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Inhalt Gudrun Doll-Tepper London und mehr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 Andreas Höfer Editorial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 Thomas Bach Zwei Seiten einer Medaille . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Manfred Lämmer Nicht nur Zweck, sondern auch Sinn . . . . . . . . . . . . . . 12 Sylvia Schenk Ein Imperativ für den Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 Michael Reinsch Götterdämmerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20

London 2012 Andreas Höfer Imagine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 Helmut Digel London 2012 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 Günter Deister Die ungewollten Spiele als Glücksfall für ­Jacques Rogge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 Olympische Momente: Mein London 2012 . . . . . . . . . . 33 Gesche Schünemann Thomas Bach Tobias Hoppmann Gudrun Doll-Tepper Frank Dürr Lena Schöneborn Michael Vesper Andreas Höfer Norbert Fleischmann Ingo-Rolf Weiss Tobias Bürger Klaus Schormann Volker Kluge Petra Tzschoppe


Andreas Höfer & Tobias Knoch Es muss nicht unbedingt das Treppchen sein . . . . . . . 42 Norbert Fleischmann Be inspired – live your dream . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 Andreas Höfer Pilgerfahrt nach Canterbury . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48

Sport und Kunst Petra Tzschoppe Von London nach Stockholm und wieder zurück . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 Tobias Bürger Im Geiste Coubertins . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56

Youth Olympic Games

Olympische Erziehung Roland Naul & Uwe Wick Die pädagogische Dimension der Olympischen Idee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 Andreas Höfer Von München nach London . . . . . . . . . . . . . . . 88 Volker Kluge Vorsicht »Stolpersteine«! . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 Andreas Höfer Aufarbeiten und Bewältigen . . . . . . . . . . . . . . 96 Andreas Höfer Olympia ruft: Mach mit! . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 Andreas Höfer Eltville oder Stecknadel und Duftmarke . . . . . 100 Hennes WeiSS Ich bin »Wert-voll«: Meine Orientierung im Alltag und in der Gesellschaft . . . . . . . . . . . 102

Andreas Höfer Für die olympische Jugend . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58

Birgit Greve Die olympische 5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106

Helmut Altenberger Die »jungen« Spiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65

Friedhelm Elias Kleine Schritte in einem schwierigen Land: Sportentwicklung in Timor-Leste . . . . . . . . . . 109

Plan A und B Im Gespräch mit Shanice Craft, Patrick Domogala und Michael Manke-Reimers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 Kerstin Deutschmann Schulpartnerschaften im Rahmen der Olympischen Jugendspiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74

Bewerbung Im Sport muss man fair sein Ein Interview mit Bernhard Schwank . . . . . . . . . . . . . . . . 78 Erklärung des Deutschen Olympischen ­Sportbundes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82


London und mehr Ein besonderes olympisches Jahr

Man muss nicht den Superlativ bemühen, auch wenn man auf ein Jahr zurückblickt, das in sportlicher, vor allem olympischer Hinsicht bemerkenswert war und mit vielen positiven Konnotationen verbunden bleiben wird. Fast könnte das Stichwort »London« genügen, um eine Fülle außergewöhnlicher Erfahrungen auf den Punkt zu bringen, wenn es nicht viel mehr als diese großartige Stadt gewesen wäre, die im Übrigen schon allein das ­Attribut »olympisch« verdiente. Aus meiner Sicht waren es vor ­allem die Menschen vor Ort, Einheimische und Auswär­ tige, Erfolgreiche und solche, die »nur« dabei gewesen sind, und insbesondere die vielen freiwilligen Helferinnen und Helfer, die dem olympischen Sommer eine besondere ­Intensität und eine nachhaltige Wirkung verliehen haben. London war eben nicht nur der Schauplatz spannender Wettkämpfe, herausragender Leistungen, umjubelter ­Siege und frustrierender Niederlagen, sondern auch das Epi­ zentrum eines ebenso unsichtbaren wie spürbaren ­Geistes, der seinen beredten Ausdruck vor allem in einer Fülle von Begegnungen fand. Ob verabredet oder zufällig, in der ­U-Bahn oder auf der Tribüne, ob bloßer Augenkontakt oder intensives Gespräch – das Erlebnis einer wenn auch nur punktuellen Verbundenheit erhielt fast ebenso großes Gewicht wie der große Sport, dessen Augenzeuge man sein durfte. Und dass auch in dieser Hinsicht die Paralympics wie noch nie zuvor im Fokus standen, hat mich mit ­besonderer Freude erfüllt. Dass auch Athletinnen und Athleten mit Handicaps die große Bühne des Sports verdienen und auf derselben zu begeistern vermögen, bedurfte keines weiteren Beweises. Dennoch war London auch diesbezüglich ein Meilenstein, weil sich die ihnen zukommende Bedeutung erstmals auch in signifikanter Weise in der Wertschätzung durch Organisatoren, Publikum und Medien manifestierte. Es bleibt zu hoffen, dass sich die beglückende Moment­ aufnahme als ein Katalysator für eine unumkehrbare ­Entwicklung erweisen wird. Dies gilt in ähnlicher Weise auch für die – in ­doppelter Hinsicht – »junge« Variante der Spiele, deren Winter­

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premiere in Innsbruck ein würdiger und ­motivierender Auftakt für das besondere olympische Jahr war. Trotz ­mancher Zweifel und Skepsis scheinen die Youth Olympic Games auf einem guten Weg, dessen Richtung und Ziel immer wieder aufs Neue bestätigt werden muss. Sehr aufmerksam werden wir auch an dieser Stelle den Lauf der olympischen Dinge verfolgen. Genau dies nämlich ist unsere Aufgabe als Deutsche Olympische Akademie, wobei wir uns keineswegs auf die Rolle des Beobachters oder kritischen Begleiters beschränken wollen und dürfen. Vielmehr geht es uns immer wieder auch darum, im Sinne unserer satzungsgemäßen Aufgaben wirksame Akzente zu setzen, Initiativen zu ergreifen und etwas in Bewegung zu bringen. Vor diesem Hintergrund freuen wir uns sehr sagen zu dürfen, dass 2012 nicht nur ein spannendes und anstrengendes, sondern auch ein erfolgreiches Jahr für unsere Akademie gewesen ist. Ob es sich um unsere traditionellen Unterrichtsmaterialien oder unsere neue Poster-Präsentation handelt, ob Großmaßnahmen wie unsere Studienreise nach London und das gemeinsam mit der Deutschen Sportjugend vor Ort durchgeführte Jugendlager, eine Tagung der europäischen Olympischen Akademien oder kleinere, aber mit ebensolcher Akribie und Motivation vorbereitete Veranstaltungen in Rede stehen – die Resonanz war stets durchweg positiv. Dies erfüllt uns mit Stolz, doch mehr noch verleiht es uns Kraft, unsere Mittel und Möglichkeiten auch weiterhin im Namen der Olympischen Idee und im Dienste einer ­Olympischen Erziehung nutzbar zu machen. Da wir dabei stets auf Vertrauen und Unterstützung angewiesen sind und bleiben werden, darf ich alle Leserinnen und Leser dieser Zeilen ganz herzlich einladen, sich ein von uns seit langem gepflegtes Motto zu Eigen zu machen: »Olympia ruft: Mach mit!« Sie werden sehen: Es lohnt sich!

Ihre Gudrun Doll-Tepper Vorsitzende Deutsche Olympische Akademie

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Editorial

Dass wir uns als Team der Deutschen Olympischen Aka­de­ mie gleichsam als eine Keimzelle verstehen, betonen wir besonders gerne, wenn wir uns für erfahrenen Zuspruch bedanken oder für eine andauernde Unterstützung ­werben wollen. Nicht zuletzt diesem Zweck soll auch der Alpheios dienen, den wir dazu nutzen wollen, in einem regen Austausch mit unseren Freunden und Förderern zu bleiben. Genau dies entspricht unserem »akademischen« Selbstverständnis, fühlen wir uns doch der Olympischen Idee auch insofern verpflichtet, als wir entsprechende ­Implikationen stets kritisch zu reflektieren versuchen. In diesem Sinne haben wir den Zuschnitt unseres Journals leicht modifiziert, um die bestens einge­führte ­Plattform noch stärker als Vehikel für einen intensiven ­Dialog und eine lebendige Diskussion wirksam werden zu ­lassen. Dabei versteht sich von selbst, dass wir nicht auf den olympischen Mainstream fixiert sind, sondern durchaus unterschiedliche Meinungen und Positionen zu ­berücksichtigen haben. Mag der Fußball seine »Wahrheit« allenthalben »auf dem Platz« verorten, lassen sich die ­Koordinaten der »olympischen Wahrheit« nicht so einfach erfassen. Auch wenn es bisweilen, wie in diesem Sommer zum Beispiel, den Anschein hat. In London – selten herrschte eine größere Einhelligkeit bei professionellen wie passionierten Beobachtern – waren Sternstunden, nein -wochen der olympischen Geschichte zu erleben. Die entsprechenden Beiträge im vorliegenden Heft vermögen dieser Behauptung Gewicht zu verleihen, während die versammelten »Momente« ein kleines Mosaik aus je persönlicher Sicht ergeben. Vor diesem Hintergrund erscheint der Hinweis darauf fast müßig, dass die besonderen Spiele »zwischen ­Tra­di­tion und Moderne« auch in der – bisher – sehr viel kürzeren und weit weniger exponierten Geschichte unserer ­Akademie

ein Highlight darstellten. Auch wir hatten das Glück, dabei sein zu können sowie das Privileg, das Erlebnis mit anderen teilen zu dürfen. Etwa mit ausgewählten ­jungen Talenten oder mit olympisch grundierten Pädagogen, ­namentlich den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des schon traditionellen nationalen Jugendlagers oder ­unserer erstmals angebotenen »Studienreise«, die uns, falls es nicht umgekehrt war, bei der – durchaus erfolgreichen – Suche nach dem olympischen Geist begleitet haben. Lässt sich an dieser Stelle sowie auf den folgenden ­Seiten naturgemäß nicht in aller Breite und Tiefe über die Er­fahrungen eines wirklich außerordentlichen olym­ pischen ­J ahres berichten, so sei doch der Hoffnung ­Ausdruck ­verliehen, dass zumindest Bemerkenswertes festgehalten und Anregendes ausgewählt wurde. Sollten diesbezüglich oder in anderer Hinsicht Versäumnisse konstatiert werden, nimmt dies die Redaktion auf ihre Kappe. Allen Mitwirkenden, vornehmlich den Autor­ innen und Autoren, sei dagegen sehr herzlich gedankt. Vor allem dann, wenn sie, wie in den meisten Fällen, unserer Akademie seit langem gewogen sind, wenn nicht mit Rat und Tat zur Seite stehen. Dies gilt auch für viele andere Leserinnen und Leser ­dieser Zeilen, die sich auf diese oder jene Weise für das von uns vertretene Anliegen engagieren. Allen Mitgliedern von Arbeitskreisen oder Jurys, Betreuerinnen und Betreuern, Referentinnen und Referenten, Zuhörerinnen und Zu­hörern oder eben Leserinnen und Lesern soll unser ­letztes Wort gelten: Ganz herzlichen Dank!

Ihr / Euer Andreas Höfer Direktor Deutsche Olympische Akademie

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Zwei Seiten einer Medaille Der Wert des Sports erwächst auch aus den Werten von T hom a s Bac h

WERTE

Beim Fußball, hat einmal ein Kenner der ­Materie ausgeführt, gehe es nicht um Leben und Tod. Es gehe um mehr! Mag dieses, wie manch anderes, gern zitierte Bonmot zum Thema auch zum Schmunzeln an­regen, ist damit doch weit mehr als nur ein Körnchen Wahrheit ausgesprochen. Und dies gilt nicht nur für unser aller Kernsportart, die ja ­bisweilen, zum Beispiel im Pokal, vermeintlich »eigenen Gesetzen« zu folgen scheint. Handelt es sich für viele vielleicht noch immer um die »schönste Nebensache der Welt«, so hat sich der Sport doch – nicht nur – hierzulande längst zu einem Phänomen von höchster gesellschaftlicher Relevanz entwickelt. Dieser

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unstrittige Befund lässt sich jenseits tiefgreifender ­Analyse schon statistisch belegen. Schließlich sind unter dem Dach des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) nicht ­weniger als knapp 28 Millionen Mitgliedschaften in mehr als 91.000 Vereinen und Verbänden registriert. Hinzu ­kommen bekanntlich nicht Wenige, die kommerzielle ­Angebote ­nutzen oder sich ganz individuell bewegen. Schon diese wenigen Daten belegen, dass die Menschen in Deutschland, wenn auch nicht nur oder vor allem, so doch auch Sportlerinnen und Sportler sind, die einen mehr oder weniger großen Teil ihrer Zeit für ein Hobby auf­bringen, das sie vielfach auch zu ihrem Beruf gemacht

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haben. Wer wollte es bestreiten: Viele Menschen leben vom Sport und noch viel mehr leben mit Sport oder sogar für den Sport. Und offenbar tun sie es gerne, weil sie es als eine Bereicherung ihres Alltags und ihrer Lebensqualität empfinden. So entsprach es tiefer Überzeugung, als es der DOSB vor einigen Jahren plakativ auf den Punkt gebracht hat: »Sport tut Deutschland gut!« Weil er, so darf man ergänzen, den Menschen und damit der Gesellschaft gut tut. Dies ist, zugegeben, kein Axiom, sondern eine ­Prämisse, die umso glaubwürdiger ist, je überzeugender man sie zu begründen vermag. Schließlich gibt es auch ­kritische ­Stimmen, deren Argumente vor allem dann Gewicht er­halten, wenn sie zutreffend sind. Gerade die heraus­ ragende gesellschaftliche, ökonomische, mediale oder ­kulturelle Bedeutung des Sports, um nur einige seiner wichtigsten Implikationen zu nennen, rechtfertigt nicht nur eine ­kritische Betrachtung, sie lässt sie geradezu ge­boten erscheinen. Dabei ist der Tatsache Rechnung zu tragen, dass sich der Sport als ein höchst facettenreiches und differenziertes Phänomen darstellt, dessen unterschiedliche Ausprägungen nicht immer leicht auf einen Nenner zu bringen sind. Man denke nur an die vermeintliche Differenz von »Spitze« und »Breite«, die in manch publizistischer Überspitzung zum Gegensatz erhoben wird. Doch wer auf diese Weise den internationalen oder olympischen Hochleistungssport zu diskreditieren versucht, lässt eine gewichtige verbindende Klammer außer Acht, die Bewegung und Wettkampf in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen stets und verbindlich als »Sport« konstituiert und dessen »Einheit in Vielfalt« gewähr­ leistet – nämlich die Werte, eben die Werte des Sports, aus denen im Übrigen in hohem Maße auch der Wert desselben erwächst. Damit ist ein zentrales Wesensmerkmal des Sports benannt – eine besondere Qualität, die ihn von ­anderen gesellschaftlichen Erscheinungen, wie der Kultur, aber etwa auch von Politik und Wirtschaft unterscheidet. Der Sport zielt nämlich nicht allein auf vordergründige Effekte, etwa solche, die, im Sinne der Gesundheit und der Leistungsfähigkeit, den Körper – früher sprach man vom »Leib« – betreffen. Oder die mit ihm verbundenen kognitiv­affektiven sowie sozialen Konnotationen, wie sein Unterhaltungswert oder sein außerordentliches Potenzial, Menschen über Grenzen hinweg zusammenzuführen. Dies und manch anderes macht an sich schon einen beachtlichen Mehrwert aus, doch in noch höherem Maße sind es die Werte als sein wesentliches und beson­deres Kennzeichen, das ein persönliches und gesellschaft­ liches Engagement für die Sache des Sports sowie Schutz

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und ­Förderung von Staats wegen erklären und sinnvoll erscheinen lassen. Und es erklärt etwa auch, warum sich hierzulande wohl um die neun Millionen Menschen in schätzungsweise einer Milliarde Stunden ehrenamtlich im Spiel- und Wettkampfbetrieb betätigen und dabei, dies sei nur am Rande erwähnt, für eine volkswirtschaftliche Wertschöpfung von jährlich etwa 6,7 Milliarden Euro ­verantwortlich zeichnen. Auch diese Zahlen sprechen für sich, doch sie sagen nicht alles. Vielleicht entspricht es dem Geist unserer Zeit, die Relevanz oder Attraktivität einer Sache vorzugsweise an nackten Zahlen festzumachen. Für den Sport sind es beispielsweise und vor allem Rekorde und Medaillen, die als Wertmaßstab herangezogen werden. In den Rang eines Qualitätsmerkmals ist längst auch die mediale ­Präsenz erhoben worden, die man wiederum mit Hilfe der viel zitierten Einschaltquoten zu quantifizieren versucht. Und dass nicht zuletzt das Pekuniäre über Sein und Haben ­mitentscheidet, ist ganz gewiss kein neuer Befund. Gleichwohl sind mehr als Zweifel am Platze, dass im Lichte ­solcher Betrachtungen dem Charakter und dem Potenzial des Sports auch nur halbwegs angemessen Rechnung getragen wird. Keine Frage: Auch der Sport muss sich rechnen. ­Niemand darf die Augen vor den Kosten verschließen, erst recht, wenn diese zu Lasten anderer, etwa der Steuerzahler gehen. Doch gerade in Zeiten knapper Kassen muss sich der Blick umso schärfer auch auf den Nutzen richten, um auf diese Weise die Ausgaben als Investitionen zu kalkulieren und, sicher ebenso wichtig, zu legitimieren. Damit aber ist die Frage nach dem Sinn des Ganzen aufgeworfen. Gerade diese Frage gilt es, vielleicht mehr als andere, ebenfalls drängende Fragen des Sports, immer wieder und immer wieder überzeugend zu beantworten. Schließlich erwächst aus dem besonderen Potenzial auch eine besondere Verantwortung, die sich nicht nur die Amts- und Funktionsträger des Sports, sondern auch dessen Stakeholder stets ins Bewusstsein rufen müssen, um ihr auch vollumfänglich gerecht werden zu können. Und es versteht sich, dass es hierbei weniger um Quantitäten, als um Qualitäten geht. »Im Mittelpunkt des Sports steht der Mensch.« Unter dieses ebenso prägnante wie programmatische Motto stellte Willi Daume seine präsidiale Ansprache anlässlich des fünften Bundestages des Deutschen Sportbundes (DSB) an dessen zehntem Geburtstag, dem 10. Dezember 1960 – und stellte dabei in der ihm eigenen Diktion und auf Friedrich Nietzsche und Ignatius von Loyola abhebend die (selbst)kritische Frage: »Ist es nun Dünkel oder Überheblichkeit, wenn wir behaupten, dass die deutsche Turn- und Sportbewegung eine große humanitäre Aufgabe erfüllt,

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weil sie versucht, dem Menschen zu helfen, das zu bleiben, was er von Natur aus ist.« Nun ist seit den zitierten Erwägungen Daumes mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen. Doch ist sein ­gleichsam affirmatives Diktum damit schon als altmodisch oder überholt abzuqualifizieren? Oder anders gefragt: Ist ein Bekenntnis zur humanen und damit dienenden Funktion des Sports nicht mehr zeitgemäß oder allenfalls noch als Gemeinplatz für sonntägliche Festreden oder ­ent­sprechende Buchbeiträge tauglich? Vielleicht darf an dieser Stelle – bei Wahrung der gebote­ nen politischen Neutralität – eine ganz aktuelle, jedenfalls mitnichten verstaubte Quelle, nämlich der im ­September 2010 vorgelegte »12. Sportbericht der Bundesregierung« herangezogen und der damalige Bundesminister des Innern, also auch der »Sportminister« zitiert werden: »Spitzen-, ­Breiten- und Freizeitsport«, so führt Thomas de Maizière in seinem »Vorwort« aus, »bieten neben der sportlichen Aktivität Chancen zur Integration, leisten ­positive Effekte bei der Gewaltprävention und der Gesundheitsvorsorge und haben darüber hinaus eine große wirtschaftliche Bedeutung. Sport kann jeden Menschen, ob mit oder ohne Behinderung, ob Spitzenathlet oder Hobbysportler, zur bestmöglichen Leistung motivieren und bei der Persön-lichkeitsentwicklung unterstützen. Die über 91.000 Sportvereine bringen Menschen aus nahezu allen Bereichen unserer Gesellschaft zusammen und zeigen damit die hohe gesellschaftspolitische Bedeutung des Sports auf.« Mit diesem Blick auf ein ganzes Portfolio an Funktionen und Möglichkeiten des Sports begründet der Minister die Förderung desselben als eine wichtige Aufgabe von Bund, Ländern und Kommunen, wobei die von seinem eigenen Ressort bereitgestellten Mittel ja vornehmlich auf die Spitze der Pyramide zielen. Auch auf diese Weise drückt sich das Bekenntnis zur Leistung aus, die keineswegs allein, aber natürlich auch in Medaillenspiegeln und Rekordlisten einen signifikanten, zudem in der öffentlichen Wahrnehmung höchst bedeutsamen Ausdruck findet. Ist und bleibt die Leistung für den Sport aber ein Wert par excellence, wie kaum sinnfälliger als im Zeichen des Wettkampfs unter Beweis gestellt werden kann, darf sie nur gesellschaftliche Anerkennung finden, sofern sie im ­Rahmen der Regeln erbracht wird. Und nicht nur das. Natürlich stellt schon die Aufstellung verbindlicher Regeln, zumal wenn sie von einem allgemeinen ­Konsens über ihren Sinn getragen ist, eine Kulturleistung eo ipso dar. Und man darf wohl behaupten, dass dem Sport gerade auch in dieser Hinsicht ein zivilisatorischer Modell­ charakter zuzuschreiben ist. Gleiche Regeln für alle, leicht verständlich für die Beteiligten und Außenstehenden

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über alle ­Barrieren von Herkunft, Geschlecht, Sprache, ­Ideologie, Religion und Politik hinweg – ist dies nicht ein Paradebeispiel für ein funktionierendes »Weltrecht« und den Konsens einer Weltrechtsgemeinschaft sowie damit ein Erfolgsmodell der Globalisierung? Wenn ja, dann hat sie in Pierre de ­Coubertin, dem Erfinder der Olympischen Spiele, einen geradezu ­genialen Vorreiter gefunden, und dies fast ein Jahrhundert bevor der Begriff für die moderne ­Ver­n etzung der Welt überhaupt in den allgemeinen Sprach­gebrauch einzog. Mehr aber noch als die Regeln, deren Einhaltung eine conditio sine qua non, nicht mehr also als eine selbst­ verständliche Voraussetzung für einen funktionierenden Sportbetrieb, wie schlechthin natürlich auch für jedes reibungslose Zusammenleben in einer Gemeinschaft ­dar­stellt, erhebt die innere Haltung den Betreffenden zu einem Leistungsträger, der Anerkennung oder auch Bewunderung verdient. Zudem taugt er gerade für jugend­liche Nachahmer als Vorbild, um eine weitere gesell­schaftlich bedeutsame Funktion des Sports anzusprechen. Und hier darf durchaus der lange verpönte, seit geraumer Zeit aber zu Recht wieder gesellschaftsfähige Begriff der »Elite« ins Feld geführt ­werden.

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Steht aber die mit dem Handeln verbundene Haltung in Rede, ist der Blick auf eine ethische Ebene gelenkt, die dem Sport als einem sozialen und kulturellen Konstrukt nicht nur eine weitere besondere Bedeutung und Funktion verleiht, sondern auch ein Alleinstellungsmerkmal darstellt, das seine Erfolgsgeschichte ganz wesentlich mit bestimmt und erklärt. Indem sich der Sport eben nicht nur durch ein – ebenso umfassendes wie überschau­bares – Regelwerk, sondern auch durch – ebenso informelle wie verbindliche – Werte konstituiert und definiert, gibt er ein Beispiel für die globale Utopie einer friedlichen und bes­ seren Welt, die Hans Küng »Weltethos« nennt und die Pierre de Coubertin »Olympische Idee« genannt hat. Die bahnbrechende Innovation des französischen Barons entsprang zum Ende des 19. Jahrhunderts eben nicht allein genuin sportbezogenen Motiven, sondern auch und zuerst einem humanen, sprich pädagogischen Impuls. Ihm ging es um die »Jugend der Welt«, um eine neue, weltweit wirksame Option für ihr Recht auf eine »gesunde« Bildung von Körper, Geist und Charakter, wobei der Sport nicht mehr und nicht weniger als ein Vehikel und Kataly­ sator sein sollte. Freilich zielte Coubertins Bemühen nicht nur auf das Wohlergehen des Individuums, vielmehr verfolgte er mit seinem – zu seiner Zeit ganz neuartigen, übrigens schon von daher auch vielfach kritisierten, teils vehement angefein­deten – Konzept einer Demokratisierung und Inter­nationalisierung des Sports auch einen gleichsam universalen Anspruch, den er unter anderem wie folgt auf den Punkt brachte: »Gesunde Demokratie und richtig ­verstandener, friedlicher Internationalismus werden in das erneuerte Stadion eindringen und hier den Kult der Ehre und der Uneigennützigkeit aufrecht erhalten, der es dem Athletismus ermöglichen wird, neben der Entwicklung des Leibes das Werk moralischer Vervollkommnung und ­sozialer Befriedung weiterzuführen.« A la bonheur! Große Worte, die auf nicht weniger als auf ein friedliches, mindestens von Achtung und Respekt geprägtes Zusammenleben im Zeichen von Menschenrechten und Gerechtigkeit abheben, auf eine »olympische« Welt, die von gemeinsam wahrgenommener Verantwortung getragen wird und dem Einzelnen alle Möglich­keiten zur Entfaltung seiner je individuellen Möglichkeiten ­bietet – eine Utopie, die das Attribut »olympisch« wahrlich ­verdient. Natürlich: Mit diesem mehr als ehrgeizigen Anspruch wurde gleichsam das Scheitern programmiert und die ­Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit zu einem kons­ti­ tuierenden Merkmal der olympischen Geschichte er­hoben. Doch zugleich erhielt der Sport, der sich bis dahin weit­ gehend auf einen lokalen und regionalen, ­allenfalls

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­ ationalen Blickwinkel beschränkte, eine völlig neue n Dimension, Konnotation und Legitimation. Den Sport auf diese Weise mit einem »guten Zweck« zu verbinden, hat ihm eine neue Qualität verliehen und ihn zu einem wertvollen Kulturgut unserer Zeit, nach Sven Güldenpfennig gar in den Rang eines »Weltkulturerbes« erhoben. Nun hat die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts gerade uns Deutschen schmerzlich vor Augen geführt, dass – auch – der Sport keine Bastion gegen äußere Anfechtungen und innere Verwerfungen, schon gar keine Insel der Glückseligkeit darzustellen vermag. Schließlich wird er von Menschen gemacht und betrieben. Und selbst wenn es sich um Sportlerinnen und Sportler handelt, sind damit Risiken und Nebenwirkungen programmiert. Denken wir nur an das ebenso leidige wie drängende Problem des Dopings, das manche als »Krebsgeschwür« bezeichnen, weil es nicht nur die Gesundheit der oder des jeweils Betreffenden, sondern die des Sports als Ganzes bedroht. Tatsächlich ist der offenbar schwer zu beherrschende – und keineswegs nur in sportlichem Zusammenhang zu Tage tretende – Drang, die Grenzen individueller Leistungsfähigkeit im Dienste des Erfolgs mit unerlaubten Mitteln und Methoden zu verschieben, ein eklatanter

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V­ erstoß gegen die Grundidee des Sports und als solcher stets und konsequent zu ahnden. An dieser Stelle hat sich der Sport einem hohen Anspruch verpflichtet und dabei eine Vorreiterrolle übernommen. In einer Zeit, in der menschliche Arbeitskraft zum »Human­ kapital« degradiert und neben Fitness und Gesundheit, ständiger Erreichbarkeit und umfassender Kompetenz auch gutes Aussehen und mediengerechtes Auftreten zum Muss erhoben wird, hat sich der Missbrauch von Medikamenten und Drogen zu einem gravierenden Problem der ­(Leistungs-)Gesellschaft ausgewachsen, doch nur der Sport hat sich dem Grundsatz verpflichtet, dass Doping, ob legal oder nicht, in jedem Fall nicht legitim ist. Es ist in jeder Hinsicht ungesund und es ist unfair – und zwar nicht nur im Blick auf die Konkurrentinnen und Konkurrenten im ­Wettkampf um einen Platz auf dem Treppchen, sondern auch und vor allem im Blick auf mögliche Nachahmer­innen und Nachahmer, namentlich die Jugend. Aus diesem und vielen weiteren Gründen hat der DOSB gemeinsam mit der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände und dem ADAC auch eine Initiative gegen Medikamentenmissbrauch in der Gesellschaft gestartet. Gerade Kindern und Jugendlichen aber gilt die besondere Aufmerksamkeit und Verpflichtung des Sports, gerade ihnen soll er zu lernen helfen, dass Ambition und Talent

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fehlgeleitet werden, wenn sie sich mit übertriebenem ­Ehrgeiz verbinden und dass eine in Training oder Wettkampf erlittene Verletzung weit weniger schwer wiegt, wie die Verletzung der persönlichen Integrität, auch oder gerade wenn vermeintlicher Erfolg kurzfristig immer ver­ lockend erscheint. Auch und vor allem der Sport kann junge Menschen stark machen, zum Beispiel indem er vermittelt, dass sich persönlicher Erfolg nicht unbedingt und absolut am Grad öffentlicher Aufmerksamkeit oder am Ausmaß ökonomischer Begleiterscheinungen ermisst. Und er kann den Sinn und den Mehrwert eines »sportlichen Imperativs«, ­nämlich dahingehend Einsicht vermitteln, dass es sich letztlich immer und für alle auszahlt, stets genau so zu handeln, wie man auch von anderen, zum Beispiel auch seinen Gegnern, behandelt werden möchte. Vor diesem Hintergrund versteht sich: Auch wenn er sich bisweilen wie ein Kampf gegen Windmühlen ausnimmt oder als eine lästige Störung der Teilhabe an der Faszination des hochkarätigen Wettkampfs und der sportlichen Spitzenleistung erscheint, ist der Kampf gegen Doping ein Kampf für die Werte des Sports, für seinen humanen ­Auftrag und sein pädagogisches Potenzial – und damit gleichsam eine moralische Pflicht. Denn, um noch einmal Willi Daume zu zitieren: »Der Sport wird sein, was wir aus

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ihm machen.« In der Diktion des großen Johann Wolfgang von Goethe bedeutet dies: »Es ist nicht genug zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muss auch tun.« »Wollen« und »Tun« möglichst zur Deckung zu ­bringen, ist eine Herausforderung, der sich nicht nur der Sport immer wieder neu zu stellen hat. Dies kann man wohl sagen: Der Sport will viel und er tut viel. Er bietet eine schier ­unglaubliche Fülle an geschützten Räumen für die freie und freudvolle Entfaltung der Persönlichkeit und für die Erfahrung, dass das eigene Recht und die eigene Freiheit immer auch das Recht und die Freiheit des Anderen bedeuten und dass dies genauso umgekehrt gilt. Für die gewaltfreie Begegnung mit Anderen und für die Erfahrung, dass der Gegner immer auch als unerlässlicher ­Partner ­fungiert, dass es ohne Verlierer auch keine Gewinner geben kann und dass sich Niederlagen als Ausgangspunkt für kommende Siege nutzen lassen. Dass es sich lohnt, sich an­zustrengen, das je Optimale erreichen zu wollen. Und dass es keineswegs schadet, sondern vielmehr von ­Nutzen ist, dabei Rücksicht zu nehmen und dem Anderen mit Offenheit, Respekt und Fairness zu begegnen, ihn kennenzulernen und einzubeziehen. Gerade in Schule und Verein, aber auch außerhalb derselben, lässt sich nicht nur der Leib, sondern auch ­soziales Verhalten, etwa ein fairer Umgang mitein­ander üben. Indem das Gegen- in einem Miteinander aufgefangen, der Konkurrent als ein unverzichtbarer Partner an­gesehen und geachtet wird, können Training und Wettkampf als Modell für ein friedliches und konstruktives, sprich menschen­würdiges Zusammenleben in einem kultivierten und multi­kulturellen Gemeinwesen Wirkung entfalten. Vor allem dann, wenn es nicht (nur) um Punkte, Tore, ­Meisterschaften geht, kann der Sport eine Schule des ­richtigen Lebens darstellen. »Wichtig«, das wird nicht nur der Fußballer bestä­ tigen, »ist auf dem Platz«. Dieser ist nämlich eine zentrale Spielwiese und eine großartige Option der Gesellschaft. Wo sonst kommen die Möglichkeiten und Grenzen einer humanen Wertegemeinschaft so offenkundig und machtvoll zum ­Tragen, wo sonst kann Fairness und Respekt, Chancengleichheit und Integration über alle sprachlichen und kulturellen Barrieren hinweg wirksamer Vorschub geleistet werden. Geht es um Sport, ist Ehrgeiz und Selbstbewusstsein immer am Platze. Dies gilt auch, wenn seine Ziele und Möglichkeiten in Rede stehen. Doch ebenso geboten ist stets auch ein Blick für die Realitäten, um die Welt, auch die des Sports, nicht nur so wahrzunehmen, wie sie sein soll. Auch der Sport muss sich an seinem Anspruch und seinen

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Ansprüchen, also auch und nicht zuletzt an den von ihm selbst propagierten Werten messen und messen lassen. Nicht mehr als eine peinliche Übung wäre es, seine Moral wie eine Monstranz durch die Arena zu tragen, sich dabei möglichst zu sputen, damit der Anpfiff zum Eigentlichen nicht allzu lange auf sich warten lässt. Friedrich Nietzsche hat der Moral in seiner »Genealogie« derselben viele mögliche Bedeutungen und Erscheinungsformen zugewiesen und sie etwa »als Folge, als Symptom, als Maske, als Krankheit, als Missverständnis, als Ursache, als Heilmittel, als Stimulans, als Hemmung oder als Gift« charakterisiert. Aus dieser Palette kann der Sport, können die Sportlerinnen und Sportler wählen, wenn sie sich auf die ihn und sie tragenden Werte berufen. Sie können sich aber beispielsweise auch auf Horst Köhler beziehen. Der Bundespräsident hat es nämlich ganz wunderbar auf den Punkt gebracht: »Der Sport ist ein Grundnahrungsmittel.« Wenn dafür Sorge getragen ist, dass diesbezüglich ­niemand Hunger leiden muss, dann ist – jenseits der Frage von »Leben und Tod« – eine wichtige Voraussetzung für einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft, nicht nur die Zukunft des Sports erfüllt. • Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Herder ­Verlags (Der Text ist erschienen in: B. HENNERKES/G. AUGUSTIN (Hrsg.), Wertewandel mit­ gestalten. Gut handeln in Gesellschaft und Wirtschaft, Freiburg im ­Breisgau 2012).

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Nicht nur Zweck, sondern auch Sinn Ein Plädoyer für eine (Rück-) Besinnung auf die Olympische Idee Von Ma n f r e d Lä m m e r

Am 28. September 2011 fand in Baden-Baden ein ­Festakt statt, der an den 11. Olympischen Kongress erinnerte, bei dem 1981 in der Kurstadt an der Oos eine entscheidende Weichenstellung für die weitere Entwicklung der ­Olympischen Bewegung vorgenommen wurde. Im Vorfeld dieser Veranstaltung vor 30 Jahren äußerte Willi Daume, seinerzeit Präsident des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland und Vizepräsident des Internatio­nalen Olympischen Komitees (IOC): »Wir müssen damit rechnen, dass die Olympischen Spiele überleben, nicht aber die Olympische Idee.« Ich erinnere mich noch gut daran, mit welchem Unverständnis eine Reihe von Mitstreitern im inneren Kreis des Baden-Badener Organisationskomitees dieses Diktum damals aufnahm. War der olympische Visionär nach den Erfahrungen mit dem Boykott der Olympischen Spiele 1980 in

Moskau und einer gewissen Vorahnung der zu er­wartenden »Retour-Kutsche« 1984 in Los Angeles zum Pessimist, gar zum Fatalist geworden? Dann hätte seine Sorge doch den Spielen und weniger der Idee gelten müssen. Und war es nicht zu diesem Zeitpunkt die erklärte Absicht des IOC, die heilige Kuh des Amateurismus, für die Avery Brundage zeitlebens prinzipienfest – manche sagen: starrköpfig – eingetreten war, zu schlachten – was unter Federführung von Willi Daume als dem Vorsitzenden der Zulassungs­kommission dann ja auch tatsächlich im Anschluss an den Kongress von der IOC-Session beschlossen wurde? Inzwischen sind mehr als 30 Jahre vergangen und wir verstehen heute, was Willi Daume wohl meinte: Gerade die unglaubliche Erfolgsgeschichte der Olympischen Spiele, die nach der Bedrohungsperiode 1988 wie Phoenix aus der Asche stiegen, hatte zur Folge, dass die dahinter ­stehende

Baden-Baden 1981. Auf dem Podium: Willi Daume, Juan Antonio Samaranch, IOC-Direktorin Monique Berlioux und Pressechef Willi Ph. Knecht (v. li.).

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Idee, die überhaupt zu ihrer Gründung und weltweiten Akzeptanz geführt hatte, und die sinnstiftenden Elemente zunehmend aus dem Bewusstsein der feiernden Gemeinde und der Verantwortungsträger verdrängt wurden. Der ökonomische Erfolg und die mediale Aufmerksamkeit der Olympischen Spiele sind unbestritten. Aber was treibt ­diejenigen wirklich an, die sie propagieren, sich um ihre Ausrichtung bewerben und sie schließlich inszenieren? Noch einmal zurück zu Willi Daume: Als er am Abend des 8. Oktober 1965 in Madrid nach dem Beschluss des IOC, das immer wieder mit Querelen verbundene Experiment der gesamtdeutschen Zwangsehe zu beenden und der DDR ab 1968 ein anerkanntes Nationales Olympisches Komitee (NOK) und eine eigenständige Olympia­mannschaft zuzubilligen, müde ins Bett sank, hielt die Enttäuschung nur kurz an. Schon wenige Tage ­später befasste er sich mit dem waghalsigen Gedanken, die ­Olympischen Spiele nach Deutschland – und nun ­angesichts der veränderten Zuständigkeit – nach Westdeutschland zu holen und zwar in die Stadt, die die einzige realistische Möglichkeit dazu bot: nach München. Die Chronologie der Bewerbung war vielsagend: Bereits am 28. Oktober trug Daume dem Oberbürgermeister von München, Hans-Joachim Vogel, seine Vorstellungen vertraulich vor. Am 30. Oktober hob der Deutsche Sportbund in Köln den Düsseldorfer Beschluss vom 16. August 1961, den Sportverkehr mit der DDR aufgrund der Errichtung der Mauer in Berlin abzubrechen, wieder auf. Am 29. November lagen Daume die verbindlichen Zusagen der Bundesregierung, des Freistaates Bayern und der Stadt München vor, die prognostizierten Kosten der Olympischen Spiele 1972 in Höhe von zwei Milliarden DM im Verhältnis 50% zu 25% zu 25% vollkommen aus öffentlichen Mitteln zu finanzieren. Von Top-Sponsoren oder TV-Einnahmen wie heute konnte man damals nur träumen. Da der 31. Dezember offizieller Bewerbungsschluss war, mussten die entsprechenden ­parlamentarischen Beschlüsse noch innerhalb der folgenden drei Wochen erfolgen und die Bewerbungsunterlagen erstellt werden. Am 26. April 1966 vergab das IOC auf seiner Sitzung in Rom die Olympischen Spiele 1972 im zweiten Wahlgang nach München. Sechs Monate waren vergangen, seit Willi Daume seinen Plan dem Münchener Stadtvater zum ersten Mal unterbreitet hatte. Die zur Verfügung stehende Zeit, die politischen, sportpolitischen und ökonomischen Voraussetzungen für die Bewerbung zu schaffen, betrug – wenn man die Weihnachtstage außer Betracht lässt – gerade ­einmal sieben Wochen. Warum habe ich diesen Bewerbungsverlauf hier nach­ gezeichnet? Es ging mir nicht darum, an dem Rekordtempo, in dem sich der Bewerbungsvorgang abspielte, die

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E­ ffektivität damaliger bürokratischer bzw. politischer Strukturen zu verdeutlichen oder diese gar mit den heutigen zu ­vergleichen. Die Entwicklung der Olympischen Spiele hat es mit sich gebracht, dass die Entscheidung über ihre Vergabe heute sieben Jahre vor ihrer jeweiligen Austragung erfolgt und eine mindestens dreijährige Planungs­ arbeit voraussetzt. Mir geht es um eine andere Feststellung, die sich aus der »Blitzbewerbung« von 1965/66 ergibt: Der Mehrheit der Bevölkerung sowie den verantwortlichen Sport­führern und Politikern musste damals eine Bewerbung um ­Olympische Spiele nicht in zähen, jahrelangen Diskus­sionen ab­gerungen und durch Kampagnen und Umfragen mühsam gestützt werden. In den 60er Jahren weckte das Stichwort »Olympia« noch reflexartig positive Assoziationen und stieß auf ­breiten Konsens in der Öffentlichkeit. Aufgrund jahrzehnte­langer Sozialisation waren Olympische Spiele unantastbar, von einem Nimbus umgeben, ein Mythos, der keiner Begründung bedurfte. Angesichts der in den beiden vergangenen Jahrzehnten immer stärker dominierenden Ökonomisierung aller Bereiche der Gesellschaft, insbesondere auch des Sports, sind sinnbezogene Begründungen für die Bewerbung um Olympische Spiele heute von untergeordneter Bedeutung. Dies gilt in besonderem Maße für die Winterspiele, die nicht auf Pierre de Coubertin zurückgehen und erst 1924 als »Anhängsel« bzw. Einstimmung im Frühjahr auf die »eigentlichen« Olympischen Spiele, nämlich die Sommerspiele, auf die olympische Agenda kamen. Die Olympischen Spiele haben für die Mehrheit der Verantwortlichen und Involvierten in Sport, Politik und ­Wirtschaft heute keinen Sinn mehr, sondern einen Zweck und Funktionen: Gerade diejenigen, die sich früher über die Instrumentalisierung des Sports beklagt haben, ver­ fallen in das gleiche Argumentationsmuster. Wer sich heute um Olympische Spiele bewirbt, argumentiert gegenüber der eigenen Bevölkerung, vor allem aber gegenüber der Politik, mit dem ökonomischen Nutzen: Dem Vorteil einer Bewerbung für die kommunale und regionale Struktur­ entwicklung, der Schaffung von zusätzlichen Arbeitsplätzen, der Förderung des Tourismus und einer »nachhaltigen« Entwicklung in anderen Bereichen, obwohl die Erfahrung und objektive Analysen gezeigt haben, dass die vorhergesagten und »verlässlich« berechneten Wirkungen in den meisten Fällen ausblieben. Vom eigentlichen Sinn der Spiele ist kaum noch die Rede. Und da wundert man sich, dass es im Gegensatz zu früher eine Fülle von ­Bedenken und Widerstände gibt! Dieser Verlust an ­Sinn­stiftung, Sinndeutung und Sinnverbreitung wird nicht einmal von ­professionellen Agenturen begriffen, die für die Top-­Sponsoren arbeiten.

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Das Phänomen der Sinnentleerung ist auch kennzeich­nend für die Wahrnehmung kirchlicher Feiertage in der modernen pluralistischen Gesellschaft. Man nutzt die arbeitsfreien Tage zur Freizeit, weiß aber kaum noch etwas über ihren religiösen Ursprung: Karfreitag, Christi Himmelfahrt oder Fronleichnam oder die im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn großzügige Gewährung eines zusätzlichen Feiertages zu Ostern, Pfingsten oder Weihnachten. Auch die auf politisch-säkulare Ursprünge zurückgehenden Feiertage wie der 1. Mai oder der 3. ­Oktober teilen diese Unkenntnis in weiten Kreisen der Bevölkerung. Eigentlich wäre es konsequent, Feiertage wieder abzuschaffen, wenn die Mehrheit ihren Sinn nicht mehr versteht bzw. ihn sich nicht mehr zu eigen macht. Aber derartige soziale Besitzstände lassen sich kaum ­wieder zurücknehmen. Die Olympische Charta, das Grundgesetz der Olympi­schen Bewegung, legt in Regel 28 die Aufgaben der NOKs fest. Dabei formuliert sie bemerkenswerterweise als vorrangige Aufgabe nicht etwa die Entsendung von Sport­lerinnen und Sportlern zu den Olympischen Spielen, ­sondern führt aus: »Die Rolle der NOKs ist es, die Grundlegenden ­Prinzi­pien und Werte des Olympismus in ihren Ländern, insbeson­ dere in den Bereichen Sport und Bildung, durch die Unterstützung von olympischen Bildungsprogrammen auf allen Ebenen in Schulen, in Einrichtungen der Sportund Leibeserziehung und an Universitäten, sowie durch die Anregung der Schaffung von Einrichtungen, die der ­olympischen Erziehung gewidmet sind, wie zum Beispiel Natio­nale Olympische Akademien, olympische Museen und andere, einschließlich kulturelle, Programme mit Bezug zur Olympischen Bewegung, zu fördern.« Das heißt klar und deutlich: Die Verbreitung der Idee und der olympischen Werte ist die erste und wichtigste Aufgabe der NOKs. In dieser Hinsicht verfügt die Deutsche Sport­ bewegung über zwei Institutionen: das Deutsche Sportund Olympiamuseum in Köln und die Deutsche Olympische Akademie in Frankfurt. Zu dem wichtigsten Anliegen dieser Institutionen gehört es, dem Betrachter die Olympische Idee, die sie tragenden Werte und die Ziele der Olympischen Bewegung zu verdeutlichen und zu einer inneren Auseinandersetzung mit ihnen anzuregen. Dazu gehört natürlich auch ein Rückblick auf die Motive und Vorstellungen des französischen Barons Pierre de Coubertin vor dem Hintergrund der durch Nationalismus und Kriegsgefahr gekennzeichneten Lage in Europa im ausgehenden 19. Jahrhundert. Dabei geht es auch um die Frage von Originalität und Kontinuität. Trotz der unbestrittenen Verdienste der alten Griechen um die Entwicklung einer ersten Wettkampfkultur, auf die sich der französische Pädagoge aus Leidenschaft zurecht berief,

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waren die von ihm begründeten Olympischen Spiele nicht nur bezüglich ihres äußeren Vollzugs und der zur Austragung kommenden Sportarten, sondern auch hinsichtlich ihres Sinngehalts keine Kopie des antiken Vorbildes, ­sondern etwas völlig Neues. Bei der Vermittlung der Olympischen Idee müssen auch die Inanspruchnahme des größten Weltfestes des Sports durch Politik und Wirtschaft sowie die ethischen Heraus­ forderungen problematisiert werden, die durch die in ­letzter Zeit zunehmende Tendenz der Manipulation und des Missbrauchs und Fehlverhaltens von Wettkämpfern und Funktionären entstanden sind. Die Olympische Idee ist auch im Zeitalter der Globali­sie­ rung nicht ad acta gelegt. Im Gegenteil: Wenn die weltweite Schicksals- und Verantwortungsgemeinschaft überleben will, bedarf es nicht nur der technischen, politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Es geht auch um einen minimalen Konsens über Grundwerte, die unser Leben ­bestimmen. Hierzu können die Olympische Bewegung und die ­Olympischen Spiele einen bescheidenen, aber spezifischen Beitrag leisten. Die Bereitschaft, Konflikte friedlich zu lösen, sich gegenseitig mit Toleranz und Respekt zu begegnen und

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das Prinzip des Fair Play im Sport und über den Sport hinaus in allen Bereichen, die durch Konkurrenz gekennzeichnet sind, zur Geltung zu bringen – sollten unser Zusammen­ leben bestimmen. Eine weitere wichtige Instanz der ständigen Auseinandersetzung mit der Olympischen Idee ist in den letzten 20 Jahren unter dem Einfluss von Ökonomisierungstendenzen und ideologischer Verschiebungen nahezu völlig verloren gegangen: die Institute für Sportwissenschaft an Hochschulen und Universitäten. In dramatischer Weise wurden Lehrstühle und andere akademische Positionen im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften gestrichen oder in Richtung auf medizinisch-naturwissenschaft­ liche Felder bzw. die Modefächer Ökonomie/Management oder ­Publizistik/Kommunikation umgewidmet. Die Orien­ tierungswissenschaften Philosophie/Ethik, Geschichte, Soziologie und Pädagogik, denen die Sportwissenschaft ihre Entwicklung und akademische Akzeptanz überhaupt verdankt, wurden und werden hemmungslos gestrichen. Diese ­Entwicklung wurde begleitet durch den Rückzug des olympischen Leistungssports aus den früheren Universitätssportvereinen in Ost und West. Beide Tendenzen wirkten sich katastrophal auf die Sportlehrerausbildung

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aus, deren Inhalte sich immer stärker vom Wettkampf­ gedanken, dem Kern der Olympischen Idee, entfernen. Die Deutsche Olympische Gesellschaft (DOG), die beim olympischen Neubeginn in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle spielte, und durch den Goldenen Plan für den Sportstättenbau und die Fair Play-Initiative für den ganzen deutschen Sport an mehr als 120 Zweigstellen und auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung mit 10.000 Mitgliedern die größte Basisorganisation für die Olympische Idee weltweit war, bangt um ihre Existenz. Nur an wenigen Orten halten Idealisten noch die Stellung. In Frankfurt bemüht sich ein kleiner Stab um den Erhalt der Zeitschrift Olympisches Feuer, die fast 50 Jahre lang das gemeinsame Organ von DOG und NOK war. Wie man sieht, leiden fast alle Instanzen, die sich um die Verbreitung der olympischen Botschaft bemühen, an ­Auszehrung. Es geht also darum, wieder stärker den Sinn ins Bewusst­sein zu bringen, der sich hinter dem faszinierenden ­Er­eignis Olympischer Spiele verbirgt, dem wir alle vier – seit 1994 alle zwei Jahre – entgegenfiebern. Es wäre doch fatal, wenn wir vielleicht 2022 oder 2026 wieder Olym­pische Spiele in Deutschland veranstalten würden, aber nicht mehr wüssten, warum. •

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Ein Imperativ für den Sport Nachhaltigkeit, Good Governance und Compliance im Sport Von Sy lv i a Sc h e n k

Vor der Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine kam es zu heftigen Reaktionen: Die Behandlung der ehemaligen ukrainischen Regierungschefin Julia Timoschenko durch ihren Nachfolger Viktor Janukowitsch empörte die Weltöffentlichkeit, ließ Bundes­ präsident Gauck demonstrativ seine Reise in die Ukraine absagen und führte zu Boykottdrohungen weiterer politischer Würdenträger. Wie ging es dagegen vier Jahre zuvor bei den Olympischen Spielen in Peking doch vergleichsweise gemütlich zu. Zwar kam es 2008 beim olympischen Fackellauf in einigen Ländern zu Tumulten bis hin zu Schlägereien mit Sicherheits­kräften, aber Politik und Sportfunktionäre beschwichtigten, betonten den verbindenden Charakter des Sports und lehnten vehement jede Art von Boykottüberlegungen ab. Liegen uns die Ukraine bzw. Julia Timoschenko so viel näher als China und die dortigen Dissidenten, von denen ja nicht wenige 2008 inhaftiert oder unter Hausarrest waren? Haben sich die Zeiten geändert oder sind wir – welch übler Gedanke – einfach nur weniger abhängig von der Ukraine, auf ein gutes Verhältnis mit China schon wegen des

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­ eutschen Exports aber dringend angewiesen? Im Frühjahr d 2012 hat doch die Hannover-Messe wieder gezeigt, welch hohen Stellenwert die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem großen Land im Fernen Osten hat. Ai Weiwei – vor fünf Jahren gefeierter Star auf der Documenta 12 in Kassel (Bild S.17), jetzt unter Hausarrest, bespitzelt von 15 Kameras der Staatsmacht, so dass er die 13. Documenta in diesem Jahr noch nicht einmal besuchen durfte – und seine Probleme sind da weit weg. Dass es so einfach nicht mehr geht in einer nicht nur ­glo­balisierten, sondern kommunikativ immer besser vernetzten Welt, merken inzwischen auch die Unternehmen. Mochte Volkswagen den Olympischen Fackellauf 2008 als Hauptsponsor trotz der erschreckenden Bilder noch als Erfolg zumindest im Zielland China verbucht haben, regte sich vor dem Turnier in Polen und der Ukraine Unruhe. 1 Und in der Formel 1 musste Mercedes reagieren, nachdem der allmächtige Manager Bernie Ecclestone sich aus dem Strafverfahren gegen Gerhard Gribkowsky mit ­Korruptionsvorwürfen konfrontiert sieht: Der Rennstall verlängerte zwar Ende September 2012 sein Engagement im Rennzirkus bis 2020, verankerte aber Anti-­­Kor­rup­tions­

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klauseln im neuen Vertrag mit den Rechteinhabern der Formel. »Compliance und Sponsoring« wird zum Thema in Fachgruppen und auf Konferenzen, die Europäische Union (EU) und nationale Regierungen fordern Good Governance im Sport – Reichweite allein kann in Zeiten der Nachhaltigkeit Millionenausgaben für die Sportförderung nicht mehr ausreichend rechtfertigen. Nachhaltigkeit? Good Governance? Compliance? Wofür stehen diese Begriffe – und vor allem: Was hat der Sport damit zu tun?

Nachhaltigkeit: Von der Forstwirtschaft zum Drei-Säulenmodell Der Begriff Nachhaltigkeit kommt ursprünglich aus der Forstwirtschaft. Schon im 16. Jahrhundert ging es darum, den Holzeinschlag dem möglichen Aufforsten anzupassen. Die ursprüngliche Definition lautet daher: »Regenerierbare lebende Ressourcen dürfen nur in dem Maße genutzt ­werden, wie Bestände natürlich nachwachsen.« In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff der Nachhaltigkeit dann zunehmend auf andere Bereiche ausgedehnt. Ausgehend vom Bericht des Club of Rome 1972 über den Brundtland Report (1987) bis zur ­Konferenz für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Natio­nen (UN) 1992 wurde ein Drei-Säulen-Modell ent­ wickelt: Ökonomie, Ökologie und gesellschaftliche Aspekte sollen miteinander verknüpft werden. Die aktuelle Definition des deutschen Nachhaltigkeitsrates versteht unter »nachhaltiger Entwicklung«, dass »Umweltgesichtspunkte gleichberechtigt mit sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten« berücksichtigt werden. Ziel muss es sein, »unseren Kindern und Enkelkindern ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge zu hinterlassen.« 2 Die Forderung nach einer nachhaltigen Entwicklung richtet sich dabei nicht nur an Politik und Wirtschaft, ­sondern schließt Verbände und Vereine sowie jeden Einzelnen mit ein. Somit ist auch der Sport gefragt. Das in den letzten zwei Jahrzehnten erheblich gewachsene Engagement der Sportvereine und -verbände im Umweltschutz und bei der Einsparung von Ressourcen muss durch weitere ­Maßnahmen insbesondere aus der Säule »gesellschaftliche Aspekte« ergänzt werden. Hier gibt es zum Teil noch einen erheb­lichen Nachholbedarf des Sports, was vor allem in der ehren­amtlichen Struktur begründet ist. Damit sind wir direkt beim nächsten Begriff: Good Governance im Sport.

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Good Governance: Gute Regierungsführung – auch in Verbänden In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde »Gute Regierungsführung« zu einem Schlüssel­ begriff der internationalen Politik. Nach dem Ende des ­Kalten Krieges waren Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und der Kampf gegen Korruption wesentliche Grund­lagen für die Bereitschaft west­ licher Länder, beim Umbau der Staaten im Osten und insbesondere dem Aufba u e in er Mark t w i r tschaft unterstützend tätig zu ­werden. Parallel dazu wurde Good Governance auch zum Leitbild in der Entwicklungspolitik. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammen­a rbeit und Entwicklung (OECD), die EU und einzelne Geberländer begannen, ihre Hilfeleistungen mit der Forderung nach politischen Reformen zu verbinden. Good Governance ist ein wichtiger Bestandteil der im Jahr 2000 beschlossenen »Milleniumsziele« und laut UN 2002 der »Schlüssel für nachhaltige Entwicklung«. Im ­African Gover­ nance Report 2005 führte der damalige UN ­General-Sekretär Kofi Annan aus: »Gute Regierungsführung und nachhaltige Entwicklung lassen sich nicht trennen. Das ist die Lehre aus all ­unseren Bemühungen und Erfahrungen von Afrika über Asien bis Lateinamerika. Ohne gute Regierungsführung – ohne Rechts­staatlichkeit, ­verlässliches Regierungs­ handeln, ­legi­ti­mierte Machtausübung und bürgernahe Regel­setzung – werden uns alle Gelder und alle Wohltätigkeit dieser Welt nicht auf den Weg zum Wohlstand bringen.« Aber nicht nur Good Governance seitens der Politik ist entscheidend, diese muss seitens der Wirtschaft ergänzt werden durch »Gute Unternehmensführung«. So hat sich in den vergangenen Jahren eine Kampagne für »Corporate Governance« entwickelt, in Deutschland wurde 2001 die Corporate-Governance-Kommission eingesetzt, die über den Corporate-Governance-Kodex wacht. 3 Das Internationale Olympische Komitee (IOC) zog 2008 nach und stellte »Basic Universal Principles of Good Governance of the Olympic and Sports Movement« vor. 4 ­Allerdings weisen diese Prinzipien einige Defizite auf und sind zudem bisher allenfalls rudimentär in der Olym­ pischen Bewegung aufgegriffen und umgesetzt worden. Die EU hat in ihrem White Paper on Sport bereits 2007 ­Elemente von Good Governance betont: Transparenz,

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Demokratie, Verantwortlichkeit und die Ein­bindung der Betroffenen, der so genannten Stakeholder. In ihrem Arbeits­plan im Sport 2011 – 2014 5 listet die EU »nach­ haltige Entwicklung im und durch den Sport« sowie Good ­Governance als wesentliche Aufgaben auf. Dementsprechend laufen innerhalb der EU zurzeit mehrere Pilotprojekte zum Thema Good Governance im Sport, daran beteiligt ist auch die Führungsakademie des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), die im Juli 2012 dazu ein Pilotseminar mit den Verbänden mit besonderen Aufgaben durchführte.

Compliance: Nicht nur die FIFA ist gefragt Die Diskussion um »gute Führung« im Sport hat seit Herbst 2010 durch die Vorgänge innerhalb der Fédération Internationale de Football Association (FIFA) eine besondere Dynamik bekommen. Die Korruptionsvorwürfe, die zum Rücktritt oder zur Suspendierung von insgesamt fünf ­Mitgliedern des Exekutivkomitees der FIFA geführt haben, sind weltweit als Zeichen dafür verstanden worden, dass die Führungskultur und die Strukturen der Sportorganisa­ tionen vielfach ihrer inzwischen gewachsenen wirtschaftlichen und politischen Bedeutung hinterher hinken. Es fehlt an einem adäquaten Risikomanagement und an den notwendigen Vorgaben, um Transparenz, Integrität und Verantwortlichkeit zu sichern. Compliance, d. h. die Einhaltung von Gesetzen, Satzung, vertraglichen Verpflichtungen und sonstigen Regelungen, insbesondere auch ethischen Grundsätzen, gehört in der Wirtschaft heute zur Corporate Governance und muss entsprechend im Sport ebenfalls Teil der »guten Führung« werden. Die FIFA hat sich jetzt notgedrungen an die Arbeit gemacht und will ein umfassendes Compliance-Programm vorlegen. Aber nicht nur die FIFA ist gefordert. Compliance muss, abgestuft nach den jeweiligen Risiken, auch in allen anderen Bereichen des Sports zur Selbstverständlichkeit werden. Vor allem muss mit dem Missverständnis aufgeräumt ­werden, dass ehrenamtlicher Einsatz per se »gut« ist und keiner Kontrolle, also auch keines Risikomanagements bedarf. Die Bandbreite der Risiken geht dabei von unsachge­ mäßer Abrechnung der Sportfördermittel über Steuerhinterziehung bis hin zu sexueller Belästigung. In großen Vereinen mit eigenen Sportanlagen kommen insbesondere bei Bau- und Sanierungsmaßnahmen die in diesem Bereich üblichen Korruptionsrisiken hinzu. Für die Verbände kann der Abschluss von Sponsoring- und Fernsehverträgen Einfallstor für unlautere Geschäftspraktiken sein, ebenso die Vergabe von VIP-Tickets. Die oft übergroße Nähe

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des Sports zu Politik und Wirtschaft wirft hier besondere Probleme auf. Über Interessenkonflikte – d.h. die Vermengung von persönlichen (ideellen oder wirtschaftlichen) Interessen mit der objektiv wahrzunehmenden Aufgabe – wird selten nachgedacht, eine Regelung zum transparenten Umgang mit Interessenkonflikten gibt es in kaum einer Sportorganisation. Sportspezifische Risiken sind Doping und die Mani­ pu­lation von Sportergebnissen (Match-Fixing). Auch hier darf keineswegs nur auf den Spitzensport bzw. die oberen ­Ebenen des Sports verwiesen werden. Denn: Der Missbrauch von Nahrungsergänzungsmitteln bis hin zu Medikamenten sowie Match-Fixing aus sportlichen Gründen kommen auch an der Basis vor. Umso wichtiger, dass die Sport­ organisationen diesen Gefahren systematisch vorbeugen.

Herausforderung für Sportorganisationen Was also ist zu tun? Eigentlich geht es nur darum, sich auf die Wurzeln der Olympischen Bewegung zu besinnen, denn in der Olympischen Charta sind in den grundlegenden Prinzipien bereits die wesentlichen Elemente für Nachhaltig­ keit, ethische Standards und »gute Führung« enthalten. Es kommt nun lediglich darauf an, diese Prinzipien und die daraus abzuleitenden Handlungsvorgaben ins Bewusstsein zu rufen und zeitgemäße Formen der Umsetzung zu finden. Dazu gehören die Kommunikation und eine an Beispielen aufgezogene Vermittlung, das heißt die systematische Schulung aller Beteiligten. Dies bedeutet vor allem auch, bei der Prävention von Doping und Spielmanipulation nicht nur bei den Aktiven anzusetzen. Das Betreuungspersonal und alle Offiziellen müssen ebenfalls Adressaten eines spezifisch auf sie abgestimmten ­Trainingsprogramms sein. Es genügt also keineswegs, sich einen Ethik-Code zu geben und einen Ethikbeauftragten zu installieren. Entscheidend ist die Implementierung, denn nur eine systematische und kontinuierliche Information über die Vorgaben, verbunden mit einem klaren Bekenntnis der Führungsspitze, die mit gutem Beispiel vorangehen muss, sichert den Erfolg eines Compliance-Programmes. Unerlässlich ist außerdem eine Null-Toleranzhaltung: Jedem Verdacht muss nachgegangen, jedes Fehlverhalten adäquat sanktioniert werden. Sobald der Eindruck ­entsteht, es werde mit zweierlei Maß gemessen, ist ein Scheitern programmiert. Null-Toleranz heißt aber auch, in den eigenen Handlungen konsequent zu sein: Wenn einerseits die Nationale Anti-Doping Agentur von Nahrungsergänzungsmitteln

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abrät, weil sie der Einstieg in eine Dopingmentalität sein können, und andererseits ein Olympiastützpunkt aktiv für Nahrungsergänzungsmittel wirbt, dann hat der deutsche Spitzensport die Bedeutung von Null-Toleranz noch nicht verstanden. Solche widersprüchlichen Botschaften unterminieren den Anti-Dopingkampf. Bei der Prävention von Spielmanipulationen haben die Deutsche Fußball-Liga und der Deutsche Fußballbund wichtige erste Schritte eingeleitet. Ein Ombudsmann wurde berufen, Pilot-Workshops mit Vereinen organisiert und ein E-Learning-Programm entwickelt. Weitere Maßnahmen müssen folgen, auch in anderen Sportarten. Um Good Governance zum Durchbruch im Sport zu verhelfen, sollten die Spitzenverbände und Landessportbünde nicht nur für sich selber entsprechend tätig werden, sondern Musterprogramme für die Vereine entwickeln. ­Hilfestellung dafür gibt es inzwischen von der internationalen Ebene: Die »Basic Principles« des IOC wurden bereits zitiert, Sportaccord, die Vereinigung der internationalen Sportverbände, hat beispielhaft Maßnahmen zur Bekämpfung von Spielmanipulationen entwickelt 6 und außerdem ein Instrument zur Nachhaltigkeits-Berichterstattung bei Sport­events veröffentlicht. 7

Ausblick: Druck aus Politik und Wirtschaft Die Grundlagen sind also gelegt. Die Erwartungen aus der Politik, vor allem seitens der EU, werden ein Übriges tun. In den vergangenen Monaten gab es bereits erste ­Stimmen aus dem politischen Raum, die das Pochen des Sports auf seine

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Autonomie in direktem Zusammenhang mit Good Governance im Sport gebracht haben. Soll heißen: Nur wenn die Sportorganisationen die Erwartungen einer zunehmend kritischen Öffentlichkeit an ihre Führungs­kultur erfüllen, können sie langfristig damit rechnen, dass ihre besondere Rolle und Eigenständigkeit geachtet ­werden. Druck kommt aber auch aus der Wirtschaft, die sich ihrerseits Forderungen nach Nachhaltigkeit und Good Governance ausgesetzt sieht und sich gegenüber ihren Interessengruppen, ihren Stakeholdern, rechtfertigen muss. Seit Frühjahr 2012 hat sich unter dem Dach von UN ­Global Compact 8 eine internationale Arbeitsgruppe gebildet, die Standards für Sponsoren im Hinblick auf Korruptionsprävention und weitere Compliance-Inhalte erarbeitet. Das Thema ist nicht mehr aufzuhalten. Der Sport tut gut daran, sich rechtzeitig darauf einzustellen und kurzfristig eigene Aktivitäten zu entwickeln. • 1 www.faz.net/aktuell/wirtschaft/debatte-um-die-europameisterschaft-die-sponsoren-halten-sich-raus-11739906.html 2 www.nachhaltigkeitsrat.de/nachhaltigkeit 3 www.corporate-governance-code.de 4 www.olympic.org/Documents/Conferences_Forums_and_ Events/2008_seminar_autonomy/Basic_Universal_Principles_of_ Good_Governance.pdf 5 http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:C:2011: 162:0001:0005:EN:PDF 6 http://integrity.sportaccord.com/en 7 www.sportaccord.com/en/news/index.php?idContent=15978) 8 www.unglobalcompact.org/aboutthegc/thetenprinciples/index. html Sämtliche Weblinks wurden zuletzt am 12. November 2012 geprüft.

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Götterdämmerung von M ic ha e l R e i n sc h

Der Sport hat 100 Jahre erfolgreiche Athleten als Supermenschen verkauft. Doch wer Gold auf der Brust trägt, muss noch lange kein Edelmann sein. Der Fall von Armstrong belegt den Wandel: Die Zeit der GeneralVorbilder im Sport ist vorbei. Athleten in Marmor und Bronze. Groß, muskulös und erfolgreich: Das ist das Bild, das wir uns seit der Antike von den Göttern machen. Sie rennen und springen, sie ringen und siegen. Die große Ausstellung »Mythos Olympia« in Berlin erinnert derzeit daran, wie vor zweieinhalbtausend Jahren aus Kult Olympische Spiele wurden. Deren Sieger wurden als Statuen im Heiligen Hain geehrt, besser: ge­heiligt. Ihr Aussehen ist das Ideal geworden, an dem sich seitdem Sterbliche wie Gottheiten messen lassen müssen. Vom antiken Olympia ist es kein großer Schritt zu der Vorstellung, dass unsterbliche Athleten vom Kaliber Jesse Owens, Pelé und Michael Jordan, wenn sie schon nicht auf dem Olymp leben, so doch einen Funken Göttlichkeit mitbekommen haben: Die scheinbare Mühelosigkeit ihrer sportlichen Leistungen, die Gabe, Wettbewerbe ebenso leicht wie Menschen zu gewinnen, der Eindruck, dass ihnen nicht nur in der Arena, sondern immer alles gelingt. Diese Vorstellung wird längst erheblich eingeschränkt: Neben brennendem Ehrgeiz und eiserner Durchsetzungsfähigkeit verleihen nicht selten Aufputschmittel, Hormone und Bluttransfusionen den Helden von heute Flügel. Lance Armstrong trieb es auf die Spitze. Er überwand eine Krebserkrankung, schrieb ein bewegendes Buch darüber und gewann siebenmal nacheinander die Tour de France, was selbst den Allergrößten des Radsports nicht gelungen war. Er wurde reich dafür belohnt und war schließlich womöglich davon überzeugt, den Niederungen der Sterblichkeit enthoben zu sein. »Denen, die nicht an den Radsport glauben, den Zynikern und Skeptikern, sage ich: Ihr tut mir leid«, rief er im Juli 2005 bei der Sieger­ ehrung auf den sonnenüberfluteten Champs-Élysées: »Ihr tut mir leid, weil ihr keine großen Träume haben könnt. Ihr tut mir leid, weil ihr nicht an Wunder glaubt.« Der Athlet krönte sich selbst und schleuderte Blitze in die Tiefe.

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Inzwischen ist Armstrong vom Olymp gestürzt. Doch sein Fall, obwohl seit Jahren absehbar, hat eine andere Dimension als frühere Doping-Skandale, von Ben Johnson, dem verhinderten Sprint-Olympiasieger 1988, über das staat­ liche Manipulationssystem der angeblichen Sportnation DDR bis zu den Netzwerken um das Doping-Labor Balco und den spanischen Blutmischer Fuentes. Armstrong hatte sich, unterstützt von seinen Sponsoren Nike und Oakley, aggressiv als Heilsbringer vermarktet. Sein Buch »It's Not About the Bike« wurde ein Bestseller, seine Stiftung Live­strong unterstützte mit Abermillionen die Krebsforschung, und das gelbe Armbändchen der Stiftung wurde so etwas wie ein modisches Accessoire und Bekenntnis zugleich; es verkaufte sich mehr als achtzig Millionen Mal. Er wäre doch lebensmüde, argumentierte Armstrong damals, als der Verdacht ihn schon umwehte, wenn er durch Doping das Risiko vergrößerte, dass seine Krankheit zurückkehrt. »Der Krebs war seine Waffe und sein Schutzschild«, schreibt der Jour­nalist Paul Kimmage, ein ehemaliger ­Radprofi, über Armstrong und nennt ihn mit bitterer Ironie: ­»Krebs-Jesus«. Dennoch: Dies ist nicht der größte Dopingfall der Geschichte und Armstrong nicht der schlimmste Doper, den es je gab. Nur die Fallhöhe dieses Mannes ist ohne Beispiel. Immer noch ist er nicht unten angekommen, immer noch genießt er, insbesondere in den Vereinigten Staaten, Kredit bei Überlebenden, die den lügenden und betrügenden Radprofi Armstrong trennen von dem Helden, der ihnen Mut machte im Kampf mit dem Krebs. Vermutlich hat ­Armstrong mit dem Bild von sich eines der letzten GeneralVorbilder im Sport geschaffen – eines Mannes, der an allen Fronten beispielhaft agiert. Ein Bild, das nun in Scherben liegt. Der Marmorgott hat sich die Glieder abgeschlagen. »Ich kann nachvollziehen, dass Armstrong viele Menschen begeistert und ermutigt hat«, sagt Alexander Spitz. »Man muss differenzieren zwischen dem Tour-Sieger und dem Krebsüberlebenden.« Spitz hat mit elf Jahren durch Knochenkrebs ein Bein verloren und 26 Jahre später einen lebensbedrohenden Tumor in der Hirnanhangdrüse besiegt. In der Zwischenzeit nahm er an vier Paralympischen ­Spielen

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teil und gewann im Skifahren allein vier Gold­medaillen. Spitz arbeitet im Behindertensportverband und in der Krebs­hilfe, kommentiert Sportübertragungen und versucht ein bisschen zu erreichen, was Armstrong gelang. »Die Menschen lassen sich berühren, wenn man ihnen zeigt, dass das Leben nicht vorbei ist, wenn man an Krebs erkrankt«, sagt er und ermuntert sie, Sport zu treiben, sich selbst auszupro­ bieren: »Ich will Mut machen, ja, ich gebe ein Beispiel. Aber ich will mich nicht als Vorbild aufdrängen. An dem Begriff hängt etwas von Unfehlbarkeit.« Das war es, was Armstrong einzigartig machte und zugleich unglaubwürdig: Der Anspruch auf Unfehlbarkeit in Zeiten der wachsenden Skepsis. Wer die Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit verschiebt, ob auf dem Fahrrad oder wie Usain Bolt auf der Bahn im Olympiastadion, wird längst nicht mehr als reiner Supermann für seine übermenschliche Leistung gefeiert. Er erregt Verdacht. Die Zeit der Vorbilder im Sport ist abgelaufen. Dabei geht es nicht allein um die Folgen der Doping-Enthüllungen. Ob Typen wie Boris Becker oder Tiger Woods: Von ihnen

Reinsch | Götterdämmerung

möchte man erfahren, wie sie spielten, aber nicht mit wem und in welcher Besenkammer. Athleten sollte man endlich zugutehalten, dass ihre Persönlichkeit verschiedene Facetten hat. Pierre de Coubertin, der Vater der modernen Olym­pischen Spiele, aber hat Ende des 19. Jahrhunderts in pädagogischem Eifer ein Konzept für den Sport der Moderne aus dem Menschenbild der griechischen Olympier entwickelt. Zweckfrei und hochherzig sollten Amateure um den Sieg kämpfen, eher interessiert am gemeinsamen Wettstreit als am Triumph. Daraus ist über die Jahrzehnte ein vom Sport suggeriertes Trugbild entstanden: Die Vorstellung, ein Olympiasieger müsse gleichzeitig ein edler Mensch sein, ja sportlichem Erfolg entsprängen sogar überragende Charaktereigenschaften. Unverdrossen laden Verbände und Funktionäre ihren Sport mit Sinn und Zweck auf, um Anerkennung, eine gesellschaftliche Bedeutung, um Steuergelder zu bekommen. Wenn es dabei nicht um die Überlegenheit von Nationen und gesellschaftlichen Systemen geht, sondern lediglich um vermeintliche Superhelden, ist das schon ein Fortschritt.

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Dabei gibt es Bedarf an beispielhaften ­Persönlichkeiten; aus den Reihen der Kirchenmänner und Pädagogen, ­Banker und Politiker sind in jüngster Zeit einige verlorengegangen. »Es gibt ein nationales Interesse daran, dass wir Vorbilder erzeugen«, behauptet Michael Vesper, der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes. Ins gleiche Horn stieß Christian Wulff, wenn er als Bundespräsident Sportler mit dem Silbernen Lorbeerblatt ehrte, der höchsten Auszeichnung der Bundesrepublik für ihre Sportlerinnen und Sportler. Eine seiner letzten Ehrungen, bevor er zurücktreten musste, galt dem Basketballspieler Dirk Nowitzki, damals gerade Champion der NBA mit den Dallas Mavericks geworden. Wulff lobte ihn als Vorbild für die Jugend und Botschafter Deutschlands. Nichts gegen Nowitzki und, zum Beispiel, den nach ihm geehrten Formel1-Weltmeister Sebastian Vettel. Beide sind bodenständige, offene und von Fleiß und Ehrgeiz bestimmte Sportsleute. Doch gerade sie, die Superstars, müssen sich vor dem Einblick in ihr Privatleben schützen und damit vor der Möglichkeit, die Persönlichkeit außerhalb der Arena zu beurteilen. Es ist vermutlich kein Zufall, dass Nowitzki im Hinblick auf sein Arbeitsethos Michael Schumacher als Vorbild bezeichnet – und dieser schon mal verrät, dass er hemmungsloser Bewunderung und sogar Autogrammwünschen ratlos gegenübersteht, da er doch nichts anderes tue, als ein »bisschen besser Auto« zu fahren. Mesut Özil bittet geradezu um Nachsicht. Er tue sein Bestes, um auf dem Platz und außerhalb Vorbild zu sein. Aber, sagt er: »In erster Linie bin ich Profifuß­ baller.« ­Sebastian Vettel räumt ein, auf der Strecke auch mal als Drecksack aufzutreten – das Privatleben des jungen ­Mannes findet im Privaten statt. Sie wollen nicht vom Scheitel bis zur Sohle die Vorbilder sein, die andere in ihnen sehen. Die Sporthochschule Köln kam im vergangenen Jahr in einer vom organisierten Sport beauftragten Umfrage zu dem Ergebnis, dass 85 bis 90 Prozent der Bevölkerung Spitzensportlern eine Vorbildfunktion zuweisen: In genau abgegrenzten Bereichen wie Fairness, Gemeinschaftsgefühl und insbesondere Leistungswillen. Was dabei nicht deutlich wurde: Halten die Bürger Spitzensportler für Vorbilder, oder glauben sie, dass die Stars als mediale Mittelpunkte Vorbilder sein müssten. Denn gleichzeitig fegt die Aufklärung über das Land. Kaum ein Politiker hebt noch in Sonntagsreden Athleten auf den Sockel. Sie könnten stürzen, und Schäden für denjenigen, der sie erhoben hat, sind nicht auszuschließen. Wunderglaube ist passé. Bundespräsident Joachim Gauck hat sich, auch als er die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR verwaltete, mit den Abgründen des Sports befasst. »Will diese spaßwütige Event-Gesellschaft wirklich wissen, warum wer

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siegt?«, fragte er einmal. »Es ist eines, über Doping einer vergangenen Diktatur zu sprechen, so spüren wir, und ein anderes, darüber, was uns aktuell die Freude an ­Siegen, an Siegern und Siegerinnen nehmen könnte.« Am 7. November 2012 zeichnete Gauck die deutschen Gewinner­innen und Gewinner von Medaillen bei den Olympischen ­Spielen und den Paralympics in London im Schloss Bellevue mit dem Silbernen Lorbeerblatt aus. Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag und Vizepräsidentin des Deutschen Leichtathletikverbandes, spricht häufig mit Sportlern und über Sportler. Das Wort Vorbild verwende sie in ihren Reden nie ohne Einschränkung, sagt sie. »Ich bin sicher, dass es auch im Sport Vorbilder gibt, Menschen, die Leistung bringen und deren moralisch-ethische Einstellung über den Sport hinaus beispielhaft ist«, fügt sie hinzu: »Aber wir wissen nicht so genau, wer das ist.« Deshalb hat die Wirtschaft reagiert. Sponsoren suchen nicht nach klassischen Vorbildern. »Wer nur brav und nett ist, dem fehlt häufig die Strahlkraft«, erklärt Veit Wolff vom Marktforschungsinstitut Sport + Markt. Durch die Verknüpfung von Auftritten verschiedener Athleten, durch die Förderung von Verbänden und Ligen versuchten Unternehmen das Risiko zu streuen, das mit Werbung verbunden ist. Wichtig sei Sponsoren, sagt Wolff, dass sich um Athleten Storys kreieren ließen. Je weniger wir über Athleten wissen, desto mehr ­eignen sie sich als Projektionsfläche. Diese Ahnungslosigkeit ist manchmal ein Ärgernis. Geradezu wütend hat sich der amerikanische Basketballprofi Charles Barkley gegen die Zumutung gewehrt, jungen Fans in jeder Lebenslage Orien­ tierung vorleben zu sollen. »Ich bin kein Vorbild«, sagte er, das war vor bald zwanzig Jahren, in einem aggressiven Werbespot seines Ausrüsters Nike. »Ich werde nicht dafür bezahlt, Vorbild zu sein. Ich werde dafür bezahlt, auf dem Feld Chaos anzurichten. Eltern sollten Vorbilder sein. Nur dass ich einen Ball dunke, bedeutet nicht, dass ich eure Kinder großziehen sollte.« Es kann auch ein Glück sein, Sportler eindimensional zu betrachten – nicht zuletzt für die Athleten. Wer mehr fordert als ein Leben für den Sport, überfordert sie. Der dopende Radprofi Marco Pantani hat den Druck, siegen und dabei ein Heiliger sein zu müssen, nicht ausgehalten. Er flüchtete sich in die Welt der Drogen – und starb an einer Überdosis. •

Der Beitrag »Götterdämmerung« von Michael Reinsch ist erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.11.2012 (Nr. 257), S. 28. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, ­Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

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Die Fotos auf den Seiten 23 und 47 ­wurden ­dankens­werterweise von Prof. Dr. Holger Preuß zur Verfügung gestellt.


London 2012 Imagine Die Melodie der olympischen Vision Von A n dr e a s Höf e r

»Im Sommer 2012« – hatte Volker Kluge einen ­Beitrag über »die Olympischen Spiele in der vierten Generation« eingeleitet – »öffnet ein besonders elitärer ›Club‹, dem erst ein Mitglied angehört: London.« Tatsächlich war es ein besonderes Privileg und ein Alleinstellungsmerkmal für eine an Alleinstellungsmerkmalen keineswegs arme Stadt, als erste und einzige zum dritten Mal mit dem wertvollsten Auftrag ausgestattet ­worden zu sein, den die Welt des Sports zu bieten hat. Und nicht nur das. Die Olympischen Spiele sind schließlich eine ganze Menge mehr als das Großfest des Sports. Sie sind eine Mustermesse der Superlative, ein Megaevent mit vielfältigen politischen, ökonomischen, sozialen, medialen und kulturellen Implikationen, um nur die wichtigsten zu ­nennen. Kurz: Sie sind ein Kulturgut unserer Zeit. Kein anderes regelmäßig wiederkehrendes Ereignis ­fasziniert und mobilisiert in ähnlichem Maße die Menschen in aller Welt – bewegt sie mindestens vor den Fernseh­ apparat, wo sie meist ohnehin schon zu viel Zeit verbringen, die im Übrigen etwa auch für einen Waldspaziergang oder eine Fahrradtour genutzt werden könnte. Und dies immer noch, immer wieder und immer mehr. Mit der Entwicklung der modernen Massenmedien ist den Olympischen Spielen ein Grad an öffentlicher Aufmerksamkeit zugewachsen, der seinesgleichen sucht. Wenn, grob geschätzt, zwischen zwei und vier Milliarden Menschen dem Ereignis ihre Zeit und Energie schenken, spricht dies für eine bemerkenswerte Qualität des Angebots. Bemerkenswert auch, dass die Nachfrage offenbar eher steigt als abnimmt – trotz gewisser Risiken und Neben­ wirkungen, die der Beipackzettel durchaus auch bereithält. So wird vielfach etwa über zu viel Kommerz geklagt, zu viel Ablenkung vom Eigentlichen, zu viel Aufwand und zu hohe Kosten und – natürlich – zu viel Doping. Doch diese und andere Begleiterscheinungen, die als Ausdruck des Zeitgeistes bedauert oder auch relativiert werden mögen, tun der anhaltenden Faszination des Ganzen bislang offenbar keinen Abbruch. Und dies, obwohl die Idee, so lässt sich bisweilen vernehmen, ja längst auf der

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Strecke geblieben sei. Fragt man, von welcher »Idee« denn überhaupt die Rede ist, sieht man sich auf die olympischen Ideale und auf deren Urheber Pierre de ­Coubertin verwiesen, der die Spiele einst erfunden hat als einen Dienst an den Menschen, als eine globale Vision im Sinne ewig ­gültiger humaner Werte. Da lässt sich an Frieden und Völkerverständigung, an gegenseitige Achtung, an den Respekt vor dem Gegner und der Integrität der eigenen Person, an eine gesunde Verbindung von Körper und Geist oder an das Prinzip Leistung denken, und schon anhand dieser Stichworte lässt sich nachvollziehen, wenn darauf abgehoben wird, dass die Olympische Idee in ihrem Kern auch und vor allem als eine pädagogische Idee zu verstehen ist.

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Hier wäre auf den Begriff des »Olympismus« zu verweisen, der sich in der offiziellen Lesart, nämlich in den wohl­gesetzten Worten der Olympischen Charta, dem »Grund­gesetz« der Olympischen Bewegung, als »eine Lebensphilosophie« ausnimmt, »die in ausgewogener Ganzheit die Eigenschaften von Körper, Wille und Geist miteinander vereint und überhöht« und dabei auf der »Freude an Leistung«, »dem erzieherischen Wert des guten Beispiels« sowie auf der »Achtung universell gültiger ethischer Prinzipien« aufbaut. Diese »grundlegenden Prinzipien«, denen sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) als »Besitzer« der Spiele und Hüter der Idee explizit verpflichtet, verbinden sein wertvollstes Gut, die Olympischen Spiele, gleichsam mit einem höheren Zweck, mit einem Anspruch, der eben dieses Sportfest – nichts gegen Fußball – über andere erhebt, zugleich aber auch für eine besonders kritische Bespiegelung prädestiniert. Nicht zufällig ist die Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit ein geradezu konstituie­ rendes Merkmal der olympischen Geschichte. Dieses olympische Spannungsfeld von Sein und Haben manifestiert sich in vielfältigen historischen Eckdaten, die immer wieder gerne herangezogen werden, wenn es um die Frage geht, wann und wo und warum das große Friedensfest des Sports seine Unschuld verloren habe. So wird etwa auf 1936 abgehoben, als die Nazis die Spiele in ­Garmisch-Partenkirchen und Berlin auf perfide Weise für ihre ureigenen und keineswegs olympisch anmutenden Zwecke missbrauchten. Oder man erinnert sich an die Zeit der deutschen Teilung, als die olympische Bühne zum bevorzugten Schauplatz kalter Ersatz- und Stellvertreterkriege mutierte. Und wenn das Stichwort »Peking« fällt, dann wird deutlich, dass die in Rede stehende Proble­matik keineswegs nur die olympische Vergangenheit betrifft.

London 2012 | Höfer | Imagine

So ist »Sport und Politik« – wie »Sport und Medien« oder »Sport und Kommerz« – gerade auch im olympischen Koordinatensystem als ein Begriffspaar etabliert, das gleichsam zwei Seiten einer Medaille repräsentiert, die sich über die Zeitläufte hinweg und angesichts ­ansonsten höchst instabiler Wechselkurse seit weit über hundert Jahren als eine erstaunlich stabile Währung erweist. Ob das auch so bleiben wird? Wer kann schon in die Zukunft schauen! Einstweilen durfte sich die (Jugend der) Welt auf eine immer wieder neue Ausgabe von Super-GAU freuen – die größte anzunehmende Unterhaltung nämlich. Und wo sonst – Krise hin oder her – als im Mutterland des Sports, konnte die Mutter aller Großsportfeste ein besseres Ambiente finden. Für die spezifische emotionale Intelligenz olympischer Prägung stand schon der oberste Organisator, Lord Sebastian Coe, der als zweifacher Champion (1980 und 1984) aus eigener Erfahrung wissen musste, worauf es – jedenfalls den Hauptdarstellern – ankommt. Sachverstand und Begeisterung durften auch bei seinen Landsleuten vorausgesetzt werden. Und dass selbst die Queen und das Wetter mitspielten, machte den olympischen Sommer ebenso perfekt, wie der großartige Nachschlag in Form der Paralympics. Zwei außergewöhnliche Großfeste des Sports, mit denen sich die Organisatoren, aber auch das Publikum einen bleibenden Platz in der olympischen Geschichte verdient haben. Es war wahrlich großes Kino mit spannenden Wettkämpfen, herausragenden Leistungen, Heldengeschichten und Dramen, mit allen Ingredienzien also, wie sie etwa Sherlock Holmes, ansonsten nur der Sport zu bieten hat. Doch dies war nicht alles. Zwar blieb auch in London, wie stets und überall, der olympische Geist unsichtbar, doch er war allenthalben präsent. Ein großartiges Ambiente und

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ein besonderes Flair, das – wie immer und doch wie immer auch irgendwie anders – den Boden bereitete für viel­fältige Begegnungen mit wildfremden Menschen, die der Idee einer gemeinsamen Basis, eines tragfähigen ­Konsenses verbindender Werte zumindest für den jeweiligen Augenblick auf subtile Weise Gewicht verliehen. Und so konnte sich in dem mitreißenden Trubel des viel zu aufwendigen, viel zu teuren, jedenfalls durchaus auch fragwürdigen Spektakels der Gedanke Bahn brechen, dass das Ganze nicht nur vielfältigen Zwecken diente, sondern auch einen Sinn hatte. Natürlich freute man sich, die »eigenen« Athletinnen und Athleten reüssieren zu sehen. Denn auch wer die Frage von Sieg oder Niederlage nicht für die alleinige Gretchenfrage des Sports halten mag – ohne das Treppchen wäre jeglicher olympischer Cocktail fade. Doch dies gilt vielleicht noch mehr für die übrigen olympischen Insignien, wie Feuer und Ringe oder den – eigentlich anachronistisch anmutenden – »Einmarsch der Nationen«. Dabei handelt es sich nämlich keineswegs nur um olympische Folklore, ein traditionelles »Drum und Dran«, dessen stereotype ­Präsentation allein der Macht der Gewohnheit folgt, ­sondern vielmehr um den Ausdruck einer Mission, jedenfalls um die Versinnbildlichung einer vermeintlich ewig gültigen, eben der Olympischen Idee. Frei nach dem Motto: »Fünf Ringe – Eine Idee!« So ist es bezeichnend, dass die spezifische Symbolik, wenn auch nicht immer gedanklich reflektiert, so doch gefühlsmäßig verstanden und mit der menschlichen Sehnsucht nach einer »friedlichen und besseren Welt« assoziiert wird. Wie anders wäre es zu erklären, dass gerade die Eröffnungs- und Schlussfeiern der Spiele, wie an den ­Einschaltquoten und den Eintrittspreisen quantifizierbar, traditionell den größten Zuspruch erfahren und wohl auch die stärksten Emotionen wecken, und das, obwohl oder gerade weil gar kein Sport, jedenfalls kein Wettkampf im engeren Sinne geboten wird.

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»Imagine!« »Stell’ Dir vor …!« Vielleicht ist mit dieser rhetorisch manifestierten Vision, der John Lennon einst einen hymnischen Ausdruck verlieh, die olympische Botschaft auf einen Punkt gebracht, die über die Zeiten hinweg den Nerv der Menschen trifft und sie trotz mancher Widrigkeiten und Irritationen der olympischen Sache die Treue halten lässt. Jedenfalls ist es dem Autor dieser Zeilen unvergesslich, wie Lennons Witwe Yoko Ono bei der Eröffnung der ­Turiner Winterspiele die Bühne betrat, um an den Appell zu gemahnen, den John mehr als 35 Jahre zuvor auf musikalische und damit auf solch emotionale wie subtile Weise in die Welt gesetzt hatte, wie es eben die Musik, vielleicht die Kunst generell, und ansonsten nur der Sport und dies vor allem im Zeichen der Ringe zu leisten vermag, bevor Peter Gabriel den wunderbaren Song vor einem Milliardenpublikum zu Gehör brachte. Was nur zu toppen war durch den Meister selbst, zumindest durch his master’s voice, die, wenn auch natürlich nur als »Konserve«, begleitet von einem Jugendchor aus seiner Heimatstadt Liverpool, dem feierlich Abschluss der Spiele von London ihren emotionalen Stempel aufdrückte. »Imagine!« Stell’ Dir vor, es sind Olympische Spiele und alle Menschen verbindet eine Vision. Alle Grenzen verschwinden, Gegensätze lösen sich auf. Es gibt keine ­Länder und Nationen mehr – »and no religion, too«. Gegner ­werden zu Partnern, gleiche Ziele und Regeln für alle. Und: »Nothing to kill and to die for«. Dies könnte auch Pierre de Coubertin formuliert haben: »Imagine all the people living life in peace.« Gerade in London, der Stadt, in der Lennons und Mc­Cartneys Musik einst in Vinyl gepresst wurde, konnte man es sich besonders gut vorstellen: Unbeschwerte Tage auf einer Insel der Glückseligkeit. Doch jedem Traum folgt das Erwachen, auch wenn es nicht zwingend ein »böses« sein muss. So oder so: Auch das olympische Leben geht weiter. Nach den Spielen ist vor denselben. Wir dürfen gespannt sein, in welcher Melodie sich der olympische Traum in Sotschi und Rio oder wo auch immer präsentieren wird. •

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London 2012 Ein geschichtsträchtiges Ereignis Von H e lm u t Dige l

London 2012 – mit diesem Wort- und Zahlenpaar werden Tage des Sports in die Geschichte der Menschheit eingehen, die in vielerlei Hinsicht etwas ganz Besonderes gewesen sind. Da sind zunächst die außergewöhnlichen Leistungen der Athletinnen und Athleten bei den Olympischen und Paralympischen Spielen. Fast alle Sportstätten genügten den höchsten Ansprüchen. Die Leistungen der Schieds- und Kampfrichter entsprachen der besonderen Bedeutung des sportlichen Ereignisses. Fast alle Wettkämpfe waren ausverkauft, und das begeisterte Publikum war nicht nur interessiert und fachkundig, es war auch tolerant, diszipliniert und fair. Vor allem mit Blick auf die Leistungsdichte in den einzelnen Wettkämpfen waren diese Olympischen Spiele wohl die sportlichsten, die es je gegeben hat. Das Besondere war wohl dennoch das britische Publikum und damit der britische Gastgeber. Die Spiele von London sollten »everyone’s games« sein und sie sind es ohne Zweifel auch gewesen. Täglich feierte das Publikum die Erfolge der Athleten, doch immer mehr, nicht zuletzt bei den Paralympischen Spielen, feierte sich das Publikum nahezu nur noch selbst. Eine Stadt und – dank der massenmedialen Verbreitung – ein ganzes Land ­feierte sich als wiedergeborene Nation in Rot, Weiß und Blau. Der Union Jack war Bekleidungsstück, Tattoo, Fahne und Leuchtreklame einer ganzen Nation. Massenmedial wurden die 19 Tage der Olympischen Spiele und die zwölf Tage der Paralympischen Spiele zum größten Sportereignis aller Zeiten, und noch nie haben sich Menschen über einen derart langen Zeitraum aus Anlass sportlicher Wettkämpfe in einer einzigen Großstadt ­aufgehalten. Schon dieser Hinweis macht auf die außergewöhnlichen organisatorischen Leistungen aufmerksam, die das Organisationskomitee dieser Spiele vollbracht hat. Damit wird auch eine Seite dieser Spiele sichtbar, die nur von wenigen Experten erkannt wurde, die es aber verdienen würde, dass sie nicht zuletzt von der Politik, aber auch darüber hinaus von einer größeren Öffentlichkeit wahr­ genommen wird. London 2012, das waren Spiele, die längst vor den sportlichen Wettkämpfen ihren Anfang genommen

London 2012 | Digel | London 2012

haben und auch weit über die sportlichen Wettkämpfe hinaus andauern werden. Doch davon hat die internationale Öffentlichkeit so gut wie nichts erfahren. Die Vorgeschichte der Spiele war eher von einer negativen massenmedialen Begleitung geprägt. Man hatte wie immer Katastrophenszenarien gezeichnet. Unzureichende Sicherheitsbedingungen wurden beklagt, ein Transportchaos wurde prognostiziert, von einer Kostenexplosion wurde berichtet, und London wurde unterstellt, dass sie sich übernommen hätten. Man kann sich vielleicht wundern, dass dieselben Presseagenturen und Journalisten von ihrer früheren Berichterstattung nichts mehr wissen mochten und während der Spiele wie selbstverständlich in den Chor der Applaudierenden eingestimmt haben. Dabei hätte es so viel über die Zeit davor, über die Begleitereignisse bei den Olympischen Spielen und über die Zeit danach zu berichten gegeben. London 2012 waren in der Tat »everyone’s games«. Einer der Höhepunkte vor den Spielen war z. B. der Fackellauf. Allein 57 Millionen Briten waren vor Ort, als 8.000 Fackelläufer 70 Tage lang die Fackel durch Großbritannien ge­tragen haben. Nahezu ohne internationale Beachtung fand das ­London 2012 Festival statt. Es war das Finale einer beispiel­ losen ­Kulturolympiade. Zwölf Wochen lang wurden in ganz

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Großbritannien Musik, Kunst, Literatur und ­Theater zur Darstellung gebracht und gefeiert. Mehr als 25.000 international anerkannte Künstler aus allen 204 teilnehmenden Nationen sind bei diesem Festival aufgetreten. An den 900 Veranstaltungsorten konnten zehn Millionen Menschen kostenfrei teilnehmen. Aber auch die Veranstaltungen, bei denen Eintritt verlangt wurde, waren nahezu alle aus­ verkauft. So z. B. die Kinderwoche der »Society of London ­Theatre«, »Core«, die Ausstellung von Kurt Hentschläger, hatte mehr als 10.000 Besucher angezogen, ­»Pleasure Garden« in der Wilton’s Music Hall war ausverkauft. Die Ausstellung von David Hockney in der Royal Academy of Arts war eine der bestbesuchten Veranstaltungen in der Geschichte der Akademie, 240.000 Interessenten besuchten die nationale Porträt-Galerie von Lucian Freud, und Shakespeare’s Globe verkaufte über 85.000 Tickets. Eine »Pina Bausch-Retro­spektive« am »Sadler’s Wells« war ebenfalls ausverkauft. Darüber hinaus fanden 8.000 Workshops aus Anlass der kulturellen Olympiade statt, und mehr als 155.000 Menschen hatten daran teilgenommen. Unter dem Titel »Inspire Mark« wurden 2.713 Projekte durchgeführt, um eine Verbreitung der Olympischen Idee in das ganze Land zu erreichen. Dies war nicht zuletzt bei der Bewerbung ausschlaggebend gewesen, dass an London die Spiele ver­ geben wurden. Neben 1.172 Sportprojekten gab es vor allem Erziehungs-, Nachhaltigkeits- und Freiwilligenprojekte, die eine große Beteiligung hervorriefen. Über 100.000 ­Kinder von 12.000 Schulen haben an den Schulspielen ­teilgenommen. Mit einigen ausgewählten Daten lässt sich auch die besondere sportliche Qualität der Spiele selbst beschreiben: Während der Olympischen Spiele fanden praktisch 46 Weltmeisterschaften zur gleichen Zeit statt. In den 26 olympischen Sommersportarten wurden an 34 verschiedenen Veranstaltungsorten 19 Tage Wettkämpfe organisiert, 302 Goldmedaillen gab es bei den Olympischen Spielen, bei den Paralympics waren es 503. 10.490 olympische Athleten, 5.770 Funktionäre aus 204 Olympischen Komitees und 4.200 Paralympic-Athleten

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mit ihren 2.700 Funktionären aus 174 verschiedenen Para­ lympic-Komitees waren die eigentlichen Akteure dieser Spiele. Besondere Anerkennung haben aber auch die 4.100 technischen Offiziellen verdient, besonders jene, die die 5.000 Anti-Doping-Kontrollen durchgeführt haben. 21.000 Journalisten aus Presse, Rundfunk und Fernsehen, einschließlich ihrer technischen Mitarbeiter, haben diese Olympischen Spiele in die ganze Welt hinaus getragen. 6.500 Journalisten, Rundfunk- und Fernsehrepräsentanten haben dasselbe für die Paralympischen Spiele geleistet. Bemerkenswert ist auch die Leistung der 70.000 Freiwilligen, die zum Gelingen der Spiele beigetragen haben. Nicht zuletzt sie waren es, die den Transport der 800.000 Zuschauer, 55.000 Athleten und Offiziellen, Journalisten und Sponsoren gewährleistet haben. Insgesamt haben dabei 200.000 Menschen während dieser Spiele hauptamtlich zu Gunsten dieses außergewöhnlichen Sportereignisses gearbeitet, 6.000 waren dabei beim Organisationskomitee angestellt und 100.000 wurden auf Kurzzeitbasis vertraglich eingebunden. 46.000 Arbeiter haben das Olympische Dorf und den Park erstellt, und mehr als 10.000 lokale Verantwortliche haben weitere Ereignisse wie die »Big Night«, den »Super Saturday« und »The Last Night of The Games« veranstaltet. Nicht zuletzt haben 2.000 britische Unternehmen von diesen Spielen profitiert, indem sie mit einem Umsatz von 7,8 Milliarden Pfund Verträge mit dem Organisationskomitee abschließen konnten. Die Zahlen und Fakten zu den Olympischen Spielen und zu den Paralympics könnten fortgeführt werden. Wollte man sie vollständig erfassen, so käme dies einer unendlichen Geschichte gleich. Was man mit ihnen jedoch zum Ausdruck bringen kann, das ist die einmalige Leistung, die von einer Gastgebernation erbracht wurde. Vor dem ­Hintergrund der Olympischen Spiele in China wird diese Leistung noch eindrucksvoller. London versuchte erst gar nicht, sich an den außergewöhnlichen Spielen von Peking zu orientieren. Eine Nation mit 55 Millionen Bürgern sollte sich zu Recht nicht mit einer Nation von 1,4 Milliarden ­Bürgern vergleichen lassen. Großbritannien ging einen ganz eigenen und äußerst kreativen Weg, bei dem die Darstellung der eigenen Identität und die internationale Gastfreundschaft, aber auch besonders die sportfachliche Kompetenz im Vordergrund stand, die das Ursprungsland des modernen Sports unverwechselbar besitzt. Eröffnungsund Schlussfeiern hatten dies ebenso eindrucksvoll demonstriert wie die exzellente Abwicklung aller sport­ lichen Wettkämpfe und die Präsentation eines Teams GB, das alle Erwartungen übertroffen hat. •

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Die ungewollten Spiele als Glücksfall für Jacques Rogge Von Gü n t e r De i st e r

Bilder können trefflich sein, sie können auch ­täuschen. Das Schlussbild in London mit drei ­Männern und der Olympischen Fahne zeigt einen euphorisierten Boris Johnson, wie er für eine Sekunde zögert, um das Tuch dann doch mit einem letzten Schwung an Jacques Rogge herzugeben. Der Belgier, das bleiche Gesicht schier erstarrt, reicht die Flagge mit den weltumspannenden ­Ringen fast geschäftsmäßig weiter, ehe sie von Eduardo Paes noch ­einmal in wilde Bewegung gebracht wird. Johnson, Londons Bürgermeister, und sein Kollege aus Rio de Janeiro hatten allen Grund für Schwünge im Überschwang. Die britische Metropole hatte der Welt unvergleichliche Spiele geschenkt. Rio ergeht sich bereits in ­großer Vorfreude auf das erste olympische Fest in Südamerika. Und Jacques Rogge? Warum hat er sein Glück nicht auch gezeigt? Hatte er nicht wenige Stunden vor der Schlussfeier von »absolut fabelhaften Spielen« gesprochen und sich als einen »glücklichen Mann« bezeichnet? Und hatte er in seiner Schlussrede nicht einen Roggeschen Superlativ benutzt, in dem er die Spiele der XXX. Olympiade geadelt hatte mit dem Satz, »das waren glückliche und fabelhafte Spiele«? Tatsächlich gezeigt hat sich am guten Ende ein erschöpfter Mann, für den das Londoner Finale zugleich ein Abschied war. Wenn in nur 18 Monaten die Winterspiele im russischen Sotschi zu Ende gehen, wird bereits der Nachfolger des 70-Jährigen im Amt des Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) das Schlusswort sprechen. Man kann der Selbstbezeugung eines glücklichen ­M annes auch mit Hintersinn begegnen. Denn es ist auch die Geschichte eines Mannes, der zu seinem Glück gezwungen worden ist. Wenn es nach Rogge gegangen wäre, ­hätten die Spiele 2012 in Paris stattgefunden. Die Affinität des Belgiers zur Franzosen-Metropole fand 2005 ihren Niederschlag im Untersuchungsbericht des IOC. Er stellte Paris so sehr ins helle Licht, dass eine Reihe von Olympiern aus Protest in Londons Lager überwechselte. Den Rest im erbitterten Europa-Zweikampf, den die Briten bei der Session vor sieben Jahren in Singapur mit 54:50 Stimmen knapp gewonnen haben, besorgten

dann Premier­minister und ­Präsident. Während Tony Blair IOC-Mitglieder tagelang in Privataudienzen bezirzte, hatte der erst kurz vor der Abstimmung angereiste Jacques Chirac die Wirkung eines Elefanten im Porzellanladen. Rücksichtslos blockierte sein Sicherheitskommando vor der offiziellen Eröffnung der IOC-Session den Eingang der olympischen Ordensträger. Es ist überliefert, dass bei diesem Gedränge die eine oder andere Stimme für Paris auf der Strecke geblieben ist. Geschichte ist, wie das Beispiel zeigt, manchmal auch von Zufälligkeiten abhängig. Olympische Geschichte bildet sich aus dem, was äußere Einflüsse zulassen und be­wirken. Bei Rogges Bilanz als Verantwortlicher von jeweils drei ­Winter- und Sommerspielen geht es wesentlich um die Frage, wie der IOC-Präsident nach 21-jähriger Herrschaft seines Vorgängers Juan Antonio Samaranch sein eingeschränktes Selbstbestimmungs- und Gestaltungsrecht genutzt hat. Dabei ergeben sich erstaunliche Parallelen, aber auch krasse Unterschiede. Die größte Parallele besteht darin, dass der Mediziner aus Belgien dem Spanier nicht nur nachgeeifert, sondern ihn sogar noch übertroffen hat. Samaranch ist der ­Schöpfer des olympischen Kommerzialismus. Rogge hat es zum Rekordmann gebracht. Mit einer Energie, die dem bescheidenen Mann aus Gent keiner zugetraut hat, ließ er für die Spiele in Vancouver und London weit mehr als sieben ­Milliarden Dollar einsammeln. Allein bei den Fernsehrechten ergab sich eine Steigerungsrate von knapp 40 Prozent. Und als der Verkauf der Sponsorenrechte nicht voranging, unterschrieb Rogge sogar einen Vertrag mit Dow Chemical. Das US-Unternehmen mit dem Leumund eines Umwelt­ verschmutzers darf nun auch den Verkauf seiner Produkte mit den Olympischen Ringen bewerben.

London 2012 | Deister | Die ungewollten Spiele als Glücksfall für Jacques Rogge

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Das viele Geld, und das gehört auch zur Bilanz, hat das IOC finanziell noch unabhängiger gemacht. Mehr als 700 ­Millionen Dollar verbleiben voraussichtlich beim RingeUnternehmen, mit dem es seinen Vier-Jahres-Haushalt bestreiten und seine Sparkasse voraussichtlich auf über 600 Millionen Dollar auffüllen kann. London kann mit seinen Anteilen, wie auch Vancouver schon, die Organisationskosten seiner Spiele bestreiten. Verbände und Nationale Olympische Komitees werden für ihre Beteiligung kräftig honoriert, und eine erkleckliche Summe wird wieder in die olympische Entwicklungshilfe fließen. Verglichen mit Sepp Blatters Fußball-Weltverband, der Fédération Internationale de Football Association (FIFA) ist das IOC unter Rogge mit seinem gewonnenen Reichtum sorgsam, sozial und auch sparsam umgegangen. Sehr viel schwieriger war es für Jacques Rogge, den Inhalt der Spiele zu beeinflussen und möglichst so fortzuent­ wickeln, dass die Botschaften des friedlichen ­Miteinanders und des Fair Play auch unter den Bedingungen des neuen Jahrhunderts gehört werden. Und dies immer in Abhängig­keit von der Beschaffenheit und dem Vermögen des Ausrichterlandes und den politischen, so­zialen und ­kulturellen Umweltbedingungen. War es bis zu den Sommerspielen 1988 in Seoul der Kalte Krieg, der das olympische Klima beeinträchtigte, so läutete »Nine Eleven« das Zeitalter der terroristischen Bedrohung ein. Olympia zu feiern hinter Mauern, Stacheldraht und Zäunen, geschützt

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von ­Soldaten, Raketen, Abfangjägern und ­Kriegsschiffen, wurde zur neuen Herausforderung. Die Spiele von Athen, zusätzlich gefährdet durch Ver­ zögerungen und Missmanagement, wurden zu einer ­Überforderung. Ohne die Milliarden-Gaben der Europäischen Union (EU) wären sie nicht möglich geworden. Ungenutzte Wettkampfstätten und Einrichtungen geben als weiße Elefanten Zeugnis von einer 1997 vom IOC getroffenen »Misswahl«, die Rogge als Oberaufseher bis 2001 begleitete und als Präsident auszubaden hatte. Sein Lob von den »traumhaften« Spielen ließe sich leicht ergänzen durch traumatisch. Vier Jahre später hat der Belgier die ­Erbschaft der von Samaranch gewollten Peking-Spiele verwalten müssen, bombastische Spiele zum Lob und Ruhm einer Staatsmacht als großes Illusionstheater. Rogge belegte sie mit dem vergifteten Lob des »wahrlich Ungewöhnlichen«. Und nun also Rogges ungewollte Spiele von London als Glücksfall für ihn und zugleich auch als gelungener Abschluss seiner Präsidentschaft. Und als Beispiel dafür, zu was eine demokratisch verfasste Gesellschaft fähig ist. Großbritannien vollführte mit Bravour den Balance­akt ­zwischen Sicherheit und Freizügigkeit und erntete dabei reichlich ­Zinsen für seinen erheblichen Einsatz von 1,2 Mil­liarden Euro Schutzgeld. Zunächst baute das Land eine Drohkulisse auf und umzäunte seinen Olympia­park mit einem 17 Kilometer langen, mit 5.000 Volt geladenen ­Elektrozaun. Dann ­rekrutierte es ein Heer von 70.000 freundlichen ­Menschen,

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die den Zugang zu den ­Wettkämpfen in Form von Flug­ häfen-Check-Ins erträglich machten und in der ganzen Stadt zu verlässlichen Wegweisern und Begleitern wurden. Der Zaun, vier Meter hoch und durchsichtig, wurde eher wahrgenommen als Transparenz denn als Abgrenzung. Zehntausende von Überwachungskameras verloren in der feiernden ­Metropole ihre Bedrohlichkeit. Beflügelt und getragen vom Erfolg der eigenen Sportler, beglückt von den schönen Bildern vor historischen Kulissen, feierte »The Nation« zumindest für 17 Tage eine Wiederauferstehung. Die Euphorie ging so weit, dass Medien und selbst das eigentlich vorbildliche BBC-Fernsehen ­gelegentlich den Eindruck erweckten, als seien die ausländischen Athleten zu vernachlässigende Randerscheinungen. Das aus dem nahen europäischen Festland angelandete zahlreiche Publikum feierte mit. So kann man sagen: Londons dritte Spiele nach 1908 und 1948 waren, trotz Britanniens politischem Distanzverhalten zum Kontinent, auch Europa-Spiele. Sie wurden zum Ausweis eines in den letzten Jahrzehnten immer mehr in den Hintergrund gerückten Kontinents. Er kann noch stark sein, wenn er gefordert wird, was auch die sportlichen Wettkämpfe belegen. Er besitzt die kulturellen Wurzeln, um einer globalen Feier Gehalt und Gestalt zu geben. Der Einfluss eines IOC-Präsidenten auf die Spiele ist, wenn sie einmal vergeben sind, begrenzt. Der Gastgeber schafft nach bestimmten Vorgaben den Rahmen, das IOC definiert das sportliche Format und seine Inhalte. Rogges Verdienst ist es, den olympischen Gigantismus gebremst zu haben. Die Medaillen-Wettkämpfe sind auf 302 und die Zahl der Athleten auf 10.500 nicht nur festgeschrieben, die Maße werden auch weitgehend eingehalten. In Rio ist das Programm mit Golf und Rugby wieder auf den Maximalwert von 28 Sportarten erweitert worden. Rogge hat dafür gesorgt, dass es in London mit der Aufnahme des FrauenBoxens keine Sportart und keine der 204 Ländermannschaften ohne weibliche Beteiligung gegeben hat. Das hat eine Signalwirkung. In Rio wird die letzte Barriere für den Profi fallen. Dann sind, innerhalb bestimmter Regeln, erstmals auch Berufsboxer zugelassen. Als großes Problem bleibt der MännerFußball. Solange die FIFA mit der Altersbegrenzung von 23 Jahren allenfalls Zweitklassigkeit zulässt, wirkt die Sportart Nummer eins bei Olympia wie ein Fremdkörper. Rogges Nachfolger sollte ihn entfernen. Hervorgetan hat sich der Belgier auch als Modernisierer des Programms, wobei die zahlreichen Event-Disziplinen im Wintersport die Frage aufkommen lassen, ob er da des Guten nicht zu viel zu­gelassen hat. In London kam der Rad-Wettbewerb im BMX hinzu.

Überraschend für den eher nüchternen, rationalen Belgier hat er dem Entertainment freien Lauf gelassen. Londons aufregende Leistungsschau mit einzigartigen Vorführungen und überragenden Artisten wie Usain Bolt und Michael Phelps wurde eingerahmt von einer inszenierten Show der Gastgeber, die sich in einer Reihe von Wettkampfstätten als lärmende Animation darbot. Und dazu am Beginn und zum Abschluss Superevents als besonderes Futter für das weltweite Fernsehen. Eine erstaunliche Entwicklung für einen Mann, der vor zwölf Jahren seinen PräsidentschaftsWahlkampf auch mit dem Satz bestritten hatte, Olympia sei Wettkampf, Show habe dabei nichts zu suchen. Die Londoner Spiele sind in der Ära Rogge ein Beispiel für olympische Nachhaltigkeit geworden, als Transformation einer riesigen Industriebrache in einen Olympiapark, der sich nun in einen attraktiven Stadtteil mit Wohnen und Erholen wandeln soll. Sportstätten werden in ihren Dimensionen zurückgeführt, den Bürgern teilweise nutzbar gemacht oder ganz abgebaut. Möglicherweise wird man die Basketball-Halle bei den Spielen in Rio wiedersehen. Für die Winterspiele gilt das Lob für Nachhaltigkeit nicht. Im Gegenteil: Sotschi 2014 und Pyeongchang 2018 werden als Beispiele eingehen für massivste Eingriffe in die Natur und die Verschwendung von Ressourcen. Mit Fachkenntnis und Konsequenz hat sich Jacques Rogge auch im Kampf gegen Doping Verdienste erworben. Dabei konnte er nicht verhindern, dass London wieder zur Bühne wurde für zahlreiche ehemalige Doping-Betrüger. Den IOC-Beschluss, sie auszuschließen, hatte der Internationale Sportgerichtshof (CAS) abgeblockt. Rogge hat dafür gesorgt, dass die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Als Folge dessen musste das IOC seine Führerschaft im internationalen Kampf gegen Doping abgeben. Das IOC finanziert die WADA wesentlich mit, genauso wie den CAS. Unter Samaranch waren CAS und WADA als Instrumente des IOC geplant und somit als Ab­sicherung der Herrschaft über den olympischen Sport. Nur neun Überführte bei mehr als 6.000 Tests in ­London, das scheint auf den ersten Blick ein Misserfolg zu sein. Dass mit der weißrussischen Kugelstoß-Olympiasiegerin Nadeschda Ostaptschuk auch ein großer Fang aus dem Doping­sumpf gezogen wurde, ist eine Bestätigung für das 25-Millionen-Dollar-Testprogramm. Seine wesentliche Bedeutung lag in der Abschreckung. Der Fall Ostaptschuk und vier vorangegangene Dopingvergehen von weißrussischen Kugelstoßern und Hammerwerfern weisen auf ein Land hin, das für das IOC und den olympischen Sport zu einer immer ­größeren Herausforderung geworden ist. Vor vier Jahren hat sich Rogge um des lieben olympischen Friedens willen vor der chinesischen Staatsmacht geduckt.

London 2012 | Deister | Die ungewollten Spiele als Glücksfall für Jacques Rogge

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Diesmal hat ihm die britische Regierung die einzig verbliebene politische Herausforderung für die London-Spiele abgenommen, indem sie Weißrusslands Diktator ­Alexander Lukaschenko die Einreise verweigerte. Doch Lukaschenko ist zugleich auch Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) seines Landes, und das wiederum entlässt Rogge und das IOC nicht aus der Pflicht. Gemäß ­seiner Charta muss ein NOK unabhängig sein, um im Kreis der sogenannten olympischen Familie verbleiben zu können.

Hier wirkt Rogge nicht konsequent, wie er sich auch in der Behandlung ethischer Fragen erstaunlich elastisch gezeigt hat. Das belegen die Beispiele Kun Hee Lee und René Fasel. Der Chef des Samsung-Konzerns wurde nach seiner Verurteilung in Südkorea wegen Wirtschaftsverbrechen von seinen Rechten als IOC-Mitglied suspendiert. Als der Präsident des Landes den Milliardär mit der Begründung begnadigte, er könne so wirksamer Pyeongchangs Bewerbung um die Winterspiele 2018 unterstützen, gab ihm das IOC umgehend alle Rechte eines Vollmitglieds zurück. Samsung ist einer von elf Topsponsoren des IOC. Fasel, Präsident des Internationalen Eishockey-Verbandes, war in ein dubioses Geschäft mit einer Rechteagentur verwickelt, bei dem ein Freund einen Gewinn von zwei ­Millionen Schweizer

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Franken erzielte. Fasel habe »den Ruf des IOC beschmutzt«, sagte Rogge, mehr als einen Verweis gab es für das Schweizer IOC-Mitglied nicht. Laut Statut befasst sich die neunköpfige Ethikkommission des IOC nur auf Veranlassung des Präsidenten mit möglichen Verfehlungen. Dieses zum Teil schwach besetzte Gremium wirkt wie ein Arm des ­Präsidenten. Es hat keine exekutive Kraft und muss sich auf ein Vorschlagsrecht begrenzen. Mit der Reform der Skandal umtosten FIFA hat sich nun sogar Blatters Verband eine schärfere Verfassung zugelegt. In dessen neuer Ethikkommission gibt es jetzt einen Ankläger und einen ­Richter mit eigenem, von der Verbandsführung unabhängigem ­Entscheidungsrecht. Bis zur Neuwahl des Präsidenten in Buenos Aires Anfang September 2013 bleibt dem müde gewordenen Mann im Olympic House in Lausanne nicht mehr allzu viel Zeit. Die Projekte sind abgearbeitet, sein größtes, die Erschaffung Olympischer Jugendspiele, ist auf Dauer gesichert. Längst laufen viele Fäden bei seinem Landsmann Christoph De Kepper zusammen, den Rogge im April 2011 vom Chef ­seines Kabinetts zum Generaldirektor beförderte. Rogge, De ­Kepper und der Schweizer Gilbert Felli als Direktor für Olympische Spiele bilden das Entscheidungszentrum des IOC. De Kepper bringt in das Trio politische Erfahrung ein. Bis zu seiner Berufung nach Lausanne 2002 hatte er den deutschen und später auch den europäischen Sport bei der EU mit Büro in Brüssel vertreten. Die große Frage ist nun, ob Rogge sich, wie immer wieder von ihm betont, aus dem Rennen um seine Nachfolge heraushält und dazu auch die Zentrale. Das Rennen um die olympische Macht ist nach den London-Spielen in seine vorletzte Etappe eingetreten. Die letzte Phase beginnt Anfang Juni 2013, wenn die Kandidaturen fristgerecht öffentlich gemacht werden müssen. Bis dahin ist es eine Auseinandersetzung im Hintergrund mit spekulativer Kraft und nicht zu beantwortender Fragestellung: Wird der neunte IOC-Präsident wie sieben seiner Vorgänger wieder aus Europa kommen, wird Asien mit einem eigenen Kandidaten Anspruch erheben auf eine erstmalige Führerschaft, oder tritt ein Bewerber aus einem kleinen »neutralen« Land an; soll es ein Präsident sein aus dem Bereich und mit Unterstützung der internationalen Sportverbände, die sich von Rogge, einem Mann der NOKs, ins zweite Glied gedrängt sehen; soll es ein eher schwacher Präsident oder eine Präsidentin werden, gut lenkbar durch eine in den letzten Jahren immer stärker gewordene Zentrale? Für diese überwölbenden Fragen gibt es mindestens vier mögliche Bewerber. Wer es dann wird, hat maximal Zeit bis 2025, die Richtung des IOC zu bestimmen. Jacques Rogge hat dazu die Spuren gelegt. •

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Olympische ­Momente: Mein ­London 2012

Einmal ganz oben von Ge sc h e Sc h ü n e m a n n Einmal bei einer olympischen Siegerehrung ganz oben auf dem Treppchen stehen, die Goldmedaille um den Hals und die deutsche Nationalhymne singen – das war schon immer mein größter Traum! London, 7. September 2012, kurz vor Mitternacht: Da stehen wir, die zwölf Spielerinnen der deutschen Rollstuhl-Basketballnationalmannschaft: Arm in Arm, alle überglücklich, mit ­glänzenden Augen, freudestrahlend, UNSERE Medaille um den Hals und die deutsche Nationalhymne singend. Ich spüre die Gänsehaut am ganzen ­Körper. Wenige Minuten zuvor haben wir im Finale vor 17.000 Zuschauern in der ausverkauften North Greenwich Arena die starken Australierinnen geschlagen. Die unzähligen, ­schweißtreibenden Stunden Training, die vielen Entbehrungen und die harten Spiele in der Vorbereitung haben sich ausgezahlt. Wir haben uns unseren großen Traum erfüllt – das Sommermärchen von London 2012 ist wahr geworden! Gesche Schünemann ist deutsche Nationalspielerin im Rollstuhlbasketball und gewann bei den Paralympics 2012 die Goldmedaille.

Kalte Schauer über den Rücken von T hom a s Bac h »Mein London 2012« war eine pulsierende Stadt voller enthusiastischer Fans, die die Olympischen Spiele zu einem riesigen Fest gemacht haben. Egal, wo ich in London hingekommen bin – Olympia war an jeder Ecke zu spüren, zu fühlen und zu erleben. Die Spiele der XXX. Olympiade sind ein einzigartiges Gesamterlebnis gewesen, bei dem wirklich alle Rädchen perfekt ineinander griffen. Unvergessen bleibt für mich das faire britische Publikum. Dabei erinnere ich mich besonders gern an den Teamsprint der Frauen zurück. Unser deutsches Duo mit Miriam Welte und Kristina Vogel profitierte bei seinem Finaleinzug von der Disquali­ fi­kation der Britinnen. Trotzdem gab es im Finale gegen China volle

London 2012 | Olympische ­Momente: Mein ­L ondon 2012

­ nterstützung für die beiden. Das U Publi­kum feuerte sie genauso an wie die ­chinesischen Finalgegnerinnen, obwohl der Finalplatz Deutschlands vorher für einen kurzen Moment an Großbritannien vergeben gewesen war. Das ist Fair Play, das ist britische Sportleidenschaft, das ist mein olympischer Moment neben meiner ­Teilnahme am Fackellauf gewesen. Als ich in der Nähe des Piccadilly Circus die Flamme in den Händen hielt und rechts und links die Menschen in Fünferreihen standen, um einen Blick auf das Olympische Feuer zu er­haschen, liefen mir kalte Schauer über den Rücken. Das waren emotionale Momente, die nur mit einer ­Siegerehrung vergleichbar sind. Thank you London! Dr. Thomas Bach ist der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees und Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes.

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Friedenstour auf zwei Reifen von Tobi a s Hoppm a n n Zwei Wochen lang mit dem Rad durch Europa – das haben 24 Schülerinnen und Schüler aus Münster auf sich genommen. Unser Ziel: Der eigene sportlich-olympische Wettkampf und das Erleben der Sommerspiele von London. Mit unserer europaweit einmaligen Tour wollten wir aber auch etwas zum Olympischen Frieden beisteuern. Also haben wir auf den 735 Kilometern unter der Aktion »CENT me to London« für den SOS ­Kinderdorf e.V. bislang 3618,- Euro »erradelt«. Wir starteten am geschichtsträchtigen Friedenssaal von Münster und unser großartiges Olympia-Abenteuer endete auch dort: Beim Empfang der Olympiateilnehmer aus dem Münsterland durch den Bürgermeister. Die Vielseitigkeitsreiterin und Olympiasiegerin Ingrid Klimke ehrte uns mit Olympischem Gold! Und der ehemalige Spitzen-Zehnkämpfer Jürgen Hingsen kündigte an, dass er uns nach

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den Herbstferien einmal in ­Münster kennenlernen will! Unsere Friedenstour war großartig, begeisternd, und nicht nur auf dem Rad bewegend! Für die 1001 Erlebnisse ist an dieser Stelle leider kein Platz, aber schauen Sie gerne nach auf unserer Seite: www.rik-radelt-rueber.de. Vielen Dank an für die wunderbare Zeit rund um London 2012! Tobias Hoppmann arbeitet als Lehrer an der Realschule im Kreuzviertel in Münster und ist Initiator des Projekts »rik radelt rüber«.

Vater und Söhne von Gu dru n Doll-T e ppe r Am 8. September 2012 hatte ich die große Ehre und Freude, bei den Schwimmwettbewerben der Paralympics im »Aquatics Centre« Medaillen überreichen zu dürfen. Ich war also rechtzeitig zu den Wettbewerben in der Halle, die bis auf wenige Plätze ausverkauft war. Die Stimmung war grandios, alle Sportlerinnen und

Sportler, besonders natürlich diejenigen des »Team GB«, wurden angefeuert und bejubelt. Ich suchte mir einen Platz auf der Tribüne und schaute gebannt den Wettkämpfen zu. Als ich mich nach einem Rennen umschaute, um weitere Mitglieder des Deutschen Paralympics-Teams in der Halle zu finden, sah ich einen Vater mit seinen beiden Söhnen. Alle drei trugen weiße T-Shirts mit einem Foto von Daniela Schulte, unserer Topathletin aus Berlin. Ihr Wettbewerb sollte bald starten und ihre Familie war gekommen, um sie anzufeuern. Und das taten sie auf ganz besondere Weise, denn auf den T-Shirts der beiden Söhne war neben dem Foto der Mutter auch noch ein Text: »GO FOR GOLD, Mum«. Über 400 m Freistil

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hatte Daniela schon Gold gewonnen, nun sollte eine weitere Medaille hinzukommen. Im Vorlauf über 200 m Lagen war sie Weltrekord geschwommen; im Finale wurde sie dann Zweite und gewann Silber. Ich hätte so gerne bei diesem Wettbewerb die Medaillen überreicht, war aber für spätere Sieger­ehrungen eingeteilt. Diesen Abend im Schwimmstadion werde ich immer in Erinnerung behalten, ganz besonders aber die tolle Unterstützung, die Daniela erhielt von ihrem Mann und ihren Kindern mit den »GO FOR GOLD, Mum«-T-Shirts. Prof. Dr. Dr. h.c. Gudrun Doll-Tepper ist ­Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes und Vorsitzende der Deutschen Olympischen Akademie.

Wahrnehmung und Bauchgefühl von F r a n k Dü r r An meinem letzten Tag im Deutschen Haus hörte ich es am ­N ebentisch granteln: Außer dem Usain Bolt hätte es kein einziger Nicht-Brite auf die Tabloids geschafft – und der Bolt gehöre letztlich auch noch zum Common­wealth. Zugegeben, sich als sportbegeisterter Kontinentaleuropäer in der britischen Presse über die Wettkämpfe zu informieren, war nicht einfach. Allerdings muss man den britischen ­Medienvertretern auch zugestehen, dass es aufgrund der sensationellen Resultate der britischen Athleten, einem hervorragend arbeitenden LOCOG, dem überraschend guten Londoner Wetter und der mit allem einhergehenden einwandfreien Stimmung in der Stadt nicht gerade einfach ist, sich der ­objektiven Bericht­erstattung zu widmen. Ich finde, dies alles sei den Briten –

oder besser den »GeeBees«, wie sie sich nach den Olympischen Spielen von London 2012 wohl von jetzt an bezeichnen werden – vergönnt. Im Deutschen Sport & Olympia Museum kann sich der Besucher an einer Timeline durch die Geschichte des modernen Sports in Deutschland leiten lassen. Am Beginn dieser Zeitleiste steht ein englisches Wettbüro mit Kabinetten, in denen Objekte aus den Anfängen des Sports, wie er uns heute gegenwärtig ist, ausgestellt werden. Natürlich haben die Kuratoren wichtige sporthistorische Gründe, den britischen Sport an die Anfänge der deutschen Sportgeschichte der Neuzeit zu platzieren. Aber diese wissenschaftlichen Gründe decken sich auch mit meiner Wahrnehmung und mit meinem Bauchgefühl während der Spiele von London 2012. Ich konnte viele Wettkämpfe besuchen, von denen die meisten gemeinhin den vermeintlichen Randsportarten zugeordnet wurden. Mir wird in Erinnerung bleiben, dass ich noch nie

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ein Publikum erlebt habe, welches so schnell die Regeln antizipiert, so sachkundig und so fair dem sport­lichen Wettkampf beigewohnt hat. Und deshalb gönne ich dieser Kulturnation des Sports den Stolz, diese Spiele ausgerichtet zu haben. Frank Dürr war von 2009 bis 2012 der Direktor des Deutschen Sport und Olympia Museums.

Trotz allem – ein großartiges Erlebnis von Le na Sc hön e bor n Obwohl ich meinen Wettkampf leider nicht so erfolgreich bestreiten konnte, wie ich es vorhatte, waren die Olympischen Spiele 2012 für mich ein großartiges Erlebnis. Wie auch in Peking 2008 durfte ich an der Eröffnungsfeier teilnehmen – die Vorfreude und die Stimmung innerhalb der deutschen Mannschaft waren riesig.

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Per Handschlag: Der Gewinn des Nachmittags

Neben ­meinem eigenen Wettkampf konnte ich mir sowohl Leichtathletik im Stadion, als auch Springreiten im Greenwich Park ansehen. Auch die Abschlussfeier war beeindruckend. Zwar war ich noch etwas betrübt von meinem Wettkampftag, der gerade erst zu Ende gegangen war, dennoch habe ich das Programm gemeinsam mit dem ganzen deutschen Team sehr ­genossen. Lena Schöneborn gewann 2008 in Peking die Goldmedaille im Modernen Fünfkampf und belegte in London den 15. Platz.

Tag für Tag und von morgens bis abends von M ic ha e l V e s pe r Für mich gibt es ihn nicht, diesen einen »Olympischen Moment« bei den Spielen der XXX. Olympiade in London 2012. Sie waren ein einziges und einzigartiges Fest, das mich Tag für Tag, von morgens bis abends bewegt hat. Dennoch will ich drei Momente herausgreifen: Da ist zum einen das Erlebnis der ersten deutschen Medaille. Britta Heidemann gewann Silber im Degenfechten, und beim vorherigen Halbfinale erlebten wir alle die längste Sekunde unseres Lebens, als Britta einen Rückstand von drei Punkten aufholte und schließlich im »Sudden death« gewann. Den zweiten Moment erlebte ich beim Gewichtheben, als Matthias Steiner – in Peking ­Olympiasieger – beim Reißen von 196 kg durch eine kleine Unachtsamkeit aus dem Gleichgewicht kam und die ­Hantel auf seinen Nacken nieder­fiel. Ich eilte sofort zu Matthias, und als ich ihn dann, zwar enttäuscht und unter Schmerzen leidend, aber ansonsten wohlauf im Aufwärmraum fand, da hüpfte mein Herz.

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von A n dr e a s Höf e r

Und der dritte Moment? Er dauerte Stunden, als wir nämlich mit der MS Deutschland in den Hamburger Hafen einfuhren, von zehntausenden Menschen bejubelt – einfach grandios. Spätestens hier wurde diese große Mannschaft mit Sportlerinnen und Sportlern unterschiedlichster Disziplinen endgültig zum Team, und es wurde spürbar, welchen Stellenwert der Sport mit seinen Werten für die Gesellschaft hat. Drei Gänsehaut-Momente aus ganz vielen. Ich möchte sie alle nicht ­missen. Dr. Michael Vesper ist der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes.

Wenn sich der in Rede stehende Be­griff aus dem Lateinischen »movere« und insofern von »bewegen« her­ leitet, dann nahm sich das Er­lebnis der Spiele von London jedenfalls in meiner Empfindung wie eine schier uferlose Fülle entsprechender »Momente« aus. Gleich könnte man wieder ins Schwärmen geraten und sich an dieses oder jenes, zum Beispiel an Land und Leute erinnern. So denke ich etwa, noch immer gerne und mit einem kleinen Schmunzeln, an Vater, Mutter, Tochter und Sohn zurück, die mir zum einen als eine typisch britische Kleinfamilie erschienen und die mir zum anderen beim Volleyball Gesellschaft leisteten. Nicht dass das Spiel langweilig gewesen wäre. Im Gegenteil: Herausragende Damen aus den USA und Brasilien schlugen sich so athletisch wie ästhetisch die Bälle um die Ohren,

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dass es die volle Aufmerksamkeit des Betrachters verdiente, auch wenn es »nur« die Vorrunde war. Freilich blieb der Blick auf das Hin und Her des Spielgeschehens kaum länger als Minuten ungetrübt, bevor wieder mindestens eines der beiden Kinder zur Linken, offenbar von einem akuten Bedürfnis getrieben, sich, selbstredend von mindestens einem der beiden Elternteile begleitet, durch die schmale Sitzreihe Richtung Treppe schlängelte, um sich alsbald in umgekehrter Richtung zurückzubewegen. Wie nervig, könnte man meinen. Doch weit gefehlt: Von Missmut keine Spur. Weder bei der bewegungsfreudigen Kleingruppe noch bei mir und meinen Nachbarn zur Rechten. Im Gegenteil: Angeregt durch die Komik der Situation kamen wir schnell ins Gespräch. Und da die Protagonistinnen dies- und jenseits des Netzes es nicht eilig hatten mit einer Entscheidung, blieb hinreichend Zeit, sich auch jenseits von Smalltalk über dieses und jenes auszutauschen. Zwar musste ich mir am Ende gestehen, dass ich manch entscheidenden Ballwechsel verpasst hatte, doch

Supermarkt mit Poststation von Nor be rt F le i sc h m a n n

der Gewinn dieses Nachmittags in Earl’s Court bestand für mich in einer wunder­baren Begegnung. Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass sich die Hauptdarstellerinnen auf dem Feld in aller Form, also im guten Geist des Sports voneinander verabschiedeten, doch viel stärker beeindruckt war ich, als mir meine Zufallsbekanntschaft aus Reihe 38 – Vater, Mutter, Tochter und Sohn – komplett per Handschlag alles Gute wünschte. Ein wunderbarer olympischer Moment! P.S. Wenn ich mich recht erinnere, endete das Spiel mit 3:1. Doch für wen? Dr. Andreas Höfer ist der Direktor der Deutschen Olympischen Akademie.

London 2012 | Olympische ­Momente: Mein ­L ondon 2012

Einen Tag vor Beginn der Paralympics kam ich am frühen Morgen leicht verunsichert am Flughafen Heathrow an. Angeblich sollte ich gleich mit einem Fahrzeug abgeholt und zum Hotel gebracht werden. »Na ja«, dachte ich, »wenn keiner kommt, kann ich mich ja durchfragen und den Zug nehmen.« Auf dem Weg zur Zollkontrolle kamen mir einige, an ihrer Kleidung deutlich zu erkennende Volunteers entgegen und ich fragte, an wen ich mich denn wenden müsse, um meine Akkreditierung validieren zu lassen. Eine Dame und ein Herr blieben sofort stehen, entschuldigten sich dafür, dass ich nicht auf ihrer Liste stünde und sie mich am Gate nicht in Empfang genommen hätten. Ich war überrascht. Woher sollten sie mich kennen? Weiter kam ich mit meinen Überlegungen nicht, denn schon wurde mir erklärt, dass ich ihnen nur noch folgen müsse und sie mir beim Zoll, der Akkreditierung, der Gepäck-

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abholung und beim Weg bis zum Fahrzeug helfen würden. Ich war wieder überrascht. War ich vielleicht doch etwas Besonderes, ein besonderer Gast? Die Antwort sollte ich bis zum Ende der Spiele deutlich erfahren. Ich war nun beruhigt, keine Spur mehr von Unsicherheit, fühlte mich umsorgt und war schon nach diesen wenigen Momenten in London bei den Paralympics angekommen. Auf diese Freundlichkeit und Aufmerksamkeit der vielen Helfer stieß ich nun täglich. Sie standen im und vor unserem Hotel, in den Stadien, in und vor den U-Bahnstationen. Sie sahen schon aus einiger Entfernung vermeintliche Fragezeichen in den Augen, sprachen einen an und boten ihre Hilfe an. Freundlich und immer gut gelaunt. Tief beeindruckte mich die Antwort eines Fahrers, der mich vom Olympiastadion in die Stadt brachte. Ich wollte von ihm wissen, was er beruflich mache und ob er sich Urlaub dafür genommen habe, um hier nun ehrenamtlich tätig zu sein. Er sei selbstständig, habe einen kleinen Supermarkt mit einer Poststation und seine Frau habe mit den Mitarbeitern das Geschäft übernommen, antwortete er mir. Seine Frau habe ihn von Anfang an gedrängt, sich seinen Wunsch zu erfüllen und sich als Volunteer zu bewerben. Er habe nicht daran geglaubt, ausgewählt zu werden, sei aber nun seiner Frau – die sich selber Urlaub nahm, um im eigenen Geschäft auszuhelfen – und seinen Mitarbeitern so dankbar, dass er sich hier den Traum erfüllen dürfe, mit so vielen unterschiedlichen Menschen zusammen zu kommen! Es war ein Traum, ihn zu treffen. Am Abend des 9. September gingen die Paralympics mit einer großartigen Abschlussfeier zu Ende. Und sie waren wieder alle da, die freundlichen, fröhlichen, hilfsbereiten guten Geister dieser Spiele. Kein Redner vergaß,

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ihnen zu danken. Und 80.000 Menschen erhoben sich von ihren Plätzen, jubelten und applaudierten den Volunteers lange zu. Eine Reihe vor mir blieb am äußeren Ende der Reihe ein älterer Herr in seiner Helferuniform sitzen. Sein Platznachbar reichte ihm die Hand und bedankte sich. Als ich das Stadion verließ, hatte ich das Gefühl, dass auch ich mich bei jedem dieser Helfer persönlich bedanken müsste und tat es teilweise auch. Die Frage vom Ankunftstag hatte sich nun von selbst beantwortet: Ja, ich war etwas Besonderes, ein besonderer Gast, aber ich war es nicht alleine, wir waren Tausende ganz besondere Gäste, bei ganz besonderen Paralympics in London 2012. Norbert Fleischmann ist der Vorsitzende der Deutschen Behindertensportjugend. In ­London hat er das nationale Paralympische ­Jugendlager geleitet.

Frühstück mit dem Bundespräsidenten von I ngo -Rolf W e i s s Die Paralympics London 2012 haben Rekorde gebrochen und Menschen bewegt. Erstmals standen sie in der Aufmerksamkeit der Zuschauer gleichwertig neben den Olympischen ­S pielen. Die deutschen Rollstuhl-­ Basketballerinnen gewannen am letzten Tag der Paralympics Gold, darüber freue ich mich mit den ­Rollis riesig. Aber der Sieg ist nicht ­ent­scheidend, wie schon Pierre de ­Coubertin 1908 in London bemerkte: »Das Wichtigste bei den Olympischen Spielen ist nicht zu gewinnen, sondern daran teilzunehmen.« Das kann auch Kevin Bons als Teilnehmer des Deutschen Olym­ pischen Jugendlagers bestätigen.

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Glückliche Menschen von Tobi a s Bü rge r »Sorry! Ich treffe zum ersten Mal in meinem Leben jemanden aus Deutschland. Darf ich mich mit euch fotografieren lassen?« Gerade erst hatte ich mit einem Freund das Londoner Olympiastadion verlassen, wir beide noch ganz gefangen von der fantastischen Atmosphäre bei der Leichtathletik-Abendsession.

Fünf ­Wettkampfbesuche pro Person, ein Frühstück mit dem Bundespräsidenten auf der MS Deutschland, viele Spitzensportlerinnen und -sportler hautnah erleben, ein Besuch im Olympischen Dorf, Sightseeing in ­London und auf dem Lande, Seminarprogramm. Treffen mit Innenminister Friedrich, einer Delegation des ­Deutschen Sportausschusses, mit Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, mit DOSB-Präsident Thomas Bach, dem Generalsekretär des DeutschFranzösischen Jugendwerks und anderen Persönlichkeiten. Bei ­vielen dieser Termine der Jugendlichen konnte ich dabei sein. Das Programm war überwältigend. Am letzten Abend stellten die ­Ju­­gend­lichen selbst ein tolles Programm auf die Beine, liefen auf Hän­d en, übten sich im Trocken­ schwimmen – kurz: präsentierten

ihre Sportarten – und dann rollt Kevin in die Mitte, bedankt sich bei ­seinen Kolleginnen und Kollegen, den ­Teilnehmern des Deutschen ­Olym­pischen Jugendlagers, dafür, dass sie ihn ganz selbstverständlich überallhin mitgenommen haben – getragen, gerollt, einfach an­gepackt – und auch ­seinen Rollstuhl aus­probierten. Er ist einer von ihnen, einer von 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Deutschen Olympischen Jugendlagers ­London 2012 – und immer dabei. Alle sind bewegt. Dabei sein ist eben alles! Danke für diesen olympischen Moment.

Ingo-Rolf Weiss ist der Vorsitzende der ­Deutschen Sportjugend, Präsident des Deutschen Basketball-Bundes und Vorstands­ mitglied der Deutschen Olympischen ­Akademie.

London 2012 | Olympische ­Momente: Mein ­L ondon 2012

Da sprach uns diese junge Kenianerin auf Englisch an, eingehüllt in eine Flagge ihres Heimatlandes. Sie hatte uns wohl an unserem schwarz-rotgoldenen Outfit erkannt. Natürlich stellten wir uns gerne für ein Foto auf, zu dem sich spontan einige Franzosen und ein Argentinier hinzugesellten. Und schließlich schloss sich auch der englische Familienvater, der sich eigentlich nur als Fotograf angeboten hatte, unserer »bunten« Gruppe an. Alle tauschten sich leidenschaftlich über die Stadt, die Spiele und die gemeinsame Sportbegeisterung aus. Glückliche Menschen aus allen ­Teilen der Welt, vereint bei den ­Spielen von London auf einem Foto – das war mein olympischer Moment. Tobias Bürger ist Referent der Deutschen ­Olympischen Akademie.

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Der Deal hat sich gelohnt von Volk e r K luge

Ein Gespräch zweier Weltpräsidenten von K lau s Sc hor m a n n Anlässlich des Finals im Dressurreiten im Greenwich Park saß ich zusammen mit meiner Kollegin, der Präsidentin der Internationalen Reiterlichen Vereinigung, Prinzessin Haya von Jordanien. Sie stellte eine Frage, versehen mit einem Hinweis: »Bitte Klaus, lache nicht darüber! Ich habe an der Universität Fechten, Schwimmen und Laufen gelernt, im Reiten startete ich 2000 bei den Olympischen Spielen in ­Sydney und schießen kann ich auch. Ich bin so begeistert vom Modernen Fünfkampf, dass ich diese Sportart erlernen möchte. Wo ist dies möglich?« »Liebe Prinzessin Haya, ich würde nie über diese Frage lachen, ich bin sogar begeistert! In Dubai, deinem Heimatland, gibt es einen modernen Fünfkämpfer, Mihail Kouzev. Er war ein Weltklasse-Athlet und betreibt eine private Sport- und Fechtschule. Während der Biathle-WM Anfang November werde ich Euch zusammen bringen.«

4. August 2012 – »Day of the Days«: Londons Bürgermeister Boris Johnson ist dafür bekannt, dass er in seinen Reden pikante Details nicht ausspart. So erzählte er bei der Eröffnung des 114,5 Meter hohen »Orbit«-Turmes, wie er diesen in den 40 Sekunden einer »Pinkelpause« beim Weltwirtschaftsforum vereinbart hatte. O-Ton: »Also die Geschichte ist, dass ich zufälligerweise Lakshmi Mittal (ein schwerreicher indischer Stahlproduzent, d. A.) auf einer Toilette in der Schweiz traf. Und ihm sagte, hey, wir brauchen ein symbolisches Zeichen für unseren Olympiapark, das Zuversicht ausstrahlt für eine Stadt, die aus der Rezession kommt und um Leute und Touristen nach East London zu locken, zum Einkaufen und um hier zu leben.

Er war sofort dabei und das ist herausgekommen.« Herausgekommen ist ein 19,1 Millionen Pfund teures Bauwerk, das Johnson als »Dingsbums« bezeichnete. Es ähnelt einer Skulptur – als Computer-Modell von dem indischen Architekten Anish Kapoor entworfen, der 560 Meter Röhren um einen Turm wand und oben einen Bügel drauf setzte. Ich war so naiv zu glauben, dass ich ihn ohne Weiteres besteigen könnte, was sich als Irrtum erwies. Das Ticket hätte ich längst per Internet für 15 Pfund (ermäßigt sieben) bestellen müssen. Man hat mir wohl meine Ratlosigkeit angesehen, jedenfalls schenkte mir in diesem Moment ein Ehepaar aus Lübben im Spreewald sogar zwei Tickets, für die ich ihnen das druckfrische Olympiabuch versprach, an dem ich während der Spiele arbeitete. Der Deal hat sich gelohnt. Von den Aussichtsplattformen be­wunderte

Dr. h.c. Klaus Schormann ist der Präsident des Weltverbandes und des Deutschen Verbandes für Modernen Fünfkampf und Vorstandsmitglied der Deutschen Olympischen Akademie.

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ich die Skyline von London, und zu ­m einen Füßen lag der Olympiapark, der sich über fünf Stadtbezirke erstreckt, die bis vor kurzem von Industriebrachen geprägt waren. Nur die Hälfte der hier hausenden OstLondoner, meist Immigranten aus Bangladesch und Pakistan, sprach Englisch. Das Tollste war der Blick hinein ins Stadion, wo das Speerwerfen der Siebenkämpferinnen begann. Jeder Wurf der Britin Jessica Ennis ließ den Stimmungspegel ansteigen. Derart angespornt, entschied ich mich beim Abstieg gegen den Lift. Sicher hätte ich es mir anders überlegt, wenn ich mir der 455 Stufen bewusst gewesen wäre. Ich kam in einen Hexenkessel, in dem der Siebenkampf mit dem 800-Meter-Lauf zu Ende ging. ­Jessica Ennis holte Olympia-Gold, was das Publikum zum Rasen brachte. 30 Minuten später Sieg Nr. 2 durch Greg Rutherford – im Weitsprung, was die Briten letztmals 1964 erlebt hatten.

Schließlich der 10.000-Meter-Lauf, den Mohamad Farah, der als Junge aus Somalia nach England eingewandert war, im Spurt gegen seinen US-Trainingspartner Galen Rupp entschied. Es war der dritte britische Erfolg innerhalb einer Stunde, der die Luft endgültig zum Vibrieren brachte. Letztmals hatte ich eine solche Atmosphäre 2000 in Sydney erlebt, als Hundertzehntausend die Australierin Cathy Freeman zum Olympiasieg über die Stadionrunde brüllten. Der Expresszug »Javelin«, der die Massen zur Pangras-Station zurückbrachte, schien diesmal auf Wolken zu fahren. Einer der freundlichen Volunteers, die dort für den Ablauf sorgten, empfing uns mit der Frage: »Habt ihr alle heute einen tollen Tag erlebt?«, worauf die Meute einstimmig mit einem fröhlichen »Yeah« antwortete.

Volker Kluge ist Sportjournalist und Sporthistoriker sowie Autor und Herausgeber zahlreicher Fachbücher zu den Olympischen Spielen.

Wie es wohl gewesen wäre von Pe t r a T zsc hoppe

Zugegeben, ich gehöre zu denen, die Olympische Spiele 2012 nach Leipzig holen wollten. Ja, ich habe mit Herzblut am Konzept mitgeschrieben und an die Idee geglaubt. Der Gedanke »Wie wäre es gewesen…« blieb folglich während meiner Zeit in London mit der Studienreise der Deutschen Olympischen Akademie nicht aus. Und ich bin überzeugt, den Spielen von London ist mit Vergleichen nicht gerecht zu werden. Für mich boten sie eine Fülle von einzigartigen, unvergleich­l ichen Momenten, die mit Worten nur bedingt wiederzugeben sind. Ganz London wirkte herzlich, farben­froh und mitreißend, entgegen diverser Befürchtungen auch bestens organi­ siert. Trotz der riesigen Zahl von Besuchern blieb der Eindruck von ­Entspanntheit und Leichtigkeit. So, wie es im Motto angelegt war, habe ich die Spiele 2012 als inspirierend empfunden und fühle mich mit der Entscheidung des IOC für London mehr als versöhnt. • Dr. Petra Tzschoppe ist die Vizepräsi­dentin für Breitensport / Sportentwicklung im Landes­ sportbund Sachsen, wissenschaftliche ­Mitarbeiterin im Institut Sportpsychologie und Sportpädagogik der Universität Leipzig und hat an der Studienreise der Deutschen ­Olym­pischen Akademie teilgenommen.

London 2012 | Olympische ­Momente: Mein ­L ondon 2012

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Es muss nicht unbedingt das Treppchen sein Anmerkungen zum Olympischen Jugendlager Von A n dr e a s Höf e r & Tobi a s K noc h

Die Olympischen Spiele, so formulierte es einmal ihr Begründer Pierre de Coubertin, sind »keine einfachen Championate, sondern Feste des mensch­lichen Frühlings«. Auf diese durchaus blumige Weise hatte der innovative Franzose die Adressatengruppe seiner ­Initiative benannt. Dem Pädagogen aus Leidenschaft ging es ­nämlich bekanntlich um nicht weniger, als um die »Jugend der Welt«. Die sollte sich regelmäßig, im klassischen vierjährigen Abstand an wechselnden Orten zum sportlichen Wettkampf treffen, nicht nur um dem Motto »citius, altius, fortius« zu huldigen, sondern nicht zuletzt auch, um sich zu begegnen und kennenzulernen. Gerade in einer Zeit ohne Internet, Satellitenfernsehen und Massentourismus erschien Coubertin das von ihm

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erfundene universale Großsportfest als eine willkommene Gelegenheit, Menschen zusammenzuführen, Grenzen zu überwinden, Respekt voreinander und gegenseitige ­Achtung zu entwickeln und damit einen Beitrag zu einer »besseren und friedlichen Welt« zu leisten. Eben diesem Gedanken diente auch die Idee inter­­ na­tionaler Jugendlager anlässlich und während der Spiele, die erstmals 1912 in Stockholm umgesetzt wurde. ­Auf­gegriffen von Carl Diem, kam der Gedanke ein zweites Mal 1936 in Berlin, dann wieder 1952 in Helsinki zum ­Tragen, um fortan als ein festes, wenn auch nicht formal ­verbindliches Element des olympischen Rahmen­ programms betrachtet und geschätzt zu werden. Gerade vor dem Hintergrund der durchweg positiven

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Erfahrungen erschien es umso bedauerlicher, dass sich die Organisatoren der Winterspiele von 2002 in Salt Lake City zu einem Verzicht auf die Durchführung eines Jugend­ lagers entschlossen hatten und auch vom Internatio­nalen ­Olympischen Komitee nicht zum Umdenken veranlasst worden waren. Für das Nationale Olympische Komitee für Deutschland war eben dies der Anlass, in die Bresche zu springen und wenigstens einen Ersatz auf nationaler Ebene anzu­bieten. Gemeinsam mit der Deutschen Sportjugend (dsj) und in Kooperation mit den entsprechenden Fach­verbänden wählte man ambitionierte junge Athletinnen und Athleten aus, um ihnen die Möglichkeit zu geben, die Spiele hautnah zu erleben. Dabei beschränkte sich die Intention der Verantwortlichen keineswegs auf die Gewährleistung einer reibungslosen An- und Abreise, die Bereit­stellung einer kostengünstigen Unterkunft und die ­Versorgung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit ­möglichst attraktiven Eintrittskarten, sondern zielte vielmehr auch darauf ab, in der gemeinsamen Erfahrung der Spiele auch die mit ihnen verbundene Idee erlebbar zu machen. Dieser Grundgedanke trägt auch die Konzeption und Gestaltung der Jugendlager seit 2010. Dank einer entsprechenden Entscheidung des – 2006 gegründeten – Deutschen Olympischen Sportbundes ist die Fortführung der bewährten Praxis bis auf weiteres gewährleistet. Die Erfahrungen von Vancouver und London bestätigen den Wirkungsgrad der Investition sowie auch die Regel, die Planung und Durchführung der Maßnahme im Sinne wechselnder Federführung der Deutschen Olympischen Akademie und der dsj zu überantworten. Dass die beiden Verantwortungsträger jenseits eines Konsenses im Grundsatz durchaus auch unterschiedliche Erfahrungen und Intentionen einbringen, hat sich in der Praxis nicht nur als nicht hinderlich, sondern letztlich als Bereicherung erwiesen. Denn idealerweise soll die aufwendige Maßnahme ja einem ganzen Kanon von Zielen und Zwecken dienen. So soll sich das Angebot für die ins Auge gefasste Zielgruppe nicht nur im Blick auf eine weitere sportliche ­Karriere als nutzbringend erweisen, sondern etwa auch ein nachhaltiges Engagement, sei es professionell oder ehrenamtlich, auf Vereins- oder Verbandsebene, als ­Trainer oder Lehrer, in der Sportpolitik oder auf anderen Feldern, be­flügeln. Schließlich zählt es zur Zielsetzung des Jugendlagers, soziale Kompetenz im täglichen Mitein­ ander innerhalb der Gruppe und in der Begegnung mit anderen zu ­fordern und fördern, musische und organisatorische Talente etwa im Rahmen eines »Social Evenings« zum ­Tragen zu bringen sowie das weit über Rekorde und

Medaillen hinausreichende humane Potenzial des Sports erkennbar zu machen. So gesehen sollte das Olympische Jugend­lager auch nicht als singuläres Ereignis betrachtet werden. Vielmehr fügt es sich in eine Reihe von Maß­ nahmen und Projekten im Sinne einer Olympischen Erziehung oder präventiver Intentionen, die etwa die Erstellung von entsprechenden Unterrichtsmaterialien für Schulen, Lehrerfortbildungen‚ akademische Veranstaltungen oder Wettbewerbe umfassen. So versteht sich, dass bei allen Jugendlagern seit Salt Lake City auch kulturelle Aktivitäten oder die Begegnung mit den Menschen vor Ort zu den zentralen Bestand­teilen des ­Programms zählten, die im Übrigen nicht unwe­ sentlich zum bleibenden Mehrwert der durchaus auf­ wen­digen Maßnahme beitrugen. Schließlich, wie gesagt, sollen die auserwählten Hoffnungsträger einen Impuls für ihre ­persönliche Entwicklung und nicht nur einen ­Motivationsschub für ihre weitere sportliche ­Karriere erhalten, auch wenn letzteres einen durchaus will­ kommenen ­Neben­effekt darstellt.

In diesem Sinne ist es tatsächlich mehr als eine Randnotiz, dass bei den Spielen in Vancouver immerhin fünf »Ehe­malige« als Aktive in Erscheinung traten und dies mit bemerkenswertem Erfolg. Zum Beispiel die Renn­rodlerin Tatjana Hüfner. Sie gewann nach Bronze in Turin und mehrfachen Weltmeistertiteln in Kanada Gold. Oder Anja Huber, für die es nach dem WM-Titel dieses Mal zu Bronze im Skeleton reichte, während der Rodler David Möller ­Silber gewann. Wenn für Robert Seifert im Shorttrack und Nico Ihle im Eisschnelllauf in Vancouver noch keine Medaille heraussprang, erfüllte sich für sie mit der Teilnahme sicher ebenfalls ein Traum, der zuvor im Jugendlager schon einmal visualisiert werden konnte. Dies gilt wohl auch für Annika Schleu, die als »SommerAthletin« im »Winter-Lager« von Vancouver olympische (Höhen-)Luft schnuppern konnte, um dann zweieinhalb Jahre später »für Deutschland« im Modernen Fünfkampf an den Start zu gehen. Dass dann Tränen flossen – als 26.

London 2012 | Höfer & Knoch | Es muss nicht unbedingt das Treppchen sein

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war sie weit hinter ihren eigenen Erwartungen zurückge­ blieben –, ist eine andere Geschichte und eine ­Erfahrung für eine noch immer sehr junge Athletin, auf die ein Jugendlager natürlich kaum vorbereiten kann. Apropos: Es spricht für die Offenheit und das Engagement der Fünfkämpferin, dass sie wenige Tage vor ihrem Wettkampf bereit war, die Londoner »Lageristen« zu treffen, welch selbige sich auch darüber freuten, dass Annika ihre »Kollegin« Lena Schöneborn mitbrachte (Bild) – keine Geringere als die Olympiasiegerin von Peking, die ihrerseits 2004 in Athen an einem interna-

sich weniger verpflichtet, als angeregt fühlte. Bleibt dies nur Vermutung, ist der Umkehrschluss verlässlich belegt: ­Joachim Gauck hat mit seiner offenen und freundlichen Art einen bleibenden Eindruck gemacht. Einer von vielen »olympischen Momenten«, die vor Ort oder in der Umgebung, im Rahmen des Gruppengeschehens oder bei Außenkontakten, bei den Besuchen der Wettkämpfe oder ganz anderen Gelegenheiten gesammelt werden konnten. Auch wenn die Rezeption des Ganzen naturgemäß individuell unterschiedlich ausfiel und noch

tionalen Jugendlager teilgenommen hatte. Natürlich war die Begegnung mit inzwischen international erfolgreichen »Ex-Jugend­lichen« für die ambitionierten »Noch-Jugendlichen« eine inspirierende und motivierende Erfahrung, wurde ihnen doch eine Option vor Augen geführt, die sich viele von ihnen für sich selbst auch wünschen würden. Nicht nur so gesehen hatten die zahlreichen Treffen mit Vertretern der Politik einen signifikant anderen Charakter. War in Vancouver der Bundesinnenminister, damals noch Thomas de Maizière, der ranghöchste Besucher, der sich gerne – ganz professionell – mit dem sportlichen Nachwuchs ablichten ließ, waren in London nicht nur sein Nachfolger, Hans-Peter Friedrich (Bild S.42) oder die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft, ­sondern – wie schon 2004 in Athen und 2006 in Turin – auch der erste Repräsentant des Landes zugegen, nämlich der Bundespräsident, dem die Jugendlichen auf der vor Ort ankernden MS Deutschland begegneten (Bild S. 38/39). Dass er sich viel mehr Zeit nahm, als ursprünglich vor­ gesehen und einige Folgetermine absagen ließ, spricht dafür, dass er sich im Kreis der jungen Leute wohl und

ausfallen wird, steht die positive (Langzeit-)Wirkung der Maßnahme nicht nur für die Verantwortlichen außer Frage. Verbindet sich aber die Intention des Jugendlagers auch und nicht zuletzt mit einem pädagogischen Impuls, wird der Vorbehalt bleiben, dass Erziehung immer Prozess­ charakter besitzt. Positive Entwicklungen in Form ­konkreter Veränderungen in Verhalten und Haltung können innerhalb weniger Tage und Wochen allenfalls angestoßen werden. Gleichwohl haben wissenschaftlich abgesicherte Befragungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der letzten Jugendlager belegt, dass durchaus eine gewisse Initialzündung im Sinne der Veranstaltungsziele erfolgte. So ist wohl die Hoffnung am Platze, dass die jeweils gemachten Erfahrungen den Lebensweg der Betreffenden positiv beeinflussen mögen. Sie nicht aus den Augen zu verlieren, ist eine über den Tag hinausreichende Aufgabe der Verantwortlichen. Vielleicht wird man den einen oder die andere in vier oder sechs oder acht Jahren im ­olympischen Rampenlicht wiedersehen. Doch so lange muss es nicht dauern, und das Treppchen muss es auch nicht unbedingt sein. •

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Be inspired – live your dream Paralympisches Jugendlager London 2012 von Nor be rt F le i sc h m a n n

S. hatte sich im Herbst 2011 für das Paralympische Jugendlager London 2012 beworben und sich selbst auferlegt, nicht von einer Teilnahme zu träumen. Die Enttäuschung nicht nominiert zu werden, hätte zu groß sein können. Und dann kam der Tag, an dem ihre Mutter sie anrief und erklärte, dass ein Brief der Deutschen Behindertensportjugend (DBSJ) angekommen sei. Klar, das konnte nur die Absage sein! »Ich war gerade mit einer Freundin in einem Cafe, als meine Mutter sagte, ›Du bist nominiert‹. Ich schrie vor Freude so laut, dass alle Leute mich anschauten.« Diese Freude teilte S. mit weiteren 37 Teilnehmern. Vom 28. August bis 10. September hieß es: Auf nach London! Wie alle anderen Teilnehmer ist S. aktive Sportlerin und hatte von älteren Sportlern im Verein oder ehemaligen Jugendlagerteilnehmern bisher schon viel Positives über die Paralympics gehört. Ein wenig hatte sie natürlich auch die Spiele in Peking und Vancouver am Bildschirm verfolgt. Aber nun sollte sie live dabei sein! Bei einem Vorbereitungstreffen im Mai in Köln wurde die Gruppe nicht nur mit einer sehr großzügigen Einkleidung ausgestattet, sondern vor allem inhaltlich auf das

London 2012 | Fleischmann | Be inspired – live your dream

­ ommende Erlebnis eingestimmt und vorbereitet. Ein k Highlight war, was spätestens in London für viele zu einem besonderen Ereignis wurde: Der direkte Kontakt mit Athletinnen und Athleten. Ein ehemaliger Teilnehmer berichtete darüber, wie intensiv die Vorbereitung auf die Spiele war und wie hoch die Erwartungen jetzt sind – und dies aus dem Munde eines Sportlers zu hören, hat ein anderes Gewicht, als wenn Trainer, Betreuer oder Funktionäre darüber reden. Noch interessanter und prägender war das Zusammentreffen mit erfolgreichen deutschen Sportlern im Deutschen Haus Paralympics. Aus nächster Nähe in deren glückliche Gesichter zu schauen, einmal selbst ihre Medaille in den Händen zu halten, ihre Motivation zu spüren und Erfolg und Glück miterleben zu dürfen, waren ganz besondere Momente. Antworten, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach den Spielen bei einer anonymen Befragung gaben, spiegeln viele dieser Emotionen wider. Erstaunlich ist jedoch auch, dass bei aller Euphorie, die die Para­lympics in London auslösten, die Problematik zwischen Schule, Beruf und Leistungstraining abwägen zu müssen, sehr ­realistisch eingeschätzt wird.

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Hoher Besuch: »Jugendministerin« Kristina Schröder.

»Ich glaube ich kann es schaffen; anstrengend wird nur das Lernen in Verbindung mit dem intensiveren Training.« »Es wird echt hart werden, aber solange ich am Training nicht zerbreche, und mit genau so viel Elan wie sonst trainiere, könnte es klappen.« »Könnte schwierig werden, weil ich 2016 auch mein Abi mache.« Schon seit Barcelona 1992 verfolgt die DBSJ mit ihrem Jugendlager das Ziel, Jugendliche für den Wettkampfsport zu motivieren, sie mit dem »paralympischen Virus zu infizieren«, ihnen am Ort der Spiele zu zeigen, dass es sich lohnt, auf ein Ziel hinzuarbeiten und sich dafür einzusetzen – eine Idee, die auch in London, zumindest kurzfristig gefruchtet zu haben scheint. Jetzt liegt es aber auch an den Vereinen, den Trainern und dem Deutschen Behindertensportverband und seiner Jugendorganisation, diese Motivation hochzuhalten bzw. immer wieder einzufordern. Bisher ist die Rechnung ganz gut aufgegangen. ­London nicht mitgerechnet, haben seit dem Jahr 1992 ­insgesamt

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221 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit und ohne Behinderung an Paralympischen Jugendlagern der DBSJ teilgenommen. Und davon sind immerhin später 16 bei Paralympics und weitere 16 bei Welt- oder Europameisterschaften gestartet. In London waren mit Matthias ­Krieger (PJL Sydney), Reinhold Bötzel (PJL Barcelona), Claudia Nicoleitzik (PJL Athen), Lucas Ludwig (PJL Athen), ­Stephanie Grebe (PJL Athen), Maike Naomi Schnittger (PJL Peking) und Barbaros Sayilir (PJL Peking) gleich sieben Ehemalige als Sportler am Start. Nicht zu vergessen sind aber die diejenigen – und dies gehört ebenfalls zu den Zielen des Jugendlagers –, die sich anschließend in den Strukturen der DBSJ engagieren. So besteht heute der DBSJ-Vorstand zur Hälfte aus ehe­ma­ ligen Teilnehmerinnen und Teilnehmern oder Betreuerinnen und Betreuern der Jugendlager und das an den Vorstand angeschlossene Juniorteam rekrutiert sich fast zu 100 ­Prozent aus diesem Kreis. Vom Ziel, bei den Paralympics ein internationales Jugendlager durchzuführen, ist die DBSJ leider immer noch ganz weit entfernt. Mit der Teilnahme von zehn jungen Sportlern aus Österreich konnte aber zumindest wieder an das erste gemeinsame Jugendlager in Athen angeknüpft werden. Außerdem ist zwischen Österreich und Deutschland der Wunsch gewachsen, in Sotschi wenigstens den Versuch zu unternehmen, möglichst gemeinsam mit dem Europäischen Paralympischen Komitee, ein erstes kleines europäisches Winterjugendlager zu organisieren. Dieser Schritt würde sich für alle Beteiligten lohnen, denn wir haben ja seit 20 Jahren miterlebt, wie kleine »Motivationspflanzen« große Früchte tragen können. •

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Pilgerfahrt nach Canterbury Eine Operation mit offenen Herzen von A n dr e a s Höf e r

»Wenn milde Schauer im April des Märzes Dürre bis zur Wurzel durchdrungen und jede Ader mit dem Saft getränkt, der kraftvoll Blumen sprießen lässt; wenn Zephyr auch in Wald und Feld mit seinem weichen Hauch die zarten Triebe weckt und die junge Sonne im Zeichen des Widders den halben Weg durchmessen; wenn kleine Vögel, die offnen Augs die Nacht durchwacht, ihre Melodien singen – dann drängt es die Menschen, auf Pilgerfahrt zu gehen, und fromme Wanderer wollen fremde Länder sehen und ferne Heiligtümer. In England kommen sie dann aus

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allen Teilen des Landes nach Canterbury zum Grabe Thomas Becket’s, des hochseligen Märtyrers, der ihnen half, wenn sie krank waren. Als ich zu dieser Zeit im ›Heroldsrock‹ Quartier genommen habe, voll Verlangen, nach Canterbury zu ziehen, geschah es eines Abends, dass eine Schar von neunundzwanzig Reisenden vor dem Gasthaus anlangte. Es war eine buntgemischte Gesellschaft, die der Zufall zusammengeführt hatte, denn es waren alles Pilger, die nach Canterbury wollten. Platz war genug in den Zimmern und

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Ställen, und so nahm an sie freundlich auf. Und kurz, als eben die Sonne untergegangen war, hatte ich schon mit einem jeden gesprochen, und fortan zählte ich mich zu ihrer Gesellschaft. Wir kamen überein, früh aufzustehen, um jene Fahrt anzutreten, von der ich nun erzählen will. Doch bevor ich mit meiner Geschichte beginne, scheint es mir angebracht, zu berichten, wer sie waren und woher sie kamen. Rang und Stand eines jeden zu nennen und zu sagen, wie er gekleidet war. Ich beginne mit dem Ritter.« Schenken wir uns an dieser Stelle den Ritter und ­ver­weisen

alle Enttäuschten an den Urheber der zitierten ­Zeilen, einen Gentleman namens Geoffrey Chaucer – zumindest in Fachkreisen, uns anderen sei Wikipedia empfohlen, als Begründer der modernen englischen Literatur bekannt und geschätzt – und dessen grandiose »Canterbury Tales«, einen Ende des 14. Jahrhunderts entstandenen Zyklus von Erzählungen, die der Dichter den von ihm erfundenen Pilgern in den Mund legt und durch eine wunderbare Rahmenhandlung verbindet. Große Literatur allemal, und wenn es sich, wie behauptet wurde, um die »Magna

London 2012 | Höfer | Pilgerfahrt nach Canterbury

Charta der englischen Sprache« handelt, würde man selbst gerne geflissentlich schweigen, ließe sich nur der Drang beschwichtigen, in aller Bescheidenheit doch auch etwas in Sachen Canterbury zu berichten. Vergleichsweise, selbstredend, eine Kleinigkeit. So mag sich die Kürze begründen, die sowohl den Bericht als solchen betrifft als auch dessen Halbwertszeit kennzeichnen dürfte. Ein Großteil der möglichen Worte ist ja auch insofern verzichtbar, als das Unausgesprochene ganz trefflich im Bild ausgedrückt werden kann, eine Option, die dem Literaten des Mittelalters natürlich nicht zur Verfügung stand. Apropos: Einige Signalworte in ­Chaucers Schilderung – »fromme Wanderer – fremde ­Länder – ferne Heiligtümer« – wecken entsprechende Assoziationen, auch wenn sie naturgemäß nur bedingt den Kern der hier zu reflektierenden Begebenheiten treffen. So war das Ziel der in Rede stehenden Unternehmung nicht das »Grab eines hochseligen Märtyrers«, sondern ein Wohnheim der örtlichen Universität und mehr noch das hoch lebendige Sportfest in London, das im vergangenen Sommer die Menschen in aller Welt und nicht nur jene »buntgemischte Gesellschaft« magisch anzog, die sich von Frankfurt am Main aus auf den Weg gemacht hatte. Und dies relativ bequem mit dem Bus. Handelte es sich namentlich zwar um Lehrerinnen und Lehrer, mag der Begriff »Pilgerfahrt« doch insofern nicht falsch sein, als selbige ausnahmslos von ihrer Begeisterung für die Olympische Idee angetrieben waren, der bisweilen ja (pseudo)religiöse Züge zugeschrieben werden. Schon von daher ließe sich auch von einer Operation mit offenen Herzen sprechen, doch treffender noch dürfte der von den Organisatoren gewählte Terminus technicus sein, nämlich »Studienreise«. Für die Deutsche Olympische Akademie (DOA) war es eine Premiere und um so mehr eine äußerst positive Erfahrung. Kein touristisches Rund-um-sorglos-Paket mit Karten für Wettkämpfe, Transfers und Verpflegung und der Option eines kulturellen Rahmenprogramms – obwohl all dieses auch Teil des Angebots war. Vielmehr aber ging es darum, den Adressatenkreis, vornehmlich Teilnehmerinnen und Teilnehmern der turnusmäßigen DOA-Lehrerfortbildungsmaßnahmen in ihrem Engagement als Protagonisten einer Olympischen Erziehung weiter zu motivieren und nach­ haltig zu stärken. Will man nämlich mit entsprechenden Initiativen und Projekten – etwa mit speziellen Unterrichtsmaterialien – Kinder und junge Erwachsene tatsächlich erreichen, ist man auf die Mitwirkung von Multiplikatoren angewiesen. Diese für die Sache zu begeistern, ist also eine notwendige Voraussetzung, um einen messbaren Erfolg zu verbuchen.

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So gesehen war die »DOA-Studienreise« eine wichtige ­vertrauensbildende Maßnahme, die natürlich in ­erster Linie vom glanzvollen Ereignis selbst, von den großartigen Spielen in einer großartigen Stadt, aber auch von dem ­speziellen Geist von Canterbury getragen wurde. Dort fand die Gruppe ein angemessenes Quartier in akzep­tabler

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E­ ntfernung zum Epizentrum des olympischen Sommers, das hinreichend Ruhe und Anregung bot für viele Gespräche und Reflexionen und sich als idealer Ausgangspunkt für Erkundungen in der Umgebung erwies. So bleibt neben dem Dank an alle Beteiligten, namentlich die Betreuerinnen und Betreuer sowie Prof. Dr. Helmut Altenberger und Achim Bueble als die Verantwortlichen im Leitungsteam, nur die Frage, wo sich das brasilianische Canterbury im Umfeld von Rio wohl findet. Wir werden uns beizeiten mit der relevanten Literatur vertraut machen und versuchen, einen Reiseführer wie Chaucer finden. Aus dessen geschwungener Feder stammen auch die folgenden Zeilen, die sich der Autor des vorliegenden Textes hier, in aller Bescheidenheit, wie gesagt, zum guten Schluss zu eigen macht: »Nun bitte ich all jene, die diesen kleinen Traktat hören oder lesen und etwas darin finden, was ihnen gefällt, dass sie unserem Herren Jesus Christus dafür danken, von dem alle Weisheit und Güte ausgeht. Finden sie aber irgend etwas darin, das ihnen missfällt, so mögen sie es meinem Ungeschick, nicht meinem ­Willen zuschreiben, denn ich hätte es gerne besser gemacht, wenn ich die Kraft dazu besessen hätte.« •

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Sport und Kunst

Von London nach Stockholm und wieder zurück Eine kleine Geschichte der Olympischen Kunstwettbewerbe von Pe t r a T zsc hoppe

Die Eröffnungsfeier der Spiele der XXX. Olym­ piade bot einen effektvollen Streifzug durch die Geschichte Großbritanniens. Veranschaulicht wurde der Prozess der Industrialisierung, in dem auch die Voraussetzungen für den modernen Sport entstanden, schließlich wurden in einem imposanten Bild die Olympischen Ringe geschmiedet. Nicht nur in London vergewisserte man sich der historischen Wurzeln, auch an anderer Stelle wurde der Blick auf die Geschichte der Olympischen Spiele gerichtet. »Arena Stockholm 1912 – 2012 – Hundert Jahre Sport und Kultur« lautete das Motto, unter dem Stockholm in ­diesem Jahr rund um das Olympiastadion von 1912 feierte. So erinnerten ein Jubiläums-Marathon auf überliefertem Streckenverlauf und eine Jubiläumsregatta mit historischen Booten an die Olympischen Spiele vor 100 Jahren. Im Zusammenhang mit diesen Jubiläumsfeierlichkeiten ist an ein Ereignis zu erinnern, das vor 100 Jahren in Stockholm seine Premiere erlebt hatte: die Olympischen Kunstwett­ bewerbe. Oder, um in der Formulierung Baron Pierre de Coubertins zu bleiben, es ist der 100. Jahrestag eines »Hochzeitsfestes« zu würdigen, einer »Hochzeit von ­Muskel und Geist«, die 1912 in der von Coubertin angestrebten Form erstmals im Kreise der Olympischen Familie begangen ­worden war.

Coubertins Vision Die Anbahnung dieses Ereignisses lag freilich schon etwas länger zurück. Bereits 1904 hatte Coubertin in einem Artikel in der Zeitung »Le Figaro« für sein Anliegen geworben: »Während der Blütezeit Olympias waren Kunst und Wissenschaft harmonisch mit dem Sport verbunden und sicherten die Größe der Spiele. So soll es auch in Zukunft wieder sein.« Dieses Ansinnen darf wohl als Lieblingsidee ­Coubertins betrachtet werden, die sich von Beginn an durch sein gesamtes Wirken zog. Konkretere Gestalt gab er dem Gedanken, als er 1906 den 4. Olympischen Kongress zum Thema »Einbeziehen der Künste in die Olympischen Spiele und den sportlichen

Alltag« einberief. Die Form einer beratenden Konferenz ermöglichte es, dazu ausdrücklich Künstler und Literaten einzuladen. 30 nahmen schließlich teil und stellten damit knapp die Hälfte der Teilnehmer. Tagungsort war, dem Thema gemäß, die Comédie Française in Paris. In seiner programmatischen Eröffnungsrede erörterte Coubertin sein Anliegen unter Rückbezug auf die Antike leidenschaftlich: »Meine Herren, wir sind in diesem einzigartigen Raume der Welt versammelt, um eine ganz besondere Feier zu begehen. Es handelt sich nämlich darum, durch die Bande einer legitimen Hochzeit die seit langem Geschiedenen zu vereinen: Muskel und Geist.« Erster Punkt des Programms war die »Erweiterung der Satzungen der Olympischen Spiele durch die Einführung von fünf Wettbewerben in den Kategorien Architektur, Bildhauerei, Malerei, Musik und Literatur für alle neuen direkt durch die Idee des Sports beeinflussten Werke«. Im Ergebnis der dazu geführten Diskussionen wurde die ­Einführung von fünf musischen Wettbewerben, die ­gleichberechtigt neben den sportlichen stehen sollten, beschlossen. Die Prinzipien für den Pentathlon der Musen waren vereinbart, eine Aufnahme in das Programm für die Spiele der IV. Olympiade möglich. Diese waren ursprünglich nach Rom vergeben worden und Coubertin hatte große Hoffnungen gehegt, dass hier die Verbindung von Kunst und Sport erstmals in seinem Sinne gelingen könnte. Rom war jedoch nach dem Ausbruch des Vesuv 1906 und finanziellen Schwierigkeiten nicht im Stande, die Spiele zu organi­sieren, so dass 18 Monate vor Eröffnung London in die ­Bresche sprang. London hätte also bereits als erster Ausrichter von Olympischen Kunstwettbewerben in die Geschichte

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­ ingehen ­können. Die genauen Ausschrei­bungen dafür e wurden jedoch erst im Oktober 1907 in der Revue ­Olympique veröffentlicht. Obwohl die britischen ­Organisatoren sich bereit erklärt hatten, die Kunstwettbewerbe ins ­Programm aufzunehmen, sagten sie diese wegen der zu kurzen ­Vorbereitungszeit, insbesondere für das Schaffen ent­ sprechender künstlerischer Werke, schließlich ab.

Auftakt in Stockholm Coubertin war enttäuscht, verfolgte aber umso vehementer das Ziel, seinen Traum Olympischer Kunstwettbewerbe in Stockholm 1912 wahr werden zu lassen. Erneut waren Widerstände zu überwinden. Das schwedische Organi­ sationskomitee kündigte auf der IOC-Session im Juni 1910 an, vor allem auf Grund der Schwierigkeiten bei der Bewertung auf die künstlerischen Wettbewerbe ver­zichten zu wollen. Coubertin verstärkte das leidenschaftliche Plädoyer für die Durchführung »seiner« Wettbewerbe mit der Ankündigung, er sähe sich andernfalls veranlasst, den Spielen der V. Olympiade sein Interesse zu entziehen. Dies schien zunächst die angestrebte Wirkung zu erzielen. Im September 1911 wurde in der Revue Olympique das relativ knapp gehaltene Reglement auf Deutsch, Französisch und Englisch veröffentlicht. Die wichtigsten Punkte waren: 1. Die fünfte Olympiade wird Wettbewerbe in Architektur, Plastik, Malerei, Musik und Literatur enthalten. 2. Die Jury kann nur Werke berücksichtigen, die vorher noch nicht veröffentlicht oder ausgestellt waren und die eine direkte Beziehung zum Sport haben. 3. Jeder Sieger in einem der fünf Wettbewerbe wird die Medaille der fünften Olympiade erhalten. Die preis­ gekrönten Projekte werden, so weit wie möglich ausgestellt, veröffentlicht oder während der Spiele aufgeführt.

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Doch kurz vor Beginn der Spiele schienen die Wettbewerbe erneut in Frage gestellt. Das Schwedische Olympische Komitee erklärte, es könne sie wegen massiver Proteste von Seiten schwedischer Künstlervertretungen nicht durchführen. Letztlich übernahm Coubertin selbst die Organisation, seiner Beharrlichkeit ist es zu verdanken, dass Stockholm vor 100 Jahren zum Ausrichter der ersten Olympischen Kunstwettbewerbe wurde. Wer beteiligte sich nun von Seiten der Künste an dieser über viele Jahre angestrebten Hochzeitsfeier von ­»Muskel und Geist«? Die Informationen dazu sind noch immer relativ spärlich. Im Offiziellen Bericht über die Spiele von Stockholm, der insgesamt 1.117 Seiten umfasst, werden sechs Seiten der Einführung der Kunstwettbewerbe, ihrem Reglement und den Preisträgern in den fünf Kategorien gewidmet. Einzelheiten über die eingereichten Wett­ bewerbsbeiträge sind ebenfalls kaum bekannt. Der Report enthält dazu lediglich einen Satz: »Verschiedene Essays, musikalische Kompositionen, Werke der Bildhauerkunst und Architektur wurden bis zum festgesetzten Zeitpunkt der durch das Internationale Olympische Komitee benannten Jury vorgelegt«. Wie groß die Resonanz insgesamt war und wer sich außer den Preisträgern noch an den Wettbewerben beteiligt hatte, geht aus diesem Dokument nicht hervor. Auf die Suche nach den Künstlern von 1912 machte sich erst vor wenigen Jahren Richard Stanton. Eine handschriftliche Teilnehmerliste aus dem Archiv des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Lausanne war der Ausgangspunkt seiner weiteren Recherchen. Hierbei offenbaren sich jedoch auch einige Probleme. Zeitpunkt, Zweck und Verfasser dieser Liste waren unklar. Es ist eine große Zahl der Namen teilnehmender Künstler enthalten, wobei offensichtlich aber auch einige der bekannten Namen von Preisträgern fehlen. Darüber hinaus gibt es zwischen den Veröffentlichungen verschiedener Autoren und denen des IOC einige widersprüchliche Aussagen bezüglich der Zuordnung einzelner Künstler sowie zu deren Herkunftsländern.

Preisträger im Pentathlon der Musen Keine Unklarheiten bestehen hinsichtlich der Preisträger in den fünf künstlerischen Wettbewerben. Am bekanntesten ist wohl der Ausgang in der Kategorie Literatur. Hier wurde die Goldmedaille einem Werk zugesprochen, das auch denjenigen bekannt sein dürfte, die bisher nichts über Olympische Kunstwettbewerbe wussten: die »Ode an den Sport«. Der Offizielle Bericht zu den Spielen enthält neben dem Werktitel Namen und Land der Autoren, wir lesen: Goldmedaille: GEORGES HOHROD und M. ESCHBACH, Deutschland. »Ode an den Sport«. Eingereicht von einem

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Autorenduo in deutscher und französischer Sprache für Deutschland. Diese Zuschreibung findet sich dann entsprechend auch im Medaillenspiegel der Kunstwettbewerbe. Erst 1919 wurde die wirkliche Urheberschaft bekannt. Pierre de Coubertin selbst hatte sich unter diesem Pseudonym am Literaturwettbewerb beteiligt. »Oh Sport, du bist der Friede! Du schlingst ein Band um die Völker,…« – ­dieses Verständnis von Sport mag ihn veranlasst haben, ein französisch-deutsches Dichterpaar zu erfinden. Woraus er die Inspiration für die Namensfindung bezog, dieses Rätsel wurde erst viele Jahrzehnte später gelöst: Im elsässischen Lutterbach, der Heimat von Coubertins Schwiegereltern, finden sich unmittelbar beieinander zwei Wegweiser, einer in Richtung des deutschen ESCHBACH und der andere in Richtung des französischen HOHROD zeigend. Eine Besonderheit wies auch der Wettbewerb in der Kategorie Bildhauerei auf. Der in England lebende USAmerikaner Walter Winans erhielt für seine Skulptur »Ein Amerikanischer Traber« (Bild S.52) die Goldmedaille. Er war aber nicht nur als Bildhauer, sondern auch als Sportschütze erfolgreich. In der Disziplin »Laufender Hirsch« gewann er in Stockholm mit der Mannschaft eine Silbermedaille, nachdem er 1908 bereits im Einzelwettbewerb ­»Laufender Hirsch, Doppelschuss« Olympiasieger geworden war. Medaillenerfolge sowohl bei den sportlichen als auch bei den künstlerischen Wettbewerben gelangen außer ihm nur noch dem Ungarn Alfréd Hajós. Bei diesem

Eugene Monod und Alphonse Laverierre zu. Die beiden renommierten Schweizer Architekten hatten einen Bauplan für ein modernes Stadion eingereicht. Insgesamt neun Beiträge sind nach der handgeschriebenen Liste für dieses Genre zu identifizieren. In diesem Wettbewerb finden wir mit Julius Skarba den einzigen realen deutschen Teilnehmer der ersten Olympischen Kunstwettbewerbe, nachdem sich der Dichter Martin Eschbach im Nachhinein als ­Fiktion erwiesen hatte. Über den Architekten Skarba ist bisher jedoch kaum etwas bekannt. Für den Musikwettbewerb sind auf der Teilnehmerliste fünf Namen aufgeführt, der des Goldmedaillengewinners ist allerdings nicht darunter. Diese Medaille ging an den italienischen Komponisten Ricardo Barthelémy für seinen »Olympischen Triumphmarsch«. Tonaufzeichnungen von dieser Komposition existieren ebenso wenig wie die vollständige Partitur. Eine Besprechung des Werkes in der Revue Olympique vom Juni 1912 sowie ein mittlerweile gefundener, handgeschriebener Klavierauszug des Kompo­nisten vermitteln zumindest auf diese Weise einen Eindruck. Zudem ist nach den Recherchen von Bernhard Kramer bekannt, dass der in der Türkei geborene und in Italien musikalisch ausgebildete Barthelémy mit Enrico Caruso befreundet war und ihn über 14 Jahre auf dem ­Klavier begleitete. Eine zweite Goldmedaille für Italien innerhalb der künstlerischen Wettbewerbe 1912 gab es in der Kategorie

lagen allerdings 28 Jahre dazwischen, bis er nach seinen zwei Olympia­siegen im Schwimmen 1896 bei den Spielen 1924 eine ­Silbermedaille für seinen Stadion-Entwurf errang. Hinter Walter Winans bekam der Franzose Georges Dubois für seine Projektbeschreibung eines modernen Stadioneinganges die Silbermedaille zugesprochen. Die Projektskizze war auf dem Gebiet architekturbezogener Kunst angesiedelt, die Regularien des Wettbewerbs hatten noch keine klaren Grenzen zwischen Bildhauerei und Baukunst abgesteckt. In der Kategorie Architektur wurde nur der erste Preis vergeben. Diesen sprach die Jury dem Architektenduo

Malerei. Unter den wahrscheinlich nur vier eingereichten Werken entschied sich die Jury für Carlo Pelligrinis »Winter­ sport«. Es handelt sich um einen dreiteiligen Fries, ­dessen Original nicht mehr nachweisbar ist. Pelligrinis Werke zu den Themen Sport und Winterlandschaften erlangten jedoch eine solche Popularität, dass sie in großer Zahl als Postkarten oder Plakate (Bild) gedruckt wurden. Weitere Me­daillen wurden in dieser Kategorie nicht vergeben. In der Gesamtbilanz der ersten Olympischen Kunstwettbewerbe fällt auf, dass von insgesamt fünfzehn ­möglichen olympischen Medaillen lediglich sechs von der Jury ­tatsächlich vergeben wurden. Insgesamt dürften 35 Werke

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von 36 Künstlern eingereicht worden sein. Die stärkste Resonanz fand der Architekturwettbewerb mit neun Entwürfen. Die Beteiligung in den Kategorien Bildhauerei und Literatur war mit jeweils acht Werken ähnlich groß. Das geringste Echo fand die Premiere der Wettbewerbe mit lediglich vier Arbeiten in der Kategorie Malerei. Am Musikwettbewerb waren sechs Komponisten beteiligt. Nicht von allen Teilnehmern konnten bislang die Herkunftsländer ermittelt werden. Folgt man Stantons Spurensuche, ergeben sich mindestens zehn Nationen. Die Mehrzahl der Künstler stammte aus Frankreich, Italien und der Schweiz. Aber auch Russland, Irland, Böhmen und Kanada waren ebenso wie Deutschland mit (mindestens) einem Beitrag im Wettbewerb vertreten. Der erste Olympische Kunstwettbewerb hatte – Desinteresse und Widerständen zum Trotz – stattgefunden, die Preise waren vergeben und die Werke ausgestellt worden. Coubertins Resümee fiel durchaus kritisch aus, dennoch, als Hauptsache sah er an, dass der erste Schritt getan war.

Die Kunst als olympische »Sport-Art« Die Kunstwettbewerbe standen von nun an auch bei den folgenden Olympischen Spielen auf dem Programm. Über die künstlerischen Wettbewerbe 1920 in Antwerpen gibt es nur dürftige Informationen. Lediglich eine Seite mit den Namen der Medaillengewinner ist im maschinenschriftlich verfassten Official Report zu finden. Aus diesem lässt sich zumindest ablesen, dass die belgischen Gastgeber mit insgesamt sechs Medaillen am erfolgreichsten abschnitten. Bemerkenswert auch, dass mit der für Frankreich gestarteten, in Polen geborenen Henriette Brossin de Polinska erstmals eine Kunstmedaille an eine Frau vergeben wurde. Sie gewann in der Kategorie Malerei Silber für ihr Bild »Der Sprung«. Künstler aus 18 Ländern hatten sich beteiligt. Die Spiele der VII. Olympiade in Paris vier Jahre später wurden insgesamt zu einem großen Erfolg für die Olympische Idee. Zu diesem trugen auch die Kunstwettbewerbe teil. Immerhin 283 Werke wurden von 189 Künstlern aus 23 Ländern eingesendet. Zudem beteiligten sich drei Künstler aus der Sowjetunion, dies allerdings inoffiziell; offiziell marschierte das Land erst 1952 in die olympische Arena ein. Es fällt auf, dass auch kleinere Nationen unter

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den ­Preisträgern zu finden sind. So gewannen Dänemark, Luxemburg, Irland je zwei Medaillen, Monaco, Luxemburg Ungarn und die Niederlande je eine. Bei den Spielen 1928 in Amsterdam wurde erstmals ein Katalog für die Ausstellung anlässlich der Kunstwettbewerbe herausgegeben. Laut Offiziellem Bericht wurden gut 1.150 Werke ausgestellt. Die über 1.200 eingereichten Arbeiten bedeuteten einen Rekord hinsichtlich der Resonanz. Nach 1912 waren zum zweiten Mal deutsche Künstler am Wettbewerb beteiligt, unter ihnen Max Liebermann, der mit 80 Jahren zugleich ältester Teilnehmer war. Dieser Wachstumstrend setzte sich bei den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles unberührt von der insgesamt deutlich niedrigeren Teilnehmerzahl fort. Von 1.100 ein­ gereichten Werken aus 31 Ländern wurden 540 aus 24 Nationen als Wettbewerbsbeiträge angenommen. Äußerst beein­ druckend erscheint die Besucherzahl: Insgesamt 384.000 Menschen sahen die Ausstellung im Los Angeles Museum of History, Science and Art. Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin wurden auch die Kunstwettbewerbe in die Propagandainszenierung der nationalsozialistischen Machthaber einbezogen. Zuvor künstlerisch sehr erfolgreiche Länder wie Großbritannien, Frankreich, Norwegen und Spanien erklärten daher ihre Nichtteilnahme. Dies wirkte sich auch auf die Besetzung der Jury und deren Bewertung aus. Bereits im Vorfeld war auf Wunsch der deutschen Vertreter die Wettbewerbszahl auf die Rekordzahl von 15 Kategorien aufgestockt worden. Es konnten also 45 Medaillen allein in den Kunstwettbewerben vergeben werden. Obwohl die Ausschreibung für Kunstwettbewerbe zu den Olympischen Spielen 1948 in London nur Werke zuließ, die in der VIII. Olympiade, also seit 1944 entstanden waren, wurden etwa 400 Beiträge von 300 Künstlern aus 27 Ländern eingereicht. In einigen Ländern, so in Italien und Kanada, wurden vorab aufwendige nationale Wettbewerbe veranstaltet. Dies kann so kurz nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg als erfreulich gute Resonanz gewertet werden. Immerhin hatte sich etwa die Hälfte der an den Spielen teilnehmenden Nationen auch an den künstlerischen Wettbewerben beteiligt.

Die Kunst als Begleiter der Spiele Dessen ungeachtet fand die Geschichte der Olympischen Kunstwettbewerbe, wie sie Coubertin einst erträumt und schließlich ins Leben gerufen hatte, damit bereits ihr Ende. Obwohl auch für Helsinki 1952 künstlerische Wettbewerbe schon geplant waren, fasste das IOC auf seiner Sitzung im Mai 1949 den Beschluss, Kunstwettbewerbe in

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­ usstellungen umzuwandeln. Zur Prüfung hatte das IOC A eine Kommission eingesetzt, die unter dem Vorsitz von Avery Brundage (USA) stand. Dieser war 1912 als Zehnkämpfer in Stockholm aktiv gewesen, 1932 und 1936 hatte er selbst literarische Werke eingereicht, war jedoch ohne Medaille geblieben. Als Hauptargument führte die von ihm geleitete Kom­mission an: »Da die Teilnehmer an den Kunstwettbewerben im Grunde genommen alle Professionals sind, sollten an sie keine olympischen Medaillen mehr vergeben werden.« In einem turbulenten Hin und Her gab es Proteste und ­Revisionsanträge gegen diese Entscheidung, so dass im Mai 1951 schließlich ein Antrag zur Wiedereinführung der Kunstwettbewerbe angenommen wurde. Auch die Künstler standen bereit. Die letzte Entscheidung über die Ausrichtung oblag dem Organisationskomitee der Spiele von Helsinki. Dieses entschied schließlich am 18. Juni 1951, dass nur eine Ausstellung stattfinden würde, weil keine Zeit mehr sei, ­satzungsgemäße Kunstwett-

­ lympischen Museum ein dauerhafter Ort der Begegnung O von Kunst und Sport geschaffen. Von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, schreibt das IOC inzwischen wieder einen Kunstwettbewerb, den »Olympic Sport and Art Contest«, aus. Seine erste Auflage erlebte er zu den Olympischen Spielen von Sydney 2000. Der Wett­ bewerb beschränkt sich auf die beiden Kategorien Skulpturen und Grafik/Malerei. Die Sieger erhalten keine Olympiamedaillen, sondern Geldprämien und Diplome. Kurz vor der Eröffnung der diesjährigen Spiele wurden in ­London die Sieger des vierten Wettbewerbs »Olympischer Sport und Kunst« ausgezeichnet, der unter dem Thema »Sport und die olympischen Werte Spitzenleistung, Freundschaft und Respekt« stand. Die internationale Jury kürte die Preis­ träger aus 68 eingereichten Werken von fünf Kontinenten, die sich jeweils in ihren nationalen Ausscheiden durchgesetzt ­hatten. Der erste Preis in der Kategorie Grafik/Malerei ging an Volha Piashko aus Italien, als beste Plastik wurde

bewerbe durchzuführen. Zugleich wurde jedoch betont, dass die Finnen sich in der Diskussion 1949/50 stets für die Kunstwettbewerbe eingesetzt hätten. Da niemand mit vergleichbarer Entschlossenheit wie Coubertin 1912 für die Durchführung kämpfte, bleibt in den Geschichtsbüchern London 1948 der Eintrag als letzter Ausrichter Olympischer Kunstwettbewerbe Coubertinscher Prägung. Auf dem IOC-Kongress 1954 wurde beschlossen, die Kunstwettbewerbe endgültig durch Ausstellungen zu ersetzen. Die Beziehung zwischen Kunst und Sport wird seither in unterschiedlichen Formen weitergeführt. Neben den facettenreichen Kulturprogrammen zu den jeweiligen Spielen wurde mit dem 1993 in Lausanne eröffneten

die Bronzestatue »Omnipotent Triumph« des ­Amerikaners Martin O. Linson gewürdigt. Die mit Preisen und ­Diplomen ausgezeichneten Arbeiten waren während der Zeit der Olympischen Spiele in einer kleinen Ausstellung in der Guildhall Art Gallery zu sehen. So konnte London nach 1948 auch 2012 wiederum Werke aus einem Kunstwettbewerb unter olympischer Federführung präsentieren – auch wenn das nur wenigen Besuchern der Londoner Spiele auf­­ge­ fallen sein dürfte. •

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Im Geiste Coubertins Kunst- und Malwettbewerbe im Olympiajahr 2012 von Tobi a s Bü rge r

Seit jeher ist die Verbindung des Sports mit Kunst und Bildung eine erklärte Aufgabe und elementarer Bestandteil der Olympischen Idee. Zu einer umfassenden »Lebensphilosophie« nach antikem Vorbild war sie von ihrem Begründer Pierre de Coubertin erhoben ­worden, die sich bei den modernen Olympischen ­Spielen durch eine enge Verflechtung sportlicher Wettkämpfe mit einem kulturellen Rahmenprogramm ausdrücken sollte. ­Insignien wie die prachtvollen und farben­frohen Er­öffnungs- und Schlussfeiern sowie architektonisch beeindruckende Sportstätten prägen bis heute das Bild des größten Sport-

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festes der Welt, wenngleich in Folge der ­bisweilen ausufernden Jagd nach Rekorden jener Aspekt der »künst­ lerischen ­Bildung« verdrängt oder marginalisiert zu werden scheint. Umso erfreulicher ist es, wenn Traditionen der Verbindung von Sport und Kunst aufrecht­erhalten oder neu belebt werden. In diesem Sinne schreibt das Internationale Olympische Komitee (IOC) in Tradition der bis 1948 ausgetragenen Olympischen Kunstwettbewerbe – übrigens gleichfalls eine Idee des französischen Barons, deren Geschichte in diesem Heft von Petra Tzschoppe nachgezeichnet wird – seit den ­Spielen

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von Sydney 2000 regelmäßig den ­»Olympic Sport and Art Contest« aus. Dieser wird zunächst – in der Verantwortung der Nationalen Olympischen Komitees (NOK) – auf natio­ naler Basis durchgeführt, anschließend werden die jeweiligen Siegerarbeiten von der IOC-Kommission für Kultur und Olympische Erziehung und dem Olympischen Museum in Lausanne auf internationaler Ebene ­ausgezeichnet. Wenn in London mehr als 60 Künstler aus über 40 Nationen dem Aufruf gefolgt sind und unter dem Leitmotiv »Sport and the Olympic Values: Excellence, Friendship and Respect« ihre Gemälde und Plastiken eingereicht haben, darf dies als ­positive Resonanz gewürdigt werden. Die »deutschen Farben« in der britischen Hauptstadt vertrat Axel Gercke – und dies mit besonderem Erfolg, auch wenn er es nicht auf das »Treppchen« schaffte. Mit einer Belobigung zeichnete die internationale Jury sein Gemälde aus, das in beeindruckender Art und Weise den typischen Zielsprint bei einem Radrennen zeigt und im ­Februar in gemeinsamer Federführung der Deutschen Olympischen Akademie (DOA) und des Deutschen Olympischen Sportbundes zum Sieger des nationalen Kunstwettbewerbs gekürt worden war. Nur wenige Meilen entfernt vom Horse Guards Parade, auf dem die Beachvolleyball-Stars frenetisch von 15.000 Zuschauern gefeiert wurden, beherbergte die ­Guildhall Art Gallery gleichsam als gediegener Kontrastpunkt die Ausstellung der besten eingereichten Kunstwerke. Es kann an dieser Stelle nur darüber spekuliert werden, inwieweit sich Coubertin dieser Galerie erfreut hätte. Die Verschmelzung von Kunst und Sport korrespondierte jedenfalls mit seinem Anliegen einer gleichermaßen körper­lichen wie geistig-charakterlichen Schulung der »Jugend der Welt« – ergo einem umfassenden pädagogischen Konzept. Einem ebensolchem sieht sich auch der traditionelle ­Schülermalwettbewerb der DOA verpflichtet, der bereits seit 1984 – seinerzeit noch unter Federführung des NOK

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1. Platz in der Kategorie »Graphic Works« 2012: In cerca dell'armonia (Volha Piashko, Italien).

für Deutschland – regelmäßig anlässlich der Olympischen Sommerspiele durchgeführt wird. In Kooperation mit dem BDK e. V. Fachverband für Kunstpädagogik und der Deutschen Schulsportstiftung werden ­Schülerinnen und Schüler in drei unterschiedlichen Altersklassen dazu motiviert, ihre ganz persönlichen Eindrücke – entsprechend dem Thema »Olympische Spiele – wie ich sie sehe!« – festzuhalten. Wie schon vor vier Jahren in Peking dokumentiert die Einsendung von mehr als 2.500 Bei­trägen anlässlich der Londoner Spiele eine messbare Begeisterung für diesen Wettbewerb. Der schwierigen, aber keineswegs undankbaren Herausforderung, die zahlreichen Arbeiten zu bewerten und Preisträgerinnen zu bestimmen, haben sich fachkundige Juroren erneut gerne gestellt. Ausgewählte »olympische Motive« der Nachwuchskünstlerinnen und –künstler werden auch für das kommende Jahr 2013 wieder einen Kalender illustrie­ ren oder im Rahmen von Ausstellungen der Öffentlichkeit ­präsentiert. Sport und Kunst, wie die Jugend sie sieht. Ganz im Geiste Pierre de Coubertins. •

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Youth Olympic Games

Für die olympische Jugend Neue Spiele, neue Ziele von A n dr e a s Höf e r

»Nicht einfache Championate, sondern Feste des menschlichen Frühlings« hatte ihr Erfinder im Sinn, als er die Olympischen Spiele der Neuzeit aus der Taufe hob und dazu auch noch eine Idee, eben die Olym­ pische Idee entwickelte. Vielleicht entspricht es einem gleichsam natürlichen Impuls, bei jeder Betrachtung zu einer olympisch relevanten Fragestellung an Pierre de Coubertin als ewigem Gewährsmann der olympischen Sache zu denken und sich aus dem großen Fundus seiner – irgendwie immer passenden – Überlegungen zu bedienen. Und dies auch, wenn es um aktuelle Fragen und Probleme und vor allem um ­zeitgemäße Bewertungen geht. Für einen olympisch sozialisierten Historiker gehört das Coubertin-Zitat jedenfalls zur obligatorischen Pflichtübung. Nun denn: Coubertin ging es, wie eingangs zitiert, um »den menschlichen Frühling«, wie er in seinen »Olym­ pischen Erinnerungen« und zwar bezeichnenderweise in einem Exkurs über »Kunst und Literatur« ausführte. Damit war seine Zielgruppe definiert, nämlich nicht weniger als »die Jugend der ganzen Welt«. Eben dieser wollte er eine internationale Plattform bieten für »leidenschaftliche Anstrengungen zur Anspornung des Ehrgeizes, Feste für jegliche Form jugendlichen Tatendrangs der Generationen, die über die Schwelle des Lebens treten«. Mit anderen Worten: Die bahnbrechende Erfindung des französischen Barons hätte mit Fug und Recht auch die Bezeichnung »Olympische Jugendspiele«, Youth ­Olympic Games, tragen können. Und so gesehen hätte gar kein Bedarf an einer 2007 auf den Weg gebrachten olympischen Innovation eben dieses Namens bestanden.

­ lympische Vordenker 1935 in seiner berühmten Betracho tung über »die philosophischen Grundlagen des modernen Olympismus« aus, »das ist nicht das Kind, auch nicht der Jungmann, der griechische Ephebe.« Und, so ließe sich im Sinne Coubertins hinzufügen, erst recht nicht das Mädchen oder die junge Frau. »In unserer Zeit begehen wir in vielen Ländern, wenn nicht in allen, einen sehr schweren Fehler, wenn wir der Kindheit zu große Bedeutung beimessen und ihr eine Selbständigkeit zuerkennen mit übertriebenen und vorzeitigen Rechten. Man glaubt, so Zeit zu gewinnen und die Periode nützlicher Entwicklungen zu verlängern. Das ist aus

Die »Jugend der Welt« oder der »menschliche Frühling« Um noch einen Augenblick bei Coubertin zu bleiben, ­ließen sich sein Begriff und Gedanke des »menschlichen Frühlings« in den wie folgt zitierten Einlassungen auf den Punkt bringen. Der »menschliche Frühling«, so führte der

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der ­falschen Auslegung ›Time is money‹ entstanden, der Formel nicht einer Rasse oder einer bestimmten Art von Zivili­sation, sondern eines Volkes, und zwar des amerikanischen, das damals einen Zeitabschnitt außergewöhnlich fruchtbarer und vorübergehender Möglichkeiten durchlief. Der menschliche Frühling drückt sich in dem jugendlichen Erwachsenen aus, vergleichbar einer kostbaren Maschine, deren Räderwerk gerade fertiggestellt ist und die im Begriff ist, in volle Bewegung zu treten. Diesem jugendlichen Erwachsenen zu Ehren müssen die Olympischen Spiele gefeiert und ihr Rhythmus aufrechterhalten werden, weil von ihm die nahe Zukunft und die harmonische ­Verkettung der Vergangenheit mit der Zukunft abhängt.« Nun ist es sicher nur bedingt von Nutzen, diese – im Duktus seiner Zeit fixierten – Erwägungen Coubertins ein Dreivierteljahrhundert später zum Maßstab einer bewertenden Betrachtung über den Sinn und den Mehrwert der hier in Rede stehenden Veranstaltung zu erheben. Doch immerhin mag die folgende Mahnung aus einer 1934 ­formulierten »Botschaft an die amerikanische Jugend« – um mit einem weiteren Coubertin-Zitat aufzuwarten – durchaus ein wenig nachdenklich stimmen: »Man mag sagen, was man will: die Begeisterung jeder Jugend für die Vervollkommnung des Leibes hat nichts mit Übertreibung zu tun, und wenn man ihr auch mit Leidenschaft nachgeht, so ist es eine gesunde Leidenschaft. Wo

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wir es allerdings mit Überspitzungen zu tun haben, das ist auf dem Gebiet der internationalen Wettkämpfe und ­Meisterschaften, die sich ständig vermehren, und wir sollten deshalb in unseren Anstrengungen nicht müde werden, die Zahl dieser Treffen zu beschränken. Die Olympischen Spiele mit ihrem Vierjahres-Rhythmus sind notwendig und ausreichend, um den Wettkampfgedanken zwischen den Völkern im rechten Maße zu erhalten.«

»Klein, aber gefährlich«: Einwände, Bedenken und Kritik Es entzieht sich der Kenntnis des Autors, ob und inwieweit solche und andere Einlassungen des olympischen Gründer­vaters im Entstehungsprozess der Youth Olympic Games, der im Übrigen von durchaus kontroversen Diskussionen getragen war, eine Rolle gespielt haben. Wahrscheinlich ist die These nicht allzu gewagt, dass dies nicht der Fall war. Verbrieft aber sind Bedenken, Einwände und Zweifel, die dem entsprechenden Beschluss des Inter­ nationalen Olympischen Komitees (IOC) am 5. Juli 2007 im Rahmen seiner 119. Session in Guatemala City – dort erfolgte auch die Vergabe der Winterspiele 2014 nach ­Sotschi – vorausgingen, auch wenn dieser, bemerkenswert oder nicht, letztlich doch einstimmig gefasst wurde. »Immerhin«, so notierte Jens Weinreich, einer der ­exponiertesten Kritiker

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des IOC leicht süffisant, »dauerte es zwei Stunden, bis das Thema abgehakt war.« Zwei Stunden - ist das viel oder wenig für einen Beschluss von doch erheblicher Wirkung und Tragweite? Vielleicht handelt es sich sogar um die folgenreichste ­olympische Innovation seit Gründung des IOC und der Olympischen Spiele am 23. Juni 1894 in Paris.

Vorausgegangen waren, wie angedeutet, durchaus intensive Diskussionen. Jedenfalls war die Idee, die mit großer Einhelligkeit dem IOC-Präsidenten selbst, also Jacques Rogge zugeschrieben wird, zunächst keinesfalls ein Selbstläufer. Bedenken wurden nicht nur seitens der »üblichen Verdächtigen«, also außen stehender Beobachter und Experten, sondern, soweit nachvollziehbar, auch im inneren Kreis der Olympischen Bewegung vorgetragen. In seinem bereits zitierten Bericht vermerkt Jens ­W einreich 47 Wortmeldungen zum entsprechenden ­Tagesordnungspunkt der Session in Guatemala, mit denen fast durchweg überschwänglicher Dank an ihren Präsi­ denten und Ideengeber zum Ausdruck gebracht worden seien. »Nur«, so Weinreich, »der Kanadier Richard Pound störte die Weihestunde mit seinen energischen Ein­wänden.« Er habe dafür plädiert, die Einführung der Jugendspiele zu verschieben und das Für und Wider sorgfältiger abzu­wägen und etwa zunächst im Rahmen einer

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internationalen Konferenz eingehend zu diskutieren. Die Quintessenz seiner Bedenken brachte Pound, jedenfalls in der Wiedergabe Weinreichs, auf die ihm eigene pointierte Weise zum ­Ausdruck: »Ich frage mich, ob eine Struktur aus dem 19. Jahrhundert der richtige Ansatz ist, die Probleme zu lösen, die hier beschrieben werden.« Womit wir ge­wissermaßen schon wieder bei Pierre de Coubertin gelandet wären. Die Einwände Pounds lassen sich nach Weinreich wie folgt zusammenfassen: Eine Veranstaltung, die tat­sächlich nur maximal zwei Prozent des ausgewiesenen Adressatenkreises erreicht, kann eigentlich nur wenig bewirken, also weder die viel beklagten körperlichen Defizite wie Fettleibigkeit noch das der in Rede stehenden Altersgruppe ebenfalls unterstellte – und offenbar als bedrohlich empfundene – Desinteresse am olympischen Sport wirksam beseitigen. Und: Auch Jugendliche seien keineswegs resistent gegenüber dem Reiz einer potenziellen Leistungs­ steigerung durch unerlaubte Mittel und Methoden, so dass entsprechende Impulse durch die Einführung der Jugendspiele noch verstärkt werden könnten. Soweit die Ausführungen Pounds, zum betreffenden Zeitpunkt (und seit 1999) immerhin der Leiter der WeltAnti-Doping-Agentur (WADA), in der Darstellung Wein­ reichs zutreffend wiedergegeben sind, decken sich die hier zitierten Bedenken mit solchen, die etwa vom Tübinger Sportsoziologen Helmut Digel vorgetragen wurden, der einen entsprechenden Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) mit dem Titel »Eine kleine, aber gefährliche Kopie« versah und darin unter anderem auch auf die Dopingproblematik verwies. Zudem meldete er Zweifel daran an, ob es tatsächlich gelingen könne, mit der neuen Großveranstaltung den Jugendlichen nicht nur eine – weitere, vielleicht eigentlich überflüssige – Plattform für internationale Wettkämpfe zu bieten, sondern sie auch und vor allem für ein ambitioniertes pädagogisch-kulturell ausgerichtetes Rahmenprogramm zu gewinnen. Zudem fragte er (sich), ob ein solcherart »gemischtes« Profil das Interesse der Medien finden würde, ohne das in unserer Zeit ein teures Groß­ projekt nicht wirklich funktionieren könne. Mögliche Sollbruchstellen sah Digel auch in der Beschränkung auf ausgewählte Sportarten und eine bestimmte Altersgruppe, eben 14- bis 18-Jährige, da damit für die zuständigen Verbände Legitimationsprobleme programmiert seien. Manche Sportarten, so Digel, könnten aufgrund etwa der mit ihnen verbundenen Trainings­umfänge oder ihrer Disposition für den Zugriff auf ­unerlaubte Mittel und Methoden erst gar nicht verantwortet werden. Und er gab – mit oder ohne Anlehnung

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an ­Coubertin – zu bedenken, dass ein neues Großfest der Jugend dem etablierten und eigentlichen, nämlich den Olympischen Spielen Konkurrenz machen und zumindest teilweise den – ökonomischen und medialen – Nährboden entziehen könnte. Solche und andere Einwände wurden beim IOC zweifellos registriert, offenbar jedoch gegenüber dem erwarteten Mehrwert der olympischen Innovation als nicht so gravierend gewichtet. So wies Jacques Rogge immer wieder darauf hin, dass es ihm und dem IOC keineswegs darum ginge, »Mini-Spiele« zu kreieren. Die Intention seines Projekts fasste der Präsident – um nicht ausschließlich dessen franzö­sischen Vor-Vorgänger zu zitieren – unter anderem in folgenden Worten zusammen: »It would have a different character, and target Youngsters aged between 14 and 18, adapted to the different sports. By creating a special occasion which places as much, if not more, emphasis on the manner in which things are achieved, rather than the sporting achievement itself, the YOG would be true to the vision of educating young people through the values sport teaches. Sports events would be carefully chosen to protect the health of the young athletes. The YOG would be a demonstration of the IOC’s commitment to young people by providing for them an event of their own in the spirit of the Olympic Games.« Dies, wie gesagt, Originalton Jacques Rogge – auch wenn Gedanken und Wortwahl durchaus auch aus dem Fundus Pierre de Coubertins stammen könnten.

»For young people – driven by young people«: Die Vision Weitergehenden Aufschluss bezüglich der mit der Einführung der Jugendspiele verbundenen »Vision« liefert ein diesbezügliches »Factsheet« des IOC. Darin heißt es unter anderem: »The vision of the Youth Olympic Games is to inspire young people around the world to participate in sport, and to adopt and live by the Olympic values. This is why the event that the IOC created for young athletes between the ages of 14 and 18 balances sport, education and culture. The Youth Olympic Games were created to work as a catalyst in these fields throughout the Olympic Movement and to encourage young people to play an active role in their communities.« Diesbezüglich listet das IOC-Papier acht Hauptziele der neuen Initiative auf: 1. to bring together the world’s best young athletes to celebrate them

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2. to offer an unique and powerful introduction to ­Olympism 3. to innovate in educating and debating the Olympic Values and challenges of society 4. to share and celebrate the cultures of the world in a ­festive atmosphere 5. to reach youth communities throughout the world to promote Olympic values 6. to raise sports awareness and participation among young people 7. to act as a platform for initiatives within the Olympic Movement 8. to be an event of the highest international sporting standard for young people. Doch jenseits der großen Worte, hehren Absichten und hohen Ansprüche – die Einführung der Olympischen ­Jugendspiele war allemal Jacques Rogge offenbar ein Herzenswunsch. Für manche Kritiker ein Anlass, das ganze Projekt als den Versuch des IOC-Präsidenten abzuwerten, sich und seiner 2013 endenden Amtszeit ein Denkmal zu setzen. Diese Vermutung aber bleibt jenseits tiefen­psychologischer Erkenntnisse spekulativ und erscheint zudem auch einigermaßen irrelevant. Oder sind auch die »großen« Olym­ pischen Spiele schon dadurch diskreditiert, dass sie auf ewig mit ihrem Erfinder assoziiert werden? Um gedanklich doch wieder bei Coubertin zu landen. Doch um welche Idee es sich auch immer handelt: Wichtiger als die Frage, welche Motivation ihren Urheber antrieb, ist doch die Frage, ob sie gut oder schlecht war, ob sie sich als realisierbar und tragfähig erwiesen hat oder nicht, ob sie ­positive Wirkungen entfaltet oder ob das Gegenteil zutrifft. Im Falle der Youth Olympic Games ist es, so relativ kurz nach der doppelten Premiere, für eine fundierte Bewertung sicher sehr früh. Festzuhalten ist aber, dass die Spiele in Singapur (Sommer 2010) und Innsbruck (Winter 2012) Eindruck gemacht haben. Zumindest so viel ist den – vergleichsweise spärlichen – Berichten der Presse, vor allem aber den Rückmeldungen vieler unmittelbar oder mittelbar Beteiligter zu entnehmen. »Ein solch dummer und abwegiger Gedanke« – wie es in einer überzogenen Polemik hieß – kann es also nicht gewesen sein. Bei nur zweieinhalb Jahren Vorlauf – bei den »Spielen der Erwachsenen«, bei denen sich das Durchschnittsalter der Teilnehmerinnen und Teilnehmer übrigens bei plus/ minus 24 Jahren eingependelt hat, sind es sieben, und die reichen bekanntlich bisweilen kaum aus – hat Singapur einen großartigen Rahmen und ein aufregendes Ambiente geboten und damit den 3.500 jungen Athletinnen und Athleten aus über 200 Ländern (!) – das deutsche Team

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bestand aus 70 Aktiven – ein großartiges Erlebnis, vielleicht ein Stück Lebenserfahrung vermittelt. Was sie im Einzelnen mitgenommen haben, können nur die Betroffenen selbst beurteilen. Dies gilt selbstredend auch für diejenigen, die das ­Privileg hatten, im Januar 2012 der Premiere der Winter Youth Olympic Games beizuwohnen, auch wenn – der Mentalität der Gastgeber entsprechend – in Innsbruck eine vergleichsweise signifikante Bescheidenheit das Bild bestimmte. Wenn »nur« 70 Nationen mit insgesamt knapp über 1.000 Aktiven – davon 57 aus Deutschland – vertreten waren, welche sich in 15 Sportarten respektive 63 Diszi­plinen versuchten, entspricht dies der natur­gemäß eingeschränkten Wettkampf-Option von Schnee und Eis. Und ansonsten ist – nichts gegen das Goldene Dacherl – ­Innsbruck natürlich nicht Singapur. Muss es aber auch nicht!

Denn der Gedanke liegt nahe, dass eine Begegnung mit Gleichgesinnten, ein internationaler Wettkampf auf höchstem, eben olympischen Niveau vor beein­druckender Kulisse für junge ambitionierte Athletinnen und ­Athleten, die von ihren Nationalen Olympischen Komitees nach ­entsprechenden Normen und Vorgaben der jeweiligen Fachverbände nominiert, eingekleidet und entsandt wurden, auch jenseits der Frage des Austragungsortes ein herausragendes und prägendes Erlebnis sein muss. Zumal wenn persönlicher Erfolg hinzukommt, sprich eine Medaille und eine feierliche Siegerehrung mit Flaggen und Hymnen, also die traditionellen Ingredienzien der ­olympischen Leistungskultur – auf die Jacques Rogge im Übrigen sehr gerne verzichtet hätte, um den »etwas an­deren« Charakter der Jugendspiele auch in ihrem Zeremoniell zum Ausdruck zu bringen. Freilich waren ihm seine Kolleginnen und Kollegen im IOC in dieser Absicht nicht gefolgt. Für Rogge sicher eine schmerzliche Niederlage sowie eine Angriffsfläche für ­Kritiker. Die sich in ihrer Vermutung bestätigt sahen, dass es sich doch (nur) um eine »Light-Version« der Olympischen

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Spiele mit allen Risiken und Nebenwirkungen handeln würde. Und eine Veranstaltung, bei der das groß herausgestellte »Extra«, das »Culture and Education Programme« (CEP) mehr Alibi und Feigenblatt darstellte.

Kultur und Pädagogik: Im Namen der Olympischen Idee Dabei ist – neben einigen neuen Wettkampfformaten – eben das pädagogisch-kulturelle Angebot, das nicht verpflichtend war, aber offenbar viel genutzt worden ist, das eigentlich innovative Element der Youth Olympic Games und besonders differenziert zu bewerten. Dessen offizielle Zielsetzung ist nach dem bereits zitierten Factsheet des IOC wie folgt zu beschreiben: »In addition to the sports competitions programme, the YOG feature an extensive Culture and Education Programme (CEP), which aims to introduce young athletes to Olym­pism and the Olympic values in a fun and festive spirit, and to raise awareness of important issues such as the benefits of a healthy lifestyle, the fight against doping, global challenges and their role as sports ambassadors in their communities.« Jacques Rogge formulierte an anderer Stelle: »Moreover, we want these young athletes to become ­better human beings, true sportsmen or simply ambassadors in society for sport and the Olympic Values, having learnt their relevance and meaning today. Our hope is that if young ­people learn to respect each other on the field of play, they may transfer this to the other parts of their daily lives.« Das Bemühen der Organisatoren in Singapur zur Umsetzung dieser ebenso ehrgeizigen wie unverbindlichen Zielsetzung fokussierte sich auf fünf Themenkomplexe – »Olympism«, »Skills Development«, »Well-Being and Healthy Lifestyle«, »Social Responsibility« and »Expression« – sowie auf fünfzig Angeboten in sieben soge­ nannten »Formaten«: Bei einem »Chat with Champions« standen gestandene Olympiasiegerinnen und -sieger für einen Erfahrungsaustausch mit ihren potenziellen Nachfolgerinnen und Nachfolgern zur Verfügung; in Ausstellungen und Workshops unter dem Stichwort »Discovery Activity« wurde Wissenswertes zur Olympischen Bewegung und ihrer Geschichte sowie zum Verlauf einer sportlichen Karriere vermittelt; ein »World Culture Village« bot den Besuchern die Möglichkeit zur Begegnung mit (bisher) fremden Ländern und Kulturen; ein »Community Project« hielt ein breite Palette erlebnisorientierter An­gebote, wie Trommeln oder Zirkusakrobatik bereit; im Rahmen des Programms »Arts and Culture« wurde zu Musik, Tanz und anderer künstlerischer Betätigung eingeladen; unter

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dem Label »Island Adventure« wurden – von den ­jungen ­Teilnehmerinnen und Teilnehmern besonders ­goutierte – Ausflüge im Sinne von Erlebnispädagogik ge­b oten, während unter dem Stichwort »Exploration Journey« ­Begegnungen mit der Natur offeriert wurden. Hinzu kamen etwa ein Young Ambassador Programme, ein Young Reporter Programme oder ein Austauschprogramm für Schulen in aller Welt. Was und wie auch immer: Auch und gerade im Blick auf die »Kultur und Erziehung« darf also von einer olympischen Premiere gesprochen werden – man könnte es auch ein »Muster mit Wert« nennen.

beteiligten Nationen beziehungsweise Mannschaften zumindest einen oberflächlichen Einblick in die ­kulturelle und sportliche Vielfalt der (olympischen) Welt bot. Ob und inwieweit das ehrgeizige »außersportliche« Programm in Singapur und Innsbruck aber tatsächlich angenommen wurde und welche (Langzeit-)Wirkung es erzielte, lässt sich, wie gesagt, vorläufig mehr erahnen als verlässlich ermessen. Als umso hilfreicher mag sich ein ­Forschungsprojekt der Universität Augsburg unter Leitung von Prof. Dr. Helmut Altenberger – vergleiche auch seinen Beitrag in diesem Heft – erweisen, das aus der Befragung

So konnten die Verantwortlichen für das Innsbrucker CEP im Gegensatz zu ihren Kollegen aus Singapur auf Erfahrungswerte zurückgreifen, nicht ohne dabei auch den Anspruch zu verfolgen, ein eigenes Profil entwickeln zu wollen und zu können – etwa, Stichwort »Be the Chef«, in Form eines Kochkurses. So wurden im Rahmen der ersten »jungen Winterspiele« insgesamt 27 »Module« im Sinne des ­kulturellen und pädagogischen Auftrags ausgewiesen, wobei viele Formate, zum Beispiel »Young Ambassadors« oder »Young Reporters«, an die in Singapur erprobten anknüpften. Eine zentrale Begegnungsfläche stellte die sogenannte »World Mile« dar, die mit Präsentationsflächen für die

von Teilnehmerinnen und Teilnehmern entsprechende Rückschlüsse zu gewinnen versucht. Da sich dieses Unterfangen schon aus organisatorischen und finanziellen Gründen bisher auf Rückmeldungen aus dem deutschsprachigen Raum beschränkt, wäre die – ­seitens der Projektleitung angezielte – Erweiterung der Stichprobe zu begrüßen. Schließlich wirkt sich die Heterogenität des Teilnehmerkreises in Bezug auf Erziehung und Kultur naturgemäß weit stärker aus, als im Blick auf den Sport. Diesbezüglich nämlich hat sich seit Jahrzehnten – nicht zuletzt dank der Olympischen Spiele – ein gleichsam globales Verständnis, ein Einvernehmen bezüglich von Regeln und Abläufen entwickelt, während­­»Kultur« –

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man mag sagen zum Glück – sich einer entsprechenden ­Normierung bis heute entzieht. Hier also, eben im Rahmen der Jugendspiele, einen gemeinsamen Nenner für junge Menschen aus aller Welt zu finden, erscheint als eine weit schwierigere Herausforderung, als diejenige, die die Schaffung einer neuen Plattform für ein international eingeführtes Wettkampfwesen mit sich bringt. Zumal, als weitere Erschwernis, die Inhomogenität der Zielgruppe aufgrund der relevanten Altersspanne mit gerade in der Lebensphase der Pubertät sehr stark zu Tage tretenden Unterschieden in der je ­persönlichen Entwicklung hinzukommt, während die – weit größeren – Altersunterschiede im Rahmen der »Spiele der Erwachsenen« aus den angedeuteten Gründen so gut wie keine Rolle spielen.

Viele Fragezeichen also, die auch nach der durchaus ­vielversprechenden Premiere der olympischen Innovation deren Entwicklung bis auf weiteres begleiten werden. Auffällig und allemal ermutigend ist es, dass sich kritische Stimmen unter dem Eindruck der Spiele in Singapur nur noch vereinzelt vernehmen ließen. Und dies gilt auch und erst Recht für die ersten »jungen Winterspiele«, die am 18. Dezember 2008 mit 84 zu 15 Stimmen (für das finnische Kuopio) an Innsbruck vergeben wurden. Von Protesten und Bürgerbegehren, die die »großen« Spiele oder schon die Bewerbung um dieselben bisweilen begleiten, war jedenfalls keine Spur. Gleichwohl werden die Olympischen Jugendspiele – die nächsten finden 2014 im chinesischen Nanjing (Sommer) sowie 2016 im norwegischen Lillehammer (Winter) statt – auch weiterhin und zukünftig vielleicht noch mehr als bisher im Fokus einer kritischen Öffentlichkeit stehen und etwa auch eine bleibende Aufgabe für die Deutsche Olympische Akademie (DOA) darstellen. Für diese nämlich nimmt sich »die Jugend« satzungsgemäß und im Sinne der ­Olympischen Idee als ein wichtiges Thema sowie eine ­zentrale Zielgruppe aus. Vor diesem Hintergrund hat die

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Akademie im Rahmen eines Symposium im März 2011 die Youth Olympic Games mit Hilfe ausgewiesener Experten und Beteiligter thematisiert, deren Beiträge auf unterschiedliche Weise in die vorliegende Darstellung einge­ flossen sind. Auch bei dieser Veranstaltung herrschte trotz unterschiedlicher Perspektiven und Erfahrungen Einigkeit dahingehend, dass Jacques Rogges olympische Innovation trotz mancher Fragezeichen und Sollbruchstellen tatsächlich eine Chance für die Olympische Idee darstellt. Diese muss freilich auch genutzt werden. Die Voraussetzung dafür aber dürfte sein, dass es den Verantwortlichen tatsächlich gelingt, das neue Format und Profil überzeugend zu begründen und glaubhaft umzusetzen. Die weltweit ungebrochene Faszination des sportlichen Wettkampfs sollte dabei mehr als Vehikel oder Katalysator, gleichsam als verbindende Klammer gesehen, aber – im Zweifel auch gegen die innere Disposition vieler der beteiligten Athletinnen und Athleten sowie ihrer Trainerinnen und Trainer oder auch mancher Funktionäre – auch relativiert werden. Nur so können es wirklich »andere« Spiele werden, die in Vernetzung mit entsprechenden Aktivitäten in Schule und Verein für die olympische Sozialisation junger Menschen und die Entwicklung einer gefestigten Sportler-Persönlichkeit wertvolle und tragfähige Impulse zu vermitteln vermögen. Dass sich (auch) diesbezüglich Bedenken und ­Zweifel artikulieren, liegt wohl in der menschlichen Natur. An dieser Stelle vermag auch ein abschließender Rückgriff auf Pierre de Coubertin leider wohl nur sehr bedingt für Abhilfe zu sorgen: »Um auf die Jugend zu wirken, muss man ihre Lebensbegeisterung verstehen und um sie zu verstehen, muss man sie mit allen Konsequenzen pflegen.« •

Literaturauswahl H. ALTENBERGER/A. HORN, »Youth Olympic Games – überzogener Anspruch oder pädagogische Chance?«, in: Alpheios 9 (2009/2010), S. 55 - 61 P. DE COUBERTIN, Der Olympische Gedanke. Reden und Aufsätze (hrsg. vom Carl-Diem-Institut an der Deutschen Sporthochschule Köln), Schorndorf 1966 H. DIGEL, Eine kleine, aber gefährliche Kopie, Frankfurter Allgemeine ­Zeitung, 14. Juli 2007 S. GÜLDENPFENNIG, »Die olympische Lebenslüge hat jetzt noch ­kürzere Beine. Zur Kritik der Olympischen Jugendspiele«, in: Sportunterricht 59(2010)12, S. 362 - 365 INTERNATIONAL OLYMPIC COMMITTEE, Factsheet Youth Olympic Games, ­Update July 2012 J. WEINREICH, Kinder unter der Last der Ringe, Blogbeitrag vom 7. Juli 2007, Zugriff am 12. November 2012 unter http://www.jensweinreich. de/2007/07/07/kinder-unter-der-last-der-ringe/

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Die »Jungen« Spiele Herausforderungen, Chancen und Gefahren eines neuen Formats der Olympischen Bewegung von H e lm u t A lt e n be rge r

Im Jahr 2007 hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Entscheidung getroffen, im Jahr 2010 in Singapur die ersten Olympischen Jugendspiele, die Youth Olympic Games (YOG), auszutragen. Nach dem Vorbild der sogenannten »großen« Olympischen Spiele ­sollten alle über 200 Nationalen Olympischen Komitees (NOK) auf der ganzen Welt jugendliche Spitzensportlerinnen und -sportler entsenden können, allerdings mit dem großen Unterschied, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nur zwischen 14 und 18 Jahre alt sein dürfen. Ein entscheidendes Profilmerkmal ist – neben den Wett­­kämpfen – die Teilnahme an einem Kultur- und Erziehungs­­ programm (Culture and Education Programme, im Folgenden CEP genannt). Mit den beiden ­Säulen – dem sportlichen Wettkampf- sowie dem Kultur- und Erziehungs­programm –

Youth Olympic Games | Altenberger | Die »jungen« Spiele

erfolgt für die jugendlichen Leistungssportlerinnen und -sportler die inhaltliche Ver­zahnung beider Schwerpunkte. Damit soll dem olympischen Jugendsport in der inter­natio­ nalen Begegnung ein völlig neues Profil gegeben werden. Das inhaltliche Konzept des Kultur- und Erziehungs­ programmes sieht für die jugend­lichen Spitzensport­lerinnen und -sportler verschiedene Formate und Veranstaltungen vor. Das sportliche Wettkampf­programm wurde für die YOG in Teilen abgeändert und damit den Bedürfnissen der Jugendlichen angepasst. Aus den ersten Erfahrungen der YOG in Singapur 2010 lassen sich eine Reihe von sportpädagogischen Über­ legungen anstellen, die für den großen Kreis der unmittelbar Beteiligten – aber auch darüber hinaus, z. B. für die Sportpolitik oder die Sportförderung – von Bedeutung sind:

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Das inhaltliche Programm Zunächst ist bemerkenswert, dass zwei bisher neben­ einander stehende Bereiche (Wettkampf und Kultur) ­konzeptionell aufs Engste verzahnt werden. Damit ist die Idee verbunden, die internationale Begegnung zwischen den jugendlichen Athletinnen und Athleten systematisch zu vertiefen, die jugendlichen Sportlerinnen und Sportler zu einer bewussten Auseinandersetzung mit kulturellen Themen zu animieren und damit an die Ansprüche der sozial-interkulturellen Erziehung heranzuführen. Dies setzt sowohl die Kenntnis über deren Ziele und Themen als auch eine jugendgemäße Umsetzung voraus.

Die Vorbereitung Der Schwerpunkt der Vorbereitungsarbeiten richtet sich an die eigentliche Zielgruppe, nämlich die jugendlichen Spitzensportlerinnen und -sportler, die sich alleine damit begründen lässt, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr wohl Vertreter des eigenen Landes sind – zudem aber auch mit Gleichaltrigen aus der ganzen Welt für einen begrenzten Zeitraum zusammentreffen. Neben einem Grundwissen über die Gastgeberstadt sind Offenheit für fremde Kulturen, Interesse am Fremden sowie Fremdsprachenkenntnisse wesentliche Voraussetzungen, um am Kultur- und Erziehungsprogramm teilnehmen bzw. mitwirken zu können. In Abhängigkeit von den vermutlich unterschiedlichen internationalen Vorerfahrungen der Jugendlichen bei sportlichen Wettkämpfen sowie der schulischen Behandlung von sozial-interkulturell relevanten Themen können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer schnell überfordert sein und bleiben damit auf der Stufe der Konsumenten stehen oder auf die Zuschauerrolle beschränkt. Bei der Vorbereitung auf die YOG in Singapur setzten die Veranstalter bereits im Vorfeld der Spiele auf die elektronisch-medialen Kommunikationsmöglichkeiten. Konflikte sind möglicherweise schon dadurch entstanden, dass die für eine sinnvolle Vorbereitung erforderliche Zeit nicht oder nicht in ausreichendem Umfang zur Verfügung stand bzw. für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch Qualifi­ kationswettbewerbe im Vorfeld der Olympischen Jugendspiele erhebliche Restriktionen, zeitliche Engpässe und psychische Belastungen entstehen konnten. Oft können die sportliche Wettkampfvorbereitung und die Vorbereitung auf die interkulturelle Begegnung mit Abstimmungsproblemen verbunden sein. Nach den Erwartungen vieler Kadertrainerinnen und -trainer dürfte die Fokussierung auf den sportlichen Wettkampf die höhere Priorität im

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V­ ergleich zum Engagement für sozial-interkulturelle Fragen und Herausforderungen haben. In der Zukunft ist ein Umdenkprozess zu Gunsten einer besseren Ausgewogenheit beider Bereiche (Hochleistungssport und sozial-interkulturelle Erziehung) zu fordern, der die ursprünglichen Leitgedanken der Olympischen Jugend­spiele umfassend einschließt. Dies setzt voraus, dass sowohl die indirekt und direkt beteiligten Trainerinnen und Trainer mit dem Betreuungspersonal als auch die Eltern der Sportlerinnen und Sportler bzw. deren Sport­ vereine über die inhaltlichen Anforderungen dieses neuen Ansatzes der Jugendspiele hinreichend informiert sind. Sie müssen erkennen, dass mit den YOG – im Idealfall – ein völlig neues Konzept zur Realisierung kommen soll. Es ist mehr als ­wünschenswert, den gesamten Personenkreis im Umfeld der teilnehmenden Spitzensportlerinnen und -sportler einzubeziehen und deren Anteil an der Vorbereitungsarbeit sowie deren Mitverantwortung detailliert(er) abzuklären. Derzeit liegen hierzu noch keine unterstützenden Materialien und Informationen vor.

Im Olympischen Dorf: Helmut und Waltraud Altenberger, Tobias Knoch, Andreas Höfer und der stellvertretende Chef de Mission Benjamin Folkmann.

Sobald für die YOG empirische Begleitstudien mit den entsprechenden Ergebnissen vorliegen, können weiter­ gehende Überlegungen angestellt werden. In jedem Fall ist zu wünschen, dass Sportpädagogen an Evaluationsstudien beteiligt werden, um daraus Empfehlungen für das CEP und dessen Einbindung schon im Vorfeld der ­Jugendspiele abzuleiten für eventuelle Verbesserungen und Optimierungen der geforderten sozial-interkulturellen Kompetenz der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Unter systema­ tischen Gesichtspunkten wird es erforderlich sein, diesen neuen Ansatz der sozial-interkulturellen Erziehung innerhalb der YOG im Kontext der Olympischen Erziehung ganz allgemein zu verorten und dessen Entwicklungs­potenzial kritisch und gewinnbringend für die Jugendlichen zu ­diskutieren.

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Auswertung und Nachhaltigkeit Im Anschluss an die Teilnahme ist es naheliegend, eine Auswertung mit einem Feedback möglichst zeitnah einzuplanen. Dabei geht es nicht nur um einen unverbindlichen Erfahrungsaustausch, sondern um eine gründliche Analyse sowie einen Vergleich der Ziele der YOG mit den ­tatsäch­­­lichen Erfahrungen und Erlebnissen vor Ort. Wichtig ist hierbei die Ausgewogenheit beider Bereiche. Da die Gestaltung und die Wirkungen des Erziehungs- und Kulturprogrammes bislang Neuland darstellen, sollte hierauf besondere Aufmerksamkeit gerichtet sein. Es sollte in jedem Falle vermieden werden, dass sich die Analyse nur auf den sportlichen Wettkampfteil beschränkt. Vor allem aus der Auswertung der individuellen Rückmeldungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer können wertvolle Schlüsse gezogen werden für die zukünftige Gestaltung der Vorbereitungsphase, alleine schon deshalb, weil die YOG alle zwei Jahre im Wechsel im Sommer (2014 in Nanjing) und Winter (2016 in Lillehammer) stattfinden. Von besonderem Interesse können sogenannte »Nachtreffen«, z. B. nach einem Jahr oder später sein. Bei solchen Gelegenheiten kann festgestellt werden, was nach einem größeren zeitlichen Abstand »geblieben« ist und in welchen Bereichen besondere Wirkungen und nachhaltige Effekte erkennbar sind. Bei solchen Feedback-Runden ist es erneut sinnvoll, beide Aspekte – den sportlichen und den sozial-interkulturellen Teil – ausgewogen zu berücksichtigen. Vor allem von den älteren, reiferen Jugendlichen können hierzu wertvolle Rückmeldungen erwartet werden, die für die Planung der Folgejahre von großer Bedeutung sein können. Für die weitergehende Gestaltung der Vorbereitungsphase kann es sehr zweckmäßig sein, wenn für nachfolgende Jugendspiele bewährte ältere Teilnehmerinnen und Teilnehmer als Mentoren bzw. als Multiplikatoren ausgebildet werden, die sowohl für Vorbereitungs- als auch für Betreuungsaufgaben eingesetzt werden können. Diese können auch verstärkt als Botschafter und Förderer für zukünftige YOG herangezogen werden, um die positiven Werte sowie die persönlichen Erfahrungen an Jugendliche und im weiteren Verlauf an die Gesellschaft weiterzugeben. Auch dieser Personenkreis bedarf einer Betreuung und Vorbereitung für diese sozial-ethische Herausforderung. Die Fragen einer olympischen Werteerziehung und die damit verbundenen Lebenserfahrungen können wichtige Bausteine für eine solche Aufgabe sein. Die Sportvereine, die sich in diesem Feld besonders engagieren möchten, können hierbei ein wichtiges, neues Wirkungsfeld finden. Sie werden dies aber nur dann leisten können, wenn sie

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qualifiziertes Personal haben, das sich mit den Themen und pädagogischen Absichten der YOG auseinandergesetzt hat. Dies kann nur dann sichergestellt werden, wenn eine entsprechende Verankerung der YOG im Zusammenhang mit Olympischer Erziehung gewährleistet ist.

Gefahren und Risiken Bereits im Vorfeld der YOG in Singapur wurde auf die große Gefahr des Dopings bereits bei den minderjährigen ­Leistungssportlerinnen und -sportlern hingewiesen. ­Kritisch wurde dabei auch vermerkt, dass es unausweichliche Interessenskollisionen geben würde zwischen den pädagogischen Interessen des sozial-interkulturellen Dialoges (CEP-Angebote) und dem sportlichen Leistungsstreben, dem Spitzensporterfolg. Obwohl im Vorfeld der YOG in Singapur deutlich herausgestellt wurde, dass das sportliche Wettkampfprogramm jugendgemäßer gestaltet werden und stärker die aktuellen sportlichen Jugendtrends berücksichtigen sollte (z. B. Trendsportarten), wurde weitestgehend das Wettkampfprogramm der traditionellen Disziplinen übernommen.

Auch wurden Bedenken geäußert, dass mit der vorgesehenen Altersstruktur der 14- bis 18-Jährigen eine zu frühe Spezialisierung der jugendlichen Leistungssportlerinnen und -sportler verbunden wäre. Kritik wurde auch dahingehend laut, dass sich NOKs aus ärmeren Ländern den mit der Vorbereitung und Teilnahme an den Jugendspielen verbundenen finanziellen Aufwand und den erhöhten personellen Betreuungsbedarf nicht leisten könnten. Unklarheit bestand schon im Vorfeld der YOG auch dahingehend, inwieweit das sogenannte CEP mit seinen Bildungsinhalten von allen Teilnehmerländern akzeptiert und mit ihm überhaupt erzieherische Wirksamkeit – im Sinne der sozial-interkulturellen Pädagogik – erreicht werden kann. Damit muss dieses Programm sich am kleinsten gemeinsamen Nenner ausrichten, was die Wirksamkeit

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sowie die Inhalte stark einschränkt. Im Nachhinein wurde zudem der »reine Eventcharakter« als Problem gesehen (Krüger 2010).

Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten Aus der Sicht des IOC wurde die »Vision« verbreitet, dass mit der Ausrichtung der YOG ein multisportives, kulturelles und erzieherisches Ereignis verwirklicht werden kann. Talen­ tierte Athletinnen und Athleten aus der ganzen Welt sollten als Vertreter der Olympischen Idee gewonnen werden. Die Olympischen Jugendspiele sollten als Plattform zur Bearbeitung wichtiger jugendbezogener und gesellschaftlicher Themen (z. B. Drogenmissbrauch, Umweltprobleme, Krieg, gesundheitliche Fehlentwicklungen, Werteverfall) dienen. Das IOC sieht in den Jugendspielen ein »Flaggschiff«, um die Jugend der Welt an die olympischen Werte heranzuführen. Die »olympische« Erfahrung soll den jungen Leistungssportlerinnen und -sportlern den Sport als ethisches Handlungsfeld zugänglich machen sowie die Bedeutung des Sports für die Gesundheit und die soziale Integration vermitteln. Der Geist dieser Jugendspiele ist, das Erlebnis des sportlichen Spitzenwettkampfes zu verbinden mit einem sozialinterkulturellen Erziehungsprogramm. Die Teilnahme an den Jugendspielen kann eine reale (nicht ­virtuelle!) sozial-interkulturelle Begegnung zwischen den Jugendlichen aus allen Ländern der Welt ermöglichen und den Dialog zwischen ihnen entwickeln und verstärken. Es soll den jugendlichen Athletinnen und Athleten neben dem spitzensportlichen Aspekt der erzieherische Wert der Olympischen Idee vermittelt werden und durch die Teilnahme stärker ins Bewusstsein gebracht werden. Vor allem durch den gezielt angeleiteten interkulturellen Dialog solle die Akzeptanz von Unterschieden, die Offenheit für die ­Kulturen der Welt vorbereitet und vertieft werden. Es wird seitens des IOC betont, dass bei den YOG das sportliche Leistungsprinzip relativiert werden und die Stärkung des Selbstwertgefühls der jugendlichen Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Vordergrund stehen solle. Damit diese anspruchsvollen Ziele und Erwartungen erreicht werden können, wird von ihnen nicht nur höchste sportliche Leistungsfähigkeit sondern auch fremdsprachliche Kompetenzen, nationale Identität und Weltoffenheit für kulturelle Vielfalt erwartet. Die YOG können darüber hinaus als Modell für Schulen und Sportvereine dienen. In modifizierter Form kann die Grundidee, nämlich den sportlichen Wettkampf mit sozial-interkulturellen Themen und Aufgaben zu verbinden, in unterschiedlicher Weise übernommen werden.

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Die ­multikulturelle Gesellschaft wird in vielen Ländern die zukünftige Realität darstellen. Deshalb steht es dem Jugendleistungssport insgesamt gut an, ihn als Medium für die interkulturelle Begegnung sowie für das sozialinterkulturelle Lernen stärker als bisher zu nutzen und ihn sowohl im Fördersystem als auch in den Lehrplänen der Schulen nachhaltig zu verankern.

Erste Ergebnisse einer Pilotstudie Von den 70 Leistungssportlerinnen und -sportlern, die an den YOG in Singapur teilgenommen hatten, konnten aus der Vorbefragung N=64 und aus der Nachbefragung N=59 Fragebögen ausgewertet werden. (Fragebögen beim Autor) 1. Schwerpunkte der Vor und Nachbefragung Neben soziodemografischen Daten wurden Daten zum Sportengagement, Motivations- und ­Interessensprofil, Umgang mit Medien, zu den YOG und zur Olympischen Erziehung (Kenntnisse, Qualifikation, Erfahrungen mit dem CEP, Olympische Idee u. a.) sowie zu Vorbildern und ­eigenen Vorbildqualitäten erhoben. 2. Zu ausgewählten Ergebnissen im Einzelnen a) Soziodemographische Daten (Vorbefragung, N=64) Während die Geschlechtsverteilung der Befragten

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einiger­maßen ausgewogen war, ist festzustellen, dass die älteren Teilnehmerinnen und Teilnehmer (16- und 17-Jährige) überwiegen. Dies liegt auch daran, dass die Mehrzahl der Wettkämpfe für ältere Altersgruppen ausgeschrieben war. b) Migrationshintergrund und Bildungsniveau (Vorbe­ fragung, N=64) Etwa ein Drittel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben einen Migrationshintergrund. Fast alle besitzen Fremdsprachenkenntnisse in Englisch, etwa ein Drittel auch noch in Französisch. Mehr als zwei Drittel der Befragten besuchen das Gymnasium, der Rest verteilt sich auf andere Schularten. c) Vertretene Sportarten (Vorbefragung, N=64) Die häufigsten Sportarten verteilen sich wie folgt (absolute Zahlen): Leichtathletik 16, Schwimmen 8, Basketball 4, Taekwondo 4, Fechten 3, Boxen 3, Kanu 3. Bei den anderen 16 Sportarten gab es jeweils ein oder zwei Teilnehmerinnen und Teilnehmer. d) Einstellungsvariablen (Vorbefragung, N=64) Fast allen Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist der »sportliche Erfolg« eher wichtig oder sehr wichtig. Das »Kennenlernen anderer Kulturen« wird als eher wichtig eingestuft. Mehr als die Hälfte stuft »die Teilnahme am Kultur- und Erziehungsprogramm (CEP)« auch nach den YOG noch als eher unwichtig ein. Dabei ist allerdings hinzuzufügen, dass dieses Programm erstmals durchgeführt wurde, keine Erfahrungswerte vorlagen und daher das Antwortverhalten bei so einem unbekannten und neuartigen Ansinnen auch nachvollziehbar erscheint. Bei der Frage »Was gefällt dir an Deutschland« ­werden zwar geschlechtsspezifische Unterschiede sichtbar, es dominieren jedoch die Merkmale »Ordnung und Sauberkeit« sowie »Sicherheit und Zuverlässigkeit«. Auf die Frage »Welche Eigenschaften könnten andere an dir für vorbildlich halten?« dominiert klar mit einem Drittel die Aussage »Ehrgeiz«, gefolgt von »Zielstrebigkeit«, »Offenheit«, »Disziplin« und »Hilfsbereitschaft«. Unter der Olympischen Idee verstehen die meisten »Zusammenkommen« und »Fairness«. Welches Verständnis und welche Idee stecken nach der Meinung der deutschen Teilnehmer hinter den YOG? Hier werden »Erfahrungen sammeln« (N=20), »Zusammenkommen/Kontakte knüpfen« (N=17) sowie »Förderung von Jugendlichen« (N=9) genannt. e) Einstellungsvariablen (Nachbefragung, N=59) Auf die Frage »Was hat dir an den YOG besonders gut gefallen?« zeigen sich zwei markante Aussagen: Das Olympische Dorf (N=20) sowie die Eröffnungsfeier (N=14). Eher kritisch werden zwei Erfahrungen eingestuft: Das Essen (N=15) sowie die Abschlussfeier (N=13). Bei den Kenntnis-

Youth Olympic Games | Altenberger | Die »jungen« Spiele

sen über die malaysische Kultur werden drei Details am ­häufigsten genannt: Freundlichkeit (N=19), Essen (N=10) sowie Offenheit (N=7). Fast 70 Prozent der Leistungssportler haben tatsächlich am CEP teilgenommen. Der überwiegende Teil hat das Erziehungs- und Kulturprogramm sehr positiv eingestuft. 3. Erstes Resümee Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verfügten nur über geringe Vorkenntnisse über die Intentionen der YOG. Bei der Vorbereitung auf die YOG wie auch beim Austausch danach spielten die elektronischen Medien eine große Rolle (Facebook, Webseite der YOG). Die Jugendlichen kamen vorwiegend aus höheren Bildungsschichten und übten ihre Sportart meist schon lange aus (acht bis zehn Jahre!). Die Olympische Idee erschien den Sportlerinnen und Sportlern eher diffus. Es herrschte eine ambivalente Einschätzung des Erziehungs- und Kulturprogramms. Erfolgreiche Leistungssportlerinnen und -sportler stellten für viele Teilnehmer ein Vorbild dar. Die Teilnahme an den YOG hatte einen großen »Erlebnis­ charakter« (Eröffnungs- und Schlussfeier). Das CEP sollte besser auf die unterschiedlichen Voraussetzungen und Interessen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer (nach Alter bzw. Entwicklungsstand) abgestimmt werden. Der internationale olympische Wettkampfcharakter hat die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr geprägt. Zu den nachhaltigen Wirkungen und biografischen Einflüssen können derzeit noch keine Aussagen gemacht werden. •

Literaturauswahl H. ALTENBERGER, »Sportpädagogik und olympische Erziehung – zwei flüchtige Bekannte?«, in: F. DANNENMANN/R. MEUTGENS/A. SINGLER (Hrsg.), Sportpädagogik als humanistische Herausforderung, Aachen 2011, S. 99 - 108 H. ALTENBERGER/A. HORN, »Youth Olympic Games – überzogener Anspruch oder pädagogische Chance?«, in: Alpheios 9 (2009/2010), S. 55 - 61 H. ALTENBERGER/J. HOFMANN, Die olympischen Jugendspiele – erste Ergebnisse einer Befragung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der deutschen Mannschaft an den YOG in Singapur 2010, Unveröffentlichter Bericht vor dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages am 06. Okt. 2010 in Berlin H. ALTENBERGER/H. HAAG/M. HOLZWEG, Olympische Idee, Bewegung, Spiele, Schorndorf 2007 O. GRUPE, »Die olympische Idee ist eine »Erziehungsidee« – das sollte sie auch bleiben«, in: Olympisches Feuer 58 (2008) 4-5, S. 54 - 60 A. HÖFER, »Youth Olympic Games: Eine Chance für die Olympische Idee«, in: M. SCHOLZ/A. HORN (Hrsg.), Theorie und Praxis des Sports in Schule, Universität und Weiterbildung, Augsburg 2011, S. 77 - 87 SINGAPORE YOUTH OLYMPIC GAMES ORGANISING COMMITTEE, »A Question of Sport«, in: Olympic Review 75(2010), S. 42 - 47

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Plan A und B Die Jugendspiele als kulturelle Bereicherung und sportlicher Impuls I m Ge s pr äc h m i t Sha n ic e C r a f t, Pat r ic k Domoga la u n d M ic ha e l Ma n k e-R e i m e r s

Es ist vielleicht die bedeutendste olympische Innovation seit dem 23. Juni 1894, als seinerzeit in Paris das Internationale Olympische Komitee (IOC) gegründet und die Olympischen Spiele der Neuzeit auf den Weg gebracht wurden. Mit der 2007 beschlossenen Einführung spezieller Jugendspiele hat das IOC sein Portfolio jedenfalls auf nachhaltige Weise erweitert. Dies wurde auch bei einem gemeinsamen Symposium der Deutschen Olym­pischen Akademie (DOA) und des Landessportbundes Hessen am 18. März 2011 in Frankfurt bestätigt. In einem Podiumsgespräch (Bild) berichteten Shanice Craft und Patrick Domogala aus der Sicht zweier Athleten, dass sie neben ihren Medaillen, Gold im

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Diskuswerfen und Bronze im Sprint über 200 Meter, eine Fülle bereichernder Erfahrungen aus Singapur mitgenommen haben. Ihnen zur Seite stand ihr Heim­trainer von der MTG Mannheim, Michael Manke-Reimers. Die Fragen stellte Dr. Andreas Höfer (re.) Nachdem die Einführung der Olympischen Jugendspiele durchaus von kritischen Kommentaren und War­nungen begleitet worden war, hat die Premiere in Singapur eine fast einhellig positive Resonanz gefunden. Wie waren Ihre persönlichen Erfahrungen vor Ort und wie fällt ihre Bilanz aus?

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Shanice Craft: Die Veranstaltung an sich fand ich sehr gut. Ich bin davor noch nie in Asien gewesen. So war es ein tolles Erlebnis, ein neues Land kennenzulernen. Doch was uns vor allem beeindruckt hat, war das Leben im ­Olym­pi­schen Dorf. So viele Athleten aus so vielen ­Nationen – das hat uns das Gefühl vermittelt, nun besser zu wissen, wo wir in unserer Karriere einmal irgendwann hinkommen wollen. Also eine richtungsweisende Erfahrung. Eine Moti­ vation mit Langzeitwirkung? Craft: Internationale Erfahrungen sammeln zu können, ist gerade in jungen Jahren sehr wertvoll. Natürlich wollen wir auch bei den »richtigen« Olympischen Spielen ­teilnehmen. Da hat uns das »Erlebnis Singapur« in jedem Fall geholfen. Patrick Domogala: Ja, es war schon etwas Beson­deres bei diesen Olympischen Spielen zu starten. Zumal vieles anders war als sonst. Zum Beispiel hatte ich zwischen Vorlauf und Finale drei Tage Pause. Das hat man bei einem normalen internationalen Start nicht. Bei der U18-Weltmeisterschaft hat man morgens seinen Vorlauf, mittags das Halbfinale und am nächsten Tag das Finale. Bei den Jugendspielen ergab sich aus dem speziellen Timing auch ein Freiraum, den man nutzen konnte. Umso mehr nämlich konnten wir das Zusammenleben im Dorf genießen. Das waren prägende Erfahrungen, die uns einen Vorsprung geben, den wir dann hoffentlich irgendwann ausnutzen können.

Die Jugendspiele, so hat es das Internationale Olym­ pische Komitee immer wieder betont, sollen keine Miniaturausgabe der Olympischen Spiele sein. Habt ihr die Diskussion über Konzept und Idee der neuen Spiele verfolgt? Und/oder: Seid ihr im Sinne einer gezielten Vorbereitung entsprechend unterrichtet und ein­ gestimmt worden? Craft: Wir wurden schon, wenn auch nicht umfassend, ­darüber informiert, dass es in Singapur ein Kultur­ programm und die Gelegenheit geben würde, sich mit ­Vertretern anderer Länder und Kulturen auszutauschen. Uns wurde sogar gesagt, dass dies im Vordergrund der ­Veranstaltung stehen sollte. Aber ich kann ehrlich sagen, dass ich nach Singapur gereist bin, um eine Medaille zu gewinnen. Das war mein Ziel. Aber ich fand es gleichzeitig auch sehr schön, am Kulturprogramm teilzunehmen und andere Kulturen kennenzulernen. Haben sich also die beiden Säulen der Veranstaltung, also Sport und Kultur, aus eurer Sicht gut ergänzt? Und: Wie offen ist man für das Drumherum, wenn man auf seinen Wettkampf und darauf fokussiert ist, möglichst erfolgreich zu sein?

Domogala: Natürlich ist man nach Singapur gereist, um seinen Wettkampf zu machen und seinen Wettkampf erfolgreich abzuschließen. Völlig klar. Das stand für mich im Vordergrund in der ersten Woche, als wir gestartet sind. Nur, wir hatten eben zwei Wochen Zeit. Wir waren ja über die ­komplette Dauer der Spiele vor Ort, so dass genügend Die deutsche Mannschaft in Singapur bestand aus 70 Zeit blieb, uns die Stadt anzuschauen, uns mit dem OlymAktiven. Im Vergleich zu den »großen« Spielen also ein pischen Dorf vertraut zu machen. Ich habe das selber auch relativ kleines Team. Wie habt Ihr euch denn für die gemacht. Für uns war das ja alles neu. Aber ich kann sagen, Mannschaft qualifiziert? dass das Kulturprogramm erfolgreich war; dass es eine Anregung war, sich mit bestimmten Themen des Sports Domogala: Es gab eine Ausscheidung und eine und der Olympischen Spiele zu beschäftigen. Man ist durch ­N ominierung durch den Deutschen Leichtathletik-­ die Stadt gelaufen und alle 15 Meter sah man ein Plakat zu Verband. Ausschlaggebend waren zunächst die Leis­tungen den Spielen. Man wurde auf der Straße angesprochen, es aus dem Jahr 2009, dann wurden wir im Februar 2010 war alles wunderbar und ich denke, dass es auf jeden Fall für die Kontinentalausscheidung in Moskau nominiert. eine ­kulturelle Bereicherung für uns war, aber auch für die Da waren wir Mitte Mai. Dort konnte man sich dann für anderen Nationen. einen ­sogenannten Quoten­platz für die jeweilige Diszi­ plin ­qualifizieren. Bei mir im Sprint war das so, dass man Soviel scheint klar: Es war ein tolles, intensives Er­lebnis unter die ersten vier in Europa kommen musste. Das habe für die Athletinnen und Athleten. Was aber nimmt man ich über beide ­Strecken geschafft, über 100 und 200 Meter. mit nach Hause? Glaubt ihr, dass die Erfahrungen von Nominiert wurde ich dann für die 200 Meter, was auch ­Singapur lange nachwirken werden? Dass Kontakte meinem Wunsch entsprach. Dann blieb eine Zeitspanne bleiben, aber auch Anstöße wirken, sich mit bestimmzwischen Mai und August, um mich explizit auf Singapur ten Themen über das konkrete Ereignis in Singapur vorzubereiten. hinaus zu ­beschäftigen.

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Domogala: Man hat auf jeden Fall Kontakte geknüpft. Wir in der Leichtathletik kennen uns natürlich auch durch die ­Begegnung bei anderen internationalen Wettbewerben. Aber in Singapur wurde das noch einmal verstärkt, weil man eben diese zwei Wochen »aufeinandersaß«, in einem Dorf gelebt hat. Darüber hinaus hat man – schließlich waren wir in Asien – eine andere Kultur kennengelernt. So denke ich schon, dass ich die Frage bejahen kann. Ich habe tatsächlich viele positive Eindrücke mitgenommen und viele Impulse erhalten, aus denen ich in Zukunft etwas machen kann. Craft: Ich kann das Gesagte bestätigen. Aus meiner Sicht war es vor allem das Olympische Dorf, das ganz viele Erfahrungen mit sich brachte. Es war etwas ganz Neues für uns. Im Jahr zuvor war ich bei der U18-Weltmeisterschaft und das war etwas ganz anderes. Dort haben wir alleine im Hotel gewohnt, während wir in Singapur auf einem Fleck, in einem Dorf zusammen waren. Man ist sich ständig über den Weg gelaufen und konnte so auch die anderen ­Athleten im deutschen Team besser kennenlernen. Schon das hat uns sehr viel gebracht, sehr wertvolle Erfahrungen, die sich in Zukunft positiv auswirken werden. Ein Angebot dieses Programms hieß ja: »Chat with Champions«. Habt ihr auch mit Champions gechattet? Und wenn ja, was hat euch das gegeben? Domogala: Gechattet nicht, aber man hat viele ehemalige oder noch aktive Stars im Olympischen Dorf gesehen. Ich weiß, dass zum Beispiel Yelena Isinbayeva und auch Sergei Bubka sehr oft im Dorf waren. Man hat diese ­Persönlichkeiten gesehen und das macht es ja auch aus. Man kann mit ihnen in Kontakt treten, sie sind nicht weit weg. Ich persönlich habe es nicht gemacht, aber es war bestimmt ein tolles Angebot. Es gab ja auch Beratungsangebote, etwa zur DopingProblematik, zur Karriereplanung oder zur gesundheitlichen Lebensführung. Habt ihr an diesen Programmen teilgenommen oder habt ihr keinen entsprechenden Bedarf gesehen? Domogala: Zum Thema Doping haben wir das große Glück gehabt, dass wir schon vorher aufgeklärt worden sind, schon dadurch, dass wir selbst schon mehrfach kontrolliert worden sind. Das ist üblich bei unseren nationalen und internationalen Wettkämpfen. Schon von daher erhält jeder, der bei uns im Bundeskader ist, eine Beratung in Sachen Doping. So sind wir, jedenfalls in dieser Hinsicht,

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gut informiert und beraten. Trotzdem beschäftigt uns das Thema natürlich. Die konkreten Angebote in Singapur habe ich persönlich nicht genutzt, weil ich die Gelegenheit vor allem genutzt habe, gemeinsam mit meinem Trainer und meinen Eltern, die ebenfalls vor Ort waren, die Stadt und ihre Kultur kennenzulernen. So haben wir Singapur gesehen und sehr viel davon mitgenommen. Wir sind nicht hingefahren, um unseren Wettkampf durchzuziehen und schnell wieder zu verschwinden, wie das sonst bei inter­ nationalen Wettkämpfen üblich ist. Apropos Trainer: Wie stellt sich das Gesagte aus der Sicht eines Trainers dar, der auf eigene Kosten nach Singapur gereist ist, um seine jungen Schützlinge vor Ort zu unterstützen? Gerade auch aus Ihrem Munde hörte man im Vorfeld der Spiele ja durchaus kritische Anmerkungen. Michael Manke-Reimers: Grundsätzlich möchte ich dieses »Thema Kritik« nicht unbedingt in den Vordergrund stellen. Es war, so mein Resümee, eine ganz fantastische Veranstaltung, die unsere Athleten, ich ­spreche mal von den Leichtathleten, weit nach vorne gebracht hat. Wenn man das Ziel hat, 2016 an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro teilzunehmen, ist die Erfahrung der Jugend­spiele in Singapur ein Vorsprung gegenüber anderen Athleten, die sich ebenfalls qualifizieren wollen. Diesen Vorsprung werden wir nicht verlieren, weil es wirklich eine ganz außergewöhnliche Veranstaltung war. Zur Kritik im Vorfeld: Wir haben uns seit 2009 mit der Thematik beschäftigt, zum Beispiel mit der Frage der Quali­ fikation. Ich halte es für problematisch, in der Leichtathletik zwei kurz aufeinanderfolgende Saisonhöhepunkte zu haben. Von daher stellte sich uns schon frühzeitig die Frage: Wollen wir zu den Olympischen Jugendspielen nach Singapur fahren und dafür auf eine Teilnahme an den Junioren-Weltmeisterschaften im Mai verzichten? Für uns drei war die Antwort schnell klar: Singapur – und zwar ohne Wenn und Aber! Schließlich war es eine Premiere und schon von daher auch eine emotionale Sache. Ich spüre schon wieder eine Gänsehaut, wenn ich darüber ­spreche. Es ging eben nicht um eine Weltmeisterschaft, sondern um Olympische Spiele. Meine Kritik resultierte nur aus dem Gefühl, dass der Verband, und vielleicht sogar auch der Deutsche Olympische Sportbund, nicht unbedingt und bedingungslos hinter dem Projekt gestanden haben. Auch etwas mehr Unterstützung seitens der Medien ­hätten wir uns schon gewünscht. Es wurde in ganz Europa von den Veranstaltungen berichtet, live oder mit Verzögerung. In Deutschland dagegen: Fehlanzeige. Außer, wenn

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wir es entsprechend selbst lanciert haben. Das war schade. Und was mir vor Ort aufgefallen ist: Ich wurde immer ­wieder von den Medien negativ angesprochen: Warum passiert nichts in Deutschland? Warum stellt sich ­Deutschland nicht hinter diese Veranstaltung? So kam es jedenfalls rüber. Wir vor Ort waren fasziniert von den Spielen und haben uns voll engagiert. Meine Einstellung ist: Wenn man sich für so eine Veranstaltung entscheidet, dann muss man sie voll annehmen und nicht abwarten was ­passiert und sie dann abschieben auf die Kultur. Doch noch einmal: Die Veranstaltung war aus ­unserer Sicht und aus der Sicht der Leichtathletik eine absolute Bereicherung, von der die Athletinnen und Athleten sehr profitiert haben. Wir waren top vorbereitet und wollten ein Topergebnis abliefern. Patrick wollte ins Finale über 200 Meter und Shanice eine Medaille. Sie ist als Favoritin an­gereist und ist dieser Favoritenstellung gerecht ­geworden. Das waren unsere Vorstellungen von diesen Olym­pischen Spielen und wir wollen es nicht missen. Ich kann das nur in Richtung Winterspiele, die wir jetzt initiieren, empfehlen, dass man sich mit Vehemenz da­hinter stellt. So sollte man alles dafür tun, dass die Stadt und die Menschen möglichst geschlossen hinter den Spielen stehen. So war es in Singapur – vom Taxifahrer bis zu den Geschäftsleuten. Und so sollte es auch in Innsbruck sein. Das ist für mich ein ganz wichtiges Kriterium für die Qualität und den Erfolg der Spiele. Dass man als Trainer vor allem das Sportliche im Auge hat, liegt auf der Hand. Ist man aber auch offen für Möglichkeiten und Chancen des Sports jenseits von Rekorden und Medaillen? Und: Wie verhält es sich ­diesbezüglich mit den sportlichen oder olympischen Werten? Manke-Reimers: Ich will es gerne noch einmal betonen: In ­Singapur ist der Spagat, den die Jugendspiele zu realisieren versuchen, gelungen. Auch wir haben uns nicht allein auf den Sport konzentriert, sondern und auch die Frage gestellt: Was passiert in Asien? Was ist Singapur? ­Welche Nationen liegen drum herum? Wie gehe ich mit den ­kulturellen Gegebenheiten und Angeboten um? Wem werden wir vor Ort begegnen? Und anderes mehr. Natürlich hatte das Sportliche für uns eine gewisse Priorität, aber wir haben uns auch in kultureller Hinsicht vorbereitet und vor Ort eingebracht. So würde ich mir auch erlauben, einen Verbesserungsvorschlag zu machen: Das ganze ­Kulturthema hat nur im Olympischen Dorf stattge­funden, war also den Athletinnen und Athleten vorbehalten. Es waren so viele Trainer da, es waren so viele Eltern da, und

Youth Olympic Games | Plan A und B

es waren sehr, sehr viele Zuschauer da. Wäre es nicht angebracht, das kulturelle Angebot auch diesen Personenkreisen zugänglich zu machen? Ich könnte mir vorstellen, damit würde man große Resonanz finden. Eine letzte Frage an die jungen Athleten: Wenn man so erfolgreich im internationalen Sport, gar in Singapur unterwegs ist, wie schafft man es dann, auch noch die Schule auf die Reihe zu bekommen? Oder ist die Schule gar nicht (mehr) wichtig, wenn man im Sport erfolgreich ist? Domogala: Das ist natürlich ein ständiges Thema bei uns. Klar, das Abitur sollte im Vordergrund stehen. Doch wenn ich ehrlich bin muss ich zugeben, dass dies bei mir bedingt durch den Sport nicht immer der Fall ist. Wir haben das große Glück, dass wir gut unterstützt werden, auch durch unseren Trainer, der uns sagt, dass Schule wichtig ist. Nun haben wir auch kein Riesen-Trainingspensum. Wir ­trainieren noch nicht acht bis zehn Mal die Woche, deshalb geht das. Es ist natürlich stressig, aber wir kriegen das unter einen Hut. Und das primäre Ziel ist natürlich das Abitur im nächsten Jahr, ohne dabei den Sport zu vernachlässigen. Weil alles passieren kann, auch im Sport, müssen wir einen Plan B haben. Craft: Wir sind junge Athleten und unsere Leidenschaft ist der Sport. Deswegen ist es oft so, dass der Sport im ­Vordergrund steht. Aber unsere Trainer und Lehrer unterstützen uns immer und machen uns auch klar, dass wir das ­Abitur brauchen, weil es für unsere spätere Zukunft ­wichtig ist. Alle Topathleten haben einen guten Schulabschluss. ­Deswegen wollen wir das auch so machen. Das hören wir gern. Alles Gute für Plan A und B und herzlichen Dank. P.S. Die beiden Athleten, Shanice Craft und Patrick ­Domogala, haben den Spagat zwischen Schule und Sport glänzend gemeistert und 2012 ihr Abitur bestanden. Craft errang bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Barcelona die Goldmedaille im Kugelstoßen und die Silbermedaille im Diskuswurf und wurde zur »Juniorsportlerin des Jahres 2012« gewählt. Domogala stellte nach längerer ­Verletzungspause neue persönliche Bestleistungen über 100 und 200 Meter auf und gewann bei den Deutschen Jugend-Meisterschaften Gold über beide Strecken. •

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Schulpartnerschaften im Rahmen der Olympischen Jugendspiele Ein Erfahrungsbericht von K e r st i n De u t sc h m a n n

Nach den ersten Olympischen Jugendspielen (YOG) 2010 in Singapur und 2012 in Innsbruck stehen die olympische Innovation und die damit verbundenen Projekte auf dem Prüfstand. Das Schulpartnerschafts­ programm ist im weitesten Sinne ein Pfeiler des mit den Spielen verbundenen Erziehungs- und Bildungsprogramms (CEP) und füllt den völkerverbindenden Aspekt der Olympischen Idee auf erfreuliche Weise mit Leben. So

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ist es eine willkommene Gelegenheit über ein konkretes Beispiel zu berichten, über die Partnerschaft nämlich zwischen dem St. Andrew’s Junior College Singapur (SAJC) und dem Romain-Rolland-Gymnasium Berlin (RoRo). Angeregt durch die Initiative der Deutschen Olympischen Akademie (DOA) und des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) sowie des Ministry of Information Communi­cation and the Arts Singapur (MICA) pflegen Chay

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Wei Sum und ich seit Ostern 2009 den Kontakt zwischen dem Saint Andrew's Junior College Singapur und meiner Schule, dem Romain-Rolland-Gymnasium Berlin. Die YOG sind das Bindeglied und gaben den Anstoß zu unserer Partnerschaft, die die Spiele erfreulicherweise überdauert und mit der Arbeit an weiteren gemeinsamen Projekten fortgesetzt wird. Es ist unserer Meinung nach sehr wichtig, die Idee der Olympischen Jugendspiele vor allen Dingen unter den Jugendlichen selbst zu verbreiten, um langfristig zu deren Akzeptanz beizutragen. Mit dem Youth Olympic Learning Centre richtete ­Singapur eine Begegnungsstätte für interessierte Kinder und Jugend­ liche, Schulklassen und junge Reporter aus aller Welt ein. Dort wurden die olympischen Werte auf anschauliche und interaktive Weise vermittelt. Ein Teil dieser ­Ausstellung soll zukünftig in einem vor Ort geplanten Olympischen Museum gezeigt werden. Die ersten Kontakte mit Singapur als Austragungsort der ersten Jugendspiele hatten ca. 70 Jugendliche aus aller Welt im Alter zwischen 14 und 18 Jahren im Sommer und Herbst 2009, die für 14 Tage zu einem vom MICA organisierten Young Reporters Training Camp zusammen mit Schülerinnen und Schülern aus Singapur eingeladen wurden. Auch Fabian Knaack (16) vom Romain-Rolland-Gymnasium Berlin qualifizierte sich für die Teilnahme an diesem Camp durch Einreichen eines Portfolios. Er lernte zusammen mit 25 Jugendlichen aus fünf Kontinenten die Stadt kennen, besuchte Workshops an verschiedenen Medienschulen und beim Fernsehen Singapurs, lernte die Idee der Jugendspiele kennen, reichte eine Fotostory ein und berichtete nach seiner Rückkehr seinen Mitschülerinnen und Mitschülern von den in Singapur gesammelten ­Ein­drücken und Erfahrungen. Er besuchte zusammen mit mir als seiner betreuenden Lehrerin erstmalig das St. Andrew’s Junior College während des Young Reporters Training Camps im August 2009. Die Schule war bereits dabei, Ideen für die Gestaltung eines deutschen Stands (German Booth) zu entwickeln und sehr froh, Fabian und mich an ihrer Seite zu wissen. In Schaukästen wurde »typisch Deutsches« ausgestellt und die Schülerinnen und Schülern machten sich mit deutschen Traditionen, Speisen, Getränken oder auch dem Schuhplattler als deutschem Volkstanz vertraut. Als wir nach Deutschland zurückkehrten, befassten sich die Schülerinnen und Schüler im Rahmen des Grund­kurses Sporttheorie mit den Jugendspielen. Sie setzten sich kritisch mit Fabians Berichten aus Singapur, offiziellen Informa­ tionen über die Spiele und Presseberichten auseinander. Sie verglichen die »jungen« Spiele mit denen der Erwachsenen und arbeiteten Besonderheiten und Zukunfts-

perspektiven heraus. Im Rahmen einer ­»Singapur-AG« ­begannen Schülerinnen und Schüler sich darüber Gedanken zu machen, wie wir unseren Gästen aus Singapur, die uns erstmalig im November 2009 be­suchen wollten, unsere Schule, unsere Stadt und unser Land ­präsentieren wollten. Wir stellten uns die Frage: Was ist typisch deutsch? Schließlich entschieden wir uns für einen gemein­ samen interkulturellen Projekttag im Atrium Reinickendorf, bei dem in der Vorweihnachtszeit Plätzchen gebacken, ein ­chinesischer Tanz und ein Barocktanz in zeitgenössischen Kostümen erlernt, Berliner und sportbezogene Motive mit Hilfe digitaler Fotografie verarbeitet und typisch deutsche und singapurische Speisen vorgestellt werden sollten. Während des Besuchs unserer Gäste an unserer Schule zeigte eine 11. Klasse Kurzfilme zu den Themen »Berlin/RomainRolland-Gymna­sium/ Lite­ ratur/Musik/Sport«, die im Rahmen des Englischunterrichts entstanden waren. Englischklassen luden unsere Gäste zu sich ein und führten an Gruppen­ tischen vorbereitete Gespräche zu den Themen »Youth ­Olympic Games/Berlin Wall/ Shopping/Food & Drink«. Unsere Gäste erfreuten uns in der »RoRo-Aula« mit einem ­Bühnenauftritt, bei dem malayische, indische und chinesische Volkstänze gezeigt, Volkslieder gesungen und ein ­Vortrag über die Geschichte und Gegenwart ­Singapurs sowie die bevorstehenden YOG gehalten wurden. Bei unserem Gegenbesuch in Singapur hatten wir Gelegenheit, uns in der Assembly der St. Andrew’s ­S chul­g emeinschaft in einem 20-minütigen Auftritt ­vorzustellen. Wir sangen den Kanon »Bruder Jakob«, ­tanzten und Fabian Knaack hielt zusammen mit einer Mitschülerin und einem Mitschüler einen Vortrag über Deutschland, Berlin und das Romain-Rolland-­Gymnasium in englischer Sprache. Unsere Gastgeber zeigten uns die ethnische Vielfalt ihrer Heimat und führten uns durch Tempel, Moscheen und Museen. Wir wurden sehr herzlich betreut und es entstanden Freundschaften, die sich bis heute mit Hilfe sozialer Netzwerke über das Internet ­fortsetzten. Während unseres Aufenthaltes in Singapur hatten wir Kontakt zu Vertreterinnen und Vertretern der Deutschen Botschaft Singapur und der German European School ­Singapore. Wir bemühten uns gemeinsam, das St. Andrew’s Junior College beim Einrichten ihres »German Booth« zu unterstützen. Inzwischen war klar, dass wegen

Youth Olympic Games | Deutschmann | Schulpartnerschaften im Rahmen der Olympischen Jugendspiele

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der Hitze keine Plätzchen angeboten werden konnten und die ­Kostüme für einen Barocktanz schwer zu beschaffen waren. Für Josephine als Leiterin des »German Booth« sollte ein Dirndl beschafft werden, die Deutsche Botschaft versprach, bayerische Pappaufsteller und der DOSB, T-Shirts, Deutschland-Bändchen und Pins zu spendieren. Im Juli 2010 erreichte das Olympische Feuer Berlin und es fand der Youth Olympic Day am Brandenburger Tor in Berlin statt. Bevor die 70 Mitglieder der deutschen Mannschaft für die Spiele in Singapur öffentlich vorgestellt wurden, traten Schülerinnen und Schüler des RomainRolland-­Gymnasiums auf und berichteten in einem Moderatorengespräch mit Annabelle Mandeng vom Friends@YOG Schulpartnerschaftsprogramm. Am Schulstand im DOSB Zelt gab es Gelegenheit zum Austausch mit interessierten Besuchern. In Singapur passierte das Olympische Feuer das St. Andrew’s Junior College. Es war ein einmaliges Erlebnis für die Schulgemeinschaft, was viele uns zugesandte Fotos belegten. Leider konnte niemand vom Romain-RollandGymnasium im August 2010 zu den Spielen nach Singapur reisen und unsere Partnerschule am deutschen Stand im Culture Village unterstützen. Jedoch hatten wir erfreulicherweise über das Internet die Möglichkeit, die Eröffnungsfeier und alle Wettkämpfe live zu verfolgen und per E-Mail Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern, den Lehrerinnen und Lehrern des St. Andrew’s Junior College und der DOA-Vorsitzenden Prof. Dr. Gudrun Doll-Tepper zu halten. Unsere Partnerschule und die German European School Singapore sorgten für einen herzlichen Empfang der 70 deutschen Sportlerinnen und Sportler am Flughafen Changi und einige wurden zusammen mit der Mannschaft zu einem Empfang in die Deutsche Botschaft Singapur ­eingeladen. Als Fazit lässt sich festhalten, dass die ersten Olym­ pischen Jugendspiele in Singapur ein großartiges Erlebnis für die Schülerinnen und Schüler beider Partnerschulen in Singapur und Berlin waren. Sieben Monate nach den Spielen begaben sich 20 Schülerinnen und Schüler und drei Lehrerinnen und Lehrer unserer Schule in Singapur auf Spurensuche der YOG. Taxifahrer und Passanten erinnern sich an das Ereignis und natürlich finden sich Spuren am St. Andrew’s Junior College. Im Jahrbuch des Romain-­ Rolland-Gymnasiums wird ausführlich über seine Beteiligung an den YOG berichtet und im Schulgebäude sind Dokumente der Spiele in Schaukästen ausgestellt. Die Schülerinnen und Schüler vom St. Andrew’s Junior College

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berichten nach wie vor begeistert von ihren ­Erlebnissen während der YOG, dem Treffen mit deutschen Athletinnen und Athleten, der Eröffnungsfeier und der Zeit im Culture Village. Sie sagen aber auch, dass man sich in Singapur stärker für die Nachhaltigkeit von Großereignissen hätte engagieren sollen. Am Romain-Rolland-Gymnasium werden die Olympischen Jugendspiele Unterrichtsthema im Rahmen des Grundkurses Sporttheorie bleiben und die Olympische Idee wird in verschiedenen Unterrichtsfächern behandelt. Gemeinsame Projekte mit dem St. Andrew’s Junior ­College sind zu Umweltschutzthemen, Respekt und Toleranz geplant. Ferner besteht die Idee, in Kooperation mit der Bildungsstätte der Sportjugend des Landessportbundes gemeinsam ein Sportfest für Grundschüler vorzubereiten und am Romain-Rolland-Gymnasium durchzuführen. Jedoch muss dafür noch eine geeignete Lerngruppe am St. Andrew’s Junior College gefunden werden. Die Schulpartnerschaft mit dem St. Andrew’s Junior ­College findet anhaltendes Interesse an unserer Schule. Ein Grund dafür ist, dass Englisch offizielle Landessprache in Singapur ist und unsere Schülerinnen und Schüler sprachlich gefördert werden. Ein weiterer Grund ist die Möglichkeit, die ethnische Vielfalt Singapurs mit seinen gastfreundlichen und zuvorkommenden Menschen zu erleben. Schwierigkeiten bereiten uns in Berlin die hohen ­Reisekosten nach Singapur, die von jedem Reisenden überwiegend selbst getragen werden müssen. Deshalb sind die Reisegruppen des Romain-Rolland-Gymnasiums relativ klein. Im April 2010 waren es zwölf Schülerinnen und Schüler und 20 im April 2011. Schülergruppen in Singapur hingegen zahlen nur 20 % der Reisekosten ins Ausland selbst und erhalten einen hohen staatlichen Zuschuss. Die Schulpartnerschaft zwischen dem St. Andrew’s ­Junior College Singapur und dem Romain-Rolland-Gymnasium Berlin, die gemeinsame Projektarbeit zum Thema YOG, die gegenseitigen Besuche und die damit verbundenen ­­Vorund Nachbereitungen erfordern viel Engagement und ­Kreativität von Seiten jeweils eines zuverlässigen und engagierten Projektleiters an jeder Schule. Im Idealfall lässt sich die Projektarbeit mit den curricularen Vorgaben verknüpfen und es erklären sich weitere Kolleginnen und Kollegen bereit, die Schulpartnerschaft zu unterstützen. In jedem Fall lohnt sich die Mühe, wie die vielfachen ­positiven Rückmeldungen von Schülerinnen und Schülern, Kolleginnen und Kollegen sowie Eltern zeigen. Die ­Olym­pische Idee verbindet und erweitert den Horizont. Die Olympischen Jugendspiele bieten eine Chance, mit Unterstützung unserer Jugend die Olympische Idee immer ­wieder neu zu entdecken und so am Leben zu erhalten. •

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Bewerbung Im Sport muss man fair sein Ein Interview mit Bernhard Schwank

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat die Olympischen Winterspiele des Jahres 2018 nach ­Pyeongchang vergeben. Ist diese Entscheidung mit zunehmendem Abstand nachvollziehbar – auch für Sie persönlich, nachdem Sie sich so intensiv für die Bewerbung Münchens eingesetzt haben? Im Sport muss man fair sein und die Entscheidung akzeptieren. Man muss anerkennen, dass die südkoreanischen Kollegen zum dritten Mal in Folge eine gute Bewerbung abgegeben und sich im Laufe der Jahre zudem kontinuierlich gesteigert haben. Insofern akzeptieren wir das und haben natürlich auch gratuliert, wie das im Sport üblich ist. Dennoch ist auch ein halbes Jahr später immer noch eine gewisse Enttäuschung vorhanden. Ich glaube jeder, der sich für die Olympischen Winterspiele 2018 in ­München eingesetzt hat, wird diese Enttäuschung noch eine Zeit lang spüren. Im positiven Sinne zeigt sich daran aber auch, mit welchen Emotionen, mit welcher Überzeugung und mit wie viel Engagement an dem Projekt ­gearbeitet worden ist. Sie haben auf die überzeugende Bewerbung Pyeongchangs verwiesen. Was sind denn zentrale Eckdaten einer wirklich guten und schließlich erfolgreichen Bewerbung? Hervorzuheben ist vor allem das Sportkonzept der ­Süd­koreaner, das kürzeste Wege für die Athletinnen und ­Athleten sowie perfekte Transportmöglichkeiten verspricht. Sämtliche Anforderungen, die an den Ablauf von Olym­ pischen Spielen gestellt werden, wurden sinnvoll gelöst. Dies ist immer eine der Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Bewerbung. Neben einem überzeugenden Sportstättenkonzept spielen schließlich aber auch jene Faktoren eine große Rolle, die den besonderen Reiz der Spiele ausmachen: die Stadt, das Umfeld, die ­Kultur, die Tradition im Wintersport sowie die Menschen, die diese Spiele mit Begeisterung tragen. Es ist die Kunst, diese Punkte in ihrer Gesamtheit überzeugend darzustellen.

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Die Stadt, das Umfeld, das Flair – dies sind ja Argumente, die man auch und gerade für München ins Feld geführt hat und dies durchaus zu Recht. Gleichwohl erhielt Pyeongchang den Zuschlag. Nach welchen ­Kriterien fällt das IOC denn seine Entscheidung? In die Köpfe der wahlberechtigten Mitglieder des IOC kann man natürlich nicht hineinschauen. Gleichwohl lassen sich auch in der Entscheidung von Durban einige Grund­ linien erkennen. Sicherlich hat eine Rolle gespielt, dass sich ­Pyeongchang zum dritten Mal beworben und somit erhebliche Vorleistungen geliefert hat. Durch die Vergabe erhofft man sich für den Wintersport natürlich auch die ­Öffnung des weitgehend unerschlossenen asiatischen Marktes. Man darf aber auch das große Engagement Südkoreas in der Olympischen Bewegung nicht außer Acht lassen. Im

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Umkehrschluss bedeuten diese Faktoren in jedem Fall aber auch, dass das Votum keine Entscheidung gegen ­München war. Ich glaube, das war offensichtlich. Die Südkoreaner waren – erst – im dritten Anlauf erfolgreich. Bedeutet dies, dass auch München noch zweimal ins Rennen gehen muss? Wie sehen Sie die Perspektiven des »Bewerbers« München? Ich denke schon, dass sich Deutschland erneut ­bewerben muss, ob um Olympische Winter- oder Sommerspiele. Es ist schwierig, bereits im ersten Anlauf den Zuschlag zu er­halten. Natürlich wäre es aus meiner Sicht nur konsequent, wenn man sich erneut mit München, ­Garmisch-Partenkirchen und dem Berchtesgadener Land um ­Winterspiele bemühen würde. Wir haben ein exzellentes Konzept auf den Tisch gelegt und auch in Sachen ­Emotionalität überzeugt. Wie die Mitgliederversammlung des DOSB ­ent­schieden hat, ist es jetzt allerdings eine Frage des richtigen Zeitpunkts, den es gut abzupassen gilt. Welche Argumente oder welche Kriterien definieren den richtigen Zeitpunkt? Entscheidend ist, dass die relevanten gesellschaftlichen Kräfte geschlossen hinter eine solche Bewerbung gebracht werden können. Dazu zähle ich den organisierten Sport, die Politik, die betroffenen Kommunen, die Wirtschaft, die Medien und natürlich die Bevölkerung. Wie wir gelernt haben, ist dies nicht immer einfach und erfordert intensive Vorarbeiten. Wir befinden uns aktuell in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage und in den kommenden zwei Jahren stehen einige politische Wahlen an. In so einer Phase muss man schon genau abwägen, ob man ein solches Projekt stemmen kann. Richtet sich Ihr Blick angesichts dieser unwägbaren ­Faktoren also eher auf 2026 oder doch auf das Jahr 2022? Für die Winterspiele 2022 müssen die Bewerbungen voraussichtlich bis Oktober oder November 2013 eingereicht werden. Es bleibt noch genug Zeit für eine überlegte und sorgsam abgewogene Entscheidung, ob sich ein erneuter Anlauf lohnen würde. Bis dahin kann sich sehr viel tun. Sie haben den Zuspruch aller gesellschaftlichen und politischen Kreise und damit auch den Rückhalt in der Bevölkerung angesprochen. Manche haben sich darüber beklagt, dass es eben daran in Deutschland gefehlt hätte. Es gab Widerstände und Proteste, einige Kritiker haben sich auch massiv zu Wort gemeldet, außerdem musste eine

Bewerbung | Im Sport muss man fair sein

Volksabstimmung durchgeführt werden, deren Ergebnis nicht gerade als überwältigender Sieg der olympischen Sache gefeiert werden konnte. Sicherlich haben sich die Verantwortlichen eine größere Zustimmung gewünscht. Wie lässt sich im Blick auf eine erneute Bewerbung ein höheres Maß an Zustimmung, an positiver olympischer Stimmung generell erreichen, welche Maßnahmen sind dafür nötig? Ich bin fest davon über­zeugt, dass eine große Mehrheit ­jenseits der 65 Prozent in Deutschland von der Olym­pischen Idee begeistert ist und auch Olym­pische Spiele im eigenen Land gerne erleben würde. Entscheidend ist dabei, dieses Interesse zu wecken und die Begeis­terung zum ­richtigen Zeitpunkt auch spürbar werden zu lassen. Ich verweise nur auf den Wintersport, der auch aktuell im Fern­s ehen wieder hohe Einschalt­quoten verzeichnet. Diesem Zuspruch geht eine Entwicklung voraus, die langfristig begleitet und gefördert werden muss. Deswegen müssen wir uns über­legen, wie wir die Idee der Olympischen Spiele noch stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken können. Hier geht es nicht um ein Strohfeuer, das immer nur kurzfristig und vorüber­ gehend während der gerade stattfindenden Spiele lodert, sondern um eine permanente Bewegung, für die sich ja soeben auch der DOSB in seiner Mitglieder­versammlung aus­gesprochen hat. Die Deutsche Olympische Akademie sitzt mit im »olym­ pischen Boot« und hat sich ja auch nach Kräften im ­Rahmen der Bewerbungskampagne eingebracht. Nun gibt es den von Ihnen angesprochen Beschluss des DOSB, das olympische Feuer in Deutschland noch stärker und nachhaltiger zu schüren als bisher. Was können DOA und DOSB diesbezüglich gemeinsam bewegen? Hier ist eine gemeinsame Anstrengung nötig. Wir müssen zahlreiche Maßnahmen fortführen, die bereits ange­stoßen wurden, wie zum Beispiel die Einbindung von Schulen. Aus meiner Sicht sollte man das gesamte Thema insgesamt noch viel stärker in der Öffentlichkeit kommunizieren und dafür Werbung machen. Ich halte es für sinnvoll, hierbei auch entsprechende Experten zu Rate zu ziehen.

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teuer geworden. Damit ist die Frage von Kosten und Nutzen aufgeworfen. Vor diesem Hintergrund: Worin liegt der Mehrwert Olympischer Spiele für ein Land wie Deutschland, für den Sport, die Gesellschaft oder die Bevölkerung?

Die Vermittlung der olympischen Werte bei jungen Menschen ist ein wichtiges Ziel der DOA. Wie würden Sie – als Absolvent der Internationalen Olympischen Akademie – diese Werte oder die Olympische Idee auf einen kurzen Nenner bringen? Welche zentralen Aspekte würden Sie hervorheben? Olympische Werte sind für mich Leistung, Internationa­ lität und Fair Play. Der Leistungssport lebt vom Vergleich, deshalb steht für mich die Leistung auch an erster Stelle. Als eine Art »Weltsprache« schafft der Sport zudem einen internationalen Rahmen mit allseits verbindlichen Regeln, was kaum ein anderes gesellschaftliches Feld auf­weisen kann. Das Fundament bildet der Grundgedanke des Fair Play. Wir wissen und sehen alle, welche Probleme die Nichteinhaltung dieser Regeln verursachen. Das ist unser aller Kerngeschäft, der Kern der Olympischen Idee.

Hier stellen sich zwei Fragen: Erstens die nach dem ­Nutzen Olympischer Spiele im eigenen Land und zweitens die in Bezug auf die Kosten. Es ist wohl evident, dass die Weiterentwicklung des Sports eng mit besonderen Sportereignissen zusammenhängt. Jede Sportart lebt davon, dass sich Menschen im Wettkampf messen und den Vergleich mit anderen suchen – lokal in Schulen, in Städten, auf ­Landes- oder ­Bundesebene und natürlich international. Die ­Motivation und Identifikation, die aus der Teilnahme an Olym­pischen Spielen im eigenen Land erwächst, ist eigentlich kaum aufzu­wiegen. Diese positiven Effekte lassen sich in der ­Geschichte mehrfach nachvollziehen. Ein Land wie Deutschland, mit einer starken Tradition im Wintersport und in der olympischen Geschichte, muss sich auch der vornehmsten Aufgabe der Olympischen Bewegung ­stellen, nämlich die Spiele auszurichten. Nicht nur für unsere Sport­ler und für unser Land, sondern natürlich auch im Sinne der Idee, die »Jugend der Welt« zu einem inter­ nationalen Aufeinandertreffen einzuladen. Aus ­diesem

Lassen sich denn Leistung, Erfolg, Rekorde und Medaillen, aber auch Respekt, gegenseitige Achtung, Fair Play miteinander vereinbaren oder schließt in der Realität des globalen und medialen Hochleistungssports das eine das andere aus? Ich bin fest davon überzeugt, dass dies unter einen Hut zu bringen ist, wie zahlreiche Beispiele alle zwei Jahre bei den Olympischen Spielen zeigen. Natürlich wird es immer auch jene geben, die die Olympische Idee pervertieren oder für fremde Zwecke vereinnahmen wollen. Aber ich verweise nur auf die vielen Momente bei Olympischen Spielen, bei denen genau die angeführten Werte zum Tragen kommen und gelebt werden. Das macht letztlich die Faszination der Spiele aus. Das Engagement der DOA für die olympischen Werte ist natürlich eng an die Olympischen Spiele mit ihrem ­s pezifischen Potenzial gebunden. Allerdings sind längst schon die Bewerbungen inzwischen extrem

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Grund rentieren sich bereits die Kosten für eine Bewerbung, auch im Falle »München 2018«. So ist das Erbe von Olympischen Spielen meines Erachtens richtig angelegt, organisiert und finan­ziert – mit enormer Wirkung für die gesamte Gesellschaft. Gleichwohl stellt sich die Frage nach den Kosten. ­Pyeongchang hat in seinen Erfolg zehn Jahre und eine nur grob zu schätzende Summe investiert, bevor nun erst die eigentliche Investition in Sportstätten, die Infra­struktur und andere olympische Notwendigkeiten ins Haus steht. Damit ergeben sich nicht weniger als 17 Jahre Vorlauf für letztlich wenige olympische Tage, die auch noch wie im Flug vergehen werden. Ist ein solcher Aufwand für die Olympischen und, nicht zu vergessen, Paralympischen Spiele vertretbar? Können und dürfen wir uns Olympische Spiele heutiger Prägung in Zukunft gerade vor dem Hintergrund von Weltwirtschafts­ krisen, sozialer Probleme oder der ökologischen Frage noch leisten? Diese Rechnung greift meiner Meinung nach zu kurz. Auch in Pyeongchang hatten die Bewerbungen einen ­großen Nutzen; schließlich fließen diese Investitionen nicht nur in die vier Wochen der Olympischen und Paralym­ pischen Spiele. Ich komme noch einmal auf München und ­Garmisch-Partenkirchen zurück: Allein die Werbeeffekte, die die Städte, die Oberbayern und ganz Deutschland in der Außendarstellung erzielt haben, berechtigen aus meiner Sicht die entsprechenden Ausgaben. Zumal wir 80 Prozent unseres Bewerbungsbudgets aus Mitteln der Wirtschaft akquiriert haben, was außerhalb der USA bislang keiner Olympiabewerbung je gelungen ist. Rund sechs Millionen Euro an öffentlichen Mitteln bei einem Gesamtetat

Bewerbung | Im Sport muss man fair sein

von 33 Millionen Euro sind eine hervorragende Relation, wenn wir eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir auch die notwendigen Investitionen in die Durchführung der Olympischen Spiele durch deren positive Auswirkungen rechtfertigen ­können. Natürlich gilt es, die zunehmende Größe der Spiele und den damit verbundenen Aufwand – der in den letzten Jahrzehnten ja nicht zuletzt auch aus den Notwendig­ keiten bezüglich der Sicherheit resultiert – stets kritisch zu bedenken. Aber soll die Olympische Bewegung, die mehr Mitglieder als die Vereinten Nationen auf dieser Welt vereint, finanziell vor diesen Herausforderungen kapitulieren? Ich sage ganz klar nein, weil der Nutzen am Ende größer ist. Sie haben sich mit einem hohen persönlichen Aufwand für diese Sache engagiert. Würden Sie es noch einmal machen? In jedem Fall – und zwar nicht nur aufgrund der einzigartigen Erfahrung für mich persönlich. Ich habe vor allem erfahren, dass man in diesem Land wirklich etwas bewegen kann und dass der Sport eine große Chance hat. Das hat in diesem Zusammenhang schon die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 bewiesen, das haben Weltmeisterschaften in zahlreichen anderen Sportarten unter Beweis gestellt. Mit Olympischen Spielen, Winter oder Sommer, würde uns dies definitiv wieder gelingen. Wann werden die Olympischen Spiele wieder in Deutschland gastieren? Ich hoffe 2022. • Die Fragen stellte Dr. Andreas Höfer.

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Das Pr채sidium des Deutschen Olympischen Sportbundes hat sich in seiner Sitzung am 30. Oktober 2012 in Frankfurt am Main mit der Frage einer erneuten deutschen Olympiabewerbung befasst und dazu folgende Erkl채rung vorgelegt:

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Olympische Erziehung

Die pädagogische Dimension der Olympischen Idee von Rola n d Nau l & Uw e W ic k

Es gibt zwei populäre Ansichten über die Olympische Erziehung, die sich etwa folgendermaßen beschreiben lassen: 1. Die Olympische Erziehung dient der trainingsbegleitenden Vorbereitung der Talente auf das Ereignis Olympische Spiele; ihr Ziel ist das Fair-Play-Verhalten ohne Doping bei Olympischen Spielen der jungen Nachwuchssportler. In dieser Variante wird die Olympische Erziehung ausschließlich im Schlepptau des Leistungssports und der Olym­ pischen Spiele gesehen. Somit kann sie eigentlich keine pädagogische ­Aufgabenstellung für alle Schülerinnen und Schüler im Schulsport oder für alle Jugendlichen im Sportverein sein, da sie nur in eine einseitige Förderung des Leistungssports eingebunden ist – getreu dem olympischen Motto »Schneller, höher, weiter«. 2. Demgegenüber steht die andere Ansicht, dass die ­Olympische Erziehung sehr wohl eine Aufgabenstellung für alle Kinder und Jugendlichen in Schule und Sport­verein darstelle, da der olympische Gedanke ja heißt: »Dabei sein ist alles!«. Deshalb kommt es gar nicht so sehr auf das sportliche Ergebnis oder seine Förderung und Entwicklung an, sondern Spaß und Freude im gemein­samen sportlichen Event ist das wichtigste Ziel. Das olympische Motto enthält natürlich beide Aspekte: Die stetige Verbesserung der sportlichen Leistung bis zum Rekord für den Besten (Produkt) und die soziale Begegnung Aller im gemeinsamen Dabeisein beim Lernen, Üben und Trainieren (Prozess). Weder ist aber das »Dabeisein« schon alles, noch kommt es nur auf die beste sportliche »Rekordleistung« des ­Einzelnen an! Der Olympische Gedanke verbindet vielmehr im Rahmen eines Gesamtkonzeptes diese beiden populär nur isoliert betrachteten Ansichten. Beide Aspekte gehören zusammen, wie zwei Seiten einer Medaille. Beim ­»Dabeisein« aller Kinder und Jugendlichen kommt es somit auch auf ihr Streben nach der individuellen Verbesserung der sportlichen Leistung an (Produkt), wie das Rekord­ streben der jugendlichen Leistungssportler bei ihrem

»Schneller, höher, weiter« natürlich auch in der gegenseitigen Begegnung eine soziale Komponente mit Achtung und Respekt der Athleten und jugendlichen Leistungssportler untereinander im Wettkampf enthält (Prozess). Als mögliche Orte eines so verstandenen olympischen Lernens nennt das Internationale Olympische Komitee (IOC) in seiner Programmbroschüre »Teaching Values. An Olympic Education Toolkit« sehr verschiedene Lehr- und Lernorte der Olympischen Erziehung. Dazu zählen Fort- und Weiterbildungsprogramme von Nationalen Olympischen Akademien (NOA), Aktivitäten der Nationalen Olympischen ­Komitees (NOK), Aktionen und Ausstellungen von olympischen Museen, Hall of Fames für einzelne Sportarten, Kunst- und Kulturausstellungen im Vorfeld und anlässlich

Olympische Erziehung | Naul & Wick | Die pädagogische Dimension der Olympischen Idee

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Olympischer Spiele sowie die Internationale Olympische Akademie (IOA) mit ihren verschiedenen Bildungsprogrammen für Studierende, Lehrer, Sportfunktionäre und Sportjournalisten. Aus der Sicht des IOC können hier historisch rückblickend mindestens fünf Etappen unterschieden werden, in denen es mit verschiedenen Maßnahmen die Olympische Erziehung zu fördern suchte: 1. Gründung der IOA in Olympia (1961); 2. Einführung des olympischen Jugendcamps bei Olym­ pischen Spielen (1964); 3. Förderung der Einrichtung von NOAs (1982/83); 4. »Education« als verpflichtender Programmpunkt für die »Bid Books« der Bewerberstädte für Olympische Spiele (1994); 5. Beschluss zur Durchführung Olympischer Jugendspiele (2007).

Katalog an Sportdisziplinen und besonders in den Handlungsformen des Leistungsports keine pädagogisch akzeptable Grundlage mehr für Erziehung und Bildung. Mit der abermaligen Wende zu einem »er­ziehenden Schulsport« gehen dann auch die Überlegungen zu einer »Olym­ pischen Pädagogik« (Grupe 1997) und zur Förderung der »Olympischen Erziehung« in den 1990er Jahren einher, die gemeinsam und zusammen (wieder) eine erneuerte ­bildungstheoretische Grundlage für eine ethischmoralische (Werte-)Erziehung im Schulsport darstellen. Objektiv bilden die Olympischen Spiele ein Symbol für eine bestimmte Sportkultur, zu deren aktuellen Erscheinungsformen neben dem traditionellen Rekordstreben auch Begriffe wie »Manipulation, Medieninszenierung, Kommerz« gehören. Das zusammen repräsentiert quasi den realen MARKT, die »Realität« der Olympischen Spiele in unserer Gesellschaft.

Olympische Spiele versus Olympische Erziehung? In Deutschland benutzte Norbert Müller 1975 den Begriff »Olympische Erziehung« zum ersten Mal. 1983 wurde mit dem Kuratorium Olympische Akademie eine offizielle Arbeitsgruppe im NOK für Deutschland eingesetzt. 1988 folgte das erste Schülerheft des NOK anlässlich der Olympischen Spiele in Seoul. Seit 1992 werden diese Hefte im zweijährigen Turnus jeweils zu Sommer- und Winter­spielen vom NOK bzw. inzwischen von der Deutschen ­Olympischen Akademie Willi Daume (DOA) herausgegeben. 1991 fand das erste Lehrerseminar des NOK in der IOA in Olympia statt. Seitdem werden sie alle zwei Jahre dort durchgeführt. 1992 begann eine verstärkte akademische Fachdiskussion über die Olympische Erziehung. Seit 1998 werden im Abstand von zwei Jahren NOK-Seminare für Studenten an der IOA in Olympia organisiert. Anhand dieser Daten wird deutlich, dass die 1990er Jahre in mehrfacher Hinsicht ein Wendepunkt in der Entwicklung der Olympischen Erziehung in Deutschland darstellen, der auch (wieder) im Schulsport mit der Hinwendung zu einem »erziehenden Sportunterricht« zu erkennen ist. Historisch gesehen fand in den 1970er Jahren in der Schulsporttheorie eine realistische Wende zur Sport­didaktik mit der »Handlungsorientierung im Sport« (Kurz 1977) statt. Diese Wende führte jedoch auch zu »pragmatisch reduzierten (Bildungs-)Ansprüchen« im Sportunterricht. Die »EntSportlichung« in der Sportdidaktik in den 1980er und 1990er Jahren (Körpererfahrung, Bewegungs­erziehung) sah in den Sinnprinzipien des organisierten Sports mit seinem

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Demgegenüber stehen die olympischen Ideale, die durch eine Sporterziehung zu bestimmten subjektiv zu vermit­ telten Werten führen sollen: Fair Play, Respekt, ­Achtung und Toleranz. Das zusammen repräsentiert quasi den ­TEMPEL, die »Vision« des olympischen Gedankens. »Markt« und »Tempel«, d. h. die Erscheinungsformen der Olympischen Spiele und die Vision der olympischen Ideale, stehen aktuell in einem Widerspruch zueinander, müssen jedoch als zwei notwendige Seiten gesehen werden, die erst zusammen den unterrichtlichen Gegenstand der Olympischen Erziehung ergeben. Auf den Schulsport bezogen ergibt sich daraus ein didaktisches Spannungsgefüge zwischen olympischer Realität

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der Spiele und den olympischen Idealen für eine sport­ liche Erziehung in der Schule. Beide Aspekte zusammen – Markt und Tempel – bilden gerade wegen ihrer Agonie die ­pädagogische Dimension für eine moderne Olym­pische Erziehung, die sich für ihre Legitimation im Schulsport ­deshalb weder nur auf ihren geschichtlichen Hintergrund noch nur auf ihre zeitlos guten Ideen berufen kann.

kulturell immer weiterentwickeln soll, als das Streben nach seiner individuellen Selbstvollendung mit der ­Erfüllung der ganzheitlichen Erziehung von Körper und Geist in einer harmonischen Gesamtbildung seiner Person. 3. Diese permanente Weiterentwicklung der eigenen ­Persönlichkeit soll aber unter Wahrung der Ritterlichkeit im Wettbewerb und im Vergleich mit dem Anderen in einer Art Partnerschaft stattfinden. Ritterlichkeit kann hier als Fair Play im Verhalten bezeichnet werden. Historische und pädagogische Grundlagen 4. Die »Idee des Burgfriedens«, die stetige und zeitliche der Olympischen Erziehung Wiederkehr einer Olympiade als »Rhythmus« von OlymBaron Pierre de Coubertin war nicht nur der Begründer der pischen Spielen. Um allen Athleten die Teilnahme an den modernen Olympischen Spiele, sondern auch der ent- Spielen zu ermöglichen, sollte »Burgfrieden« herrschen. schiedene Verfechter einer Erziehung im Sinne des Olym­ Damit war »das vorübergehende Aufhören aller Streitig­ pismus. Bereits vor 1894 finden sich bei ihm die Belegstellen keiten, Meinungsverschiedenheiten und Missverständ»l’éducation en Angleterre« oder »l’éducation athlétique«. nisse« gemeint. Nach 1920 bevorzugte er als neue Begriffe »l’éducation 5. »Die Schönheit durch die Beteiligung der Kunst und des sportive« oder »la pédagogie sportive«. ­Coubertin machte Geistes an den Spielen«. Coubertin ging es hierbei darum, schon früh deutlich, dass es ihm persönlich nicht nur um die nicht nur eine Harmonie zwischen Körper und Geist zu Wieder­erweckung der Olympischen Spiele ging, sondern er erreichen, sondern diese Eurythmie auch zwischen den damit auch eine Wiedererweckung eines ­pädagogischen schönen Künsten, der Wissenschaft und Kultur und den Erziehungsideals verband. In seinem olympischen Brief No. Olympischen Spielen herzustellen. V vom Oktober 1918 schrieb er dazu folgendes: Die hier von Coubertin angesprochenen Grundlagen »Es kann nicht genügen, daß man dieser ›olym­pischen‹ des Olympismus finden wir fast gleichlautend in der Pädagogik, von der ich letzthin sagte, sie beruhe gleich- ­Olym­pischen Charta des IOC und in den Prinzipien einer zeitig auf dem Kult der Kraftanstrengung und dem Kult der Olym­pischen Pädagogik wieder. ­Harmonie … einmal alle vier Jahre die Gelegenheit gibt, vor Von den sechs fundamentalen Prinzipien der Olym­ der ganzen Welt verherrlicht zu werden. Sie braucht außer- pischen Charta sind besonders drei Paragraphen im Sinne dem ihre beständigen Produktionsstätten. … Die olym­ der Olympischen Erziehung wichtig: pische ›Fabrik‹ der Antike war das Gymnasion. Die Olympia- § 1 Der Olympismus ist eine Lebensphilosophie, die eine den sind wieder ausgetragen worden; das antike Gymnasion harmonische Bildung von Körper und Geist anstrebt. aber nicht; das muß noch geschehen.« In der Verbindung des Sports mit Kultur und Erziehung Nachdem Coubertin 1925 sein Amt als Präsident des IOC soll ein Lebensstil entwickelt werden, der Freude an abgegeben hatte, widmete er sich vor allem dem Projekt, der Leistung mit dem erzieherischen Wert des guten über städtische Erziehungsanstalten den modernen Sport ­Beispiels und dem Respekt vor universalen und fundaals ein Erziehungsmittel für die Jugend zu fördern, wennmentalen ethischen Prinzipien verbindet. gleich ihm hier der Erfolg weitgehend versagt blieb. Ein § 2 Der Sport soll im Rahmen dieser Olympischen Idee Teil dieses Erziehungsgedankens der Olympischen Idee für eine harmonische Entwicklung der Persönlichkeit kommt bei ihm in seinen »Fünf Grundlagen des moder­sorgen, die Entwicklung einer friedlichen Gesellschaft nen Olympismus« zum Tragen, die er zwei Jahre vor seinem fördern und die menschliche Würde schützen. Tode in der berühmten Radiorede von 1935 als sein geistig-­ § 4 Deshalb soll die Olympische Bewegung zu einer fried­ pädagogisches Erbe hinterließ. Diese fünf Grundlagen lichen und besseren Welt beitragen, indem sie die ­können wie folgt zusammengefasst werden: Jugend über und durch den Sport ohne jegliche Dis­ 1. Der sportlich-religiöse Gedanke als Bewusstsein der kriminierung und im olympischen Geist erzieht, der Sportler, die Vertreter einer »neuen menschlichen Geselldie gegenseitige Achtung, den Geist der Freundschaft, schaft« und Botschafter der Erziehung zivilisierter Völker ­Solidarität und Fair Play verlangt. sein sollen. Ganz ähnlich wird die pädagogische Dimension von 2. Das olympische Motto des »Immer schneller, immer Ommo Grupe gesehen (vgl. Grupe 1997, S. 223ff.). Nach ihm höher, immer stärker« ist als eine Lebensaufgabe des ­bestehen die Grundlagen der Olympischen Pädagogik in Sportlers zu verstehen, der sich körperlich, intellektuell und folgenden Grundprinzipien:

Olympische Erziehung | Naul & Wick | Die pädagogische Dimension der Olympischen Idee

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1. Prinzip der Leib-Seele-Einheit 2. Selbstvollendung als »Bemühen um sportliches Können« und »Weg zum besseren Selbst« 3. Ideal des Amateurismus 4. Regeln der Aufrichtigkeit und Fairness 5. Gegenseitige Achtung und Frieden. Allerdings stellt sich spätestens hier in Anbetracht der ­Wünsche und Forderungen, wie sie in der Charta des IOC und in den Grundlagen bei Grupe vertreten werden, die Frage: Sind diese historischen Grundlagen für eine Olym­ pische Erziehung im Kontext der Idee der Olympischen Spiele heute noch ausreichend? In Anbetracht der gegenwärtigen Erscheinungsformen, wie sie unter dem Begriff »MARKT« zusammengefasst worden sind, und der gewünschten Ideale, wie sie unter dem Begriff »TEMPEL« formuliert worden sind, teilen die Paragraphen in der Charta des IOC und die hier genannten Grundlagen der Olympischen Pädagogik zwei gemeinsame Schwächen: 1. Sie abstrahieren beide von gegenwartsbezogenen Merkmalen im Sport und von Veränderungsprozessen in der Olympischen Bewegung. 2. Weder die olympischen Ideale nach Coubertin, die fundamentalen Prinzipien in der Olympischen Charta noch die Grundprinzipien der Olympischen Pädagogik bei Grupe beschreiben einen direkten Erziehungsauftrag für Kinder und Jugendliche.

Olympisches Lernen Olympisches Lernen umfasst den Begriff der Olympischen Erziehung. Da Lernen heute nicht nur im und als Unterricht in Schulen stattfindet, sondern gerade im Sport und durch Sport in anderen Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen auch informell gegeben ist (z. B. in Sportvereinen) und individuell durch moderne elektronische Medien (online, Internet) auch selbst gesteuert wird, umspannt der Begriff des olympischen Lernens alle diese verschiedenen Formen und Arten des Aneignens von Wissen und Können. Gleichwohl haben sich besondere didaktisch-methodische Ansätze herausgebildet, die in unterschiedlicher Art und Weise und mit verschiedenen thematischen Akzentsetzungen Erfahrungen, Wissen und Können bei Kindern und Jugendlichen vor allem im Schulunterricht aufgreifen. Im Großen und Ganzen lassen sich vier klassische didaktisch-methodische Ansätze für die Olympische Erziehung unterscheiden. 1. Der wissensorientierte Ansatz dient dazu, altersgemäß über die antiken und modernen Olympischen Spiele in

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Wissen und Können: Prof. Dr. Roland Naul.

Form von Namen, Daten und Fakten aus nationaler und internationaler Sicht zu informieren und vor allem olympisches Geschichtswissen über die Spiele, die olympischen Ideale und ihre Symbole zu vermitteln. 2. Unter einem erlebnisorientierten Ansatz wird die gemeinsame Begegnung von Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen Ländern bei sportlichen und kulturellen Aktivitäten verstanden, z. B. in Form von außerunterrichtlichen Schulkooperationen und gemeinsamen außer­schulischen Jugendbegegnungen und olympischen Jugendlagern. 3. Der könnensorientierte Ansatz soll über systematisches Üben und Trainieren von sportlichen Fertigkeiten die erzieherischen Potenziale der sozialen Werte wie Fairness, gegenseitige Achtung, Respekt und Anerkennung als individuelle Selbstvervollkommnung im Wetteifern mit anderen entwickeln, um die individuell beste Leistung zu fördern. Dieser Ansatz bestimmt weitgehend die Publikationen und Materialien des NOK für Deutschland bzw. des DOSB, die regelmäßig aus Anlass der Olympischen Spiele unter dem Motto: »Olympia ruft: Mach mit!« veröffentlicht und an Schulen verbreitet werden. 4. Der lebensweltorientierte Ansatz verbindet die olympischen Ideale mit den eigenen positiven und negativen Sozialerfahrungen von Kindern und Jugendlichen im Sport und mit ihren Erfahrungen aus anderen Lebensbereichen. Motorische und sozial-kulturelle Alltagserfahrungen im und außerhalb des Sports werden in die Vermittlung von olympischen Werten und Idealen eingebunden

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und ­miteinander konfrontiert. Dabei geht es auch darum, ­Kinder im Zuge der fortschreitenden Bewegungsarmut zu mehr Bewegungszeiten zu gewinnen. Diese vier verschiedenen Ansätze thematisieren jeweils besondere Ausschnitte aus den Lebensbereichen von Kindern und Jugendlichen und akzentuieren besondere Themenstellungen zum olympischen Lernen. Eine integrierte Olympische Erziehung versucht diese unterschiedlichen Ausschnitte und verschiedenen Themenstellungen zusammenzuführen und einer gemeinsamen Betrachtung ihrer Zusammenhänge näher zu bringen. So gesehen werden für eine integrierte Olympische Erziehung die mit den verschiedenen Ansätzen angesprochenen Lernbereiche (motorisch, sozial, kognitiv) zusammengeführt und die verschiedenen Lebensbereiche im und außerhalb des Sports miteinander verbunden und dafür konkrete ­Erziehungsaufgaben formuliert. Diese Lernbereiche und Erziehungsaufgaben für eine integrierte Olympische Erziehung verstehen sich als eine gegenseitige Ergänzung der vier didaktischen Ansätze. Das integrierte Konzept der Olympischen Erziehung umfasst vier Lernbereiche: • das sportliche Können: Es umfasst Lernen, Üben, ­Trainieren und Wetteifern, um die eigene Leistung zu zeigen, zu verbessern und dabei fair zu handeln; • das soziale Handeln: Es orientiert sich an Vorbildern, an einem »guten Beispiel«, wie es in der Olympischen Charta heißt, dem man zur eigenen, harmonischen Selbstvervollkommnung im Lernen und im solidarischen Handeln mit anderen nachstrebt, deren soziale Werte man teilt; • das moralische Verhalten: Dabei geht es zunächst um die Akzeptanz und das Einhalten von Regeln und um das Akzeptieren von sozialen Werten, wie sie in den olym­ pischen Idealen gegeben sind, und um die Achtung anderer, fremder Kulturen und deren Wertordnungen; • das olympische Wissen: Hier geht es um den Besitz von Kenntnissen, um das Verstehen der Bedeutung und Funktion von olympischen Idealen, um diese Werte als Idee zu begreifen (Olympische Idee als TEMPEL), jedoch diese auch kritisch mit und an der gesellschaftlichen Wirklichkeit mit ihren olympischen Erscheinungsformen vergleichen zu können (Olympische Spiele als MARKT).

Zusammenfassung Der Begriff der Olympischen Erziehung will seit Anfang der 1990er Jahre wieder auf einen pädagogischen Sach­verhalt hinweisen und mit dem Bezug auf den ­traditionellen

Sport darauf aufmerksam machen, dass es um einen ganz bestimmten, nämlich »erziehenden Sport« geht, der in seiner ursprünglichen Funktion, wie bei ­Coubertin, ein bestimmtes ethisch-moralisches Erziehungsmittel darstellt. Die abermalige Wende im Schulsport zu einem (wieder) »erziehenden Schulsport« stellt dafür eine neue, erweiterte Plattform dar. Im Rahmen der alten und neuen Erziehungsaufgaben wird im »Memorandum zum Schulsport« (2009) vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), dem Deutschen Sportlehrerverband (DSLV) und der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) nunmehr auch die Olympische Erziehung genannt. Darin heißt es wörtlich: »Erziehung zum Sport und Erziehung durch Sport sollen sich ergänzen. Vor diesem Horizont werden mit Schulsport bestimmte Zielsetzungen verbunden, die an sportbezogene Motive wie Leistung oder Miteinander anknüpfen und auf erzieherische Vorstellungen wie Fair Play gerichtet sind, z. B. im Rahmen der ›Olympischen Erziehung‹.« (DOSB, DSLV, dvs 2009, S. 3). Diese Passage macht deutlich, dass hier das soziale Handeln als Erziehungsaufgabe einer Olympischen Erziehung akzentuiert wird, aber das gesamte Aufgabenspektrum noch nicht in den Blick geraten ist. Mit Blick auf die verschiedenen didaktisch-methodischen Ansätze und auf das Spektrum einer integrierten Olympischen Erziehung lautet die erzieherische Vorstellung: Die Olympische Erziehung soll das sportliche Können durch Leisten, Verbessern und Wetteifern fördern und darüber positive soziale Werthaltungen entwickeln. Durch Erfahrung der ethischen Prinzipien im sportlichen ­Handeln und Wissen über moralisches Verhalten soll moralisches Handeln im Sport gelernt und als Gewissen gebildet ­werden. •

Literaturauswahl P. DE COUBERTIN, Der Olympische Gedanke. Reden und Aufsätze (hrsg. vom Carl-Diem-Institut an der Deutschen Sporthochschule Köln), Schorndorf 1966 DEUTSCHER OLYMPISCHER SPORTBUND (Hrsg.), Memorandum zum Schulsport, beschlossen von DOSB, DSLV und dvs im September 2009 O. GRUPE, »Olympismus und olympische Erziehung. Abschied von ­einer großen Idee?«, in: DERS. (Hrsg.), Olympischer Sport – Rückblick und ­Perspektiven, Schorndorf 1997, S. 223 – 243 INTERNATIONAL OLYMPIC COMMITTEE, Teaching Values. An Olympic ­Education Toolkit, Lausanne 2007 D. KURZ, Elemente des Schulsports. Grundlagen einer pragmatischen Fachdidaktik, Schorndorf 1977 R. NAUL, »Der Doppelauftrag der Olympischen Erziehung im Schulsport«, in: Alpheios 9 (2009/2010), S. 62 – 67

Olympische Erziehung | Naul & Wick | Die pädagogische Dimension der Olympischen Idee

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Von München nach London Spiele und Idee – Eine Option für eine Olympische Erziehung? Von A n dr e a s Höf e r

»Der Olympismus ist immer enttäuschend und ermutigend zugleich.« Diese pointiert zugespitzte Formulierung wählte HansJochen Vogel, amtierender Oberbürgermeister der Stadt München und einer der beiden Hauptprotagonisten der Olympischen Spiele von 1972 – der andere war Willi Daume – im Rahmen einer kurzen Rede anlässlich der ­feierlichen Entzündung des Olympischen Feuers im ­griechischen Olympia. Damit brachte er die so typische olympische Ambivalenz auf den Punkt, die man auch als Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit bezeichnen könnte und die in besonders schmerzlicher Weise bei den Münchner Spielen zu Tage treten sollte.

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München ’72 und die »Jugend der Welt« Diese Spiele in der vergleichsweise noch jungen Bundes­ republik waren in vielerlei Hinsicht bahnbrechend und wegweisend, und sie sind ebenso mit positiven wie negativen Konnotationen verbunden. An den bleibenden Schatten der Spiele erinnerte ein Themenabend im ­Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF), und dieser Teil des Münchner »Erbes« hat uns im Laufe des Sommers, als sich die schlimmen Ereignisse des 5. September zum 40sten Mal gejährt haben, eindringlich beschäftigt. Doch auch jenseits des fatalen Terroranschlags setzten die Spiele – ganz im Sinne Willi Daumes und seines

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­ ongenialen Partners Hans-Jochen Vogel, der als kosten­ k bewusster Verwaltungsfachmann mit Daumes großen Entwürfen bisweilen seine Schwierigkeiten hatte – Zeichen, deren nachhaltige Wirkung sich in besonders exponierter Weise etwa im charakteristischen Zeltdach manifestiert, das Vogel – und nicht nur er – im Vorfeld seiner Realisierung eigentlich für untragbar hielt. So zeigt sich die vorbildliche und nachhaltige Wirkung der Münchner Spiele nicht zuletzt in der Architektur so wie in vielen anderen olympischen Entwicklungen der folgenden Jahrzehnte – doch dies gilt nicht für die Olympische Erziehung, um damit die Kurve zum hier in Rede stehenden Thema zu finden. Natürlich entsprach es der Intention der Verantwortungsträger aus Sport, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Politik, aus dem 1966 erhaltenen Privileg, die bedeutendste, öffentlichkeitswirksamste und teuerste Großveranstaltung des Sports beherbergen zu dürfen, den größtmöglichen Mehrwert zu entwickeln, um nicht von einem Sekundärgewinn zu sprechen. Doch zielte das entsprechende Bemühen in erster Linie auf einen politischen Gewinn und war nur sehr bedingt pädagogisch motiviert. So sah man das Potenzial der Olympischen Spiele und die mit ihrer Ausrichtung verbundene Chance mehr darin, ein positives Bild von Land und Leuten zu verbreiten, als darin, sie als einen Katalysator für die Olympische Idee zu nutzen. Adressaten entsprechender Maßnahmen waren dementsprechend Multiplikatoren und Meinungsmacher, wie ­Politiker, Funktionäre und besonders Journalisten – und erst in zweiter oder dritter Instanz die Jugend, die zu »rufen« ja einen expliziten Zweck der Spiele darstellt(e). Hierbei hatte man vor allem die Generation der Studenten im Blick, die vor dem Hintergrund der Ereignisse von 1968, die ja auch in Mexico-City im Vorfeld der dortigen Spiele sowie auch in Deutschland – die einzigen Toten der Protestaktionen hatte es übrigens in München gegeben – eine höchst sensible wie in ihren politischen Ansichten und Verhaltensweisen höchst heterogene Adressatengruppe darstellten. So wurden die spezifischen Angebote – wie vieles im Vorfeld der Spiele – sehr intensiv und kontrovers diskutiert.

Spielstraße und Jugendlager Zum Beispiel die »Spielstraße«. Die Idee, der Begegnung von Sport und Kunst im Sinne eines Mitmach-Angebots buchstäblich, wenn auch unter freiem Himmel, einen »Raum« zu geben, wurde von Daume gegen vielfachen Widerstand durchgesetzt, auch wenn im Zuge quälender und kontroverser Diskussionen das Konzept immer mehr

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verwässert wurde. Um nur eine Stimme aus dem Chor der »Spielstraßen«-Gegner zu zitieren, sei die ­damalige ­Rektorin der Deutschen Sporthochschule Köln, Liselott Diem, zitiert, die in einem Beitrag von »einer Beleidigung Olympias« sprach. Gleichwohl – oder vielleicht auch gerade ­deswegen – war die »Spielstraße« ein großer Erfolg, sofern jedenfalls die bloßen Zahlen als Gradmesser hinreichen mögen. So wurden 1,2 Millionen Besucherinnen und Besucher – spricht man besser von Teilnehmerinnen und Teilnehmern? – registriert, eine Zahl die sich noch beeindruckender ausnimmt vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die »Straße« nach den Ereignissen des 5. September vorzeitig geschlossen wurde. Für Willi Daume war das – von ihm beharrlich verfolgte und persönlich geprägte – Projekt »ein Höhepunkt der Spiele«. Im Rückblick erinnert die bis heute eigentlich singuläre Aktion in gewisser Weise an das »Kultur- und Erziehungsprogramm« der Olympischen ­Jugendspiele, auch wenn dieses eine andere Intention verfolgt und eine andere Zielgruppe anspricht, aber ­gleichfalls auf ein »Mitmachen« ausgerichtet ist. Als ein zweites Beispiel sei hier – ohne den historischen Exkurs im Blick auf »München ’72« allzu umfassend an­zulegen – das Olympische Jugendlager und damit eine Einrichtung angesprochen, die, erstmals 1912 realisiert, seit 1936 fest im Rahmenprogramm der Spiele verankert ist.

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1972 in München waren es insgesamt etwa 30.000 Jugendliche, denen in unterschiedlichen Zusammenhängen die Gelegenheit geboten wurde, olympisches Flair vor Ort zu erleben. Dabei war das offizielle Jugendlager des Organisationskomitees der Spiele mit 1.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus 53 Ländern im unweit des Olympiageländes gelegenen »Kapuzinerhölzl« noch das vergleichsweise kleinste. Unter der Ägide der Deutschen Sportjugend (dsj) waren 12.000, in Schulen untergebrachte junge Leute in München unterwegs, während das Bundesministerium des Innern (BMI) 3.000 oder die Katholische Kirche immerhin 1.800 Jugendliche zu den Spielen eingeladen hatte. Um den Bogen in die Gegenwart und zu den Spielen von London zu schlagen, sei erwähnt, dass in der Verantwortung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) seit den Winterspielen von Turin nationale Jugendlager durchgeführt werden, deren Etablierung dem – bedauerlichen – Umstand geschuldet waren, dass die Organisatoren der Spiele von der traditionellen Selbstverpflichtung zur Durchführung internationaler Begegnungen der »Jugend der Welt« inzwischen Abstand genommen hatten. Vor diesem Hintergrund hat der DOSB der dsj und der Deutschen Olympischen Akademie (DOA) bei alternierender Feder­führung und im Zusammenwirken mit den Nationalen Fachverbänden der je betreffenden Sportarten die Entsendung aus­gewählter junger Leistungssportler überantwortet, um diesen das Erlebnis »Olympische Spiele« vor Ort zu ermöglichen und sie damit, so die Hoffnung, längerfristig auch als Multiplikatoren für die Olympische Idee zu gewinnen.

Olympisches Lesebuch Apropos: Eine spezielle Zielgruppe, die im Sinne einer ­Olympischen Erziehung seit längerem verstärkt im Blickpunkt entsprechender Programme und Maßnahmen in Zusammenhang mit den Olympischen Spielen steht, spielte für die Münchner Organisatoren offenbar noch eine untergeordnete Rolle – nämlich Schülerinnen und Schüler. Diesbezüglich ist allein ein Olympisches Lesebuch erwähnenswert, eine Publikation, die 1971 von der Deutschen Olympischen Gesellschaft herausgegeben und von Walter Umminger verantwortet wurde. Es handelte sich um eine knapp 400 Seiten umfassende, insgesamt sicher anregende Sammlung teils durchaus kritischer Texte zum Sport von einem höchst illustren Autorenkreis von Pierre de Coubertin und Carl Diem über Papst Pius XII. bis Bertolt Brecht, Aldous Huxley oder Albert Camus, die gleichwohl heftige Kritik im In- und Ausland, insbesondere in der DDR her­vorrief. Stein des Anstoßes war insbesondere der Text Ummingers

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über den »deutschen Beitrag zur Wiederer­weckung der Olympischen Spiele«, der etwa den Westberliner Schul- und Jugendsenator zu der Weigerung veranlasste, das Buch in Umlauf, also auch und vor allem an die Schulen zu bringen. Letztlich blieb diese Münchner Initiative in Richtung Schule ein Fehlschlag und ein Muster ohne Wert.

Am Anfang war Pierre de Coubertin Gleichwohl begann vier Jahre später mit den Spielen von Montreal, die ansonsten nicht als Highlight der olympischen Geschichte in Erinnerung blieben, die Geschichte der Olympischen Erziehung im engeren Sinne, die wie fast alles, was heute das Adjektiv »olympisch« trägt, in einem weiteren Sinne natürlich mit Pierre de Coubertin beginnt. Denn der geniale Franzose war bekanntlich nicht nur der Erfinder der Olympischen Spiele, sondern er war auch der Erfinder der Olympischen Idee. Und diese war – jedenfalls in der Sichtweise Ommo Grupes und anderer – auch, wenn nicht in erster Linie, eine pädagogische Idee. Denn im Verständnis Coubertins war der von ihm erdachte ­Olympismus »kein System, sondern eine geistige Haltung« und die Spiele kein profanes Sportfest, sondern »ein Fest des menschlichen Frühlings«, also der Jugend, das nicht nur eine neue internationale, ja globale Bühne für das Messen ihrer körperlichen Kräfte darstellen, sondern »das Werk menschlicher, also auch geistig-moralischer Vervoll­ kommnung vollenden« sollte. Dabei zielte Coubertins ursprüngliche Motivation auf eine Erneuerung der französischen Jugend und damit – rébronzer la France – auf eine Wiedererstarkung seines Heimatlandes, für das die Niederlage gegen den ­Erzfeind Deutschland im Krieg von 1870/71 eine traumatische ­Erfahrung gewesen war. So wollte der junge ­Coubertin – entgegen der Familientradition – seinen Dienst am ­Vaterland nicht an der Waffe, sondern als Pädagoge leisten. Vor diesem Hintergrund erfand er die Olympischen Spiele gleichsam als Argument und als Katalysator für eine Schulreform in Frankreich, wo Sport – anders als in England, den USA und Deutschland, dort war es das Turnen – keinen ­festen Platz im Curriculum hatte. Diese Intention korrespondierte mit seinem Gedanken, nicht nur dem großen Sportfest der alten Griechen, sondern auch deren zentraler Bildungseinrichtung, dem ­Gymnasium – nach dem Motto »antiker Geist in moderner Form« – zu einer Renaissance zu verhelfen. Coubertin war aber nicht nur Patriot, sondern auch ­Kosmopolit, wobei er die beiden großen, widersprüch­ lichen Strömungen seiner Zeit in genialer Weise auf einen Nenner brachte. So stellte er die Olympischen Spiele in den

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Olympisch motiviert bis zur Nasenspitze: Dr. Thomas Bach (li.) und Lord Sebastian Coe.

Dienst einer übergreifenden, eben der Olympischen Idee, die einen höchst humanen Kern hatte, etwa Frieden und Völkerverständigung, aber eben auch einen pädagogischen Anspruch akzentuierte. Hier ist etwa der Elite-Gedanke zu nennen, der Gedanke nämlich, dass herausragende Athleten – an Athletinnen dachte Coubertin weniger – als Vorbild angesehen und einen Nachahmungseffekt auslösen würden. In diesem Sinne sah Coubertin die Olympischen Spiele als Mittel zum Zweck, gleichsam als einen pädagogischen Katalysator, wobei er – im Blick auf die britischen Public Schools – vorzugsweise von einer »l’éducation en ­Angleterre« oder »l’éducation athlétique«, später auch von einer »pédagogie sportive« sprach. Letzteren Begriff wählte er auch als Titel für ein bekanntes, 1920 erschie­ nenes Buch – das 1928 übrigens unter dem Titel »Sportliche Erziehung« ins Deutsche übersetzt wurde. Um aus der Fülle möglicher Zitate zum Thema nur drei Auszüge aus Coubertins berühmten, im Laufe der Jahre 1918 und 1919 versandten »Briefen zur olympischen Idee« ­anzubieten: »Die olympische Bewegung stößt Scheidewände um. Sie fordert Luft und Licht für alle, sie befürwortet eine allgemeine und allen zugängliche sportliche Erziehung, die gesäumt von männlichem Schneid und ritterlichem

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Geist, vermischt mit ästhetisch und literarisch orientierten ­Veranstaltungen, der Motor für das Leben der Nation und der Mittelpunkt im Leben der Staatsbürger sein soll. Das ist ihr Programm. Kann man es verwirklichen?« (26. Oktober 1918) »Habe ich vielleicht neulich die olympische Bewegung als von revolutionären Geist durchtränkt dargestellt, als ich sagte, sie ziele darauf ab, die Trennungswände in der ­Pädagogik umzustürzen? Diese Wände nieder­zureißen heißt doch nur, die innere Anordnung des Gebäudes umzugestalten, nicht aber, dass man die tragenden Mauern zerstört oder die äußere Bauform ändert. Diesem Vorwurf möchte ich mich nicht aussetzen, da ich zu denen gehöre, die die gewalttätigen Revolutionen für fast immer unfruchtbar halten.« (22. November 1918) »Es kann nicht genügen, dass man dieser ›olympischen‹ Pädagogik, von der ich letzthin sagte, sie beruhe gleichzeitig auf dem Kult der Kraftanstrengung und dem Kult der Harmonie – auf dem Geschmack also am Übermaß in der Verbindung mit dem Maß – einmal alle vier Jahre die Gelegenheit gibt, vor der ganzen Welt verherrlicht zu werden. Sie braucht außerdem ihre beständigen Produktions­stätten. Die olympische ›Fabrik‹ der Antike war das ­Gymnasion. Die Olympiaden sind wieder ausgetragen worden; das antike Gymnasion aber nicht; das muss noch geschehen.« (28. November 1918)

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Spiele und Idee Sollte das »Gymnasion«, bei Coubertin wohl ein Synonym für eine umfassende und harmonische Bildung, wie er sie in idealisierender Weise den Alten Griechen zuschrieb, vielleicht bis heute nicht in wünschenswertem Maße realisiert worden sein, muss den Olympischen Spielen – wir haben jetzt die 27. erlebt – zumindest bescheinigt werden, eine bemerkenswerte Konstante des 20. Jahrhunderts zu sein, auch wenn sie zugleich, wen sollte das wundern, ­signifikanten Veränderungen oder Entwicklungen unter­ zogen waren und sind. Nicht nur Willi Daume bezeichnete sie als Ausdruck und als Spiegel der Zeit – und schon von daher in stetigem Wandel begriffen. Will man im Rahmen eines ständigen Entwicklungs­ prozesses bestimmte Zäsuren herausarbeiten, ließe sich etwa auf die Spiele von 1936 in Garmisch-Partenkirchen und Berlin, Helsinki 1952 oder München 1972 verweisen, die in unterschiedlicher Hinsicht der Olympischen Bewegung eine neue Richtung verliehen haben. Und natürlich der Olympische Kongress von 1981 in Baden-Baden, ein Meilenstein in der olympischen Geschichte, mit dem Türen geöffnet und die Weichen für moderne und zukunftsfähige Spiele gestellt wurden. Bis dahin waren die Olympischen Spiele, ja die Olympische Bewegung insgesamt, sehr stark von politischen Implikationen geprägt und das Internationale Olympische Komitee (IOC) mit Krisenmanagement mehr als ausgelastet, wenn nicht bisweilen überfordert. Schon von daher waren weder Kapazität noch Legitimation gegeben, sich als ­moralische oder etwa pädagogische Instanz zu profilieren. Dies änderte sich mit einer von Baden-Baden ausgehenden, durch das Ende des Kalten Krieges sich manifestierenden Entpolitisierung des internationalen Sports und einer

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damit einhergehenden bis dahin ungeahnten Prosperität. Dies eröffnete Spielräume und vermittelte ein neues Selbstbewusstsein, das nicht zuletzt in kultureller und in pädagogischer Hinsicht zum Tragen kam. Beredter Ausdruck dieser Entwicklung ist etwa die Gründung der »Commission for Culture and Olympic Education« im Jahr 2000 als Zusammenschluss zweier IOC-Kommis­ sionen – »Cultural Commission« und »Commission for the International Olympic Academy and Olympic Education«. Wenn dieser Kommission mit Karl Lennartz, Norbert ­Müller und Klaus Schormann seit geraumer Zeit drei Deutsche angehören, spricht dies wohl auch für die Wertschätzung der gerade hierzulande geleisteten Arbeit im Sinne einer Olympischen Erziehung.

Deutsche Erfahrungen Gerade in Deutschland – und zwar mehr als anderswo – hat man sich intensiv mit der Theorie und Praxis der ­Olympischen Erziehung beschäftigt, nachdem der Mainzer Sportwissenschaftler Norbert Müller 1975 den Begriff ein­ geführt hatte. Selbiger führte im Übrigen viele Jahre den Vorsitz im ­bereits 1967 ins Leben gerufenen Kuratorium Olym­pische Akademie, einem ständigen Ausschuss des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) für Deutschland, das mehr und mehr die Funktion einer Nationalen Olympischen ­Akademie übernahm, ohne – dies schien NOK-Präsident Willi Daume zu ambitioniert – explizit unter diesem Namen zu firmieren. Nachdem man sich anfangs weitgehend auf die Funktion einer nationalen Verbindungsstelle der Internationalen Olympischen Akademie (IOA) und etwa auf die Auswahl und Vorbereitung der deutschen Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den Sessionen der IOA in Olympia beschränkt hatte,

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eignete sich das Kuratorium zunehmend auch Aufgaben und Kompetenzen im Sinne einer Olym­pischen Erziehung an, bevor es diese auch explizit als ­Kuratorium Olym­pische Akademie und Olympische Erziehung im Titel führte. Im Sinne dieses selbst gewählten Auftrags wurden etwa Lehrer­ fortbildungen durch­geführt und seit 1988 – unter dem Titel »Mach mit bei der ­Schülerolympiade« – Unterrichts­ materialien entwickelt und den betreffenden Schulen – stets kostenfrei – zur ­Verfügung gestellt. Freilich hatten es Begriff und Konzept einer Olympischen Erziehung anfangs schwer, sich in der deutschen Bildungslandschaft zu etablieren, zumal sich etwa zeitgleich eine sogenannte »realistische Wende« in der Diskussion um den Schulsport vollzog – eine Reduzierung der Bildungsaufgabe in diesem Fach auf eine pragmatische Bescheidenheit – frei nach dem Motto, es sei schon viel verlangt, die Schüler­ innen und Schüler zur Bewegung zu motivieren, da sollten sie nicht auch noch bessere Menschen werden müssen. Hinzu kam eine verbreitete Skepsis gegenüber olym­ pischen Konnotationen, wenn nicht eine generelle Ablehnung, die sich vorzugsweise am Leistungsprinzip abarbeitete. Leicht nachvollziehbar, dass Skepsis und Ablehnung durch bestimmte Begleiterscheinungen des olympischen Sports, wie die fortschreitende Kommerzialisierung oder Doping nur noch weiter geschürt wurden.

Olympische Erziehung | Höfer | Von München nach London

In diesem Sinne waren die Olympischen Spiele, so paradox es klingen mag, lange Zeit kontraproduktiv im Blick auf den mit ihnen verbundenen pädagogischen Anspruch. Dies änderte sich erst im Laufe der neunziger Jahre – befördert durch neue Tendenzen in der Schulsport-Diskussion und einer neuen (alten) Offenheit für weiterreichende ­Bildungsansprüche. Und natürlich durch den erstaunlichen Boom der Olympischen Spiele, der sich auch und gerade in Deutschland durch ein gesteigertes Interesse daran ausdrückte, den Zuschlag für die Ausrichtung der Spiele zu erhalten. Leider blieb entsprechenden Bemühungen – von Berchtesgaden (1992) über Berlin (2000) und Leipzig (2012) bis München (2018) – der finale Erfolg jeweils versagt. Bekanntlich hatten sich allein für die Spiele von 2012 in Deutschland fünf Städte ernsthaft interessiert, darunter Düsseldorf, das sich nicht zuletzt mit seinem Engagement für die Olympische Erziehung besonders zu profilieren versuchte. Ausgerechnet Düsseldorf, möchte man als Kölner sagen, rief eine »Dekade der Olympischen Erziehung« aus, wo doch gerade die Schulbehörden von NordrheinWestfalen auf alle olympisch etikettierten Initiativen lange ­allergisch reagiert hatten. Und obwohl das vorgelegte Konzept im Rahmen der ­Evaluierung durch das NOK für Deutschland höchstes Lob

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und höchste Punktzahl erhielt, fiel die Entscheidung zugunsten des Mitbewerbers Leipzig, der es dann bekanntlich nicht einmal ins Finale um die Vergabe der Spiele schaffte. Womit nicht gesagt sein soll, dass Düsseldorf erfolgreicher gewesen wäre, sondern nur zum Ausdruck gebracht werden soll, dass die Olympische Erziehung in der Zwischenzeit zu einem, wenn auch nicht zentralen, so doch auch nicht mehr unbedeutenden Faktor für die Profilierung von Bewerbern oder Austragungsorten erhoben worden war. Ein Blick in die Bewerbungsunterlagen von München und Co. mag diesen Befund bestätigen.

Von Montreal bis London So hat sich, wie angedeutet, seit 1976 eine mit den ­Spielen verbundene olympische Erziehungsoffensive entwickelt, die bis zu den Spielen von London ein erstaunliches Profil gewonnen hat. Sicher ist es ein lohnendes Unterfangen, die hier angesprochene Entwicklung einmal fundiert nachzuzeichnen, doch müssen an dieser Stelle einige wenige Stichworte genügen. In Zusammenhang mit den Spielen von Montreal wurde erstmals ein vom Organisationskomitee unterstütztes Erziehungsprogramm aufgelegt. Zwölf Jahre später kam es anlässlich der Winterspiele von Calgary zu einer landes­ weiten Initiative, die zum Vorbild für zukünftige Maß­ nahmen herangezogen werden sollte. In Verbindung mit den auch ansonsten großartigen Spielen von Sydney wurden im Zuge einer systematischen Erschließung aller ­Schulen des Landes mit Publikationen und anderen Maßnahmen potenziell 3,2 Millionen Schülerinnen und Schüler in olympischer Sache erreicht. Vor diesem Hintergrund ­zeigten sich auch die Verantwortlichen in Athen und Peking hoch ­motiviert, die Jugend in ihrem Land flächendeckend und effektiv auf die Spiele einzustimmen und für die ­Olympische Idee zu gewinnen. Unter dem Titel »Get set« wurden in London neue Maßstäbe gesetzt. Ein beeindruckend umfassendes und vielschichtiges Konzept, bei dem auch die Paralympics als Vehikel genutzt wurden, sollten im Zuge landes­weiter

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Aktionen junge Menschen etwa für einen »gesunden und aktiven Lebensstil«, einen verantwortlichen Umgang mit ökologischen Ressourcen, ein Engagement für ­Frieden und Völkerverständigung oder ein gutes und faires ­gesellschaftliches Miteinander gewonnen werden. So eindrucksvoll sich gerade das Londoner Programm »Get set« präsentierte, bleibt doch die Frage nach der tatsächlichen Wirkung oder dem erzielten Mehrwert. Diesbezüglich mangelt es bisher an entsprechenden Untersuchungen und verlässlichen Ergebnissen. Dies betrifft auch die Aktivitäten der – 2007 durch die Zusammenführung des Kuratoriums Olympische Akademie und Olympische Erziehung und des Deutschen Olympischen Instituts (DOI) ins Leben gerufenen – Deutschen Olympischen Akademie Willi Daume, etwa ihre Unterrichtsmaterialien, die, inzwischen unter dem ebenfalls bestens eingeführten Titel »Olympia ruft: Mach mit!«, mit Genehmigung und Unterstützung der zuständigen Behörden aller 16 Bundesländer flächendeckende Verbreitung und, wie vielfältige Rückmeldungen bestätigen, auch entsprechende Verwendung finden. Gerade an dieser Stelle aber muss der Autor dieser Zeilen seine persönliche Befangenheit einräumen und Analyse und Urteil anderen überlassen.•

Literaturauswahl P. DE COUBERTIN, Die sportliche Erziehung, Stuttgart 1928 P. DE COUBERTIN, Der Olympische Gedanke. Reden und Aufsätze (hrsg. vom Carl-Diem-Institut an der Deutschen Sporthochschule Köln), Schorndorf 1966 DEUTSCHE OLYMPISCHE GESELLSCHAFT (Hrsg.), Olympisches Lesebuch, Dortmund/Hannover 1971 A. HÖFER, »Pädagogisches Gütesiegel: Der ›olympische‹ Erziehungsauftrag«, in: Olympisches Feuer 52(2002)3, S. 20 - 21 INTERNATIONAL OLYMPIC COMMITTEE (Hrsg.), Teaching Values. An Olympic Education Toolkit, Lausanne 2007 LONDON ORGANISING COMMITTEE OF THE OLYMPIC AND PARALYMPIC GAMES, Get Set. The official London 2012 education programme, Zugriff unter: http://getset.co.uk/home N. MÜLLER, »Olympische Erziehung«, in F. THALLER/H. RECLA (Hrsg.), ­Signale der Zeit. Festschrift zum 70. Geburtstag von Prof. Dr. Josef Recla, Schorndorf 1975, S. 133 - 140 NATIONALES OLYMPISCHES KOMITEE FÜR DEUTSCHLAND (Hrsg.), Olympische Erziehung – eine Herausforderung an Sportpädagogik und Schulsport, Sankt Augustin 2004 R. NAUL/R. GESSMANN/U. WICK, Olympische Erziehung in Schule und ­Verein. Grundlagen und Materialien (hrsg. von der Deutschen Olym­ pischen Akademie), Schorndorf 2008 R. NAUL, Olympic Education, Aachen 2008 K. SCHILLER/CH. YOUNG, München 1972. Olympische Spiele im Zeichen des modernen Deutschland, Göttingen 2012

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Vorsicht »Stolpersteine«! Ehrung für jüdische Olympiasieger von Volk e r K luge

Das Schicksal der jüdischen Turn-Olympiasieger von 1896, Alfred und Felix Flatow, war vor 50 Jahren gänzlich unbekannt. Die wenigen Insider ignorierten ihre Ermordung oder verschwiegen sie schamhaft. Als ich 1961 den bekannten deutschen Sportjournalisten Arthur E. Grix nach Alfred Flatow befragte, schrieb er mir: »Flatow ist aus Berlin, war aber Jude und ist den üblichen Weg gegangen.« Den üblichen Weg ...? Heute ist dieser Name in Berlin allgegenwärtig. Es gibt eine Eliteschule des Sports, die nach den Flatows benannt wurde, die »Flatowallee« am Olympiastadion und eine »Flatow-Sporthalle«. 1996 erschien eine ihnen gewidmete Briefmarke. Seit dem 13. September 2012 liegen in Berlin auch »Stolpersteine«, die in das Pflaster der Gehwege und vor jenen Häusern eingelassen wurden, in denen die Opfer der Shoa zuletzt wohnten. Dabei handelt es sich um Gedenksteine

Olympische Erziehung | KLuge | Vorsicht »Stolpersteine«!

aus Beton mit 10 x 10 cm großen Messingplatten mit den Namen und Lebensdaten. Die Steine waren eine Idee des Künstlers Gunter Demnig, und sie liegen inzwischen in mehr als 500 deutschen Orten sowie in einigen weiteren europäischen Städten. Allein in Berlin wurden seit 1996 4.500 verlegt. Ihre Finanzierung erfolgt allein durch private ­Initiative. Paten der »Stolpersteine« für Alfred Flatow und seine Schwestern waren die Schüler und Lehrer der Flatow-Oberschule, die auch die Einweihungen mit einem Programm ausgestalteten. Die Patenschaft für Felix Flatow und seine Familie übernahm der Autor. Gedenkreden hielten u. a. der Präsident des Deutschen Turner-Bundes, Rainer Brechtken, Manfred Lämmer und Andreas Höfer, Vorstandsmitglied und Direktor der Deutschen Olympischen Akademie sowie die in den Niederlanden lebende Stephanie Flatow, die Enkelin von Felix Flatow.

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Ende des 19. Jahrhunderts, nach den Pogromen in Russland und Galizien, wanderten 65.000 Juden nach Deutschland ein, wo sie sich sicher fühlten. 19.000 von ihnen ließen sich in Berlin nieder, wo sie dazu beitrugen, die neue Reichshauptstadt zu einer florierenden Industriemetropole zu entwickeln. Unter ihnen waren die Flatows, die vorher in dem heute zu Polen gehörenden Westpreußen lebten. Wie die meisten Berliner Juden waren sie bald assimiliert. Sie besuchten deutsche Schulen, dienten im preußischen Heer und schlossen sich den bürgerlichen Turnvereinen an, obwohl es seit 1898 in Berlin auch einen jüdischen Turn- und Sportverein namens »Bar Kochba« gab. 1896 gehörten die beiden Flatows zu der kleinen Olympiamannschaft, die Deutschland in Athen vertrat. Sie gewannen mit der Turnriege die Team-Wettbewerbe am Barren und am Reck. Alfred Flatow, 1889 mit 20 Jahren der jüngste Turnlehrer Deutschlands, siegte zudem in der Einzelkonkurrenz am Barren und belegte Platz zwei am Reck. Der »Lohn des Vaterlandes« blieb jedoch aus. Da die ­Turner gegen den Willen der Verbandsführung teilgenommen hatten, wurden sie für alle überregionalen Wettkämpfe gesperrt. Antisemitische Angriffe blieben jedoch die Ausnahme. Sie begannen erst 1933 nach Hitlers »Machtergreifung« mit voller Wucht, als die von einem Nationalsozialisten geführte Deutsche Turnerschaft den Vereinen den Ausschluss ihrer jüdischen Mitglieder nahelegte. Alfred Flatow, der nach seiner aktiven Karriere als »Turnschriftsteller« und Fahrrad-Engros-Händler arbeitete, kam dem mit seinem freiwilligen Austritt zuvor. Eher als andere erkannte Felix Flatow die Zeichen der Zeit. Der Besitzer einer Textilfirma, die die damals modernen Matrosenanzüge für Jungen herstellten, emigrierte noch im selben Jahr in die Niederlande, wo er sich in ­Rotterdam eine neue berufliche Existenz aufbaute. Zu den Anachronismen jener Zeit gehörte, dass die Flatows 1936 als Ehrengäste zu den Olympischen Spielen nach Berlin eingeladen wurden, obwohl ihnen im Jahr zuvor durch die »Nürnberger Gesetze« die bürgerlichen Rechte geraubt worden waren. Sechs Jahre danach, am 3. Oktober 1942 – ­seinem 73. Geburtstag –, wurde Alfred Flatow in das Getto ­Theresienstadt deportiert, wo er am 28. Dezember 1942 umkam. Felix Flatow entzog sich vorübergehend der drohenden Verschleppung, indem er mit seiner Familie untertauchte. Doch in der Silvesternacht 1942 wurde er verraten. Über das KZ Westerbork kam er am 26. Februar 1943 ­ebenfalls nach Theresienstadt, wo am 29. Januar 1945 den Hungertod starb. •

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Aufarbeiten und Bewältigen Auch die olympische Vergangenheit wiegt schwer von A n dr e a s Höf e r

Ansprache anlässlich der Verlegung des Stolpersteins für Felix Flatow am 13. September 2012 in Berlin »Von den Völkern zu verlangen, sich gegenseitig zu lieben; ist eine Art Kinderei.« So hat es einmal ein genialer Franzose ebenso pointiert wie treffend formuliert. Um dann fortzufahren: »Sie aufzufordern, sich zu achten, ist keine Utopie – aber um sich zu achten, muss man sich zunächst kennen.« Auf diese Weise hat Pierre de Coubertin, der Erfinder der Olympischen Spiele der Neuzeit, einen Kern seiner olym­ pischen Vision auf den Punkt gebracht. Schließlich war es ihm nicht um »einfache internationale Championate«, soweit schon innovativ genug, zu tun, sondern um »Feste des menschlichen Frühlings«, die der »Jugend der Welt« nicht nur eine neue, nein – Ende des 19. Jahrhunderts – eine erste Option bieten sollten, ihre Kräfte im grenzüberschreitenden ­Vergleich zu messen. Und mehr noch: Der französische Baron wollte die ­Faszination von Bewegung und Wettkampf gleichsam als Vehikel oder Katalysator nutzen, und zwar in der Absicht,

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einen Beitrag zu einer »friedlichen und besseren Welt« zu leisten – wie es noch heute sinngemäß in der Olympischen Charta heißt. Welch ambitionierte Vision, möchte man meinen, ein Traum oder eine Utopie, die sich umso schillernder ausnimmt, je konkreter sie an der Realität gemessen wird. Und so gesehen wird man konstatieren müssen, dass sich die Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit als eine gleichsam konstituierende Konstante der olympischen Geschichte darstellt – und dies von allem Anfang an. So fand Coubertins Projekt keinesfalls nur begeisterte Zustimmung, von Unterstützung zu schweigen. Gerade in Deutschland waren die Abwehrreflexe groß, vor allem bei den Turnern, die ein internationales, ja globales Sportfest, zumal von einem Franzosen auf die Schiene gesetzt, mit ihrem Selbstverständnis als Hüter deutscher Sitte und Moral für unvereinbar hielten. Umso größer die Empörung, dass einige Protagonisten deutscher Turnkunst, und zwar keineswegs die schlechtesten, sich offen zeigten für den Reiz des Neuen und dem Werben des deutschen Parteigängers Coubertins, des ­Berliner Chemikers Dr. Willibald Gebhardt folgten und sich auf den langen, beschwerlichen Weg – Stichwort »Holzklasse« – von Berlin nach Athen machten. Zur kleinen, aber erfolgreichen deutschen »Achtungsvertretung« zählten, wie wir wissen, auch die Berliner ­Cousins Alfred und Felix Flatow. Und sie zählten auch zu jenen, die »Medaillen für Deutschland« gewannen – wenn auch »nur« Silber, weil es goldene in Athen noch nicht gab. A la bonne heure – möchte man sagen. Doch in den Anfangstagen der Spiele waren die Sieger noch keine Stars, von Werbeverträgen und Fanclubs zu schweigen. Im Falle der Flatows war eher das Gegenteil der Fall: Sie wurden zum Teil recht heftig gescholten, ja als Verräter gebrandmarkt. Wobei weniger ihre jüdische Identität im Fokus stand, als ihre Identität als deutsche Turner. Ob die beiden Flatows durch das Erlebnis der Athener Spiele auch so etwas wie eine »olympische Identität« entwickelten, lässt sich nur mutmaßen. Fest steht aber, dass sie sich für immer einen Ehrenplatz in der olympischen Ahnengalerie verdient haben. Und nicht nur das: Mehr noch als ihre olympischen Meriten verdient ihr persön­ liches Schicksal Respekt. Gerade damit aber tun wir uns hierzulande schwer. In Deutschland nämlich hat Geschichte ein spezifisches Gewicht. Sie wird vielfach als »Vergangenheit« ­empfunden, die nicht nur aufgearbeitet, sondern auch »bewältigt« werden will. Und bei unserem typisch ­deutschen Hang zu selbstquälerischen Debatten ums

Olympische Erziehung | Höfer | Aufarbeiten und Bewältigen

Grundsätzliche, bleibt nicht selten zu wenig Raum für den zutiefst menschlichen Impuls der Empathie. So diskutieren wir etwa uferlos über den Sinn und Zweck monumentaler Gedenkstätten und ihre Ausgestaltung und verlieren oft den Blick für die ­vermeintlich kleine menschliche Geste – so etwa für die Verlegung eines »Stolper­steines«. »Die Olympischen Spiele feiern, heißt« – um noch einmal Pierre de Coubertin zu zitieren – »sich auf die Geschichte berufen«. Mehr als 115 Jahre sind seit der olympischen Premiere in Athen vergangen. Mehr als 75 Jahre sind die »Spiele unterm Hakenkreuz« Geschichte, als das große Friedensfest des Sports im Kalkül der Nazis propagandistisch vereinnahmt wurde. Eine großartige Ausstellung hat im vergangenen Jahr hier in Berlin, gleichsam an Ort und Stelle, nämlich im Olympiastadion, daran erinnert. Und wir wissen, dass die olympischen Veteranen Alfred und Felix Flatow durchaus Anteil nahmen an den Spielen in »ihrer« Stadt, obwohl – oder vielleicht gerade weil – sie als Juden längst aufs Übelste diffamiert und diskreditiert wurden. Und gerade erst vor wenigen Tagen jährte sich zum 40.Mal der menschenverachtende Anschlag auf die isra­ elische Mannschaft bei den Olympischen Spielen in ­München, der bis heute Fragen offen lässt – übrigens auch die Frage nach dem »richtigen«, jedenfalls einem wür­ digen Gedenken. Unbestreitbar: Auch die olympische Geschichte hat ihre dunklen, ja schwarzen Kapitel. Doch wer das Glück hatte, zumindest einige Tage des diesjährigen »olympischen Sommers« in London verbringen zu können, wer die Offenheit, Freundlichkeit, den Humor und die Hilfsbereitschaft der Menschen vor Ort erleben durfte und nicht immun war gegen die inspirierende Wirkung der gerade hier allgegenwärtigen kulturellen Vielfalt, der mag sich die ­Hoffnung bewahren, dass der olympische Geist – obwohl er auch an der Themse unsichtbar blieb – doch auf subtile Weise ­Wirkung entfaltet und eine Vision am Leben hält, die Pierre de Coubertin »Olympische Idee« genannt und die der gleichfalls, wenn auch auf andere Weise geniale John Lennon unter dem Titel »Imagine« vertont hat. »Imagine«! Stell‘ dir vor! Stell‘ dir vor, es sind Olym­ pische Spiele und alle Menschen verbindet eine Vision. Alle Grenzen verschwinden, Gegensätze lösen sich auf. Es gibt keine Länder und Nationen mehr – »and no religion too«. Gegner werden zu Partnern, gleiche Ziele und Regeln für alle. Und: »Nothing to kill and to die for.« So könnte es auch Pierre de Coubertin formuliert haben: »Imagine all the people living life in peace.« Welch wunderbare Melodie einer wunderbaren Utopie. Es liegt an uns, was wir daraus machen. •

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Olympia ruft: Mach mit! Erziehung mit Gütesiegel Von A n dr e a s Höf e r

Stell’ dir vor: Olympia ruft, und alle machen mit. Auf diese Weise ließe sich die Vision oder das Ziel all derjenigen auf den Punkt bringen, die sich im Sinne einer Olympischen Erziehung engagieren. Nun ist, zugegeben, »Erziehung« ein Begriff mit unterschiedlichen Konnotationen, der bisweilen Abwehr­reflexe hervorruft und im Zusammenhang des Sports manchem auch als antiquiert oder weltfremd erscheinen mag. Könnte man sprachlich ausweichen und sich etwa des englischen »Education« bedienen, dürfte es weniger aufdringlich wirken, da auch jener Aspekt jugendbezo­gener Zuwendung implizit mitgedacht ist, den wir im ­Deutschen als »Bildung« verstehen und bezeichnen. Doch wie dem auch sei: Verbindet sich »Erziehung« – oder ­»Education« –

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mit jenem Adjektiv, das wir als besonderes Gütesiegel zu verstehen pflegen, muss dies zumindest erklärt, wenn nicht begründet werden – und zwar vor allem dann, wenn die Adressaten des Bemühens sich einer besonderen behördlichen Zuwendung erfreuen, wenn es sich also etwa um Schülerinnen und Schüler handelt. Mit dieser Hürde sieht sich die Deutsche Olympische ­Akademie (DOA) zum Glück nicht mehr explizit konfrontiert, da sie seit geraumer Zeit der Zustimmung und Unterstützung der zuständigen Stellen aller 16 Bundesländer im Blick auf jene Materialien versichert sein darf, die sie unter dem bestens eingeführten Titel »Olympia ruft: Mach mit!« jeweils anlässlich der Olympischen Spiele interessierten Lehrerinnen und Lehrern zur Verfügung stellt.

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Weltmeisterin im Dienst der Werte: Fair-Play-Botschafterin Steffi Nerius als Gast der DOA.

Dabei erfreuen sich gerade die als klassische Broschüre vorgelegten Lehrhilfen für die Primarstufe seit jeher – ­erstmals wurde eine, wenn zunächst auch vergleichsweise bescheidene und noch keineswegs flächendeckend mit behördlicher Unbedenklichkeit ausgezeichnete Publikation im Vorfeld der Spiele von 1988 in Seoul vorgelegt – großer Beliebtheit, wie zahlreiche Rückmeldungen, etwa auch Berichte über entsprechend angeregte Projekte in der Schule belegen. Doch auch das »nur« online verfügbare Angebot für die Sekundarstufe wird nachweislich vielfach genutzt. Diesbezüglich mag eine beachtliche Zahl als Beleg dienen: Im Umfeld der Londoner Spiele registrierte die DOA nicht weniger als 165.000 Downloads für die auf ihrer ­Website eingestellten Materialien. Damit ist freilich wenig bis nichts über die Art und Weise der konkreten Nutzung gesagt, von deren Ertrag oder Ergebnis zu schweigen. So muss bis auf Weiteres die Frage im Raum stehen bleiben, welchen Effekt das Bemühen um die Vermittlung olympischer Werte in der Schule oder anderenorts tatsächlich mit sich bringt. Schaden kann es jedenfalls nicht, schon junge Menschen für einen fairen und respektvollen Umgang mit sich und mit anderen zu gewinnen und den Sport(-Unterricht) dabei gleichsam als Labor und als Spielwiese zu nutzen. Dass diese Einschätzung auch von vielen Vertreter­ innen und Vertretern der pädagogischen Praxis geteilt

Olympische Erziehung | Höfer | Olympia ruft: Mach mit!

wird, unterstreicht auch die rege Nachfrage nach der seit ­Frühjahr 2012 auch als Edition im praktischen A1-Format verfügbaren Poster-Präsentation »Faszination Olympia: Fünf Ringe – Eine Idee«, die im dekorativen Großformat seit ihrer Premiere im Juli 2011 und gerade vor und während der Spiele von London im Blickpunkt vieler öffentlicher Aktionen stand. Ist auch nicht alles Gold, was olympisch glänzt, scheint doch für die Olympische Erziehung zu gelten: Wenn ­Olympia ruft, machen viele gerne mit. So sei abschließend, so viel Werbung darf sein, darauf verwiesen, dass die hier in Rede stehenden Materialien neben anderen Angeboten über den DOA-Onlineshop erhältlich sind.•

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Eltville oder Stecknadel und Duftmarke Olympische Erziehung ohne Grenzen Von A n dr e a s Höf e r

Wenn das malerische Eltville im hessischen Rheingau als ein – wenn auch nur temporäres – ­Epizentrum der Olympischen Bewegung ausgewiesen wird, bedarf dies sicher einer Erklärung. Und es wäre wohl mehr zu sagen, als nur darauf hinzuweisen, dass in dem ansonsten sportpolitisch nicht übermäßig exponierten Örtchen am Ufer des Rheins der Versuch unternommen wurde, aus einem Austausch nationaler Erfahrungen eine europäische Perspektive im Sinne einer »Olympischen Erziehung ohne Grenzen« zu entwickeln. Vielleicht war der nahegelegene Fluss ein schönes Sinnbild des vor Ort verfolgten Anliegens. Zwar ist der Rhein der »deutsche Fluss« schlechthin, doch seine Quelle und seine Mündung liegen bekanntlich außerhalb Deutschlands, nämlich in der Schweiz und in den Niederlanden. Für Liechtenstein und Frankreich ist er Grenzfluss, und

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sein Einzugsgebiet umfasst zudem Österreich, Luxemburg, ­Belgien und Italien. Die Natur kennt eben keine nationalen Grenzen – und dem Lauf des Wassers stehen keine ­politischen oder kulturellen Barrieren im Wege. Für uns Menschen stellt sich die Sache leider komplizierter dar. Allzu oft sind wir auf Unterschiede und Hindernisse fixiert, statt die eigentlich sehr viel größeren Gemeinsamkeiten in den Blick zu nehmen und zu stärken. Schließlich verbinden uns bei allen individuellen Besonderheiten der Wunsch und die Hoffnung – und auch das Recht –, ein friedliches und glückliches Leben zu führen. Die Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu treten, Erfahrungen auszutauschen, zu reden und zuzuhören, stellt nicht nur eine bereichernde Erweiterung unseres je eigenen Horizonts dar, sondern schafft auch die Basis für die Lösung von Problemen, die in einer zunehmend

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­ lobalen Welt nicht von Einzelnen allein, bisweilen nicht g einmal im nationalen Zuschnitt zu lösen sind. Vor diesem Hintergrund versteht sich, dass das entsprechende ­Bemühen der Europäischen Union mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. In diesem Zusammenhang kommt aber auch dem Sport besondere Bedeutung zu. Gerade die Olympischen Spiele – wir konnten das in diesem wunderbaren ­Sommer in ­London in ganz beeindruckender Weise erleben – ­stehen für die Begegnung von Menschen im Zeichen verbindender Werte und im Rahmen allseits akzeptierter Regeln und ungeschriebener Gesetze. So ergibt sich die Faszi­nation von Bewegung und Wettkampf nicht nur aus Rekorden und Medaillen, sondern auch aus der »Kraft des guten ­Beispiels« von Fairness, Respekt und gegenseitiger ­Achtung. Damit ist auch der zentrale Auftrag der Olympischen Akademien beschrieben, deren Aktivitäten sich vor allem auf junge Menschen richten, die im Sinne einer Olym­ pischen Erziehung für die Werte des Sports gewonnen werden sollen. Diesbezüglich wird vielerorts seit vielen Jahren eine Fülle teils sehr wirksamer Initiativen und Maßnahmen auf nationaler Ebene ergriffen, während entsprechende Kooperationen über Grenzen hinweg bisher eher die Ausnahme sind. Meist fehlt es selbst an Informationen und persönlichen Kontakten. Diesem Defizit Abhilfe zu schaffen, war die Intention der Deutschen Olympischen Akademie (DOA) mit ihrer Ein­ladung nach Eltville, die erfreulicherweise eine bemerkenswerte Resonanz fand. So trafen sich Vertreter­ innen und Vertreter von nicht weniger als 26 Akademien an einem sonnigen Wochenende im Oktober zu einem kollegialen und höchst anregenden Erfahrungs- und Gedanken­austausch, wobei zwei interessierte Kollegen aus Katar der Veranstaltung eine bereichernde außer­ europäische Note verliehen.

Eine besondere inhaltliche Tiefe wurde auch durch die ­Vorträge exponierter Experten gewährleistet: Prof. Dr. Deanna Binder von der University of Alberta in Kanada, Anne Chevalley vom Internationalen Olympischen ­Komitee, der DOA-Vorsitzenden Prof. Dr. Gudrun Doll-Tepper, Prof. Dr. Konstantinos ­Georgiadis, dem Honorary Dean der Internationalen ­Olympischen Akademie, Jacob Kornbeck als Vertreter der Europäischen Union sowie Prof. Dr. Roland Naul von der Universität ­Duisburg-Essen. Gerade Letztgenannter ist der DOA und ihrem Anliegen der Olympischen Erziehung seit langem verbunden und als Direktor des Willibald Gebhardt Instituts und Mitveranstalter der Zusammenkunft von Eltville an deren Gelingen – man darf wohl sagen, am Erfolg – maßgeblich beteiligt. Apropos: Der Erfolg der Initiative lässt sich nicht in einem »Eltviller Manifest« oder einem Dokument anderen Titels festmachen. Auch wurde keine neue Organisation oder ein europäischer Ableger einer bereits bestehenden ins Leben gerufen, kein Präsidium oder Vorstand gewählt. Nicht einmal ein Katalog konkreter Maßnahmen oder Ab­sichten wurde verabschiedet oder wenigstens als notwendig erachtet. Und dennoch oder gerade deswegen: Man war sich einig über den Mehrwert der Initiative, in der Einschätzung von Verlauf und Ergebnis der Veranstaltung und vor allem auch dahingehend, dieselbe als einen Auftakt oder eine Initialzündung für einen Prozess zu verstehen, der bei anderer Gelegenheit und an einem anderen Ort einen neuen Schub ähnlicher oder anderer Art erhalten soll. So wird Eltville eine Art Stecknadelkopf auf der globalen olympischen Landkarte bleiben, der sich gleichwohl mit einer besonderen Duftmarke verbindet. Es muss ja nicht immer der kolossale Meilenstein im grellen Schein­ werferlicht sein, der den Weg zu neuen olympischen ­Grenzgängen weist. •

Olympische Erziehung | Höfer | Eltville oder Stecknadel und Duftmarke

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Ich bin »Wert-voll«: Meine Orientierung im Alltag und in der Gesellschaft Ein Projektbericht von H e n n e s W e i SS

Wie und warum kommt man in Zeiten des Zentral­ abiturs und der Kompetenzorientierung dazu, olympische Werte als Unterrichtsinhalte zu wählen?

Vorgeschichte »Olympische Erziehung in der Schule – Erziehung zu Fair Play, Leistung und gegenseitiger Achtung«: Der anspruchsvolle Titel der Fortbildungsveranstaltung, die ich 1995 in Olympia/Griechenland besuchte, hielt, was er versprach. Die Mischung aus professioneller Information, kritischer Diskussion, Sportpraxis und lebendiger Antike infizierte mich. Sehr beeindruckt war ich von den zahlreichen Unterrichtsbeispielen, die Kollegen auf einer Börse im Rahmen der Fortbildung vorstellten. Mit einem vertieften Verständnis für die olympischen Werte ausgestattet, startete ich nach der Rückkehr in den Schulalltag das erste Projekt an der Schule Auf der Aue

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(Münster/Hessen). Im Deutschunterricht einer 7. Klasse wurde das Thema, das das Schulcurriculum vorgab, mit olympischen Inhalten kombiniert. Es entstanden vielfältige Produkte (Texte, Kunst­objekte, Audiobeiträge...). Kolleginnen und Kollegen sowie die Presse nahmen wohlwollend Notiz davon, die Schul­leitung war angetan. Letztlich überzeugend, in dieser Form weiter zu arbeiten, waren die Aktivitäten und Reaktionen der Schülerinnen und Schüler. Gespräche über Lebensziele, Wertorientierung und veränderbare Verhaltensoptionen wurden mit Ernsthaftigkeit und Offenheit geführt. Meine Einstellung zu schulischen Inhalten mit persönlichem Lebensbezug veränderte sich. In den folgenden Jahren kamen Kolleginnen und ­Kollegen meiner Schule (Alfred-Delp-Schule Dieburg, Oberstufengymnasium) hinzu, die vergleichbare Vorstellungen von Unterricht hatten. Es entstanden wechselnde Lehrer- und Lerngruppen, die an fachübergreifenden

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­ rojekten zum Thema Olympische Erziehung mitarbei­teten. P Es entstand ein Muster für Projektarbeit, das mehrfach umgesetzt wurde: • mit Kolleginnen und Kollegen das Thema konkretisieren • Schülerinnen und Schüler vom Thema überzeugen und ihre Anregungen aufnehmen • beteiligte Lerngruppen auf Pflichten (Klausuren, ­Termine, Qualität der Arbeitsergebnisse...) hinweisen • außerschulische Experten hinzuziehen • Abschlussveranstaltung mit Ergebnispräsentation gemeinsam gestalten Es wurden die Projekte »Sport in der Informationsgesellschaft«, »Fair Play«, »Menschenrechte und die Olympische Idee« durchgeführt. Schulen aus der Region erprobten die entstandenen Materialien und entwickelten sie weiter. Der Ansatz, olympische Inhalte in den Regelunterricht zu integrieren, funktionierte mit jedem Projekt ein bisschen besser.

Didaktische Orientierung Die didaktische Grundausrichtung unserer Arbeiten entsprang unserem »pädagogischen Bauchgefühl«. Im kons­ truktiven Austausch mit Rolf Geßmann (Deutsche Sporthochschule Köln) und Prof. Dr. Roland Naul (Universität Duisburg-Essen) haben wir unsere pragmatische Ausrichtung immer wieder neu justiert und an wissenschaftlichen Vorstellungen gemessen. Der Kern des hier in Rede stehenden Projektes »Ich bin ›Wert‹-voll: Meine Orientierung im Alltag und in der Gesellschaft« lässt sich vereinfacht in zwei Fragen fassen: Kann Schule glaubhaft und erfolgreich Werte vermitteln? Welche Werte sind zeitgemäß, werden von Schülern akzeptiert und sind praktisch umsetzbar? Schüler und Lehrer sollten gemeinsam Werteerziehung erfolgreich gestalten, indem der Bezug zur Lebenswirklichkeit hergestellt wurde. Dazu sollten die Perspektiven ­Können, Wissen und Erleben zusammenfließen. Die wesentlichen Komponenten der Olympischen Erziehung lassen sich in drei Bereichen konkretisieren: Leistung, Fairness, gegenseitige Achtung. Für das praktische Handeln bedeutet dies (unterschiedlich formuliert): • Leistung zeigen • fair verhalten • solidarisch handeln • Regeln einhalten • Fremdes achten • Werte und Wirklichkeit vergleichen • zeigen, was man kann • mit Anstand gewinnen und verlieren können

• die Anstrengung und Leistung anderer würdigen • Verschiedenheit erkennen und akzeptieren Ziel des Projektes war es, • eigene Werte und Verhaltensziele ins Bewusstsein zu heben, • unterschiedliche Wertvorstellungen zu thematisieren und zu hinterfragen, • die Werte der Olympischen Idee kennenzulernen, • eine eigenständige Wertorientierung zu fördern, aber nicht Wertvorstellungen zu lehren.

Organisation Beteiligt waren die Fächer Sporttheorie, Ethik, Kunst, Mathe­matik und Informatik. Das Projekt wurde im Regel­ unterricht durchgeführt und unterlag somit allen Verpflichtungen wie Leistungsüberprüfung (Klausur) oder Abiturrelevanz. Anknüpfend an die ver­ pflichtenden Inhalte der Lehrpläne der jeweiligen Fächer arbeiteten die Lerngruppen an fachspezifi­ schen Aspekten der übergeordneten Themenstellung. Lehrkräfte und Schüler konkreti­ sierten gemeinsam, welche Themenschwerpunkte in ihrem Fachunterricht bearbeitet werden sollten. Die Lehrkräfte informierten über den übergeordneten Themenrahmen und die fachlichen Besonderheiten. Die Arbeitsergebnisse der beteiligten Kurse wurden ausgetauscht und zu einem Gesamtergebnis verbunden.

Umsetzung Das Projekt startete mit einer Auftaktveranstaltung aller beteiligten Schüler und Lehrer. In dieser Veranstaltung ­wurden die Ziele und die Organisation erläutert. Weiterhin wurden allen Teilnehmern Möglichkeiten geboten, Er­wartungen und Anregungen einzubringen. Die Kurse entschieden intern, ob sie am Projekt teilnehmen und damit definierte Verpflichtungen verbindlich übernehmen wollten. Das Projekt wurde zwischen den Herbst- und Weih­ nachts­ferien durchgeführt. Es standen acht Wochen und damit 12 – 20 Unterrichtsstunden je nach Fach zur ­Ver­fügung. Die Auswertung erfolgte im Januar/Februar 2011. Die Veröffentlichung der von den Schülern erstellten ­Materialien folgte in Absprache mit den Projektpartnern im Juni 2011.

Olympische Erziehung | WeiSS | Ich bin »Wert-voll«: Meine Orientierung im Alltag und in der Gesellschaft

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Inhaltliche Arbeit Mit Hilfe eines vorbereiteten Materialpools und Kollegen, die selbst keine Projektgruppen unterrichteten, aber im Projekt mitarbeiteten, konnten die beteiligten Lehrkräfte die inhaltlichen Elemente des Projektes bearbeiten: Mit standardisierten Interviews wurden in den Kursen Eingangsbefragungen zum Themenkomplex »persönliche Werte« und »Handlungsziele« durchgeführt. Jeder Kurs erhielt in einem Referat (eine Doppelstunde) und weiter­ führenden Materialien zum Thema »Wie entwickeln wir unsere Einstellungen und Werte?« wissenschaftliche Grundlagen zur kompetenten Behandlung des Themas. Für eine erste praktische Auseinandersetzung mit dem Thema standen den Kursleitern »Dilemma-Situationen« in Form von Texten und Videos zur Verfügung. »DilemmaSituationen« zeichnen sich dadurch aus, dass es in einem (moralisch/ethischen) Entscheidungsfall mindestens zwei sinnvolle Lösungswege gibt. Eine Abwägung nach persönlichen Interessen/Werten ist erforderlich. In einem weiteren Materialpaket erhielten die beteiligten Kollegen Texte, Plakate und Videos zur modernen Olympischen Erziehung. Dieses Materialpaket wurde mit einem Referat zur Diskrepanz von olympischer Praxis und Olympischer Erziehung flankiert.

Kursübergreifende Aktivitäten Nach der Erarbeitung der Grundlagen konnten die beteiligten Schüler im Rahmen eines »Expertentages« an der Alfred-Delp-Schule prominenten Fachleuten ihre bisherigen Kenntnisse und Erfahrungen darstellen und mit ihnen unterschiedliche Perspektiven des Themenkomplexes ­diskutieren. Mit Unterstützung der Deutschen Olympischen Akademie Willi Daume (DOA) konnten folgende Experten gewonnen werden: • Tobias Beck, Ex-Trainer der Frauen-Tischtennisnationalmannschaft

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• Matthias Zieschang, Bobfahrer, verhinderter Olympiasieger • Jörg Rosskopf, Deutscher Meister und TischtennisBundes­trainer • Philipp Seubert, Radrennfahrer, ehemaliger Schüler der Alfred-Delp-Schule • Ralf Weitbrecht, Sportjournalist, Frankfurter Allgemeine Zeitung • Dr. Andreas Höfer, Sporthistoriker und Direktor der DOA Die Experten wurden von Schülern (Paten) im Plenum vorgestellt. Im zweiten Teil der Veranstaltung konnten die Schüler in einem Rotationsverfahren mit jedem Experten Erfahrungen und Einschätzungen aus den Perspektiven von Trainern, Aktiven, Journalisten und Wissenschaftler austauschen.

Besuch Bundesligaspiel Beim Besuch des Bundesligaspiels Hoffenheim-Hannover am 31. Oktober 2010 (55 Karten gespendet von der TSG Hoffen­heim) wurden viele Aspekte des Themas »Werte« sichtbar. Im Zuschauerverhalten fanden sich u. a. kritiklose Parteinahme, Aggression, selektive Regelauslegung, ­kollektive Verurteilung. Spiel oder Ernst? Insbesondere für die Schülerinnen war der Stadionbesuch eine ungewöhnliche Erfahrung, die zu vielen Fragen und Stellungnahmen Anlass gab. Die ­Schüler des Sporttheoriekurses hatten Beobachtungsbögen ent­wickelt, um den Besuch unter mehreren Perspektiven nachzubereiten. Auszug aus dem Beobachtungsbogen: Welche Lieder werden gesungen (Texte notieren), zu welchem Zeitpunkt im Spiel (z. B. Spielphase, Ergebnisstand) mit welchem Zweck (z. B. Motivation, Diskriminierung, Hetze) gegenüber welchem Adressaten (eigenes Team, Gegner, Schiedsrichter, ­Trainer, Mäzen Hopp…)? Zum chronologischen Ablauf eines Fußballbundesligaspiels (»Liturgie«), z. B. Orgelvorspiel, ­Einzugsmarsch, Begrüßung, gemeinsamer Gesang, RedeAntwort-Ritual, Begrifflichkeit…). In der Abschlussveranstaltung stellten die beteiligten Kurse ausgewählte Ergebnisse ihrer Projektarbeit vor: • Mathematik: Auswertung und Kommentierung der Eingangsbefragung (Fragebogen zu olympischen und ­persönlichen Wertorientierungen) • Informatik: Programm zur Auswertung der Datenbank basierten Eingangsbefragung, Zusammenstellung der Projektarbeit auf digitalen Datenträgern • Sporttheorie: Basisinfo »Olympische Spiele«, sport­

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soziologische Aspekte (Spielbeobachtungsbogen, Fuß- 4. Der Prophet im fernen Land ball als Ersatzreligion ...) Externe Fachleute, zudem noch prominente, bewirken • Kunst: Plakate, Videos zur persönlichen Wahrnehmung viel in Schulen. Der »Expertentag« wurde durchweg als und Gestaltung des Themas »Werte« Gewinn eingestuft. Die fachliche Auseinander­setzung • Ethik: Karikaturenrallye, Materialien zu Gerechtigkeit mit gestandenen Persönlichkeiten, die räumliche (im Sport) in Theorie und Praxis und inhaltliche Nähe zu Menschen des öffentlichen ­Interesses schuf bleibende Einblicke und Eindrücke.

Transfer und Reflexion Die Arbeitsergebnisse sind inzwischen mit Materialien, Stundenplanungen und Präsentationen in Form einer CD zusammengefasst. Eine »freie« Veröffentlichung ist aus Gründen der Copyright-Frage nur bedingt möglich. Inte­ res­senten wenden sich bitte direkt an uns. Schwer greifbar, aber im Kern unverzichtbar waren die Auswertungsgespräche mit den Schülern. Fragebögen und Evaluationswerkzeuge sind in der Theorie überzeugend. Offene Gespräche mit viel Zwischentext und körperlichen Reaktionen (Mimik, Gestik…) erscheinen unwissenschaftlich, sind aber in der Praxis sehr aufschlussreich. Die Reflexionsaussagen konzentrieren sich auf vier Ebenen: 1. Thema und Darbietungsform Durchweg positiv kommentiert wurde der Ansatz, ein gewichtiges Thema nicht schultypisch behandelt zu haben. Textarbeit gehörte zum Geschäft, war aber keine Monokultur. Die anspruchsvolle Mischung aus Bildern (Fotos, Videos ...) und Kommentierung (Präsentationen) bei der Darstellung der Kernthemen, insbesondere der Inhalte der Olympischen Erziehung, erhöhte die Bereitschaft, sich einzulassen. Teamteaching veränderte den Unterricht ungemein: Aus dem Alltagserlebnis Unterricht wurde ein dynamisches Gebilde. Offenheit und Realitätsnähe waren die am häufigsten genannten Begriffe. 2. Komplexität des Themas und wohltuende Reduktion Die Mehrheit der Schüler sah in der Botschaft der olympischen Werte eine hilfreiche Orientierung für ihr eigenes Verhalten. Der Graben zwischen akzeptierten und gelebten Werten wurde/ist ihnen bewusst. Der pragmatische Wert der Inhalte der Olympischen Erziehung wurde als sehr hoch bewertet. 3. Eindruck und Ausdruck Deutlich positiv bewerteten die Schüler, dass im ­Rahmen des Projektes die Aktivitäten nicht nur auf ­Rezeption, sondern auch auf Konstruktion lagen. Mit großem Applaus wurden die kreativen Ergebnisse aus dem Bereich Kunst bedacht. Die Mehrperspektivität der Auseinandersetzung mit dem Thema überzeugte.

Was ist optimierbar? Die Abschlussveranstaltung brachte nicht die erwartete Bündelung und Durchdringung der Projektarbeit. Durch die große zeitliche Spanne zwischen Erarbeitungsphase und Ergebnispräsentation entstand eine Distanz zu den bearbeiteten Inhalten. Die Produkte wirkten für sich, ohne den Prozess zu spiegeln. Wir haben keine Ausgangsbefragung durchgeführt und damit eine Gelegenheit ausgelassen, statistische Werte zu erheben. Wir werden prüfen, ob wir in Zukunft stärker in diese Richtung arbeiten sollten. Das Projektteam bestand aus: Hennes Weiß, Thomas Fuhlbrügge, Dr. Mario Kellermann, Anja Krapp, Christian Sundermann, Andreas Müller, Kai Müller. •

Olympische Erziehung | WeiSS | Ich bin »Wert-voll«: Meine Orientierung im Alltag und in der Gesellschaft

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Die olympische 5 Ein Projekt zur Unterstützung von München 2018 von Bi rgi t Gr e v e

D ie o lympisc h e 5

BalthasarNeumann Realschule

Ferdinandvon-MillerSchule

JohannJakob-Herkomer Schule

München

Fürstenfeldbruck

Füssen

Staatliche Realschule

Pfaffenwinkel Realschule

Landshut

Schongau

Zum Projekt »Die olympische 5« wurde ich durch die Olympiabewerbung Münchens inspiriert. Bereits zur Entscheidung für die Kandidatur am 8. Dezember 2007 hatte ich auf Wunsch von Stadträtin Diana ­Stachowitz noch kurzfristig mit einigen Schülerinnen und Schülern eine Choreographie auf dem Eis einstudiert. Sie wurde beim »Münchner Eiszauber am Stachus« im ­Herzen von München auch unter den fachkundigen Augen von Olympiasieger Manfred Schnelldorfer aufgeführt. Schon damals waren die Kinder mit großer Begeisterung dabei. Sowohl als Breitensportbeauftragte des Bayerischen Eis­sportverbandes (BEV) für Eiskunstlauf und Eistanz als auch als externe Lehrkraft für Eislauf an einer Grundund Realschule war ich mit Leistungssport und olym­ pischem ­Wettkampf kaum befasst. Bei einer Fortbildungs-­

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veranstaltung wurde ich auf die Veröffentlichungen der Deutschen ­Olympischen Akademie (DOA) aufmerksam. Die ausgezeichneten Unterrichtsmaterialien zu den Spielen von Peking ließen mich gespannt auf die von ­Vancouver warten. Im Januar 2010 hatte ich ein Exemplar in den Händen und versuchte noch kurzfristig unser jährliches Abschlussfest auf dem Eis in ein »Olympisches Eisfest« umzuwandeln. Mit Unterstützung der Sportlehrer konnten alle fünften Klassen der Ferdinand-von-Miller-Schule am 26. Februar 2010 zum ersten Pentathlon auf dem Eis antreten. Der Wettbewerb war sehr erfolgreich, besonders da durch die unterschiedlichen Disziplinen auch Schüler angesprochen waren, die sonst dem Sport eher abgeneigt sind. Der Theorieteil erforderte fachübergreifendes Wissen und ermöglichte auch verletzten oder vom Sport befreiten Schülern eine aktive

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Teilnahme. Diese positive Erfahrung und die bevorstehende Entscheidung der Olympiavergabe ließen mich nach einer ­Möglichkeit zur Unterstützung der Bewerbung durch ein Schulprojekt suchen. Zuerst war daran gedacht, den ­Pentathlon an möglichst vielen bayerischen Schulen gleichzeitig durchzuführen und dieses öffentlichkeits­wirksam zu präsentieren. Viele angesprochene Lehrer zeigten ­Interesse. Bei einem Treffen mit Münchner Sportlehrern stellte sich aber leider heraus, dass die organisatorischen Schwierigkeiten zu groß waren. Keine dieser Schulen ging regel­mäßig zum Schlittschuhlaufen und eine kurzfristige Umstellung des Stundenplans war zu aufwändig. So suchte ich nach Schulen, die regelmäßiges Eislaufen bereits in ihren Schulalltag integriert hatten. Ich hatte das Konzept inzwischen in die anschließend vorgestellte Form eines Wettbewerbes von fünf Schulen entsprechend der fünf Olympischen Ringe umgewandelt. Ich fand vier Schulen, die die Vorgaben erfüllten und auch teilnehmen wollten. Eine fünfte Schule aus München hatte als Ganztagszweig noch die Möglichkeit, den Stundenplan zu ändern. So konnte dort noch eine vorbereitende Eissequenz durchgeführt werden und die Schule am Wettbewerb teilnehmen.

Ein Pentathlon auf dem Eis Mit dem Projekt sollten folgende Ziele für den Sport erreicht werden: Kurzfristig 1. Unterstützung der Bewerbung »München 2018« während des IOC-Besuchs am 3. März 2011 durch begeisterte Schüler 2. Positives Erscheinungsbild des Bewerbers durch seine Fähigkeit, die Kinder und Jugendlichen zu aktivieren und zu integrieren 3. Abschlusswettkampf der Eissaison 2010/2011 für bereits im Schulsport eislaufende Schulen 4. Darstellung der Möglichkeit der Implementierung von Eissport in den Schulsportunterricht Mittelfristig 1. Gewinnung weiterer »eislaufender Schulen« ab Schuljahr 2011/2012 2. Fokus auf die »1. Olympischen Winter-Jugendspiele« und die Olympische Erziehung 3. Eventuelle Aufnahme einer Eissportart in den Bundeswettbewerb der Schulen »Jugend trainiert für Olympia« (Unterstützung und Anerkennung der Nachwuchs­ talente) 4. Talentsichtung und anschließende Förderung

Olympische Erziehung | Greve | Die olympische 5

Langfristig 1. Implementierung der Eissportarten in den Schulsportunterricht. (Bessere Umsetzung des Lehrplans durch die Schulen) 2. Anregung für eine sinnvolle Freizeitgestaltung durch Sport auf dem Eis 3. Beitrag zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation der Schuljugend. Wintersport auf Eis als Prävention von Bewegungsmangel und seine Folgen in einer eher bewegungsarmen Jahreszeit Weitere Ziele 1. Auslastung der Sportstätten am Vormittag 2. Sicherung der Sportstätten durch Senkung der Betriebskosten 3. Kostengünstige, wohnortnahe Wintersportangebote 4. Gewinnung von Fans für die Eissportarten 5. Wachsendes Medieninteresse 6. Leichtere Sponsorenfindung Olympische Spiele präsentieren sich besonders durch symbolhafte Darstellung. So finden sich die fünf Erdteile in den fünf Olympischen Ringen wieder und mindestens eine deren fünf Farben ist wiederum Bestand der Nationalflaggen aller heutigen Länder. Der Pentathlon, d. h. Fünfkampf, war sowohl bei den klassischen Spielen der Antike mit Diskuswurf, Weitsprung, Speerwurf, Stadionlauf, Ringkampf wie auch bei den (Winter-) Spielen der Neuzeit 1948 in St. Moritz mit Skilanglauf, Schießen, Abfahrtslauf, Gelände­reiten, Fechten vertreten. Die Zahl fünf ist also eng mit Olympia verknüpft, und deshalb wurde sie als Namensgeberin für das Schulprojekt gewählt. Die bereits mit Olympia verbundenen fünf Farben und im Pentathlon zusammengefassten fünf Disziplinen werden beim Schulprojekt auf das Teilnehmerfeld erweitert und sinngemäß übertragen. Es treten also fünf Schulen mit jeweils fünf Mannschaften, die wiederum aus je fünf ­Mitgliedern bestehen, gegeneinander an. Dieses Vorgehen kann entsprechend auch auf Landkreise, Regierungsbezirke, sogar auf Bundesländer übertragen werden. Man könnte das Konzept auch mit »Jugend trainiert für Olympia« koppeln. Es fordert und fördert nicht nur sportliche Kompetenzen, sondern im Theorieteil auch das Wissen um die olympische Geschichte und die olym­ pischen Ideale. Die bei Olympia die fünf Kontinente repräsentierenden Farben werden den fünf teilnehmenden Schulen zugeteilt. Deren Schüler tragen jeweils ein Sweatshirt in dieser Farbe. So ist in jeder Disziplin das olympische ­Farbenspiel im ­Hintergrund präsent. Es kann noch durch

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die ­entsprechende Positionierung der Mannschaften zusätzlich verstärkt werden. Die fünf geforderten Disziplinen umfassen in Theorie und Praxis diejenigen Wintersportarten, die in einem Eisstadion ausgeübt werden. Die sportlichen Anforderungen sind auf das in der Schule Mögliche zugeschnitten. Der Wettbewerb soll auf einem Leistungsniveau durchgeführt werden, das im normalen Schulsportunterricht schon mit ca. 5-10 ­Trainingseinheiten erreicht werden kann. Oberstes Ziel ist nicht Höchstleistung zu zeigen, sondern zu demonstrieren, dass sich die Schülerinnen und Schüler für alle Eissportarten begeistern lassen. Bei den praktischen Disziplinen müssen besonders die jeweils dort geltenden Sicherheitsaspekte beachtet werden. Deshalb sind Anpassungen in der Umsetzung erforderlich. So wird z.B. Eishockey in der ungefähr­licheren Variante als Ringhockey gespielt.

D ie o lympisc h e 5 Farben 5 Disziplinen 5 Schulen 5 Mannschaften 5 Teilnehmer

Eiskunstlauf ist olympisch nur als Einzel- bzw. PaarWettbewerb vertreten. Für den Schulsport wäre das ­Synchron-Eislaufen ideal, weil es als Teamsport besonders die sozialen Kompetenzen der Schüler im Training und Wettkampf fördert. In Skandinavien und Nordamerika ist es sehr verbreitet, und es existieren bereits Schul- bzw. Hochschulmannschaften. In Deutschland wurde hierzu von mir bereits zum Europäischen Jahr der Erziehung durch Sport 2004 ein Pilotprojekt ausgearbeitet, das noch auf seine Umsetzung wartet. Bei der »olympischen 5« wurde alternativ ein Hindernisparcours gewählt, der die Grund­ kompetenzen aller Eissportarten erfasst. Der Schwierigkeitsgrad wurde dem Leistungsniveau der Teilnehmer angepasst. Durch das Puzzle (diesmal nicht durchgeführt) sollte auch gemäß dem Grundsatz »mens sana in corpore sano« die geistige Konzentration eingebunden werden. Als Puzzle können Kreise in der Teamfarbe, das Schul- oder

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Stadtlogo etc. genommen werden, die entsprechend in fünf Teile getrennt sind. Für die Short Track Disziplin wurde auf die Erfahrung vom Slic-Pokal beim Wintersportfestival in München zurückgegriffen. Auf den Kampf »Mann gegen Mann« wurde aus Sicherheitsgründen bei der ersten »olympischen 5« ­verzichtet. Helm und Handschuhe sind Pflicht bei diesem Wettkampf. Eine Bandenpolsterung (zumindest im Kurvenauslauf) wird empfohlen. Sie minimiert auch das Verletzungsrisiko beim anschließenden Hockey. Ist das Leistungsniveau in etwa bekannt, können auch jeweils fünf Schüler gegenein­ander laufen. Dann müssen unbedingt erhöhte Sicherheits­vorkehrungen bei Ausrüstung und Bandenpolsterung getroffen werden. Auch für die schon oben beschriebene RinghockeyVariante müssen mindestens Helme und feste Handschuhe getragen werden. Über weitere Sicherheitsmaßnahmen, wie z. B. gepolsterte Stäbe oder Spezialtore, Polsterung der gesamten Bande und eine Begrenzung des Spielfeldes könnte noch diskutiert werden. Eisstock (und Curling) wurde als letzte praktische Diszi­ plin gewählt, denn zu diesem Zeitpunkt ist ohne Mehraufwand die für Eisstock erforderliche stumpfe Eisqualität vorhanden. Die meisten Schüler haben wahrscheinlich zum ersten Mal Kontakt zum Eisstocksport. Nach einer kurzen Einführung können sie Erfahrung im einfachen Weitschießen machen. Dies lässt sich leicht und für alle sehr eindrucksvoll durch Einteilung der Eisfläche in einzelne Zonen durchführen. Die Mittel und Drittellinien des Eis­ hockeyfeldes bieten sich dazu an. Curling als die entsprechende olympische und sogar paralympische Disziplin lässt sich nur bedingt demonstrieren, da die erforderliche Eisqualität innerhalb eines solchen Wettbewerbs nicht hergestellt werden kann. Demonstriert werden können aber die Steine und die Technik. So erkennen die Teilnehmer am besten die Unterschiede der beiden Disziplinen Eisstock und Curling. Die Theoriefragen sind dem 2010 von der DOA heraus­ gegebenen »Olympia-Quiz: Vancouver 2010« entnommen. Sie wurden dankenswerterweise von der DOA für den Wettbewerb zur Verfügung gestellt. Die Theorie umfasst neben der allgemeinen olympischen Geschichte schwerpunktmäßig die Winterspiele, Wintersportarten auf dem Eis und die dort erfolgreichen deutschen Sportler. Dazu wurde der DOA-Fragenkatalog in einigen Teilen von mir ergänzt, besonders im Hinblick auf das Bewerbungsverfahren »München 2018«. Die Schulen erhielten zur Vorbereitung zu jedem ­Themenkomplex eine Auswahl von 25 Fragen. Beim Wettbewerb mussten davon jeweils fünf Fragen beantwortet werden. •

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Kleine Schritte in einem schwierigen Land: Sportentwicklung in Timor-Leste Ein Erfahrungsbericht von F r i e dh e lm E li a s

Seit August 2009 arbeite ich als Integrierte Fachkraft für das Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM), als Berater des Staatssekretariats für Jugend und Sport in Dili, der Hauptstadt von Timor-Leste (Osttimor). Das CIM ist der Personalvermittler der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Es vermittelt Fach- und Führungskräfte nach Asien, Afrika, Lateinamerika sowie Ost- und Südosteuropa und begleitet deren Einsätze durch entsprechende Serviceleistungen und Zuschüsse zum lokalen Gehalt. Im System der deutschen Entwicklungszusammenarbeit ist CIM eine kleine und flexible Organisation. Die Arbeitsgemeinschaft wird von zwei starken Partnern getragen und ergänzt deren jeweiliges Leistungsspektrum: der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GmbH (GIZ) und der Bundesagentur für Arbeit (BA). Timor-Leste liegt ca. 400 km nördlich von Darwin ­(Australien) auf dem östlichen Teil der Insel Timor im ­indonesischen Inselstaat. Anfang des 16. Jahrhunderts

l­andeten die Portugiesen ­erstmals auf Timor und rich­teten 1586 eine Kolonialverwaltung ein. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts nahmen die ­Niederländer den Westteil der Insel für sich in Anspruch. Die Streitigkeiten führten 1914 zur ­Teilung der Insel; der Ostteil wurde 1930 portugiesische Überseeprovinz. Während des Zweiten Weltkrieges stand Timor unter japanischer Besatzung. Nach der Unabhängigkeit Indonesiens von den Niederlanden 1945 ging der westliche Teil an Indonesien, während der Osten bis 1975 portugiesisches Kolonialgebiet blieb. Nachdem Portugal 1975 das Gebiet räumte, rückten wenige Tage später indonesische ­Truppen ein und beanspruchten die Region als 27. indonesische ­Provinz. Im Juli 1976 wurde Osttimor von Indonesien als 27. Provinz annektiert. Während der nächsten zwei Jahrzehnte kämpften ost­ timorische Rebellen, besonders die Frente Revolucinario de Este Timor Independente (FRETILIN), weiterhin für die

Olympische Erziehung | Elias | Kleine Schritte in einem schwierigen Land: Sportentwicklung in Timor-Leste

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­ nabhängigkeit Osttimors und lieferten sich andauernde U blutige Gefechte mit den indonesischen Besatzungstruppen. Während der indonesischen Besatzung wurde etwa ein Drittel der Bevölkerung (ca. 200.000 Menschen) ermordet. 1998 kündigte der damalige indonesische Präsident Habibie unerwarteterweise ein Referendum für Osttimor an, in dem über die volle Unabhängigkeit oder begrenzte Autonomie der Provinz innerhalb Indonesiens entschieden werden sollte. Das Referendum wurde am 30. August 1999 durchgeführt. 80 Prozent der osttimorischen Bevölkerung stimmte für die Unabhängigkeit.

Die indonesische Armee und vom Militär unterstützte örtliche Milizen reagierten auf dieses Abstimmungsergebnis mit Gewalt. Hunderttausende von Menschen wurden vertrieben und die ohnehin schon schwache wirtschaftliche Infrastruktur vollkommen zerstört. In den nächsten zwei Jahren wurde Osttimor von der UN-Übergangsregierung UNTAET verwaltet, die den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Wiederaufbau der Region in die Wege leitete. Seit dem 20. Mai 2002 ist Osttimor unabhängig. Zehn Jahre nach seiner Unabhängigkeit weist Timor-Leste noch immer eine schwache Infrastruktur auf. Nach dem Ende der Besetzung durch Indonesien wurden alle indonesischen Lehrer abgezogen, so dass keine weitere Schulausbildung möglich war. Nur einige katholische Missionsschulen haben in der Zeit weiter den Unterricht aufrechterhalten können. Es gibt bisher nur drei (!) ausgebildete Sportlehrer im ganzen Land. Einer davon ist der nationale Sportdirektor, mit dem ich sehr eng zusammenarbeite. Von einem regelmäßigen oder qualifizierten Schulsport kann man von daher nicht sprechen. Deshalb haben wir mit der ersten Sportlehrerausbildung an der Universität in Dili im Februar 2010 begonnen. Das Ausbildungs­konzept habe ich federführend mitgestaltet. Bisher muss man sagen, dass das Engagement der Studenten groß ist. Die Ausstattung von Sportstätten und die verfügbaren Sportmaterialien sind dagegen sehr bescheiden. So finden die

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praktischen Stunden bei bis zu 40 Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit im nationalen Fußballstadion statt, das keinen Schatten bietet und bei Regenzeit ständig überflutet ist. Trotzdem gelingt es uns, den Ausbildungsbetrieb einiger­maßen aufrecht zu erhalten. Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit liegt darin, Sportstrukturen für die 13 Distrikte in Timor-Leste aufzubauen. Schwierig gestaltet sich die Aufgabe dadurch, dass es keine genauen Zuständigkeiten und Verantwortlich­ keiten gibt. Das Staatssekretariat für Jugend und Sport, die Sportverbände oder beide? Die nationalen Sportverbände können oder wollen nicht in den Distrikten Übungsleiter oder Trainer ausbilden, da sie dazu nicht in der Lage sind oder die finanziellen Mittel fehlen. Dabei wäre es dringend notwendig, Jugendliche in den Distrikten in sportliche Aktivitäten einzubinden, da die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen bei 60 Prozent liegt und eine zunehmende Gewaltbereitschaft vorhanden ist. Neben dem Fußball ist Volleyball sehr beliebt. Deshalb wurde u. a. vom Staatssekretär ein Antrag an den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) gestellt, einen Kurzzeitexperten für Volleyball nach Timor-Leste zu entsenden. Über diese Maßnahme wäre es möglich, Volley­ ballübungsleiter auszubilden, die ein regelmäßiges Training in den Distrikten anbieten könnten. Im Rahmen eines regelmäßigen Volleyballtrainings und der Organisation dezentraler Turniere, böte sich erstmalig für den ­Volleyballverband die Möglichkeit, Talente zu sichten. Nachwuchsarbeit und Talentsichtung finden bisher in ­keinen der timoresischen Sportverbände statt. Die Zusammenarbeit mit den Verbänden steht noch vor einigen Herausforderungen: Wichtig wäre vor allem die Kinder- oder Jugendarbeit. Die Zusammenarbeit könnte sich aber verbessern, da das Staatssekretariat für Jugend und Sport im Januar 2011 offiziell die Verantwortung für die nationalen Sportverbände erhielt. Internationale Sportverbände oder Organisationen bieten Timor-Leste zahlreiche Unterstützungen an, die allerdings meist zu kurzfristig ausgerichtet sind, sich nicht unbedingt an den Erfordernissen des Landes orientieren und daher keine Nachhaltigkeit gewährleisten. Ein Programm, durchgeführt in Kooperation mit »Peace and Sport« (L´organisation pour la Paix par le Sport mit Sitz in Monaco), dem Tischtennisverband und sechs lokalen nichtstaatlichen Regierungsorganisationen (NGOs) versuche ich weiter zu betreuen. Der ehemalige Tischtennisweltmeister Peter Karlsson nahm an der Eröffnungsfeier und den ersten drei Tagen des Ausbildungsprogramms teil. Timoresische Übungsleiter wurden in einem Kurzzeitlehrgang ausgebildet; Tischtennisplatten, Schläger und

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Bälle wurden an die NGOs ausgegeben. In einem speziellen Programm sollen Kinder und Jugendliche, neben dem Erlernen von Tischtennis auch Fair Play, konfliktlösende und friedensfördernde Komponenten erfahren. Weit verbreitet sind in Timor-Leste Jugendbanden oder auch »Gangs«. Als »Gangs« werden viele unterschiedliche Gruppen bezeichnet, die aus Jugendlichen bestehen, die in der Nachbarschaft wohnen. Auch wenn die Namen der Gruppen, die sich von indonesischen Rockbands oder aus westlichen Filmen ableiten, oft gewalttätig klingen, muss dem nicht so sein. Ein Mitglied der Bande OBOR (was ­ausgeschrieben und übersetzt so viel bedeutet, wie ­»Provozier mich und ich zerschmettere Dich«) ist zum ­Beispiel Mitglied der internationalen Global Partnership for the Prevention of Armed Conflict (GPPAC). Mehrere ­Gruppen engagieren sich in ihrer Nachbarschaft sozial, indem sie zum Beispiel den Müll auf der Straße einsammeln oder Bedürftigen ­helfen. Einige Banden bestehen einfach aus jungen Leuten, die zusammen »rumhängen«, Alkohol trinken und Gitarre spielen und sich nur aus Prestigegründen »Gang« nennen, andere sind eindeutig als kriminelle Banden zu bezeichnen. Die Grenzen zwischen legal und illegal sind dabei fließend, vor allem dann, wenn die Gangs private »Sicherheitsdienste« anbieten. Dies kann schnell von der nachbarschaftlichen Bürgerwehr in Schutzgelderpressungen ausarten. Die Anzahl der Mitglieder kann in die Hunderte gehen. Anschluss finden viele dieser Jugendlichen bei den sogenannten »Martial Arts«-Gruppen. Zentrales Element dieser Gruppen sind Kampfsportarten, wie Karate, Pencak Silat, Wushu, Aikido, Judo oder Taekwondo. Während einige Gruppen sich auf die Ausübung ihres Sports beschränken (»Whitesuited MAGs«), befleißigen sich andere weniger integeren Aktivitäten, wie Straßenkampf oder Erpressung. In der Vergangenheit haben bei Demonstrationen oft politische Parteien »Martial Arts«-Gruppen für ihre Interessen missbraucht. Ziel ist es von Seiten des Staatssekretariats, diese Gruppen in einem gemeinsamen Dachverband »Kampfsport« einzubinden, der nur nach sportlichen Richt­linien ausgerichtet sein soll. Zwei sportliche Großveranstaltungen sollen das Bild Timor-Lestes im Ausland als friedliches Land präsentie­ ren: So wurde erstmals 2010 der erste internationale Dili ­Marathon durchgeführt. Neben dem Marathon wurden auch Läufe über 5 km, 10 km und ein Halbmarathon an­geboten. Für körperbehinderte Sportler gab es eine eigene Startgruppe. Bereits zum zweiten Mal wurde die »Tour de Timor« ausgetragen. Ein Mountainbikerennen, das über fünf

E­ tappen durch fünf Distrikte führt, das bei der Bevölkerung und auch bei timoresischen Sportlern sich zunehmender Beliebtheit erfreut. Einzelheiten zu den beiden Veranstaltungen finden sich unter: www.dilimarathon.com und www.tourdetimor.com. In der Zusammenarbeit mit dem Friedensfonds der GIZ werden NGOs in der Vorbereitung, Organisation und Durchführung von Sportveranstaltungen unterstützt. Es wird dabei darauf geachtet, dass neben den sportlichen Aspekten ebenfalls soziale, friedensfördernde, konfliktlösende, gesundheitliche und gesellschaftliche Faktoren berücksichtigt werden. Speziell sollen Mädchen und Frauen mehr in sportliche Aktivitäten einbezogen werden. Die Unterzeichnung eines »Memo of Understanding« zwischen Indonesien (West Timor) und Timor–Leste soll dazu führen, grenzüberschreitende Sportveranstaltungen zu organisieren, mehr Unterstützung und Zusammen­ arbeit in der universitären Ausbildung sowie Besuche und einen Austausch von Studenten zu ermöglichen. Der erste ein­wöchige Besuch fand im Dezember 2010 durch Sportstudenten und Vertreter des Staatssekretariats in Kupang (Hauptstadt West Timor) mit großem Erfolg statt.

Rückblickend muss gesagt werden, dass die bisher erzielten Ergebnisse nicht unbedingt zu großen, umfassenden Veränderungen geführt haben. Man muss aber verstehen, dass es in Timor-Leste, wie in fast allen anderen Entwicklungsländern, auf die kleinen erkennbaren und positiven Schritte ankommt. Von daher kann man feststellen, dass sich in Timor-Leste in dieser Zeit doch schon einiges bewegt hat. Wichtig für die Zukunft wird es unter anderem sein, weitere qualifizierte Mitarbeiter des Staatssekretariates, Sportlehrer, Übungs­ leiter und Trainer auszubilden, Sportverbände in die Pflicht zu nehmen, mehr Jugendlichen den Zugang zu qualifiziertem Training zu ermöglichen und die Werte des Sports wirk­samer zu vermitteln. •

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