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maline kotetzki • matthias becher • zara zerbe • nikolai ziemer • sören gross • maximilian thieme constantin koch • sigrun benesch • moritz zimmermann • birger niehaus • k. noss • elena kruse

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DER SCHNIPSE L


DER SCHNIPSE L # 16


Verehrte Freundinnen und Freunde der irgendwo herumliegenden Literatur in Heftform, Die Autorin dieses Vorworts ist angesichts der Aufgabe, ein Vorwort für die Schnipsel-Ausgabe 16 zu schreiben, ein wenig eingeschüchtert. Das liegt nicht nur an der mittlerweile eher auf die 20 zugehenden Zahl an Schnipsel-Ausgaben, sondern vor allem daran, dass unser kleines Kollektiv von literaturvernarrten Idealist_innen nun 5 (in Worten: fünf) Jahre alt wird. Wer würde da nicht ein wenig sentimental werden? Rationalisieren wir doch lieber unsere Gefühle. Hier sind ein paar Zahlen. 5 Jahre Schnipsel setzen sich zusammen aus: • 16 × »Oh, da sind so viele Texte im Postfach, wer soll die alle lesen?« • ca. 1000 zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegte Kilometer, um 5000 frisch gedruckte Schnipselhefte auszuwildern. • 15 × »Hey, können wir hier eine Lesung machen?«“ • 15 × »Hach, das war schön heute!« • 946 MB Daten in der Schnipsel-­ Cloud • 120 Dezibel Stimmengewirr bei Redaktionssitzungen (zusammengesetzt aus drei gleichzeitig bespro-

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chenen Punkten von der Tagesordnung und dem aktuellen Klatsch und Tratsch) • 10–15 studierte Semester außerhalb der Regelstudienzeit • 1000 Liter Kaffee (gefühlt) • 1000 Liter Bier (gefühlt, vor allem durch das Pochen in den Schläfen am Tag danach) • 1000 Liter Schweiß • 1000 Liter Herzblut In dem Sinne: Viel Spaß mit unserer herzblutkaffeebierfrühstückssekttriefenden Ausgabe 16. Yours truly, Eure Schnipsel-Redaktion PS: Der Einsendeschluss für unsere kommende Ausgabe ist der 15. Oktober 2017. Texte mit bis zu 10.000 Anschlägen (Textsorte, Genre und Thema sind euch überlassen, Hauptsache, .doc oder .odt) und alle anderen druckbaren Kunstwerke (schwarz-weiß, 300 dpi) nehmen wir nach wie vor dankend entgegen unter schnipselmagazin@googlemail.com

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editorial


8 Maline Kotetzki Kleben bleiben 11 Matthias Becher Von Leichen in Kellern 14 Zara Zerbe Sport 18 Nikolai Ziemer Die Prager Recherche Teil 2 22 Sรถren Gross Der Meister der Dialoge 27 Maximilian Thieme Kino 1/2 32 Sigrun Benesch Lange Nacht 6

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33 Constantin Koch Auswährtsfahrt 34 Moritz Zimmermann Castrop-Rauxel 2037 37 Birger Niehaus Legende aus der ›Anthologie neuguineischer Mythen und Sagen‹ 41 K. Noß Die Dinge beim Namen nennen 45 Elena Kruse Die Reaktion eines Gebirges auf den Vorfall des Menschen 7

inhaltsverzeichnis


Maline Kotetzki Kleben bleiben

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Dann hat man Angst, kleben zu bleiben. Wie ein Insekt, das sich zu lange an einem Baum niedergelassen hat und in dieser klebrigen, glänzenden, zähen Masse, die den Stamm hinuntertropft, nicht mehr vorankommt. Versteinert, über einen längeren Zeitraum, als die kurze Insektenlebensspanne es jemals geschafft hätte. Und dann wird man angeschwemmt, an einen Strand, von dem sich die Wellen immer wieder zurückziehen. Auf den ersten Blick hat man es weit geschafft, aber letzten Endes ist man eben doch nur ein kleines Stückchen in einem Stein. Und erst durch diesen fast durchsichtigen Klops wird man zu etwas Besonderem. Das ist nicht genug, so hat man sich das nicht vorgestellt. So ist das ein bisschen, wenn man jung ist und vielleicht auch etwas zu idealistisch, obwohl man meint, schon längst verstanden zu haben, wie die Welt läuft und dass ein resigniertes Schulterzucken wohl die beste Geste ist, um diesen Lauf auszudrücken. Aber trotzdem möchte man nicht versinken, kleben bleiben in Vergessenheit. Die englische Sprache hat dafür ein sehr schönes Wort: oblivion. Wollen wir nicht in oblivion von dieser Erde verschwinden, so müssen wir etwas hinterlassen, etwas, das bleibt, auch wenn von uns schon nichts mehr da ist. Für mich waren es meistens die

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Künstler, die Dichter, Denker, die Maler und Fotografen, die etwas Bleibendes geschaffen haben. Sie haben die größte Chance, nicht in diesen Strudel aus Vergessen zu geraten. Noch möchte man etwas Großes, Überdauerndes schaffen. Aber dann blickt man auf sein Leben und da ist es wieder, dieses Schulterzucken. Vielleicht fällt es bei den Menschen, die aus einem Ort kommen, der nicht der Nabel der Welt ist, sogar noch etwas länger aus, diese kurze und doch so ausdrucksvolle Bewegung. In dem der Himmel weit ist, der Blick schweifen kann, der von Meer umschlungen wird, der so viele Farben hat und dann plötzlich wieder so grau ist; wo man das Salz in der Luft schmecken kann und der nur dann in den Nachrichten auftaucht, wenn es um Windkraftanlagen geht oder die Bauern mal wieder streiken. Man merkt, dass man eben doch nur ein Student ist, der sich nicht immer für die richtigen Kurse entschieden hat. Der zwar drei Jahre gelernt, aber nur wenig dazugelernt hat. Der sich bald nicht mehr hinter Prokrastination verstecken kann, sondern wirklich für sich selbst sorgen muss. Der Ernst des Lebens ist zwar aufgeschoben, aber nicht aufgehoben, auch wenn man das nicht wahrhaben will und sich einredet, man hätte noch alle Zeit der Welt zu vertrödeln und über-

haupt sei doch gerade jetzt der Moment, in dem man leben sollte, also denk nicht an morgen. Und doch kommen da Zweifel auf, kleine Stimmen im Hinterkopf, die allesamt so klingen wie man selbst und die nur selten Ruhe geben. Die vor allem nachts laut sind, wenn alles andere in Stille versinkt und nur ab und an ein Auto auf der Straße entlangfährt, die sich unter dem Zimmerfenster räkelt. Wie soll ich es hier rausschaffen, warum sollte meine Stimme Gehör finden, warum sollte gerade ich es sein, der es wirklich schafft und dem die anderen dazu gratulieren? Der neidisch betrachtet wird bei den Wiedervereinigungen mit Freunden, die jetzt noch so wichtig, aber mit der Zeit wahrscheinlich nur noch süßsaure Erinnerungen sind? Diese Zweifel, die gibt es wohl immer. Gepaart mit Angst können sie ein gnadenloser Spiegel sein, den man versucht, mit einem Bettlaken abzudecken, damit er einstaubt und nicht mehr klar sehen kann. Aber dann nimmt man selbst dieses Laken doch wieder ab, weil es genau dieser Spiegel ist, den man braucht, sonst würde man ihn ja erschlagen, auch wenn das sieben Jahre Pech bringt und man ja eigentlich nicht abergläubisch ist. Sich bewusst vor ihn stellen und zu fragen, was zeigst du mir heute, das kann der

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maline kotetzki • kleben bleiben


Antrieb hinaus aus dem schon einsetzenden Vergessen sein, das einen umfängt und schwer macht und das für jeden Alltag ist, für die einen mehr, für die anderen weniger. Dann will man alles über den Haufen werfen, diesen ganzen Alltag, der einen doch nur einengt, obwohl man doch so viel mehr will. Viel mehr als jeden Morgen die Brötchen beim selben Bäcker kaufen; viel mehr, als immer wieder dieselben Orte aufzusuchen, wo die Bäume hoch sind und das Wasser nah; viel mehr, als die Straßen abzulaufen, die man schon seit seiner Kindheit kennt; viel mehr, als jedes Gesicht benennen zu können, das einem begegnet. Ausbrechen, weglaufen,

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die Zelte abbrechen, das alles klingt so verführerisch, nach so viel Abenteuer. Man erzählt von den großen Plänen, die man geschmiedet hat und die sich mit jeder Erzählung besser anhören, aber mit jedem Mal, das man nur von ihnen berichtet, an Schwung verlieren, bis sie nur noch eine Geschichte sind, die mit einem Schulterzucken abgetan wird als Spinnerei, sowohl von einem selbst als auch von anderen. Denn schließlich ist diese Stadt ein Dorf, in dem man auf jeder Feier dieselben Leute trifft, die jede Woche wieder dieselben Dinge erzählen und die die eigene Geschichte schon so gut wie auswendig können, je nachdem, wie viel Bier sie schon konsumiert haben.

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Matthias Becher Von Leichen in Kellern

Neulich ging ich kurz vor dem Schlafengehen noch einmal in den Keller, weil ich für das morgige Essen im kleinen Kreis Hackbraten aus der Tiefkühltruhe holen wollte. Es wunderte mich, dass das Licht bereits brannte, und als ich am Treppenabsatz ankam, erschloss sich mir unverzüglich, warum dies der Fall war: Da saßen auf Klapp- und Campingstühlen um einen provisorischen Tisch aus einer alten Beziehungskiste meine mühsam weggeschlossenen und verscharrten Leichen und hielten ein Kaffeekränzchen. Sie waren dabei dermaßen in ihre Plauderei vertieft, dass meine Ankunft noch gar nicht aufgefallen war. Es wurde darüber geredet, wie sie betrogen und verraten worden waren, sie sprachen von Niederlagen und den unzähligen fiesen Tricks, mit denen ich sie totgeschwiegen und schließlich im Keller hinter Schloss und Riegel gebracht hatte. Ich war überrascht, wie viele sich über die Jahre hier unten angehäuft hatten, man führt über so etwas ja nicht Buch. Der Anblick weniger Anwesender streute Salz in offene Wunden, bei anderen juckten alte Narben, doch die große Masse konnte ich – wenn überhaupt – erst nach genauerem Hinsehen zuordnen.

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matthias becher • von leichen in kellern


Gerade war ein Mädchen von etwa siebzehn Jahren, das ich an ihrem zerrissenen Rock und den aufgeschürften Knien erkannte, an der Reihe und erzählte herzzerreißend, wie der Mantel des Schweigens, den ich über ihr ausgebreitet hatte, zu ihrem Leichentuch geworden war. Sie schluchzte und einer, den ich erst kürzlich so heftig übergangen hatte, dass er gleich liegengeblieben und erst nach dem zu meinen Ehren gehaltenen Sektempfang von mir in den Keller verfrachtet worden war, klopfte ihr mitfühlend auf die Schulter, woraufhin das arme Ding merklich zusammenzuckte. Die Selbsthilfegruppe hätte wohl noch lange so zusammengesessen, wenn sich nicht ein Jugendfreund nach dem Messer umgedreht hätte, das ich ihm einst in den Rücken gerammt hatte. Sein in der Totenstarre immer noch verwunderter Blick traf auf meinen und nach seinem lächerlichen Gestikulieren schlug die Stimmung augenblicklich um. Aus einem sich bemitleidenden Haufen wurde ein wütender Mob und es konnte sich nur noch um Sekunden handeln, bis er sich auf meine wohlbehütete weiße Weste stürzen würde, die ich für gewöhnlich selbst beim Schlafen und Duschen nicht abnahm und die auch heute über meinem Pyjama erstrahlte. Ein Fleck musste um jeden Preis vermieden werden. Ich hastete die Treppe nach oben, verlor dabei meine Lieblingspantoffeln, fühlte regelrecht den fauligen Atem der Anschuldigung in meinem Nacken und musste, an der Kellertür angekommen, bereits die ersten auf meinen Schultern lastenden Hände abstreifen. Meine Hoffnung, dass die untote Meute sich doch nicht selbst aus dem gewohnten Muff des Vergessens befreien können würde, war so schnell zunichtegemacht wie mein alter Geschäftspartner, von dem rein zufällig ein paar kompromittierende Fotos aufgetaucht waren. Ich machte nicht den Fehler, in die oberen Stockwerke zu laufen, sondern gab das Haus sowie meine schon zu Bett gegangene Frau ohne mich umzublicken verloren und rannte in Todesangst darüber, was die Nachbarn wohl von meinem Aufzug halten würden, in Schlafanzug und ohne Schuhe auf die Straße und stockte unwillkürlich, als ich sah, was draußen vor sich ging. Überall rannten Menschen sich gehetzt umschauend davon, wurden verfolgt und die meisten offenbar auch von ihrer Vergangenheit

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eingeholt. Einige schienen sich nicht einmal zu wehren; in ihren Augen stand weniger Angst als die stille Akzeptanz des Unvermeidlichen. Diejenigen, die sich auf einen direkten Kampf mit ihren Dämonen einließen, waren ohne Chance gegenüber Masse und Entschlossenheit der Kontrahenten. Ich löste mich durch pure Willenskraft aus meiner Schockstarre und suchte mein Heil in der Flucht. Geistesgegenwärtig schlug ich Haken, schubste die ein oder andere ohnehin verlorene Seele so, dass sie zwischen mich und meine Widersacher geriet, sprang über niedrige Zäune und brachte so langsam einen kleinen Abstand zwischen mich und die Jagdgesellschaft. Trotzdem konnte ich mir zusammenrechnen, dass sie mich praktisch überall auffinden konnte – und würde –, vor allem, wenn ich mich weiterhin im Freien aufhielte. Sie hatte den Weg aus den tiefen meines Kellers sicher nicht angetreten, um jetzt aufzugeben. Das Haus eines guten Bekannten (ich würde allerdings nicht so weit gehen, ihn einen Freund zu nennen) lag in der Nähe und ich erreichte tatsächlich lädiert, aber grundsätzlich unbeschadet sein mir immer etwas billig vorgekommenes Reihenhaus. Nachdem ich Sturm geklingelt hatte und sein Blick auf meine nun doch recht verschwitzte und verschmutzte Schlafzimmergarnitur plus nicht mehr ganz so weiße Weste fiel, wurde mir die Tür mit einem verächtlichen Blick vor der Nase zugeschlagen, wie damals der heiligen Mutter Gottes vor Bethlehem. Meine Verfolger konnten hingegen nicht mehr weit sein, sodass ich meinem Naturell folgend alles auf eine Karte setzte und in das Haus des von der Apokalypse scheinbar nicht Betroffenen eindringen wollte. Meine Wahl fiel auf ein nicht vergittertes Kellerfenster, das ich mit nacktem Fuß eintrat und durch das ich hineinschlüpfte. Bei dieser Demonstration meiner körperlichen Fähigkeiten zog ich mir jedoch eine üble Schnittwunde am Bein zu, sodass ich mit Blut besudelt und etwas genervt auf dem Boden liegen blieb, um mich auszuruhen. Diese ganze Situation war aber auch zum Haareausraufen und zusätzlich wurde mir auch noch kalt. Hier warte ich jetzt geduldig neben der Tiefkühltruhe darauf, dass mein Bekannter eines Tages in den Keller kommt, wenn er mal wieder einen Hackbraten auftauen möchte.

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matthias becher • von leichen in kellern


Zara Zerbe Sport Niedersachsen im Spätherbst, schlimm genug. Fast so schlimm wie meine Sportkleidung, die aussieht wie ein Pyjama und die ich hauptsächlich zum Schlafen trage. Niedersachsen im Spätherbst also, ich laufe mit Schlafanzug und Hallensportschuhen durch eine Fichtenmonokultur. Klingt wie ein schlechter Traum. Ist es auch. Leider keiner von der Sorte, aus der man wieder aufwacht, denn ich bin 14 – mein Leben. Ist. Ein. Albtraum. Der Tag war schlimm. Eine Sechs in Physik – »Halb so wild. Mädchen sind halt nicht so gut in Naturwissenschaften. Dafür bist du gut in Französisch.« »Höhö, Französisch!« Hrmpf. Die Sechs habe ich vor allem kassiert, weil ich statt Physik lieber die Bassnoten von »Fuck Authority« und anderen Hits von Pennywise gelernt habe. In der Schulband darf ich trotzdem nicht mitspielen, obwohl sie da nicht mal einen echten Bassisten, sondern nur dem schlechtesten Gitarristen in der Truppe ein etwas einfacheres Instrument in die Hand gedrückt haben. »Wenn du ein bisschen hübscher wärst, könntest du unsere Sängerin werden!«, sagt Leadgitarrist Johnny aus der 10a durch seinen lächerlichen Flusenbart. Türenknallender Abgang meinerseits. Gut, dass alle Mädchen wissen, wie klein sein Penis ist. In der Oberstufe werde ich jemandem, der einen abfälligen Kommentar über mein Aussehen macht, durch einen gezielten Stoß mit dem Ellenbogen zwei Rippen brechen. Ganz aus versehen natürlich, aber das weiß ich jetzt noch nicht. Stattdessen trage ich nun meine Schlaf-/Sportklamotten und laufe durch den Wald. Ich muss abnehmen, 10 Kilo mindestens, am besten bis morgen, habe ich beschlossen, als ich feststellen musste, dass mein Teenagerkörper durch stundenlanges böses Anstarren im Spiegel nicht weniger unförmig wird. Wieso sagt mir eigentlich niemand, dass das nur ein Übergangskörper ist?

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Die ach so erholsame Herbstluft brennt in meinen Lungen wie das Pfefferspray, das mir meine Mutter kürzlich aufgenötigt hat. »Falls dir mal was passiert. Falls du dich mal wehren musst!« Lustig. Gegen wen denn, wenn ich ohnehin nur bis 21 Uhr wegbleiben darf? Gegen meinen Physiklehrer? Gegen Johnny? Gegen mein Spiegelbild? Laufen ist scheiße. Die Schwerkraft im Wald ist enorm hoch, oder ich bin wirklich so fett, wie ich mich fühle. Der Traum vom Liegen vermischt sich mit der Angst, vor Anstrengung tot umzufallen. Morgen werde ich mir von meinem Taschengeld Lipgloss und eine CD kaufen und mich wieder ganz okay fühlen, aber das weiß ich jetzt noch nicht. Stattdessen stolpere ich über den matschigen Waldweg und fühle mich betrogen. Entweder, ich bin mein Leben lang unförmig und plump oder sterbe bei dem Versuch, das zu ändern. Wenn ich mich nicht schon vorher beim Anblick der immer gleichen Fichten am Wegesrand zu Tode langweile. Metall kracht auf Metall, immer wieder. Irgendwo in der Ferne surrt ein Laufband. Menschen atmen laut oder knirschen mit den Zähnen. Es riecht nach Schweiß. Ich klemme fest in einem Gerät, das sich »Chest Incline« nennt und für Schulter-, Brust und Armmuskulatur zuständig ist. Der Rundumschlag für den inneren Hulk. Vor mir hat hier jemand 100 Kilo gestemmt. Bei mir sind 30 drin, immerhin, für jemanden, der alle Geräte immer auf Zwergengröße stellen muss, ist das ganz gut. Achtundneunzig. Klonk. Neunundneunzig. Klonk. Hundert. Klonk. Beim letzten Klonk steht ein Typ vor mir. Zwei Meter groß, Feinripp-Unterhemd, Bürstenschnitt, Typ G.I. Joe. Es ist Arne, ein flüchtiger Bekannter, dem der zweifelhafte Ruhm eines begeisterten Anabolika-Konsumenten stets vorauseilt. »Ach was!«, sagt er und hebt die Hand zum High Five. »Was machst du denn hier?« »Bizeps«, antworte ich. Ob er merkt, dass ich im Schlafanzug hier bin? Seit ein paar Monaten gehe ich nun pumpen, wie man so sagt, richtige Sportkleidung habe ich trotzdem immer noch nicht. »Geil«, sagt Arne. »Dann viel Spaß!« So normal hat noch niemand auf mein neues Hobby reagiert. »Achso, willst du abnehmen?« heißt es sonst.

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zarid bang • sport


Oder auch: »Das hast du doch nicht nötig, du bist gut so, wie du bist!« Ich drehe Haftbefehl lauter, damit ich nicht hören muss, wie viele Kalorien die zwei Mädchen an dem Gerät neben mir neulich auf dem Crosstrainer verbrannt haben. Dann geht es weiter. Hunderteins. Ich bin nicht hier, weil ich ich dünner werden will, nein. Hundertzwei. Klonk. Mir geht es um Kraft. Hundertdrei. Klonk. Ich mag das Gefühl, jemandem zur Not auch ordentlich die Fresse polieren zu können. Gerade war Silvester, und in Köln ist etwas passiert, was Zyniker vielleicht Magie nennen würden. Gestern: »Die Frauen sind doch selber Schuld, wenn sie so aufreizend angezogen sind!« Heute: »Wir müssen unsere Frauen vor den schlimmen Ausländern beschützen!« Wer mag da nicht ab und zu mit ein bisschen mehr Körpereinsatz argumentieren? In der Sprache meiner Fäuste ist »Hör auf, deinen Rassismus hinter einer pseudofeministischen Nice-Guy-Maske zu verstecken, du Lauch!« ein formvollendeter Satz heißer Ohren. Natürlich ist Gewalt keine Lösung. Aber wo soll ich denn hin mit all dieser Wut, die in mir hochkocht, wenn mir all diese Menschen einfallen, die glauben, dass Frauen die Pille Danach gerne als Topping auf ihren Salat streuen? Meine Hassliste ist so, wie sich fünf Minuten Bankdrücken anfühlen: Lang. Mein Bullshitradar klingelt ständig und wird trotzdem übertönt von Menschen, die sagen: »Sei doch nicht immer so wütend. Wenn du immer nur meckerst, kannst du nie etwas verändern!« Und wenn ich dann meinen Hass auf das Patriarchat in eine lustige, positive Botschaft umformuliere, wird das kommentiert mit den Worten »Das war Zara Zerbe mit einem Text über das Leben als Frau.« Als hätte ich aus Bridget Jones vorgelesen und dabei blöd gekichert. Ein großer, gefährlich aussehender Typ müsste man sein. So wie Arne, dem kann das alles egal sein. Und der braucht seinen fiesen Türsteherlook eigentlich gar nicht, denn er ist Tierarzt (was ihm sicher einen unkomplizierten Zugang zu Zuchtpferdesteroiden garantiert). Hundertvier. Klonk. Nützt ja nichts, denke ich, und mache weiter. Hundertfünf. Klonk. Mache Muskelkraft aus Wut und Hass. Hundertsechs. Klonk. Erstmal Pumpen und die Fresse halten und

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morgen dann Revolution. Hundertsieben. Klonk. No pain, no gain, wie man so sagt unter Bodybuildern. Hundertacht. Klonk. Meine Muskeln brennen, irgendwas mit Milchsäuregärung und Mitochondrien. Hundertneun. Klonk. Es ist furchtbar, aber wenigstens kann ich nachher gut schlafen. Hundertzehn. Klonk. An dem Abend vor meinem 28. Geburtstag laufe ich zum ersten Mal seit 10 Jahren wieder durch eine niedersächsische Fichtenmonokultur. Es ist Frühling, aber der Wald aus meiner Kindheit sieht aus wie immer. Nadelgehölz, was soll man machen. Selbst die Matschpfützen auf dem Wanderweg sind noch da, wo sie schon immer waren. Ich habe immer noch keine richtige Sportkleidung und ich bin immer noch voller Hass, grundsätzlich, wie sollte es auch anders sein? Es gibt Tage, an denen hasse ich meinen Körper dafür, dass er so unförmig ist und auch mich selber, weil ich es einfach nicht schaffe, das zu ändern. An anderen Tagen hasse ich es, meinen Körper zu hassen, aber am allermeisten hasse ich Menschen, die dafür sorgen, dass andere Menschen ihre Körper hassen. Aber heute ist es nicht so schlimm, denn es ist Frühling und mein Körper, dieses Montagsmodell, in dem ich sonst nur meinen Geist aufbewahre, trägt mich durch einen Wald, in dem es nach Erde riecht. Ich bin bei Kilometer drei und noch immer nicht vor Anstrengung gestorben. Zum ersten Mal seit langer Zeit bin ich diffus zufrieden. Ein Körper, mit dem ich anstellen kann, was ich möchte – einfach, weil er mein Körper ist –, ist ein guter Verbündeter in einer Welt, in der mir sonst alle vermitteln, dass er mein schlimmster Feind sei. »Hör auf, solche Hippiescheiße zu denken! Was kommt als nächstes? Ein pathetisches Ende für deinen Text?«, sagt eine kleine Stimme in meinem Ohr, aber ich höre ihr gar nicht zu, sondern laufe noch tiefer in den Wald, hinter dessen Baumwipfeln die Abendsonne allmählich verschwindet.

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zarid bang • sport


Nikolai Ziemer Die Prager Recherche Teil 2

Es ist ein Pflichtbesuch, zu dem er sich am nächsten Morgen gleich nach dem Frühstück aufmacht, und es erfreut ihn, als er mit einem Blick auf seinen Stadtplan feststellt, dass er nur wenige hundert Meter zu laufen hat. Seine Füße schmerzen ein wenig, aber er klagt nicht, weil gut gekleidet zu sein eben seine Opfer mit sich bringt. Er folgt der Hauptstraße in Richtung Süden, und als neben ihm eine alte Straßenbahn hält, nimmt er dies als Wink des Schicksals und fährt eine Station schwarz. Der Friedhof wird von der Hauptstraße geteilt und Egon Krämer weiß zunächst nicht, welchen Teil er nun wählen soll. Eine alte Pförtnerin erkennt sein Begehr und weist ihm, ohne dass er fragt, den Weg zum jüdischen Friedhof. Er geht durch eine barocke Pforte und hat sofort eine unbestimmte Ahnung, dass er ganz allein ist mit den Toten. Nur ein paar Eichelhäher krächzen am blassen Himmel. Ein dichter Wald aus efeuberankten, kahlen Bäumen bringt Ruhe über die alten Grabsteine, die schwarz aus einem ebenso efeuüberwucherten Boden ragen. Ein schlichtes Schild mit der Aufschrift »Dr. Franz Kafka, 250 m« weist Egon Krämer den Weg, den er ohne Umwege über einen belaubten Boden nimmt. Auch wenn es deutlich mehr Meter sind, steht er doch bald vor einem schmucklosen Obelisken, der die Grabstele der Kafkas ausweist. Unzählige Steine von unzähligen Verehrern

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lagern dort und auch Egon Krämer wühlt nun in seinen Taschen, um sich in ihre Reihen einzufügen. Er fördert einen Donnerkeil aus seinem Mantel hervor, den er vorherigen Sommer am Strand von Travemünde gefunden hatte. Schmunzelnd über diese Tat, die unter Umständen auch als Sakrileg gedeutet werden könnte, betritt er nun den durch Buchsbäume gesäumten Bereich der Grabesstelle und legt die Versteinerung des urzeitlichen Getiers so dicht es geht an den Obelisken. »Sie sind ein Schelm!«, hört er plötzlich eine Stimme hinter sich sagen. Weniger der Schreck über den Anruf oder das Gefühl, bei einer Untat ertappt worden zu sein, sondern vielmehr darüber, dass ihn jemand auf Deutsch anspricht, lässt Egon Krämer erstaunt herumschnellen, fast schon in der Erwartung, ein vertrautes Gedicht zu erblicken. Doch er wird enttäuscht. Vor ihm steht ein hagerer, junger Mann in Mantel und Melone, zwei dunkle, kluge Augen springen aus dem blassen Gesicht. Der Fremde hebt nun eine Hand an eines seiner Segelohren und sagt: »Horchen Sie, horchen Sie genau hin! Hören Sie die Knospen knacken? Es wird Frühling!« Dann fängt er an zu kichern und hopst, indem er sich die Melone auf den Kopf presst, wie ein Frosch davon. Egon Krämer ist wie paralysiert, doch schon beschließt er, dem Fremden zu folgen. Als er wieder über die Buchsbäume tritt, knackt es unter seinem Fuß. Er sieht nach und stellt fest, dass er einen fetten, glänzenden Käfer zertreten hat. Der Fremde indes ist verschwunden.

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nikolai ziemer • die prager recherche


Am späten Nachmittag sucht er das Kloster Strahov auf. Dort wird eine nicht unwichtige Passage seines Romans stattfinden. Und obgleich er genug über den Bau und seine Geschichte recherchiert hat und von früheren Reisen her bereits kennt, muss er ihn für die Klärung einiger Details noch einmal besuchen. In einem Raum, wo man aufgespießte Falter, rostige Musketen und ausgestopfte Krokodile bestaunen kann, trifft er unverhofft auf Chloé. Um ihren Hals hängt eine riesige Digitalkamera und sie beäugt gerade ein präpariertes Gürteltier. Egon Krämer ist sich unsicher, aber dann nimmt er sich ein Herz und spricht sie an. Sie ist erfreut, ihn zu sehen und schon bald kommen sie in ein Gespräch. Er kann ihr ein paar Dinge über das Kloster und die Schätze seiner Bibliotheken erzählen. Sie schlendern durch die Räume, schauen sich Faksimiles von farbenfrohen Handschriften an, derweil Egon Krämer klar wird, dass Chloé ohne Begleitung ist. Als sie beide später gemeinsam im Hostel eintreffen, konnte er Chloé vorher glücklicherweise überreden, für sie zu kochen. Verärgert stellt er allerdings fest, dass der Herd von dem grimmigen Taschenzerfetzer besetzt ist. Nur in Unterhemd und Jogginghose steht er da, brät in einer Pfanne grobe Stückchen Fleisch und singt dabei noch übertrieben laut eine schiefe Melodie. Chloé und Egon Krämer setzen sich mit einem Bier an den Küchentisch und warten stumm. In Egon Krämer kocht der Zorn und da sein Geist ohnehin angefüllt ist mit Mordphantasien, stellt er sich vor, wie er den haarigen Ochsenrücken mit einem Küchenmesser bearbeitet. Irgendwann ist er dann aber doch an der Reihe und zaubert ein paar deftige Pfannkuchen. Seine Laune trübt sich, als er beim Auftischen feststellt, dass der Taschenschlächter noch lange nicht aufgegessen hat und langsam schmatzend unverhohlene Blicke auf Chloé

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wirft. Es scheint ihr ganz offensichtlich auch den Appetit zu verderben, denn schon bald lässt sie das Essen halb stehen und verabschiedet sich von Egon Krämer mit der Ausrede, dass sie müde sei. Er hat keine Möglichkeit, sie zurückzuhalten und das Gefühl, eine gewisse Chance sei endgültig verpasst. Sein ganzer Hass richtet sich auf den Fremden, der gerade seelenruhig aufsteht und dabei ausgiebig sein Gemächt mit einer Hand vom Juckreiz befreit. Um eine Prügelei anzuzetteln ist, Egon Krämer zu alt, dennoch weiß er sich mit Stil in Selbstmitleid zu suhlen. Er bestellt an der Bar eine Flasche Absinth und trinkt die Wermutspirituose ohne Verdünnung und Zuckerhut in einer dunklen Ecke des Gemeinschaftsraumes. Am nächsten Morgen wacht er betrunken auf und kann sich an nichts erinnern. Nur seine blutbeschmierten Hände lassen nichts Gutes ahnen. Als er sich aufrichtet, sieht er verschwommen, wie die Wände mit roten Flecken bespritzt sind. Neben ihm liegt die Leiche des Fremden, aus dessen Brust ragt das lange Küchenmesser. Egon Krämer zögert nicht lange. Er steht auf, rennt aus dem Zimmer, vorbei an den verdutzten Gästen. Dann den Veitsberg hinauf. Am Reiterstandbild hält er kurz inne und hinterlässt zwei rote Handabdrücke und einen Haufen Erbrochenes. In der Innenstadt wird er von den meisten Touristen für einen weiteren Straßenkünstler gehalten. Auf der Karlsbrücke allerdings, wo das Gedränge zu groß ist, erkennen die meisten die Echtheit des Blutes und die Not des Mannes. Keiner traut sich jedoch, ihn davon abzuhalten, wie er sich bei der Statue des heiligen Nepomuk auf die Brüstung stellt und ohne zu zögern in die Tiefe stürzt, wobei sein Tod von keinem Wunder begleitet und seine Leiche nie gefunden wird.

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nikolai ziemer • die prager recherche


Sören Gross

Ein schwarzer Porsche 964 Cabriolet von 1990 fährt auf einer Rennstrecke in der Wüste. Immer, wenn sich der Sportwagen der Kamera, die das Geschehen schon seit einer Weile aufzeichnet, nähert, wird das Motorengeräusch auf der Aufnahme lauter. In gleichem Maße verringert sich die Lautstärke, nachdem der Wagen von links nach rechts an der Kamera vorbeigerast ist. Wenig später kann man ihn

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in der Ferne in der anderen Richtung noch einmal vorbeiziehen sehen. Nach fünf Runden kommt der Wagen links außerhalb des Bildes zum Stehen. Man kann hören, wie die Fahrzeugtür geöffnet wird, dann fällt ein Schuss und ein Körper bricht auf dem Asphalt zusammen. Dies geschieht, wie gesagt, außerhalb des Blickfeldes der Kamera. Dann wird die Aufnahme abgestellt. Als ich anfing, mich zu fragen, warum ich morgens nicht mehr zu einer gesetzten Uhrzeit aufstehen konnte, oder warum ich an manchen Tagen das Bett überhaupt nicht mehr verließ, versank ich in Melancholie; später wurde ich ängstlich. Mitten in solchen trüben Gedanken ruft mich eines Tages mein Agent an, um mich an unsere Verabredung am späten Nachmittag zu erinnern. Alle sechs Monate treffen wir uns, um die nächsten Projekte zu besprechen, an einer Rennstrecke in der Wüste, fernab der neugierigen Ohren, die selbst an den diskretesten Orten dieser Stadt mithören. Er hatte den Termin auf den Nachmittag gelegt, da er wohl wusste, dass ich nur noch selten vor zwölf Uhr mittags das Bett verließ. Nur weil ich es mir leisten konnte, lange zu schlafen, fühlte ich mich keinesfalls gut dabei. Wer denkt, die Sorgen hörten auf, sobald man nicht mehr an fünf oder sechs Tagen in der Woche pünktlich

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Der Meister der Dialoge

in einem Büro zu erscheinen hat, irrt sich gewaltig. Dann setzt nämlich erst das Jammern auf hohem Niveau ein und das macht noch viel weniger Spaß. Meine Karriere begann damit, dass mein Vater eines Tages aufhörte, meinen monatlichen Unterhalt zu bezahlen. Er sagte: »Bücherlesen ist kein Beruf«, und das war es dann. Auf mich allein gestellt nahm ich die Herausforderung an und trat den Gegenbeweis an. Ein Jahr lang las ich

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alles, was mir in die Hände kam, erkannte bald die Lücken in dem, was schon geschrieben worden war und wurde reich damit, ein paar davon nach und nach mit spannenden eigenen Geschichten aufzufüllen. Für meinen dritten Roman – da feierte man mich schon als neuen Meister der Dialoge – holte ich mir den ersten Assistenten hinzu. Der junge Mann hatte soeben die Universität ohne Abschluss verlassen, zeigte großes schriftstellerisches Talent und half mir fortan beim Ausarbeiten der Plots. Mittlerweile schreiben fünf Leute meine Romane für mich. Organisiert wird das ganze von meinem Agenten, der auch die Verhandlungen mit den Verlagen führt und bei der Vergabe der Filmrechte die Studios dazu bringt, sich gegenseitig mit irren Summen zu überbieten. Ich segne am Ende bloß noch die fertigen Manuskripte ab und füge pro forma ein paar Änderungen ein. Im Prinzip können meine Mitarbeiter aber das, was ich mit meinen Texten vermitteln möchte, viel besser ausdrücken, als ich das je hinbekäme. Die Kommunikation mit meinem Büro läuft reibungslos per Post, nur in den seltensten Fällen werde ich wie heute ans Telefon gebeten. Nach dem Gespräch mit meinem Agenten starre ich also gedankenverloren über mein Frühstück,

sören gross • der meister der dialoge


das man mir ans Bett serviert hatte, hinweg ins Leere. Ich frage mich, wann ich wohl als Gefahr für das Erfolgsmodell aus dem Weg geräumt werden würde. Für den Schreibprozess war ich ja längst überflüssig. War ich auch paranoid geworden? Eine Tasse von dem vorzüglichen Hotelkaffee verscheucht zum Glück schnell den eiskalten Schauer, der mir über den Rücken läuft. Schon seit einiger Zeit wusste ich nicht mehr so recht, was ich mit mir anfangen sollte. Ich hatte einfach nichts mehr zu tun. Denn je erfolgreicher ich wurde, desto mehr Dinge gab ich auf. Ich ließ das Kochen sein und aß lieber in den besten Restaurants der Stadt. Auch kümmerte ich mich nicht mehr um meine Garderobe, sondern bezahlte jemanden dafür, Kleidung für mich auszuwählen. Schließlich gab ich meine Wohnung auf und zog in ein Hotel um. Erst probierte ich es nur für den Urlaub in den Sommermonaten, aber dann gefiel es mir so gut, dass ich mich auf unbestimmte Zeit in einer der Suiten einquartierte. Um mich nicht zu sehr zu langweilen, kaufte ich irgendwann einen schwarzen Porsche. Damit drehte ich oft ein paar Runden auf der Rennstrecke, an der ich für diesen Nachmittag mit meinem Agenten verabredet war.

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Am Hotel gefiel mir diese leicht falsche Authentizität, die Teil der Diskretion und Sterilität war. Alles wirkte ein bisschen so, als sei es in der Schwebe, wie Staub, der in einem gerade verlassenen Wohnzimmer im Sonnenlicht tanzt. Das Hotel wurde schnell zu dem Ort, an dem ich lebte. Die standardisierten Freundlichkeitseffekte sorgten dafür, dass meine Welt schön geordnet blieb. All das, was an Hotels vielleicht verachtenswert erscheinen mag – die recycelte Luft aus der Klimaanlage, das stets künstlich wirkende Licht, der Saftautomat in der Lobby – gab mir das warme Gefühl, zuhause zu sein. Und egal, wie sehr sich die Einrichter Mühe geben, die Künstlichkeit der Atmosphäre zu verschleiern, auf irgendeinem Flur finden sich doch immer eine bunte Tafel mit den Rettungswegen oder eine Schuhputzmaschine, die selbst die größte Eleganz brechen.

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Als einer der Gäste, die das Hotel ihr Zuhause nennen, hatte ich einige Privilegien erlangt. So grüßten mich die Damen am Empfang stets mit meinem Namen, wenn sie mir ungefragt meinen Zimmerschlüssel aushändigten. Außerdem durfte ich den privaten Aufzug für die Dauermieter benutzen, der von einem älteren Herrn in grauer Uniform bedient wurde. Manchmal vertrat ihn ein schmächtiger Lobby Boy mit aufgemaltem Schnurrbärtchen. Der Smalltalk im Aufzug war an vielen Tagen mein einziges Gespräch und trug ebenfalls zu meinem Geborgenheitsgefühl bei. Meine Arbeit bestand oftmals bloß noch darin, die Papiere durchzugehen, die man mir morgens mit dem Frühstück ins Zimmer brachte. Meist ging es dabei um mögliche Buchtitel, Vorschläge für einen neuen Plot oder Charakterentwicklungen – lauter

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Angelegenheiten, mit denen man sich als Schriftsteller im Tagesgeschäft auseinandersetzen muss. Auch meinen sonstigen Verpflichtungen konnte ich bequem im Hotel nachkommen. Gab ich ein Interview, empfing ich meinen Gesprächspartner in der Bar und freute mich jedes Mal, wenn sich der abgerissene Schreiberling von der Zeitung eingeschüchtert umblickte. Privaten Besuch, der sich fast noch seltener einstellte als ein Interviewtermin, lud ich zum Kaffee auf die Terrasse ein. Währenddessen bleichte die gleißende Sonne des Tages das Türkis des Pools und den leichten Sonnenbrand auf Armen und Beinen ins Pastellige aus. Im Sonnenuntergang aber zeigten sich die Farben für einen kurzen Moment so, wie sie wirklich waren, nämlich dann, wenn alles in ein Honiggelb getaucht wurde und eine Illusion in die nächste überging. Oft ließ ich mich dann im Pool treiben, der einen tollen Blick über die im Dunst versinkende Stadt gestattete. Abends lauschte ich gern dem Pianisten, der ebenfalls im Hotel wohnte und deshalb stets in Pantoffeln und seidenem Hausmantel am Flügel saß. Ab und an begleiteten ihn befreundete Sängerinnen aus Berlin oder Paris oder Toronto. Zuletzt war ein stoppelbärtiger Engländer zu Besuch gewesen, der eine rechteckige Hornbrille trug und

sören gross • der meister der dialoge


zu den seichten Melodien des Pianisten schwülstige Texte über das Leben im Hotel zum Besten gab. Gäste, die nur für ein paar Nächte blieben, lachten herzhaft über seine Anekdoten und würden sie sicherlich daheim beim Abendessen ihren Freunden weitererzählen. Aber wir, die wir im Hotel zuhause waren, spürten auch den leicht melancholischen Unterton in seinen Stücken. Wir wussten nur zu gut, wie schnell sich gerade in unseren perfektionierten Alltag eine ganz eigene Art von Traurigkeit mischen konnte, gegen die nur ein ordentlicher Drink half. Erfreulicherweise verstand man sich in der Bar darauf, auf ein dezentes Nicken hin gleich einen Wodka-­ Tonic oder einen guten Whiskey zu servieren, manchmal auch ein Schälchen Sake, wenn der Abend es erforderte. In solchen späten Stunden traf ich manchmal einen Schriftsteller in der Bar, der eigentlich noch jung war, aber schon viel älter aussah. Jahre des Trinkens und das Verschwenden von Talent an das kommerzielle Schreiben von Kurzgeschichten hatten seine Jugend aufgezehrt. Nun musste er, der berühmte Romancier, Drehbücher schreiben, um die Medikamente und das Sanatorium für seine Ehefrau bezahlen zu können. Einmal zeigte er mir ein paar Manuskriptseiten eines neuen Romans, mit dem er sich an den

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verhassten Studiobossen rächen wollte, die seine Not so schamlos ausnutzten. Meist unterhielten wir uns aber über Paris und Hemingway und wie man sich dereinst dem Leiden an der Welt entziehen könnte. Ich spürte, dass auch er in der Gediegenheit des Hotels die Verkleidung von Gefängnismauern erkannt hatte. Es stimmte mich traurig, dass ihm als einzige Möglichkeit zur Flucht nur sein finaler Zusammenbruch in der Lobby blieb.

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Als ich am Nachmittag meinen Wagen vorfahren lasse, ist der rechte vordere Scheinwerfer bereits repariert. Man hatte meinen Porsche ein paar Tage zuvor mit dem eines anderen Schriftstellers verwechselt und den Scheinwerfer mit einem Golfschläger zertrümmert. Ich mache mich auf den Weg zur Rennstrecke in der Wüste, die Arbeit muss schließlich vorangehen, auch wenn der Anruf meines Agenten die düsteren Gedanken, die mich seit dem Vor-

mittag lähmen, eher noch verstärkt hat. Meine Stimmung hebt sich aber, sobald ich hinter dem Steuer sitze. Schön, dass ich doch noch das Bett verlassen habe, denke ich mir, als ich den Motor mit einem Tritt aufs Gaspedal aufheulen lasse.

Maximilian Thieme Kino 1/2 Rot – blau – dann wieder rot. Franz blickt der flackernden Kinoreklame entgegen, der Reklame seines Lieblingskinos, vor dem er ganz unweigerlich gelandet ist. Er war einfach seinen Füßen gefolgt, vollkommen versunken in deren Rhythmus, ohne dabei einen Gedanken an ein Wohin oder Warum verschwendet zu haben – er war einer von vielen Routinen gefolgt. Nun aber, da er hier steht, das Gesicht in wechselnden Farben, beginnen sich erste Gedanken zu regen und die Tatsache des Flackerns bahnt sich ihren Weg in sein Bewusstsein. Wenngleich das Lichtspiel vor seinen Augen eher zaghaft, eher matt als phantastisch-neonfarben ist, so sagt es ihm doch, dass es im Begriff ist, Nacht

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maximilian thieme • kino 1/2


zu werden, dass die Farben von nun an langsam aber sicher stärker und stärker gegen das hereinbrechende Dunkel werden würden. Ja, die Nacht steht bevor und es ist nicht irgendeine, so wird ihm jetzt bewusst – es ist die Nacht von Freitag auf Samstag. Und diese Nacht ist eine besondere, ja bedeutungsschwangere. Denn sie ist dazu da, einen Bruch zu vollziehen: Einen Bruch mit der Woche, die bis hierhin begangen, oder vielmehr ertragen werden musste, mitsamt all den Erwartungen, Pflichten, Terminen, Fristen … all der Marter. Sie soll aber nicht nur mit dem ihr vorangegangen Tag, nicht nur mit der geschäftigen Welt, die montags mit dem Urknall des Weckers beginnt, um sich dann fünf qualvolle Tage lang um sich selbst zu drehen, brechen – sie soll letztlich, und das ist vielleicht das Wichtigste überhaupt, auch mit dem Ich brechen, das gezwungen ist, sich in diesen Sphären zu bewegen. All dessen wird Franz mit einem Mal gewahr und da seine Gedanken inzwischen in Schwung gekommen sind, offenbart sich ihm im steten Wechsel von Rot und Blau nun noch mehr, nämlich das Entweder-Oder, das für ihn untrennbar an jene besondere Nacht gebunden ist. Was würde er in dieser Freitagnacht mit sich anfangen? Er hätte ein weiteres Mal die Wahl, die Entscheidung zu treffen zwischen den beiden Wegen, welche diese eine Nacht für ihn bereithält und von denen er einen einschlagen würde. Das weiß Franz genau, denn jede dieser Möglichkeiten ist ihm vertraut, hat er sie doch jeweils schon oft genug gewählt und ist er doch schon von der einen zur anderen und andersherum gewechselt, weil die eine oder eben andere dann und wann den erfolgreicheren, klareren und nachhaltigeren Bruch zu verheißen schien. Jede dieser Möglichkeiten für sich vereint zugleich etwas von Gewohnheit und Feierlichkeit, hat gewissermaßen einen rituellen Charakter für Franz angenommen. Und wie um ihm bei der Entscheidungsfindung zu Hilfe zu kommen, treten ihm die möglichen Szenarien der bevorstehenden Nacht anstelle der Kinoreklame vor Augen, wie ein rasch und Bild für Bild ablaufender Filmausschnitt. Der eine Weg böte ihm und seinen Freunden die Möglichkeit eines geradezu karnevalesken, dionysischen Streifzugs durch die Nacht, einer Anrufung ihrer Selbst, eines Sichfreimachens und einer Absage an die Pein der Fünftagewoche, wild und freudenvoll.

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Zur Vorbereitung würden Franz und seine Leidensgenossen sich zusammenrotten – höchst solidarisch im Überdruss gegenüber ihren kleinen Existenzen, die apathisch und angeprangert umhertaumeln im Wetteifern widersprüchlicher Erwartungen und Gebote: Hier der erhobene Zeigefinger, elterlich streng gemahnend, etwas aus dem Leben machen, einen sicheren Plan haben zu müssen und immer alle Spielregeln einzuhalten, deren oberste da ist, dass nur lohnt, was sich auch rechnet. Dort sein Schatten, der Imperativ der Hipness, der einen zum Projekt macht, immer im Kampf darum, der Innovativste zu sein unter all den betont zwanglosen und coolen Innovativen – ein fragwürdiger Streit, in den man das Pech hatte, hineinzugeraten, wenn man unglücklicherweise gerade Mitte zwanzig war … Doch nicht so in dieser Nacht! Heute würden die Dinge anders laufen, heute würden sie einander die Wunden lecken, sich gegenseitig aufheitern und energetisieren. Sich einander die Flaschen öffnen und Drinks eingießen, um gemeinsam einen Schritt aus jenen drückenden Sphären hinauszutun. Das wäre ihre Form einvernehmlichen Beistands, den jeder von ihnen gerne leisten würde, da man ihn selbst so dringend brauchte. Und auf jeden dieser Drinks würde ein Blick in den Spiegel kommen, auf der Suche nach dem Letzten, was fehlte. So lang, bis das soundsovielte Glas das gepresste Wochentagslächeln aufreißen und Züge freilegen würde, die vor Verlangen und so etwas wie der Zuversicht, es stillen zu können, aufblitzen würden. Das wäre ihr Startsignal, dann würden sie aufbrechen und von Bar zu Bar, von Club zu Club ziehen – querfeldein durch das, was ihnen im wachsenden Überschwang als ihr urbaner Garten Eden erschiene. Alles würde immer schneller und schneller gehen und zugleich ganz ohne Zeitgefühl. Sie hätten ein Ziel, aber keine Deadline. Es wäre ein einziges großes Wollen, ähnlich der Strömung eines Flusses, dem sie sich hingeben würden. Ein Fluss, der unbeholfener Selbstermächtigung entspringen würde, der das Gefüge aus Orientierungspunkten, Konventionen und Hemmungen weichspülen sollte. Ein Fluss aus unbedingtem Verlangen und kurzweiligem Ereignis, aus unzähligen Flaschen, Gläsern, Zigaretten, Gesichtern, Blicken, Lächeln, Gesprächen, Liedern und Lichtern, die ineinander verschwimmen würden. Ein Fluss, der sie genau dorthin tragen würde,

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wo sie heute Nacht hingehörten. An einen Ort nämlich, an dem Musik dröhnen würde, wo Liedtexte vergessen und trotzdem mitgesungen, wo Bekenntnisse Arm in Arm mit infantiler Ernsthaftigkeit gelallt und gewürdigt werden würden – dort würde sich all das zu der Hymne vereinen, die derlei Unvermeidlichem der Nacht gemein ist. Und während also die Antirationale von dort aus tönen würde, würden vor den Bars und Clubs die Pärchen beieinander kauern und einer dem anderen flüstern, was er selbst nur allzu gern gesagt bekäme … Es wäre dies eine Zeremonie von Rebellion und Pflichtverweigerung, von libidinöser Energie und – im besten Fall zumindest – sexueller Befriedigung. Ein Versuch der Läuterung und Erhebung gleichermaßen. Der andere Weg wiese in die entgegengesetzte Richtung, er würde stille Abkehr vom Trubel der nächtlichen Straßen bedeuten, eine Abkehr von der Welt und einen Rückzug, der weiter reichen würde als nur in das Dunkel seines einsamen Zimmers. Zunächst würde Franz sich in seinen vier Wänden verbarrikadieren, ja, er würde die Vorhänge schließen und vielleicht ein paar Kerzen anzünden, wie um seinem Vorhaben etwas Okkultes zu verleihen – zumindest würde er es sich heimlich so denken. Er würde schließlich der Welt den Rücken kehren, den Versuch unternehmen, die Verbindung zu jenem Außen aufzulösen, in dem er sich grundsätzlich als Problem empfand, als so dauerhaft und nachdrücklich in Frage gestellt, dass er seit einiger Zeit nicht mehr behaupten konnte, zu wissen, wer er eigentlich genau war … Vielleicht hätte er sich selbst finden können, bei sich ankommen können, indem er sich das anschaute, was er nicht war, oder entschiedenerweise nicht sein wollte – auch wenn das bedeutet hätte, mit Teilen der Welt im Streit zu liegen. Das aber war die Aussicht, die ihm schon lange keine Alternative mehr zu sein schien, die all das Schlimme seiner Tage nur unausweichlicher gemacht, die seiner inneren die äußere Zerrissenheit mit der Welt, deren Teil er war, nur umso deutlicher an die Seite gestellt hätte. Aus diesem Grund würde er sich also nach Innen wenden, weniger ein Seher als vielmehr ein Suchender, um sich in etwas anderem als seinem Ich zu erkennen. Er würde eine Art kontemplative Wanderung in Richtung innerer Sphären unternehmen, die ferner lagen, weit entfernt von den aufreiben-

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den Spleens und Marotten, die zu der Leidensfigur gehörten, die sein weltliches Ich darstellte. Hinweg über den ängstlichen, den schüchternen und nervösen Franz, hinweg über den Franz, der ständig verschlief, niemandes Erwartungen erfüllen konnte, der panische Angst vor Small­ talk hatte und davor, den Briefkasten zu öffnen, schließlich könnte eine Hiobsbotschaft darin warten – und das würde sie, ganz bestimmt … Er würde Halt suchen, Orientierung und Sicherheit. Und er würde es nicht in dem suchen, wofür Franz stand. Sondern in Masken, Rollen, Verkleidungen, die er sich so dachte, dass sie kein Problem mit der Welt hatten, weil sie sich entweder total entwurzelten, oder sich aber vollkommen zu einem derer Teile machten. Er würde weiter an den Entwürfen eines besseren Ichs, die er in jenen Sphären sorgsam versteckt hielt, arbeiten und feilen, sie verheißungsvoll machen. In eine dieser vielen Identitäten würde sich Franz hineinträumen, in ein anderes Ich, das in einem anderen Verhältnis zur Welt stünde. Würde sich eine dieser Charaktermasken als andersartig genug erweisen, um den Bruch mit seiner eigenen, unabnehmbaren zu vollziehen, dann würde er beginnen, sie in Gedanken zu umkreisen. Er würde sie von allen Seiten beschauen, sie studieren und sich berauschen, um sein Innenleben in jenen Furor zu bringen, den es brauchen würde, um sich selbst aufgeben zu können – der Kraft genug besäße, das Ich zu tauschen, schlagartig den innerlichen Bruch zu vollziehen, der allein das äußere Desaster vergessen machen könnte. Das würde er tun, wie jedes Mal in der Hoffnung, dies wäre die Nacht, in der er sich weit und radikal genug aus sich herausdenken könnte, um am folgenden Morgen als ein anderer zu erwachen … … rot – blau – dann wieder rot. Noch immer steht Franz vor dem Kino und es scheint kein Augenblick vergangen zu sein. Noch immer wird sein Gesicht von der Reklame gegenüber beleuchtet. Erst rot, dann blau, dann wieder rot färbt sich sein Gesicht und jedes Mal zeichnet das Licht die Falten zwischen seinen Augen und auf seiner Stirn nach. Sie zeugen von Abwägen, von Unentschlossenheit: Was wird Franz mit sich anfangen?

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maximilian thieme • kino 1/2


Sigrun Benesch Lange Nacht Und der Abend legt sich nieder auf die Städte ringsherum und der Nachbar Hinundwieder wimmert, weil er war so dumm. Und die Birnen in den Decken sind nun reif und plumpsen hin und die Rohre in den Ecken flüstern süßlich vor sich hin. Und im Hof geh’n alle Lichter an und aus und wieder an mag ein unbekannter Schlichter aufrecht sein im Untergang. Immer wieder rollt die Birne und die Rohre singen laut Hinundwieder zählt die Sterne, bis der frühe Morgen graut.

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Constantin Koch Auswärtsfahrt Autobahnrastplatz Quillerwald. Gib Vaddi doch mal ein bisschen Kleingeld, hallt es vor der Schranke am Automaten wider. Die Brille ist lauwarm und kurz zuvor von gekräuseltem Haar befreit. Das Schloss rastet und schließt mich ein. Sanifair-piss dich aus meinem Leben du alte Scheiße, steht an die Tür gekritzelt. Draußen auf dem Asphalt Viehmastlaster mit angezogener Handbremse und zugezogener LKW-Gardine. Der Motor läuft; seichtes Stöhnen schleicht sich aus der Kabine. Raschelnde Tüten in der Reiseabfalltonne. Stumpfe, sinnlose Gewalt. Wir sind nur zum Scheißen hier.

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Moritz Zimmermann Castrop-Rauxel 2037

Irgendetwas surrt neben meinem Ohr. Ich drehe mich zu meiner Überwachungsdrohne um, die etwa einen halben Meter schräg über meinem Kopf schwebt. Nein, das rote Lämpchen für »Bild- und Tonaufnahme« blinkt, alles in Ordnung. Ah, jetzt sehe ich es, da ist wohl eine Hummel von einem der vier kleinen Propeller kleingeschreddert worden. Wie ärgerlich, die Reparatur der Drohnen muss man nämlich selber bezahlen. Aber bei meiner scheint alles in Ordnung zu sein, sie surrt und schwebt zufrieden auf und

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nieder. Ich hab sie auf den Namen »Kurt« getauft, weil ich finde, dass sie einen Namen braucht, wenn das Ding schon Tag und Nacht über einem schwebt. Diese Drohnen wurden vor einigen Jahren eingeführt. Schon mit der Geburt bekommt jetzt jeder Bürger seine eigene Drohne, die ihn überall hin begleitet, weil man ja schon von Geburt an nichts zu verbergen hat. Das hängt auch damit zusammen, dass jeder Mensch ein möglicher »Gefährder« ist. Diesen Gefährder-­ Begriff hab ich noch nie so ganz verstanden, es geht wohl darum, dass man sich möglicherweise überlegt, ob man nicht mal eine Straftat begehen soll, und weil man dadurch schon gefährlich ist, sonst hieße man ja nicht »Gefährder«, gilt das dann im Prinzip auch schon, wenn man eben nur vielleicht oder möglicherweise ein »Gefährder« ist, und das ist man ja immer irgendwie. Ich weiß auch nicht, wer das eigentlich festlegt, was genau ein »Gefährder« ist, aber das hat sich jetzt eben so eingebürgert. Es gibt ganz umfangreiche Gesetze mit allen möglichen Regelungen zu dieser Gefährderangelegenheit, aber weil die so umfangreich sind und keiner die versteht, hat die Bundesregierung auch irgendwann gesagt, gut, es ist am einfachsten und unkompliziertesten,

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wenn jeder erst einmal eine Drohne bekommt, und wer sie nicht haben will kann dann auch einen Antrag stellen, aber das soll wohl auch wieder kompliziert sein und außerdem ziemlich lange dauern, wie ich gehört habe. Die Begründung der Bundesregierung für die Einführung dieser Drohnen war aber auch vor allem, dass sie sicherer und sauberer als das Chip-Verfahren seien. Zuerst hat man nämlich alle Neugeborenen gechipt und konnte damit dann auf sie aufpassen, aber irgendwann ist ein regelrechter Schwarzmarkt für illegale Chip-Entfernungen entstanden, das war wohl ziemlich unhygienisch. Deswegen hat man sich dafür entschieden, die Drohnen einzuführen, die sind da deutlich sauberer. Aber mal ehrlich, warum macht man denn auch sowas, sich den Chip entfernen zu lassen? Man merkt doch von dem Chip echt nichts, gerade als Baby bekommt man das doch gar nicht mit, wenn der einem eingesetzt wird. Ich hab meinen Chip auch noch und echt gar keine Nachteile davon. In Behörden nutzen die den zum Teil immer noch. Gut, die sind da auch manchmal etwas altmodisch, aber ein paar nette Zusatzfunktionen haben die Chips schon, die die Drohnen nicht können. Türen öffnen, Kaffee mit einer Handbewegung genau so kochen lassen, wie man ihn mag, und das alles nach nur einmal kurz

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piksen lassen, schon praktisch. Also Kurt kocht mir jedenfalls noch keinen Kaffee. In der Einkaufsstraße wird es etwas betriebsamer, überall surren Drohnen herum. Manchmal kann das auch schon echt problematisch werden. Ist auch klar, wenn jeder mit so einem Ding rumläuft, kann es bei Konzerten, in der U-Bahn oder beim Sex schon mal zu Kollisionen kommen. Das ist richtig ärgerlich, zunächst einmal, weil die Reparaturen so teuer sind, und dann auch, weil man immer noch den Unschuldsnachweis vorlegen muss, also den Nachweis, dass man das Teil nicht absichtlich kaputtgemacht hat. Das ist zwar sehr kompliziert, aber es muss ja alles seine Ordnung haben. Nur im Bundestag findet man keine Drohnen. Begründet wurde das mit der Ablenkungsgefahr für die Abgeordneten, es sei ein unzulässiger Eingriff in den Parlamentsalltag, aber das kann man auch verstehen, wäre bestimmt auch nervig bei den Abstimmungen, die ganze Zeit mit so einem Drohnenschwarm im Raum. Dafür können die Drohnen aber auch lustige Geräusche machen, so wie früher diese Telefonsprachsoftware. Enten, Gänse, Hühner, Kühe, Schafe, diese ganzen ausgestorbenen Tierarten können die alle nachmachen. Gut, wenn man an einer Grundschule vorbei-

moritz zimmermann • castrop-rauxel 2037


kommt und die kleinen Kinder in der Pause ihre Drohnen durcheinanderquäken, -kläffen und -gackern lassen, kann das schon mal sehr nervig sein. Aber die Kinder finden das jetzt eben cool, sogar noch cooler als WhatsApp früher, wo die sich vorher Katzenvideos und Gefühlsnachrichten hin- und hergeschickt haben. Dabei waren die Gefühlsnachrichten eine Zeit lang wirklich modern, WhatsApp hatte da so eine Gesichtserkennungsfunktion und hat von der Gesichtsmimik und den GPS-Koordinaten der letzten halben Stunde auf den aktuellen Gefühlszustand geschlossen und dann wurde man mit entsprechenden Emojis zugeballert. War wieder so eine witzige Funktion ohne echten Nutzen, aber die wurde richtig gehypt. Dann kam aber die Diskussion mit dem dritten Häkchen bei WhatsApp. Also, das war so, die Bundesregierung hat den Aufbau einer neuen Behörde beschlossen, des »Bundesamtes für Nachrichtenzertifizierung«, die jede Messenger-­ Nachricht vor der Zustellung noch auf Rechtswidrigkeit geprüft hat. Das gab dann eine große Diskussion, ob man für die Zertifizierung noch ein drittes Häkchen bei den WhatsApp-Nachrichten einführen soll. Man hatte ja schon zwei und das sei dann vielleicht etwas unübersichtlich. Am Ende gab es aber das dritte Häkchen und weil WhatsApp

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durch diesen Zertifizierungsvorgang langsamer geworden ist, typische Bundesbehörde eben, flaute der Trend da etwas ab und mittlerweile nutzen nur noch wenige Leute WhatsApp. Kurt wird ungeduldig, deswegen gehe ich weiter durch die am Sonntagmittag fast menschenleere Innenstadt. Am Straßenrand sitzt ein sehr alter Mann mit einer dreckig-dunklen Gitarre. Sein hohes Alter erkennt man schon an dem vorsintflutlichen Drohnenmodell über seinem Kopf. Da wäre wohl auch mal ein Update notwendig. Er sitzt da und klampft auf seiner verstimmten Gitarre eine sehr alte Melodie, die mir irgendwie bekannt vorkommt. Ich summe mit, aber wie ging noch mal der Text? Der Mann beginnt mit krächzender Stimme zu singen. »Die Gedanken sind frei …« Ach ja, stimmt! Hm, damit kann ich dann aber doch nichts anfangen.

der schnipsel # 16


Birger Niehaus Legende aus der ›Anthologie neuguineischer Mythen und Sagen‹

[…] Vorwort Prof. Dr. Wackenschrofner Die folgende Überlieferung ist sehr alt. Sie weist in erster Instanz gemein-­ melanesische Züge auf; in zweiter Instanz finden sich wesentliche Elemente daraus im gesamten ostasiatisch-ozeanischen Raum; in letzter Instanz könnte man hinsichtlich zentraler Mytheme mit Jung von einer ›archetypischen Erzählung‹ sprechen: Man denke etwa an die biblische Vertreibung aus dem Paradies, den Prometheus-Mythos oder die Sage des Helden Yhakwiatwaka der Rimuri. Die vielen gesammelten Fassungen gleichen einander in ihrer Grundstruktur. Die Devianzen sind jedoch konstitutiv für die jeweilige Stammesidentität. Ihnen kommt beinahe eine Schibboleth-Funktion zu: In manchen Gegenden wird die Extension der Stammesgemeinschaft daran bemessen, inwieweit die Versionen der Geschichte zwischen den Sippen übereinstimmen. Vor diesem Hintergrund

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birger niehaus • legende aus der ›anthologie neuguineischer mythen und sagen‹


nehmen sich Fragen der Edition natürlich besonders intrikat aus. Die Editoren haben sich letztlich entschieden, hier ein Kondensat der Erzählung vorzustellen, indem sie nur die allen Versionen gemeinsamen Mytheme kompiliert haben. Der besseren Sympathibilität halber wurden alle Eigennamen übersetzt. Trotz der eklatanten Diskrepanz zwischen unserer und der neuguineischen Kultursphäre gibt es hier etwas, das auch uns direkt affiziert; die folgende Erzählung stellt meines Erachtens ein Zeugnis grundmenschlicher Erfahrungen und ihrer Übersetzung ins Medium des Wortes dar: Sie ist ein Opus Magnum der Sublimation.

Die Legende des Mannes Scharfkantiger Feuerstein Unser Tal heißt Flusstal, denn seit unvordenklichen Zeiten durchfließt es der Fluss, von dem wir unseren Namen haben: Flussvolk, auch Flussleute oder dergleichen bei unseren Nachbarn, die da heißen Leute der Mangroven, Sippen vom Großen Sumpf und so weiter. Manche sagen, der Fluss entspringe im nördlichen Gebirge, aber die Weisen nennen solche Rede ein verstocktes Gescholler. Zur Zeit des Ehrwürdigen Ahnen Beständiges Plätschern lebte ein Mädchen im Tal. Ihr Name war Schillernde Grundel. Sie ging hin und sammelte Pfeilblätter und als sie an die Hänge im Süden kam, fuhr der Böse Geist in Gestalt einer Schlange aus dem Unterholz und umwickelte sie; es kamen unzählige Schlangen aus dem Unterholz und umwickelten sie und es war ein gräuliches Geschlinge und Gewinde. Dann ließen die Schlangen ab von dem Mädchen. Sie ging zurück zum Dorf und gebar einen Jungen nach neun Monaten und er wurde Scharfkantiger Feuerstein genannt. Der Junge Scharfkantiger Feuerstein entwickelte sich gut; er wurde ein großer Krieger und Jäger unter den Sippen. Es geschah eines Tages, dass Scharfkantiger Feuerstein allein auf der Jagd war. Er harrte der Beute unter einem Baumfarn. Auf einmal entstand ein unerhörtes Rumoren und Scharfkantiger Feuerstein zitterte am ganzen Leib. Er ging zurück zum Dorf und war nicht mehr derselbe, sondern er war ein anderer geworden. Am nächsten Tag rief der Häuptling Beständiges Plätschern die Krieger und Jäger des Flussvolks zusammen. Ein fremder Stamm streifte umher in den südlichen Wäldern; der musste ausgerottet werden. Beständiges Plätschern sprach zu den Kriegern und redete zu den

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Jägern und er führte den Kriegsreigen und er sandte sie hin, den fremden Stamm auszurotten. Da sprach Scharfkantiger Feuerstein: „Ich höre nicht auf dich, Beständiges Plätschern. All dies scheint mir ein mürbes Vorhaben und aussichtslos.“ Es war ein unerhörtes Wort, das da gesprochen wurde. Die Jäger und Krieger verstummten. Sie verstanden es nicht, denn es war ihnen wie das Rauschen der Geister oder das Krächzen der Laubenvögel. Der Ehrwürdige Ahne erwiderte: »Was sagst du da, Scharfkantiger Feuerstein?« Doch Scharfkantiger Feuerstein konnte es nicht erklären. Er stand fest zu seinem Wort und ging allein in den Dschungel. Den Jägern und Kriegern gelang es, den fremden Stamm auszurotten, doch sie verloren viele Männer; das sind unsere Ahnen und ihrer sollt ihr gedenken an den Festen Zeit der Heusenkrautblüte und Gesang zu Ehren der Weichschildkröte. Scharfkantiger Feuerstein kehrte zurück zum Dorf nach einiger Zeit. Seine Haut war grau und schimmrig, doch es war ein Zauber an ihm und die Leute nahmen ihn auf. Er war schweigsamer als zuvor. Dennoch galt er weiterhin als großer Jäger und Kriegsmann. Die Regenzeit begann. Der Fluss trat über die Ufer und Menschen ertranken; das nennt man ›Flussopfer‹. Der Dschungel troff und die Schleierdamen sprossen aus dem Boden; die Kleinen Paradiesvögel hielten Balz. Es war auch die Zeit für Scharfkantiger Feuerstein, sich ein Weib zu nehmen, doch er mied das Weibsvolk und streifte lieber tagelang allein im Dschungel umher. Zum Ende der Regenzeit nahm ihn Beständiges Plätschern zu sich und sprach: »Was schaust du das Weibsvolk nicht an und streifst stattdessen tagelang im Dschungel umher, mein Sohn?« »Was soll ich tun?« »Nimm dir ein Weib; Schwarzes Hornblatt oder Seichtes Gelächter sind gerade mannbar geworden.« »Ach, mein Häuptling, all dies scheint mir ein mürbes Vorhaben und aussichtslos!« »Was soll das heißen?« Doch er schüttelte nur den Kopf und konnte es nicht erklären.

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birger niehaus • legende aus der ›anthologie neuguineischer mythen und sagen‹


»Das ist unerhört!«, brauste der Ehrwürdige auf in gerechtem Zorn; er brauste, dass dies nicht bloß eine heillose Starrköpfigkeit sei, sondern die Erhebung einer Hand gegen die andere oder das Treten des rechten Fußes nach dem linken; »Wo soll das hinführen? Bist du nicht unsereins und verschmähst unsere Weiber?« Seit unvordenklichen Zeiten hat unsereins nicht ein solches Gewälze und Gescholler erlebt, dessen Urheber es verdient hätte, »ausgerottet zu werden aus unserem Volk«, wenn Scharfkantiger Feuerstein nicht Blut unseres Blutes wäre und Galle unserer Galle. Doch Scharfkantiger Feuerstein schüttelte den Kopf und verschwand im Dschungel für eine beträchtliche Zeit. Man glaubte ihn tot. Eines Tages kehrte er zurück. Er war grauer und schimmriger als ehedem und jede Ader seines Körpers trat hervor, doch auch der Zauber an ihm war gewachsen und die Leute nahmen ihn auf. Scharfkantiger Feuerstein lehrte unser Volk viele nutzreiche Dinge, als da sind das Töpferhandwerk und die Kunst der Abkochung, denn sie waren unbekannt bis zu jenen Tagen. Zur gleichen Zeit ging eine Seuche um im Tal. Die Menschen wurden lahm und wie tot und niemand wusste ein Heilmittel.

Nachwort Prof. Dr. Wackenschrofner An dieser Stelle muss die Erzählung aufgrund der divergierenden Fortsetzungen abgebrochen werden. Die Editoren konnten selbst nach eingehender Diskussion keine wissenschaftlich zufriedenstellende Lösung finden, aus den disparaten Überlieferungen eine Quintessenz zu destillieren. So wird der Protagonist in vielen Versionen beispielsweise ertränkt, was die oben geschilderte Seuche kuriert; daraufhin kehrt er oft als Plagegeist zurück. In anderen Versionen arriviert er auf die eine oder andere Weise zum Oberhaupt der Stammesgemeinschaft oder wird sogar apotheosiert. Diese Exempel mögen genügen, um den Entschluss, einen derart faszinierenden ›narrativen Plexus‹ (Foucault) nicht mit den Macheten der Philologie totzustutzen, einigermaßen sinnfällig zu machen. […]

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K. Noß Die Dinge beim Namen nennen‘ Mein Mitbewohner nennt mich Claus, obwohl ich eigentlich Erwin heiße. Er meint, dass Claus besser zu mir passe, weil ich so rot sei, was auch immer das heißen mag. Er meint aber auch, dass Fischflossen eigentlich Flügel seien und dass Fische fliegen könnten, wenn die Welt nicht so ungerecht wäre. Ich nenne ihn Timur, weil er Timur heißt. Es ist Freitag und beim Frühstück frage ich ihn, was sein Plan für das Wochenende ist. »Ich möchte nur noch mich besaufen, besoffen über die anderen Texte herziehen und dann in mein Bett kotzen«, sagt er trocken, während er Milch in den Kaffee gießt und zusieht, wie aus dem Schwarzbraun ein dunkles Beige wird. Timur ist Verleger eines kleinen Literaturmagazins. Damit verdient er zwar kein Geld, aber es sei auf künstlerischer Ebene sehr erfüllend, sagt er. Ich habe mal überlegt, da auch mitzumachen, weil das ja auch ganz gut auf dem Lebenslauf aussehen könnte, aber ich bin leider nicht besonders begeisterungsfähig und eigentlich habe ich auch gar keine Ahnung von Literatur. Timur trinkt einen Schluck Kaffee und rümpft die Nase. »Ich sage dir eins, Claus, die natürlichsten Dinge, sind für den Menschen am wenigsten erträglich.« Er steht auf und schließt sich im Bad ein. Das macht er manchmal. Dann ist er mindestens eine halbe Stunde darin und wenn er wieder rauskommt, tut er so, als habe es nur zwei Minuten gedauert. In diesen Zeiten frage ich mich, warum die Leute sagen, ich sei der Absonderliche von uns beiden. Unser Nachbar von unten beispielsweise nennt mich «einen traurigen Clown». Wobei ich mir da nicht so ganz sicher bin, ob er den Beruf Clown meint oder es eine Metapher sein soll. Vielleicht findet er mich eigentlich ganz witzig, aber nicht, weil ich versuche, witzig zu sein, sondern weil er meint, ich tue Dinge, die er als sonderbar empfindet.

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k. noss • die dinge beim namen nennen


Wie dem auch sei, ich nenne ihn einen »griesgrämigen Aasgeier«. So ist das halt zwischen Nachbarn: der eine ist ein Unterhaltungskünstler, der andere ein großer Vogel. Als ich die Wohnung gegen Mittag verlasse, höre ich, noch bevor ich meine Wohnungstür zuziehe, wie sich seine ein Stockwerk tiefer langsam öffnet. Ich gehe die Treppe hinunter und da steht er, der Aasgeier, mit seiner krummen Nase, und stiert mich an. »Gestern wohl zu lange gemacht, was? Aber das ist ja so mit Künstlern, arbeiten nachts.« Er kann nicht mit den Augen rollen, deshalb rollt er mit dem Kopf. »Mein Seminar fängt heute später an«, sage ich mit unangenehm dünner Stimme. Ich ärgere mich, weil ich dem Drang nachgegeben habe, mich zu rechtfertigen. »Ah ja, Seminar. Studieren ist ja auch nicht mehr das, was es mal war. Sind Sie denn bald mal fertig?« Beinahe will ich sagen, dass es ihn nichts angehe, da kommt Frau Rohdehammer Aus dem Dachgeschoss die Treppe hoch, leise und langsam. »Ach, Meine Herren, haben Sie schon von dem Unglück gehört?« Sie legt theatralisch eine Hand auf den Mund. Ich frage mich, wie sie immer noch so dick sein kann, obwohl sie mehrmals täglich das Treppenhaus von oben bis unten besteigt, um alle Neuigkeiten aus allen Wohnungen zur erfahren. »Herr Drieselbart aus dem Erdgeschoss ist vergangene Nacht von uns gegangen.« Ich will fragen »wer?«, senke aber nur mitleidsvoll den Blick. Fast so schlimm, wie alles über seine Nachbarn wissen zu wollen, ist es, gar nicht zu wissen, wer diese Nachbarn überhaupt sind. Ich kann aber auch nichts sagen, weil ich mir plötzlich darüber Gedanken machen muss, warum Leute Sachen sagen wie »jemand ist von uns gegangen«, obwohl er ja gar nicht gegangen ist, sondern wahrscheinlich eher gefallen, wenn er nicht eh schon gelegen hat. Wenn man sagt »er ist gegangen«, kann das durchaus Missverständnisse mit sich ziehen und dann gerät man unter Umständen in Erklärungsnot. Der Geier verengt die Augen.

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»Und was wird nun aus der Wohnung? Ich hoffe, da ziehen nicht noch weitere Clowns ein.« Jetzt bin ich mir sicher, dass er nicht den Beruf meint. »Aber Herr Brandt, sagen Sie doch nicht so etwas. Der arme Herr Drieselbart.« Ich will die Gelegenheit nutzen und mich an ihr vorbeizwängen. Da packt sie mich am Arm. »Herr Laumeyer, was sagen Sie denn dazu?« Ihre dicken Finger bohren sich in mein Fleisch. »Joa, sch-schlimm das …,« presse ich unter Schmerzen hervor. Ich glaube, mein Arm ist gebrochen. »Wie ist es denn passiert?« Ich versinke in Selbsthass. »Sie werden es nicht für möglich halten: Er hat sich die Pulsadern aufgeschnitten; einfach das Messer angesetzt und zack. Und jetzt ist überall Blut, alles voll.« Sie fängt an zu weinen. Ich lege ihr tröstend die Hand auf die Schulter, in der Hoffnung, dass sie mich loslässt. »Erbärmlich«, donnert der Geier, »wenn man mit dem Leben nicht klarkommt, dann soll man sich doch bitte so umbringen, dass nicht andere die Schweinerei wegmachen müssen.« Entsetzt über diese Aussage, lässt sie meinen Arm los und eilt die Treppe hinauf. Der Geier und ich sehen ihr nach und dann uns an. Ich nicke ihm zu, dankbar. Es ist ein kurzer Moment des Friedens zwischen uns, schließlich gibt er ein halbherziges Murren von sich und knallt seine Tür zu. Im Erdgeschoss steht die eine Wohnungstür offen. Mir schlägt der Geruch von Chlor und Verwesung entgegen. Scheint so, als sei der Selbstmord schon eine Weile her und da frage ich mich doch, warum Frau Rohdehammer solange gebraucht hat, um das zu merken. Ein Mann im weißen Plastikoverall, Schnauzbart und Pferdeschwanz steht im Türrahmen und fummelt in einer Zigarettenschachtel herum. Er schaut auf. »Mann Mann Mann, ick sach et dir, ’ne Schwenerei is dit …« »Verdienen Sie nicht ihr Geld damit, wenn Sie das wegmachen?«, frage ich. »Ja schon, aba ick freu mir ja och, wenn de ma’ saubara sterb’n.«

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k. noss • die dinge beim namen nennen


Ich will irgendwas in Richtung »respektlos« sagen, tue es aber nicht. Es war noch nie meine Stärke auf Anhieb die richtigen Worte zu finden. Jetzt wünschte ich, ich hätte den armen Hund gekannt. Wer weiß, vielleicht wäre Herr Drieselbart aus dem Erdgeschoss mein bester Freund gewesen, dann hätte ich vielleicht diesen Selbstmord verhindern können. Schuldgefühle überrumpeln mich und ich gehe schnell weiter, damit der Putzmensch die Träne in meinem rechten Auge nicht sieht. Ich habe noch nie so lange gebraucht, um von meiner Wohnungstür bis zur Haustür zu kommen. Ich stelle fest, dass die ungeplanten Konversationen ihren Tribut fordern und ich meinen Bus verpasst habe. Plötzlich bin ich müde. Vielleicht werde ich ja krank. Ich überlege, mich wieder zurück ins Haus zu schleichen, die Sorge vor einer weiteren Begegnung mit Fremden hindert mich jedoch daran. Also laufe ich ein Stück die Straße hinunter, setze mich in ein Café und bestelle einen Pfefferminztee. Manchmal wäre das mit den Menschen, also der Umgang mit ihnen, viel leichter, wenn man wüsste, warum sie was machen oder sagen, wenn man wüsste, woher sie kommen und was sie bewegt. Zum Beispiel würde ich dann vielleicht nicht denken, dass das Pärchen zwei Tische weiter knauserig oder gar arm ist, weil sie nur zwei Leitungswasser bestellt haben. Vielleicht trinken sie einfach sehr gerne stilles Wasser. Vielleicht würde ich dann nicht denken, dass Timur ein Künstler ist, sondern einfach bloß verrückt. Oder, dass der griesgrämige Aasgeier eigentlich nur ein armer alter Mann ist, der einfach schon viel Scheiße erlebt hat. Vielleicht wäre es ja auch einfacher zu verstehen, warum Frau Rohdehammer so neugierig ist. Manchmal wäre es einfach, Menschen zu verstehen, wenn sie einfach sagen könnten, was los ist. Dann hätte der Drieselbart sich nicht die Pulsadern aufgeschlitzt und der Schnauzbart wäre froh, weil er keine stinkende Blutlache wegmachen müsste. Dann wäre ich kein trauriger Clown und auch kein Claus, sondern einfach Erwin. Ich trinke einen Schluck Tee und verbrenne mir die Zunge. Ich wünsche mir, ich wäre im Bett geblieben. Dann verzeihe ich dem Tee, denn wer weiß, was er schon durchmachen musste.

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elena kruse • die reaktion eines gebirges auf den vorfall des menschen


herausgeber _innen und redaktion Dara Brexendorf, Andre Jonas, Maline Kotetzki, Elena Kruse, Birger Niehaus, Katharina Noß, Nina Riethmüller, Zara Zerbe und Nikolai Ziemer gestaltung Tim Schöning druck und verarbeitung Druckwerkstatt der Muthesius Kunsthochschule auflage Nº ______ /500 bankverbindung für spenden Matthias Birger Niehaus, iban: de 47 2105 0170 1002 6711 45, bic: nolade21kie kontakt schnipselmagazin @googlemail.com www.der-schnipsel.de www.facebook.com/der.schnipsel Die Rechte für eingesendete Texte verbleiben bei den Autor_innen. Namentlich gekennzeichnete Beiträge entsprechen nicht unbedingt den Auffassungen der Herausgeber_innen. © 2017, Dara Brexendorf, Andre Jonas, Maline Kotetzki, Elena Kruse, Birger Niehaus, Katharina Noß, Nina Riethmüller, Zara Zerbe, Nikolai Ziemer 16. Ausgabe, Juni 2017

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