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...auf der suche nach junger, visueller kunst in der t端rkei

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Studienprojekt im Fach Typografie bei Prof. Andreas Hogan, Deniz Aksoy, 5. Semester Fh Trier

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6 - 15 Ankara - Wo sind die Ideen? Istanbul - (Welt-)Kulturhauptstadt

16 - 31 Ilhami Atalay Iznik-Keramik Elif Uras' Arkaden

32 - 53 Halil Altındere Gülsün Karamustafa Hale Tenger Nasan Tur

54 - 65 Das Museum Was es zu sehen gibt

66 - 79 Play Studio Galerie Rodeo Galeri Apel Music Store

80 - 91 "Es lebe unsere Schule!" Werte-Dialog Tarlabashi

92 - 101 Zeitschriften Botschafter Werbung und Information

102 - 105 Galerienverzeichnis Adressen


intention und vorgehensweise

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eitgenössische türkische Kunst wird sowohl in

der Türkei, als auch in Europa kaum wahrgenommen. Oft begreifen wir erst als Touristen beim Besuch der antiken Ausgrabungsstätten, dass sich die Wurzeln der abendländischen Kultur auch an der türkischen Mittelmeerküste befinden. Das Bild von der Türkei in Deutschland ist dagegen stark geprägt durch die Einwanderung der damals so genannten ‚Gastarbeiter’. Vor diesem Hintergrund wird der Situation der 2,5 Millionen Türken, die in Deutschland leben, vorwiegend in sozialpolitischer Hinsicht begegnet. Mit diesem Projekt möchte ich mein eigenes Interesse an Kunst damit verbinden, Aussenstehenden ein Bild der türkischen Kunstszene zu geben, die auch meine eigene Sicht der Türkei verändert hat und mir gezeigt hat, was die moderne Türkei ausmacht. Egal wieviele Klischees hinter dem Bosporos und seiner Funktion als Grenze zwischen Europa und Asien steckt - man spürt die Ambivalenz überall und auch die Kunst macht sich diese zu einem ihrer Hauptthemen. Die Türkei ist ein Land voller Gegensätze, ein Land voller Freiheit und Zwängen, voller Entwicklung und Rückbesinnung. Es geht hier um meinen Aufenthalt in der Türkei, mit dem Ziel nach Kunst zu suchen, die in der Türkei entsteht. Nicht eine Auflistung soll im Vordergrund stehen, sondern eine Tendenz und ein Gefühl, das entdteht, wenn man seinen Blick auf die Kunst konzentriert.

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Altes, Neues und Zerrissenes kann man sehen, aber vor allem spürt man, dass diese Freiheit individueller Künstler zu sein etwas neues ist, und noch so einiges verspricht. Sie steht für Istanbul, seine Intensität, seine Gegensätze und für die junge türkische Generation.

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die hauptstadt ankara wo sind die ideen?

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nkara ist das erste Ziel meiner Reise. Das ehema-

lige Provinznest wurde nach dem Befreiungskrieg zur Hauptstadt der modernen türksichen Republik. Was man erwartet, wenn man ohne Vorkenntnisse in die Türkei fährt, die sich im Moment schnell entwickelt und immer moderner wird, ist eine Stadt mit Szene, Jugendkultur und Kunst. Doch durch das schnelle Wachstum und die schwach ausgeprägte kulturelle Tradition der Stadt ist sie zwar bewegt, faszinierend und auf dem Weg in die Moderne, doch findet man dort keine Kunstszene. Die Türken selbst nennen Ankara oft die „graue Stadt” und wer nach moderner Kultur und Kunst sucht oder selbst etwas in der Richtung erreichen möchte geht in die Kulturhauptstadt Istanbul. Ankara steht für viele Städte in der Türkei, die von jungen Leuten mit Ideen verlassen werden und die somit in ihrer Entwicklung ohne dieses Kreativpotenzial auskommen müssen.

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Unten: Der Gründer der modernen Türkei Kemal Atatürk. „Politkitsch”-Malerei

Beispiele für kommerzielle Malerei in der Türkei. Die wenigen Galerien in Ankara stellen viel kommerzielle Malerei im dekorativen Stil aus.


istanbul (welt-) kulturhauptstadt

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as Bild der Türkei bei uns ist geprägt von Kli-

schees: dem Erscheinungsbild der Migranten, die hier immer „Ausländer“ sind, den Kebab-Buden, den BilligUrlauben in türkischen Küstenstädten, der kolportierten Rückständigkeit der ländlichen Gebiete im Osten, deretwegen viele von uns die Türkei lieber nicht so bald als vollwertiges Mitglied der EU willkommen heißen wollen. Besucht man jedoch Istanbul, die gewaltige Metropole am Fluss Bosporus, löst sich jedes Argument gegen einen EU-Beitritt der Türkei in von Weltoffenheit, Zukunft und Lebendigkeit erfüllter Luft auf. Die Stadt, die in den letzten fünfzig Jahren ihre Einwohnerzahl verzehnfacht hat und inzwischen unglaubliche 15 Millionen Menschen zählt, ist nach Moskau die zweitgrößte Metropole Europas und nach wie vor eine Boom-Town. Ihre Bedeutung war wegen ihrer einmaligen Lage fast immer in der Geschichte groß. Als Byzanz und vor allem Konstantinopel war sie phasenweise

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der machtvolle Mittelpunkt der Welt. Als Grenzstadt und Drehscheibe zwischen Okzident und Orient ist die Metropole, die ihren jetzigen Namen offiziell erst 1930 erhielt, heute wieder zunehmend wichtiger. Sie ist die einzige Großstadt, die sich auf zwei Kontinenten – Europa und Asien – ausbreitet und sie verbindet. In Istanbul treffen die Welten aufeinander und arrangieren sich miteinander. Die Stadt ist die Brücke dazwischen. Geografisch, weil es neben

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den unzähligen Fährverbindungen tatsächlich auch zwei gewaltige Brücken über den Bosporus gibt, der Schwarzes Meer und Marmara-Meer verbindet. Aber auch im übertragenen Sinn. Die Stadt bringt neben den Kontinenten auch Ost- und Westeuropa zusammen genauso wie Christentum und Islam oder Tradition und Modernität.

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Diese Vielfalt und die in ihr eingeschriebenen Widersprüche machen Istanbul so faszinierend. Die Stadt bietet alles, was vorstellbar ist. Es wuselt an allen Ecken und Enden, dass man vor lauter Möglichkeiten nicht weiß, wohin man zuerst schauen soll. Es ist wie im Märchen von Tausend und einer Nacht. Alle strahlen und wollen einem etwas verkaufen. Die Märkte locken mit Gewürzdüften aller Art, Stoffen, Messing-Lampen, Marmorschachbrettern und Apfeltee, der in seiner Süße nur noch vom Baklava überboten wird. „If you go to paradise, you will always miss Istanbul“ – ein schönes Sprichwort, und ein wahres noch dazu. Abends am Ufer des Bosporus zu sitzen, auf den anderen Kontinent zu schauen, das Treiben und Leben und die unzähligen Großraumfrachtschiffe, die die Meerenge entlang gleiten, an sich vorbeiziehen zu lassen – das ist Istanbul pur. Fredi Themel, Autor

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Die Istiklal Caddesi im Stadtviertel Beyoglu ist das "Herz" Istanbuls. In ihren SeitenstraĂ&#x;en findet das Leben statt, trifft sich die Juend und vor allem: hier sammelt sich die Kunst.

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alte techniken und motive abstrahiert und modernisiert

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raditionelles türkisches Handwerk spielt in der

Kunstszene Istanbuls eine wichtige Rolle. Die Ausrichtung zum Orientalischen hin, das neu-Kennenlernen seiner Wurzeln und die Abtrennung von der Geschichte des Westens hin zur Eigenständigkeit sind Gründe für die starke Gegenwart alter Traditionen in neuen Formen. Es werden alte Muster, Techniken und Formen wieder aufgegriffen und abstrahiert, die lange Zeit vergessen oder nicht wertgeschätzt wurden. Dies ist Ausdruck eines gestiegenen Selbstwertgefühls.

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ilhami atalay „wer meerwasser trinkt stillt seinen durst nicht”

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lhami Atalays Familie - sowohl Eltern als auch

alle Kinder- besteht nur aus Malern. Seine Galerie in Sultanahmet

1 gibt es schon seit 1984.

Nach seiner Ansicht wird in der türkischen Kunst zu viel aus dem Ausland kopiert. Er plädiert dafür, sich auf die eigenen kulturellen, ethnischen und religiösen Wurzeln zu besinnen. Er meint, dass die türkische Kunst dabei ist aufzuweichen, aufgegeben zu werden und zu verschwinden und verachtet die populären Bilderausstellungen und Vernissagen mit Cocktails. Diese Leute versuchen seines Erachtens, ihre Probleme und ihre Komplexe mit Kunst ‚zuzudecken’ . Aber: „Wer Meerwasser trinkt, stillt seinen Durst nicht”. Atalay versteht etwa den Nacktheits-Wahn in der Kunst nicht. Für ihn hat das wenig mit Kunst zu tun. Er findet, dass dabei menschliche Schwächen ausgenutzt werden (“Ruhm ist heutzutage nur möglich, wenn man Sensationen schafft.”). Er wünscht sich für die Kunst ein besseres Umfeld als einen Sumpf.

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Atalay lebt, arbeitet, unterrichtet, verkauft und stellt in seinen R채umlichkeiten aus. Die Galerie ist voll von Farbe und Orient.

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iznik der weg des großen handwerks

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eramik-Kunst aus der Stadt Iznik erreichte ihren

Höhepunkt im 16. Jahrhundert. Bekannt als die teuerste und beste Keramik der Welt, zieren die Schalen, Vasen, Teller und vor allem die Fliesen viele alte Bauwerke, speziell Moscheen und Paläste aus dem osmanischen Reich. Die genialen Handwerker und Künstler überlieferten jedoch ihre Kunst nicht in die Neuzeit und so blieb sie lange Zeit nur nachgeahmt. Nach jahrzehntelangen Untersuchungen der Techniken und Materialien dieser alten Produkte, ist man heute in der Lage die alte Kunst wieder auf die selbe Art von Hand herzustellen, wie sie im 16. Jahrhundert entstand. Doch auch heute ist es eine große Kunst Iznik-Handarbeit herzustellen und es bedarf einem hohen Maß an Talent, Geduld, Schnelligkeit und Feingefühl, um die damalige Qualität zu erreichen. Dadurch und durch die wertvollen Materialien, die verwendet werden (unter anderem Quarz), ist IznikWare sehr teuer und wird nur noch in einer einzigen Fabrik in Iznik produziert. Architekten verwenden die Fliesen, doch auch Privatleute, vor allem wohlhabende Kunstliebhaber kaufen moderne Iznik-Ware. Faszinierend sind die neuen Motive und Ideen ( S. 24-27 ), von jungen Künstlern und Designern entworfen, die als Einzelstücke und auch als gesamte Wand ein großes Kunstwerk ergeben, das von jung und alt als solches anerkannt wird. Kaufen und betrachten kann man einige Kunstwerke in Ortaköy/Istanbul 2 .

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Aufwendigen Iznik-Motiven und Kombinationen. Die Innenräume der alten Moscheen und Paläste sind voll davon. Hier: die berühmte „Blaue Moschee“ Sultan Ahmeds.


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Links: Modernes Iznik-Motiv einer einzelnen Kachel

Beispiel einer modernen Iznik-Wand. Sie befindet sich in einem Restaurant in Istanbul. Der Junge auf dem Motiv trinkt aus einer Iznik-Schale.


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tempel des kapitalismus elif uras’ arkaden

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n der Galerie „Galerist” 3 direkt an der Istiklal

Straße findet man eine weitere moderne Künstlerin, die sich an den alten Handwerken orientiert und diese neu interpretiert. Elif Uras’ „Passagen-Werk” orientiert sich an dem deutschen Philosophen Walter Benjamin. Die in Europa so oft entstandenen Arkaden stehen bei ihm für „Tempel des Kapitalismus” und beschäftigen die Künstlerin insofern, dass solche Baustile heute auch in Istanbul zu finden sind. Sie stehen hier für die westliche Moderne, die das Stadtbild und auch das Alltagsleben der Türkei in ein anderes Licht rücken, stellen sie als Eindringlinge dar und kritisieren die westlichen Grundeinstellungen stark. Beispielhaft ist neben Uras’ Malereiei auch ihre Keramik, die die traditionellen Iznik-Formen aufgreift, aber völlig neu interpretierte und provozierende Motive trägt ( S. 31 ). Uras’ Werke verbinden Moderne und Tradition: die intensiven Farben der islamischen Kunst zusammen mit der westlichen Moderne kreieren eine eine ganz eigene „Moderne” aus beidem.

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Eins der "Passagenwerke" von Elif Uras, Acryl auf Leinwand


international bekannte künstler

Tradition und Experiment, starre Rollenmuster und die Befreiung daraus, westliche Dominanz und politisches Selbstbewusstsein, religiöse Einkehr und die kritische Auseinandersetzung mit dem Islam – das sind einige der Pole, innerhalb derer sich die jüngere türkische Kunst bewegt. Das Ornament in verschiedenen Spielarten taucht auf den Gemälden, Skulpturen und Zeichnungen ebenso auf wie hyperrealistische Bilder von großer Inhaltlichkeit. Menschliche Beziehungen, Wanderungsbewegungen, ungebremstes Wachstum und das Leben in urbanen Großsiedlungen werden von etlichen Künstlern thematisiert. Gerade die jüngste Generation türkischer Künstler hat den Anschluss an den internationalen Kunstbetrieb gefunden und erzielt auch auf dem Kunstmarkt beachtliche Erfolge. Nicole Büsing, Autorin

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halil altindere Ort, Raum und Stadt

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alil Altındere (* 1971 in Mardin, Türkei; lebt in

Istanbul) ist ein türkischer Multimedia- und Aktionskünstler kurdischer Abstammung. Er arbeitet mit Videos und verschiedenen Multimedia-Techniken, als Objektkünstler und Fotograf. Altindere ist ebenfalls Herausgeber und Chefredakteur eines Kunst-magazins in Istanbul. Halil Altınderes Kunst ist von politischen Inhalten geprägt. Bereits in seinem Frühwerk setzt sich Altindere mit dem repressiven türkischen Regime auseinander. Altindere verwendet in seinen Installationen häufig die Insignien und Symbole staatlicher Macht und Präsenz, wie Briefmarken, Flaggen, Banknoten, oder Personalausweise, die er manipuliert und – teilweise auch humoristisch - verfremdet. Seine Werke haben das Ziel, die Systeme staatlicher Repräsentation und die Identifikation mit dem System zu stören. In seinen Videos und Installationen setzt er sich mit dem Leben und der Sprache der Subkulturen und der Heterogenität der Großstädte in der Türkei auseinander. Auf der 5. Internationalen Istanbul Biennale zeigte Altındere im vergangenen Jahr eine Reihe von vergrößerten türkischen Personalausweisen ( rechts ), die jeweils seine eigene Identität bezeugen. Sein standardisiertes Portrait im Paßfoto variiert indes von Bild zu Bild, wendet sich ab von einer derart frontalen Erfassung und entzieht sich schließlich ganz dem

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vorgegebenen Rahmen. Im letzten Ausweis bleibt das Bild leer, ohne identifizierendes Zeugnis. Die Leerstelle ist zugleich eine Anspielung auf Altınderes kurdische Herkunft und die aktuelle Regierungspolitik gegenüber den Kurden. Sein im Ausweis registrierter Geburtsort - Sürgücü-Mardin - zählt zu den 3000 Dörfern im Südosten der Türkei, die vom Militär zur Zerschlagung der kurdischen Identität geräumt wurden.

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Das - im türkischen Alltag allgegenwärtige - Antlitz Atatürks übernahm Altındere auch für eine Arbeit in der Reihe „Tanz mit den Tabus” ( unten ). Atatürk hält sich auf diesem Ein-Millionen-Lira-Schein die Hände vor’s Gesicht. Sollte er sich vor den Augen der Gegenwart besser verstecken? Oder schlägt er die Hände vor dem Kopf zusammen, um nicht zu sehen, welche Verhältnisse heute herrschen? Rechts: Im Porträt eines Transvestiten verbinden sich nationale und religiöse Symbole mit dem provozierenden Ausdruck des Andersseins.

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gülsün karamustafa künstlerin aus istanbul

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aramustafa bezeichnet sich selbst als Künstlerin

aus Istanbul. Sie legt dabei großen Wert auf den Ort ihres Schaffens, der ihre künstlerische Arbeit spürbar prägt. Doch dieser Ort war nicht immer frei gewählt. Auf Grund ihrer persönlichen Auseinandersetzung mit der türkischen Politik Anfang der 1970er Jahre politischer Auseinandersetzungen in der Türkei hatte sie sechzehn Jahre lang, bis in die Mitte der 80er Jahre, keinen gültigen Reisepass und konnte im Gegensatz zu anderen Künstlern und Künstlerinnen ihr Heimatland nicht verlassen. Aus dieser Abgeschiedenheit und Nicht-Kommunikation heraus ist das Interesse erwachsen, an einer Auseinandersetzung mit der eigenen Situation, der Großstadt Istanbul, der inneren Migration und dem Nomadismus in der Türkei sowie der Frage nach Identität als Folge ideologischer und psychologischer Prozesse. In ihren Werken untersucht Gülsün Karamustafa einer Soziologin oder Anthropologin gleich historische und soziale Zusammenhänge orientalischer Kultur. Oft arbeitet sie mit Materialien und Gegenständen, die einen kulturgeschichtlichen Verweischarakter besitzen und die das Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturen und Religionen, das Hybride, zum Ausdruck bringen. In Rückgriff auf historische Überlieferungen bewegen sich Karamustafas künstlerischen Kommentare zwischen sinnlichnarrativen und ironisch-kritischen Erzählungen zur gegenwärtigen Situation.

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Von Istanbul aus starte ich, wenn ich zur Arbeit gehe, und hierher kehre ich zurück. Ich habe einen sehr engen Kontakt zu der Stadt, es ist der Ort, den ich am besten kenne und in dem ich am besten gegenwärtig sein kann. Ich kenne viele der Zeitläufte Istanbuls. Ich kann mich gut daran erinnern, als die Bevölkerung noch ein oder eineinhalb Millionen betrug und wir an den Stränden schwimmen gehen konnten. Ich erinnere mich auch an die Einschränkungen in den schwierigen politischen Phasen, in denen man nachts nicht ausgehen konnte. Und ich erinnere mich an die Beschwerden der Stadtbewohner – „Alles verändert sich, alles wird schlechter.“ – zu der Zeit, in der die Stadt immer größer zu werden begann. Istanbul ist eine Stadt, die sich ständig wandelt, und die sehr gut mit den Veränderungen umgeht. Ich bin sehr in die Geschehnisse der Stadt einbezogen und man kann sehr leicht die Spuren dieser Veränderungen in meinen Arbeiten sehen. Viele meiner Arbeiten tragen politische Konnotationen. Häufig beziehe ich die Lebenssituation von Frauen mit ein. Zugleich sind meine Verweise sehr persönlich, sehr lokal. Als politische Künstlerin versuche ich auch zu betonen, dass meine Arbeiten ganz unterschiedliche Ebenen beherbergen und offen sind für immer neue Interpretationen. Gülsün Karamustafa

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„Mystischer Transport” ( unten, rechts ) war die erste Arbeit von Gülsün Karamustafa, die Migration nicht mehr also lokales, sondern als globales Phänomen behandelte. Wandteppiche sind als Bettdecken in Körbe gelegt, die mit Rädern versehen wurden. Die Bettdecken erinnern an die Bettnischen in einem Bauernhaus. Die Körbe lassen einen an die Lastenträger auf den türkischen Wochenmärkten denken. An ihrem Boden sind Rollen angebracht - Symbole für das Rastlose, das Umherwandern und das Heimatlose.

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Karamustafas Video „The City and the Secret Fashion” ( rechts ) wirft einen Blick in eine ansonsten verborgene Welt. Türkische Frauen treffen sich jenseits der Öffentlichkeit, um der im Geheimen blühenden „Pantermode“ zu frönen. Die immer noch restriktive Moral den weiblichen Körper betreffend, verbietet es, diese leicht laszive Kleidung auf der Straße zur Schau zu tragen. Die fünf Frauen im Film machen es sich in ihren Kleidern mit Pantermuster bequem und genießen die Stunden, in denen sie unbeobachtet Sehnsüchte ausleben können, die im tristen Alltag unerfüllt bleiben.

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hale tenger selbstbewusst und radikal

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ale Tenger, 1960 geboren, gehört zu jener

Gruppe junger türkischer Künstler, die mit der Vergangenheit gebrochen haben und seit den 1990er Jahren vermehrt internationale Aufmerksamkeit erlangten. Kritisch und voller selbstbewusster Radikalität treten sie mit ihren Arbeiten den politischen und gesellschaftlichen Kräften der Türkei gegenüber und thematisierten Probleme wie die in sämtlichen Lebensbereichen anzutreffende Gewalt, Migration, neue Formen des urbanen Zusammenlebens und schließlich auch den kritischen Umgang mit nationaler Identität und Geschichte. Die Vermischung von ethnographischen, zeitgenössisch-politischen und individuell-psychologischen Aspekten durchzieht sämtliche Arbeiten von Hale Tenger. 1992 zeigte die Künstlerin auf der 3. Istanbul Biennale erstmals ihre großformatige Wandarbeit "I Know People Like This" ( rechts ) , in der auf einem panoramaartig installierten Firmament Mondsichel und Sterne aus kleinen Phallus-Figuren eingebettet sind in ein Pattern aus nicht-sehenden, nicht-hörenden und nicht-sprechenden Affenkolonien. »Ich kenne Leute wie diese«, heißt das provokative Arrangement der drei Affen mit dem Bild des phallischen Fruchtbarkeitsgottes. Mittels der Verbindung von kitschigem Nippes und antikem Priapos-Motiv – Symbole sowohl der sozialen und politischen Unterdrückung als auch des »Phallozentrismus der populären Kultur« - auf

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flaggenartigem Himmelsgrund richtet sich die Künstlerin gegen die männlich dominierten Strukturen des gesellschaftlichen, religiösen und politischen Lebens weltweit und verspottet die widerstandslose Unterwerfung der Massen unter jeglichen populistischnationalistischen Diskurs. Aufgrund der Ähnlichkeit der in ihrer Installation ‘i know people like this’ ( unten ) erscheinenden Symbole mit den nationalen Insignien der Türkei, Mondsichel und Stern, wurde Hale Tenger 1992 wegen Verunglimpfung der türkischen Flagge vor Gericht zitiert, jedoch wenig später von diesem Vorwurf frei gesprochen. Die Installation war offensichtlich zu radikal für die konservativen Kräfte des Landes.

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Oben sieht man die Installation „Wir gingen nicht hinaus, weil wir immer draußen waren, wir gingen nicht hinein, weil wir immer drinnen waren“. Aus dem Wachhäuschen hört man während der Ausstellung klassische türkische Musik, die die staatlichen Radiosender permanent ausstrahlen - dazu ein sinnlos mit Stacheldraht geteiltes Feld. Die Begriffe Drinnen und Draußen haben hier einen weiten Bedeutungsraum. Sie spielen auf die Isolation der Türkei zu verschiedensten geschichtilichen Zeitpunkten an, das Sichnicht-bewegen können, nicht-auswandern-können. Vor allem werden hier die Jahre des Militärputsches um 1980 thematisiert. Unten: „Angemessene Totenwache: BosnienHerzegowina” stellte Hale Tenger aus, nachdem sie nahe Istanbul ein Flüchtlingslager besucht hatte. Man sieht über 800 Kopien von Zeitungsartikeln, die von der Tragödie in Bosnien handeln, in mit Wasser gefüllten Gläser „eingelegt”. Dazu läuft ein Tonband mit leisen Stimmen ab (Tonaufnahmen mit Flüchtlingen aus dem Lager). Der Raum vermittelt den Eindruck eines Labors und wirkt gleichzeitg wie ein Friedhof im Untergrund.

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nasan tur time for revolution!

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asan Tur wurde in Offenbach als Sohn türkischer

Imigranten geboren. Er studierte Design und Kunst in Deutschland und lebt auch heute dort. Seine Kunst befasst sich mit Familie, dem gesellschaftlichem Umfeld in dem er aufwuchs, Liebe und Beziehungen, dem Einfluss der Politik auf den Alltag und vielem mehr. Er konzentriert sich dabei auf die Tatsachen, die von der Gesellschaft nicht gesehen werden. Tur zeigt oft Dinge, die nicht so sind wie sie scheinen. Dinge, die im Mülleimer liegen werden zu vergoldeten Skulpturen, während nagelneue Schuhe in eine Ecke der Galerie geworfen werden. Zumeist an öffentlichen Orten, beobachtet Nasan Tur den Menschen und seine Verhaltensmuster und führt kritisch aber zugleich auch auf humorvolle Weise Untersuchungen zu unserer kulturellen und sozialen Identität durch. Seine performativen Interventionen, Videoarbeiten, Fotografien und Objekte zeigen kleine Störungen in alltäglichen Situationen und Bildern. Diesen eher spielerisch als provozierend angelegten Irritationen gelingt es unsere Vorstellungswelt zu erweitern.

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„Selfportrait, 2000” ( unten ) zeigt Turs aktuellen deutschen Personalausweis, für dessen Passbild er sich einen Schnurrbart wachsen ließ - den Schnurrbart, den man in Deutschland klischeehaft mit ‘dem Türken’ verbindet. Höchst subtil stellt diese Arbeit nicht nur die persönliche bzw. kollektive Identität in Frage, sondern ebenso die im Ausweis angelegte Reduzierung des Menschen auf seine amtlichen Daten.

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Die Videonstallation „Collective Notice“ ( rechts, unten ) enthält 10 Porträts von Menschen, die in ihrer Heimat wegen politischer Aktivitäten einfach „verschwunden“ sind. Nasan Tur beautragte Straßenkünstler von denen Portraits zu zeichnen, die bis heute nicht wieder aufgetaucht sind. In der Installation kann der Betrachter die Enstehung vom ersten Strich bis zum fertigen Gesicht sehen.

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Das Statement -Time for Revolution- wir ständig und überall verwendet: in Büchern, Liedern, Diskussionen, Plakaten... Dieser Ausdruck ist zu einem Synonym für ‘Veränderung’ geworden, was Politik, Gesellschaft oder einfach nur den Alltag betrifft. Es stellt Autoritäten in Frage und sucht nach Besserem oder Alternativem. Dass das Wort Revolution hier ( links ) falsch geschrieben wird ist eine einfache Modifikation dieser kräftigen Aussage. Der Inhalt bleibt gleich, doch die falsche Schreibweise bietet Raum für eine neue Art, den Inhalt zu lesen: Die Aussage rückt in den Hintergrund und wird zu drei naiven Wörtern. Dass manche den Fehler nicht einmal entdecken ist dabei der wichtigste Teil der Idee. Nasan Tur

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ein museum und symbol für istanbuls weg in die moderne

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ines der aufregendsten Museen des Landes und

ein Symbol für die Weltoffenheit Istanbuls ist diese umgebaute Lagerhalle am Hafen der Metropole: 4 Istanbul Modern. Das Museum ist bestückt mit einer ständig wachsenden Sammlung zeitgenössischer Kunst. 2004 eröffnet war es das erste türkische Museum, das sich ganz auf junge einheimische Künstler konzentrierte. Zeitgenössische und junge Kunst in der Türkei ist bis heute etwas fremdes und bei weitem nicht so selbstverständlich wie in Deutschland. Mit Istanbul Modern wird diese Kunst ‘‘legalisiert’’, der Welt vorgestellt und die Künstler ermutigt.

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Die Türkei eröffnet das erste Museum für Moderne Kunst: Istanbul Modern. ‘Der Ministerpräsident sah sofort die symbolische Bedeutung des Museums’, sagte Eczacibasi, der Gründer des Museums, in einem Interview. ‘In dieser Zeit, in der wir versuchen der EU zu zeigen, dass wir sowohl westliche als auch östliche Kultur zu bieten haben, ist dies ein wunderbares und wichtiges Beispiel.‘ Zeitungsartikel: www.dexigner.com

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das museum mittelpunkt des geschehens

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eit 2004 präsentiert das Museum in Istanbul die

wichtigsten Entwicklungen moderner und zeitgenössischer Kunst in der Malerei, Bildhauerei und Photographie, aber auch im Bereich der neuen interaktiven Medien. Es beherbergt neben permanenten Ausstellungen auch mehrmals im Jahr türkische und internationale Kunstwerke in Form von wechselnden Ausstellungen. Seine einmalige Lage direkt am Bosporus zieht neben den Kunstliebhabern jedes Jahr viele Touristen aus allen Teilen der Welt an. Es war dem Gründer der Istanbuler Kultur- und Kunststiftung Dr. Nejat F. Eczacıbaşı zu verdanken, dass sich daraus eine konkrete Suche nach einem passenden Ort für ein Museum der Moderne entwickelte. Nach einigen vergeblichen Bemühungen, ein Museum zu etablieren, die entweder am Fehlen einer dauerhaften Nutzungsmöglichkeit von Gebäuden oder dem Mangel an permanenten Ausstellungen scheiterten, wurde man schließlich fündig. Die damalige 8. Istanbuler Biennale fand in einem Lagerhaus am Damm von Karaköy, auf der europäischen Seite Istanbuls statt. Das Gebäude schien wie geschaffen für ein Museum. Dank eines Beschlusses des Premierministers zur dauerhaften Nutzung des Gebäudes sowie der Anstrengungen der Istanbuler Kunst- und Kulturstiftung und privater Investoren konnte die Basis für den Ausbau und die Entwicklung des Istanbul Modern gelegt werden, das sich heute mit einer Ausstellungsfläche von 8000 m² präsentiert.

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Istanbul Modern entwickelte sich in den letzten Jahren zu einem wahren Mittelpunkt künstlerischen, kulturellen und sozialen Geschehens. Neben den Kunstausstellungen finden hier auch Kunstkurse für Schüler und Studenten statt, und im Kino des Museums werden im Rahmen von Festivals Filme zu speziellen Themen oder auch zu den laufenden Ausstellungen gezeigt. Des Weiteren gibt es natürlich einen Museums-Shop sowie eine Bibliothek für Recherchen und ein Cafe. Neben den permanenten Ausstellungen, die unter anderem einen Einblick in verschiedene Bereiche der modernen türkischen Kunst und deren Entwicklung geben, finden regelmäßig wechselnde

Interessante Gestaltung des Innenraums des Museums

Ausstellungen statt.

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was es zu sehen gibt einiges aus dem inneren des museums

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a im Museum leider nicht fotografiert werden

darf lässt sich kein allzu guter Überblick über den Inhalt des Museums darstellen. Hier habe ich somit durch Bild-Recherchen einige Beispiele aus den interessanten Bestandteilen der Sammlung herausgesucht: Balkan Naci Islimyeli ( rechts ) stellt in Istanbul Modern Installationen und Objekte aus, die sich mit wichtigen Themen wie Geschlecht, Kommunikation, Identität und Erinnerung befassen, alles bezogen auf sein Leben in der Türkei. Seine Werke sind oft beklemmend und vermitteln ein Gefühl von Gefangensein und Orientierungslosigkeit. Ahmet Ögüt entwickelt ein „Malbuch“ ( S. 60-61 ), das an die ethnische, geografische und politische Realität der Türkei angepasst ist. Hier wird eine komplexe Realität von eingefleischten Gewohnheiten, planetarischen Medien-Einflüssen, hybrider Präsenz, Sicherheitskräften und Fundamentalisten in einfachster Bildsprache dargestellt. Eine von Ahmet Ögüts gewitzten Interventionen, mit denen er an Gewohnheiten ansetzt, die jedoch Unerwartetes zum Vorschein bringen.

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Einige Motive aus Ahmet Ögüts „Malbuch“


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Eine interessante zeitbegrenzte Ausstellung: The Room Project ( unten, rechts ). Darstellung des gleichnamigen Fotoprojektes der Künstlerin Annette Merrild. Ganz unterschiedliche Menschen in neun verschiedenen Städten gewährten Annette Merrild einen Einblick in ihre Wohnzimmer. Dieses Archiv europäischer Wohnzimmer schafft einen Reflexionsraum für kulturelle Unterschiede, Vorurteile und Ähnlichkeiten und versucht gleichzeitig Antworten auf die Frage nach einer gemeinsamen Wohnkultur

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Lyon

New York

und Identität zu geben.


Istanbul

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interessante orte, interessanten künstler

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eben Istanbul Modern sind keine vergleich-

bar großen Museen mit junger Kunst vorhanden. Ein Großteil der Kunst spielt sich in der Türkei im Kleinen ab und selbst die bekanntesten Galerien und Ausstellungen sind versteckter und kleiner als man es erwartet. Dies macht moderne Künste weniger zu Museumsgut, sondern persönlicher, greifbarer und zugänglicher. Bevor Istanbul 2010 zur Weltkulturhauptstadt erklärt wird, werden bereits bestehende Galerien erneuert und weitere Galerien eröffnet. Es wird von allen Seiten in die Kunst investiert, man findet immer mehr Galerien in den Hauptstraßen und Zentren. Hier einige Beispiele für bekannte Galerien in Beyoglu/ Istanbul.

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play studio kleines, grünes viereck

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n einer Seitenstraße Beyoglus, die garantiert

keine Galerie vermuten lässt, taucht zwischen den verfallenen Häusern dieses bekannte Play Studio 5 auf. Ein modern hergerichteter Raum eines Altbaus. In der Zeit meines Besuches lerne ich hier den Illustrator Sadi Güran kennen, der einige Illustratonen seiner zahlreichen Projekte ausstellt ( S. 70-71 ). Unter anderem illustriert er eines der interessantesten türkischen Magazine für Kunst (‘Bant’). Auch Poster und Flyer mit seinen Illustrationen sind in der Stadt häufig zu finden. Ausserdem ist er sehr bekannt für seine Illustrationen von Kinderbüchern - und das nicht nur in der Türkei. Diese Galerie ist modern und liebevoll gestaltet und lässt ahnen in welche Richtung ‘Ausstellen’ in Istanbul sich bewegt. Die Künstler und Ausstellenden sind weder abgehoben, noch verschlossen gegenüber ihren Besuchern. Egal wer kommt - er wird herzlich empfangen und informiert.

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Sadi G端rans llustrationen und Plastiken


rodeo es lohnt sich zu suchen

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Ie Rodeo Galerie

6 - eine wichtige und be-

kannte Galerie in Beyoglu - liegt in einem eher wenig besuchten Straßengewirr und das ärmere Viertel Beyoglus besucht man wohl als Unwissender nicht, um nach Kunst zu suchen. Betritt man allerdings das Haus ist es von innen eine der modernsten und schönsten Galerien der Stadt. Die momentane Ausstellung „I like the truth, i never liked ficiton (and vice versa)“ dreht sich um Medien und was passiert, wenn man ihrem Inhalt neue Bedeutungen gibt und die ursprüngliche Aussage zerlegt und verfremdet.

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Links: Michalis Pichlers Fable für Bild und Text sowie für lyrische Konzepte ließ die Sammlung seiner Arbeiten entstehen. Hier ( links ): das Gedicht „Un Coup de Dés“ von Stéphane Mallarme von 1897 als neue, dreidimensionale Version, die nur durch die Abstraktion seines Layouts völlig ohne Text für sich spricht. Die einzelnen Ebenen ergeben zusammen das Gesamtbild. Banu Cennetoglu befasst sich in der gezeigten Arbeit ( S. 72,73 ) mit der Fotografie, welche ohne die Möglichkeit der Interpretation völlig kraftlos sein kann. „Dysfunctionals“ ist eine Sammlung von Fotos, dessen Individualität sowohl ihre Schwäche als auch ihre Aussagekraft zeigt. Cennetoglu Arbeit zeigt Fotos von gefälschten Dokumenten aus einem Einwanderunszentrum in Holland und deren kaum bemerkbaren Fehler.

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musik! türkische rockband und ihre skulpturen

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ie „Galeri Apel”

7 wurde 1998 von Nuran Ter-

zioglu, einer Kuratorin und Direktorin anderer wichtiger international bekannter Galerien, gegründet. Apel stellt mit den verschiedensten Medien Kunst und Design aus und ist besonders auffallend, da die Innenräume mit den Kunstwerken verschmelzen und aufwendig in das Umfeld eingebaut werden. Wie die meisten Galerien ist es eine “Untergrund-Galerie”, die sich in einem abgelegenen Altbau versteckt. Die Galerie ist bekannt, denn sie hat schon viele große Talente entdeckt, ernstgenommen und der Welt vorgestellt. Trotz seiner Wichtigkeit herrscht auch hier eine sehr lockere, offenherzige Stimmung und man wird herzlich und interessiert empfangen. Zu der Zeit meines Besuchs stellt hier eine Künstlerin aus, die moderne, türkische Bildhauerei mit moderner, türkischer Rockmusik verbindet. Die Band “The Replikas” hatte vor kurzem ein sehr hochwertiges und experimentelles neues Album herausgebracht und die Bildhauerin Bayram Candan verbindet mit jedem einzelnen Lied davon eine Skulptur ( S. 77-79). Die Musik der Band, die gleichzeitig dort zu hören ist, bildet mit diesen Objekten eine Einheit.

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Ich nenne sie Plastiken, die durch die Musik von den Replikas ihre körperliche Gestalt gewonnen haben. Die Ausstellung entstand aufgrund eines plötzlichen Beschlusses, den ich beim Hören des Albums “Winzige Spur” von Replikas fasste. Diese Arbeiten, die wieder geben, was ich mit meinen Ohren gesehen habe, sind entsprechend den 12 Titeln auf dem Album zwölf Plastiken, die herum tollen, tanzen, spinnen, den Betrachter zum Spielen einladen. Die Materialien, die ich verwendete, haben sich beim Hören der Musik quasi selbst in Form gebracht. Die von der Musik vermittelten Emotionen von Zeit, Raum, Klang und Bewegung haben sich in sichtbare, greifbare Plastiken verwandelt. Bayram Candan, Künstlerin

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abbilden reicht

g

roße Künstler geben oft politische oder gesell-

schaftliche Statements, zeigen und verarbeiten, was sonst nicht gesehen, verkannt oder ignoriert wird. So wird hier in Istanbul schnell deutlich, was eins der großen Probleme der Türkei darstellt: die Armut, die starke Verstädterung und ihre Folgen und auch die großen Gegensätze zwischen arm und reich. Die Stadt bietet ebensoviel Kultur, Faszination und Fortschritt, wie sie ein paar Meter weiter auch all die traurigen, verlorenen Menschen und Gegenden zeigt. Doch nicht nur das sind Themen die durch das bloße Abbild Aufmerksamkeit erregen können, sondern auch alte Werte und Traditionen, die teils verloren gehen, vergessen oder nicht wertgeschätzt werden. Das Abbilden der Realität ist daher ein wichtiger Teil der Kunst - vor allem der Fotografie der Türkei. Meist reicht dies um Aussenstehende damit zu schockieren, zu überraschen, oder wachzurütteln. Häufig zu finden sind vor allem wohltätige Organisationen oder Stiftungen, die mit solchen Künsten arbeiten oder sie fördern.

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es lebe unsere schule ! fotoausstellung mitten in taksim

y

asasin Okulumuz” ist ein Förderverein zur

Renovierung ärmlicher oder heruntergekommener Dorfschulen. Firmen und Einzelpersonen können spenden und werden dann auf dem Schulgebäude mit Tafeln verewigt. Seit 2005 sind rund 150 Dorfschulen renoviert oder restauriert worden. Mit dieser Ausstellung großer türkischer Fotografen, die verschiedene schlecht entwickelte Dorfschulen abgebildet haben, stellte sich der Verein einige Tage mitten auf den Taksim-Platz, also den zentralsten und meist besuchtesten Punkt Istanbuls. Rechts: Eine steinerne Dorfschule nahe dem schwarzen Meer, fotografiert von Ninat Odabașı. S. 83 - 84: Schwarzweiß-Aufnahmen von Taksin Aydogmus.

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werte- dialog eine stiftung fragt: was ist wichtig?

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ie deutsche Alfred Töpfer Stiftung engagiert sich

für die Förderung der Europäischen Einigung unter Wahrung der kulturellen Vielfalt sowie die Verständigung zwischen den Völkern Europas. Als private Stiftung ist sie dabei in den Feldern Europäische Integration, Völkerverständigung, Kunst und Kultur, Wissenschaft, Naturschutz und Jugend präsent. Stiftungen haben die Chance, mit großer Unabhängigkeit relevante Themen aufzuwerfen und zu bearbeiten. Sie stellt sich dieser Aufgabe, indem sie in regelmäßigen Abständen Fragen von gesellschaftlicher, künstlerischer oder wissenschaftlicher Bedeutung definiert und sich deren Behandlung widmet. In den kommenden fünf Jahren wird die Stiftung im Schwerpunktbereich „WerteDialog“ der Frage “Was ist wichtig?” nachgehen und in verschiedenen Projekten einen Diskurs über die aktuelle Bedeutung von Werten in der europäischen Kultur sowie zwischen den Kulturen fördern. Unter dem Titel “Europäische Reflexionen” ( Ausschnitt rechts ) entstand eine Fotoausstellung zu europäischen Werten, bei der Fotografen aus allen Ländern mitarbeiten. Die Ausstellung ist jetzt in Istanbul zu sehen (“Galeri Fotografevi” 9 ). Sie zeigt Situationen und Gesichter verschiedener Kulturen, um dem Betrachter deren Werte näherzubringen. Die Fotografien wurden in jedem Land gezeigt, das mit in die Arbeiten einbezogen wurde.

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Ut wisi enim ad minim veniam, quis nostrud exerci tation ullamcorper suscipit lobo blindtext blindtext blindtext als untertitel f端r fotos

Der Fotograf macht den Betrachter hier zum Zeugen einer traditionellen Beschneidung in der T端rkei: Festkleidung, Durchf端hrung und Feier.

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tarlabashı hinter den schaufenstern

Die Menschen, die im Zentrum Istanbuls in ihren renovierten Häusern leben und an gereinigten und frisch gestrichenen Fassaden entlanglaufen, sehen die neu gebauten Restaurants, Läden, die bunten Schaufenster. Aber ein bis zwei Häuserreihen weiter werden diese alten Häuser vergessen, genauso wie ihre Bewohner. Sie sind die, die es nicht geschafft haben. Niemand will sie sehen, die “Verlierer, die Ausländer, Arbeitslosen und Verstoßenen”. Genauso ist die Situation in Beyoglu rund um die Istiklal Caddesi, die für viele zum genießen, feiern und kaufen da ist. Geht man ein, zwei Blocks weiter in die Seitenstraßen, sieht man, wer eigentlich hier wohnt. Dennoch wird etwa das westlich angrenzende Viertel Tarlabashi völlig abgetrennt - niemand will davon sehen oder hören. Wir, die in Istanbul leben und durch die Istiklal laufen wissen, dass wir Seite an Seite mit ihnen leben, die in den Seitenstraßen sitzen und auf ihre verlorenen Träume trinken. Die Dichter, Musiker und Maler die sich davon inspierieren ließen sind verschwunden. Tarlabashi hat niemanden mehr, auf den es sich verlassen oder beziehen kann. Es ist alleine mit seinem eigenen Glauben und Kampf, alleine mit dem Unrecht, der Gewalt und der Sinnlosigkeit. Göksin Varan, Fotograf der gezeigten Serie

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wie die kunst nach draussen gebracht wird

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enauso wie eine breite Kunstszene in der

T체rkei etwas neues ist, sind es auch Medien, die sich mit ihr besch채ftigen. Generell waren Magazine und Internetauftritte vor kurzem noch meist 체bersetzte, internationale Zeitschriften oder sie waren sehr kommerziell und auf die breite Masse ausgerichtet. Erst jetzt, wo sich alles individualisiert, aufsplittet und etabliert, ziehen auch die Medien mit. Es gibt einige interessante Kunst- und Kulturmagazine und auch das Medium Internet und die Literatur werden erweitert und anspruchsvoll gestaltet.

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endlich kunstmagazine die neuen wege der medien

Die ersten Ausgaben der Zeitschrift "artist" zeigen eine neue Dynamik in der türkischen Kunst: Neue zeitgenössische Kunst aus der Türkei war gegen Tabus gerichtet, auf gewisse Weise avantgardistisch, vorwiegend radikal, nichtnationalistisch, universalistisch und jung. So wie junge KünstlerInnen eigene Ausstellungen organisierten, betrieben sie auch die Zeitschriften. Das Abenteuer Türkische Kunstmagazine spiegelt eindeutig die Dynamik, die von den Entwicklungsbewegungen in der radikalen zeitgenössischen Kunst in der Türkei ausgingen. Im Kunstbereich herrscht momentan der “Istanbulismus” – das heißt, dass große Firmen damit anfangen, mehr Geld für zeitgenössische Kunst auszugeben anstatt es in traditionelle, ortsansässige Galerien zu stecken, und die gegenwärtige Situation so zu gestalten, dass sie unter dem Schutzsiegel einer Marke existieren können, in die alle investieren: Istanbul. Es ist eine verbreitete Meinung, zeitgenössische Kunst könne dieser Marke gut tun. Deshalb feiern die kanonisierenden Großkunstzeitschriften ihren Istanbulismus ab, während unabhängige Zeitschriften versuchen, ihn durch ihren kritischen Diskurs aus seiner Bahn zu bringen. Süreya Evren, Herausgeberin "artist"

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Links: IZ ist ein reines Fotografiemagazin, in dem ein Teil auf tĂźrkische Kunst spezialisiert ist und der andere international angelegt ist.

Rechts:"Psike Art" umfasst alle Bereiche der Kunst und bleibt dabei beim rein ZeitgenĂśssischen und Jungen.


vasif kortun ein kunst-botschafter

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asif Kortun ist Schriftsteller, Kurator und Instituti-

onsgründer, dessen Name bei meiner Recherche sehr oft aufgetaucht ist. Er ist Direktor des Contemporary Art Center in Istanbul

10

, einer der wichtigsten

Treffpunkte für moderne, türkische Kunst - das leider während meines Besuches im Umbau war - welches aber bei der Suche nach Kunst nicht ausgelassen werden sollte. Außerdem war er bei den letzten Biennalen in Istanbul Co-Kurator und in vielen anderen Museen für aktuelle Kunst Gründungsdirektor. Sein Buch “Szene Türkei” ( rechts ) war das einzige, was mir ein Grundwissen über die junge Kunst der Türkei geben konnte, denn kein Buch sonst verschafft - zumindest auf deutsch - einen derartigen Überblick. Vasif Kortun ist einer der größten Vermittler der türkischen Kunstszene und hat geholfen sie international bekannt zu machen. Er ist einer derer, die mit großem Ehrgeiz und Mut nach außen vermitteln und die junger Kunst aus der Türkei eine Chance geben. Somit trägt er auch zum Status und Bild der Türkei bei.

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werbung und info nichts selbstverständliches

s

o wie "Medien-machen" ist auch "Medien-ge-

stalten" in seiner Bedeutung gestiegen. Gutes Design war lange Zeit nicht so verbreitet und selbstverständlich wie etwa in Deutschland, doch gut gestaltete Werbung und Information taucht jetzt viel öfter auf als noch vor ein paar Jahren. Ich finde es wichtig, auch darauf einzugehen, da die Gestaltung und der Wettbewerb von Galerien und Kunst heute fast ebenso wichtig ist wie die Kunst selbst. Ein weiterer Vorteil: Alles an Text taucht immer öfter in Englisch auf. Aus meiner eigenen Erfahrung heraus war noch vor einigen Jahren kein Zugang zu Internet oder Broschüren zu finden, wenn man kein Türkisch gesprochen hat. Design gibt der Kunst die Hand und so entwickeln sich beide in eine positive und vielversprechende Richtung. Eine empfehlenswerte Broschüre ( S. 102 ) heißt "List". Sie wurde während meiner Recherchen zum Dreh- und Angelpunkt, da sie eine monatliche Übersicht über aktuelle Ausstellungen und Neuigkeiten bietet, dazu einen Stadtplan Istanbuls mit den Standorten aller Galerien. Diese Broschüre lässt sich auch im Internet herunterladen (www.istanbulartlist.net).

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102 "List" ist eine Brosch端re, die monatlich 端ber alle aktuellen Ausstellungen informiert, vom Inhalt bis zur Wegbeschreibung.


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wo ist welche galerie?

Ortaköy

2 Besiktas Taksim Tarlabashi

9

3

Cihangir

10 5 6 7 Beyoglu 8

4

Goldenes Horn Goldenes Horn

Karaköy

Europa

Eminönü

Sultanahmet

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1

Marmara-Meer


Bosphoros

Üskündar

Asien Kadiköy

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adressen

1

Ilhami Atalay

Divanyolu Cad. İnciliçavuş Sok.No.29 Sultanahmet

2

Iznik Foundation

Oksuz Cocuk Sokak No:7 Kurucesme Besiktas

3

Galerist

Istiklal Caddesi, Misir Apt. 311 / 4 Beyoğlu

4

Istanbul Modern

Meclis-i Mebusan Ave. Liman İşletmeleri Sahası Antrepo No:4 Karaköy

5

Play Studio

Turnacıbaşı sokak, No. 19 Beyoğlu

6

Rodeo

Tütün Deposu, Lüleci Hendek Caddesi No 12 Tophane

7

Galeri Apel

7 Hayriye Caddesi Galatasaray

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8

Music Store

Turnacıbaşı sokak, No. 25 Beyoğlu

9

Fotografevi

İstiklal Caddesi Tütüncü Çıkmazı No:4 Beyoğlu

10

Platform Garanti Contemporary Art Center

Istiklal Cad. No: 115A Beyoğlu

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textquellen S. 8-12: www.now-on.at/magazin.artikel.php?artikel=916 S. 30: http://www.kunstmarkt.com/pagesmag/kunst/_ id179083-/ausstellungen_berichtdetail.html?_q=%20 S. 32-34: http://de.wikipedia.org/wiki/Halil_Altindere „Szene Türkei: Abseits, aber Tor!“ von Vasif Kortun, Erden Kosova S. 36: hosting.zkm.de/istanbul/stories/storyReader$34 S. 37: http://www.artnet.de/magazine/features/quest/quest0821-08.asp S. 40: http://www.artnet.de/magazine/reviews/seyfarth/ seyfarth08-21-08.asp S. 42-43: http://hosting.zkm.de/istanbul/stories/storyReader$72 S. 47: www.alem.de/index.php?id=nasan-tur S. 52: http://www.max.de/cityguide/city/istanbul/kultur/ museum/133566,1,cg_tip,1,Istanbul+Modern.html S. 56-57: http://www.sunexpress.de/reise-tipps/tipps/ istanbul/istanbul-modern-–-das-museum-der-modernenkunst_100183_102883.html S. 76: http://www.galleryapel.com/ go.php?page=sergi&sergiid=125 S. 86: http://www.toepfer-fvs.de/stiftung.html S. 88: IZ, türkisches Magazin für Fotografie S. 94: http://www.eurozine.com/articles/2008-02-26-evren-de. html

bildquellen S. 23 unten: http://www.iznik.com/en/projects/interiors/hotelsand-restaurants S. 29: http://www.kirkhoff.dk/pictures/pi_kirkhoff_867.jpg S. 33: http://www.sanalmuze.org/paneller/image/zbnl47.jpg S. 39: http://farm4.static.flickr.com/3209/3153467503_ c2248c1780.jpg?v=0 S. 41: http://farm4.static.flickr.com/3148/2486882047_ dbf7a152d6_o.jpg S. 43: http://container.zkm.de/stambul/img/werke/tenger_i_ know_people_detail.jpg S. 45: http://universes-in-universe.org/eng/nafas/articles/2008/ tanas_berlin/photos/08 S.47: http://www.tanasberlin.de/img/12.tanas.jpg S.60-61: http://www.accea.info/images/photos_1/Final-Ogutand-Ozmen-Beat-W1.jpg http://www.accea.info/images/photos_1/Final-Ogut-andOzmen-Mollah1.jpg S.75 unten links: http://www.doublemoon.com.tr/English/Files/ Doublemoon/Image/Artist/big/replikas_avaz_02_b.jpg S. 98: http://www.real-presence.org/rp2007/istanbul/real%20 presence%207%20(5).jpg S.101: www.depo.com S.102-103: xurban.net


ISBN 3-89373-591-7


istanbul modern