA Laß das jetzt mal bitte, Tom … Dabei ist das, was ich als authentisch verkaufe so, als würde ich in ein schwarzes Loch hineinfilmen. Ein Loch, aus dem es nach kaltem Aschenbecher und Doseneintopf riecht.

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TOM versucht noch mal, sie zu küssen, sie schüttelt ihn ab. FRANZISKA Mann, Tom, laß das doch mal. Ich kann das jetzt nicht. Tut mir leid. TOM(ironisch) Frischen Koriander? FRANZISKA Ja, danke schön. TOM setzt sich resigniert auf seinen Platz zurück. FRANZISKA Das fühlt sich schlimm an, die ganze Zeit diese Person vom Sender so anzulügen. Und so zu tun, als hätte ich alles im Griff, als wüßte ich, was ich da mache. TOM Vielleicht solltest du dir ein weniger reales Thema suchen. FRANZISKA Aha? TOM Tierfilme machen. So was, was so ein bißchen niedlich ist. Eichhörnchen, die nach Nüssen suchen. Oder was Gefährliches. Löwen in Afrika, die am Wasserloch auf Zebras lauern. Dann hättest du das Problem mit der Langeweile nicht. Weil niedlich oder gefährlich ist nie langweilig. FRANZISKA Das ist ja alles ganz süß, aber deswegen mache ich doch diesen Beruf nicht. Um in Afrika irgendwelche Tiere dabei zu filmen, wie sie am Wasserloch rumliegen. Das hat doch mit mir und meiner Welt überhaupt nichts zu tun.

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Sie schüttet den Rest Weißwein herunter und schenkt sich sofort nach. TOM Aber dieser stumpfsinnige Mann in dem Plattenbau hat doch mit deiner Welt auch nichts zu tun. Also ist es das gleiche wie Tiere zu filmen. Die tun ja auch manchmal tagelang nichts. Nur sehen sie dabei besser aus. FRANZISKA Ich habe in meinem Kopf immer das Bild der leeren Straßenecke in Antonionis Film »L’eclisse«. TOM (resigniert) Ja. FRANZISKA Zwei Menschen, die sich zu lieben scheinen und am Ende keinerlei Gefühle füreinander haben, verstehst du? Die Tatsache, daß keiner von beiden am Ende des Films zum verabredeten Treffpunkt kommt. Nicht daß einer den anderen mehr liebt als der andere, sondern daß einfach beiden der andere EGAL ist. Das ist es, was ich zeigen will. TOM Aber das ist doch die Stumpfheit, wenn Menschen keine Gefühle haben. Und erst recht, leere Straßenecken zu filmen. FRANZISKA Ich finde nicht, daß du das beurteilen kannst. TOM Warum denn nicht? FRANZISKA Ich habe ja auch keine Ahnung von Verkehrsregeln. Bußgeldkatalog, … äh, Nutzlast, 40


Anhängerkupplungen. TOM Hör mal, ich weiß, daß du gestreßt bist, aber das ist kein Grund, gemein zu werden. FRANZISKA Ist ja gut, tut mir leid. TOM holt ein Geschenk von der Anrichte, hübsch mit einer Schleife zusammengebunden. TOM Hier. Hab ich dir heute gekauft. FRANZISKA Ach Tom, es tut mir wirklich leid. TOM Los, mach schon auf. FRANZISKA Ist heute irgendwas Besonderes? Ein Verlobungsring vielleicht? Aha. Fußkraft Grün. Fußkraft Einvital. Fußkraft Blau. Ein Creme-Fußbad und … Nagel- und Hautschutz. Aber das sind ja alles Fußprodukte. TOM Ich dachte halt, ich mache dir damit eine Freude. Weil du doch den ganzen Tag stehen mußt. FRANZISKA Danke. Das ist ein sehr aufmerksames Geschenk. FRANZISKA geht zu TOM und setzt sich auf seinen Schoß. Sie küssen sich. FRANZISKA Ich sollte irgendwie lernen, besser abzuschalten.

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Reisebus

Während der Reisebus die Autobahn verläßt, greift LEHRER NICKEL wieder zum Mikrofon. LEHRER NICKEL Damit Sie auf der von Hitler gebauten Autobahn nicht völlig im eigenen Mief verblöden, machen wir jetzt eine Pause von genau zehn Minuten. DIE SCHÜLER (ohne DOMINIK und NATALIE) Heil Hitler, Herr Nickel! DOMINIK verzieht das Gesicht. Der Bus steht nun. LEHRER NICKEL (verdreht die Augen) Das Niveau Ihrer Witze läßt darauf schließen, daß dies genau der richtige Zeitpunkt für eine Sauerstoffpause ist. So, das Austreten nicht vergessen – das Austreten – mein Gott, ist die deutsche Sprache schön – wir sehen uns hier wieder. Zehn Minuten. Die SCHÜLER verlassen den parkenden Bus.

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Raststättenshop

NATALIE besieht die Snack-Welt. Süßigkeiten und Bifis. Auf einer Theke stehen Wiener Würstchen in einem Dampfglaskocher. NATALIE starrt die Würstchen an, überlegt kurz und verzieht angeekelt das Gesicht.

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Raststättentoilette

DOMINIK in der Toilettenkabine. Er zieht die Hose herunter, wischt mit dem Toilettenpapier sehr gründlich den Rand der Brille ab, belegt dann sorgfältig die Toilettenbrille mit mehreren Lagen Papier. Dann begutachtet er sein Werk, legt abermals eine weitere Schicht darauf und auch noch ein paar Lagen auf die Wasseroberfläche. Er setzt sich auf die Toilettenbrille. Dann spricht er mit seinem unsichtbaren Freund. DOMINIK Ekelst du dich auch so unglaublich vor öffentlichen Toiletten? UNSICHTBARER FREUND (DOMINIK) Ja, besonders beim Pissoir, da habe ich immer Angst, daß die Bakterien von den anderen Menschen mir den Pißstrahl hochschwimmen wie Lachse. DOMINIK Ich lege mir immer die gesamte Toilette mit Papier aus, auch eine Lage auf die Wasseroberfläche, damit die Oberflächenspannung unterbrochen wird … UNSICHTBARER FREUND (DOMINIK) Ich weiß. Es ist eine Tatsache, daß besonders resistente Bakterien stark genug sind, den Pißstrahl hochzuschwimmen. DOMINIK Die ärgsten Krankheiten: Hepatitis A und B, Tripper, Schweinegrippe, Cholera … UNSICHTBARER FREUND (DOMINIK) Ruhr, Typhus, Meningitis, Enzephalitis, Bilharziose …

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Es klopft an der Kabinentür. JONAS (off) Hey Dominik, hast du Papier da drinnen? Bei mir ist keins. Dominik reicht das Toilettenpapier unter der Tür durch. JONAS Ey, doch nicht auf den Boden! Ich muß mich doch damit noch abputzen, Mann. Mit wem sprichst du da eigentlich?

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Raststättenshop

NATALIE geht hinüber zur Keksabteilung, wo MAXIMILIAN gerade eine Prinzenrollen-Packung untersucht. MAXIMILIAN Also ich würde ja, wenn es meine Raststätte wäre, selbstgebackene Chocolate-ChipCookies verkaufen und nicht so was. NATALIE (ironisch) Alles schön mit Furnierholz und Sixties-Lampen und Cheesecake und eine Loungeecke mit Fashion-Magazinen zum Lesen und Rumloungen, nicht? MAXIMILIAN Ja, zum Beispiel. NATALIE Und das Similian«. Gute Idee.

Ganze

heißt

dann

»Mac

MAXIMILIAN Du denkst eben klein.

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NATALIE Das stimmt. Kannst du mir den »kleinen« Betrag von einem Euro leihen? Nur bis gleich im Bus? MAXIMILIAN Und was machst du dann für mich? NATALIE Für einen Euro mach ich bekanntlich alles. MAXIMILIAN(deutet auf die Lippen) Kuß, Kuß. NATALIE küßt ihn lange und irgendwie abgebrüht. In diesem Augenblick kommt DOMINIK von den Toiletten in den Shop. Er sieht die beiden sich küssen, bleibt erschrocken stehen und rennt zurück zu den Waschräumen.

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Raststättentoilette

JONAS wäscht sich die Hände und streicht sein Haar prüfend mit Wasser nach hinten. DOMINIK erscheint hinter ihm im Spiegel, verzweifelt. JONAS Was vergessen? DOMINIK Kannst du mir vielleicht einen Gefallen tun? JONAS Kommt drauf an. DOMINIK Ich hab nicht so Lust auf diesen KZ Ausflug. Ich bleib lieber hier. JONAS In den Toiletten? Dann mußt du dich aber 45


abmelden beim Nickel. DOMINIK Kannst du nicht einfach für mich mit abzählen? Und Natalie Bescheid sagen, daß ich hier bleib? JONAS Na, ich weiß nicht. DOMINIK Ich schreib dir dann auch das Referat für nächste Woche. Du brauchst es nur noch vorlesen. JONAS Wirklich? DOMINIK Ja. JONAS Okay, genial. Deal.

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Reisebus

Der fahrende Bus mit Bifi-kauenden Schülern. NATALIE schaut sich nach DOMINIK um. JONAS legt seinen Zeigefinger auf die Lippen. JONAS Ich soll dir von Dominik sagen, daß er wieder nach Hause gefahren ist. Der hat keine Lust mitzukommen. NATALIE Wieso …? JONAS Der hatte keine Lust mitzukommen. Ist schon okay. 46


NATALIE zuckt mit den Schultern und schaut sichtlich getroffen aus dem Fenster. LEHRER NICKEL (off) Sie kennen ja das Spiel. Er zählt die Namen auf, alle antworten mit »hier«. LEHRER Natalie …

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NICKEL Stefan,

Marie,

Jessica,

Raststättentoilette

DOMINIK steht vor dem Spiegel am Waschbecken und betrachtet sein Spiegelbild. Er sammelt etwas Spucke in seinem Mund und läßt langsam einen Spuckefaden in das Waschbecken gleiten. Er öffnet den Wasserhahn ein wenig und betrachtet, wie die Spucke langsam vom Wasser ergriffen wird und in den Abfluß fließt.

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Reisebus

Der Bus fährt an Baumärkten und einem McDonald’s vorbei. Ein Abfahrtsschild »Konzentrationslager«. JONAS Guck mal da! MAXIMILIAN (unterdrückt ein Lachen) Kraß. Das ist irgendwie so surreal, daß es dafür wirklich ein Schild an der Straße gibt: Richtung KZ bitte da lang.

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LEHRER NICKEL (nach hinten kommend) Wo ist Dominik? Der saß doch grad noch hier? JONAS (deutet mit dem Daumen hinter sich) Der ist auf dem Klo. LEHRER NICKEL Jonas, dieser Bus hat gar keine Toilette. Deswegen halten wir auch immer an. JONAS Ähh, ja, ich mein ja auch die Toilette, wo wir vorhin waren, da, wo wir zuletzt ausgestiegen sind. LEHRER NICKEL Wie bitte? JONAS Ja, ja, ähm, der wollte nicht mehr mit. Ich soll Ihnen sagen, der ist dann da ausgestiegen. LEHRER NICKEL Und das fällt dir jetzt plötzlich ein? Wer hat sich denn dann gemeldet, als ich seinen Namen gesagt habe? Betretenes Schweigen. LEHRER NICKEL Gut. Kein Problem. Wenn es keiner zugibt, dann werden eben alle bestraft. Die SCHÜLER murren. MAXIMILIAN Klingt exakt wie da, wo wir gleich hinfahren. LEHRER NICKEL setzt seine Hornbrille ab. LEHRER NICKEL Sie erscheinen zwar sehr klug, 48


Maximilian, aber Sie wenden Ihre Intelligenz idiotisch an. Also, waren Sie es? MAXIMILIAN Nein. LEHRER NICKEL Ich warne Sie. MAXIMILIAN Nein, ich war es nicht, ich schwör’s. LEHRER NICKEL Das kann doch nicht wahr sein. Sie sind doch alle erwachsen. Wollen Sie sich dann auch auf der Zeppelin-Universität oder den anderen von Ihnen angestrebten Elite-Institutionen so benehmen wie im Kindergarten? Maximilian? MAXIMILIAN (leise und eindringlich) Jonas. JONAS Ähh, okay. Dominik hat mir gesagt, daß er wieder umkehren will. Weiß auch nicht, warum. LEHRER NICKEL Und warum haben Sie mir nichts gesagt? JONAS schaut betreten auf den Boden. LEHRER NICKEL In Ordnung. Jonas, Sie schreiben mir bis Dienstag ein Zwanzig-Seiten-Referat mit dem Thema »Marinus van der Lubbe und der Reichstagsbrand«. Sonst bekommen Sie eine ganze Note Abzug. Und von einer Vier auf eine Fünf im Leistungskurs, das geht nicht gut aus für Sie. Und nicht von Wikipedia abschreiben. Ich merk das sofort. Der Reisebus fährt bei der KZ -Gedenkstätte vor, und Lehrer 49


Nickel geht wieder nach vorne. JONAS Schwule Sau.

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Gelbes Blumenfeld

MONTAGE . DOMINIK spaziert über ein leuchtend gelbes

Blumenfeld. Bienen summen. Er wirkt seltsam befreit. Plötzlich bückt er sich und beobachtet einen großen, grün schillernden Käfer, der über den Feldweg krabbelt. DOMINIK Hallo, Käfer. Mit einem Grashalm berührt er das Tier und schaut es von allen Seiten an. DOMINIK Wo gehst du denn hin? – Ich? – Ach, ich weiß nicht. Ich bin auf der Flucht. – Na ja, nicht so wirklich dramatisch. Aber ich will weg. – Weißt du, bei den Menschen ist das so: Man wird geboren, und dann ist man ein Kind und neugierig auf alles. Und je älter man wird, desto mehr Enttäuschungen erlebt man und man verschließt sich, wird immer gefühlloser, abgebrühter, unbeteiligter und lebloser. – Ja, du hast recht. Das ist wie tot sein. Nur daß man noch atmet. Hm, ich weiß gar nicht, ob man als Käfer auch atmet? Hast du überhaupt eine Lunge? Jedenfalls deswegen will ich weg. – Du mußt auch los, oder? – Na dann … DOMINIK deutet einen Gruß an, schaut dem Käfer noch kurz nach und richtet sich dann auf. Leichtfüßig geht er weiter.

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Küche Claude

In einer olivgrünen Einbauküche aus den siebziger Jahren steht CLAUDE nur mit seinem Slip und einer Schürze bekleidet und trennt Eigelb vom Eiweiß. Er gibt das Eigelb in eine Küchenmaschine und das Eiweiß in eine Rührschüssel. Er gibt Zucker und Mehl zum Eigelb. Dabei singt und pfeift er das deutsche Volkslied »Auf einem Baum ein Kuckuck«, unterbrochen von leisem Fluchen hier und da. CLAUDE Auf einem Baum ein Kuckuck – Sim sa la bim, bam ba, sa la du, sa la dim, auf einem Baum ein Kuckuck saß. Da kam ein junger Jäger – Sim sa la bim, bam ba, sa la du, sa la dim, da kam ein junger Jägersmann. Er kann nicht gut mit der Küchenmaschine umgehen, und ein Aufsatz fällt auf den Fußboden. CLAUDE Himmelherrgott. Der schoß den armen Kuckuck – Sim sa la bim, bam ba, sa la du, sa la dim, der schoß den armen Kuckuck tot. Und als ein Jahr vergangen – Sim sa la bim, bam ba, sa la du, sa la dim, und als ein Jahr vergangen war. Er versucht, das abgefallene Teil wieder oben auf die Maschine zu stecken. Dabei entdeckt er daran eine harzige Creme, die er mit dem kleinen Finger probiert. Er verzieht das Gesicht. CLAUDE Claude, Claude, das ist ja uralt. Endlich baut er die Maschine wieder richtig zusammen, nimmt das schwarze Tuch aus der Dose und entfaltet es vorsichtig. Er schüttet den staubigen Inhalt (die Überbleibsel seiner Pediküre bei FRAU 51


SANDBERG) in die Maschine, drückt den Knopf. Er probiert die Masse mit dem Finger. CLAUDE Da war der Kuckuck wieder – Sim sa la bim, bam ba, sa la du, sa la dim, da war der Kuckuck wieder da. Er widmet sich nun der Rührschüssel und schaut einige Augenblicke verliebt in die glibberige Eiweißmasse, als könne er darin die Zukunft lesen. Dann schlägt er alles zu schaumig-luftigem, aber steifem Eischnee. CLAUDE Da freuten sich die Leute – Sim sa la bim, bam ba, sa la du, sa la dim, da freuten sich die Leute sehr. Mit einer Herzform sticht er Kekse aus und schiebt sie in den Backofen. Es klingelt an der Tür.

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Backofen (Detail)

Im Ofen backen die Kekse langsam goldbraun.

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Cadillac GEORG Toiletten in der Dritten Welt sind, egal wie dreckig sie sind, lange nicht so eklig wie schmutzige Toiletten in Europa. Am schlimmsten ist es in Paris. Da ist es in den Lokalen immer alles so ganz auf hübsch und plüschig. Und wenn man auf die Toiletten geht, die 52


meistens direkt neben der Küche liegen, dann ist da alles vollgeschissen, aber alle finden das okay, weil es ist ja in Paris, und man kann hinterher sagen, man war da und Sofia Coppola auch. INGA lacht. GEORG Es stinkt da oft ganz bestialisch, und dann bildet man sich was drauf ein, daß es in Europa ja viel sauberer ist als in Afrika. INGA ruckelt unruhig auf ihrem Sitz hin und her. INGA Ich muß übrigens mal ganz dringend. GEORG Soll ich am nächsten Rastplatz anhalten? INGA Rastplatz? Siehst du kein fern? Da denke ich immer, ich trete gleich auf die nackte Leiche einer vergewaltigten Anhalterin. Gruselig. Laß uns lieber da vorne aufs Feld fahren. INGAS Blackberry klingelt. Sie schaut kurz auf das Display. INGA Deine Mutter. GEORG Davon krieg ich jetzt brutal schlechte Laune. INGA Wovon kriegst du eigentlich keine schlechte Laune? Das Telefon klingelt weiter. GEORG Von frisch gestärkten Bettlaken. 53


INGA verstaut das klingelnde Telefon im Handschuhfach und macht die Klappe zu.

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Seniorenheim, Schlafzimmer

FRAU SANDBERG liegt auf ihrem Bett und lauscht in den Telefonhörer. Auf dem Nachttisch steht das Familienfoto von GEORG, INGA und MAXIMILIAN. Dann legt sie den Hörer wieder auf die Gabel. Nach einer Pause nimmt sie ihn erneut und wählt. FRAU SANDBERG Claude? Entschuldigen Sie, daß ich Sie einfach so anrufe. – Nein. Ach, nein. Ich dachte nur … Wissen Sie, wäre es nicht möglich, ich meine, könnten Sie mich nicht einfach besuchen. Ich meine jetzt. Es fällt mir schwer, das zu sagen: Ich bin so fürchterlich allein.

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Seniorenheim, Schlafzimmer

FRAU SANDBERG, im Rollstuhl sitzend, zieht mit einem Gehstock einen alten Koffer unter ihrem Bett hervor und öffnet ihn. Sie fährt nun mit dem Stock in den Koffer und hebt einige Kleidungsstücke heraus; eine Perlenkette, eine Sonnenbrille, alte Theaterkarten, Erinnerungsstücke einer eleganten, schönen Frau. CLAUDE sitzt in der Ecke auf einem Sessel. Er sieht FRAU SANDBERG bewundernd zu. FRAU SANDBERG Glauben Sie an Gott, Claude? Sie dreht sich zu ihm um. 54


CLAUDE Hm. Ich weiß nicht. Schon, daß da irgend etwas ist, das, wie soll ich es sagen, also etwas, was größer ist als wir, das fühle ich. Warum? FRAU SANDBERG Ach, nur so. CLAUDE (schüchtern) Jetzt lächerlich, oder?

finden

Sie

mich

FRAU SANDBERG Nein, gar nicht. CLAUDE Ich muß an etwas glauben. Es kann doch nicht sein, daß wir in einem sinnlosen, toten Universum so vor uns hinleben. FRAU SANDBERG Nein, Geheimnis.

nein.

Es

gibt

ein

CLAUDE Ein Mysterium. FRAU SANDBERG Ja. CLAUDE Das Leben geht so schnell, daß man das vergißt. Wir blinzeln einmal und schon sind wir alt. FRAU SANDBERG Ach, wundervoll. 47

Claude,

Sie

sind

Gelbes Blumenfeld

DOMINIK geht an dem strahlend gelbem Feld entlang, den Blick immer wieder in den Himmel gerichtet. INGA Georg? Kannst du mir kurz die Tempotücher 55


aus meiner Handtasche rauswerfen? DOMINIK sieht in einiger Entfernung INGA, die sich zum Urinieren hingehockt hat. Durch zwei Bäume hindurch kann er das geparkte Auto auf einem Feldweg erkennen. INGA Georg? DOMINIK zieht sich langsam zurück. INGA Georg? Plötzlich stößt DOMINIK gegen GEORG. Dieser packt ihn am Arm. GEORG Was machst du hier, Bürschchen? DOMINIK versucht, sich zu befreien. GEORG stößt ihn zu Boden und zieht ihn brutal durch das Feld, DOMINIKs Brille fällt in den Staub, DOMINIK kann sie gerade noch greifen, er wird von GEORG am Kragen wieder hochgezogen und dabei gewürgt. So wird er von GEORG zu dem Feldweg geschleift, wo der Cadillac mit offenen Türen steht. INGA, die gerade dabei ist ihren Rock glattzuziehen, schaut verdutzt auf den im Gesicht hochroten GEORG und den von oben bis unten dreckigen und keuchenden DOMINIK. GEORG (außer Atem, DOMINIK immer noch festhaltend) Der hat dich beobachtet. Beim Bieseln. INGA Was? Wann denn? GEORG Gerade eben.

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DOMINIK (seine verstaubte Brille aufsetzend) So’n Quatsch. Ich kam hier grad zufällig vorbei … GEORG Halt die Schnauze, du widerwärtiger …, du widerwärtiger Spanner. DOMINIK macht sich los, GEORG will ihn wieder packen, aber INGA hält GEORG am Arm fest. INGA Laß mal, Georg … GEORG Unglaublich. DOMINIK Ich leg mich doch nicht mitten in der Landschaft auf die Lauer, um … älteren Frauen, äh, entschuldigen Sie, aber im Vergleich zu mir älter, also, auf die Lauer zu legen, um ihnen beim Bieseln zuschauen zu können. GEORG Was hattest du denn da sonst zu suchen? DOMINIK Ich hab mich verlaufen. GEORG Ha-ha-ha. Ich weiß genau, was ich gesehen habe. GEORG sieht seine Felle davonschwimmen und tritt mit äußerster Kraft brutal gegen DOMINIKS Schienbein. DOMINIK Ahhh! DOMINIK hält sein Schienbein, Blut sickert durch seine Hose. GEORG macht eine Bewegung auf DOMINIK zu, der ängstlich zusammenzuckt. INGA hält GEORG zurück. 57


INGA Georg! Reiß dich mal zusammen, ja? Wir sind hier nicht im Vietnamkrieg. Sie kniet sich zu DOMINIK. INGA Entschuldige. Tut’s schlimm weh? Der ist halt ein bißchen reizbar, wenn es um mich geht. DOMINIK schüttelt den Kopf. INGA wirft GEORG einen strafenden Blick zu. DOMINIK steigt in den Cadillac und beobachtet von drinnen, wie die beiden diskutieren. Er ist vom Weinen geschüttelt, in seiner Hand eine gelbe Blüte. GEORG … ich will den Drecksvogel nicht in meinem Auto haben. INGA Du hast ihn schwer verletzt, Georg. Richtig verletzt. GEORG Meinst du, der kann mich anzeigen? INGA Nicht nur das. Wie kannst du ein Kind so angehen? GEORG Kind? Der ist doch kein Kind mehr. Lächerlich. Wir nehmen den Spanner ein Stück mit, und dann werden wir ihn an der nächsten Raststätte wieder los, und alle sind zufrieden, okay? INGA Okay. Sie sieht traurig aus, als wäre ihr etwas über GEORG klargeworden, und hebt abwehrend ihre Hände.

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Eingang zur Gedenkstätte

DIE SCHÜLER marschieren hinter LEHRER NICKEL durch den Eingang des ehemaligen Konzentrationslagers. Sie treffen auf eine israelische Schulklasse, die stumm an ihnen vorbeizieht. MAXIMILIAN und JONAS folgen der hübschen israelischen Lehrerin mit ihren Blicken, sie pfeifen ihr hinterher und tuscheln miteinander. LEHRER NICKEL Ich erwarte keinen dem Ort angemessenen Gang von Ihnen. Aber bitte bedenken Sie, daß unsere eigenen Großväter das hier getan haben. Menschen, die wir kennen, mit denen wir verwandt sind. JONAS Mein Großvater war beim Widerstand. LEHRER NICKEL Ich meine nicht unsere einzelnen Großväter. Es gibt eine Kollektivschuld. Absolut. MAXIMILIAN Eigentlich haben die Engländer solche Lager erfunden, im Burenkrieg. Also natürlich nicht ganz so kraß, aber … LEHRER NICKEL Ich dulde nicht, und schon gar nicht an dieser Stelle, bei diesem Ausflug, Ihren historischen Relativismus. Ich dulde es nicht! MAXIMILIAN Tut mir leid. Kommt nicht wieder vor.

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Appellplatz der Gedenkstätte

LEHRER NICKEL deutet mit den Armen um sich. LEHRER NICKEL Wie kann sich ein Volk anmaßen, ein anderes Volk auslöschen zu wollen? Ratlose Gesichter. NATALIE steht etwas abseits und starrt ins Leere. LEHRER NICKEL Die Bilder der Befreiung des Lagers 1945, es sind die Bilder, die wir vor uns sehen, wenn wir an die Verbrechen der Deutschen denken. Die Leichen zu Stapeln von unterschiedlicher Höhe aufgeschichtet. Überall verwesende menschliche Körper. Die Baracken überfüllt mit Gefangenen in allen Stadien der Auszehrung und der Krankheit. Menschen, denen man alles genommen hatte, ihre körperliche und seelische Würde, also ihr Anrecht darauf, ein Mensch zu sein. LEHRER NICKEL schaut seine Schüler erwartungsvoll an. LEHRER NICKEL Vielleicht können wir an dieser Stelle kurz über Ihre Eindrücke sprechen. Also, was sind Ihre Gedanken? Peinliche Stille. LEHRER NICKEL Ich weiß, ich habe jetzt so viel auf Sie eingeredet. Aber was denken Sie? Es ist wichtig, das zu besprechen … Immer noch Schweigen. Die Jugendlichen starren unbeholfen und 60


überfordert auf den Boden.

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Häftlingsbaracke

LEHRER NICKEL steht zwischen den Stockbetten und sieht unzufrieden aus dem Barackenfenster auf den Hof. Mit dem Bügel seiner Brille klappert er gegen seine Vorderzähne und geht auf und ab.

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Krematorium

NATALIE alleine im ehemaligen Krematorium. Eine Reihe von Verbrennungsöfen, deren eiserne Luken zum Teil offenstehen. Die Wände sind rußig, es fällt nur Tageslicht von außen ein, es gibt keine Lampen. NATALIE schreitet die Reihe ab, betrachtet nachdenklich den schrecklichen Ort. Vorsichtig berührt sie mit dem Finger die verrußten Backsteine. Zaghaft schaut sie in einen der Öfen hinein. Plötzlich wird sie an den Hüften gepackt und mit brutaler Kraft in den Ofen geschoben. NATALIE schreit fürchterlich. Hände verschließen die eiserne Luke. NATALIES hysterische Hilferufe dringen erstickt und dumpf aus dem Inneren der Verbrennungsanlage.

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Eingang zur Gedenkstätte

MAXIMILIAN und JONAS rennen herbei. Ihre Gesichter sind von der Aufregnung gerötet, sie atmen schnell. Nervös zünden sie sich Zigaretten an. 61


MAXIMILIAN Kraß. Oh, nein … Vielleicht war das ein bißchen viel … JONAS Fuck. JONAS greift sich an den Hals. JONAS Oh, liegenlassen.

shit.

Ich

hab

meinen

Schal

da

MAXIMILIAN Waas!? JONAS Ich hatte den da noch an, und jetzt ist er weg. MAXIMILIAN verengt wütend die Augen zu Schlitzen. Er packt JONAS und schüttelt ihn. MAXIMILIAN Ich weiß, daß du gerne so wärest wie ich. Aber ich wäre niemals so dumm. Und von wegen dein Scheißschal. Das war mein Scheißschal, den hast du dir von mir geliehen, du Vollidiot. JONAS (kleinlaut) Es tut mir leid. 53

Seniorenheim, Schlafzimmer

CLAUDE massiert FRAU SANDBERG zärtlich die Füße. Sie beobachtet ihn. CLAUDE Als ich klein war, hatten wir ein kolumbianisches Kindermädchen. Wir haßten es, wenn sie uns die Fingernägel schnitt, aber sie war sehr klug, sie machte immer eine kleine Kinderparty daraus, mit Chips und Cola, und so war alles nicht mehr so

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schlimm. Cola und Chips waren nämlich eigentlich strengstens verboten bei uns zu Hause … FRAU SANDBERG beugt sich herab und küßt ihn lange und innig auf den Mund. CLAUDE zieht sie zu sich heran und erwidert den Kuß leidenschaftlich und lange. Man hört nichts außer dem Atem der beiden. CLAUDE beginnt nun, ihr die Füße zu küssen. FRAU SANDBERG Aber Claude, was tun Sie da? CLAUDE Psssssst. FRAU SANDBERG Es ist so ungewohnt. Mich hat so lange niemand mehr berührt. CLAUDE Ich habe dich berührt, viele Male. Jedesmal, wenn ich deine Füße hielt, habe ich mir vorgestellt, sie zu küssen. FRAU SANDBERG Wirklich? Aber sie sind doch alt und häßlich. CLAUDE Nein, du hast die schönsten Füße, die ich je gesehen hab. Es bricht aus CLAUDE heraus. CLAUDE So schön, daß ich sie immer küssen wollte, so wie jetzt. Ich habe den Hautstaub deiner Füße immer zusammengekehrt und mit nach Hause genommen. Wie einen Origamivogel aus Seidenpapier neben meinem Kopfkissen. Ich konnte nicht mehr schlafen, nächtelang. Monatelang. Was denkst du, was die Liebe in meinen 63


Keksen war? FRAU SANDBERG Kekse? CLAUDE Ja, die allwöchentlichen Kekse mit Liebe darin. Es war dein süßer Fußstaub … FRAU SANDBERG Ich verstehe nicht … CLAUDE Aber du mußt es doch gespürt haben … FRAU SANDBERG Gespürt? CLAUDE Ja, ich habe daraus Kekse gebacken, die wir zusammen gegessen haben. Wir beide zusammen. FRAU SANDBERG zieht ihre Beine entsetzt an sich. FRAU SANDBERG Iiih!!! Hilfe!!! FRAU SANDBERG fällt auf den Boden. CLAUDE hebt beschwichtigend die Hände. FRAU SANDBERG schreit weiter. CLAUDE weiß weder ein noch aus und ringt mit den Händen. CLAUDE (verzweifelt) Es tut Entschuldigung. Entschuldigung

mir

so

leid.

Er rennt raus. FRAU SANDBERG liegt zusammengekauert und zitternd am Fußboden.

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Wohnung von Franziska und Tom, Küche

FRANZISKA beim Abspülen, ab und zu nimmt sie einen ordentlichen Schluck Weißwein. Sie ist betrunken. TOM dreht umständlich einen Joint, entzündet ihn und steckt ihn sich zwischen die Lippen. TOM Das ganze Problem ist ja, daß die Menschen sich nicht wohl in ihrer Haut fühlen. Daß man lieber jemand anderes wäre. Also ich schließ mich da nicht aus. FRANZISKA Ich will nur, wenn ich ehrlich bin, diesen Film nicht weitermachen. TOM Aber stell dir vor, du könntest jemand ganz anderes sein. Und trotzdem wärst du du selbst. FRANZISKA Wie meinst du? TOM Meine Uniform zum Beispiel. Die zieh ich morgens an, und dann bin ich für andere nicht Tom, sondern diese Uniform. Aber ich meine noch mehr. Was ganz anderes sein. Ich meine die Tiere in Afrika zum Beispiel, von vorhin, die haben so weiche Pfoten … FRANZISKA Ja, Afrika, genau, super Idee. Es einfach so machen wie alle anderen auch – man fährt am besten in ein vom Bürgerkrieg zerfetztes Land. Man packt die Kamera aus und richtet sie auf das Elend und die Menschen dort. Und läßt die dann einfach losreden. TOM Jetzt warte doch mal …

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FRANZISKA Nein, jetzt warte du mal. Einfach nach Ruanda und dort die Kamera aufstellen. Das dann in Deutschland zeigen, und am Ende bewegt man nichts, als daß sich die Leute hier darin bestätigt sehen, daß es anderen noch viel beschissener geht. TOM Können wir mal eine Sekunde über uns reden und nicht über deine Filme? Oder wenn nicht über uns, dann über mich? Weil ich hätte dir nämlich etwas Wichtiges zu sagen. FRANZISKA Weißt du, die Leute in Ruanda reden ja ganz automatisch das, was man hören will, in die Kamera, weil die haben Schreckliches erlebt. Und das gilt dann als authentisch … TOM … ich möchte doch jetzt nur mal … FRANZISKA … man führt die Menschen vor, und alle sind total schockiert, wie schlimm das ist in Afrika. Das ist total schrecklich. TOM Merkst du eigentlich, daß das bei uns schon so ist wie die Straßenecke in deinem Lieblingsfilm, wo am Ende dann keiner von beiden mehr kommt? FRANZISKA Nur weil ich auch mal über meine Probleme sprechen will? Ich find das jetzt echt total unnötig. Du bist im Moment so ich-fixiert, was ist eigentlich los? TOM ICH bin ICH -fixiert? FRANZISKA Siehst du, du sagst ja zweimal ich in 66


einem Satz. Kannst du dir in deiner kleinen verbeamtet-auf-Lebenszeit-oh!-ich-habe-einVerkehrszeichen-übersehen-Welt überhaupt vorstellen, daß es auch noch etwas anderes gibt? Menschen, die etwas erschaffen wollen? TOM Hä? FRANZISKA Ja, und nächstes Jahr steigt er in den gehobenen Dienst auf, dann lassen sie ihn auch mal an einen Kaufhausdiebstahl ran, herzlichen Glückwunsch. Und zu Hause mal einen Kleinen kiffen, als Ausbruch aus der eigenen erbärmlichen S-p-i-e-ß-i-g-k-e-i-t. TOM Okay. Ich habe für dich eingekauft und für dich gekocht und immer alle deine Regiebefehle ausgeführt, alles mit einem Augenzwinkern, weil ich immer dachte, daß du es nie so böse und abfällig meinst, wie es klingt. Ich wollte dir was Wichtiges erzählen von mir und meinen Gefühlen! FRANZISKA Du willst mit mir über Gefühle reden? Unsensibel bist du, Tom, total unsensibel. TOM Ja, und du bist einfach das, was du bist: eine vom Ehrgeiz zerfressene, oberflächliche und verhärmte Pseudo-Künstlerin, die noch nie einen Film gemacht hat, der irgend jemanden interessiert außer ihre hundert besten Filmfuzzis, deine Szene-Freunde. FRANZISKA sieht ihn fassungslos an. TOM Siehst du mich eigentlich?

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Cadillac

DOMINIK sitzt mit INGA auf der Rückbank, GEORG fährt. INGA Willst du eine? Sie steckt DOMINIK eine Zigarette an und in den Mund. Er ist immer noch ganz verschüchtert. Sein Rauchen wirkt ungelenk, er sieht sehr müde aus. INGAS Blackberry klingelt. INGA Sandberg? – Das ist aber echt ganz schön teuer … – Na ja, wenn Sie endlich wie versprochen die Flachbetten in die Business einbauen würden, könnte man ja damit fliegen. Aber so ist Ihre Businessklasse echt eine Strafe. – Ja ja. Lassen Sie’s gut sein. Buchen Sie’s einfach, okay? Ciao. INGA legt auf. INGA Ich hasse Deutschland. (zu DOMINIK) Ist es noch schlimm? DOMINIK Äh, nicht so schlimm. Es sah ja auch so aus, als ob ich … na ja, egal. INGA Ja, Schwamm drüber. DOMINIK Wußten Sie, daß die Deutschen von allen Völkern der Welt mit Abstand das meiste Geld fürs Reisen ausgeben? INGA Weil es hier so häßlich ist. Und überfüllt mit unhöflichen, ruppigen Menschen. Die Innenstädte ausgebombt, die ehemaligen Bombenkrater mit Beton 68


zugeschmiert. Wie Stuttgart. Und Berlin. GEORG Genau, Stuttgart! Ich weiß gar nicht, was die mit ihrem Bahnhof haben. Die Stadt ist doch so häßlich, wenn man die komplett abreißen würde, würde das doch keinem weiter auffallen. Und dann, endlich ins Ausland geflüchtet, schämt man sich immer dafür, aus Deutschland zu kommen. Man steht einfach nicht zu diesem Land. DOMINIK Es ist interessant, daß Sie das sagen, weil ich glaube, daß das daran liegt, daß es in Deutschland keinerlei Vorbilder gibt. Keine Comic-Helden, wie zum Beispiel Micky Maus. Etwas, mit dem sich alle identifizieren, was jeder kennt, auch im Rest der Welt. INGA Da fällt mir nichts ein. GEORG Fix und Foxi. Die sind, glaube ich, deutsch. DOMINIK Aber die kennt man doch nicht im Ausland. Wenn ich das so sagen darf: Die einzige deutsche berühmte Figur ist Adolf Hitler. Punkt, Punkt, Komma, Strich, Hitlerbärtchen, und jeder auf der ganzen Welt erkennt das sofort. GEORG Interessante These. INGA Stimmt. DOMINIK Ja. Und dann gibt es noch das andere Problem: die deutsche Fahne. INGA O Gott, ja. Die ist echt so was von häßlich. 69


GEORG findet DOMINIK auf einmal ganz sympathisch. GEORG Grauenvoll. Eine ästhetische Katastrophe. Das Schwarz und Rot geht ja noch, aber das Gelb … DOMINIK Ja, eben. Und ich glaube, das ist Absicht. INGA Hm? DOMINIK Na ja, weil im Dritten Reich, da sah halt alles recht gut aus. Also klar, wenn man erst mal nur vom Design ausgeht, nicht von den Taten. Die Uniformen zum Beispiel waren gut geschnitten. Und die Fahne sah irgendwie auch gut aus. INGA Na, ich weiß nicht. GEORG Er hat doch recht. DOMINIK Und damit so was in Deutschland nie wieder passieren kann, ist hier alles extra-häßlich. So richtig häßlich eben. Weil nichts sollte mehr gut aussehen. Auch die Fahne nicht. Und deswegen kann sich keiner mit irgendwas identifizieren.

GEORG Außer mit den perfekten Technologien, die in Deutschland hergestellt werden. Dem Giftgas, den schnellen Autos, die so sicher sind, daß man sogar einen Frontalaufprall mit 200 Sachen überlebt. Den sanierten Altbauten mit den Glasfahrstühlen, die die Leute in ihre ausgebauten Dachgeschosse transportieren, dem TÜV , der DIN -Norm und der Mülltrennung. Die 70


Mülltrennung ist ja nur dazu da, den Müll nach Afrika abzutransportieren. Das ist dieser deutsche Geist, diese Sprache, die nach wie vor in den Entwicklungsabteilungen von Mercedes Benz und Siemens gesprochen wird: Otis, Otis, Otis. Das hat das Ermorden von Millionen von Juden ja erst möglich gemacht. INGA Georg … GEORG Aber darüber spricht ja keiner mehr. DOMINIK Und auch nicht über Gott. Den gibt es auch nicht mehr. INGA Ich wünschte mir, es gäbe einen.

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Krematorium

Totale. Das entsetzliche, inzwischen vom Schluchzen erstickte Schreien von NATALIE. NATALIE Bitte, bitte, bitte, bitte. Hilf mir. Bitte, hilf mir doch. Dominik!!!

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Am Baumstamm

Der EINSIEDLER ist auf dem Weg nach Hause. Plötzlich sieht er im Wald verstreute Gegenstände, er beugt sich hinunter. Eine dunkle Ahnung beschleicht ihn, er wirft seine Tasche von sich und läuft los. 71


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Vor der Hütte

Auf dem Weg zur Hütte sieht er im Vorbeirennen weitere, ihm bekannte Gegenstände: die Filzdecke, das Feldbett, seltsam verbogen, den zerbrochenen Marmeladentopf, die Verbandsrolle, die sich nun entrollt durch einen Busch schlängelt. Als er an seiner Hütte ankommt, steht die Tür der Hütte auf; im Türrahmen hängt an einer Schlinge der kaputte Teddybär.

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Waldhütte

Der EINSIEDLER stürmt in seine Hütte. Alles ist verwüstet und kurz und klein geschlagen. Jemand hat das Kruzifix falsch herum aufgehängt und in roter Sprühschrift »hahaha» darunter gesprüht. Der EINSIEDLER stolpert entsetzt durch sein Zuhause, er ringt mit den Händen und kann es kaum fassen. Dann entdeckt er den toten Vogel, zertreten auf dem Boden. Er hält kurz inne und bückt sich und kniet nieder. Dann hebt er den toten, kaputten Vogelkörper auf, wie beim ersten Mal, und beginnt mit weit aufgerissenen Augen lautlos zu schreien, ein langer Spuckefaden hängt ihm aus dem Mund.

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Wald

MONTAGE . Der EINSIEDLER rennt durch den Wald. Seine

Hände graben nach etwas im Waldboden. Ein verschmutzter länglicher Stoffsack ist zu erkennen. Der EINSIEDLER steht auf, streift den Sack im Gehen ab – es ist sein Gewehr – und verschwindet im Wald. Er rennt über eine Brücke Richtung Autobahn 72


61 Wohnung Franziska und Tom, Küche / Schlafzimmer FRANZISKA hockt auf dem Boden und trinkt noch mehr Wein. Sie ist verheult, aber hat sich etwas beruhigt. FRANZISKA (kindlich) Tom? To-hom? Komm mal. Sie lauscht. TOM antwortet nicht. FRANZISKA Es tut mir lei-heid. – Tom? Sie steht auf, geht in den dunklen Flur. FRANZISKA Tom? Bist du das? Ein merkwürdiges Rascheln. FRANZISKA Tom? – Hör mal auf damit. Sag doch mal was. An der Schlafzimmertür bleibt sie stehen und lauscht. Erneutes Rascheln. Schweres Atmen. FRANZISKA Tom, mach mir doch nicht solche Angst. Bist du da drin? Sie drückt sachte die Tür ein Stück weiter auf. Auf dem Bett sitzt eine dunkle, massive Gestalt. FRANZISKA Tom … Tom? Sie fühlt panisch nach dem Lichtschalter neben der Tür. TOM sitzt in seinem Bärenkostüm auf der Bettkante. Er atmet schwer. 73


FRANZISKA schreit aus Leibeskräften. TOM steht auf und geht auf sie zu, die Tatzen erhoben. Sie flüchtet vor ihm in die Küche, schnappt sich panisch ein langes Küchenmesser aus der Spüle, hält die Spitze zitternd und ungelenk mit beiden Händen vor sich Richtung TOM. FRANZISKA Gehen Sie weg! Bitte, bitte. Tun Sie mir nichts! TOM Franziska. Franzi. Ich bin es, Tom. TOM nimmt den Bärenkopf herunter. FRANZISKA schüttelt den Kopf und verzieht weinend das Gesicht. TOM Aber das wollte ich dir doch die ganze Zeit sagen. FRANZISKA Nein. Bitte, nein. TOM Ich ziehe das halt manchmal an. FRANZISKA Wie? Zu Hause? Oder was? TOM Na ja, schon. Aber auch draußen. Mit anderen zusammen. FRANZISKA Was? TOM Ja, ich dachte, du könntest das auch mal anziehen … FRANZISKA Ich kann das nicht, Tom, hör auf. TOM Aber es ist ganz harmlos. Fühl doch mal, wie 74


weich das ist … FRANZISKA Ich will das nicht anfassen, geh weg, raus! Raus! Sie zerrt ihn am Arm zur Wohnungstür, TOM Franziska, fühl doch mal … Sie schubst ihn raus und knallt die Tür zu. Sie sackt zusammen und schluchzt hemmungslos. TOM hämmert von außen an die Tür. TOM (von Draußen) Franziska, ich wollte dir doch nicht weh tun …

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Krematorium

LEHRER NICKEL betritt den Krematoriumsraum. Er steht mit gefalteten Armen in der Mitte des Raumes. Nun hört er NATALIES erbärmliches leises Wimmern. LEHRER NICKEL kann das Geräusch nicht orten und schüttelt den Kopf. Das Wimmern kommt aus der Richtung der Öfen. Er geht die Reihe ab und schaut in einige der geöffneten Luken hinein. Schließlich bleibt er vor einem Ofen stehen, bückt sich und preßt sein Ohr gegen das Eisen. LEHRER NICKEL fummelt panisch an dem Verschluß, öffnet die Luke und zieht an Natalies Füßen. Sie tritt ihn, er zieht weiter an ihr, bis sie zur Hüfte heraus ist. Sie tritt ihm mit voller Wucht in den Bauch, und er fällt nach hinten. Entsetzt sieht er, wie Natalie sich zusammenkauert, Schürfwunden und Staub an den Armen. Hysterisch und angeekelt versucht NATALIE panisch, sich den Ruß abzuwischen. 75


NATALIE (leise) Nein. Nein. Nein. LEHRER NICKEL kriecht auf sie zu, will sie beruhigen. LEHRER NICKEL Natalie … NATALIE bricht erneut zusammen und wimmert. LEHRER NICKEL legt schützend die Arme um das Mädchen, sie schubst ihn weg, ein Stück ihrer Bluse bleibt in seiner Hand hängen, sie kratzt ihm über das Gesicht. NATALIE Fassen Sie mich nicht an! Ein MUSEUMSWÄRTER stürzt mit MAXIMILIAN, JONAS und anderen SCHÜLERN in den Raum. MUSEUMSWÄRTER Was machen Sie denn da? LEHRER NICKEL versucht noch einmal, zu NATALIE zu kriechen. LEHRER NICKEL (flüstert) Natalie … Eine Schülerin stürzt zu NATALIE und LEHRER NICKEL, drängt sich dazwischen und versucht, NATALIE mit den Fetzen ihrer Bluse zu bedecken. Sie umarmt die zitternde NATALIE. MAXIMILIAN packt LEHRER NICKEL an der Kehle und drückt ihn zu Boden. MAXIMILIAN Fassen Sie sie ja nicht an. JONAS eilt ihm zur Hilfe und hält LEHRER NICKEL fest. MAXIMILAN bückt sich nach seinem Schal, der am Boden liegt, und in derselben Bewegung legt er ihn NATALIE 76


fürsorglich um. LEHRER NICKEL läßt seinen Kopf resigniert sinken.

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Cadillac

GEORG, INGA und DOMINIK fahren weiter auf der Landstraße. DOMINIK Haben Sie nicht vorhin Sandberg gesagt? INGA Ja. Sandberg. DOMINIK Kennen Sie zufällig einen Maximilian Sandberg? INGA dreht sich erstaunt um. INGA Woher …? Das ist unser Sohn.

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Auf der Autobahnbrücke

Der EINSIEDLER kniet auf der Brücke, das Gewehr liegt neben ihm. Er betet und meditiert.

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Cadillac INGA Du magst meinen Sohn nicht besonders, oder?

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DOMINIK zuckt mit den Schultern. GEORG Ein verwöhnter Schnösel. INGA wirft GEORG einen strafenden Blick zu. DOMINIK wirkt jetzt sehr abwesend. DOMINIK Vielleicht Vegetarier werden. INGA Hm? DOMINIK Und Graffitis machen statt Sport. INGA und GEORG schauen sich verwirrt an. DOMINIK Oder Bankautomaten anzünden. Nach Kalifornien fahren. Sich bei jemandem entschuldigen. GEORG Ja.

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Autobahnbrücke

Der EINSIEDLER lädt sein Gewehr durch und zielt auf die unter ihm liegende Landstraße. Er läßt einige Autos vorbeiziehen.

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Cadillac DOMINIK Nicht mit offenen Augen einschlafen.

INGA kichert unsicher. DOMINIK (flüsternd) … Nein, jetzt weiß ich’s. 78


DOMINIKs Gesicht erstrahlt im goldenen Sonnenlicht. DOMINIK Natalie … Der Schuß des EINSIEDLERS peitscht durch die Frontscheibe, in DOMINIKs Herz. Sein Oberkörper wird nach hinten geschleudert. Vollbremsung. DOMINIKs Hand sinkt auf den Sitz und öffnet sich leicht, darin die Blüten vom gelben Blumenfeld. Ein schmaler Streifen Blut rinnt aus dem Ärmel und vermischt sich mit den Blumen.

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Unter der Autobahnbrücke

INGA und GEORG sitzen zusammengekauert am Straßenrand unter der Brücke, INGA blutet aus einer zum Teil schon verkrusteten Kopfwunde, GEORG hat seinen Kopf an ihre Schulter gelehnt und reibt sich sein Handgelenk. INGA redet Unverständliches auf GEORG ein. Hinter ihnen auf der abgesperrten Straße steht der Cadillac, Scherben auf der Straße, ein Polizeiwagen mit Blaulicht, Feuerwehrwagen und ein Leichenwagen, in den zwei Männer gerade einen provisorischen Metallsarg mit DOMINIKs Leiche laden.

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Wärterzimmer Gedenkstätte

NATALIE sitzt auf dem Stuhl des Wärters, sie ist in eine Wolldecke gehüllt und trinkt heißen Tee aus einem Pappbecher. Im Hintergrund lehnt MAXIMILIAN, Füße gekreuzt, Arme verschränkt, und beobachtet sie. Dann zündet er ihr eine Zigarette an, tritt zu ihr und steckt sie ihr in den Mund. 79


NATALIE Danke. Sie rauchen schweigend. NATALIE Ich hab immer gedacht, Nickel wäre ein anständiger Mensch. Ich fand ihn auch einen guten Lehrer. MAXIMILIAN Hast du dich nie gefragt, warum du immer nur Einsen bei ihm hattest? NATALIE Weil ich gut war. MAXIMILIAN Gut? Du warst meines Erachtens immer außerordentlich frech. Das finden ältere Männer interessant. Das macht die ganz verrückt. NATALIE (schluchzt) Ich kann das einfach nicht glauben. MAXIMILIAN Du mußt es aber glauben. MAXIMILIAN streicht ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie lächelt unbeholfen und schüchtern, wie ein Kind. Er kniet sich zu ihr hin auf Augenhöhe. MAXIMILIAN Du mußt jetzt keine Angst mehr haben. Der Nickel, der ist jetzt ganz alleine. Und du nicht.

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Naturbilder

MONTAGEBILDER : Bäume biegen sich im Sturm, der See des

EINSIEDLERs ruhig am Morgen.

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Seniorenheim, Flur

INGA, GEORG und MAXIMILIAN betreten das Seniorenheim. INGA hält MAXIMILIAN an der Hand wie ein kleines Kind. Sie trägt ein Pflaster am Kopf. GEORG hat seinen rechten Arm um ihre Schulter gelegt, der linke steckt verbunden in einer Schlinge. GEORG wirkt entschlossen.

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Seniorenheim, Schlafzimmer

FRAU SANDBERGs Zimmer. Das Bett ist abgezogen, das Zimmer wirkt kalt, nackt und kahl. Der PFLEGER wischt mit einem Wischmop den Boden. Auf dem Sofa steht ein Karton, darin Mineralwasserflaschen, eine Topfpflanze, ein Telefon und obenauf das Familienfoto von GEORG, INGA und MAXIMILIAN. Ein Stapel mit Kleidern liegt, bereit für die Altkleidersammlung, neben dem Karton. Die Tür geht auf. GEORG tritt ein, dahinter INGA, die MAXIMILIAN immer noch an der Hand hält. MAXIMILIAN schüttelt sie ab. Der PFLEGER wischt. GEORG Äh, guten Tag. Ist das hier das Zimmer von Frau Sandberg? Maria Sandberg? PFLEGER Äh, ja. Also, es war ihr Zimmer. Wer sind Sie denn, wenn ich fragen darf? 81


GEORG Ich bin ihr Sohn. PFLEGER Aha, na ja, ich habe Sie hier noch nie gesehen … Ich wußte gar nicht, daß sie Verwandte hatte. Ja, also, das hier WAR ihr Zimmer. GEORG Wie, war? PFLEGER Na ja, es ist mir etwas peinlich, daß Sie das nicht wissen, aber sie ist nicht mehr bei uns. GEORG wird blaß und schüttelt ungläubig den Kopf. PFLEGER Ja, wir werden sie auch sehr vermissen. Ähm, ich muß das zwar erst absprechen, aber vielleicht wollen Sie ja ihre Sachen mitnehmen, also wenn Sie der Sohn sind, meine ich. Der PFLEGER verläßt peinlich berührt das Zimmer. GEORG beginnt, die gepackten Sachen aus dem Karton zu nehmen. GEORG Ich … ich … Aber was … Inga? INGA Liebling, es ist, es ist … Es tut mir leid. Sie legt ihre Arme um ihn. GEORG beginnt zu schluchzen und sinkt auf das Bett. GEORG Ich bin zu spät. Zu spät. Es tut mir leid, Mama. Es tut mir so leid. MAXIMILIAN, der emotionslos daneben gestanden hat, setzt sich neben ihn.

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MAXIMILIAN Rührend, meine Eltern. Ergreifend. Nicht, Papa? Wird alles gut, Papa. Er streicht seinem Vater mit dem Handrücken sanft über die Wange und schaut ihn einen Moment lang direkt an. MAXIMILIAN Ihr seid echt so was von bigott. (zu GEORG) Die alte Kuh war dir doch scheißegal … GEORG Wie bitte? MAXIMILIAN … wie auch ich euch scheißegal bin. INGA Maximilian, geh mal raus. MAXIMILIAN Habt ihr mich jemals in den Arm genommen? INGA Komm, geh mal raus. MAXIMILIAN Ich kann mich an keinen einzigen Tag erinnern, an dem du mal etwas für mich gekocht hast. Andere können sagen: das schmeckt wie zu Hause. Ich hab keine fucking Ahnung, wie das schmeckt. INGA Geh raus jetzt. Herrgott. MAXIMILIAN fixiert INGA. MAXIMILIAN Was bist du bloß für eine Mutter. Er spuckt aus, dreht sich von ihnen weg und geht aus dem Zimmer. INGA und GEORG bleiben fassungslos auf dem Bett sitzen. 83


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Badezimmer Claude

CLAUDE steht in Unterwäsche vor dem Spiegel und begutachtet seinen Körper. Er hält sich seine Kekse vor die Brustwarzen und ahmt ein pochendes Herz nach. CLAUDE betrachtet sich traurig im Spiegel und macht einige weiche Tanzbewegungen.

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Wohnzimmer Claude

CLAUDE liegt auf seiner Couch. Vor ihm auf dem Couchtisch steht ein großes Schraubglas mit seinen Keksen. CLAUDE richtet sich auf und starrt auf das Glas, als könne er es mit seinen Blicken zerstören, dann greift er plötzlich danach und wirft es mit beiden Händen gegen die gegenüberliegende Wand. Das Glas zerschellt. CLAUDE vergräbt das Gesicht in seinen Händen. Ein Auto hupt vor der Tür. CLAUDE schaut Richtung Wohnungstür. Er schlurft zur Tür, leise fluchend, und öffnet die Tür. FRAU SANDBERG sitzt im Rollstuhl vor der Haustür, neben ihr stehen zwei Koffer. Hinter ihr auf der Straße ein wartendes Taxi. FRAU SANDBERG Hallo, Claude. CLAUDE schaut sie entgeistert an, dann lächelt er verlegen. Sie lächelt liebevoll zurück.

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Turnhalle

MAXIMILIAN spielt mit einem Tennisball. Er raucht eine Zigarette. Er schmettert den Ball wütend und mit aller Kraft gegen den Boden.

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Hockeyplatz

NATALIE steht am Rand des Hockeyplatzes unter einem Baum, DOMINIKs Comic-Heft in der Hand. Sie trägt ihre Brille nicht mehr, hat die Haare streng zum Pferdeschwanz gebunden, sie trägt MAXIMILIANs College-Schal. JONAS, MAXIMILIAN und ihre Mannschaft sind im Wettkampf mit einer anderen Mannschaft zu sehen, JONAS ist am Ball, schlägt ihn weiter, weiter, dann mit einem kräftigen, perfekten Schlag zu MAXIMILIAN, der die Kugel ins Tor befördert. MAXIMILIAN und JONAS machen, jeweils beide Fäuste ballend, eine übertriebene Siegerpose und springen dann aneinander hoch, ihre Hände zusammenschlagend. MAXIMILIAN UND JONAS Sieg! Das Rauschen eines aufkommenden Windes ist zu hören. NATALIE hüpft freudig und gelöst in die Luft und reißt die Arme nach oben. Das Comic-Heft fällt zu Boden, der Wind verweht die Seiten. NATALIE rennt auf das Spielfeld zu MAXIMILIAN.

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Untersuchungsgefängnis

LEHRER NICKEL sitzt mit gefalteten Händen an einem kleinen Tisch in der Zelle des Untersuchungsgefängnisses und starrt verzweifelt ins Leere. Der EINSIEDLER liegt in der Nachbarzelle auf einer Pritsche, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und starrt an die Decke. 85


Die Kamera fährt zum vergitterten Fenster hinauf. Eine Träne rinnt die Wange des EINSIEDLERS hinab.

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Flughafen Afrika

FRANZISKA schleppt ihr Gepäck über die rote Erde einer afrikanischen Flughafenpiste. Auf der Piste stehen kleine Propellerflugzeuge.

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Afrikanische Steppe

Windrauschen, Zikaden. FRANZISKA steht inmitten der Totalen einer afrikanischen Steppenlandschaft. Trockenes Gras, Büsche, einige Fieberbäume. Um FRANZISKA herum weht Staub über die Ebene. Sie schaut unzufrieden in die Ferne. FRANZISKA zündet sich eine Zigarette an. Eine Gestalt taucht am Horizont auf und kommt langsam näher. Bald ist sie nun deutlich zu erkennen, eine MASSAI-FRAU mit rotem Umhang, Schmuck und geschorenem Haar. Die Frau nähert sich FRANZISKA ohne zu grüßen, die beiden scheinen nicht verwundert, sich hier in der Einsamkeit zu treffen. Die MASSAI-FRAU stellt sich schweigend neben FRANZISKA und sieht mit ihr zusammen in die Ebene. FRANZISKA Wäre es nicht viel besser, wenn es gar keine Menschen mehr auf der Welt geben würde? Die MASSAI-FRAU schweigt FRANZISKA in die Ferne.

und

schaut

weiter

mit

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MASSAI-FRAU Give me a cigarette. FRANZISKA schaut erstaunt, zündet ihr dann eine Zigarette an der eigenen an und gibt sie der MASSAI-FRAU. Rauchend und schweigend bleiben beide eine Weile nebeneinander stehen, den Horizont betrachtend. Dann dreht die MASSAI-FRAU sich um und geht wieder ihren Weg. FRANZISKA bleibt in der Ebene stehen, in die entgegengesetzte Richtung schauend, während die MASSAI-FRAU langsam in der staubigen Ferne verschwindet. MUSIK : Cat Stevens »The Wind«

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Parkbank auf einem Hügel

Cat Stevens erklingt weiter. TOM sitzt in seinem Furry-Kostüm auf einer Parkbank, die Pelzbeine überkreuzt. Es ist abends, kurz vor Einbruch der Dämmerung. Ein KIND nähert sich und setzt sich dann etwas von ihm entfernt ans andere Ende der Parkbank. Das KIND betrachtet TOM unverhohlen und rückt nun immer näher an TOM heran. Schließlich sitzt es direkt neben ihm. Vorsichtig neigt es den Kopf Richtung Pelzschulter, dann lehnt es sich an. Erstaunt und unbeholfen legt TOM zögernd seinen Pelzarm um das KIND. TOM entspannt sich, und das KIND kuschelt sich ein. – ENDE –

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FINSTERWORLD  

Ein Drehbuch von Frauke Finsterwalder und Christian Kracht in der Reihe Deutsche Drehbücher der Deutschen Filmakademie

FINSTERWORLD  

Ein Drehbuch von Frauke Finsterwalder und Christian Kracht in der Reihe Deutsche Drehbücher der Deutschen Filmakademie