Page 1

FAHRT

„Zu den Besonderheiten der Morgenlandfahrt gehörte unter andern auch diese, dass zwar der Bund mit dieser Reise ganz bestimmte, sehr hohe Ziele anstrebte (sie gehö-

ren der Zone des Geheimnisses an, sind also nicht mitteilbar), dass aber auch jeder

einzelne Teilnehmer auch seine privaten Reiseziele haben konnte, ja haben musste,

denn es wurde keiner mitgenommen, den nicht solche privaten Ziele antrieben, und

jeder einzelne von uns, während er gemeinsamen Idealen und Zielen zu folgen und

unter einer gemeinsamen Fahne zu kämpfen schien, trug als innerste Kraft und letzten Trost seinen eigenen, törichten Kindertraum im Herzen mit sich.“

Hermann Hesse, Morgenlandfahrt

Orientfahrt

Orientfahrt – diesen Namen hatten wir unserem Vor-

ternehmung, wie unsere Fahrten sie darstellen,

haben gegeben. Der konkrete Plan: Von Istanbul in die

braucht es doch immer eine gemeinsame Mitte, ein

Berge und in zwei Gruppen zu Fuß ans Schwarze

Ziel des Sehnens und Strebens, in dem sich die Ab-

Meer, danach entlang der Küste weiter ostwärts, um

sichten und Wünsche der Einzelnen widerspiegeln

bei Trabzon noch einmal ins nun steilere Hinterland

können. Keine tote Summe von Partikularinteressen,

zu steigen, schließlich nach Georgien, zu den Gipfeln

keine abstrakte Idee, die allen aufgepresst wird, son-

des Kaukasus, und dann womöglich mit einem Abste-

dern eine ebenso klare wie offene Vorstellung: ein le-

cher nach Armenien per Tramp durch Anatolien über

bendiges Bild eben.

den Balkan zurück nach Deutschland. Grob überschla-

So war unser Zug in den Osten, durch die Türkei in den

gen eine Fahrtenstrecke von 5000 Kilometern. Dem

Kaukasus, als eine Bundesfahrt unseres Jungen-

Kern der Fahrtenmannschaft aus Studenten sollten

bundes Phoenix gedacht und gewünscht. Als ein Er-

sich im ersten Abschnitt Jüngere im Schüleralter an-

lebnis, das uns weiterführt und in die Gruppen hinein-

schließen, im zweiten Teil einige Ältere des Bundes. So

wirkt. Das Eigentliche dieser unserer Fahrt bleibt wie

hatte es sich in allen Vorüberlegungen herauskristal-

oft schwer in Worte zu fassen. Hier sind zwei Berichte

lisiert.

ausgewählt in der Hoffnung, dass sich die in ihnen ge-

Aber wo wäre dabei eigentlich „der Orient“ zu finden?

schilderten Eindrücke verdichten und deutlich wird,

Was wir hinter dem schillernden Begriff suchen

was uns im letzten Sommer bewegte und als Gemein-

wollten, wussten wir selbst nicht so recht. Noch weni-

sames weiterleben könnte – trotz oder gerade wegen

ger, was uns vielleicht erwartete – aus dem verständ-

des überraschenden Endes unserer Fahrt.

lichen Unvermögen, Fahrtenerlebnisse vorherzusehen. Nur die ahnende Scheu: dass ein Zauber verfliegt, sobald man ihn benennen will. Bei einer solchen Un-

felix (orden der weitfahrer, jb phoenix)

der eisbrecher

>>

17


FAHRT

Wilde Berge und

FAHRT

Bergplateaus und meistern halsbrecherische Abstiege,

len, weshalb wir freiwillig durch die Gegend wandern,

Während die türkische Mittelmeerküste zur Sommer-

was die Wanderung interessant und kurzweilig macht.

im Freien schlafen und nicht wenigstens Motorräder

ferienzeit von deutschen Touristen bevölkert ist, wird

Uns werden davon später idyllische Bilder wie Sonnen-

oder zumindest ein Gewehr zum Jagen dabei hatten.

die Schwarzmeerküste um Sinop von Türken domi-

Von Istanbul, einer Stadt, die kulturell, historisch und

untergänge über den Berggruppen oder der plät-

Wir kommen in Kontakt mit der Staatsgewalt. Diese ist

niert, die vor rund 30 Jahren nach Deutschland kamen

atmosphärisch, einen sehr starken Eindruck hinter-

schernde Bach im einsamen Tal unter der gleißenden

in der Türkei bekanntermaßen stark durch das Militär

und nun mit ihrer Familie in der Heimat Urlaub ma-

lässt, transportiert uns ein Überlandbus ins Landesin-

Mittagssonne in Erinnerung bleiben. Besonders das

kontrolliert und geprägt. Ein Van voller mit Maschi-

chen. Diese Deutschtürken haben mit ihrem Fleiß

nere nach Kastamonu, dem Startpunkt der Wande-

Firmament bei Nacht, welches das klarste ist, das wir je

nenpistolen bewaffneter Soldaten hält direkt vor uns.

Wohlstand in die Region gebracht: Ein Mann erklärte

rung, wo wir uns in zwei Fahrtengruppen aufteilen.

gesehen haben, verschlägt uns allen die Sprache.

Zum Glück verstehen wir uns mit den jungen Soldaten

uns an einem Küstendorf, dass bei seiner Ausreise in

Das uns zur Verfügung stehende Kartenmaterial be-

Nachts schlafen wir furchtbar mückengeplagt unter

prächtig und die Angespanntheit verfliegt. Wir ma-

die BRD Anfang der 80er Jahre dort nichts stand und

steht aus einer Autofahrer-Übersichtskarte der west-

freiem Himmel und werden frühmorgens von der in-

chen ein gemeinsames Erinnerungsfoto und der An-

die Häuser nach und nach von den Gastarbeitern er-

lichen und mittleren Türkei, sowie einer aus den Tiefen

tensiven Sonnenstrahlung zusammen mit dem Rest

führer verspricht, es auf einer führenden Internetplatt-

baut wurden. Die Menschen sind genauso gastfreund-

des Internets ausgedruckten Karte. Diese hat zwar

der uns umgebenden Natur geweckt.

form hochzuladen. Der örtliche Dorfvorsteher hatte sie

lich und offen wie die Türken im Landesinneren, spre-

einen besseren Maßstab, stammt jedoch vom rus-

Obwohl das Gebiet nur dünn besiedelt ist, hört man in

gerufen, da es ihm sehr komisch vorkam, dass fünf

chen aber deutsch, reden wie Deutsche und freuen

sischen Militär aus den 70er Jahren und ist daher völlig

regelmäßigen Abständen das Schreien der Muezzins

Männer mit Rucksäcken durch den Wald liefen. Nach-

sich, uns helfen zu können. Ihnen ist in ihrer Anfangs-

veraltet und noch dazu in kyrillischer Schrift. Aus der

durchs Tal hallen, da fast jeder einzelne Weiler eine

dem die Dorfältesten mit den Jungs vom Militär noch

zeit in Deutschland von Bundesbürgern auch viel ge-

Not machen wir umgehend eine Tugend, packen den

kleine Hütte mit Lautsprechern, also eine Moschee,

eine Zigarette geraucht haben – für Waldbrandgefahr

holfen worden, sagen sie. Parallelgesellschaft – von

Kompass aus und uns freuen uns, einfach querfeldein

hat. Menschen sehen wir selten, doch immer wenn wir

scheint es kein türkisches Wort zu geben – zieht der

wegen!

in Richtung des Schwarzen Meeres zu wandern. Diese

auf ansässige Türken treffen, erleben wir eine Gast-

Tross wieder ab.

Etwas zu früh treffen wir an unserem Abschlusstreff-

Herangehensweise bereitet uns zwar hier und da Ver-

freundlichkeit, die trotz – oder vielleicht gerade wegen

Später werden wir bei einem Nachtmarsch vom tür-

punkt ein. Dies ist nicht weiter schlimm, denn der aufs

druss, wenn wir zum Beispiel durstig wandern ohne

– massiver Sprachbarrieren an Herzlichkeit kaum zu

kischen Polizei-Militär-Hybrid aufgegriffen. In diesem

Geratewohl ausgesuchte Strand in der Nähe von Sinop

eine Ahnung, wann wir wieder Wasser fassen können,

überbieten ist. Oft werden wir eingeladen und in den

Fall sind wir den Einsatzkräften durch die späte Stunde

ist ein Glückstreffer: Obwohl er mit seinem hellen

oder sich eine Abstiegsroute vom Berg als die ent-

besten Raum des Hauses gebracht, wo uns reichlich die

wirklich suspekt und die jungen Herren mit den Ma-

Sand und dem türkisfarbenen Wasser aussieht wie aus

puppt, die in die falsche Richtung führt. Insgesamt

Spezialitäten des Hauses aufgetischt werden. Mit der

schinenpistolen wirken weit weniger belustigt als

dem Reisekatalog, sind wir fast unter uns. Also erholen

haben wir jedoch sehr viel Freude daran, in kleiner

Zeit eignen wir uns auch ein paar Worte Türkisch an,

noch beim letzten Mal. Wir beteuern, dass wir nach

wir uns tagsüber von den Strapazen der Wanderung,

Gruppe diese Freiheit des Wanderns zu genießen.

um uns endlich angemessen bedanken zu können. Na-

einem Hotel suchen und werden zum nächsten Städt-

singen abends am Feuer und werden nachts vom Rau-

Die Landschaft ist sehr heterogen: Wir durchlaufen

türlich auch um zu erklären, was wir in der Türkei

chen an der Schwarzmeerküste gefahren. Jetzt nichts

schen der Wellen in den Schlaf getragen.

kahle Hügelgegenden, quälen uns auf bewaldete

taten. Aber wie erklärt man das eigentlich? Die Leute

wie weg hier und wir machen uns so schnell wie mög-

Berge, durchqueren steinige Täler, marschieren auf

können sich nämlich beim besten Willen nicht vorstel-

lich aus dem Staub.

türkische Gastfreundschaft

18

der eisbrecher

jonas (orden der kharthvelier, jb phoenix)

der eisbrecher

>>

19

e211_fahrt  

>> felix (orden der weitfahrer, jb phoenix) felix (orden der weitfahrer, jb phoenix) FAHRT der eisbrecher 17 wilDe berge unD tÜrKiSche...

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you