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BOT E NSTOF F

II

MITTELMÄSSIGKEIT


Geleit zur Mitte T e x t v o n e r ik s c h mi d

Wozu braucht Design ein Thema wie Mittelmäßigkeit? Und wozu braucht die Mittelmäßigkeit überhaupt ein paar Gedanken von Designern? Beide Fragen beantwortet der vorliegende Botenstoff II auf unterschiedlichste Weise. Unsere Themen bewegen sich immer zwischen zwei Extremen und bilden jeweils die Mitte von Etwas aus, unsere Themen sind also scheinbar total unsexy. Denn niemand möchte gleichgültig, grau, gemäßigt, durchschnittlich oder meinungslos sein. Dem entgegen steht die ungeheure Macht der Mitte in der Bedienung und Verwaltung der Massen – die Politik braucht die Mitte genauso wie die Industrie, die ohne die Verwaltung des Durchschnittsgeschmacks schnell an Macht verlöre. Mitte ist also stinklangweilig und hochbedeutsam zugleich. Der Botenstoff II des Fachbereich Design der Hochschule Niederrhein in Krefeld, ist daher auch ein gelungenes Heft von bedeutsamer Langeweile und langweiliger Bedeutsamkeit geworden. Kurzum: ein gedrucktes Kleinod in der Massenkommunikation. Und allen, die daran mitgewirkt haben, gilt hier nicht der letzte, wohl aber ein der Mitte des Heftes weit vorangestellter Dank!


Prolog

02

MITTE

04

m ä s s i g un g

10

b r üc k e

16

g r au

22

Zwischen pro und contra

k o mp r o mi s s

26

Zwischen decke und lehne

s o fa b i l d

30

Z w i s c h e n g ü lt i g u n d u n g ü lt i g

g l ei c h g ü lti g

36

Zwischen oben und unten

p ate r n o s te r

43

v ie l l ei c h t

56

k o n s e r v ie r u n g

62

nichts

68

s tati s ti k

72

E P I LOG

78

Geleit zur mitte

Zwischen allem und nichts

Z w i s c h e n ü b e r fl u s s u n d m a n g e l

Zwischen diesseits und jenseits

Z w i s c h e n w e i s s u n d s c h wa r z

Zwischen ja und nein

Zwischen aufbauen und vernichten

Zwischen einerseits und andererseits

Zwischen zahl und mensch

how tu burn


tte Z w is c h e n a llem u n d n i c h ts


05

mitte


T e x t v o n   e r ik s c h mi d 

Z w is c h e n a llem u n d n i c h ts

 Die welt   z um wegwerfen.   die mitte. 

Die Mitte ist golden. Die Mitte ist Einvernehmung. Die Mitte weiSS um Dies- und Jenseits, denn sie bezieht ihr Sosein aus der Ferne ihrer Ausschläge. Die Mitte ist langlebig. Die Mitte zeigt Gegensätze. Mittag ist faul. Die Bedeutung der Mitte ist unübersehbar, aber auch unergründbar. Mitte macht munter. Mitte provoziert Thesen. Hier erst mal sieben ...

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DIE MITTE SCHAFFT STILLSTAND

Statisch betrachtet bildet eine mittige Substruktion Balance und Last optimal aus und erzeugt ein Gleichgewicht. Beim Schwingen eines Pendels ist die Mitte Ausgangsund Zielpunkt einer Periode, ein Nullpunkt. Auch darin ist ›die Mitte ein statischer Referenzort der Beweglichkeit‹. Statik sucht alle Kraft und Bedeutung in einer tief gründenden Ruhe. Symmetrie, die unsichtbare Mutter der Mitte als Gestaltungsprinzip schafft Ruhe und Repräsentanz. Auch ein Kompromiss ist statisch. Ein Kompromiss als Vermittlung gegensätzlicher Positionen bedeutet Ende und Stillstand des Diskurses und setzt dem Gegensätzlichen, dem Hin- und Herpendeln der Positionen ein Ende. »Die Meinungsmitte beseitigt das geistige Rauschen« und schafft Ruhe im Karton – Stillstand.

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MITTE SOURCT MEINUNG AUS

In der Vielleichtigkeit, der Egalität, dem Kompromiss, der Mäßigung, im Grauen, im Sowohl-Als-Auch, kurz, in der Alltagsrhetorik der Unverbindlichkeit versteckt sich eine tiefe Sehnsucht nach Ruhe und Aufgeräumtheit, nach Ordnung, Zuverlässigkeit, Konstanz, Regelhaftigkeit, letztlich nach Beschaulichkeit – und nach Verantwortungslosigkeit, denn nur wer klar Ja und Nein sagen kann, zeigt letztlich auch, dass er bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Die rhetorischen Phänotypen ›Vielleicht‹ und ›Egal‹ mögen immer gut gemeint sein, sind aber auch ein probates Mittel des Meinungsoutsourcings. Denn am Ende muss der / die Andere ja die Entscheidung treffen. Die Mittelverhaftung des Meinens richtet groSSen sozialen Schaden an , was dann im Ver-

lust der Mitte (Sedlmayr) endet, in einer kontroversen Diskussion, im Streit (schade, dass er so ein schlechtes Image hat), welcher dann wiederum die Rekonstruktion der Mitte im Kompromiss sucht.


07 mitte

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MITTE IST MACHT

Dass die Mitte politisch umkämpft ist, gehorcht natürlich der Logik der Wahl-Statistik, ist aber längst auch zum Inbegriff nicht nur des Generierens von Mehrheiten, sondern auch zum Synonym für kulturelle Repräsentanz und den Meinungsmainstream geworden. Wer die Mitte verkörpert, beansprucht für sich nicht nur quantitative Mehrheiten, sondern auch qualitative Ansprüche, Deutungshoheiten, und leitet für sich die Legitimation zur Interpretation und Repräsentation ab. ›Wir sind die Mitte!‹ ist ja nichts Anderes als der Versuch, die an sich abstrakte Mitte zu personifizieren und letztlich zu vermarkten.

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   MITTE IST UNKREATIV

Dass die Forderung nach Mittelmäßigkeit längst angekommen ist, kann man an der nahezu krampfhaften Forderung nach Kreativität allerorts feststellen. Wenn nämlich Kreativität gefordert wird, ist damit immer die Forderung nach dem Verlassen der Mittelmäßigkeit verbunden. Ebendies bestätigt die Existenz einer breiten Mitte. Die Lust auf Neues, Originelles wächst schlicht mit dem Zustand der Unbeweglichkeit. Für Designer: Das Neue und Originelle darf immer weniger aus den Köpfen der Menschen stammen, es soll immer mehr aus den Produktionsstätten der Welt stammen. Kurz: Veränderung soll man kaufen können. Während das Immaterielle,

die Mitte dient dem Meinungsmarketing!

die Meinung und das Fühlen gemittelt wird,

An der Politik kann man schließlich gut beobachten, dass die Mitte weit mehr strapaziert wird, als sie im Grunde hergibt. Gesellschaftlich und politisch ist die Mitte dehnbar und interpretierbar. Deshalb buhlen die Volksparteien um die Mitte. Und weil alles Extreme in Deutschland dem Verdacht des Unmenschlichen anhaftet. Dabei ist, wie gesagt, Mitte Stillstand und lässt sich sehr schwer mit dem überall eingeforderten Fortschritt, mit dem zwanghaften Wunsch nach Veränderung in Einklang bringen.

wird das Dingliche zum Besonderen, zum

Die Massenmedien geben über diesen Zusammenhang hinreichend Auskunft. Ein Blick hier in die Zeitschriften während einer halbtägigen Zugfahrt genügt, um extreme Outfits, Mahlzeiten, Urlaube und Events, also harmlose Sensationen zu finden, um gleichzeitig jede Menge Tipps zur Organisation des Familien- und Partnerlebens zu finden. Es geht dabei immer nur um eins:

Extrem.

Harmonie – das ästhetische Zauberwort der MittelmäSSigkeit . Das Schräge, Abseitige, Ex-

treme kommt zwar noch vor, aber immer nur als kokette Verwegenheit. »Flüstern Sie sich doch mal Schweinereien ins Ohr«. Die gesellschaftliche Wirklichkeit erreicht das schon lange nicht mehr. Anders: Der Designer

Bertrand Russell stellte zurecht fest, dass Aristoteles’ Forderungen nach Mäßigung in der Lebensführung heute etwas spießig daherkommen. Unter der Prämisse eines risikolosen Lebens, unter der Prämisse des Erhaltes eines nun mal gerade guten Zustandes ist die Mitte

braucht eine mittelmäSSige Realität, um das

sicher ein probates Mittel um Sensationen

Besondere als mediales oder dingliches

zu vermeiden , die einen auf abseitige Gedankenpfade

Surrogat verkaufen zu können.

führen könnten.

Wer kauft schon Gewöhnliches ? Alle, außer mir, oder ?


Z w is c h e n a llem u n d n i c h ts

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DER GOTT DER MITTE  HEISST BÜROKRATOS

6

DAS GEGENTEIL VON MITTE IST MUT

Nur: Wie soll denn das Besondere aus einer regelhaften und mittelmäßigen Realität erwachsen? Langeweile allein reicht nicht für konstruktives Handeln. Langeweile ist gut für Spinnereien, nicht aber gut für verantwortungsvolle Transformationen von Wirklichkeit. Die Natur der Langeweile ist ohne Fleiß, Plan, Strategie, auch wenn der kreative Nukleus der Langeweile hier respektlos abgeschrieben werden soll.

Die Mitte kann also eine ganze Menge – weil sie aber so viel kann, wird die Mitte zu oft strapaziert. Denn die Mitte ist nicht nur scheinbar golden, auch der Mittelweg nicht. Meistens vergolden die mutlosen nur ihre Ängstlichkeit mit Mitte. Denn das Gegenteil von Mitte ist Mut.

Aber erlaube ich mir die Frage zu stellen, ob die Krise welche im Wesentlichen die Subjekt-Objekt Disposition des zivilisierten Menschen prägt, ist also diese Krise, die zweifellos eine ist, weil die Bedeutung der Beziehung hinsichtlich Intensität, Dauer, Indikation etc. schwindet (Wegwerfgesellschaft!), noch mal; ist also diese Krise nicht

Die Brache ist Anschauung einer bewussten Unterlassung und daher aktiver Ausdruck einer Untätigkeit. Die Brache kennt außerdem ein Davor und ein Danach und ist daher auch Zustand der Mitte, des Dazwischen, zwischen Winter- und Sommergetreide, zwischen Gewerbe- und Wohnraum. Wie sich die Ewigkeit alles Vergängliche, die Gegenwart und Zukunft zurückerobert ist die faszinierende Fassung eines zutiefst im Innern des Menschen verwurzelten (Un)bewusstseins der eigenen Sterblichkeit. Die Ohnmacht gegenüber dem Überzeitlichen findet daher einen angemessenen Anschein in der Brache, die somit zugleich als ästhetisches Gegenstück zu allen Gotteshäusern gelten kann, denen die Vergänglichkeit (der Mitte) ja nicht weniger dient, nur jedoch prunkvoll. Schlussendlich

des Design als Leitdisziplin ,

eine Folge der VermittelmäSSigung und Standardisierung von Biografien und Tätig-

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DIE MITTE IST EINE BRACHE

– selig, wer hier nicht gleich an die hausgemachte Bologna-Bildungskrise dächte, die zweifellos eine Folge der Standardisierung ist. Wer hat sie gemacht? Keine Spezialisten, sondern Bürokraten, Ritter der Verwaltbarkeit von Realität. Der Gott der Mittelmäßigkeit hieße Bürokratos. Gut, es gab die Mitte ja immer,

verkörpert die Mitte die Sehnsucht nach

aber sie wird enger.

Ewigkeit, nach Jenseits, nach Tod.

keiten


09 mitte

 Oder, um es säkular,    barock und gebildet,    oder mit Gryphius zu sagen:  

D u s ie h s t, w o h i n d u s ie h s t n u r E ite l k eit a u f E r d e n . Wa s d ie s e r h e u te b a u t, r eiSSt j e n e r m o r g e n ei n : W o it z u n d St ä d te s te h n , w i r d ei n e Wie s e s ei n A u f d e r ei n S c h ä f e r s k i n d w i r d s pie l e n mit d e n He r d e n : … Wa s i t z u n d p r ä c h t i g b l ü h t, s o l l b a l d z e r t r e t e n w e r d e n . Wa s i t z t s o p o c h t u n d t r o t z t i s t m o r g e n A s c h u n d B e i n N i c h t s i s t, d a s e w i g s e i , k e i n E r z , k e i n M a r m o r s t e i n . Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

De r h o h e n Tate n R u h m m u SS w ie ei n T r a u m v e r g e h n . S o l l d e n n d a s Spie l d e r Zeit, d e r l ei c h te M e n s c h b e s te h n ? A c h ! wa s i s t a l l e s d ie s , wa s w i r f ü r k ö s t l i c h a c h te n , A l s s c h l e c h t e N i c h t i g k e i t, a l s S c h at t e n , S ta u b u n d W i n d ; A l s e i n e W i e s e n b l u m , d i e m a n n i c h t w i e d e r f i n d ’ t. N o c h w i l l , wa s e w i g i s t, k e i n e i n i g M e n s c h b e t r a c h t e n !


Z w is c h e n 端 be r f lu ss u n d m a n gel


011

Mäßigung


Z w is c h e n ü be r f lu ss u n d m a n gel

 lob der   mitte –   die gute   mitte.   T e x t v o n   gi u se p p e v it u c c i 

eine Philosophie des SpieSSertums. nach Aristoteles, Die Nikomachische Ethik. ein Auszug – eine Mitteilung.

In all unseren Handlungen, Erstrebungen und Zielen verfolgen wir, auf uns bezogen, immer das Gute. » ... daSS die mittlere Haltung in allem die Lobenswerte ist, daSS man aber zuweilen auf das ÜbermaSS, zuweilen auf den Mangel hin abbiegen soll. Denn so werden wir am ehesten die Mitte und das Richtige treffen.« Was man wissen muss: Die lobenswerten Verhaltensweisen nennen wir Tugenden. Die Tugenden erreichen wir, indem wir Gutes tun. WAS IST DAS GUTE?

Es herrscht kein allgemein GUTES . Was für den Arzt im Sinne der Heilung gut ist, ist für den Künstler, im Sinne des Schaffens, ein anderes. Eines haben sie gemeinsam, das Gute ist das Ziel, welches jede Tätigkeit verfolgt. Gibt es vielfältige Ziele, so ist das vollkommenste Ziel das Gute. Das vollkommenste Ziel ist das, was stetig um seines eigenen Willens und nicht um anderer Willen geschieht.

Spricht man vom vollkommenen Ziel als dem Guten, spricht man von der menschlichen Glückseligkeit. Die Glückseligkeit steht für sich selbst. Sie ist das Endziel aller Handlungen. Sie ist nicht ein Zustand, sondern ein Tätigsein. Jeder Sache, jeder Tätigkeit wohnt eine besondere Leistung inne. Wie dem Baumeister das Bauen, dem Arzt die Heilung und dem Künstler das Schaffen. Nun, worin liegt die eigentliche Leistung des Menschen, durch die er sich von allen anderen Lebewesen unterscheidet? Im Vermögen der Vernunft – also im Denken, Abstrahieren und Schlussfolgern. Um nun das Glück, also das Gute, zu erlangen, bedarf es der Implementierung der Vernunft. »Denn eine Schwalbe macht noch keinen Frühling, und auch nicht ein einziger Tag; (...).« Somit ist das Erreichen des höchsten Zieles – das Gute – also die Glückseligkeit durch den nachhaltigen Gebrauch der Vernunft erlernbar. »Es kommt also nicht wenig darauf an, ob man gleich von Jugend auf an dies oder jenes gewöhnt wird; es kommt viel darauf an, ja sogar alles.« Zusammenfassend kann man sechs Thesen über das Glück festhalten:


mässig u n g

13

1. Das Gute ist vom Menschen erreichbar und im Leben umsetzbar.  2. Es muss etwas mit der  Natur des Menschen zu  tun haben – Materielle  Dingen spielen beim  Glueck keine Rolle 3. Es wird um seiner selbst Willen erstrebt und zu keinem anderen Zweck.  4. Es ist ein Leitziel. 5. Es ist ein Taetigsein, also nicht wie nach unserem VerstAEndnis eine Art Zustand.  6. Es ist bestaendig,  a ber abhaengig von  guenstigen Umstaenden.


Z w is c h e n ü be r f lu ss u n d m a n gel

Um das höchste Ziel – das Gute – zu erreichen, bedarf es der Tugenden – dem lobenswerten Handeln. Tugenden sind Handlungen, die sich durch Erziehung und Gewöhnung erst ausbilden. Wir unterscheiden zwischen ethischen und verstandesmäßigen Tugenden. Die verstandesmäßigen entstehen aus Belehrung, die ethischen Tugenden hingegen entstehen aus der Gewohnheit. Wir erlangen die ethischen Tugenden indem wir sie ausüben. Durch Bauen wird man Baumeister, durch Klavierspielen Pianist. Durch gerechtes Handeln wird man gerecht, durch tapferes Handeln wird man tapfer. »Und mit einem Worte: die Eigenschaften entstehen aus den entsprechenden Tätigkeiten. Darum muss man die Tätigkeiten in bestimmter Weise formen. Denn von deren Besonderheiten hängen dann die Eigenschaften ab.«

Ferner kann man sagen: durch die Enthaltung von Lust wird man besonnen, hat man diese Fähigkeit erworben, kann man sich umso leichter der Lust enthalten, dasselbe geschieht bei der Tapferkeit, gewöhnen wir uns daran, das Schlechte zu verachten und zu überstehen, so können wir im Späteren umso leichter das Schlimme ertragen. Jede Tat wird durch Lust oder Schmerz begleitet, also bezieht sich die ethische Tugend überwiegend auf Lust und Schmerz. »Denn wegen der Lust tun wir das Schlechte, und wegen des Schmerzes versäumen wir das Gute.« Also müssen wir gleich von Jugend an dazu erzogen werden, wie Platon sagt, daß wir Freude und Schmerz empfinden, wo wir sollen. »Denn darin besteht die rechte Erziehung.«

ZWISCHEN ÜBERMASS UND MANGEL.

DIE MITTE IST DAS GUTE; IST DAS RICHTIGE.

Die ethischen (Charakter) Tugenden kennzeichnen sich dadurch, dass man sie loben oder tadeln kann. Demgemäß geht es hier nicht um Forschung einer bestimmten Wissenschaft oder einer allumfassenden Formel, es geht um die Untersuchung der Materie, einer Idee welche direkt mit dem Menschsein und seinem Handeln verflochten ist. Der Handelnde selbst muss schließlich gewissenhaft die Lage bedenken und schlussfolgern. Dinge können sich so oder auch anders verhalten. »Als erstes ist zu erkennen, daß derartige Eigenschaften durch Mangel oder Übermaß zugrunde zu gehen pflegen (...), so wie wir es bei Kraft und Gesundheit sehen (...) ebenso zerstören ein Zuviel oder Zuwenig an Speise und Trank die Gesundheit, das Angemessene dagegen schafft die Gesundheit, mehrt sie und erhält sie.« Und so verhält es sich auch bei den Tugenden wie Besonnenheit, Tapferkeit und den übrigen, denn wer jede Lust auslebt und sich keiner enthält, der wird zügellos, meidet man hingegen alle Lust so wird man stumpf wie ein Tölpel. Das Übermaß und der Mangel ruinieren sie und dagegen bewahrt die Mitte die Besonnenheit.

»In jedem teilbarem Kontinuum gibt es ein Mehr, ein Weniger und ein Gleiches, (...) auch im Bezug auf uns. (...) Die Mitte in Bezug auf uns ist das, was weder Übermaß noch Mangel aufweist; dies ist nicht eines und nicht für alle Menschen dasselbe.« Wenn 300 Gramm Nudeln zuviel sind für jemanden, so sind 300 Gramm Nudeln gerade ausreichend für einen Sportler. Somit wird jeder Wissende immer das Übermaß und den Mangel meiden und die Mitte wählen, also das richtige Maß, in Bezug auf sich und der Sache. Die ethische Tugend befasst sich mit den Leidenschaften und Handlungen, an deren sich Übermaß, Mangel und Mitte befinden – d. h. man kann mehr oder weniger Zorn, Begierde, Hass, Freude, Liebe oder vieles auf eine unrichtige Art empfinden. Aber zu wissen, wann, wie und weshalb das zu tun ist, das ist die Mitte und das Gute. Das ÜbermaSS ist ein Fehler, der Mangel tadelnswert und die Mitte ist das richtige.

Die Mitte befindet sich zwischen zwei Schlechtigkeiten, bei dem der Abstand zur Mitte immer derselbe ist. Ferner ist die Mitte für den Mangel das Übermaß; und für


15 mässig u n g

das Übermaß ist die Mitte der Mangel. Das Schlechte ist unbegrenzt und das Richtige ist begrenzt. »Leicht ist es das Ziel zu verfehlen, schwierig aber, es zu treffen. (...) Die Tugend ist also ein Verhalten der Entscheidung in der Mitte im Bezug auf uns, einer Mitte, die durch Vernunft bestimmt wird und danach, wie sie der Verständige bestimmen würde.«

Die wichtigen ethischen Tugenden im Überblick: Tapferkeit als Tugend des Mutartigen Mitte zwischen tollkühn und feige

MäSSigkeit als Tugend des Begehrens ABER: GUTES HANDELN IST NICHT

GLEICH GUTES HANDELN.

Wer gerecht oder besonnen handelt, bedeutet noch nicht, dass er allein durch die Tat gerecht oder besonnen ist. Es zählt die richtige Einstellung dem gegenüber und die wissentliche sichere Entscheidung um der Sache willen. Nur so werden die Menschen an der Seele gesund, nur so ist es tatsächlich gut und tugendhaft.

»Aristoteles. Die Nikomachische Ethik«, erstes bis viertes Buch, 7. Auflage, München, 2006.

TÜCHTIGKEIT IST DAS GUTE FÜR DAS LEBEN.

Das Ziel der Tüchtigkeit ist, die Sache gut zu bewältigen. So macht die Tüchtigkeit des Auges unsere Augen vollkommen, denn üblicherweise sehen wir gut. Die Tüchtigkeit des Pferdes macht das Pferd brauchbar, also kann es den Reiter tragen. So ist beim Menschen das Ziel der Tüchtigkeit einen tüchtigen Menschen hervorzubringen, der seine Leistung gut vollbringt.

im Gegensatz zur Zuchtlosigkeit

Freigiebigkeit die Mitte zwischen Verschwendung und Geiz

Hoch-

herzigkeit zwischen GroSStuerei und Engherzigkeit

Hochsinn zwischen

Aufgeblasenheit und niederem Sinn

Sanftmut zwischen Unempfindlichkeit und Jähzorn

Wahrhaftigkeit

zwischen Prahlerei und Ironie

Selbstverständlich existieren genügend Handlungen und Leidenschaften ohne eine Mitte, sie sind im Grunde schon eine Schlechtigkeit für sich, so der Neid, die Schamlosigkeit, Diebstahl, Mord usw. Die Mitte ist eine Art Spitze, das allerhöchste Ziel, es gibt weder eine Mitte von Übermaß und Mangel, noch ein Übermaß und Mangel von der Mitte. DIE MITTE IST DAS ABSOLUTE, IST DAS NICHT ERREICHBARE. »Gegenstand der Überlegung ist ja nicht das Ziel, sondern der Weg zum Ziel.«

Artigkeit zwischen PossenreiSSerei und Steifheit

Freundlichkeit

zwischen gefallsüchtig und schmeichlerisch.


Br端

Z w is c h e n d iesseits u n d j e n seits


17

cke


Z w is c h e n d iesseits u n d j e n seits

 a dams   w eg   T e x t v o n   m a r c o lig u o r i 

Der Mensch als moderner Brückenbauer, der Strecken sucht und Verbindungen findet.

1. WIE AUS NÄHE FERNE WIRD

 Peter:  »Nicht die Blumen, nicht die Pralinen, nicht die Schwüre und

die Gedichte auch nicht?«

 Hans:  »Nein.«  Peter:  »Das kann doch nicht sein, Hans, hat

sie nichts von all dem erwidert?«  Hans legte den Kopf in den Nacken:  »Ich habe so oft versucht, sie zu

beeindrucken und das Einzige was sie erwidert hat, mein Freund, war die Leere … und zwar mit ihrer eigenen Leere«.

 Peter:  »Dann, ..., dann wird

das wohl nichts mit euch. Hans – schlag sie dir aus dem Kopf, schreib dein Leben weiter ...


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2. wie die ferne zur nÄhe wird

In der Odyssee des Lebens, kann es nicht nur vorkommen, dass das Gesuchte nicht gefunden wird, sondern schlimmer noch, dass es nie existiert hat oder existieren wird. Zum Glück hat man solche Erkenntnisse meistens erst kurz bevor eh alles vorbei ist. Der Mensch wirft oft das Handtuch und gibt etwas auf, was ihm lange als Ziel diente. Soll es das gewesen sein? War das das Leben, von dem alle sprachen? Bestanden die unendlichen Möglichkeiten nur aus Scheitern und Versagen? Sicherlich hatte Hans es sich anders vorgestellt, seine Suche, sein Leben, sollte nicht unbedingt das erfolgreichste aller Zeiten werden, dazu ist er nämlich viel zu bescheiden, aber es sollte in seinen Augen zumindest das Beste werden, was er erreicht haben könnte, und wenn Versagen das Beste ist, was einem passieren kann, so sollte wenigstens für Alle etwas Gutes dabei rausspringen. Der Blick auf den Abspann, der das Scheitern lesbar macht, stimmt ihn melancholisch. Irgendwo außerhalb dieses Körpers, außerhalb dieser Stadt, außerhalb dieses Landes, denkt er sich, muss es etwas geben, was besser, was größer, was weiter ist als alles Bisherige. Irgendwo, nur nicht hier. In Gedanken entstehen Sehnsüchte, es ist noch nicht zu spät dafür, etwas Besseres aus dem Leben zu machen und somit steht für Hans fest, dass er nicht nur die Ferne rufen hört, sondern dass er ihrem Ruf folgen würde. Hans meint, dass es momentan überall auf der Welt bessere Alternativen gibt als hier. Alles wird teurer, alles wird schlechter, alle werden fauler. Telefonleitungen verbinden uns von Service A nach Service B, nur um von B zu hören dass D gerade nicht kann, weil C fehlt. Handwerker verspäten sich und auf niemanden ist mehr Verlass. Was hält Hans noch hier? Seine nicht erwiderte Liebe oder seine Sturheit?

B r ü c ke

I D E E N wurde gesponsort von Jung von Matt, Hamburg.

3. das ferne begreifen

Die Ferne, das ›Woanders‹ wird immer attraktiver. Und wieder ruft die Ferne, sie schreit uns förmlich an. In Gedanken malen wir uns bessere und buntere Welten. Wichtig ist ja, dass wir glücklich sind. Mehr noch, Ich. So kann es mitunter passieren, dass der Mensch eine Verbindung zu einem anderen Ort schafft, an dem er in diesen Situationen gerne sein würde, einfach woanders, weg vom Alltag, weg von dem stets Präsenten, weg von ›hier‹ vom ›Diesseits‹. Mit diesem Gedanken begibt er sich auf die Suche nach einem Weg. Er sucht eine neue Richtung, einen neuen Leitfaden. Er legt Entfernungen zurück, distanziert sich immer mehr von seinem Ausgangspunkt und sucht neue Herausforderungen. Er betritt die Brücke zu einer neuen, womöglich besseren Ära und lässt die alte zurück. Der Mensch mutiert vom Vagabunden zum Brückenbauer der Superlative, wann immer er neue Motivationen und  Ideen schöpft. Er muss an seine Grenzen stoßen, um darüber hinaus zu gehen, um an neues Terrain anzuecken, um nicht nur Neues zu entdecken, sondern Neues zu kreieren. Er schafft Verbindungen, etwas was uns vom ›jetzt‹ zum ›dann‹ bringt, vom ›hier‹ zum ›dort‹, von der Idee, zur Wirklichkeit. Doch der Mensch sucht nicht nur im technischen Bereich Verbindungen, es liegt in seiner Natur, dass er stets ›potenzielle Verbündete und Bindungen‹ sucht, sei es wie bei Hans durch Partnerschaften oder durch Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Der Mensch will nicht bloß wahrgenommen, sondern bestätigt werden. Um ein derartiges Ziel zu erreichen, ist es oft nötig, bestimmte Rituale zu vollziehen, oder zumindest einige Merkmale aufzuweisen, die eine Zusage zu einem bestimmten Kreis, einer ›geschlossenen Gesellschaft‹ einbringen. Er muss etwas leisten oder besitzen, was die gesamte Gruppe verbindet.


Z w is c h e n d iesseits u n d j e n seits

04. Brücken bauen

Diese kann etwas optisches, wie z. B. Uniformen und Trikots oder etwas geistiges wie z. B. Ideen und Gedanken sein, die alle Gruppenmitglieder gemein haben. Durch derartige Verbindungen ist es möglich, an die unterschiedlichsten Menschen heranzutreten. Man stelle sich z. B. folgende Situation vor: Wir befinden uns in einem Raum, in dem 50 Leute sind. Man betrachtet die Personen, doch keine davon scheint uns geläufig zu sein und ohnehin, die meisten scheinen gelangweilt und äußerst konversationsscheu zu sein. In einer Ecke, sitzt jemand, der ein ›Rolling Stones‹

Punkt ›mitsteuern‹. Verbindungen können nicht nur im technischen oder menschlichen Bereich, sondern auch im strategischen eingesetzt werden. So z. B. die Berliner Luftbrücke im 2. Weltkrieg, die die Versorgung des Westens gewährleistete. In diesem Fall stellt die Brücke eine fehlende terrestrische Verbindung dar. Dieselbe Funktion ist auch im prothetischen Bereich wie z. B. bei Zahnbrücken anzutreffen. Dort werden anstelle von fehlenden Zähnen Brücken eingefügt, die Lücken überbrücken. So wird eine Brücke nicht nur eine Verbindung, sondern auch eine Alternative zu einem Original.

T-Shirt trägt. Wie es der Zufall will, haben wir heute selber ein T-Shirt dieser Band an. Munter wandern wir zu der Person und fangen wegen des gleichen T-Shirts eine Unterhaltung an.

Wie wir bemerkt haben, ist aus einem banalen Stofffetzen eine enorme Verbindung geworden, etwas was uns praktisch als ›Einheit‹ dastehen lässt. Wann immer der Mensch Kontakt zu etwas oder zu jemand anderem aufnimmt, schafft er Verbindungen. Er baut Brücken zu anderen Leuten. Solche Brücken können auch auditiv sein. Wenn wir eine Person rufen, so schaffen wir alleine durch den Namensruf eine Verbindung, die gerufene Person dreht sich um und das Gespräch kann beginnen. Gleiches gilt auch für Telefonanrufe, wo uns ein Klingeln über einen eingehenden Anruf informiert, der vom anderen Ende der Welt kommen kann. Verbindungen sind auch haptisch möglich, z. B. wenn man einem Kind die Hand reicht, ehe man eine befahrene Straße überquert. In dieser Situation übernehmen wir praktisch seine Koordination. Es geht, wenn wir gehen. Dadurch lässt sich eine Person bis zu einem bestimmten

Nüchtern betrachtet, ist eine Brücke stets die Funktion einer Verbindung , etwas was wir betreten und rasch wieder verlassen, und abwertend formuliert, ist sie nur Mittel zum Zweck. Die Brücke an sich hätte keinen Sinn, wenn es den Ort, wo sie hinführt nicht gäbe. Wir kämen nie auf den Gedanken eine Brücke zu betreten, wenn wir keine Absicht hätten die andere Seite erreichen zu wollen. Werbetechnisch betrachtet, ist die Brücke die Werbung, um uns auf die Seite der Konsumenten zu locken. Könnte uns eine Brücke an sich dennoch reizen, sie zu betreten? Einer der wenigen Reize für die jenseitslose Benutzung der Brücke könnte die enorme Aussicht sein, die sie bietet. 100m über dem Boden zu sein kann schon ein faszinierendes Erlebnis sein. Aber vielleicht sind wir einfach nur die falsche Zielgruppe, Aussichten reizen uns womöglich nicht so sehr, doch was ist mit depressiven Menschen, die sich einem besseren Leben entgegensehnen und den Abschied planen? Ob Hans wohl derartig Gedanken in den Sinn kämen? Da könnte die Brücke eine neue Perspektive darstellen, im wahrsten Sinne


21 B r ü c ke

des Wortes. Ohnehin fragt man sich doch, weshalb der Sprung von der Brücke, stets reizvoller erscheint, als der Sprung vom Ufer. Dient die Brücke tatsächlich als ein ›letztes Rampenlicht‹? Oder ist es mehr eine Frage der Symmetrie, da die Brücke optisch betrachtet eine Mitte darstellt? Wenn dem so wäre, wie wichtig scheint die Symmetrie noch zu sein, wenn nach einem Sprung sowieso die menschliche Geometrie neu verteilt wird? Fakt ist, dass der Mensch durch Verbindungen immer andere Orte, das ›Dort‹ erreichen will. Eine Brücke könnte für Auswandern stehen, für neue Perspektiven, für neue Luft. Doch weshalb erscheint uns das, was weiter weg ist, stets attraktiver und angenehmer als das ›Naheliegende‹? Ist es überall wirklich soviel schöner und besser? Warum will der Mensch stets Neues entdecken und neue Gebiete erforschen? Ist es die eigene Unzufriedenheit, die uns als Motor dient, neue Verbindungen zu schaffen? Oder ist es nur der Instinkt, der Wille zu überleben, der uns weiter wandern lässt? Der moderne Mensch ist heute mehr denn je ein Nomade , früher zog er einfach nur weiter, er hinterließ nicht viel, weil er alles bei sich trug. Heutzutage ist der Mensch dagegen bereit, alles aufzugeben, was er sich in jahrelanger Arbeit aufgebaut hat. Sei es Existenz, Beruf, ja selbst Familie, wenn es sein muss. Der Mensch wird zum Neuzeitnomaden, er will frei sein, er will dahin gehen, wo er will. Er will Grenzen überschreiten und sei es nur aus Trotz, weil das nicht möglich ist. Das Verbotene reizt uns immer mehr, denn ›unbefugtes Terrain‹ heißt ›erobere mich‹, ›bekleben verboten‹ heißt bloß ›trau dich‹ und ›anständiger Bürger‹ heißt ›alter Feigling‹. Der Mensch sucht nach neuen Wegen. Er will dahin, wo er vielleicht nie hinkommt. Er strebt nicht nur nach Glück

und Zufriedenheit, sondern er verlangt sie praktisch, doch keines von beiden wird dem Menschen garantiert, weder ›diesseits‹ noch ›jenseits‹. Um es spirituell zu formulieren: Irdisch betrachtet, wissen wir nicht einmal ob es das Paradies tatsächlich gibt. Glaube ist gut, doch bedeutet ›glauben‹ nicht bloß die Annahme, dass eine Tatsache als wahr empfunden wird? Bleiben wir einfach mal in diesem Bereich, denn der Mensch sucht ein Leben lang nach Verbindungen. Vom Tag seiner Geburt, sucht er z. B. die Mutter – bis zum letzten Tag, wo er einen ›letzten Willen‹ ausspricht. Das Leben an sich ist eine Brücke und wenn es tatsächlich ein ›Leben nach dem Tode‹ gibt, so kann das Leben sarkastisch doch auch bloß als ›Wartezeit‹ gesehen werden. Stellen wir uns doch alle mal vor, dass das echte Leben beginnt, sobald wir hier unsere ›Jahre‹ abgewartet haben. Wäre das Leben als solches dann nicht eine komplette Fehlinterpretation? Und im Himmel lachen sich alle klein und schlapp, weil wir uns hier wirklich bemühen, etwas aus uns zu machen? Ohnehin ist alles vergänglich. Und selbst die besten Brücken tragen nicht für immer. Vielleicht wird es viele Arten von Verbindungen eines Tages nicht mehr geben, aber ist der Mensch letztlich nicht auch bloß nur eine Verbindung?


gr

Z w is c h e n s c h w a r z u n d w eiss


23

au


Z w is c h e n s c h w a r z u n d w eiss

 T e x t v o n   e r ik s c h mi d   k at h r i n w iess n e r 

Grau wiegt 2,4 Kilo: Lässt man

Menschen Far ben nach Gewi cht schätzen,

wiegt hellgr au weniger al s Dunkelgrau. Im Durchschn itt wiegt Grau 2,4 kg.  W ir befinden uns in einer Grauzone  meint den räumlichen, zeitlichen, psychischen oder geistigen Zustand zwischen zwei Positionen, die Schwarz und Weiß als Graukomposita zur Voraussetzung haben.


25 grau

 Grauer alltag beschreibt die ereignisarme Wiederkehr des täglichen Ablaufs eines Lebens.  Morgengrauen  ist der Vorfarbzustand, der das Dämmern umschreibt, bevor die zunehmende Lichtmenge der Sonne das Farbsehen ermöglicht. In manchen Fällen umschreibt das Morgengrauen auch den morgendlichen Blick in den Spiegel.  Grau ist   alle Theorie  meint, dass Handeln bunt und Denken farblos sei, weil Theorie als reizarm und damit auch als farblos gilt.  Graues Haar  stellt sich beim Altern nach dem Verlust von Farbpigmenten ein und ist unbeliebt, weil es die schwindende Lebenskraft veranschaulicht.  Lichtgrau  ist das an der HfG in Ulm beliebte Designergrau, mit dem sich Gegenstände versuchen als Objekt so unsichtbar wie möglich zu machen, indem sie sich an das Umgebungslicht angrauen.  Etwas liegt noch in grauer Zukunft  meint die Ungewissheit etwas Künftigen.  Bei Nacht sind alle Katzen grau  beschreibt den Umstand, dass das Unterscheidungsmerkmal der Buntfarben durch Grau wegfällt und somit sich die Wesen ähnlicher werden.  Das Grau lichtet sich  beschreibt die Verlichtung zur Buntfarbe hin und meint Aufklärung. Fort  mit dem Grauschleier  (auch Nebel) war ein Claim, damals Slogan, aus der Fernseh-Waschmittelwerbung der 70er Jahre, mit dem die Waschkraft des Waschmittels ›FAKT‹ beworben wurde.  Graue Maus  beschreibt eine unauffällige Person, die dadurch überdies als nicht besonders attraktiv beschrieben ist.  Grauware  ist Ware, die über zweifelhafte Wirtschaftswege zum Kunden gelangt, auch Gebrauchskeramik des Mittelalters und der frühen Neuzeit.  Graukeil  ist ein Hilfsmittel in der optischen Reproduktion.  Graue Panther  heißt eine deutsche Kleinpartei.  Grauschimmel  bezeichnet eine Pilzart sowie die Fellfarbe eines Pferdes.  Graue Eminenz  bezeichnet einen altersweisen Würdenträger.  Graubrot  ist ein Mischbrot.  Grausam  beschreibt eine höchst unangenehme Erfahrung.


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T e x t v o n   p iet f is c h e r 

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 Kommt drauf   a n … je nachdem. 

der kompromiss. jenseits von pro und kontra – jenseits von gut und schlecht?

Stunden um Stunden sitze ich an diesem Artikel, sammle Informationen, Ideen, Beispiele – und doch will sich das Konzept nicht so richtig einstellen. Dabei wird es höchste Zeit ... Hat jemand einen Vorschlag? Einerseits möchte ich nicht tatenlos zusehen, wie dieses Magazin hier mit Artikeln gefüllt wird, und andererseits halten mich meine eigenen literarischen Ansprüche vom Schreiben ab – Und das, obwohl mein Blatt nicht einmal leer ist. Vielleicht sollte ich einfach irgendwas schreiben. Für den Leser wird’s schon reichen. Aber halt! Das Beste ist gerade gut genug, oder wie war das? Keine faulen Kompromisse hier, entweder richtig geilen Scheiß abliefern, oder gar nichts.

Klar? Fast. Zunächst einmal:

Was ist eigentlich ein fauler Kompromiss? Was ist überhaupt ein Kompromiss?

Ein Kompromiss ergibt sich aus einem Interessenkonflikt; es müssen mindestens zwei verschiedene Interessen sein, die gleichzeitig nicht durchsetzbar sind – sei es durch sich selbst oder generiert durch etwaige Interessenvertreter bzw. deren Sekundärinteressen: Die eine Partei kämpft für die Abschaltung von Hamsterkraftwerken (Sie wissen, diese großen Hallen mit den kleinen Laufrädern), die andere Partei will neue bauen. Angenommen, eine der beiden Parteien könnte ihr Vorhaben ohne die Zustimmung der anderen Partei durchsetzen – sie würde es nicht tun, denn, und hier kommen Sekundärinteressen ins Spiel: Sie wollen zwar dies und jenes (was die anderen nicht

wollen), aber sie wollen nicht, dass die anderen bei der nächsten Abstimmung (zu einem anderen wichtigen Thema) gegen sie stimmen. Wir bauen keine neuen Kraftwerke, dafür bleiben die alten alle am Netz. Das ist der Kompromiss. Ein Eins-zu-Eins-Tausch zwischen den einzelnen Interessensbestandteilen ist hierbei nicht möglich, denn die Vor- und Nachteile der jeweiligen Interessen sind für ihre Vertreter bzw. Gegner von mitunter stark unterschiedlichem subjektivem Wert. Man kann mit der einen Partei nicht den Neubau eines Hamsterkraftwerks gegen die Abschaltung eines alten tauschen; mit der anderen Partei ginge das sehr wohl. Das hat zur Folge, dass ein Kompromiss auch nur subjektiv gut oder schlecht sein kann. Die Frage nach dem idealen Kompromiss, der objektiv betrachtet genau in der Mitte zwischen allen beteiligten Richtungen liegen müsste, erübrigt sich somit. Es muss also abgeschätzt werden: Was ist für wen wie wichtig? Und: Was denken die anderen, was ich denke? Kommen wir zur nächsten Frage: Was ist faul? Schauen wir uns den Apfel an. Ein fauler Apfel ist ein Apfel, der in der Regel zwar aussieht, wie ein Apfel – aber nicht mehr die für den Menschen unmittelbar interessante Funktion des Apfels erfüllt: Nämlich die, essbar, gesund und lecker zu sein. Er erfüllt sozusagen nur noch die Funktion ›Apfel‹ zu heißen, und im Idealfall auch die, wie ein Apfel auszusehen. Ein Kompromiss, der ›Kompromiss‹ heißt und aussieht wie ein Kompromiss, aber seine eigentli-


29 ko m pr o miss

che Funktion nicht erfüllt, ist also ein fauler. Und was ist die Funktion eines Kompromisses? Die Lösung von Interessenkonflikten. ›Für den Leser wird’s schon reichen‹ – löst das einen Interessenkonflikt? Ja. Also ist es kein fauler Kompromiss. Es ist höchstens ein subjektiv schlechter, denn jede Alternative für sich wäre besser als diesen Kompromiss zu machen. Was ist dann ein guter Kompromiss?

Das bedeutet, objektiv betrachtet gibt es weder einen guten noch einen schlechten Kompromiss. Ein herber Rückschlag, nachdem uns schon der ideale verloren ging. Aber kann man einen Kompromiss überhaupt objektiv betrachten? Wird man durch das Betrachten an sich nicht schon subjektiv? Klar. Sobald du etwas wertest, beziehst du Stellung. Sobald du einen Kompromiss beurteilst, bist du Interessenvertreter.

Die Trödelmarktfrau, die für den Holzjesus 18 Euro haben will, weiß genau, dass ich weiß, dass sie einen zu hohen Preis angesetzt hat. Also sage ich: »Für 10 nehme ich ihn mit.« Ich weiß, dass ich ihn nicht für 10 kriege, und sie weiß, dass ich das weiß. Also sagt sie: »Auf 15 könnt’ ich runter gehen.« Ich weiß, dass sie damit noch mehr als genug verdient, also sage ich: »13.« »Na gut, 14« sagt sie, »weil du es bist.«

Wenn man also einen Kompromiss gar nicht objektiv betrachten kann, und wenn er subjektiv betrachtet immer gut und schlecht gleichzeitig ist, warum ist er dann so beliebt? Bei solch komplizierten Fragestellungen ist es immer gut, jemand Fachfremden zu befragen – in diesem Fall den Holzjesus. Er antwortete mir: Menschen sind bequem. Menschen sind feige. Menschen haben Angst. Und zwar mehr Angst vorm Verlieren als Spaß am Gewinnen. frei übersetzt: No Risk – No Fun.

Abgesehen davon, dass ich gerade 14 Euro für einen Holzjesus bezahlt habe, habe ich das Gefühl, es sei ein guter Kompromiss gewesen. Irgendwie ahne ich aber, dass sie das auch denkt. Warum beunruhigt mich das? Es hat fast den Anschein, als sei ein guter Kompromiss derjenige, der für den anderen ein schlechter Kompromiss ist. Wenn das Allgemeingültigkeit besitzt, gibt es immer jemanden, der den Kompromiss für gut, und jemanden, der ihn für schlecht hält (Ein Kompromiss, den jeder Interessenverteter für schlecht hält, wird wohl nicht gemacht werden).


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T e x t v o n   k at h a r i n a k a k o l 

Z w i s c h e n d e c k e u n d s o fa

 Die Mitte   z wischen   Decke und Sofa   bewegt sich. 

Vermöbelte Kunst eine Typologie des deutschen Sofabildes

Die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt hat sich

DIE VERMÖBELUNG DES SOFABILDES  

jüngst mit dem durchschnittlichen deutschen Wohn-

Mit dem Verhältnis des Wohnzimmers zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit, sowie dessen Auswirkung auf das Sofabild hat sich der Kunsthistoriker Walter Grasskamp genauer befasst. Walter Grasskamp zeigt uns zwei Sichtweisen auf das Sofabild. In einer Ansicht gilt der Platz über dem Sofa als der peinlichste, an dem ein Bild landen kann. Doch trotzdem wird dieser unverdrossen genutzt. Die zweite Sicht weist auf eine theoretische Statistik hin, die die beliebtesten Bilderplätze in privaten Innenräumen auflistet. Da würde die Wand über der Rücklehne den ersten Platz gewinnen. Da stellt sich nun die Frage, warum das Sofabild einen schlechten Ruf hat. Einem Kunstwerk kann nichts Besseres widerfahren als über dem Sofa zu hängen. Nirgendwo sonst kann es so viele Blicke einfangen, wie an diesem öffentlichen Ort der Wohnung. Das Wohnzimmer dient als Spiegelbild der darin lebenden Familie.

zimmer befasst. Dabei wurde die gute Stube von Otto Normalverbraucher unter die Lupe genommen, um die Hauptzielgruppe besser zu verstehen. »Kommunizieren auf Augenhöhe« lautet einer ihrer Leitsätze. Und so sieht es aus: Polstergarnitur in mediterranen Farben, Schrankwand in hellem Holz, dunkelblauer Veloursteppich mit passenden blauen Fenstervorhängen, Raufasertapete und Zimmerefeu. Das obligatorische Bild über dem Sofa rundet das Einrichtungskonzept ab. Der Platz über dem Sofa war und ist immer noch der beliebteste für röhrende Hirsche, Heimatbilder, AirbrushDelfine und Anne Geddes’ Blumenkinder. Zum einen ist der Sofabildplatz der Ort für das beste Bild des Hauses, zum anderen ist dieses aber nur ein Lückenfüller. Es füllt das Volumen zwischen Rückenlehne und Decke auf.


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Walter Grasskamp: Konsumglück, die wahre Erlösung. München, 2000, S.132- 142.

»Die Nutzung der Sofawand als soziologisches Beweismaterial wäre übrigens keine Zweckentfremdung. Denn das Sofabild ist, wie heute Computerausrüstung oder früher die Stereoanlage, die Visitenkarte eines gebildeten Haushalts.«

Zeig mir dein Sofabild und

ich sage dir, wer du bist!

Im 19. Jahrhundert entstand die Symbiose zwischen Sofa und Bild, die bis heute unzertrennlich scheint. Im Biedermeier entwickelte sich die bürgerliche Wohnkultur, die wir heute kennen: Der einzige der Öffentlichkeit zugängliche Raum im Haus oder in der Wohnung ist das Wohnzimmer. Es ist der Mittelpunkt des sozialen Umganges, sowohl innerhalb der Familie, als auch mit Außenstehenden. Man richtet sich so ein, wie man sich gerne sieht und auch gibt. Das Schlafzimmer, in dem vielleicht Plüschtiere liegen, oder das Büro, das den Chaoten im Menschen aufdeckt, bleiben verschlossen. Doch das Sofabild hat eine ›ästhetische Sonderstellung‹: »Es ist nämlich ein Zwitter: Halb Kunst, halb Möbel, Flachware der Inneneinrichtung, in die es sich so geschmackvoll einfügen kann, dass es zum beiläufigen Attribut wird, zur visuellen Barmusik.«

Mit farbig abgestimmten Sofakissen und passenden Bilderrahmen geht es unter in dieser perfekten Symbiose von Sofa und Umfeld. Es wird zum eleganten Möbelstück, wenn es nicht nur über dem Sofa hängt, sondern es sogar dorthin passt, als wäre genau dieses Bild dafür gemacht. Dabei ist dann auch unerheblich, ob traditionell, abstrakt, figürlich, in Öl oder Aquarell, Foto oder Grafik. Es ist dann nur noch Dekoration, ein weiteres Accessoire im Interieur. DAS SOFABILD. EIN HAUSALTAR?

Auffällig erscheint die formale Analogie vom Sofabild und Sofa zum Altarbild und Altar. Es entsteht ein Dreisatz: Mensch Sofa Sofabild | Priester Altar Altarbild Die Vergleichbarkeit des Sofabildes mit dem Altarbild besteht nicht nur im formalen Sinne. Inhaltlich ist diese Analogie nicht unbedingt auf den ersten Blick erkennbar, aber genauso offensichtlich nachzuvollziehen.


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Beide Bilder stiften Identität. Das Sofabild verweist auf das Selbstverständnis der Familie. Das Altarbild hingegen reflektiert das Selbstverständnis der Kirche. Beide Bilder verweisen ebenfalls auf eine außerhalb liegende Realität. Das  Sofabild bevorzugt schöne Landschaften und Tätigkeiten, wie z.B. Fischen, das Altarbild auf die Jenseitigkeit von Motiven der christlichen Geschichte. Altar und Sofa weisen beide auf eine starke Beziehung zwischen mystischer Innerlichkeit und der äußeren Repräsentanz hin. Sie strahlen Entspanntheit und Besinnung aus, und gleichzeitig Macht und Feierlichkeit. Der Altar wahrt als Hort der Reliquie die Intimitäten christlicher Martyrien und als Zentrum der Liturgie konzentriert er Publizität. Vergleicht man nun weiter die Familie mit dem Priester, so sind sie beide die Zeremonienmeister der Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit. Sie stellen beide Innerlichkeit und Privatsphäre der (heiligen) Familie mit der gesinnungsgleichen Öffentlichkeit dar (Familie / Freunde / Gemeinde). Damit ist das Ensemble Mensch- SofaBild in jedem Fall ein Medium im Sinne eines Mittels oder Mittlers, welches private Gesinnungen mit der Öffentlichkeit verbindet. So gesehen bietet das Sofabild, genauso wie die unzähligen Altarbilder ungemein reichen Aufschluss über die Geschichte des Ortes und die Menschen, die an ihm leben.

DAS SOFABILD ALS MASSENWARE

Das Sofabild gibt also Aufschluss über die Mentalität eines Bewohners. Zu jedem Trend entwickeln sich passende Sofabilder. Jede Generation hat ihre eigenen Motive, vom röhrenden Hirschen, über toskanische Straßenszenen, bis hin zu IKEA-Blumen. Selten haben die etwas mit dem zu tun, was in der Kunstszene im gleichen Moment als maßgebliche Strömung gefeiert wird. Derzeit hat das Sofabild sogar den gleichen Herkunftsort wie der Rest der Möblierung: IKEA. Anfang der 90er Jahre wurde das Duplikat in Form von Postern oder Kunstdrucken modern. Es entstanden Listen der so genannten ›Bestseller‹, die man über dem Sofa vorfand. Besonders beliebt waren anfangs Kunstdrucke von Vincent van Gogh, z. B. ›Sonnenblumen‹ und das ›Nachtcafé‹, Kandinskys ›Farbstudie‹, Joan Miró, Pablo Picasso, später fotorealistische Strände und Liebespaare, sowie Christos verhüllter Reichstag. Diese Popularität erreichten die Bilder durch den Massenabsatz bei Versandhäusern, Dekoläden, Baumärkten und Supermärkten. IKEA hat sich dem angepasst und arbeitet, um die Verkaufszahlen zu sichern, mit Verlagen und Art-Scouts, die die Kunstszene nach angesagten Strömungen durchforsten. Natürlich immer unter der Prämisse, dass die neuen Sofabilder-Motive zu den schwedischen Möbeln passen müssen und dass das ›Hier und Jetzt‹ als Zeitgefühl widergespiegelt wird.


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Da ist es nur konsequent, zwischen Kinderbetten und CDStändern ›Kunst‹ zu verkaufen. Das Sofabild wurde somit zur Massenware. Es verkörpert den allgemein bekannten Durchschnittsgeschmack. DAS BEWEGTE SOFABILD

Seitdem das Bild seinen Platz in der guten Stube fand, veränderte es sich maßgeblich. Die Konstellation der Möbel wird nicht mehr durch die im Biedermeier angestrebte Konversation innerhalb der Familie angepasst, sondern dem neu vorhandenem bewegtem Bild – Dem Fernseher . Heute nähert sich dieses technische Gerät mehr denn je zuvor dem Gemälde an. In den neuen Proportionen eines Plasma- oder LCD-Fernsehers wird er an der Wand aufgehängt und unterscheidet sich auf den ersten Blick formal nicht mehr vom Ölgemälde. Das weiterhin existierende Sofabild hat sich inzwischen in die Digitalfotografie integriert. Die Möglichkeit, Urlaubs- und Familienfotos großformatig auszudrucken, erlaubt jedem, eine private und persönliche Stimmung in die vier Wohnzimmerwände zu bringen. Hierbei präsentieren sich die Bewohner mehr denn je dem Besucher. Doch ist es nicht erstaunlich, dass man selbst den Rücken zum Bild kehrt? Somit richtet sich die Botschaft an den Eintretenden, nicht wie man annehmen würde, an die Bewohner. Nicht nur, dass man das analog entstandene Foto

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S OFA B I L D wurde gesponsort von Andrzej und Elzbieta Kakol.

fast schon vergessen hat, jetzt muss man noch nicht mal mehr das digital geschossene Foto ausdrucken, um es einzurahmen. Es bleibt digital. Es reicht ein kleiner Chip, um die gewünschten Fotos im Bilderrahmen zu haben. Man kann nämlich – der neusten Technik sei Dank – mehrere Fotos ›durchlaufen‹ lassen. Das eine schöner als das andere. Aber ist das wirklich noch wichtig?


Z w is c h e n g 端 ltig u n d u n g 端 ltig


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T e x t v o n   w ie n ke t r ebli n 

Z w is c h e n g ü ltig u n d u n g ü ltig

 n icht   gleichgültig   sein,   gleich gültig   m achen ! 

gedanken zu einem falschen irrtum.

Oh wie schön ist gleichgültig  

Ich kann mich noch gut an einen bestimmten Abend im letzten Jahr erinnern als ich dachte: »Heute ist mir alles scheißegal!« Das war ein gutes Gefühl, ein mutiges. Es war ein aufregender, wilder Abend und ich fühlte mich durchflutet vom Leben. Frisch verliebt eben. Wobei das ›frisch‹ wohl nicht ganz stimmte, aber genau an diesem Abend hatte dieses Gefühl einen Raum in mir gefunden, von dem aus es sich ausbreiten konnte. Ich war voll davon, nichts anderes zählte. Der Rest der Welt war mir schnuppe.

Gleichgültigkeit – das ist ein Schuh, den wir uns nicht gerne anziehen. Wer will schon von den Anderen als gleichgültig bezeichnet werden? In den Medien hören und lesen wir immer wieder Aussagen wie: »Die Gesellschaft ist gleichgültig geworden.«, und »Heutzutage ist den Leuten doch alles egal.« Und sicherlich bemerken viele nur das, was sie interessiert, zu anderen Dingen und Vorkommnissen bilden sie sich kein Urteil, zeigen keine Emotionen. Der gleichgültige Mensch spürt nur das, was nah ist, der Rest geht an ihm vorbei. Gleichgültigkeit im herkömmlichen Sinn wird als negative menschliche Eigenschaft angesehen. Wir gehören aber unserer Meinung (oder unserem Wunsch) nach zu den Aktiven, Zivilisierten, Kultivierten und deshalb tun wir alles um dem Stempel der Gleichgültigkeit zu entfliehen. Und wir verachten die, die sich (scheinbar) um nichts scheren. Da klagt der Mann von der Partei, dass wieder nur eine Handvoll Leute ihre Unterschrift gegen den Abriss des Altbaus für Parkplätze gegeben haben und die Bürgerinitiative für bessere Nachbarschaft in der Tunnelstrasse hat sich wegen der verkümmerten Mitgliederzahl in Wohlgefallen aufgelöst. Dies ist dem Gleichgültigen vollkommen einerlei, Hauptsache die eigenen Schäfchen sind im Trockenen.

Dieser Zustand der totalen Eindimensionalität ist vermutlich notwendig, damit man endlich das bisher Verdrängte, nicht Wahrgenommene, als eine Tatsache akzeptieren kann, als etwas, das ist. Und die Liebe war. Es gibt diesen Trick des Bewusstseins: Einfach mal die AuSSenwelt ausschalten . Alles, was von dem ablenkt, was die volle Aufmerksamkeit benötigt, wird in so einem Moment auf ›egal‹ geschaltet. Und als Selbstüberzeugungswerkzeug, als Überlistung der eigenen ›Nixmerkerei‹. Eine wunderbare Art der Gleichgültigkeit!

Gleichgültig, wie dumm  


39 glei c h g ü ltig

Die kluge Gleichgültigkeit  

Dabei ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ›gleichgültig‹ eine durchweg positive. Die Wörter ›gleich‹ und ›gültig‹ haben zusammengesetzt eine wertende Wortbedeutung nicht eine teilnahmslose. Etwas besitzt die gleiche Gültigkeit wie das Andere. Es wird etwas als genauso gültig wie das Andere bewertet. Dies zeigt den Respekt, den wir vor der Gültigkeit des Anderen haben. So gesehen werden die Gründe eines Anderen, die uns gleichgültig erscheinen, von uns als andere gültige Möglichkeiten anerkannt. Das Erkennen dieser ursprünglichen Gleichgültigkeit erfordert ein grundlegendes Verständnis der Situation und damit das Gegenteil von Gleichgültigkeit im Verständnis von Desinteresse! Denn bevor man einer Sache gegenüber konstruktiv gleichgültig sein kann, muss man zuerst hinterfragen, ob diese Sache auch gleich-gültig/wertig ist. Um dies tun zu können, muss man sich aktiv mit dem Problem auseinander setzen. Das erfordert Wissen, Fähigkeiten und Referenzmaterial, und ist somit ein aktiver, nicht abgeschlossener Vorgang, was meint, dass ich immer weiter Erfahrungen sammle, mich immer weiterbilde, fortwährend vergleiche, und somit meine Meinung permanent auf den neuesten Stand bringe, damit bleibt sie in gewisser Weise variabel bzw. beeinflussbar. (Unter-

schiede nämlich, Abgrenzungen, Schwarzweißbeziehungen etc. sind schnell wahrgenommen, weil sich unsere Wahrnehmung durch Differenz ausbildet. Viel schwieriger ist es jedoch, das Gleiche oder Verbindende zweier Elemente zu erkennen, weil sie nun mal gleich und damit viel schwieriger zu erkennen sind.) In einer Welt, in der ich mich aber immer schneller und vor allem unaufhörlich für oder gegen etwas entscheiden muss, scheint dies unbequem und unpraktisch zu sein, obwohl diese Beschäftigung mit den Werten von Dingen und Sachlagen, die Qualität des Begreifens und schlussendlich die des eigenen Urteils erhöht. Der vernünftige Gebrauch der Gleichgültigkeit kann also durchaus erkenntnisfördernd sein. Angleichung der Gültigkeit ?

Wie kann so ein Umgang mit einem Thema also aussehen? Noch klingt es so, als müsse man bis an sein Lebensende nur vergleichen und nie zu einem Ziel gelangen. Bis zu welchem Grad kann ich dieses also anwenden? Die kluge Gleichgültigkeit meint einen Standpunkt größtmöglicher Objektivität und Neutralität als Ausgangspunkt. Aber sie zieht unweigerlich eine Erkenntnis und somit eine Urteilsbildung nach sich. Vernünftige Gleichgültigkeit schreit nach Aktion. Nicht verrennen sondern erkennen.


Z w is c h e n g ü ltig u n d u n g ü lti G

Hannes schaut in den Kühlschrank und stellt fest, dass kein Wasser da ist. Dies ist ein großes Unglück, denn Hannes trinkt viel Kaffee, aber ausschließlich mit einem Glas Wasser dazu – fehlt dieses, gibt es keinen Kaffee. Im Supermarkt gibt es ca. ein Dutzend verschiedene Wassermarken zu erwerben. Natürlich alle in verschiedenen Arten von Flaschen und mit farbigen Labels, was Hannes die Kaufentscheidung nicht gerade erleichtert. Würden die Verpackungsinhalte alle in der gleichen und vor allem unbeklebten Flasche angeboten, hätte Hannes nicht das komische Gefühl, durch Werbung, Verpackung und Preis in die Irre geführt zu werden. Dann könnte er sehen, dass das angebotene Nass zumindest optisch eine gleiche Gültigkeit besäße. Durch Riechen und Kosten würde er eventuell noch den Geschmack erkunden und ›zack‹ die Wahl wäre getroffen. Nun ist es aber so leicht nicht. Wie er so vor dem Getränkeregal steht, scheint es ihm, als würde er Stimmen hören: Kohlensäure, Bio, Öko, Sonderangebot, Natriumarm, CO2-Belastung, Preisbewusstsein, Qualität, Koffeinzusätze, Heilquelle, Billigware – auch sein Blick wird getrübt von den vielen verschiedenen Logos, Bildern und Preishinweisen. So geht das nicht. Hannes ist ein Mann der Tat und verzichtet heute freien Willens auf sein Wasser und somit auch auf den Kaffee.

Gleichgültigkeit gefragt. Denn hier kippt sie um in die Ungültigkeit und wird widersprüchlich. Information und Einarbeitung in das entsprechende Thema ist essentiell. Erst dann kann ich zu einer Erkenntnis und damit zu einem Ergebnis gelangen, was natürlich zur Folge hat, dass die als gleich gültigen Möglichkeiten von mir ausgewertet werden, denn es sind Möglichkeiten und keine zwingenden Wahrheiten.

Wenn ich die kluge Gleichgültigkeit anwende ist das ein aktiver Vorgang. Zuerst setze ich die Objekte in eine gleiche Ebene, in Reihe, nehme sie eben als gleich gültige Möglichkeiten wahr. Toleranz ist hier ein wichtiger Aspekt. Allerdings ist es wichtig, hierbei immer im Auge zu behalten wann Toleranz in Ignoranz umzukippen droht. Taucht so ein Wendepunkt auf, ist die Vernunft in der

Sicherlich könnte er noch andere Wasseranbieter aufsuchen, Möglichkeiten gibt es viele, nur dann käme er nie zu seinem Kaffee. Aber er wird ebenso wenig, gleich einer Fixierung, für ewig und immer auf seiner jetzigen Wasserwahl beharren, nein, hin und wieder wird er sich mit anderen Wassertrinkern austauschen, und sicherlich auch mal ein Schlückchen Leitungswasser probieren.

Am nächsten Tag geht Hannes erneut zum Wassereinkauf, und siehe da: zielstrebig klemmt er sich fünf verschiedene Flaschen des Gänseweines unter den Arm, schlendert zur Kasse, fährt heim und kocht sich einen Kaffee. Was ist passiert? Hannes hat sich informiert. Zuerst hat er sich klargemacht, was ihm an seiner persönlichen Wassersorte wichtig ist, nämlich, bitte nicht zu teuer und bitte eher natriumarm und wenig Kohlensäure. Außerdem wäre es prima, wenn die Herstellung (inklusive Verpackung) möglichst politisch und ökologisch korrekt wäre. Dann hat er recherchiert und ist auf fünf in Frage kommende Marken gestoßen. Die sind jetzt in seinem Kühlschrank und werden von Hannes auf Geschmack und Verträglichkeit getestet. Er wird sich für eine, die seinen Bedürfnissen gleicht, entscheiden, denn die Situation ist ergebnisorientiert.


41 glei c h g ü ltig

Unter Menschen wird gleichgültig sein (und wer möchte schon von denen, denen man nahe steht ignoriert oder mit Desinteresse gestraft werden?) oft mit gleich gültiger Wahrnehmung verwechselt. Aber auch hier kann die kluge Gleichgültigkeit erkannt und angewandt werden. Wenn Anna ihren Freund Karl fragt: »Findest du die Stiefel oder die Schuhe passender zum Kleid?«, und Karl antwortet: »Das ist doch egal, Schatz, beides sieht toll aus!«, sollte Anna nicht automatisch auf ein Desinteresse Karls an ihrem Schuhwerk schließen. Sie könnte auch darauf kommen, dass Karl entweder in modischen Spezialfragen weniger versiert ist und dies damit zugibt, oder beide Fußbekleidungen als gleich gültig wahrnimmt, als gleichwertig kleidsam an Annas wohlgeformtem Bein. Außerdem könnte Anna Karls Aussage auch als ebenso gleich gültige Meinung wie die von ihr erwartete Entscheidung akzeptieren. Die Gleichgültigkeit der Dinge

Gleichgültige Dinge – das könnten die Dinge sein, die nicht zu uns sprechen, die uns nichts sagen, die uns nicht jucken. Aber auf der Suche nach der ursprünglichen guten Gleichgültigkeit lassen wir diesen Ansatz einfach mal links liegen. Wer Durst hat, trinkt, sofern sich etwas zu trinken auftreiben lässt. Der effektivste Durstlöscher ist Wasser. Wie schön war die Zeit, als eine Flasche Wasser noch eine Flasche Wasser war. Die verschiedenen Funktionen dieses Dings waren gleichberechtigt, gleichwertig, gleichgültig. Der Durstige war in der Lage zu erkennen, um was es sich handelte, wie es funktionierte, woraus es bestand. Und es erfüllte seinen Zweck! Dadurch war diese ursprüngliche in ihren Funktionen gleich gültige Flasche Wasser ein gültiges Design, und bleibt es bis heute.

Heute – es grenzt geradezu an Wahnsinn, kann ich ohne Probleme für eine Flasche Wasser 80

In Nobel-Restaurants wird ein ›Bling‹ bestellt, serviert in einer satinierten und mit Swarovski-Kristallen besetzten, naturverkorkten Flasche. Der Flascheninhalt aus Tennessee ist u. a. ozonbehandelt und uv-bestrahlt und laut Bundesverbraucherzentrale keineswegs gesünder als Leitungswasser.

Euro bezahlen. Für Wasser !

Aber nicht nur die High-Society trinkt Marke statt Inhalt. Auch die ›normalen‹ Mitbürger rufen nach Evian und San Pellegrino obwohl sie bei Tests nicht mal eindeutig ›ihre‹ Marke herausschmecken können. Aber diese Wässer (so heißt es im Fachjargon) sind in dieser Ausführung nicht mehr Durstlöscher sondern Erlebniswelt, sie machen dich schöner, schlanker, aktiver,

Die symbolische Funktion überschwemmt alles andere, ich kaufe nicht mehr den Inhalt sondern das Umfeld, die Geschichte dazu. Häufig ist das so bei den Dingen, die im Trend liegen. Diesen Dingen wohnt keine Gleichgültigkeit inne. Hier wird ein in einen Traum eingewobenes Produkt verkauft, was nur aus den dadurch ausgelösten Assoziationen, Wünschen und Einbildungen einen solchen Wert erlangt.

gesünder und vor allem hipper!

Natürlich lieben wir Menschen Geschichten und sicher schwelgen wir gerne in Sehnsüchten. Aber vielleicht ist es hin und wieder ganz nützlich, wenn wir die Dinge, die wir begehren ein wenig näher in Augenschein nehmen und einen Blick auf die Gleichgültigkeit der Dinge werfen. Manchmal könnte das ganz nützlich sein ... oder einfach: A rose is a rose is a rose ... !


Z w is c h e n o be n u n d u n te n


R at h a u s D u i s b u r g 2 0 0 7 Fotografie Anja Itter

pater noster


d a n ke

an unsere unterstützer

des neuen anzeigen-konzeptes SPOSPO

Das SPOSPO (Sponsoring-Spot) basiert auf den Prinzip: Sie unterstützen ein Wort, ein Zeichen oder auch ein Element. Anhand einer von uns erstellten Liste mit Vorschlägen kann man ein SPOSPO auswählen. Das ausgewählte SPOSPO wird dann von uns auf einer Seite hervorgehoben und mit ihrem Namen in Verbindung gesetzt. Das Konzept SPOSPO

wurde unterstützt von Böhler-Uddeholm Deutschland GmbH. Das Wort IDEEN

wurde unterstützt von Jung von Matt, Hamburg. Siehe Seite 19

Das Wort SOFABILD

wurde unterstützt von Andrzej und Elzbieta Kakol. Siehe Seite 34

Das Wort REISE

wurde unterstützt von Reiseservice Helbig. Siehe Seite 64


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viel

leicht

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T e x t v o n   k at h r i n h elbig 

Z w is c h e n j a u n d n ei n

 Die   Vielleichtigkeit 

und was sie mit sex and the city und golden retrievern zu tun hat.

Wenn du ›Vielleicht‹ sagst, kannst du damit vieles meinen. Du kannst eine Hoffnung ausdrücken: »Vielleicht hab ich ja heute Sechs Richtige!« Oder du möchtest einen lästigen, aber eigentlich netten Verehrer abwimmeln, ihn dabei aber nicht zu sehr vor den Kopf stoßen. Du rettest dich mit Sätzen wie »Vielleicht melde ich mich nächste Woche mal bei dir« oder »Vielleicht gehen wir einfach mal’nen Kaffee trinken.« ›Vielleicht‹ ist wie ein guter Freund, der dir elegant aus unbequemen Situationen hilft. ›Vielleicht‹ hört sich auch noch gut an – süßlich, leichtfüßig. Das macht das ›Vielleicht‹ natürlich zu einer verlockenden Alternative bei – so ungefähr allem. Auch bei großen Themen bietet sich ›Vielleicht‹ als Versteck an, als Vielleicht-Versteck. »Vielleicht werde ich demnächst befördert«, sagst du, oder: »Vielleicht ziehe ich mal mit meinem Freund zusammen.« ›Vielleicht‹ nimmt den Sätzen die Substanz ihrer Aussagekraft. ›Vielleicht‹ wirkt auf einen Satz wie Mondamin auf eine Soße und färbt den Sinn der Aussage in die Vielleicht-Farbe Grau. ›Vielleicht‹ lenkt den Sinn in die Bedeutungslosigkeit. ›Vielleicht‹ kann zu einer vielfältigen Ausrede werden, die in vielen Lebensbereichen hilft. Der andauernde Gebrauch von ›Vielleicht‹ führt zur Vielleichtigkeit. Die ›Generation Praktikum‹ steht für ein ›Vielleicht‹ zwischen Studium und Beruf. Das schlecht bezahlte Praktikum akzeptieren wir, aus Angst davor einfach ersetzt zu werden. Denn es ist leicht, einen anderen Berufseinsteiger

zu finden, der den unbezahlten Job macht und hofft, von der Firma eine richtige, ordentlich bezahlte Stelle angeboten zu bekommen. Das ›Vielleicht‹ ist hier zwar Chefsache, aber auszuhalten: Wenn wir nur Vielleicht sagen oder nach der Vielleichtigkeit handeln, wird zwar nichts besser, aber vor allem auch nichts schlimmer. Und ein ›Schlimmer‹ macht uns große Angst. Einmal ohne Job, immer ohne Job, unken die Stimmen im Kopf. Dann suchen wir also lieber den Ausweg ins Karriere-Vielleicht. Damit bleiben wir am Ball! Auf das Karriere-Vielleicht des frischen Berufseinsteigers kann schon das nächste Karriere-Vielleicht folgen: Die Eigeninitiative, zum Beispiel in die Selbstständigkeit. Als Ausweg aus der Arbeitslosigkeit macht es zwar niemanden reich und zufrieden. Es gibt den neuen Geschäftsleuten aber das Gefühl, ihre Situation offen halten zu können. Sie können sich ein Stück weit aus dem schwarzen Loch der lähmenden Arbeitslosigkeit ziehen. Klar, es gäbe eine Steigerung zum Glück: einen sicheren Job mit festem Einkommen. Aber die Selbstständigkeit sorgt zumindest dafür, dass man sich als Teil der mündigen, weil arbeitenden Gesellschaft fühlt. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu schrieb 1998, dass die wachsende Unsicherheit der Lebensverhältnisse allgegenwärtig geworden sei. Angelehnt an das Wörtchen ›prekär‹ prägte er für diese Unsicherheit den Begriff der ›Prekarität‹. Bourdieu meint, dass die im schlimmsten Fall aus der Prekarität resultierende Arbeitslosigkeit den Betroffenen desorientiert und unmündig zurücklasse. Dadurch, dass er die Gegenwart nicht mitgestalten könne,


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Pierre Bourdieu: Prekarität ist überall. In: »Gegenfeuer, Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion«, Konstanz, 1998. *

sei er nicht imstande, eine Zukunftsidee zu entwerfen. Er sieht in der Prekarität ein Instrument, mit dem die herrschende Klasse das Volk sich unterwerfen kann. Dieses Instrument macht das Volk unterdrückbar, zwingt es zur Unterwerfung, zur Hinnahme ihrer Ausbeutung. Die Leute sind leichter regierbar, denn die Unsicherheit schwächt ihren Willen und macht sie anfällig für Verführungen.*

Eine prekäre Lage

Die zunehmende Flucht in Zwischenzustände leuchtet also auch Pierre Bourdieu ein. Laut Bourdieu ist ein Minimum an Gestaltungsmacht über die Gegenwart nötig, um ein revolutionäres Projekt entwerfen zu können. Praktika und freie Mitarbeit helfen dir also mit ihrem Minimum an Gestaltungsgewalt, weiterhin revolutionär zu denken. Auch 1-Euro-Jobs und Ich-AGs halten deine Arbeitsmoral am Leben – wenn auch auf Sparflamme. Der Zustand der Vielleichtigkeit ist in diesem Fall also fremdbestimmt. Du gehörst zum Überangebot, wenn du einen Job willst. Deine Arbeit, deine Stelle stellt gewissermaßen ein Privileg dar, ein zerbrechliches und bedrohtes. Es geht aber auch anders. Du musst entscheiden und kannst es nicht. Denn das Überangebot bringt deine Entscheidungskraft ins Wanken. Ist es einfacher, in einer Pizzeria auf fünf Seiten voll mit Pizza-Sorten die ›richtige‹ zu finden, oder dich zwischen Pizza Salami und Pizza Spinaci zu entscheiden? Wenn du dich in einer Fülle von Möglichkeiten Rat suchend umhörst, wirst du einen Befürworter jeder Option finden. Die überwältigende Realität scheint die Freiheit des Einzelnen zu erschlagen und über so vieles muss doch entschieden werden:

Riesterrente oder Bausparvertrag?

Deutschland oder die Welt?

Miete oder Eigenheim?

BILD oder FAZ?

Kleid oder Anzug? Kaffee oder Tee? Kind oder Golden Retriever?


Z w is c h e n j a u n d n ei n

Das Leben jedes einzelnen wird vielleichtiger, weil das Angebot zu explodieren scheint. So wie im Leben von Mark aus Essen. Er hat die Sache mit dem Überangebot gelöst, indem er sich von allem ein Löffelchen genommen hat. Er hat für sich das biografische Vielleicht-Versteck gefunden. Mit Mitte dreißig hat Mark eine abgebrochene Ausbildung zum Krankenpfleger und viele Jahre Jobben vorzuweisen. Vor vier Jahren hat es ihn nach Thailand verschlagen, wo er als Surflehrer für die Touristen gearbeitet hat. Als er noch in Essen wohnte, hatte er mal eine längere Beziehung, dann viele Affären und One Night Stands. Vor acht Wochen ist Mark nach Essen zurückgekommen. Er möchte einen Neuanfang machen, sich was aufbauen. Erstmal hat er sich jetzt für ein Studium des Bibliothekswesens eingeschrieben. Im Gegensatz zu früher kann er sich sogar vorstellen, wieder längere Zeit eine Freundin zu haben. Ob das den Rest seines Lebens so bleibt? Mal sehen. Mark weiß, dass dieses Kontrastprogramm gerade nötig ist, um sein ›Aussteiger-Leben‹ wieder interessant zu machen. Es hatte sich in der letzten Zeit einfach schon zu normal angefühlt. Viele Touristen kamen jeden Sommer wieder nach Thailand und freuten sich schon, Mark dort jedes Mal anzutreffen. Sobald er sich in Deutschland wieder sicher fühlt und die Dinge vorausschaubar werden, bricht er wieder auf. Seine Freundin Anne hat im Kongo bei einem Hilfsprojekt eine Schule mit aufgebaut. So etwas könnte Mark sich auch gut vorstellen. Schon als Kind hatte er ein Lieblingsbuch gehabt: ›Magisches Afrika‹. So ein unstetes Leben wie das von Mark ist heutzutage völlig okay. Und das nicht nur für Männer, die als Surflehrer ihr Glück suchen, sondern auch für Frauen, die statt Kind Karriere wollen. Fakt ist: In Deutschland leben immer mehr Menschen alleine. Früher waren Frauen sozial und wirtschaftlich von ihren Männern abhängig. Seit der weiblichen Emanzipation in den 1970er Jahren hat sich das radikal geändert. Seitdem die Ehe nicht mehr zum Pflichtprogramm einer gesellschaftlich angesehenen Frau gehört, ist das Single-Dasein ein ernstzunehmender Lebensentwurf geworden. Und dass Frauen einen Job

haben, ist heute so ungewöhnlich wie Karneval in Köln. Die beruflichen aber auch die privaten Möglichkeiten haben sich potenziert. Man fühlt sich wie ein Kind, das sich vor dem Süßigkeitenregal zwischen dem zartrosa Mäusespeck und dem Sauren Kracher entscheiden soll. Ob man eine Beziehung weiterführen oder aufgeben will – das ist inzwischen eine völlig freie Entscheidung, die eine Frau nicht an den Rand der Existenz führt. So wägen wir ständig ab, ob die Liebe ihre Opfer auch wert ist, ob wir uns lieber trennen oder zusammenbleiben wollen. Schließlich kann uns keiner sagen, was besser funktioniert, welche Süßigkeit uns am besten schmecken wird. Erfahrungswerte? Fehlanzeige. Dieses Lebensmodell ist völlig neu und muss von jedem selbst entdeckt werden. Bist du für die Beziehung? – Zwischen den Geschlechtern wird’s auch nicht einfacher! Die Vielleichtigkeit ist kein Junge. Richtig und logisch:

›Vielleicht‹ ist ein Zwitter !  

Die Vielleichtigkeit hingegen ist ein Mädchen. Zumindest insofern, als dass Frauen sie häufiger anwenden als Männer. Frauen sind gerne unentschieden und zelebrieren ihre Vielleichtigkeit. In der Pizzeria mit den fünfzig Sorten entscheidet sich der Mann im Zweifelsfall für die Pizza Salami. Damit kann man einfach nichts falsch machen. Bei der Frau funktioniert die Entscheidungsfindung ganz anders: Sie testet erstmal, ob sie beim mehrmaligen Lesen der Speisekarte eine Eingebung hat, die ihr mitteilt, welche Pizza hier die beste ist. Nichts passiert. Deshalb stellt sie sich schlussendlich ihre eigene Kreation aus den Bestandteilen von sieben verschiedenen Pizzen zusammen. Na bitte! Dieses Szenario hatte auch auf den Fernsehbildschirmen Erfolg: In ›Sex and the City‹ kämpfen sich vier Frauen, alle selbstgefühlte 30, real älter, durch dutzende Dates und Berge von Blahniks. Die Krise im begehbaren Kleiderschrank hat Stil bekommen. Und obwohl der Bruchteil der Zuschauer sich die schicken Versace-Kleider und ›Manolos‹ leisten kann, fühlen alle mit. Der Mann an unserer Seite schüttelt da nur mit dem Kopf. Wenn er zu einem wichtigen Termin muss, oder einfach nur einen


61 v iellei c h t

guten Eindruck bei den Eltern seiner Freundin machen will, weiß er schon am Abend vorher, was er anziehen wird. Ja, den EINEN Anzug halt. Ob das nun eine Frage der Erziehung ist oder an der ›Instinkthaftigkeit‹ und dem Testosteronspiegel des Mannes liegt, sei dahin gestellt. Es kommt auf jeden Fall selten vor, dass ein Mann rätselt, ob er sich die eine Pommes bei seiner Figur noch leisten kann, ob blau ihm besser steht als grün oder ob das neue Auto zu seinem Image passt. Männer wissen einfach Bescheid! Frauen erliegen anscheinend eher den Bazillen, die die Vielleichtigkeit hervorrufen: Bazillus Verunsicherung, Bazillus Angst und Bazillus Überangebot. So gefährlich sich das anhört – die Vielleichtigkeit hat dennoch Vorteile. Wer direkt für alles eine Entscheidung parat hat, sieht in seiner Entschlossenheit nur schwarz und weiß. Der Vielleicht-Mensch hingegen bleibt offen für die Zwischentöne, wägt ab und kommt zu neuen Lösungen. Nur so funktioniert kreatives Arbeiten. Vivienne Westwood beispielsweise ist kein Mensch, der verbissen an seinem Erfolg gearbeitet hat. Nein, sie ist eindeutig ein Vielleicht-Mensch. Mit sechzehn studierte sie ein Semester Mode und Goldschmiedekunst, brach das Unternehmen aber ab, da sie überzeugt war, man könne als Arbeiterkind in der Mode kein Auskommen finden und heiratete. Sie brachte später in ihrem eigenen Laden Kleidung unter die Leute, die mit den aktuellen Trends soviel zu tun hatte wie Heintje mit Heavy Metal. Und hatte durchschlagenden Erfolg. Neugier auf alles, was um dich herum passiert, ohne dabei verbissen zu sein, verhilft immer zu den besten Einfällen. Und Vivienne Westwood hatte hervorragende Einfälle. Schnell gefällte Entscheidungen hingegen beruhen nicht auf frischen, unkonventionellen Gedanken, sondern auf Erfahrungswerten. Für Grübeleien hat der Entscheidungs-Mensch gar keine Zeit! Obwohl klassischerweise der praktisch denkende Typ der erfolgreichere war, ist in der sich neu strukturierenden Gesellschaft ein Platz für den Vielleicht-Mensch entstanden. Dieser kann auf frische Strömungen aufspringen, weil er eventuell eh schon in eine solche Richtung gedacht hat.

Die ›Vielleichtigkeit‹ findet sich also in vielen Zusammenhängen wieder. Am weitreichendsten ist sicher die biographische Vielleichtigkeit, die uns hindert, Entscheidungen in Job und Privatleben zu fällen. Ein Streit mit dem Partner ist dabei wohl die am wenigsten gravierende Konsequenz. Aber was resultiert aus einer Entscheidungslosigkeit in der Kinderfrage? Wie viel weitreichender ist das Vertagen der Entscheidung für einen neuen Job, der eventuell besser sein könnte als der alte? Aber seien wir mal ehrlich. Wenn man die ganze Kiste in Relation zu anderen Privatwelten setzt, ist alles halb so wild. Wer in einer kreativen Schaffenskrise um 23.30 Uhr noch ein Sixpack Bier holt, denkt selten darüber nach, dass der Kioskmann da jetzt noch bis ein Uhr steht. Die meisten, die sich im kreativen Milieu tummeln, haben immer davon geträumt, dann zu arbeiten, wenn sie in der richtigen Stimmung sind und kriegen von dem Wort Festanstellung Albträume. Es ist doch eine gute Sache, dass die Akademiker nicht bis Mitte dreißig kinderlos bleiben, weil sie kein Geld für Babynahrung haben. In erster Instanz rührt das daher, dass sie erstmal ihre Träume verwirklichen wollten ...

Sind Sie Vielleichtig? Machen Sie den Test und finden Sie heraus, wie unentschlossen sie wirklich sind! Wenn Sie mehr als vier mal VIELLEICHT antworten neigen Sie zur Vielleichtigkeit.

1. Würden Sie gerne Günther Jauch kennen lernen?

j v n

2. Mögen Sie die Farbe Lila?

j v n

3. Glauben Sie an AuSSerirdische?

j v n

4. Möchten Sie gerne über 100 Jahre alt werden?

j v n

5. Gibt es Dinge in Ihrem Leben, die Sie im Nachhinein ändern wollen? j v n 6. Hat das Lesen der Bibel Ihr Leben beeinflusst?

j v n

7. Ist die Klimakatastrophe nur Panikmache ist?

j v n


Z w is c h e n a u f b a u e n u n d v e r n i c h te n


63


Z w is c h e n a u f b a u e n u n d v e r n i c h te n

 eva   kuierung   T e x t v o n   m a r c o lig u o r i 

Dank Konserve zur Moderne

LEBENSMITTEL  

Bei Konservierung oder Erhalt denken wir zuerst an Lebensmittel. Heute wissen wir, dass bereits die Menschen in der Steinzeit dazu gezwungen waren, ihre Lebensmittel für eine bestimmte Zeit haltbar zu machen. Schon damals wurde das Fleisch, um es zu konservieren, geräuchert oder getrocknet. Um 2000 v. Chr. konservierten die Ägypter ihre Lebensmittel ebenfalls durch Trocknen in Vorratskammern. In feuchteren Gebieten bevorzugte man das Räuchern. Dieses Verfahren besteht seit nunmehr über 9000 Jahren. Durch die Möglichkeit der Konservierung und dem technischen Fortschritt, gelang es den Menschen weite See  reisen zurückzulegen, ohne auf Nahrung verzichten zu müssen. An den Konservierungsarten hat sich im Laufe der Zeit zwar einiges geändert, aber die Grundprinzipien wurden stets beibehalten. Heute sind konservierte Fertiggerichte mit einem mehrjährigen Mindesthaltbarkeitsdatum keine Seltenheit mehr. Wir kaufen heute, um irgendwann zu konsumieren.

ERFAHRUNGEN  

Aber auch der kulturelle Fortschritt ist ohne die Strategie des Konservierens undenkbar. Seit Anbeginn der Zeit befassen sich die Menschen mit Entwicklung und Forschung. Man hat stets eine Verbesserung und Erleichterung von Umständen angestrebt und diese oft erreicht. Über die Jahrhunderte änderten sich die Möglichkeiten der Menschheit und heute im 21. Jahrhundert, staunen wir nicht schlecht wozu wir fähig sind. Vom Affen zum

Astronauten in wenigen Augenblicken ist schon eine respektable Leistung. Dieser Fortschritt, der uns bis außerhalb der Erdanziehungskraft brachte, basiert auf grundlegenden Erfahrungen, die der Mensch stets weiterentwickelte, technisch überholte, verbesserte oder komplett neu erfand. Schon die alten Ägypter hinterließen Papyrusrollen und Inschriften, die Geschichten erzählen und berichten. Seit der Erfindung des Druckes, gibt es die Möglichkeit Grafisches zu vervielfältigen, und mehrere Exemplare eines Dokumentes können an verschiedene Orten zeitgleich sein. Doch auch bevor es den Druck gab, konnte man mittels Tinte und Feder sowie Blatt oder Pergament eine Geschichte, Meinung oder Tatsache für einen längeren Zeitraum festhalten. Man konnte das Papier einfach weitergeben und jeder konnte, z. B. ohne dass der Autor anwesend sein musste, seine Botschaft vernehmen. Somit konnten Informationen transportiert werden, ohne die ständige Präsenz des Autors zu verlangen. Das geschriebene Wort konnte von Lesekundigen nachvollzogen werden und beseitigte die Fehler der mündlichen Überlieferung. Doch nicht nur Schriftstücke, sprich Wörter können für andere erhalten werden, auch auditive und optische Ereignisse können heute gespeichert werden. Mittels Notenblätter kann man Musik grafisch einfangen, so dass ein Orchester sie problemlos wiedergeben kann, ohne die eigentliche Musik zu kennen. Für alle, die kein Orchester daheim haben, lässt sich heute eine Sinfonie auch technisch wiedergeben, z. B. durch eine Schallplatte, ein Tonband, eine CD, oder immer häufiger dank MP3. Gerade in der Musik ist es wichtig eine Idee schnell einzufangen, da musikalische Geistesblitze nur eine Halb-


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wertszeit von wenigen Minuten haben. Dank Tabulaturen kann man erste Ideen vorläufig festhalten, vorausgesetzt man hat die Noten perfekt im Kopf. Ansonsten kann man auch durch Diktiergeräte auditive Ideen festhalten. Neben der Musik gibt es noch andere Bereiche in denen es wichtig oder zumindest lohnenswert ist, Ereignisse für die Nachwelt festzuhalten, zum Beispiel in Form von Bildern. Neben der klassischen Variante, Landschaften, Portraits oder Stillleben abzuzeichnen, ist seit über 150 Jahren die Fotografie eine gängige Form, die heute jedem zur Verfügung steht. Dank Fotos können nicht nur tatsächliche Ereignisse ins Bewusstsein gerufen werden, sondern ganze Zusammenhänge, die mit dem fotografierten Objekt in Verbindung stehen. Dieses Phänomen lässt sich auch bei Musik betrachten, wo verliebte Pärchen von ›ihrem‹ Song sprechen und sämtliche Strecken einer Beziehung auf verschiedene Lieder projizieren. Man erhält durch eine bereits erhaltene Sache verschiedene Emotionen oder Erinnerungen. Da wir schon bei Erinnerungen sind – in gewisser Weise sind Erinnerungen auch eine Form der geistigen Erhaltung. Verlorene Gedanken sind zuweilen schwieriger auffindbar als verlorene Fotos. Daher dienen Speichermedien nicht selten als Ersatz für das fehlerhafte Gedächtnis.

k o n se r v ie r u n g

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werden kann, sondern medizinisch betrachtet schon zu einem zwanghaften Horten ausartet. Diese Art von Erhalten wird als Zwangsneurose betrachtet. Dabei bewahren betroffene Menschen alles auf, was in ihren Augen wichtig ist oder ihrer Meinung nach zu einem bestimmten Zeitpunkt wichtig sein oder werden könnte. Alles kann irgendwann Verwendung finden. Theatralisch betrachtet, könnte das Schicksal eines Menschen, zu einem bestimmten Punkt von einem einzigen Objekt abhängig sein. Dadurch, dass es sich hierbei jedoch meist um Werbung, Zeitungen oder Haushaltsmüll handelt, sinkt, rational betrachtet, die Wahrscheinlichkeit, dass genau das Gesuchte dabei ist. Menschen die ein derartiges Syndrom aufweisen, sammeln nicht instinktiv, sondern eher bewusst und das auch weiterhin, so dass im Laufe der Sammeljagd nicht nur die Lagerung, sondern auch die sozialen Verbindungen der Betroffenen immer problematischer werden. Diese Art von Erhalten wird von Außen betrachtet als eher unproduktiv gesehen. Doch wie produktiv ist der Erhalt tatsächlich? Bewegen wir uns einmal vom materiellen Erhalten weg, schließlich können nicht nur Objekte, sondern auch Lebenseinstellungen oder Ziele die wir strikt verfolgen und nicht aus dem Visier lassen, erhalten werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch nämlich grundlegende Verhaltensmuster

SAMMELN

Doch nicht immer konserviert der Mensch, um sich zu erinnern. Oft kann der Erhalt solch epische Ausmaße annehmen, dass es nicht mehr nur als Sammeln bezeichnet

oder

moralische

Vorstellungen

ändert

oder verwirft, liegt weitaus niedriger als

Betrachten wir zum Beispiel eine Szenerie, in der sich jemand

das Wechseln des Kleidungsstils.


Z w is c h e n a u f b a u e n u n d v e r n i c h te n

schweren Herzens von seinem Lieblingspullover trennt, aber es ihm nie in den Sinn kommen würde, religiöse Alternativen in Erwägung zu ziehen. Sicherlich gibt es Menschen die sich zu einem anderen Glauben bekehren, der Regelfall zeigt jedoch, dass wir, von religiösen Sichtpunkten einmal abgesehen, etwas das uns von klein auf beigebracht wurde in den wenigsten Fällen verwerfen. So betrachtet behalten wir immer dieselben ›Eigenschaften‹ und moralischen Werte bei. Ausnahmen bestätigen die Regel. Genauso ist es auch mit der politischen Ausrichtung. Jemand, der sein ganzes Leben lang eine bestimmte Partei gewählt hat, wird sie bei den nächsten Wahlen höchstwahrscheinlich wieder wählen. Dieselbe Situation lässt sich auch beim Fußball betrachten. Ein treuer Fan wird seine Lieblingsmannschaft bis in die unterste Liga begleiten, laut dem Motto: »Was das Herz einmal liebt, vergisst es nicht.« Somit erhalten wir auch Passionen, die wir für die unterschiedlichsten Bereiche pflegen. An dieser Stelle könnte man subtil meinen, dass unsere persönliche Erhaltungsphilosophie zumindest bei Betrachtung der ›Abwechslung‹ unserer ›Vorlieben‹ recht monoton erscheint.

neue Wege, Absichten oder Denkrichtungen einschlägt. Ab und zu muss der Mensch sich von einem Muster trennen, wenn er neue Erfahrungen sucht; er muss wegkommen von der veralteten Routine, weg vom Schema F, weg von dem Stereotypen und auch weg vom Egoismus, der oft eine tragende Rolle dabei spielt. Gerade aus diesem Grund lässt der Erhalt von persönlichen Vorstellungen, sowohl politisch als auch privat, wenig Platz für Kritik. Doch ohne konstruktive Kritik, kann oft nichts Neues entstehen. Das ist das Schlechte am Konservieren. Das Gute daran aber ist, dass da wo die Dekadenz wuchert, die immer eine Folge des exzessiven und krampfhaften Erhaltens ist, die Revolution ihren besten Nährboden findet.

Wir können nichts Neues produzieren, wenn

einer Sache, oder weint man der Zerstörung

anstatt uns in andere Richtungen weiter zu entwickeln. Die politische Konservative, die stets auf den Erhalt grundlegender Werte basiert, wird oft gemeinhin als monoton und damit umgangssprachlich als ›langweilig‹ betrachtet. Da, wo der Mensch nicht zu Kompromissen oder Kooperation mit anderen Erwägungen bereit ist, kann sich selten eine produktive Neuentwicklung gestalten, zumindest wenn wir davon ausgehen, dass das Resultat alle Betroffenen zufrieden stellen soll. Oft fehlt in diesen Bereichen die geniale Zündung, die dadurch erreicht wird, dass man

nach?

So paradox es auch klingen mag, das Konservieren geschieht oft nicht aus dem späteren Verbrauchsgrund, sondern aus der Unentschlossenheit des einzelnen Menschen. Oft steht der ›Erhalter‹ vor der Entscheidung, ob er ein Ding, ein Projekt oder ein Haus zerstört oder verwirft, oder ob er es erneuert und neu aufbaut, um es weiter zu entwickeln oder zu verwenden. In solchen Situationen kann oder will man sich nicht vorläufig entscheiden. Bereut man irgendwann die Veränderung

wir stets an derselben Sache kleben,

So betrachtet, erhalten wir vieles deshalb, weil wir Angst haben, es zu verlieren. Erhalten ist eine Art Lagern, eine Sicherung, eine Festung. Die Rhetorik der Entscheidungsunfähigkeit heißt: »Später sehen wir weiter, da kümmern wir uns irgendwann mal drum«. Seien wir ehrlich, Erhalten bedeutet oft »momentan habe ich keine Lust, mich damit zu beschäftigen, soll sich doch irgendwer anders damit rumplagen.« Erhalten ist Wegschieben, der Stapel liegt dann zwar noch auf dem Tisch, aber nicht mehr in meinem Bereich. Selbiges gilt auch für Gedanken: »Baue


67 k o n se r v ie r u n g

ich einen Gedanken aus, oder verwerfe ich ihn? Ich tue ihn erst einmal bei Seite«. Dabei kann die Zeitspanne von ›erst einmal‹ bis zum tatsächlichen Aufgreifen von ›sehr lang‹ bis zum Wahrscheinlichsten – ›nie‹ – tendieren. Wie wir gemerkt haben, gibt es verschiedene Hintergrundgedanken, die ein Konservieren rechtfertigen. Darunter zählt das Konservieren um Sachen aus Neigung zu erhalten, z. B. das Sammeln von Briefmarken. Das Konservieren um etwas anderen Leuten mitzuteilen, z. B. in Büchern etc. und das ungewollte Konservieren, um unsere Entscheidungsunfähigkeit zu bedienen. Egal von welcher Seite man es betrachtet, der Vorgang des Erhaltens ist immer passiv. Allein das Speichern von Wissen kann, historisch betrachtet, konstruktiv werden. Welchen Sinn macht also Konservieren? Einerseits lebten wir ohne Konservierung noch in der Steinzeit, andererseits, hindert uns das Konservieren, wie gezeigt, am Fortschritt.

Moderner Erhalt

Im Zeitalter des WWW und der EDV gelangt das Materielle immer mehr in den Hintergrund. Wir können auf einen Chip sämtliche Fotos abspeichern, JPEG entstofflicht das Bild und ersetzt das klassische Bildformat.

Die Kehrseite der Medaille: Bei einem Stromausfall können wir auf sämtliche kulturellen Erinnerungswerte nicht mehr zugreifen .

Heutzutage haben wir einen schnelleren Lebensstil, wir wandeln uns viel schneller, wir sind flexibler, wir kooperieren anders, wir erhalten anders. Wir wollen schnell Daten von A nach B schicken, E-Mails wandern im Irrsinnstempo zu anderen Kontinenten. Heute muss alles schneller gehen. Wir haben wenig Zeit und die wenige Zeit die wir haben, scheint uns mit 16000 KB/s davonzurennen ... Sachen, die wir erhalten, schicken wir meist sofort weiter, sichten und senden. Für einen richtigen Erhalt nehmen wir uns noch kaum Zeit, wenn kein Profit dranhängt. Doch wozu braucht der Mensch dann überhaupt noch den Erhalt? Durch den Erhalt früherer Daten und Dokumente ist es uns nicht nur gelungen, durch die Verfügung über Wissen einen Fortschritt zu leisten, sondern auch das Verständnis für das Fremde zu verbessern. Doch was wäre die Welt gewesen, wenn es den Erhalt in dieser Form nie gegeben hätte? Wenn sich niemand darum gekümmert hätte, eine Dokumentation über eine Entwicklung zu führen?

Fotos von einst ewiger Liebe werden nicht

wodurch nicht nur die Dramatik, sondern auch das befreiende Gefühl, die Wut und das therapeutische Abreagieren verloren geht. Auf traditionellen Briefverkehr wird immer weniger Wert gelegt, wenn man bedenkt dass es mittlerweile Online-Banking, Online-Rechnungen und OnlineVerträge gibt. Selbst Musik ist heute als nicht greifbare MP3-Datei vorhanden, Webportale ersetzen den Gang zum Musikgeschäft, wo wir uns noch Alben mit Booklets gekauft haben. Die Welt ist online, wie sie noch nie zuvor online gewesen ist.

mehr zerrissen sondern gelöscht,

Vermutlich würden wir im 21. Jahrhundert vor einer ganzen Menge Probleme weniger stehen, das Wort ›Klimawandel‹ würde uns nichts sagen, wir wären primitiv und hätten alle paar Jahre das Rad neu erfunden. Sicher gäbe es keinen medizinischen Fortschritt und keine Technik wie wir sie heute genießen. Es wäre eine andere Art der Welt geworden, vielleicht eine Bessere? Das werden wir nie erfahren, vielleicht aber eine Generation in 1000 oder 2000 Jahren, wenn die Entwicklungen so rasend kommen werden, dass keiner mehr daran denkt sie für die Nachwelt zu erhalten.


Z w is c h e n ei n e r seits u n d a n d e r e r seits


69

Nichts


T e x t v o n   d o g a s a gs ö z 

Wie bei einem osmotischen Druckausgleich scheint der Stift auf’s Blatt zu zielen, um die Balance zwischen mir und meinem ruhigem nes begrenzten Gedächtnisses, andererseits weiss einzugehen, der bedeuten Gegenüber herzustellen. Mein Kopf gleicht einem reich gefüllten Atelier mit großformatigen, vor Ort zusammen gesetzten Leinwänden, die nicht ohne weiteres wieder durch die schmale Tür der Stiftspitze hindurchgehen würden. Die parallelen Gedankenwelten, die neben Lautzeichen und Wortbildern auch mathematische Beziehungen beinhalten, müssen der Reihe nach übersetzt werden. Dadurch treten Verluste auf, da jede Aufzeichnung zwangsläufig Abweichungen und Abänderungen beinhaltet. Einerseits wegen meines begrenzten Gedächtnisses, andererseits wegen des begrenzten Auftrags der Schreibmittel. Ich will dieser Herausforderung gerecht werden, ohne einen Kompromiss einzugehen, der tt zu zielen um die Balance zwischen mir und meinem ruhigem Gegenüber herzustellen. Mein Kopf gleicht einem reich gefüllten Atelier mit großfor-matigen, vor Ort zusammen gesetzten Leinwänd bedeuten würde, dass ich nicht allen Vorgängen den selben Stellenwert zukommen lassen kann. Ich müsste

Z w is c h e n ei n e r seits u n d a n d e r e r seits

 f ür   mitte 

meinen Standpunkt verlassen, dem ich doch erst Ausdruck verleihen wollte. Damit wäre ich nicht zufrieden. Es wäre zu riskant den Standpunkt zu wechseln und eine andere Position einzunehmen. Denn dadurch öffnet man seine Deckung und wird angreifbar. Einem Blatt Papier einen ordentlichen Satz zu verpassen, gleicht einem Kampf, es ist als stünden sich die weisesten Kämpfer einer jahrtausende alten Kampfkunst gegenüber und bewegten sich kein Stück. Sie blicken sich in die Augen und tauschen Möglichkeiten aus, rein gedanklich, was passiert. n Gedankenwelten, die neben Lautzeichen und Wortbildern auch mathematische Beziehungen »Wenn du so machst – dann mach ich so!«

Gedankenwelten, die neben Lautzeichen und Wortbildern auch mathematische Beziehungen beinhalten, müssen rsmatmatmatmatmat Druck von rechts – nach links drehen, Zug von rechts – folgen, statt zerren. Gedankenwelten, Die Kunst des Kampfes ohne zu kämpfen imponiert mir, schließlich will ich schöpfen, nicht zerstören. Es gilt zu verfolgen was ich mein Leben lang wollte, nämlich ein Huhn legen, kein Ei . Es sollte unerwartet und eigenständig sein, kein Faksimile der vorherrschenden Strömungen, es sollte ein völlig neues Meer von verzweigten Strukturen eröffnen, eine Keimzelle weiterer Inspiration sein. Wenn es mir nur gelänge dieses Ur-Stück aus mir herauszuholen, könnte ich aus diesem dann viele weitere


71 n i c h ts

Kapitel schöpfen. Ich könnte schreibend in die Tiefe steigen, um Welten aufzudecken, die ihre eigenen Figuren haben und anderen Gesetzen folgen. einem osmotischen Druckausgleich scheint der Stift auf‘s Bla, die nicht ohne weiteres wieder durch die schmale Tür- der Stiftspitzehindurchgehen würden. Die parallelen Gedankenwelten, die neben Lautzeichen und Wortbildern auch mathematische Beziehungen beinhalten, müss de Aufzeichnung zwangsläufig Abweichungen und Abänderungen beinhaltet. einem osmotischen Druckausgleich scheint der Stift auf‘s Bla, die nicht ohne weiteres wieder durch die schmale Tür- der Stiftspitze- hindurchgehen würden. Die parallelen Gedankenwelten, die neben Lautzeichen und Wortbildern auch mathematische Beziehungen beinhalten, müssen der Reihe nach übersetzt werden. Dadurch treten Verluste auf, da jede Aufzeichnung zwangsläufig Abweichungen und Abänderungen beinhaltet. tettettettettettettettettettettettettettettet Oh, es fängt an zu regnen, ich muss die Überlegungen unterbrechen, die Entscheidung hinauszuzögern. Es muss aus freien Stücken kommen, sonst würde ich mich ganz verweigern. Wie sehr würde ich mich verändern, wenn das Blatt gefüllt, das Werk vollendet ist, wenn ich nun darauf angesprochen werde, nachdem ich es beendet habe, mich davon entfernt habe ..., außerdem will ich nicht angesprochen werden. Alles was ich sagen will, steht da.

weiteres wieder durch die schmale Tür- der Stiftspitzehindurchgehen würden. Die parallelen Gedankenwelten, die neben Lautzeichen und Wortbildern auch mathematische Beziehungen beinhalten, müssen der Reihe nach übersetzt werden. spitze- hindurchgehen würden. Die parallelen Gedankenwelten, die neben Lautzeichen und Wortbildern auch mathematische Beziehungen beinhalten, müssen der Reihe nach übersetzt werden. spitze- hindurchgehen würden. Die parallelen Gedankenwelten, die neben Lautzeichen und Wortbildern auch mathematische Beziehungen beinhalten, müssen der Reihe nach übersetzt werdespitzehindurchgehen würden. Die parallelen Gedankenwelten, die neben Lautzeichen und Wortbildern auch mathematische Beziehungen beinhalten, müssen der Reihe nach übersetzt werden. spitze- hindurchgehen würden. Die parallelen Gedankenwelten, die neben Lautzeichen und Wortbildern auch mathematische Beziehungen beinhalten, müssen der Reihe nach übersetzt werden. spitze- hindurchgehen würden. Die parallelen Gedankenwelten, die neben Lautzeichen und Wortbildern auch mathematische Beziehungen beinhaltetettettettettettettettettetübersetzt werden. tettettettetwelten, die neben Lautzeichen und Wortbildern auch mathematische Beziehungen beinhalten, m nach übersetzt werden. spitze- hindurchgehen würden.


Z w is c h e n z a h l u n d me n s c h

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73

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Z w is c h e n z a h l u n d me n s c h

 T e x t v o n   r o be r t s c h w a b   mi c h a el w o lke 

 Das Orakel   von Derendorf  Ja, es gibt ihn wirklich, jenen Ort an dem die Antworten liegen. Es ist ein Ort, der im Meer des bürgerlichen Mittelstandes, einer Festung gleich, jener Brandung des Zufalls trotzt, welche Chaos und Willkür über das Land zu schwemmen bereit ist. Ein Deich aus Mathematik ist Garant für alltägliche Kontinuität. Ein Zahlenwerk, das uns besser kennt als wir uns, erhellt den verborgenen Weg. Unwahrscheinliches wird möglich, Mögliches wahrscheinlich und Wahrscheinliches wird zutreffend, da die Chancen gar nicht mal so schlecht stehen, zumindest ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch. In der Masse bedeutet dies nicht weniger, als dass Vorhersagen einer möglichen Zukunft diese erst ermöglichen, oder unmöglich werden lassen. Jede Deutung der berechneten Gegenwart hat das Potential einer Einflussnahme auf das Kommende. Berechnung und Deutung sind menschengemacht. So hat der Blick des Beobachters Einfluss auf das von ihm beobachtete. Der Blickwinkel der Beobachtung wirft seinen Schatten auf die Deutung, und die Deutung beeinflusst die Wahrscheinlichkeit dessen, was in Zukunft beobachten werden kann.


75 statistik

» J e d e r k a n n ( . . . ) u n s e r i ö s e V e r gl e i c h e a n s t e ll e n , w o d u r c h r i c h t i g e Z a h l e n i m fa l s c h e n Ko n t e x t g e s e t z t, e i n e g e fä r b t e B e d e u t u n g e r h a l t e n . « Hans Lohman, 56, leitender Pressesprecher des Statistischen Landesamtes NRW

Neustadt, mittwochmorgens, die Sonne brennt gerade eine ihrer  4,7370 Sonnenstunden  runter. Im Verlauf des Tages wird es  20,5475 Liter  pro Quadratmeter regnen. Die mittlere Temperatur beträgt über den gesamten Tag hinweg  10,8250 C°  wird jedoch für  4,536 Stunden  unter den Nullpunkt fallen. Ursula Müller steht, nach  8,4571 Stunden  Schlaf neben ihrem Mann Peter, auf. Sie schaut aus dem Fenster und sieht Deutschland. Ihre Gefühle dafür bewegen sich im Mittelfeld. Beim Betrachten der gegenüberliegenden Hausfassade wird ihr klar, dass sie nur noch  2,6571 Stunden von 24 für sich selbst haben wird. Eilig bereitet sie das Frühstück vor, dies erledigt sie in einem Drittel von  0,6857 Stunden . Nach exakt  0,2286 Stunden  ist der Tisch gedeckt, Nahrungs- und Genussmittel im Wert von  4,94 Euro  sind mit einem mittlerem Maß an Liebe serviert. Ihr Mann Peter und ihr Sohn Leon kommen zu Tisch.  0,5762 Stunden  später ist der Tisch abgefrühstückt. Die nachfolgende Haushaltsführung und Betreuung der Familie nimmt auch an diesem Tag noch  3,0285 Stunden  in Anspruch. Erst jetzt nimmt Sie sich die Zeit sich mit ihren biometrischen Daten zu beschäftigen. Mit ihren  42,5 Jahren  und einer Körpergröße von  1,65 Meter  wiegt sie  67,5 Kilo . Ihr Gewicht erfreut sie nur mäßig, obwohl sie mit einem  BMI  von  24,7933  noch im akzeptablen oberen Mittelfeld liegt. Ihr Mann Peter misst  1,78 Meter  groß und wiegt  82,5 Kilo . Mit mittlerer Motivation begibt sie sich, wie  7.788.000  andere Erwerbstätige in NRW zu  70,7 %  mit dem eigenen PKW, Motorrad etc. in die zu  54,3 %  unter  10 km  entfernten Arbeitstätte, die Fahrt dorthin schafft sie, trotz Rushhour in nur  0,2571 Stunden . Dank Volksschul- bzw. Hauptschulabschluss erwirtschaftet Sie  1512 Euro  Bruttoeinkommen aus unselbstständiger Tätigkeit, im Sektor der öffentlichen und privaten Dienstleistungen. Sie arbeitet  2,2857 Stunden  an jedem Tag des Jahres und macht davon  0,0429 Stunden  Pause. Letztes Jahr war sie an  6,7 Tagen  krank, und dies wird sich dieses Jahr auch nicht ändern. Auf dem Weg nach Hause, muss Sie noch bei einer Deutschen Bank vorbei um Ihre Umsätze zu prüfen. Der Blick auf den Kontoaus-

zug erfüllt sie mit mittelmäßig gemischten Gefühlen. Das Haushaltsbruttoeinkommen beträgt  3581 Euro , welches sich aus dem Bruttoeinkommen aus unselbstständiger Arbeit  1877 Euro  von ihr und ihrem Lebenspartner, aus Einnahmen aus selbstständiger Arbeit  173 Euro , aus Vermögen  387 Euro , aus öffentlichen Transferleistungen  941 Euro  und den nicht- öffentlichen Transferleistungen  181 Euro  zusammensetzt. Hinzu kommen die Einnahmen aus vermögensbildenden Versicherungen, aus Kreditaufnahmen und dem Verkauf von Geld- oder Sachvermögen. Leider hat Ursula diese Zahlen nicht mehr im Kopf. Dem gegenüber stehen Gesamtausgaben von  4522 Euro . Diese setzen sich zusammen aus: Steuern und Sozialabgaben  784 Euro , anderen Ausgaben  1499 Euro  und privaten Konsumausgaben  2239 Euro . Da der Verkauf von Sachvermögen ihrer täglichen Verschuldung entgegenwirkt, ist sie auch heute wieder in der Lage den auf den ersten Blick höher scheinenden Ausgabenblock zu schultern. Also geht sie einkaufen. Der Einkaufswagen am Eingang verschluckt den ersten Euro auf Pump. In der Lebensmittelabteilung kauft sie Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren im Wert von  10,4671 Euro , eine Etage höher, Bekleidung und Schuhe für  3,9461 Euro  und Innenausstattung, Haushaltsgeräte und Gegenstände für  4,3407 Euro . Auf dem Weg nach Hause trifft sie rein zufällig ihren heutigen sozialen Kontakt: Ulrike Meier,  42 Jahre, 65,5 Kilo  und etwa ihre Größe. Sie trinken Kaffee mit Milch und Zucker. Nach  66 Minuten  ist es Zeit für den Heimweg. Daheim bildet sie sich  0,3857 Stunden  und greift zur Fernbedienung. Nach  1,6714 Stunden  schaltet sie das Radio für  0,0571 Stunden  ein und sitzt  0,2429 Stunden  vor dem Monitor. Mit einem kurzen Blick in die Zeitung füllt sie die  0,4714 Stunden  ihrer täglichen Lesezeit. Aufatmen, der Tag neigt sich dem Ende zu. Ursula raucht nicht und trinkt dabei wie jeder Deutsche über  15 Jahren eine kleine Dose BIER. Die verwendeten Daten beziehen sich auf Daten aus statistischen Jahrbüchern, die das Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung NRW auf Anfrage bereitgestellt hat. Alle Werte auf 24 Stunden runtergerechnet und auf vier Kommastellen gerundet. (Einnahmen und Ausgaben privater Haushalte in Nordrhein-Westfalen, Ergebnisse der Einkommens- und Verbrauchsstichproben 2003 / Meteorologische Ausgabe 2006 / Zeitverwendung 2005).


Z w is c h e n z a h l u n d me n s c h

STATISTIK.

Die mathematische Berechnung

des Durchschnitts

titativ erfassen. Sind nun bestimmten Ereignissen Werte zugeordnet, ist ein Bezug von Zahl zu Realität konstruiert. Dieser Konstrukt von Zahlen macht die Bildung von

In einer Statistik werden Gesellschaftsphänomene, Strö-

Mittelwerten möglich. Hat man einen Mittelwert gebildet,

mungen und Verhaltensweisen der beobachteten Mas-

also eine Zahl als Ergebnis zur Verfügung, ist es notwen-

se in Zahlen erfasst. Individuelle Aussagen werden in

dig diese zu deuten und sie auf diese Weise wieder in die

Mengen gesammelt. Die Berechnung des Durchschnitts

Realität zu übersetzen.

dieser Aussagen erfolgt nach verschiedenen Methoden

Statistiker also übersetzen Realität in Zahlen. Ereignisse,

und soll im Ergebnis einen Rückschluss auf das Verhalten

Verhalten, Vitamine und Bakterien, Äpfel, Birnen, Abgase,

des Einzelnen ermöglichen. Um den Durchschnitt einer

Groß, Klein, Dick und Dünn, alle für die Erstellung eines

Begebenheit ermitteln zu können, muss man diese quan-

Durchschnitts benötigten Größen werden der Gegenwart

Hans Lohmann, Pressesprecher im Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik NRW

Können Sie uns den geschichtlichen

Hintergrund der Statistik kurz zusammenfassen?

Um 3900 v. Chr. gab es die ersten Volkszählungen in Babylon. Diese dienten einerseits zur Festlegung der Steuern, andererseits zur Ermittlung der Menge an wehrfähigen Männern für den Kriegsfall. Dies geschah mit dem Ziel, Herrschaftswissen für die jeweils Herrschenden anzuhäufen. Statistik als demokratisches Instrument entstand im 18. und 19. Jahrhundert mit der Entstehung demokratischer Staaten. Von da an ging es nicht mehr nur darum, zu wissen wie viele Steuern man bekommt und wie viele wehrfähige Männer es gibt, sondern auch darum wie man die Versorgung der Bevölkerung koordiniert. Mit dem Vordringen der industriellen Revolution dehnte sich die Statistik auch auf die Bereiche der Industrie und des Handels aus. Da Statistik von oben angeordnet wurde und einen Eingriff in die Rechte des Bürgers bedeutete, wurde das Ganze behördlich organisiert. Da die Industrie Daten nicht freiwillig angibt, wird das Ganze per Gesetz angeordnet. Was würde dem Bürger fehlen, wenn das Amt plötzlich nicht mehr da wäre?

Im ersten Monat würde der Bürger nichts merken. Durch das dauerhafte Fehlen von Informationen über den Zustand der Gesellschaft würde z. B. den Behörden die objektive Grundlage für das Treffen von Entscheidungen fehlen. Wenn diese keine Fakten haben, können sie nur aus dem Bauch heraus planen. Präventives Handeln wäre

dann nicht mehr möglich, der Staat würde nur noch auf akute Bedürfnisse reagieren oder sich nach jenen richten, die am lautesten schreien. Rationalen Planungen wäre die Grundlage entzogen. Durch eine solch reaktionäre Handlungsweise entstünde eine größere Ungerechtigkeit. Wer gibt dem Statistischen LandesamT

die Aufträge Statistiken zu erstellen?

Das europäische Parlament, der Bundestag und der Landtag in NRW. Welchen Einfluss hat

das Statistische Landesamt auf jene,

die Statistiken in Auftrag geben?

In beratender Hinsicht: das heißt, der Modus der Datenerhebung wird von uns festgelegt.

Ist es möglich sich Wunsch-

ergebnisse herbeizurechnen?

Rein theoretisch kann jeder böswillig mit unseren Zahlen umgehen. Jeder kann genauso unseriöse Vergleiche anstellen, wodurch richtige Zahlen im falschen Kontext gesetzt eine gefärbte Bedeutung erhalten. Oft hat man z. B. im politischen Wahlkampf das Szenario, dass die Zahlen richtig sind und die Vergleiche aber unseriös. Das Statistische Landesamt macht hierzu alle Zahlen frei zugänglich und kommentiert diese hinreichend. Wie hoch schätzen sie den Deutungsmissbrauch ein?

Ich unterstelle doch mal, dass die meisten Menschen versuchen, relativ lauter mit den Zahlen umzugehen. In der Politik dient die Opposition als Kontrollmechanismus, in


77 statistik

vom Fragenden zugeteilt und im Experiment, durch Be-

Ergebnis um so genauer, je größer die Anzahl der Werte

obachtungen oder Fragebögen erhoben. Aus den zur

in einer Zahlenreihe ist. Es wird dank seiner Exaktheit in

Verfügung stehenden Daten kann der Durchschnitt auf

den Naturwissenschaften verwendet, ist jedoch anfällig

verschiedene Weise ermittelt werden. Der Modus oder

für so genannte Ausreißer. Ausreißer sind Werte, die ent-

Modalwert ist der häufigste Wert einer Zahlenreihe. Der

weder nicht in die Zahlenreihe passen oder nicht dem Er-

Median, auch Zentralwert genannt, halbiert eine Zahlen-

wartungswert entsprechen. Bei Experimenten z.B. in der

reihe. Die in der Mitte stehende Zahl ist also gleich dem

Physik, werden deshalb oft Extremwerte gestrichen, um

gesuchten Wert. Befinden sich zwei Zahlen in der Mitte

das Ergebnis nicht zu verfälschen.

der Zahlenreihe, werden diese addiert und durch zwei ge-

Im Übrigen gibt es noch das Geometrische Mittel, das

teilt. Das Arithmetische Mittel bildet die Summe aller Wer-

Harmonische Mittel, den Logarithmischen Mittelwert, den

te und teilt diese durch ihre Anzahl. Demzufolge ist das

Quasi Arithmetischen Mittelwert und weitere.

der Öffentlichkeit fällt diese Rolle den Medien zu. Die Medien sind deswegen auch unsere Hauptkunden, da sie versuchen, möglichen Deutungsmissbrauch aufzudecken.

Wie vorhersagbar ist unsere Zukunft?

Ja, doch muss man Aufwand und Ertrag gegeneinander aufrechnen. Oft ist eine Stichprobe ähnlich genau, der Aufwand dafür ist jedoch bei weitem geringer.

Die persönliche Zukunft ist statistisch nicht vorhersagbar. Man kann jedoch Entwicklungen bestimmter Gruppen, also Massenphänomene, statistisch im Mittel relativ genau bestimmen. Man kann z. B. heute schon sagen, wie viele Altersheime man in 50 Jahren braucht. Wenn wir Prognosen herausgeben, hat dies immer eine Auswirkung. Die Politik reagiert und verändert die Entwicklung so, dass die Prognose oft nicht mehr zutrifft. Ein Beispiel dafür ist die Prognose zum demografischen Wandel. Wenn nichts passiert, sind wir in 30 Jahren eine völlig überalterte Gesellschaft. Das Kennen dieser Tatsache provoziert ein Handeln, das eine Zukunft kreiert, die nicht mehr mit der Prognose übereinstimmt. Ein weiterer Punkt sind gesellschaftliche Umbrüche, wie der Fall des eisernen Vorhangs, 1989, dies kann natürlich niemand vorhersagen.

Wer hat zugriff auf die

Was kann Statistik nicht leisten?

Die Lebensumstände eines Einzelnen abbilden.

Wie berechnet man eine Dunkelziffer?

Eine Dunkelziffer kann man nicht berechnen. Dunkelziffern werden von Interessengruppen in die Welt gesetzt, um finanzielle Zuwendungen positiv zu beeinflussen. Beispiele hierfür sind die Höhe der Steuerhinterziehung oder Fragen zur häuslichen Gewalt ... Hierbei kann man nicht mit ehrlichen Antworten rechnen. Man kennt nur die Untergrenze, also die aufgedeckten Fälle.

Bedeuten gröSSere Datenmengen

automatisch genauere Prognosen?

vom Amt erhobenen Daten?

In Grunde hat jeder Zugriff auf die Ergebnisse der Befragungen, jedoch sind persönliche Daten geheim. Wie STELLEN sie SICHER, dass Persönliche Daten nicht in falsche Hände geraten?

Wir sammeln Individualdaten, addieren diese zusammen, bauen sie über Auswertungsprogramme in Tabellen ein und vernichten die persönlichen Daten wieder. Wir stehen unter ständiger Kontrolle der Landesbeauftragten für Datenschutz. Des weiteren ist seit dem Bestehen der Bundesrepublik noch kein Fall von Datenmissbrauch bekannt geworden.

Wie viele nicht gefragte und lustige Ergebnisse erhalten Sie als Datenmüll?

Die einzelnen Ergebnisse, die wir erhalten, sind eigentlich nie Datenmüll. Man kann aber kuriose Dinge durch Verkettung daraus berechnen. Gelegentlich bekommt man dabei aber auch Dinge heraus, die ernsthaft interessant sind ... Das WDR hat ein Sektorquartett gemacht, in dem solide Kriterien zum Tragen kommen, wie die Einwohnerzahl, Zahl der Campingplätze, oder Schweine pro Einwohner, damit auch Kommunen, die sonst keine Schnitte kriegen auch mal gewinnen können.


epi l o g


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how to burn


e p il o g

HD Schellnack

 i got some bad news   for you, sunshine … Es reicht meist ein Blick in die Branchenmagazine, um zu wissen, ob es einer Branche gut oder schlecht geht. Schau in die Page und du weißt, dass es dem Grafik-Design derzeit gar nicht gut geht. Neben dem spärlichen Stellenmarkt findet man da vor allem eine Anleitung, wie man ideal als Freelancer oder kleine Design-Agentur um Kunden buhlt, mit welchen Tricks man gegen die großen Agenturen eventuell noch überleben kann, dass man Netzwerke braucht, keine Freundschaften, dass alles Ökonomie ist.  Trübe Aussichten , wenn man Design studiert, oder? Nach einem Studium von dem nach der BA/MA-Trennung selbst die meisten Dozenten kaum noch ernsthaft behaupten, dass es qualitativ prima sei, geht es nahtlos in ein un- oder unterbezahltes Praktikum und dann raus in eine Arbeitswelt, in der einerseits immer mehr von deiner Art unterwegs sind – und oft auch noch alle gleich denken, alle gleich aussehen, alle gleich gut sind – zum anderen die Kunden immer mehr selbst können, oder die Druckereien gleich Design mit anbieten oder jeder dritte Hartz-IV-Umschüler auf einmal Web-Designer wird. Design, das weißt du selbst, ist längst nicht mehr so schmusig wie zu Otl Aichers oder Willy Fleckhaus Zeiten, wo auf einen guten Gestalter ungezählte Anfragen kamen und jemand wie Aicher allen Ernstes eine ganze Olympiade betreuen durfte. Das macht heute ein Global Player wie Wolff Olins mit 180 Angestellten in London und New York. Heute ist die Situation eher umgekehrt. An manchen FHs kommen  100 Bewerber auf einen Studienplatz  – und das nimmt eigentlich ganz schön die Relation von Designern zu Kunden vorweg, die Designer umfliegen potentielle Auftraggeber wie Motten das Licht. Das verbiegt, das drückt Preise, das macht aus dem ehemaligen Spielplatz Design zunehmend ein hartes, durch und durch professionalisiertes Business.  Beschissene Aussicht, oder?  Das darfst du durchaus als Chance begreifen. Zum

einen natürlich, indem du dich weniger um Kerning und Trapping kümmerst und mehr um dein XINGNetzwerk, die richtigen Leute kennen lernst, die Kunst der Self-Promotion meisterst. Wen du kennst wird wichtiger als was du kannst. Dieses Spiel kann man durchaus mit Freude betreiben und die Selbstvermarktung sollte deshalb eigentlich längst auf jeden Lehrplan gehören. Klar, es gibt die Sorte still im Kämmerlein werkelnder Introvertierter, aber deren Zeit läuft ab. Die Designbranche bricht aus ihrem Kokon und muss lernen, mit der Welt zu kommunizieren.  Also raus aus dem Sandkasten  und mit den anderen Kindern zusammen spielen. Auf der anderen Seite sollte die Tatsache, dass du als Designer inzwischen da angekommen bist, wo die Geisteswissenschaftler und Künstler seit Dekaden sind – dem Studium in die potentielle Arbeitslosigkeit – doch auch ungemein befreiend sein. Während in anderen Fächern wie BWL stramm durchgezogen wird und es vom ersten Semestern an quasi-neurotisch nur um die Karrierechancen geht, nicht um den Spaß am Studium, nicht um Selbstverwirklichung, ist Gestaltung im weitesten Sinne jetzt zunehmend auch die Sorte Studium, in der du im Mittelpunkt stehst, nicht dein späterer Arbeitgeber. Dein persönliches Glück und Wollen, nicht das Geld – als Designer, so leid mir das tut, verdient man eh nicht allzuviel Geld. Wer Sicherheit und Verdienst will, sollte lieber über eine Beamtenkarriere nachdenken. Noch dazu ist der Design-Job unbequem.  Irgendeiner weiSS es immer besser, irgendeiner beurteilt dich immer  – dein Prof., die Kollegen im Team, irgendeine Jury, die Frau des Kunden, die da auch noch eine Idee hatte. Keiner redet einem Elektriker ins Handwerk, als Designer ist das Alltag. Die Kunden zwingen dich zu kruden Kompromissen, die Peers zerfleischen dich dafür. Es gibt gemütlichere Jobs, wirklich. Landschaftsgärtner zum Beispiel. Sonne, frische Luft und wirklich selten Klienten, die meinen, sie kennen sich besser mit Schattenrasen aus als du. Die Frage ist also:  Warum studierst du eigentlich ausgerechnet


81 how to burn

Design?  Wie viel bedeutet dir die Sache? Würdest du es studieren, wenn es Geld kostet? Würdest du auch Design studieren, wenn du todsicher im späteren Leben als Taxifahrer dein Geld verdienen müsstest? Die Chancen, keinen oder einen zweitklassigen Job zu kriegen, steigen jedes Jahr. Wer will sich durch ein Studium quälen, das zu diesem Ziel führt. Das Studium sollte für dich also einen intrinsischen Wert haben, unmittelbar glücklich machen. Du studierst nicht für deine Eltern oder deine Kinder, sondern für dich selbst.  Nicht für morgen, für jetzt.  Die Frage ist also: Was bringt dir das, was du machst. Genau jetzt? Fühlt es sich gut an? Ist es wie Schule, nur mehr von dem immer gleichen Zeug, oder fühlt es sich an, als würde jemand deinen Kopf in Brand stecken? Kriegst du den Kopf verdreht, den Horizont erweitert, wie sich das gehört? Lernst du das Leben kennen?  Entwickelst du dich?  Du solltest nicht weniger von deinem Studium erwarten, als dass es dich komplett verändert, mit Feuerzeugbenzin übergießt und anzündet, dich in Verzweiflung und Euphorie stürzt, die ganze Achterbahn. Wenn das nicht ist, wenn du dich durchbeißen musst, steig an der nächsten Ecke aus, in einen anderen Bus. Als Designer verkaufst du später nicht, dass du in Photoshop pixeln kannst oder in Illustrator Pfade baust –  du verkaufst deine Euphorie . Deine Energie, deinen Glauben, deine Leidenschaft. Du bist wie ein Musiker, wie ein Autor, wie ein Künstler – dein Erfolg liegt in dir selbst, in dem, was du zu geben hast. Niemand fängt an, Gitarre in einer Band zu spielen, weil er an die Rente denkt, oder? Damit ändert sich, was du von deinen Dozenten, deiner Schule willst. Und vor allem ändert sich damit, was du von dir selbst verlangen solltest. Mach keine halben Sachen, mach keine ›Hausaufgaben‹.  Vergiss Scheine, vergiss Noten  und mach dich auf die Suche nach den Sachen, die dich in Brand stecken. Vergiss die Trennung von Studium und dem ›eigentlichen‹ Leben. Glaubst du, Jimi Hendrix oder Duchamp haben von 9 bis 5 gearbeitet und dann vorm Fernseher ge-

hangen?  Sein und Machen ist eins.  Das Studium ist nur Teil deines Weges und du solltest so viel daraus ziehen, wie du nur kannst. So, als würdest du in einem Freizeitpark mit voller Wucht jede Achterbahn antesten, jede Wildwasserbahn mitnehmen. Mach Dozenten zu Mentoren und werde vom Studenten zum Agenten, zum Abenteurer. Entdecke  Design als Ausdrucksform , als Selbstverwirklichung ..., nicht als Job. In Wirklichkeit geht es im Design nicht darum, irgendwann mal Werbung für Zigaretten oder Burgerketten zu machen, sondern darum, dich selbst mitzuteilen, wenn du etwas zu sagen hast – und im Studium kannst du entdecken, ob du etwas zu sagen hast. Und wie du es am besten phrasierst. Design ist mehr als Werbung und mehr als Styling, mehr als Verpackung – Design ist Songwriting, Revolution, Science Fiction. Das Studium wird damit zum Abenteuerspielplatz, auf dem du herausfindest, ob du zur Selbstentzündung in der Lage bist. Deine Dozenten sollen dich begeistern, aber noch mehr solltest du sie anstecken, mitreißen, umwerfen. Wenn du nur Aufgaben gut machst, von denen du ›begeistert‹ wirst, stehen dir triste Berufsjahre voraus. Der Trick ist in Wirklichkeit, so lange in die Tristesse der Wirklichkeit zu boxen, bis sie großartig wird. Nicht die Aufgabe, eine Lampe zu designen, muss den Designer begeistern, der Designer muss mit Begeisterung eine Lampe machen. Und die kommt von innen, die kommt aus dir selbst. You gotta kick the darkness till it bleeds daylight. Dich selbst zu begeistern und diese Faszination weiterzugeben wie eine Fackel, das ist dein Job – ein Leben lang. Menschen ergreifen, berühren, begeistern, wütend, traurig, lustig machen.

 Und es könnte   nichts besseres   geben, trust me. 


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im p r ess u m

 Redaktion Botenstoff   c/o Hochschule Niederrhein   Fachbereich Design   Frankenring 20, 47798 Krefeld   www.designkrefeld.de  A u sg a be 

 L ekt o r at 

Botenstoff # 02, Herbst 2008

Prof. Dr. Erik Schmid, Prof. Nora Gummert-Hauser

 P r o j ektg r u p p e /  r e d a kti o n 

Piet Fischer, Kathrin Helbig, Katharina Kakol, Marco Liguori, Doga Sagsöz, Prof. Dr. Erik Schmid, Robert Schwab, Wienke Treblin, Giuseppe Vitucci, Kathrin Wießner, Michael Wolke.

T y p o g r a f ie 

Times Helvetica Neue  Pa p ie r 

Marco Liguori

Umschlag: Maschinengraukarton GK1, 300 g/qm Inhalt: RecyStar 80 g/qm Bildserie: LuxoSatin 150 g/qm

F o t o g r a f ie 

 A u f l a ge 

Projekt Paternoster: Anja Itter

700

 G esta lt u n gsk o n ze p t u n d l ay o u t 

Giuseppe Vitucci mit Unterstützung von Julia Vukovic Pikt o g r a mme 

D r u c k u n d w eite r v e r a r beit u n g 

Wir danken dem unbekannten Fotografen und der unbekannten Fotografin aller anderen Bilder. Sie stammen aus einem auf dem Spermüll gefundenen Fotoalbum.

Stünings Medien GmbH Dießemer Bruch 167 47805 Krefeld  K o n ta kt 

 B e r at u n g 

Prof. Nora Gummert-Hauser

info@botenstoff-magazin.de www.botenstoff-magazin.de


impressum

 Redaktion Botenstoff   c/o Hochschule Niederrhein   Fachbereich Design   Frankenring 20, 47798 Krefeld   www.designkrefeld.de  A u s g a b e 

 L e k t o r at 

Botenstoff # 02, Herbst 2008

Prof. Dr. Erik Schmid, Prof. Nora Gummert-Hauser

 P r o j e k t g r u pp e  /  r e d a k t i o n 

Piet Fischer, Kathrin Helbig, Katharina Kakol, Marco Liguori, Doga Sagsöz, Prof. Dr. Erik Schmid, Robert Schwab, Wienke Treblin, Giuseppe Vitucci, Kathrin Wießner, Michael Wolke.

T y p o g r af i e 

Times Helvetica Neue  Pap i e r 

Marco Liguori

Umschlag: Maschinengraukarton GK1, 300 g/qm Inhalt: RecyStar 80 g/qm Bildserie: LuxoSatin 150 g/qm

F o t o g r af i e 

 A u f l a g e 

Projekt Paternoster: Anja Itter

700

 G e s ta lt u n g s k o n z e p t u n d l ay o u t 

Giuseppe Vitucci mit Unterstützung von Julia Vukovic P i k t o g r a m m e 

D r u c k u n d w e i t e r v e r a r b e i t u n g 

Wir danken dem unbekannten Fotografen und der unbekannten Fotografin aller anderen Bilder. Sie stammen aus einem auf dem Spermüll gefundenen Fotoalbum.

Stünings Medien GmbH Dießemer Bruch 167 47805 Krefeld  K o n ta k t 

 B e r at u n g 

Prof. Nora Gummert-Hauser

info@botenstoff-magazin.de www.botenstoff-magazin.de


Botenstoff 02  

Botenstoff is a magazine written, designed and edited by students of designkrefeld. This is the second issue, dealing the subject of „medioc...

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