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«Ich will selbst über das Verhältnis zu meiner Umgebung bestimmen» — mit diesen Worten kündigte Dietmar Eberle vor drei Jahren in Deutschlands auflagenstärkstem Architektur­ magazin einen Bau an, der in der Branche ein deutlich spürbares Beben auslösen sollte. Erstaunlich eigentlich, hat er damit doch an etwas ganz Selbstverständliches erinnert. Doch was selbstverständlich scheint, ist es längst nicht mehr. Bauen ist zur Domäne eines Expertentums geworden, ob nun unter der Prämisse energetischer Effizienz selbstreferenzielle Wohnmaschinen entstehen oder Signature Buildings, die mit technischer Exzentrik zu überwältigen suchen. Im Euphemismus vom intelligenten Gebäude finden diese Strömungen zusammen — bereits sprachlich ist der Nutzer verschwunden. Und da spricht einer von seinem Verhältnis zu seiner Umgebung! Und stellt uns einen Bau vor Augen, der bei­ nahe konventionell anmutet; dem der örtliche Bürgermeister gern zubilligt, das neue Gesicht der Gemeinde zu sein; der noch jeden Besucher mit der großen Lässigkeit seiner Räume be­ eindruckt; der keinen Raum für Heizung, Lüftung, Klimatisierung beansprucht, denn all das gibt’s hier nicht. Das ist der eigent­ liche Skandal: Auf alles, was uns als unverzichtbar aufgeschwatzt wird, wurde hier verzichtet. Verzicht auf Mechanik, stattdessen Geist der Baukunst, ins Werk gesetzt durch beherzte Tat. Nun steht es da, das Gebäude. Seit anderthalb Jahren ist es bezogen und kann ganz real zeigen, ob es hält, was es zu leisten versprach: dem Nutzer dienen, ohne ihn an sich zu ketten. Jeder kann das nun mit allen Sinnen prüfen und sich ein eigenes Urteil bilden. Dazu dient dieses Buch als Begleiter. Dietmar Steiner, Architekt, Kritiker, Museumsleiter, stellt die Konzeption des Hauses in den Kontext der aktuellen Architekturdebatte. Lars Junghans, Architekt und Physiker, verantwortet das Klimakonzept und stellt es vor. Mit dem reichen Hintergrund als herausragende Architekturvermittlerin und ganz persönlich nähert sich Kristin Feireiss. Der Mediziner Walter Hugentobler geht dem Beitrag eines solchen Baus für die 1 1

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4 4 4 4 5 5 5 Architekturteil 5 Architectural elements

Pläne und technische Daten Drawings and Technical Data

Pläne und technische Daten Drawings and Technical Data 6

Architekturteil 6 Architectural elements

Detail Wand, Wall detail

Detail Fenster, Window detail

Maßstab, Scale 1:20

Maßstab, Scale 1:20

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1 Attika Sandstein / Sandstone parapet Rundkorn Kies / Round grain gravel Verbandsmauerwerk /Brickwork Kalkputz / Lime plaster Weicheinlage / Soft inlay Isolierender Ziegel / Insulating brick Statischer Ziegel / Structural brick Ziegelsturz / Brick lintel Ortbeton / In-situ concrete Vorgespanntes 3 Betondeckenelement Pre-stressed concrete ceiling panel Versetzte Lagerfuge / Staggered horizontal joint Stahlblech / Sheet steel Fassadengraben / Façade trench Pfahlgründung / Pile foundation 4

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Attika Sandstein / Sandstone parapet Rundkorn Kies / Round grain gravel 9 Verbandsmauerwerk / Brickwork Kalkputz / Lime plaster Weicheinlage / Soft inlay Ziegelsturz / Brick joint Ortbeton / In-situ concrete Vorgespanntes Betondeckenelement Pre-stressed concrete ceiling panel 11 Fensterbank Sandstein / Window sill, sandstone Gesims Rücksprung Sandstein / Recessed ledge, sandstone 7 Versetzte Lagerfuge / Staggered horizontal joint Statischer Ziegel / Structural brick Isolierender Ziegel / Insulating brick Fassadengraben / Façade trench Stahlblech / Sheet steel Pfahlgründung / Pile foundation

1 Attika Sandstein 2 Rundkorn Kies 3 Verbandsmauerwerk 4 Kalkputz 5 Weicheinlage 6 Ziegelsturz 7 Ortbeton 8 Vorgespanntes Betondeckenelement 2 9 Fensterbank Sandstein 10 Gesims Rücksprung Sandstein 2 11 Versetzte Lagerfuge 12 Statischer Ziegel 7 13 Isolierender Ziegel 14 Fassadengraben 15 Stahlblech 16 Pfahlgründung

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1 Attika Sandstein 2 Rundkorn Kies 3 Verbandsmauerwerk 4 Kalkputz 5 Weicheinlage 6 Isolierender Ziegel 7 Statischer Ziegel 8 Ziegelsturz 9 Ortbeton 10 Vorgespanntes Betondeckenelement 11 Versetzte Lagerfuge 12 Stahlblech 13 Fassad engraben 14 Pfahlgründung

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Ansicht Nord

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Eberle / be baumschlager eberle 22 26 - die Temperatur der Architektur | The Temperature of Architecture  978-3-0356-0381-1  December 2015 14 14

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Baustoff, Bauart, Baustelle Material, Type, Site

Florian Aicher

handwerksbetrieb, der das werk vom rohstoff im A building site like this one is possible because the Steinbruch über das Brennen des kalks im eigenen partners work together step by step: while the attic Ofen, das Löschen das kalks bis zum Putzaufbau was being bricked in above, the windows were benicht nur selbst verantwortet, sondern auch — dank ing placed and glazed, and on the ground floor the langer erfahrung im Denkmalbereich — die richtige plastering was started. The building shell took four months to complete. The inteMischung für diesen Fall festrior construction continued in gelegt und Neuland betreten the winter in short sleeves. in hat. Geliefert wurde eine reine spite of unforeseen complicaOberfläche, nichts als kalk, tions, primarily problems with keine Farbe, keine Fungizide, die the foundation, the schedule zu allem Überfluss mit der Zeit immer mehr aushärtet und keine and budget were on target. Algen, keinen Specht fürchten conclusion muss. Those who want to learn about So belegt dieser Bau eine Desks handwerkskultur, die weit über building should visit a typical die Grenzen des Landes ausconstruction site. They will find strahlt. Der regionale Bezug einer solcher kultur — er- out that the idea of the house as a machine has long fahrung und können auf stofflicher Basis — versteht been a reality. The surfaces of the building sich von selbst. Der kalkstein kommt aus dem shell — that is, the floor, the walls and the ceilhinteren Bregenzerwald, gebrannt ist er im wallgau, ings — are pre-fitted with cable, pipe and conduit der Naturstein stammt aus rorschach, die weißtanne along with their packaging. every requirement in the house is fulfilled with a technical installation. aus dem Bregenzerwald. einer Baustelle mit solchen Partnern ist zu ver- every installation creates a new interface which can danken, dass Zug um Zug gearbeitet werden konnte: also be a weak point, which in turn must be acwährend oben die Attika fertig gemauert wurde, counted for with yet another technical installation wurden in der Mitte die Fenster gesetzt und einge- and control. When everything has been installed, glast, und unten begann das Verputzen. Vier Monate the house is packaged within another house, dauerte es, bis der rohbau komplett war. Beim innen- namely the one we see. it may come as a surprise, ausbau im winter wurde mitunter kurzärmlig gearbei- but that goes especially for buildings with top tet. trotz unvorhersehbarer widrigkeiten — an erster ecological ratings. Stelle: schwierige Gründungsverhältnisse — wurden From that standpoint the 2226 building site Zeitplan und Budget gehalten. should be judged by what it is not. it is not a technical spiral of never ending selfFazit fulfilling prophecy. And it is not wer etwas über das Bauen heute the location of everything that has been stuffed into it. in the erfahren will, muss auf Baustellen gehen. Dort ist zu erfahren, wie case of 2226, aside from the “raised floor” and the hidden die idee vom haus als Maschine controls for the ventilation, längst wirklichkeit geworden ist. Die Flächen des rohbaus — das what you see is what you get: gilt für Boden, wand und Dean unobstructed view. And then it becomes clear: that is cke — sind belegt mit Leitungen, Desk Transport rohren, kanälen samt zugehow one builds economically. in its own way, 2226 anhörigen Verpackungen. Jeder Anspruch an das haus wird mit einer technischen swers the question of how to build in a time of scarce installation beantwortet. Mit jeder installation ent- resources. The answer lies in the human resources steht eine neue Schnittstelle, die zugleich potenzielle and their experiences. it is a method that works sparingly with mateSchwachstelle ist, was erneut Ansprüche nach sich zieht, die wiederum mit technischer installation, mit rial resources, preferring resources with a longer

Mit dem Nutzer rechnen In Defense of the User

Florian Aicher Dietmar Eberle

FLORIAN AICHER

FLORIAN AICHER

Seit zwei Jahren wird 2226 nun bespielt und das starke Interesse daran ist ungebrochen. Dabei ist die Rezeption stark auf das Thema Energie fokussiert. Wird das dem Bau gerecht?

Two years have passed and the interest in 2226 has not subsided. The focus is very much on the subject of energy. Does that do the building justice?

DIETMAR EBERLE

DIETMAR EBERLE

Diese Fokussierung trifft einen wichtigen Aspekt, aber nur einen Teilaspekt und bei Weitem nicht die gesamte Dimension des Hauses. Die intensive Aufnahme ist für mich ein Indiz, dass man weiß: Durch nachvollziehbare, überschaubare, der Konvention entsprechende Mittel sind Ergebnisse zu erzielen, die heute vielfach nur noch dem Einsatz von «viel Technik» zugetraut werden. Das Haus erbringt den Gegenbeweis und ist nachhaltig zu nennen. Die hier angewandte Bautechnik hat Lebenszeiten, die weit über die von technischen Anlagen hinausgehen — wir sprechen von mehreren Menschenaltern im Gegensatz zu den 15 Jahren, nach welchen diese Anlagen abgeschrieben sind. Nimmt man den Aufwand für Installation, Betrieb, Wartung und Entsorgung hinzu, der hier entfällt, wird es noch drastischer.

EG Coffee bar Gallery

Ground floor Public zone

Doch dazu kommt ein anderer Aspekt: Die Nutzungsneutralität des Hauses ist nachhaltig. Das Gebäude stellt ein «Feld» bereit, das von Personen mit eigener Geschichte in Zukunft bespielt wird. Das geht weit über das Unmittelbare eines Nutzungsprogramms für den heutigen Tages hinaus. Es liegt auch jenseits des Energieaspektes, ist aber langfristig ausschlaggebend für den Bestand unserer Umwelt. Wir müssen wieder lernen, beim Bauen mit langfristigen Zeiträumen umzugehen — im Gegensatz zum vergangenen 20. Jahrhundert, wo 2.OG wir glaubten, es uns leisten zu können, alle 30 Jahre

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The energy focus is important, but it’s a partial aspect and by no means reflects the overall significance of the house. The high-level of recognition tells me that people know that with comprehensible, transparent methods that correspond to convention, results can be achieved today, which are otherwise only achieved with “a lot of technology.” 2226 provides evidence to the contrary and is undoubtedly sustainable. The building technology used here has a lifespan far beyond that of technical equipment. We’re talking about several lifetimes in comparison with the fifteen years after which such equipment is amortized. If one includes the expenses for installation, operation, maintenance and disposal, the contrasts are even greater. But there is yet another aspect: the utilization neutrality of the house is sustainable. The building presents a “field,” in which people with theirCafe in- coffee bar Galerie gallery dividual background can develop their own story Büro office Archiv archive in the future. That goes far beyond the immediate Grossraumbüro open plan office needs of a usage program for today. It also goes Ateliers studios beyond the energy aspect but in the long term Wohnen habitation meeting it’s crucial for maintaining our environment. Konferenz We Allgemeine Zone public zone have to re-learn how to build in longer timeframes, in contrast to the conventional wisdom of the twentieth century in which it was common sense to replace buildings every thirty years, when they were financially written off. For social, eco1.OG logical and economic reasons, it is no longer possible to do that. FLORIAN AICHER

The term “sustainable” has been expanded from the more narrow ecological definition to include the social realm. As individuals and their history move more into the focus of the discussion, occupants of the object will take on greater importance rather than the object itself. DIETMAR EBERLE

History teaches us that buildings have to be robust. Robust refers to the materiality of the building and its simplicity, but also to the architectural qual3.OG ities of the building: arrangement and dimension

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Claudia Klein

Bricks — brickwork

Das Haus und seine Materialien The House and its Materials

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Limestone from the Kanisfluh massif — plaster Silver fir

Rorschach sandstone — window sills and the roof parapet The Schnepfau limestone rock face — plaster

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be 2226 Die Temperatur der Architektur / The Temperature of Architecture  

Portrait eines energieoptimierten Hauses / Portrait of an Energy-Optimized House. Weitere Infos / More information: http://bit.ly/2kFQAIf

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