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unterwegs sein

Text und Bilder Jesko Johannsen

Der lange Schatten des Hass-Radios Es scheppert und knarzt, es rauscht und dudelt. Fast überall in Ruanda kann man Radio hören. Freiwillig oder unfreiwillig. Doch wie lang ist der Schatten des Jahres 1994? Wie stark die ­Erinnerung an das Hass-Radio aus der Zeit des Genozid?

„Wir versuchen, dieses Stigma loszuwerden“: Louis Kamanzi, Gründer und Chef des DW-Partner­senders Radio Flash in Kigali

das Medium im Völkermord an den Tutsi gespielt hat. Christopher ­ Kayumba, Journalismus-Dozent an der Universität Kigali, erinnert sich: „Das Radio hat in der Hutu-­ Bevölkerung Angst geschürt. Es hat verbreitet, dass Tutsi sich zum Morden von Hutus organisieren. Das war eine Lüge. Und Radio­ macher haben die Vokabeln des Genozids geprägt. Sie sprachen nicht von ‚töten‘, bei ihnen hieß das ‚zur Arbeit gehen‘.“ RTLM – dieses Kürzel steht für das HassRadio von 1994. Offiziell war Radio-Télévision Libre des Mille Collines ein Privatsender, doch die Eigentumsstrukturen waren eng mit dem damaligen Regime verknüpft. Die Moderatoren verlasen Namen, gaben Verstecke von Tutsi preis, lobten Mörder für ihre Taten. „Das Radio hat die Bevölkerung dazu gebracht, Massaker als legitim anzusehen. Töten war ein Mittel, den Lebensstil der Hutu zu verteidigen“, sagt Kayumba.

Schweres Erbe für Journalisten

»Viele Menschen sind besorgt, dass Radio wieder auf eine negative Art genutzt werden könnte.«

26 Weltzeit 2 | 2014

D

er Nachbar hört es bei der Gartenarbeit, die Nachbarin beim Kochen. Der Wächter hört es in seinem Häuschen, der Händler in seinem kleinen Laden. Wer zu Fuß unterwegs ist, hört es mit dem Handy – und abgeschaltet wird es erst wieder, wenn man in die Kirche geht. Radio ist in Ruanda das Hauptinformationsmedium. Mehr als 20 Sender – darunter auch private – gibt es in dem Land, das kaum größer ist als Mecklenburg-Vorpommern. Zwei Jahrzehnte nach dem Genozid schwingt im Radio aber immer noch mit, welche ­Rolle

RTLM hat die Rhetorik des Genozid geprägt. Tutsi wurden „Kakerlaken“ genannt und unverblümt angegriffen. Etwa mit solchen Moderationen: „Freut euch gemeinsam, meine Freunde. Die Kakerlaken werden ausgerottet werden. Gott ist niemals ungerecht. Wenn wir die Kakerlaken komplett ausrotten, wird niemand auf der Welt uns verurteilen.“ Damit hat das Hass-Radio aus dem Genozid den Journalisten von heute ein schweres Erbe mitgegeben. Das Vertrauen in Radio als neutrales Informations- und Unterhaltungsmedium war lange zerstört. Politisch eine schwierige Situation, findet Kayumba: „Ich denke, viele Menschen, auch in der Regierung, sind durchaus besorgt, dass Radio wieder auf eine negative Art genutzt werden könnte. Aber das kann man andererseits auch als Vorwand nutzen, um die Pressefreiheit einzuschränken.“