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franziska ostermann • sigrun benesch • sören gross jörn schirok • marion bartl • evan jones • kathi noss kostenlos ausgabe #17

DER SCHNIPSE L

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DER SCHNIPSE L # 17


Liebe Leserinnen und Leser, was ist los im Lande Schleswig-Holstein? Wo sind die Literatur-Avantgarden? Die Manifeste? Die unangenehm peinlichen Wortwitze, die schon beim Drüberlesen in den Augenwinkeln zwirbeln? Es ist mal wieder Zeit für eine Proklamation! Deshalb proklamieren wir hiermit das siebenundzwanzigeinhalbste große SCHNIPSEL-MANIFEST zum Selberzusammenfrickeln. → Viel Spaß dabei und natürlich beim Lesen der neuen Ausgabe! Eure Schnipsel-Redaktion PS: Für die nächste Ausgabe schickt uns gerne Eure Texte, Gedichte und Essays (bitte im doc. oder odt. -Format) sowie Abbildungen in Schwarz-Weiß als jpg. Bis zum 15. März 2018 an schnipselmagazin@googlemail.com.

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der schnipsel # 17


WIR FORDERN ZERSTÖREN

INBRUNST WIR WOLLEN UM

KIEL ENDLICH KUNST

DER SCHNIPSELISMUS MUSS SCHAFFEN

NEIN NEIN NEIN AN ALLE

SCHEISS AUF

EPOCHE

ETC

JA JA JA

TEXT BIER DER HASS WIR SAGEN JETZT OBSOLET

WENNSKEINEUMSTÄNDEMACHT ALSO

DIE LIEBE

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DAS NEUE

SCHLUSS MIT

DAS RESEGMINISTISCHE GEDICHT

editorial


8 Franziska Ostermann Die Brieftauben 12 Sigrun Benesch Membran 14 Sรถren Gross Nach dem Gesetz 20 Jรถrn Schirok Quentin 24 Marion Bartl Interzone 28 Evan Jones Bovine 30 Kathi NoรŸ Rektalanalyse 7

inhaltsverzeichnis


Franziska Ostermann Die Brieftauben

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der schnipsel # 17


durch Augen Daumen an Hirnrinde schieben Ungeziffer grasen an Taubenfraß Welt tot Wegrandgräser Schwelgen schwankend im Hagel Darüber Tauben briefend Daneben taube Finger; Ohren ausgefranste Hände im Gegenlicht nicht sehen Grünspan an Grasglanz: Geschnitten Dörren in Vasen am Gaff Fasert Rippen auf ausdruckende Augen Entrollen nicht mehr klumpig, papieren Furunkel am Fisch ächzen Gewächse guten Morgen: goodbye.

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franziska ostermann • die brieftauben


Halmtot, Staupapier brieflose Tauben typen Ziffern an Lidern hinauslos schwitzende Geister: Burning lights und keine Sonne flüssiger Hagel schwenkt Taube geht an durstige Gräser Gefieder wird zäh ausgewässert, schirmlos Verstot fällt in Schoß Blättergreinen: Sauerstoff Wasser zwischen, unter, gehen im Nichtdortgewesen schuppen im Grasnass werfen schlafen Papier um Kopf Zieht schorftrocken Sorgen aus Augen wickelt Knie um heuende Halme zubüchern, Schuppenmehl Klopfen, Auswässern Gräser, Augen

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der schnipsel # 17


Fischmord Tauben, auflesen zerpicken Daten: Schnee Typensterben an Tränenfilm Fiberdicht: taub grasen Taggewächse an Sehnerv gestrüppversperrt Schneiden und Einfalten Grasträne: die Rucola ist tot. Gefaselblick dunkelt fasernd Himmel dicht.

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franziska ostermann • die brieftauben


Sigrun Benesch Membran

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Fand Dich hier auf öden Plätzen Nah am Ufer eines Bachs Hältst das Köpfchen in der Rechten Taumelnd blickt es treu hinab Zu dem Grund, den Du Dein Eigen Nennst und nicht mehr lenken kannst In dem Bach, dem Gras, den Steinen Blickst Du Dich bloß seufzend an Knickt der Stängel eines Blümchens Gänse kreischen wild umher – Fällt die Feder eines Hühnchens Wird Dein Herz so ruh’los schwer Und dies spielt auf fernen Bühnen Weit, weit weg – kaum vorstellbar Schmerzvoll-süß und voller Zweifel Dennoch aber wunderklar.

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sigrun benesch • membran


Sรถren Gross Nach dem Gesetz

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Gerade als der Zug durch einen verlassenen Bahnhof rauscht, bietet mir der Speisewagenkellner an meinem Sitzplatz einen Kaffee an. Ich lehne dankend ab, frage ihn aber, wo wir gerade seien, da ich das Schild am Bahnsteig nicht so schnell lesen konnte. Er braucht gar nicht aus dem Fenster zu sehen, um mir zu sagen, dass wir soeben Wolfsburg passiert hätten. Mit leicht wehmütiger Stimme erklärt er mir, dass er früher dort gearbeitet habe. In leitender Position, wie er betont. Als ich ihn jetzt anschaue, kommen mir seine weißen Haare und das alters­ los gebräunte Gesicht aus einem Artikel im Wirtschaftsteil der Zeitung bekannt vor. Es ist schon eine Weile her, aber es ging ganz sicher um Autos und um die Beteuerung, nicht gelogen zu haben. Nur der Name des Mannes, der inzwischen offenbar nicht mehr in Wolfsburg arbeitet, ist mir entfallen. Damals habe selbstverständlich auch der ICE hier gehalten, sagt er jetzt mehr zu sich selbst, und man habe es als Affront begriffen, als der Zug ein einziges Mal versehentlich den Halt vergessen hätte. Ich kann mich auch noch gut daran erinnern, wie sich in diversen Glossen über diesen Vorfall und Wolfsburg im Allgemeinen lustig gemacht wurde. Der Kellner geht, leise vor sich hin murmelnd, weiter und ich

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denke darüber nach, wie plötzlich alles in Bewegung geraten war. Zuerst ging ein anstrengender Wahlkampf zu Ende. Die Strukturen im Land schienen damals nicht einfach nur oberflächlich festgefahren. Auf ihnen lag tatsächlich die bleischwere Decke von mehr als einem Jahrzehnt rechtskonservativer Austeritätspolitik, die kaum mehr war als eine schlecht geführte Verwaltung eigentlich untragbarer Zustände. Noch viel früher, als die Menschen noch an der Gesellschaft teilnahmen, hätte es dagegen ein breites Aufbegehren gegeben; stattdessen herrschte nun eine träge und satte Zufriedenheit. Unter diesen Voraussetzungen war der Wahlkampf, in den auch ich mich als Helfer gestürzt hatte, schon zum Scheitern verurteilt, bevor er überhaupt begonnen hatte. Dennoch musste ich etwas gegen die Trägheit unternehmen, die von meinem Leben langsam Besitz ergriff. Also schloss ich mich Leuten an, die das Gleiche dachten wie ich und die Ähnliches dachten wie ich und die komplett Anderes dachten als ich, aber mit denen ich durch das gemeinsam gefühlte Unbehagen in einem ›Wir‹ verbunden war. Wir hängten Plakate von den Kandidaten auf, die wir unterstützten. Wir verteilten Kugelschreiber und Tütchen mit Blumensamen und Wassereis, das das Abschmelzen der Polkappen

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symbolisieren sollte. Wir klingelten an fremden Türen und drückten den Menschen, die uns öffneten, unser Info­ material in die Hand. Wir organisierten Diskussionsabende, generierten positives Bildmaterial und setzten hoffnungsvolle Schlagzeilen in die Welt. Wir standen wochenlang im Dauerregen und bei brütender Spätsommerhitze an Wahlkampfständen, um die Leute von der Möglichkeit einer Zukunft zu überzeugen, die nicht bloß eine Fortschreibung der Vergangenheit war. Und doch hatten wir das Gefühl, mit unseren vielen Köpfen gegen dicke Mauern zu rennen. Bis zum Ende des Wahltags versuchten wir Überzeugungs­ arbeit zu leisten und jeder von uns wollte mehr als einmal aufgeben und tat es trotz aller Hoffnungslosigkeit doch nicht. Mit der Ahnung, dass es nicht reichen würde, schleppten wir uns am Wahlabend direkt nach Hause. Wir schliefen die Erschöpfung der zurückliegenden Wochen aus, während sich bei der Gegenseite angesichts der Wahlergebnisse die Mundwinkel immer tiefer ins Gesicht gruben. Am nächsten Tag standen wir auf und sahen unseren überraschenden Wahlsieg und damit den schon nicht mehr für möglich gehaltenen Auftrag zum gesellschaftlichen Wandel, erst auf den Titelseiten der Zeitungen.

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Die neue Regierung nahm leise, aber bestimmt die Projekte in Angriff, die sich geradezu aufdrängten: Bald durfte jeder Erwachsene jeden anderen Erwachsenen heiraten, solange beide nicht miteinander verwandt waren und die Verbindung in gegenseitigem Einvernehmen zustande kam. Zudem wurde ein monatliches Grundeinkommen beschlossen, das allen Bürgern ohne Vorbedingungen zustand und jedem ein würdevolles Leben ermöglichen sollte. Gleichzeitig baute die Regierung Schulen und Universitäten und kehrte den Ausverkauf öffentlichen Eigentums um. Alles Dinge, die so dermaßen offensichtlich waren, dass man schon über große Betriebsblindheit verfügen musste, um sie nicht auf der Hand liegen zu sehen. Nachdem mit einer allgemeinen Bürgerversicherung die Zweiteilung der medizinischen Versorgung überwunden worden war, folgte das eigentliche Herzstück der Reformen als kleines ergänzendes Gesetz. Es handelte sich dabei im Wesentlichen um zwei Nachträge, die aber die entscheidenden Bausteine bei der Umgestaltung des Landes und seiner Gesellschaft darstellten. Denn das Gesetz ermöglichte es Männern, Potenzmittel ohne Eigenbeteilung in der Apotheke zu bekommen; zudem wurde geregelt, dass die Kosten für eine Penisverlängerung

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fortan von der Krankenkasse übernommen würden. Die auf die Oppositionsbank verdrängte vormalige Regierungspartei machte sich hemmungslos lustig über dieses Gesetz und sah sich schon in einem neuerlichen Aufwind. Der moralinsaure Gestaltungswille, vor dem man immer gewarnt habe, greife nun sogar bis in die Schlafzimmer, schrie es aus dem oppositionellen Lager. Die eigentliche Stoßrichtung des Projekts übersahen sie dabei, und hierin zeigte sich ein letztes Mal der Glanz der Phantasielosigkeit, den man sich aus den alten Tagen des stumpfsinnigen Machterhalts bewahrt hatte. Doch die neue Regierung ließ sich davon nicht beirren und konnte zügig die ersten sichtbaren Erfolge vorweisen. Als erstes schloss Porsche seine Fabriken. Schon bald nach Inkrafttreten des Gesetzes waren die Umsätze so dermaßen eingebrochen, dass das Unternehmen nicht mehr zu retten war. Als wäre über Nacht einfach still und leise die wichtigste Zielgruppe verschwunden: Männer, die ihre ganzen Ersparnisse für Rennautos ausgaben, die schnell kaputt gingen, weil sie das permanente Beschleunigen auf Höchstgeschwindigkeit und unmittelbar anschließende Vollbremsen auf überfüllten Autobahnen und in Innenstädten auf Dauer nicht aushielten. In

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Folge blieben auch die überdimensionierten falschen Geländewagen in den Autohäusern stehen. Hatten zuvor besorgte Mütter darauf bestanden, mit diesen Autos ihre Kinder zur Schule und zum Musikunterricht und zum Fußballtraining und zur Achtsamkeitserziehung zu fahren, weil es auf den Straßen wegen der ganzen Raser zu gefährlich für die Kleinen war, so waren seit Einführung des Gesetzes so wenig Autos wie noch nie unterwegs; somit konnten die Kinder ihre Wege auch einfach mit dem Fahrrad zurücklegen. Die Angestellten von Porsche störte der Wegfall ihrer Arbeitsplätze nur kurz, denn sie erinnerten sich, dass sie ja weiterhin jeden Monat eine feste Summe Geld bekamen und so suchten sich die meisten von ihnen Aufgaben, die sie schon immer lieber hatten machen wollen als am Fließband zu stehen oder Testergebnisse zu fälschen oder Untergebene für ausgedachte Fehler anzubrüllen. Die anderen großen Autohersteller verschwanden einer nach dem anderen auf die gleiche friedliche Weise. Denn offenbar stimmte das Klischee, dass in Kreisen, die als bildungsbürgerliche Elite beschimpft wurden, schon lange hinter vorgehaltener Hand geflüstert wurde: Ein Mann, der ein protziges Auto fährt, kompensiert damit, dass sein Penis nicht richtig funktioniert oder gar zu kurz ist.

sören gross • nach dem gesetz


Natürlich hatten die Autohersteller deshalb auch für sich das Geschäftsmodell der Alkohol- Tabak- und Glücksspielindustrie etabliert: Finde diejenigen unter deinen Kunden, die sich für vermeintliche Unzulänglichkeiten schämen, und nimm sie gnadenlos aus, indem du ihnen immer wieder scheinbar neue Prothesen verkaufst. Doch da die Abhängigkeit auf Gegenseitigkeit beruhte, hatte die Autoindustrie sich selbst unbemerkt aufs Glatteis geführt. Als sich nun die neue Regierung des Suchtproblems annahm, es – vulgär gesagt – bei den Eiern packte, geriet deshalb alles sehr schnell ins Rutschen. Mercedes versuchte sich mit elektrisch angetriebenen Lieferwagen für den

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innerstädtischen Warentransport über Wasser zu halten, während BMW zur Produktion von Kleinstwagen für ein und zwei Personen zurückkehrte. Beide wurden rasch von einem Unternehmen aufgekauft, das im Zusammenhang mit der Technischen Hochschule in Aachen stand und mit dem Bau der Lieferfahrzeuge der Post zu Geld gekommen war. Die von allen Seiten kritisch beäugte und belächelte Zusammenführung von Opel und Peugeot erwies sich dagegen als Goldgrube. Dort besann man sich auf die Erfolgsmodelle der unternehmerischen Anfangszeit und stellte nur noch Fahrräder her. Vor allem die Rennräder beider Marken

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waren schnell überall präsent, denn alle Schulabgänger bekamen eines als zuverlässiges Fortbewegungsmittel für die weitere Ausbildungszeit geschenkt. Damit konnten sie sich in Städten bewegen, die plötzlich nicht mehr wussten, wohin mit all dem freien Platz, der zuvor von Parkflächen und achtspurigen Innenstadtautobahnen für den täglichen Pendlerstau beansprucht worden war. In der planerischen Not behalf man sich mit dem Ausbau des Nahverkehrs, dem Errichten von bezahlbarem Wohnraum und der Anlage von Grünflächen. Allerorten war man verwundert, wie ein einfaches Gesetz dem Land die Möglichkeit gab, mit großen Schritten in die Zu-

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kunft zu gehen. Erstaunlicherweise war auf einmal alles friedlich und ruhig und gut. Der ICE hat den verwaisten Bahnhof Wolfsburg schon lange hinter sich gelassen, da fällt mir wieder ein, dass ich tatsächlich auch einmal in der einstigen Autostadt gewesen bin. Wir wanderten durch die Ruinen der riesigen Fabriken, in denen noch bis vor ein paar Jahren die dreckigsten von allen Autos gebaut worden waren. Die ganze Stadt ist als Denkmal erhalten geblieben und verfällt nun langsam. Nur die Anreise ist ein bisschen mühselig, seitdem dort überhaupt kein Zug mehr hält und der ICE ganz absichtlich mit hoher Geschwindigkeit hindurchrauscht.

sören gross • nach dem gesetz


Jรถrn Schirok Quentin

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Quentin von Paulushaus kommt in die Stadt, um ’ne Ladung gespendeter Klamotten abzuholen, die er dann in seinem alten Transporter nach Berlin bugsiert, um sie dort an hypervintagelierende Teenager zu verkaufen, aber teuer. Ich mein wirklich teuer. Teurer als vietnamesische Neuware allemal und so teuer, dass es sich wirklich lohnt zu kaufen und man das Gefühl hat, was Tolles gekauft zu haben. Berlin macht aus Scheiße Gold, wirklich. Es ist das simpelste und beste Geschäftsmodell, was ich bisher – und ich interessiere mich für so’n Kram – gesehen habe. Hol’ dir n’ Transportmittel, irgendeins, hol dir n’ Haufen Scheiße, den du irgendwo außerhalb Berlins von der Straße sammelst, und bring ihn in die deutsche Hauptstadt, dort wird er sich, sobald du die innere Stadtgrenze überquerst, zu Gold verwandeln, quasi automatisch. Wichtig ist nur, die ersten Kunden abzuwimmeln, auf wichtig, vintage und orischinal zu machen. Quentin macht aus Scheiße Gold und er ist gerade dabei, einen Haufen Scheiße aus meiner Stadt zu holen, um ihn nach Berlin zu bringen und in Gold zu verwandeln. Er hat n’ Kompagnon, der findet die Sache total dufte und will expandieren und mehr Scheiße zu Gold verwandeln, immer mehr. Quentin kotzt die Sache irgendwie an. Sein Alter hat die Finger mit im Spiel.

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jörn schirok • quentin


Der Alte nervt ihn. Dass er zusammen mit seinem Alten dieses Ding durchzieht, nervt ihn. Er will sein eigenes Ding, viel lieber noch will er gar kein Ding. Naja, er ist nun also in der Stadt, weil es das Schicksal so will – dass er das Geschäft durchzieht – er hat auch gerade sonst nichts, was ihm die Butter aufs Brot schmieren würde – und wir treffen uns. Er holt mich ab mit seinem alten Transporter und wir fahren zum einzigen See, den es am Stadtrand gibt. Baden ist da verboten. Soviel zu den Eigenheiten meiner Stadt. Wir schlendern also um’ See und ich wunder’ mich, wie sehr es diesem tollen Kerl anscheinend zusetzt, dass er in diesem Business feststeckt. Er ist unzufrieden und will was anderes. Er will auch nicht in Ruhe gelassen werden und gar nichts machen, er will was anderes. Er erklärt mir, dass die Leute, die behaupten ihre Ruhe zu wollen, einfach nur zu faul sind, ihren Arsch hochzukriegen und das zu machen, worauf sie Bock haben oder was sie nach vorne bringt oder zumindest nicht kaputt macht. Dass sie zu faul sind, sich nicht die ganze Zeit kaputt machen zu lassen. Ich kann ihm da nur zustimmen, bin mir aber nicht sicher, ob es nicht doch Leute gibt, die einfach ihre Ruhe wollen. Beamte zum Beispiel. Und andere Angestellte auch. Die meisten eigentlich. Keiner hat Bock, keiner

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startet was oder macht was oder will was. Beschweren ja, aber sonst läuft nicht viel. Quentin macht Scheiße zu Gold. Wir gucken auf ’n See und die Sonne geht unter und die Enten watscheln friedlich ans Ufer. Wir watscheln zurück zur Karre und machen los. Quentin ist zwar down gerade, aber er hat seinen Spirit nicht verloren. Die Flamme lodert noch und ich verlier sämtliche Hoffnung, falls sie bei ihm mal ausgehen sollte. Selbst in diesem Zustand hat er noch mehr drauf als die meisten.

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Ich hab ’ne Freundin, der is’ ihr Macker weggelaufen und jetzt braucht sie ’nen neuen. Ohne kann sie anscheinend nicht. Läuft rum wie’n Gespenst und jammert rum und findet alles zum Kotzen. Na dann kotz doch, denk ich mir, aber nein. Will sie alles nicht. Ich dachte, sie ist immer so, ich kannte sie nicht anders, aber als ihr Macker aus den Staaten endlich mal rübergekommen ist, war sie auf einmal wie ausgewechselt. Lächelt mich an und ist glücklich und froh und ich weiß nicht was alles. Sehr skurril. Es vergehen ein paar Wochen und der Typ kriegt’s nicht hin, sich einen Job zu organisieren, fängt an, rumzuzetern, und es passiert, was passieren musste, er macht sich wieder aus’m Staub. Einfach so, von einem Tag auf den anderen. Hat ’ne Störung, kommt nicht klar usw. Die alte Leier. Kein Arschloch und kein Idiot, aber ’n Gestörter. Der Dritte im Bunde. Naja, ich will sie also aufmuntern und geh’ mit ihr essen. Sie guckt mich an wie’n Hühnchen, dem sein Regenwurm ausgebüchst ist. Quentin hat keine Störung wie der US-Boys aber ansonsten ähneln sich die beiden total. Ich versuch also, eins und eins zusammenzuzählen, werd’ aber nicht wirklich schlau draus. Naja schlimmer kann’s nicht werden, denk ich mir und schlag ihr vor, ihn mal zu treffen. Ihr Gezeter fällt so verhalten aus, dass ich weiß, dass

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sie total scharf drauf ist. Nach verschiedensten Plänen, wie sie ihm auflauern könnte, die sie alle als schlecht verwirft und ich feststelle, dass einige Weiber das beschriebene Faulheitssyndrom umfliegt, wenn es um Typen geht – umso toller die Typen, umso fauler die Weiber – schlage ich Mathes nach unserer kleinen Tour am See vor, bzw. frage ihn, bei ihm reicht schon fragen und er nimmt es als Vorschlag auf, ob er nicht Bock hätte, mal so ’ne Freundin von mir zu treffen. »Nee man, im Ernst?!« »Ja man, ich sag’s dir, ich geb’ dir ihre Nummer.« »Ich weiß nicht, man. Puh … ey was soll’s, wenn ich mal abends nach Hause komme und ich hab’ Lust, einen so richtig tollen Abend zu haben und ich denk mir, hey, du hast Lust, ein Bier mit einer Lady zu trinken, dann meld’ ich mich bei ihr und dann gucken wir, was passiert. Yeah man, gib mir die Nummer.« Ich geb’ ihm die Nummer und warte, dass was passiert.

jörn schirok • quentin


Marion Bartl Interzone

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Es ist irgendwann nachts. Wir stehen vor einem alten Bauwagen, der aussieht, als wäre er das Feriendomizil einer Alien-Familie. Heraus dringt sowas wie Musik, Nebelschwaden und ein pinkes Flimmern durch die abgeklebten Fenster. Der Bauwagen ist im Pastellton alter amerikanischer Eiswagen angemalt; seine Chrom-Verzierungen sind schon etwas angerostet. Vom Bauwagen weg ist ein Tuch gespannt, das ein paar Campingstühle und einen Tisch überdeckt, die eine Terrasse bilden. Hier sitzt niemand mehr. Die verlassenene Szene stimmt mit der Nacht überein, aber der Bauwagen selbst scheint durch sie hindurch. Wie Fliegen werden wir von seinem rosa Dunst angezogen. Ich sitze im Nachtbus, es ist dunkel draußen, aber das gelbe Licht der Straßenlaternen lässt mich noch nicht an Schlaf denken. Im Bus sitzen noch drei andere Menschen, wir alle möchten zum Hauptbahnhof. Wir sitzen im letzten Bus, der gerade durch die Interzone fährt. Zwischen Tag und Nacht, zwischen Hier und Da, fast am Ziel, fast bereit, den Bus ins Depot zu fahren und auf den nächsten Tag zu warten, der in 1 1/2 Stunden beginnt. Bis dahin durchquert er die Interzone. Jetzt hält der Bus. Eine Station früher steige ich aus, laufe zur nächsten Haltestelle und entscheide mich, das letzte Stück nach Hause noch weiter zu laufen. Mein Kopf schwimmt vom Wein, oder war das Wodka? Wodka Vanille. Eigentlich wollte ich den ganzen Weg nach Hause laufen, dann bin ich in den Bus gestiegen. Aber das letzte Stück laufe ich. Ich bin nicht mehr bereit, auf den zweiten Bus zu warten und so laufe ich durch die verlassenen Gassen nachts um vier. Direkt durch die Interzone. Morgen, weiß ich, werde ich mich nicht mehr genau an den Weg erinnern können, aber heute Nacht wurde dieser Weg extra für mich so gemacht. Die alten Häuserreihen räkeln sich behaglich vor mir hoch und ich laufe durch ihre Umarmung. Die Interzone ist gemütlich. Sie ist so kalt, dass es mir nichts ausmacht. Der Wind trägt meinen schon recht leichten Kopf ein wenig höher, sodass meine Gedanken fliegen lernen. Leicht benebelt in den Wolken schwebe ich meinem Zuhause entgegen. Meine Füße tragen mich so gekonnt; sie kennen den Weg schon seit einigen Jahren. Jeder Schritt trägt mich näher meinem eigenen Raum inmitten der VorkriegsFassaden entgegen und die Interzone zieht sich langsam zusammen.

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marion bartl • interzone


Ganz langsam. Hier kann ich noch einmal meine Gedanken sammeln, bevor sie abrupt von der Müdigkeit und der Weiche in meiner Matratze ausgeknipst werden. Noch ist der Abend nicht vorbei, aber eigentlich ist er das schon eine ganze Weile. Ich lasse ihn nur nochmal zurückspulen und Revue passieren in der Interzone in meinem Kopf. Dann ist da meine Tür. Mein Schlüssel schließt erst die Wohnungstür, dann meine Haustür auf und ich räume den Kram von meinem Bett auf den Boden und mich selbst in mein Bett hinein. Umziehen, Zähneputzen, Licht aus. Die ewige Routine beginnt aufs Neue am nächsten Tag. Mein Handy sagt, dass es 8 Uhr morgens ist, aber an einem Sonntag ist das die Zeit der Interzone. Zwischen Wachen und Schlafen dämmere ich einige Zeit hin und her, bis meine Augen es nicht mehr aushalten. Aber ich will noch nicht aufstehen. Noch ist das Bett meine Interzone. Eine letzte Glückseligkeit, bis die Realität wieder einmal an meine Tür klopft und meine Stempelkarte durch den Scanner zieht. Hier ist der Tag zwar hell, aber noch nicht ganz Tag, genauso wie die Nacht dunkel war, aber eher in einem weichen Grauton und nicht zappenduster. So dazwischen. Diese Interzone lässt mich irgendwann gehen, aber von einer ist es nicht weit bis zur nächsten. Nein, ich habe noch keine Lust auf den Abwasch. Die Hausarbeit fange ich morgen an. Noch ein Semester kann ja nicht schaden. Zum Arbeiten habe ich noch mein ganzes Leben Zeit.

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Aber meine Interzone, das ist keine Prokrastination. Sie ist ein Ort für mich, an dem ich kurz und klar denken kann und ich für einen Augenblick ich bin. Kurz vor dem Ende von dem, was war und kurz vor dem Anfang von dem, was sein wird. Kurzzeitig zwischen die Stühle gefallen und sitzen geblieben. Die Schönheit der Interzone besteht in ihrer Vergänglichkeit. Ich weiß, dass ich hier nicht ewig bleiben werde. Mir wurde ein Raum gegeben, der mir Zeit gibt, durchzuatmen, loszulassen und dann wieder loszugehen. Nach dem Feiern sitze ich in einem alten, umgebauten Bauwagen auf einer Holztreppe. Techno dringt ohne erkennbaren Rhythmus durch meinen ausklingenden Rausch. Die Luft ist durch Maschinen benebelt und in der Ecke stehen kleine Topfpalmen. Die wenigen Menschen hier bewegen sich wenig. In einem kleinen Verschlag flimmert ein alter, winziger Fernseher. Dort irgendwo gibt es Bier. Hier muss keiner mehr reden; die Tanzenden haben es aufgegeben, sich zum Rhythmus zu bewegen, aber niemand will schon nach Hause gehen. An einer Wand flimmert in pinken Neonbuchstaben das Wort »Interzone«.

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marion bartl • interzone


Evan Jones Bovine

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He had beautiful eyes A purist An artist  I stumbled into his bedroom with a question griped tightly in my hand – to find a sight that let my grip lose. The vomit strewn across his heart and belly like the woman who left him. I love you mum. I do.  Calmer than possible I called the help. So aware that I was pushing something aside that will … Come to haunt me in a few years (it has come now).  In that moment, my dad was dead!  Died of a broken heart.  I wish he had!  I think he does too.

He didn’t do smack like the bovine immortals that surrounded him. He didn’t drink like the rest of us – he didn’t smoke. Why him.  Because a broken heart can kill a man and it almost did my dad. What a thing to fail at.  I do not know the reason for that.  He told me many years ago whilst looking over his age tangled mother. »If I’m like this, you end me«  He was, I didn’t, he will.  I’d like my dad back now. 

Then! Incarcerated with the other ageing children now parented by strangers wearing blue or white … he lost himself in Bosch’s Garden Of Earthly Delights … trapped and terrified for 15 or 16 long months. He returned.  To paint.  To laugh a little,  but mostly to form … sitting in the darkness going over why she left him – why he is a failure – why his daughter’s lost.  Why him. 

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evan jones • bovine


Kathi NoĂ&#x; Rektalanalyse

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Fünf Sekunden Dunkelheit. Dann schalte ich das Licht an. Fünf Sekunden Freiheit, Schwerelosigkeit. Claus, wenn du wüsstest … Blau, blau, blau, blau, gelb, gelb, grün, grün, grün. Die Pille im Spühlkasten, um das zu verheimlichen, was alle wissen.                                                                                                             Klonk. Blau, gelb, grün, braun, blau, grün. Momente der Ruhe finden sich nur in geschlossenen Räumen ohne Fenster.                                                              Nasszelle meines Herzens.                                                                In diesen Momenten kann ich ganz bei mir und meinem Körper sein. Bei dem, was mein Körper ablegt,  entlegt,  verlegt, fortlegt. Choo Choo!!!  In die blaue Flut, ins Nichts, ins Sein.       Allein sein. Blau sein.                      Nass sein.                                       Fort, fort, mit den Wassern der Ungewissheit.                                       Eines Tages sehen wir uns vielleicht wieder.   Blau. Eines Tages bin auch ich wie du  und du wie ich  und dann werden wir wieder eins sein, im ewigen Kreislauf des Lebens. – Hast du auf dem Klo gesessen, Hände waschen nicht vergessen –

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Ich stehe vor dem Spiegel und schaue in mein Gesicht … … dein Gesicht … Possessivpronomengesicht … drücke mir einen Pickel aus … . – für Haut ab 20 –                                                                             Plopp. Ich schminke mich mit der Fassade der Eitelkeit und am Ende bin ich doch nur ein lebloser Körper, der vom Konversationskleister zusammengehalten wird. Claus würde sagen, es sei nur ein Gefühl und am Ende sei alles gut. Aber das würde er nur sagen, weil er nicht wüsste, was er anderes sagen sollte. – Oh Claus, wenn du wüsstest …  Eines Tages wird er erkennen müssen, dass auch er ein klebriger Klumpen ist, der keinen Platz hat und dann wird auch für ihn Pissen und Kacken die einzige wahre  Erleichterung,                                         die einzige Möglichkeit, Last abzulegen. Ich wasche mir die Hände … beschämend … . Lasse das Becken voll Wasser laufen,  tauche ein Gesicht hinein, drücke dasselbe Gesicht  in ein Handtuch.                                       – kuschelweich – Ich setze mich auf den Klodeckel – blau, blau, blau, weiß – und ziehe mein Notizbuch hinter der Heizung hervor. Claus hat es nie bemerkt, obwohl ich darauf hoffe, dass er bald die Botschaften, die ich für ihn in das Buch schreibe, entdecken wird … . Ich schreibe: »Claus, Pyrrha ist gelandet und wartet auf deinen Befehl. Die Kosmonauten brauchen deine Hilfe. Im Sternbild des Orion ist ein schwarzes Loch aufgetaucht und droht nun alles zu verschlingen.«

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Dann schließe ich das Buch, verstecke es. Eines Tages wird er es vielleicht finden, wahrscheinlich dann, wenn er erkannt hat, wie unwichtig alles ist und die  Existenz des Einzelnen bedeutungslos im Angesicht des Kollektivs. Ich versinke in Selbstmitleid. Ist es nicht fatal, wenn man mit sich selber leiden muss? Das nimmt einem auch niemand ab. Claus ist noch da, aber ich schleiche unsichtbar durch den Flur in mein Zimmer, lege mich in  mein Bett  und lasse  die Welt  allein mit  mir                                                                                                  . Oh Claus, wenn du wüsstest

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herausgeber _innen und redaktion Dara Brexendorf, Maline Kotetzki, Elena Kruse, Birger Niehaus, Katharina Noß, Nina Riethmüller, Zara Zerbe und Nikolai Ziemer gestaltung Tim Schöning druck und verarbeitung Druckwerkstatt der Muthesius Kunsthochschule auflage Nº ______ /700 bankverbindung für spenden Matthias Birger Niehaus, iban: de 47 2105 0170 1002 6711 45, bic: nolade21kie kontakt schnipselmagazin @googlemail.com www.der-schnipsel.de www.facebook.com/der.schnipsel Die Rechte für eingesendete Texte verbleiben bei den Autor_innen. Namentlich gekennzeichnete Beiträge entsprechen nicht unbedingt den Auffassungen der Herausgeber_innen. © 2017, Dara Brexendorf, Maline Kotetzki, Elena Kruse, Birger Niehaus, Katharina Noß, Nina Riethmüller, Zara Zerbe und Nikolai Ziemer 17. Ausgabe, Dezember 2017

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