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Von Olympia nach London | Ein Reisebegleiter


Impressum

© Deutsche Olympische ­Akademie, Frankfurt am Main 2012 Konzeption / Redaktion: Dr. Andreas Höfer Anna Papadopoulos Text: Prof. Dr. Helmut Altenberger Carolin Bischop Tobias Bürger Dr. Andreas Höfer Volker Kluge Fotos: DOA-Archiv IOC-Archiv IPC-Archiv LOCOG-Archiv Archiv creAtiv Diliff

Projektmanagement: creAtiv Werbeagentur, Berlin Umschlag / Layout: Sirko Wahsner, iD-GROUP, Berlin Druck: Pinguin Druck GmbH Herausgeber: Deutsche Olympische Akademie Willi Daume e. V. (DOA) Otto-Fleck-Schneise 12 60528 Frankfurt am Main www.doa-info.de


Von Olympia nach London | Ein Reisebegleiter

Inhalt

GruĂ&#x;worte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

I.

Die Olympischen Spiele. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8

II.

Olympische Bewegung in Deutschland. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28

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III. Die Paralympics . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 IV. Die Olympischen Jugendspiele. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 V.

London 2012. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48

VI. Olympische Erziehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 VII. Die Spiele in London . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 VIII. Mein olympischer Sommer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76

Literatur und Internetadressen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79


Die Olympischen Spiele sind eine Chance und ein Auftrag Olympischen Spielen kommt eine besondere, ja einzigarti­ ge Bedeutung zu. Wer jemals selbst dabei sein durfte, wird ­bestätigen, dass olympische Erfahrungen weit über das Ereig­ nis hinaus bedeutsam sind, wenn sie nicht gar einen ganzen Lebenslauf zu prägen vermögen. Auch mein Weg wäre anders verlaufen – und dies nicht nur, weil ich das Glück hatte, auf dem Treppchen zu stehen. Noch immer ist es heute, wie es zu meiner aktiven Zeit als Athlet war: Die Olympischen Spiele bieten eine groß­ artige Chance, um sportliche Träume Wirklichkeit werden zu lassen. Doch auch wenn Medaillen für Athletinnen und Ath­ leten nach wie vor das Höchste der Gefühle darstellen, sind sie nicht alles und, aus der Distanz betrachtet, vielleicht nicht einmal das Wichtigste. Olympische Spiele haben mehr zu bie­ ten. Sie vermitteln eine spezifische Lebenserfahrung, deren Mehrwert sich für die Beteiligten manchmal erst im zeitlichen Abstand in vollem Umfang ermessen lässt. Natürlich entspricht es der Natur des Sports und des Sportlers, gerade auf olympischer Bühne die bestmögliche Leistung zeigen und den größtmöglichen Erfolg erzielen zu wollen. Der Idee und dem Wesen des Sports entspricht es je­ doch auch, dass Training und Wettkampf stets im Rahmen der Regeln und im Sinne der Fairness erfolgen. Gerade die Olym­ pischen Spiele sind mit einem Auftrag verbunden, dem wir gerecht werden müssen und dem wir uns aus Überzeugung stellen. So sieht der Deutsche Olympische Sportbund seine Aufgabe nicht nur darin, für unsere Mannschaft auf ihrem Weg nach London und natürlich vor Ort optimale Bedingun­ gen zu schaffen, damit alle Aktiven ihre Möglichkeiten in vol­ lem Maße zur Geltung bringen können. Wir haben auch dafür Sorge zu tragen, dass die von uns entsendeten Athletinnen und Athleten sich als würdige Vertreter unseres Landes sowie als Botschafter der Olympischen Idee erweisen.

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Wir wissen, dass wir viel verlangen von unseren Aktiven, wenn wir sie an ihre gesellschaftliche Verantwortung und vor allem daran erinnern, dass ihr Verhalten und ihre Hal­ tung ­öffentlich beachtet werden. Gerade jungen Menschen sind die Athletinnen und Athleten Orientierung und Vorbild. Diesem Auftrag können und wollen wir uns nicht entziehen, sondern ihn vielmehr auch als Chance betrachten. Schließ­ lich begründet das pädagogische und zwischenmenschliche Potenzial der Olympischen Idee in hohem Maße die Legitima­ tion der Spiele und erklärt deren ungebrochene Faszination. Vor diesem Hintergrund begrüßen wir es sehr, dass die Deutsche Olympische Akademie dem umfänglichen Gepäck unserer Mannschaft erneut einen handlichen »Reisebeglei­ ter« hinzufügt, der kaum ins Gewicht fällt, aber sehr wohl eine Bereicherung darstellt. Dieser bietet in kompakter Form Wissenswertes über den Austragungsort der bevorstehenden Spiele, über Land und Leute, Geschichte und Kultur. Gleich­ zeitig enthält die Broschüre einen olympischen »Grundwort­ schatz« mit vielen Eckdaten zu olympischer Geschichte und Gegenwart. Und der Reisebegleiter soll den Mitgliedern der Olympiamannschaft und allen Interessierten ermöglichen, die ereignisreichen Tage in London auf beste Weise zu nutzen und zu genießen. Dies wünsche ich uns allen. Denn die »Wege nach ­Olympia« sind anstrengend und entbehrungsreich genug – sie sollen uns zum Ziel führen und sie dürfen uns auch Freude bereiten.

Dr. Thomas Bach Präsident Deutscher ­Olympischer Sportbund, Olympiasieger Fechten ­Montreal 1976

Ihr Thomas Bach

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»Wir für Deutschland«: Unsere olympische Mission

Dr. Michael Vesper Generaldirektor Deutscher Olympischer Sportbund, Chef de Mission

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Es entspricht einer seit langem gepflegten Tradition, die ­jeweiligen Leiter der Olympiamannschaften als »Chef de ­Mission« zu bezeichnen. Wenn also schon von daher die Teil­ nahme an den Olympischen Spielen als eine Mission verstan­ den werden kann, so gilt dies wohl mindestens in doppel­ ter Hinsicht. Schließlich verbindet sich mit dem besonderen ­Privileg auch eine Fülle von Herausforderungen, also auch Op­ tionen und Unwägbarkeiten. Das ist ja – wie Sepp Herberger einmal, auf den Fußball bezogen, so trefflich formulierte – »das Schöne« im Sport, »dass man nie weiß, wie es ausgeht«. Gleichwohl oder gerade deswegen haben alle Verant­ wortungsträger ihr Mögliches getan, um die Expedition nach London eben nicht als »Mission impossible« enden zu las­ sen. So speist sich unsere Zuversicht aus der Gewissheit, dass unsere Athletinnen und Athleten auch dieses Mal die besten Bedingungen für Training und Wettkampf vorfinden und sich auf das Eigentliche, nämlich ihren Sport, konzentrieren kön­ nen. Natürlich liegt es dann viel weniger an uns als an ihnen, wenn sich der verdiente Erfolg einstellt. Wir freuen uns auf großen Sport, herausragende Leis­ tungen und hoffen auf das Quäntchen Glück, das für einen Platz auf dem Treppchen oft auch unerlässlich erscheint. Wir wollen den Erfolg, und wir wollen ihn mit ausschließlich sau­ beren Mitteln erringen. Durch das Auftreten unserer Olympia­ mannschaft wollen »Wir für Deutschland« eine Visitenkarte abgeben, die auch jenseits des Sportplatzes Eindruck macht. Wir stehen für eine sportliche Haltung, die neben der Orien­ tierung auf Leistung das Fairplay, den Respekt vor der Würde des Gegners und die Integrität der eigenen Person in den Mit­ telpunkt stellt. Damit sind wir uns selbst, aber auch der groß­ artigen Tradition der Olympischen Idee verpflichtet. Auch wenn wir an dieser Stelle keine Nachhilfe brau­ chen, darf ich allen Mitgliedern unserer Mannschaft den vorliegenden »Reisebegleiter« der Deutschen Olympischen


Akademie zur Lektüre empfehlen, da er auf anregende ­Weise olympisches Wissen vermittelt und zu einem tieferen ­Verständnis der Olympischen Spiele und der sie tragenden Idee beiträgt und insofern auch das Besondere unserer olym­ pischen Mission vor Augen führt. Wenn »Wir für Deutschland« unterwegs sind, beglei­ ten uns viele Erwartungen und gute Wünsche. Doch ohne die tatkräftige und nachhaltige Unterstützung, die wir von vie­ len Seiten erfahren, bräuchten wir uns nicht auf den Weg zu machen. So nutze ich auch diese Gelegenheit gerne, mich im Namen der Deutschen Olympiamannschaft ganz herzlich zu bedanken.

Ihr Michael Vesper

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I.

Die Olympischen Spiele

Olympia: Spiele der Antike Die antiken Olympischen Spiele fanden über einen Zeitraum von etwa 1000 Jahren hinweg in einem abgelegenen Tal im Westen der Peloponnes in Griechenland statt. Sie wurden alle vier Jahre im Rahmen eines Festes zu Ehren des Gottes Zeus veranstaltet, dem Opfer und Geschenke dargebracht wurden. Das Heiligtum in Olympia entwickelte sich von einem kleinen lokalen Festplatz zum Schauplatz des bedeutendsten Kultund Sportfestes der Antike. Diese Entwicklung lässt sich sehr gut anhand der umseitigen Zeitleiste darstellen.

Zu den Olympischen Spielen waren alle Besucher willkom­ men, die griechisch sprachen und sich der griechischen ­Religion und Kultur verpflichtet fühlten. So war Olympia der Ort, an dem sich alle Griechen des Mutterlandes sowie der Kolonien von Spanien bis zum Schwarzen Meer versammel­ ten. Nicht-Griechen, die sogenannten »Barbaren«, waren vom Besuch der Spiele ausgeschlossen. Schon Monate vor Be­ ginn des Festes wurde ein sogenannter »Olympischer Friede« ausgerufen, um die Reisenden und das Heiligtum vor feind­

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lichen Übergriffen zu schützen. Dies bot die Garantie dafür, dass trotz und während der ständigen Auseinandersetzungen und Kriege zwischen den griechischen Stadtstaaten (Poleis) die friedliche Durchführung des Festes gewährleistet war. Vor Beginn der Spiele wurde ein Eid geleistet, der Ath­ leten und Schiedsrichter im Namen der Götter verpflichtete, die Regeln zu befolgen. Ein nachgewiesener Verstoß führte zur Erhebung von Strafgeldern, die zur Finanzierung bron­ zener Zeusstatuen dienten oder zum Ausschluss der Betref­ fenden führten. Zentraler Bestandteil des olympischen Festes waren die sportlichen Wettkämpfe (Agone), bei denen es stets allein dar­ um ging, einen Sieger zu ermitteln. Dieser wurde gefeiert, ver­ ehrt und mit Ehrenämtern überhäuft, während die Platzierten als Verlierer galten und leer ausgingen. Dem agonalen Geist der Griechen entsprechend, ging es immer darum, der Erste und Beste zu sein.

Frauen waren vom Besuch der Spiele, erst recht von einer aktiven Teilnahme, generell ausgeschlossen. Selbst als Zu­ schauerinnen waren sie unerwünscht, sofern sie verheiratet waren. Gleichwohl gab es in der Antike auch Feste, bei denen Frauen und Mädchen Wettkämpfe austrugen. Zentrale Wettkampfstätten waren das Stadion und das Hippodrom, in dem die Pferde- und Wagenrennen ausge­ tragen wurden. Das Stadion war Schauplatz verschiedener Laufwettbewerbe, die von einer Ablaufvorrichtung ­gestartet

Olympia im Modell: ­ Im Zentrum der Zeustempel. Links: Der Eingang zum ­Stadion und Läufer auf antiker Vase.

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wurden und die Distanz eines »Stadions« (in Olympia ca. 192 m) oder mehrere Stadien umfassten. Da griechische ­Stadien nicht über ovale Laufbahnen verfügten, war bei längeren Läufen eine Wendesäule vonnöten. Zudem stand auch ein Fünfkampf (Pentathlon) mit den Disziplinen Stadion­ lauf, Weitsprung, Diskus- und Speerwurf sowie Ringen auf dem Programm. Großer Beliebtheit erfreuten sich auch die Kampfsportarten Boxen und Ringen sowie ein »Allkampf« (Pankration), eine Kombination aus Boxen und Ringen.

Von Athen nach Rio de Janeiro: Eine kleine Geschichte der Olympischen Spiele der Neuzeit Am Anfang war Pierre de Coubertin. Er ist der Gründervater des modernen Olympismus – des größten Sportfestes aller Zeiten und der dahinter stehenden Idee. Auf ihn berufen sich die Verantwortlichen noch heute, auch wenn manche seiner Ideale längst »von gestern« zu sein scheinen. Der französische Baron war keine 30 Jahre alt, als er an einem Novemberabend des Jahres 1892 an der Pariser Sor­ bonne einen Vortrag zur Geschichte und Bedeutung »körper­ licher Übungen« in der Ankündigung gipfeln ließ, die Olym­ pischen Spiele wieder ins Leben rufen zu wollen: »Lassen Sie uns Rude­rer, Läufer, Fechter ins Ausland senden: Das ist das Freihandelssystem der Zukunft, und an dem Tag, an dem es in die Sitten des alten Europa eingedrungen sein wird, wird der

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Sache des Friedens eine neue und mächtige Stütze erwach­ sen sein.« Die Reaktion des Publikums war jedoch ernüch­ ternd: »Man klatschte Beifall, man billigte meine Pläne, man wünschte mir großen Erfolg, aber kein Mensch hatte mich verstanden.«

• Die olympische Initialzündung Somit war ein zweiter, besser vorbereiteter Anlauf vonnöten: Ein Kongress, der, so die ursprüngliche Ankündigung, eine Ver­ einheitlichung der Amateurregeln anstrebte, kurzfristig aber in »Congrès international de Paris pour le rétablissement des Jeux Olympiques« umbenannt wurde. Schauplatz war erneut die Sorbonne. Dies war die Initialzündung: Am 23. Juni 1894 wur­ de die Olympische Bewegung der Neuzeit ins Leben gerufen. Diesmal nämlich folgte man Coubertin in fast allen Punkten. Wichtigster Beschluss war die Gründung eines Internationalen Olympischen Komitees (IOC), in das auf Vorschlag Coubertins zunächst 13 Persönlichkeiten aus zwölf Ländern ­berufen wur­ den. Als »Besitzer« der Spiele sollte es für deren Regeln und für die Vergabe zuständig sein, denn anders als das der Antike sollte das neuzeitliche Großfest des Sports wandern. Die ers­ te Austragung hatte Coubertin für die Jahrtausend­wende und als Ort Paris vorgesehen, doch in der Euphorie des Augenblicks fassten die knapp 80 Delegierten aus neun ­Ländern einen kühneren Beschluss: Die olympische Premiere sollte bereits 1896 und zwar in Athen stattfinden. Nur zwei Jahre blieben Zeit – heute reichen bekanntlich sieben kaum aus.

Der Gründervater: Baron Pierre de Coubertin

• Athen 1896 Vor Ort freilich häuften sich alsbald die Schwierigkeiten. ­Verständlicherweise – handelte es sich doch um eine Heraus­ forderung ohne Beispiel. Dies betraf die Organisation, aber vor allem auch die Finanzierung, schließlich stand Griechen­ land vor einem Staatsbankrott. Erst als Coubertin persönlich in Athen intervenierte und Kronprinz Konstantin für den Vor­ sitz des Organisationskomitees gewann, kam Land in Sicht.

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Der Geldgeber: Georgios Averoff ermöglichte ein großartiges Stadion.

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Als Einnahmequelle wurde ein Briefmarken-Satz, die ersten Sport-Sondermarken der Geschichte, aufgelegt. Einen großen Schub erhielt das Unternehmen mit der Entscheidung, das antike Stadion des Herodes Atticus in großem Stil, nämlich in strahlendem Marmor, wieder auf­ zubauen, was im Übrigen nur durch das Engagement eines ebenso potenten wie großzügigen Mäzens möglich wurde: Georgios Averoff, ein reicher Exil-Grieche aus Alexandria, der fast eine Million Drachmen zur Verfügung stellte. Selbst wenn sich die Anlage erst zehn Jahre später in voller Pracht präsentieren sollte, lieferte sie doch ein großartiges Ambien­ te, das ganz wesentlich zum Erfolg der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit beitrug. Mehr noch: Wohl kein anderer Ort der Welt bot 70.000 Sitzplätze sowie Zehntausende mehr auf den umgebenden Berghängen. Im Jahr 2004 erstrahlte das hufeisenförmige Baudenkmal in neuem Glanz und mit dem ­Bogenschießen beherbergte es auch einen olympischen Wettbewerb. Als zentrales Olympiastadion kam es freilich nicht in Frage. Schon die Laufbahn ist mit ihren 333,33 m


und den engen Kurven nicht mehr zeitgemäß. So kann der ­ esucher gerade an diesem Ort eindrucksvoll nachvollziehen, B wie sehr sich die Welt – auch die des Sports – verändert hat. Als am Ostermontag, dem 5. April 1896, nach dem in Griechenland gültigen Julianischen Kalender war es der 25. März, um 15.15 Uhr die königliche Familie das Stadion betrat, war mehr oder weniger ganz Athen zugegen, das zu dieser Zeit kaum mehr als 135.000 Einwohner zählte. Nach­ dem der König die Spiele eröffnet hatte, ließen 300 Sänger »La cantate des Jeux Olympiques« erklingen, ein Musikstück, das Spyros Samaras eigens zu diesem Anlass komponiert hatte und das später zur offiziellen Olympischen Hymne er­ hoben wurde. Dann begann mit vier Vorläufen über 100 m das sportliche Programm. Die erste Entscheidung erfolgte im Dreisprung, wobei der Amerikaner James Brendan Connolly den Sieg davontrug. Für ihn schlugen 13,71 m zu Buche, und wenn dies nicht für Gold, sondern »nur« für Silber reichte, so war das dem Sparzwang der Griechen geschuldet: Medaillen gab es jeweils nur für die ersten beiden, während die Sie­ ger – wie ihre antiken Vorgänger – zudem einen Olivenzweig erhielten. So gestaltete man die Siegerehrung recht feierlich, zumindest mit Flaggen und Hymnen, wenn auch ohne das heute übliche Treppchen, das erst 1932 eingeführt wurde. Höhepunkt der zehntägigen Veranstaltung war, nicht nur aus griechischer Sicht, ein Wettbewerb, der in Athen seine Weltpremiere erfuhr: Der Marathonlauf. Bezug neh­ mend auf die berühmte Legende – ein Bote soll 490 v. Chr. nach der Schlacht der Griechen gegen die Perser von Mara­ thon nach Athen gelaufen und nach Verkündung des Sieges tot zusammengebrochen sein – hatte man ein Rennen auf eben dieser Strecke organisiert, ohne die Anforderungen an den menschlichen Organismus einschätzen zu können. Umso bemerkenswerter waren die erzielten Leistungen: Für die etwa vierzig Kilometer – erst 1908 wurde die Länge der Strecke auf 42,195 km festgelegt – benötigte der Sieger weni­ ger als drei Stunden. Das war ein wahrhaft freudiges Ereignis für die Griechen, zumal es sich um einen der ihren handelte: Spiridon Louis. Der einfache Bauernsohn avancierte zu einem Volkshelden und einem ersten olympischen Star, wobei man weit entfernt war vom heute üblichen Personenkult, von

Olympiasieger: Spiridon Louis und James Brendan Connolly.

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­ iner »Vermarktung« ganz zu schweigen. Dass es aber alle­ e mal zu einem gewissen Ruhm reichte, belegt die Einladung, die ­Louis vierzig Jahre später zu den Spielen nach Berlin er­ hielt, um beim »Einmarsch der Nationen« die griechische ­Delegation anzuführen.

• Olympische »Wanderspiele« Nahm sich der Rahmen zumindest nach heutigen Maß­ stäben auch vergleichsweise bescheiden aus – »nur« 262, ausnahmslos männliche Teilnehmer aus 13 Nationen waren am Start, davon etwa siebzig Prozent Griechen – geriet die Veranstaltung doch zu einem großen Erfolg. Auch Coubertin hätte restlos begeistert sein dürfen, wenn nicht der berech­ tigte Stolz der Gastgeber Begehrlichkeiten geweckt hätte: Sie wollten die Spiele dauerhaft »behalten«, in Griechenland, an ihrem vermeintlich angestammten Ort. Vielleicht wäre Coubertins Prinzip der »Wanderspiele« tatsächlich ad acta gelegt worden, wenn ihm die Zeitläu­ fe nicht in die Karten gespielt hätten. Die Griechen plagten nämlich zunächst andere Sorgen: Große wirtschaftliche Prob­ leme und ein Krieg mit der Türkei. So wanderten die Spiele 1900 und 1904 nach Paris und St. Louis, ohne freilich den Erfolg von Athen auch nur annä­ hernd wiederholen zu können. Im Gegenteil: Die Wettkämpfe gingen jeweils im Trubel der Weltausstellungen unter. Große Enttäuschung allenthalben, die den griechischen Ambiti­ onen neuen Auftrieb verlieh. Nolens volens stimmte Cou­ bertin einem Kompromiss zu: 1906 und dann alle vier Jahre sollten die Spiele, gleichsam außerplanmäßig, in Athen ga­ stieren und ansonsten weiterhin auf Reisen gehen. Da dieses Prinzip nur einmal, nämlich 1906, zum Tragen kam, hielt sich Coubertins Bedauern in Grenzen, auch wenn – oder gerade weil – es sich wiederum um ein glanzvolles Fest handelte. Ja: »richtige« Olympische Spiele, die, mit dem Etikett »Zwischen­ spiele« versehen, von der Sporthistoriographie nicht immer hinreichend gewürdigt werden. Unstrittig ist dagegen, dass die folgenden Spiele, 1908 in London und vier Jahre später in Stockholm, nicht hinter

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der Athener Vorgabe zurückblieben. Mehr noch: Allmählich hatte sich die Olympische Bewegung etabliert. So waren in der schwedischen Hauptstadt immerhin knapp 2.500 Aktive, davon 53 (!) Frauen, aus 28 Ländern am Start. Auf dieser Basis ließ sich auch der erste große GAU verkraften: Der Krieg. Zwar hatte sich die Macht des Faktischen gegenüber der Olympi­ schen (Friedens-)Idee als stärker erwiesen, die nach Berlin vergebenen Spiele von 1916 wurden nicht einmal explizit abgesagt, doch immerhin ging es nach Kriegsende weiter, wenn auch zunächst 1920 und 1924, in diesem Jahr standen erstmals auch Winterspiele auf dem Programm, ohne die Deutschen. Sie sollten allerdings bald ihre zweite große Chance ­erhalten: 1931 wurde Berlin noch einmal zur Ausrichterstadt gekürt. Dass auch dieser Anlauf nicht gerade unter einem ­guten Stern stand, hing mit der Machtübernahme von Hitlers Nationalsozialisten zusammen, die das große Sportfest nach allen Regeln der Propaganda-Kunst instrumentalisierten. Wenn daraus eine großartige olympische Inszenierung resul­ tierte, ist die Widersprüchlichkeit eines Ereignisses angespro­ chen, das bis heute unterschiedlich rezipiert wird.

Noch immer eindrucksvoll und bisweilen umstritten: Das Berliner Olympiastadion.

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• Olympisches Wettrüsten

Avery Brundage

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Das Jahr 1945 markiert auch für die Olympische Bewegung eine Zäsur. Fortan wurde die Teilung der Welt in Ost und West auch im Sport offenkundig und die Arena zu einem bevor­ zugten Schauplatz »kalter« Ersatz- und Stellvertreterkriege umfunktioniert. Mit der Anfang der fünfziger Jahre beschlos­ senen Aufnahme der Sowjetunion in die olympische Familie begann ein sportliches Wettrüsten ohne Beispiel sowie ein sportpolitisches Ränkespiel, das erst mit der weltpolitischen »Wende«, also Anfang der neunziger Jahre ein vorläufiges Ende fand. Verstärkt wurde die Problematik durch den zu­ nehmenden Massencharakter der Medien, die dem Sport und vor allem den Olympischen Spielen eine immer breitere Öf­ fentlichkeit garantierte und damit ungewollt die Gefahr einer tief greifenden Instrumentalisierung potenzierte. Im Fokus ständiger Querelen stand etwa die Frage der geteilten Staaten: China, Korea und vor allem Deutschland. Gerade die Deutschen in West und Ost bereiteten nachhal­ tige Schwierigkeiten, denen das IOC und sein Präsident ­Avery Brundage (1952 – 1972) durch ein spezifisches Krisenma­ nagement zu begegnen versuchte. Letztlich scheiterte aber das Bemühen, mit der Verpflichtung zu einer gemeinsamen Mannschaft der – seit 1961 durch eine Mauer zementierten – Teilung des Landes mit einer »sportlichen Geographie«, den Begriff hatte Coubertin einst geprägt, zu begegnen. Ab 1968 – also auch vier Jahre später bei den Spielen von München – waren BRD und DDR mit je eigenen Teams olympisch präsent, ohne dass damit das Minenfeld sportpolitischer Streitigkeiten vollends entschärft worden wäre. Im Verlaufe der siebziger Jahre verstärkte sich auch der Streit um Südafrika. Unter Verweis auf die dortige ApartheidPolitik verzichteten mehrere afrikanische Staaten 1976 auf ihren olympischen Auftritt in Montreal. Dies war der erste größere Boykott Olympischer Spiele, dem zwei weitere fol­ gen sollten: 1980 in Moskau fehlten die USA sowie viele ihrer Parteigänger, darunter die Bundesrepublik, aus Protest gegen den Ende 1979 erfolgten Einmarsch der UdSSR in Afghanistan, während diese sowie die DDR und mit Ausnahme Rumäni­ ens und Chinas alle übrigen sozialistischen Staaten vier Jahre


später ihrerseits den Spielen von Los Angeles fernblieben. Mit Blick auf die kommende, ebenfalls politisch problematische Ausrichterstadt, das südkoreanische Seoul, hegten viele Kommentatoren arge Befürchtungen, manche sahen gar das Ende der Spiele und der sie tragenden Idee nahen.

• Der neue Boom Dass alles ganz anders kam, war nicht zuletzt glücklichen ­ mständen, aber auch einem Führungs- und Richtungswech­ U sel innerhalb der Olympischen Bewegung zu danken: Die 1980 in Moskau vollzogene Wahl Juan Antonio Samaranchs zum IOCPräsidenten markiert den Beginn einer Ära und einer rasanten Entwicklung, die viel Anerkennung, aber auch manche Kri­ tik hervorrief. Es handelte sich um einen Prozess tief greifen­ der Modernisierung, der mit dem Begriff der Kommerzialisie­ rung treffend, wenn auch nicht hinreichend charakterisiert ist. Entscheidende Katalysatoren waren der Olympische Kongress von 1981 in Baden-Baden, der – Stichwort: Amerikanisches Basketball-»Dream-Team« – den endgültigen Abschied von ­Coubertins Amateurideal beschloss, sowie die Spiele von Los Angeles, die, erstmals rein privatwirtschaftlich finanziert, Ge­ winn abwarfen. Für Montreal hatte die Ausrichterfunk­tion noch beinahe den Ruin bedeutet, während sich die Defizite von Moskau in den Untiefen des Staatshaushaltes verloren. Wenn fortan die Aussicht bestand, mit Olympischen Spielen Geld zu verdienen, erhöhte das natürlich deren Attraktivität, doch mehr noch als dies fiel das Ende des Kalten Krieges ins Ge­ wicht. Endlich konnte der von Coubertin formulierte univer­ sale Anspruch – »All Games, all Nations« – eingelöst werden. Wenn man bedenkt, dass Los Angeles 1984 der weltweit einzige (!) Interessent für die Ausrichtung der Spiele war und Seoul nur einen Mitbewerber aus dem Feld zu schlagen hatte, während heutzutage die Kandidaten Schlange stehen, stellt sich die olympische Entwicklung der achtziger und neunziger Jahre als eine Erfolgsgeschichte dar, die freilich manchen Schönheitsfehler aufweist. So wurde nicht zu Unrecht vielfach beklagt, dass der neue Boom mit einer Inflation der Wer­ te und einem Verfall der guten Sitten einhergehe und einen

Juan Antonio Samaranch

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Bruch mit der Tradition darstelle. Wie jede, weist eben auch die olympische Medaille eine Kehrseite auf. Mit plus/minus zweihundert teilnehmenden Mannschaf­ ten, mehr als zehntausend Aktiven und mindestens ebenso vielen Berichterstattern sind die Grenzen des organisatorisch Machbaren erreicht, wenn nicht überschritten. So versteht sich die Ankündigung des im Jahr 2001 gewählten neuen »Herrn der Ringe«, Dr. Jacques Rogge, jedem weiteren Wachstum ­entgegenwirken zu wollen. Ein Ende also von »Citius, altius, fortius«? Diese Frage muss die Zukunft beantworten. Jacques Rogge

• Peking 2008 Nachdem die Olympischen Spiele 2004 gleichsam an den Ort ihres Ursprungs, nämlich nach Athen zurückgekehrt waren, gastierten sie vier Jahre später – nach 1964 (Tokio) und 1988 (Seoul) – zum dritten Mal in Asien und erstmals im »Reich der Mitte«, dem bevölkerungsreichsten Land der Erde, das der Olympischen Bewegung viele Jahrzehnte reserviert bis ableh­ nend gegenüber gestanden hatte. Mit der Entscheidung für Peking vollzog das IOC ­einen ebenso mutigen wie risikoreichen Schritt im Sinne seines glo­ balen olympischen Anspruchs, der zugleich die Sorge weckte, dass die Spiele als Anlass und Vehikel genutzt werden könnten, um über den Sport hinausgreifende Interessen zur Geltung zu bringen. In diesem Sinne wurde bereits der traditionelle Staf­ fellauf des Olympischen Feuers als Menetekel empfunden, ge­ riet er doch ins Zentrum teils dramatischer Aktionen, die eine weltweite Aufmerksamkeit auf die Frage der Menschenrechte und insbesondere auf die Lage in Tibet lenken sollten. Zudem wurde zu entsprechenden Maßnahmen gegen das Gastgeber­ land aufgerufen und vereinzelt auch wieder einem Boykott das Wort geredet. Das IOC verwahrte sich gegen entsprechen­ de Forderungen und betonte seine politische Neutralität, um gleichzeitig auf – bereits erfolgte oder zu erwartende – po­ sitive Entwicklungen in China zu verweisen. Immerhin nähr­ te die zumindest temporäre Öffnung des Landes für Besucher, namentlich für Journalisten aus aller Welt, die Hoffnung auf die Förderung eines nachhaltigen ­politischen und sozialen

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F­ ortschritts sowie die weitere Integration Chinas in die univer­ sale Verantwortungsgemeinschaft. Mit der grandiosen Eröffnung der Spiele im größten ­»Vogelnest« der Welt richtete sich das Augenmerk wieder auf das Sportfest selbst, auf die großartigen Wettkampfanlagen, die perfekte Organisation, die Freundlichkeit der Gastgeber – und natürlich auf den Sport. Insbesondere die überragenden Leistungen der Athleten aus dem Gastgeberland weckten Bewunderung. Zwar verzeich­ nete man mit genau 100 Treppchen-Plätzen zehn weniger als die Konkurrenten aus den USA, doch mit 51 gegenüber 36 Goldmedaillen etablierte sich China erstmals deutlich an der Spitze der – nach wie vor inoffiziellen – Nationenwer­ tung. Die deutsche Mannschaft erreichte mit insgesamt 41, davon 16 goldenen Medaillen nach Russland und Großbritan­ nien einen ehrenvollen fünften Platz. Freilich schwang bei aller Begeisterung auch die bran­ chenübliche Skepsis mit, wenngleich vor Ort, anders als zuvor in Athen, die Spiele selbst nicht von spektakulären Doping­ fällen belastet wurden. Anlass zu Zweifeln boten insbeson­ dere das Auftreten der beiden Superstars von Peking: Der ja­ maikanische Sprinter Usain Bolt verbesserte die Weltrekorde über 100 und 200 m und wurde als der »neue Kaiser von Chi­ na« gefeiert, während das amerikanische Schwimmwunder Michael Phelps mit acht Siegen und sieben Weltrekorden die legendäre Bestmarke seines Landsmanns Mark Spitz über­ traf und zum erfolgreichsten Olympiateilnehmer aller Zeiten avancierte. So blieben manche Fragen offen, auch wenn oder gerade weil die Spiele von Peking als das olympische Sportfest der Superlative in die Geschichte eingegangen sind. Nie wa­ ren so viele Mannschaften (204) am Start, nie so viele weib­ liche (4.637) und männliche (6.305) Aktive akkreditiert, nie wurden so viele Wettbewerbe (302) ausgetragen. Diesbezüglich scheint das Ende der Fahnenstange er­ reicht. Doch blanke Statistik sollte nicht als zentrales Quali­ tätsmerkmal der Spiele gelten. Im Übrigen gilt: Nach den Spie­ len ist vor denselben! Die Gastgeber für die nächsten Spiele, ­London und Rio de Janeiro, werden eigene Maßstäbe anlegen und eigene Akzente setzen. Die olympische Karawane zieht weiter. Man darf gespannt sein und – man darf sich freuen.

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Die Spiele in Zahlen Olympiade

Jahr

Stadt

Nationen

Wettkämpfer /innen

I

1896

Athen, Griechenland

14

241

II

1900

Paris, Frankreich

24

975

22

III

1904

St. Louis, USA

12

676

6

IV

1908

London, Großbritannien

22

1.971

37

V

1912

Stockholm, Schweden

28

2.359

48

VI

1916

ausgefallen (Berlin war vorgesehen)

VII

1920

Antwerpen, Belgien

29

2.561

65

VIII

1924

Paris, Frankreich

44

2.954

135

IX

1928

Amsterdam, Niederlande

46

2.606

277

X

1932

Los Angeles, USA

37

1.206

126

XI

1936

Berlin, Deutschland

49

3.632

331

XII

1940

ausgefallen (zunächst war Tokio, dann Helsinki vorgesehen)

XIII

1944

ausgefallen (London war vorgesehen)

XIV

1948

London, Großbritannien

59

3.714

390

XV

1952

Helsinki, Finnland

69

4.436

519

XVI

1956

Melbourne, Australien

72

2.938

376

Reiterspiele in Stockholm, Schweden

29

147

12

XVII

1960

Rom, Italien

83

4.727

611

XVIII

1964

Tokio, Japan

93

4.473

678

XIX

1968

Mexiko-Stadt, Mexiko

112

4.729

781

XX

1972

München, Bundesrepublik Deutschland 121

6.075

1.059

XXI

1976

Montreal, Kanada

92

4.824

1.260

XXII

1980

Moskau, UdSSR

80

4.064

1.115

XXIII

1984

Los Angeles, USA

140

5.263

1.566

XXIV

1988

Seoul, Korea

159

6.242

2.197

XXV

1992

Barcelona, Spanien

169

6.652

2.704

XXVI

1996

Atlanta, USA

197

6.806

3.512

XXVII

2000

Sydney, Australien

199

6.582

4.069

XXVIII

2004

Athen, Griechenland

201

6.296

4.329

6.305

4.637

XXIX

2008

Peking, China

204

XXX

2012

London, Großbritannien

Erwartet wird die Teilnahme

von 205 NOKs sowie die Entsendung

von 10.500 Athleten

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Symbolik und ­Zeremoniell Die Olympischen Spiele sind mehr als nur Sport. Sie stehen auch für eine übergreifende Idee. In der Olympischen ­Charta sind die entsprechenden »fundamentalen Prinzipien« aus­ gewiesen, die nicht zuletzt in Symbolik und Zeremoniell ­offenkundig werden: Die fünf Ringe, Feuer und Fackel und manches mehr. Im Folgenden werden die wesentlichen Ele­ mente vorgestellt.

• Die Olympischen Ringe Die fünf ineinander verschlungenen Ringe zählen zu den ­bekanntesten Symbolen überhaupt. Sie sind das offizielle Erkennungs- oder Markenzeichen der Olympischen Bewe­ gung. Ihr »Wert« ergibt sich aus der Klarheit ihrer Botschaft: Sie ­stehen für die Kontinente und ihre Verbundenheit in der Olympischen Idee. Zwar läge es auf der Hand die Far­ ben – gelb, blau, schwarz, grün und rot – einzelnen Erdtei­ len zuzuordnen, doch der Gedanke ihres »Erfinders« Pierre

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de ­Coubertin war, dass sich mindestens eine der gewählten Farben in jeder Nationalflagge wieder findet. Erstmals 1920 bei den Spielen von Antwerpen aufgezogen, zieren die Rin­ ge auf weißem Grund die Olympische Fahne. Im Rahmen der Schlussfeier wird diese dem Bürgermeister der nächsten Olympiastadt überreicht.

• Das Olympische Versprechen Schon die Teilnehmer der antiken Olympischen Spiele hatten einen Eid zu leisten. An diese Tradition knüpfte man 1920 an. Ein Athlet gelobte stellvertretend für alle ein regelgerechtes und ehrenvolles Auftreten. Ähnliches beeidet seit 1972 auch ein Vertreter der Kampfrichter. Im Jahr 2000 hat man ein ­Versprechen zum Dopingverzicht in die offizielle Formel auf­ genommen. Diese lautet nun wie folgt:

Premiere in Antwerpen: Der Belgier Victor Boin spricht den ersten ­Olympischen Eid.

»Im Namen aller Wettkämpfer gelobe ich, dass wir im ­Geiste der Sportlichkeit, zum Ruhme des Sports und zur Ehre unserer Mannschaften an diesen Olympischen Spielen teilnehmen und dabei die Regeln, die für sie gelten, achten und befolgen und uns einem Sport ohne Doping und ­Drogen verpflichtet fühlen.«

• Das Olympische Feuer Bereits in der Antike kam dem Feuer ein hoher Symbolgehalt zu. Überliefert sind auch Fackelstaffelläufe, deren Sieger den Opferaltar entzünden durften. Seit 1928 stehen die Olym­ pischen Spiele der Neuzeit im Zeichen des Feuers. Dessen Entzündung stellt einen Höhepunkt der Eröffnungsfeiern dar. Wem die Ehre jeweils zukommt, ist ein gut gehütetes Geheimnis. In Sydney war es Cathy Freeman, vier Jahre zu­ vor Muhammad Ali. Die eigentliche Entzündung des Feuers erfolgt an antiker Stätte, im griechischen Olympia, von wo es mittels eines Fackelstaffellaufes an den jeweiligen Ort des Geschehens gebracht wird. Diese Praxis wurde erstmals 1936 geübt und zwar auf Initiative Carl Diems, des Organisators der

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Spiele von Berlin. Damals legten Läufer eine Strecke von 3.050 km zurück. Inzwischen sind – bis hin zu Laser oder ­Satellit – fast alle denkbaren Transportmöglichkeiten zum Tragen gekommen. Auch im Vorfeld der Spiele von London wird das Feuer auf traditionelle Weise mit Hilfe eines Hohlspiegels entzündet. 21 als antike Priesterinnen verkleidete Schauspie­ lerinnen werden einen Tanz zu Ehren der Göttin Hera auf­ führen, um sie zu bitten, »den Geist der Tugend in die Seelen der Athleten zu bringen«. Nach den unerfreulichen Vorfällen und Schlagzeilen rund um den Fackellauf im Vorfeld der Spiele von Peking, der für öffentlichkeitswirksame Proteste gegen die Verletzung der Menschenrechte in China genutzt oder missbraucht wurde, hat das IOC beschlossen, die Fackel nach ihrer Entzündung in Olympia zukünftig jeweils nur noch durch das Land wandern zu lassen, in dem die Spiele stattfinden. Vor diesem Hintergrund hat das Organisationskomi­ tee London 2012 angekündigt, dass 95 Prozent aller Briten die Möglichkeit erhalten würden, mit einem Reiseauf­ wand von höchstens einer Stunde die Fackel live zu sehen. Der Start des Fackellaufs erfolgte am 10. Mai, die Strecke soll 12.875 km, also britisch berechnet 8.000 Meilen umfassen

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und ­dementsprechend 8.000 Fackelträger im Einsatz sein. Der oder die letzte der Auserwählten soll am 27. Juli 2012 mög­ lichst auf die Sekunde genau zum vorgesehen Zeitpunkt im Rahmen der Eröffnungsfeier vor den Augen der Weltöffent­ lichkeit auf möglichst spektakuläre Weise das Olympische Feuer entzünden, das dann weithin sichtbar brennen wird, bis es im Rahmen der Schlussfeier eher unspektakulär zum Erlöschen gebracht wird.

• Die Olympische Hymne Weniger bekannt als Feuer und Ringe ist die Olympische ­Hymne, auch wenn diese traditionell im Rahmen der Eröff­ nungs- und Schlussfeiern zum offiziellen Zeremoniell ge­ hört. Bereits 1896 wurde »La cantate des Jeux Olympiques« ur­aufgeführt, bevor das IOC 1958 diese von Spyros Samaras komponierte Interpretation eines Poems des berühmten griechischen Dichters Kostis Palamas zur offiziellen Olympi­ schen Hymne erhob.

• Das Olympische Motto »Dabei sein ist alles!«: Dies wird vielfach als olympischer Wahlspruch zitiert. In der Formulierung Pierre de Couber­ tins hieß es: »Teilnehmen ist wichtiger als Siegen.« Das in der Olympischen Charta ausgewiesene Motto lautet freilich: ­»Citius, Altius, Fortius« – »Schneller, Höher, Weiter«. Dies ver­ steht sich als Aufforderung zu einem ständigen Streben nach menschlicher Vervollkommnung. Olympische Noten: Ein griechisches Erbe.

• Eröffnungs- und Schlussfeiern Die Eröffnungs- und Schlussfeiern gelten als Höhepunk­ te der Olympischen Spiele. Obwohl – oder weil – gar kein Wettkampf im engeren Sinne stattfindet, sind die Einschalt­ quoten sowie die Eintrittspreise am höchsten. Es handelt sich um Unterhaltung auf höchstem Niveau, eine kulturelle

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Von Hand zu Hand: Die Ringe als Zeichen für Frieden und Völker­ verständigung.

­ räsentation des Gastgeberlandes und eine visuelle Umset­ P zung der Olympischen Idee. Das offizielle Zeremoniell ist vom IOC genau vorgeschrieben, das künstlerische Programm ob­ liegt der freien Gestaltung. Wichtiger – und zeitraubendster – ­Bestandteil der Eröffnungsfeier ist der Einmarsch der Mann­ schaften hinter ihrer jeweiligen Nationalflagge. Als erstes kommt traditionell die griechische, als letzte die Mannschaft des Gastgeberlandes. Nachdem dessen Staatsoberhaupt die Eröffnungsformel gesprochen hat, erklingt die Olympische Hymne und die Fahne zieht ein. Dann erreicht die Flamme das Stadion, mit der das Olympische Feuer entzündet wird. Zum Ausklang taucht ein Feuerwerk das Stadion in ein Meer von Farben und Klängen. Die Schlussfeier ist oft von einer ge­ wissen Melancholie getragen. Die Athleten – seit 1956 ziehen sie in freier Formation, also »bunt durcheinander gemischt« ins Stadion – verabschieden sich, die Fahne wird eingeholt und dem Ausrichter der nächsten Spiele übergeben. Dann verlischt die Flamme und es bleibt die Hoffnung auf ein ­Wiedersehen in vier Jahren.

Risiken und ­Gefahren Jede Medaille hat zwei Seiten. So ist auch der seit Anfang der achtziger Jahre anhaltende Boom der Olympischen Spiele mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Kritiker verweisen etwa darauf, dass mit der Öffnung der Spiele für professio­ nelle Sportler, einer weitreichenden Vereinnahmung durch

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Der Schatten von München bleibt: Olympia im Zeichen des Terrors.

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die Medien, einer schier grenzenlosen Vermarktung oder einem stets zunehmenden, sich inzwischen gigantisch aus­ nehmenden organisatorischen Aufwand die Diskrepanz ­zwischen ursprünglicher Idee und aktueller Wirklichkeit sehr groß geworden sei. Tatsächlich haben die Spiele innerhalb relativ kurzer Zeit ein völlig anderes Gesicht erhalten. Wenn inzwischen jeweils mehr als zehntausend aktive und noch weit mehr »passive« Teilnehmer, sprich Betreuer, Berichterstatter und Besucher, bei den Sommerspielen akkreditiert, unterzubringen, zu ver­ pflegen und zu transportieren sind, ist die Grenze des Mach­ baren erreicht, wenn nicht überschritten. Von der Frage der Sicherheit ganz zu schweigen. Dieses Thema ist seit 1972, als in München elf Mitglieder der israelischen Mannschaft einem brutalen Terroranschlag zum Opfer fielen, ein brisantes Pro­ blem, das immer schwerer zu bewältigen und mit immer ­höheren Kosten verbunden ist. IOC-Präsident Rogge hat jedem weiteren Wachstum ei­ nen Riegel vorgeschoben – allein die Frage der Umsetzung bleibt bis auf weiteres offen. Fakt ist, dass der immer grö­ ßere Aufwand mit immer größeren Kosten einhergeht. Diese sind längst explodiert und haben nur deswegen (noch) nicht zum Konkurs geführt, weil auch die Einnahmen in erheb­


lichem Maße gestiegen sind. Seit 1984 werfen die Spiele sogar ­ ewinn ab. So hofft auch London für die Spiele von 2012, dass G sich die Investitionen letztlich rechnen werden. Das Risiko aber bleibt. Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Flaute ist die Bewerbung und erst recht die Ausrichtung Olympischer Spiele eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Was ebenfalls bleibt, ist die Gefahr einer Vereinnah­ mung durch die Medien und den Kommerz. Natürlich müssen die Spiele finanziert werden, doch darf dies nicht bedeuten, seine olympische Seele zu verkaufen. Wer bezahlt, bestimmt! Soweit dieser Grundsatz gilt, ist gewissenhaft abzuwägen, ab wann der Preis zu hoch wird. Gegebenenfalls muss auf diesen Euro oder jenen Dollar verzichtet werden. Keine Kompromisse, um eine letzte und gravierende Gefahr – manche sprechen von einem »Krebsgeschwür des Sports« – an dieser Stelle anzusprechen, sind in Sachen Do­ ping erlaubt. Mag die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit und der Sponsoren sowie der persönliche Ehrgeiz der Ak­ tiven auch erheblich gestiegen sein, rechtfertigt dies in ­keiner ­Weise den Griff zu unerlaubten Mitteln und Methoden. Be­ greift sich das IOC als oberste Instanz des Weltsports, muss es seiner Verantwortung für einen »sauberen« Sport gerecht werden. Abgesehen davon, dass Doping schwerwiegende gesundheitliche (Spät-)Folgen zeitigen kann, handelt es sich um einen Verstoß gegen die Olympische Idee, die unter an­ derem Fairplay und Chancengleichheit für alle reklamiert. Schließlich wird durch das Fehlverhalten (vieler) Einzelner der pädagogische Anspruch des Ganzen untergraben. Wird Topathleten nach wie vor eine Vorbildfunktion zugewiesen, muss ihnen tadelloses Verhalten im Wettkampf und außer­ halb desselben abverlangt – und dieses im Übrigen auch ­honoriert werden. Kontrolle ist gut, Einsicht ist besser! In diesem Sinne mag der Ansatz der Olympischen Erziehung greifen. Gerade der Jugend müssen die sportlichen Werte und das Bewusstsein vermittelt werden, dass der Erfolg eben nicht die Mittel hei­ ligt. Wenn man damit in der Schule beginnt, ist die Hoffnung erlaubt, langfristig einer Problemlösung näher zu kommen. Dies wäre ein olympischer Sieg eigener Art, der aller Anstren­ gung wert ist.

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II.

Olympische Bewegung in Deutschland

Olympia und die Deutschen • Olympische Premiere

Der »deutsche Coubertin«: Dr. Willibald Gebhardt.

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Auch wenn es nur »eine kleine Achtungsvertretung« gewe­ sen sein mochte, war bei der olympischen Premiere 1896 in Athen auch Deutschland mit von der Partie. Immerhin 19 »Athleten«, meist Turner, hatten sich auf den weiten Weg gemacht, nicht nur um teilzunehmen, sondern auch um zu gewinnen – und dies nicht weniger als siebenmal. Als vierfacher Olympiasieger avancierte der Berliner Carl Schuhmann gar zum erfolgreichsten Athleten der Spiele. Er gewann im Ringen sowie im Pferdsprung und war Mitglied der siegreichen Barren- und Reck-Mannschaften. Zu den Riegen zählten auch die Cousins Alfred und Gustav Felix Fla­ tow. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft sollten sie später von den Nationalsozialisten verfolgt werden und 1942 bzw. 1945 jeweils in Theresienstadt den Tod finden. Dass Deutschland – neben zwölf anderen Nationen – überhaupt von Anfang an dabei war, ist Dr. Willibald Gebhardt zuzuschreiben. Der Berliner Chemiker zeigte sich begeistert von der olympischen Initiative Pierre de Coubertins und grün­ dete im Januar 1896 ein »Komitee für die Beteiligung Deutsch­ lands an den Olympischen Spielen zu Athen«, den Vorläu­ fer eines Nationalen Olympischen Komitees. Freilich sah er sich mit erheblichem Widerstand konfrontiert, insbesondere seitens der Deutschen Turnerschaft, die ihn und die übrigen Athen-Fahrer unpatriotischen Verhaltens bezichtigte. Die Tur­ ner lehnten nämlich ein internationales Großsportfest ab und plädierten stattdessen für ein »nationales Olympia«. Zunächst blieb die Beziehung zwischen Deutschland und der Olympischen Bewegung schwierig. Zwar gab es bald Am­ bitionen, sich selbst um die Gastgeberrolle zu bewerben, doch zuerst musste ein Stadion her. Und dies war teuer und ließ


auf sich warten, bis es 1913 von Kaiser Wilhelm II. endlich im Grune­wald eingeweiht wurde. Das große Friedensfest, das drei Jahre später in Berlin stattfinden sollte, fiel jedoch dem Krieg zum Opfer, als sich die »Jugend der Welt« nicht auf den Sport-, sondern auf den Schlachtfeldern begegnete. Nun musste man sich zwei weitere Jahrzehnte gedulden, blieb 1920 und 1924 als Kriegsverlierer und -verursacher von einer Teilnahme ausge­ schlossen, bevor dann 1931 Berlin und 1933 Garmisch-Parten­ kirchen als Olympiastädte ausgewählt wurden.

Deutsche Turner in Athen: Alfred Flatow (links) und Carl Schuhmann gewinnen 1896 Gold für Deutschland.

• Spiele unterm Hakenkreuz Nachdem die Nationalsozialisten der Olympischen Idee ­zunächst ablehnend gegenüberstanden, erkannten sie das große Potenzial des Sportfestes als Propagandainstrument. So scheuten sie weder Kosten noch Mühen, um die bis dahin auf­ wändigsten Spiele in Szene zu setzen, die ihre Wirkung nicht verfehlten, zumal eine die Diskriminierung der Juden in der deutschen Gesellschaft und im Sport anprangernde interna­ tionale Boykottbewegung nicht zum Tragen gekommen war. Unter der Federführung von Carl Diem gelang eine per­ fekte Organisation und Inszenierung, der Leni Riefenstahl mit ihren ebenso bewunderten wie kritisierten Bildern ein – später umstrittenes – Denkmal setzte. Eingefangen wurden etwa auch Impressionen des Fackelstaffellaufes mit dem im

Carl Diem

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Berliner Begegnungen: Der deutsche Weitspringer Lutz Long und Jesse Owens.

griechischen Olympia entzündeten Feuer, eine der vielen In­ novationen Diems, die Eingang ins olympische Zeremoniell fanden. Für die Fairness des Berliner Publikums spricht, dass es keineswegs nur die zahlreichen deutschen Erfolge bejubelte. Im Gegenteil: Zu seinem Liebling erkor es den farbigen Ame­ rikaner und vierfachen Goldmedaillengewinner Jesse Owens, der Hitlers Ideologie der Überlegenheit der nordischen Rasse offenkundig ad absurdum führte. Erstmals wurde Olympia übrigens auch im Fernsehen übertragen, das freilich nur auf wenigen privaten Geräten und in einigen öffentlichen Fern­ sehstuben zugänglich war. Der Siegeszug des neuen Mediums und mit ihm die Aufwertung des (olympischen) Sports zu dem Massenphänomen unserer Zeit sollte der zweiten Hälfte des Jahrhunderts vorbehalten sein. Bis auf weiteres aber hatte auch die Olympische Bewe­ gung schwierige Zeiten zu überstehen. Als Hitler die Welt mit Krieg überzog, blieb auch der Sport auf der Strecke. Die Spie­ le von 1940 und 1944 wurden abgesagt. Dass es drei Jahre nach Kriegsende in St. Moritz und London weiterging, spricht für die Stärke und Faszination der Idee, auch wenn – das inzwischen geteilte – Deutschland vorerst wieder ausgeschlossen blieb.

• Die deutsche Frage Als sich 1949 Bundesrepublik und DDR konstituierten, begann eine lange Zeit sportpolitischer Querelen. Ein ständiger Zank­ apfel war etwa die gesamtdeutsche Olympiamannschaft, an

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der das IOC den weltpolitischen Gegebenheiten zum Trotz bis 1964 festhielt. Erst vier Jahre später gingen erstmals zwei deutsche Teams an den Start, wenn auch übergangsweise mit einheitlichem Protokoll, nämlich den Olympischen Rin­ gen auf den deutschen Farben sowie Beethovens »Ode an die Freude« als Hymnenersatz. 1972 stand die deutsche Frage erneut im Blickpunkt, als sich die Jugend der Welt in München einfand. Es war ein Ge­ niestreich Willi Daumes, der die Gunst der Stunde nutzte und eine hervorragende Bewerbung zum Erfolg führte. Sein Ziel war es, ein ganz anderes, nämlich weltoffenes und fried­ liebendes Deutschland sowie dementsprechend »heitere Spiele« zu inszenieren, die sich zudem als ein »Gesamtkunst­ werk« ausnehmen sollten.

Willi Daume

Gemeinsam auf getrennten Wegen: Gesamtdeutsche Mannschaft 1964 in Tokio.

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• München ’72: »The Games must go on!«

Ulrike Meyfarth

Tatsächlich wurden, etwa mit der Architektur, der visuellen Gestaltung oder dem Rahmenprogramm, neue Maßstäbe gesetzt. Zu verzeichnen war zudem eine Explosion der Leis­ tungen. Unvergessen der sensationelle Sieg der 16-jährigen Ulrike Meyfarth im Hochsprung oder die sieben Goldmedail­ len des amerikanischen Schwimmers Mark Spitz. Bemerkens­ wert ist auch der in München vollzogene Aufstieg der DDR zur sportlichen Weltmacht: Nicht weniger als 66 Medaillen, da­ von 20 in Gold, katapultierten das kleinere Deutschland auf den dritten Rang der (inoffiziellen) Nationenwertung. Die Katastrophe der Münchner Spiele aber war eine ­andere: Der Anschlag auf das israelische Team, dem elf Mannschaftsmitglieder, ein Polizist und fünf palästinensische ­Terroristen zum Opfer fielen.

Tatort Olympisches Dorf.

Mutig und trotzig zugleich verkündete IOC-Präsident ­Brundage (oben): «The Games must go on!« Die Spiele gingen tatsächlich weiter, doch ihr Gesicht war für immer verändert. Längst hat das Thema »Sicherheit« einen prominenten Platz auf der olympischen Tagesordnung erobert.

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• (K)ein zweites Mal München? Beim Stichwort »München« verbindet sich der Blick auf die Vergangenheit mit dem Blick in die olympische Zukunft. Nach drei vergeblichen Bewerbungen um die Ausrichtungen Olympischer Spiele – Berchtesgaden (1992), Berlin (2000) und ­Leipzig (2012) – wurden dem neuerlichen Anlauf von deut­ scher Seite allgemein größere Chancen eingeräumt. Leider entschied sich das IOC im Juli 2011 gegen Mün­ chen – oder besser für Pyeongchang, so dass Feuer und Ringe fürs Erste nicht in die bayerische Metropole zurückkehren werden, um der Stadt ein einmaliges olympisches Güte­siegel zu verleihen, nämlich als weltweit erster Austragungsort Sommer- und Winterspiele zu beherbergen. Doch auch und gerade hierzulande weiß man, dass die Vergabe Olympischer Spiele eine Gleichung mit vielen Unbe­ kannten ist. Nicht zuletzt gehört – wie immer im Sport – das Glück des Tüchtigen dazu, wenn man der langen und wech­ selvollen Geschichte Deutschlands in der Olympischen Be­ wegung ein neues, vielleicht glanzvolles Kapitel hinzufügen möchte. So hat die Mitgliederversammlung des Deutschen Olym­ pischen Sportbundes (DOSB) im Dezember 2011 mit großer Mehrheit für einen erneuten Anlauf votiert. Nur die Frage des Zeitpunkts wurde offen gelassen. Also: 2022 oder 2026 oder …? Wie auch immer: Auch Geduld kann zu einer olympischen Disziplin werden.

Die Deutsche Olympia­mannschaft Deutschland war von Anfang an dabei. Schon 1896 in Athen zählte man zu den 13 olympischen Nationen der ersten ­Stunde, auch wenn es sich nur um eine kleine »Achtungs­ vertretung« handelte, deren Erfolge sich im Übrigen sehen lassen konnten. Seitdem waren die Deutschen bei allen Sommer- und Winterspielen präsent, sofern sie nicht explizit ausgeschlos­ sen waren. So geschehen 1920 und 1924 sowie 1948 infol­ ge der beiden Weltkriege. Zweimal kam es aus politischen

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Olympischer Zeitgeist als Modeerscheinung: 1932 und 2008.

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­ ründen auch zu einem Verzicht: 1980 blieb die bundes­ G deutsche Mannschaft den Spielen von Moskau fern, 1984 fehlte die DDR in Los Angeles. Zwischen 1968 und 1988 wa­ ren, der politischen Teilung geschuldet, jeweils zwei Teams am Start. Die herausragenden Leistungen der Athletinnen und Athleten dokumentieren sich in einer beeindruckenden Gesamt­bilanz: Seit 1896 wurden bei Sommer- und Winter­ spielen insgesamt mehr als 1.600 Medaillen gewonnen, da­ von über 500 in Gold. Der Anspruch ist nach wie vor, auch weiterhin zu den führenden Nationen im Weltsport zu zählen. Bei zuneh­ mender Konkurrenz – die Medaillen verteilen sich auf immer mehr Nationen – bedarf es dazu umso größerer Anstren­ gungen. Zudem wurde vom IOC inzwischen die Zahl der Teil­ nehmer bei Olympischen Spielen auf 10.500 limitiert. »Teilnehmen ist wichtiger als Siegen«: Dieses olympische Motto kann für exponierte Sport-Nationen nur bedingt den Ausschlag geben. So gilt etwa für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) der Grundsatz, dass nur solche Sportler mit der reellen Chance auf das Erreichen eines Finales (bzw. einen Platz unter den ersten acht) mit einer Nominierung rechnen dürfen.


Die sportfachlichen Kriterien werden dabei von den jeweili­ gen Fachverbänden in Abstimmung mit der Leistungssport­ abteilung des DOSB festgelegt. Neben den rein sportlichen Aspekten hat der DOSB auch weitere Grundsätze zur Nomi­ nierung für die Olympiamannschaft verabschiedet. Hierzu zählt, als unabdingbare Voraussetzung, der Nachweis regelmäßiger Dopingkontrollen – nicht nur bei Wettkämpfen, sondern auch im Training. Auf Vorschlag der Fachverbände erfolgt dann die ver­ bindliche Nominierung der Deutschen Olympiamannschaft durch das Präsidium des DOSB. Sofern alle Nominierten ihr Leistungspotenzial in den Qualifikationswettkämpfen aus­ schöpfen, dürfte das Team in London rund 400 Aktive sowie ca. 200 Betreuer umfassen. Alle Mitglieder der Mannschaft müssen den »Eligibility Code« des IOC unterzeichnen. Dieser verpflichtet dazu, die Regeln des IOC zu beachten, beispielsweise auch jede persön­ liche Werbetätigkeit während der Spiele zu unterlassen. Um einem möglichen Missverständnis vorzubeugen: Von der auf den ersten Blick groß erscheinenden Zahl der »Offi­ ziellen« sollte man nicht auf eine Art »Olympiatourismus« schließen. Der Erfolg der Aktiven hängt nämlich auch vor Ort

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von vielfältigen Voraussetzungen ab. Diese schaffen Trainer und Betreuer, Ärzte, Physiotherapeuten, Medienbetreuer, technisches Personal, Sicherheitskräfte, Seelsorger, Mitar­ beiter des Mannschaftsbüros sowie der Chef de Mission zu­ sammen mit den Mitgliedern der Delegationsleitung. Wenig bekannt ist auch, dass zahlreiche Spezialisten zum Team zäh­ len, die für den Erfolg in bestimmten Sportarten unerlässlich sind. Gemeint sind etwa Bootsbauer und Segelmacher, Zwei­ radmechaniker, Waffenmeister für die Bereiche Schießen und Fechten, Tierärzte, Hufschmiede und Pferdepfleger. Für eine erfolgreiche Teilnahme an den Spielen ist natürlich auch eine gezielte Vorbereitung, etwa in speziellen Trainings­ lagern, vonnöten. Um eine möglichst optimale Anpassung an die örtlichen Bedingungen zu gewährleisten, ist auch der Zeitpunkt der Anreise von großer Bedeutung. Dieser erfolgt, abgestimmt mit den Ärzten und Betreuern, in Abhängigkeit vom jeweiligen Wettkampfprogramm nach Disziplingruppen. So mag in diesem Fall eine längere Akklimatisierung geboten erscheinen, während in jenem ein Eintreffen erst unmittel­ bar vor Wettkampfbeginn hilfreich sein kann. Von Vorteil ist ­sicher, dass sich die klimatischen Verhältnisse in London – anders als etwa in Peking – von den hiesigen Gegebenheiten kaum unterscheiden. Mit großem logistischen Aufwand ist auch der Trans­ port von Sportgeräten und sonstigem Ausrüstungsmaterial verbunden. Besondere Beachtung verdienen dabei etwa Synchron auch im Gesichts­ ausdruck: Die »Leicht­ gewichte« Manuel Brehmer und Jonathan Koch (Peking 2008).

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Ganz stark: Matthias Steiner gewinnt in Peking Gold.

die wertvollen Turnierpferde. Aufwändig gestaltet sich auch der Transfer der Boote der Kanuten und Ruderer, die nach London allerdings, ebenso wie die Pferde, auf der Schiene oder der Straße transportiert werden können. Die Kielboote des Segelteams finden in einem Flugzeug ohnehin keinen Platz. Nur gut, dass diese nicht, wie 2008, erst nach einer fünfwöchigen Seereise ihr Ziel finden. Auch die hochwerti­ gen Rennräder oder die Stäbe der Stabhochspringer müssen pünktlich und unbeschädigt vor Ort eintreffen. Zum um­ fänglichen Olympiagepäck zählen aber auch die notwendige Ausstattung der Ärzte und Physiotherapeuten, Bürotechnik, Mannschaftsbroschüren, Gastgeschenke sowie spezielle Zu­ satzernährung. So reden wir über ein Frachtvolumen von über 150 Tonnen. Die Mitglieder der Mannschaftsleitung treffen bereits im Vorfeld der Spiele alle notwendigen Maßnahmen, um den Athleten vor Ort die bestmöglichen Bedingungen zu bieten. Während der Spiele werden dann täglich in aller Frühe Mann­ schaftsleitersitzungen abgehalten, um den vielfältigen orga­ nisatorischen Herausforderungen gerecht zu werden. Auch diese Arbeit im Hintergrund trägt zum Erfolg der Mannschaft bei, obgleich sich der Blick der Öffentlichkeit naturgemäß auf die Athleten richtet. Deren Erfolge aber dokumentieren immer auch die hervorragende Arbeit des gesamten Teams.

Gold mit der ­Mannschaft und mit FRH Butts ­Abraxxas: Ingrid Klimke (Peking 2008).

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III.

Die Paralympics

Wenige Tage nach den Olympischen Spielen wird im August 2012 in London erneut das Olympische Feuer, dann für die XIV.Paralympischen Sommerspiele entzündet. Unter den »Pa­ralympics« verstehen wir die Spiele für Sportler mit einer Körperbehinderung, einer Sehschädigung oder einer intel­ lektuellen Beeinträchtigung. Ursprünglich handelte es sich bei dem Begriff um ein Wortspiel, das die Wörter »paraple­ gisch« (gelähmt) und »olympisch« miteinander kombinierte. Da jedoch im Laufe der Zeit weitere Behinderungsformen in das Wettkampfprogramm aufgenommen wurden, wird der Begriff heute – nicht zuletzt wegen der engen Bindung an die Olympischen Spiele – als eine Kombination aus »parallel« und »olympisch« gedeutet. Seit 1988 heißen die Spiele of­ fiziell Paralympics, die vom Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) veranstaltet werden.

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Wie bei den Olympischen Spielen wird auch bei den Paralym­ pics in Sommer- und Winterspiele unterschieden. Die ersten Sommerspiele wurden 1960 in Rom, die ersten Winterspiele 1976 in Örnsköldsvik (Schweden) ausgetragen. Als Vater der Bewegung gilt der Arzt Sir Ludwig Guttmann, der während des Zweiten Weltkrieges die positive Wirkung sportlicher Betätigung auf das Wohlbefinden und die Lebensdauer von Menschen mit einer Querschnittlähmung erkannte. Er rief 1948 die Stoke Mandeville Games unweit von London ins Le­ ben, die heute als Vorläufer der Paralympischen Spiele gelten. Das Anwachsen der Paralympischen Bewegung zeigt sich besonders eindringlich durch die rasant steigende Zahl der Teilnehmer. Waren 1960 in Rom noch 400 Athleten aus 23 Nationen am Start, nahmen in Peking 4.124 Athleten aus 148 Nationen teil. Zu den Paralympics in London werden mehr als 4.100 Sportler aus über 160 Ländern erwartet. Schrittwei­ se wurde das Programm für Menschen mit Körperbehinde­ rungen (z. B. Amputation, Lähmung, Versteifung, Klein­ wuchs, Zerebralparese) sowie Blinde und Sehbehinderte ausgeweitet. Athleten mit einer intellektuellen Beeinträch­ tigung nehmen in London an Wettkämpfen in den Sport­arten Leichtathletik, Schwimmen sowie Tischtennis teil. Neben den Paralympics gibt es für sie seit 1968 eigene Spiele, die sogenannten »Special Olympics«, die ein spezifisches Regel­ werk aufweisen. Hörgeschädigte Wettkämpfer sind nicht bei den Paralympics vertreten. Sie ermitteln ihre Sieger bei den »Deaflympics«. Seit 1988 werden die Paralympics stets in den Wett­ kampfstätten der jeweiligen Olympischen Spiele ausgetra­ gen. Zuvor hatten sich die Ausrichter der Olympischen Spiele oftmals aus politischen oder finanziellen Gründen geweigert, auch noch die Paralympics zu organisieren. Mit der Vergabe der Olympischen Winterspiele 2010 hat das IOC erstmals die Bewerber verpflichtet Olympische sowie Paralympische Spiele auszurichten. Das gegenwärtige Logo der Paralympics wurde im Jahr 2003 eingeführt. Es besteht aus drei Elementen in den Far­ ben rot, blau und grün – drei Farben, die in den Nationalflag­ gen aller Länder der Welt am häufigsten vertreten sind. Die drei »Agitos« (aus dem Lateinischen für »ich bewege mich«)

»Ich bewege mich« – auch mit Behinderung: Die drei »Agitos« auf der IPC-Fahne.

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Auch bei den Paralympics: Großer Sport und spannende Wettkämpfe.

stehen für eine dynamische, um eine Mitte kreisende Bewe­ gung. Es soll die Rolle des IPC bei der Zusammenführung von Athleten aus aller Welt unterstreichen, denen es ermöglicht wird, im Wettkampf gegeneinander anzutreten. Gleichzei­ tig soll es auch ein Beispiel dafür sein, dass Menschen mit ­Behinderung die Welt mit ihren Leistungen begeistern und inspirieren. Etwa einen Monat nach Eröffnung der Olympischen Sommerspiele beginnen am 29. August 2012 die XIV. Para­ lympischen Sommerspiele mit einer großen Feier im Londo­ ner Olympiastadion. An elf Wettkampftagen ermitteln Spit­ zenathleten aus der ganzen Welt die Sieger in 20 Sportarten und voraussichtlich 503 Wettbewerben. Die Anzahl der Me­ daillenentscheidungen liegt damit deutlich über denen der Olympischen Spiele, obwohl dort viel mehr Sportarten und Disziplinen zur Austragung gelangen. Der Grund hierfür ist, dass Athleten bei den Paralympics je nach Grad ihrer Behin­ derung in Startklassen eingeteilt werden, um die Leistungen miteinander vergleichen zu können und einen fairen Wett­ kampf zu gewährleisten. Dieser Gedanke kommt ja auch bei vielen Kampfsportarten (z. B. Boxen, Ringen, Judo) oder beim Gewichtheben zum Tragen. Auch dort kämpfen Sportler in unterschiedlichen Gewichtsklassen gegeneinander, damit vergleichbare Voraussetzungen geschaffen werden. Attraktive Mannschaftssportarten wie Sitzvolleyball oder – speziell für Blinde und Sehbehinderte – Goalball können als Beispiele für den besonderen Reiz der Paralym­ pics genannt werden. Athleten mit einer Behinderung sind

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nicht weniger leistungsorientiert als Menschen ohne Handi­ cap. Tatsächlich sind die gezeigten Leistungen mehr als be­ eindruckend. So steht z. B. der Weltrekord über 100 m bei den beidseitig unterschenkelamputierten Sprintern bei 10,91 Sek., aufgestellt durch den Südafrikaner Oscar Pistorius 2007 in ­Johannesburg. Der Sport gibt Menschen mit Behinderung die Chance zu zeigen, wozu sie fähig sind. Dies kann Menschen Mut ma­ chen, mit ihrer Beeinträchtigung positiv umzugehen. Dane­ ben tragen die Athleten mit ihren Erfahrungen zur Weiterent­ wicklung von technischen Hilfsmitteln wie Rollstühlen oder Prothesen bei, die dann wiederum anderen Menschen im Alltag zugutekommen. Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) hat zu­ sätzlich die Funktion des Nationalen Paralympischen Komi­ tees für Deutschland inne und ist damit für die Nominierung und Entsendung der deutschen Mannschaft zu den Paralym­ pischen Spielen verantwortlich. Für die Teilnahme müssen sich die Sportler in nationalen und internationalen Ausschei­ dungswettkämpfen qualifizieren. Bei den zurückliegenden Spielen hat die deutsche Mannschaft immer recht erfolgreich abgeschnitten. So belegte Deutschland beispielsweise den ersten Platz im inoffiziellen Medaillenspiegel bei den Winter­ spielen in Vancouver. In London wird Deutschland wieder mit einem groß­ en Team von etwa 150 Teilnehmern vertreten sein. Drücken wir unseren Sportlern die Daumen für ein erfolgreiches Ab­ schneiden bei den XIV. Paralympischen Spielen 2012!

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IV.

Die Olympischen Jugendspiele

Eine Innovation im Dienste von Sport, ­Erziehung und Kultur Es war und ist eine persönliche Herzensangelegenheit des Präsidenten. Und auch wenn er sich anfangs durchaus mit Skepsis und Kritik konfrontiert sah, ist es Jacques Rogge ge­ lungen, die Mitglieder »seines« Internationalen Olympischen Komitees (IOC) von der Idee zu überzeugen, der sie am 5. Juli 2007 bei der Session in Guatemala City letztlich einstimmig ihr Plazet erteilten. Dies war die Geburtsstunde der Youth Olym­ pic Games, der Olympischen Jugendspiele, die man – gerade unter dem Eindruck der glanzvollen Premieren in Singapur (Sommer 2010) und Innsbruck (Winter 2012) – als eine der be­ deutsamsten und folgenreichsten olympischen Innovationen seit Pierre de Coubertin bezeichnen darf. »For young people – driven by young people« – auf die­ sen Punkt lässt sich die Idee der Jugendspiele bringen, um nicht von der »Vision« zu sprechen. Schon in diesem Motto kommt die Absicht der Verantwortlichen zum Ausdruck, das neue Event eben nicht als Miniatur oder »Light-Version« der »großen« Spiele erscheinen zu lassen. Im Fokus steht, nomen est omen, die Jugend, genauer 14- bis 18-jährige Athletinnen und Athleten, die eine expo­

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nierte Plattform für ihre sportlichen Ambitionen erhalten sollen – aber längst nicht nur das. Denn die Youth Olympic Games sollen erklärtermaßen ihrer Zielgruppe vor allem auch die Gelegenheit bieten, die olympischen Werte zu erleben und zu leben. In diesem Sinne sollen die »jungen Spiele«

eine »Balance von Sport, Erziehung und Kultur« gewähr­ leisten, wobei dem erstgenannten Aspekt nicht unbedingt Priorität zukommen muss. Im Gegenteil: In einem acht Punkte umfassenden Zielprofil des IOC ist der Sport an letzter Stelle genannt, auch wenn diesbezüglich der »höchste inter­ nationale Standard« angestrebt wird. In erster Linie aber geht es um die Begegnung der jungen Sportlerinnen und Sportler und darum, ihnen eine festliche Bühne zu geben, um ihre Jugend, also sich selbst zu feiern, da­ bei Erfahrungen zu sammeln und voneinander zu lernen. Zu­ dem sollen sie eine »einzigartige und kraftvolle Einführung in den Olympismus« und seine Werte erhalten, um sie auf ­diese Weise für ein nachhaltiges Engagement für die olympische ­Sache – und eben nicht nur, wenn überhaupt für die Option einer glanzvollen sportlichen Karriere – zu gewinnen.

»Meet the Coaches«: ­Vielfältige Eindrücke und Informationen für die ­»Jugend der Welt«.

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Begegnungen, Gespräche, Erfahrungen.

Im Sinne dieser Intention ist – neben einigen neuen Wett­ kampfformaten – das eigentlich innovative Moment der Jug­ endspiele ein umfängliches pädagogisch-kulturelles Angebot, das »Cultural and Education Programme« (CEP), das die Ver­ anstalter parallel zum Wettkampfprogramm organisieren und dabei – ebenfalls – ein möglichst hohes Niveau gewährleisten muss, das für die beteiligten Aktiven zwar nicht verpflichtend sein, aber doch dringend empfohlen werden soll. Schließlich verbindet Jacques Rogge, und nicht nur er, mit der neuen olympischen Initiative einen hohen, eben vor allem pädagogischen Anspruch. So betonte er etwa 2007, dass die jungen Athleten mit Hilfe ihrer Spiele »zu besseren Menschen mit wahrem Sportsgeist und zu Botschaftern der guten Sache des Sports und der olympischen Werte in ihrer jeweiligen Ge­ sellschaft« werden sollen. Zudem verlieh er seiner Hoffnung Ausdruck, dass Menschen, die es in sportlichem Kontext ler­ nen, dem Anderen mit Respekt zu begegnen, sich dieser Hal­ tung auch im alltäglichen Leben befleißigen werden. Ein wahrlich hehres und ehrenwertes Ziel, das sich aber an der Realität wird messen lassen müssen und insofern auch eine Angriffsfläche bietet. Schließlich wird von Kritikern der Olympischen Bewegung seit jeher gerne auf die Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit verwiesen und auch die Ein­ führung der Jugendspiele wurde diesbezüglich von Zweifeln begleitet. Und gerade wenn es um junge Menschen, in die­ sem Fall, wie gesagt, um 14- bis 18-jährige geht, müssen seriös vorgetragene Bedenken allemal ernstgenommen werden. So wie etwa die Befürchtung, dass gewisse Auswüchse und Fehl­ entwicklungen des internationalen Spitzensports, um nur das Stichwort Doping zu nennen, im Zuge einer Etablierung der Ju­ gendspiele in deren Zielgruppe nun noch früher als ohnehin schon oder verstärkt zum Tragen kommen könnten.

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Umso mehr dürften sich die Verantwortlichen durch den ­Verlauf der beiden Premieren in Singapur (Sommer 2010) und Innsbruck (Winter 2012) bestätigt gefühlt haben. Tatsächlich nähren beide Veranstaltungen, so unterschiedlich sie in Ambi­ ente und Zuschnitt auch waren, gleichermaßen die Hoffnung auf ein gutes Gedeihen des noch jungen olympischen Pflänz­ chens. Und so zart und anfällig, wie von einigen vielleicht ­befürchtet, scheint dieses im Übrigen keineswegs zu sein. Sowohl in Singapur als auch in Innsbruck wurden ein reibungsloser Ablauf, guter Sport, fröhliche Sportlerinnen und Sportler, hervorragende Leistungen und spannende Wettkämpfe sowie eine gute Stimmung bei allen Beteiligten registriert. Und immerhin waren 3.500 Aktive aus über 200 Ländern beziehungsweise über 1.500 Aktive aus 67 Ländern am Start, die – in traditionellen, zum Teil aber auch in inno­ vativen Wettkampfformaten, etwa geschlechterübergreifen­ den oder gemischten Teamwettbewerben – um einen Platz auf dem Treppchen konkurrierten, daneben aber auch Zeit und Lust fanden, die vielfältigen (Mitmach-)Möglichkeiten des außersportlichen Programms zu nutzten.

Und natürlich auch Kultur.

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Auch bei den Jugendspielen im Blickpunkt: Das ­Treppchen.

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Der Gedanke liegt nahe, dass eine Begegnung mit Gleich­ gesinnten, ein internationaler Wettkampf auf höchstem, eben olympischem Niveau vor beeindruckender Kulisse für junge ambitionierte Athletinnen und Athleten, die von ih­ ren Nationalen Olympischen Komitees nach entsprechen­ den Normen und Vorgaben der jeweiligen Fachverbände nominiert, eingekleidet und entsandt wurden, ein heraus­ ragendes und prägendes Erlebnis sein muss. Zumal, wenn persönlicher Erfolg hinzukommt, sprich eine Medaille und eine feierliche Siegerehrung mit Flaggen und Hymnen – auf die Jacques Rogge im Übrigen sehr gerne verzichtet hätte, um den »etwas anderen« Charakter der Spiele auch in ih­ rem ­Zeremoniell zum Ausdruck zu bringen. Als er jedoch die


­traditionellen Ingre­dienzien der olympischen Leistungskul­ tur zur Disposition stellte, folgten ihm seine Kolleginnen und Kollegen im IOC sowie die Vertreter der Fachverbände nicht. Freilich haben, dies war offenkundig, nicht alle Betroffenen das Ritual der feierlichen Siegerehrung genossen, wie viel­ fach an ihrer jugendlichen Schüchternheit ablesbar war. Auch diesbezüglich mögen die Spiele in Singapur und Innsbruck einen Lernprozess beschleunigt haben. Denkt man an das sympathische Auftreten der jungen Protagonisten, stärkt dies die Hoffnung, dass es tatsächlich gelingt, das neue Format und Profil glaubhaft umzusetzen und nachhaltig zu etablieren. Die weltweit ungebrochene Faszination des sportlichen Wettkampfs sollte dabei mehr als

»Well done, Innsbruck«: Präsident Rogge applaudiert.

Vehikel oder Katalysator, gleichsam als verbindende Klammer gesehen, aber – im Zweifel auch gegen die innere Disposi­ tion vieler Athletinnen und Athleten und ihrer Trainerinnen und Trainer – auch relativiert werden. Dann können es wirk­ lich »andere« Spiele werden, die in Vernetzung mit entspre­ chenden Aktivitäten in Schule und Verein für die olympische Sozialisation junger Menschen und die Entwicklung einer gefestigten Sportler-Persönlichkeit wertvolle und tragfähige Impulse zu vermitteln vermögen. Diesbezüglichen Beden­ ken und Zweifeln mag man mit einem Rückgriff auf Pierre de ­Coubertin begegnen: »Um auf die Jugend zu wirken, muss man ihre Lebensbegeisterung verstehen und um sie zu ver­ stehen, muss man sie mit allen Konsequenzen pflegen.«

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V.

London 2012

Zum dritten Mal: Tradition meets ­Moderne

Auch vor 64 Jahren: Olympisches Feuer in ­London.

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Wenn sich am 27. Juli der Vorhang hebt und die größte Bühne des Weltsports in hellem Licht erstrahlt, mögen sich manche hoch betagte Augenzeugen daran erinnern, dass 64 Jahre zu­ vor die Olympischen Spiele ebenfalls in London gastierten. Natürlich waren es völlig andere Zeiten und völlig andere Spiele, denn nur drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Welt­ krieges und noch unter dem Eindruck seiner verheerenden Folgen mussten die Athletinnen und Athleten mit weit be­ scheideneren Bedingungen Vorlieb nehmen, als dies heute der Fall ist. Zudem gingen sie damals, wenn durchaus auch ernsthaft und ambitioniert, einem Hobby nach, während der Sport in unserer Zeit mindestens für die Besten einem Full­ timejob gleichkommt. Und wie mag es weitere vierzig ­Jahre zuvor, also 1908 gewesen sein, als London kurzerhand für Rom eingesprungen war, das den ehrenvollen Auftrag nach einem Ausbruch des Vesuvs zurückgegeben hatte? Nun also gibt sich London – als erste Stadt überhaupt – zum dritten Mal die Ehre als Gastgeber für »die Jugend der Welt« und zieht man die Geschichtsbücher heran, dann kann man ermessen, wie sehr sich die Welt, auch die olympische, verändert hat. Den Zuschlag für 2012 erhielt man, wie üblich sieben Jahre im Voraus, im Juni 2005, als sich die Bewerbung Lon­ dons im finalen Wahlgang gegen die einer zweiten euro­ päischen Weltstadt, nämlich Paris, durchgesetzt hatte. Dort haben die Spiele ebenfalls bereits zweimal, nämlich 1900 und 1924, Station gemacht. Für die Briten war es wohl Ehrensache, dass sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) für ihre Stadt ent­ schied, sehen sie sich doch, und zwar durchaus zu Recht, als die Erfinder des Sports, dessen Geschichte von Wembley bis


Wimbledon und auch ansonsten an den Ufern der Themse geradezu täglich neue Kapitel erhält. Der – neuerliche – olympische Großauftrag ist also gleichsam die Krönung für ein sportbegeistertes Land, des­ sen Augenmerk sich keineswegs auf Fußball und Tennis beschränkt, wobei diese, wie 24 weitere Sportarten, natür­ lich auch zum Programm der Spiele gehören. Zwei weitere britische »Kulturgüter« sind dagegen nicht vertreten. Die Freunde des Cricket, ein ganz spezifischer Zeitvertreib und »very british«, werden es verkraften, während die Anhänger des Rugby sich eben noch eine Olympiade, also bis 2016 ge­ dulden müssen. Schließlich hat das IOC bereits beschlossen, den raueren Verwandten des Fußballs (in seiner »7er-Vari­ ante«) in Rio de Janeiro (wieder) in den Kreis der olympisch geadelten Sportarten aufzunehmen, zu denen er zwischen 1900 und 1924 schon einmal gehörte. Übrigens: Auch Cricket hat eine olympische Geschichte, wenn es sich auch nur um eine – bis ins Jahr 1900 zurückreichende – Episode handelt. Apropos Geschichte: Großbritannien gehört zu den ganz wenigen Nationen, die bereits 1896 bei der olympischen Pre­ miere in Athen und seitdem bei bisher allen Spielen vertreten waren. Und es ist die einzige, deren Aktive bei allen Sommer­ spielen mindestens einmal Gold gewannen. Auch dies ist bemerkenswert: Insgesamt schlagen 715 Medaillen bei den Sommerspielen und 22 bei den Winterspielen für britische Athletinnen und Athleten zu Buche. Man darf davon ausge­ hen, dass im bevorstehenden Sommer einige hinzukommen werden. Vor diesem Hintergrund versteht es sich, dass Briten auch im IOC und in den Internationalen Fachverbänden (IFs) seit jeher wichtige Rollen gespielt haben. Mit der Ausrichtung der Spiele der XXX. Olympiade wird nun auch für Großbritannien ein neues bedeutsames Kapitel der Sportgeschichte aufgeschlagen. Die Eröffnung am 27. Juli werden schätzungsweise weltweit vier Milliarden Menschen und damit etwa die Hälfte der gesamten Erdbevölkerung miterleben. Vorzugsweise vor den Fernsehschirmen, aber rund 80.000 auch live vor Ort. Mehr als 10.000 Aktive aus über 200 Ländern werden dabei sein. Dazu Tausende von Offiziellen und Betreuern und noch weit mehr Journalisten, die mit oder ohne Akkreditie­

Nicht wie in Peking: Die britische Mannschaft »marschiert« bei den ­»Heim-Spielen« zuletzt.

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Auch im Sommer mit Mütze: Die »Royal Family« ist stets stilecht bewacht.

rung das sportliche Geschehen sowie das Drumherum für ihr Publikum aufbereiten und eine mediale Rundumversorgung gewährleisten werden. Und auch die folgenden Zahlen las­ sen die Dimension des Ereignisses erahnen: Nicht weniger als 250.000 Menschen haben sich darum beworben, als Freiwil­ lige oder Ehrenamtliche, im Fachterminus »Volunteers«, zum reibungslosen Ablauf des gigantischen Unterfangens beizu­ tragen. 70.000 davon haben eine Zusage erhalten. Lord Sebastian Coe, der Chef des Organisationskomitees (LOCOG), als herausragender Mittelstreckler selbst zweifacher Olympiasieger (1980 und 1984), betont, dass die Intention der Verantwortlichen vor allem darauf ziele, dass die Athleten sich wohlfühlen und beste Voraussetzungen vorfinden, um Top­ leistungen zu bringen. Dass Sport- und Trainingsanlagen vor Ort höchsten Ansprüchen genügen, darf vorausgesetzt werden und unterliegt zudem der Kontrolle des IOC und der zuständi­ gen Fachverbände. Von Vorteil aber ist es, dass sich das Olym­ pische Dorf nur einen Steinwurf vom Olympiapark und damit von den meisten Sportstätten befindet. Lange und stressige Anfahrtszeiten lassen sich so für die meisten Aktiven vermeiden. Im Übrigen hat sich das Athleten-Komitee des LOCOG für die Qualität der Verpflegung verbürgt und dessen Chef, der Dreisprung-Olympiasieger von Sydney, Jonathan Edwards, so wurde gemeldet, hat persönlich die Betten getestet. Bleibt also nur das Wetter, wenn sich Athleten schon einmal Erklärungen für mögliche Misserfolge zurechtlegen wollen.

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Lässt sich das Wetter allenfalls bedingt beeinflussen – 2008 wollten die Chinesen Regen »mit Chemie« verhindern – sind Natur und Umwelt seit längerem weit stärker in den Fokus der Ausrichter Olympischer Spiele gerückt als zuvor. Auch wenn nach wie vor kritische Stimmen laut werden, ist das Prob­ lembewusstsein allenthalben gewachsen. So hat das IOC das Prinzip der »Nachhaltigkeit« in das Pflichtenheft für Organi­ sationskomitees aufgenommen und diesem Gebot der Ver­ nunft wird auch durchaus – wenngleich manche glauben, noch nicht in hinreichendem Maße – Rechnung getragen. Die Verantwortlichen in London haben eigens eine Kommission für Fragen der nachhaltigen Entwicklung einge­ richtet und sich diesbezüglich auf fünf Leitlinien festgelegt: Erstens soll die Emission von Kohlenstoff in Zusammenhang mit den Spielen soweit wie möglich minimiert werden, wo­ bei ein schadstoffarmer Transport von Aktiven, Betreuern und Zuschauern eine wichtige Voraussetzung darstellt. Zu­ dem soll sichergestellt werden, dass alle Baumaßnahmen­ eine möglichst günstige »Öko-Bilanz« aufweisen. Zweitens will man gewährleisten, dass wenig Müll produziert wird so­ wie moderne Methoden des Abfallmanagements zum Tragen kommen. Drittens will man verhindern, dass der Artenreich­ tum wild lebender Tiere durch Baumaßnahmen über Gebühr beeinträchtigt wird, während zugleich neue Grünflächen für die Bevölkerung angelegt werden sollen. So sind – ein olympischer Rekord eigener Art – im Olympiapark nicht we­ niger als 45 Hektar als Lebensraum für Wildtiere vorgesehen. Viertens sollen die Spiele in London eine Einladung für alle darstellen, indem sie die vielfältigen Gesichter und Möglich­ keiten der Stadt und des Landes vor Augen führen. Natür­ lich ist mit dem Bau des Olympic Park in East London, einer der ärmsten Gegenden Großbritanniens, auch die Schaffung neuer Arbeitsplätze, Wohnungen und Bewegungsräume verbunden. Denn fünftens sollen die Spiele die Menschen inspirieren, in Zukunft noch mehr Sport zu treiben sowie insgesamt besser und gesünder zu leben. All dies entspricht der Olympischen Idee. Natürlich waren – dies liegt in der Natur der Sache – auch in London umfängliche Baumaßnahmen vonnöten, auch wenn man auf bereits bestehende, teils historisch

Der Zeremonienmeister: Lord Sebastian Coe.

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Sicherheit im Auge von »Big Ben«. Rechts: »Trafalgar Square« erinnert an große britische Siege.

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­ edeutende Sportstätten zurückgreifen konnte. Allen voran b sei das neu errichtete Wembley-Stadion, die Tennisanla­ gen in Wimbledon oder die berühmte Horse Guards Parade zu nennen. Einige der insgesamt 34 Sportstätten – auch dies liegt im Trend der Zeit – sollen nach den Olympischen und Pa­ ralympischen Spielen wieder zurückgebaut werden, so zum Beispiel die Basketball-Arena mit einer Kapazität von 12.000 Zuschauern als die größte temporäre olympische Sport­stätte, die jemals errichtet wurde. Die Nachnutzung des Olym­ pischen Dorfes dürfte, wie üblich, die geringsten Schwierig­ keiten bereiten: 2.800 neue Wohnungen sind bereits oder werden noch verkauft. Intensivere Diskussionen rankten sich dagegen um das 80.000 Zuschauer fassende Olympiastadi­ on, um dessen Nachnutzung sich unter anderem zwei Clubs der englischen Premier League bewarben. Sebastian Coes persönlichem Einsatz ist es zu danken, dass die Laufbahn zu­ mindest fürs Erste erhalten bleiben wird, so dass die ­Arena in näherer Zukunft etwa für größere Meisterschaften der Leicht­ athleten genutzt werden kann. Dies ist in einer Zeit, in der selbst traditionelle Stadien den spezifischen Belangen des Fußballs angepasst werden, wahrlich keine Selbstverständ­ lichkeit. Es gibt keine Olympischen Spiele – außer im Fernse­ hen. Diese pointierte Verkürzung gilt, sofern sie überhaupt je zutreffend war, inzwischen nicht mehr, denn die Be­ richterstattung über die Spiele von London wird in hohem Maße auch über die »neuen Medien« erfolgen. So werden wohl so viele Menschen wie nie zuvor Live-Übertragungen über ihr ­Handy oder auf einem Tablet-PC verfolgen. Dies entspricht nicht nur dem Trend der Zeit, sondern auch der Intention des IOC. Schließlich will man möglichst viele und gerade auch junge Menschen erreichen und für die olympi­ sche ­Sache begeistern. So freut man sich über mehr als eine Million »olympische« Facebook-User. Im Übrigen hat das IOC allen 205 Nationalen Olympischen Komitees entsprechende Übertragungsrechte eingeräumt und will in Zusammenarbeit mit dem Olympischen Rundfunkdienst mehr als 3.000 Stun­ den Live-Sportberichterstattung produzieren. Auch dies­ bezüglich ist der Sport in der olympischen Moderne ange­ kommen.


• Alles im Fluss: Eine wahrlich olympische Stadt Nicht nur der Sport und seine historischen Austragungs­stätten machen London zu einer besonderen Stadt. Da ist etwa auch das Königshaus mit seinen Traditionen und exponierten Bau­ denkmälern, die wie vieles andere zum spezifischen Flair der Metropole an der Themse beiträgt. Bemerkenswert auch der multikulturelle Zuschnitt der Stadt: Diese ist seit jeher ein Schmelztiegel ganz unterschiedlicher Kulturen, ein Anzie­ hungspunkt für Zuwanderer aus der ganzen Welt. Fast egal also, von woher eine Athletin oder ein Athlet nach London gekommen ist – es werden sich Landsleute finden, die wäh­ rend des Wettkampfs die Daumen drücken. Die Olympiastadt London ist die Hauptstadt Englands und Großbritanniens. Sie liegt am Fluss Themse im Südosten von England und ist mit ca. acht Millionen eine der bevöl­ kerungsreichsten Städte Europas. Die heutige City of London

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135 Meter: Das »London Eye« ist zur Zeit das höchste ­Riesenrad Europas.

entwickelte sich aus der bescheidenen, von den Römern ­gegründeten Siedlung Londinium. Wichtiger Katalysator des Wachstums war der Bau von Brücken, deren erste und lange Zeit einzige, die London Bridge, im Jahr 1209 errichtet wurde. Als Mitte des 18. Jahr­ hunderts weitere hinzukamen und die Stadt zudem an das entstehende Eisenbahnnetz angeschlossen wurde, dehnte sie sich zunehmend in alle Richtungen aus. Heute besteht London aus 32 Stadtbezirken, den sogenannten Boroughs ­sowie der City of London. Natürlich verzeichnet die Geschichte der Stadt auch schwierige Zeiten. So wurde eine durch große Handelskom­ panien vorangetriebene erste Blüte in Folge verheerender Katastrophen beendet. Die »Große Pest« von 1664/1665 ­kostete über 70.000 Menschenleben, während nur ein Jahr später durch einen Großbrand mehr als 13.000 Häuser ver­ nichtet wurden. Doch auf den Trümmern wurde die Stadt, nach Plänen des Architekten Christopher Wren, größer und moderner denn je wieder aufgebaut, wobei die Reichen und Adeligen aus dem Zentrum in den noblen Westen abzogen, während sich die weniger Begüterten verstärkt in der Hafen­

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gegend, dem Londoner Eastend, ansiedelten – und damit auch Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Und eben dort sah man den vermeintlich besten Standort für den Olympic Park und das Olympische Dorf. Eine einschneidende Maß­ nahme, die dem Areal eine völlig neue Note verleiht und dieses dauerhaft enorm aufwertet. Natürlich werden, dies bleibt nicht aus, auch die – ohnehin hohen – Preise steigen und viele eingesessene Anwohner vertreiben, zum Beispiel in die wachsenden Satellitenstädte an der Peripherie. Eine ähnliche »Wanderung« war, wenn auch unter völlig anderen Vorzeichen, im Zuge des Zweiten Weltkriegs erfolgt, als gerade die Hafen- und Industrieanlagen des Eastend sowie dessen Bewohner von deutschen Luftangriffen schwer in Mitleiden­ schaft gezogen wurden. Wichtige Impulse für eine weitreichende Modernisierung lieferte 1981 ein großes Stadtentwicklungsprogramm, das etwa einen großen Hochhauskomplex in der Canary Wharf her­ vorbrachte. Zugleich wurde auch die Bedeutung Londons als ­globales Banken- und Handelszentrum gefestigt, während im Zuge einer gegenläufigen Entwicklung der Stellenwert des Landes als Industriestandort kontinuierlich abnahm.

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Im »British Empire« war es der »Mittelpunkt der Welt«: Piccadilly Circus.

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Im Übrigen ist London natürlich eine Metropole der Kultur, der Museen und Theater, das schon von daher ein hoch attrakti­ ver Anziehungspunkt für Touristen aus aller Welt darstellt, die sich natürlich auch von den zahlreichen Parks und histori­ schen Bauwerken angezogen fühlen. Man denke nur an den Tower, die berühmte London Bridge mit ihrer hochfahrbaren Fahrbahn, Trafalgar Square, Piccadilly Circus oder Westmins­ ter Abbey mit Big Ben, der schweren und wohlklingenden Glocke. Und natürlich Buckingham Palace, der Wohnsitz der Queen, des dienstältesten Staatsoberhauptes der Welt, das mit seiner Familie allerorten den Boulevard beschäftigt. Dies wurde wieder einmal bestätigt im April 2011, als die Hochzeit von Prinz William und Catherine kaum weniger Menschen in ihren Bann zog wie die Eröffnungsfeier Olympischer Spiele. Nur nebenbei sei erwähnt, dass sich natürlich auch das Zen­ trum des politischen Lebens des Landes in London befindet. Dort tagen Ober- und Unterhaus des Parlamentes, während der Premierminister seinen traditionellen Wohnsitz in einem eigentlich unscheinbaren Sträßchen mit der gleichwohl be­ rühmten Anschrift »Downing Street 10« hat.


An Londons Peripherie, genauer in Greenwich, verläuft der sogenannte Nullmeridian, der als geographischer Ausgangs­ punkt der Längengrade ein Fixpunkt für die Definition unse­ rer Zeitzonen ist. Da London in einer gemäßigten Klimazone liegt, wird es im Sommer zwar warm, aber nie richtig heiß und im Winter kalt, wobei die Temperatur jedoch selten unter dem Gefrier­ punkt liegt. In der Zeit der Olympischen und Paralympischen Spiele, also im Juli/August, ist mit einer Durchschnittstempe­ ratur von 20° bis 22°C zu rechnen, was die Athletinnen und Athleten insgesamt als äußerst angenehm empfinden dürf­ ten. Vor vier beziehungsweise acht Jahren, in Peking und Athen, war ja vielfach über die Hitze gestöhnt worden. Als etwas weniger beglückend mögen manche die ku­ linarischen Optionen empfinden. Die traditionelle britische Küche ist ja, diplomatisch gesprochen, nicht jedermanns ­Sache. Sie ist oft wenig gewürzt und steht außerhalb Groß­ britanniens im Ruf, schwer verdaulich und langweilig zu sein. Obwohl sie durchaus auch ihre Reize aufweist: Man denke zum Beispiel an Lammfleisch mit Minzsauce. Es muss also nicht immer »Fish and Chips« sein. Im Übrigen hat sich in den vergangenen Jahren der Einfluss der Koch- und Ess­ gewohnheiten der Einwanderer zunehmend positiv nie­ dergeschlagen, wobei nicht zuletzt die indische Küche an Bedeutung zugenommen hat. Für den Besucher der Spiele bleibt also die Hoffnung, vor Ort nicht verhungern zu müs­ sen, wobei er sich darauf einstellen sollte, für den kulinari­ schen Genuss gegebenenfalls auch etwas tiefer in die Tasche greifen zu müssen.

• Eine Kleinstadt als »Dorf« Seit 1932 entspricht es einer guten olympischen Gepflo­ genheit, die Teilnehmer der Spiele in einer allen Platz bieten­ den Unterkunft zu beherbergen. So hat sich das Olympische Dorf – auch wenn der Begriff angesichts der längst erreich­ ten Dimension desselben eigentlich anachronistisch ist und zutreffender von einer »kleinen Stadt« oder einem »Stadt­ teil« gesprochen werden könnte – längst als ein ­zentraler

»I am sailing …«: Wasser und Wind erwarten die Segler in Weymouth.

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Global Village: Die ganze Welt als Olympisches Dorf.

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­ ngelpunkt der Olympischen Spiele und der Olympischen A Idee etabliert, der selbst oder gerade von hochprofessionellen Athleten sehr geschätzt wird. So wird immer wieder das ge­ meinsame Wohnen auf engem Raum, das besondere Flair der ­Unterkunft und die dadurch geförderte intensive Be­gegnung mit Sportlern anderer Disziplinen und Herkunftsländer als ein besonderes – eben »olympisches« – Erlebnis beschrieben. Vor diesem Hintergrund werden es diejenigen bedau­ ern, deren Wettkämpfe »ausgelagert« werden, also nicht in London stattfinden. Aus naheliegenden Gründen treffen sich die Seglerinnen und Segler in der Küstenstadt Weymouth in der südwestenglischen Grafschaft Dorset, während die Vor­ rundenspiele der beiden Fußballturniere in Glasgow, Cardiff, Manchester, Newcastle upon Tyne und Coventry ausgetragen werden. Auch der Kampf der Mountainbiker, Kanuten und Ruderer um die Medaillen findet nicht im Epizentrum der Spiele statt. Genau in diesem aber, dem Olympic Park, befindet sich das Olympische Dorf, und zwar fußläufig zum Olympiastadion und den übrigen hier angesiedelten Wettkampfstätten. Das »Dorf« bietet Platz für 17.000 Athleten und Offizielle, zudem Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants, medizinische Einrich­ tungen, Medien- und Freizeitzentren und viele offene Plätze zum Relaxen. Eine Art klassischen Dorfplatz wird die »Village Plaza« darstellen, wo sich die Athleten treffen können, zum Beispiel auch mit Freunden und ihren Familien. Dies korrespondiert mit dem Stil der Gesamtanlage, die sich an die typisch Lon­ doner Tradition anlehnt, Häuser und Wohnungen rund um Gemeinschaftsplätze und Innenhöfe herum zu bauen. Ein besonderes Element sind auch die Wasserflächen im Olym­ pischen Dorf, die sich gleichsam auf die Nähe zum Fluss Lea beziehen. Während der Spiele werden zudem auch temporäre Bauten für spezifische logistische Zwecke errichtet. Von den Apartments, die alle komfortabel und mit Internetzugang ausgestattet sowie bequem mit Aufzügen zu erreichen sind, haben die Bewohner einen schönen Blick über den Olympia­ park mit jenen Sportstätten, wo sie erfolgreich sein und wenn möglich Medaillen gewinnen wollen.


• Drei Zonen: Die Wettkampfstätten Das olympische Gelände teilt sich in drei Zonen: Die »olym­ pische Zone« im Stadtteil Stratford beherbergt den rund 200 Hektar umfassenden Olympic Park mit dem Olympiastadion, wo die Eröffnungs- und Schlussfeier sowie die Wettbewer­ be der Leichtathletik stattfinden werden. Im Aquatics Centre sowie in der Water Polo Arena fallen alle Entscheidungen in den Wassersportarten. Außerdem werden im Olympiapark die Wettkämpfe im Radsport, Hockey, Basketball, Handball sowie Fechten im Modernen Fünfkampf ausgetragen. Des Weiteren befindet sich dort das Olympische Dorf, das Olympische Me­ dienzentrum sowie Trainingszentren für die Wassersportler. Die »Fluss-Zone« im Osten Londons beheimatet vier weitere Wettkampfstätten beiderseits der Themse und liegt nur wenige Kilometer südlich des Olympiaparks. Dort sind die Sportarten Boxen, Fechten, Judo, Taekwondo, Tisch­tennis, Gewichtheben, Ringen, Reitsport, Schießen, Turnen und Basket­ball angesiedelt. Es bleibt die »zentrale Zone« mit den übrigen Wett­ kampfstätten, die sich auf das Stadtgebiet verteilen. Hier sind etwa das Wembley-Stadion oder die Anlage in Wimbledon zu

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nennen, wo es – natürlich – im Fußball und im Tennis um Medaillen geht. Auch die Entscheidungen im Badminton, Bogenschießen, Beachvolleyball, Freiwasserschwimmen, Triathlon, Straßenradsport, Hallenvolleyball sowie in der Rhythmischen Sportgymnastik fallen in dieser »Zone«. Hinzu kommen, wie erwähnt, die Wettbewerbe im Segeln und Fuß­ ball, Mountainbike, Kanusport und Rudern, die – jedenfalls teilweise – außerhalb Londons stattfinden. Um einen schnellen und komfortablen Transport der Athleten, Betreuer, Berichterstatter und Besucher zum jewei­ ligen Ort des Geschehens zu gewährleisten, wurde – wie in den Austragungsorten Olympischer Spiele üblich und meist notwendig – auch in London die bereits verfügbare Infra­ struktur erheblich ausgebaut. So wurden U-Bahnnetz und Bahnsystem in London und den umgrenzenden Regionen erweitert, Bahnhöfe renoviert, ausgebaut oder neu errich­ tet. Nun lässt sich das Stadtzentrum vom Olympischen Dorf aus nunmehr binnen sieben Minuten erreichen, und zwar mit einem »Speer« beziehungsweise dem Hochgeschwin­ digkeitszug Javelin®Shuttle. Wer sich dagegen sportlich be­ wegen möchte, dem seien die vielen, teils neu angelegten Fuß- und Radwege empfohlen. Hiermit ist ein spezifischer Mehrwert – man könnte auch von »Legacy« sprechen – der Olympischen Spiele aufgezeigt, nämlich infrastrukturelle Maßnahmen, die weit über den Tag hinaus der ortsansäs­ sigen Bevölkerung sowie Besuchern zu Gute kommen.

• 302 Mal das Treppchen: Das Programm Bei den Spielen in London werden Medaillen in 302 olympi­ schen Wettbewerben und 26 Sportarten vergeben. Wie üblich ergaben sich gegenüber den vorhergehenden Spielen einige Änderungen. So sind etwa Baseball und Softball nicht mehr Teil des olympischen Programms. Dafür boxen die Frauen erstmals in drei Gewichtsklassen, während bei den Männern das Federgewicht gestrichen wurde. Mit dem Kanu paddeln die Männer nicht mehr 500, stattdessen über 200 Meter. An­ stelle des Canadier-Zweiers (500 m) der Männer ist nun der Kajak-Einer der Frauen (200 m) vertreten. Beim ­Segeln wird

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die offene Klasse »Tornado« und die Frauenklasse »Yng­ ling« gestrichen, dafür das »Match Race« in der Frauen­klasse »Elliott 6 Meter« neu eingeführt. Beim Bahnradsport wird ebenso auf die »Einer-Verfolgung« und das »Punktefah­ ren« für Frauen und Männer sowie »Madison« der Männer verzichtet. Dafür stehen jetzt »Omnium«, »Teamsprint« und »Mannschaftsverfolgung« für Frauen und Männer auf dem Programm. Im Fechten werden die Mannschaftswettbewerbe Damen-Säbel und Herren-Degen durch Damen-Degen und Herren-Florett ersetzt. Außerdem wird beim Tennis – nach 88 Jahren – wieder im Mixed-Doppel um Medaillen gespielt.

Auch anhand des Programms lässt sich die »Wanderung« der Spiele zwischen Tradition und Moderne nachvollziehen. Seit der Premiere, 1896 in Athen, sind tatsächlich nur 13 Dis­ ziplinen in zwei Sportarten, darunter verschiedene Laufstre­ cken, Sprungdisziplinen und der Diskuswurf sowie je eine kurze und lange Strecke im Schwimmen, stetig zur Austra­ gung ­gekommen. Immer wieder haben neue Sportarten und Dis­ziplinen den Weg ins Programm gefunden oder na­ türlich auch wieder aus demselben heraus. Längst sind die Spiele – nicht zuletzt durch deren mediale Implikationen – so ­attraktiv geworden, dass auch Sportarten ohne jedwede

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olympische Tradition nach olympischer Adelung streben. Entsprechend bemüht sich etwa der Tanzsport und auch die Lobby der »Inline-Skater« tut, was sie kann. Im Blick auf 2016 haben es Golf und »7er-Rugby« bereits geschafft. Die Frage des Programms ist aber immer mehr auch eine Frage der Kapazitäten. Mit seinem Amtsantritt hat IOC-Präsi­ dent Rogge den Grundsatz postuliert, dass die Grenzen des olympischen Wachstums, jedenfalls die Spiele betreffend, erreicht sind. So wurde ein Limit für die Sommerspiele defi­ niert mit 10.500 Aktiven, 5.000 Begleitern sowie 20.000 Me­ dienschaffenden, was als Herausforderung für die jeweiligen Organisatoren hinreichen dürfte.

Um gleichwohl einem wandelnden Zeitgeist und einer sich – immer schneller – ändernden Sportkultur Rechnung zu ­tragen, wurden nicht nur die Olympischen Jugendspiele ins Leben gerufen, sondern auch das Programm der »großen« Spiele – siehe oben – immer wieder Anpassungen unter­ zogen. Dabei sind die vom IOC justierten Hürden für Neues hoch. Soweit es die Männer betrifft, muss die betreffende Sportart mindestens in 75 Ländern und auf vier Kontinenten, bei den Frauen in mindestens 40 Ländern und drei Konti­ nenten verbreitet sein. Zudem müssen mindestens schon zweimal entsprechende Welt- oder Kontinentalmeister­ schaften stattgefunden haben. Und bis auf weiteres gilt der Grundsatz: Neues kommt nur rein, wenn Altes rausgeht. Doch welche Sportart verabschiedet sich schon freiwillig von der größten und attraktiven Bühne des Sports? Bei aller Moder­ nität ­werden doch auch in London wieder die sogenannten

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­ lympischen Kernsportarten im Blickpunkt stehen. In der o Leichtathletik mit nicht weniger als 47 Wettbewerben wer­ den die meisten Medaillen vergeben. Dann folgen Schwim­ men und Wasserspringen mit 46 sowie Radsport, Turnen und ­Ringen mit jeweils 18 Wettbewerben.

• Medaillen und Momente Olympische Spiele ohne Medaillen? Undenkbar! Auch in ­London ist natürlich – was sonst? – wieder Gold, Silber und Bronze zu gewinnen. Für viele Aktive kommt ein Platz auf dem Treppchen dem höchsten anzunehmenden Glücksgefühl gleich. Schließlich sind Medaillen ein »knappes Gut«, was sich weniger in ihrem materiellen, als in ihrem ideellen Wert aus­ drückt. Schon von daher sind die Medaillen traditionell sehr exponiert gestaltet, wobei die Vorderseite, so legt es das IOC fest, stets der griechischen Siegesgöttin Nike sowie dem Athe­ ner Stadion von 1896 vorbehalten bleibt. Die frei gestaltbare Rückseite bietet im Kleinformat eine spezifische Plattform für eine kunstvoll präsentierte olympische Botschaft. Die aktuelle Variante von London zeigt das Logo der Spiele über einem Band, das sowohl für die Themse als auch für das schwungvolle Fest stehen mag. Die dominierenden Linien, so jedenfalls die Interpretationshilfe der Verantwort­ lichen, symbolisieren die strahlende Energie der Athleten, ihre Anstrengungen und Leistungen. Die prominent plat­ zierten Olympischen Ringe lenken den Blick auf das Zentrum der Medaille und damit gleichsam auf den Kern der Idee. Der Rand der Medaille ist im Übrigen dick genug, um einer Eingravierung von Sportart und Disziplin der jeweiligen Ge­ winner Platz zu bieten. Wer wollte ein solches Schmuckstück nicht mit nach Hause bringen? Doch auch wem eine solche Ehre nicht zuteilwerden sollte, und dies werden die weitaus meisten Aktiven sein, um von den »Passiven« zu schweigen, dürfte andere Souvenirs mit auf die Heimreise nehmen. Von bleibendem Wert wer­ den ohnehin allein die Erinnerungen an die Erfahrungen von London sein. Olympische Momente sind besondere Mo­ mente. Viele davon sind in diesem Jahr in London zu erleben.

Gold, Silber, Bronze: Auch in London das Höchste der olympischen Gefühle.

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VI.

Olympische Erziehung: Zur Verantwortung der Athletinnen und Athleten

Der Autor, Dr. Helmut ­Altenberger, ist emeritierter Professor für Sportwissenschaft an der Universität Augsburg und Stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Olympischen Akademie.

Nach der Olympischen Charta, dem »Grundgesetz« der Olympischen Bewegung steht dieselbe auf drei Säulen: Das ­Internationale Olympische Komitee (IOC), die Internationa­ len Fachverbände (IFs) sowie die Nationalen Olympischen Komitees (NOKs). Doch daneben sind es »insbesondere die Athleten, deren Interessen ein grundlegendes Element des ­Handelns der Olympischen Bewegung« darstellen und die damit explizit eine herausgehobene Position einnehmen. In Regel 2 der Charta heißt es: »Die Aufgabe des IOC ist es, den Olympismus in aller Welt zu fördern und die Olympische Bewegung anzuführen.« Konkret und auf den olympischen Athleten bezogen wird dieses Anliegen folgendermaßen prä­ zisiert: Nach dem Prinzip der Gleichheit der Geschlechter gilt es, gerade Frauen im Sport zu fördern; die Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit der Athleten stehen auch im Zeichen der Bekämpfung von Doping; auch politischem oder kom­ merziellem Missbrauch des Sports und der Sportler soll ent­ gegengewirkt werden; das Bemühen der Athleten um eine gesicherte soziale und berufliche Zukunft soll gefördert und unterstützt werden.

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• Rechte und Pflichten Nimmt sich das IOC also in die Pflicht, für das Wohl der Aktiven Sorge zu tragen, werden auch diese ihrerseits in die Verant­ wortung genommen: Neben der Teilnahme am Olympischen Kongress oder dem Engagement in der Athletenkommission des IOC, wofür naturgemäß nur wenige Ausgewählte in Fra­ ge kommen, gilt für alle, stets den Geist des Fairplay und der ­Gewaltlosigkeit zu achten und sich entsprechend zu verhal­ ten. Jedes NOK, hierzulande also der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), ist verantwortlich dafür, dass die Athleten eine Erklärung unterzeichnen und beachten, die die Rech­ te und Pflichten der Medien, insbesondere des Fernsehens, ebenso regelt wie die Frage der Herstellerbezeichnungen auf Kleidung und Ausrüstung oder die Zuständigkeiten des Schiedsgerichtshofs (CAS). Und nicht zuletzt verpflichtet die Erklärung zur Einhaltung des World Anti-Doping Codes und des IOC-Verhaltenskodex’ (IOC Code of Ethics). Eine wesentliche Bedeutung kommt auch dem Olym­ pischen Versprechen (siehe S. 22) zu, das jeweils im Rahmen der Eröffnungsfeier der Spiele von einem aktiven Athleten des gastgebenden Landes stellvertretend für alle abgegeben wird. Im Kern geht es bei diesem Versprechen, früher sagte man »Eid«, um die Beachtung des Fairness-Gedankens, der ei­ nen zentralen Wert des Sports darstellt. Mit diesem ethischen Prinzip wird eine Verhaltensnorm aufgestellt, die auf die Ein­ haltung der im Sport gültigen Regeln gerichtet ist und für eine sportliche Leistung eintritt, die ohne fremde, biochemischmanipulative Substanzen auskommt. Ein Verstoß gegen ­diese Verhaltensnorm schädigt nicht nur den jeweiligen Athleten, sondern wäre der Todesstoß jedes verantwortungsvoll betrie­ benen Leistungs- bzw. Hochleistungssports. Die Einhaltung dieses Versprechens hat in hohem Maße Vorbildwirkung für einen fairen und humanen Sport – vor ­allem für den olympischen Sport. In diesem Sinne haben die Teilnehmer an den Olympischen Spielen, die olympi­ schen Wettkämpfer, eine enorme Vorbildfunktion vor allem für junge Menschen. In diesem Zusammenhang sei auch auf ­Pierre de Coubertin (1863 – 1937), den Begründer der moder­ nen Olympischen Spiele, verwiesen, der den Olympismus als

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L­ ebensphilosophie beschreibt, die weit über den Sport hin­ ausgeht. Für Coubertin war der Sport ein Bildungsinstrument, das er als »Olympische Erziehung« verstand und das bis heute ebenfalls in der Olympischen Charta Verankerung findet.

• Risiken und Gefahren Schon auf dem – langen – Weg zur sportlichen Spitzenleis­ tung begegnen den Athleten zahlreichen Risiken und Gefah­ ren. Neben möglichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen sind es nicht zuletzt finanzielle Verlockungen, die die Moral verderben können, vor allem dann, wenn sich die Aussicht auf monetären Gewinn zur Hauptmotivation für das sport­ liche Leistungsstreben entwickelt. Dabei könnte sich die Be­ reitschaft erhöhen, die Grenzen zu überschreiten, die einem humanen und verantwortungsvollen Sport den ebenso sinn­ vollen wie notwendigen Rahmen geben. Unlautere Sponsorenverträge und andere zweifelhafte Vermarktungsangebote bis hin zu sexistischen Darstel­ lungen verzerren das Bild des Sports und der Sportlerinnen und Sportler in den Medien und damit in der Öffentlichkeit. ­Speziell im Profisport kann der Sportler dann zur Ware um­ funktioniert werden, für die unausgewogen hohe Summen bezahlt werden, die in keinem Verhältnis stehen zu ver­ gleichbaren, in anderen Bereichen erzielten Leistungen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der große Leis­tungsdruck im internationalen Hochleistungssport mit erheblichen psychischen Belastungen für die Aktiven ver­ bunden ist. Wettkämpfe oder Qualifikationswettbewerbe bedeuten nicht nur große physische Herausforderungen, sondern sind zumeist mit einem erheblichen psychischen Druck und einer massiven Stressbelastung verbunden. Solche psychischen Belastungssituationen erhöhen tendenziell die Gefahr eines Rückgriffs auf Psychopharmaka oder Doping­ substanzen, vor allem dann, wenn sich die Betreffenden al­ lein oder gar alleingelassen fühlen. Aufklärung und Unter­ stützung tut also Not, denn es gilt, Athletinnen und Athleten, insbesondere wenn sie noch jünger und unerfahrener sind, stark und resistent zu machen.

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• Olympische Erziehung Bereits Pierre de Coubertin hat dem olympischen Sport eine erzieherische Aufgabe zugewiesen. Diese mag man in un­ serer Zeit bestreiten oder relativieren, doch fest steht, dass durch die große Resonanz der Massenmedien erfolgreichen Sportlerinnen und Sportlern, gerade auch Medaillengewin­ nern, ein bemerkenswerter Grat an Aufmerksamkeit zuteil wird, der ebenso persönliche Chancen wie Misslichkeiten und Gefahren mit sich bringt. In jedem Fall aber resultiert dar­ aus eine enorme Wirkung gerade auf die jungen Rezipienten der sportlichen Großereignisse, allen voran der Olympischen Spiele, der sich die Protagonisten bewusst sein und der sie durch ihr Verhalten gerecht werden sollten. Athletinnen und Athleten sind und bleiben eben Vorbilder und damit in ge­ wisser Weise auch Erzieher. Schon von daher scheint es geboten, dass sich die Be­ treffenden mit dem Anliegen und den Aufgaben einer Olym­ pischen Erziehung vertraut machen und, mehr noch, sich im Rahmen des Möglichen auch für entsprechende Projekte und Initiativen persönlich zur Verfügung stellen. In Anlehnung an die verfügbare Literatur – vergleiche etwa Naul/Geßmann/Wick (2008) – lassen sich einer Olym­ pischen Erziehung vier zentrale Lernbereiche zuordnen: • Sportliches Können – das Erbringen sportlicher Höchst­ leistungen; • soziales Handeln – vorbildliches Verhalten, solidarisches Handeln; • moralisches Verhalten – fairer Wettkampf, Werte akzep­ tieren; • olympisches Wissen – Kenntnis der Olympischen Charta und der Olympischen Bewegung, kritische Distanz ein­ nehmen können, angemessenes Verhalten gegenüber den Medien. Gerade für Olympiateilnehmer ist es wichtig zu wissen, dass diese vier Lernbereiche in wechselseitiger Verbindung und Wirkung zueinander stehen. In der Praxis stellt man oft fest, dass sportliches Leistungsstreben nicht unbedingt mit einem fundierten Wissen über die Geschichte und Bedeutung der

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Olympischen Bewegung oder das Wesen des olympischen Sports korrespondiert. Somit scheint es unabdingbar, bei den Aktiven das Wissen über Normen und Werte des Olympismus’ im Spannungsfeld von Tradition und Gegenwart zu erhöhen und zu festigen. Nur ein fundiertes Wissen erlaubt es dem mündigen Athleten nämlich, das eigene Verhalten und Han­ deln zu reflektieren und in der Öffentlichkeit beziehungs­ weise gegenüber den Medien wirksam und selbstbewusst im Sinne der Olympischen Idee aufzutreten. Denn erst durch die Verbindung von olympischem Wissen und olympischem Handeln kann ein Bewusstsein entstehen, das den Athleten als ganzheitlich gereifte Persönlichkeit mit Vorbildwirkung für die Gesellschaft in Erscheinung treten lässt. Auf diese Weise leisten die olympischen Athleten auch einen wichtigen Im­ puls zur Weiterentwicklung der olympischen Friedensidee und der Völkerverständigung.

• Die Deutsche Olympische Akademie (DOA) Die Deutsche Olympische Akademie (DOA) wurde 2007 in Frankfurt am Main gegründet, um die in Deutschland seit langem wirksamen Kräfte im Sinne einer Olympischen Erzie­ hung zu bündeln und zu noch größerer Durchschlagskraft zu

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verhelfen. Ihre zentralen satzungsgemäßen Aufgaben lassen sich wie folgt skizzieren: • Initiativen zur Vertiefung und Verbreitung des olym­ pischen Gedankenguts; • Beschäftigung mit Sinn- und Grundsatzfragen der Olym­ pischen Bewegung; • Erforschung der Geschichte der Olympischen Bewegung und ihrer kulturellen, philosophischen und erzieherischen Aspekte; • Maßnahmen zur Olympischen Erziehung; • Zusammenarbeit mit der Internationalen Olympischen Akademie (IOA); • Entwicklung von Unterrichtsmaterialien und Durchfüh­ rung von Lehrerfort- und –weiterbildungsmaßnahmen sowie die Durchführung von akademischen Seminaren in Zusammenarbeit mit Hochschulen und Universitäten; • Publikationen zu Themen des Sports und der Olympischen Bewegung. Immer wieder und immer wieder gerne werden Olympia­ teilnehmerinnen und -teilnehmer bei Veranstaltungen und Initiativen der Deutschen Olympischen Akademie beteiligt und miteinbezogen. Diese begegnen entsprechenden An­ fragen meist offen und engagiert. Ihr stets freiwilliger und selbstloser Einsatz dient jedoch nicht nur vordergründig den Anliegen der Akademie, sondern dokumentiert Solidarität und Engagement für die Verbreitung der Olympischen Idee. Umgekehrt stehen Vorstand und Mitarbeiter der DOA stets für Informations- und Beratungsaufgaben zur Verfügung. Gerne kann die Akademie auch für Hilfestellungen verschiedenster Art und für die Vermittlung von Kontakten in Anspruch ge­ nommen werden. Durch das authentische Auftreten von Olympiateilneh­ merinnen und -teilnehmern im Rahmen öffentlicher Ver­ anstaltungen kann ein hohes Maß an Begeisterung und Emotion, aber auch an kritischer Reflexion vermittelt wer­ den. So wird die Vorbildfunktion und das ihr innewohnende Poten­zial im Sinne der Olympischen Idee, also zum Wohle des Sports und der Sportlerinnen und Sportler wirksam genutzt. Es lohnt sich also – auch jenseits von Training und Wettkampf.

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VII.

Die Spiele in London: Historische Reminiszenzen

Die Spiele der Olympiade, die sogenannten Sommerspiele, wurden bisher 26-mal in insgesamt 19 Ländern ausgetra­ gen. An ihnen nahmen 80.188 Männer und 22.701 Frauen teil, die aus 227 Ländern und Regionen kamen. Nur vier Länder – ­Australien, Frankreich, Griechenland und Großbritannien – waren immer dabei. Bei allen Sommer- und Winterspielen waren jedoch nur Frankreich und Großbritannien vertreten. Die meisten Olympiakämpfer kamen aus den USA, die 7.298 Sommer- und 1.573 Wintersportler schickten. An zweiter ­Stelle folgen die Deutschen mit bisher 6.752 Teilnehmern, davon 1.461 Frauen. Sechs deutsche Sportlerinnen und Sportler gin­ gen sowohl bei Sommer- als auch Winterspielen an den Start.

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London ist die erste Stadt, die nach 1908 und 1948 zum ­dritten Mal die Olympischen Spiele ausrichtet. Aller Voraus­ sicht nach wird Königin Elizabeth II. das Fest eröffnen, nach­ dem sie als Oberhaupt des Commonwealths diesen symboli­ schen Akt bereits 1976 in Montreal vornahm (Foto rechts). Die Spiele von 1908 wurden von ihrem Urgroßvater Edward VII. und jene von 1948 von ihrem Vater George VI. eröffnet. 1956 in Melbourne ließ sich die Queen von Ehemann Philip, dem Herzog von Edinburgh, vertreten. In England, das als Wiege des modernen Sports gilt, ­fanden lange vor den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit von 1896 in Athen sogenannte Olympick Games statt, die der Rechtsanwalt Robert Dover von 1612 bis 1642 auf den Cotswold Hills organisierte. 1841 rief der Arzt William Penny Brookes in Much Wenlock ebenfalls »Olympische Spiele« ins Leben, die von 1861 bis 1895 34-mal durchgeführt wurden. Die Spiele von 1908 fanden im Rahmen der Franco-British Exhibition in London statt. Auf dem Ausstellungsgelände wurde dafür ein Stadion (Foto links) errichtet, das erstmals die heute übliche elliptische Form besaß. Es handelte sich um eine multifunktionale Arena, die über eine Aschenbahn sowie eine Radrennbahn mit erhöhten Kurven verfügte. Im Innenraum befand sich ein hydraulisch versenkbares Schwimmbecken von 100 Metern Länge sowie ein zehn Meter hoher Sprungturm, der umgeklappt werden konnte. Die Spiele von 1908 wurden überschattet durch die Rivali­ tät zwischen den Gastgebern und der US-Mannschaft. ­Einen traurigen Höhepunkt erreichte »The Battle of Shepherd’s Bush«, wie die Spiele in »Schäfers Busch« bezeichnet wur­ den, im 400-m-Finale, das damals nicht in abgesteckten Bahnen ausgetragen wurde. Auf der Zielgeraden drängte der Amerikaner John Carpenter seinen britischen Konkurrenten Wyndham Halswelle ab, worauf der Starter das Rennen an­ nullierte und Carpenter von der Wiederholung ausschloss. Aus Protest verzichteten nun auch die beiden anderen für das Finale qualifizierten US-Athleten, so dass Halswelle letztend­ lich ohne Gegner laufen musste – oder durfte (Foto rechts).

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Die Spiele von 1908 begannen am 27. April und endeten am 31. Oktober. Sie waren unterteilt in Sommer- und Winter­ spiele, bei denen neben Eiskunstlauf (links die deutschen Paarlaufsieger Hübler/Burger) auch Boxen, Fußball, Hockey, Lacrosse und Rugby ausgetragen wurden. Da in Großbritan­ nien damals das biblische Verbot der Sonntagsarbeit galt, was auch auf den Sport zutraf, wurden die Spiele an einem Mon­ tag eröffnet. Sonntags fanden keine Wettkämpfe statt. Der Marathonlauf wurde am königlichen Schloss in Windsor gestartet. Bis zum Ziel im Stadion ergab sich eine ­Strecke von 26 Meilen und 385 Yards – umgerechnet 42,195 km – eine Dis­ tanz, die 1921 vom Internationalen Leichtathletikverband zur offiziellen Streckenlänge des Marathonlaufs erklärt wurde. Als Erster erreichte der völlig erschöpfte Italiener Dorando Pietri das Ziel. Da ihm aber auf den letzten Metern zwei Funktionäre beisprangen (Foto links), wurde er danach wegen »Annah­ me fremder Hilfeleistung« disqualifiziert. Als Trostpreis über­ reichte ihm die britische Königin einen Silberpokal. Einen weiteren Cup stiftete der legendäre Krimi-Autor Arthur Conan Doyle, der das Rennen als Zeitungsreporter verfolgt hatte. Nach 1920 und 1924 war Deutschland auch 1948 als Kriegs­ verursacher von den Olympischen Spielen ausgeschlossen. Der einzige deutsche Teilnehmer war der Turner Helmut Bantz, der als Kriegsgefangener den Auftrag hatte, die briti­ sche Herrenriege zu trainieren. 1956 wurde der Kölner in Mel­ bourne Olympiasieger im Pferdsprung. Die Olympischen Spiele von 1948 in London wurden als »Austerity Games« bezeichnet – als Spiele der »strengen ­Einfachheit«. Drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Welt­ kriegs waren in Großbritannien die Lebensmittel noch ratio­ niert, so dass die Teilnehmerländer zur Selbsthilfe greifen mussten. 36 der 59 Mannschaften ließen 300 Tonnen Lebens­ mittel anliefern. Die nicht verbrauchten 80 Tonnen wurden später den Londoner Krankenhäusern übergeben. Wegen der Bombenschäden, die die deutschen Luftan­griffe angerichtet hatten, sah sich die britische Regierung außer­

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stande, ein Olympisches Dorf zu errichten. Deshalb wurden die Athleten in Militärlagern und Schulen untergebracht – und zwar bei strenger Geschlechtertrennung. Dieses olympische Wohn-Prinzip wurde übrigens erst nach 1980 aufgehoben. Die Rolle des farbigen Amerikaners Jesse Owens, der 1936 in Berlin in der Leichtathletik vier Goldmedaillen gewonnen hatte, übernahm 1948 eine Frau – die 30-jährige Niederlän­ derin Fanny Blankers-Koen (Foto rechts). Die zweifache Mut­ ter, die als »Fliegende Hausfrau« bezeichnet wurde, gewann die 100 m, 200 m und 80 m Hürden sowie in der holländi­ schen 4x100-m-Staffel. Im Hoch- und Weitsprung, wo sie ebenfalls Weltrekorde hielt, konnte sie aufgrund terminlicher Überschneidungen nicht teilnehmen Die Schweden gewannen die Mannschaftswertung im Dres­ surreiten, zu dem nur Offiziere und »Gentlemen« zugelassen waren. Anschließend verloren sie die Goldmedaille durch Disqualifikation, nachdem ein französischer Funktionär ­herausgefunden hatte, dass einer der Reiter, Gehnäll Pers­ son (Foto rechts), nicht startberechtigt war. Die Untersuchung ergab, dass er vorübergehend vom Sergeanten zum Unter­ leutnant befördert worden war, wobei es der Zeugwart ver­ säumte, seine Mütze umzutauschen. Die folgende Diskussion hatte auch ihr Gutes, da sich der Internationale Reitverband gezwungen sah, den alten Zopf abzuschneiden. 1952 durften erstmals Frauen sowie Mannschaftsdienstgrade teilnehmen. Der amerikanische Sportschütze Walter Walsh (Foto rechts) belegte 1948 den zwölften Platz in der Disziplin Sportpistole. Am 4. Mai 2012 beging er bei guter Konstitution seinen 105. Geburtstag. Damit ist er ein Jahr älter als das FBI, dem er 1934 mitten in der Rezession beitrat. Er hat eine bewegte Karriere hinter sich, bei der sein Leben manchmal am seidenen Fa­ den hing. So erhielt er im September 1937 einen Schultertref­ fer, als er sich ein Feuergefecht mit der Brady-Bande lieferte, die für ihre Raubüberfälle auf offener Straße berüchtigt war. Als ­ältester lebender Mensch gilt übrigens gegenwärtig die Amerikanerin Besse Cooper, die – trotz fehlender olympischer ­Erfahrung, aber Jahrgang 1896 – zurzeit 115 Jahre alt ist.

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VIII.

Mein olympischer Sommer – Eine Erzählung

Andreas Höfer

Wer es nicht glauben will, der kann in die Bücher schauen. Sie stehen alle, wohl geordnet, im Regal. Und auch die Zeitungen von damals habe ich noch. Doch die sind inzwischen brüchig und vergilbt. Genau wie ich. Vierundsechzig Jahre ist es her, fast ein ganzes Leben, doch ich erinnere mich gut an den Sommer von 1948. Es ­waren wirklich schwere Zeiten damals, doch es war auch ein wunderbarer Sommer, denn es war mein olympischer ­Sommer. Der große, schlimme Krieg war schon vor drei Jahren zu Ende gegangen, doch seine Spuren waren noch allgegen­ wärtig. Wir standen im Regen, würde man heute vielleicht sagen, auch wenn das Wetter in England immer schon bes­ ser war als sein Ruf. Doch auch in der Sonne erschien alles grau – es fehlte an vielem, an allen Ecken und Enden. Das Schlimmste war das ständige Hungergefühl und die Sorge der Eltern, nicht genug Geld zu verdienen. Und mein größ­ tes ­Problem war es, ob die Schuhe halten würden und ob der Trainer meinen Namen nennen würde, wenn er die Aufstel­ lung der Mannschaft bekannt gab. Mein großes Ziel war es, Profi zu werden, dafür hätte ich fast alles gegeben. Ich hatte nur Fußball im Kopf und mich lange der Einsicht verweigert, dass mein Ehrgeiz wohl größer war als mein Talent. Umso mehr habe ich meine Kusine Maureen bewundert, und wenn ich ehrlich bin, war wohl auch ein wenig Neid im Spiel. Sie war drei Jahre älter und vor allem war sie schnel­ ler als ich. Tatsächlich war sie eine großartige Läuferin, eine Sprinterin mit einem wunderbaren Laufstil, die ihre Wett­ kämpfe meist mit großem Vorsprung gewann. Sie lebte mit ihren Eltern in Oxford, gleich um die Ecke, und trainierte auf der Sportanlage der Universität an der Iffley Road, auf eben jener Bahn, auf der einige Jahre später der legendäre Roger Bannister als weltweit Erster die Meile unter vier Minuten laufen sollte.

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Wie oft war ich Zaungast beim Training, nicht selten mit mei­ nem Großvater, der ein großer Fan von ihr war und sie nach Kräften unterstützte. So wie er auch manchmal eines mei­ ner Spiele besuchte, auch wenn er, glaube ich, schon früh erkannt hatte, dass ich, anders als Maureen, nicht das Zeug hatte, um ein wirklich großer Sportler zu werden. Was mich insgeheim natürlich mächtig gewurmt hat. Doch als dann am 29. Juli 1948 die Olympischen ­Spiele begannen, ich kann mich an diesen Tag noch wie ges­ tern erinnern, waren alle unguten Gefühle verflogen. Denn ­Maureen war dabei. Genauso wie ich. Maureen war mit ihren 19 Jahren Mitglied des britischen Teams und ich durfte eine unvergessliche Woche mit Großvater bei Bekannten in Lon­ don verbringen. Und was vor allem unglaublich war: Wir hat­ ten Karten für Wembley, das gewaltige Stadion, wo Maureen ihren großen Triumph erlebte und doch die Ewigkeit um eine Winzigkeit verfehlte. Angeblich zumindest. Für mich ist sie noch immer die Siegerin, auch wenn sie tatsächlich »nur« Silber gewann. 10,2 Sekunden war sie über

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80 Meter Hürden gelaufen, Weltrekord. Es war der Lauf ihres Lebens und eine Sensation, wie sie der großen Favoritin, der »fliegenden Hausfrau« aus Holland, Paroli geboten hatte. Ich habe nie erfahren, wer sie gemessen hat, jene zwei Inches oder 5,08 Zentimeter, die Fanny Blankers-Koen Vorsprung ge­ habt haben soll. Jedenfalls gewann sie das Gold, das eigent­ lich meiner Kusine und damit auch ein wenig mir gebührte. Heute, mit der Gelassenheit des Alters frage ich mich, warum ich so viel enttäuschter und wütender war als Mau­ reen, die noch Bronze mit der Staffel gewann und schon bald nach den Spielen ihre so viel versprechende Karriere beende­ te, obwohl sie eigentlich gerade erst begonnen hatte. Viel­ leicht lag es daran, dass sie sich in ihren Trainer Geoff Dyson verliebte und ihn heiraten wollte.

Natürlich haben wir uns oft gesehen, bevor ich Mitte der fünfziger Jahre nach London zog, doch meine Fragen zu ihrem großen Rennen und zu verpassten Chancen hat sie nie ernst­ haft beantwortet. Es schien so, als habe sie in ihrer zweiten und dritten Karriere als hoch anerkannte Tanzlehrerin sowie als zweifache Mutter ihr eigentliches Glück gefunden. Ich aber habe die Erinnerung an meinen olympischen Sommer immer gepflegt, habe alles gesammelt, ja ein kleines Archiv angelegt. Und wenn jetzt die Spiele wieder nach Lon­ don kommen, werde ich nicht ins Stadion gehen, werde nicht jubeln oder mich ärgern, sondern in den Büchern blättern und die alten Zeitungen zur Hand nehmen. Vielleicht sind sie ja doch noch nicht so brüchig und vergilbt.

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Hamburg 2012 (Pixi-Wissen, Bd. 68)

Olympischen Spielen 2012 in London, Köln 2012

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Wir w체nschen allen Mitgliedern der Deutschen Olympiamannschaft eine gute Reise nach London, einen angenehmen Aufenthalt, bereichernde Erfahrungen und den besten sportlichen Erfolg bei den Wettk채mpfen *

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Deutsche Olympische Akademie Willi Daume


Reisebegleiter London 2012