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JACK

Nele Mueller-Stöfen und Edward Berger

DEUTSCHE DREHBÜCHER Herausgegeben von Dorothee Schön für die Deutsche Filmakademie


Vorbemerkung der Autoren Vor ein paar Jahren spielten wir mit unserem Sohn Fußball auf einer Wiese. Auf der Straße ging ein kleiner Junge vorüber. Er grüßte und winkte über den Zaun, unser Sohn winkte zurück. „Hallo, Jack!“ rief er. Dann zog der Junge fröhlich weiter, der Ranzen wippte auf seinem Rücken. „Das ist Jack“, erklärte uns unser Sohn. „Am Wochenende ist er immer bei seiner Mutter. Und sonntags geht er zurück ins Heim.“ Das war der Anfang unseres Films. Ein kurzes Bild von einem Jungen, der trotz widriger Umstände so kraftvoll in die Zukunft marschierte. In einer flüchtigen Begegnung hatte uns ein Junge gezeigt, wie man mit offenen Augen und ungebrochenem Willen an das Leben glauben kann. Mit JACK haben wir uns vorgenommen, eine glasklare, einfache Erzählung über die bedingungslose Liebe eines Jungen auf der Suche nach seiner Mutter zu schreiben. Dabei haben wir versucht, uns in jeder Szene an die Kraft dieses Jungen mit dem Ranzen zu erinnern. Wir haben den Film für bestimmte Drehorte geschrieben. Der Film hatte seinen Anfang vor unserer Haustür gefunden, und dort waren auch unsere Motive. Schlichte, einfache Orte, die überall sein könnten. Keine Hochhaussiedlung, die stigmatisiert. Kein Sozialdrama, das die Mutter verurteilt. Wir wollten eine möglichst allgemeingültige Geschichte. Nele Mueller-Stöfen und Edward Berger


JACK von Nele Mueller-Stöfen und Edward Berger

7. Fassung Blaue Seiten vom 13. Juli 2013

© Nele Mueller-Stöfen | Edward Berger Waltharistraße 14 D - 14109 Berlin Mob: +49 (163) 280 9480 mail@edwardberger.de


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INT. JACKS WOHNUNG / KINDERZIMMER - MORGEN

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Eine Wohnung mit kleinen Zimmern. Spärlich eingerichtet und dennoch sauber. Es ist sehr früh am Morgen. Warmes Licht dringt unter den Vorhängen hindurch. Zwei Jungen liegen auf einer Matratze und schlafen: JACK (10) und MANUEL (6). Es ist Sommer. Es ist heiß. Die Laken sind verschwitzt. 2

INT. JACKS WOHNUNG / BALKON & HAUSFLUR - MORGEN

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Jack steht in Unterhose im Flur und pocht gegen die Toilettentür. JACK Manuel. Mach auf... Manuel, mach jetzt auf. Ich muss los! Keine Antwort. Manuel macht nicht auf. Jack läuft durch den Flur davon. Auf dem Balkon nimmt er sich sein T-Shirt vom Ständer und zieht es auf dem Weg in die Küche über. Die frühe Sonne scheint zum Fenster herein. Jack holt ein Müsli und H-Milch aus dem Schrank und stellt es auf den Tisch. Plötzlich blickt er auf: Die Wohnungstür steht offen. Jack eilt aus der Küche. Im Hausflur steht Manuel in Unterwäsche und Sandalen am Fahrstuhl. Jack läuft zu ihm hin. JACK (CONT’D) Manuel. Was machst ‘n hier? MANUEL Brötchen holen. Manuel streckt ihm die Hand hin: 30 Cent kleben in der Faust. Jack zieht ihn zurück in die Wohnung. JACK Geht heut nicht, ich bin zu spät. MANUEL Ich hab aber Hunger. JACK Ich mach dir was. WUMM. Hinter ihnen fällt die Tür ins Schloss.


2. 3

INT. JACKS WOHNUNG / KÜCHE & WOHNZIMMER - MORGEN

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Zurück in der Küche klettert Manuel auf seinen Stuhl. Enttäuscht schaut er in die Schale mit Müsli. MANUEL Ich will Schokolade. Jack läuft zum Kühlschrank und holt Schokolade, bricht die Hälfte in das Müsli. Dann eilt er ins Wohnzimmer und schlüpft in seine Hose. Die Schulsachen liegen verstreut auf dem Couchtisch. Stifte. Hefte. Federmappe. Jack sammelt sie ein und packt seinen Ranzen, klemmt die Jacke hintendrauf. Aus der Küche dröhnt ein Polizeihubschrauber herüber. Manuel jagt ihn über den Boden. Jack läuft zu ihm hin. JACK Shhh, Manuel. Sei leise. Er räumt noch schnell das Müsli in die Spüle, dann nimmt er ihn an die Hand. JACK (CONT’D) Du hast nur die Schokolade gegessen. Mmhm.

MANUEL

JACK Das geht nicht. Artig folgt Manuel ihm aus dem Zimmer. 3A

INT. JACKS WOHNUNG / FLUR & SCHLAFZIMMER - MORGEN

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Jack nimmt einen Kassettenrekorder aus der Garderobe und geht mit Manuel ins Schlafzimmer. Dort setzt er seinem Bruder die Kopfhörer auf, drückt ihm ein Malbuch mit Stiften in die Hand. Der Kleine hockt beschäftigt am Boden. Behutsam kniet Jack sich zu seiner Mutter ans Bett: SANNA (26). Sie schläft. Er flüstert und streichelt ihr übers Haar. JACK Ich geh jetzt los. Sanna schlägt die Augen auf und sieht ihn lächelnd an.

(CONTINUED)


3A

2A. 3A

CONTINUED: SANNA Mmmm, mein Engel... Ich hab dich lieb. JACK Ich dich auch. SANNA Pass auf den Verkehr auf, ja?

Der Junge nickt. Ein leises Lächeln, Sanna gibt ihm einen Kuss. Dann schläft sie wieder ein... Manuel lauscht seinem Hörspiel. Draußen im Flur fällt die Wohnungstür ins Schloss. 4

EXT. JACKS SIEDLUNG / WOHNHAUS & STRAßE - TAG

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Ein sonniger Morgen. Der Ranzen wippt auf seinem Rücken, Jack zieht munter die Straße entlang. Ein Fahrrad klingelt, die Straßenbahn bimmelt, Jack stapft einem neuen Tag entgegen. CUT TO:


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EXT. PARK - TAG

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Ein großer Stadtpark. Es ist Sommer. Die Menschen grillen, spielen Fussball, spazieren. Auf einer Wiese lungern Freunde auf Handtüchern herum: TONY, ATHEER, MATTES, KATI (24) und ein paar andere. Sanna mit Jack und Manuel mittendrin. Ein Picknick mit Chips und Cola. Ein Ghettoblaster läuft. Sanna sucht ihre Taschen nach Feuer ab, während sie am Handy telefoniert. Kati teilt sich den Ohrhörer mit ihr. Endlich findet Sanna ein paar Streichhölzer. Jack versucht eins anzuzünden. SANNA (ins Handy) Wann kommst du denn...? Nee, wir sind schon alle hier. Atheer streichelt und umarmt sie von hinten. Sanna winkt ihn weg. SANNA (CONT’D) Komm, lass das. Ich will nicht. (zu Jack) Andersrum, Jack. Immer weg vom Körper. Wie ‘n Messer... Mach die Hand drum. (ins Handy) Hm, was...? Jack schützt die Flamme mit der Hand. Sanna widmet sich wieder dem Handy. SANNA (CONT’D) Jaja. Kati ist auch da. Die wartet schon auf dich. Kati boxt ihr gegen die Schulter. Sanna muss sich das Lachen verkneifen. SANNA (CONT’D) (ins Handy) Ich soll dir schöne Grüße ausrichten. KATI (flüstert) Mann, hör auf. Sanna und Kati lachen. TCHK. Geschafft. Das Streichholz brennt, Jack läuft zu einem kleinen Einweggrill. Er steckt ihn an. Atheer spielt Gitarre.

(CONTINUED)


5

4. 5

CONTINUED:

Manuel stakst auf der Wiese umher. Jack krault einen jungen Hund in seinem Schoß. Tony blickt zu Mattes. Beppo. Beppo?

TONY MATTES

TONY Na, der hieß schon so. MATTES Wo hast ‘n den her? Tierheim.

TONY

MATTES Echt? Die sind doch total gestört. TONY Nee, sind sie nich’. Stimmt’s, Beppo? JACK Iiiih, der hat mich angepisst! Plötzlich schubst Jack den Hund von seinem Schoß und springt erschrocken auf. Ein nasser Fleck auf seiner Hose. Beppo wedelt mit dem Schwanz. Die anderen lachen. Sanna reicht ihm ein Handtuch. SANNA Komm, zieh aus. Jack schlüpft aus seiner Hose und reicht sie seiner Mutter. Kati zieht an ihrer Zigarette. KATI Ich nehm jetzt wieder die Pille. Wieso?

SANNA

Sanna blickt zu Kati. Sie schüttelt den Kopf. SANNA (CONT’D) Vertrag ich nicht... Außerdem hat man kein Bock mehr. KATI Nö, find ich nicht. Geht doch gar nicht anders.

(CONTINUED)


5

5. 5

CONTINUED: (2) SANNA (zuckt die Achseln) Rausziehen. Pfff.

KATI

Die beiden grinsen sich an. Jack steht in T-Shirt und Unterhose da. Mattes steht gleich hinter ihm. Ey, Jack.

MATTES

Jack dreht sich um und schaut ihn an, als Mattes ihn mit einer Wasser-Gun bespritzt. Sanna lacht. Jack ebenso. Grinsend läuft er zwischen den Bäumen davon. Sie spielen auf der Wiese, bis Mattes nicht mehr kann. MATTES (CONT’D) (zu Jack) Ich hol mir ‘ne Cola. Während Mattes zur Gruppe zurückkehrt, schaut Jack sich schnaufend um. Schließlich stapft er zu einer Dusche hinüber und zieht das T-Shirt aus. Mit roten Backen stellt er sich unter die warme Dusche und kühlt sich ab. Lächelnd schaut er zur Gruppe hinüber, dann geht er zurück. Sanna schmiert den kleinen Manuel mit Sonnencreme ein. SANNA Darf ich dich jetzt eincremen? Nein.

MANUEL

Manuel sträubt sich: Sanna lacht und nimmt ihn in den Arm, küsst ihn überall. Dann tupft sie ihm die Creme auf die Nasenspitze. Und jetzt?

SANNA

Der Kleine schüttelt den Kopf, das Spiel beginnt von vorn: Sanna knuddelt und lacht, Manuel gibt nicht nach. Grinsend trocknet Jack sich mit einem Handtuch.


6. 6

EXT. U-BAHNSTATION - ABEND

6

Allmählich wird es dunkel, die Straßenlaternen sind an. Die Freunde ziehen die Straße hinab, während Sanna mit ihren beiden Kindern an einer U-Bahnstation zurückbleibt. SANNA Hey, wartet doch mal! Die Freunde bleiben stehen. Sanna holt noch schnell eine Tasche, dann geht sie neben Jack in die Knie. SANNA (CONT’D) Du fährst drei Stationen mit der UBahn, dann steigt ihr um. Sie zückt einen Kugelschreiber und malt eine Punkt auf den rechten Handrücken ihres Sohnes. SANNA (CONT’D) Wenn du aus der Bahn kommst, musst du nach rechts gehen. Und da ist dann auch schon die U7. OK? (ruft) Jetzt wartet doch mal! Die Freunde hören kaum hin. Sanna hat es eilig und malt noch schnell ein paar Striche um den Punkt: Eine dicke, strahlende Sonne auf seiner Hand. Dann hängt sie Jack die viel zu große Tasche über die Schulter. Der Junge nickt. Sanna streicht ihm übers Haar. SANNA (CONT’D) Du bist toll... Bis gleich. Sie umarmt ihn und gibt ihren Kindern einen Kuss. Dann läuft sie ihren Freunden nach und verschwindet in der Menschenmenge. Einen Augenblick schaut Jack ihr hinterher, dann wendet er sich an Manuel. Los, komm.

JACK

Die beiden Jungen steigen die Treppen hinab. 7

INT. U-BAHN - ABEND Die U-Bahn fährt durch das unterirdische Berlin. Jack steht mit seinem Bruder im vollbesetzten Gang.

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7. 8

INT. U-BAHNSTATION - NACHT

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An der nächsten Station steigt Jack mit Manuel aus und schaut nach rechts und links. Der Junge schlägt eine Richtung ein. Unsicher zuerst, dann immer zielstrebiger geht er mit Manuel zum nächsten Bahnsteig. Manuel trödelt hinterher. Jack schaut sich zu ihm um. JACK Manuel, komm. Manuel kommt. Jack nimmt seine Hand. JACK (CONT’D) Bleib bei mir. 9

INT. JACKS WOHNUNG / KÜCHE - NACHT

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Zurück in der Wohnung, der kleine Bruder ist schon im Bett. In der Küche steht Jack an der Spüle und wäscht seine Hose aus. Dann hängt er sie über die Heizung. 10

INT. JACKS WOHNUNG / KINDERZIMMER - NACHT

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Mitten in der Nacht wacht Jack neben seinem Bruder auf: Aus dem Zimmer nebenan dringt lautes Poltern herüber. Jemand lacht. Stöhnen. Einen Moment lauscht Jack in die Dunkelheit hinein, dann pellt er sich aus dem Bett. 11

INT. JACKS WOHNUNG / SCHLAFZIMMER - NACHT

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Jack betritt das Zimmer seiner Mutter, wo Sanna mit einem fremden Mann im Bett liegt: PHILIPP (19). Nackte Körper auf den Laken vereint -- sie schlafen miteinander. Jack lässt sich zu ihnen aufs Bett fallen. JACK Mama, ich hab Hunger. AAAH.

PHILIPP

Philipp schreckt zusammen und springt aus dem Bett. PHILIPP (CONT’D) Was soll das denn?!

(CONTINUED)


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7A. 11

CONTINUED: SANNA Das ist Jack. PHILIPP Wer is ‘n Jack? Mein Sohn. Hallo.

SANNA JACK

(CONTINUED)


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CONTINUED: (2) Sanna seufzt. Philipp traut seinen Ohren kaum. PHILIPP Wie, du hast ‘n Kind? SANNA Mmhm. Zwei. (zu Jack) Was willst ‘n essen? Brot.

JACK

Sanna schält sich aus dem Bett und nimmt ihren Jungen an die Hand. Lächelnd blickt sie zu Philipp. SANNA Komm’ gleich wieder. Damit verlässt sie das Zimmer. Philipp kann es nicht glauben. Irritiert streicht er sich die Haare aus der Stirn und greift nach seiner Hose. 12

INT. JACKS WOHNUNG / KÜCHE - NACHT

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In der Küche steht Sanna neben Jack an der Anrichte und schmiert ihm ein Brot mit Zucker. Lächelnd blickt sie zu ihm hinab. SANNA Legst dich gleich wieder hin, ja? Mmhm.

JACK

SANNA Nich’ eifersüchtig sein. Jack schüttelt den Kopf. Hinter ihnen schlurft Philipp in die Küche. Sanna sieht ihn an. SANNA (CONT’D) Willst du was trinken? Nimm dir was. Sie zeigt auf den Kühlschrank. Philipp holt die Milchtüte heraus, Sanna reicht ihm ein Glas. Dann setzt er sich zu Jack an den Tisch. Sanna kommt und schiebt Jack sein Brot hin. SANNA (CONT’D) Hier, Jack. Iss. Der Junge beißt in seinen Toast. Sanna und Philipp lächeln sich an.


9. 13

INT. JACKS WOHNUNG / WOHNZIMMER & SCHLAFZIMMER - TAG

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Der nächste Tag. Es ist spät am Mittag. Im Wohnzimmer liegt Jack auf dem Boden, als Manuel ihn ins T-Shirt beißt. Jack knurrt ihn faul an. Plötzlich ein leises Knurren neben ihnen: Sanna auf allen Vieren. Sie trägt ein verwaschenes Tournee-Shirt. Grönemeyer. SANNA Wuff, wuff. Wuffwuffwuff. Die Kinder grinsen. Blitzschnell krabbelt Sanna zu ihren Söhnen hinüber und schnüffelt an ihnen herum. Sie lachen. Manuel legt sich auf den Rücken, winselt und bellt wie ein Hund. Sanna neckt ihn. Mutter und Sohn tollen durch die Wohnung. Jack ist mittendrin. Plötzlich hockt Philipp im Türrahmen. Er bellt und spielt mit Manuel und Sanna, doch Jack zieht sich zurück. Plötzlich läuft er aus dem Zimmer. Im Schlafzimmer schnappt Jack sich Philipps Sachen, dann läuft er zurück ins Wohnzimmer. Er reißt das Fenster auf und wirft sie hinaus. Philipp starrt ihn an. PHILIPP Sag mal, spinnst du!? Jack.

SANNA

PHILIPP Hol mir meine Sachen hoch. SANNA Ich hol sie schon. PHILIPP Nein. Du machst das! Philipp zeigt auf Jack. Der Junge versteckt sich hinter seiner Mutter. PHILIPP (CONT’D) Los. Hol mir jetzt die Sachen hoch! SANNA Mann, beruhig dich. Ist doch nicht so schlimm. PHILIPP Jack, geh da jetzt runter und hol meine Sachen.

(CONTINUED)


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10. 13

CONTINUED: Nein.

JACK

Jack schüttelt den Kopf. Philipp atmet durch. Dann holt er seine Schuhe. PHILIPP Ich hau ab. WUMM. Hinter ihm knallt die Tür ins Schloss. Sanna schaut zu ihrem Sohn. SANNA Musste das sein? Jack zuckt mit den Achseln. Sanna steht vom Boden auf und läuft Philipp hinterher. Jack bleibt mit Manuel allein. Er schaut zu seinem verunsicherten Bruder. JACK Ist nich’ schlimm. Dann geht er zum Fenster. Unten schlüpft Philipp in seine Kleidung, dann überquert er die Straße und schließt sein Fahrrad auf. Sanna hinterher. Die beiden streiten auf offener Straße. Schließlich winkt Philipp ab und steigt auf sein Fahrrad. Sanna tritt dagegen... Jack kehrt zu seinem Bruder zurück und hockt sich zu ihm auf den Boden. Die beiden Kinder spielen, als die Wohnungstür aufgeht: Sanna. Schweigend stapft sie in die Küche hinüber und räumt die Spülmaschine aus. Einen Moment lauscht Jack dem lauten Klirren, dann nimmt er ein Glas und folgt ihr. 13A

INT. JACKS WOHNUNG / KÜCHE - TAG

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In der Küche stellt Jack das Glas in die Spüle. Sanna räumt weiter auf. JACK Seht ihr euch denn wieder? SANNA Keine Ahnung, ob der noch will. JACK Ist das jetzt meine Schuld?

(CONTINUED)


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11. 13A

CONTINUED: SANNA Nein. Der hat sich nicht einzumischen. Sie schüttelt den Kopf, dann lächelt sie ihn an. SANNA (CONT’D) Wir machen uns ‘n richtig schönen Tag heute, hm? Mmhm.

JACK

SANNA Magst ‘n Kakao? Jack nickt. Sanna holt den Kakao aus dem Schrank und schüttet die Milch dazu. Die beiden lächeln und schlürfen an ihren Bechern. Sanna blickt zu Jack. SANNA (CONT’D) Du siehst deinem Vater immer ähnlicher. So ‘n hübscher Kerl. Zärtlich strahlt sie ihn an. Sie lacht und streichelt ihm übers Haar. Jack schmunzelt verschämt. 14

EXT. FUßGÄNGERZONE - TAG

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Ein neuer Tag. Die Fußgängerzone ist voll. Jack trägt eine Einkaufstüte, Manuel bummelt hinterher. Er hat ein altes Motorboot im Arm, das mit Paketband geflickt ist. Er versucht, die Batterien in die Fernsteuerung zu stecken. Jack ruft. JACK Los, Manuel. Komm. Der Kleine reagiert nicht. Jack stellt kurz die Tüte ab und geht zu seinem Bruder. JACK (CONT’D) Lass das. Das machen wir später. Manuel steckt die Batterien zurück in die Tüte, dann hoppelt er seinem Bruder hinterher. 15

EXT. PARK / TÜMPEL - TAG

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Ein Tümpel in einem Park. Manuel läuft über die Wiese und setzt das Boot ins Wasser. Er fummelt mit den Batterien an der Fernsteuerung herum, dann kommt Jack und hilft ihm. (CONTINUED)


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CONTINUED: Gib mal.

JACK

Jack steckt die Batterien ins Fach. Die beiden Jungen stehen wieder auf, Jack reicht seinem Bruder die Fernsteuerung. Manuel legt den Hebel nach vorn. Das Boot fährt los, doch der Motor säuft gleich ab. Der Kleine fummelt am Hebel herum. Nichts passiert. Was ist?

JACK (CONT’D)

MANUEL Geht nicht. Jack nimmt ihm die Fernsteuerung ab. Tatsächlich. Sie geht nicht. Er hockt sich hin und macht das Batteriefach auf, als er plötzlich aufblickt: Manuel steht schon bis zu den Schenkeln im Wasser und will zu seinem Boot. Manuel!

JACK

MANUEL Ich will mein Boot. Jack stapft hinterher und zieht ihn am T-Shirt. JACK Jetzt komm da raus, du kannst da nicht rein. MANUEL Ich will aber mein Boot. JACK Nein, das ist zu weit. Das kriegen wir jetzt nicht mehr... Jetzt komm da wieder raus. Auf dem Tümpel geht das Boot langsam unter. Manuel strampelt vor sich hin, während Jack ihn aus dem Wasser zerrt. 16

EXT. BRÜCKE - TAG

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Jack und Manuel laufen mit der Einkaufstüte über die Brücke, die Hosen sind nass und matschig. 16A

EXT. JACKS SIEDLUNG - ABEND Jack und Manuel laufen über den Platz zu ihrem Wohnhaus.

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13. 17

INT. JACKS WOHNUNG / TREPPENHAUS - ABEND

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Im Hausflur kommt Jack die Treppe hinauf. Ein Schuhschrank vor der Tür. Hektisch nimmt er sich einen Gummistiefel und schüttelt den Wohnungsschlüssel auf den Boden. Daneben eine kleine Seifendose. Jack holt einen Zettel heraus. Eine Nachricht von seiner Mutter. Er liest: “Komme um 9. Kuss, Mama.” Jack nickt und schließt die Tür auf. Manuel trödelt hinterher. Die beiden sind völlig verdreckt. JACK Zieh deine Schuhe aus. Draußen wird es langsam dunkel. Manuel brummt vor sich hin. 18

INT. JACKS WOHNUNG / FLUR & BAD - ABEND

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In der Wohnung stellt Jack die Einkaufstüte in den Flur, dann läuft er ins Bad. Er steckt den Stöpsel in die Wanne, dreht hastig den Heißwasserhahn auf. Dann öffnet er das Fenster und legt ein paar Handtücher parat. Manuel ruft aus dem Flur. Jack? Mmhm.

MANUEL (OFF) JACK

MANUEL (OFF) Ich hab Hunger. Ja.

JACK

Jack verlässt das Bad... In die Wanne läuft heißes Wasser. 19

INT. JACKS WOHNUNG / FLUR & KÜCHE - ABEND

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Im Flur sitzt Manuel erschöpft auf dem Boden. Jack nimmt den Einkauf und geht in die Küche. JACK Komm mal mit. MANUEL Ich hab Hunger.

(CONTINUED)


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14. 19

CONTINUED: JACK Jaja. Ich mach dir was. In der Küche fummelt Jack an seinem Reißverschluss, dann schlüpft er aus der schmutzigen Hose. Er kniet sich zu seinem Bruder auf den Boden. Geschäftig zieht er ihm die nassen Sachen aus und stopft sie in die Waschmaschine. Er stellt sie an. JACK (CONT’D) Und jetzt ab ins Bad. Der Kleine trottet in Unterhose davon.

An der Spüle füllt Jack einen Kochtopf mit Wasser und stellt ihn auf den Herd, dann schaltet er die Platte ein. Er klettert auf einen Stuhl und tastet über der Anrichte in den Oberschränken herum... Eine kipplige Angelegenheit. Endlich wird er fündig: Nudeln. Zufrieden steigt er wieder herunter und reißt die Nudelpackung auf, als Manuel im Bad laut aufschreit. AAAAAAAH!

MANUEL (OFF)

Die Nudeln fallen vor Schreck zu Boden, Jack rennt schnell aus der Küche. 20

INT. JACKS WOHNUNG / BAD - TAG

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Im Badezimmer ist Manuel in die Wanne gefallen. Er schreit. Das Wasser ist kochend heiß und geht ihm bis über die Hüften... Rote Haut, die Beine sind verbrüht. Einen Moment wirkt Jack wie gelähmt. Dann reißt er den Stöpsel aus der Wanne und verbrennt sich dabei selbst. Hektisch versucht er, seinen Bruder aus dem Wasser zu ziehen, doch Manuel rutscht immer ab... Endlich bekommt Jack ihn doch noch zu packen und hievt ihn aus dem Wasser. Mit einem Handtuch tupft er die verbrannten Beine ab, doch Manuel brüllt vor Schmerz immer lauter. Ängstlich blickt Jack sich um... TSSSSCH. Am Waschbecken dreht er den Kaltwasserhahn auf und hält das Handtuch darunter, dann legt er es seinem Bruder auf die Beine. Manuel heult auf. MANUEL AAAAAH, AAAAAAAAH! JACK Ssssh. Ssssssh! (CONTINUED)


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CONTINUED:

Jack versucht, ihn zu beruhigen, doch der Kleine schreit immer weiter. Angsterfüllt starrt er ihm auf die verbrühten Beine. Die Wanne ist leer. Jack schleudert das Handtuch beiseite und füllt sie mit kaltem Wasser. Er greift seinem Bruder unter die Arme und will ihn in die Wanne heben, doch Manuel schlägt wild um sich. MANUEL Neiein! Nich’ da rein, NEIIIN! JACK Doch, du musst. Du musst. Die Beine müssen abkühlen... Das ist kalt, das Wasser ist kalt. Schluchzend packt Jack noch fester zu und drückt ihn mit aller Gewalt in das Wasser. Manuel wehrt sich mit Händen und Füßen und schreit aus vollem Hals. Schließlich gibt Jack auf. Weinend nimmt er seinen nackten Bruder auf den Arm und rennt mit ihm ins Wohnzimmer. 21

INT. JACKS WOHNUNG / WOHNZIMMER - TAG

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Im Wohnzimmer setzt Jack sich mit Manuel aufs Sofa. Verzweifelt versucht er, ihn zu trösten, doch es will ihm einfach nicht gelingen. Der Kleine brüllt. Jack wimmert. JACK Mama. Mama. Das Geschrei hört einfach nicht auf. Jack hält Manuel den Mund zu. JACK (CONT’D) Hör auf zu schreien, Manuel. Hör auf zu schreien. Bitte! Jack kämpft gegen die eigenen Tränen an. Er versucht, einen klaren Gedanken zu fassen und schüttelt immer wieder den Kopf. JACK (CONT’D) Hör auf. Hör auf. Doch Manuel hört nicht auf. Jacks Blick schweift unruhig durchs Zimmer, bis er am Telefon hängenbleibt. Einen Moment muss er überlegen, dann setzt er seinen Bruder ab. JACK (CONT’D) Ssssh. Ssssssh!

(CONTINUED)


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16. 21

CONTINUED:

Der Junge geht schnell zum Telefon. Er wählt. Drei Ziffern. Es läutet... Am anderen Ende hebt jemand ab, und Jack reißt sich zusammen. JACK (CONT’D) (ins Telefon) Ich, ich... ich brauch einen Krankenwagen. Manuel schreit immer weiter. CUT TO: SCHWARZ. 21A

INT. JUGENDAMT / BÜRO - TAG

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Ein einfaches Büro im Jugendamt. Jack sitzt mit seiner Mutter am Tisch, Manuel daneben. Gegenüber eine SACHBEARBEITERIN. Vor ihr ein Protokoll. SACHBEARBEITERIN Das Beratungsgespräch zwischen Frau Sanna Niendorf und der Vertreterin des zuständigen Jugendamts, Frau Marieleen Siechert, ergab folgende Vereinbarung: Frau Niendorfs Sohn Manuel, geboren am 18. März 2007, verbleibt bis auf weiteres in ihrer Obhut. Frau Niendorf verpflichtet sich, die wöchentlichen Termine mit Frau Siechert hier im Jugendamt einzuhalten und gemeinsam mit ihrem Sohn vorstellig zu werden. Ein kurzer Blick zu Sanna. Sie nickt. Die Sachbearbeiterin fährt fort. SACHBEARBEITERIN (CONT’D) Gemäß §§34 und 41 SGB VIII nimmt der ältere Sohn aus einer weiteren Beziehung, Jack Niendorf, das vollstationäre Angebot der Jugendhilfeeinrichtung Sancta Maria in Berlin-Nikolassee wahr. Die betroffenen Parteien haben einvernehmlich beschlossen, dass der Umzug zum nächstmöglichen Termin stattfindet. Der Schulwechsel erfolgt zum selbigen Zeitpunkt. Ein leises Räuspern, dann blickt die Sachbearbeiterin wieder zu Sanna und schiebt ihr das Protokoll hin. Sanna zögert. Plötzlich schüttelt sie den Kopf. (CONTINUED)


21A

16A. 21A

CONTINUED: SANNA Das unterschreib ich nicht. Die Sachbearbeiterin stockt. SACHBEARBEITERIN Aber Frau Niendorf. Das haben wir doch besprochen. SANNA Nein. Das mach ich nicht. Nie im Leben. Jack schaut seine Mutter an.

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INT. HEIM / GEMEINSCHAFTSKÜCHE - ABEND

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Draußen wird es langsam dunkel, in der Küche ist viel los. Die gesamte Wohngruppe hat sich zum gemeinsamen Kochen versammelt: Acht Kinder zwischen fünf und zehn Jahren mit ihren Erziehern BECKI (34) und PETER (31). Jack schnippelt Gemüse. Alles redet durcheinander. Becki redet mit BORIS (10). BECKI Freust dich auf morgen? Boris zuckt nur die Achseln. Becki hakt nochmal nach. BECKI (CONT’D) Hm, Boris? Redest du nicht mehr mit mir? BORIS (schüttelt den Kopf) Fällt aus. BECKI Echt? Wieso denn? BORIS Hat abgesagt. BECKI ... Und warum? BORIS Keine Ahnung. Boris schüttelt den Kopf. TANJA (12) steht neben MIKKI (6) und malt sich die Fingernägel an. TANJA Ich weiß warum.

(CONTINUED)


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17. 22

CONTINUED: Warum?

BORIS

TANJA Weil du Scheiße aussiehst, deswegen. BORIS Halt die Fresse. Becki seufzt. Peter trägt die Nudeln aus der Küche. PETER Sooo. Es gibt Essen. Hinsetzen. BECKI Komm, Jack. Becki nimmt Jack mit ins Esszimmer. 22A

INT. HEIM / ESSZIMMER - ABEND

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Die Kinder setzen sich, Jack sucht einen Stuhl. Neben Tanja ist noch ein Platz frei. DANILO (11) kommt ihm zuvor. DANILO Das ist meiner. TANJA (zu Mikki) Rutsch weiter. PETER Jetzt kommen wir aber mal langsam zur Ruhe, ja? Jack setzt sich neben MARC (9). Becki und Peter füllen die Teller. BECKI Habt ihr eigentlich schon bemerkt, dass wir ‘n neuen Mitbewohner haben? Die Kinder löffeln ihre Nudeln. Allgemeines Schulterzucken, ein paar Augen richten sich auf Jack. Becki macht den Anfang und blickt ihn lächelnd an. BECKI (CONT’D (CONT’D) Also ich, ich bin Becki. (zu ihrer Nachbarin) Und wer bist du? Mikki.

MIKKI

(CONTINUED)


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CONTINUED: Hallo. Und du?

JACK BECKI

Tanja murmelt etwas. Becki versteht nichts. Wie? Tanja. Peter. Penis.

BECKI (CONT’D) TANJA PETER DANILO

Boris grinst. Peter blickt zu Danilo. PETER Komm, Danilo. DANILO (trocken) Scheide. Alles lacht. Peter winkt ab. Die Kinder stellen sich der Reihe nach vor bis sie einmal um den Tisch sind. Marc ist der letzte. Ein stiller Junge mit einem zaghaften Lächeln. Marc.

MARC

JACK Jack. Hallo. Danilo zieht ein paar Nudeln hoch. Tanja macht es ihm nach. Er grinst. DANILO Ein guter Ficker wird immer dicker. Lautes Lachen, die Kinder prusten los. Jack sitzt mittendrin. 23

INT. HEIM / FLUR - NACHT

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Ein schmaler Flur. Es ist dunkel. Jack kommt aus der Toilette und tapst zurück in sein Zimmer.


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INT. HEIM / KINDERZIMMER - NACHT

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Zwei Betten, zwei Schränke, zwei Tische. Marc schläft tief und fest, während Jack sich zurück in sein Bett legt. Die Schatten der Blätter tanzen an der Wand, die Stille wird immer lauter. Jack kneift die Augen zusammen. Dunkel. Nichts mehr zu hören. 24

EXT. HEIM - TAG

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Ein neuer Tag. Der leere Sportplatz. Der Garten ist gross und gepflegt... Die Kinder sind noch nicht aus der Schule zurück. Jacks Ranzen lehnt an der Mauer. Der Junge spielt Basketball. Er dribbelt und wirft den Ball in den Korb. Jenseits der Bäume rauscht die Stadtautobahn vorüber. WAMM. Plötzlich wird er zu Boden gerissen, zwei Körper auf der Erde... Danilo. Mit voller Kraft drückt er ihm die Knie auf den Brustkorb. Dann schlägt er zu. DANILO Hör auf, sie anzugucken. Das kann sie nicht leiden. Schützend hebt Jack die Hände vors Gesicht, doch Danilo drischt auf ihn ein. Tanja steht unentschlossen daneben. Danilo ruft. DANILO (CONT’D) Los, Tanja. Hau drauf, hau drauf! Tanja rührt sich nicht vom Fleck, dann tritt sie heftig zu. WUMM. Jack krümmt sich am Boden. Tanja rennt einfach weg. Verwundert blickt Danilo ihr nach. Tanja!?

DANILO (CONT’D)

Doch Tanja hört nicht hin. Schlagartig verliert er das Interesse an Jack. Er läuft ihr hinterher. DANILO (CONT’D) Tanja. Warte doch mal! Jack liegt reglos am Boden. Er schnauft und schaut in den Himmel, keine Wolken weit und breit. 25

INT. HEIM / GRUPPENRAUM - TAG

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Der Gruppenraum im Heim. Jack sitzt an einem Tisch. Konzentriert beugt er sich über seine Schularbeiten und schreibt einen Text aus einem Heft ab: (CONTINUED)


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20. 25

CONTINUED:

“Enno ist ein berühmter Sänger und ein toller Typ. Tina findet seine Musik richtig gut und sammelt jedes Bild aus der Zeitung...” 26

INT. HEIM / TERRASSE - TAG

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Die Schularbeiten sind fertig, Jack geht mit seinem Heft auf die Terrasse. Becki spielt mit Boris Pingpong. BECKI Bist du fertig? Zeig mal. Jack reicht ihr das Heft. Becki deutet auf eine Schramme an seiner Stirn. BECKI (CONT’D) Was ist denn da passiert? Nichts.

JACK

BECKI Hm. Na gut. Becki guckt sich die Schularbeiten an. Sie liest und nickt mit dem Kopf, dann tippt sie auf einen Satz. BECKI (CONT’D) Was heißt das da? Jack schaut sich die Wörter an. Plötzlich entdeckt er einen Fehler, den er sogleich korrigiert. Aufmunternd sieht Becki ihn an. BECKI (CONT’D) Aber sonst ist gut. Gut, Jack. Sehr gut. Sie lächelt. BECKI (CONT’D) Hast du deine Sportsachen gepackt? Mmhm.

JACK

Sie nickt. Jack schaut sie an. JACK (CONT’D) Ich will zu meiner Mutter. Becki zögert. BECKI Wir hatten doch eine Abmachung.

(CONTINUED)


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21. 26

CONTINUED: Ja.

JACK

BECKI Guck mal, jetzt haben wir erstmal Eingewöhnung und dann kannst du zu deiner Mutter. Haben wir doch so ausgemacht. Sie sieht ihn an. BECKI (CONT’D) Sind doch auch bald Ferien. Da habt ihr euch ganz lange. Hm? Mmhm.

JACK

Er nickt. JACK (CONT’D) Kann mein Bruder hier mal schlafen? 27

INT. HEIM / TREPPENHAUS - ABEND

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Im Treppenhaus bringt Jack den Müll vor die Tür. Er schleift die Tüten die Stufen hinab, als ihm Marc entgegenkommt. Der Junge läuft an ihm vorbei. Plötzlich bleibt er stehen. Hey!

MARC

Jack blickt sich um: Eine Tüte ist gerissen, die Treppe ist völlig verschmiert. JACK Oh... Scheiße. Marc läuft schnell davon. Einen Augenblick scheint Jack zu zögern, dann kniet er sich hin. Er sammelt die Müllreste ein... Hähnchen, alte Servietten, Dosen. Schließlich geht die Tür zum Treppenhaus wieder auf. Marc kehrt aus der Wohnung zurück, eine frische Mülltüte in der Hand. Hier. ... Danke.

MARC JACK

Jack nickt und wirft den Abfall hinein, kniet sich wieder hin. Wortlos hockt Marc sich neben ihn, um ihm bei der Arbeit zu helfen.

(CONTINUED)


27

22. 27

CONTINUED: Gemeinsam sammeln die Jungs den Müll von den Stufen. Ein stummes Lächeln, dann ist die Treppe auch wieder sauber.

27A

EXT. HEIM - ABEND

27A

Späte Dämmerung. Jack wirft den Müll in die Tonnen. 27B

EXT. ALTER BUNGALOW - TAG

27B

Ein neuer Tag. Die Sonne scheint. Ein Bungalow mit verwildertem Garten. Jack geht auf das Haus zu. 28

INT. ALTER BUNGALOW - TAG

28

Ein alter Wasserschaden hat die Decke beschädigt, am Boden schimmelnde Stockflecken. Jack streunt durch die verlassenen Zimmer. Neugierig erkundet er das Haus. Irgendwo eine alte Lampe. Jack probiert den Lichtschalter. Am Boden haben Kinder eine Kreidezeichnung hinterlassen. Auf der Fensterbank vertrocknete Pflanzen. Jack legt seine Jacke in den Flur und findet eine Gießkanne. Er nimmt sie mit in die Küche, dreht den Hahn auf -- nichts. Er geht ins Obergeschoss. Plötzlich horcht er auf... Von draußen ein paar Stimmen. Ein Kind lacht. Jack späht durch das gekippte Fenster: Tanja, Danilo und Mikki. Sie gehen durch den Garten aufs Haus zu. Der Junge hält den Atem an. Dann rennt er die Treppe hinab und schnappt sich seine Jacke vom Boden, versteckt sich in einem Zimmer. Gerade rechtzeitig: Tanja, Danilo und Mikki kommen ins Haus und gehen ins Wohnzimmer. Hol mal.

TANJA (OFF)

Leise schleicht Jack in den Flur mit besserem Blick in das Zimmer. Er schreckt zurück: Mikki kommt aus dem Wohnzimmer und zieht ihre Schuhe aus. Dann verschwindet sie in der Küche und klappert dort herum. Der Junge späht wieder ins Wohnzimmer, wo Danilo auf dem Boden sitzt. Musik aus einem Smartphone. Tanja zieht mit Kreide ein Rechteck auf dem Parkett nach. Dann setzt sie sich zu ihm. Die beiden grinsen sich an.

(CONTINUED)


28

22A. 28

CONTINUED: TANJA (CONT’D) Pflaumenkompott. DANILO Mag ich nicht. Kuchen.

TANJA

(CONTINUED)


28

23. 28

CONTINUED: (2) DANILO Arsch voll kriegst du. Die Kinder lachen. Stumm sitzen sie auf dem schmutzigen Boden, dann verschwindet Jack aus dem Haus.

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EXT. ALTER BUNGALOW / STRAßE - ABEND

29

Jack klettert über den Zaun des verwilderten Grundstücks und macht sich heimlich davon. Nachdenklich zieht er die Straße hinab. Allmählich wird es Abend. 30

INT. HEIM / KINDERZIMMER - TAG

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Im Zimmer sitzt Marc am Schreibtisch und schaut durch sein Fernglas, notiert sich etwas in einem Büchlein. Unterdessen hockt Jack auf seinem Bett und beobachtet ihn dabei. Er hat ein Buch im Schoß. Vögel zwitschern. Schön. Stummes Miteinander. Jack versucht zu sehen, was Marc im Baum beobachtet. Dann geht er behutsam zum Schreibtisch hinüber. JACK Darf ich auch mal gucken? Marc schaut ihn an und zögert. MARC Nur kurz, ja?

(CONTINUED)


30

24. 30

CONTINUED: Jack nickt und schaut durch das Fernglas. JACK Was ist ‘n da? MARC N’ Nest... Da oben.

Marc zeigt in die Baumkrone. Langsam wird das Piepen lauter, Jack hat das Nest entdeckt. Er lächelt und nimmt das Fernglas runter. JACK Kann ich das mal leihen? Nee.

MARC

JACK Wieso nicht? MARC Ist von meinem Vater. Jack nickt. JACK Siehst du ihn oft? MARC Nö. Er ist tot. Jack nickt. Dann schaut er wieder durchs Fernglas. MARC (CONT’D) Und deiner? JACK Weiß nich’. Kenn ihn nicht. Jack beobachtet die Vögel im Baum. Marc wird langsam unruhig. MARC ... Gib mal wieder. Jack gibt ihm das Fernglas zurück. Marc schaut wieder hindurch. Jack kehrt zu seinem Bett zurück und legt sich hin, schaut ihm weiter dabei zu. 31

INT. NIKOLASSEE / SCHULE - TAG RRRING. Die Schule ist aus. Es klingelt. Jack räumt seinen Spind aus. Dann läuft er die Treppe hinab und aus der Schule hinaus. Neben ihm andere Kinder.

31


Blaue Seiten (13/07/2013) 31A

EXT. NIKOLASSEE / STRAßE & SCHULE - TAG

24A. 31A

Kinder laufen in alle Richtungen davon, unter ihnen auch Jack. Atemlos rennt er die Straße hinab. Sein Ranzen wippt auf dem Rücken.


25. 32

INT. HEIM / FLUR - TAG

32

Auf dem Heimflur knallen die Türen. Die Kinder sammeln ihre Sachen zusammen, Jack lässt seine Schultasche fallen. Endlich Ferien! Es geht hoch her. Jack bahnt sich seinen Weg in sein Zimmer. Becki ruft. BECKI Jack...? Jack! Warte mal. JACK Ich muss packen. BECKI Aber ich will doch dein Zeugnis sehen. Später.

JACK

BECKI Jetzt komm doch mal her. Becki lacht. Jack stöhnt. Dennoch holt er sein Zeugnis hervor und hält es Becki hin. Sie schaut es an. BECKI (CONT’D) Schön, Jack. Das ist doch toll. JACK Musst du unterschreiben. BECKI (schüttelt den Kopf) Das soll deine Mutter machen. Die freut sich. Stimmt.

JACK

Er nickt und nimmt ihr das Zeugnis aus der Hand. Dann läuft er davon. Becki ruft ihm hinterher. BECKI Willst du nichts Essen? JACK Ich hab kein Hunger. WUMM. Jack verschwindet in seinem Zimmer.


26. 33

INT. HEIM / KINDERZIMMER - TAG

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Im Zimmer ist Marc schon am Packen, als Jack seine Sporttasche aufs Bett wirft. Pullover, Hosen, T-Shirts... Jack sucht seine Sachen zusammen. Ein paar letzte Handgriffe, dann ist die Tasche gepackt. Plötzlich fällt ihm etwas ein. Er läuft hinaus. 34

INT. HEIM / BAD - TAG

34

Jack stapft über den Flur ins Bad und packt seinen Kulturbeutel zusammen. Zahnbürste. Seifendose. Waschlappen... Mikki steht am Becken und schrubbt sich die Hände. Er grinst. JACK Ich hab meine Zahnbürste vergessen! Ich hab an alles gedacht, nur das hab ich vergessen. Er lacht. Mikki nickt, dann läuft er wieder hinaus. 35

INT. HEIM / KINDERZIMMER - TAG

35

Zurück im Zimmer. Die Taschen sind schon fertig gepackt, Jack und Marc fegen ihr Zimmer. Schließlich packt Marc Besen und Kehrblech in den Schrank, dann setzen sie sich auf ihre Betten. Von Zeit zu Zeit ein kurzer Blick, die beiden lächeln sich an. Freudige Erwartung. Die Füße baumeln über dem Boden. MARC Kann ich das mitnehmen? JACK Klar. Hab’s ja schon durch. Jack schaut zu seinem Nachttisch und holt ein Buch. Mit einem Mal kommt Becki herein und wendet sich an Jack. BECKI Kommst du mal mit? Was denn? Nur kurz.

JACK BECKI

Er nickt und rappelt sich auf, drückt Marc sein Buch in die Hand.


26A. 36

INT. HEIM / FLUR - TAG

36

Jack folgt Becki durch den Flur. Inzwischen ist es still geworden. Die meisten Kinder sind schon fort. Plötzlich läuft Jack los. Becki will ihn zurückhalten. Jack.

BECKI

(CONTINUED)


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27. 36

CONTINUED: Jack hört nicht hin und rennt weiter.

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INT. HEIM / BÜRO - TAG

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Jack läuft ins Büro zum Schreibtisch hinüber, wo der Hörer neben dem Telefon liegt. Er nimmt ihn und hält ihn ans Ohr. Am anderen Ende seine Mutter. Sanna. Mama...? Ja.

JACK SANNA (OFF)

JACK Was ist los? SANNA (OFF) Ich kann heut nicht kommen. Und warum?

JACK

SANNA (OFF) Ich muss arbeiten. Er schluckt. Ein leises Knacken in der Leitung. SANNA (OFF) (CONT’D) Ist nur fürs Wochenende. Keine Antwort. Sanna hakt weiter nach. Jack? Mmh.

SANNA (OFF (CONT’D) JACK

SANNA (OFF) Am Montag hol ich dich ab. Ganz früh, ja? Mmhm.

JACK

Draußen die Stimmen von Kindern. SANNA (OFF) Ist nicht schlimm, oder? JACK Nein. Und Manuel? SANNA (OFF) Ist bei Kati. (CONTINUED)


37

28. 37

CONTINUED: Er nickt. SANNA (OFF) (CONT’D) Ich vermiss dich, Jack. Ja.

JACK

SANNA (OFF) Wenn irgendwas ist, dann rufst du mich an, ja? Mmhm.

JACK

SANNA (OFF) Bis dann, mein Schatz. KLICK. Sie legen auf. Warme Sommerluft strömt durchs offene Fenster herein. Einen Moment schaut Jack vor sich hin, dann will er aus dem Zimmer. Becki hält ihn zurück. BECKI Jack... Jack! Bleib mal hier. Guck mich doch mal an! Widerwillig bleibt er stehen. Becki kniet sich zu ihm. BECKI (CONT’D) Ich möchte gern mit dir darüber sprechen. Er antwortet nicht und starrt sie an. Becki blickt zurück. JACK Ich geh jetzt in mein Zimmer. BECKI Ja...? OK. Dann komm ich in ‘ner halber Stunde und dann reden wir darüber, ja? Jack nickt. Becki streicht ihm über den Kopf. BECKI (CONT’D) Komm mal her. Sie nimmt ihn in den Arm. 38

INT. HEIM / KINDERZIMMER - TAG

38

Das Zimmer ist leer. Marc ist fort. Müde zieht er seine Halbschuhe aus und schlüpft in seine Turnschuhe. Dann schiebt er seine Tasche unters Bett. Sein Blick bleibt an etwas hängen: Das Fernglas auf seiner Decke. (CONTINUED)


38

29. 38

CONTINUED: Er nimmt es in die Hand.

38A

EXT. HEIM - TAG

38A

Jack geht aus dem Heim, das Fernglas in der Hand. 39

EXT. NIKOLASSEE / STRAßE - TAG

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Die Sonne spielt in den Blättern der Bäume. Ein warmer Sommertag. Jack stapft alleine durchs Viertel, das Fernglas um den Hals. Vorsichtig hält er es in beiden Händen. 40

EXT. NIKOLASSEE - TAG

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Vorbei an schönen Häusern und gepflegten Gärten biegt er in einen Waldweg ein. Schließlich steht er am Nikolassee. Morastiges Ufer. Entengrütze überall. Jack setzt sich auf einen morschen Stamm und beobachtet die Vögel auf dem See. Hinten rauscht der Verkehr auf der Stadtautobahn vorbei. Gefallene Baumstümpfe liegen herum. DANILO Was machst ‘n da? Jack schreckt zusammen. Plötzlich steht Danilo neben ihm. Er schlürft an einer Fanta. Gucken.

JACK

DANILO Wirst du auch nicht abgeholt? Nee.

JACK

Danilo nickt und zuckt die Achseln, dann wirft er die Fanta weg. Er schnappt sich einen Stock und schlägt auf die Büsche ein. Jack steht auf und nimmt sich ebenfalls einen Stock, stochert damit im Boden herum. Dann schaut Danilo auf den See und lächelt. DANILO Komm, wir gehen schwimmen. JACK Ist zu kalt. Jack schüttelt den Kopf. Danilo geht zum Wasser und fasst hinein.

(CONTINUED)


40

30. 40

CONTINUED: DANILO Nee, ist warm. Jack kommt und testet das Wasser. Stimmt.

JACK

Lachend zieht Danilo sich aus, während Jack noch einen Moment zögert. Schließlich legt er seine Kleider ab. Die beiden gehen zusammen ins Wasser. Jack grinst. Plötzlich nimmt Danilo Jack in den Schwitzkasten und duckert ihn mit aller Gewalt unter. Verzweifelt schlägt Jack um sich. Er schnappt nach Luft und schluckt Wasser stattdessen. Eine Ewigkeit scheint er ohne Luft auszukommen, bis Danilo ihn endlich erlöst. Schnaufend taucht Jack wieder auf. Danilo geht lachend ans Ufer. Jack bleibt im schlammigen Wasser zurück. Er zittert und schnappt nach Luft, dann watet er langsam hinaus. Mechanisch zieht er seine Sachen über den nassen Körper. Danilo nimmt sich das Fernglas. DANILO Ey, was denn? So ‘n bisschen untertauchen. JACK Leg das hin. Danilo grinst, dann wirft er das Fernglas in den See. Einfach so. Jack kann es nicht glauben. Er blickt zum See, zu Danilo, zum See... Mit einem Mal greift er nach dem Stock und schlägt ihn mit voller Wucht. WAMM. Danilo geht zu Boden. Jack hat nur das Fernglas im Kopf und watet zurück in den See. Verzweifelt sucht er den Grund ab. Er taucht und tastet im Gewässer umher, doch schließlich gibt er auf: Das Fernglas ist verschwunden. Er weint. Schnaufend schlüpft er in seine Hose, als er plötzlich stockt: Danilo liegt im Schlamm, eine Schramme quer über der Schläfe. Neben ihm die Fanta. Der Junge blickt ihn an. JACK (CONT’D) Danilo...? Danilo. Keine Antwort. Danilo regt sich nicht. Ängstlich beugt Jack sich über ihn, dann schnappt er sich seine nassen Klamotten.

(CONTINUED)


40

CONTINUED: (2)

31. 40

Barfuß und mit nacktem Oberkörper rennt er die Böschung hinauf. Er hetzt durch den Wald am Ufer entlang, ein Zweig schlägt ihm hart ins Gesicht. Jack läuft einfach weiter. Ein Tunnel führt unter der Autobahn hindurch. Jack bleibt in der Dunkelheit stehen. Er keucht und blickt sich um: Autos donnern über den Kopf hinweg. Er hört seinen eigenen Atem. 41

EXT. NIKOLASSEE - TAG / SPÄTER

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Zurück am See. Vorsichtig geht Jack am Ufer entlang, als er plötzlich stockt... Der Stock liegt nach wie vor im Schlamm, doch Danilo ist verschwunden. Panisch blickt Jack sich um. Das Herz pumpt ihm bis zum Hals. Er schluckt. Seine Schuhe liegen neben einem Baumstumpf herum. Schnell zieht er sie an, dann wirft er den Stock in den See und macht sich davon. 42

EXT. WALD - ABEND

42

Einst von einer Mauer durchteilt, heute dichtes Gestrüpp. Jack bahnt sich seinen Weg durchs Unterholz, immer weiter in den Wald. Mücken schwirren durchs hohe Gras. Schwüle Hitze in der Luft. Ansonsten... nichts. Der Junge lauscht in den Wald hinein. Keine Regung. Nur das leise Rauschen einer Autobahn. In der Ferne bellt ein Hund. Schlagartig hören die Vögel auf zu zwitschern. Die Dunkelheit breitet sich aus. Irgendwo huscht ein Schatten vorüber, dann ein scharfes Knacken. Er wagt kaum zu atmen. Stille. Jack hält sie nicht aus. 43

EXT. AUTOBAHN - SPÄTER ABEND

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Am Waldrand bricht Jack aus dem Dickicht heraus und stößt auf eine Straße. Die Autobahn. Berliner Ring. Vereinzelte Scheinwerfer im letzten Licht. Endlich. Müde sinkt er ins hohe Gras und lehnt sich an die Leitplanke. Er atmet durch. Hinter ihm rauschen die Autos vorüber. Dann schließt er die Augen. 44

EXT. AUTOBAHN - MORGEN Morgentau auf frischen Blättern, die leere Autobahn in graublauem Licht. Allmählich bricht der Tag an. Jack stapft allein am Fahrbahnrand entlang.

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32. 44A

EXT. AUTOBAHN / DREILINDEN - TAG

44A

Jack läuft durch den Wald einen Abhang hinunter und gelangt an einen ausgedienten Rastplatz. Dreilinden -- der ehemalige Grenzübergang am Rand von Berlin. Ein paar LKW stehen verloren umher, ansonsten ist der Parkplatz verlassen. Jack steuert auf ein altes Duschhaus zu und probiert die Tür. Verschlossen. Suchend blickt er sich um. 44B

EXT. AUTOBAHN / DREILINDEN - TAG / SPÄTER

44B

Jack sitzt neben ein paar Garagen und behält den Parkplatz im Auge. Plötzlich steht er auf. Ein verschlafener LKW-FAHRER geht auf das Duschhaus zu. Ein Kulturbeutel klemmt unter seinem Arm, ein Schlüssel in der Hand. Der Fahrer schließt die Tür zum Duschhaus auf. Jack eilt hinterher. Kurz bevor die Tür wieder ins Schloss fällt, hält er sie zurück. Einen Moment lauscht er an der Tür. Schließlich geht die Dusche an, Jack tritt ein. 45

INT. DREILINDEN / DUSCHEN - TAG

45

Die Waschräume. Eine Reihe von Spiegeln, Handtrockner, Kabinen. Der LKW-Fahrer steht im OFF unter der Dusche, während Jack sich das Gesicht am Becken wäscht... Er trinkt. 46

EXT. DREILINDEN - TAG

46

Auf der Avus rauscht der Berufsverkehr in die Stadt. Ein RUMÄNE sitzt im Schatten seines LKW und telefoniert am Handy. Ein paar Stullen, Apfel, Trinkjoghurt. Jack geht zu ihm hinüber und wartet, bis er aufgelegt hat. Fragend schaut der Rumäne ihn an. Jack nickt. JACK Kann ich mal telefonieren? Hm?

RUMÄNE

Der Mann versteht nicht. Jack kramt ein paar Münzen aus seiner Tasche. JACK Telefon. Hier. (CONTINUED)


46

33. 46

CONTINUED: Jack hält ihm das Geld hin. Der Mann sieht ihn an. Schließlich winkt er ab und reicht ihm das Telefon. Flatrate.

RUMÄNE

Jack nickt. Dann geht er ein paar Schritte beiseite und wählt eine Nummer. Er lässt es klingeln... Mailbox. Der Junge spricht ins Handy. JACK Mama. Hier ist Jack... Ich bin weg aus dem Heim. Ich kann dich nicht erreichen. Ich komm jetzt nach Hause, OK...? Bis später. KLICK. Aufgelegt. Jack geht zu dem Rumänen hinüber und gibt ihm das Handy zurück. Danke. Mmh.

JACK (CONT’D) RUMÄNE

Er nickt. 47

ENTFÄLLT

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EXT. AUTOBAHN - TAG

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WUUMM. WUUMM. Jack läuft neben der Avus entlang. Ein Fußweg durch lichten Wald. Jenseits der Bäume rasen die Autos vorüber. 49

EXT. BRÜCKE KANTSTRAßE - TAG

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Zurück in der Stadt. Jack überquert eine Autobahnbrücke und läuft hinüber zu einem Dönerladen. 50

INT. DÖNERLADEN - TAG Jack steht am Tresen eines Dönerladens und zückt sein Portemonnaie. Er legt ein paar Münzen auf den Tresen. JACK Ein Döner, bitte. Der DÖNER-VERKÄUFER nickt und macht sich an die Arbeit. Kurz darauf sitzt Jack am Tresen und isst.

50


34. 51

EXT. BRÜCKE - TAG

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Jack geht über die befahrene Brücke, dann ist er auf dem Weg nach Hause. Er fängt an zu laufen. 52

EXT. JACKS SIEDLUNG - TAG

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Jack läuft über den Platz in der Siedlung, hinüber zu seinem Wohnhaus. 53

INT. JACKS WOHNUNG / TREPPENHAUS - TAG

53

Jack steigt die Treppen zu seiner Wohnung hinauf. Er klingelt. Unruhig geht er auf und ab. Keine Antwort. Nichts regt sich. Jack bückt sich und schaut im Schuhschrank nach, doch der Schlüssel ist nicht da. Er öffnet die Seifendose. Kein Zettel. Leer. Der Junge klingelt nochmal. Er lauscht und beißt auf seiner Unterlippe herum. Nichts. 54

ENTFÄLLT

54

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INT/EXT. TIEFGARAGE - ABEND

55

Eine Tiefgarage im Abendlicht. Jack klettert über einen Zaun und eine Stahltreppe hinauf, bis er ein Parkdeck erreicht. Er geht in das Parkhaus und schiebt ein Gittertor auf. 56

INT. TIEFGARAGE /

PARKEBENE & WAGEN - ABEND

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Jack geht die Parkebenen hinab, bis er in einer Ecke einen verstaubten, abgemeldeten Wagen erreicht. Hinten fehlt ein kleines Fenster. Er greift hindurch und öffnet den Knopf, dann setzt er sich hinein. 57

INT. TIEFGARAGE / WAGEN - NACHT

57

Jack liegt im Wagen, der Sitz ist zurückgekurbelt. Es ist tief in der Nacht. Er kann nicht schlafen. 58

ENTFÄLLT

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35. 59

INT. JACKS WOHNUNG / TREPPENHAUS - TAG

59

Jack steigt die Treppen zu seiner Wohnung hinauf, als er die offene Tür entdeckt. Auf der Matte steht ein Werkzeugkasten. Soeben will Jack eintreten, als ein POLIZIST den Wohnungsflur durchquert. Eine FUNKE plärrt im OFF. Stimmen in der Wohnung. Becki. Die Erzieherin. BECKI Brauchen Sie noch ein Foto? POLIZIST Haben wir schon. Jack schreckt zurück und blickt sich um, nimmt schnell die Treppe nach oben. Vorsichtig späht er nochmal um die Ecke, als irgendwo im Haus ein Hund anfängt zu bellen. Der Junge erstarrt. Becki kommt zurück aus der Wohnung. Neugierig geht sie die Treppe hinauf, nimmt eine Stufe nach der anderen. Hallo...?!

BECKI

Jack hält den Atem an und regt sich nicht. Becki kommt immer näher. Von unten ruft der POLIZIST. POLIZIST Ich zieh die Tür jetzt zu, ja? BECKI Warten Sie. Ich komme. Becki macht auf dem Absatz kehrt und geht zu dem Polizisten zurück. Neben ihm ein Handwerker, der die Tür wieder verschließt. Eine Ecke weiter oben atmet Jack erleichtert auf. Die Stimmen werden leiser. Langsam ziehen sie ab. Jack steigt die Treppe zur Wohnung hinunter. Er steht vor der Tür. Im Regal ein Stift und Block. Jack setzt sich auf die Treppe. Er schreibt: “Liebe Mama, ich bin jetzt da. Ich muss dringend mit dir sprechen. Ich brauch den Schlüssel. Jack.” Schließlich legt er den Block zurück ins Regal und faltet den Zettel zusammen. Dann legt er ihn in die Seifendose.


36. 60

EXT. DELIKATESSENGESCHÄFT - TAG

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Der Hof eines Delikatessengeschäfts. Verpackte Ware steht auf Euro-Paletten herum, gestapelte Altkartons in der Ecke. Jack kommt auf den Hof und schaut in den Küchen nach. Dann geht er eine Treppe hinauf. 61

INT. DELIKATESSENGESCHÄFT / TREPPE & KÜCHE - TAG

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Jack stampft die Treppe hinauf und klopft an einem Fenster. Dahinter eine Küche. Kati steht an einem Becken und nimmt einen Fisch aus. Sie kommt auf den Flur hinaus. KATI Wo ist deine Mutter? JACK Ich wollte Manuel abholen. Einen Moment schaut Kati ihn an, dann geht sie zurück in die Küche. KATI Wart mal kurz. Ich komm gleich. Kati verschwindet. Jack schaut ihr durchs Fenster nach, dann verliert er die Geduld. Er geht ihr hinterher. JACK Ist Manuel bei dir? Sag Die Tag hab

KATI Sanna mal, dass das nicht geht. denkt echt nur an sich... Ein hat sie gesagt. Ein Tag! Jetzt ich ihn schon seit Mittwoch.

JACK Ist er hier? Nein.

KATI

JACK Wo ist er denn? KATI Der ist bei mir. Allein?

JACK

(CONTINUED)


61

37. 61

CONTINUED: KATI Nein... Was soll ich denn machen? Ich muss arbeiten.

Kati schaut ihn an, dann arbeitet sie weiter. Jack geht ihr hinterher. KATI (CONT’D) Was machst ‘n du überhaupt hier? JACK Sommerferien. KATI Hat sie dich abgeholt? Na klar.

JACK

KATI Wieso kommt sie nicht selbst? JACK Kann nicht. Kati schaut ihn an. Sie nickt. KATI Und wie ist es so im Heim? OK.

JACK

KATI Hast du schon Freunde? JACK Ja. Viele. Kann ich das haben? Jack deutet auf eine Packung Kekse und eine Tüte mit Pfirsichen, die auf dem Fenstersims liegen. Kati zuckt die Achseln. Nimm mit.

KATI

Jack nimmt sie. 62

INT/EXT. S-BAHN - TAG

62

Die S-Bahn fährt durch die Stadt. Draußen Mietshäuser, Hinterhöfe, Brandmauern... Jack isst die Kekse. Ein Schaffner kommt, um die Fahrausweise zu kontrollieren. Jack vergräbt die Hände in den Taschen und starrt aus dem Fenster. (CONTINUED)


62

38. 62

CONTINUED:

Schließlich steht der Schaffner vor ihm. Jack zeigt seine Monatskarte vor. 63

EXT. BREITE STRAßE / STADT - TAG

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Jack läuft über eine vielbefahrene Straße. 64

EXT. ALTBAU - TAG

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Ein Berliner Altbau. Jack reckt sich nach der Klingel ganz oben. Geduldig wartet er vor der Tür, doch die Sprechanlage bleibt stumm. Keine Antwort. Er klingelt nochmal. Nichts. Schließlich verliert er die Geduld und klingelt überall. Ja?

STIMME I (OFF)

STIMME II (OFF) Hallo, wer ist da?

JACK Können Sie kurz aufmachen? STIMME II (OFF) Ja, aber wer sind Sie denn? ZZZZ. Der Summer geht, Jack lehnt sich gegen die Tür und tritt ein. 65

INT. ALTBAU / TREPPENHAUS VOR WOHNUNG - TAG

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Jack läuft die Treppe nach oben. Vor der Wohnung klopft er an der Tür. Niemand öffnet. JACK Hallo...? Ist mein Bruder da? Ich such meinen Bruder! Nichts. Er klingelt. Hallo!?

JACK (CONT’D)

Endlich geht die Tür auf. Katis FREUND steckt seinen Kopf heraus. JACK (CONT’D) Ich will meinen Bruder abholen. WUMM. Verschlafen schlägt der Freund die Tür wieder zu. Jack gibt nicht so schnell auf. Er klopft weiter gegen die Tür.

(CONTINUED)


65

39. 65

CONTINUED: JACK (CONT’D) Kati hat gesagt, dass Manuel hier ist. Ich will zu meinem Bruder!

Plötzlich geht die Tür wieder auf. Der Freund schiebt Manuel hinaus - eine kleine Sporttasche hinterher. Dann knallt die Tür wieder zu. Glücklich setzt Jack sich zu ihm. JACK (CONT’D) Hey, Manuel. Hallo.

MANUEL

JACK Na? Wie geht’s? Gut.

MANUEL

JACK Weißt du, wo Mama ist? Hmm-hmm.

MANUEL

Der Kleine zuckt nur die Achseln. Dann geht die Tür ein letztes Mal auf, der Freund schmeißt Manuels Schlafsack hinaus. Jack sammelt ihn ein. Komm.

JACK

Jack nimmt seinen kleinen Bruder und zieht die Treppe hinab. 66

EXT. BREITE STRAßE / STADT - TAG

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Jack geht mit Manuel über die Straße. Autos fahren vorüber. 67

EXT. FUßGÄNGERZONE - TAG

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Die Fußgängerzone ist voll mit Passanten. Bänke stehen um einen Brunnen herum, ein Hund stillt seinen Durst am Becken. Jack und Manuel beißen in ihre Pfirsiche. FLATSCH. Die beiden beugen sich vornüber. Verschmierte Mäuler, klebrige Hände, das Fruchtfleisch tropft zwischen ihren Beinen zu Boden. Lecker. Manuel hüpft auf ein paar Pollern herum. Jack deutet auf Manuels bekleckertes T-Shirt.

(CONTINUED)


67

40. 67

CONTINUED: JACK Zieh mal aus. Er zieht ihm das verkleckerte T-Shirt über den Kopf und wäscht es am Brunnen aus. Manuel nimmt sich noch einen Pfirsich und trottet hinterher. MANUEL Kati hat schöne Haare. JACK Mama doch auch. Mmhm.

MANUEL

Jack wringt das T-Shirt aus. JACK Was hat sie denn gesagt? Wann kommt sie denn wieder? MANUEL Dass sie kurz weg muss. JACK Wie lange denn? MANUEL Weiß nich’. Gehen wir jetzt nach Hause? JACK Heut Abend. Manuel schmatzt vor sich hin. Jack sieht seinen Bruder an. JACK (CONT’D) Ist sie allein weg oder...? Keine Antwort. Der Kleine hat keine Ahnung. Jack zeigt auf seine offenen Schuhe. JACK (CONT’D) Mach mal deine Schuhe zu. MANUEL Kann ich nicht. Jack zieht ihm das T-Shirt über und setzt sich vor seine Füße. Er bindet ihm die Schuhe. JACK Du machst eine Schlaufe und wickelst das Band drum... Guckst du zu?


41. 68

EXT. FRIEDRICHSTRAßE - NACHT

68

Inzwischen ist es dunkel geworden. Jack und Manuel kommen aus dem S-Bahnhof und schauen sich auf der Straße um. Jack hält seinen Bruder fest an der Hand. Plötzlich bleibt er stehen. Wart mal.

JACK

Er legt seine Taschen ab. JACK (CONT’D) Setz dich hin. Manuel setzt sich. Jack kniet sich zu ihm und bindet seine Schnürsenkel. JACK (CONT’D) Guck mal. Du machst ‘ne Schlaufe und wickelst das Band drum... Schließlich ist er fertig. JACK (CONT’D) Musst du üben. Mmhm.

MANUEL

Jack zieht seinen Bruder mit sich. 69

EXT. CLUB - NACHT

69

Jack und Manuel gehen über den Hof und betreten einen Club. 69A

INT. CLUB / FLUR & LAGER - NACHT

69A

Der Club ist noch nicht geöffnet. Das Arbeitslicht ist an. Leise rieselt Musik aus den Boxen, die ersten Mitarbeiter sind da. Jack und Manuel ziehen durch die Gänge. Vereinzelt grüßen sie freundlich. Man kennt ihn hier. Hallo. Hallo.

CLUBBER JACK

Jack geht in den Durchgang zum Lager, wo ein Buch auf einem Tresen liegt: Der Dienstplan. Jack blättert durch die Seiten, als ein Barkeeper eine Bierkiste vorbeiträgt.

(CONTINUED)


69A

41A. 69A

CONTINUED: BARKEEPER Hey, Jack. Deine Mutter ist nicht da. Ja.

JACK

BARKEEPER Die kommt die ganze Woche nicht. Jack lässt nicht locker und geht dem Barkeeper hinterher. JACK Und Atheer? Wo ist Atheer? BARKEEPER Der ist auch nicht da. JACK Wo ist er denn? Der Barkeeper sieht ihn an. Dann holt er einen Stift mit Zettel und schreibt ihm eine Adresse auf. BARKEEPER Probier’s mal da. Danke.

JACK

(CONTINUED)


69A

42. 69A

CONTINUED: (2) Jack geht in den Club zurück und schaut sich nach seinem Bruder um. Er findet ihn in einem Gang.

Schwarzlicht. Manuel steht mittendrin. Das Weiße auf seinem TShirt leuchtet. Die Zähne. Die Augen. Die Haut. Alles schimmert hell im Dunkeln. Fasziniert guckt Manuel auf seinen nackten Arm. Er strahlt. MANUEL Guck mal, wie das aussieht. Grinsend schlürft er an einer Cola. Der Strohhalm leuchtet weiß. JACK Wo hast ‘n die her? MANUEL Stand hier. Einen Moment schaut Jack auf das leuchtende Weiß und lächelt. Dann zieht er Manuel mit sich. Komm.

JACK

Die beiden verlassen den Club. 70

EXT. PARTYWOHNUNG - NACHT

70

Jack und Manuel ziehen die Straße hinab, bis sie ein altes Mietshaus erreichen. Die Haustür steht offen. Soeben wollen sie hinauf, als ein Laptop auf dem Bürgersteig zerschellt. Jack und Manuel gehen ins Haus. 70A

INT. PARTYWOHNUNG / TREPPENHAUS - NACHT

70A

Jack und Manuel gehen das Treppenhaus hinauf, als ihnen ein TYP entgegenkommt. Panisch läuft er die Treppe hinab. Jack und Manuel ziehen weiter nach oben. Eine Wohnungstür steht offen. 70B

INT. PARTYWOHNUNG - NACHT

70B

Jack und Manuel betreten die Wohnung. Es ist dunkel. Leise Musik von irgendwoher. Jack sieht seinen Bruder an. JACK Du bleibst hier.

(CONTINUED)


70B

43. 70B

CONTINUED:

Damit lässt er ihn allein. In der Küche diskutieren ein paar Twens auf Droge, ein Typ mit Handtuch um den Hüften kommt aus dem Bad. Im Wohnzimmer läuft ein Fernseher. Ein junger Kerl hockt stumpf davor. Manuel hockt sich gleich dazu und futtert von den Chips. Jack zieht weiter durch die Wohnung, bis er in ein Zimmer gelangt. 70C

INT. PARTYWOHNUNG / ZIMMER - NACHT

70C

Atheer hockt nackt auf einem Bett, eine nackte Frau liegt reglos neben ihm. Jack geht zu ihm hinüber. Atheer schaut durch ihn hindurch. JACK Ich such meine Mutter. Keine Antwort. Jack hakt nochmal nach. JACK (CONT’D) Hast du noch unseren Schlüssel? Atheer driftet weg. Atheer?

JACK (CONT’D)

ATHEER Wie spät ist es? JACK Weiß nicht. Mehr kommt nicht. Einen Moment schaut Jack ihn noch an, dann gibt er wieder auf. 70D

INT. PARTYWOHNUNG - NACHT

70D

Jack kehrt zu Manuel vor dem Fernseher zurück und zieht ihn vom Sofa hoch. JACK Manuel, komm. MANUEL Ich will nicht. JACK Jetzt komm. Wir müssen zu Mama.

(CONTINUED)


70D

44. 70D

CONTINUED: Widerwillig trottet Manuel seinem Bruder hinterher.

71

EXT. TEMPODROM - NACHT

71

In der Ferne das Tempodrom. Jack läuft auf das Gebäude zu. Manuel hoppelt ihm nach. 72

INT. TEMPODROM / RAMPE & HALLE - NACHT

72

Jack und Manuel gehen die Rampe zur Bühne hinab. Ein Mitarbeiter schiebt einen Trolley mit Stühlen. JACK Hast du meine Mutter gesehen? Ich such meine Mutter. MITARBEITER Wer ist denn deine Mutter? Sanna.

JACK

MITARBEITER Ah. Sanna. Die ist unten. Er deutet in die Halle. Jack zieht glücklich weiter. Manuel trödelt hinterher. Aufgeregt treibt Jack ihn an. Komm!

JACK

Manuel kommt. Jack wird immer schneller. JACK (CONT’D) Hab dir ja gesagt, dass sie hier ist. Mmhm.

MANUEL

Er grinst und erhöht nochmal das Tempo. Noch eine Ecke und dann... Laute Technomusik spielt in der Halle. Ein paar Mitarbeiter bauen Stühle auf, ansonsten ist der Saal ziemlich leer. Keine Spur von Sanna. Enttäuscht blickt Jack sich um, als Manuel sie entdeckt: Eine FRAU mit braunen Haaren, genau wie seine Mutter. Neben ihr steht Mattes, ein Freund von ihr vom Picknick. MANUEL (CONT’D) Da ist sie.

(CONTINUED)


72

44A. 72

CONTINUED:

Jack strahlt. Freudig rennt er zu ihr hinüber und fällt sie von hinten an. Mama!

JACK

Das Mädchen dreht sich um: Es ist nicht seine Mutter. Mattes erkennt ihn und grinst erfreut. Er ruft über die Musik hinweg. MATTES Hey, Jack! Manuel! Wie geht’s? Gut.

JACK

MATTES Ja. Mir auch. Lachend hebt er den Kleinen auf die Schulter und schaut zur leeren Bühne. Er ruft zu ihm hinauf. MATTES (CONT’D) Kannst du was sehen? Ja.

MANUEL

JACK Wo ist Mama? MATTES Rihanna. Ich liebe Rihanna! Jack zupft Mattes am Pullover, doch er hört ihn nicht. Jubelnd streckt er die Arme in die Luft. Seine Begleiterin macht mit. Manuel freut sich. Jack zupft ihn wieder am Pulli. JACK Wo ist Mama? WAS?

MATTES

JACK Wo ist Mama?! MATTES Keine Ahnung. Die ist heut’ nicht dran. JACK Aber sie hat doch gesagt, sie muss arbeiten!

(CONTINUED)


72

45. 72

CONTINUED: (2) Keine Antwort. Mattes ist ganz bei dem Mädchen. Er ruft etwas. Sie lacht. Jack lässt nicht so schnell locker. JACK (CONT’D) Kann ich mal dein Handy haben? Mattes nickt und gibt es ihm. Jack geht aus der Halle.

72A

INT. TEMPODROM FLUR - NACHT

72A

Draußen geht Jack durch den Flur. Schließlich bleibt er hinter einer Säule stehen. Er wählt eine Nummer... Direkt zur Mailbox. JACK Mama. Hier ist Jack... Wo bist du? Ich such dich. Manuel ist jetzt bei mir. Ihm geht’s gut. Mach dir keine Sorgen... Keine Antwort. Der Junge legt auf. Aus dem Konzertsaal wummern die Bässe herüber. 72B

INT. TEMPODROM / RANG - NACHT

72B

Jack geht im Rang die Sitzreihen entlang und setzt sich zu seinem schlafenden Bruder. Nachdenklich blickt er ins Parkett hinab, wo ein paar Roadies mit Kartons kommen. Sie packen TShirts aus. Mattes lacht mit dem braunhaarigen Mädchen und flüstert ihr etwas ins Ohr. Sie lacht und himmelt ihn an -- da geht heute noch was. 73

INT. TEMPODROM / RANG - NACHT / SPÄTER

73

Die Musik ist aus. Jack und Manuel liegen auf ihren Sitzen. Sie sind beide eingeschlafen. Mattes kniet sich neben sie. MATTES Jack... Jack. Ich hab was für dich. Hm? Hier.

JACK MATTES

Mattes reicht ihm ein T-Shirt mit einer Tüte. Hinter ihm steht das Mädchen und strahlt die Jungen an. Mattes lächelt. MATTES (CONT’D) Ihr müsst jetzt mal nach Hause.

(CONTINUED)


73

45A. 73

CONTINUED: Ja. Danke. Tsch端ss.

JACK MATTES

Damit schwingt er seinen Rucksack 端ber die Schulter und nimmt das M辰dchen an der Hand. Sie gehen. Im Parkett werden die letzten St端hle aufgebaut. Die Jungen bleiben allein. Jack weckt seinen Bruder auf. JACK Manuel... Manuel!

(CONTINUED)


73

46. 73

CONTINUED: (2) Mmh.

MANUEL

JACK Komm. Wir müssen los. Manuel wacht auf. Gutmütig erhebt er sich von seinem Platz und trottet hinter seinem Bruder davon. 74

INT/EXT. BUS - NACHT

74

Ein Bus fährt durch die Nacht. Jack sitzt hinten am Fenster und blickt auf die vorbeiziehende Stadt. Manuel schläft an seiner Schulter -- der Kopf wippt im Takt der Bodenwellen. Jack packt das T-Shirt aus der Tüte und schaut es sich an. Das Bandlogo prangt auf der Brust. Behutsam hebt er Manuels Kopf von seinem Schoß, steht auf und drückt auf den Halteknopf. Dann geht er zu seinem Bruder zurück und weckt ihn sanft. JACK Manuel... Du musst aufwachen. Wir müssen raus. Manuel wacht langsam auf. Er ist vollkommen verschlafen. MANUEL Ich bin müde. JACK Sind gleich da. MANUEL Wie lange denn noch? JACK Ist nicht mehr weit. Der Bus fährt die Haltestelle an. 75

ENTFÄLLT

75

76

EXT. JACKS SIEDLUNG - NACHT

76

Ein großer Platz zwischen den Wohnblöcken mitten in der Siedlung. Jack legt seinen Bruder auf eine Bank. JACK Komm gleich zurück.

(CONTINUED)


76

47. 76

CONTINUED: Mmhm.

MANUEL

JACK Nicht weglaufen, OK? Mmhm.

MANUEL

Völlig willenlos sackt Manuel auf die Bank. Jack blickt zu seiner Wohnung hinauf... Alles dunkel. Er geht trotzdem hinüber. 77

INT. JACKS WOHNUNG / TREPPENHAUS - NACHT

77

Vor der Wohnung schüttelt Jack den Gummistiefel aus, doch der Schlüssel ist nicht da. Er öffnet die Seifendose: Keine Nachricht von seiner Mutter, nur sein Zettel liegt noch drin. Er klingelt. Keine Antwort. Schließlich klopft er an. JACK Mama...? Mama? Nichts. Er klopft nochmal. JACK (CONT’D) Mama?! Mach auf. Jack drückt gegen die Tür. Entschlossen lehnt er sich mit der Schulter dagegen, doch sie gibt nicht nach. Er atmet durch. Schließlich nimmt er den Block aus dem Regal und setzt sich auf die Treppe. Er schreibt: “Liebe Mama, wir haben dich bei deiner Arbeit gesucht. Wir haben dich nicht gefunden. Kannst du den Schlüssel dalassen? Bis morgen, Jack.” 78

EXT. JACKS SIEDLUNG - NACHT

78

Jack kommt aus dem Wohnblock. Zurück an der Bank rüttelt er seinen kleinen Bruder an der Schulter. JACK Komm, Manuel. Wach auf. Mmmmh.

MANUEL

JACK Manuel. Du musst aufwachen! Wir können hier nicht bleiben.

(CONTINUED)


78

48. 78

CONTINUED:

Der Kleine rappelt sich auf. Schlaftrunken torkelt er Jack hinterher und nuschelt vor sich hin. MANUEL Ich will aber nich’. Ich bin müde. Ich weiß.

JACK

MANUEL Ich bin müde. Ich will schlafen. PLUMPS. Manuel macht keinen Schritt mehr. Er setzt sich hin. Seufzend beugt Jack sich zu seinem Bruder hinab, streicht ihm übers Haar. JACK Jetzt komm, Manuel. Wir sind gleich da. Am Rand der Siedlung steht die Tiefgarage. Zwischen den Wohnblöcken schimmern die Laternen hindurch. 79

ENTFÄLLT

79

80

INT. TIEFGARAGE / WAGEN - NACHT

80

Die Tiefgarage. Neonlicht auf nacktem Beton. Jack greift durch das kaputte Fenster des Autos und öffnet die Tür, dann schlüpfen sie hinein. Sie legen sich auf die Vordersitze. Jack rollt für seinen Bruder den Schlafsack aus, Manuel schlüpft hinein. Dann schiebt er ihm noch einen Pulli unter den Kopf. Er flüstert. JACK Gut Nacht. Schlaf gut. Doch Manuel antwortet schon nicht mehr. Ein zufriedenes Murmeln, dann ist er hinüber. Jack legt sich daneben. Unmerklich wird es still in dem Keller. Von draußen kein Verkehr mehr, nur noch der Schein einer blassen Laterne. 81

EXT. BRÜCKE - TAG

81

Ein warmer Sommertag. Jack und Manuel gehen über die Brücke. Manuel rattert mit einem Stock über das Gitter. JACK Lass das. Hör auf damit. Manuel lässt es.


49. 82

EXT. FUßGÄNGERZONE / CAFÉ - TAG

82

In der Fußgängerzone öffnen Cafés. Menschen sitzen draußen und halten ihre Gesichter in die Sonne. Jack und Manuel stehen vor einem Café und warten, dann läuft Manuel plötzlich los. Er klettert auf einen Schemel und holt Kaffeesahne und Zucker von einer Anrichte, läuft schnell wieder hinaus. Vor der Tür nimmt ihm Jack einen Haufen ab, dann machen sich die Brüder davon. Etwas weiter ab sitzen sie auf einer Mauer. Sie reißen eine Zuckertüte auf und schütten sie sich in den Mund. Jack greift sich eine Kaffeesahne, saugt daran herum. Er grinst. 83

INT. KAUFHAUS / TOILETTE - TAG

83

Die Toilette eines Kaufhofs. Jack steht am Becken und wäscht sich die Hände. Sand spült in den Abfluss. Hinter ihm geht eine Spülung. Manuel kommt aus einer Kabine und stellt sich neben ihn. Er streckt sich zum Hahn hinauf. Zehenspitzen. 84

INT. KAUFHAUS & ROLLTREPPE - TAG

84

Zwischen den Regalen ein paar Bildschirme. Jack und Manuel daddeln herum, dann verlieren sie das Interesse. Sie bummeln durch die Gänge. Elektronik. Handys. DVDs. Plötzlich bleibt Jack stehen: Auf einer Auslage liegen ein paar Ferngläser. Er stockt. Einen Moment steht er davor, dann nimmt er sich eins. Jack schaut hindurch -- nichts zu sehen. Ein VERKÄUFER kommt und nimmt es ihm ab. VERKÄUFER Gib mal her. Ich stell’s dir ein. Er drückt die Brücke enger zusammen, so dass die Gläser beeinander liegen. Dann dreht er an der Dioptrin. VERKÄUFER (CONT’D) Hier. Da kannst du die Schärfe einstellen. Jack dreht an dem Rädchen und stellt sein Sichtfeld scharf. Der Verkäufer spricht Jack an. VERKÄUFER (CONT’D) Für wen soll denn das sein?

(CONTINUED)


84

50. 84

CONTINUED: JACK Für einen Freund. VERKÄUFER Ist aber ganz schön teuer. Kostet 400... Hier. Nimm mal das. Schön leicht. Nicht so groß. Kostet 58.

Der Verkäufer reicht ihm ein kleineres, günstiges Modell. VERKÄUFER (CONT’D) Überleg’s dir. Er lächelt und geht zu einer Kollegin hinüber. Jack schaut sich um: Niemand scheint ihn zu beachten. Er schluckt. Dann pult er den Barcode vom Fernglas und lässt es unterm Pullover verschwinden. Er geht los... Jack fährt ins untere Stockwerk hinab. Blick geradeaus, Hände in den Taschen. Das Herz schlägt ihm bis zum Hals. Zielstrebig steuert er Richtung Ausgang. Die letzten Meter, dann hat er es geschafft. 85

EXT. KAUFHAUS / FUßGÄNGERZONE - TAG

85

Erleichtert öffnet Jack die Tür. Er tritt ins Freie und entfernt sich vom Kaufhaus, bliebt hinter der nächsten Ecke stehen. Dann holt er das Fernglas heraus. Plötzlich stockt er... Wo ist Manuel? Jack hat ihn vergessen. Eilig steckt er das Fernglas ein und geht ins Kaufhaus zurück. 86

INT. KAUFHAUS - TAG

86

Jack irrt zwischen den Regalen mit Fernsehern entlang auf der Suche nach seinem Bruder. Panisch schaut er sich überall um, als der Verkäufer von hinten ruft. Hey!

VERKÄUFER

Jack läuft einfach los. In der Tiefe kommt ihm ein Wachmann entgegen, er biegt ins Treppenhaus ab. 87

INT. KAUFHAUS / TREPPENHAUS - TAG

87

Das Treppenhaus. Jack knallt die Tür hinter sich zu. Atemlos rennt er die Stufen hinab, schaut sich ängstlich um... Hinter ihm ein Verfolger. Er fällt zurück.

(CONTINUED)


87

51. 87

CONTINUED:

Jack springt einen letzten Absatz hinunter, dann ist er im Freien. 88

EXT. KAUFHAUS / FUßGÄNGERZONE - TAG

88

Vor dem Kaufhaus ein großer Brunnen. Schnaufend rennt Jack über den Platz. Immer wieder blickt er sich um, dann läuft er weiter die Fußgängerzone entlang. Schließlich bleibt er stehen. Er reibt sich die Knie und schaut über die Schulter... Niemand scheint ihn zu verfolgen. Er steckt das Fernglas in die Tasche. JACK Ah, Scheiße. Scheiße. Scheiße. Leise flucht er vor sich hin. 89

EXT. KAUFHAUS - TAG

89

Aus der Ferne behält Jack das Kaufhaus im Auge. Keine Spur von seinem Bruder... Am Brunnen verdrückt ein Mann ein Sandwich. Jack geht zu ihm hinüber. JACK Haben Sie hier ‘n kleinen Jungen gesehen? So groß? Ein stummes Kopfschütteln. Jack spricht mit dem nächsten Passanten. JACK (CONT’D) Entschuldigung. Haben Sie einen Jungen gesehen? Wieder kein Erfolg. Jack macht hartnäckig weiter. JACK (CONT’D) Ich suche einen Jungen. Haben Sie einen Jungen gesehen? Kurze braune Haare? Schließlich trifft er auf einen PASSANTEN, der in eine Richtung zeigt. Jack hakt ungeduldig nach. JACK (CONT’D) Wo haben Sie ihn gesehen? PASSANT Da hinten irgendwo. Wo?

JACK

(CONTINUED)


89

52. 89

CONTINUED: PASSANT Na, da vorn. Auf dem Platz. Bei der Eisdiele. JACK Sicher? Ganz sicher? PASSANT Ja. Ich glaub schon.

Jack macht sich davon. Er läuft und läuft und blickt sich um, bis er den Platz erreicht. Atemlos schaut er sich um: Manuel ist nicht zu sehen. Jack geht zu dem Stand einer Unterschriftenaktion und fragt die junge Frau hinter dem Pult. JACK Haben Sie einen Jungen gesehen? Die Frau schüttelt den Kopf. Nachdenklich blickt Jack sich um. 90

ENTFÄLLT

90

91

INT. POLIZEI / LOBBY - ABEND

91

Ein heller Flur im Polizeiabschnitt. Neonlichter an der Decke. Zaghaft betritt Jack das Revier. Im Kabuff sitzt ein BEAMTER. Jack geht zu dem Glaskasten hinüber. JACK Entschuldigung. Wir haben meinen kleinen Bruder verloren. Wir können ihn nicht finden. BEAMTER Um die Ecke, in der Aufnahme. Jack nickt und geht den Gang hinab. 92

INT. POLIZEI - ABEND

92

Ein Büro mit einem Tresen. Dahinter eine POLIZISTIN (32). Der Junge geht zu ihr hin. JACK Haben Sie ‘n kleinen Jungen gesehen? POLIZISTIN Einen kleinen Jungen? Wie alt denn?

(CONTINUED)


92

53. 92

CONTINUED: Sechs.

JACK

POLIZISTIN (schüttelt den Kopf) Wo ist denn deine Mutter? JACK Die sucht ihn draußen... Kann ich mal das Telefon? Die Polizistin sieht ihn an. POLIZISTIN Hol erstmal deine Mutter. JACK Ich will sie doch anrufen. Die Polizistin schiebt ihm das Telefon hin. Jack geht einen Schritt beiseite. Er wählt und lässt es klingeln... Mailbox. Leise spricht er seiner Mutter aufs Band. JACK (CONT’D) Mama. Mama. Manuel ist weg... Wo bist du, Mama? POLIZISTIN Kann ich sie mal sprechen? KLICK. Er legt auf und geht zum Tresen zurück. JACK Sie kommt gleich. Können Sie bitte in den Krankenhäusern anrufen? Meine Mutter macht sich wirklich Sorgen. POLIZISTIN Warum ruft sie denn nicht an? JACK Nein. Sie hat gesagt, ich soll Sie fragen. Die Polizistin seufzt. POLIZISTIN Jetzt warten wir mal auf deine Mutter und dann klären wir das alles. Wie heißt du denn? Jack. Jack wie?

JACK POLIZISTIN

(CONTINUED)


92

54. 92

CONTINUED: (2) JACK Jack Niendorf. POLIZISTIN OK. Setz dich mal da hin.

Jack setzt sich auf eine Bank an der Wand. Er wartet. Beamte gehen ihren Aufgaben nach. Hinter dem Tresen widmet sich die Polizistin ihrer Arbeit. Jack steht wieder auf. JACK Ich muss mal auf Toilette. POLIZISTIN Den Gang runter, links. Jack geht links den Gang hinunter. 93

INT. POLIZEI / LOBBY - ABEND

93

Jack kommt und drückt sich auf dem Gang herum. Er starrt auf den Eingang. Der Beamte hängt am Telefon, ein Passant geht Richtung Tür. Jack schluckt und blickt sich um. Dann hängt er sich an die Fersen des Passanten und geht mit ihm hinaus. 94

EXT. POLIZEI - ABEND

94

Auf der Straße kommen ihm zwei Polizisten entgegen, dann fängt Jack an zu laufen. Die Autos machen ihre Scheinwerfer an. Allmählich wird es dunkel. An der nächsten Ecke bleibt er stehen. Er atmet schwer und schaut sich um, dann geht er langsam weiter. 95

EXT. FUßGÄNGERZONE - NACHT

95

Es ist Nacht. Die Fußgängerzone ist leer. Kein Mensch weit und breit. Vor den Fenstern des Kaufhauses fahren die Gitter nach unten. Die Türen sind verschlossen. Feierabend. Jack starrt vor sich hin, im einer Ecke etwas abgeschabt, klein. Mit einem Mal wird er den Atem an. Dann springt er 96

EXT. BRÜCKE - NACHT

Schoß das neue Fernglas. An aber schön und handlich und ganz ruhig. Er stockt und hält auf und rennt los. 96

Jack läuft über die Brücke. Er ist schon außer Atem, geht und läuft dann wieder.


55. 97

INT. JACKS WOHNUNG - NACHT

97

Das Wohnhaus. Jack läuft die dunkle Treppe hinauf. Ein letztes Stockwerk, dann bleibt er atemlos stehen... Ein paar Schritte weiter liegt Manuel auf dem Boden. Gesicht zur Wand, Ellenbogen unter dem Kopf. Direkt vor der Wohnung der Mutter. Jack fängt an zu weinen. Er setzt sich zu ihm. JACK Manuel. Manuel... Manuel kriegt seine Augen kaum auf. Er nuschelt. MANUEL Ich bin immer an der Straße lang, über die Brücke rüber. Ja.

JACK

MANUEL Ich hab auf dich gewartet. Ich weiß.

JACK

MANUEL Du bist nicht gekommen. Ich weiß.

JACK

Weiter kommen sie nicht. Manuel schläft wieder ein. Jack streicht seinem Bruder durchs Haar. Lautlos laufen ihm die Tränen über die Wangen. Glücklich. JACK (CONT’D) Komm. Wir gehen schlafen. Manuel nickt im Halbschlaf. Jack hilft ihm vom Boden auf. Die beiden gehen die Treppe hinab. 98

INT. TIEFGARAGE / WAGEN - NACHT

98

Zurück in der Tiefgarage hilft Jack seinem Bruder in den Schlafsack. Behutsam zieht er den Reißverschluss zu, dann schläft der Kleine ein. Jack legt sich daneben. Das Fernglas drückt in der Tasche. Jack wickelt es in das zerknüllte T-Shirt ein und versteckt es im Handschuhfach.


56. 99

INT. TIEFGARAGE / WAGEN - MORGENDÄMMERUNG

99

Die Kinder schlafen tief und fest, als in der Tiefgarage das Licht angeht. Draußen kommen Schritte näher... TOCK TOCK TOCK. Jack schreckt aus dem Schlaf. Vor dem Fenster steht ein HAUSMEISTER (45) und hämmert gegen die Scheibe. HAUSMEISTER Was macht ihr da?! Jack wacht langsam auf. HAUSMEISTER (CONT’D) Ist das euer Auto? Nein. Was?!

JACK HAUSMEISTER

Jack schüttelt den Kopf. HAUSMEISTER (CONT’D) Raus da. Aber ganz schnell. Ihr könnt hier nicht schlafen. Jack weckt seinen Bruder auf und rüttelt ihn an der Schulter. Er hilft ihm aus dem Schlafsack. Der Hausmeister hämmert gegen das Fenster. HAUSMEISTER (CONT’D) Mach die Tür auf! Was habt ihr mit dem Fenster gemacht? JACK Das waren wir nicht. HAUSMEISTER Mach jetzt endlich die Tür auf! JACK Aber wir waren das nicht! MANUEL So ‘n Wichser. Jack krabbelt über den Sitz und steigt auf der anderen Seite mit Manuel aus. Plötzlich fällt ihm etwas ein. Er schnappt sich die Tasche und holt das Fernglas mit dem T-Shirt aus dem Handschuhfach. Manuel läuft weg. Jack will hinterher, als der Hausmeister um das Auto herumkommt. Er packt ihn am Arm.

(CONTINUED)


99

57. 99

CONTINUED: HAUSMEISTER So einfach geht das nicht. Wer macht ‘n jetzt das Fenster wieder heile?

Jack zieht und zerrt und will davon, doch der Hausmeister hält ihn am Arm. Mit einem Mal rutscht ihm die Hand aus. WATSCH. Jack fällt auf den Boden. Die beiden schauen sich an. Der Hausmeister sammelt sich wieder. HAUSMEISTER (CONT’D) Wenn ich euch hier noch einmal sehe. Schnell greift Jack sich die Tasche vom Boden, dann läuft er davon. 99A

INT/EXT. TIEFGARAGE - MORGENDÄMMERUNG

99A

Jack und Manuel laufen zum Ausgang, als der Hausmeister hinter ihnen das Eisentor abschließt. Der Weg zum Wagen ist versperrt. Jack zieht mit seinem Bruder weiter. 100

EXT. JACKS SIEDLUNG / WOHNHAUS - MORGENDÄMMERUNG

100

Allmählich wird es hell in der Stadt. Jack sitzt mit Manuel vor dem Wohnhaus. Der Kleine hat seine Jacke noch, Jack trägt nur das T-Shirt. Manuel klingelt an der Haustür. Wieder und wieder. JACK Hör auf. Sie ist nicht da. Manuel klingelt trotzdem nochmal. Es ist kalt. Jack friert und hält sich die Arme. Dann schaut er zu Manuel. Komm. Wohin?

JACK (CONT’D) MANUEL

JACK Weiß ich nicht. Jack hängt sich die Sporttasche um, dann trottet er mit Manuel davon.


57A. 101

EXT. PARK / TÜMPEL - TAG

101

Ein neuer Tag. Jack und Manuel ziehen durch den Stadtpark. Hohe Gräser wehen im Wind. Plötzlich blickt Jack sich um, Manuel ist nicht mehr hinter ihm. Dann entdeckt er ihn am Tümpel. Der Kleine hockt auf dem Boden im Matsch und trinkt von dem Wasser. Jack läuft schnell hinüber.

(CONTINUED)


101

58. 101

CONTINUED: JACK Manuel... Manuel! Er zieht ihn vom Wasser weg. JACK (CONT’D) Das kannst du nicht trinken. Da wirst du krank von. MANUEL Ich hab aber Durst. JACK Kriegst später was zu trinken. MANUEL Ich hab aber jetzt Durst. Und ich hab Hunger. Ich will nach Hause. Ich will zu Mama!

Wütend schüttelt Manuel seinen Bruder ab. Jack atmet einen Moment durch. Dann blickt er sich um und streckt seine Hand aus. JACK Komm, jetzt. Wir gehen. MANUEL Mir ist aber kalt. Ich will zu Mama! Ja!

JACK

Jack verliert die Geduld. JACK (CONT’D) Jetzt, komm. Jack zieht seinen Bruder hinter sich her. 102

INT/EXT. U-BAHN - TAG

102

Berufsverkehr in der U-Bahn. Jack und Manuel stehen im vollen Abteil. In der Scheibe spiegeln sich Gesichter. Der Wagen rattert über die Schienen dahin. Jack starrt hinauf auf den Fahrplan. 103

EXT. AUTOVERMIETUNG - TAG

103

Der Parkplatz einer Autovermietung mitten in der Stadt. Am Ende ein Container als Vermietungsbüro. Jack und Manuel überqueren das Gelände.

(CONTINUED)


103

59. 103

CONTINUED:

JONAS (27) sitzt am Steuer eines Wagens und schreibt den Kilometerstand auf. Er trägt eine Weste mit loser Krawatte und ein Namensschild am Revers. Schließlich sammelt er den Abfall ein und steigt aus dem Auto. Erstaunt bleibt er vor den Jungen stehen. JONAS Jack...? Was macht ihr denn hier? JACK Ist Mama bei dir? JONAS Nein. Wieso? JACK Ich kann sie nicht finden. Wie?

JONAS

JACK Sie ist weg. JONAS Und da kommt ihr zu mir? Jonas schüttelt den Kopf. Er atmet durch. JONAS (CONT’D) Seit wann ist sie denn weg? JACK Nicht so lange. Ich hab nur den Schlüssel nicht. JONAS Hast du ihn verloren? JACK Nein. Ich weiß nicht. Jack zuckt die Achseln. Jonas sieht ihn an. JONAS Vielleicht ist sie bei einer Freundin? JACK Hab ich schon gefragt. Jonas weiß nicht weiter. JONAS Ja, die kommt schon wieder. Jetzt geht mal nach Hause, OK? (CONTINUED)


103

60. 103

CONTINUED: (2) Keine Antwort. Jonas schlurft zum Mülleimer hinüber und schmeißt den Abfall weg. Die Jungs stehen immer noch da. Jonas schaut sie an. Er seufzt. JONAS (CONT’D) Na, dann kommt erstmal mit rein.

Jack und Manuel folgen ihm zum Container. Jonas wuschelt dem Kleinen durchs Haar. JONAS (CONT’D) Bist ja richtig groß geworden. Er nickt. 104

INT. AUTOVERMIETUNG / CONTAINER / BÜRO - TAG

104

Eine Mikrowelle im Büro. Jonas schiebt zwei Käse-Maccaroni in die Mikrowelle. Dann geht er zum Telefon. Hier.

JONAS

Jonas hält Jack das Telefon hin. Der Junge tippt die Nummer ein, Jonas lauscht dem Klingeln. Schließlich hebt die Mailbox ab. Er hinterlässt eine Nachricht. JONAS (CONT’D) Hallo, Sanna. Hier ist Jonas. Deine Kinder sind bei mir... Ruf mal an. Er legt auf und atmet durch. Dann blickt er zu Jack. Und jetzt?

JONAS (CONT’D)

JACK Weiß nicht. Die Mikrowelle klingelt. Jonas holt das Essen heraus. JONAS Willst du mir helfen? Mmhm.

JACK

Der Junge nickt. Er freut sich. 105

EXT. AUTOVERMIETUNG - TAG

105

Eine Reinigungsanlage am Rand des Parkplatzes. Ein Wagen steht davor. Es dämmert. Jack kniet auf der Rückbank und saugt die Polster aus.

(CONTINUED)


105

61. 105

CONTINUED:

Im Kofferraum liegt eine Plastiktüte. Jack holt sie heraus. Er stockt: Eine halbleere Fanta. Einen Moment wiegt er sie in der Hand, dann läuft er zum Mülleimer. Er wirft sie hinein. Ein KUNDE fährt in einem Auto vor und ruft aus dem Fenster herüber. KUNDE Wo soll ich parken? JACK Wo Sie wollen. Jack läuft dem Auto hinterher. Aufgeregt wartet er vor dem parkenden Wagen, bis der Kunde aussteigt. JACK (CONT’D) Ich brauch den Schlüssel. KUNDE Klar. Hier. Jack nimmt den Schlüssel entgegen und läuft zum Container. Es macht Spaß. 106

INT. AUTOVERMIETUNG / CONTAINER - TAG

106

Im Container sitzt Manuel auf dem Boden und probiert, seine Schuhe zu binden. Jonas hängt hinter dem Tresen herum. Jack reicht ihm Tüte und Schlüssel. JACK Jonas...! Hier, das hat einer vergessen. Und da will einer sein Auto abgeben. OK.

JONAS

Er nickt und kramt die Papiere heraus. Dann folgt er Jack mit nach draußen. 107

EXT. AUTOVERMIETUNG - TAG

107

Auf dem Parkplatz schüttelt Jonas dem Kunden die Hand. Er reicht Jack sein Klemmbrett. JONAS Guck mal nach Beulen. Und schreib den Kilometerstand auf. Jack läuft eifrig zum Wagen. Der Kunde schaut ihm hinterher.

(CONTINUED)


107

62. 107

CONTINUED: KUNDE Sind Ferien, ne? Kenn ich, das Problem. JONAS Sind nicht meine.

Jonas setzt sein Kürzel unter den Vertrag, dann reicht er ihm den Durchschlag. Inzwischen ist Jack am Wagen angekommen. Gewissenhaft geht er um das Auto herum und untersucht die Karosse nach Kratzern. Alles heil. 108

ENTFÄLLT

108

109

INT. AUTOVERMIETUNG / CONTAINER - NACHT

109

Der Parkplatz bei Nacht. Alles still. Im Container sitzt Jack hinter dem Tresen und starrt auf einen Monitor. Plötzlich merkt er auf. CUT: Auf dem Bildschirm das Bild der Überwachungskameras. Ein Mann kommt über den verlassenen Hof, ein Karton auf dem Arm... Jonas. Jack entspannt sich wieder. Die Tür geht auf, und Jonas betritt den Container. Jack blickt kaum vom Monitor hoch. War nix. Gut.

JACK JONAS

Jonas stellt den Karton mit Reinigungsmittel hinter den Tresen. Dann macht er sich eine Cola auf. Er trinkt und schaut zu Jack. Jack starrt weiter auf den Bildschirm. Nichts passiert. Jonas geht zum Telefon. Er wählt eine Nummer und lauscht in den Hörer... Mailbox. Schweigend legt er wieder auf. Er blickt wieder zu Jack. JONAS (CONT’D) Wie geht’s denn Sanna? Gut.

JACK

JONAS Komm, jetzt sag doch mal. Seit wann ist sie weg?

(CONTINUED)


109

63. 109

CONTINUED: JACK Nicht so lang. JONAS Ja, wie lang denn? JACK So... drei Tage? Jack weicht seinem Blick aus. Jonas nickt. JONAS Hat sie jemanden kennengelernt? JACK Weiß nicht. JONAS Vielleicht ist sie ja bei dem? Hm? Keine Antwort. Jack zuckt nur die Achseln. JONAS (CONT’D) Überleg doch mal, wo kann sie denn sein? JACK Wir wissen ’s nicht.

Jack hat keine Ahnung. Jonas seufzt. Es hat keinen Sinn. Wortlos verschwindet er nach hinten ins Büro. Draußen fährt ein Auto vor. Die Scheinwerfer gleiten über die Wände. Jonas kommt zurück, der schlafende Manuel auf dem Arm. Jack zeigt auf den Monitor. JACK (CONT’D) Da kommt ‘n Auto. JONAS Feierabend. Komm. JACK Wo gehen wir denn hin? Keine Antwort. Jonas löscht das Licht. JACK (CONT’D) Hast du Mama erreicht? JONAS Komm jetzt. Jonas greift sich die Schlüssel. Er trägt Manuel aus dem Container zu einem alten Golf, der vor dem Büro steht. Jack läuft hinterher.


64. 110

ENTFÄLLT

110

111

ENTFÄLLT

111

112

INT/EXT. JONAS AUTO / POLIZEIREVIER - NACHT

112

Der alte Golf fährt durch die Stadt. Jack schaut aus dem Fenster. JONAS Magst Musik? Mmhm.

JACK

Jonas schaltet das Radio ein. Musik läuft. JONAS Was hörst ‘n? JACK Unterschiedlich. Draußen fliegen die dunklen Häuser vorüber. Dann setzt Jonas den Blinker. Fragend blickt Jack sich um... Plötzlich scheint er zu verstehen. Er kann es nicht glauben. JACK (CONT’D) Halt an. Halt an! Lass uns raus. Jack...

JONAS

JACK Lass uns raus! Jonas atmet durch und bremst. Jack macht entschlossen die Tür auf. JACK (CONT’D) Manuel, komm. Energisch gurtet er seinen Bruder ab, dann zieht er ihn aus dem Wagen. 113

EXT. POLIZEIREVIER / PARKPLATZ - NACHT

113

Der Parkplatz eines Polizeiabschnitts. Der Golf steht mittendrin. Jack steigt mit seinem Bruder aus. Jonas versperrt ihm den Weg. JONAS Jack, es geht nicht anders. Ich kann Sanna nicht erreichen. (CONTINUED)


113

64A. 113

CONTINUED: Lass mich.

JACK

JONAS Ich bin doch nicht euer Vater. Ihr könnt nicht bei mir wohnen. Ich hab keine Zeit. Ich kann mich nicht um euch kümmern.

(CONTINUED)


113

65. 113

CONTINUED: (2) JACK (schüttelt den Kopf) Ich geh jetzt mit Manuel nach Hause. JONAS Jack. Da ist keiner. Doch!

JACK

JONAS Nein. Da ist keiner! Der Junge gibt nicht auf. Schnaufend blickt er Jonas an. Jonas verliert die Geduld. JONAS (CONT’D) Deine Mutter hat euch hängen lassen. Die ist weg, kapier das doch mal. Die ist seit Tagen weg! JACK Du lügst. Du lügst. JONAS Komm, Jack. Hör auf, deine Mutter zu beschützen. Du lügst!

JACK

Jonas verstummt. Der Junge ist völlig außer sich. Verunsichert blickt Manuel ihn an. MANUEL Was ist mit Mama? JACK Ich geh nicht mehr ins Heim. JONAS Was...? Jetzt komm doch mal her, Jack. JACK Bleib stehen! Halt dich da raus. Lass uns einfach nur in Ruhe. Jack fährt seinen Arm aus. Jonas bleibt unwillkürlich stehen. Der Junge sieht ihm in die Augen. JACK (CONT’D) Wir gehen jetzt nach Hause zu Mama. Damit nimmt er seinen Bruder an die Hand und geht ohne ein weiteres Wort. Jonas ruft ihm nach. (CONTINUED)


113

66. 113

CONTINUED: (3) Jack...

JONAS

Jack geht einfach weiter. 114

EXT. WOHNGEBIET / STRAßE - NACHT

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Eine verlassene Straße in einem Wohngebiet. Kein Mensch weit und breit. Jack geht mit seinem Bruder den Bürgersteig entlang, als ihnen ein MANN mit einem Hund entgegen kommt. Ein großer Rottweiler. Plötzlich schlägt er an. Er bellt und zerrt wie verrückt an der Leine. Der Mann hat Mühe ihn zu halten. MANN MIT HUND Sandro. Zurück! Manuel verkriecht sich in der Ecke. Jack drückt sich gegen die Hauswand. Der Mann versucht seinen Hund zu kontrollieren. MANN MIT HUND (CONT’D) Aus, Sandro. Aus! (zu Jack) Der tut nix. Jack kann ihm nicht so ganz glauben. Schützend stellt er sich vor Manuel, der zitternd in der Ecke steht. Allmählich hält der Mann seinen Hund im Zaum. Er zerrt ihn davon. Jack atmet erleichtert auf. Manuel läuft in einen Hauseingang und muss sich übergeben, dann sackt er vor Angst zu Boden. Er weint und vergräbt den Kopf in seinen Händen. Jack setzt sich zu seinem Bruder. JACK Shhh, Manuel. Alles ist gut. Manuel hört nicht hin. Er weint und verschluckt sich an den Tränen. Jack streicht ihm über den Kopf. JACK (CONT’D) Er ist weg, Manuel. Er ist weg. Ist alles wieder gut. Manuel rührt sich nicht vom Fleck. Er vergräbt den Kopf in seinen Armen. JACK (CONT’D) Komm, Manuel. Lass uns weiter.

(CONTINUED)


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67. 114

CONTINUED:

Keine Reaktion. Jack versucht ihn hochzuziehen und verliert ein bisschen die Geduld. JACK (CONT’D) Jetzt komm endlich. Wir müssen nach Hause! Nichts zu machen. Manuel rührt sich nicht. Müde sackt Jack das Kinn auf die Brust. Er schüttelt den Kopf. Er kann nicht mehr. Schließlich atmet er durch. Er hockt sich zu seinem Bruder auf den Boden und spricht ihm leise zu. JACK (CONT’D) Manuel. Komm. Ich trag dich auch. Langsam kommt Manuel zur Ruhe. Jack hilft ihm vom Boden auf. Manuel steigt auf seinen Rücken. Die beiden Jungen ziehen die Straße hinab. 115

ENTFÄLLT

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ENTFÄLLT

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ENTFÄLLT

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EXT. JACKS SIEDLUNG - NACHT

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In der Siedlung ist es ruhig. Vereinzelt fahren Autos vorüber. Jack und Manuel überqueren die Straße. Der große Platz zwischen den Wohnblöcken mitten in der Siedlung. Jack legt seinen Bruder auf die Bank. JACK Ich komm gleich. Manuel antwortet nicht mehr. (CONTINUED)


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68. 122

CONTINUED:

Jack stellt seine Sporttasche ab, dann geht er langsam davon. Er lässt seinen Bruder allein. Der Junge geht über den Platz, über eine Straße und weiter. Plötzlich bleibt er stehen und starrt zu seiner Wohnung hinauf... ungläubig irgendwie. Langsam wendet er sich ab, dann läuft er endlich zurück. Immer schneller rennt er durch die Siedlung, ein leises Lächeln auf den Lippen. Bei der Bank rüttelt er den schlafenden Manuel an der Schulter. JACK (CONT’D) Manuel, wach auf! Manuel! Mmmh.

MANUEL

JACK Manuel, du musst aufstehen! Mama ist da! Wo?

MANUEL

Manuel ist schlagartig wach. Er öffnet die Augen und rappelt sich auf. Jack kann seine Freude kaum verbergen. Die Stimme überschlägt sich. JACK Zuhause. Sie ist zuhause... Komm, wir müssen nach Hause. Der Kleine ist sofort auf den Beinen. Jack hängt sich die Sporttasche um, und die beiden laufen davon. Jack und Manuel laufen durch die Siedlung. Freudige Erwartung, gelöste Gesichter. Ein Lächeln, das immer größer wird. Jack zeigt zu der Wohnung hinauf. JACK (CONT’D) Siehst du? Da brennt Licht. Siehst du?! Ja!

MANUEL

Ein glückliches Lachen, dann haben sie es endlich geschafft: Das Wohnhaus. 123

ENTFÄLLT

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ENTFÄLLT

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69. 125

INT. JACKS WOHNUNG / TREPPENHAUS - NACHT

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Jack und Manuel laufen die Treppen hinauf. Eilig nehmen sie drei Stufen auf einmal, dann stehen sie vor der Wohnung. Das Herz klopft. Der Atem geht. Jack klingelt an der Tür. Von drinnen leise Musik. Ansonsten passiert erst einmal nichts. Geduldig warten die Jungs vor der Wohnung, bis Sanna endlich öffnet. Sie strahlt. SANNA Hey na, meine Lieblinge! Sanna kniet sich vor sie hin und schließt ihre Jungs in die Arme. Erleichtert fällt ihr Jack um den Hals und lässt sie nicht mehr los. Sie lacht. SANNA (CONT’D) Wo ward ihr denn? Ich hab mir solche Sorgen gemacht. JACK Ich hatte keinen Schlüssel. SANNA Echt? Ach, Mensch. Und Kati? Wieso seid ihr denn nicht zu Kati? Die Kinder zucken die Achseln. Sanna streichelt Jack den Kopf. SANNA (CONT’D) Komm mal her. Du bist ja ganz schmutzig. JACK Wir haben dich gesucht. SANNA Oh, mein Schatz. Sanna zieht die beiden Jungs in den Flur. SANNA (CONT’D) Ich bin so froh, dass ihr da seid... Habt ihr Hunger? Ich hab Hunger. KLACK. Hinter ihnen fällt die Wohnungstür ins Schloss. 126

INT. JACKS WOHNUNG / WOHNZIMMER & KÜCHE - NACHT

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Im Wohnzimmer steht ein halb gegessenes Takeaway auf dem Tisch. Umständlich fummelt Sanna die Aludeckel ab.

(CONTINUED)


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70. 126

CONTINUED: SANNA Du, Jack. Mir geht’s so gut. Das Glück ist grad auf meiner Seite. Ja?

JACK

SANNA Ja! Hol mal ‘n paar Teller. Jack läuft in die Küche und holt die Teller, dann kommt er sofort zurück. Manuel sitzt auf Sannas Schoß, sie verteilt das Essen. SANNA (CONT’D) Danke, Schatz. Ich hab da jemanden kennengelernt. Ich glaub, das ist was ganz Ernstes. Wirklich, das merk ich. Der ist so... Der hält mir immer die Tür auf. Lachend wuschelt sie Jack über den Kopf. SANNA (CONT’D) Weißt du, was der hat? JACK Nee. Was denn? SANNA Der hat ‘ne Dusche auf ’m Dach. Sie lacht. Jack strahlt. Überglücklich. Plötzlich fällt ihr etwas ein. SANNA (CONT’D) Mensch, ich hab euch was mitgebracht. Sanna läuft in die Küche und holt eine Handtasche. Neu. Schick. Jack und Manuel hinterher. Sie kramt den Inhalt heraus: Lippenstift. Handy. Und zwei Miniroboter Insekten. SANNA (CONT’D) Hier! Mach mal an. Der Kleine schaltet ihn ein. Der Käfer krabbelt durch die Küche. Jack und Sanna sind begeistert. Lachend setzen sie sich zu Manuel auf den Boden. SANNA (CONT’D) Mach mal auf den Arm. Das kitzelt so schön. Sanna streckt ihren Arm aus und entdeckt den Ring an ihrem Finger. Sie hält ihn Jack entgegen.

(CONTINUED)


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71. 126

CONTINUED: (2) SANNA (CONT’D) Guck mal. Hübsch, oder? Ja.

JACK

SANNA Find ich auch. Zufrieden betrachtet sie den Ring, dann schaut sie zu Jack. SANNA (CONT’D) Bald lernt ihr ihn kennen, ja? Der wird sich wundern, die tollsten Kinder der Welt. Sanna lächelt. Jack rutscht näher zu ihr heran und vergräbt den Kopf in ihrem Haar. JACK Du riechst gut. Ja?

SANNA

Er nickt. JACK Hast du mit Becki gesprochen? SANNA Nee. Warum? JACK Ich hab jemanden verletzt. SANNA Ach, Quatsch. Das wüsst’ ich doch. JACK Aber dein Handy war nicht an! SANNA Ach so. Ja, stimmt. Auf dem Fussboden spielt Manuel mit dem Käfer herum. Einen Moment sieht Sanna zu ihrem Sohn, dann zuckt sie die Achseln. SANNA (CONT’D) Aber... wenn man mich erreichen will, dann erreicht man mich auch. Jack stockt und schaut zu Boden. Sanna nimmt ihn in den Arm. SANNA (CONT’D) Ich hab euch so vermisst, das könnt ihr euch nicht vorstellen. (CONTINUED)


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71A. 126

CONTINUED: (3) Der Junge lässt es geschehen. Sanna lacht ihn an. SANNA (CONT’D) Wollen wir jetzt was essen? Mmhm.

JACK

Er nickt. Sanna schnappt sich Manuel. Jack geht hinterher. Im Wohnzimmer setzt sie den Kleinen an den Tisch. Sie küsst seinen Nacken und schiebt ihm das Besteck hin. Jack setzt sich dazu. Sanna lacht in die Runde. SANNA Schmeckt gut, hm? Ja.

MANUEL

SANNA Was habt ihr denn so gemacht?

(CONTINUED)


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CONTINUED: (4)

72. 126

MANUEL Ich kann jetzt Schuhe binden. SANNA Ja? Zeig mal. Manuel stellt den Fuß auf den Stuhl. Die Haare hängen ihm ins Gesicht. Er macht eine Schleife. Sanna ist begeistert. SANNA (CONT’D) Manuel. Das ist ja toll! Woher kannst du das denn? MANUEL Hat Jack mir beigebracht. SANNA Toll, Jack. Toll! Jack lächelt. Er isst. Manuel schaufelt sein Essen hinunter. Sanna schaut ihre Jungs an. Sie deutet auf die Teller. SANNA (CONT’D) Ich hab noch mehr, wenn ihr wollt. Schweigend löffelt Jack sein Essen. Sanna strahlt ihn an. SANNA (CONT’D) Jetzt haben wir endlich Ferien. Die machen wir uns ganz schön. Die Drei sitzen am Tisch und essen. Jack starrt vor sich hin. 127

INT. JACKS WOHNUNG / BAD - NACHT

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Im Bad hängt die Kleidung der Jungs über der Wanne, mittendrin das T-Shirt. Frisch gewaschen. Jack putzt sich vor dem Spiegel die Zähne. Das Wasser rauscht den Abfluss hinab. Der Junge spült sich den Mund aus. 128

INT. JACKS WOHNUNG / WOHNUNG & TREPPENHAUS - NACHT

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Jack geht durch den Wohnungsflur ins Treppenhaus hinaus. Er holt die Seifendose aus dem Schuhschrank. Er macht sie auf und schaut hinein: Seine Zettel liegen drin. Gefaltet und ungelesen... Er schluckt. Dann legt er sie wieder zurück.


73. 129

INT. JACKS WOHNUNG / SCHLAFZIMMER - NACHT

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Sanna liegt mit Manuel im Bett, als Jack das Schlafzimmer betritt. Die Mutter hält ihren Jungen im Arm. Sie schlafen. Jack macht leise das Licht aus, dann kuschelt er sich dazu. Er legt den Arm um sie. Sanna seufzt im Schlaf. 130

INT. JACKS WOHNUNG / SCHLAFZIMMER & BALKON - MORGEN

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Der nächste Morgen. Sanna liegt schlafend im Bett. Manuel schläft neben ihr, als Jack ihn sanft an der Schulter berührt. JACK Manuel... Manuel. Hm? Komm. Was denn?

MANUEL JACK MANUEL

JACK Komm. Zieh dich an. Manuel krabbelt aus dem Bett. Verschlafen schlüpft er in seine Hose, dann zieht er sich den Pulli über. Jack geht auf den Balkon und nimmt die Wäsche vom Ständer, packt sie in eine Tasche. 131

ENTFÄLLT

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INT/EXT. S-BAHN - TAG

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Jack schaut aus der fahrenden Bahn. Manuel sitzt neben ihm. Geduldig wippt er mit den Füßen, während draußen die Avus vorbeifliegt. 133

EXT. NIKOLASSEE / HEIM - TAG

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Nikolassee. Große Häuser säumen die Straße. Jack geht mit Manuel den Bürgersteig entlang... Schließlich erreichen sie das Heim. Jack klingelt am Tor. Die Sprechanlage knistert. Ja?

BECKI (OFF)

JACK Hier ist Jack. (CONTINUED)


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74. 133

CONTINUED: ... Wer? Jack.

BECKI (OFF) JACK

Ein leises Knacken, dann geht der Türsummer. Jack und Manuel betreten den Hof. Zielstrebig durchqueren sie den verlassenen Garten, als plötzlich die Heimtür aufgeht: Becki. Sie läuft auf die beiden zu. BECKI Jack... Jack! Sie hockt sich vor sie hin. BECKI (CONT’D) Wie geht’s dir? Seid ihr in Ordnung? JACK Ja. Ist alles gut. Er lacht. Becki ebenso. Erleichtert nimmt sie ihn in die Arme. BECKI Ich freu mich so, dass du da bist, Jack. Ich freu mich so! Der Junge nickt. Becki wendet sich an Manuel. BECKI (CONT’D) Na, Manuel. Na? MANUEL Ich hab Hunger. BECKI Ja, du hast Hunger? Mmhm.

MANUEL

BECKI Na, dann gehen wir mal was essen. Kommst du mit, Jack? Er stockt. Die Erzieherin streckt ihm die Hand hin. BECKI (CONT’D) Komm. Wir freuen uns richtig doll. JACK Und Danilo...?

(CONTINUED)


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74A. 133

CONTINUED: (2) Der auch.

BECKI

Becki lächelt. Zögernd geht Jack mit ihr mit. Manuel nimmt ihre Hand. 134

INT. HEIM / FLUR - TAG

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Becki geht mit den Jungs durch den Flur, der in den Ferien ganz leer ist. Jack bleibt mit einem Mal stehen. JACK Ich komm gleich.

(CONTINUED)


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CONTINUED: BECKI OK. Soll ich mitkommen? Er schüttelt den Kopf. Nein.

JACK

BECKI Gut. Wir sind in der Küche. Oder, Manuel? Mmhm.

MANUEL

Sie lächelt. Sanft wuschelt sie Jack übers Haar, dann geht sie mit Manuel davon. Leise läuft er weiter, bis er eine Tür erreicht. Er betritt das Zimmer. 135

INT. HEIM / DANILOS ZIMMER - TAG

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Das Fenster steht offen. Danilo sitzt am Schreibtisch davor. Ein kurzer Blick über die Schulter, dann widmet er sich wieder seinem Computer. Na. Hallo.

DANILO JACK

DANILO Wo warst ‘n die ganze Zeit? Die haben dich überall gesucht, voll Polizei und alles. JACK Bei meiner Mutter. Danilo nickt. Jack gibt sich einen Ruck. JACK (CONT’D) ‘Tschuldigung. DANILO (zuckt die Achseln) War ja nix. Guck. Er dreht sich herum und zeigt Jack die Wunde: Eine Schramme an der Schläfe. DANILO (CONT’D) Bleibst du jetzt? Ja.

JACK

(CONTINUED)


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76. 135

CONTINUED:

Danilo nickt. Einen Moment betrachtet Jack ihn beim Malen, dann streckt er seine Hand aus. Er fasst ihn an. Danilo zuckt zurück. DANILO Was soll das denn? Nur so.

JACK

DANILO Pfff. Bist du schwul oder was? Er zeigt ihm einen Vogel und geht. Jack schaut zum Fenster hinaus. Von draußen das Rauschen der Bäume... SSSHHHH. 136

INT. HEIM / KINDERZIMMER - TAG

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Das Zimmer ist leer. Die Betten sind gemacht. Jack betritt den Raum. Er geht zu Marcs Schreibtisch und zieht die Schublade auf. Umständlich kramt er das Fernglas aus seiner Tasche, dann legt er es hinein. WUMM. Plötzlich schlingt Danilo die Arme um Jacks Hals und reißt ihn hart zu Boden. Jack wehrt sich. Die beiden ringen. Danilo schnürt ihm die Luft ab. Jack keucht und ringt nach Atem, dann kriegt er Danilo zu fassen. Die Jungen halten sich im Schwitzkasten. Keiner von beiden gibt auf. Schließlich lockern sie den Griff und lassen voneinander ab. Mit roten Köpfen knien sie am Boden. Schwerer Atem in der Luft. CUT TO:


77. 137

EXT. ALTER BUNGALOW - TAG

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Der Bungalow mit dem verwilderten Garten. Dazwischen das verlassene Schwimmbad. Es ist Herbst. Ein paar Monate später. Jack, Manuel und Boris streifen durch den Garten und sammeln Stöcker ein. 138

INT. ALTER BUNGALOW - TAG

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Im Wohnzimmer lungert Danilo am Fenster. Leon, Maurice und Marc sitzen am Boden. Tanja hockt daneben. Sie spielt mit ihrem Smartphone. Jack und Manuel kommen mit Boris über die Veranda ins Haus, eine Ladung vertrockneter Äste im Arm. Tanja weist sie zurecht. TANJA Ihr macht ja alles dreckig. Schuhe aus. Die Jungs gehorchen. Wortlos ziehen sie ihre Schuhe aus und stellen sie auf die Veranda... eine Reihe Kinderschuhe nebeneinander. Dann laden sie ihre Äste ab und setzen sich zu den anderen ins Wohnzimmer. Auf dem Boden das Rechteck aus Kreide. Die Kinder sitzen im Kreis drumherum. Mikki verteilt imaginäres Geschirr. Sie gibt das “Essen” auf die “Teller”. TANJA (CONT’D) Danilo, kommst du? DANILO Hab kein Hunger. Danilo zuckt gleichgültig die Achseln. Tanja schaut in die Runde. TANJA Schmeckt gut, oder? Mmmh. Schön.

MIKKI TANJA

MANUEL Kann ich noch was? TANJA Klar. Kannst soviel, wie du willst.

(CONTINUED)


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78. 138

CONTINUED: JACK Hier, Ketchup. Danke.

BORIS

Jack reicht eine unsichtbare Flasche herum. Stumm genießen die Kinder ihr “Essen”. Jack stellt seinen “Teller” weg. JACK Ich mach mal Feuer. Jack kümmert sich um den verrußten Kamin. Behutsam häuft er ein paar Äste auf, dann setzen sich die anderen dazu. Die Mädchen kuscheln sich eng aneinander, Boris und Marc gleich daneben. Manuel lächelt. Jack schiebt eine “Schachtel mit Streichhölzern” auf. Pffft.

JACK (CONT’D)

Er “zündet” eins an. Immer weg vom Körper. Es “brennt”. Grinsend reibt Jack sich die Hände über dem imaginären Feuer. Danilo bleibt am Fenster sitzen und beobachtet sie aus der Distanz. Boris seufzt. BORIS Schön warm. Ja.

TANJA

Die Kinder rücken noch enger zusammen. Jack stochert mit einem Stock in der “Glut”. Schließlich kommt auch Danilo zu ihnen und hockt sich mit an den Kamin. Schweigsam sitzen sie am “Feuer”. Tanja. Mikki. Danilo. Marc. Maurice. Leon. Boris. Manuel. Und Jack. Ein Junge mit anderen Kindern. Leise fängt es an zu knistern. Der warme Schein der Flammen zaubert ein Lächeln auf ihre Lippen. SCHWARZ. ENDE.

JACK  

Ein Drehbuch von Nele Müller-Stöfen und Edward Berger in der Reihe Deutsche Drehbücher der Deutschen Filmakademie

JACK  

Ein Drehbuch von Nele Müller-Stöfen und Edward Berger in der Reihe Deutsche Drehbücher der Deutschen Filmakademie