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kostenlos ausgabe # 15

elena rast • alexei vesselov • dara brexendorf • nikolai ziemer maximilian thieme • sören gross • c.a. koch • samantha giataganas

DER SCHNIPSE L


DER SCHNIPSE L # 15


Liebe Graswurzelliteraturliebhaberinnen und -liebhaber, nun bietet die Zahl 15 leider keinen nennenswerten Anhalt, daran etwa zahlenmystische, symbolische oder anderweitige numerologische Ausführungen anzuknüpfen, um durch solche Finessen der undankbaren Aufgabe des Schreibens eines redlichen Vorworts zu entgehen. Die 15 ist ein graues Nicht-Jubiläum am untersten Scheitelpunkt einer Kosinuskurve zwischen der Zehn und der Zwanzig; wer beispielsweise 15 Jahre verheiratet ist, feiert die gläserne Hochzeit – fragile Sache also. Deshalb nutzen wir die Chance, um einmal aus dem Nähkästchen zu plaudern, wie es beim Schnipsel so zugeht. Wer uns kennt, weiß, dass uns die Nachwuchsliteratur sehr am Herzen liegt und dass wir diese nicht nur durch vorliegendes Heft publizieren, sondern auch mehrmals jährlich Lesungen veranstalten, bei welchen junge Kieler Wortkunst erlebbar wird. Mit diesen Lesungen bekommen Menschen die Chance, einmal vor Publikum Texte vorzutragen und ein direktes Feedback zu erhalten (Hinweis: man muss nicht bei uns veröffentlicht haben, um lesen zu dürfen!). Diese Lesungen haben außerdem den Zweck, dass wir dabei Spenden sammeln können, mit denen wir in der Lage sind, das Heft zu finanzieren. Denn auch wenn »kostenlos« draufsteht, stecken dahinter eine Menge Kosten und Mühen. Bis so ein Schnipselheft entsteht, haben wir also ein paar Lesungen veranstaltet und in der Zwischenzeit einige Einsendungen bekommen, die uns immer gerne auf schnipselmagazin@googlemail.com zugesendet werden können (der Einsendeschluss für die 16. Ausgabe ist übrigens der 15. April 2017). Pro Autor_in gilt dabei: Nur ein Text (Maximal 10.000 Anschläge, bitte nur als doc oder odt!)

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oder ein Bild (schwarz-weiß, 300 dpi, bitte stets als jpg!), in Ausnahmefällen beides, wenn es als ein Kunstwerk verstanden wird. Da in den Heften stets nur eine begrenzte Seitenanzahl zur Verfügung steht, müssen wir die Einsendungen selektieren. Dafür treffen wir uns meistens einen Sonntag lang und diskutieren jeden Text intensiv durch, bis wir zu einer Auswahl kommen. Zuletzt wird das Heft formatiert, die Texte redigiert und dem Äußeren eine schmucke Form verpasst. Dann kann gedruckt werden, was aus Kostengründen hauptsächlich in Handarbeit von der Redaktion selbst erfolgt. An diesen Seiten klebt also, nicht nur im übertragenen Sinn, unser Schweiß und Blut! Viel Spaß beim Lesen, Eure Schnipsel-Redaktion

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editorial


8 Elena Rast Dunkelgrün 10 Alexei Vesselov Gedichte in Prosa 15 Dara Brexendorf Das illegale Cafe´ 18 Nikolai Ziemer Die Prager Recherche Teil 1

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23 Maximilian Thieme Bottletalk 26 SĂśren Gross Detailbetrachtungen 33 C.A. Koch Polospieler Palingenese 34 Samantha Giataganas Die kleine LĂźcke

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inhaltsverzeichnis


Elena Rast Dunkelgrün

Wir wollten schon lange weg sein. Die letzten Tage vergingen wie im Flug. Mein Kopf voller Erinnerungen. Ein flaues, nervöses Gefühl macht sich in meinem Magen breit. Auf dem Rücken, mit den nackten Füßen in der Luft, versuche ich zu entspannen. Ich stelle mir vor, an der Decke gehen zu können und diesen nun so fremden Ort von oben zu sehen. Staubtanz in den letzten Strahlen der späten Herbstsonne, die durch die riesigen Glasfenster fallen. In Gedanken steige ich die Wand hoch, vorbei an den dunkelgrün wuchernden Kletterpflanzen, bis zur durchsichtigen Decke. Von oben sehe ich die unzähligen Kakteen, einige blühen noch violett und pink, andere sind verdorrt. Dazwischen: Malte. Seelenruhig schläft er dort neben mir auf dem Boden, den Kopf auf meinem Lieblingspullover. Das Dach macht eine Biegung und von hier muss ich hoch springen, um den Vorsprung zu erreichen, welcher den Anbau mit dem restlichen Haus verbindet. Die Möbel haben Kratzspuren und helle Stellen an den Wänden und Böden hinterlassen. Wir haben nie etwas verändert. Auch wenn alles zu Ende schien und ich wochenlang nicht hier war, dann stand das Pult noch immer im Weg, die Stehlampe ungünstig und das Sofa schief. Ich höre die Schritte und das Gelächter der anderen, entfernt in einem andern Teil des Hauses. Sie klingen fröhlich, denken nicht an morgen. Meine Nervosität verwandelt sich in das starke Gefühl, nun endlich gehen zu wollen. Weg von hier ohne zurückzusehen. Von der

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Wohnzimmerdecke nehme ich die linke Tür zur Eingangshalle und gehe die Rückseite der großen Holztreppe hoch, in den ersten Stock. Die Räume wirken so groß ohne die Bücher- und Papierstapel auf den Werkbänken. Ein einzelner Pinsel liegt noch in einer Rille zwischen den Bodendielen. Ich höre Türen zufallen und hastige Schritte auf der Treppe. Das Gekicher ist verstummt und ich fühle die frische Abendluft. Jemand hat die Eingangstüren geöffnet. Die ersten gehen jetzt. Wir haben uns schon verabschiedet, gefasst und sachlich. Von Anfang an wollten wir Geschäftliches von Privatem trennen. Keinem ist das gelungen, aber es ist einfacher so zu tun, als ob. Aus dem Fenster im ersten Stock kann ich jetzt sehen, wie die Wege sich trennen. Malte zuckt im Schlaf zusammen und reißt mich aus meinem Tagtraum. Seine Hand sucht meine und er döst wieder ein. Es riecht nach frischer Farbe: Die vielen Zeichnungen sind übermalt, die kleinen Löcher verputzt. Zusammengerollt liegen draußen im Hof noch immer die Landkarten. Wir konnten uns noch nicht von ihnen trennen. Trotzdem, alles muss heute raus. Nur die Pflanzen, die lassen wir hier. Meine Füße sind schon kalt und kribbeln, weil alles Blut aus den Beinen gelaufen ist. Ich halte sie oben und zurück in meiner Fantasie an der Decke, stelle ich mir vor, aus dem Fenster zu treten. Ich falle in den nun dunklen Himmel.

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elena rast • dunkelgrün


Alexei Vesselov Gedichte in Prosa

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DIE BINDE Als ich fünf war, trug ich eine große Brille. Das linke Glas war immer durch Leukoplast zugeklebt, ich sah wie ein Pirat aus, aber meine Binde war weiß. Und Piraten, wie man weiß, haben nur schwarze Binden. Eins von meinen Augen arbeitete, das andere ruhte sich aus. So sagten es die Ärzte. Die Welt sah ich nur mit dem rechten Auge und nur von einer Seite. Und das linke Auge schaute in die Leere. Ich wollte immer wissen: Was liegt hinter diesem Weiß? Was gibt es auf der anderen Seite? Später wurde die Binde entfernt. Seitdem ist alles nicht mehr so spannend. TROLLEYBUS In vielen Ländern weiß man über Trolleybusse so gut wie nichts. Aber wir in Russland haben Glück. Was für ein wunderbares Transportmittel! Wenn der Fahrer den Strom einschaltet, ertönt ein leises Brummen. Der Lärm wird lauter und der Wagen fährt schneller. An der nächsten Ampel bremst die Maschine und es geht wieder von vorne los: das Knacken – der Motor dröhnt – wir fahren weiter.

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Wie schön das ist – mit dem Rauschen des Trolleybusses einzuschlafen! Irgendwo da unten fährt ein von innen beleuchtetes Kästchen durch die Straßen. Das Geräusch spiegelt sich in den Wänden der Häuser, flackert, und sammelt Kräfte für die nächste Bewegung.

DIE WERKSTATT Mein Lieblingsort im Dorf war die Werkstatt. So haben wir diese Hütte genannt, aber es war eigentlich die Sommerküche. Eine kleine Bretterbude mit Tisch, Bänken und Ofen drin. Der Ofen war schon lange kaputt. Aber was für wunderschöne Sachen passierten in der Werkstatt! Meine Mutter bastelte Dinosaurierfigürchen aus Ton. Mit ihren glänzenden Rücken schienen sie lebendig zu sein, selbst ihre Haut war dunkelgrün. Danach, beim Trocknen, wurden sie graublau und sehr zerbrechlich. In der Werkstatt baute mein Vater Kästchen und Körbe aus Birkenrinde. Einmal hat er ein Vögelchen mit weißer Brust gezaubert. Und ich zeichnete gern mit dem Kugelschreiber. Zuerst machte ich eine horizontale Linie – das

alexei vesselov • gedichte in prosa


war die Erde. Unter der Erde war immer eine wellenförmige Linie – das Grundwasser. Das war der Anfang, später entwickelte ich meinen Bildsinn weiter. Im Vorfrühling, als wir nicht zu Hause waren, ist jemand in die Werkstatt eingebrochen. Der Einbrecher versuchte, den Ofen zu benutzen und ein Feuer ist ausgebrochen. Die Werkstatt ist abgebrannt. Daran möchte ich mich nicht erinnern.

DIE WEIDE Alle Bäume wuchsen nach oben, aber die Weide am Teich wuchs an der Erde entlang: nach links, nach rechts und nach vorne. Die Weide ist sehr alt. Als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, war sie hundertfünfzig oder sogar zweihundert. Die Weide hat einen sehr dicken Stamm und eine von tiefen Falten gezeichnete Rinde. Nur die obersten Zweige sind dünn und schlank. Sie sind die jüngsten unter allen in der Umgebung des Teichs. DIE ANTENNE Früher gab es kein Satellitenfernsehen. Zumindest für die Bevölkerung der Sowjetunion. Auf dem Land stellte man einen hohen

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Pfahl mit Antenne auf, um Signale zu empfangen. Der Pfahl aus dem Stamm einer Kiefer glich einem Mast. Sommerabends war unser Haus wie ein Schoner, der durch die Dunkelheit fährt. Am Tisch auf der Veranda sammelten sich Papa, Mama, Oma und Opa und sahen sich etwas in einem kleinen Fernseher an.

HEIDELBEEREN Stundenlang sammelst du Heidelbeeren in eine Tetrapackfolie. Endlich ist die Schachtel voll. Du stolperst oder der Tannenzweig schlägt dir plötzlich auf die Hand und die Beeren fallen auf hellgrünes Moos. Du versuchst, die Beeren wieder aufzusammeln. Dazu kommen Grashalme, Blättchen, Nadeln. Ganz oben sind hohe Kiefern und blauer Himmel. Ein guter Tag steht bevor. DAS RAUMSCHIFF Früher, wenn ich einschlafen wollte, hab ich mir vorgestellt, mit einem Raumschiff durch das endlose Weltall zu fliegen. Zuerst sind die Sterne spärlich und groß, dann immer kleiner und dichter. Das Schiff schaukelt ein bisschen,

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weicht den kleinen Meteoriten aus, dann plötzllich taucht es nach unten ab, um einen fatalen Zusammenstoß zu vermeiden. Bald ist es wieder auf dem richtigen Kurs. Klanglos blinzeln farbige Lichter, Raketentriebwerke leuchten gleichmäßig. Ein langer Weg erwartet uns.

MUCKEN UND MULLEIMER Die Aufschrift stand an der Wand gegenüber den Abfallcontainern. Genau so stand es geschrieben – ohne Umlaute. Wurde es bewusst so geschrieben oder nicht – bis heute habe ich keine Ahnung. Wahrscheinlich hat jemand das ohne tieferen Sinn, einfach aus Langeweile dahin gekritzelt. Trotzdem schien diese Ecke irgendwie gemütlich zu sein. Nachdem du wieder einmal bekannte Buchstaben gelesen hast, spitzt du den Bleistift möglichst scharf und schaust die gegenüberliegende Wand an. Dort siehst du ein ovales, blindes Fenster. Die Dämmerung steht hinter dem Glas. Daneben erfriert Der rebellische Sklave von Michelangelo in stummem Leid. Die Pause ist zu Ende, das Modell steht schon auf dem Podium, es ist Zeit zum Zeichnen.

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DIE UHR Das quadratische Ziffernblatt der Uhr wurde mit grüner Ölfarbe übermalt. Jemand hat zwei Zeiger in die Farbschicht geritzt, die auf fünfzehn Uhr stehen. Die Uhr, die steht, zeigt zweimal täglich die richtige Zeit. Die gezeichneten Zeiger haben weder mit realen, noch mit imaginären Zeigern etwas zu tun. DER FLUGHAFEN Im Flughafen erzählt ein gepflegter Mann etwas temperamentvoll. So begeistert rühmt man sich nur vor dem zufälligen Mitfahrer. Ich erkenne Stichwörter wie Business, Karriere und Verträge. Unwillkürlich beginne ich aufmerksamer hinzuhören und über mein eigenes Schicksal nachzudenken. Bald verliere ich den Faden. Ich versuche, ihn wiederzufinden, aber der Mann redet schon über die Arbeit in einem Gericht. Die Halle ist fast leer, hinter dem großen Fenster tanzen elegante Flugzeuge.

alexei vesselov • gedichte in prosa


NEUJAHR An sehr viel kann man sich erinnern, wenn es um Neujahr geht: wie ich mal eine wertvolle Spiegelkugel zerbrochen habe, wie der Polarforscher – ein altes Spielzeug aus Watte – sein Fähnchen auf dem Wipfel des Tannenbaums schwenkt, oder wie Opa eine selbstgemachte Girlande repariert. Das alles kommt aber danach. Zuerst muss man einen riesigen Koffer mit dem Kunststofftannenbaum und dem Schmuck vom Dachboden nach hinten bringen. In dem Koffer sind alle vergangenen Feste beisammen: jedes Neujahr hat hier etwas hinter­ lassen – ein Spielzeug, eine alte Postkarte oder nur einen Schnipsel aus der Zeitung. Als ob die Luft der Vergangenheit lebt zwischen den Schachteln und Paketen. Jedes Jahr sind die Sachen gleich, aber du siehst sie mit anderen Augen. Einmal bin ich krank geworden und ich hab fast die ganzen Ferien im Bett verbracht. Ich erinnere mich ganz deutlich daran, wie ich zum ersten Mal nach zwei Wochen das Wohnzimmer betrat. Der Tannenbaum stand noch auf dem Tisch und glänzte mit all seinem Lametta und roten und goldenen Kugeln. Am Tisch saßen

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alle: vorne saß Opa im Sessel, rechts Oma, Mama und Papa, meine kleine Schwester. Alle schauten mich an, als ich kam. Im Fernseher zeigte man etwas Interessantes, die Dämmerung verdichtete sich hinter dem Fenster; bald machten wir die Lampe aus und die Girlande an.

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Dara Brexendorf Das illegale Cafe´

Es war Spätsommer und die Mauer im Innenhof noch immer ohne neuen Anstrich, als Line nebenbei etwas aussprach, worauf wir alle lange gewartet hatten. Es war etwas, das trotz Einforderung niemandem in den Sinn gekommen war, da wir uns gelegentlich um uns selbst drehten und nicht weiterkamen. »Man müsste sich eh mal in schäbigere Richtungen bewegen«, sagte sie so locker dahin, aber als sie eine Wirkung ihrer Worte fühlte, guckte sie grimmig in unsere beständige Runde. Wir, die sich alle brausetrinkend auf weich gelegenen Sofakissen im Kreis rekelten und nicht genau wussten, aus welchem Fenster der Brötchengeruch bis in die Nase strömte, wussten alle, dass es sich um eine Ankündigung handelte, die in Illegalität driften würde. Zumindest konnte ich das nun in den Gesichtern lesen. Waren wir zwar jede Einzelne recht anders gestrickt, verbrachten wir doch genug Zeit zusammen, dass Reaktionen angemessen interpretiert werden konnten. Helen pfiff Luft in den Hof. Katha kniff entschlossen ihren Daumen mit dem Zeigefinger und Maras Wange zuckte, für Außenstehende kaum merklich, aber für mich von bemerkenswerter Deutlichkeit, denn in Maras Gesichtszüge war in den letzten Wochen Ruhe eingekehrt.

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dara brexendorf • das illegale café


Der knappe Ausspruch reichte, uns allen abwegige Ideen in die Köpfe zu setzen. Mir selbst gefiel es, eine Versponnenheit ernst zu nehmen. Denn während ich Regeln schon immer gern gehabt hatte, erfand ich am liebsten meine eigenen. Vielleicht war ich es also, die gleichmütig die Bibliothek ins Spiel brachte und darauf hinwies, dass dieser von allen Räumen am besten für irgendwelche Zwecke geeignet war. Denn die Bibliothek war der Raum, den wir uns in den letzten Wochen vor allem zu eigen gemacht hatten. Wir mochten den frisch vermoderten Geruch aus Neuem und Alten, den filzigen Boden, der Schritte einfing und Gespräche einsog, die Ruhe in den kleinen Sackgassen und die Spalten der Metallregale mit herrlicher Aussicht auf Nacken und Wollpullover. Wir hatten ihn gut markiert. Schokolade und Halsbonbons waren sorgfältig tief unter den Tischen deponiert. Im Laufe der Jahre hatten wir die Toilettentüren mit ehrlichen Botschaften gefüllt und Arbeitsflächen mit T-Rex-Figuren geschmückt. Um den Mainstream-­ Schabernack irgendwie krummer zu drehen, versuchte ich mich mit radikaleren Brüchen und fand sofortige Zustimmung. Ideen wurden in den Hof geschrien. Helen wollte es gemütlicher haben. Man könnte Heißgetränke schmuggeln und sie hinter leeren Buchrücken verstecken. Wir versanken in schwärmerischen Vorstellungen von Socken und Schals für die kälteren Wintertage. Line war stark für Botschaften zwischen den Buchseiten für diejenigen, die überhaupt nicht mehr klarkamen. »Aber was«, warf Katha berechtigterweise ein, »könnte es für einen größeren Bruch geben, als den Inhalt der Bücher selbst zu verändern?« Keine zweifelte daran, dass es je eine bessere Idee gegeben hatte. Angetan von diesem neuen Impuls begann ab diesem Tag eine Ära des Schreibens für uns. Jede griff sich Bücher ihrer Wahl aus den Regalen, schrieb alternative Höhepunkte und klebte sie über bestehende Seiten. Sterbende wurden lebendig und Intrigen scheiterten, wenn wir es so wollten. Probleme wurden auf unsere Art und Weise gelöst und nach und nach veränderte jede ihre persönlichen Störfaktoren in den Texten. Mara ließ Hedwig mit der Wildente ihrer Dachkammer von dannen ziehen. Helen schrieb dem Hof der Wunder eine neue Bedeutung zu und begleitete zusammen mit Gringoire mehrere fantastische

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Mitternachtsfeste. Emma Bovary begann zu dichten und Gulliver durfte fortan in der Öffentlichkeit urinieren. Es dauerte, bis wir verstanden, dass wir uns selbst in die Geschichten einschrieben und uns dabei auf ganzer Linie verloren. Unsere Geschichten fanden nun auf den Seiten statt. Merkwürdig daran war, dass niemand sonst Notiz davon zu nehmen schien. Während wir einen sicheren Raum für uns beanspruchten, gab es von außen keine Reaktion. Als ich einer jungen Frau beim gierigen Lesen zuschaute, fragte ich mich, ob es nicht meine Worte waren, die dort verschlungen wurden, oder, ob die Zeichen nicht wenigstens etwas mit mir zu tun hatten. Ein Raum voller Ideen war alles, was wir zu bieten hatten. Wenn um acht die Lichter angingen, warteten wir erwartungsvoll. Aber immer, wenn ich nachmittags auf die Mauer in unserem Innenhof schaute, dann ahnte ich, dass die gleiche absplitternde Farbe der Mauer zu sehen sein würde. Küchenradiogeplärre strich über diese Mauer und ließ uns nicht mehr los.

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dara brexendorf • das illegale café


Nikolai Ziemer Die Prager Recherche Teil 1

Zunächst der Rhythmus des Nachtzuges, als Egon Krämer aus seinem Schlaf geschaukelt wird. Das gleichmäßige Rattern, wenn die Waggons mehrere Weichen zu überqueren haben, meistens der Fall vor größeren Bahnhöfen. Er streicht seinen Schlips gerade, wischt sich ein Speichelrinnsal aus seinem weißen Dreitagebart und beeilt sich, seinen Rollkoffer aus der Ablage des schon leeren Sitzwagenabteils zu hieven. Dann der monotone Rhythmus von Schellen und Hand­ trommeln einer fröhlichen Hare-Krishna-Schar inmitten von Pennern und Junkies, als er völlig verschlafen vor den Prager Bahnhof tritt. Wie er allmählich wach wird im Sperrfeuer des Klackerns der Ampeln an der Kreuzung um die Ecke, nur der Vorschrift halber für Blinde konzipiert, doch der Verkehr selbst für Sehende ein Abenteuer. Und wie ihm endlich, kurz vor dem Prager Tor im Lärm eines Presslufthammers klar wird, dass er zu seiner Zieladresse eigentlich in die vollkommen andere Richtung hätte gehen müssen. Er schleift seinen Rollkoffer also erst einmal in das nächstgelegene Café, ärgert sich aber noch auf der Schwelle, dass er eines dieser abscheulichen Etablissements betreten hat, wo man aus einem Heißund Nutzgetränk eine ganze Wissenschaft macht, entscheidet sich aber dennoch zu bleiben, weil die digitale Bohème, die stumm verschanzt hinter ihren silbernen Laptops hockt, ihn bereits abschätzig gescannt

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hat und er, ein Verfechter des alten Dandytums, zu stolz ist, sich die Blöße der Flucht vor dieser, wie er meint, kulturlosen Jugend zu geben. Er setzt sich also gestenreich an einen Tisch, ignoriert so gut es geht die Technobeats aus den Boxen über ihm, bestellt einen Filterkaffee und als er diesen endlich dampfend vor sich stehen hat, beruhigt er sich ein wenig, atmet durch, kommt an. Er zückt einen zerfransten Stadtplan aus der Manteltasche und orientiert sich. Dieser Plan ist bereits übersät mit roten Kreuzen, und es werden noch mehr hinzukommen. Für den perfekten Mord braucht es die perfekte Kulisse. Das ist der einzige Zweck dieser Reise. Schnaufend und schwitzend findet Egon Krämer etwa eine Stunde später das Hostel, das er tags zuvor in einem Internetcafé umständlich als das günstigste der ganzen Stadt herausgesucht hat. Es liegt in einem Außenbezirk, versteckt in einem unsanierten Altbau direkt an der Hauptstraße. Drei Tage, mehr wird er nicht brauchen. Er bekommt ein Doppelzimmer auf der Rückseite des Hauses mit Blick auf den Veitsberg. Nachdem er sich eingerichtet hat, öffnet er das Fenster, legt sich aufs Bett und lauscht eine Weile dem frühlingshaften Gezeter der Vögel. Danach begibt er sich in den Gemeinschaftsraum, wo bereits einige, vor allem junge Menschen auf Sesseln und Stühlen herumsitzen und stumm auf ihre Smartphones starren. Er macht sich mit der Küche vertraut, die sich direkt zwischen Lobby und Gemeinschaftsraum befindet und beschließt, auch aufgrund seines knappen Budgets, dort die nächsten Tage zu kochen. Nachmittags wagt er einen ersten Spaziergang in die Innenstadt. Nur ein paar Wolken stehen an einem ansonsten hellblauen Himmel, die Luft schmeckt schon etwas würzig, als ihn sein Schritte zunächst auf den Veitsberg führen. Auf dessen Gipfel erwartet ihn nicht nur ein eindrucksvoller Ausblick auf die Stadt, sondern auch das monumentale Reiterstandbild von Jan Zizka, dem einäugigen Heerführer der Hussiten, das als die größte Bronzestatue der Welt gilt. Es strahlt etwas so Herrschaftliches, aber auch so Aggressives aus, dass Krämer befindet, hier wäre ein guter Platz für einen Mord. Eine verunstaltete Leiche würde sich gut unter diesem Monstrum von Pferd machen. Er zückt

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nikolai ziemer • die prager recherche 1


seine Karte und verzeichnet ein Kreuz an eben dieser Stelle. Dann geht er mit einer gewissen Vorfreude den Hügel hinab in Richtung Altstadt. Die Straßen werden voller, je älter und prachtvoller die Gebäude werden. Menschen aller Nationen machen Fotos, lassen sich von Verkäufern beschwatzen, kaufen billige Souvenirs, rennen in Trauben Reiseführern hinterher und vergessen vor lauter Staunen, was ihnen gerade erzählt wird, weil sie von den vielen Straßenkünstlern abgelenkt werden. Dies alles interessiert Egon Krämer jedoch wenig, er ist bereits am Marktplatz angelangt und überquert diesen mit bestimmtem Schritt. Er nimmt sich nicht einmal Zeit, bei der riesigen astronomischen Uhr des Rathauses zu verweilen, wenngleich er mit dem Gedanken gespielt hat, dass es möglich wäre, eine Person auf einen der Zeiger aufzuspießen. Eine originelle Tötungsvariante zwar, aber alles in allem doch recht unglaubwürdig. Nein, Egon Krämers Ziel ist die Karlsbrücke, jener pompöse Bau aus dem 14. Jahrhundert, der die durch die Moldau getrennte Stadt besonders herrschaftlich verbindet. Als Egon Krämer die Brücke betritt, wird er gezwungen, seinen Schritt zu verlangsamen. Die Karlsbrücke ist einer jener Orte der Welt, die zu jeder Tages- und Jahreszeit von Menschenmassen bevölkert wird. Und so fügt er sich geduldig dem Strom von Touristen, der sich langsam dem Ziel nähert, das an erster Stelle von Krämers Mordliste steht. Er nutzt die auferzwungene Langsamkeit, um sich jede Statue, jeden Heiligennamen, jeden Stein genauestens einzuprägen. Schon bald erspäht er auf der rechten Seite die Figur, die einen Heiligenschein aus fünf Sternen trägt. Es ist der heilige Johannes Nepomuk, der an dieser Stelle von der Brücke geworfen worden sein soll und um dessen Tod sich viele Mythen ranken. Die Kulisse überzeugt Egon Krämer sofort. Er zückt eine Einwegkamera, knipst ein paar Fotos, schreibt sich Notizen auf einen Zettel und umkreist die Karlsbrücke auf seiner Karte mit einem roten Marker. Als es dämmert, kommt er, schwer bepackt mit den Eindrücken des Tages, aber auch mit Einkäufen für das Abendbrot und die nächsten Tage, zu seinem Hostel zurück. Er ahnt noch nicht, dass ihm dort zwei Personen begegnen werden, die für seinen baldigen Tod von eminenter Bedeutung sind.

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Person Nummer eins tritt auf, als Egon Krämer sich gerade vor einen Teller Spaghetti mit Pesto in eine Ecke des Gemeinschaftsraumes bequemt. Während er gerade die erste Gabel zum Mund führen will, kommt ein grimmiger Kerl mit einem langen Küchenmesser in der einen und einer schwarzen Tasche in der anderen Hand um die Ecke, setzt sich grunzend an einen freien Tisch ganz in der Nähe und beginnt wild auf die Tasche einzustechen. Er schneidet und ratscht, bis er einen großen und scheinbar unliebsamen Teil der Tasche weggeschnitten hat. Dann steht er auf, hängt sich sein zerfranstes Werk über die Schulter, dreht sich pirouettenartig um sich selbst und gluckst wie ein kleines Mädchen vor Freude über seine vollbrachte Tat. Dann verfällt er wieder in seine grimmige Ausgangsmimik, packt das Messer und verlässt den Raum ebenso stampfend, wie er ihn betreten hat. Egon Krämers Spaghetti an der Gabel sind derweil abgekühlt. Person Nummer zwei betritt die Bühne des Geschehens, als Egon Krämer bereits gegessen hat und sich die Räume mit Menschen aller Nationen gefüllt haben. Er kann eine Schulklasse aus Spanien ausmachen, ein paar Backpacker aus Australien, England und Deutschland, sowie einige Gastarbeiter aus Rumänien. Er selbst sitzt nun in der Küche bei einem Bier und schreibt gerade in ein kleines rotes Notizbuch, als ein französisch sprechendes Paar den Raum betritt. Sie streiten laut, sodass er, wie alle anderen auch, neugierig aufblicken muss. Ein junger, knochiger Mann von etwa zwanzig Jahren mit schwarzem Rollkragenpullover, einer Hornbrille und einem akkuraten Haarschnitt steht dort wild gestikulierend vor einer etwa gleichaltrigen jungen Frau, die die Arme vor ihrer Brust verschränkt hält und auch sonst mit ihrer Mimik völlige Ablehnung, ja Verachtung, ihrem Gegenüber demonstriert. Dieser gibt denn auch bald auf und verlässt wutentbrannt den Raum. Sie verharrt noch eine Weile, lugt dann mit ihren braunen Augen in die Runde von Schaulustigen, die sich sofort wieder in ihre Gespräche oder Handys vertiefen. Dann geht sie zur Theke, bestellt sich ein Bier und setzt sich an den Tisch von Egon Krämer, der weiterhin so tut, als würde er in sein Notizheft kritzeln. Er spürt ihren brennenden Blick auf seinen Händen, sodass er aufgibt und sie beinahe vorwurfsvoll anblickt. Sie fragt sofort auf Englisch,

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nikolai ziemer • die prager recherche 1


was er da schreibe. Egon Krämers Englisch ist miserabel, aber sie scheint ehrlich interessiert, als er ihr erklärt, dass er gerade an einem Kriminalroman schreibt, der unter anderem in Prag spielt, weshalb er zur Recherche für ein paar Tage in die Stadt gekommen sei. Er erfährt im Laufe des Gesprächs, dass die junge Frau, die sich mit Chloé vorstellt, an der Sorbonne Literaturwissenschaft studiert und auch selbst literarisch tätig ist. Egon Krämer erwischt sich mehrere Male, wie er das markante Gesicht, aber auch den Körper Chloés studiert. Er registriert eine Zahnlücke, eine Tätowierung in Form des Chartreser Labyrinths auf ihrem rechten Oberarm, und dass sie keinen BH trägt. Nachdem sie ihr Bier geleert hat, verabschiedet sie sich und geht in Richtung der Gemeinschaftsräume. Als Egon Krämer später in der Nacht keinen Schlaf findet, wird ihm klar, dass er womöglich verliebt ist.

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Maximilian Thieme Bottletalk In einer Nacht wie jeder anderen, zu einer Stunde, die ihrer vorigen gleicht, wie sie ihrer folgenden gleichen soll, da schleicht ein Kerl, dessen Name nicht von Interesse ist, mit krummem Rücken durch eine tote Gegend, wie es sie zu tausend weiteren an tausend ähnlich toten Orten der Welt gibt. Nicht von ungefähr stolpert er durch das Dunkel der Straßen, sondern weil dieser arme Teufel schlicht und einfach – unzähligen Bieren und einer entsprechenden Anzahl an Longdrinks sei Dank – seinen Heimweg vergessen hat und sich mit jedem verdammten Meter mehr verläuft. Das hat er so gewiss nicht kommen sehen, ebenso wenig, wie er nun das Stoppschild kommen sieht, auf das er, den schmalen Bordstein entlang balancierend, geradewegs zusteuert. So, wie er dann im nächsten Moment mit einer wohlerwogenen Mischung aus Stirn und Nase dagegen donnert, könnte man meinen, er hätte es anvisiert, ja als Feindbild auserkoren und aufs Korn genommen. Doch das energische »Scheiße!«, das folgt, spricht dagegen. Jetzt sieht er endgültig zum Fürchten aus – die ungezügelten, rot unterlaufenen Augen, der bemitleidenswerte Rest dessen, was man einmal hätte Frisur nennen können und das bucklige Auftreten, all das wird nun begleitet vom schwellenden Zeugnis seiner Begegnung mit dem humorlosen Stoppschild. Als er sich gerade umdrehen will, bereit, jenem Schild alle Flüche und Verwünschungen zuteilwerden zu lassen, an die er sich noch erinnern kann, da wird er – als hätten sich außer dem Schicksal auch noch alle madigen Ecken und Kanten dieser toten Gegend gegen ihn verschworen – auch schon von dessen Komplizen, dem Bordstein, niedergestreckt. Der Länge nach im körnigen Dreck des Straßenrandes liegend erscheint ihm der Moment wie aus einem schlechten Witz, doch das schmerzhafte Brennen, das sich im nächsten auf seinen Handflächen breit macht, und das echoende Pochen irgendwo weiter unten in der Hüftgegend schreien ihm lauthals zu,

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maximilian thieme • bottletalk


dass all das durchaus real ist. Nun, da er, immer noch einen Schock in den Knochen, im straßenrandtypischen Dreck verharrt, ist es mehr der Alkohol, viel mehr, als Blut, der ihn donnernd durchpulst. Alles an seinem Gesicht – Ohren, Nase, Stirn und die neuerliche üppige Beule zwischen diesen beiden – glüht in der trostlosen Kälte dieser zu nüchternen Nacht. Er schlägt die Hände vors Gesicht und tut nichts, sitzt steinern ohne sich zu bewegen, als wäre er in einen erlösenden komatösen Schlaf gefallen. Als er seinen Kopf einen langen Moment später dann aus dem Schoß seiner dreckigen Hände hebt und die Augen öffnet, hat sich entgegen seiner naiven Erwartung rein gar nichts verändert – nicht der Schmerz, nicht die Glut unter seiner Haut und auch die wie Flipperkugeln wirbelnden Augen, vor denen sich das Bild der schwankenden Straße auftut, sind nicht im Zaum zu halten. Alles ist unzufriedenstellend unverändert. »Was hab ich nur wieder gemacht?«, hört er sich dann mehr lallen als sagen. Moment, spricht er jetzt schon mit sich selbst? Nein, so viel hat er nun wirklich nicht getrunken, oder? Niemals! Und von Selbstgesprächen hat er doch noch nie etwas gehalten, die sind was für traurige, vereinsamte Leute! Noch mehr als dieser Moment verwirrt ihn allerdings der nächste – der Moment, in dem ihm die unerwartete Antwort ins Gesicht schlägt. »Natürlich bin ich nicht SO!«, schießt er zurück, »Wenn ich wollte, dann …« – »Ja, meinetwegen bin ich gerade hier, allein, aber ich will es jetzt nun mal nicht anders! Ich will mir gerade keine beschissenen Stories anhören, die mir auch nicht weiterhelfen!« – »Egoistisch? Ich bin egoistisch? Ja, warum denn auch nicht?! Jeder Dahergelaufene erzählt einem doch, dass man heute egoistisch sein muss, um was gebacken zu kriegen, verdammt! Deswegen will ich auch nur hier sein und betrunken sein!« – Während er zu seiner hochphilosophischen Mischung aus beinahe kindlicher Naivität und trunkenem Missmut ansetzt, richtet er sich auf, das anfängliche Lallen metamorphosiert langsam und doch merklich zu einem Singsang, der zwischen Aggression und Überzeugung umher tanzt und es scheint, als hätte sich die Glut, die auf seinem ganzen Gesicht lag, nun auf seiner Zunge niedergelassen. – »Angst? Sag mal, was denkst du eigentlich, wer ich bin? Irgendein Feigling? Einer, der sich vor Menschen

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versteckt, oder was? – »Was?! Nein, verdammt, eben nicht! Wenn ich will, kann ich mich schon mit mir selbst beschäftigen, über meine beschissenen Probleme nachdenken, bla bla bla! Wer will das schon die ganze Zeit, da kann man auch sinnvollere Dinge anstellen!« – »Was ist denn bitte dein Problem mit dem Trinken, du Langweiler?« – »Ja, verdammt, ein Langweiler bist du! So nennt man doch Typen, die immer nur überlegen wollen, was das Beste ist, sich nie etwas gönnen wollen!« – Jedes Wort, das er binnen der letzten Minuten ausspuckt, ist giftig und seine Wahrnehmung, sein Fokus beschränkt sich auf seine vermeintliche Wahrheit. Einzig die kleinen Nadelspitzen der Antworten dringen zu ihm vor und drohen, das brodelnde Fass seiner Aggression überlaufen zu lassen … – »Nein? Stimmt, du bist kein Langweiler, entschuldige, ein Idiot bist du!« – »Ich werde aber persönlich, wenn mir der Sinn danach steht! Das lass ich mir von dir nicht verbieten und von sonst keinem, klar?!« – »Keine Antworten mehr? Das hättest du wohl gern! Dein Problem sind deine ganzen langweiligen Regeln und tausend dummen Gedanken, die du mir hier auftischen willst! Aber ich hab da keinen Bock drauf, ich geh meinen eigenen Weg, klar?!« – »Was, wohin führt der?! Sag das nochmal! Wenn du mir noch einmal mit Versteck oder Angst kommst, dann, dann …« Die Wut, inbrünstig und rasend, die sich während der letzten Minuten – waren es 5? oder 30? –, während dieser verwirrenden Unterhaltung angestaut hat, entlädt sich nun ohne jede Vorwarnung schlagartig und total in einem absolut ungehaltenen, brutalen Tritt. Dann Stille. Er scheint nicht mal zu atmen und auch die Nacht hält die Luft an, sodass nichts zu hören ist. Mit Ausnahme von dem leise surrenden, sich entfernenden Wispern, das mit einem Mal in gläsernem Klirren und Scheppern explodiert! Er hält inne, unbeeindruckt, um dann loszutorkeln. Fünf Meter geradeaus, dann rechts und noch sieben, acht Meter in Schlangenlinien. Zu einem nächsten Schritt kommt es jedoch nicht – er dreht sich wie angestochen auf den Sohlen und speit dem nächstbesten knochigen Busch alles, was er hat, entgegen. Von Klirren und Explosion ist nichts geblieben. Alles, was bleiben wird, das ist sein Gesprächspartner, in dunkelgrünen Splittern stumm auf dem harten dreckigen Asphalt verteilt.

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Sรถren Gross Detailbetrachtungen

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der schnipsel # 15


»Wir leben nicht nur in einer Gedankenwelt, dachte er, sondern auch in einer Welt der Dinge. Und die Vergangenheit, sie war immer interessanter als die Gegenwart.« 1

Acht Gemälde waren in den arbeitsreichen letzten Monaten entstanden, die nun an den Wänden einer kleinen Galerie hingen, in einem dieser noch heruntergekommenen, aber bald aufregend werdenden Viertel zwischen dem Stadtkern und den Vorstädten. Strenggenommen handelte es sich um eine ausgeleerte und ausgeleuchtete Garage, die einem Freund des jungen Künstlers gehörte. Ob die eigens gedruckten Flyer, die jedoch kaum mehr als Pinselstriche und unspektakuläre graue Schlieren zeigten, sowie das in einschlägigen Kreisen gestreute Gerücht, die ausgestellten Gemälde würden dereinst als frühe Meisterwerke des jetzt noch aufstrebenden jungen Künstlers bekannt sein, das entsprechende Publikum anziehen würden? Die diesjährige Saison der Eröffnungen hatte vor nicht allzu langer Zeit begonnen, sodass die berechtigte Hoffnung bestand, dass das Publikum nach einem langen, langweiligen Sommer immer noch heiß auf neue Kunst und gleichzeitig noch nicht so vertieft in die Weihnachtsvorbereitungen war. Als er sich nach Abschluss seines Malereistudiums, wie es junge Männer, die unter Druck stehen, meistens tun, hatte treiben lassen und die Zeit verplempert hatte, hatte der junge Künstler eines Tages in Wien vor der Malkunst von Johannes Vermeer gestanden. Dort hatte sich endlich, nach wochenlangem Rumprobieren an unbefriedigenden Ideen, ein Weg aufgetan, auf dem er weiterkommen konnte. Sein Großvater war ihm wieder eingefallen, der keine Kunst hatte leiden können, die vor der Explosion der Moderne entstanden war; und doch hatte dieser ein heimliches Faible für die Lichtführung des Meisters aus Delft gehabt.

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Sein eigenes Abschlussprojekt an der Akademie – eine Serie vermeintlich neu arrangierter Stadtveduten, die aber doch ziemlich direkt aus den Hintergründen einiger Werke Rogier van der Weydens und Hans Memlings zusammenkopiert waren - kam ihm auf einmal lächerlich vor. Als er sie nach der Prüfung noch einmal angeschaut hatte, hatte er feststellen müssen, dass die vielen Zigaretten und der ganze Rotwein, den er während der Jahre an der Akademie irgendwann schon mittags zu trinken begonnen hatte, den Gemälden nicht gut getan hatten. Und hatten die Prüfer nicht durchblicken lassen, dass sie sein Emulieren von alten Malweisen für aufgesetzt, seine Beschäftigung mit der Kunstgeschichte für überflüssig hielten? Sie hätten wohl lieber eine affektiert radikale und bemüht infragestellende Positionierung zur Gegenwart gesehen, als seine detailverliebte Verbeugung vor den Meisterwerken, sein Hervorzerren dessen, was beim schnellen Gang durch das Museum so leicht übersehen wird. So hatte er die Akademie, die ihn und sein ironisches Stillleben mit Wiener Schnitzel, Pommes frites, Mayonnaise und Zitrone in niederländischer Manier mit offenen Armen aufgenommen hatte, zutiefst desillusioniert und mit einem wertlosen Abschluss in der Tasche wieder verlassen. Aber wie Vermeer der metaphorischen Asche seines Delfter Kollegen Carel Fabritius entstiegen war, so hatte er die im Sonnenschein der Realität zerbröselnden Ergebnisse seiner Ausbildung nach dem Lichtblick in Wien hinter sich gelassen. Er hatte sich eingesehen und eingelesen in das Werk Vermeers, denn er musste sich natürlich noch viel mehr mit der Kunstgeschichte beschäftigen, nicht weniger, das hatte er dort vor der Malkunst gemerkt. Auch zu einem späteren Zeitpunkt, als er bereits dabei war, ein alter Mann zu werden, würde er noch einmal auf dieses Schlüsselwerk zurückkommen, um das angefangene Porträt auf der Staffelei des Malers zu vollenden. Dies würde das Gemälde sein, das er nur bei sich zuhause seinen Gästen zeigen würde, genau wie Vermeer es mit der Malkunst getan hatte. Nach dessen Tod hatte die Witwe des Malers versucht, das Gemälde vor dem Zugriff der Gläubiger zu schützen, indem sie es ihrer Mutter überschrieb. Doch ihre Bemühungen waren vergeblich geblieben und nach der Versteigerung sollte die Malkunst erst im 19. Jahrhundert wieder auftauchen.

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Acht Gemälde hatte der junge Künstler bis an ihr Ende gemalt, die allesamt Ergebnis seiner Beschäftigung mit der Malerei Vermeers waren. Eines zeigte den Globus des Astronomen, ein weiteres die Karte, die hinter der jungen Frau mit Wasserkanne an der Wand hing. Aus dem Spiegelbild in der Musikstunde hatte er ein Porträt der Schülerin gefertigt und aus dem Liebesbrief das Seestück und das Landschaftsgemälde reimaginiert. Und auch die Malkunst war mit drei Stadtveduten aus der großen Landkarte in der Bildmitte vertreten. Acht Gemälde also umfasste die erste Ausstellung des jungen Künstlers, aus denen der sprichwörtliche Faden gesponnen werden musste, an dem seine Zukunft hängen würde. Seit der Aufnahmeprüfung war er nicht mehr so aufgeregt gewesen. Dabei gab er sich gewiss keiner Illusion hin, was seine Zukunftsaussichten anging. Es war sehr gut möglich, dass mit diesen acht Gemälden seine Karriere bereits an ihr Ende gekommen war und er von den vielen Ideen, die sich in seinen Notizbüchern sammelten, keine würde weiterverfolgen können. Doch hier im Licht der weißgestrichenen Garage, die eigentlich eine echte Galerie war, mit Weißwein zur Eröffnung und Visitenkartenverbindungen in die Rolodex’ der richtigen Leute, meinte er für einen Augenblick sich selbst als freien Künstler sehen zu können. Dann kamen die ersten Gäste und sein Freund, der Besitzer des Ausstellungsraumes, hielt eine kurze Rede; später versprach ihm eine junge Frau, am nächsten Tag mit der Galeristin, für die sie arbeitete, wiederzukommen; sie sei sehr zuversichtlich, dass man da etwas arrangieren könne. Während dieses kurzen Gesprächs sah er im Augenwinkel einen jungen Mann mit strubbeligen blonden Haaren, der sich, eigentlich schon gegangen, in der Tür noch einmal umwandte, dabei fast gegen den Türrahmen knallte und sich wieder in die Gemälde vertiefte, als sei ihm plötzlich etwas Wichtiges eingefallen, das es dort zu sehen gab. Der Künstler lächelte, als er der jungen Frau die Hand schüttelte. Aus einem anderen Stadtviertel, das in seiner Heruntergekommenheit ähnlich vielversprechend war wie die Nachbarschaft der Galerie, machte sich, angelockt von den ausgestreuten Gerüchten, ein noch namenloser Student der Kunstgeschichte auf den Weg. Wieder

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einmal war er allein unterwegs. Nicht, dass er keine Freunde gehabt hätte, aber seine Freunde interessierten sich nicht für Kunst und vielleicht noch ein bisschen mehr nicht für sein stets wiederkehrendes Lamento, dass ihn Kunst eigentlich ziemlich langweile. Dabei war er keine grundsätzlich gelangweilte oder negative Person, er hatte nur einfach schon zu viel gesehen und gelesen, und hatte zu viel über Kunst nachgedacht, ohne zu befriedigenden Ergebnissen zu kommen. Die Ausstellungen junger Künstler, die die Akademie erst vor kurzem verlassen hatten, berührten ihn nicht mehr. Das mochte auch daran liegen, dass er neidisch war auf ihre berechtigte Hoffnung, aus ihrem Potenzial etwas machen zu wollen, während er immer noch über seiner Abschlussarbeit brütete, die irgendetwas mit Mittelalter zu tun hatte und doch nur in den Treibsand führen würde. Ein flüchtiger Blick durch den Galerieraum, der nicht viel mehr als eine alte Garage zu sein schien, sagte ihm, dass er auch diese Ausstellung eher unspektakulär finden würde und er war froh, dass er den Verriss für den Kulturteil der Stadtzeitung schon vorformuliert hatte. Was sollten dieser altertümelnde Duktus, die Landkarte, der Globus und das nichtssagende Porträt einer jungen Frau? Nach einem kurzen Rundgang war er schon fast wieder zur der Tür hinaus, da beschloss sein Hirn, sich doch ein wenig Mühe beim Nachdenken zu geben und herausfinden zu wollen, was hinter den Gemälden steckte. Denn sie waren ganz gewiss nicht bloß eine Zurschaustellung meisterhafter Beherrschung von Leinwand, Farbe und Pinseln. Er drehte sich plötzlich um und knallte beinahe gegen den Türrahmen. Im Augenwinkel sah er eine junge Frau, die gerade einem jungen Mann mit Vollbart und einem Lächeln im Gesicht die Hand schüttelte. Dann vertiefte er sich in die Betrachtung der Gemälde, die jetzt auf ihn wirkten wie ein Roman, der neben seiner eigentlichen Geschichte noch eine ganze Bibliothek von Verweisen enthielt, die, so man ihnen neugierig nachging, an immer wieder neue, aufregende Orte führten. Zurück an seinem Schreibtisch, über dem eine einsame Glühbirne ohne Schirm von der Decke herabbaumelte, löschte er den vorformulierten Verriss und tippte einen neuen Text zusammen, in dem er sein Erlebnis darlegte. Er wusste natürlich, dass sein kurzer

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Bericht für den Kulturteil der Stadtzeitung kaum Wirkung haben würde. Gleich morgen aber würde er in die Bibliothek gehen und die einschlägigen Bücher konsultieren, um herauszufinden, worauf die Gemälde verwiesen und dann würde er darüber schreiben und er wäre der Erste, dem diese Dinge auffielen. Der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte. 1

christian kracht, Die Toten, Köln 2016, S. 88.

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C.A. Koch Polospieler Palingenese Ziehe des Nachts Ăźbers Land; hinterlasse verbrannte Pferde. Lege alles Schutt und wasche mich in Unschuld. Warte auf die Reinkarnation; liege in den TrĂźmmern meiner Geduld. Wenn ich wiedergeboren werde, dann hoffentlich als ein Maurer.

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c.a. koch • polospieler palingenese


Samantha Giataganas Die kleine LĂźcke

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Plitsch. Platsch. Plitsch. Platsch. Plitsch-Platsch-Plitsch. Platsch. Ein Regentropfen auf der Fensterscheibe. Noch ein Regentropfen. Plötzlich ganz viele. Laufen zusammen, vereinen sich, laufen zusammen das kalte Glas hinunter, laufen von der Schwerkraft getrieben hinunter. Laufen. Getrieben. Hinunter. Schweigend und bewegungslos steht sie am Fenster und betrachtet das lebendige Treiben auf totem Glas. Sie spürt ihren Körper nicht mehr. Sie weiß nicht mehr, wie sie hergekommen ist. Sie weiß nicht mal, ob sie hinaus- oder hineinschaut. Vergangenheit und Zukunft, Raum und Zeit sind vergessen.

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samantha giataganas • die kleine lücke


Regen tropft regnerisch, traurig, rieselnd, tosend, reibungslos, tuschelnd, robelnd, trasselnd, rebbend, turfelnd … Regentropfen tropfen runter. Regentropfen. Tregenropfen. Es gibt nicht genug Worte. Erstarrt steht sie vor dem Fenster, spürt weder Drinnen noch Draußen, nimmt die Außenwelt gar nicht wahr. Der Körper nur eine Hülle, sie selbst in der Starre gefangen und doch … befreit. Kein Gedanke bleibt hängen, sie fliegen alle hin und her. Keine Ordnung, keine Struktur, durcheinander. Einanderdurch. Eindurchander. So steht sie. Bewegungslos. Vor einem einfachen Fenster. Ohne zu sehen. Ohne Kontrolle. Ohne Gedanken. Und sie fliegt. Plitsch. Platsch. Regen Tropfen. Reine Trance.

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Ein kleiner, scharfer Gedanke sticht kurz. Das ist nicht normal. Was, wenn mich jemand sieht? Und fliegt wieder weiter. Plitsch. Platsch. Das Leben wird sie schon wieder zurückholen. Zurück in diesen Körper. Zurück in die Struktur. Das Leben gibt nie kampflos auf. Jemand wird anrufen, jemand wird sie finden, der Regen wird aufhören und das Leben wird weitergehen. Doch bis dahin lässt sie es geschehen. Bis dahin bleibt sie vor dem Fenster stehen und schaut den Trogenrepfen zu. Bis dahin fliegt sie. Und genießt die kleine Lücke des menschlichen Verstandes.

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samantha giataganas • die kleine lücke


herausgeber _innen und redaktion Dara Brexendorf, Andre Jonas, Maline Kotetzki, Elena Kruse, Birger Niehaus, Katharina Noß, Zara Zerbe und Nikolai Ziemer gestaltung Tim Schöning druck und verarbeitung Druckwerkstatt der Muthesius Kunsthochschule auflage Nº ______ /500 bankverbindung für spenden Matthias Birger Niehaus, iban: de 47 2105 0170 1002 6711 45, bic: nolade21kie kontakt schnipselmagazin @googlemail.com www.der-schnipsel.de www.facebook.com/der.schnipsel Die Rechte für eingesendete Texte verbleiben bei den Autor_innen. Namentlich gekennzeichnete Beiträge entsprechen nicht unbedingt den Auffassungen der Herausgeber_innen. © 2016, Dara Brexendorf, Andre Jonas, Maline Kotetzki, Elena Kruse, Birger Niehaus, Katharina Noß, Zara Zerbe, Nikolai Ziemer 15. Ausgabe, Dezember 2016

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