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konstantin amadeus koch • jonas niebelung • jorge scholz • sören gross • fridtjof spatz martin piekar • pauline grün • linn • lennart pletsch • sigrun benesch • alexei vesselov

DER SCHNIPSE L

AUS — GABE # 14

kostenlos


DER SCHNIPSE L # 14


Liebe Freundinnen und Freunde des guten Geschmacks, schon im Gattopardo von Giuseppe Tomasi di Lampedusa liest sich der berühmte Satz: »Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern.« Der Schnipsel bleibt seiner Philosophie treu, eine kostenlose Plattform für Nachwuchsliteratur zu sein, zeigt sich aber von nun an rundum neu gewandet. Diesen glücklichen Umstand verdanken wir einem Neuzuwachs der Schnipsel-Familie, namentlich Tim Schöning, der sich die Mühe gemacht hat, ein Gestaltungskonzept zu entwerfen, das die Idee des Schnipsel-Magazins aufgreift und transformiert. Herausgekommen ist dabei ein Design, welches auf eine verbesserte Lesbarkeit, vor allem aber auf eine Würdigung der einzelnen Autoren und Autorinnen aus ist. Gerade Letzteres ist uns wichtig, denn im besten Falle sind wir als Plattform ein Sprungbrett, das Schreibende in höhere Höhen des Literaturhimmels zu katapultieren vermag.

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der schnipsel # 14


Wir hoffen, es gefällt, viel mehr aber noch die darin enthaltenen Geschichten, Gedichte und Bilder! Der Einsendeschluss für die nächste Ausgabe ist der 1. November 2016. Schickt uns eure Texte (nicht mehr als 10.000 Anschläge) oder eure Bilder (in schwarz-weiß, 300 dpi) an: schnipselmagazin@googlemail.com Viel Spaß beim Lesen Eure Schnipsel-Redaktion

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editorial


8 Konstantin Amadeus Koch Faustpfand 11 Jonas Niebelung Scham 14 Jorge Scholz Dithyrambe unter der Brücke 16 Sören Gross FL, cont. 18 Fridtjof Spatz Ohne Titel 20 Martin Piekar Gegenwarten 25 Pauline Grün Nach uns: die Springflut 28 Linn Konservenfrühstück 30 Lennart Pletsch Lösung des sogenannten Leib-Seele-Problems in 14 Strophen 34 Sigrun Benesch Beeren im Bären 36 Alexei Vesselov Der Tag des Lauts [a]

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inhaltsverzeichnis


Konstantin Amadeus Koch Faustpfand Nichts ist wie es scheint.Wie sollte es auch? Rauche eine nach der anderen und huste mich taub. Fühle mich wie erschlagen; muss hier weg, muss raus. ›Nach Bahrendfeld im Bus‹ – höre ich Tocotronic wispern über schmalzgesättigte Ohrhörer mit Wackelkontakt am Klinkenstecker. Den Wecker nicht gestellt und doch zu kurz geschlafen; zu lang nicht mehr befreit. Der Spätherbst klopft an die Tür; nicht spät aber dunkel; ich mache auf; gehe ins Freie hinaus. Augen auf und durch – Karikatur nebliger Kleinstadttristesse. Sky ist mein Ziel, Sky’s the Limit; tausend Meter in den Supermarkt, keinen Meter weiter, keinen Schritt zu viel. Die Natur genießen, Leergut wegbringen, Bier holen – trauriges Tagesgeschäft, aber einer muss es ja tun und einer bin ich; ich bin schon einer. Tausend Meter, vier Ampeln, zwölf Dosen Bier – drei Tage harte Arbeit am Aluminium. Nur schnell den Lohn einholen, dem Kater zuliebe. Der Jutebeutel klappert blechern vor sich hin; sich gegenseitig reibende Dosen knistern aneinander wie hormongetränkte Teenager. Ich bin angepisst. Nieselregen prasselt in mein Gesicht – Vagabunden- Waschsalon. Feucht-töricht feier’ ich das stark. Gestern Fiasko, heute Fiesta. Rückblende. Vor vierundzwanzig Stunden stehe ich fünf Minuten still. Nicht, weil ich will, nur, weil ich muss. Ich muss Geld holen, aber weiß nicht wie. Stehe vorm Geldautomaten, doch habe die PIN vergessen. Ohne die Zahlen kann ich nichts bezahlen. Zwei Fehlversuche später stolpere ich bargeldlos nach Hause; StandbyStubenhocker. Ich bin eine Maschine; gut geölt, doch schlecht gewartet. Rückblende Ende. Neun-Acht-Drei-Sieben; Neun-Acht-Drei-Sieben; Neun-AchtDrei-Sieben – domo arigato, Mr. Roboto. Im Geiste spreche ich die

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vierstellige PIN meiner EC-Karte durch. Wieder und wieder. Part man, part machine – Hobocop streift durchs Land mit Kinderpflastern an der Hand. Die Ampel ist rot und ich halte. Resigniertes Starren auf nass-vernebelten Asphalt. Die Pfützen der Straße reflektieren die Lichter herumstehender Ampeln; spiegeln vorbeifahrende Scheinwerfer. Ich sehe nicht zur Seite; blicke stur geradeaus. Links neben mir hält ein Auto, blinkt rechts. Ein 3er BMW; fünf Menschen; zwei Meter Entfernung. Im Gehörgang läuft noch immer Tocotronic umher. »Ich steig dann ein und bin dann gern allein«; heißt es dort, in meinen Ohren. ›Ich halte Abstand und bleibe gern allein‹, heißt es hier, auf der Straße. Im Augenwinkel, im Autoinneren, wird wild gestikuliert; sich angestrengt gebärdet. »Deutschland kriegt Stress mit den Boyz n the Hood – du hast Pech, weil jeder Gangster jetzt auf dich spuckt!«, tönt es aus dem Auto – ›Electrofaust‹ aus ›Vom Bordstein bis zur Skyline‹ – starkes Album eigentlich. Der Wagen ist voll mit kleinen Bushidos; mutige Jungs; ich zolle Respekt durch Arroganz. Das Fenster geht runter – Vollautomatik. Mein Blick geht zur Seite – Vollidiot. Habe augenscheinlich Augenkontakt. Gestatten: Arnie Geröllheimer – Beisitzer im faradayschen Käfig; Slimfit-Superstar; sonnenverwöhnter Affenfelsen, Bizeps hart wie Stein. Allem Anschein nach habe ich Glück und er sucht den Kontakt. Darauf habe ich gewartet; das hat mir noch gefehlt – menschliche Nähe. Ich gehe auf ihn zu, er geht gleich zur Sache; meine Hand gleitet geistesgegenwärtig in die Hosentasche. Fünf Finger für ein Hallelujah; ich drossel meinen Sound. ›Ich bin den ganzen Weg gerannt‹, flüstert mir Thees Uhlmann noch, immer leiser werdend, in mein Ohr, während Arnies Lippen tanzen. Bitte wiederholen Sie Ihre Eingabe, ich habe Sie leider nicht verstanden. Nichts, bis auf die letzten drei Worte – ich hab Probleme. Ich hab Probeme? Ja, ich hab Probleme. Ob er auch welche hat? Wir hätten viel gemeinsam. Erst Bushido und jetzt das. Ich denke an meine angestrebte Karriere als Fitness-Youtuber und fühle mich ihm verbunden; Brüder im Geiste. Also, Probleme? Welche Probleme? Blicke ich tief in seine dunklen Augen, sehe ich keine Probleme.

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konstantin amadeus koch • faustpfand


Nur Chancen. Meine Ohrhörer fallen aus dem Kopf, prallen an die Jacke. Gänsehaut – still ertönt ›Reprise-Crescendo – Sophia‹, aus ›Absolute Giganten‹. Wie spät ist es eigentlich?, frage ich mich. Und vielleicht fragen die sich das auch: »Meinen Sie, dass wir jungen Herren es rechtzeitig in die Hamburger Schule schaffen, oder denken Sie, es gäbe dahingehend Probleme?«. Nein. Ich habe Sie leider nicht verstanden und bitte um Wiederholung. Der Beifahrer ist gütig. Während mein Leben grad Revue passiert, blickt er mich an und repetiert: »Alles okay bei dir? Steckst du in Problemen? Du siehst traurig aus, Bro – lächel mal, das hilft!«. Die Ampel springt um auf Grün; die Reifen quietschen. Sie biegen ab, ich bleibe stehen. Aus den Kopfhörern dringt Peter Licht: »Führ’ du mich in die Nacht; führ mich raus; gib mir eine neue Idee«. Um mich herum wird es plötzlich hell; mit dem Kopf zwischen den Sternen. Und ich wander’ durch die warme Nacht. Das absolute Glück; drei Euro Faustpfand am Leergutautomaten. Und ich höre mich noch sagen: nicht die Hülle macht den Menschen zum Primaten, sondern Vorurteile und Schubladen.

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Jonas Niebelung Scham Er kriegte keinen mehr hoch, er kriegte einfach keinen mehr hoch und das war die größte Katastrophe. Wie sollte er das Saskia erklären. Unmöglich. Nicht auszudenken. Nicht denken, erst recht nicht sagen. Dass es ausgerechnet ihm … Aber dass es jetzt auch zuhause … Er verließ das Bad, murmelte etwas von »müsste nochmal auf die Arbeit«, »hätte vergessen, dass« und nun »wäre ihm siedend heiß eingefallen«. Saskia brachte kein Wort hervor, guckte ungläubig und sah ihm zu, wie er blitzschnell in seine Kleidung fuhr, sich das Handy schnappte, ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange warf und dann aus dem Schlafzimmer stürzte. Als er in der Diele im Erdgeschoss ankam, hielt er inne, stockte, griff langsam nach dem Autoschlüssel, er wusste, er musste jetzt wegfahren, es gab keine andere Möglichkeit, auch wenn er sich in keinster Weise dazu imstande fühlte. Er setzte sich ins Auto, fuhr los – langsam, quälend langsam. Sobald er die Ortschaft hinter sich gelassen hatte, nutzte er die nächste Gelegenheit und stellte sein Auto an den Straßenrand. Handy aus. Und fing an zu weinen – lautlos – erst sanft, dann schüttelten ihn lautlose Schluchzer. Er schämte sich so fürs Weinen, für seine Sprachlosigkeit, dafür, dass er sich nicht von vornherein zur Wehr gesetzt hatte, dafür, dass er anscheinend so schwach war. Warum hatte sie ihn ausgewählt, hatte sie geahnt, »dass man es mit ihm schon würde machen können«? Und warum hatte er nichts gemacht, nichts, als es angefangen hatte? Am Anfang ging er noch von einem Zufall aus, dass sie, seine Chefin, ihn aus Versehen gestreift hatte, dass ihr Schulterklopfen nur zufällig etwas bei ihm ausgelöst hatte, etwas, das er gar nicht richtig beschreiben konnte, dass sie ihm so nahe kam, dass sie, wenn niemand in der Nähe war, über sein Äußeres scherzte, nichts Vulgäres, doch irgendwie unangenehm, dass sie ihn am Hintern berührte, dass sie mit ihrem Stuhl an ihn heranrückte, ihre Hand auf seinen Oberschenkel legte – zu hoch, viel zu hoch – dass sie ihn aufforderte, sie zu massieren,

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jonas niebelung • scham


oder »könne er das auch nicht«, dass er sie massierte, dass er nichts sagte, nicht wegrückte, es geschehen ließ, dass er ihre Berührungen seines Schwanzes durch die Hose unerträglich fand, von Boxershorts zu Slips wechselte und sein Geschlechtsteil »nach hinten« legte, um es ihrer Hand auf seinem Oberschenkel zu entziehen, dass er das alles wochenlang ertragen hatte, die langsame Steigerung ertragen hatte und keine Möglichkeit sah zu entfliehen, sich zu entziehen, aber warum? Warum war er so gelähmt? Er konnte es sich nicht erklären und heute dann das bei Saskia, bei sich zuhause. Er war nicht in der Lage gewesen es auszublenden, ständig schob sich die Hand seiner Chefin ins Bild, ihr Geruch, ihre Präsenz, ihre Nähe. Wie hätte er irgendetwas davon Saskia erzählen können? Wie beginnen? Wie ihre Fragen aushalten? Und Fragen würden kommen, so gut kannte er sie. Würde sie ihm vorwerfen, es gewollt zu haben, sich heimlich genau das gewünscht zu haben, sexuelle Spannung – die Chefin – die andere Frau – das Abenteuer? Das könnte er nicht ertragen, das wäre schlimmer als alles andere. Schlimmer als jeden Morgen zur Arbeit zu gehen, schlimmer als ihr nicht entgehen zu können. Schlimmer als alles, was noch kommen könnte? Was könnte noch kommen? Sie hatte sich gesteigert, würde sie sich begnügen mit dem, was war? Würde sie weitergehen? Wie weit? Welche seiner Grenzen würde sie als nächstes überschreiten? Jetzt schon stellte sie ihn vor seinen Kollegen als Witzfigur dar, auch wenn sie immerhin keine Annäherungsversuche machte, solange die Anderen in der Nähe waren. Gestern hatte sie ihn zu sich ins Büro zitiert und ihm vorgeworfen (schon vor den Kollegen), er würde seine Arbeit nicht richtig machen. Und als er bei ihr im Büro war, teilte sie ihm mit, sie könne ihn nicht ewig schützen, wenn er seine Arbeit weiterhin so mangelhaft erledige, was eine absolute Lüge war. Sie beauftragte ihn mit einer Angelegenheit; während er mit dieser beschäftigt war, kamen die nächsten widersprechenden Anweisungen oder sie behauptete vor seinen Kollegen, sie hätte ihm einen ganz anderen Auftrag erteilt und warum er diesen nicht ausgeführt hätte. Knallharte Lügen, aber für Außenstehende (und alle anderen waren Außenstehende) eben nicht erkennbar.

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Es schüttelte ihn, wenn er daran dachte, wie sie sich ihm näherte und anfing seinen Hintern zu streicheln. Es war so absurd. Wer würde ihm schon glauben? Wer? Er hätte das doch auch keinem geglaubt und wenn, dann hätte er vermutlich gesagt: »Dann fick sie mal richtig durch, das geile Stück« oder etwas in diese Richtung. Er musste plötzlich würgen, öffnete die Tür und kotzte direkt neben das Fahrzeug, würgte weiter, bis das (inzwischen trockene und schmerzhafte) Würgen verebbte. Und dann das heute Abend zuhause. Saskia, die er ohne Erklärung nackt im Bett hatte liegen lassen. Er stellte die Rückenlehne runter und fiel in einen erschöpften, aber unruhigen Schlaf.

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jonas niebelung • scham


Jorge Scholz Dithyrambe unter der BrĂźcke

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Bin, liege, krieche. Unter euch. An euch vorbei. Zersinge eure Lieder von monetisierten Existenzen Zwischen Betonglassäulen, Landschaft ohne Horizont. Leere Sinne, im Exilwiderschlupf. Und entwirkliche die Glanzkulturlichter mit Pseudotuberkuloselachen. Doch die Membran aus Kälte hält. Deplorabel. Ich krame mich hinein in den Zivilisationsunrat. Ich ersticke am sterilen Griff der Weltfassade. Ich verdeliriere an eurem waffenstarren Blick, Tempelmauern askanischen Über-Lebens. Meine Zeit zerfällt zäh in schweigendes Leben. Schmierige Portraits an allen Tramstationen. Weder Kinderlächeln, Kaschemme noch Fantasmen noch Erinnerung halten mich. Keinen Regentag verachte ich mehr als trunknen Pöbel und euren Götzenblick und den uralten Dreck vor den Arkaden. Ich hasse die Salons, Schaufenster und grellen Worte, jene eure purpurnen Fackelzüge. Ich speie auf ungeleerte Straßen, sie sind freigeschüttete Traumflüsse und dahinströmende Brücken in einem Äther aus Bigotterie. Ich bin unter euch – nichts, und doch der elende Asphalt.

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jorge scholz • dithyrambe unter der brücke


Sören Gross FL, cont. Bald sind wir in der Mitte des Sees. Schon bald. Wir sind jetzt sehr weit draußen. Der Punkt, an dem mein Dauerlauf der letzten Tage sein Ende findet, ist nicht mehr weit entfernt. Dann liegt das eklige Land im Norden endlich hinter mir. Die Lichter von den Ufern sind jedenfalls bloß noch ganz klein in der Ferne zu sehen. Auf den Wellen blinken tausend schwebende Sterne. Das Glimmen der Zigarette, die der Mann an den Rudern vorhin noch geraucht hat, ist bereits erloschen. Das Boot schaukelt jetzt ein bisschen, ich glaube, ich muss mich gleich übergeben. Ich erinnere mich, wie ich als Kind zusammen mit Blair, einem Mädchen aus der Nachbarschaft, ins Kino ging. Ich aß dort eine große Menge Popcorn und schüttete mir Fanta rein. Irgendwann rumorte die zuckrige Masse dermaßen in meinem Bauch, dass ich während des Films aus dem Kinosaal rennen musste. Ich habe dann erstmal auf den schönen weinroten Teppich im Foyer gekotzt. Niemand beachtete mich, eine Kartenabreißerin schaute bloß verschämt auf ihre Fingernägel. Ich verschlief den Rest vom Film und nachher holte Bina mich ab und brachte mich ins Bett. Wahrscheinlich konnte sie die Kotze noch in meinem Atem riechen, sie hat aber nichts gesagt. Mir ist jetzt wirklich kalt. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was eigentlich mit meiner Jacke passiert ist. Ich denke an meine Freunde, und wie wir so vor uns hin leben. Das ist eigentlich Stoff für einen guten Beitrag im Fernsehen, Stichwort Wohlstandsverwahrlosung. Man wird uns aber missverstehen, denke ich, man wird uns für oberflächlich halten. Wir können immerhin Entscheidungen treffen, aber das wird nicht reichen, vermute ich. Als ob die Wahl zwischen Grün und Blau wichtiger wäre als die zwischen Rot und Schwarz. Eines Tages wird die Blase, in die man uns sorgsam eingehüllt hat, platzen. Wir haben nichts gelernt. All das Geld und die Privilegien haben uns bisher rein gar nichts gebracht. Ich merke, dass ich wohl ein dekadentes Leben führe, und dass mir aber zunehmend

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egal wird, auf welche Art man mich versteht. Selbst wenn ich wir sage, meine ich damit nur mich und vielleicht noch meine Freunde. Wie soll ich auch nur irgendetwas beurteilen können, was darüber hinausgeht. Dabei interessiere ich mich für viele Dinge, ein bisschen. Nur, für ein tiefgreifendes Verständnis reicht es nicht, sodass man eben annehmen könnte, ich sei oberflächlich. Das wird mir klar, jetzt, wo der Mann aufgehört hat zu rudern. Das ist hier wohl die Mitte vom See, sagt er. Wie eine Prophezeiung liegt die Dunkelheit über dem Wasser. Ich blicke mich um, versuche den Kilchberg in den Schemen auszumachen. Weil es so stockdunkel ist, kann ich aber nicht mal mehr sagen, aus welcher Richtung wir gekommen sind. Jetzt schaukelt das Boot gar nicht mehr. Die Oberfläche des Sees liegt vollkommen still da. Wie einfach es wäre, an dieser Stelle, in diesem Moment, zu verschwinden. Ich fühle, wie tatsächlich etwas zu Ende geht. Lieber Vater, ich bin auf der anderen Seite des Sees angekommen, ganz gleich, was in den Zeitungen zu lesen war. Wie hätte ich auch verschwinden sollen, ich war zu keinem Zeitpunkt allein. Nur, was passiert jetzt? Was wird in den kommenden Jahren sein? Ich habe noch immer nichts gelernt. Fürs Erste versuche ich mich an den Erinnerungen entlangzuhangeln. Es ist nicht viel, was ich noch weiß. Da ist die Geschichte mit Sarah, das war dermaßen peinlich, ich habe sie danach nie wieder gesehen. Ein paar Mal bin ich allein nach Italien geflogen, als wir noch das Ferienhaus in der Nähe von Lucca hatten. Auf Madeira war ich auch einmal, ich weiß noch, dass wir im Reid’s Hotel wohnten und dass ich bei so albernen Spielen am Pool mitgemacht habe. Das war mehr als bescheuert. Dann hören die Erinnerungen auch schon bald auf. Vielleicht hat Bina noch ein paar Fotografien. Aber ganz egal, was die Leute sagen, Vater, ich kann sehr wohl versuchen, herauszufinden, wer ich bin. Dazu, das weiß ich jetzt, bedarf es keiner Läuterung, keiner reuevollen Einsicht und Heimkehr. In diesem Land ist alles nicht so schlimm. Vielleicht sollte ich hier wohnen. Denn eines Tages wird die Blase platzen, und dann kann ich doch nicht mit leeren Händen dastehen.

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sören gross • fl, cont.


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fridtjof spatz • ohne titel


Martin Piekar Gegenwarten

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ant i Jetzt. Gegenwarten der Revolution. Warten als Existenz Erwartungshaltung ist Stase oder Tremens Wenn ich Majdan suche Weiß ich nicht, in welche Zeit ich googlen soll Den Geist als Brieföffner lesen Welcher ist der richtige für welche Daten? Ein Stochern im Bällchenpool Gegenwarten gehen nie in Nur an Gedichten verloren Die Zeiten kennen unsere Haltung nicht Und kümmern sich nicht Sie zu erfahren Wenn wir verändern wollen Ist es keine Frage der Zeit Wann es abgeschlossen ist, Kids Widererwarten Krieg Wider Revolution Ich weiß nicht, wohin als Schriftsteller Weil wir eine Generation sind Die über nichts mehr schreiben Können soll, Gegenwarten der Langeweile Endstation, bitte nicht aussteigen Das spart Zeit.

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martin piekar • gegenwarten


ant ii Oder später. Aufbruch dagegen Auf fb geteilte Angst ist Ungeteilte Aufmerksamkeit, Ferneuphoristen Bekommen keinen Wasserwerfer in die Fresse Und manche bedauern es Timelines nach Highlights gesichtet Als Borderliner werden wir das Gedicht haben Erzählerspotlights, ich schreibe Auf Zeiten und kenne keine außer meiner War nicht schon immer etwas los? Aufstände werden gefunden, keiner biedert sich an, Copypasterino ist für Revolutionen nicht möglich Das Strahlen des Newsstreams das Licht Der Revolution im Obduktionssaal Wenn wir austreten um UmStürze zu doodlen, finden wir Nur offensichtliche Fälle von MenschenRechtsverletzungen auf dem Bürgersteig.

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ant iii Irgendwann bald. Früher war alles Heute ist alles anders, soll ich glauben Irgendwo streiten Freiheiten Und sezieren Transparente, passivProgressiver Couchprotestler Weil es angenehmer ist blinde Blitze zu reiten Was sich da heranblinzelt erschrickt nicht Man verbucht und twittert den Waffenstillstand Als Sieg mit entsichertem Abzug Faustgeschwollene Städte, wo wildernde Erwartungen die Zeit bereiten sollen Sich zu ändern, die Sorge flößt mir Städte ein Ich lerne davon, dass dort Menschen leben Und hoffe es geht ihnen gut. Ich gluckse Über meine Naivität für Menschen Und die ewige Beschäftigung mit der Zukunft Bis wir mittelalterlich zählen und wählen Ungepflegte Tradition: die Angst zeitlos zu sein.

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martin piekar • gegenwarten


ant iiii Nun oder. Ich weiß nicht Wovon ich schreibe Wenn ich über Aufstände schreibe Ich nenne es Kiew und meine Paris Kairo Istanbul Iron Maidan - Fear of the Park Streck die Hand aus und Du greifst in Unwohl oder Unwahl Nicht, weil die Zeit dagegen ist Ich bin gegen sie Für den einen Einwegprotestler Kann ein Aufstand Milchschaum sein Für den anderen Horoskop Revolutionäre fragen nicht danach Und wir sprengen Türme der Kritik Wir vernebeln uns mit Schutt Vor andrem Schutt – das trägt schon noch Einer ab, denkt man sich, Am besten nach Farfaraway Und nimmt Rüstzeug gleich mit An dem wir uns später screenbreit empören Hier klärt sich nichts auf Ich sehe nur noch den Himmel Durch Lichtverschmutzung verdunkeln. Für Jan Kuhlbrodt

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Pauline Grün Nach uns: die Springflut Schwimmen und jagen und atmen und fressen. Schwimmen und atmen und jagen und fressen. Wir machen ganz normale Pottwalsachen. Achtzig Minuten unter Wasser das bei zwanzig km/h braucht schon mehr als eine Tonne Nahrung am Tag – Tintenfische, ja, wir sind schon so Gourmets, aber am Ende ist es doch mehr Masse als Definition. Wir schwimmen kilometerweit, neuerdings zu zweit, denn: Wir sind schon so zwei Pottwale mit Barten, wo die anderen Zähne haben

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pauline grün • nach uns: die springflut


Zwei Pottwale mit zehn Kilo Gehirn statt neuneinhalb. Wir sind gar nichts für die anderen, aber alles füreinander. Nicht anders, sondern besser, doch die anderen sagen: Schrottwale. Doch wir allein kennen das fluoreszente Seegras am Ende der Strömung. Das Flirren des Planktons, wenn das Echolot uns gen Osten lenkt. Achtzig Minuten unter Wasser und das bei zwanzig km/h – schwimmen und tauchen und jagen das Flimmern im Osten weit weg von den anderen, doch wir sind ja zu zweit und nur da füreinander. Was soll schon passieren? ***

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Ein Flossenschlag zu viel Unter mir die Sandbank Darüber: kein Meer, aber du: da drüben am Strand. Was soll schon passieren? Denn hier sind auch alle anderen Schrottwale.

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pauline grün • nach uns: die springflut


Linn Konservenfrühstück Des Abends matter Schimmer verfolgt mich bis in den tiefsten Abgrund des Seins. Man muss nichts, außer sterben zum Schluss. Und doch, ich fühle den Zwang, fühle beinahe bis überwiegend körperlich, psychosomatischer Unterleibsschmerz. Das Egoimage leidet unter der eigenen Wehleidigkeit. Ich bin leer, der niedrige Blutzuckerspiegel setzt mir zu, ich setze die Kürze der Zeitspanne entgegen, die es versagt, Nagelust einzubringen. Die innere Stimme – es hallt, wenn sie spricht – verspricht Lohnung, die dahinter wirft vor. Hunger auf Abenteuer, Hunger auf Einssein, Hunger auf weniger. All das sorgt besorgnis­erregend paradox für Gelüste nach Mehr, obgleich man sich beginnt zu wundern, warum man nicht längst mit dem Behältnis für den resultierenden Plastikverpackungsmüll mithalten kann. Das kommt mit dem Alter. Wenn man dann genug hat, sagt, jetzt schließe ich ab damit, muss man Acht geben, dass man nicht versehentlich doch was mit einsperrt, auch in den letzten Flusen wohnt Leben, und die stecken immer noch im verkrumpeltsten Winkel der Blümchenbettwäsche, wenn sie aus dem Wäschetrockner kommt, trotz Intensivfleckenwäsche mit Weichspüler und Extraspülen, Schleudergang mit 1600 Umdrehungen. Das Kellerfenster ist mit feinrundmaschigem Flusensieb ausgestattet. Als würden die freiwillig das Weite suchen. Der optimale Nährboden ist dunkle Feuchte, kühle unfreiwillige Restwärme. Wächst im Gezweig weiter, was sich im Wurzelbett früh gesponnen hat? Außen ist, was das Innen sich sucht. Dein Außen ist mein Innen ist nicht Dasselbe und nichtmal das Gleiche. Du sagst, was du meinst, und ich höre, was du sprichst, und viel mehr bedeutet doch, was niemand hier sagt, wir treiben an der gleichen Oberfläche in tausend verschiedenen Tümpeln, Tiefgang verschafft höchstens ein gezielter Hieb mit der flachen Hand, und irgendwen trifft die resultierende Pseudogicht unter der Gürtellinie, oder das flachwabernde Grün, man

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der schnipsel # 14


meint, das mannigfaltige Algenuniversum bis auf den Grund zu durchschauen in trüber Gelassenheit. Von wirklichem Seegang, Matrosenliedern und Bruderschaftstrinken keine Spur. Der Feldstecher liegt behütet in der Schreibtischschublade. Oder vergessen. Man braucht ihn aber ja auch nicht, man guckt ja doch allein in die Röhre damit, und dann schließt sich der Kreis, nein, man hat nicht vor lauter Klarsicht den optischen Vierzigtausendeinundsiebzigkilometerkreis um die Erde geschlagen, sondern nur zu tief ins Glas geschaut. Was folgt, ist unschwer von beflügelnd sinnschwangerer Erkenntniserfahrung zu unterscheiden, und dann tut man doch gut daran, sich mal wieder eine Konservendose zum Frühstück zu gönnen.

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linn • konservenfrühstück


Lennart Pletsch Lรถsung des sogenannten Leib-Seele-Problems in 14 Strophen

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Mutter hatte stets gesagt: Kinder, dass ihr Helme tragt! Wenn ihr in der Frühlingssonne Freudig eifernd und voll Wonne Auf der Straße Fahrrad fahrt Doch seht her: der eitle Knabe Richtet sich sein eigen Grabe Einerlei ist Mutters Rat Für des Schelmen flinke Fahrt Heimwärts vom frivol’ Gelage Bums!, da ist es schon geschehen Blutig wie aus frischen Wehen Liegt das Hänschen auf Asphalt Und der Wagen macht nicht Halt Um der Strafe zu entgehen Als der Kopf die Straße küsste Schmerzlich der den Helm vermisste Darum sprang das Haupt entzwei Wie ein ungekochtes Ei Und verteilt sich auf der Piste Hans holt nun der Sensenmann Das junge Leben ist vertan Doch halt! Es regt sich in der Grütze Aus der rot-weiß-grauen Pfütze Windet sich ein Stück Verstand

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lennart pletsch • lösung des sogenannten leib-seele-problems in 14 strophen


Ich bin die Amygdala! -Spricht das kleine Kerlchen daUnd weil ich das Fürchten kriege Mache ich zuerst die Biege Spricht’s und macht sein Sinnen wahr Ein and’rer schreit: Niemand verschwinde! Ich bin die präfrontale Rinde! Du machst Dich nicht auf Schusters Rappen Du tunichtguter Jammerlappen! Nur wegen Dir begehen wir Sünde! Doch wer führt uns’re Truppe an? Murrt ein anderes Hirnorgan Ohne mich könnt ihr nicht reden Ohne Worte – wohin streben? Also führe ich uns an! Ohne mich versteht ihr nicht! Broca ist ein tauber Wicht Wollt ihr Babel euch erspar’n Setzt Wernicke dem Trupp vornan Weil Verstehen Sprechen sticht Und ein Fünfter schreit dazwischen Wollt ihr denn im Dunkeln fischen? Bin das Seepferd, ohne mich Gibt es die Erinn’rung nicht Alles würde jäh verwischen

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Ei, schaut her, wie sie sich zanken! Triebe, Träume und Gedanken Wie im Leben, noch im Tod Führt Hänschens Hirn den Dialog Darum, wer Oberhand behält Da löst sich aus der Gallertmasse Eine klitzekleine Blase Von der man dachte: ohne Zweck Und ließ sie in den Büchern weg Und piepst nur eine einz’ge Phrase: Wenn ich schwinde, seid ihr nicht Lasst ab von eurem Tollgericht Wer bist Du? rufen alle Helden Was hast Du schon zu vermelden? Zum Bläschen, das keinem ander’n glich Zum Himmel steigt die kleine Blase Ruft zu den Freunden auf der Straße: Seele nennt der Volksmund mich Doch der Fachmann kennt mich nicht Und ihr: ihr habt mich längst vergessen!

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lennart pletsch • lösung des sogenannten leib-seele-problems in 14 strophen


Sigrun Benesch Beeren im Bären Schwarze Bären kullern in mir Dick und rund vom roten Saft Trommeln heftig gegen Wände Trunkenkrank an eig’ner Last Könnt` ich doch nur in mich kehren Greifen, quetschen Beer’ im Bär Wüsste nun was mir verheißen: Bären äß ich nimmermehr! Und so krauchen sie nun weiter Jene, die schon längst nicht mehr Schwarz sind, sondern gelb vom Eiter Nüchtern nun, im Blick so leer … Schalen kriechen leis’ in Gängen Schalen die schon ewig her Saftig kullern, prall im Ganzen Hoffnung gaben auf ein Mehr

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sigrun benesch • beeren im bären


Alexei Vesselov Der Tag des Lauts [a] Der Tag des Lauts [a] wird in Russland am 21. August zu Ehren des Geburtstags von dem berühmten avantgardistischen Dichter Gennadi Aigi (1934 –2006) inoffiziell gefeiert. 1. … Der Tag hat – an sich – keinen Laut. 2. Trotzdem hören wir: 3. Kein [a] Als In-ter-jek-tion, Oder Der Teil –Ein echter wichtiger– Des Verbes. Doch [a:] Als durch die Welt Von fern gesendeter, Von Ewigkeitsbedeutung, »Aus der Finsternis Ent-Führt« 4. Das Fragment Aus’m Gesang Der Wildtaube Wiederholt sich In Liedern aus Fallrohren.

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5. Und klingt wie: [ã]…[ã]…[ã] 6. Ferne Und nahe Trotzdem gut erkennbar: Die Stimmen Der glücklichen Leute Streben nach [a] a

7. [a] – Den Tag Zu feiern Mein Diktafon und ich Da sind wir in den Park gegangen. Dort haben wir Zusammen mit dem Wind Und Weiden Den Laut [a] aufgenommen. Der tönt fast wie: [a ʊ]…[a ʊ] 8. … Wie A und O Ist unser Laut. Und der Tag ist schon vorbei. 9. Und der Ton hat =Bis jetzt= nicht begonnen.

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alexei vesselov • der tag des lauts [a]


herausgeber _innen und redaktion Andre Jonas, Maline Kotetzki, Elena Kruse, Birger Niehaus, Katharina Noß, Zara Zerbe und Nikolai Ziemer gestaltung Tim Schöning umschlaggestaltung Tim Schöning druck und verarbeitung Druckwerkstatt der Muthesius Kunsthochschule auflage Nº ______ /700 bankverbindung für spenden Matthias Birger Niehaus, iban: de 47 2105 0170 1002 6711 45, bic: nolade21kie kontakt schnipselmagazin @googlemail.com www.der-schnipsel.de www.facebook.com/der.schnipsel Die Rechte für eingesendete Texte verbleiben bei den Autor_innen. Namentlich gekennzeichnete Beiträge entsprechen nicht unbedingt den Auffassungen der Herausgeber_innen. © 2016, Andre Jonas, Maline Kotetzki, Elena Kruse, Birger Niehaus, Katharina Noß, Zara Zerbe, Nikolai Ziemer 14. Ausgabe, Juli 2016

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