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ein euro | november 09

wie, wann, wohin du willst?


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L

iebe LeserInnen,

Nach langem Warten ist nun endlich die neue SchülerInnenZeitung da. Sie hat einen neuen Namen, der nun hoffentlich Anklang findet. In der neuen Ausgabe beschäftigen sich die RedakteurInnen mit Reisen: Dem Verreisen. Dem alleine Verreisen. Verreisen im Sinne von Austausch. Andere Kulturen, andere Sitten, Gefahren, Essen, Flugzeugabsturz. - In einer der Redaktionssitzungen haben wir uns auf das Thema Reisen als Jugendlicher geeinigt, unter dem Titel „wie, wann, wohin du willst“ sind uns beim Brainstorming sehr viele Begriffe eingefallen, so viele wie möglich versuchen wir nun, in der Ausgabe, die ihr in Händen haltet, unterzubringen. Was haltet ihr von Reisen? Wie reist ihr? Mit dem Flieger? Oder mit dem Zug? Lauft ihr? Verreist ihr mit Freunden? Vielleicht sogar mit dem Freund oder der Freundin? Was sagen eure Eltern?

schreibt uns doch: sz_msg@gmx.de 

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editorial


inhalt

11 REISEN - 12 In 12 Tagen um die skandinavische Welt -

Ma n m

20 Wenn

die Welt auseinanderbricht - 22 Ein Virus reist durch die Welt - 23 »Die

... Herr R

große, weite Welt« - 25 Und was hörst du? - 27 Rom - 28 Ich brauche Urlaub

30 DAS SALBEIBONBON

... die To

34 WARUM SAGST DU ES NICHT EINFACH?

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EVERGREENS: LITERATUR 06 | LEHRER 08 | IMPRESSUM 38

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literatur Der Erdbeerpflücker Monika Feth 7,90 euro, erschienen bei cbt

Als ihre Freundin Caro tot aufgefunden wird, schwört Jette öffentlich Racheund macht den Mörder damit auf sich aufmerksam. Er nähert sich Jette als Freund und sie verliebt sich in ihn, ohne zu ahnen, mit wem sie es zu tun hat. Dieses Buch ist immer sehr spannend. Es reißt einen in die Thriller-Welt, man liest es daher sehr schnell. Ich empfehle es weiter, weil ich es sehr schön geschrieben finde und es einen klaren Inhalt hat. - empfohlen von sophie-marie

Der Joker

Markus Zusak

9,95 euro erschienen bei Blanvalet

Ed Kennedy, ein neunzehnjähriger Taxifahrer, der mit seinem Hund namens Türsteher in einer australischen Kleinstadt lebt, verhindert durch Zufall einen Bankraub. Ein Tag später liegt eine Spielkarte in seinem Briefkasten. Auf ihr stehen drei Adressen mit jeweils einer Uhrzeit dahinter. Die Menschen, zu denen die Adressen führen, brauchen Hilfe. Als Teil eines für ihn nicht durchschaubaren Spiels begibt sich Ed auf eine Mission, bei der diese Karte nicht die letzte war, die ihren Weg zu Ed Kennedy findet... Wieder einmal hat Markus Zusak mit viel Witz und Feingefühl eine etwas anspruchsvollere Geschichte geschrieben, die den Leser zum Nachdenken anregt.

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- empfohlen von

Die Bücherdiebin

Markus Zusak

9,95 euro erschienen bei Blanvalet

Das Buch „Die Bücherdiebin” von Markus Zusak spielt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Geschickt erzählt Zusak die Geschichte aus der Sicht des Todes, der immer wieder das Mädchen Liesel beobachtet, das von dem Ehepaar Hubermann aufgenommen wird. Auf dem Weg zu ihrer neuen Familie stirbt Liesels kleiner Bruder und sie findet ihr erstes Buch – ein Handbuch für Totengräber. Es ist das erste von vielen gestohlenen Büchern, mit ihm lernt sie mühsam das Lesen und das Schreiben, was ihr später sogar das Leben rettet. „Die Bücherdiebin” erzählt liebevoll die Geschichte eines Mädchens, das seinen Weg durch die Gefahren und Schrecken des Zweiten Weltkriegs findet, und doch steht dieser nicht im Mittelpunkt. Ein gutes Buch, das einen bis zum Schluss fesselt. - empfohlen von


Schwarze Kobra Ilkka Remes 8,95 euro, erschienen bei dtv extra

»actionreicher Pageturner mit explosiver Spannung!« Liest du gerne Thriller? Wenn ja, dann ist dieses Buch perfekt! Es ist zwar der zweite Band über den Jungen Aaro Nortamo, lässt sich aber auch gut ohne das Wissen von Band 1 lesen. Aber von vorne: das Buch handelt von dem 14-jährigen Aaro Nortamo, der in Helsinki aufwächst. Seine Mutter arbeitet in Brüssel und ist deswegen selten zu Hause. Sein Vater (Anti-Terror-Spezialist/ Polizist) ist dagegen immer in Aaros Nähe. Aaro lernt via Internet ein Mädchen namens Gemma kennen. Eins weiß er aber nicht: Gemma ist nur ein Lockvogel für ihren Vater. Er findet dieses Mädchen so nett, dass er sie kennen lernen möchte. Doch sie wohnt in London. Zufälligerweise wohnt sein Cousin ebenfalls dort; ist das nicht ein Grund ihn mal wieder zu besuchen? Also macht sich Aaro auf den Weg nach London. Zur gleichen Zeit bereitet der Ire Liam Dolan einen tollkühnen Coup unter dem Namen <Operation Schwarze Kobra> in London vor. Er braucht Aaro, denn Aaro ist die perfekte Person für einen Autoüberfall. Dies alles sind die spannenden Zutaten; wie es weitergeht, kannst du dann lesen. Eins sage ich aber noch: Es geschieht alles anders als geplant. Es landet alles in den falschen Händen. Aaro ist mittendrin - am Schluss sind Gemma und er die einzigen, die noch etwas drehen können. Hier eine kleine Leseprobe: „Aaro wir müssen gehen“, sagte Gemma mit schriller Stimme. „Wohin denn?“ Bevor er eine Antwort bekam, bog ein grauer Lieferwagen um die Ecke. Direkt vor ihnen bremste er so stark, dass der Sand spritzte. Auf der Beifahrerseite sprang ein großer, stämmiger Mann heraus. Er packte Aaro am Arm, entriss ihm das Handy und führte ihn zur Hecktür. ... (S.99) Na, Lust bekommen? Ich kann nur sagen: lies das Buch, es ist fantastisch geschrieben, man kann nicht mehr aufhören zu lesen, das versichere ich! Viel Spaß beim Lesen! Ilkka Remes – Schwarze Kobra dtv extra erschienen 04.2009 ISBN 978-3-423-71348-1 8,95€ Vom gleichen Autor gibt es auch einen ersten Band, der genauso lesenswert ist:

»Operation Ocean Emerald« - empfohlen von luisa schmidt-rave

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»Sesshaft werden« Von

rau Pastoors ist Lehrerin am MSG. Da Sie noch nicht so lange an der Schule ist, stellt DIE schulZEIT ihr ein paar Fragen:

DIE schulZEIT: Was war ihr Traumberuf als Schülerin? Fr. Pastoors: Ich wollte schon immer einen Beruf ausüben, der Menschen fördert. Da gab es immer mehrere Möglichkeiten: irgendwas mit Sport, Erzieherisches oder etwas mit Psychologie. DIE schulZEIT: Und ab wann war es dann der Beruf des Lehrers? Fr. Pastoors: Mit 18 nach dem Abitur, als ich mich entscheiden musste. Da war das Erlernen des Lehramts am Besten, weil ich alles (Sport & Sozialkunde und das Fördern der Menschen) perfekt kombinieren konnte. DIE schulZEIT: Was waren ihre Lieblingsfächer? Fr. Pastoors: Auf jeden Fall Sport, Sozialkunde, Bio und Kreatives.

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DIE schulZEIT: Wo haben sie studiert? Fr. Pastoors: In Halle/ Wittenberg an der Martin-Luther-Universität. DIE schulZEIT: Sind sie gerne an unserer Schule? Fr. Pastoors: Ja! Die Schüler sind aufgeschlossen, fröhlich, direkt und motiviert. DIE schulZEIT: Gibt es hier ein gutes Schulklima? Fr. Pastoors: Ja! Es gibt keinen Konkurrenzkampf also auch kein Egoismus. Außerdem wird viel Wert auf die Teamfähigkeit gelegt und all diese Faktoren bilden ein gutes Schulklima. DIE schulZEIT: Was halten sie von angesagten HÜ’s? Fr. Pastoors: Das sollte jeder selbst entscheiden, es kommt auf das Fach, die Fülle des Stoffes und die Einbringung der Schüler an.


DIE schulZEIT: Nun zu ihrer privaten Seite: Haben sie Haustiere? Fr. Pastoors: Ja, einen kleinen, frechen Hund (Zwergpinscher) DIE schulZEIT: Welchen Hobbys gehen sie nach? Fr. Pastoors: Viel Sport: Fitnessstudio, Badminton, Tanz; aber es muss abwechslungsreich sein.

DIE schulZEIT: Haben sie ein Lebensmotto? Fr. Pastoors: Kein Lebensmotto, aber ich lebe danach, dass man nicht nur arbeiten soll, sondern auch ausgeglichen sein sollte. Es muss eine schöne Kombination sein.

DIE schulZEIT: Besitzen sie ein

DIE schulZEIT: Und jetzt noch ein Appell/ Schlusssatz an die Schüler!

Fr. Pastoors: Ja, „Sakrileg“ von Dan Brown und noch viele spannende Bücher mehr.

Fr. Pastoors: Bleib motiviert, setze dir Ziele und versuche sie umzusetzen. Jeder sollte jedem mit Respekt/Offenheit begegnen.

Lieblingsbuch?

DIE schulZEIT: Was ist ihr größter Wunsch? Fr. Pastoors: Ich möchte unbedingt sesshaft werden (in Landau), mich heimisch fühlen, eine Familie haben, das alles ist für mich ein Ausgleich zum Beruf. Aber natürlich möchte ich gesund bleiben!

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Hörst du noch? Von Maja Theisinger

u hast doch die neuesten Lieder auf deinem iPod! Lass mal hören.” Sätze wie diesen hört man täglich. Fast jeder besitzt heutzutage einen MP3-Player, iPod oder andere diverse Musikplayer. Auf dem Schulweg, zum Entspannen oder nach dem letzten Streit mit den Eltern, unsere kleinen Player sind immer handlich in der Hosentasche verstaut und überall dabei. Wenn die Stöpsel erst einmal in den Ohren sind und die eigene Lieblingsmusik auf volle Lautstärke gedreht wird, ist alles vergessen. Natürlich kommt bei uns der gewünschte Effekt des Beats erst dann, wenn die Bässe in den Ohren richtig anfangen weh zu tun und die Außenwelt nicht mehr zu verstehen ist. Was allerdings bei uns jetzt das pure Vergnügen bedeutet, kann schwere Folgen mit sich bringen. Jeder Einzelne kennt die Moralpredigten der Eltern: „Du wirst schon noch früh genug merken, was du dir mit deiner lauten Musik antust.” Spätestens nach der 2. „Warnung” stellen wir die Ohren auf 'Durchzug‘ und

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lassen unsere Eltern einfach nur reden. Doch sie haben wirklich Recht! Die durchschnittliche Lautstärke, mit der wir hören, liegt bei 92 Dezibel. Das ist so laut wie ein vorbeifahrender LKW und liegt nur 40 Dezibel unter der menschlichen Schmerzgrenze. Bei den meisten zeigen sich die erst nur durch Pfeifgeräusche und vorübergehende Schwerhörigkeit. Allerdings wird sich dies nach einigen Jahren negativ auf euer Herz-Kreislaufsystem, eure Konzentrationsfähigkeit und eure Gedächtnisleistung auswirken. Obwohl diese Anzeichen im Moment noch nicht vorhanden sind, darf man sie nicht unterschätzen. Natürlich heißt das nicht, dass wir unsere geliebten iPods oder MP3-Player nicht mehr benutzen sollen. Es ist zum Beispiel besser, wenn man nicht mehr die kleinen Stöpsel benutzt, sondern große Kopfhörer, die andere Umweltgeräusche besser dämmen und man so den Player nicht zu laut stellen muss, um die Musik zu hören. Es werden jetzt sogar neue Gesetze gemacht, die angeben, dass Warnhinweise auf den Verpackungen der Musikplayer stehen müssen und die Lautstärke der iPods soll von der Firma nur so laut ein-


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In 22 Tagen um die skandinavische Welt reise

Von Niklas Beinghaus

s sind nur noch wenige Tage, die verbleiben, bis endlich die lang ersehnten Sommerferien beginnnen. Viele Schülerinnen und Schüler freuen sich wahrscheinlich auf ihren Spanienurlaub am Strand und das Meer - Ein bisschen Karibik in Europa. Anders wir. Drei Wochen lang, das heißt zweiundzwanzig Tage, geht es einmal quer durch Skandinavien. Nein, die Flüge sind nicht teuer - Aber das interessiert uns sowieso nicht, da die ganze Strecke nur mit dem Zug bewältigt wird. "Das wird ja nur anstrengend, wo bleibt da die Entspannung?" denken wahrscheinlich einige jetzt, wo sie doch noch nicht einmal daran gedacht haben, wie entspannend Zugfahren - ganz im Gegensatz zum Fliegen übrigens - sein kann. Zunächst einmal sollte natürlich gesagt sein, dass es einer solchen Tour einiges an Planung im Vorhinein bedarf, man sollte nicht denken, dass man einfach so drauf los fahren kann. Hat man das jedoch einmal hinter sich, kann man die Pläne wieder vergessen, da man sich sowieso nicht daran hält. Wahrscheinlich klingt dies nun unverständlich. Gleich am ersten Tag oder vielmehr in der Nacht vom ersten auf den zweiten Tag unserer Reise, die wir ursprünglich in der Stadt Odense in Dänemark unterbrechen sollen, weil laut Internet kein Zug mehr fährt, stellte sich das Gegenteil heraus, sodass wir weiter bis in die Hauptstadt Kopenhagen fahren können. Malmö liegt ungefähr 20 Kilometer von Kopenhagen entfernt auf der anderen Seite des Öresundkanals, der Dänemark von Schweden trennt. An einem Tag und in einer Nacht schaffen wir also, was für zwei Tage vorgesehen ist. Nun leider funktioniert nicht alles so reibungslos und so haben wir die Freude, eine Nacht in Malmö vor dem Bahnhofsgebäude zu campieren, um am nächsten Morgen festzustellen, dass auch der Zug, mit dem wir weiterfahren wollen, ausgebucht ist. Der Schnellzug, der uns nicht mitnimmt, beschert uns also einige weitere Stunden vor und im Bahnhofsgebäude. Die Nacht gestaltet sich recht amüsant, wenn auch lang und anstrengend und kalt, geht die Sonne auch in Südschweden erst deutlich später unter als bei uns in Deutschland. Zunächst bereiten wir unser Abendessen, Nudeln mit Emmentalersoße Tiroler Art, auf dem kleinen Gas-Kocher, der schwer an den nicht vermissten ChemieUnterricht erinnert, zu. Beim Vorlesen der Zutaten zucke ich leicht zusammen, merke ich doch, dass in nahezu jeder Zutatenliste der Fertigtrockenprodukte, die wir im Vorhinein eingekauft haben, Geschmacksverstärker, Glutamate beispielsweise, enthalten sind. Sie sollen wohl den ohnehin schlechten Geschmack ein wenig vertuschen, bewirken jedoch das Gegenteil, schmeckt es doch nun noch stärker unnatürlich. Beim Essen fällt uns die Wasserpfeife ein, die wir zum Entspannen eingepackt haben. Nach einem gemütlich gerauchten Kopf beschließen die zwei Mädchen unter uns, zu schlafen, oder das zumindest zu versuchen. Nach einem halben Tag Wartezeit unfreiwilliger Wartezeit dann, in der Bahnhofshalle von Malmö, stellen wir fest, dass Sebastians Geldbörse fehlt. „Habt ihr auch im Rucksack nachgeschaut?“ frage ich ein wenig panisch. „Ja, klar, gleich als erstes.“ Dabei ist so ein Rucksack gar nicht so übersichtlich. Vollbepackt, knappe dreißig Kilo schwer, Zelt, Isomatte, Schlafsack, Klamotten, Kochsachen, Geschirr, Lebensmittel. Nun, das Geld und seine Maestrokarte, mit der wir ursprünglich Geld abheben wollten, finden sich nicht. Wir lassen also die Karte

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Foto & Scherenschnitt: Niklas Beinghaus


sperren, suchen noch einmal alles ab, finden nichts, und entscheiden schließlich, Bargeld im Wechselbüro zu wechseln. Schwedische Kronen, das macht bei zweihundert Euro in Etwa zweitausend Kronen. Was zunächst recht viel scheint, ist weniger, als man sich erträumt. Lebensmittel kosten etwa das doppelte, Frisches wie Gemüse und Obst sogar häufig noch ein wenig mehr. Endlich fährt ein Zug ein, der uns zumindest in Richtung Stockholm, Schwedens Hauptstadt, befördert. Zügig steigen wir ein, wenige Minuten später sind wir auch schon unterwegs in einem Zug der so komfortabel ist, dass wir kaum glauben können, dass es sich dabei um einen Regionalzug handelt. In Alvesta, einer kleinen Stadt im Westen Växjös, einer Stadt im mittleren Süden Schwedens, beendet der Zugfahrer die Fahrt, zunächst auf Schwedisch, dann auf Englisch: „Dear passengers, we arrived in Alvesta, please leave the train, this is the end station.“ Akzentfrei. Nun nach zehn Minuten fährt der nächste Zug in Richtung Stockholm, zunächst nach Jonköping, einer Stadt im Süden des Vättern, eines riesigen Sees, dann weiter nach Falköping. In Falköping regnet es. Wir wissen nicht genau, wann der nächste Zug fährt, es ist ungefähr viertel nach drei nachmittags. Die Supermärkte haben auch an Sonntagen auf, also kaufen wir ein. Cornflakes, Jogurt, etwas zu trinken, Paprika und Tomaten. Je weiter wir im Süden einkaufen, desto billiger ist es, so unsere Rechnung. Billiger ist nur bedingt richtig, weniger teuer trifft es eher. Wir haben nicht darauf geachtet, dass der Anschlusszug nur eine halbe Stunde nach unserer Ankunft abgefahren ist, haben ihn also verpasst. Da es regnet und die mysteriöse Drogenabhängige uns ein wenig verängstigt, beschließen wir, die Nacht in der Jugendherberge Falköping zu verbringen. Eine freundliche Dame öffnet uns, wir treten ein und buchen ein Zimmer für vier Personen. Es gibt warme Duschen, die ersten seit unserer Abfahrt in Deutschland, die wir dringend nötig haben, eine Küche, in der wir uns ein Abendessen zubereiten und dabei nicht

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reise

unser Campinggeschirr dreckig machen müssen, und zu guter Letzt einen kostenlosen Internetzugang, den ich mit dem Laptop benutzen kann. So können wir nun planen, wann wir weiterfahren, dank Onlinekarten mit Satellitenbild wissen wir sogar schon, wo wir in zwei Nächten wild cam-

pieren werden, Stockholm kommt uns dank der Bilder auch immer bekannter vor, auch, als wir mittags endlich ankommen, und unser Quartier in einer weiteren Jugendherberge, vorab reserviert, beziehen wollen. Wir kommen in ein Gebäude, es sieht aus wie ein Hotel, es stellt sich heraus, dass es ein Hotel ist, mit einem Bereich, der als Jugendherberge dient. Ich gebe der freundlichen Frau meine Reservierungsbestätigung, sie gibt die Nummer ein und schaut mich etwas fragend und verwundert an. Weder die Nummer noch der Name existiert. Die Frau ist hilflos, da sie ja die Bestätigung mit der Nummer in der Hand hält und bittet ihre Kollegin um Hilfe. Diese kann sich das Fehlen sämtlicher Daten im System auch nicht erklären und bietet uns kurzer Hand einen Bungalow an, der zudem billiger ist, als das, was wir zuvor gebucht hatten, wir stimmen erfreut zu, sie garantiert uns, den Bungalow, der für acht Personen gedacht ist, für uns alleine zu haben, entschuldigt sich mehrmals, gibt uns Bettlaken, die normalerweise Geld kosten, fragt uns ob wir frühstücken möchten, was wir ohnehin wollten und drückt uns Coupons in die Hand, mit denen wir umsonst frühstücken dürfen. Erstaunt über die Freundlichkeit der Frau bedanken wir uns und beziehen das kleine Haus im Innenhof der Hotelanlage, die wir als weitaus weniger luxuriös eingeschätzt hatten. Unsere Mägen grummeln gemeinsam die

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Charts rauf und runter, alles was wir wollen ist eine anständige Abendmahlzeit. Also fahren wir mit unseren Tickets in die Innenstadt Stockholms, irren ohne jeden Orientierungssinn herum und treffen auf ein wohlriechendes italienisches Restaurant mit Terrasse. Die Preise schockieren uns schon nicht mehr, fünfzehn Euro sind normal für eine Pizza. Wir denken uns fünf Gänge dazu und genießen den Sonnenuntergang, begleitet von mehreren

Interrail ist nicht Friede, Freude, Eierkuchen!

Heißluftballons, die in den verschiedensten Farben über die Dächer Stockholms fliegen.

Was nach dem Zahlen kommt, ist nicht angenehm zu erzählen, aber der Vollständigkeit halber muss es gesagt werden. Interrail ist nicht Friede, Freude, Eierkuchen! Wir streiten uns. Es geht um Kleinigkeiten. Die beiden Mädchen, die uns begleiten, wollen wissen, wo sie in der Nächsten Nacht schlafen, wollen wissen, was sie essen, wo sie sind. Mir ist das egal. Das sehe ich immer noch, wenn ich da bin. Und Sebastian geht es genauso. Am nächsten Morgen ist der Streit verflogen, das kostenlose Frühstücksbüffet begeistert uns alle, auch wenn wir uns noch nicht so recht mit einigen wenigen Angewohnheiten schwedischer Familien abgefunden haben, die ihre Brote schon morgens um 9:00 Uhr mit Billigkaviarfischpaste beschmieren und sie gierig in ihren Mund stopfen. Wir beschließen das Quartier nun doch zu wechseln, ein „Backpacker’s Inn“ verspricht Gleichgesinnten näher zu kommen. Was wir Vor-

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finden, ist nichts als eine Schule, die in den Sommerferien der schwedischen Schülerinnen und Schüler mit Ikeastockbetten vollgestellt s den eine billige Übernachtungsmöglichkeit bieten zu können. Geduscht wird in einer Turnhalle. Hygiene sieht anders aus. Aber die Me treffen, sind nett. „Viele Deutsche hier…“ hört man von Nachbartischen, genau das, was uns auch durch den Kopf geht, als wir üb Schule blicken und unser Abendessen planen, Kjødbollar mit Paprika und Kartoffelpüree. Das ist billiger als Essen gehen. Aber genau Deutschland Essen im billigen Restaurant. Die Flasche Wein fehlt, kostet sie doch das Vierfache des „Normalpreises“ und ist sie doch nicht erhältlich. Das stört uns nicht. Die romantische Atmosphäre aus Draht gefertigter Schulbänke auf dem Schulhof lässt nicht zu w fehlen nur noch die Kerzen. Danach Abspülen unter der Dusche, eine Shisha rauchen, kurz die sozialen Kontakte online pflegen und üb nächsten Tag passieren soll. Lene. Ein Ort, so groß wie die Meisten ihn sich nicht vorstellen können, es gibt immerhin drei Häuser, trotzdem wunderschön an einem so groß, wie ihn sich niemand vorstellen kann, der ihn nicht gesehen hat – mindestens zweimal größer als der Bodensee – bietet uns das lager. Wild. Mitten in der freien Natur. Spät abends, nach dem Abendessen, treffen wir doch noch ein Ehepaar, das ihren Hunden gönnt. Anders als man es erwartet, scheinen sie nicht überrascht, ganz im Gegenteil freuen sie sich über Besucher, begrüßen uns höflich Kuhdorf kein Wunder“, denke ich später. Die Nacht ist still. So still, das kennt man gar nicht, wenn man in Deutschland lebt. Nicht im hintersten Winkel der Gehörgänge lässt s räusch erahnen, es gibt keine Autobahn in der Nähe, die einen stören könnte, die Straße die gerademal knappe hundert Meter von uns entfernt ist, hört man nicht, nachts fährt an der sowieso schon stillen Ortschaft erst recht niemand vorbei. Der Morgen ist, als wäre eine neue Welt geschaffen worden. Das Gras, von Frühtau überzogen, fühlt sich ganz ungewohnt unter den n ßen an. Sebastian und ich krabbeln aus dem orangen Einmannzelt, das so gar nicht in die grüne Landschaft passen will, räkeln uns, die den Himmel, dass wir die Wolken schon fast fassen können. Der See ist Spiegelglatt. Und dann in den See. Kreise ziehen sich von unser quer über die Wasseroberfläche. Wir trocknen uns ab, so kalt hatten wir unser morgendliches Bad nicht erwartet. Das Frühstück muss a planen wir weiter. Oslo steht auf dem Programm. Heute. „Der erste Zug fährt um 16:38 Uhr“ stellt Katharina erschrocken fest. Wir besc nach Karlstadt zu fahren, um von dort aus mit einem anderen Zug nach Oslo zu gelangen, was dann auch problemlos funktioniert. Nac amüsanter Zugfahrt, den letzten beiden in einem schwedischen Zug, lacht uns Oslo mit schönstem Wetter und in großen Lettern „OSLO entgegen. Wir steigen aus. „Niklas, du weißt wirklich, wo wir hin müssen?“ – „Ja, auf den Ekeberg“ Auf dem Ekeberg liegt unser Zeltplatz. Hoch ein paar Kilometer sind es schon, damit habe ich gerechnet, aber nicht mit der Steigung. Die Straße ist kaum befahren, so steil führt der stätte den Berg hoch. Nach einer knappen Stunde und verschwitzt kommen wir an, der Preis ist glücklicherweise nicht der Rede wert, u entschädigt, so finde ich, den harten Weg. Auf dem Weg in die Stadt, es ist der letzte gemeinsame Abend, denn am nächsten Tag fahren die zwei Mädchen zurück Richtung Deuts

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sind, um Reisenenschen, die wir ber den Hof der uso teuer wie in unter 21 Jahren wünschen übrig, berlegen, was am

m See, ebenfalls s nächste Nachtein Bad im See . – „In so einem

sich ein Autogeserer Schlafstelle

noch müden FüArme soweit in ren Körpern aus ausfallen. – Also chließen, zurück ch zwei Stunden O Sentralstajon“

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uns im Bus zwei Reklameaufkleber entgegen – ich kann mir nicht verkneifen, sie zu fotografieren. „Klassekampen.“ – Klassenkampf. Die Stadt begeistert nicht nur uns, um uns herum jagen foto- und mittlerweile videowütige Asiaten mit den neuesten technischen Errungenschaften nach den farbigsten, hochauflösendsten, den ultimativen (Bewegt-)bildern. Das Motiv scheint fast egal, irgendwas wird der Apperat schon zaubern, so werden selbst vier unschuldige Rucksacktouristen zum Objekt der Begierde, schamlos richtet der Mensch hinter der japanischen Linse sein Lochbildgerät auf unsere Augen. Knips, knips. Ein Grinsen – Weiter geht die Jagd. Wir jagen nach Klamotten, dabei scheinen die Skandinavier früher ins Bett zu gehen als wir Mitteleuropäer. Um zehn Uhr ist in der norwegischen Hauptstadt alles zu. Ein Bier zum Abschluss können wir nicht trinken, niemand unter uns ist achtzehn. Also fahren wir nach einigen Fotos vor dem Hauptbahnhof mit einem Bus wieder zurück zum Zeltplatz, rauchen nochmal das Friedenspfeifchen – und verabschieden uns schließlich. Denn die Mädchen verlassen uns bereits früh am nächsten Morgen: sechs Uhr fünfundvierzig von Gleis drei. Männer allein in Oslo also. Hin- und wieder schweifen unsere Gedanken zurück an Zeiten leckerer Speise. Schluss damit! Das bekommen wir auch hin. Zumindest klappt unsere weitere Reisplanung sehr gut. Noch am selben Nachmittag fahren wir weiter, ein Nachtzug bringt uns auf dem Weg nach Bergen auf die Idee, wir könnten ja die angeblich so tolle Flåmsbanan zu nutzen, um eine Bilderbuchfahrt im norwegischen Hinterland zu genießen. Hinterland scheint uns übertrieben, ist doch Myrdal als eigentlich kleines Dorf und außer der alten Eisenbahn völlig uninteressant total überlaufen. Die Fahrt durch das Gebirge mit den Kommentare des wirklich gut englisch sprechenden Zugbegleiters genießen wir trotzdem, einer der größten Wasserfälle Nordeuropas zieht uns in seinen Bann, aber auch der Rest der Landschaft lässt staunen.Vierhundert norwegische Kronen sind zusätzlich fällig, weil die restliche Strecke von Flåm nach Voss mit Fähre und Bus bewältigt wird. Es lohnt sich trotzdem, wir haben beide Hunger, als wir in Voss sind und kochen uns eine Grießkloßsuppe von Knorr. Delicieux. Der Running-Gag: ”Ich hab schon schlechteres gegessen” mit dem nachfolgenden Grinsen ist nicht mehr rennend, vielmehr schleppt er sich durch unsere gesamte Reise. Ein müdes Schmunzeln begleitet uns auf dem Weg in den Zug. In Bergen regnet es. Wen wundert das auch. Bei durchschnittlich dreihundertsechzig Regentagen im Jahr scheint die Wahrscheinlichkeit einen regenfreien Tag zu erwischen relativ gering. Wir sitzen etwas ratlos im Bahnhof, es gibt kein kostenloses kabelloses Internet, wir müssen zahlen. Am Bahnhof wollen wir eigentlich keine weitere Nacht verbringen, auch wenn das mit alten, rot lasierten Bänken bestückte Gebäude mit seiner Wärme gerade dazu einlädt – wir stellen uns unsere Rücken auf den Holzbänken vor. Die Lösung heißt Couchsurfing. Couchsurfing ist eine, wer hätte das gedacht, im Gegensatz zu vielen anderen sinnvolle Community im Internet. Sie erlaubt es Mitgliedern, ihre Couch anzubieten und im Gegenzug bei anderen Mitgliedern die Couch mit vorheriger Rücksprache zu surfen. Surfen bedeutet dabei nichts anderes, als sie für eine oder mehrere Nächte zu nutzen. Und das alles kostenlos. Wissend, dass die Community in den nordischen Län-

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dern relativ stark genutzt ist, machen wir uns also im Internet auf die Suche nach einem Surfer, der bereit ist, zwei stinkende Männer im Alter von siebzehn Jahren aufzunehmen. Wenn möglich mit Dusche. Dann kommen die Absagen. Und eine Zusage. Jack. Er sieht aus, wie man sich einen norwegischen Studenten vorstellt, blonde Haare, mittelgroß, blaue Augen, Kordhose, Hemd und eine Franzosenkappe, schief in die Stirn gezogen. ”Oh it’s rainy” begrüßt er uns etwas verschlafen mit einem freundlichen Lächeln und begleitet uns mit der Frage, ob wir denn nicht gleich bei dem tollen Wetter Sight-Seeing in Bergen machen wollten in seine Wohnung. Die Wohnung ist vielmehr die oberste Etage eines Hotels. Das Hotel ist seine Arbeitsstätte wie sich später herausstellt, er verdient kein Geld, kann aber kostenlos in der Wohnung leben und bekommt ab und zu für zusätzliche Arbeiten an Wochenenden ein wenig Taschengeld. Es gibt eine Matratze,auf der Jack sich dreiundzwanzig Stunden seines Tages aufhalten zu scheint. Es steht noch eine Couch von Ikea im Zimmer. Ein Gerät, dass eine Mikrowelle vermuten lässt, entpuppt sich als Heißluftofen, in dem wir später Mikrowellenlasagne aus dem Supermarkt erwärmen. Jack ist schier begeistert. Er spart sein gesamtes Geld für eine Weltreise. Alles, was er hat, steht in seinem Zimmer. Und da ist nicht viel. Eine Spardose tront über allem. In ihr: Nichts als Kleingeld. Er scheint auch nicht viel zu brauchen. Studieren will er übrigens nicht. – Am Abend kommen Freunde. Es sind die zwei Putzkräfte aus Italien, die den Abend mit uns verbringen. Später kommen noch fünf weitere Menschen dazu. Die ganze Zeit erzählt Jack uns von einem Tunnel. Ein Tunnel, der nicht mehr verwendet wird. Und er sei dunkel. Und gefährlich. Und da gibt es Kameras. Wir schauen uns den Tunnel an. Wir haben Taschenlampen, am Eingang leuchtet der Strahl meiner überdimensional großen Maglite, mit der wir nochmal Bekanntschaft schließen werden, einem Obdachlosen, der schlafend im Tunneleingang hängt ins Gesicht. Zuerst erschrecken Sebastian und ich, es geht weiter. Wir kommen an brennenden Teelichtern und an die Wand geschmierten Morddrohungen vorbei, etwas beängstigt laufen wir – nun mit ausgeschalteten Taschenlampen – gen Überwachungskamera. Noch über den Bauzaun klettern. Wir sind wieder auf dem legalen Pflaster Bergens. Etwas grinsen müssen wir schon. Denn jeder weiß, ohne gesprochen zu haben, vom anderen dass er schiss hatte. Vor dem Tunnel, vor der Dunkelheit. Das zeigen wir nicht. Wir gehen wieder in Jack’s Wohnung. Erstmal ein Joint zur Beruhi-

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gung. Und dann noch einer, zum Wohlfühlen. Und dann noch einer, zum Spaß haben. Anschließend schlafen wir dann auch. Am nächsten morgen soll es schon weiter gehen. Mit der Expressfähre nach Stavanger. Wir haben nicht ausreichen Bargeld bei uns. Die Fähre legt in zehn Minuten ab. ”Where can I change money?” ”In the Tourist Information, you have just to follow the...” da bin ich schon weg. Wir müssen die Fähre bekommen. Ich haste in die Touriinformation, Ticket ziehen. Ich ziehe eins. Vierhundertdreiundsechzig. Ein Blick auf die Nummernanzeige. Vierhundertzweiundfünfzig. Ich greife das Ticket, das vor mir auf dem Boden liegt. Vierhundertdreiundfünfzig. Glück gehabt. Schnell krame ich die letzten Euronen zusammen, drücke dem verwundert dreinblickenden Mann hinter der Theke das Bargeld in die Hand, und stammle hastig, ob er mir das Geld wechseln könne. Er nennt mir geduldig den Kurs, sagt, wieviele Gebühren ich zahlen müsse, was das dann als Endbetrag mache, und dass es ab einem bestimmten Betrag Steuern gebe, die man zahlen müsse. Das alles interessiert mich herzlich wenig. Ich grabsche beinahe nach dem Geld und stürme aus dem Büro. Verwundert schauen mir einige ältere Besucher Bergens hinterher und schütteln den Kopf. Ich erreiche das Boot – Das Ticket kann man auch noch während der Fahrt kaufen. Wir gehen an Bord und kaufen zwei Tickets. Es gibt Rabatt für Interrailer, ganze fünfundsiebzig Prozent. Glücklich und zufrieden schauen wir uns um. Schnell sieht es aus. Es gibt kostenloses Internet! Sechs Stunden Fahrt stehen bevor, mit Steckdose. Die Fahrt macht wahnsinnig. Wir kommen in Stavanger an, eine schöne Stadt, langsam hinterlässt der Rucksack seine Spuren, auch wenn man ihn nicht mehr zu spüren scheint. Wir quälen uns durch die Altstadt aus weißen Holzhäusern, wie sie in jedem Reiseführer zu sehen sind. Zeit für eine Pause. Unsere kläglichen Angelversuche scheitern, mitten in der Stadt scheinen die Fische viel zu verwöhnt durch die täglichen Fütteraktionen superreicher Touristen zu sein, die ihre „Abfälle“ den Fischen zukommen lassen. Fast schon ein wenig enttäuscht machen wir uns also Gedanken über unsere nächste Etappe. Gen Norden. Nur wie? Als wir im komfortablen Nachtzug an Südschwedens Küstenstreifen vorbeirasen, um morgens in Oslo wieder umzusteigen und nach Trondheim zu gelangen, ist es spät, es sind nicht viele Leute im Zug, die, die uns bewundernd zwischen den Kopfstützen über die Schulter lugen, sehen nach Schlaf aus. Trondheim ist Regen. Oder zumindest ist es das, als uns


der Mann aus den Lautsprechern freundlich an Bahnsteig 3 in Trondheim willkommen heißt. Wir entschließen uns, abends weiter zu fahren, so weit es geht in Richtung Norden. Es soll ein Interrailcenter geben in Trondheim. Es ist wohlig warm eingerichtet, lädt zum Kuscheln und der Körperpflege ein, gibt es doch kostenlose Duschen und die Möglichkeit seinen Magen einigermaßen wohlklingend zu stimmen. Auch auf dem R��ckweg regnet es. Der Bahnhofsmann begrüßt uns wieder, wir laufen zum Schalter und lösen den Zuschlag für den Nachtzug. Der ist voll. So voll, dass wir keine Plätze mehr bekommen. Der Boden ist hart, aber er hilft beim Einschlafen: Das Rattern der stählernen Räder an den starren Achsen über die Schienen macht müde. Bodø. Die Stadt ist kalt. Die Menschen in sich verschlossen, spricht man sie an, sind sie dennoch freundlich. Ein Bus fährt, zweimal am Tag, noch weiter Richtung Norden. Interrail? Nie gehört. Wir zahlen also, der Bus begleitet uns samt seinem monotonen Gebrumme bis Tromsø. Es ist zu spät, die Jugendherberge ist bereits zu, auf dem Marktplatz zeigt das Thermometer einer Bank 4°C an, wir haben Internet, aber uns antwortet kein Couchsurfer, jedenfalls nicht so spontan. Dankbar können wir nur einem Betrunkenen Mann in den Midlifecrisis sein, der uns durch sein aggressives Grölen zunächst verängstigt, dann aber die Hilfe in Not, in Deutschland mit dem Slogan „Dein Freund und Helfer“ ausgestattet, erscheinen lässt, die uns den Tip gibt, doch das lokale Obdachlosenzentrum aufzusuchen. Dort werden wir zunächst von einer Frau begrüßt, die ein wenig verdutzt dreinschaut, als zwei Junge Rucksackwanderer ohne jedes Geld auftauchen und um Unterkunft bitten. Der dort Arbeitende John war in Australien. Er erzählt uns von Abenteuern mit Aborigines, von denen er festgehalten wurde, ermutigt uns weiter zu reisen und verhilft uns ganz nebenbei zum ersten Bett inklusive Dusche und Strom seit einer geschlagenen Woche. Dankbar und erleichtert zugleich nehmen wir auch vom kostenlos beinhalteten Weckservice um halb acht morgens Kenntnis, der uns gerade Recht ist, weil unser Bus weiter in Richtung Norden laut Plan auch schon sehr früh fährt. Wir steigen ein, kein Rabatt für Interrailer. Alta. Wir steigen aus. Der Bus ist angekommen, es wird nicht dunkel, ist aber schon Mitternacht. Der Bus nach Honningsvåg fährt erst am nächsten Morgen. Wieder kein Geld. Wieder kein Schlafplatz. Der Bus soll am Flughafen abfahren, das sind noch drei Kilometer. Wir entschließen uns zur „Daumen raus und hoffen-Methode“, es klappt, zu-

mindest bis zum Flughafen schaffen wir es. Der Securitymann ist freundlich, empfiehlt uns, wir könnten immer aus dem Flughafen raus, aber nicht mehr hinein, wenn wir nicht den Code bekommen hätten. Haben wir aber, und so schaffen wir es sogar noch, eine der wunderbaren Trockenfertiggerichte zu zubereiten. Ausgelöffelt, genauso fühlen wir uns auch. Kein Geld, Kein Staat, Lieber was zu Saufen. Unsere Wasserflaschen waren leer, als wir ankommen, sind jetzt wieder voll und wir fahren weiter. Der Busfahrer weiß den Namen unseres Tickets nicht einmal zu prononcieren, erlässt uns aber 50% der Kosten für die Fahrt. Während dieser lernen wir einen Deutschen kennen. Er wohnt in Honningsvåg und ist auch Couchsurfer, führt Fremde am Nordkap herum, zeigt Ihnen die Attraktionen und finanziert so sein Studium. Wir können nicht bei ihm schlafen, er muss arbeiten. In Honningsvåg erklärt uns der Busfahrer, er müsse nun eine Kurtaxe kassieren, und die Busfahrt zum Norkap koste extra. Wir steigen also kurzentschlossen aus. Nochmal umgerechnet vierzig Euro sind zu viel. Pro Person. Wir entscheiden uns erneut für die Bettelvariante. Sie funktioniert zwar nicht gut, aber immerhin. Nach drei Stunden warten erbarmt sich ein älterer Herr, der sich stolz Eigentümer einer dieser Vehikel nennen darf, die einen so furchtbar aufregen, wenn man hinter ihnen mit der doch atemberaubenden Geschwindigkeit von fünfundzwanzig Kilometern in einer Stunde fahren darf. Zehn Kilometer vom Nordkap entfernt setzte seine Erinnerung wieder ein, oder wir hatten einfach zu wenig geredet, und wir setzten uns auf die kalte Straße. Zig Menschen in riesigen Fuhrwerken brausten den steilen Weg hinauf zum (vermeintlich) nördlichsten Punkt der Erde - an uns vorbei. Kaum zu glauben, eine deutsches Fahrzeug, VW, Multivan, hält an. „Do you want to accompany us to Northcape?“ Ohne Worte. Wir steigen ein. Schnell wird klar, Glückstreffer - Unser Geld hätte nicht für den Eintritt zur „Attraktion“ gereicht. Die Familie zahlt. Wir sind eingeladen, es ist ihr Land. Selbst auf der Rückfahrt sind wir dabei, bis spät abends begleiten wir die Familie, in Karasjok, einem Ort, wo die Schilder bereits auf russisch zu lesen sind, verlassen wir die Familie mit Wohnwagen und sind sogar traurig. Facebook hilft uns, wir sind immer noch in Kontakt. Die Zugfahrt nach Deutschland steht an. Rückreise. Endlich. Oder auch nicht. Soviel erlebt man nicht so schnell wieder. Und Worte allein reichen kaum um ein solches Unternehmen zu beschreiben. Packt eure Rucksäcke, plant eine Reise, und lebt dann für zwei Wochen in einer ganz anderen Welt.

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Wenn die Welt a Von Luna Vogel, Hannah Lauth & Maja Theisinger

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werden Schule Der So Urlaub m f b Tolles W dabei häufig ge erichten. Nam ängt wieder an me n en wie M un Doch w etter, nette Leu annt. allorca, d as ist m te, eine Côte i Was un s ternimm t den Ländern, uper Umgebu ng d Welt?? t z. B. d ie Jugen ie nicht so sind ! Oder w d in Ban w ie gladesc ie ein norma naue G geht es dabei h, eines egenteil den Me der ärm nschen sind? in Japan , die in Das am dem In d du Urlaubs ichtesten besi edelte L ländern and Ban , wobei atischen ein g nen Kin Land ist. Es ge Grund dafür ladesch gehört h z d s tens leb er müssen täg ört zu den ärm icherlich die g u den we lich sch r en sie in s o t e ße Arm n Länd uf Teilen d d er Haup en Slums von ten um ihre Fa ern der Welt. ut Fas als Hau milie üb Dhaka, tstadt. D sh e a ten, z. B altshilfe, Näh abei können s lso den verwa r Wasser zu hr ie er . sie gifti auf dem Bau, in oder Müllsa noch von Glü losten und ge Däm wo sie s mmler ck rede a n p c Viele, f ür uns s fe einatmen, r hwere Karren rbeiten. Denn wen iskieren bei and elbstver ziehen m sind für sie st ü d Für Sch ie jungen Ban ändliche Dinge ihre Gesundh ssen oder als gladesc ule ist n e w it oder ie z. B his a der Kin s der geh türlich auch ke unbezahlbar. . CDs, Handys ogar i t nicht in Vor alle o der M e Zeit u zu m nd auch helfen u die Mädchen r Schule. k e in Geld n h . Mehr mern. O d bekommen aben keine gro als ei s ßen Ch chon fr bwohl d ancen. S ühzeitig Hälfte d as Heir a ie e b noch be r Mädchen sch tsalter laut Ge eigebracht sic müssen im H s h a vor sie e o t 18 sind n mit 15 Jahr z auf 18 Jahr um eine Fam u mal freiw il . e e n ie D f derung. illig her, aber je ie meisten Fa verheiratet un estgelegt ist, s in m d Außerd d il ä b lt i en geb ekom er die em müs Ein Gro sen die Mädchen wer en ihre Töcht men Kind ßteil de Eltern d er noch den des r Bevölk derum ein to a n e den Ko e Einschränk rung (90%) be nn ein Kind w höher ist die ich en un M ra k gut wie n zurückzufüh g für die Mäd ennt sich zum iger ernähren itg . chen, d keine H I ren sind s lam. D en a Viele H , ilfsorga ut zeigen. Spric müssen die Fr n laut der Tra as bedeutet w nisation ditionen auen sic zeitige L h ein K en , h o a und die ge zu verbesse wie z. B. UN pftuch tragen. verhüllen und die au ICEF s rn, inde vielen S dürfen ind vor m sie M türlich G penden O ä a rt d eld, dor u t hinbrin s Europa, in F chenrechte erk und versuche n die o ämpf g r e m n wo sie Anders gebrauc von Kleidung, e, Schulen bau d ist es in ht werd Spielzeu e wichtig en. gen und n . Die Sc Japan. Dort wir na hule be d Bildu Meist w an ng groß ir geschrie willigen d sogar die Fr sprucht einen gr eiz b Interess engrupp eit von der Sc oßen Teil des en und ist allen Lebens hule ges en oder sehr de ta ähnlich em. We ltet. Mit mehr r Jugendlichen nn die J . o ugendlic der weniger f r eihen doc h m al


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kein Programm haben müssen sie lernen. Ihr denkt bei uns ist es schlimm, und die Schule nervt, wie müsstet ihr euch in Japan fühlen? In Japan wird auch nicht so offen über Sexualität geredet wie bei uns. Eigentlich wird dort sogar gar nicht darüber geredet. Mädchen und Jungen werden streng voneinander getrennt und haben somit nicht die Möglichkeit sich ein Bild über das andere Geschlecht zu machen. Die Pubertät wird nicht als besonderer Lebensabschnitt aufgefasst, in dem man etwa Nachsicht für besondere Sensibilität beanspruchen oder sich mit den Eltern und dem Selbstbild auseinandersetzen darf. Unter Jugendlichen ist es verpönt über ihre Gefühle, Sorgen und Nöte oder gar Themen wie Empfängnisverhütung, Krankheiten oder eventuelle sexuelle Übergriffe offen zu reden. Wer Schwächen zugibt, wird gemobbt. Die Gesellschaft erwartet nur Leistung im Lernen. Auch ein Symptom von Unterdrückung der Individualität und des persönlichem Ausdruck von eventuellen Gefühlen ist die Schuluniform. Oft wird sie getragen bis die Schüler am Ende des langen Schultages nach Hause kommen, so dass sie möglichst nie zivil in der Öffentlichkeit auftreten können. Ergibt sich doch einmal eine Lücke im System, stürmen die Jugendlichen Automaten - und Videolokalitäten oder Fast-Food-Restaurants und versuchen sich etwa durch Ausziehen der Uniformjacken und Aufsetzen von Baseballmützen vom straff organisierten Schulalltag abzuheben. Kulturelle Aktivitäten und persönliche Freiheit sind allenfalls in der Studienzeit möglich und werden da auch halbwegs von der Gesellschaft toleriert, bevor dann aber eine möglichst schnelle und steile Karriere im Berufsleben erwartet wird. Erschreckend viel Zeit verbringt Japans Jugend mit diversen Computerspielen, in denen teilweise virtuelle Welten das nicht erlebte wahre Leben zu ersetzen versuchen. Ein anderes Extrem ist zum Beispiel die Etikette. So soll man sich in der Öffentlichkeit nicht die Nase putzen, sie dagegen lautstark hochzuziehen zeigt das man alles unter Kontrolle hat. Essen und Trinken auf der Strasse oder in Bus und Straßenbahn gilt als unhöflich. In Restaurants kann man anders als bei uns gerne seine Suppe schlürfen, außerdem wird dort kein Trinkgeld erwartet. Wahrscheinlich haben bei euch einige Vorschriften und Lebensarten das gleiche Kopfschütteln wie bei uns hervor gerufen, doch diese Länder sind wirklich so „extrem“. Wenn euer Interesse geweckt wurde, wer weiß, dann geht der nächste Urlaub vielleicht an einen dieser besonderen Orte.

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reise

»Ein Virus reist durch die Welt« Von Jonas Thielen

ie war das nochmal? Im April dieses Jahres tauchten neue Grippeviren in Mexiko auf, die von Schweinen und Menschen übertragen werden. Als auch in anderen Ländern Fälle von „Schweinegrippe” auftraten, brach eine internationale Panikwelle aus. Doch von einer „Schweinegrippe” kann man eigentlich nicht sprechen. Der Virus bildete sich zwar in einem Schwein, doch dieses hatte einen Grippevirus eines Menschen und eines Vogels mit vogeltypischer Grippe, jedoch nicht die gefährliche Vogelgrippe, aufgesammelt. In seinem Körper hat sich dann der Virus A/H1N1 gebildet. Die Symptome sind die gleichen wie bei der jährlichen „normalen” Grippe, doch trotzdem wird die Schweinegrippe als Pandemie (weltweite Epidemie) bezeichnet, warum? Aufgrund des Erfüllens folgender Kriterien hat die WHO am 11.06.2009 die Influenza A/ H1N1 zur Pandemie erklärt: Der Virus ist ein neues Influenzavirus, gegen das die Bevölkerung keine Immunität besitzt. Weiterhin zeigt er eine leichte Übertragung von Mensch zu Mensch und eine Vermehrung im Menschen. Gehen wir zurück in das Jahr 2007: Es treten immer mehr Fälle der oft tödlichen Vogelgrippe auf. Jedoch verbreitet sie sich nicht so schnell und wird deshalb nicht zur Pandemie erklärt. - im Gegensatz zur „Schweinegrippe”, die sich in einem Affenzahn verbreitet. Aber was ist jetzt gefährlicher? „Vogelgrippe”

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oder die „Neue Grippe”? Der Gefahrenpunkt bei der Vogelgrippe ist der tödliche Verlauf, bei der Neuen Grippe die hohe Ansteckungsgefahr. Das Problem ist laut Fachleuten, dass eine Verbindung von Neuer Grippe und Vogelgrippeviren entstehen könnte. Der neue Virus wäre somit tödlich und würde sich sehr schnell verbreiten. Ist dies eine berechtigte Befürchtung oder Panikmache? Das gilt es in den kommenden Monaten zu beurteilen. Anders als bei anderen Grippestämmen sind diesmal nicht die „Risikogruppen”, also Kinder, Alte und Schwangere, sondern besonders junge Menschen betroffen. Mittlerweile wurden Impfstoffe entwickelt, doch auch über diese gibt es Diskussionen. Ein deutschlandweit empörter Aufschrei geht um: Die Regierung, die Bundeswehr und die Beamten bekommen den nebenwirkungsärmeren Impfstoff! Die restliche Bevölkerung wird mit einem Impfstoff versorgt, der mit sogenannte Adjuvantien (Wirkverstärkern) versetzt ist. Dieses Verfahren ist billiger, durch die Wirkverstärker zeigt der Impfstoff mehr Nebenwirkungen. Deshalb wird Schwangeren und Kleinkindern der teure Impfstoff empfohlen. Allerdings heißt es inzwischen, der „Volksimpfstoff” sei besser, weil er genauer geprüft worden ist. Der Virus hat einen weiten Weg hinter sich, den es ohne unsere tollen Reisen mit dem Flugzeug nach Mexiko, den USA oder Spanien nicht erreicht hätte. Sind die Flugzeuge nun Schuld an der Schweinegrippe als Pandemie? In gewissen Teilen bestimmt, denn mit dem


»Die große, weite Welt« Von Luisa Schmidt-Rave

rau Anke Schmidt-Rave erzählt, wie sie im Alter von 22 Jahren ihre Reise auf dem Kreuzfahrtschiff MS Europa beginnt. Heute lebt sie nach siebenundzwanzig Umzügen mit ihrem Mann und ihren Kindern wieder in Landau.

DIE schulZEIT: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, auf einem Schiff zu arbeiten?

Anke Schmidt-Rave: Ich wollte im-

mer in der Hotellerie arbeiten. Da ein Schiff so etwas wie ein schwimmendes Hotel ist, sah ich auch dort die Möglichkeit, den Duft der großen weiten Welt zu schnuppern. Ich hatte damals allerdings keine Ahnung von der tatsächlichen Organisation auf einem Kreuzfahrtschiff. Also habe ich mich dann nach meinem Studium beim Sheraton Hotel in Essen und bei Hapag Lloyd Kreuzfahrten in Bremen beworben. Ich habe mich nach Zusagen von beiden Arbeitgebern für das Schiff entschieden. DIE schulZEIT: Wie ging es dann weiter?

Anke Schmidt-Rave: Ich habe eine Einladung für eine Probereise als Reiseleiterin bekommen. An Bord gibt es ein kleines Reisebüro, in dem Landausflüge verkauft werden. In diesem Reisebüro waren wir sechs Mitarbeiter, die diese Ausflügen in Zusammenarbeit mit örtlichen Agenturen, von denen dann einheimische Fremdenführer mit den fachlichen Informationen bereitgestellt werden, abwickelten und begleiteten. DIE schulZEIT: Und worin lag dann Ihre Arbeit?

Anke Schmidt-Rave: Wir hatten Sorge

dafür zu tragen, dass das Programm wie gebucht durchgeführt wird. Zum Beispiel, dass alle ausgeschriebenen Sehenswürdigkeiten angesteuert werden und nicht nur der Teppichverkauf in einem Basar im Mittelpunkt einer Stadtbesichtigung steht oder, dass tatsächlich das gebuchte Mittagessen für alle Teilnehmer ausreichend serviert wird. Allerdings mussten wir das ja nicht bei jedem Ausflug, bei sechshundert Passagieren auf sechs Reiseleiter verteilt war das auch gut so.

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reise

DIE schulZEIT: Was war für Sie das schönste Ziel?

Anke Schmidt-Rave: Das persönlich

schönste Ziel war die Nordlandtour nach Spitzbergen. Das aufregendste war sicherlich, durch den Grand Canyon zu fliegen. DIE schulZEIT: Waren Sie denn nur auf einem Schiff tätig?

Anke Schmidt-Rave: Während der

fünf Jahre im Beruf des Reiseleiters habe ich dreimal das Schiff gewechselt, zunächst war ich auf zwei deutschen Schiffen, als mir nach zweieinhalb Jahren Festanstellung bei Hapag Lloyd der Wunsch nach einer neuen Herausforderung kam. Ich wollte kürzere Einsätze, deshalb entschied ich mich freiberuflich für verschiedene Schiffe mit internationalem Publikum zu arbeiten, dabei landete ich dann auf zwei russichen Schiffen. DIE schulZEIT: Denken Sie gerne an Ihre Zeit als Reiseleiterin zurück?

Anke Schmidt-Rave: Ja, sehr gerne sogar. Man sieht auf interessante und

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schnelle Weise die Wunder dieser Welt und verdient dabei noch Geld. Trotzdem ist der Beruf sehr anstrengend, aber wenn Reisen und Kontakt mit interessanten Menschen eben Dein Traum sind, bietet sich der Beruf an und man nimmt das in Kauf. Wer am Beruf interessiert ist, braucht kein Studium, aber eine Ausbildung, zum Beispiel in der Hotellerie. Fremdsprachenkenntnisse sind natürlich ebenso unerlässlich wie Offenheit und ein hohes Maß an Menschenkenntnis. Und ein wenig kommt man sich schon vor wie ein Diener, aber wer eben die Welt sehen will, der dient. DIE schulZEIT: Warum reisen Sie so gerne?

Anke Schmidt-Rave:

Grundsätzlich sollte meiner Meinung nach jeder einmal über den eigenen kulturellen Tellerrand hinwegschauen. Je früher desto besser. Es gilt immer noch Goethes Wort: „Reisen bildet“ - und ich denke, damit ist nicht die sommerliche Reise an den Strand von Lloret de Mar gemeint sondern das Kennenlernen von anderen Kulturen und Lebensgewohnheiten. Etwas, das in unserer globalisierten Welt mehr denn je Grundstein für ein friedliches Zusammenleben ist.


Und was hörst Du? Von Ella Göbel

an kennt das, man informiert sich über alle möglichen Dinge wenn man in den Urlaub fährt: Hotel, Strand, Diskotheken, Wetter, Ausflugsziele und vielleicht sogar noch über die Sprache. Aber das war’s schon. Doch was ist mit der Musik? Jeder hört sie und jeder lebt mit ihr. Andere können gar nicht mehr ohne sie. Aber was ist wirklich mit der Musik in dem Land in das man verreist? In jedem Land gibt es andere Mentalitäten, Religionen und landestypische Sachen. Da ist es doch klar, dass es auch eine andere Musikrichtung gibt. Wenn man die Südländer zum Beispiel betrachtet, ein sehr heißes, rhythmisches,

lautes und kontaktfreudiges Volk. Die Musik - schnell, laut, rhythmisch und super zum tanzen und zum feiern geeignet. Man kennt Salsa, Samba und Tango. Wenn man in die entgegengesetzte Richtung geht, nach Skandinavien, denkt man sofort an die dunklen Tage im Winter und allgemein an eisige Landschaften. Auch hier kennt man die typischen Klänge für die nordischen Bands: Heavy Metal und Gothic regieren hauptsächlich das Land. Es ist zu erkennen, dass je weiter man in die heißeren Ländern kommt die Musik heller und freundlicher, rhythmischer und lauter wird und je weiter man in den Norden kommt, die Musik düster, härter und leiser werden, fast schon depressiv. Also stellt sich die Frage: Kann man die

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reise

Musik in einem Land wirklich nach der Kultur und nach den Leuten dort, ausmachen? Kann man das Ganze so verallgemeinern? Ich denke nicht, denn wenn man genauer hinschaut, sieht man dass auch andere Töne angeschlagen werden und es krasse Gegensätze gibt. Nimmt man das Beispiel Schweden: Es heißt es ist das neue London in der Musikszen e. Man spricht nicht mehr von Brit-Pop, sondern von SchwedenPo p mit Bands wie Mando Diao, The Cardigans und The Hives. Das Beispiel Spanien: die Rock-, Punk- und Heavy Metal-Bands werden immer bekannter –

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Ill Nino, Soulfly und Tierra Santa sind einige davon. Man sieht also, dass jedes Land nach neuen Stilrichtungen sucht und aus den alten Vorurteilen herausbrechen will, die man aus Zeiten von den Gipsy Kings und Apocalyptica kennt. Allein an diesen Beispielen erkennt man, dass es sich lohnt sich über die verschiedenen Musikrichtungen und –gruppen in einem Land, zu informieren.


Rom

Von Sophie-Marie Gebert

ch war dort! In einem Camp der deutschen Schwimmjugend verbrachte ich fast drei Wochen meiner Ferien .Da ich zweimal wöchentlich Schwimmtraining habe, gab es ein Angebot, in diesem Camp die Sommerferien zu genießen. Ich stimmte mit meinen Eltern zu. Meine Freunde und ich freuten uns natürlich schon lange darauf. Es gab sogar ein geplantes Programm: Wir würden uns die Schwimmweltmeisterschaften angucken. Ab da stieg die Spannung Tag für Tag. Am 16.Juli war es soweit: Wir flogen nach Rom. WIR das waren 16 Mädchen, 3 Jungs und zwei Betreuer. Wir Kinder waren zwischen 10 und 17 Jahren alt. Dort angekommen atmeten wir erst einmal die italienische Luft ein. Es war für uns Deutsche sehr heiß. Wir kamen mit dem Bus am Camp an: Ein Campingplatz mit vielen kleine Häusern. Unser Camp war mittig aufgebaut mit einer Bühne für das Abendprogramm, einem „Office“ und einem kleinen Buffet. 300 Jugendliche aus Deutschland, Frankreich, Polen und der Schweiz wohnten im Camp. Dazu ca. 30 Betreuer, die uns bei Ausflügen begleiteten. Der erste Tag verlief anstrengend, ein

Stadtquiz durch ganz Rom war geplant. In Gruppen aufgeteilt wanderten wir durch die alte Stadt, bei fast 40 Grad. Die restlichen Tage verbrachten wir mit Trips z.B. in den Vatikan, zur Schwimm –WM, Besichtigungen, Unterschriften sammeln um diese Tage festzuhalten und im Pool schwimmen, natürlich nur aus Spaß, denn wir hatten dort kein Training. Alle hatten viel Spaß, aber das kann man nicht erzählen – man muss es erlebt haben. Einige der tollsten Erinnerungen waren das Meer, der Sieg von Paul Biedermann und die Gemeinschaft. Erfahrungen machten wir mit dreckigen Toiletten, unaufgeräumten Zelten, nicht appetitlichem Essen, Heimweh und anderen Kulturen. Meine Freundin hatte fast zwei Wochen schweres Heimweh und betrübte uns damit alle. Am Schluss nervte es uns schon sehr, wir konnten ihr nämlich nicht helfen. Auf dem Campingplatz lernten wir freundliche Italiener kennen, die fast jeden Tag ihren Weg gossen. Warum auch immer... Es war ein einzigartiges Erlebnis, das ich nie vergessen werde.

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erien – dieses Wort erinnert uns an Urlaub, Faulenzen, Meer und Sonnenschein. Es bedeutet für uns eine Auszeit aus dem (mehr oder weniger) stressigen Alltag, macht uns glücklich. Nicht bewusst ist uns jedoch, dass die Urlaubszeit für einige Lebewesen keinen Spaß bedeutet. In den Monaten unserer Sommerferien werden durchschnittlich 60 000 – 70 000 Haustiere ausgesetzt. Diese Tiere haben, plötzlich auf sich allein gestellt, niedrige Chancen zu überleben. Wenn sie viel Glück haben, werden sie bald (von einem netten Menschen) gefunden und ins Tierheim gebracht, oft werden sie jedoch erst nach Monaten entdeckt, sind verwahrlost, krank. Die ehemaligen Besitzer haben sich mit der Verantwortung überschätzt, für einige war der Urlaub eine gute Gelegenheit, das lästige Tier loszuwerden. Betroffen sind Hunde, deren Haltung viel Einsatz fordert, Katzen und Kleintiere wie Kaninchen, Meerschweinchen, Vögel, etc. Das Aussetzen von Tieren ist gemäß §3 Abs. 3 TierSchG (Tierschutzgesetz) gegen das Gesetz: „Es ist verboten, ein im Haus, Betrieb oder sonst in Obhut des Menschen gehaltenes Tier auszusetzen oder es zurück zulassen, um sich seiner zu entledigen, oder sich der Halter- oder Betreuerpflicht zu entziehen.” Im Internetforum www.juraforum.de wird dieser Satz so ausgelegt, dass es egal ist, ob durch das Aussetzen eine Gefahr für das Tier entsteht oder möglich ist. Auch das Anbinden am Tierheimtor erfülle den Tatbestand des Aussetzens. Nach §18 Abs.1 Nr.4 TierSchG kann dieser Verstoß mit einer Geldbuße von bis zu 25 000 € bestraft werden. Es ist für mich ehrlich gesagt ziemlich seltsam, dass so viele Menschen auch heute noch das Aussetzen der Tiere als die einzige Lösung zur Abschaffung sehen, wenn sie mit ihm nicht mehr klarkommen. In nahezu jeder Stadt gibt es mindestens ein Tierheim oder eine andere ähnliche Unterkunft/ Organisation. Dort wäre das Tier versorgt und hätte Chancen, wieder vermittelt zu werden. Wenn man das Tier nur aussetzen will, weil es nicht mit in den Urlaub kann, hätte man noch einige andere Alternativen. Die erste wäre, falls das Tier reisefähig ist (z.B. Hunde), eine Unterkunft zu suchen, in der auch Tiere/Hunde willkommen sind. Wenn man das Haustier lieber zu Hause lässt, weil eine Reise zu anstrengend und stressig oder gar unmöglich ist, gibt es zwei Möglichkeiten. Man kann einen Tiersitter suchen, wofür Freunde, Nachbarn oder auch extra angestellte Tiersitter in Frage kommen könnten, oder man gibt das Tier während seiner Abwesenheit in eine Tierpension. Das Aussetzen von Haustieren ist verantwortungslos und feige, denn jeder kann mit geringem Aufwand eine geeignetere Lösung finden.

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Tierpension Wawerzinek (Heuchelheim-

Klingen)

www.tierwawa.de

Tierheim “Maria Höffner” (Landau)

www.tierheim-landau.de/html/

tierpension.html

Tiersitterbörsen im Internet

www.hallohaustier.de

www.tiersitterboerse.de

www.tiersitterexpress.de

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Das Salbeibonbon s war einmal ein Salbeibonbon namens Franz. Zusammen mit einigen anderen Salbeibonbons lebte er in einer kleinen Tüte. Ab und zu wurde die Tüte geöffnet und ein Salbeibonbon wurde herausgeholt. Dabei ertönte jedes Mal ein grässliches Husten. Immer wenn das geschah, wurde Franz, das Salbeibonbon neidisch. “Ach”, sagte er, “könnte ich doch auch einmal hinaus und die Welt sehen. Es ist doch einfach nur langweilig und öde hier in dieser ollen Tüte.” Berta, ein anderes Salbeibonbon, das in der Nähe der Tütenöffnung lag, meinte: “ Huh, nein, hinaus will ich nicht. Wenn einer von uns herausgenommen wird, landet er in einer dunklen Höhle mit rotem Rand und weißen, spitzen Zacken. Ich kann den Armen dann immer noch stöhnen hören, er hätte das Gefühl, zu zerfließen. Ich bleibe lieber hier, alles andere wäre mir viel zu gefährlich.” Auch Rupert, der Älteste, versuchte Franz seinen Wunsch auszureden. “Du würdest nicht viel von der Welt sehen, mein Lieber. Kommst du aus der Tüte raus, bist du kurz darauf tot. Nein, nein... Schlag dir diesen Unsinn aus dem Kopf!” Doch Franz konnte nicht aufhören, von der Welt außerhalb der Tüte zu träumen. Eine Welt mit Licht, eine Welt ohne gleich aussehende Salbeibonbons und mit viel, viel Platz. Eines Tages schien sein Wunsch in Erfüllung zu gehen. Es erklang wieder einmal ein schauriges Husten und die Tüte wurde geöffnet. Dicke, rosa Würste erschienen in der Öffnung. “Das sind Finger eines Menschen.”, raunte Rupert Franz zu und beantwortete somit dessen unausgesprochene Frage. “Gleich greifen sie einen von uns.” Die Finger tasteten eine Weile herum und alle Bonbons wichen ihnen ängstlich aus. Nur Franz blieb dort liegen, wo er war. “Das ist meine Chance. Ich muss endlich raus hier!”, sagte er sich und hielt tapfer seine Stellung. Die Finger ergriffen ihn, er wurde zwi-

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schen ihnen in einer schrecklichen Körperstellung eingeklemmt: Sein Arm lag verdreht auf seinem Rücken und alles tat höllisch weh. Doch Franz verkniff sich

tapfer jegliches Stöhnen, war das doch der Preis für seine lang ersehnte Freiheit. “Pass auf dich auf, Franz!”, rief Rupert. “Und komme nicht in die Nähe der Höhle!”, fügte Berta hinzu. Franz nahm sich beide Ratschläge zu Herzen, doch


schien sein Ende unabwendbar. Immer näher kam er der schrecklichen Höhle, fest umklammert von den starken Fingern. Franz versuchte, sich zu befreien, er

wollte nicht sterben, nicht jetzt, und schon gar nicht wie jedes andere Salbeibonbon! Noch hatte er die Welt nicht richtig gesehen, hatte nur einen kurzen Blick erhaschen können. Da, endlich schaffte er es, sich ein wenig zu drehen. Auf einmal ließ die Umklammerung nach,

war dann ganz verschwunden. Sein Arm war wieder frei und er flog, er segelte hinab auf den Boden. “Das ist Fliegen! Ein tolles Gefühl!”, dachte Franz. Hart landete er auf der Erde und sah sich nach den Fingern um. Erleichtert bemerkte er, dass sie nicht nach ihm, sondern wieder in die Tüte griffen. “Ich habe es geschafft!”, jubelte er. “Ich bin frei!” Franz kullerte ein wenig herum und ließ seiner Begeisterung freien Lauf. Dann blieb er still liegen und sah sich genauer um. Überall ragten seltsame Gegenstände hoch in die Luft, sie wirkten sehr bedrohlich, und alles war so groß. Franz fühlte sich richtig klein und war etwas verängstigt. Da hörte er auf einmal zwei Stimmen. Die eine war recht hoch und dünn und derjenige, der da sprach, lispelte etwas. Die andere war etwas tiefer und kräftiger. „Guck mal“, sagte die Fistelstimme, „da ist einfach so eine Murmel runtergefallen. Mein Gott, die ist aber hässlich.“ Die andere Stimme erwiderte: „Was du nicht alles siehst...“ Franz drehte sich nach ihnen um. Da waren eine lange, dünne, herrlich silbern glänzende Nadel und ein dicker, schwarzer runder Knopf. Fistelstimmchen redete weiter: „Und schau mal wie unförmig die ist. So komisch oval, gar nicht rund. Wie die wohl rollen kann?“ Die Stimme gehörte zu der Nadel. Franz schaukelte unruhig auf und ab. Was redeten die andauernd von einer Murmel? Er konnte gar keine sehen. „Aach, lass mich doch mit deiner blöden Kugel.“, brummte der runde Knopf. „Du nervst mit deinem Gelaber.“ „Keine Kugel, eine Murmel, M-U-R-M-E-L, Dicker.“ , sagte Fistelstimmennadel. „Das ist ein gewaltiger Unterschied. Kugeln sind dick, fett, schwer und träge. Meistens auch langweilig, hässlich.“ Die Nadel war eindeutig weiblich. Wer sonst konnte solche Überlegungen anstellen? Franz musste auf einmal an Berta, die noch immer in der Tüte saß, denken. Ob sie sich Sorgen um ihn machten? Die Nadel plapperte weiter. „Murmeln dagegen sind wunderwunderhübsch anzusehen und sie sind sehr

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sportlich. Wenn sie kullern blitzen sie in sämtlichen Farben. Nur schade, dass sie so einfältig sind.“ „Eingebildet, müsste man sagen.“, entgegnete der Knopf. „Haben nur ihr tolles Aussehen und ihre Sportlichkeit im Sinn.“ „Kann sein. Aber diese Murmel ist so... anders. Ich glaube fast schon... Oh, sieh mal, sie guckt zu uns her. Peinlich, peinlich, glaubst du sie kann uns hören?“ Die Nadel war ganz aufgeregt. „Hallo, du da! Kannst du uns hören? Do you speak English?“ Der Knopf verdrehte die Augen. „Oh mann, dreh mal ein bisschen runter, ja? Deine Murmel wird sich sonst noch was von uns denken. Ich bin mir sicher sie kann nur Deutsch, schließlich sind Murmeln nicht so begabt im Fremdsprachen lernen.“ „Und was ist, wenn sie nur irgendeine Sprache spricht? Aber egal, sie sieht eigentlich ziemlich deutsch aus... Hallo, du da, sag mal was!“ Die Nadel winkte wild. Langsam dämmerte es Franz. „Die meinen die ganze Zeit mich! Murmel, pah, die haben wohl noch nie ein Salbeibonbon gesehen.“ Und frech antwortete er: „Bonjour Madame, est-ce que tu parles francais? Hello, Lady, excuse me please, where is the next toilet? Hóla, señora, que tal? Cómo te llamas?“ Die Nadel verstand nur Bahnhof. Misstrauisch beäugte sie ihn. „Das ist ein Freak. Eindeutig.“, meinte sie etwas verunsichert. Der Knopf grunzte nur. „Guten Tag, meine Dame, mein Herr. Mein Name ist Franz und ich bin ein Salbeibonbon, keine Murmel und auch kein Freak, was auch immer das ist. Hat es vielleicht mit Schweinen zu tun?“ Die Nadel starrte ihn nur sprachlos an mit offenem Mund an. „Ein Freak“, meldete sich der Knopf zu Wort, „ist jemand, der anders ist als der Normalfall und zwar besonders intensiv. Soweit ich das richtig verstanden habe. Ich bin Kunibert, der Knopf, und diese dürre Latte hier neben mir, die gerade unter Schock steht, ist Frida von Faden, eine Nadel, wie man sieht, und dazu auch noch adelig.“ „Sehr erfreut“, meinte Franz und schüttelte die Hand des Knopfs, genannt Kunibert. „Du... du bist gar keine Kugel?“, platzte Frida, die Nadel von Faden, heraus. „Vielleicht brauchst du doch eine Brille, Frida.“, murmelte Kunibert. „Guck ihn dir doch an – sieht er aus wie eine Murmel?“ „Nein, gab sie sich geschlagen. „Ich bin ein Salbeibonbon, erklärte Franz freundlich. Und dann erzählte er den beiden seine Geschichte. Sie waren sehr gerührt und beschlossen, ihn bei sich aufzunehmen und ihm alles zu zeigen. „Das beste hier ist der Fernseher.“, berichtete Frida. „Den müssen wir dir unbedingt zeigen.“ „Nein, das beste ist unser Bahnexpress. Dorthin dauert es aber ei-

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ne Weile. Du musst ihn unbedingt mal fahren, er ist echt rasant!“ „Nein, die Rutschebahn!“, quietschte Frida vergnügt. „Die ist noch schneller!“ „Am besten, wir zeigen dir einfach alles.“, entschied Kunibert. Sie machten sich auf zum Fernseher. Ganz außer Puste kamen sie dort an. Franz staunte. Ein schwarzer Kasten, in dem Menschen drin waren, sich bewegten und sprachen. So etwas hatte er noch nie gesehen. „Wie kommen sie da rein? Mögen sie das?“, fragte er. „Die sind da gar nicht wirklich drin.“, erklärte Kunibert. Er fing an, irgendetwas von Übertragung, Antennen und Lichtern zu reden, was Franz aber nicht so ganz verstand. Auf einmal erschien ein Gesicht sehr groß auf dem Bildschirm. „Das ist Angela Merkel und Frida ist ihr größter Fan – die beiden reden nämlich gleich.“, sagte Kunibert grinsend. Frida wurde rot und zischte: „ Lass uns lieber weitergehen, sonst schaffen wir es nicht, rechtzeitig zum Sandmännchen zurück zu sein – das ist nämlich Kuniberts Liebling. Wenn er es auch nur einmal verpasst, kann er abends nicht einschlafen und ist morgens total unerträglich.“ So wurde Franz in die Welt von Frida und Kunibert eingeführt, er fuhr mit dem Bahnexpress, einer roten Modelleisenbahn, und rutschte die Rutschebahn hinunter. Mit seinen beiden neuen Freunden hatte er viel Spaß und täglich lernte er neue Dinge kennen. Nur manchmal musste Frida zur Arbeit, wenn die Menschen sie brauchten, um irgendwelche Dinge zu nähen. Kunibert hielt sich wie Franz von den Menschen lieber fern. „Ich werde sonst noch als Knopf an irgendein Kleidungsstück genäht und muss den Rest meines Lebens dort festsitzen.“, meinte er. Doch eines Tages passierte es. Den drei Freunden wurden ihre Spielsachen langsam langweilig, weil sie nicht mehr neu und aufregend waren. So wagten sie ihre erste Expedition die Treppe hinunter in den Keller, um zu sehen, was es dort alles gab. Nun muss gesagt sein, dass die Treppe sehr gefährlich für kleine Geschöpfe wie ein Knopf, eine Nadel und ein Bonbon ist, da sie wegen ihrer Größe die Treppe nicht einfach runterlaufen konnten. Nein, sie mussten sie hinunterkullern, wobei sie sehr laut waren und die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich ziehen konnten. Kunibert war schon sehr nervös deswegen, doch Frida und Franz drängten ihn zu dem Abenteuer. An dem geplanten Tag, machten sie sich also auf und kullerten die Treppe hinunter. Und es kam wie es kommen musste. Eine Frau sah nach dem Geräusch, gerade als die drei unten angekommen waren. „Schnell, versteckt euch!“, zischte Frida. Die anderen beiden folgten ihrer Anweisung, während sie selber seelenruhig liegen blieb. „Frida“, zischte


Franz. „Komm!“ „Nein. Ich lenke sie ab. Bei mir macht es nichts, wenn sie mich findet. Ihr verliert vielleicht eure Freiheit!“ Ihre beiden Freunde sahen ein, dass sie Recht hatten. Doch leider funktionierte die Täuschung nicht. Die alte Frau fand die Nadel, meinte aber, dass eine Nadel niemals so eine Lautstärke zustande bringen konnte. So suchte sie gründlich weiter und fand Franz und Kunibert in ihrem Versteck. Den beiden klopfte das Herz bis zum Hals, als sie die beiden dicht vor ihre Augen hielt. „Nanu. Ein Bonbon und ein Knopf. Naja, wer weiß, wo das Bonbon schon überall herumlag. Aber den Knopf muss ich wohl verloren haben. Wie gut, dass ich ihn wieder gefunden habe, jetzt brauche ich nicht in die Stadt einen neuen holen, um Alfreds Hemdknöpfe wieder vollständig zu machen.“ Franz und Kunibert sahen sich entsetzt an. Doch da wurde Franz schon in einen Müllbehälter geworfen und ihm wurde schwarz vor Augen. Als er wieder erwachte, war er wütend auf sich selbst. Hätten er und Frida Kunibert doch nie überredet, diese bescheuerte Expedition zu machen. Er hätte sich Ohrfeigen können. Was wohl mit Frida geschehen war? Ob sie Kunibert annähen musste? Ob es überhaupt schon so weit war? Franz wurde fast krank vor Sorge. Außerdem hielt er den Gestank um sich herum nicht mehr aus. „Franz! He, Franz! Komm, mach schon, Schlafmütze. Beeil dich!“ „Frida?“, Franz erhob sich verwirrt. Er war gerade eingenickt gewesen und wusste nun erst einmal nicht mehr, was passiert war. Doch langsam kehrte alles in seinen Kopf zurück. „Frida! Wie bist du denn hierher gekommen?“ „Psst! Nicht so laut. Erzähl ich dir später. Wir müssen erst Kunibert retten!“ „Kunibert, ach ja, aber wie... Ist er denn noch nicht fest?“ „Nein, aber wenn wir hier noch länger herumtrödeln vielleicht schon. Also, beweg deinen Hintern. Immer mir nach.“ Frida und Franz kletterten mühsam aus dem Mülleimer heraus. „Kunibert ist im Nähkorb im Wohnzimmerschrank. In ein paar Minuten muss ich da sein und ihn festnähen. Ich hab schon versucht, ihn allein herauszubekommen, aber es ging nicht. Er ist in einer Schachtel mit zu schwerem Deckel eingesperrt. Wir müssen auf einen günstigen Moment warten.“ Frida sah Franz eindringlich an. „Das ist wenn sie ihn gerade aus der Schachtel herausgeholt hat und sie den Faden in mein Öhr fädelt.“ „Und wie willst du das anstellen?“, fragte Franz ängstlich. „Wenn sie den Faden versucht einzufädeln, glitsche ich ihr andauernd aus der Hand oder mache mein Öhr so dünn, dass sie den Faden nicht durchbekommt. Während die Frau abgelenkt ist, rennst du mit Kunibert weg. Ich glaube er ist ein bisschen ver-

wirrt, nicht ganz bei sinnen. Das ist bei allen Knöpfen so, die kurz davor sind, festgenäht zu werden. Hängt vielleicht an dieser Schachtel. Aber egal. Du bringst ihn irgendwie dazu, sich fortzubewegen. Verstanden?“ „Ja, aber...“ „Kein aber. Sie kommt. Schnell, versteck dich. Und warte bis ich dir ein Zeichen gebe!“ Franz versteckte sich und wartete auf seinen Einsatz. Die Zeit schien stillzustehen. Würde es klappen? Wie sollte er Kunibert dazu bringen, mit ihm fortzulaufen? „Dumme Nadel, letztes Mal warst du doch noch nicht so eng! Ach, jetzt bist du mir aus der Hand gerutscht! Dummes Ding.“, ertönte die Stimme der Frau. Franz machte sich bereit. „Franz, jetzt!“ Das war Frida. Franz lief los. Da lag der Knopf, auf dem Sofa. „Schnell, Kunibert, wir müssen jetzt weg von hier. Mach schon, los!“, drängte Franz seinen Freund. „Stör mich nicht. Es hat doch sowieso keinen Zweck. Ich werde festgenäht sein. Für immer!“ Franz wurde das Herz schwer. Wie sollte er Kunibert dazu bringen, ihm zu folgen? Nein, das würde er nicht schaffen. Es gab nur eine Lösung. „Franz, beeil dich! Viel länger geht es nicht mehr!“, rief Frida angsterfüllt. Franz nahm all seine Kräfte zusammen und zog Kunibert vom Sofa herunter. Unten blieb er entkräftet liegen. Er war blöd gefallen und konnte nicht mehr. Es war aus, er hatte versagt. „Komm, Franz, schnell hier drunter!“ Kunibert war wieder bei Sinnen und zog seinen Freund unter das Klavier. „Hier müssen wir erstmal bleiben. Aber was ist denn mit deinem Bein?“ „Blöd gefallen.“, stöhnte Franz unter Schmerzen. „Das wird schon wieder heilen.“, tröstete Kunibert ihn. Da ertönte die Stimme der Frau. „Wo ist denn dieser Knopf wieder hin? Er lag doch gerade eben noch hier!“ Franz und Kunibert sahen sich erschrocken an. „Lauf, Kunibert, lauf weg!“, flüsterte Franz. „Nein, ich kann dich hier jetzt nicht einfach liegen lassen. Außerdem wäre das total unsinning, weil ich viel eher entdeckt werde, wenn ich jetzt los renne.“, entgegnete dieser mit schneeweißem Gesicht. Auf einmal hörten sie einen zweiten Menschen hereinkommen. „Agatha, was suchst du für einen Knopf? Du wolltest doch in die Stadt fahren, neue kaufen. Hast du das schon wieder vergessen?“ „Wollte ich das, Alfred? Hmmm... ich werde ja doch alt und vergesslich. Nun dann muss ich wohl mal noch los, bevor du dein Hemd wieder anziehen kannst. Was musst du auch immer deine Knöpfe verlieren...“ Die alte Frau erhob sich und schlurfte aus dem Zimmer heraus. Der Mann lief ihr hinterher. Franz und Kunibert sahen sich erleichtert an. „Glück gehabt.“, flüsterte der Knopf. „Puuuh, war das aufregend.“, ertönte eine Stimme hinter ihnen. Es war Frida. „Ich hab genug von Abenteuern. Zur Feier des Tages sollten wir uns eine Fahrt auf dem Bahnexpress gönnen, meint ihr nicht auch?“ Und alle drei fingen an

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»Warum sagst du es nicht einfach?« Von Niklas Beinghaus

nd da war es wieder. Dieses Gefühl. Man sagt unbeschreiblich. Meint aber etwas, dass so schön ist, weil es kribbelt und Gänsehaut über die Arme und dann den Rücken jagt, sodass sich die kleinen Häärchen alle einzeln stellen und eine Welle des Wohlfühlens am Körper bricht und durch jedes noch so kleine Zellchen ein Hormon das bewirkt, was platt und tiefsinnig zugleich 'Liebe' genannt wird. Es überkommt einen plötzlich, unerwartet und auch plötzlich und mindestens genauso unerwartet fragt sie: "Sag mal - frierst du?" "Ja, ein wenig" lüge ich, gleichsam hoffend, sie könnte sich an mich kuscheln, mir ihre Jacke anbieten, die so schön nach einer Mischung aus ihrem Shampoo, dem Parfüm und eben auch ihr riecht. "Liebt sie mich? Soll ich sie fragen? Und wann? Und was genau soll ich fragen? Jetzt? In ein paar Wochen? Jahren? Hat sie einen Freund? Was mag sie? Und was nicht? Bin ich überhaupt hübsch genug?" - Mein Kopf brummt. Man scheint mir anzumerken, dass tausende Fragen den Bereich zwischen meinen Ohren maltretieren. Ob es mir auch gut ginge, fragt sie. "Jaja." Schon wieder eine Lüge. "Du sollst nicht lügen!" Mir geht es ja gut. Also ist es gar keine Lüge. Ich bin eben verliebt. Das ist doch gut. Oder? Nun kommt das, denke ich jedenfalls, auf den Betrachter an. Meine Eltern, wenn sie es denn wüssten, fänden das sicherlich toll, ihr Sohn, ein großer Junge, hat vielleicht bald eine Freundin. Meine beste Freundin vielleicht nicht.

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Sie auch nicht. Das denke ich auch. Und das denke ich, auch wenn es den Tod meiner mit blauen Flecken und Knochenbrüchen übersäten Liebeswelt bedeuten könnte. "Ich muss dann, mein Zug fährt gleich." unterbricht sie meine geisteskranken Gedanken eines Liebsgeständnisses. "Hmm, magst du nicht noch bleiben? Ich bin doch sonst alleine..." "Du sag mal. Wenn du mit mir über was reden magst. Ich meine, Ich habe eben dieses Gefühl, du willst mir doch was sagen. Warum sagst du es nicht einfach?" "Weil es perfekt sein muss und nur eine Antwort kommen dürfte" entgegne ich ihr, sage aber: "Nein, es ist nichts. Ich mag nur den Abend nicht alleine bleiben." Lüge. Schon wieder. Und das fühlt sie. Ohne Worte. Wenn ich die Antwort wüsste , bevor ich die Frage stelle, wäre alles anders. Aber so ist das nicht. Sie will schon aufstehen, den nächsten Satz sehe ich schon über die Ufer ihrer mit Lippenstift rot, schon sehr dunkel, trotzdem aber natürlich schimmernd gefärbten Mündung rinnen, Ich packe sie am Arm. Scheiße. Und dann: "Da hast du dir was eingebrockt."


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DIE schulZEIT