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unclesally*s magazine

Juli/August 2011 / Ausgabe 168

CASPER K.I.Z. / Blondie / Incubus / Portugal. The Man Kaiser Chiefs / Miss Li / Taking Back Sunday The King Blues / Big Talk / Im Test: Biffy Clyro

www.sallys.net

„HipHop ist die Lizenz zum blöd sein.“ (Marcus Staiger)

Kino

BRAUTALARM Roundtable

schwanzvergleich

Noch was: KINO / COMIX / COMPUTERSPIELE / DIE BESTEN PLATTEN / HÖRSPIELE / BÜCHER / DVDs


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Juli/August 2011 / Ausgabe 168

www.sallys.net

„Vampire Weekend sind das Allerschlimmste.“ (Christoph / Jennifer Rostock)

K.I.Z. Casper / Blondie / Incubus / Portugal. The Man Kaiser Chiefs / Miss Li / Taking Back Sunday The King Blues / Big Talk / Im Test: Biffy Clyro

Kino

NICHTS ZU VERZOLLEN Sport:

wAKESKATEN

Noch was: KINO / COMIX / COMPUTERSPIELE / DIE BESTEN PLATTEN / HÖRSPIELE / BÜCHER / DVDs


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Juli/August 2011 / Ausgabe 168

K.I.Z. Casper / Blondie / Incubus / Portugal. The Man Kaiser Chiefs / Miss Li / Taking Back Sunday The King Blues / Big Talk / Im Test: Biffy Clyro

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„HipHop ist die Lizenz zum blöd sein.“ (Marcus Staiger)

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Juli/August 2011 / Ausgabe 168

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„Vampire Weekend sind das Allerschlimmste.“ (Christoph / Jennifer Rostock)

CASPER K.I.Z. / Blondie / Incubus / Portugal. The Man Kaiser Chiefs / Miss Li / Taking Back Sunday The King Blues / Big Talk / Im Test: Biffy Clyro

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unclesally*s magazine

INHALT

No. 168 – Juli /August 2011

Foto: Brantley Gutierrez

Musik: Seite 8

Musik: Seite 14

INCUBUS

BLONDIE

Schmusig ist sie geworden – die neue Platte. Wurden Incubus in früheren Zeiten gern als Alternative-Rock durchgewinkt, sind sie mit ihrem siebten Album „If Not Now, When“ bei ihrer ersten vollständigen Pop-Perlen-Kollektion angelangt. Nach 20 Jahren Bandgeschichte hat man eben den Schneid für Experimente.

Apropos alte Businesshasen: Blondie treiben sich mittlerweile doch noch die eine oder andere Woche länger im Musikzirkus herum als Incubus. Immerhin wurden sie deshalb (endlich) in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen und erklären euch heute, wieso das CBGB’s ohne sie als alte, unbekannte Kaschemme verrottet wäre – oder so ähnlich.

03 - 07 Starter

darf man wohl Olympia-reife Testergebnisse erwarten – zumindest wenn es um das Thema Zwillinge geht. Wir stellten den Biffy-Twins Ben und James zehn Fragen, bei denen sie gern besser abschneiden würden, als es Frank Turner im letzten Monat in Sachen „Berühmte tote Engländer“ getan hat...

Set Your Goals/ Berlin Independent Night Punk’d Royal Emirsian 60 Sekunden mit Alec Empire

08-11 Musik Stories I 10 Portugal. The Man 11 Auf der Couch mit: Zebrahead 12 The Horrors/ The Domino State 13 Big Talk 14 Blondie 15 The King Blues 16 Wolves Like Us/ Locas In Love

18 Titel: Casper und K.I.Z.

Foto: Ben Wolf

Primäre Geschlechtsmerkmale sind doch immer ein unterhaltsames Thema – vor allem für K.I.Z. Kürzlich durften wir, verzeiht den miesen Scherz, ein wenig mit den vier Herren „abpimmeln“ und ihnen nebenbei auch Fragen zur neuen Platte stellen. Bei diesem Rendezvous frei nach Knigge war auch das neue HipHop-Wunderkind Casper mit von der Partie.

26 - 32 Platten

Eine neue Platte ist wie ein neues Leben...

33 Mixtape:

Während andere Bands sicher schon vor ihrer Gründung fleißig möglichst glaubwürdige Playlists pauken, schämen sich die Freunde von Jennifer Rostock keineswegs, auch mal zu den Spice Girls abzutanzen. So lange es nur nicht in der Indie-Disco ist.

34-35 Musik Stories II 34 Kellermensch 35 Suicide Silence

36 Im Test: Biffy Clyro

92 Chromosomen leisten mehr als 46. Wenn sich diese dann auch noch ziemlich ähnlich sind,

Seite 1

EDITORIAl 2,5‰

...angeblich beginnt der lustige Effekt des Doppelt-Sehens ab diesem Alkoholpegel. Da muss man schon unverantwortlich viel einlöten, um so weit zu kommen. Die meisten streckt es nieder, bevor sie diese weltverändernde Erfahrung machen können.

Foto: Sebastian Gabsch

Foto: Erik WeissSchafer Foto: F. Scott

02 03 04 06

INHALT/EDITORIAL

Wenn man ein Bier bestellt und denkt, man bekommt zwei hingestellt. Wenn man sich den ganzen Abend mit diesen aufregenden Zwillingen unterhält, die so eineiig sind, dass sie sogar ständig das selbe sagen. Wenn man gleich zwei freie Sitzplätze in der Bahn nach Hause findet. Euphorie pur – zumindest bis man ein Stunde später über der Schüssel röchelt. Für all diejenigen unter euch, die bei 2,5‰ längst über dem Gartenzaun hängen, haben wir diese tolle DOPPEL-Ausgabe zusammengeschraubt! Ganz ohne schwerwiegende Alkohol-Intoxikation gibt es hier so viel doppelt zu sehen, dass einem ganz schwindelig werden kann. Zwei Titel zum Sammeln und Tauschen! Kreisch!

38-47 Musik Stories III

38 Handsome Furs/ Mikroboy 39 Miss Li 40 SpeedDating mit: Moving Mountains/ Leyan/ Little Dragon/ Cults/ Foster The People/ The Dead Trees 41 Kaiser Chiefs 42 Limp Bizkit 43 All Time Low 44 Taking Back Sunday 45 Reiseführer: Mit The Jezabels nach Sydney 46 Westcoast HipHop in L.A. 47 Konzert des Monats/ Konzertfotos Of Death

Für Zwischendurch

48 In The Mix – Telekom Extreme Playgrounds 49 Quickies

50 - 57 Kino 50 51 52 53 54

Brautalarm Nichts zu verzollen 3 Fragen an... Super 8/ Blue Valentine I’m Still Here/ Arschkalt/ Midnight in Paris 55 Shortcuts 56 Kino DVDs

58-66 Der Rest

58 Games 60 Sport 63 Bücher/ Hörbücher 64 Kreuzworträtsel 65 Redaktionscomic 66 Vorschau/ Impressum/ Screenshots

Der gute Casper ist ja gerade so ziemlich überall zu sehen. Damit ihr nicht alles doppelt LESEN müsst, haben wir ihn deshalb zusammen mit dem Kreuzberger Abrissunternehmen K.I.Z. an einen Tisch gesetzt. Hat keiner gelallt, das war schon mal positiv und ansonsten haben sie auch Lustiges von sich gegeben. Und als wenn das nicht genug wäre, haben wir uns mit Ben und James Johnston, den Zwillingen von Biffy Clyro, über Zwillinge unterhalten. Die haben auch getrennt voneinander geantwortet. Doppeltes Doppelt-Sehen sozusagen! Das geht mit Alkohol gar nicht, weil man mit 5‰ quasi klinisch tot ist. Könnte man von Blondie auch denken, sind sie aber nicht. Stattdessen sollte man sich keine Chance entgehen lassen, Debbie Harry in full effect zu sehen, ob nun doppelt oder nicht. Eigentlich sieht man ja sowieso immer doppelt, zumindest so lange man zwei funktionsfähige Augen hat. Das Gehirn ist nur so schlau, die beiden Bilder zu überlagern. Erst wenn Bruder Alkohol weite Hirnregionen lahm legt, kriegt es das nicht mehr hin. Ging uns kurz vor Druckschluss ähnlich... Schöne Ferien, eure unclesally*s


Neuigkeiten

Turbostaat (Foto: Erik Weiss)

Heute auf: Bretonisch

tud marv ha tud gloaset

ONE FINE DAY

(Tote und Verletzte)

Die Hamburger One Fine Day gehen nach 14 Jahren getrennte Wege, das Abschiedskonzert steigt am 2. Oktober.

GIL SCOTT-HERON

PORT O’BRIEN

Mit Gil Scott-Heron verstarb im Alter von 62 Jahren einer der Urväter des HipHop. Der Songwriter und Lyriker afroamerikanischer Herkunft begann in den Siebziger Jahren, sozialkritische und politische Spoken Word Performances mit Funk, Jazz, Beats und Soul zu unterlegen. Legendär ist sein „The Revolution Will Not Be Televised“. Im vergangenen Jahr veröffentlichte Scott-Heron das ComebackAlbum „I’m New Here“, welches später in einer Remix-Version von Jamie XX (The XX) unter dem Namen „We’re New Here“ erschien.

STONE SOUR

Schlagzeuger Roy Mayora erlitt nach einem Konzert einen Schlaganfall, weswegen die restliche US-Tour abgesagt wurde.

RYAN DUNN

Der Jackass-Star ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Dunn und sein Beifahrer waren mutmaßlich betrunken auf dem Heimweg, als ihr Wagen mit stark überhöhter Geschwindigkeit in West Goshen Township nahe Philadelphia von der Straße abkam, in einen Baum raste und in Flammen aufging.

dispartioù ha ehanoù (Trennungen und Pausen) IKARIA

„Auflösung“ steht nach Abschluss der Konzerte im August auf der ToDo-Liste von Ikaria. Ein noch nicht näher definierter Neubeginn soll folgen.

Kalifornischer Folk aus dem Hause Port O’Brien ist Geschichte. Frontmann Van Pierszalowski konzentriert sich fortan auf sein Projekt Waters, dessen Debüt „Out In The Light“ für den Herbst angekündigt wird.

SILVERCHAIR

Die drei Australier haben sich in den letzten Jahren musikalisch so weit voneinander weg entwickelt, dass es keine gemeinsame Basis mehr gibt, schreiben Silverchair auf ihrer Website. Man wolle erst dann wieder zusammen Musik machen, wenn es sich richtig anfühlt. Die Band liegt damit knapp zwei Dekaden nach Gründung auf Eis.

TRIP FONTAINE

Ein Mitglied steigt aus, da wollen die anderen vier nicht zurückstehen. Band aufgelöst, die laufende Tour abgesagt. Man gehe jetzt lieber grillen, so die Meldung auf Facebook.

chanchamant isili (Mitgliederwechsel) DANKO JONES

Mit Atom Willard heuerten Danko Jones einen ihrer alten Helden als Schlagzeuger für die kommende Tour an. Willard trommelte beispielsweise für Rocket From The Crypt, Social Distortion und The Offspring.

FUCKED UP

Frontmann Damian Abraham ist fucked up und steigt aus. Nach der Tour im August.

My new Favourite Band

Heute mit: Matt Wilson (SET YOUR GOALS)

Berlin Independent Night 2011 Eine kurze Einstimmung zu eurem neuen Lieblings-Rendezvous im September – am 24. des Monats heißt es wieder: Berlin Independent Night. Nachdem im letzten Jahr alle Tickets schon im Vorverkauf vergriffen waren, haben wir die Party nun um zwei Austragungsorte erweitert. So könnt ihr euch jetzt auf 15 Bands und viele, viele DJs freuen, die euch verteilt auf fünf Clubs in Friedrichshain und in Kreuzberg fantastisch unterhalten werden. Mit dabei sind unter anderem: Casper, Turbostaat, Miss Li, Handsome Furs, Sissy And The Blisters, Escapado, Team Me, Talking To Turtles, Scams und Strange Death Of Liberal England.

Später lassen diverse namhafte DJ-Teams die Plattenteller bis zum Morgengrauen kreisen. Tickets für die Party kosten 17 Euro im Vorverkauf und 19,50 Euro an der Abendkasse. Mit einer Karte kommt ihr selbstverständlich in alle teilnehmenden Clubs – immer wieder und wieder und wieder, wenn ihr wollt.

raktresoù nevez ha emvodoù (Neue Projekte und Wiedervereinigungen)

A PALE HORSE NAMED DEATH

Bobby Hambel (Biohazard,) Sal Abruscato (Life Of Agony) und Johnny Kelly (Type O Negative) werfen ihre Pfunde in den Ring und stellen sich als A Pale Horse Named Death auf die Bühne. Im August live zu reiten.

BRAID

„Ich bin totaler Fan von Hostage Calm aus Kalifornien und höre ihr neues, selbstbetiteltes Album nonstop. Es ist so einzigartig, dass ich noch nicht mal weiß, wie ich es kategorisieren soll. Die Songs sind unglaublich ideenreich, die Musik ist gut komponiert und die Texte dazu sind intelligent und haben eine kraftvolle Aussage. Mein Freund Jeff betriebt das Label ’Run For Cover Records’ und es ist das zweite Album, das Hostage Calm bei ihm veröffentlichen. Es wäre eine Schande, wenn die Band nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient. Auf der Labelseite kann man „Hostage Calm“ streamen: http://www.runforcoverrecords.com/hostagecalm.php“ Heimat: myspace.com/setyourgoals Foto: Matt Grayson Auch gut: „Burning At Both Ends“ - das neue Album von Set Your Goals

Ein dutzend Jahre strichen seit der Veröffentlichung des (aktuellen) Albums „Frame And Canvas“ an die Wand, nun bläst eine EP frischen Wind in die Segel. Im August darf „Closer To Closed“ mit stolzem Klickfinger erworben werden.

THE DARKNESS

Justin Hawkins droht an, dass es im kommenden Jahr ein neues Album aus der Dunkelheit geben würde. Mit einer großen Gastspielreise um die Welt sei auch zu rechnen.

GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR

Nach der Wiedervereinigung zu Tourzwecken folgt nun der nächste Schritt der Kanadier Godspeed You! Black Emperor. Im Anschluss an die Gastspielreise wird ein neues Album vorbe-

reitet. Damit ist endlich klar, dass es sich nicht nur um ein kurzes Intermezzo handelt.

HORRIBLE CROWES

Im September erscheint „Elsie“, das Debüt der Horrible Crowes um The Gaslight Anthems Brian Fallon und Ian Perkins.

HOUSE OF PAIN

Zum 20-jährigen Jubiläum finden House Of Pain erneut zusammen und betouren auch unsere Ecke der Welt. Ende Juli zu erleben.

ICE CUBE

Neben House Of Pain stellt sich ein weiterer Kollege aus Genre und Ära im Juli wieder auf die Bühne: Ice Cube.

HYDE & BEAST

Die Schlagzeuger Neil Bassett (Golden Virgins) und Dave Hyde (Futureheads) bilden gemeinsam das Projekt Hyde & Beast, dessen Debüt „Slow Down“ den August erwärmt.

METALLICA

Seit Metallica im Jahr 2009 gemeinsam mit Velvet Underground-Ikone Lou Reed spielten, reifte der Gedanke eines gemeinsamen Albums heran. Dieses ist nun fertig produziert und soll demnächst den Weg an die Öffentlichkeit finden.


DAS GUTE GESCHÄFT IN DIESEM MONAT ist:

Anaconda Lounge Andreasstraße 11 40213 Düsseldorf

Nach kurzem Klopfen an der Tür wird man höflich vom immer gleich gekleideten Türsteher (graue Strickjacke, weißes V-Neck) begrüßt und stürzt dann an die schlangenförmig gewundene Bar, um noch das letzte Getränk in der Happy Hour abzugreifen. Die Anaconda Lounge ist kein Geheimtipp, kein In-Indie-Club, sondern einfach eine klassische, schöne Bar mit freundlichen Menschen und höllisch guter Elektromusik. Das Publikum ist immer extrem bunt gemischt und spiegelt Düsseldorf wirklich gut wider ohne dabei zu nerven. Zeitweise sind etwas viele Werbemenschen in der Anaconda unterwegs – aber trinken und tanzen können sogar die. Wenn ihr also das nächste Mal in der Stadt seid und nicht wisst wohin, wisst ihr es jetzt. Und wenn wir auch da sind, geben wir einen aus. Aber nur, wenn noch Happy Hour ist. Prost! Empfohlen von Punk’d Royal

Kürzlich haben Punk’d Royal ihre erste EP „Muscles“ veröffentlicht und konnten die VW Soundfoundation mit ihren Synth-PopNummern davon überzeugen, sie zum Newcomer des Jahres zu machen. Live stellen sich euch die Düsseldorfer im Juli im Rahmen der unclesally*s Party im Berliner Magnet Club vor. Dann außerdem live dabei: AndiOliPhilipp. Heimat: punkdroyal.com Auch gut: „Muscles“ - die aktuelle EP von Punk’d Royal

PRIMUS

Es wird die erste Platte seit elf Jahren, deswegen sollte man es mit dem Termin nicht so genau nehmen. Statt in der Juli-Hitze erscheint „Green Naugahyde“ mit einiger Verspätung im Rahmen der Septemberstürme. Auch passend.

SUPER HEAVY

Rolling Stone Mick Jagger, Eurythmics-Gründer Dave Stewart, Soulsängerin Joss Stone, Bobs jüngster Spross Damian Marley und A.R. Rahman, der berühmteste Soundtrackkomponist aus Indien, formieren Super Heavy. Abseits der Öffentlichkeit wurde in den vergangenen eineinhalb Jahren das Debüt eingespielt. Im September wissen wir mehr.

TEMPLE OF THE BLACK MOON

Eine Black Metal-Supergroup wächst dieser Tage zusammen. Cradle Of Filth-Frontmann Dani Filth, John Tempesta von Cult und Rob Caggiano aus den Häusern The Damned Things und Anthrax arbeiten an ihrem gemeinsamen Debüt, das in der Mitte des kommenden Jahres befürchtet werden muss.

pladennoù (Platten) 5BUGS

Im September erscheint das neue Werk der 5Bugs. Live darf „Vora City“ im November begutachtet werden.

BEIRUT

Aufgenommen im tiefen Winter in New York, kommt Ende August mit „The Rip Tide“ neues Material von Beirut in die Läden.

BOMBAY BICYCLE CLUB

Ebenfalls im August steht ein frisches Produkt des Fahrradvereins Bombay zur Verfügung. Klingt alles anders als gewohnt, heißt es.

CLAP YOUR HANDS SAY YEAH

„Hysterical“ zeigen sich Clap Your Hands Say Yeah ab dem 12. September. Das dritte Album der New Yorker ist der Nachfolger des 2007er „Some Loud Thunder“.

FUTURE ISLANDS

Im Herbst strandet ein neues Album der Future Islands an unseren Küsten. Der Name wurde noch nicht offenbart.

GREEN DAY

Frontmann Billie Joe Armstrong berichtet auf Twitter, dass neues Material in Arbeit ist. Etliche frische Songs warten schon, so Armstrong.

KAISER CHIEFS

Für ihr neues Album „The Future Is Medieval“ haben die Kaiser Chiefs zwanzig Songs ins Internet geladen, aus denen man sich selbst ein Album zusammenstellen, das Cover designen und seine Kreation anschließend online kaufen und vor allem verkaufen (!) kann. Checkt kaiserchiefs.com.


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Das TUT GUT

Heute mit: Aren Emirze/ Armenische Gemeinde Hessen e.V.

THE KOOKS

Ihr neues Werk „Junk Of The Heart“ speien The Kooks im September aus. Live wird das Spektakel im Oktober und November in hiesigen Breiten dargeboten.

PAVEMENT

Mit „Mirror Traffic“ bringt Ex-Pavement-Frontmann Stephen Malkmus im August eine neue Platte seiner Band Stephen Malkmus And The Jicks heraus.

RANCID

Der September führt Rancid ins Studio, um pünktlich zum 20j-ährigen Bandjubiläum im kommenden Jahr das achte Album im Kasten zu haben.

RED HOT CHILI PEPPERS

„I’m With You“ steht auf dem Cover der kommenden Platte der Red Hot Chili Peppers. Ab August sind sie mit dir. Und dir.

film ha skinwel (Film und Fernsehen) KINGS OF LEON

Auf dem Soundtrack des mexikanischen Films „Days Of Grace“ ist eine Kollaboration von Massive Attack und Hollywood-Schönheit Scarlett Johansson zu hören. Passend zur Jahreszeit mit „Summertime“ betitelt.

NINE INCH NAILS

Mastermind Trent Reznor spielt gemeinsam mit Karen O (Yeah Yeah Yeahs) den „Immigrant Song“ von Led Zeppelin neu ein. Das Cover wird eine Rolle in David Finchers „The Girl With The Dragon Tattoo“ spielen, der neuen Verfilmung von Stieg Larssons „Verblendung“. Wir erinnern uns: Reznors jüngste Arbeit für Fincher, der Soundtrack zu „The Social Network“, gewann einen Oscar.

an traoù arall (Der Rest)

MORRISSEY

Der streng vegetarisch lebende Ex-Frontmann von The Smiths sorgte dafür, dass am Tag seines Auftritts auf dem gesamten belgischen Festival Lokerse Festen kein Fleisch zubereitet werden darf.

JACK WHITE

Im verflixten siebten Ehejahr geben sich Jack White und Karen Elson das Nein-Wort. Zu Ehren der zu Ende gegangenen Beziehung wird eine gemeinsame Scheidungsparty in Nashville geschmissen.

My Chemical Romance

Die Dokumentation „Talihina Sky“ zeigt das Leben der Kings Of Leon im beruflichen und privaten Kontext. Benannt nach dem Heimatdorf der vier, gibt der Film einen recht intensiven Einblick. Wo das Werk außerhalb von Filmfestivals zu sehen sein wird, ist noch offen.

MASSIVE ATTACK

Mit sich im Reinen zu sein ist nicht immer einfach. Du kannst wissen, wer du bist, und du kannst wissen, woher du kommst. Beides zu verschmelzen ist der Punkt, an dem es schwierig wird. Ich bin Aren Emirze. Aren, der Musiker, Aren, der Armenier und Aren, der Deutsche. Als Musiker brauchte ich vor allen Dingen erst einmal meine Band Harmful, lauten, harten Noise-Rock, um meine innere Unruhe raus zu lassen. Ich war glücklich, hab‘ mein Ding gemacht, bis ich meinen Vater verlor. Das war 2003. Auf einmal fing ich an, mir die Dinge, die er mochte und für die er gelebt hatte, genauer anzuschauen. Er war in erster Linie mein Vater, aber auch Musiker und Armenier. Die „Armenische Gemeinde Hessen e. V.“. mit Sitz in Hanau ist eine kirchlichkulturelle Organisation der Armenier in Hessen, der ich auch angehöre und die ich soweit es mir möglich ist unterstütze. Die größte Herausforderung und Aufgabe, die der Gemeinde gestellt ist, ist die folgende: Wie kann man sich als Armenier in die neue Gesellschaft integrieren, aber zugleich sich selbst, seiner Identität, dem Glauben und der Kultur treu bleiben? Kulturelle Veranstaltungen insbesondere für den Erhalt der westarmenischen Kultur (Schrift und Sprache), die nach dem Genozid an den Armeniern von 1915 besonders gefährdet ist, sind genauso wichtig für diesen e.V. wie regelmäßige Besprechungsrunden über Religion, Literatur und Gesellschaftsfragen. Wie Ihr wisst, ist „ohne Moos nichts los“ deswegen gibt es natürlich auch finanzielle Unterstützungen seitens der Gemeinde wie zum Beispiel für das Waisenhaus „Kalfayan“ in Istanbul oder das Kinderheim „Trchunyan“ in Armenien. Was mir am meisten am Herzen liegt, ist die Realisierung eines Dokumentarfilm-Projekts über das armenische Waisenhaus „Kindercamp Armen“ in der Türkei, wo man bis heute die Folgen des armenischen Schicksals spürt. Postanschrift: Armenische Gemeinde Hessen e. V. (Hanau) * Postfach 22 52 * 63412 Hanau * armenier-rheinmain.de

Coke Sound Up Shows

Good Charlotte

Unter dem Namen Emirsian veröffentlichte Harmful-Sänger Aren Emirze gerade sein drittes Soloalbum „Accidentally In Between“. Für uns beleuchtet er seine armenischen Wurzeln und stellt den Verein Armenische Gemeinde Hessen vor.

Jetzt Tickets für My Chem oder Good Charlotte sichern!

Einige von Euch werden es schon mitbekommen haben. Das neue Musikprojekt von Coca-Cola heißt Coke Sound Up und macht jede Menge Lärm. Highlight sind die Coke Sound Up Shows, die gemeinsam mit den Künstlern konzipiert werden. Das wiederum heißt, dass ihr euch bei diesen Konzerten auf die eine oder andere Überraschung gefasst machen könnt. Ob ihr diejenigen seid, die mit auf der Bühne stehen oder doch eher die, die sich mit der Band nach der Show zu einem Meet & Greet treffen werden, findet ihr nur heraus, wenn ihr euch für eins der heiß begehrten Tickets bewerbt. Die gibt es nämlich nicht zu kaufen, sondern nur auf coke.de zu gewinnen. Wenn ihr in der Nähe von Stuttgart oder Gelsenkirchen wohnt oder dort problemlos hinreisen könnt, solltet ihr uch beeilen, dort finden nämlich am 2.7. und 6.8. die nächsten Coke Sound Up Shows mit My Chemical Romance und Good Charlotte statt. Auf sallys.net haben wir jeweils 2x2 Special Tickets für euch reserviert, mit denen bekommt ihr Zugang zum abgegrenzten Fanbereich direkt vor der Bühne.

Coke Sound Up Shows

My Chemical Romance, 2.7. Stuttgart, Freilichtbühne Killesberg Good Charlotte, 6.8. Gelsenkirchen, Amphitheater Alle Infos und Tickets unter coke.de


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SBTRKT

Aaron Jerome heißt der Mann, der sich hinter einer Stammesmaske versteckt und mit seinem gerade erschienenen selbstbetitelten Debüt die Elektro-Disco zu neuer Frische erwecken will. Die Engländer freuen sich besonders über den jungen Londoner Produzenten, der bereits Remixe für Acts wie MIA, Basement Jaxx, Mark Ronson und Underworld angefertigt hat.

Mumford And Sons

Wenn Mumford And Sons demnächst stumm vor euch auf der Bühne stehen, sagt nicht, wir hätten euch nicht gewarnt. In einem Interview mit dem Q Magazine verriet Sänger Marcus Mumford jetzt, dass das britische Folk-Ensemble des Öfteren kleine Text-Aussetzer hat: „Den Text zu vergessen, ist das Schlimmste. Es passiert recht häufig, vor allem wenn wir live im Fernsehen auftreten.“ So was Dummes aber auch.

Brother

Die englische Band Brother, muss sich nach einem Rechtsstreit mit einer australischen Band gleichen Namens umbenennen und ist ab sofort als Viva Brother im Poplexikon zu finden.

60 SEKUNDEN mit:

Alec Empire (ATARI TEENAGE RIOT)

Blink 182

Was für eine Geheimniskrämerei: Laut Frontmann Mark Hoppus haben sich Blink182 für den Titel ihres neuen Album entschieden. Verraten, wie das Prachtstück, für dessen Produktion sie ihre Europatour auf nächstes Jahr verschoben haben, nun heißen wird, wollen sie aber noch nicht.

Mehr News gibt es täglich unter

Black Francis

Pixies-Chef Black Francis wird im September ein neues Album veröffentlichen. Das gute Stück hört heute schon auf den Namen „Paley & Francis“ und wurde in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Rockmusiker Reid Paley eingespielt.

Schreien, was die Stimmbänder hergeben, gegen den Staat wettern und die Massen bis zur Erschöpfung treiben: Die Konzerte von Atari Teenage Riot sind auch nach zehn Jahren Bandpause und mit neuer Formation ein unvergesslicher Kraftakt. Das vierte Album „Is This Hyperreal“ ist ein nicht minder wildes Elektro-Punk-Monster, für dessen fast spontane Entstehung Alec Empire sogar sein neues Soloprojekt verschoben hat. Für uns opfert der viel beschäftige Frontmann ein paar Sekunden Zeit und Atem - und gibt sich so humorvoll wie bescheiden. Wer mich momentan am meisten aufregt... ...sind diese Trolle im Internet, die keine Argumente vorbringen, wenn sie etwas kritisieren, sondern einfach nur Frust ablassen wollen. Das zerstört meiner Meinung nach die Demokratie im Netz. Politisch zu sein bedeutet für mich... ...Tradition und Information, die man bekommt und als selbstverständlich annimmt, immer wieder zu hinterfragen. Und am besten, sich aktiv zu beteiligen. Dabei finde ich es genauso wichtig, wenn jemand Flyer für eine Demo verteilt, wie wenn man in eine Partei eintritt.

Beck’s Black Currant lädt ein Wohnzimmerparty und Schrottplatzfete

Familienfeste langweilig? Woher denn! Beck’s Black Currant vereint Gegensätze zu einem ausgefallenen Ganzen: Seien es herbes Beck’s Bier mit einem Schuss Schwarze Johannisbeere zu einem leckeren Mixgetränk oder häuslicher Charme und coole Elektroklänge zu einer spitzen Fete. Am 9. Juli starten die Beck’s Fusion Partys mit „Elektro_Eltern“ in der Oberpostdirektion in Hamburg. Als würde man in Mutters Küche eine Elektrosause mit Hunderten anderen feiern, unterhalten euch die DJs Liem und H.O.S.H. in gemütlichem Ambiente mit ihrer synthetischen Tanzmusik. Außerdem steht die 70-jährige DJ-Oma Mamy Rocks aus England hinter den Plattentellern. Am 6. August steigt die nächste Party in München. Unter dem Motto „EdelSchrott“ wird die Alte Börse zu einem hippen Schrottplatz umdekoriert und von Münchens Super-DJ Nikias Hofmann mit elektronischen Klängen beschallt. Dazu gibt es ein kühles Beck’s Black Currant, das lediglich von Mai bis Oktober im Handel erhältlich ist. Apropos: Die Tickets für die Partys sind ebenfalls limitiert. Es gibt sie nicht zu kaufen, sondern nur unter becks.de und facebook.com/ becksmix zu gewinnen. Bewerbt euch jetzt! Weiter geht es dann demnächst mit einer Party in Berlin... Auf sallys.net verlosen wir 2x2 Tickets pro Veranstaltung!

Beck’s Fusion Partys 09.07. Hamburg - Oberpostdirektion *DJs: Liem, H.O.S.H, Mamy Rocks 06.08. München – Alte Börse * DJ Nikias Hofmann Tickets unter: becks.de und facebook.com/becksmix

Hätte ich in meiner Jugend nicht in West-Berlin gelebt, sondern auf der anderen Seite der Mauer, hätte ich wahrscheinlich nie... ...den Achtzigerjahre-Terror von Einstürzende-Neubauten-Copybands in WestBerlin ertragen müssen. Damals stand ich total auf Siebzigerjahre-Punkrock, und in vielen Clubs hat es echt genervt, wenn die Leute mit Hämmern auf Tonnen rumgeklopft haben. Leute, die mich erst durch Medien und dann persönlich kennen lernen, wundern sich darüber, dass... ...ich eigentlich ein relativ ruhiger Mensch bin und nicht die ganze Zeit rumschreie. (lacht) Um richtig runterzukommen mache ich... ...meistens Musik. Jetzt nicht unbedingt einen Song schreiben, sondern einfach rumprobieren, Gitarre spielen zum Beispiel. Ich kann mich schon dabei ertappen, wie ich sechs Stunden E-Gitarre spiele, und das finde ich weitaus besser als Fernsehen gucken oder so was. Wenn mir Menschen Komplimente für mein Aussehen machen, finde ich das... ... also ich sag’ jetzt nicht „peinlich“, aber ich weiß nie, wie ich damit umgehen soll. Es macht mich verlegen, das ist das richtige Wort. Am meisten an der Reunion von Atari Teenage Riot freut mich... ...dass die Musik so vielen Menschen etwas bedeutet. Es hat mich selbst überrascht, dass Songs, die man schon vor längerer Zeit gemacht hat, immer wieder auch von jüngeren Generationen entdeckt und verstanden werden und sie ihnen Kraft und Inspiration geben. Das ist ja das Beste, was man mit Musik erreichen kann. Text: Isabel Ehrlich Heimat: atari-teenage-riot.com Auch gut: „Is This Hyperreal“ - das aktuelle Album von Atari Teenage Riot


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MUSIK STORIES

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Incubus

Der Kick der Bescheidenheit Einer erfolgreichen Band wird so ziemlich alles auf den Gabentisch gelegt. Incubus sind seit 20 Jahren im Musikgeschäft und haben sich an den süßen Früchten des Business mehr als satt essen können. Eine neue Platte hätten sie im Grunde gar nicht nötig gehabt, doch „If Not Now, When?“ ist ein Produkt der Liebe, eingespielt von Menschen, die es begeistert, wenn sie mal nicht beklatscht werden. Nach zwei Jahrzehnten können die Kalifornier auch Stunden nach der Show nicht in den Tourbus steigen, ohne sich dabei von einer aufgekratzten Fan-Schar feiern zu lassen. Das war bei ihrem Berliner Clubkonzert vor ein paar Wochen auch so. Die Begeisterung hängt wohl mit der guten LivePräsenz der fünf Jungs zusammen. Mit ihrer musikalischen Klasse, einer über sechs Alben gewachsenen Sammlung an Hits und – seien wir ehrlich

– einem Sänger, der auf der Bühne traditionell sein T-Shirt auszieht und darunter auch mit 35 Jahren wohl noch immer als Calvin Klein- Model durchgehen könnte. Während Brandon Boyds schlanker Surferkörper auch an jenem Abend im Juni wieder alle Blicke fesselt, ackert Jugendfreund Mike Einziger zu seiner Linken komplett angezogen und auffallend konzentriert an der Gitarre. Der neben dem extrovertierten Sänger immer etwas unscheinbar wirkende Gitarrist ist das musikalische

Superhirn der Band. Im Vorfeld der Show wurde er deshalb in einem Berliner Hotelzimmer einquartiert, um freundlich alle Fragen zur neuen Platte zu beantworten. Mike ist in Plauderlaune und in den letzten Jahren ebenfalls kaum einen Tag gealtert. Lediglich die Locken trägt er heute weniger aufgeplüscht. Seit der Gründung 1991 spielt er nun schon in der Band, die mit „Light Grenades“ 2006 ihr letztes Studioal-


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bum veröffentlicht hat. Als er Brandon vergangenes Jahr in New York besucht, wo dieser gerade sein Solodebüt aufnimmt, reift auch die Idee für die siebte gemeinsame Platte heran. Doch die Frage, ob „If Not Now, When?“ mit dem Polster aus Erfahrung, Erfolg und neuen Interessen im Hinterkopf die bislang leichteste Arbeit für Team Incubus gewesen sei, verneint Mike direkt: „Es war das schwerste Album. Wir sind älter und wählerischer geworden und müssten ja keine Platte mehr machen. Wir haben alles erreicht, was wir wollten. Motiviert hat uns ausschließlich die Liebe zu unserer Musik.“ Statt sich bei aller Emotionalität jedoch in künstlerischen Ausschweifungen zu verlieren, haben sie sich dieses Mal bewusst zurückgenommen, die Songstrukturen simpler gehalten und die Tracks weit weniger nach dem surrealen Alternativ-Rock klingen lassen, den Fans von Alben wie „Make Yourself“ oder „Morning View“ gewohnt sein dürften. „If Not Now, When?“ ist ein Pop-Album geworden – und ein verschmustes noch dazu. Doch wer die Platte jetzt vor dem inneren Auge schon ungehört zur Jane Austen-Schullektüre in den Müll werfen möchte: Augenblick noch! Incubus haben ja mit jedem Album aufs Neue riskiert, es sich durch ihre Experimente bei den Fans zu verscherzen. Geschadet hat es ihnen bekanntlich nie. Fernab des Musikbetriebs sind die Mitglieder momentan ebenfalls auf ihre Weiterentwicklung bedacht. Während sich Brandon der holden Kunst verschrieben und mittlerweile zwei Bücher mit Zeichnungen und Fotografien veröffentlicht hat,

wurde Mike nach einem harten Auswahlverfahren vor drei Jahren an der Eliteuniversität Harvard angenommen, wo er Musik und Wissenschaftsgeschichte studiert und später mit einem Doktortitel abschließen will. Nicht nur intellektuell bringt den 35-Jährigen der Aufenthalt an der Begabtenschmiede voran. „Die Studenten in Harvard sind so klug und ich bemühe mich mitzuhalten. Es ist toll, in einem Klassenzimmer zu sitzen, wo mir niemand sagt, dass ich super bin. Als Musiker lebst du in einer Parallelwelt. Menschen jubeln dir zu, alle loben dich in den Himmel. Viele glauben dann auch, dass sie etwas Besseres sind. Ständig sieht man doch diese Typen mit Sonnenbrille, die von allen umgarnt werden und vor Coolness fast platzen. Man möchte

MUSIK STORIES

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ihnen sagen: ’Komm’ klar, Mann! Du hast lediglich einen niedlichen Song geschrieben!’ Es gibt Dinge auf der Welt, die wirklich etwas bedeuten: Menschen, die Krankheiten heilen, soziale Ungerechtigkeit bekämpfen, Nobelpreise gewinnen...“ Natürlich hat er Recht. Und wenn er so weiter macht, ist der wissbegierige Mike, der momentan jede freie Minute leidenschaftlich zum Lernen nutzt, bald sicher auch einer von den ganz Genialen – im Hintergrund. Text: Christine Stiller Foto: Brantley Gutierrez Heimat: enjoyincubus.com

Vom Sänger zum Künstler Manche Menschen sind einfach gesegnet: mit Intelligenz, Talent, gutem Aussehen oder gleich allem zusammen. Incubus-Sänger Brandon Boyd gehört zu diesen beneidenswerten Individuen, denen scheinbar alles gelingt und die, bevor Eifersucht überhaupt aufkeimen kann, jeden mit Charme und Freundlichkeit auf ihre Seite ziehen. Neben seiner musikalischen Begabung hat Brandon seit jeher auch ein grafisches Talent. Am Anfang seiner Bandkarriere gestaltete er Flyer für die Shows, später zeichnete er sich im Video zum Song „Drive“ selbst und 2003 veröffentlichte er mit „White Fluffy Clouds“ sein erstes Buch. Darin sind Zeichnungen, Fotografien und Texte des Sängers enthalten. 2007 erschien mit „From The Murks Of The Sultry Abyss“ sogar schon der Nachfolger. Musikalisch konnte sich Brandon im letzten Jahr mit seinem Solodebüt „The Wild Trapeze“ insofern von seiner Rolle als Sänger emanzipieren, als dass er auf der Platte alle Instrumente eigenhändig eingespielt hat. Als er Incubus-Gitarrist Mike Einziger das aufgenommene Material zum ersten Mal präsentierte, war er deshalb auch mehr als unsicher. Doch Mike zeigte sich angeblich sehr zufrieden, sagt von sich jedoch, dass er niemals ein ähnliches Projekt in Angriff nehmen würde – er wolle schließlich nicht singen. Ja, zum Frontmann wird man wahrscheinlich wirklich geboren.


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Portugal. The Man

Schlaflos in Seattle, Portland, New York, El Paso ... Indie-Alarm! Kaum sind Portugal. The Man bei einem Major Label unter Vertrag, arbeiten sie mit dem Typen zusammen, der Shakiras ’Wacka Wacka’ geschrieben hat. Hilfe! Mit ebenjenem John Hill, aus dessen Feder die gruseligste WM-Hymne seit Udo Jürgens ’Wir sind schon auf dem Brenner’ stammt, schloss sich Portugal. The Man-Frontmann John Gourley für einige Zeit im Studio ein, um am ersten Album für den Business-Riesen Atlantic zu arbeiten. Die Katastrophe nahm ihren Lauf: „Irgendwann fanden wir uns völlig übernächtigt auf den Stufen vor diesem schicken New Yorker Studio wieder und haben uns nur noch angeschrieen. Und während ich noch: ’Fick dich, Alter!’ rief und er: ’Den Scheiß hab ich nicht nötig!’ brüllte, liefen all diese superhippen Bands aus Brooklyn an uns vorbei und waren sich wahrscheinlich sicher, dass dieses Album niemals zustande kommen würde,“ berichtet Gourley, während Keyboarder Ryan Neighbours vor Lachen fast vom Sofa kippt. Er weiß schon, wie die Geschichte vom großen bösen Mainstream-Wolf ausgeht. „Am nächsten Tag haben wir uns wieder im Studio getroffen und wussten, dass wir es, gerade weil wir beide so manisch sind, schaffen würden. Wir haben ständig von acht Uhr morgens bis drei Uhr nachts an den Songs gearbeitet, da können einem schon mal die Sicherungen durchschmoren.“ Und am Ende ist dann doch alles gut. Gourley und Hill erfreuen sich trotz der gemeinsamen Abenteuer bester Gesundheit. Mit ’In The Mountain, In The Cloud’ steht ein Al-

bum bereit, das die vor einiger Zeit von Alaska ins Slacker-Mekka Portland übergesiedelten Portugal. The Man auf dem Zenit ihres Schaffens zeigt – und das überhaupt nicht nach Shakira klingt. Stattdessen haben sie das Kunststück fertig gebracht, ein positives, fokussiertes Album zu machen, dem eigentlich ein tieftrauriges Thema zugrunde liegt. „Ich habe über den Tod meines Großvaters geschrieben. Aber um ehrlich zu sein, ist der Tod für mich gar nicht so eine traurige Angelegenheit. Natürlich war ich irgendwie außer Fassung, aber als ich mit meinem Vater zum Begräbnis gegangen bin sagte er zu mir: ’Egal was du gleich da im Sarg siehst, es sind nur Knochen.’ Das klingt jetzt morbide, aber da habe ich meinen Frieden mit dem Tod gemacht“, erinnert sich John. Die Idee eines Grundthemas ist Portugal. The Man–Hörern nicht fremd. Auf Satanismus und amerikanische Vorstadthölle folgt der Tod eines nahen Familienangehörigen. „Trotzdem wollten wir nie ein Konzeptalbum oder so was machen. Deshalb war es im Endeffekt ganz gut, dass die Aufnahmen zu ’In The Mountain In The Cloud’ total chaotisch verlaufen sind. Wir haben lustige Sounds in El Paso gefunden, coole Drum-Loops in New York und am Ende alles in L.A. eingespielt.“ Das geographische Chaos der

Aufnahmen reflektiert gut den Bewegungsdrang der Band und deutet an wie es Portugal. The Man schaffen, überhaupt ein Album pro Jahr zu produzieren, obwohl sie annähernd 250 Tage auf Tour sind? Nach der Episode mit John Hill hätte man es wissen können. Gourley verrät das Erfolgsgeheimnis: „Ich schlafe sowieso nicht viel. Vier Stunden, dann ist Schluss und das war auch schon immer so. Ich vermute, das hat mit meiner Kindheit in Alaska zu tun. Im Sommer geht die Sonne da ja nicht unter.“ Text: Timo Richard Heimat: portugaltheman.com Foto: Emily Dyan, Ibarra-John Gourley, Austin Sellers

WM-Songs Nicht erst seit der WM in Südafrika werden wir armen Musikhörer mit eigens für große Sportereignisse komponiertem, akustischen Müll belästigt. Insbesondere die deutsche Fußballnationalmannschaft hat eine denkwürdige Diskographie von Klogriffen. Neben der oben erwähnten Kooperation mit Udo Jürgens sind „Mexico Mi Amor“ und „Ole Espana“, die gemeinsamen Songs mit Schmalzlocke Peter Alexander und Grinsebär Michael Schanze, für immer ins Schreckenszentrum unserer Hirne gebrannt. Warum nimmt die deutsche Nationalmannschaft eigentlich immer mit Österreichern auf?


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MIT: AUF DER COUCH

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Ali Tabatabaee (Zebrahea

Den Lustigen gehört die Welt. Da ist es im Grunde egal, ob sich bei Zebrahead-Sänger Ali Tabatabaee in den letzten 15 Jahren ein paar Speck- oder Lachfalten angesammelt haben. Seinen unbeschwerten Teenie-Humor wird er wohl auch mit 80 noch nicht verloren haben. Seit 1996 ist der 38-Jährige mit der kalifornischen Pop-Punk-Band unterwegs, und kramt im folgenden Tiefeninterview beim Thema Lebenserfahrung sogar ein bisschen Ernsthaftigkeit hervor. Aber keine Angst... Inwieweit hat deine Berufswahl deine Persönlichkeit geprägt? Was wäre aus dir geworden, wenn du nicht bei Zebrahead gelandet wärst? Ali: Ich denke, das Beste, das ich für mich persönlich aus meinem Bandleben mit Zebrahead ziehen durfte, sind all die Eindrücke und Erfahrungen, die ich auf Tour sammeln konnte. Es war mir möglich, auf der ganzen Welt die unterschiedlichsten Menschen und Kulturen kennenzulernen. Zu sehen, wie Menschen mit den verschiedensten kulturellen und sozialen Hintergründen leben, hat meinen Horizont erweitert. Hätte ich diesen Job nicht gehabt, wäre ich wahrscheinlich falsch abgebogen und Bodyguard von Charlie Sheen oder Regisseur von Pornofilmen geworden. In welcher Phase deiner Karriere hast du das “normale” Leben bisher am meisten vermisst? Ali: Ich denke, das passiert immer, wenn man länger von zu Hause weg ist. Jeder, der so oft auf Tour geht wie ich, hätte bei seiner Heimkehr das Gefühl, sich von den Menschen,

denen man nahe steht, entfernt zu haben. Es ist immer seltsam, nach Hause zu kommen und festzustellen, wie sich Freunde und Familienmitglieder in der Zeit verändert haben. Auf welche Begleiterscheinungen des Ruhms könntest du gut verzichten? Ali: Auf die Sache mit dem Ruhm im Allgemeinen. Ich mag es, Songs zu schreiben und Musik zu machen. Die Begleiterscheinungen kann man leider nicht kontrollieren und nur schwer beeinflussen. Eure Musik hat in Sachen Jugendlichkeit nichts eingebüßt, doch inwieweit hat sich eure Selbstwahrnehmung im RockZirkus verändert? Stell dir vor, du würdest dich heute selbst auf der Bühne beobachten können. Was ginge dir durch den Kopf? Ali: Das hängt davon ab, mit wem ich mich dann vergleiche. Wenn ich mir zum Beispiel einen Auftritt von Rihanna ansehen würde, wäre ich überzeugt davon, dass ich nicht mehr in Form bin. Aber wenn ich

mich mit Cee Lo Green vergleiche, würde ich mir nach der Show sogar noch ein extra Stück Pizza gönnen. In welcher Lebensphase hast du dich das letzte Mal wie ein Außenseiter gefühlt? Ali: So fühle ich mich ehrlich gesagt jeden Tag aufs Neue. Welchen Rat könntest du auf Grund deiner bisherigen Lebenserfahrung einem 23-Jährigen mit auf den Weg geben, so dass er oder sie in den nächsten 15 Jahren die Nerven etwas schonen kann. Ali: Ich denke, der beste Rat ist es, immer seinen Träumen und seinem Herzen zu folgen und gleichzeitig hart für seine Ziele zu arbeiten. Und wenn mal etwas nicht so rund läuft, versuche so viel wie möglich aus der Erfahrung zu lernen, um es später zu deinem Vorteil nutzen zu können. Das würde ich sagen UND: „Benutze immer ein Kondom!“ Text: Christine Stiller Heimat: zebrahead.com Auch gut: „Get nice!“ - das neue Album von Zebrahead


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The Horrors

Immer die gleichen Fragen Gegen Kategorisierungen aller Art könne man sich nicht wehren, meinen The Horrors und machen auf ihrem neuen Album ‘Skying’ alles anders als geplant: „Wer’s nicht mag, hat Pech gehabt!“, lautet ihre lapidare Erklärung und doch steckt so viel mehr dahinter. Am Hamburger Jungfernstieg ballert die Sonne wie wild auf Faris Badwans opulente Haarpracht. Verwachsener Pagen-Schnitt meinen die einen, stylisch ganz weit vorn, sagen die anderen. „Es interessiert mich eigentlich nicht, was die Journalisten über mich und meine Kollegen schreiben. Anfänglich dachten die aufgrund unserer schwarzen Klamotten wir seien echte Goth-Rocker und hätten einen starken Bezug zur Londoner Gruft-Szene. Keine Ahnung, das ist totaler Blödsinn.“ Trotz dieses rüden Gesprächseinstiegs scheint der Horrors-Frontmann heute ausnahmsweise mal in Plauderlaune zu sein und prescht phasenweise so redselig durchs Interview, dass es schwer fällt, die eigenen Fragen zu Ende zu stellen. „Du kannst sagen, was du willst: Die musikalische Entwicklung der Band ist sehr organisch und natürlich aus meiner Sicht. Logisch kommen die Leute an und fragen: Jungs, wie wollt ihr den Erfolg des Vorgängers bitteschön toppen?“, amüsiert sich der schlaksige Sänger, „aber soll ich dir was sagen: Die gleiche Frage haben sie uns beim letzten Mal auch gestellt!“ Sorry dafür, aber das nennt man in Fachkreisen wohl Kritikerliebling. Sowohl das 2007 veröffentlichte Debüt der Jungs, ’Strange House’, als auch das zwei Jahre später nachgeschobene ’Primary Colours’ wurden allseits gelobt. Kein Grund jedoch, für The Horrors einfach den eigenen Trademark-Sound zu verwalten - immer weiter wollen sie, „koste es, was es wolle“.

So trägt das neue, dritte Werk der Briten nicht umsonst den bezeichnenden Titel ‘Skying’, denn es hebt sich musikalisch klar von den Vorgängern ab. Packt noch mehr Pop in die füllige Klanglandschaft, bietet durchweg Songs, die weniger ruppig sind und erinnert stellenweise stark an die milden Achtzigerjahre und New Wave-Combos Marke Talk Talk. „Wer das behauptet, kennt nur ein Lied der Platte“, kontert Badwan aus dem Nichts heraus und gerade als man Einspruch erheben will, gibt er sich überraschend freundlich. „Das ist völlig okay - es handelt sich um eine Interpretation des Ganzen, tausende davon sind möglich und die muss jeder für sich selbst

herausfinden. Da hat keiner Recht und keiner liegt voll daneben, so läuft es nun mal.“ Ist es dem wirklich so oder brennt die Sonne auf die dunklen Haare des Horrors-Chef einfach nur so sehr, dass er zu hitzigen Diskussionen nicht in der Lage ist? Die Antwort bleibt er schuldig - doch selbst wenn sie von Interesse wäre: An der Brillanz von ‘Skying’ würde sie nichts ändern. Die Platte steht für sich, und das allein zählt. Text: Marcus Willfroth Foto: Neil Krug Heimat: thehorrors.co.uk

The Domino State Betrunkener Morgentau

An einem schwülen Nachmittag kämpfen The Domino State gegen die träge Luft im Berliner Comet Club. Der Soundcheck dauert ein bisschen länger - die Geige fiept noch zu sehr. Sänger Matt Folders wartet, geht schließlich auf die Bühne, will etwas mehr Echo auf die Stimme. Beim Singen verknotet er die Hände drollig hinter dem Rücken, das Kinn zeigt nach oben, die Knie sind leicht gebeugt. Der Sound, die Gesten - sie haben alles bei den ganz Großen gelernt. Der Oasis-Schellenkranz darf nicht fehlen, die Melodien sind voller Pathos. Düster, dunkel sehnt sich die Stimme an ferne Orte, die Gitarren schimmern wie betrunkener Morgentau. Aber: Immer nur „Hottest Download“ und die Band zu sein, die bestimmt „zum allerletzten Mal in so einem kleinen, intimen“ Rahmen spielt, macht müde. „Wir sehen das als Kompliment, auch wenn es ein bisschen schlüpfrig klingt“, versucht Matt Folders es diplomatisch auszudrücken. Er gehört nicht zu denen, die kein Blatt vor den Mund nehmen, federt Stöße sanft wie ein Daunenkissen einfach ab.

Der Rhythmusgitarrist Tim Buckland sieht mit seinen blonden Locken und dem Bärtchen aus wie Robert Plant von Led Zeppelin, verwandt sind sie aber natürlich nicht – er ist vielmehr der Bruder von Jonny Buckland, dem Lead-Gitarristen von Coldplay.

– aber es hängt auch immer dieses herablassende „die Band mit dem Bruder von…“ an ihnen. Schade ist das allemal, denn ’Uneasy Lies The Crown’ ist eine bemerkenswerte Platte, einer Band, die sich einfach mal trauen müsste, jemand zu sein.

Das ist einerseits ein Segen – so durften The Domino State vor 20.000 Fans für Coldplay eröffnen

Text: Frédéric Schwilden Heimat: thedominostate.com/


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Big Talk

(Noch) ein Killer im Alleingang Nach der Soloplatte von Brandon Flowers hat The Killers-Drummer Ronnie Vannucci Jr. unter den Namen Big Talk ein Feelgood-Album eingespielt. Fast ohne seine Freunde. Ja, Ronnie Vannucci Jr. hat deutsche Vorfahren: Seine Mutter sei zur Hälfte deutsch, „nein, sogar Dreiviertel“, korrigiert der Schlagzeuger der Killers aus Las Vegas sich selbst, außerdem habe die Schwester seines Vaters einen Deutschen geheiratet. Die Anekdote, warum der Opener auf seinem Quasi-Soloalbum ’Big Talk’ den schönen Titel ’Katzenjammer’ trägt, hat aber nichts mit Vannuccis Familie zu tun: „Ich fand lange keinen guten Namen für den Song, bis ich von der Dictionary-App meines Smartphones eines Morgens ’Katzenjammer’ als Wort des Tages vorgeschlagen bekam“, erinnert sich Vannucci, während er wegen einer Show mit seiner eigentlichen Band in einem Londoner Hotel rumlümmelt. „Ich dachte sofort: ’Scheiße, das ist perfekt!’“ Die Ideen für Big Talk sammelte Vannucci, der in der Vergangenheit auch an The Killers-Evergreens wie ’Somebody Told Me’ mitschrieb, über die Jahre, konkret aber erst seit vergangenem Herbst, da die Killers nach den Touren zu ihrem dritten Album ’Day And Age’ eine bis heute anhaltende Auszeit nahmen und Vannucci mit Mt. Desolation, für die er zusammen mit Mitgliedern von Mumford & Sons, Noah And The Whale und The Long Winters als Supergroup Tim Rice-Oxley und Jesse Quin von Keane live begleitete, durch war. Irgendwann im November schnappte er sich seinen alten Kumpel Taylor Milne, verzog sich ins Studio und spielte fast im Alleingang die zwölf neuen Songs ein, die nun auf dem projektgleich betitelten Album „Big Talk“ landeten. Fast heißt: Der so umtriebige Vannucci brachte die Songs mit, sang, spielte Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboards, gründete das Ein-MannLabel ’Little Oil’ und ließ fortan seine Freunde von Epitaph die Arbeit machen, weil er „Null Ahnung“ davon habe, wie man eine Plattenfirma schmeißt, Milne half an der Gitarre und am Mikro aus.

Das Ergebnis kann sich hören lassen: ’Big Talk’ kommt wie ein Autofahr-Soundtrack mit IndieRock-Appeal, die erste Single ’Getaways’ wie eine zurückgelehnte Variante von Weezer und Walter Schreifels daher. Vannucci gefallen die Vergleiche – da passt es, dass auch Ex-Weezer-Bassist Matt Sharp hier und da aushalf. Big Talk bekommen auf der Bühne Unterstützung von weiteren Freunden und verzichten auf pompöse Schlagermomente, wie sie den Killers zuletzt zu Kopf stiegen. Von denen gibt

es entsprechend gute Neuigkeiten: Neue Songs für den ’Day And Age’-Nachfolger würden zwar gerade erst geschrieben und frühestens im Oktober eingespielt werden, aber eines kann Ronnie Vannucci schon jetzt verraten: „Das nächste Album der Killers wird auf jeden Fall wieder mehr Gitarren haben. Wir Vier in einem Raum, wie in unseren frühen Tagen.“ Text: Fabian Soethof Heimat: bigtalkmusic.com


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BLONDIE Zeitmaschine

Sie waren tief verwurzelt in der New Yorker Punkszene der Siebziger und haben viele großartige Popsongs veröffentlicht. Im vierten Jahrzehnt der Blondie-Geschichte präsentiert sich die Band auf ihrem neunten Studioalbum ’Panic of Girls’ fest verankert in der eigenen Tradition, aber auch mit ein paar frischen Elementen. Sängerin Debbie Harry und Gitarrist Chris Stein über Past, Present & Future von Blondie. Euer neues Album klingt wieder etwas runder, konzentrierter als der Vorgänger „The Curse of Blondie“ von 2003… Chris: Beim letzten Album sind wir nicht so richtig in Fahrt gekommen. Es gab eine Menge Ärger bevor die Platte rauskam. Debbie: Das Album wurde zum Opfer des „Curse of Blondie“, des Blondie-Fluchs. Jetzt machen wir zusammen mit unserem Management alles selbst, ohne Plattenfirma. Die Musikindustrie hat sich in den vergangenen Jahren völlig verändert. Das ist ein ganz neues Spiel. Und da mussten wir uns zunächst einarbeiten. Vor rund fünf Jahren wurde Blondie in die ’Rock and Roll Hall of Fame’ aufgenommen. Gewiss ein Grund, stolz zu sein. Ist es trotzdem ein wenig beängstigend, musealisiert zu werden? Ihr seid ja immer noch aktiv… Debbie: Wir haben jedenfalls nicht nein gesagt (lacht). Ich hatte nicht damit gerechnet, dass wir aufgenommen werden. Chris: Ich finde es cool. Ich glaube, dass sich bis heute nur die Sex Pistols der Auszeichnung verweigert haben und nicht zu ihrer Aufnahmezeremonie aufgekreuzt sind. Mal abgesehen von Künstlern, die zum Zeitpunkt ihrer Ernennung bereits tot waren… Debbie: Ha! Der ganze Zauber ist einfach gut für das Musikbusiness. Das Beste daran ist, dass du

mit all den Leuten in Zusammenhang gebracht wirst, die bereits aufgenommen wurden. Darunter gibt es viele Künstler, die wir bewundern und lieben. Chris: Es gibt aber auch eine ganze Menge Künstler, die da reingehören, die aber bis heute nicht berücksichtigt wurden. Debbie: Iggy Pop wurde beispielsweise sechs oder sieben Mal nominiert und dann doch nicht gewählt, bevor er mit den Stooges endlich im letzten Jahr aufgenommen wurde. Unglaublich, dass das so lange gedauert hat. Das war echt kriminell. Die Ramones sind dagegen schon ein paar Jahre vor euch aufgenommen worden, oder? Chris: Klar, die Ramones sind drin. Sie hatten aber auch einen guten Draht zur Musikindustrie. Debbie: Seymour Stein (US-Produzent, der für sein Label ’Sire’ Künstler wie die Ramones, Talking Heads und Madonna unter Vertrag genommen hat) ist sehr einflussreich in der ’Rock and Roll Hall of Fame’. Und die Ramones waren sein Baby. Er liebt sie einfach über alles. Und er hat sich im Übrigen auch für unsere Aufnahme in das Museum stark gemacht. Er ist eben ein richtiger New Yorker und hat eine große Rolle dabei gespielt, die damalige Musikszene in Downtown in einen existenzfähigen Marktplatz für Musik zu verwandeln. Wir hatten schon früher einige Jahre da unten gearbeitet, ohne auch nur die geringste Beachtung von Plattenfirmen zu finden. Und er war einer der

ersten wahren Label-Leute, die sich das angesehen haben. Das war für uns alle unglaublich wichtig. Das CBGB, der zentrale Club dieser Szene auf der Bowery, wurde vor ein paar Jahren geschlossen. Hat euch das sehr berührt? Chris: Das war fucked up, das war das Ende einer großen Sache. Es gibt eine Menge Clubs in New York, aber keinen, der weltweit derartig Aufmerksamkeit erregt hat. Die Leute kamen von überall her, um den Club zu besuchen. Debbie: Als wir in den Siebziger-Jahren richtig populär wurden, habe ich in Interviews andauernd über das CBGB gesprochen. Ich meine, ständig PR für den Club gemacht zu haben. Und ich bin davon überzeugt, wenn ich und auch andere, die dort aufgetreten sind, nicht so häufig darüber geredet hätten, wäre das Ganze gar nicht sooo groß geworden. Im Grunde haben wir den Club erst so richtig „welt“-bekannt gemacht. Der Club ist Geschichte. Blondie noch nicht. Aber ihr lasst euch immer viel Zeit. Dürfen wir mit einem weiteren Blondie-Album vor 2020 rechnen? Debbie: Ha! Wir denken nicht ans Aufhören. Chris: Ich arbeite bereits am nächsten Album. Und das werden wir nicht erst in zehn Jahren veröffentlichen. Text: Michael Tschernek Foto: F. Scott Schafer Heimat: blondie.net


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The King Blues Quiet Riot

England ist zwar kaum mehr als eine Ärmelkanallänge entfernt, trotzdem haben hierzulande bisher nur Wenige Notiz von The King Blues genommen, einer Band, die im Vereinigten Königreich bereits als die neuen The Clash gehandelt werden. Grund genug, mal etwas genauer hinzusehen. Mit Johnny „Itch“ Fox hätte man vor rund zehn Jahren lieber nicht das Bett geteilt. Als einziger Engländer in einer komplett von spanischen Punks bevölkerten Londoner Vorort-Ruine holte sich der Frontmann von The King Blues nicht nur einen unangenehm juckenden Hautausschlag, sondern auch sein Basiswissen in musikalischer Hinsicht. Regel Nummer Eins: Es gibt keine Regeln. Regel Nummer Zwei: Man muss mindestens ein selbstgestochenes Tattoo am Leib und das Herz auf der Zunge tragen, um es mit der Welt aufnehmen zu können. Mit knapp 14 stocherte sich der Ausreißer also mit Tinte und Stricknadel ein krummes „Punk 4 Life“ auf den linken Unterarm und übte ein paar Akkorde auf der Ukulele, damit er bei den abendlichen Sessions in der Kommune nicht nur in den Untergrund, sondern in die eigene Kreativität abtauchen konnte. Auch sein Freund Jamie Jazz hatte allen Grund, der Enge der Sozialwohnung zu entfliehen und lungerte statt mit der Mutter am Abendbrottisch lieber auf spontan organisierten Punk-Konzerten in den Kellern der Stadt herum. Angefixt von

den Ramones- und Clash-Platten seines großen Bruders und mit den ersten gerupften Akkorden auf der Haben-Seite gründeten Jazz und Fox The King Blues, ein Klang gewordenes Mash-Up aus Punk, Ska, Reggae und HipHop mit rotierendem Mitglieder-Karussel. Zurzeit sind The King Blues zu sechst, haben mit Kat Marsh (Bass) und Josie Dobson (Keyboards) zwei hübsche Damen an Bord und mit dem neuen Album ’Punk & Poetry’ allen Grund, vom Durchbruch zu träumen. In ihrer englischen Heimat füllen The King Blues bereits die großen Säle und sind mit ihrem Sound aus Zuckerbrot und Peitsche so etwas wie das Sprachrohr einer wütenden britischen Jugend geworden, die sich (vergeblich) gegen die seitens der konservativen Tory-Regierung initiierte Erhöhung der Studiengebühren radikal zur Wehr setzte. „Völlig korrekt“, findet „Itch“ das Verhalten seiner Altersgenossen, die im Gegensatz zu ihm aber nur dann das Maul aufreißen, wenn man ihnen an die Taschen will. Bei Fox sitzt der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit, persönlicher Freiheit, Respekt und Frieden dagegen tief, was vor allem dann

schmerzt, wenn die Realität seiner Version mal wieder den grausamen Spiegel vorhält. Trotzdem perlt aus den Songs von ’Punk & Poetry’ neben einer stattlichen Portion Frust und Wut auch stets die Hoffnung auf eine sonnengeflutete Zukunft, verpackt in Reime und Rhythmen, in Pop, Punk und klare Worte. „Uns blieb gar nichts anderes übrig, als ein Protest-Album zu schreiben“, zuckt Fox mit den Schultern. „Nachdem die englische Bevölkerung die alten Betonköpfe an die Regierung gewählt hatte, mussten wir von dem Gedanken, ein etwas persönlicheres Album zu schreiben, wieder abrücken. Ich denke, man kann den derzeitigen Vibe in England vergleichen mit der Tristesse und Zukunftsangst der späten Siebziger, als Punk zum Sprachrohr einer desillusionierten Jugend wurde. Schlechte Politik formt eben gute Bands, das war schon immer so. Und wenn sich das auch diesmal bewahrheitet, dann wächst so eine neue Generation frustrierter Kids heran, die auch nicht gleich nach Hause rennt, wenn bei einer Demo mal die Nase blutet.“ Text: Fiete Hollerbach Heimat: thekingblues.com


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Wolves Like Us Vom Aussterben bedroht

Egal ob allein oder im Rudel, Wölfe lösen die „The“-Bands von gestern ab. Wie sonst erklärt sich das Phänomen, dass der pelzige Genosse seit einigen Jahren immer häufiger Bandnamen, Shirts und Merch verziert? Warum durchstöbert man das Lexikon der Wald- und Wiesentiere nicht stattdessen nach sympathischen Eichhörnchen oder flauschigen Kaninchen? Lars Kristensen, Gitarrist und Sänger des neuen Osloer Bandprojekts Wolves Like Us erklärt es sich so: „Wie es bei anderen Bands ist, weiß ich nicht, aber bei uns ist die Verbindung zum Wolf wohl die, dass wir das Gefühl haben, mit unserer Musik auch irgendwie am Rande des Aussterbens zu existieren?“ Keine falsche Vermutung, betrachtet man ihre Geschichte und die Herkunft der Mitglieder aus Vorgängerbands mit großen Namen wie JR Ewing, Amulet oder Infidels Forever. Nachdem ein Snowboardunfall von Gitarrist Espen Helvig erste Treffen und anfängliche Proben verzögerte, wollten die vier langjährigen Freunde keine Zeit verlieren und veröffentlichten im Juni 2011 gerade ein knappes Jahr nach Gründung der Band ihr erstes Album ’Late Love’. Angst mit vorherigen Projekten verglichen zu werden, haben sie laut Kristensen trotz ihrer musikalischen Vergangenheit nicht: „Es ist okay, wenn man uns in eine Schublade packt, Menschen neigen dazu. Doch wer uns schon einmal live gesehen hat, weiß, dass jetzt einfach eine komplett andere Stimmung herrscht als bei all unseren Bands zuvor.“

Kein Wunder, wo ihr Post-Hardcore sich mit gitarrenlastigen Rockparts zu einem hörenswerten Klanggebilde vermischt, das Einflüsse durch Planes Mistaken For Stars oder Hot Water Music in keinster Weise leugnen kann. Das muss es auch nicht, denn sowohl bei den Instrumenten als auch textlich brauchen sich Wolves Like Us hinter niemandem zu verstecken. Dies ist sicherlich nicht zuletzt der Literaturvernarrtheit von Sänger Lars geschuldet, der seine Liebe zum geschriebenen Wort darin äußert, dass er besonderen Wert auf künstlerischen und kreativen Anspruch der Texte legt. Willkommen bei

der Geburtsstunde einer neuen Band, die sich gar nicht mal so frisch gebacken anfühlt. Auf die Frage, ob sie die Verpflichtung empfinden, ein gewisses Image zu erfüllen, gesteht Lars mit entwaffnender Ehrlichkeit: „Wir tragen die Klamotten, die wir in den Neunzigern mochten, als wir aufgewachsen sind und achten also darauf, was wir anhaben und warum. Auf diese Weise entsprechen wir ja irgendwie einem Image, auch wenn man aus Reflex gerne sagen würde, dass es einem egal ist.“ Text: Sarah Gulinski Heimat: myspace.com/wolveslikeusss

Björn Sonnenberg ist ein freundlicher Mensch. Gutgelaunt und aufgeschlossen, möchte man ihm nach zehn Minuten Smalltalk am liebsten gleich eine Freundschaftsanfrage auf Facebook schicken: „Ich habe dich gerade unterbrochen - was genau wolltest du über den Lemming wissen?“, entschuldigt er sich, obwohl man viel eher ihm ins Wort gefallen ist. Die eigene Hast lässt sich leicht erklären, denn der neue Longplayer ‘Lemming’ stellt eine deutliche Weiterentwicklung im Sound der Band dar – und manch einer wird wohl mehr als einen Durchlauf benötigen, ehe er erkennt: Ach, das ist die neue Locas In Love?

Locas In Love

Ein Lemming kommt selten allein Mit ihrem neuen Album ‘Lemming’ sind Locas In Love nicht mehr länger der niedliche Indie-Act von nebenan - die Platte wagt eine ganze Menge und will nicht jedem gefallen. Eine Mission, so konsequent wie risikoreich.

Die Kölner Formation hat sich fortbewegt, an manchen Stellen sogar sehr: Reichert den eigenen Popentwurf mit üppigen Arrangements an und scheut sich nicht, in manchen Momenten wie die deutsche Antwort auf Belle & Sebastian zu klingen. Ein Wagnis und doch gibt Sonnenberg Entwarnung: „Man schreibt automatisch nicht mehr völlig unbekümmert und losgelöst, wenn man weiß, dass es auch Leute außerhalb des Proberaums hören werden“, erklärt er, „es ist wie bei Lemmingen: Das Suchen nach einem noch unklaren Ziel, das Getrieben-Sein ist das, um was es eigentlich geht und das macht es spannend.“ Dieses Album nimmt eine Ausnahmestellung in der Karriere der Band ein - den Mut hierfür sollte man nicht nur aufgrund des musikalisch wundervollen Ergebnisses absolut „liken“. Text: Marcus Willfroth Heimat: locasinlove.com


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Umarmung und Küsschen kommen auf Caspers Album ’XOXO’ nicht vor. Stattdessen gibt es HipHop mit Hirn - Mangelware in einem Genre, das sich von lästiger Innovation längst verabschiedet hatte. Ist es gerecht, wenn sich über ’XOXO’ vor allem Typen freuen, die HipHop eigentlich doof finden? Ist das das Ende der Schwanzwedelei? Ach ja, da war ja noch was. Man hatte fast vergessen, dass es deutschen HipHop wirklich gibt, so sehr hat sich das Genre über die Jahre selbst in die Irrelevanz befördert. Irgendwann ist deutscher HipHop zu gerechten Teilen zwischen GEZ-finanzierten Bauspar-Rappern und grenzdebilen Grottenolmen mit Pimmelkomplex aufgeteilt und danach rituell zu Grabe getragen worden. Daraus abzuleiten, dass HipHop irgendwann mal gestorben sei, ist natürlich Humbug. Er hat in den letzten Jahren einfach nur etwas Geld fürs Alter zurückgelegt und sich dabei am Sack gekratzt – und wer möchte schon, dass einem dabei jemand zusieht? Im einen Moment giltst du noch als wild und gefährlich, hast den größten und längsten und im nächsten müssen schon Typen wie Prinz Pi und Marteria ihre nach deinen Maßstäben total uncoolen Zivildienst-Uniformen anziehen und an deinem beim Bauchnabelpulen erstarrten Körper rütteln, damit sich überhaupt noch was regt. Mann HipHop, Alter! Früher warst du mal cool.

noch die Geschlechtsteile ihrer Protagonisten zum Inhalt hat, offensichtlich schweinewohl. Natürlich kann man auch ohne Abitur rappen! Aber darf man eigentlich mit? „Ich finde es ja auch geil, wenn ich auf einem Konzert bin und alle kreisen aus und schmeißen ihr Bier durch die Gegend. Aber das ist einfach nicht meine Stärke“, gibt Casper zu bedenken. „Ich liebe einfach Pathos in der Musik und will eine intime, gerne etwas düstere Atmosphäre schaffen. Es hat für mich aber den Anschein, dass Ernsthaftigkeit in der Szene auch sofort bedeutet, dass du besonders kritisch beobachtet wirst.“ Die Kritik, mit der sich Casper konfrontiert sieht, zielt seltsamerweise permanent auf sein Alleinstellungsmerkmal – die emotionale Dichte seiner Lieder. Casper wird als „Emo-Rapper“ verunglimpft. HipHop hat Angst, dass seine Eier verschrumpeln und abfallen.

Und jetzt? Jetzt kommt Casper, jetzt kommt 'XOXO' – ein Brocken intelligentes, wütendes, persönliches Songmaterial. Und das soll HipHop sein? „HipHop ist die Lizenz zum blöd sein“, erklärt der ehemalige 'Royal Bunker'-Chef Marcus Staiger in der nachfolgenden „Casper-undK.I.Z.-Kuschelrunde“ (siehe: „Die hohe Kunst der gepflegten Konversation“). Nach dieser Definition ist Casper also gar kein HipHop. Denn der schmale junge Mann aus Bielefeld ist alles andere als blöd. Wahrscheinlich tobt auch deshalb schon seit gefühlten Ewigkeiten eine endlose Scheindebatte um seine Person, in deren Rahmen er von anonymisierten Internetpöblern gerne mal als „schwule Ratte“ gedisst wird. Ob die Wortwahl nur auf den relativ eindeutigen Wortschatz jener Subkultur zurückzuführen ist, der Casper angehört und irgendwie wieder doch nicht zugehörig scheint? Nicht vergessen: HipHop ist die Lizenz zum blöd sein – das gilt auch fürs Publikum. Wer Anstoß daran nimmt, dass Benjamin Griffey, so Caspers bürgerlicher Name, statt Baggy- gern mal Skinny-Jeans aufträgt, Gitarrenparts in seine Lieder einbaut und sich in seinen Texten fernab jeder Nabelschau gerne mit Befindlichkeiten, ja, sprechen wir es ruhig aus, mit echten THEMEN auseinandersetzt, der fühlt sich in einer stagnierenden Subkultur, die in weiten Teilen nur

Seltsam ist das schon. Während andere subkulturelle Zielgruppen danach lechzen, über die Musik eine intime emotionale Bindung zum Künstler einzugehen, ein Bild einzufangen, das so authentisch wie möglich ist, hat HipHop Schwierigkeiten, sich mit der Innerlichkeit und nicht nur mit der überfiktionalisierten Anatomie seiner Protagonisten auseinander zusetzen. Innerhalb des Wertesystems SchwanzvergleichHipHop macht Casper das, wofür sich HipHop seit der Erfindung von 'Aggro Berlin' und 'Royal Bunker’ eigentlich zuständig gefühlt hat. Er bricht Tabus, er stellt Konventionen in Frage, er provoziert – aber eben nicht, indem er seinen Hosenlatz öffnet, sondern seinen Mund. Dementsprechend weit ab von traditionellen HipHop-Vorbildern liegen auch die textlichen Referenzgrößen auf 'XOXO'. „Früher war Rap

für mich einfach nur Sport, eine Möglichkeit, sich zu messen. Aber heute will ich, dass die Inhalte im Vordergrund stehen, dass jemand sagt, die Texte seien so gut wie die von Wiebusch oder Regener. Bei aller musikalischen Neuerfindung auf 'XOXO' darf man ja nicht vergessen, dass das eine Rap-Platte ist. Es geht verdammt noch mal um Texte“, erklärt Benjamin und pult an seinen Fingern herum. „Auch wenn viel von meiner Persönlichkeit in das Album eingeflossen ist, vertone ich nicht irgendwelche Tagebucheinträge. Ich will, dass die Leute merken, dass sich da jemand doppelt und manchmal auch dreifach Gedanken gemacht hat.“ Auch deshalb reproduziert 'XOXO' nicht die HipHopFormel, sondern zitiert auch musikalisch aus einer Palette, die Benjamins musikalische Sozialisation, die eben auch Hardcore, Punk und Indie einschließt, ebenso wie seine persönliche Biographie, die ihn aus der ostwestfälischen Ödnis in die USA und von da aus wieder zurück verschlagen hat. Weil Casper mit diesem Album etwas Neues versuchen wollte, mussten er und sein Produzent Steady geil verboten bei den Strebern wildern gehen. Das findet HipHop wahrscheinlich doof, allen anderen wird es zumindest ein etwas schadenfrohes Grinsen ins Gesicht kritzeln: „Ich wollte einfach, dass auch die Beats auf diesem Album abbilden, was ich bin. Im HipHop gibt es immer dieses Dogma, dass man sich auf Funk und Soul beziehen muss. Aber ehrlich gesagt habe ich überhaupt keinen Bezug zu dieser Musik. Deshalb war es mir eben wichtig, dass mein musikalischer Background eine Rolle spielt, egal ob das jetzt irgendwelcher ShoegazeKram, Esben & The Witch, Turbostaat oder New Order sind. Ich habe Rap über den zweiten Mann meiner Mutter kenne gelernt, davor war bei uns zu Hause aber Ian Curtis Gott.“ 'XOXO' vereint Herzblut, Nachdenklichkeit und Intensität und ist, obwohl diese Eigenschaften im Biz schon lange „keinen Fick“ mehr zählen, erkennbar HipHop. Das Album beleidigt weder Intellekt noch Haltung des Hörers und ist wahrscheinlich genau deshalb das Konsensalbum des Jahres. Noch bevor es veröffentlicht wurde, steht es auf Platz eins der Amazon-Verkaufscharts. „HipHop hat verdient innovativ zu sein. Er hat es irgendwann einfach nur verpasst die Leute mitzunehmen“, sagt Casper. Er ist gekommen, um euch abzuholen.


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Foto: Erik Weiss

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Wenn man sich mit K.I.Z. und Casper in einem Berliner Hinterhof trifft holt man sich besser Verstärkung. Gemeinsam mit 'Splash! ' Magazin-Chefredakteur Julian Gupta und Marcus Staiger, dem ehemaligen 'Royal Bunker'-Labelchef und rap. de-Obermotz, hat man da schon mal ein ordentliches Duo mit vier Fäusten zusammen. Ist Casper tatsächlich die „Rettung des deutschen Hip Hop“? Und hatten K.I.Z. den nicht vor knapp vier Jahren schon mal gerettet? Und wie organisiert man sich eigentlich effektiv einen Fernsehabend? Fragen über Fragen, die uns Casper und Tarek, Maxim, Nico und DJ Craft von K.I.Z. und in einem äußerst angenehmen Tischgespräch inklusive Bio-Leberwurst-Frühstück und ausuferndem Kippenkonsum beantworten. unclesally*s: Wenn man sich in der Presse umschaut, sind sowohl du, Casper, als auch ihr von K.I.Z. anscheinend die Rettung des HipHop... Tarek: Das ist der Teil, wo die Presse richtig ekelhaft wird. Eigentlich findet man HipHop scheiße, aber jetzt kommen die ironischen K.I.Z. oder Casper, der Indie-Rock mit HipHop vereint, und alles ist anders. Die Medien distanzieren einen dann von der eigenen Szene. unclesally*s: Wovor muss HipHop eigentlich ständig gerettet werden? Staiger: Vor der eigenen Dummheit. HipHop ist die Lizenz zum blöd sein. HipHop ist ein alter Mann, der in den Bergen lebt, dem es nicht gut geht. Das ist einer von diesen Typen, die immer leiden.

Julian: Ich habe das Gefühl, dass das Thema ständig in den Feuilletons ist, seit NAS gesagt hat, HipHop sei tot. Maxim: Das ist eine Aussage, die von Leuten kommt, die einer vergangenen Generation angehören und gerade selbst Angst davor haben, zu sterben. Und damit sie sich darin nicht so allein fühlen, wird einfach behauptet, dass gerade alles stirbt. Casper: Ich glaube, dass in Deutschland HipHop auch so brach liegt, weil die Leute immer denken, dass sie amerikanische Vorbilder nachahmen müssen. Als 50 Cent noch ein kleiner 20 Cent war, hat seine Mama ihm ja vielleicht diese ganzen Soul- und Funk-Platten vorgespielt, die bei ihm jetzt gesamplet werden, das hat dann sowas volksmusikalisches. Deshalb müsste man hier

meiner Meinung nach eher Nena samplen, um dem zu entsprechen, als selber auch diese AmiBeats zu produzieren. Und dazu kommt natürlich die Inhaltslosigkeit der Texte. Wenn Manuellsen, Savas oder Banjo sich fragen, was falsch läuft, obwohl sie doch so krass rappen, dann sag ich: 'Ja aber du rappst auch über Sachen, die niemanden interessieren.' Einfach nur darüber zu rappen, dass man rappt, will doch eigentlich kein Schwein hören. Wenn ich über nichts rappen müsste, würde ich dir wahrscheinlich auch die Abfahrten des Jahrtausends hinlegen. Nico: Das ist jetzt aber auch 'ne Ansage von dir. Da müsste jetzt eigentlich ein ziemlich sinnfreier Flow folgen. Staiger: Das war schon ein Nackenklatscher für Savas.


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Casper: Gar nicht. Aber alle fordern immer diese Massentauglichkeit und jammern, dass sie nicht genug Respekt für ihre Skills bekommen, tun aber eigentlich nichts dafür. unclesally*s: Wo liegt denn die Massentauglichkeit des eigenen Schwanzes? Ihr K.I.Z.ler müsstet damit doch Erfahrung haben. Tarek: Die wirklich erfolgreichen Rapper erzählen doch eher über Zwischenmenschliches. Über ihre Kindheit oder ihre Mama. unclesally*s: Was sagen denn eure Mütter dazu, wenn ihr über eure Schwänze rappt? Maxim: Die sagen immer: „Stimmt doch gar nicht“.

nommen, wenn einer deine Parts scheiße fand? Casper: Zumindest war ich leicht beleidigt. Ich hab anders herum auch dieses Künstler-Ding, dass ich von mir aus diese Platte niemals rausgegeben hätte. Da ist es schon ganz gut, wenn jemand von außen zu einem sagt: 'Ey komm, ist fertig'. Ich hasse es eigentlich neue Sachen machen zu müssen. Da kommt dann die Angst vorm Scheitern zum Tragen. Maxim: Die Angst vorm Scheitern haben wir, glaube ich, nicht mehr so sehr. Wir wissen ja so langsam wie das bei uns abläuft. Aber die Angst, sich nicht weiter zu entwickeln, die ist schon da.

unclesally*s: Seid ihr moralische Menschen? Tarek: Ich habe den Eindruck Nico und Maxim sind schon sehr moralische Menschen. Die bremsen mich dann auch manchmal. unclesally*s: Kontrolliert ihr euch gegenseitig? Tarek: Deswegen brauchen wir so lange für ein Album. Weil alle Texte durch drei Köpfe müssen. Casper: Man stellt sich das als Solokünstler immer so einfach vor, als Gruppe eine Platte zu machen. Staiger: Hat es dir nicht auch geholfen, in einem Team zu arbeiten? Casper: Ich hab’ zumindest dieses sehr verbreitete Rapper-Ego verloren, so dass man Kritik auch annehmen kann und nicht jeden sofort scheiße findet, nur weil er sagt, dass man etwas auch besser kann. Tarek: Du hast das früher immer persönlich ge-

Aber wir machen deshalb nicht hundert Tracks und schmeißen davon dann neunzig weg. Gupta: Wie viel Songs habt ihr für die Platte denn gemacht? DJ Craft: Wir haben nur ein Lied mehr gemacht als jetzt auf der Platte ist. Wir sind da mittlerweile ziemlich effektiv. Wenn meine Schwester früher vor dem Fernseher chillen wollte, ist sie halt ständig wieder aufgestanden, um sich was zu trinken zu holen oder sonst irgendwas. Die ist zehnmal

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hin und her gerannt. Wenn ich Fernsehen will, hol’ ich mir erst alles, was ich brauchen könnte und worauf ich Lust kriegen könnte und setz mich dann hin. Ist meiner Meinung nach die effektivere Variante. Mit Songs ist das so ähnlich. Staiger: Casper behandelt sehr persönliche Inhalte und ihr von K.I.Z. seid eher entpersonalisiert und nur Kunstfiguren. Würde es euch denn schwer fallen, auch so ehrlich zu sein, wie Casper? Tarek: Ich glaube nicht. Ich finde das total interessant. Nico: An 'So Alt' hab ich mir ganz schön einen abgebrochen. Da sind auch ein paar Lines gestrichen worden, die mir zu persönlich waren. Es ist für mich kein cooles Gefühl, meinen inneren Teerbrocken den Leuten einfach so auf den Tisch zu kotzen. Casper: Aber ich hab das andersrum auch, wenn ich zu einem K.I.Z. Konzert gehe. Ich werd auch neidisch wenn ich sehe, wie ihr auf die Bühne kommt und alle drehen durch. Bei mir kommen die Leute eher zum Zuhören zum Konzert und wollen mir nachher ihre Lebensgeschichte erzählen. unclesally*s: Casper, hast du denn auch so eine Grenze, wo dir der innere Teerbrocken hochkommt? Casper: Eigentlich nicht. Ich denke nur über manche meiner privaten Erlebnisse, dass sie keine gute Geschichte sind. Maxim: Man kann doch jeden Quatsch interes


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von links: Julian, DJ Craft, Timo, Casper, Nico, Staiger, Tarek, Maxim (mit dem Rücken zu euch)

sant erzählen. Aber Ehrlichkeit geht einem krass an die Substanz. Ich hab mal ein Meet & Greet mit Tony D gewonnen und der sagte, dass er viel zu sensibel für 'Seelenrap' sei, dass ihn das kaputt machen würde. Casper: Ich habe irgendwann dieses Emo-Image total überzogen und aus purer Provokation eine Song über Kindesmissbrauch gemacht. Aber anschließend sind dann auch viele Leute gekommen und haben mir gesagt, dass ihnen das so viel gegeben hat. Danach war ich schon eher vorsichtig, weil ich gemerkt habe, was es bewegt, wenn man Persönliches so ausbreitet.

dem es darum geht, die Leute aufzurütteln, zur Revolte anzustiften , oder? Maxim: Zumindest finde ich nicht, dass Musik dazu dient Leute zu befrieden oder sie entspannter zu machen. Aber ich will Leute nicht aufstacheln. Nico: Da sind wir wieder beim Machtbegriff und gestehen jemandem wie uns zuviel Macht zu.

unclesally*s: Solche Missverständnisse treten bei K.I.Z. doch auch ständig auf, oder? Euch wird vorgeworfen, dass irgendjemand eure Texte ernst nehmen könnte. Maxim: Damit unterstellt man Jugendlichen nur, dass sie so blöd sind, alles nachzumachen. Die machen doch eher Dinge nach, bei denen sie das Gefühl haben es wäre sinnvoll. DJ Craft: Mein Vater sagt auch, wir sollten kinderfreundlichere Musik machen. Dann würden wir auch mehr Geld verdienen. Staiger: Ihr habt doch beide so einen Ansatz, bei

(DJ Craft)

„Mein Vater sagt auch, wir sollten kinderfreundlichere Musik machen.“ unclesally*s: Aber gibt es hinter den Bildern, die ihr transportiert, denn ein politisches Motiv? Casper: Ich guck noch nicht mal Nachrichten. Aber ich finde schon, dass momentan, so blöd und abgedroschen das auch klingt, die Jugend für nichts steht. Es labern alle viel, aber es macht niemand etwas. Unsere Generation war, auch wenn es sehr stumpf war, wenigstens noch 'Nazis raus' und wenn irgendwo eine Demo durch Bielefeld gezogen

ist, dann sind wir da hin gegangen. Tarek: Man hat schon den Eindruck, dass viele sehr desinteressiert sind an Politik und sich nur um sich kümmern. Maxim: Aber die Mehrheit der Leute erlebt die Politik doch völlig gerechtfertigt so, als wenn sie keinen Einfluss hätte. Es war doch trotzdem eine rot-grüne Regierung, die uns Hartz IV gebracht hat. In Frankreich sagt man immer, dass es sowieso bergab geht, mit den Rechten nur noch ein wenig schneller. Casper: Ich will kein Revoluzzer sein. Wie Nico schon gesagt hat, Musik allein kann das auch gar nicht. Als in NRW Studiengebühren eingeführt worden sind, hat das niemanden interessiert. In den Sechzigerjahren hätten Sachen gebrannt. Da hätten Leute dafür eingestanden, dass es nicht klar geht, wenn ein Semester 700 Euro kosten soll, obwohl du als Student in deinem Nebenjob nur 250 Euro verdienst. Ich will auch gar nicht groß dazu aufrufen, aber zumindest unterschwellig suggerieren, dass es auch anders gehen könnte. Nico: Nur weil RTL2 durchs Land reitet und nach den dümmsten Menschen der Welt sucht, um sie dann im Fernsehen abzubilden heißt das nicht, dass die Leute desinteressierter oder dümmer sind als vor zehn Jahren. Das ist Quatsch.


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„K.I.Z. sind zurüüüüüück, Opfer küss mir den Schwanz!“ - begrüßen uns K.I.Z. gleich zu Beginn ihrer neuen Langspielplatte. Dann schönen guten Tag auch. Die Allround-Abhasser sind mal wieder in der Stadt, um eure Mütter zu ficken. Der Anlass: ’Urlaub fürs Gehirn’. Da ist es also, das vierte Album von K.I.Z. - und da fangen die Probleme auch schon an. Denn über K.I.Z zu sprechen ist wie zu Architektur zu tanzen. Eigentlich unmöglich – und wenn man es doch versucht sauschwer. Wahrscheinlich ist es wirklich Quatsch anzunehmen, die Gesellschaft sei dümmer als vor zehn Jahren. In dieser Zeit hat deutscher HipHop allerdings genauso wenig dazu beigetragen, dass sie intelligenter wird. Es sei denn man versteht die Inkorporation von Vokabeln wie „Hurensohn“ und „Arschficken“ in den Wortschatz Zwölfjähriger als Bildungserfolg. Es ist kein Wunder, dass sich die mediale Verwurstungsmaschinerie seit dem ersten, mit gesteigerter öffentlicher Aufmerksamkeit verbundenen K.I.Z-Album 'Hahnenkampf' mit der Einordnung der Berliner Krawallcombo schwer tut. Der seltsame Effekt, dass der journalistische Overground, besonders vertreten durch die Sprachorgane des organisierten Bildungsbürgertums, kaum an der Brutalität der Texte der Kannibalen in Zivil,

Kriegsverbrecher im Zoo oder wie auch immer sie sich jetzt wieder schimpfen, Anstoß nimmt, sich der Subkultur- und Indie-Klüngel aber eben wegen jener Brutalität angewidert abwendet, ist ein Indiz für die nicht enden wollende moralische Verwirrung, die von K.I.Z. und ihren alles und jeden niedermachenden Lyrics ausgeht. Als Retter des in der eigenen Fleischbeschau hängen gebliebenen, bierernst vor sich hin posenden deutschen HipHop sind Tarek, Maxim, Nico und DJ Craft von 'Zeit' und 'Süddeutsche' abgefeiert worden – als Schmuddelkinder, die unter dem Deckmantel der Ironie fragwürdige Inhalte verbreiten, wurden sie im 'intro' abgewatscht. Über K.I.Z. sprechen erfordert also immer eine gewisse Reflexion. Dann brechen wir uns eben mal einen ab und versuchen selbige: Wahrscheinlich ist beides richtig und beides falsch. Denn einerseits wird Sexismus natürlich nicht besser, nur weil er schöner verpackt wird. Andererseits ist es

aber ebenso legitim, die Drastik des K.I.Z.’schen Liedguts auf die ohnehin vorherrschenden verbalen Codes im HipHop zurückzuführen und dementsprechend als kunstsprachlichen Effekt abzulegen. Ob das irgendwie weiterhilft ist eine ganz andere Frage, insbesondere wenn man bedenkt, dass das Kreuzberger Quartett wahrscheinlich einen dicken Schiss (huch, das macht ja richtig Spaß...) auf derartige Hirnakrobatik gibt. Provokation gehört für K.I.Z. zur Methode: „Also Leute provozieren macht schon Spaß. War am Anfang auch schön, um auf sich aufmerksam zu machen. Mittlerweile provozieren wir halt gerne auf einer anderen Ebene, wie in 'Biergarten Eden' oder indem wir Lieder über Jörgi (Jörg Haider, Anm. d. Red.) machen. Aber Themen wie Sex und Gewalt finden wir einfach extrem spannend und unterhaltsam“, erklärt Nico die Themenwahl seiner Band. Tarek ergänzt: „Es ist doch viel unterhaltsamer, wenn sich dieser Gucci Mane eine Eiswaffel oder einen Ölbohrturm in die Fresse tätowieren lässt, als wenn sich alle


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'erwachsenen' Rapper in der O2-World treffen und schön Musik machen für Über-30-Jährige, die auch noch HipHop hören wollen.“ Das beunruhigende an K.I.Z. ist, dass sie sich jedem Koordinatensystem verweigern. Nur deshalb kann eine Band wahrscheinlich gleichzeitig als „schwul“ gedisst und für Nazis gehalten werden. Ist das jetzt Zynismus – wahrscheinlich ja. Für K.I.Z. ist das Unterhaltung. Tatsächlich kann man K.I.Z. trotz aller Pimmelrhetorik ebenso wenig wie Casper vorwerfen, dass sie sich ausschließlich auf traditionelle HipHop-Themen einschießen. „Die älteren Rapper in den Staaten erzählen doch auch nur von ihren Gucci-Bandanas und ihren sozialen Projekten. Das ist eben ziemlich uninteressant“, legt DJ Craft nach. Da liest sich die Themenliste für 'Urlaub fürs Gehirn' nun wirklich abwechslungsreicher: Verschwörungstheorien über das „Internationale Busentum“, Beziehungskrisen, Hartz IV, Kannibalismus, emotionale Abstumpfung, Arbeitsbedingungen in der Krise und und und. Wenn K.I.Z. zwischen ihren Gedankenblitzen nicht ständig verbal die Dödel auspacken würden, wäre auch an der Rezeptionsfront wahrscheinlich Shooting Titelfotos Fotos: Erik Weiss Foto Assistent: Jan Umpfenbach Styling: Alexandra Heckel Styling Assistentin: Nadia Tucconi Casper: Weste und Hose Herr von Eden Fliege VC- Accessoires Hemd Vito Mütze Stetson

alles spitze. Aber so wie es ist, sorgen sich Eltern, dass ihre Kinder „Schwanzlutscher“ über den Schulhof brüllen und kichern sich Studenten eins, wenn ein K.I.Z.-Text mal wieder ihren Schamreflex angestupst hat. Soundästhetisch entwickeln sich K.I.Z. ohnehin spätestens seit 'Sexismus gegen Rechts' eher hin zu Rave-Trash-Unterhaltung – da macht 'Urlaub fürs Gehirn' mit seinen oft plakativ tanzbaren, elektronischeren Beats, an denen neben Nico und seinem WassBass-Partner Gregorsz auch illustre Größen wie Tai Jason, Gee Futuristic und Robot Koch geschraubt haben, keine Ausnahme. Sind K.I.Z. überhaupt noch im von Schwanzmetaphern und Größenwahnsinnsphrasen durchsetzten Rap anzusiedeln? Schon wieder einerseits, die Schwänze hängen nach wie vor in guter alter Battle-Tradition besonders tief und die Bitches sind in guter alter Gangsta-Manier besonders schlagenswert – wie auch immer man dazu steht. Andererseits sind da noch diese vielen losen Enden des K.I.Z.Universums, die schwarzen Löcher, durch die immer wieder genrefremde „Eindringlinge“ auf dem Planeten HipHop landen. Typen, die in SaTarek: Hemd Dandy of the Grotesque Hosenträger Vintage Einstecktuch Herr von Eden Mütze Stetson Schuhe Vintage Maxim: Mantel und Hut Herr von Eden Hose und Weste Mads Norgaard Hemd Vito Schuhe Vintage Krawatte VC- Accessoires

chen Fäkalsprache und überderber „Spaßmacherei“ mindestens am selben Ast des Provokationsstammbaums baumeln, wie die Kreuzberger Crew. Gastauftritte von Typen wie MC Motherfucker – der sich in einem früheren Leben als Terrorgruppe-Frontmann Archie Alert gerne auf offener Bühne Feuerwerkskörper in die Arschfalte klemmte – oder Wolfgang „Wölli“ Wendlandt – der als Sänger der legendären Wattenscheider Punkband Die Kassierer sowieso die meisten seiner Auftritte nackt absolviert – erweitern das ehemalige ’Royal Bunker’-“Wir scheißen auf alle“- Biotop in eine Richtung, die nahe legt, dass HipHop in der Bauart von K.I.Z. auch eine Fortführung von Punk mit anderen Mitteln ist. „Ach, wir singen halt auch gern übers Saufen und scheißen auf alles, vor allem auf die Hater und Faker. Aber Battle-Rap hat jetzt nicht so viel mit Punk zu tun“, relativiert Nico. „Betreutes Denken“ finde sich auf 'Urlaub fürs Gehirn', erklärt Rapper Maxim. Gut, dass K.I.Z. keine Schwanzdenker sind. Text: Timo Richard Fotos: Erik Weiss Heimat: k-i-z.com / casperxo.com Nico: Hemd und Hose Herr von Eden Weste Vito Schuhe Vintage DJ Craft: Weste, Hemd und Ärmelhalter Herr von Eden Hose Dandy of the Grotesque Fliege VC- Accessoires


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PLATTEN/10 GEBOTE

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DIE 10 GEBOTE

The Black Dahlia Murder Ritual

Black Lips Arabia Mountain

Junior Boys It’s All True

The King Blues Punk & Poetry

(Metal Blade/Sony) Mit der feinste Vertreter des Swedish Melodic Death Metal kommt seit Jahren nicht aus Schweden, sondern aus Detroit. Auf Album Nummer fünf sind die Black Metal-Einflüsse, die auf dem Vorgängeralbum „Deflorate“ nicht uneingeschränkt zum Erfolg führten, deutlich zurückgegangen, lediglich einige langsamere Nummern, ein paar Blastbeats und Gesangslinien sind geblieben. Ansonsten wird wieder Metal gespielt wie zu Anfang der Neunzigerjahre im fernen Göteborg. Die schnelleren Nummern auf „Ritual“ sind von höchstem Kaliber, extrem verspielte und vertrackte Stücke mit genialen Gitarrensoli und einem knurrenden Sänger. Insbesondere „Blood In The Ink“ ist der absolute Knaller, auch wenn „Ritual“ eher einen hervorragenden Gesamtsound hat, anstatt sich als eine Sammlung von herausstechenden Einzelliedern zu präsentieren. Als besonderer Bonus ist das Album auch noch das längste der Band bisher! Text: Hans Vortisch

(Domino/Good To Go) Wirklich enttäuscht haben Jeremy Greenspan und Matt Didemus alias Junior Boys eigentlich noch nie. Aber dass zumindest ihr letztes Album „Begone Dull Care“ für ihre Verhältnisse ein wenig schwachbrüstig war, merkt man spätestens jetzt, wo zwei Jahre später kaum etwas davon hängen geblieben ist. Wie beruhigend also, dass die Kanadier mit Album Nummer Vier nun wieder zu großer Form auflaufen. Das Tempo des starken Openers „Itchy Fingers“ ist dabei nicht unbedingt programmatisch, denn ihr poppiger Elektrosound präsentiert sich größtenteils wieder mellow und minimalistisch. Aber die Komplexität, mit der die Songs aufgebaut sind, ist raffiniert wie selten, und die nicht zuletzt durch Greenspans Gesang befeuerte Intimität so einnehmend wie beinahe seit dem Debüt des Duos vor sieben Jahren nicht mehr. Text: Patrick Heidmann

(Vice/Cooperative/Universal) Was Sexappeal und Punkrock-Lifestyle betrifft, spielen die Black Lips ganz oben in der Liga der lustigsten musikalischen Ekelgrenzgänger. Wer wird beim Anblick von Gitarrist Ian St. Pess´ Goldzähnchen, dem brüderlichen gegenseitigen Anurinieren und der sorglosen Spuckerei nicht schwach?! Von derlei Eskapaden abgesehen, macht der Sack Flöhe aus Atlanta auch auf dem sechsten Album alles richtig. 16 Titel zählt das unter der Regie von Mark Ronson entstandene Kronjuwel, bestehend aus rauen und harmonischen, feucht-fröhlichen Tönen, irgendwo zwischen Garage und Punk. Bereits bei „Family Tree“ sind die Arme in der Luft, bei „Mad Dog“ möchte man über den Highway brettern, bei „Time“ und „Don’t Mess Up My Baby“ ausgelassen twisten und bei „Dumpster Dive“ sowieso. In diesem Sinne: „Go Out And Get It“! Text: Sarah Näher

(Transmission/PIAS/Rough Trade) Mike Skinner von The Streets hat ein neues Projekt - zusammen mit den Jungs von Rancid und den Transplants hat er eine The Clash-Coverband ins Leben gerufen. Klingt zu verrückt, um wahr zu sein? Stimmt leider - aber gäbe es dieses Projekt, es würde sich genau so anhören wie das dritte Album von The King Blues. Punkrock, Pop, Ska, Reggae und Beats vermischen sich mit einer textlich bitterbösen Abrechnung mit der aktuellen britischen Regierung zu einem unglaublich vielseitigen und dabei jederzeit höllisch eingängigen Mix. Tanzen, mitgrölen, schunkeln, ausrasten - jeder Song von „Punk & Poetry“ erzwingt mindestens eine dieser Aktionen, meist sogar mehrere oder alle zugleich. Politische Sprengkraft war selten so Ohrwurm-tauglich. Text: Tito Wiesner

Cults Cults

(Sony) Wenn Albumcover reden könnten, würde dieses hier sagen: Ja, ich weiß, dass Girl/Boy-Kombinationen mit süßen Stimmen und smarten Gitarren gerade in sind, vor allem, wenn sie unwiderstehliche Glücksmelodien und originelle Samples zu bieten haben. Aber wer von der Konkurrenz war denn schon beim Foto-Shooting zum ersten Strokes-Album dabei? Niemand natürlich, und deshalb hängen Cults auch Best Coast, Sleigh Bells und Cyndi Lauper ab, wenn es um giftige Lollipops für die Ohren geht. Die Transformation vom superschlauen Fanclub zur künstlerischen Eigenständigkeit ist bei dieser Band bereits weiter fortgeschritten, als bei praktisch jedem anderen Newcomer 2011. Wiederholtes Anhören offenbart auch noch genau jene Nischen und Lücken, in denen sich die Liebe der Lässigen festsetzt wie Karies. Super Album, jetzt bitte nur nicht für Handywerbung lizenzieren. Text: Michael Haacken

Little Dragon Ritual Union

(Peacefrog/Rough Trade) Die HipHop-Ikonen Andre 3000 und P. Diddy sind von diesen vier Schweden ebenso beeindruckt wie David Sitek und Damon Albarn, die aktuellen Heroen des Pop klingt nach einem interessanten Spannungsfeld. Bei so vielen Vorschusslorbeeren sind die Ohren gespitzt und bekommen tatsächlich eine Menge geboten. Man weiß gar nicht, ob man die präzise arbeitende Rhythmussektion oder Spielereien wie die abschmierende Synthlinie im tollen „Nightlight“ zuerst loben soll. Über allem thront die wunderbare Yukimi Nagano, die sich durch so einige Hits croont, haucht oder zaudert. „Little Man“ oder „Ritual Union“ sind da nur der Anfang. Es ist klar, warum man verzaubert sein darf: Bei allen Indie-, Synthpopund Krautrockanleihen watet „Ritual Union“ hier immer noch gekonnt im großen Pop. Text: Volker Bernhard

Emirsian Accidentally In Between

Incubus If Not Now, When?

(Hayk/Soulfood) Der Tod seines Vaters war für Harmful-Sänger Aren Emirze Anlass, einmal die akustische Gitarre zur Hand zu nehmen und sich auch mit seinen armenischen Wurzeln zu beschäftigen. Als Emirsian hat er bereits zwei sehr empfehlenswerte Singer-/ Songwriter-Alben veröffentlicht, die immer wieder Anklänge an armenische Folklore aufwiesen. Auf seinem dritten Streich treibt er beides einen Schritt weiter und veröffentlicht ein Doppelalbum, auf dem Orient und Okzident gleichberechtigt nebeneinander stehen. Der erste Teil „Accidentally“ umfasst zehn wunderschöne englischsprachige Songs, wahrscheinlich die besten, die er je geschrieben hat. Auf „In Between“ interpretiert Aren armenische Volksweisen und eröffnet Einblicke in deren traurige Schönheit. Macht zusammen: Pflichtprogramm. Text: Robert Goldbach

(Sony) Zuerst die schlechte Nachricht für alle, denen es noch immer nach Brandon Boyd dürstet: Er scheint seine Liebe gefunden zu haben. Die Gute: Mit ihr fand er die Eingängigkeit und den Pop, der auf „Light Grenades“ so fürchterlich scheiterte, um nun endlich ein vollends entwickeltes Pop-Album voller Überraschungen aufzunehmen. „If Not Now, When?“ klingt unbeschwert und freigespielt, eigen und doch so zugänglich. Und wer eine Platte mit einem so hübsch langsamen Opener einläutet, der hat noch weitere Überraschungen auf Lager. „In The Company Of Wolves“ zum Beispiel beginnt zwar mit den ausgelutschten Worten „I was lost but now I’m found“, schürt aber dann ein brillantes Feuer aus musikalischer Unbefangenheit in acht Minuten, die nicht einmal langweilig erscheinen. Und so ist es mit dem gesamten Album: anders - aber schön anders. Eingängig und poppig - aber auf schöne Art und Weise. Macht insgesamt: Schön! Text: Steffen Sydow

Moving Mountains Waves

Set Your Goals Burning At Both Ends

(Make My Day/Alive) Es ist doch so: Wenn man übermäßig viel Musik hört, dann kickt einen irgendwann nicht mehr viel. Aber wenn dann mal etwas wirklich Gutes auftaucht, dann kickt es so richtig. So geschehen bei Moving Mountains und ihrem zweiten Album „Waves“. Wenn eine Platte so brachial beginnt, über die gesamte Spielzeit einen solch enormen Spannungsbogen aufbaut und beibehält, wenn Härte sich mit Atmosphäre abwechselt und die stets wandelbare Stimme von Sänger Gregory Dunn so wunderbar eins mit der Musik wird, dann kann man nicht anders, als sich in „Waves“ zu verlieren. Grossartiger Post-Hardcore mit einer Kante Atmo-Emo. Text: Steffen Sydow

(Epitaph/Indigo) Set Your Goals waren mal eine Hardcore-Band mit Pop-Einschlag, mittlerweile sind sie eine Pop-PunkKapelle mit ganz seltenen Ausflügen ins Hardcore-Genre. „Burning At Both Ends“ ist tatsächlich noch melodischer als der Vorgänger „This Will Be The Death Of Us“ und wildert erneut ganz massiv in New Found Glory-Gefilden. Macht aber nichts: Die grundsympathische Art und Weise der Jungs, die tollen von zwei Sängern vorgetragenen Melodien und die wunderbaren Chöre machen fast jeden der 13 Songs zu einem kleinen Sommerhit. Fans der ersten Stunden werden sich zwar mehr kickende Tracks im The Movielife-Stil wie das tolle „Exit Summer“ wünschen, am Ende aber einsehen, dass Stücke wie „Cure For Apathy“ oder „Uncertain“ keinen Deut schlechter, sondern nur poppiger sind. Hymne bleibt eben Hymne. Text: Tito Wiesner


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PLATTEN/OFFENBARUNG

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DIE OFFENBARUNG Casper XOXO

(Four/Sony) Es kommt selten vor, dass sich Presse-Vertreter der verschiedenen Genres im Vorfeld einer Veröffentlichung so einig sind. Egal, ob Rock oder RapSchreiberling: „XOXO“, das zweite Studioalbum von Casper soll HipHop wahlweise retten oder wieder salonfähig machen. Und so verliert sich jegliche Objektivität zwischen all den Vorschusslorbeeren. Tatsächlich fühlt sich „XOXO“ aber wie das Ende einer Reise an. Denn während Benjamin Griffey auf seinen letzten Veröffentlichungen inhaltlich und soundästhetisch noch auf der Suche zu sein schien, ist sein zweites reguläres Album wie aus einem Guss. Selten führte die Kombination von Rock- und Rap-Elementen zu so einem schlüssigen und vor allem eigenständigen Soundbild und selten

war Rap auf Deutsch zugleich lyrisch, emotional und trotzdem nicht aufgesetzt und anstrengend. Auch wenn der Vergleich zunächst nicht treffend erscheint: Casper macht da weiter, wo Sido einst aufgehört hat und wird zur Stimme der Jugend. Diese Jugend wohnt vielleicht nicht im berühmt-berüchtigten Block, sondern im Bielefelder Reihenhaus, aber es gibt sie. Die Musik-Presse kann sich weiter von Referenz zu Referenz hangeln und schreiben, was sie will. Dieses Album ist für die Kids, sie werden es verstehen und fühlen. Für sie ist „XOXO“ gemacht und sie werden diese Platte zu dem machen, was sie ist: ein Klassiker jenseits aller Genregrenzen.

Text: Julian Gupta

1 hoffnungslos ** 2 üben ** 3 bemüht ** 4 egal ** 5 kann man machen ** 6 gut ** 7 vorn dabei ** 8 wichtig ** 9 grandios ** 10 Klassiker Alkaline Trio Damnesia

(Hassle/Soulfood) Die Frage, die sich als erstes bei einer Akustik-Compilation vom Alkaline Trio stellt, ist natürlich: Wer braucht so was, wenn man den SoloStuff von Matt Skiba hat? Berechtigte Frage, aber sobald Skiba ohne Strom beginnt, die Band-Hits voller Inbrunst und in gewohnt nöliger Stimmlage von sich zu geben, schleicht sich die Antwort nach und nach von selbst ein. Dieses Album braucht definitiv jeder Fan, denn die Liste der Hits ist natürlich unglaublich lang, vor allem wenn „Private Eye“ schon fast wie The Cure klingt oder „Radio“ einmal mehr seine gefühlvolle Intensität freilegt. Daher so kurz und schmerzfrei wie „Old English 800“: Wer Skibas Stimme mag und die Songs des Trios ohnehin, wird „Damnesia“ lieben. 7 Text: Steffen Sydow

All Time Low Dirty Work

(Universal) „I feel like dancing tonight/ I’m gonna party like it’s my civil right“ - nein, politische Sprengkraft hat auch das neue All Time Low-Album nicht gerade. Aber das ist auch nicht der Anspruch der Band, die ihr viertes Werk und gleichzeitiges Major-Label-Debüt selbst als „ultimative Sommerplatte“ beschreibt. Spricht an sich ja auch nichts gegen sonnige Powerpop-Hymnen, würde „Dirty Work“ nicht über weite Strecken so leblos und zu Tode poliert daherkommen. Produzenten wie Mike Green (Paramore) und Butch Walker (Pink) haben all ihre Mainstream-Radio-Erfahrung zusammengenommen und die Jungs komplett auf Massengeschmack getrimmt. Das ist eingängig, glatt, läuft wie Kaufhaus-Beschallung reibungslos durch und tut niemandem weh - besitzt aber in etwa so viel Nährwert und Überraschungsmomente wie ein Kids Club Menü. 5 Text: Tito Wiesner

And so I Watch You From Afar Gangs

(Richter Collective/Rough Trade) Fiepen, Jaulen, Schweben, Stampfen, Druck: And So I Watch You From Afar ergehen sich auch auf ihrem zweiten Album in semi-vertracktem Instrumental-Geballer. Statt Post-Rock wären dementsprechend Post-Metal oder Brachial-Jazz die besseren Label für das, was die Band aus Gitarren, Bass und Schlagzeug zusammenrührt. Dabei sind die acht Stücke gar nicht so wahnsinnig innovativ. Auch bre-

chen die vier Iren keine Rekorde in Sachen Virtuosität oder Rhythmushektik. Was sie im Gegensatz zu vielen radikaleren Kollegen aber schaffen, ist, 45 Minuten lang Musik zu produzieren, die trotz aller Verspieltheit nie das Ziel aus den Augen verliert, nämlich derbe zu rocken. Solange, bis am Ende alles in sambatrommeltrunkener Seligkeit untergeht. 7 Text: Moritz Honert

The Antlers Burst Apart

(Transgressive/Cooperative/Universal) Am Anfang muss man zweimal hinhören. Sind das dieselben The Antlers, die 2009 mit „Hospice“ eines der dramatischsten Alben des Jahres veröffentlicht haben? Sie sind es. „Burst Apart“ heißt das neue, ganz in Eigenregie produzierte Werk, auf dem die New Yorker stetiges Hadern gegen eine seltsam erhebende Stimmung getauscht haben. „Burst Apart“ ist nahezu makelloser Pop, oszillierender Downbeat und ein Seitenblick in Richtung Prog. Das Album ist weniger emotional aufreibend als „Hospice“, die Texte sind weniger narrativ als assoziativ, die Songs weniger aufbäumend als eingängig und doch entpuppt sich „Burst Apart“ insgesamt als nicht weniger fesselnd als sein Vorgänger. 7 Text: Maritta Seitz

Atari Teenage Riot Is This Hyperreal?

(Digital Hardcore/Rough Trade) Fast 20 Jahre ist es her, dass Alec Empire mit Carl Crack und Hanin Elias die Digital-Hardcore-Crew Atari Teenage Riot gründete. Gut halb so lang, dass sie getrennte Wege gingen. Nun meldet sich Alec Empire mit MC CX Kidtronik und Sängerin Nic Endo zurück und macht weiter, als sei nichts gewesen: Harte Beats und geschriene Parolen, die eine neue Weltordnung fordern. Im Titeltrack kündigen Atari Teenage Riot auf Deutsch an, zum Bundestag zu kommen und diejenigen zu verhaften, die Konzerne anstelle des Volkes vertreten. Nach gut 40 Minuten ist die Tour de Force vorbei und jeder weiß, was er musikalisch ertragen kann. Und man ist um die Erkenntnis reicher, dass mitten in die Fresse vielleicht der einzige Ausweg ist, wenn alles andere einen nicht weiter bringt. 5 Text: Holger Muster

August Burns Red LEVELER

(Hassle/Soulfood) Metalcore passgenau für alle, denen ordentliche Shouts und Breakdowns ebenso wichtig sind, wie große Produktion, Wucht und eine gute Inszenierung. Aber das ist nicht alles: Die Begeisterung von August Burns Red-Gitarrist JB Brubaker für Explosions In The Sky und anderen Post-Rock (die sich Ende letzten Jahres auch in der experimentierfreudig-untypischen Neuinterpretation des eigentlich totgespielten Feiertagskrachers „Little Dummer Boy“ manifestierte) schimmert auf Album Nummer vier des Öfteren durch und wird mit „Carpe „Diem“ voll ausgelebt. So wird besagter Song neben dem Samba-Part in „Internal Cannon“ zum Höhepunkt eines Albums, das sonst vor allem gewohnte Töne anschlägt – was auch sein Gutes hat. 7 Text: Pascal Ferrst

Baaba Kulka Baaba Kulka

(Mystic Production/Soulfood) Hellsongs haben charmant gezeigt, wie man MetalKlassiker unkonventionell interpretieren kann, ganz neu ist die Idee von Baaba Kulka also nicht. Die Polen konzentrieren sich bei ihrem Songmaterial auf die Gottväter schlechthin: nichts anderes als eine erlesene Auswahl von Iron Maiden-Hits haben sie neu vertont. Dabei entsteht der Eindruck, als wollten Baaba Kulka sich so weit wie möglich vom Original distanzieren und möglichst viele Stile in die Interpretation einbringen, die man so gar nicht mit Iron Maiden verbindet: Von TripHop über Jazz, Prog- und Alternative-Rock ist dem Fünfer nichts fremd und auch vor dem Einsatz von Querflöte und Saxophon schrecken sie nicht zurück. Über all dem schwebt Sängerin Gaba, die es gut und gerne mit Bruce Dickinson aufnehmen kann. Die Originale bleiben zwar erkennbar, wertkonservative MaidenFans werden mit so einer ambitionierten Neuinterpretation aber überfordert sein. 6 Text: Tim Kegler

Biffy Clyro Revolutions - Live At Wembley

(Warner) Offensichtlich muss es einen Kodex geben, der besagt, dass jede Band eines Tages eine Live-CD und/oder Live-DVD veröffentlichen muss. Über Sinn oder Unsinn solch einer Platte darf gern gestritten werden. Biffy Clyro machen direkt beides,

auch wenn man ihnen immerhin zugestehen muss, dass ein Füllen der Wembley Arena in London mit etwa 12.000 Zuschauern durchaus festhaltenswert ist. Neben der Audioaufzeichnung bekommt man den Konzertmitschnitt auf DVD dazu, der dem Zuschauer vor der Glotze glatt poliert leider nur wenig vom Live-Effekt vermittelt. Kaum Fan-Gesänge und eine Aufnahmequalität, die manch Studioalbum dagegen wie Kellergeschrammel wirken lässt. Das Übermaß an Slowmotion-Effekten macht die Sache auch nicht besser. Raritäten-Sammler dürfte interessieren, dass man beim Bestellen der Special Edition als Bonus Konfetti der Show, Instrumentensplitter oder Teile des Bühnenbildes dazu bekommt, alle anderen sollten lieber direkt in Konzertkarten investieren. 4 Text: Sarah Gulinski

Big Talk Big Talk

(Epitaph/Indigo) „Glamorous Indie Rock’n’Roll is what I want, it’s in my soul, it’s what I need“, sangen einst The Killers - doch das ist bekanntlich einige Jährchen her. Nach ausgiebigen Welttourneen und drei Studioalben auf der HabenSeite entschieden sich die Helden aus Las Vegas für eine Pause. Dass sie dennoch nicht untätig bleiben, bewies Frontmann Brandon Flowers mit seinem Solodebüt, nun ist Ronnie Vannucci an der Reihe und trat von den Drums ans Mikro. Zusammen mit Taylor Milne gründete er Big Talk, deren gleichnamiges Album zwar von Joe Chicarelli (The Strokes, Minus The Bear) produziert und von Alan Moulder (U2, Foo Fighters) abgemischt wurde, dem allerdings meist die Kraft und der Ideenreichtum der oben Genannten fehlt. Lediglich Songs wie „Getaways“ oder „White Dove“ lassen immerhin noch latente Überreste des alten Glamorous Indie Rock’n’Roll der Hauptband spüren. 6 Text: Franziska Schuh

Blondie Panic of Girls

(Parlophone/EMI) Wer einmal Popgeschichte geschrieben hat, kann das nicht über Jahrzehnte immer wieder aufs Neue tun. Diese Erkenntnis gewann man als Blondie-Fan spätestens mit dem Comeback 1999, und auch von „Panic Of Girls“, dem ersten Album seit acht Jahren, sollte man keine


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hymnischen Klassiker wie „Heart Of Glass“ oder „Call Me“ erwarten. Doch die New Wave-Ikonen um die immer noch unerschütterlich coole Debbie Harry liefern Souveränes - und das ist, auch angesichts der vergleichsweise schwachen Single „Mother“, unbedingt als Kompliment gemeint. Die elf neuen Songs bewegen sich fernab von Peinlichkeit oder Langeweile auf bewährten Popfaden zwischen Rockigem, Elektronischem und den unvermeintlichen Reggae-Abstechern, wo sie den Weg in Herz, Hirn und Tanzbein nur selten verfehlen. Vielleicht kein Album für die Geschichtsbücher. Aber einer Legende durchaus nicht unwürdig. 7 Text: Patrick Heidmann

Brian Eno Drums Between The Bells

(Warp/Rough Trade) Mit diesem Lebenslauf voller Verdienste um die sphärische Musik sollte man Brian Enos Spätwerk lieber in einer eigenen Kategorie werten. Denn so sehr er Ambient auch geprägt hat: Ganze Heerscharen haben seine Ideen weitergedacht, das Original kann dann leicht antiquiert wirken. In Kontext gestellt ist hier vieles, etwa die Flächen aus „The Real“ oder der schleppende Drumbeat in „A Title“, keine Überraschung. Ebenso ist es gar nicht schwer, sich in Momenten zu erwischen, in denen man sich dickbäuchige Krautrock-Papas in den Siebzigerjahren festsitzend an ihren mit viel zu vielen Knöpfen ausgestatteten Vintage-Synthesizern vorstellt. Sagen wir so: Wir sphären vor uns hin, und Eno macht halt sein Ding. 6 Text: Volker Bernhard

Cobretti Trip Down Memory Lane

(Twisted Chords/Broken Silence) Huch, was ist da passiert? Welchen Trip haben Cobretti gerade durch, der dieses überraschend psychedelische Albumartwork erklären würde? Was die Äußerlichkeiten versprechen, wird auch bei der Musik konsequent eingehalten. Veränderungen von allen Seiten. Schwere Zeiten also für Early-

Bird-Cobretti-Fans. Denn wenn die Jungs aus Köln eines offensichtlich nicht wollten, dann Stillstand. Die ausgereiften Melodien und Texte klingen keineswegs deplatziert, könnten aber unangenehmerweise dazu führen, dass Musikkritiker mal wieder ihren Lieblingssatz aus der Tasche ziehen, der da wäre: Sie klingen, als seien sie erwachsen geworden. Ob „Trip Down Memory Lane“ nun dem Älterwerden, hormonellen Schwankungen oder einfach dem Lauf der Dinge geschuldet ist, weiß man nicht, interessiert aber auch eigentlich nicht, denn die teils sehr melodischen Hardcore-Stücke können sich hören lassen - immer und immer wieder. 6 Text: Sarah Gulinski

schwer dramatisches IndiePop-Album irgendwo aus der Schnittmenge von Adorable, Kashmir und Morrissey. Klingt schon auf dem Papier so gar nicht hip, oder? Ist es auch wirklich nicht. Dafür sitzen jeder düster verhallende Ton und jede noch so große Geste, mit der die Briten The Domino State auf ihrem mit einjähriger Verspätung auch in Deutschland veröffentlichten Debütalbum „Uneasy Lies The Crown“ Mode und Vermarktbarkeit kühn vom Tisch fegen. Keine Rücksicht auf Verluste, Volltreffer oder Fiasko, ganz so, wie es sein muss bei jungen Bands, die in diesen gesättigten Zeiten noch etwas reißen wollen. Chapeau. 7 Text: Friedrich Reip

The Dead Trees Whatwave

The Driftwood Fairytales Trailerpark And Unicorns

(Affairs Of The Heart/Indigo) Rastlos seien sie und ziemlich lässig an ihren Instrumenten unterwegs, heißt es über The Dead Trees in diversen Blogs. Mit Adam Green oder den Senkrechtstartern von MGMT gab es bereits erste Auftritte und doch ist das zweite Album des Bostoner Quartetts nicht ganz die Offenbarung, die viele heraufbeschwören: „Whatwave“ streckt sich mit zwölf Songs über eine Gesamtlänge von 29 Minuten und irgendwie ist es schade, dass die Band den eigenen Beiträgen nicht mehr Zeit lässt, denn ihr Handwerk bestehend aus lieblichen SixtiesPop- und Rockelementen, die oft an The Velvet Underground erinnern, beherrschen The Dead Trees ohne Frage. Doch das Prinzip quick & dirty reicht eben nur zum gelungenen Durchschnitt - selbst dann, wenn es die Checker im World Wide Web gern anders hätten. Mehr kommt nicht rum. 5 Text: Marcus Willfroth

The Domino State Uneasy Lies The Crown

(BrillJant Sounds/Indigo) Dass es so etwas noch gibt - ein lupenreines,

Mikroboy Eine Frage Der Zeit (Embassy Of Music/Warner)

Pro

Es soll ja Menschen geben, die waren mit elf schon Zyniker. Andere trainieren sich das erst mit dem Umzug in die Großstadt an. Wie auch immer es gelaufen ist, solche Leute sollten sich besser gleich von diesem Album fern halten. Sie könnten nicht verstehen, dass manche Menschen aufrichtig über ihre Emotionen reden. Dass in der Dauerironie nicht der Schlüssel zum Glücklichsein verborgen liegt. Und dass es Besseres als die dämliche Goldwaage gibt, um mit verbalen Kommunikationsinhalten umzugehen. Mikroboy singen in eingängigen Indie-Pop-Songs über das Leben, die Liebe, die Welt und wenn sie sich dabei simpler Alltagspsychologie und recht vorhersehbarer Metaphorik bedienen, dann passt das – weil es ehrlich ist. In jedem steckt doch eine kleine Memme, ein Sensibelchen, ein Mensch, der sich oft viel zu wichtig nimmt. Mit Mikroboy kann man sogar zu seinen emotionalen Luxusproblemen tanzen. Und das ist sehr viel wert! Text: Henrike Soltau

CONTRA

„Alles Gute bringt der Zufall/ Und alles Schlechte bringst du selbst/ Doch Du bist alt genug zu wissen/ Dass der gesunde Mittelweg leider nur selten was bewegt/ Noch einmal traurig winken und dann im Mittelmaß ertrinken.“ - Mal so mir nichts, dir nichts kehren Mikroboy im Stück „Herzen Aus Holz“ ihr Innerstes nach außen, und bewerben ganz offensiv mit ihren Schwächen ihre Stärke: Die Selbstironie. Ob das gewollt ist? Schwer zu sagen. Lustig ist es auf jeden Fall, Zufall hin oder her. Meist klingt Michael Ludes mit seiner Studenten-Herz-Lyrik wie Kettcar, nur peinlicher, so nach heimatverbundenem PrekariatsPop eben: „Wo Zuhause ist, sind wir betrunken/ Und wo Zuhause ist, geht es uns gut“, darauf noch einen Korn und eine Selbstgestopfte! Text: Frédéric Schwilden

(Fond Of Life/New Music Distribution) In Berlin gibt es nur noch wenige Wagenburgen, in denen man es sich als Punk gemütlich machen kann, und ein Einhorn hat hier auch noch niemand gesichtet. The Driftwood Fairytales wurden von ihrer Heimatstadt aber dennoch zum Titel „Trailerparks And Unicorns“ inspiriert, und mit ein bisschen freigeistiger Interpretation trifft der Slogan den Inhalt des Debüts recht gut. Die zwölf Songs des Albums schweben zwischen harter Realität und romantischer Traumwelt, erzählen Geschichten aus dem Hier und Nirgendwo, laut verpackt in Punk und Blues getränkte Indie-Klänge, irgendwo zwischen Hot Water Music, Quicksand und Frank Turner. Darauf lässt sich doch aufbauen. 6 Text: Fiete Hollerbach

Earth Crisis Neutralize The Threat

(Century Media/EMI) Earth Crisis waren lange aus dem Tritt gekommen. Stilwechsel, klarer melodischer Gesang anstelle des charakteristischen Knurrens von Sänger Karl Buechner, schließlich die vorübergehende Auflösung. Seit 2007 ist das ehemalige Aushängeschild des metallischen Hardcore aus Syracuse wieder vereint, konnte aber auf dem folgenden Album „To The Death“ noch nicht wieder zu alter Größe zurückfinden. Auch „Neutralize The Threat“ ist nicht der ganz große Wurf, überzeugt aber doch. Zum einen machen die neuen Stücke fast ausnahmslos ordentlich Druck, gerade der Gesang fegt den Hörer förmlich von den Füßen. Zum anderen hat sich die Band ein echtes Konzept zurechtgelegt - alle Lieder handeln irgendwie von „Vigilantes“, also historischen Personen, die zu Selbstjustiz gegriffen haben. Darunter fallen für Earth Crisis Animal Liberation Front ebenso wie die Black Panthers, aber auch ein New Yorker, der 1984 in der U-Bahn vier Räuber über den Haufen geschossen hat. Wie man zu den durchaus unterschiedlichen Gruppierungen steht, muss jeder selbst wissen, aber Earth Crisis stehen damit in der Tradition ihrer Alben aus den Neunzigerjahren, deren kontroverse Botschaften immer für viele Diskussionen sorgten. 6 Text: Hans Vortisch

The Elected Bury In My Rings

(Vagrant/AL!VE) „Love is gonna get you through“: Am Ende geht es fast immer um die Liebe auf dem dritten Album von Rilo Kiley-Gründungsmitglied Blake Sennett aka The Elected. Es sind lupenreine Pop-Songs, vorgetragen mit trauriger Elliott-Smith-Stimme. In der Pause nach dem Vorgänger „Sun, Sun, Sun“ im Jahr 2006 hat Winona Ryders Ex offenbar die Popmusik in allen Einzelheiten studiert - anders lässt sich die polierte Hochglanz-Oberfläche seiner Stücke nicht erklären. Aber Sennett weiß mit seinem Wissen das Richtige anzufangen. Von der

Dance-Pop-Nummer über den Folksong bis hin zum Pop-Rock ist alles dabei. Dramatischer Höhepunkt: die Sechs-Minuten-Ballade „This Will Be Worth It“. Gospeltöne reihen sich an Hammondorgel-Akkorde und Rockgitarren-Solo. Sennetts neue Songs erinnern an Szenen aus Sofia Coppolas „Virgin Suicides“, Zuckerwatte und Mädchen, die unschuldig wie Pfefferminze sind („Jailbird“). Bittersüßer Westcoast-Indie eben. 6 Text: Silvia Weber

Erode Horizon

(Tympanik Audio/Ant-Zen) Welch prekäre Situation: Alexander Dietz, Gitarrist von Heaven Shall Burn, scheint die Trance-App auf seinem iPhone entdeckt zu haben. Unter dem Namen Erode veröffentlicht er das erste Album seines Ambient-Elektro-Seitenprojektes. Das wird für Anhänger seiner eigentlichen Band eine verstörende Angelegenheit sein – aber wer sagt, dass Männer aus Metal-Bands sich nicht auch an solcher Musik versuchen dürfen? Sicherlich sind auf „Horizon“ keine schlecht gemachten Ambientstücke, immerhin erzeugen sie ähnlich wie ein guter Filmsoundtrack mitunter gekonnt düstere Stimmung. Für engstirnige Heaven Shall Burn-Fans dürfte sich „Horizon“ wohl wie Zahnarztbesuch anfühlen, aber vielleicht muss man auch einfach nicht jede Laune eines Musikers mitmachen. 4 Text: Sarah Gulinski

Figurines Figurines

(Cargo Records) Mit „When The Deer Wore Blue“ hatten die dänischen Figurines ihre Fans und sich selbst gleichermaßen herausgefordert. Das ambitionierte letzte Album sollte ein Meilenstein werden, schaffte es aber nicht aus dem Schatten seines noch energischeren Vorgängers „Skeleton“ und geriet alsbald in Vergessenheit, was die Band schließlich in eine Krise stürzte. Zum Trio geschrumpft lassen es die Figurines nun wieder hörbar lockerer angehen und machen ganz einfach: schönen Pop. Im Zuge des Erfolgs von Grizzly Bear und Co. stehen die Chancen sehr gut, dass so fluffig-leichte Popsongs wie „New Colours“, „Unable To Drift“ und „Every Week“ auf zahlreiche mp3-Playlisten wandern werden. 6 Text: Robert Goldbach

Gomez Whatever’s On Your Mind

(Eat Sleep Records/ Rough Trade) Gleich fürs Debüt gab es in der britischen Heimat den renommierten Mercury Prize, doch in den 13 Jahren seither hat sich der Erfolg von Gomez irgendwie gehörig verplätschert. Auch auf „Whatever’s On Your Mind“, dem inzwischen siebten Studioalbum des Quintetts, ist nicht zu überhören, warum. In ihrem Indie-Poprock, der zwischen überbordenden Einflüssen aus Glamrock, Folk und Synthie-Beats selten echtes Profil gewinnt, stecken viele schöne Melodien, die manchmal sogar das Zeug zum Ohrwurm haben. Doch ein paar Mal zu oft klingen auch die zehn neuen Songs wieder zu harmlos nett und uncool, um wirklich Eindruck zu hinterlassen. Für ein zweites Mal Background-Musik bei „Grey’s Anatomy“ reicht das ohne Frage. Aber zu einem weiteren Mercury Prize auf keinen Fall. 5 Text: Patrick Heidmann

Handsome Furs Sound Kapital

(Sub Pop/Cargo) Komplett mit Hilfe von Synthesizern eingespielt, präsentiert sich das neue Album der Handsome Furs in einem etwas anderen Licht, als die Vorgänger. Wolf Parades Dan Boeckner und Gattin Alexei Perry experimentieren auf „Sound Kapital“ viel, halten das Tempo stets oben und schaffen es, dies bis zum letzten Song der Plat-


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te durchzuziehen. Eine Wandlung, die das Wort „Indie-Rock“ nur beiläufig erwähnt und trotzdem ist ihnen ein ebensolcher Kracher gelungen - weil der dritte Longplayer der beiden den gängigen Gitarrensound weiterentwickelt und ohne Rücksicht auf Verluste hedonistisch nach neuen Wegen sucht. Brillant zeigen sich dabei die Kompromisslosigkeit, die unbändige Spielfreude und der Opportunismus der Band, einfach das zu machen, wonach ihnen der Sinn steht. Different gear, still speeding. 7 Text: Marcus Willfroth

Hard-Ons Shit-PantsShit-Pants

(Boss Tuneage/Rookie/Cargo) Schön zu sehen, dass die drei Australier auch über sich selbst lachen können - wovon die fotografische Abbildung einer „Hard-Ons-Autogrammstunde“ auf der neuen EP zeugt. Nicht so schön zu sehen, dass Scherz und Realität näher beisammen liegen, als gut ist - wovon die Zuschauerzahlen des lauten Trios zeugen. Die pendeln sich nämlich leider all zu oft zwischen der Anzahl der Besucher oben erwähnter Autogrammstunde (Null, wenn man das Wüstengrasknäuel nicht mitzählt) und der Jahre ein, die die Hard-Ons aktiv sind (immerhin bald 30). Glücklicherweise gibt’s dieser Tage Gelegenheit, dem entgegenzuwirken, denn Ray, Blackie und Pete sind derzeit hierzulande auf Tour. Die „Shit-Pants“-EP als nettes „Tour Souvenir“ ist allerdings auch nicht viel mehr als das, und so lautet der Ratschlag, das Geld lieber in das letzte reguläre Album „Alfalfa Males“ und vor allem ein KonzertTicket zu investieren - ohrenputzender und unprätentiöser wird hochmelodisch-glücklichmachender Rotzepunkrock selten geboten. 5 Text: Torsten Hempelt

The Horrors Skying

(Beggars/Indigo) Ein stolzes Bekenntnis zur Farbe Schwarz und eine gesunde Einstellung zum Leben als Jammertal Gruftis hatten damals schon eine ziemliche Flatrate zur Coolness. Aber die Musik? Größtenteils ziemlich fies. Die Horrors wollen zwar keine Gruftis sein, wetzen die Scharte aber trotzdem stellvertre-

tend aus und prägen einen düsteren Soundtrack, der es gut mit dir meint. Frontmann Faris Badwan hat eine Stimme wie feuchtes Herbstlaub, und seine Band poltert irgendwo hinter ihm durch finstere Katakomben, ohne ihre wahren Absichten zu verraten. Das dritte Album ist trotzdem mehr U2 als The Jesus and Mary Chain, denn zwischen den dunstigen Klangwänden werden gelegentlich Monstermelodien angespült wie tote Seefahrer an der Steilküste. Sehr passend, dass der beste Song des Albums da „Oceans Burning“ heißt und mit sexy Untiefen verführt. 7 Text: Michael Haacken

Hushpuppies The Bipolar Drift

(Differ-Ant/Cargo) Franzosen, die eigentlich gar keine sein wollen: Die Hushpuppies versuchen ihre Herkunft bestmöglich zu verschleiern. Die Taktik der ersten beiden Alben war ein Mix aus The Kinks und The Hives. Dafür hätten einige Kritiker der Band gerne eine Kleptomanie-Therapie verordnet. Die neuen Songs kommen frisch frisiert und im neuen Outfit daher. Die krachigen Gitarren wurden bis auf Ausnahmen in den Wandschrank gepackt, die Stücke sind reduzierter und geordneter, was nicht heißt besser oder spannender. Es gibt einen klaren Paradigmenwechsel. Denn neben The Kinks und The Hives werden jetzt auch die Kaiser Chiefs, Joy Division oder Black Rebel Motorcycle Club beklaut. Wir schließen die Sitzung mit der Erkenntnis: Die Hushpuppies wurden vom Storch im falschen Land abgeworfen. 6 Text: Johannes Musial

In Flames Sounds Of A Playground Fading

(Century Media/EMI) Das Wichtigste zuerst: So schlimm wie befürchtet, ist das erste In Flames-Album ohne Bandgründer, Gitarrist und Hauptliedschreiber Jesper Strömblad nicht. Tatsächlich hat sich klangmäßig wenig verändert, die Jungs aus Göteborg verfolgen weiter den

splash-mag.com vs. unclesally*s Es ist tatsächlich vollbracht. Die seit über zwei Jahren in unzähligen Interviews und Newslettern angekündigte Großkollabo „Random Axe“, des unter gleichem Namen formierenden A-Liga-Trios Black Milk, Guilty Simspon und Sean Price hat es endlich ins Presswerk geschafft. Roh und drumlastig kommen Milks Instrumentals daher, auf denen vornehmlich die Schwergewichte Price und Simpson im bewährten Bragging/Boasting-Stil verbal in Erscheinung treten. Sehr ansprechender Rap-Tonträger, bei dem Puristen bedenkenlos zugreifen können.W as man vom nächsten ’Duck Down’-Großprojekt nicht ausnahmslos behaupten kann. „Monumental“, das komplett von Pete Rock produzierte neue Smif-n-Wessun Album hat in erster Linie an der teils uninspirierten Produktion zu knabbern. Die Ausbeute von drei aus 13 Krachernummern („That’s Hard“, „Fire“, „Time To Say“) sind bei einer derart vielversprechenden Konstellation letztendlich zu wenig, aber das wird iTunes-Häppchen-Shopper nicht sonderlich stören. In der letzten Kolumne wurde Blu noch für das halbgare „Her Favorite Colo(u)r“ gerügt, doch nun gibt es Liebe für das digitale Album „J e s u s“, das seit Anfang Juni über seine Bandcamp-Seite zu beziehen ist. An die, im Vergleich zum 2007er Album „Below The Heavens“, neue Vortragsweise von Blu muss man sich zwar gewöhnen, aber was Madlib, Alchemist oder Knxwledge an erstklassigen Soulgranaten beisteuern, kann sich definitiv hören lassen! Nach mehreren Singles und EP hat FlyLos Buddy Samiyam mit „Sam Baker’s Album“ nun auch den längst überfälligen Longplayer am Start. Auf 17 Tracks kredenzt der in Michigan geborene Beathead feinstes Instrumentalmaterial straight outta L.A., das in seiner Grundstruktur tendenziell im HipHop-Kontext funktioniert. Weit weniger freigeistig als Labelkollege Ellison also, aber eines haben beide doch gemein: die Dopeness! Wie es heißt, arbeitet Soul-Hochtöner Mayer Hawthorne eifrig an der nächsten Platte, die bereits für Herbst angekündigt wurde. Grund genug sein Label ’Stones Throw’, den Hype weiter köcheln und der „No Strings“ 10“ von Ende April ein Goodie für die Fans folgen zu lassen. Auf der Labelwebsite gibt es die „Impressions EP“ frei zu erwerben, auf der Mayer und die Bandkollegen von The County diverse Songs von The Isley Brothers, Chromeo oder Jon Brion neu interpretieren. Wir bedanken uns höflich für das feine Material, schwelgen in Erinnerung an Mayers Gänsehaut-Auftritt auf dem splash! 2010 und freuen uns auf weitere solcher Momente ab dem 8. Juli in Ferropolis! Text: Benjamin Mächler

Weg, den sie seit zehn Jahren recht erfolgreich beschreiten: Die Synthese von Death Metal und, tja, Pop. Moderner Metal ohne Stilgrenzen also, mit Geknurre und Klargesang, fetten Riffs und wirklich guten Gitarrensoli, Synthie-Melodien und Double Bass. Daraus haben die fünf einige Hits gebastelt, etwa „Sounds Of A Playground Fading“, „Fear Is The Weakness“ oder „Ropes“. Man muss aber auch klar festhalten, dass Strömblads Talent für Kompositionen überdeutlich vermisst wird. Eine ganze Reihe von Stücken erscheint ziellos und ohne Biss, etwa „All For Me“, „The Attic“ oder „Jester’s Door“, teilweise macht sich schlicht Langeweile breit. Dies bei einer Band vom Kaliber der In Flames ist dann doch eine ganz schöne Enttäuschung. 6 Text: Hans Vortisch

Jasta Jasta

(Century Media/EMI) Für die Songs, die Jamey Jasta in den letzten Jahren geschrieben und keine passende Band-Schublade gefunden hat, macht er jetzt eine eigene auf – und auf der steht „Soloalbum“. Zumindest theoretisch. Praktisch gesehen hatte der Hatebreed-Frontmann nämlich reichlich Helfer: Neben seinen Kingdom Of SorrowMitstreitern an Drums und Saiten u.a. Blythe und Mark Morton von Lamb Of God, All That Remains‘ Philip Labonte und Tim Lambesis von As I Lay Dying und sogar Profi-Skater Mike Vallely. Das hat auf jeden Fall Projektcharakter, klingt aber am Ende dann mal sehr nach dem gewohnten Hatebreed-Geballer und mal sehr relaxt und melodisch. Egal, was Jasta auch zu machen scheint: schlecht scheint er nicht zu können. 6 Text: Pascal Ferrst

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Jello Biafra & The Guantanamo School Of Medicine Enhanced Methods Of Questioning

(Alternative Tentacles/ Cargo) Kann man ernsthaft davon ausgehen, dass Jello Biafra je ein langweiliges Album vorlegen würde? Wohl kaum. Der Mann hat mit den Dead Kennedys Punkgeschichte geschrieben und mit Bandprojekten wie Lard gezeigt, wie eigenwillig Punk sein kann. Natürlich findet sich auch auf dem zweiten Album mit der Guantanamo School Of Medicine all das, was die Biafra-Bands so einzigartig macht. Der Sarkasmus in den Texten und die meckernde Stimme sind Biafra nicht verloren gegangen und werden großartig durch seine Backingband unterstützt, mit der er durch ein ganzes Universum von schrägem Punk, Old School Hardcore und spacigem Surf-Rock stürzt. Auch wenn es sich bei „Enhanced Methods of Questioning“ mit fünf Songs und einem 18-minütigen Bonustrack im Grunde nur um ein Mini-Album handelt, passt hier alles. 8 Text: Tim Kegler

Jennifer Rostock Mit Haut Und Haar

(Warner) Neues Album, neuer Look, selbstsichere Klänge. Für „Haut Und Haar“ begaben sich die bis unter die Halskrause zutätowierte Jennifer Weist und ihr sympathischer Knabenclan auf die weite Reise nach New Jersey, um dort bei eisigen Temperaturen ein paar herzerwärmende Balladen, frisches Disco-Futter und einige Moshpit-taugliche Kreistanznummern einzuspielen. Der Bandausflug


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hat sich gelohnt, denn mit „Haut Und Haar“ scheint die bereits auf dem Vorgänger „Der Film“ angedeutete Entwicklung von einer Alarm schlagenden NDW-Schreckschraube zur ernstzunehmenden und facettenreichen Band endgültig abgeschlossen. Mit ihren Songs aus drei Alben dürften Jennifer Rostock die Klaviatur der Emotionen mittlerweile so gekonnt herunterspielen, dass man für die bevorstehenden Konzerte sowohl Taschentücher und Feuerzeuge dabei haben sollte, so wie einen schützenden Ellbogenschoner. Es könnte eng werden im Pit. 7 Text: Fiete Hollerbach

Kaiser Chiefs The Futur Is Medieval

(Universal) Die Kaiser Chiefs lassen ihre Fans ein bisschen Produzent und Grafiker spielen: Insgesamt werden 20 Songs auf ihrer Homepage angeboten, zehn davon kann man sich aussuchen und für einen Fix-Betrag erwerben, dazu außerdem noch sein eigenes Artwork gestalten. Druckt man das Ganze schließlich aus, hat man fast so etwas wie eine richtige CD. Die Radikalität der Wohlfühl-Einbeziehung mit dem Tenor „Du bist die Kaiser Chiefs“ verpufft dann aber schnell wieder. Es erscheint auch eine ordinäre CD/LP-Version mit 13 Tracks und „exklusivem“ Inhalt. Viel Bohei um ein paar Songs der Lads aus Leeds. Dabei sind die gar nicht schlecht. Die Single „Little Shocks“ trifft zielsicher in Schwarze, die Orgel lässt die Arme zum Himmel reißen, dann die Steigerung vorm letzten Refrain und Ricky Wilson himself springt mit rotem Kopf aus den Boxen. Oder ein Stück wie „When All Is Quiet“, das mit seinem Kopfgesang an das Beste von den Beatles bis Queen erinnert - geht doch. 8 Text: Frédéric Schwilden

Katy B On A Mission

(Columbia/Sony) In Großbritannien landete Katy B mit ihrem Debütalbum auf Platz 2 – und sahnte zudem drei Top-TenSingles ab, mit „Broken Record“, „Lights On (Feat. Ms. Dynamite)“ und dem Titeltrack. Tendenz steigend! Warum, ist allerdings nicht ganz klar. Oder doch: Sie ist jung, sieht gut aus und liefert smarte Dancetracks ab. Der Überraschungsgrad tendiert eher gegen null

bei ihrem klaren Gesang, den üblichen Themen rund um die Hochs und Tiefs in Lovesongs und einem geschmeidigen Elektro-Sound mit Pop und Dubstep, den ihr Geeneus, DJ Zinc und Magnetic Man da auf den Leib geschneidert haben. Das Ganze kann getrost in jeder Strandbar, bei der Kirmes und im Mainstream-Radio eingesetzt werden. Aber Spaß macht es schon, auch wenn es nur diesen Sommer versüßen wird. 5 Text: Holger Muster

Kellermensch Kellermensch

(Vertigo/Universal) Das Debüt der dänischen Kellermensch(en) hat alles, was ein wirklich gutes Album im Sog des Post-Rock benötigt: Atmosphäre, Spannung und einen gewissen Grad an Eigenständigkeit. Andererseits findet sich auch einiges, was es irgendwie schwierig werden lässt. Alleine der Gesang, der ab und an in viel zu dickwülstige Screamo-Salven ausartet, nervt gleich im Opener. Die Schönheit hinter den Songs, gerade wenn die Violine munter fiedelt, ist so ziemlich schwer zu erkennen. Ebenso schwierig: Die Brachialität, mit der Kellermensch hier vorgehen, denn sie sorgt dafür, dass die guten Referenzen à la Kaizers Orchestra irgendwie ins Peinliche getragen werden, beispielsweise durch den Support von Unheilig oder Rammstein, deren Publikum dieses Album bestimmt mehr zusagt als dem üblichen, aufgeschlossenen Post-RockPublikum. Man darf gespannt sein und das ganze unter Vorbehalt auch wirklich mögen. 5 Text: Steffen Sydow

Leyan Dancing Sculptures

(Noizgate/Rough Trade) Früher war Rockmusik ein Elternschreck, heute bringt sie Generationen zusammen. So auch im Fall des Berliner Goldkehlchens Christoph Ecke, dessen Formation tatkräftig musikalisch von Vater Jürgen unterstützt wird. Der Vierer geht auf dem Debütalbum „Dancing Sculptures“ beachtlich reif zur Sache und präsentiert ein ausgewogenes Alternative-Rock Album, also Musik jener Sorte, die nicht mehr so recht weiß, wozu sie eigentlich die Alternative darstellt. Die zwölf Songs zwi-

schen Klavier-Pop und Gitarren-Rock sind abwechslungsreich, gut gespielt, gut produziert und gut gesungen. Auch sonst kann man dem Album eigentlich nichts vorwerfen, außer eben, dass man ihm nichts vorwerfen kann. 6 Text: Robert Goldbach

Limp Bizkit Gold Cobra

(Interscope/Universal) Limp Bizkit sind back! Aber so was von. Noch nie hat man fettere Gitarren gehört, mehr Eier-Rock geht nicht. Fred Durst tobt und rappt als wäre er nicht älter geworden. Die „Bitches“ heulen und lügen dreist, aber „I don’t give a fuck“, wischt Durst alle Probleme vom Tisch. Fred ist schließlich der Herr im Haus. Durst, der seit dem zweiten Limp Bizkit-Album „Significant Other“ das Dorian-Gray-Syndrom mit sich herumschleppt, ist wieder in Top-Form. „Pop off the rock shit“ fordert er, denn er weiß ja auch warum. Because „Everybody jumps from the sound of a shotgun / In my neighbourhood everybody got one“, das leuchtet ein, klingt irgendwie cool, so nach wildem Westen, nach noch ein bisschen härter als an der Straßenecke stehen und auf den Boden spucken. Wohnen will man da freilich nicht, aber für ’ne Stunde mal wieder die Yankees-Cap aufsetzen und den Rock Shit poppen - das macht Laune. 6 Text: Frédéric Schwilden

Locas In Love Lemming

(Staatsakt/Rough Trade) Waren es auf dem letzten regulären Album „Saurus“ die ausgestorbene Urzeittiere (das Konzept-Werk „Winter“ blenden wir an dieser Stelle mal aus), haben sich die Kölner Locas In Love diesmal der Lemminge angenommen. Analog zu dem Irrglauben, die possierlichen Tierchen würden sich in vermeintliche Massenselbstmorde stürzen, sind die Texte auf „Lemming“ auch nicht ganz so pessimistisch, wie es manche Songtitel andeuten. Lösungen werden gesucht und nicht selten gefunden, während Locas In Love neben einigen ruhigeren Nummern auch genug Krach fabrizieren, um Hauptsongwriter und überzeugtem Anzug- und Afroträger Björn Sonnenberg die Möglichkeit zu geben, sich demnächst in GitarrenEkstase auf dem Bühnenboden zu wälzen. Äußerst gelungen das Ganze, bleibt nur die Frage: Welches Tier kommt als nächstes? 7 Text: Marek Weber

Miss Li Beats & Bruises

Elektro-Sommer Der Sommer ist endlich da, alle wollen los: in den Urlaub, an den See, zur Grillparty. Deswegen wollen wir euch hier gar nicht lange aufhalten. Lieber nur schnell in jede Menge neuer Platten reingehört und die dann schnell eingepackt für die jeweils passende Sommer-Aktivität. Los geht’s mit Paul Kalkbrenners „Icke Wieder“ (Paul Kalbrenner Musik/Rough Trade): Weniger ein Album für all die „Berlin Calling“- und „Sky and Sand“-Fans, als viel mehr recht wortkarg-trockener Techno für die späten Stunden lauer Dachterrassen-Partys. Vorher warmlaufen kann man ganz wunderbar mit „Varieté“ (Burlesque Musique/Wordandsound), dem ersten und vielfältig tanzbaren Album von Aka Aka & Thalstroem, das nicht nur mit der passend betitelten Single „Été“, sondern dank Gastsängerin Betty Lenard auch einem starken Portishead-Cover aufwartet. Am nächsten Tag versüßt dann Dan Blacks heiß erwartetes Debütalbum „((un))“ (Embassy of Music/Warner) den Weg zum Strand oder See: ein verspieltes Potpourri aus R’n’B, Pop und Dance-Beats, das nicht immer ganz kohärent, aber in jedem Fall originell ist. Wenn später ein Wolkenbruch für Düsternis sorgt, holen Karlmarx aus Neuseeland einen wieder runter. Für „Karlmarx“ (Melting Pot Music/Groove Attack) kitzeln sie aus ihrem elektronischen Spielzeug jedenfalls alles raus, was an dunkel-mysteriöser Coolness im Sommer möglich ist. Vielleicht nicht zum Chillen, aber auf jedem Fall zum Grillen darf dann gerne „Electric Hustle“ (Jalapeno/Rough Trade) laufen, das dritte Album der Holländer von Kraak & Smaak. So viel Elektronik und vor allem Songlastigkeit war bei dem Trio bislang selten, über mangelnde Funkiness kann man sich hier aber wahrlich nicht beschweren. Und über grandiose Gastsänger genauso wenig. Sobald die Nacht wieder hereinbricht kann Marians „Only Your Hearts to Lose“ (Freude am Tanzen/ Rough Trade) nicht schaden, eine kluge Techno-House-Melange, in der Marek Hemmann seine Beats von Fabian Reichelt kongenial besingen lässt. Und wer die Open-Air-Stimmung mit Samplern zum Überkochen bringen will, sollte zu „The Jam Files - Past, Present, Future“ (Peppermint Jam/Intergroove), einer umfassenden Label-Werkschau mit Moloko, Mousse T, Boris Dlugosch und Co., oder natürlich zu „Hans Is Playing House“ (Bureau B/Indigo), 14 wirklich grandiosen Remixen von the one and only Hans Nieswandt, greifen. Wenn danach beim Einschlafen die Nachbarn von oben zu laut Sex bei offenem Fenster haben: einfach mit „Music Is Awesome“ (Boysnoize Records/Wordandsound) zurücknerven! Text: Patrick Heidmann

(Devil Duck/Indigo) Wahrscheinlich sind die Songs von Miss Li schon jetzt mehr Menschen bekannt, als man denkt. Schließlich wurden sie schon reihenweise zur Untermalung von TVSerien wie „Grey’s Anatomy“, „24“ oder „Lost“ verwendet. Dass sie sich für „Beats & Bruises“ zwei Jahre Zeit gelassen hat, spricht zum einen für das Songmaterial, hat aber auch einige turbulente Hintergründe. Ausgiebige Touren forderten ebenso wie gesundheitliche Probleme ihren Tribut. Das hört man „Beats & Bruises“ aber nur teilweise an. Der Opener „Devil’s Taken Her Man“ startet recht schwermütig, im weiteren Verlauf schiebt Li aber auch ein paar tanzbare Up-TempoNummern ein, die zeigen, dass ihr der Spaß am Mix aus Retro-Soul, Jazz und Pop nicht verloren gegangen ist. Und so entwickelt sich „Beats & Bruises“ mit all seinem Vintage-Charme doch noch zu einer sehr spannenden Angelegenheit. 7 Text: Tim Kegler

Norman Sinn Was Macht Sinn

(Four/Sony) Norman Sinn kommt aus dem selben Kreativ-Kollektiv wie Clueso, dem Zughafen in Erfurt. Damit findet sich auch gleich die passende Schublade: Musikalisch ist sein Albumdebüt den Veröffentlichungen von Clueso, neben Ryo und Felix G. üb-

rigens auch Feature-Gast Nummer drei auf „Was Macht Sinn“, nicht unähnlich: Singer-/SongwriterPose, Gitarre um, Soul und Funk schon mal gehört. Die richtigen Koordinaten hat Sinn musikalisch sowieso. Und moralisch außerdem: Ich- und Du-Treue, für Eigenständigkeit und gegen Monotonie. Nicht alle Song-Bilder sind gelungen und manchmal fehlt die Raffinesse, die deutsche Texte, die an die Substanz sollen, total unpeinlich macht. Dem Erfolg dürfte das aber nicht im Wege stehen. 5 Text: Britta Arent

Oh Land Oh Land

(Sony) Eine Blondine, die mit neon-strahlenden Papphäuschen jongliert und den Betrachter dabei fixiert - ob das Album alle Versprechen hält, die das Coverartwork gibt? Aber hallo: Nanna Øland Fabricius alias Oh Land macht Musik, die genauso klingt, wie das bei einer Vorbildung aus Balletttanz, Modedesign und Orgelspiel plus einem Umzug nach Brooklyn eben der Fall sein muss: vielfältig, dramatisch, grenzenlos fantasievoll. Zusätzlich aufgeladen durch die Produktion von Dan Carey und Dave McCracken wird das Ganze dann endgültig zum glühend heißen Eisen. Die ausländische Presse, die mal wieder zeitiger Wind von der Sache bekommen hat, überschlägt sich mit Empfehlungen, die Dame doch dringlichst im Blick zu behalten. Dem kann man sich eigentlich nur anschließen. 7 Text: Friedrich Reip

Portugal. The Man In The Mountain, In The Cloud

(Atlantic/Warner) Da kann man sich seltsam alt vorkommen: Wir betrachten das siebte Album in sechs Jahren. Verrückt. Denn solange brauchten Portugal.The Man, um von einer schrägen, Tiermasken-affinen Indie-Kapelle zu Everybody’s Darling zu reifen. Und als eben solcher hat sich nun ein Major ihrer angenommen. Wurden anfangs noch Radiohead oder The Mars Volta vergleichend herangezogen, verloren sich die vier Alaskaner schnell im erdigen Seventies-Rock, der immer noch den Kern bildet: Recht klare Songstrukturen, eine groovende Rhythmussektion und zuweilen heroische Gitarrenheuler. John Gourley kopfstimmt sich durch elf durchweg charmante Nummern, denen das Charisma der bisherigen Großtat „The Satanic Satanist“ allerdings fehlt. Das Quartett geht mit „In The Mountain, In The Cloud“ erstmal auf Nummer sicher und man kann es ihnen nicht verübeln. Wenn das der neue Konsens ist, darf man sich eigentlich freuen. Und vielleicht auch auf etwas mehr Risiko beim nächsten Mal. 7 Text: Volker Bernhard

Quit Your Day Job World Domination

(Alleycat/Soulfood) Solange es Bands wie diese durchgeknallten Schweden gibt, muss man sich keine Sorgen machen, dass Punk auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Musikrichtungen landet. Die vier wissen, wie man es anstellt: Man nehme billige Punkriffs, verpacke seinen prollig-derben Humor in absurde Texte und mache auch aus seinem guten Maß an Größenwahn keinen Hehl. Um aber nicht ganz in der stumpfen Nietenkaiser-Ecke zu landen, zeigen die Drei keinerlei Berührungsängste gegenüber elektronischen Beats und mischen gekonnt Discosounds in die Suppe. Was dann dabei rauskommt erinnert an Devo in ihren besten Zeiten, die mit den Sex Pistols eine kackfreche Elektroparty feiern. Kein Wunder, dass bei dieser Mischung auch gestandene ProvoPunks wie die mächtigen Dwarves zu untertänigen Fans werden. Ganz groß! 8 Text: Tim Kegler


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Rolo Tomassi Eternal Youth

(Destination Moon/Alive) Kleinvieh macht auch Mist und so kommt es, dass Rolo Tomassi gerade ein Jahr nach Veröffentlichung von „Cosmology“ schon wieder ein neues Album auf den Markt bringen: B-Seiten, Raritäten und Akustiksongs füllen eine komplette Doppel-CD mit 36 Liedern. Anlass dafür könnte entweder sein, dass sie ein unfassbar spannendes Leben und viel zu erzählen haben oder aber lediglich die Einweihung ihres eigens gegründeten Labels feiern wollen. „Eternal Youth“ ist eine nette Geste der Mathcore-Truppe und auch wenn vor allem die Akustikstücke eine schöne Abwechslung sind und das Ganze den Werdegang der Band bestens darstellt, bleiben besondere Überraschungen oder Aha-Effekte aus. 5 Text: Sarah Gulinski

Samy Deluxe Schwarzweiss

(EMI) Nachdem er auf dem letzten Album „Dis Wo Ich Herkomm“ seine Liebe zu Deutschland in Wort und Ton dokumentiert hat, macht Samy Deluxe auf seinem vierten Studioalbum wieder einfach nur Musik. Den Kritiker freut’s, denn Samys große Stärke ist und bleibt seine überlegene Vortragsweise. Anders ausgedrückt: Nur wenige packen ihre Worte ähnlich elegant auf den Beat wie der Hamburger MC. Tatsächlich sind auch auf „SchwarzWeiss“ vor allem die Songs besonders gut, in denen sich Samy auf seine große Stärke als erster BattleMC moderner Prägung besinnt und einfach nur rappt („Poesie Album“, „RapGenie“). Die konzeptionell durchdachten Songs schwanken hingegen zwischen dem Prädikat: „große Emotion“ („Doppel VIP“) und „geht so“ („Keine Wahre Geschichte“). Auch wenn Samy dem SunshineReggae zum Glück abgeschworen hat, gibt es einige Gesangsstücke, die aber durchaus Sinn machen und den positiven Gesamteindruck der Platte nicht wirklich schmälern. 6 Text: Julian Gupta

She Wants Revenge Valleyheart

(Eleven Seven/EMI) Die gute Nachricht vorneweg: Der eingefleischte She Wants Revenge-Fan wird das dritte Album der Kalifornier definitiv mögen. Für alle Anderen gilt: „Valleyheart“ wächst mit der Zeit. Man muss nur mit dem inflationären Gebrauch des Wortes „Kiss“ klarkommen. Von dem verbalen Kitsch mal abgesehen, präsentiert Justin Warfield, der Mann mit dem erotischsten Bariton direkt nach Paul Banks (Interpol), zusammen mit Kompagnon Adam Bravin zehn saubere Tracks, die in bester She Wants Revenge-Manier einen angenehm kalten, düsteren Sound haben. Einen zweiten Erfolgshit wie „Out Of Control“, mit dem der Band aus San Fernando Valley 2006 der Durchbruch gelang, sucht man zwar vergeblich, doch stört das nicht. „Valleyheart“ ist ein Album, das man gut und gerne als „solide“ bezeichnen kann - ohne Höhen und Tiefen, aber perfekt für zwischendurch. 6 Text: Sarah Näher

Simple Plan Get Your Heart On!

(Warner) Alex Gaskarth von All Time Low ist einer der zahlreichen Gäste auf dem vierten Album von Simple Plan. Wahrscheinlich wäre er nach der Zusammenarbeit sogar am liebsten als ständiges Mitglied bei den Kanadiern eingestiegen - während Gaskarth mit seiner Band aktuell am Versuch des perfekten KommerzPop-Punk-Albums scheitert, schlagen Simple Plan die gelungene Brücke zwischen Avril Lavigne und

Sum41, Energie und Mainstream, Ohrwurm-SingAlong und Teenie-Herzensbrecher. Rivers Cuomo als Gastsongwriter, ein Duett mit Natasha Bedingfield und eins mit K’naan, Piano-Balladen, StadionHymnen und Bubblegum-Refrains: Wenn schon glattgebügelte Pop-Punk-Songs für die Massen, dann bitte genau so eingängig und abwechslungsreich wie auf „Get Your Heart On!“. 6 Text: Tito Wiesner

Sons and Daughters Mirror Mirror

(Domino/Good To Go) Nur das Skelett übersteht die Explosion. Sons and Daughters waren im Grunde schon immer eine Country und Western-Kapelle, die statt durch die Prärie über das schottische Hochland reitet. Zwischen all den tanzbaren Kollegen boten sie schroffe Eigengewächse, die Punk im Sinne der daheimgebliebenen Sauertöpfe deuteten. „Mirror Mirror“ ist der Endpunkt dieser Entwicklung: Melodien werden zugunsten karger Rhythmen aufgegeben, während die Texte die typische Trostlosigkeit hochleben lassen. Im Konzertkontext mag das nach verkohlten Balken und schweißtropfender Decke riechen, auf Platte bleibt nur ein dünner glühender Draht übrig, der fiebrig im Dunkeln glimmt. Musik zum Wachbleiben, wenn das Koffein abklingt und die Sinnfrage unentschieden beantwortet wird. Der Regen im letzten Stück ist noch das Tröstlichste. 5 Text: Michael Haacken

Suicide Silence The Black Crown

(Century Media/EMI) Mann, hat der schlechte Laune! Seit zwei Alben keift und beißt sich Suicide Silence-Chef Mitch Lucker durch das Geknüppel seiner Bandkollegen und, keine Überraschung: Wie seine Vorgänger „No Time To Bleed“ und „The Cleansing“ ist auch „The Black Crown“ ein Monster von Album geworden. Aggressiv, brachial und überdimensional, auch wenn diesmal mit weniger Tempo, mehr Breaks und Melodien. Im Detail haben die Kalifornier, die den Deathcore wie kaum eine andere Band geprägt hat, Feldforschung betrieben, und so finden sich hier Death MetalPunchs, Elektroparts und außerordentliche Ausraster. Die einzigen gerade gesungenen Zeilen des Albums stammen übrigens von Jonathan Davis in seinem Gastfeature bei „Witness The Addiction“. Auf den Punkt bringt es aber ein anderer Song: „Fuck Everything“ ist fies, groovig und exemplarisch für das Album – absolut alles niederwalzend, was sich Suicide Silence in den Weg stellt. 7 Text: Pascal Ferrst

Taking Back Sunday Taking Back Sunday

(Warner) Aufgewärmter Kaffee ist mindestens genauso eine grandiose Idee wie aufgewärmte Beziehungen. Ob das auch auf wiederbelebte Bandkonstellationen zutrifft, werden Taking Back Sunday zeigen. Selbstbetitelt ist deren neues Album, was man entweder König Einfallslosigkeit oder dem Zusammengehörigkeitsgefühl der ersten Stunde zu verdanken hat, sind die Herren doch nun wieder in Originalbesetzung von 2002 vereint. Alle, die sich jetzt freudig die Finger nach einem „Tell All Your Friends“Reload lecken, können die Euphorie direkt wieder dorthin verbannen, wo sie sie vor vielen Jahren begraben haben. Weiterentwicklung und Erwachsenwerden gehen an niemandem spurlos vorbei. Und so kommt es, dass Taking Back Sunday trotz selber Persönlichkeiten nicht ganz wie sie selbst und dennoch viel zu spannend klingen, als dass man sich nicht doch erneut verlieben könnte. 7 Text: Sarah Gulinski

Tennis Cape Dory

(Carmen San Diego/ Rough Trade) Die Welt ist untergegangen. Die wenigen Überlebenden wühlen sich durch die Hinterlassenschaften einer gescheiterten Zivilisation. Eine CD heißt „Cape Dory“ und ist von Tennis, lange tot inzwischen. Aber die Musik passt immer noch. Sixties? Eighties? Naughties? Niemand weiß es mehr. Tennis klingen wie Strandgut, wie eine Postkarte aus einer glücklicheren Epoche, als es Harmoniegesang und Toast Hawaii für alle gab. Nostalgie pur. War diese Musik jemals aktuell? Ja, wenn man die sonnengebräunten Bubblegum-Melodien meint. Nein, wenn man die Entstehungszeit einkalkuliert. „Cape Dory“ erinnert an ausgebleichte Werbespots einer bankrott gegangenen Airline und an eine cartooneske Sorglosigkeit, die so nie real war. Verführerisch wie ein Zuckerrausch und fragil wie eine Seifenblase. Vertonter Eskapismus, so höflich, dass er schon wieder beleidigt. 5 Text: Michael Haacken

The Turbo A.C.’s Kill Everyone

(Concrete Jungle/Edel) Eine im wahrsten Sinne absolute Killerplatte liefern die Turbo A.C.’s mit dem lang erwarteten Album Nummer Sieben ab. „Kill Everyone“ hat alles, was man sich von einer Turbo A.C.’s-Scheibe wünscht, wartet also mit reichlich hinterntretendem Punkrock, mit Surfgitarrensoli und mit Kevin Coles nöligem Gesang auf. Gleichzeitig ist das neuste Werk der New Yorker aber wunderbar abwechslungsreich. Ein großartiges Horror-Intro gefolgt von 17 Titeln, zu denen mit „Kill Everyone“ eine feine Ballade (!) sowie ein halbes Dutzend der typischen Turbo-Lieder gehören. Dazu kommen die mal lustig-morbiden, mal wirklich introspektiven Texte. Der absolute Knaller ist schließlich die zweite (!) Version von „Live Fast Die Slow“, mit der die Platte abschließt. Entschleunigt und mit Blechbläsern untermalt resultiert auch mehrmaliges Hören in Gänsehaut. Wie gesagt, mördergut. 8 Text: Hans Vortisch

Ty Segall Goodbye Bread

(Drag City/Rough Trade) Ty Segall ist einer von denen, die sich mit 14 das Vinyl von Mama und Papa aus dem Schrank geklaut haben, um es dann auf dem neu gekauften Plattenspieler in Dauerschleife rotieren zu lassen. Inzwischen ist Ty 23, hat die musikalische Früherziehung durch Mötley Crüe, Guns N’ Roses, Cream und die Beatles gut verdaut und fünf eigene, komplett selbst eingespielte Alben auf dem Zettel. Auch sein neuer Streich „Goodbye Bread“ trifft ins Schwarze, offeriert schmissig-schrammeligen Psychedelic Rock, der immerhin dafür sorgt, dass man Jay Reatard ein bisschen weniger vermisst. 6 Text: Natascha Siegert

White Denim D

(Downtown/Cooperativ/ Universal) Was für Streber! Vier Alben in vier Jahren und eine lange Liste an abgegrasten Musikstilen dazu: Garage, Punk, Progressive und Blues, um nur einige zu nennen. „D“ knüpft an den Wahnsinn an und ist in jedem Fall nicht leicht zu verdauen. Wie so typisch für White Denim wurde wieder anspruchsvoll gekocht. Diesmal haben die Texaner sogar noch mit Psychedelic, Country und Jazz nachgewürzt. Ob der Koch verliebt war oder nicht, Fakt ist aber: das Essen ist versalzen. Für alle Experi-

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mentalisten lohnt sich das Reinhören trotzdem. Denn White Denim sind nun mal White Denim und für die Texaner sind Konventionen noch immer so überflüssig wie Sand in der Sahara. 6 Text: Johannes Musial

Wolves Like Us Late Love

(Prosthetic/Sony) Der Terminus „Supergroup“ wird ja mittlerweile inflationär verwendet. Wolves Like Us laufen trotz klangvoller Namen in den Biografien der Bandmitglieder kaum Gefahr, Bekanntschaft mit diesem Unwort zu schließen. JR Ewing oder Amulet sind sicher verdienstvolle Mitglieder der norwegischen Musikhistorie aber eben auch nicht Burzum oder a-ha. Egal, fragwürdige Superlative würden den Blick auf die Qualitäten des soliden akustischen Herrengedecks aus schwitzigem Mitgröhl-Punk und düsterem Mid-90s Alternative auch verzerren. Sicher ist das hier Spartenprogramm, aber kein schlechtes. Wo die Aufmerksamkeitsspanne des Hörers in den ersten Durchläufen aufgrund der fast etwas unspektakulären Homogenität vom Seil zu fallen droht, bieten sich immer noch das Reibeisen-Organ und vertrackte Rhythmik als Fangnetz an. Das wird sein Publikum finden. 6 Text: Thomas Müller

Yacht Shangri-La

(DFA/ Cooperative/Universal) Yacht sind so etwas wie die elektronische Antipode zum Bio-beseelten Portland-Gitarren-Indie. Auf „Shangri-La“ allerdings können sie ihre Sozialisation im letzten Neunzigerjahre-Biotop der USA kaum verbergen. Jona Bechtholt und Claire L. Evans basteln textlich an einem philosophischen Konzept der Zukunft, greifen musikalisch aber zeitweise beherzt und stilsicher in die Mottenkiste der Vergangenheit. Was sie da zu Tage fördern ist allerdings aller Ehren wert angenehm entrückter Indie-Pop halt. Dass „Shangri-La“ trotz allem intellektuellen Ballasts zu einem äußerst unterhaltsamen Album geworden ist, ist Yachts Vorliebe für Kuhglocken, knarzende Basslines und Vintage-Synthies zu verdanken. So klingen sie entweder wie eine rohe Version von Zoot Woman oder eine aufgebrezelte Version von Matt & Kim. 7 Text: Timo Richard

Zebrahead Get Nice

(Granted/Soulfood) Zebrahead sind so etwas wie die Adam Sandler des Pop-Punk. Auch 15 Jahre nach ihrer Gründung im kalifornischen La Habra und zwei nach dem letzten Album „Panty Raid“ weigern sie sich, erwachsen zu werden und sind präpubertärem Humor weiterhin alles andere als abgeneigt. Kurze Ausflüge ins seriöse und nachdenkliche Genre gibt es zwar; etwa das düster angehauchte „Blackout“ mit schönen Pennywise-Riffs. Im Grunde geht es aber die ganze Zeit um Sonne, Party, Mädels und Spaß, verpackt in ein Gewand aus zuckersüßem und hochgradig Ohrwurm-haltigen Power-Pop, gelegentliches prollig-sympathisches Gerappe inklusive. Das kann man belanglos finden. Oder aber im Adam Sandler-Stil mit Popcorn und kühlem Getränk abfeiern. 7 Text: Tito Wiesner


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DEMODESASTER

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Demodesaster

Der Kopf denkt, der Fuß versenkt: Frauenfußball galt lange als moralisch verwerflich. Wer das jetzt liest, mag denken, dies sei ein Relikt aus allzu fernen Tagen. Kaum zu glauben, dass zeitgleich mit dem „Wunder von Bern“ der DFB 1954 verfügte, das Fußballspielen mit Damenmannschaften zu unterbinden. Erst 15 Jahre später wurde das Verbot aufgehoben, nicht jedoch ohne die Kickerinnen weiterhin skeptisch zu beäugen. Erst 1991 fand die 1. Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen statt, schlappe 61 Jahre nach der ersten WM der Männer. Damit die Fußballerinnen in diesem Monat erneut gekonnt zeigen, was ’ne Harke ist, gibt’s unterstützend acht Demos zur musikalischen Untermalung und wir kredenzen für den nötigen Grip auf dem Rasen in diesem Monat: goldene Stollen. Dazaa Dazaa & The Springwater Come To Me

Eine WM ist immer auch ein kulturelles Großereignis, bei dem alle Nationen dem ledernen Rund huldigen. Vielleicht noch vor Fußball ist Musik, eine Sprache, die auf der ganzen Welt gesprochen wird. Dazaa Dazaa & The Springwater sind da bestes Beispiel. Ein nigerianischer Sänger, ein südkoreanischer Gitarrist, ein sambianischer Bassist, ein deutscher Schlagzeuger und eine kameruner Tänzerin. Wenn das nicht Weltmusik ist, was dann? Was DD & TSW so interessant macht, ist der Mix aus Traditionellem und Moderne. Igbo, Folklore, Roots-Reggae, Blues, all das gemischt mit Jazz, Classic Rock und Elektro. „Afritech“ nennen sie das und wollen damit nicht weniger als der „Liebe, Eintracht, Gerechtigkeit und Toleranz für alle Menschen und Nationen eine Brücke bauen“. Auf geht’s! Wir rühren schon mal den Mörtel an. 8 goldene Stollen

Heimat: myspace.com/dazaadazaathespringwater

Desona Anthem For The People

Wenn man bedenkt, dass Desona mit „Anthem For The People“ erst ihr Debüt vorlegen, ist hier schon eine Menge Abgeklärtheit zu spüren. Teils im positiven, teils im negativen Sinne. Regionalliga ist das jedenfalls nicht mehr. Alternative Rock, der bombastisch und technisch hochbrillant daher kommt, manchmal aber klinisch klingt wie aus dem Labor. Keine Kanten, zu viel ist glatt poliert im fetten Sound. Nach Support-Shows für Madsen oder Herrenmagazin und zahlreichen Band-Contest-Siegen spürt man, dass hier Spielernachwuchs nach der Schale greift. Was mit ihrem Debüt deutlich wird, ist Potenzial, das zeigt, dass die Hannoveraner auch in der Nachspielzeit noch genug Kondition haben, um manch alten Hasen taktisch versiert auf die Ersatzbank zu schicken. 6 goldene Stollen

Heimat: desonamusic.de Live: 1.7. Lingen - Abifestival *** 2.7. Wildeshausen - Rock gegen Rechts *** 3.7. Stapelmoor - Free for all 2011 *** 28.7. Lingen - Alter Schlachthof

Fox Named King Mitten Ins Herz

Unter den Hemerophilen, auch Kulturfolger genannt, ist der Fuchs der König und zeigt sich gern im neuen Habitat, dem Großstadtgebiet. Als aufstrebende Punkband ist es daher auch nur konsequent, sich die Vulpes auf die Fahne schreibend

Fox Named King zu nennen. Mit deutschsprachigem Pop-Punk, eingängig wie ein Werbejingle, fressen sich die Füchse in den Kopf und bieten Stadion-Mitsing-Hymnen am laufenden Band. Mit ihren energiegeladenen geradeaus rockenden Nummern fällt der Eignungstest für den Moshpit zudem durchweg positiv aus. Zwischen Würzburg und Heidelberg haben die Vier schon einen guten Ruf gefestigt, jetzt gilt es, König Reinekes Regentschaft im übrigen Land kundzutun. 8 goldene Stollen

Heimat: foxnamedking.de Live: 14.7. Berlin - NBI Club

Goodwill Intent Back On The Road

Gitarrenlehrer werfen gerne mit Floskeln wie „Man muss erst schnell gespielt haben, um langsam spielen zu können!“ um sich. Goodwill Intent scheinen an solch einen Anekdotenmeister geraten zu sein und haben sich nach erster musikalischer Vereinserfahrung in einer Hardcore-Band heute ganz dem Singer/ Songwriter-Material verschrieben. Scheint also doch was dran zu sein. Denn was die drei Klampfer aus Schneverdingen nahe der Lüneburger Heide seit 2010 machen, ist mehr als „Heiße Milch mit Honig“-Musik. Vielmehr bieten die Jungs mit „Back On The Road“ wortwörtlich den perfekten Soundtrack für jeden Roadtrip. Mehrstimmige Whiskeyrauchigkeit, dazu angefolkte Gitarrenzupfnummern, mal balladesk, mal antreibend wie die Schnellstraße. 6 goldene Stollen

Heimat: goodwill-intent.de Live: 6.7. Schneverdingen - Musik am Mittwoch *** 13.7. Bremen - Meisenfrei *** 23.7. Husum - Shamrock

Marktplatz Mülheim *** 8.7. Köln - Hard Rock Café *** 17.7. Köln - Sommerkino Rheinauhafen

Kolumbus Kill A Whisper And A Ping

Rock’n’Roll! Warum viel Gewese, wenn es auch so geht? Gitarre, Bass, Schlagzeug - Punkt! Wie sagte schon Sepp Herberger: Fünf Freunde sollt ihr sein! Oder so. Heraus gekommen sind bei Kolumbus Kill Blues-Rock-Riffs voller Hooks und Rotzigkeit, denen man die Spielfreude anmerkt. Selbst Rock’n’Roll-Schiedsrichter Danko Jones würde da lächelnd die Pfeife stecken lassen. Zudem sind die Berliner mehr als ambitioniert. Nicht weniger als die „Rockmusik aus den grauen Tiefen des langweiligen Chartrocks und aufgesetzten Indietronics zu retten“, hat sich das Quintett vorgenommen. Das ist mal eine Ansage und der selbst auferlegten Bewährungsprobe wird breitbeinig mit gegniedelter Dreckigkeit entgegengepfeffert, was Saiten und Lunge hergeben. 7 goldene Stollen

Heimat: myspace.com/kolumbuskill

Principe Valiente Principe Valiente

Ein epischer Einstieg, der vorgaukelt, gleich würde eine Guns N’ Roses-Sleaze-Rockscheibe losdonnern. Aber nix ist. Das Trio aus Stockholm frönt zwar der Rückbesinnung, hat aber statt langer Glamrockmähne eher die gefestigte Fleischklopferfrisur im Blick. Dem Dark Pop haben sich die Schweden verschrieben und schaffen es, den Sound der Achtzigerjahre

neu zu beleben. Man riecht förmlich die nebligen Discokeller, den Haarfestiger und hört das Polyester-Sacko elektrisierend knistern, wenn sich die dunkle Bassstimme von Fernando Honorato über minimalistische Postpunk- und Wave-Momente erhebt. Warum das Ganze unter dem Namen des ponytragenden Prinz Eisenherz firmiert, der mit singendem Schwert und dem Ritterschmonzes ja doch eher Metal-Materie bedient, bleibt jedoch ein Geheimnis. 5 goldene Stollen

Heimat: principevaliente.com

Pulver Toast Man Pulver Toast Man

Von allen Mundarten ist besonders das Berlinern über alle nationalen Dialekte hinweg inzwischen zum Modeslang des urbanen Place-to-be geworden. Schnell trennt sich beim urstämmigen Kritiker jedoch Spreu vom Weizen, wird manch musikalischer Libero-Import vom einheimischen Bolzer verbal ausgetanzt, darf nur der Lokalheld stilecht floskeln. Pulver Toast Man a.k.a. *fjedendigga, das bedeutet dann auch HipHop-Hauptstadtwahnsinn. Passend dazu gibt es Gute-Laune-Dribbeleien mit eingängigen Backpfeifen-Solos für alle Heulsusen. „Depri war jestern!“ lautet der Trikotspruch, unter dessen Ägide der Krümelstullenmann Berliner Streetcredibility auf bratzende DIY-Brote streicht. Seinen Hörern gibt er neben Downloads für umme mit auf den Weg, bei allem Fairplay auch mal „Alter, uff Keensten!“ zu sagen. 7 goldene Stollen

Heimat: rakishbooking.com Texte: Maik Werther

Kabana Die Reise

listen to berlin!

Heimat: kabanamusik.de Live: 2.7. Köln/Mülheim - Stadtteilfest/

Berlin hat viel zu bieten. Sehr viel. Deshalb bedurfte es auch einer Expertenjury rund um Paulo Reachi (!K7 Records), Jens Balzer (Berliner Zeitung), Claudia Frenzel (WANTED! Int. Artist Affairs/ Funkhaus Europa), Dimitri Hegemann (Tresor) und Christian Blumberg (Morr Music), um die besten Bands und Künstler für eine Compilation auszuwählen. Pünktlich zur diesjährigen Berlin Music Week im September wird sie erscheinen – mittlerweile schon zum insgesamt vierten Mal: Eine Compilation mit innovativer Musik direkt aus der Hauptstadt. Wir verlosen drei „listen to berlin“- Komplettpakete! Enthalten sind die letzten drei Compilations aus 2008, 2009 und 2010 mit Gastauftritten von Bands und Künstlern wie Bodi Bill, Apparat, Oliver Kolétzki, Pablo Decoder, Mittekill, Bonaparte, Puppetmastaz, Torpedo Boyz und vielen weiteren. Schickt einfach eine E-Mail an verlosung@sallys.net; Stichwort: „listen to berlin“.

Auch wenn Kabana hauptsächlich im Zeichen des Indie-Rock kicken, atmet ihr 1. Liga-Debüt „Die Reise“ neben gängigen Uptempo-Disco-Beats und sachte-schmachte Nachdenklichkeit auch ein gutes Stück Punkrock-Regionalliga. Diese Diversität kommt den Kölnern nur zugute und entlockt selbst lethargischsten Stadionskeptikern La Ola-Euphoriemomente. Während die erfahrenen Roadster noch den Sand aus den Schuhen pulen, erzählen sie weltmännisch von ihren Straßenerlebnissen und dem Befreiungsschlag, den der Frühling bietet. Lieder vom Unterwegs sein, rastlos aber mit Hoffnung auf Ankunft. Der Weg bleibt jedoch das Ziel und die Jungs verpacken all das in derartige Lebensleichtigkeit, dass man sich gleich die nächste Busfahrkarte ziehen geht. Egal wohin. 7 goldene Stollen

Die Berlin Music Commission sucht den Sound Berlins


WAS HÖRT EIGENTLICH... JENNIFER ROSTOCK

Jennifer Rostock könnten als Paradebeispiel für die beliebte „Viele Köche verderben den Brei“-These dienen: fünf Bandmitglieder und ebenso viele Musikgeschmäcker. Doch die individuellen Einflüsse vermischen sich auf dem neuen Album „Mit Haut Und Haar“ zu einem homogenen Ganzen. Dass Sängerin Jennifer Weist, Keyboarder Joe Walter und Bassist Christoph Deckert zudem einen Platz im Herzen für gute schlechte Musik reserviert haben, macht die Berliner noch liebenswerter. Auf welches Album könnt ihr euch als Band einigen? Joe: Höchstens auf unser eigenes. Jennifer: Jeder von uns hat viele verschiedene Genres, in die er eintaucht. Unser Schlagzeuger Baku hört ja auch nicht nur Punk. Christoph: Eben und ich höre auch nicht mehr nur Hardcore, sondern einfach gute Musik. Welcher Song kann bandintern Streit auslösen? Joe: Mir fällt nur "Love Takes Time" von Mariah Carey ein. Aber den fand ja nie jemand scheiße, von daher gab es auch keinen Streit. Jennifer: Bei Joe ist es immer so, dass er einen Song, den er total gut findet, in Dauerschleife hören muss, ganz laut. Da kann es schon passieren, dass man genervt ist. Aber dann darf jeder Mal seinen iPod anschließen und alles ist wieder gut. Welche Lieder verbindet ihr mit eurer Album-Aufnahme in New Jersey? Joe: Auf jeden Fall "Raise Your Glass" von Pink. Man hat in Deutschland ja oft das Gefühl, dass sie im Radio ständig dasselbe spielen. In Amerika ist das noch mal schlimmer. Es gibt fünf Songs, die ständig laufen und das jeweils zweimal pro Stunde. Jennifer: Das waren die neuen Singles von Britney Spears, Avril Lavigne und Pink. Christoph: Dafür musste danach in Bakus und meinem Hotelzimmer immer noch amtliches Kontrastprogramm

geknüppelt werden, zum Beispiel "Chrono" von The Ghost Inside.

ich mir "Moving Day" von David August einfach nicht kaputt tanzen.

Welche Band hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Christoph: Vierkanttretlager, aber da kann sich ja von den anderen wieder keiner anschließen. Und wo ich gerade das Poster sehe: Kellermensch. Jennifer: Ich finde ja unsere derzeitige Vorband Eternal Tango super. Sie hätten mehr Aufmerksamkeit verdient.

Bei welchen Songs flüchtet ihr dagegen von der Tanzfläche? Jennifer: Ich mag ja diese Indie-Popsongs einfach nicht, dazu kann man nicht tanzen. Pop ja, aber Indie-Pop geht einfach nicht. Joe: Zum Beispiel alles Neue von Britney Spears, da muss ich passen. Die alten Sachen sind gut. Jennifer: Oder White Stripes. Christoph: Oder Vampire Weekend. Vampire Weekend sind das Allerschlimmste! Stattdessen würde ich auf der Tanze lieber öfters zu sowas wie Abfukk zappeln.

Welchen Song hättet ihr gerne geschrieben? Joe: "Lights" von Ellie Goulding. Das ist der perfekte Popsong und doch nicht zu cheesy. Jennifer: Ich hätte gerne von Spill Canvas "Self Conclusion" geschrieben. Sehr traurig, aber gleichzeitig eine wunderschöne Geschichte. Bei welchem Song stürmt ihr die Tanzfläche? Jennifer: Also ich finde ja von den Spice Girls ... Christoph: Was geht denn jetzt ab? Jennifer: ..."Wannabe" ganz klasse! Christoph: Du rennst doch immer bei "Single Ladies" von Beyoncé auf die Tanzfläche. Jennifer: Stimmt, aber da fällt mir auch noch "Indestructible" von Robyn ein. Das ist auf jeden Fall mein SommerSong. Joe: Mein Sommer gehört Katy B. Christoph: Apropos - bei diesen ganzen Berliner Sommer-Techno-Open-Airs kann

Text: Franziska Schuh Heimat: jennifer-rostock.de Auch gut: "Mit Haut Und Haar" das neue Album von Jennifer Rostock

Das Mixtape Mariah Carey - Love Takes Time Pink - Raise Your Glass The Ghost Inside - Chrono Vierkanttretlager - Schluss Aus Raus Eternal Tango - Da Da Kellermensch - Army Ants Ellie Goulding - Lights Spill Canvas - Self Conclusion Spice Girls - Wannabe Beyoncé - Single Ladies Robyn - Indestructible David August - Moving Day


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MUSIK STORIES

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Kellermensch Dänen lügen nicht

Wenn sich eine Band nach einer Novelle von Dostojewski benennt und dann Doom mit Pop kreuzt, sind alle Zielgruppen irritiert. Und benutzen zur Abwechslung mal wieder die Ohren. Der Bandname suggeriert Grufticlubs oder Mittelaltermusik, aber Kellermensch sind ganz diesseitige Typen, die es höchstens gerne ein wenig persönlicher haben. „Wir schreiben keine Fantasy, wir mögen Dinge, die Leute an sich wiedererkennen“, sagt Sänger Sebastian Wolff. Wolff ist der Typ, der für das melodiösere Spektrum der Vocals zuständig ist, für das Metal-Gebelle zwischendurch ist extra ein eigener Shouter namens Christian engagiert worden. „Viele Leute sagen, das live zu sehen würde ihr Bild von uns komplettieren“, sagt Sebastian und freut sich. Kellermensch kommen aus dem dänischen Städtchen Esbjerg, von wo es ein weiter Weg zur internationalen Anerkennung ist, den die Band allerdings mit Strategie und Technik zu bewältigen gedenkt. „Wir haben uns nie wie gute Musiker gefühlt“, sagen sie, aber schon das kann man ihrem Debüt nicht wirklich anhören. Die Melange aus Doom, Pop, Prog und Folklore punktet mit aggressiver Stimme und dynamischem Songwriting, das man in dieser Verbindung wahrscheinlich noch nie gehört hat. „Für seine Größe hat Dänemark ein paar hervorragende Bands“, findet Wolff. „Mew sind ein gutes Beispiel: sie drücken sich auf eine sehr originelle Weise aus. Genau wie früher Tool. Es gibt ja

überhaupt nur zwei Arten progressiver Musik: Tool und der ganze langweilige Kram.“ Kellermensch sitzen hier bequem zwischen den Stühlen, und auch wenn bei ihnen vom Sound her beinahe alles geht, regieren an anderer Stelle Exzentrik und Tradition. „Wir mögen zum Beispiel keine Keyboards“, sagt Sebastian. „Die wirken immer so künstlich.“ Deswegen steht die Band live mit Kontrabass auf der Bühne und es trägt im Konzert auch niemand Rock’n’RollKlamotten, sondern feinen Zwirn. „Wir wollen die

Nonkonformität unserer Musik mit unserer Garderobe kontrastieren und uns adrett kleiden“, sagt Sebastian und lacht. Zum Lachen, sagt er, gehen Dänen normalerweise in den Keller, wodurch der Bandname schon wieder eine ganz neue Bedeutung gewinnt. „Wir haben Sinn für Humor, wir sind nur nicht besonders lustig.“

- all dies unterstreicht den Sonderstatus den das Unternehmen Jasta gegenüber den anderen Bands des Frontmanns und Masterminds hat. Und doch ist es natürlich nicht weniger Herzensangelegenheit. Auf europäischen Bühnen wird es Jasta aber vorläufig nicht zu sehen geben. Hier sind die Prioritäten klar verteilt. „Hatebreed geht in jedem Fall vor und wir werden im Herbst wieder in Europa unterwegs sein. Zudem steht auch noch eine große Tour mit Kingdom of Sorrow an, da fehlt für Jasta einfach die Zeit.“

nach der Angst vor dem Burn-Out. Entgegen der phrasengeschwängerten Rockideologie à la „It’s better to burn out than to fade away“ behandelt Jamey Jasta besagtes Thema sehr viel umsichtiger. „Alle zwei Jahre muss ich mir eine Auszeit nehmen. Ich liebe das was ich tue und ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass ich all die Dinge tun kann, die ich möchte und die mir Spaß machen. Von daher ist es eigentlich keine richtige Arbeit. Aber gerade Touren sind sehr anstrengend und ich passe auf mich auf.“ Also doch kein Workaholic.

Was bleibt bei so viel Umtriebigkeit, ist die Frage

Text: Aiko Kempen

Text: Michael Haacken Foto: Ole Joern Heimat: kellermensch.com

Jasta

WORKAHOLIC? Unsere Großeltern hätten ihn wohl so etwas wie einen „Hans Dampf in allen Gassen“ genannt, aber egal welch fragwürdige Phrasen oder Bezeichnungen man heranzieht, eines ist offensichtlich: Wer sich für brachiale Musik begeistert, kommt schon lange nicht mehr an Jamey Jasta vorbei. Es scheint so, als könne ein Vollzeit-Engagement als Frontmann der Hardcore-Formation Hatebreed für Jasta schon lange nicht mehr den nötigen Raum für neue Konzepte und andauernde Beschäftigung bieten. Schließlich ist er als elementarer Bestandteil der Sludge-Band Kingdom of Sorrow und der Allstar-Combo Icepick bereits in anderen musikalischen Gefilden unterwegs. Zudem hat er sich als Produzent fest etabliert, moderiert für den amerikanischen Sender MTV2, wo anscheinend noch Musik gespielt wird, und hat mit ’Hatewear’ sogar seine eigene Modelinie auf den Markt gebracht. Und dazu jetzt noch ’Jasta’. Er betont dabei aber, dass es sich nicht um ein klassisches Soloalbum handelt. „Es ist weder eine richtige Band, noch bin ich das alleine. Eher eine Art Projekt mit verschiedenen Leuten, mit denen ich Musik machen wollte.“ Zahlreiche Gastmusiker, Experimente in puncto Stilistik, „richtiger“ Gesang statt Jastas markante Shouts, kleine spontane Konzerte in Bars und Clubs

Heimat: jameyjasta.com


Suicide Silence

You Only Live Once, So Turn It Up „Eigentlich wollten wir unser drittes Album ja ’Fuck Everything’ nennen. Das sind nämlich auch die besten Worte, um unsere Band zu charakterisieren!“, grinst Mark Heylmun, Gitarrist von Suicide Silence - und meint das kein bisschen ironisch. „Wir wollen nicht predigen, sondern den Leuten einfach zu verstehen geben, dass sie sich um nichts mehr kümmern sollen, wenn sie unsere Musik hören. Sie sollen einfach ausrasten, vor allem bei unseren Shows - man lebt nur einmal, also Fuck Everything!“ Letztendlich entschieden sich Suicide Silence dann allerdings doch für den nicht ganz so nihilistischen Titel ’The Black Crown’. Der passt als Band-Beschreibung aber fast ebenso gut - schließlich ist das Quintett aus Riverside/Kalifornien so etwas wie der legitime Throninhaber im düsteren Sperrgebiet zwischen Death Metal und Hardcore, gerne auch als „Deathcore“ bezeichnet. Das Debütalbum ’The Cleansing’ mischte 2007 die Szene gehörig auf, der Nachfolger ’No Time To Bleed’ eroberte gar Top-Platzierungen in den amerikanischen Billboard-Charts - angesichts der unerbittlichen Härte und Kompromisslosigkeit, mit der Suicide Silence vorgehen, hatten das bis zu diesem Zeitpunkt weder Band noch Fans für möglich gehalten.

Und möglicherweise geht die Erfolgsgeschichte jetzt erst richtig los; das dritte Werk ist bei aller Intensität und Wucht auch eingängiger geworden, lässt erstmals Platz für Breaks, Groove und Melodien. „Wir wollten uns eben nicht wiederholen. Trotzdem glaube ich aber, dass ’The Black Crown’ unser heftigstes Album geworden ist“, bekräftigt Heylmun. „Es ist insgesamt dynamischer, und dank der Breaks erwischen einen die harten Passagen auch viel massiver!“ Dabei war der Entstehungsprozess durchaus kompliziert - der Fluch des „verflixten dritten Albums“, ließ auch Suicide Silence nicht kalt. „Es stimmt schon, das dritte Album ist eine komplizierte Sache. Dabei geht es gar nicht so sehr um das Schreiben an sich, sondern mehr um die Richtung, die man einschlägt - und darum, den Spagat zu schaffen, sich einerseits treu zu bleiben und trotzdem was Neues zu machen.“ Umso zufriedener kann die Band mit dem Endergebnis sein: ’The Black Crown’ ist für Suicide Silence ein ebenso neues wie folgerichtiges Kapitel. Und „Fuck Everything“ kann ja immer noch der Titel von Album Nummer Vier werden. Text: Tito Wiesner Foto: Hristo Shindow Heimat: suicidesilence.net


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TEST

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TEST

BIFFY CLYRO

Im großen Zwillings-Test Fragen mussten Biffy Clyro im Laufe ihrer Karriere schon viele beantworten. Wir langweilen die Brüder Ben und James Johnston heute aber nicht mit Nachforschungen zum ach so lustigen Bandnamen, sondern stellen ihnen zehn Fragen zum Thema Zwillinge. Damit müssten sich die Biffy-Twins ja auskennen. Geld können sie keines gewinnen, aber wenn sie ihren Telefon- und 50/50-Joker clever einsetzen, ist es möglich, im britischen Duell die sechs Punkte von Frank Turner zu schlagen, die er im letzten Monat an gleicher Stelle eingespielt hat. Motiviert sind sie dafür!

Frage 1

Frage 2

Frage 3

In welchem Alter haben die TV-Zwillinge MaryKate und Ashley Olsen ihre „Schauspielkarriere“ begonnen?

Reggie und Ronnie Kray waren in den Fünfziger- und Sechzigerjahren Nachtklubbesitzer und skrupellose Drahtzieher des organisierten Verbrechens im Londoner East End. Welche anderweitig prominenten Brüder spielten 1990 die berüchtigten Kray-Twins im Film „The Krays“?

Welchen Zwilling eines Prominenten haben wir uns bloß ausgedacht?

A Mit fünf Jahren B Mit zwei Jahren C Mit neun Monaten D Ihre Eltern hatten schon einen Vertrag

mit einer Werbeproduktionsfirma ausgehandelt, da waren die beiden noch im Mutterleib

Ben: Sie haben doch ganz früh angefangen. Ich denke, es ist Antwort B oder C. Doch man kann keine Schauspielkarriere mit neun Monaten starten, oder? James: Aber deshalb steht „Schauspielkarriere“ hier ja vielleicht in Anführungszeichen. So als wäre es nicht ernst gemeint. Wir nehmen Antwort C.

Korrekte Antwort: C

A Charlie Sheen und Emilio Estevez B Robin und Maurice Gibb (Bee Gees) C Gary und Martin Kemp (Spandau Ballet) D Ben und Casey Affleck James (ohne die Antworten abzuwarten): Gary und Martin Kemp. Ben: Der Film ist sehr gut, die Kray-Twins waren echt üble Typen. Gary und Martin Kemp spielen sie super.

Korrekte Antwort: C

A Cristiano Ronaldos Zwillingsschwester Patrícia B Jerry Halls Zwillingsschwester Terry C Scarlett Johanssons Zwillingsbruder Hunter D Kofi Annans Zwillingsschwester Efua James: Jerry und Terry? Was stimmt mit der Familie nicht? Aber Terry Hall ist doch der Sänger der Specials. Ben: Scarlett Johansson hat glaube ich einen Zwillingsbruder. Kofi Annan – der muss eine Schwester haben, denn auf diese Antwortmöglichkeit kommt man doch sonst nicht. James: Patrícia klingt glaubwürdig. Wir sollten B nehmen. Ben: Nein, wir nehmen lieber erst mal den 50/50-Joker.


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A Cristiano Ronaldos Zwillingsschwester Patrícia D Kofi Annans Zwillingsschwester Efua (Beide johlen auf) James: Das ist schwierig. Wir entscheiden uns für Antwort A.

Korrekte Antwort: A

Frage 6

Frage 9

Diprosopus oder „craniofacial duplication“ bezeichnet eine spezielle Form von Siamesischen Zwillingen, bei dem ein Kopf zwei Gesichter aufweist. Eines der berühmtesten Beispiele war Ditto, ein Schwein, das bis zum Erwachsenenalter gelebt hat, aber letztlich frühzeitig starb. Woran?

Was sind „Irish twins“?

A An den Langzeitwirkungen

Frage 4 Warum war der Gemini-Raumanzug (Gemini ist die englische Bezeichnung für das Tierkreiszeichen Zwilling) bei den Astronauten nicht sonderlich beliebt?

A Flüssigkeit im Anzug wurde nicht

absorbiert und so konnten die Astronauten während der stundenlangen Übungen ihre Blase nicht entleeren B Bei körperlicher Anstrengung im Weltall war die Klimaanlage des Anzugs meist so überlastet, dass die Astronauten bei all der Hitze fast in ihrem eigenen Schweiß ertranken C Das Innenfutter war wahnsinnig kratzig D Die Hose war innen so eng, dass die Astronauten fürchteten, impotent zu werden James: (lacht) Die sind alle verrückt. Es ist nicht heiß im Weltall und auch nicht im Raumschiff, denke ich. Also kommt Antwort B ja nicht in Frage. Ben: Wenn das Innenfutter kratzt, kann man das ja ohne Probleme beheben. Antwort C ist es nicht. Antwort D ist Quatsch. A oder B stimmt. Nicht pinkeln zu können, dürfte das größte Problem sein. Wir nehmen Antwort A.

wissenschaftlicher Tests

B Ditto wurde auf dem Bauernhof

überfahren, weil der Fahrer eines langsam rückwärts rollenden Autos es im toten Winkel nicht gesehen hatte C Einem Herzinfarkt nach diversen stressigen Fernsehproduktionen D Einer Lungenentzündung: Während Ditto mit der einen Schnauze fraß, atmete es mit dem anderen Rüssel versehentlich Nahrung ein Ben: Es ist sicher nicht B, das Schwein wird doch nicht überfahren worden sein. Zu viel Stress? Tiere können auch gestresst sein... James: Leider haben wir keinen Joker mehr. Ich denke aber von der Logik her, muss es Antwort A sein.

Frage 7 Nach der römischen Mythologie waren Romulus und Remus die Gründer der Stadt Rom. Leider haben sie dort nicht gemeinsam glücklich bis an ihr Lebensende gewohnt. Wieso nicht?

A Remus hat Romulus aus Versehen beim Fechten erstochen

Frage 5

C Remus wurde von einem Wolf entführt

erschlagen

James: Hat das was mit der Größe des Planeten zu tun? Dann ist es nicht Mars, denn der ist viel größer... Ben: ...größer schon, aber Mars ist böse. Ich denke, wir brauchen Hilfe. Ich rufe meine Verlobte an. Sie könnte das wissen. Sicher will sie dann aber bei der Gelegenheit auch gleich über andere Dinge plaudern. Ich versuche sie abzuwürgen... James: (lacht) Wir müssen Frank schlagen und zeigen, dass eine teure Ausbildung nicht alles ist. Ben: Er hatte ja ein Stipendium. James: Wow, so klug ist er! Telefonjoker: Bens Verlobte sagt ohne lange zu Zögern: Antwort B, Venus. Ben: Venus! 100%.

Korrekte Antwort: B

A Zwei Menschen, die mindestens 70% des

gleichen Genmaterials aufweisen, aber aus verschiedenen Familien stammen B Zwei Menschen, die am selben Tag geboren wurden und deren Horoskope sehr ähnlich sind, obgleich sie an verschiedenen Orten und zu einer anderen Uhrzeit auf die Welt gekommen sind C Zwei Kinder, die im selben Jahr von der selben Mutter geboren werden D Rothaarige Zwillinge, deren Eltern beide brünette sind

Ben: Antwort C ist richtig. Erst vor ein paar Wochen hat uns jemand gefragt, ob wir „Irish twins“ wären. James: Wenn wir die letzte Frage schaffen, dann schlagen wir Frank. Ben: Er hatte sechs Antworten richtig, oder? Naja, bei seinem Test ging es um Geschichtswissen. Er hat immerhin Geschichte studiert. Wir haben nicht „Zwillinge“ studiert. (lacht)

Korrekte Antwort: C

Frage 10

A Mercury B Venus C Mars D Jupiter

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Korrekte Antwort: D

Korrekte Antwort: B

Welcher Planet wird in der Astronomie manchmal auch als „evil twin“ (böser Zwilling) der Erde bezeichnet?

TEST

B Romulus hat Remus im Streit

Nach ihrer Karriere mit den Cocteau Twins hat die Sängerin Elizabeth Fraser unter anderem an welchem Filmsoundtrack mitgearbeitet?

A „Star Wars: Episode III –

Die Rache der Sith“

B „Pans Labyrinth“ C „The Dark Knight“ D „Der Herr der Ringe: Die zwei Türme“

und an dessen Junge verfüttert D Romulus ist einen Abend vor der Hochzeit mit Remus’ Braut durchgebrannt

James: Ich habe noch nie was davon gehört. Ich meine, dass für „Star Wars“ und „The Dark Knight“ jemand anderes zuständig war. „Pans Labyrinth“? Ben: Lass uns Antwort D raten und hoffen...

James: Wir kennen die Geschichte nicht, aber ich denke, am meisten nach Mythologie klingt doch Antwort C.

Korrekte Antwort: D

Korrekte Antwort: B

Frage 8 Die amerikanische TV-Serie „Twin Peaks“ wurde von Autor Mark Frost und welchem berühmten Regisseur entwickelt?

A David Lynch B Lars von Trier C David Fincher D Gus Van Sant

Fazit: Gut so! Ben und James holen sieben Punkte und gewinnen damit sogar das heimliche britische Duell gegen Frank Turners sechs korrekte Antworten im „Großen Test der toten Engländer“. Was lernen wir von den Brüdern? Ihr müsst nicht alles wissen, ihr müsst euch nur trauen. Dann könnt ihr auch gegen Elitestudenten auftrumpfen. Verzeih uns Frank, natürlich stellen wir deine Genialität nicht in Frage. Wir freuen uns einfach nur gerne mit den nettesten Schotten von nebenan.

Ben: Das weiß ich. David Lynch.

Korrekte Antwort: A

Text: Christine Stiller Heimat: biffyclyro.com Auch gut: „Revolutions//Live At Wembley“ – das neue Live-Album von Biffy Clyro


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MUSIK STORIES

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Handsome Furs Runter mit den Hosen

Als hätte er ein Abo einzulösen, zieht sich Wolf Parade-Sänger Dan Boeckner alle zwei Jahre vom Bandbetrieb zurück und wird mit seiner Frau Alexei Perry im Zeichen der Handsome Furs aktiv: ’Sound Kapital’ nennt sich Album Nummer drei und könnte erstmals dem Schatten des Hauptprojekts entkommen. Die unverfrorene Zuneigung der beiden ist wirklich ansteckend. So sehr, dass man nur zu gern ein Teil ihrer gemeinsamen Beziehung sein möchte: „Darling, du solltest doch mehr als nur den Einstieg lesen“, ermahnt Alexei Perry ihr Sweetheart Dan Boeckner - der gerade ein wenig unbeholfen über das neue Buch seiner Frau spricht und dabei merklich verlegen wirkt: „Sie hat einen Erotik-Thriller geschrieben, sehr dick und - detailliert. An manchen Stellen hat es mich erschrocken, aber gut geworden ist es auf jeden Fall. Da steckt viel Liebe zum Detail drin und ich bin wirklich stolz auf Alexei.“ Womit geklärt sein dürfte, was die bessere Hälfte von Boeckner eigentlich so macht, wenn der mal wieder mit Wolf Parade aktiv ist und die Handsome Furs ruhen lässt. Zudem ist ihr Roman der entscheidende Grund, warum die gemeinsame Band dieses Mal doppelt zu überraschen weiß: Perry scheint neues Selbstvertrauen getankt zu haben und mehr Gleichberechtigung sorgt dafür, dass sich die Grenzen innerhalb des Duos musikalisch fast in Wohlgefallen auflösen. „Alexei hatte im Stu-

dio definitiv die Hosen an“, erklärt Boeckner postwendend. „Jeder wird das raushören.“

freut sie sich und gibt Boeckner einen liebevollen Klaps auf den Rücken.

Stimmt, ’Sound Kapital’ wirkt elektronischer und offenbart weniger Indie-Rock, dafür mehr Spielereien an Keyboard und Mischpult. Transformation gelungen und doch fragt man sich, warum der Kurswechsel nötig war? Alexei Perry: „Solch ein Sound schwebte mir schon länger vor und Dan ließ mich diesmal einfach machen. Vielleicht war er nur müde von den letzten Aufnahmen mit Wolf Parade, aber ich durfte tun und lassen, was ich wollte“,

Fast möchte man die beiden in diesem Moment umarmen, aber das ginge zu weit: Immerhin präsentieren sich die Handsome Furs im Zuge von ’Sound Kapital’ deswegen als geschlossene Gemeinschaft, weil nichts und niemand ihnen dazwischen funkt. Der Schatten namens Wolf Parade, er wird zusehends kleiner.

drink frisch von der Musikbar. Barkeeper Michael dazu: „Es ist reifer und erwachsener geworden, düsterer und ernsthafter“. Rephrasiert und redigiert ist das wohl eine nette Umschreibung für poppiger.

für mich dilettantische Selbsttherapie“, offenbart Michael und sollte die Klangtherapie auch dem Zuschauer helfen, könnte man die Mikroboy-Konzerte ja womöglich gleich über die Krankenkasse absetzen. Dann wären am Eingang nur noch zehn Euro Praxisgebühr zu entrichten. Schaut, da kommen Mikroboy, die reisenden Musik-Heiler!

Text: Marcus Willfroth Foto: Liam Maloney Heimat: myspace.com/handsomefurs

Mikroboy

Auf dem Weg zum Makroman Das Fliegen klappt noch nicht so gut bei Mikroboy. Spinnenfäden aus den Handgelenken - ebenfalls Fehlanzeige. Noch ist Mikroboy ein Musik-Superheld in Ausbildung. Doch im Kampf gegen die Tristesse zückt der Indie-Pop-Lehrling jetzt die nächste Geheimwaffe: das zweite Album „Eine Frage Der Zeit“. Mikroboy will gesehen werden. Ohne Overall und Maske, aber dafür mit Indie-Pop à la Hamburg. Doch wo Hamburg drauf steht, ist gar nicht immer Hamburg drin. Mikroboy-Mastermind Michael Ludes ist Wahlberliner. Hamburg ist für den gebürtigen Saarländer „zu teuer und zu klein.“ Mittlerweile ist klar, dass Mikroboy mit den sorgfältig geschnürten Pop-Stiefeln problemlos in den Fußstapfen bekannter hanseatischer Combos wie Kettcar und Tomte laufen kann. Aber noch ist Mikroboy eben kein Makroman. Dabei stimmen die musikalischen Zutaten. „David Hasselhoff in Saarbrücken war mein erstes Konzert. Da stand sogar ein Knight Rider vor der Halle“, erzählt Songwriter Michael. Ein bisschen Stolz schwingt mit in der Stimme des 30-Jährigen. Weitere Klangzutaten: Neunzigerjahre-Indie und -Emo. Gut gemischt, geschüttelt und Schirmchen drauf - fertig. Nach dem Debüt „Nennt Es Wie Ihr Wollt“ kommt jetzt mit „Eine Frage Der Zeit“ der nächste Long-

Doch wen kümmert es. Pop für die Republik! Als Sahnehäubchen gibt es obendrauf tiefgründige deutsche Texte. Ein großes Thema: Einsamkeit, Mikroboy allein zu Haus. „Das Texteschreiben ist

Text: Johannes Musial

Heimat: mikroboy.com


Miss Li

Zartbitter mit Schuss Als Linda Carlsson alias Miss Li kurz nach ihrem Schulabschluss das schwedische Borlänge Richtung Stockholm verlässt, schütteln die alten und jungen Herrschaften aus der Heimatstadt mit dem Kopf. Was soll aus dem Kind nur werden? Mando Diao, die ebenfalls aus der Gegend stammen und mit Li zur Schule gingen, haben es zwar bereits im „Business“ geschafft, aber ob das pausbäckige Mädchen von nebenan die Metropole von sich überzeugen kann, wird bezweifelt. „Der Umzug damals hat mich sowohl innerlich als auch äußerlich verändert“, erinnert sich Li zurück ans Jahr 2005. „Ich habe angefangen, ausgefallene Kleider zu tragen, mir ein Klavier gekauft und ab und zu in kleineren Bars gesungen. Ich weiß gar nicht, wie ich es geschafft habe, jeden Abend auf Partys zu gehen und am nächsten Morgen pünktlich bei der Arbeit zu erscheinen.“ Kaum ein Jahr vergeht, bis das kleine schwedische Independent-Label ’National Records’ an ihre Tür klopft. Kurz nach Vertragsunterzeichnung und mit Kontrabassist Clas Lassbo und Schlagzeuger Gustav Nahlin im Gepäck, schreibt die schwedische Frohnatur dann drei Alben innerhalb von nur elf Monaten. Ihre Songs werden in Werbespots und US-TV-Serien platziert und die engstirnigen Skeptiker aus der Heimat eines Besseren belehrt. Platte Nummer vier, ’Dancing The Whole Way Home’, setzt 2009 dann noch eins drauf. Die mit zweitem Songschreiber und Gitarristen, Sonny Boy Gustafsson, zur Gang Of Four herangewachsene Truppe, hat ihren eigenen Sound gefunden: Süße Pop-Perlen wie „Bourgeois Shangri-La“ oder der Titel-Song der Platte hinterlassen einen Geschmack von rosa Zuckerwatte und klebrigen Schokoladenkugeln. Das neueste Werk „Beats & Bruises“ nun schlägt aber in eine andere Kerbe. Fluffiger Gute-Laune-Blues-Pop weicht hier zum großen Teil melancholischeren Melodien, die nur ab und zu ins doch eigentlich so bunte Wunderland der Miss Li driften. Verständlich, sind doch die meisten Texte in Lis Krankenbett entstanden. Nach wochenlang verschleppter Salmonellen-Vergiftung musste das Stimmwunder im vergangenen Jahr nämlich für einige Zeit ins Krankenhaus. Eine einschneidende Erfahrung für die 28-Jährige, die man bis dahin eigentlich nur mit Dauer-Grinsen und aufgedrehtem Hinund-her-Gehopse auf dem Klaviersockel kannte – und auch bald wieder so sehen wird. „Das Leben hat weder Garantie noch Umtauschrecht. Mir wurde bewusst, dass man bei seinen Prioritäten auf Dinge setzen sollte, die man mag. Die Bühne ist der einzige Platz auf der Welt, an dem ich immer glücklich bin.“ Text: Natascha Siegert Foto: Jeanette Andersson Heimat: myspace.com/experiencemissli


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SPEED DATING

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SPEED DATING

Cults

Moving Mountains

Suchen: Indie-Flirt mit Bindungsangst Der erste Eindruck: Pusteblumen-Pop Made in New York. The Kills in süß. Dieses Duo ist wie ein beschwipster Mitternachtsimbiss fürs Herz. Oh, und der neue IndieHype natürlich! Darin bin ich eigen: Eine Fernbeziehung mit jemandem zu haben, der wie diese Band in New York wohnt, ist nicht verkehrt. Es gibt immerhin auch Menschen, die pendeln der Liebe wegen nach Sibirien. Versteht das mal! Hochzeit oder kurze Affäre: Textzeilen wie: „I can run away and leave you anytime/ Please don't tell me you know the plans for my life“ oder „I think I want to live my life and you're just in my way“ lassen auf eklatante, post-pubertäre Bindungsängste schließen. Doch vielleicht ist es nichts Chronisches.

Suchen: Ganz ehrlich? Weißblondierte, schlanke Damen mit roten Lippen, die auch in ihren karierten Hemden spitze aussehen. Charakter? „Nett“ reicht. Der erste Eindruck: Das ist einer dieser Typen, die du immer auf den ersten Blick nicht genau erkennst, weil er aussieht wie alle. Wahrscheinlich wird er auch heute ein Karohemd, Jeans und Turnschuhe tragen. Aber der Post-Rock-Katalog ist auch nicht für Extravaganz bekannt. Darin bin ich eigen: Wahrscheinlich kommst du um gängige Grausamkeiten wie Schatz/Spatz/Hase/Mausi herum und darfst du den Kandidaten stattdessen beim niedlichen Bandspitznamen MovMou rufen. Das hat was. Hochzeit oder kurze Affäre: Der Weg zum Kosenamen ist vielleicht etwas länger als bei den netten Elektro-Poppern von nebenan, doch bei genauerem Zuhören wirst du merken, dass dieser Kandidat eine facettenreiche Persönlichkeit vorzuweisen hat.

Heimat: cults.bandcamp.com, Aktuelles Album: „Cults“

Heimat: myspace.com/movingmountainsmusic, Aktuelles Album: „Waves“

Foster The People

The Dead Trees

Suchen: Nach Spaß bevor die Arme schlabbern. Der erste Eindruck: …ist eine super Single namens "Pumped Up Kicks". In Speed-Dating-Währung umgerechnet ist so ein Hit gleichzusetzen mit besonders gutem Aussehen. Die erste Hürde ist demnach leicht genommen. Darin bin ich eigen: Jetzt kommt es auf die inneren Werte an, denn selbst Indie-Dance bekommt irgendwann mal olle Falten und Bingowings, die beim Tanzen taktverzögert mitschunkeln… Hochzeit oder kurze Affäre: …doch bevor es soweit ist, habt ihr euch ordentlich auf der Tanzfläche ausgetobt und diese Indie-Kids wirklich ins Herz

Suchen: Den Holzwurm, der gerade in der Achselhöhle juckt. Der erste Eindruck: Ist natürlich auch etwas für Kandidaten mit akuter Dendrophobie. Vor Sixties-Pop sollte sich allerdings auch niemand ekeln, der in der Kapelle eine neue Liebe finden will. Das werden die Schwiegereltern sagen: Wenn ihr zu den Glücklichen gehört, deren Eltern tatsächlich Musikgeschmack haben, dann werden sie sich bei dieser Band an die Klänge der Sechziger erinnert fühlen und euch bei diesem Déjà-vu-Date sicher nicht im Wege stehen. Hochzeit oder kurze Affäre: Angeblich sind unterschiedliche Tempera-

geschlossen. Später im Schaukelstuhlalter hört ihr ohnehin nicht mehr, was der Alte von sich gibt, also macht der Trauschein dann auch nichts mehr aus. Heimat: fosterthepeople.com Aktuelles Album: „Torches“

mente in Sachen Langzeitbeziehung ja der Schlüssel zum Sieg. Bei diesen ausgeglichenen Amerikanischern solltet ihr also entweder Choleriker oder Phlegmatiker sein, um alles richtig zu machen. Heimat: myspace.com/thedeadtrees Aktuelles Album: „Whatwave“

Little Dragon Suchen: Den schönsten Jungdrachen der Welt inklusive elektronischem Musikgeschmack. Der erste Eindruck: Was für eine Zuckerpuppe. Die schwedisch-japanische Sängerin Yukimi Nagano hat offensichtlich alles und noch viel mehr. So lässt man sich synthetische Popmusik gern gefallen. Das größte Kompliment: Little Dragon machen kunstvollen und gleichzeitig eingängigen Elektro-Pop mit Seele und Verstand. Dinge, die sich viel zu oft ausschließen, werden heute ihr Bonus sein. Bei diesem heiteren Mini-Rendezvous dürft ihr lachen und mitdenken. Hochzeit oder kurze Affäre: Da die Band aus vier Schulfreunden besteht, gehen wir jetzt mal ganz naiv von einem Hang zur Beständigkeit aus. Immerhin hat dieser potenzielle Date-Kandidat

Leyan

gemeinsam schon drei Alben zustande gebracht. Heimat: little-dragon.se Aktuelles Album: „Ritual Union“

Suchen: Ein Babe für musikalische Bastelarbeiten. Der erste Eindruck: Auch wenn euch dieser Kandidat die ganze Zeit nur was von Rockmusik erzählt. Im Herzen ist das hier Prinz-Pop. Im Hirn scheint er auf die große Geste zu setzen. Darin bin ich eigen: Diese Jungs haben ihr Handwerk von der Pike auf gelernt – wo ihr doch sonst immer nur an diese Typen geratet, die die Gitarre bloß mit sehr viel Mühe rich-

tig herum halten können… Hochzeit oder kurze Affäre: Dieser Kandidat ist keine von diesen oberflächlichen Arschgeigen, die euch nur so lange schöne Augen machen, bis ihr selbst Interesse zeigt. Hier heißt „ja“ noch „ja“ und niemand bietet euch ein X, Y oder Z für ein U. Ihr könnt euch also auf genug Substanz verlassen, um zumindest ein zweites Album erwarten zu dürfen. Immerhin etwas. Heimat: leyanmusic.com, Aktuelles Album: „Dancing Sculptures“


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MUSIK STORIES

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Kaiser Chiefs Wie es euch gefällt

Vor gut einem Jahr war Ricky Wilson, Sänger der Kaiser Chiefs, mit einem Freund im Urlaub, als den beiden eine ungewöhnliche Idee kam. Was, wenn Fans das nächste Kaiser Chiefs-Album selbst gestalten könnten? Wenn sie aus 20 Tracks ihre zehn persönlichen Favoriten auswählen würden? Zurück zu Hause unterbreitete Wilson seine Idee dem Rest der Band - und die war begeistert. „Das ist jetzt unser viertes Album, wir wollten es nicht auf dem gleichen, routinierten Weg veröffentlichen“, erklärt Gitarrist Andrew „Whitey“ White. „So wie Musik heute konsumiert wird, ist sie doch fast wertlos“, fügt Keyboarder Nick „Peanut“ Baines hinzu. „Wir wollten nicht, dass unsere Songs in irgendeinem MP3-Ordner landen und dann nie wieder gehört werden. Ein selbst designtes Album hingegen hören sich die Leute mit Sicherheit an.“ „Create your album“, prangt es nun also groß auf der Homepage der Kaiser Chiefs. Dort können Fans von jedem Song eine Minute Probehören, sich mit Hilfe einer wirklich hübschen Application ihre persönliche Version des Albums ’The Future Is Medieval’ zusammenstellen und am Ende sogar das Cover selbst designen. Alles für 7,50 Pfund. „Du glaubst gar nicht, wie viel Arbeit das alles war!“, so Peanut. „Das Entwickeln der Idee, das Programmieren der Homepage...“ Denn nicht genug damit, dass Fans ihr eigenes Album gestalten können, sie können ihre individuelle Version auch Freunden empfehlen und praktisch weiterverkaufen. Von den 7,50 Pfund gehen dann 6,50 Pfund an die Kaiser Chiefs und ein Pfund an den „Verkäufer“. „Ganz egal, ob man unsere Musik mag oder nicht“, ist sich Peanut deshalb sicher, „kann niemand ignorieren, dass wir hier etwas wirklich Neues probiert haben. Wir haben uns gegen das gängige System gestellt. Und das hat auch uns alle wieder inspiriert.“ Nach ’Off With Their Heads’ war die Luft bei der Band aus Leeds nämlich irgendwie ein bisschen

raus. „Dieses ganze Prozedere vor einer Albumveröffentlichung“, beschwert sich Peanut. „Überall redet man über das Album. Ich will aber nicht darüber reden, ich will, dass die Leute es hören - und zwar nicht einen illegalen Download in schlechter Qualität.“ Angestachelt von seiner neuen Vermarktungsidee, arbeitete das Quintett gut ein Jahr an neuen Stücken. Alle Songs sollten gleich gut werden, schließlich kann jeder am Ende auf einem Album landen. Musikalisch zeigen sich die Kaiser Chiefs dabei so vielseitig wie nie, schließlich konnten sie ohne starres Albumkonzept im Kopf viel freier arbeiten. Da ist zum Beispiel die mit Streichern verzierte, von Schlagzeuger Nick Hodgson

gesungene Akustik-Ballade „If You Will Have Me“, das mit Synthies verklebte „Heard It Break“ oder „Cousin In The Bronx“, das mit einem galoppierenden Country-Sound daher kommt. Daneben gibt es aber natürlich auch Kaiser Chiefs typische Mitsing-Nummern wie „Can´t Mind My Own Business“ oder „Dead Or In Serious Trouble“. Wen so viel Auswahl überfordert, der kann übrigens auf den physischen Release von ’The Future Is Medieval’ zurückreifen. Der enthält die demokratisch ermittelten Lieblingssongs der Band. Text: Leo Wenzlick Foto: Danny North Heimat: kaiserchiefs.com


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MUSIK STORIES

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Limp Bizkit

Mitten in die Fresse rein! „Seien wir mal ehrlich: Die Chancen stehen eins zu einer Million, jemals wieder so erfolgreich wie früher zu sein“, sagt Fred Durst und zeigt den Ansatz eines Lächelns. „Doch weißt du was? We don’t give a fuck! Wir tun einfach das, was wir am besten können. Immerhin sind wir Limp Bizkit, Mann!“ Waren sie. Sind sie. Bleiben sie. Auch nach der differenzenbedingten Sechs-Jahres-Zwangspause, die dem gerade veröffentlichten Album der wieder vereinigten US-Rap-Rock-Pioniere nicht im Geringsten anzumerken ist. Ganz im Gegenteil: Keine unausgegorenen Soundexperimente, keine verzweifelten Modernisierungs- oder Neuerfindungsversuche; absolut keine nennenswerten Ambitionen, irgendwelche Eingeständnisse an die Dekade zu machen, die seit ihren größten Erfolgen Ende der Neunzigerjahre verstrichen ist. Was Limp Bizkit-Fronthüpfer Fred Durst, Gitarrist Wes Borland, Basser Sam Rivers, Drummer John Otto und DJ Lethal auf ’Gold Cobra’ abziehen, ist charmant retro und bemitleidenswert authentisch zugleich. Die Wiederbelebung eines klinisch toten Musikgenres, beziehungsweise der Versuch. Als wäre nichts passiert. Immer noch brilliert Durst in seiner überzeugendsten Rolle als hormongesteuerter Prolo mit Basecap und zehnsekündlichem Griff in den Schritt, während sich die natural born Weichkekse auch inhaltlich fast peinlich treu bleiben: Dralle Möpse, Dosenbier und dicke Hose. Eben

alles, was eine vermeintlich gute Party so ausmacht im besseren Teil der Hollywood Hills. „Man braucht mehrere Hördurchläufe, um dieses Album auch nur ansatzweise begreifen zu können“, lässt man in lieb gewonnener Angebermanier verlauten. Was das Allstar-Quintett aus Jacksonville, Floria, jahrelang nur vage angedroht hat, das liegt seit Ende Juni tatsächlich im Plattenladenregal. „Der Plan war, wieder das in Besitz zu nehmen, was uns sowieso gehört - die Krone! Wir haben damals diese Art von Rap-Rock erfunden, warum sollten wir irgendwas anderes tun? Wir könnten mit Leichtigkeit ein Album aufnehmen, das mit all den Elementen und musikalischen Strömungen spielt, die heute angesagt sind und die uns zehn Nr. 1-Hits hintereinander bescheren würden. Aber wollen wir? Nein! Uns ist der Spirit dieser Band wichtiger, als dass wir uns wegen ein paar Millionen Dollar mehr verbiegen lassen würden. Wir hatten unsere große Chance und wir haben sie genutzt. Heute machen wir das, worauf wir Bock haben. Wir klingen wieder so wie 1999. That’s what we’re doing! Right in your fucking face. Wir transportieren dieses besondere Feeling,

ich glaube, das ist ziemlich verloren gegangen über die Jahre. Der Augenblick, in dem ich keinen Spaß mehr mit dieser Band habe, das ist der Moment, in dem ich mir einen anderen Job suche!“ Auf Jobsuche muss man vorerst nicht wirklich gehen. Nach seiner Karriere als Tätowierer, Plattenproduzent und -firmenboss, Filmemacher und Schauspieler (2008 war Fred Durst in einer Nebenrolle in der US-Serie ’Dr. House’ zu sehen) konzentriert er sich wieder ganz auf seine Berufung als wandelnder „Parental Advisory“-Sticker, der auf Songs wie ’Shark Attack’, ’Douche Bag’ oder der ersten Single ’Shotgun’ gewohnt kein Blatt vor den Mund nimmt. „Natürlich bin ich ein Angeber, aber diesmal eher dezent und sehr metaphorisch. Diesmal spielt sich viel auf symbolischer Ebene ab. Die Leute sollen sich selbst Gedanken machen. So wie auf ’Shotgun’: Natürlich rauche ich heute kein Weed mehr und keiner meiner Nachbarn ballert auf der Straße mit Schrotflinten rum!“ Immerhin. Text: Claus Enn Heimat: limpbizkit.com


All Time Low Partytime

Spring Break kennt man als die Zeit, in der amerikanische Studenten ohne Rücksicht auf Verluste eine Woche lang das Ende des Semesters feiern. Mit „Dirty Work“ haben All Time Low ein Album vorgelegt, das die Sommerhits für die 2011er-Saison dieser College-Parties liefert. Für All Time Low-Gitarrist Jack waren die Aufnahmen zum vierten Studioalbum trotz aller Feierlaune vor allem harte Arbeit. „Das Schwierigste aber war, die Aufnahmen zu machen und gleichzeitig auf Tour zu gehen.“ Verständlich, schließlich kommen so die rund 300 Konzerte im Jahr zusammen, die All Time Low vor allem in den USA abreißen. Trotzdem fanden die Jungs aus Boston Zeit für einen Hausbesuch bei Weezer-Frontmann Rivers Cuomo, in dessen Wohnzimmer die erste Single-Auskopplung „I Feel Like Dancin’ Tonight“ aufgenommen wurde. „Rivers ist einfach ein sehr netter Mensch, in gewisser Art recht sarkastisch. Wenn du ihn triffst, weißt du, warum die Band so erfolgreich ist: Er weiß einfach, wie man gute Songs schreibt“. Wenn Weezer-Gitarrist Brian Bell dann auch noch sein Geheimrezept beisteuert, bleiben keine Wünsche offen. So bietet „Dirty Work“ eben das, was man von All Time Low gewohnt ist: Der melodische Pop-Punk, mit dem sie als Blink-182-Coverband vor acht Jahren angefangen haben, ist ebenso präsent wie eine Portion stampfender Stadion-Rock, der in manchen Augenblicken sogar an Def Leppard erinnert. Und doch gibt es für Jack Unterschiede zu den bisherigen Alben. „Die neuen Songs sind einfach vielfältiger geworden, gerade vom musikalischen her klingt es jetzt viel smarter als früher.“ Auch wenn All Time Low musikalisch damit weiterhin ihr Image als reine Party-Band untermauern, sieht Jack das Leben auf Tour jedoch nicht als einzigen Feiermarathon, „denn wenn du jeden Abend nach dem Konzert feiern würdest, wärst du ziemlich bald total ausgebrannt“. Trotzdem gibt es ziemlich genau drei Komponenten, die für Jack zu einer richtig guten Party unbedingt dazugehören „ Gute Gesellschaft, jede Menge Alkohol und gute dreckige Livemusik.“ Und für die sorgen All Time Low am Besten immer noch selbst. Text: Tim Kegler

Foto: Miko Lim

Heimat: alltimelow.com


Taking Back Sunday Vergeben und Vergessen

Die ursprünglichen Superstars der Post-Hardcore-Szene sind zurück, obwohl sie eigentlich nie weg waren. In „neuer alter“ Besetzung und mit dem mittlerweile fünften Album startet das Quintett einen Neuanfang, der seinesgleichen sucht. Nachdem die beiden letzten Alben ’Louder Now’ (2006) und ’New Again’ (2009) eher enttäuschend ausfielen, bediente man sich im Hause Taking Back Sunday einfach der beliebten Reset-Funktion und setzte das System auf den Punkt zurück, an dem alles noch reibungslos funktionierte. Für Sänger Adam Lazzara und seine Mannen war dies ganz klar das 2002 erschienene Album ’Tell All Your Friends’, so dass man kurzerhand die damals beteiligten, jedoch kurze Zeit später ausgestiegenen John Nolan (Gitarre/Gesang/Keyboards) und Shaun Cooper (Bass) einfach wieder an Bord holte. So emotional, wie man sich eine solche Wiedervereinigung nach fast neun Jahren allerdings vorstellt, war es dann doch nicht: „Na ja, wir sind uns nicht weinend um den Hals gefallen“, lacht Adam. „Aber irgendwie kam von einem Moment auf den anderen doch wieder Licht ins Dunkel, und der Weg war klar!“ Zurück zu den Wurzeln also, dank alter Freundschaften, die damals aufgrund jugendlichen Leichtsinns in die Brüche gingen (ohne jetzt alte Kamellen auspacken zu wollen, sei zumindest soviel verraten: Es war unter anderem ein Mädchen im Spiel). Doch das ist längst vergeben und vergessen, erklärt der 29-Jährige - man sei inzwischen ja auch erwachsener geworden und jetzt ginge es nur noch um die Musik. Und das spiegelt sich auch im Titel des Albums wieder, der schlicht und ergreifend den Namen der Band trägt: „Nachdem wir so lange gebraucht haben, zurück zu uns selber zu finden, lag das auf der Hand und soll zeigen, dass dieses Album für immer, und nicht nur eine weitere Nummer in unserer Diskographie ist.“ Und tatsächlich: Wo Taking Back Sunday anno 2002 mit ihrem Stil noch relativ allein im Feld standen, zeigt der neue Longplayer, dass die Jungs auch gegen den gegenwärtigen Überfluss an ähnlichen Bands locker anstinken können. Ihr dürft und sollt also erneut all euren Freunden davon berichten… Text: Stephanie Johne Heimat: www.takingbacksunday.com


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REISEFÜHRER

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FÜHRER E IS E R L L O 'R 'N K C O R

Mit THE JEZABELS nach SYDNEY Sydney ist zwar nicht die Hauptstadt Australiens, doch mindestens die Hauptstadt der Herzen – denn ein Ort, der mit Bondi Beach, der Harbour Bridge und reichlich Postkartenmotiven aufwarten kann, hat schon gewonnen. Dass allerdings nicht nur die gemeinhin bekannten Sehenswürdigkeiten reizvoll sein können und welchen Stadtteil wir unbedingt besuchen sollten, erklärt Keyboarderin Heather Shannon. Welche drei Gegenstände sollten wir unbedingt mitnehmen? Heather: Nun, zur Zeit ist gerade Winter in Australien und daher wird es ziemlich kalt. Ich würde also eine dicke Jacke, einen Schal und warme Laufschuhe empfehlen. Welcher ist dein liebster Stadtteil in Sydney? Was ist daran so besonders? Heather: Mein liebster Stadtteil ist Inner West. Dort befindet sich die Universität (City Road, University of Sydney), es gibt ziemlich leckeres Essen und man kann gut shoppen gehen. Zudem ist die Gegend sehr multikulturell, was sie natürlich noch spannender und interessanter macht. Wo kann man am besten draußen rumhängen? Heather: The Rozelle Markets (663

Darling Street)! Dort gibt es unglaublich viel Secondhand-Kram, Klamotten, Bücher und so weiter. Außerdem kann man da immer gute Live-Musik hören. Gibt es einen romantischen Ort für ein erstes Date? Heather: Da würde ich den kleinen Park am Hafen empfehlen, direkt unter der Harbour Bridge (Dawes Point Park). Das ist ein wunderbarer Platz für ein Picknick oder ein Glas Wein auf der Wiese. Wenn du außer Haus Essen möchtest, wo gehst du hin? Heather: Im Moment mag ich sehr gern vietnamesische Gerichte. Da gibt es einige großartige Restaurants in Newtown (Viet Maison, 127 King Street oder Tre Viet Restaurant, 152/154 King Street). Die Reispapier-Rollen mag ich am liebsten!

Gibt es denn eine Delikatesse, die wir versuchen sollten? Heather: All das asiatische Essen in Sydney ist wirklich, wirklich lecker! Es gibt sehr viel gutes chinesisches Essen. Man sollte vielleicht die gebratenen Klöße mit Ei und Schnittlauch probieren. Sydney hat bekanntlich sehr viele Strände. Was sollte man dort tragen, beziehungsweise, was geht gar nicht? Heather: Am Strand kann man tragen, was man will. Soweit ich weiß, geht alles. Allerdings bin ich selbst kein besonders großer Strand-Fan. Warum ist Sydney die schönste Stadt, um dort zu leben? Habt ihr nach dem Touren irgendetwas an eurer Heimat mehr zu schätzen

gelernt? Heather: Ich glaube, wenn ich nicht in Sydney bin, vermisse ich die Tage am meisten, an denen die Sonne scheint und der Himmel perfekt blau ist. Ich denke, ich tendiere dazu, diese Tage als selbstverständlich hinzunehmen. Australien zeichnet sich außerdem generell durch eine einzigartige Landschaft aus. Ich fahre gerne raus in die Natur. Allerdings denke ich auch, dass Sydney mehr Multikulturalismus akzeptieren sollte. Nach unserem Aufenthalt - sollten wir irgendwo Souvenirs kaufen? Heather: Kauft bloß keine Souvenirs, die sind Schrott. Gebt euer Geld lieber für gute australische Musik aus, anstatt in einem Kaufhaus, dem Opera House oder sonst wo rumzuhängen. Heimat: thejezabels.com


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MUSIK STORIES

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selbst, wenn er angibt, er sei ein „good kid in a bad environment“. Er wuchs in Compton auf – ein Ort, an dem sich der unmittelbare Kontakt mit Gewalt und Drogen kaum vermeiden lässt. Der heute 24 Jahre alte MC hielt sich trotzdem von Crips und Bloods fern. Der Kopf gehörte der Schule, die Leidenschaft der Musik. Seine Texte spiegeln genau das wieder. Kendrick Lamar erzählt ungefähr so leidenschaftlich, bildlich und lyrisch wie der junge Nas - ohne dabei je den Klugscheißer raushängen zu lassen. Er ist schon jetzt im Westen lyrisch beinahe konkurrenzlos gut. Seine Musik bewahrt sich die sonnige Leichtigkeit Kaliforniens, lässt aber auch Einflüsse aus dem Rest der USA zu. Das nächste, nennen wir es Album ‘#Section80’, steht bereits in den Startlöchern. Wir erwarten nicht weniger als eines der großen Highlights der Spielzeit 2011. Wir rollen weiter, direkt auf den Crenshaw Boulevard und nach Leimert Park. Viele bezeichnen das künstlerisch-alternative Viertel als das kulturelle Zentrum der afroamerikanischen Community von Los Angeles. Dom Kennedy nennt es seine Heimat. Er ist 26 Jahre alt, teilt mit seinen jungen Kollegen Arbeits-Ethos und Attitüde, huldigt in seiner Musik aber mit Vorliebe der eigenen Coolness. Wenn Kendrick Lamar den Erste-Reihe-Streber der Klasse verkörpert, dann ist Dom der Weiberheld aus der letzten Bank, den du nie mochtest, aber heimlich immer bewundert hast. Dem unverhohlen zelebrierten Materialismus zum Trotz verbiegt er sich keinen Deut für die Musikindustrie. Warum auch, wenn man auch ohne klassische Vertriebskanäle die teuren Jeans aus Japan und die neuesten, limitierten Nikes bezahlen kann? Ebenfalls aus Leimert Park stammt Co$$. Die dunklen Straßen-Ecken seiner Heimat kennt er in- und auswendig. Er war in Gangs, dann in diversen Civil-Rights-Bewegungen und hat im Gegensatz zu vielen seiner Freunde auf sein sozialkritisches Gewissen gehört und möchte jetzt etwas Positives vollbringen. Für sich und für seine Hörer. Bisher kennen nur Rap-Nerds seinen Namen, sein Album-Debüt ‘Before I Awoke’ gehört aber trotzdem auf jeden iPod. Sein BeatGeschmack oszilliert stilsicher zwischen DJ Quik, Flying Lotus und J Dilla, seine Lyrics zwischen Melancholie und Zuversicht.

Westcoast

Cadillacs, Gangs und Chronic-Smoke

Co$$

Die Westküste der USA steht seit NWA musikalisch hauptsächlich für harten Gangster Rap. Von Ice Cube bis The Game berichteten die berühmten Söhne von Los Angeles stets von der dunklen Seite des Lebens. Doch seit dem letzten Jahr, zwanzig Jahre nach ‘Straight Outta Compton’, wandelt sich die Außenwahrnehmung der Westküsten-Metropole drastisch. Wir fahren mit euch im glänzenden Cadillac durch die strahlende Sonne und stellen die größten Talente des neuen Los Angeles vor. Kendrick Lamar personifiziert den Wandel am Deutlichsten und mit größtmöglicher Vehemenz. Bereits seine letzte Gratis-LP ‘O(verly) D(edicated)’ verkörpert perfekt die Haltung jener Künstler, die sich abseits des Hypes um Odd Future die Aufmerksamkeit der Szene, der Labels und

des Fitnessstudio-Fans Dr. Dre erarbeitet haben. Ja, wir kommen von der Straße. Ja, wir haben eklige Sachen erlebt. Aber eben auch ein Gewissen. Und eigentlich suchen wir doch nach dem gleichen wie ihr: dem Weg in ein dauerhaft glückliches Leben. Auf den Punkt bringt das am Besten Kendrick

Die Sonne verschwindet so langsam im Pazifik, höchste Zeit Casey Veggies kennenzulernen. Obwohl er gerade erst die High School beendet hat, blickt er bereits jetzt auf ein hervorragendes Mixtape zurück (‘Sleepin in Class’). Er und sein Umfeld gaben sich den Namen ‘Peas & Carrots’. Kein Bekenntnis zu Bio-Gemüse, viel mehr die Verbildlichung der eigenen Lebensvorstellung. Organisch wachsen soll die Karriere – nicht die Möhre. Wir stellen den Wagen in der Garage ab. Auf einmal sitzen wir wieder vor dem heimischen Macbook. Fest steht trotzdem: Los Angeles ist momentan die spannendste Stadt der Welt. Unendlich viele weitere Talente stehen bereits in den Startlöchern. Neben der gemeinsamen Heimat teilen Kendrick, Dom, Casey und Co$$ auch eine sympathische DIY-Einstellung, eine musikalische Unverkrampftheit und die reflektierte Betrachtung ihres direkten Umfelds. Text: Sascha Ehlert Mit und auf Empfehlung von:


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so war’s

SO WAR´S

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Foto: Axel Mosch

Beatsteaks

11.06. Berlin – Wuhlheide Schon wieder die Beatsteaks? Jawoll! Selbst in einem Monat, in dem sich die Kings Of Leon, System Of A Down und die Foo Fighters (allesamt übrigens auch großartige Konzerte) die Konzert-Klinke in die Hand gaben, sind die Buletten einfach vorne - k��nnt ihr alle fragen, die da waren. Waren ja nur zwei mal 18.000 Menschen - die sich prächtig amüsierten. Woran das liegt? Zum einen natürlich daran, dass wir es hier mit einer der besten Livebands der Welt zu tun haben, die können nämlich große Gesten für große Bühnen und dabei trotzdem das Gefühl vermitteln, dass die dort deshalb so gerne stehen und so viel Spaß dabei haben, weil genau jeder einzelne im Publikum an diesem Abend gekommen ist. Rockstars mit fetter LED-Wand und Konfettibomben und doch auch die Schnitzel von nebenan. Für alle, die’s verpasst haben oder nie genug bekommen können, gibt’s hier auch die neuen LiveTermine:

WEITER GEHT´S 1.9. Leipzig – Conne Island *** 3.9. Hamburg – Hamburger Kultursomer *** 28.9. Erlangen – E-Werk *** 5.11. Offenbach – Stadthalle *** 7.11. Osnabrück – Osnabrückhalle *** 8.11. Lübeck – Musikund Kongresshalle Foyer *** 11.11. Trier – Messeparkhalle *** 12.11. Siegen – Siegerlandhalle *** 14.11. Oldenburg – Kongresshalle *** 15.11. Rostock – Stadthalle *** 17.11. Zwickau – Stadthalle *** 19.11. Freiburg – Zäpfle Club i.d. Rothaus Arena *** 2.11. Heilbronn – Harmonie *** 23.11. Würzburg – S. Oliver Arena *** 27.11. Fürth – Stadthalle *** 29.11. Magdeburg – Stadthalle *** 30.11. Cottbus – Messehalle 2 *** 2.12. Köln Palladium *** 3.12. Göttingen – Lokhalle *** 5.12. Braunschweig – Stadthalle *** 7.12. Essen – Grugahalle *** 10.12. Berlin – Max-Schmeling-Halle

KONZERTFOTOS OF DEATH Ihr geht doch alle auf Konzerte. Und macht dabei - Fotos? Die wollen wir sehen. Und prämieren. Denn an dieser Stelle küren wir die „Konzertfotos Of Death“ - egal, ob mit Handy oder der Digitalen geschossen. Schickt uns euer Konzertfoto inklusive Namen der geknipsten Band/Person, Ort, Datum und zwei Sätzen dazu, wie’s so war, auf dem Konzert. Entweder per Mail an sallys@sallys.net oder aber ihr ladet euer Foto ganz einfach auf sallys.net hoch. Da könnt ihr dann auch die Fotos der anderen bestaunen und PIGEON DETECTIVES euren Senf dazugeben. Die besten, schrägsten und lustigsten aus den letzten THE 17.5 Hamburg – Molotow Wochen zeigen wir euch hier: GEKNIPST VON: SUNCHÉ

VAL SINESTRA 3.11. Berlin – Dazzle Danceclub GEKNIPST VON: RAWK3R

Val Sinestra – Hammer-Live-Band: roh, ungeschliffen, voll auf die zwölf und dennoch positiv und Spaß! So muss dat!

Das Handtuch hatte Matt Bowman wirklich nötig. Bei keiner anderen Show habe ich jemanden so viel Wasser über Köpfen ausgießen sehen wie hier! Wer behauptet, die Pigeon Detectives wären live langweilig, ist nur neidisch, weil Matt ihnen nicht auf die Hand getreten ist (ja, es tut weh!) :)

Slim Cessna´s Auto Club 12.06. Nürnberg - Desi Geknipst von: Ulli BILDERBUCH 4.6. Freiburg – Swamp GEKNIPST VON: LENA-M

Liebes sally*s Team, war ein geiler Abend, SCAC haben auch am 08.06.2011 im Bassy bei Euch in Berlin abgehaust. Schönes Heft, mehr braucht man fast nicht.

Diese Österreicher haben die Bude zum Kochen gebracht! Kann ich nur weiterempfehlen.

CASPER 8.6. Chemnitz – Karlrocho Campus GEKNIPST VON: AEPEPLEKSI

Casper bot an, für bisschen mehr Applaus ohne Hose zu spielen... Das Ergebnis seht ihr hier!!

WEEDEATER 27.4. Hamburg – Hafenklang GEKNIPST VON: AXEL

Whiskey, Wut und Weedeater statt Wein, Weib und Gesang!

MANIC STREET PREACHERS 13.5. Hamburg – Markthalle GEKNIPST VON: ROSA LUXUSURG

Die Manics auf ihrem langersehnten Deutschlandkonzert waren wieder eine Ohren- und Augenweide.

BEATSTEAKS 11.6. Berlin – Wuhlheide GEKNIPST VON: LEONES


MIX

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Rise Against

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NOFX

Telekom Extreme Playgrounds So was wie Surf-Punk

Am 28. August ist es wieder soweit: Die Telekom Extreme Playgrounds verlegen ihren Schauplatz in die Wasserskiarena Pinneberg bei Hamburg. Wie gewohnt wird hier Sport und Musik zu einer Großveranstaltung verknüpft. So stehen zunächst die Wettkämpfe in Sachen BMX Miniramp, Wakeboard Cable und Wakeskate Cable auf dem Plan. Die Veranstaltung ist offizieller Teil der WWA Wake Park World Series 2011 und so haben auch nur Künstler ihres Fachs ihr Kommen zugesagt. Im Wakeboard Cable könnt ihr die Deutschen Fredy von Osten und Dominik Gührs, den Amerikaner Tom Fooshee und Lior Sofer aus Israel gegeneinander antreten sehen. Im Wakeskate Cable sind unter anderem die deutschen Fahrer Tarik Ghoniem, Lukas Süß und Moritz Thiele mit von der Partie. Beim BMX Miniramp-Contest werdet ihr unter anderem die Tricks von den britischen Fahrern Mark Webb, Ben Wallace, dem Tschechen Michael Beran und dem Deutschen Felix Kirch bestaunen können. Wenn alle Protagonisten nass und durchgeschwitzt sind, kommt eure große Stunde – als Fan. Für beste musikalische Unterhaltung sorgt an diesem Abend das amerikanische Band-Trio Rise Against, NOFX und Yellowcard.

Nach ihrem tollen Auftritt 2009 an gleicher Stelle, kehren Rise Against gern nach Pinneberg und zu den Extreme Playgrounds zurück. Erst kürzlich haben die amerikanischen Punkrocker mit „Endgame“ ihr mittlerweile sechstes Studioalbum veröffentlicht. Doch werden sie als Headliner des Abends nicht nur neue Songs, sondern auch altbewährte Hits zum Besten geben. Zuvor spielen Fat Mike und seine Mannen das Publikum aber noch in einen lustigen Gemütszustand. NOFX sind seit 1983 im Punkrock-Zirkus unterwegs, gut dressiert benimmt sich Bassist und Sänger Fat Mike aber trotzdem nicht. Mit etwas Glück dürft ihr euch auch den einen oder anderen vor-pubertären Witz erzählen lassen. Hurra. Das musikalische Tagesprogramm eröffnen die PopPunker von Yellowcard. Die Band aus Jacksonville, Florida gibt es seit 1997. Nach einer kleineren Unterbrechung in den Jahren 2008 und 2009 sind sie heute wiedervereint und fast nicht weniger dynamisch als die Actionsportler, die ihnen nach dem Wettkampf gemeinsam mit dem Publikum zujubeln werden.

Ein Sommersonntag in Pinneberg mit ganz viel Wasser und Musik. Nicht schlecht? Tickets für die Show sowie alle weiteren Infos stehen auf telekomplaygrounds.de bereit.

Telekom Extreme Playgrounds 28.08. Wasserskiarena - Pinneberg Sport: BMX Miniramp, Wakeboard Cable, Wakeskate Cable Live: Rise Against, NOFX, Yellowcard Tickets unter: telekom-playgrounds.de

Ach und eins noch: Die Telekom Exreme Playgrounds haben uns ein schickes Xperia X8 von Sony Ericsson zur Verfügung gestellt, das wir an einen von euch verschenken dürfen. Bewerbt euch auf sallys. net für dieses handliche Schmuckstück, das unter anderem über einen hochauflösenden 3-Zoll-Sensorbildschirm, eine 3,2 Megapixel Kamera sowie ein Android Betriebssystem für individuelle Applikationen und Spiele verfügt.


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QUICKIES

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QUICKIES

Alles nur gekauft Chiemsee

Veltins

Für Denim-Surfer

Superblast on Glass

Im Sommerurlaub verzichten Jeansfans zwar nur ungern auf ihr Lieblingstextil, doch spätestens am Strand hat das gute Stück nichts mehr verloren – könnte man meinen. Nur stimmt das so nicht (mehr). Die Boardsportmarke Chiemsee setzt beim Design der neuen Shorts auf den ewig frischen JeansLook und hat den modischen Dauerbrenner so zu einem schwimm- und surftauglichen Kleidungsstück umgestaltet. Zwei Exemplare dieser Strandschönheit würde Chiemsee auch gern an euch verschenken. Auf sallys.net könnt ihr euch entweder für ein Modell für Jungen in Größe L oder eines für Mädchen in Größe M bewerben.

Wie die perfekte Flasche aussehen sollte, hat noch kein Designexperte klar definieren können. Einen Vorschlag, der einem Idealbild allerdings sehr nahe kommen dürfte, macht Veltins mit der klaren, puristischen Form seiner grünen Design-Flaschen. Die aktuelle „Kollektion“ hat der Berliner Künstler Superblast entworfen. Insgesamt sind 50 handgefertigte Sammlerstücke mit einem hübschen Reliefschriftzug dabei entstanden. Diese limitierten Modelle der „Superblast on Glass“-Edition im typischen Graphic-Look sind nicht im Handel erhältlich. Doch können alle Sammler unter facebook.de/veltins-design an einer Verlosung teilnehmen und sich vielleicht eine der Design-Flaschen für die heimische Vitrine sichern.

chiemsee.com

Auf sallys.net verschenken wir dagegen ein etwas größeres Sammlerstück. Superblast hat im gleichen Abwasch noch diesen wunderbaren Retro-Kühlschrank gestaltet. Wer ihn gewinnt, muss sich wohl nie mehr Gedanken über den Inhalt machen, weil das Äußere so schön ist. facebook.de/veltins-design

Jambox

Der beste Sound für die Handtasche Meine Jambox ist die schönste. Und die kleinste und leichteste und praktischste und... Ach ja, die Jambox ist ein Bluetooth-fähiges Lautsprechersystem der Firma Jawbone, mit dem ihr alles, was gehört werden will, in einem Spitzensound wiedergeben könnt. Ob Song, Film oder Videospiel – die Jambox präsentiert sich als 347 Gramm leichtes Wunderkind und mit zehn Stunden Akkulaufzeit als ein ausdauerndes noch dazu. Mobil eingesetzt bietet sie überall und an jeder Ecke auditiven Spaß und sieht dabei auch noch richtig super aus. In Berlin und Köln ist der kabellose Lautsprecher im 4010 Telekom Shop zu einem Preis von 199 Euro erhältlich. Des Weiteren gibt es das gute Stück bei Apple oder jawbone.com

Jägermeister Palladium

Das Richtige für Outdoor-Kids In unseren Breiten ist die Sonne ein gern gesehener, aber leider auch recht seltener Gast. Die Sommertage sollte demnach jeder so oft wie möglich an der frischen Luft verbringen. Für einen Festivaltrip oder einen spontanen Campingausflug fehlt euch die Ausrüstung? Kein Problem! Auf sallys.net verschenkt Palladium ein praktisches Festivalkit, bestehend aus einem Paar Palladium Lite Boots, einem coolen Zweimannzelt, das sich netterweise von selbst aufbaut und diversen Utensilien wie einer Jutetasche, Zahnbürsten, Vitaminpillen für den Kater danach und so weiter. Ihr wollt gewinnen? Dann bewerbt euch auf sallys.net palladiumboots.com

vermietet Autolegenden Autoliebhaber aufgepasst: Ihr wollt eine sommerliche Spritztour in einem vierrädrigen Klassiker der Liga Porsche, Fiat Spider oder MGB Roadster unternehmen? Jägermeister vermietet in fünf deutschen Städten fünf Autolegenden für 10,99 Euro am Tag. Wie ihr das Angebot wahrnehmen könnt? Bewerbt euch unter Berücksichtigung der jeweiligen Frist auf jaegermeister.de/legenden oder unter den nachfolgend angegebenen Hotlines. Hier sollt ihr erklären, wieso solch ein Superschlitten bestens zu euch passt, indem ihr den Satz „Ich bin ein echter Typ, weil...“ vervollständigt. Das klingt doch nach einer lösbaren Aufgabe. Um teilzunehmen, müsst ihr über 18 Jahre sein. Wenn ihr gewonnen habt, macht ihr euch einen schönen Tag hinterm Steuer. Die Vermietung erfolgt selbstverständlich lediglich an nüchterne Fahrer. Eine Auswahl der Wagen und weitere Infos gibt es ebenfalls auf jaegermeister.de/legenden. Den Zeitplan für die Aktion, die am 7. Juli in Berlin beginnt, seht ihr hier mit dem jeweiligen Zeitraum und Einsendeschluss:

Gewinnhotline:

(0,14 Euro/Anruf aus dem deutschen Festnetz, Mobilfunk deutlich teurer) Berlin, Tel: 01372/123 030 (7. - 10.7. / Teilnahmeschluss: 3.7.) München, Tel: 01372/123 089 (14. - 17.7. / Teilnahmeschluss: 10.7. ) Dortmund, Tel: 01372/120 231 (21. - 24.7. / Teilnahmeschluss: 17.7.) Frankfurt, Tel: 01372/123 069 (28. - 31.7. / Teilnahmeschluss: 24.7.) Hamburg, Tel: 01372/123 040 (4. - 7.8. / Teilnahmeschluss: 31.7.)


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KINO

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Brautalarm

Comedy geht auch mit Frauen! „Eigentlich geht es doch darum, ob man witzig ist, nicht darum welches Geschlecht man hat!“ Comedy-Ass Kristen Wiig, Hauptdarstellerin und Drehbuchautorin von „Brautalarm“, pocht beim Interview in Los Angeles darauf, dass sie bei ihrem Film keinen Gedanken an Frauen-Humor oder gar eine feministische Kehrtwende verschwendet hat. Und doch muss sie damit leben, dass die Komödie schon vorab (und nun nach dem überraschenden US-Erfolg erst recht) ständig als weibliche Antwort auf „Hangover“ beschrieben wurde. Tatsächlich sind rein inhaltlich einige Parallelen nicht völlig von der Hand zu weisen. Statt einem Jungs-Trio ist es nun eine Gruppe Frauen, die im Vorfeld einer Hochzeit in Turbulenzen gerät. Annie (Kristen Wiig) hat ihr Leben nicht so ganz auf der Reihe und ist entsprechend auch leicht überfordert, als sie Trauzeugin ihrer besten Freundin Lillian (Maya Rudolph) wird. Zumal es mit der reichen Schnepfe Helen (Rose Byrne) eine weitere Brautjungfer gibt, die die Organisation von Junggesellinnenabschied und Brautparty nur zu gerne an sich reißen würde. Jede Menge Chaos, Peinlichkeiten und Exzesse sind vorprogrammiert. Dass man auf Filme wie „Hangover“ zurückgreifen muss, um „Brautalarm“ zu beschreiben, liegt aber auch daran, dass andere Vergleichsmöglichkeiten fehlen. Gnadenlos alberne, aufgekratzte Komödien über Menschen, die sich – mal gewollt, mal notgedrungen – daneben benehmen dreht man in Hollywood nämlich eigentlich nur mit Männern. Natürlich können auch Frauen witzig sein: von „I Love Lucy“ über die „Golden Girls“ oder „Roseanne“ bis hin zu Tina Fey, die genau wie Wiig und Rudolph durch die legendäre Sketch-Show „Saturday Night Live“ bekannt wurde, lassen sich im Fernsehen genug Beweise dafür finden.

Aber im Kino? Nach ihren Humor-Vorbildern befragt, fallen Wiig Kolleginnen wie Joan Cusack, Madelein Kahn oder Dianne Wiest ein, also Schauspielerinnen, die (wie sie selbst bislang) in Nebenrollen für Lacher sorgten, aber kaum je einen Film auf ihren Schultern trugen. Kollegin Melissa McCarthy, in „Brautalarm“ eine weitere, übrigens umwerfend selbstsichere Brautjungfer, muss ebenfalls lange überlegen: „Der letzte Film, der meiner Meinung nach ein ähnliches Frauenbild zeigt wie unserer, ist ’Warum eigentlich bringen wir den Chef nicht um?’ mit Lily Tomlin, Jane Fonda und Dolly Parton. Und der ist von 1980!“ Dazwischen: endlose Jahre mit plumpen Romanzen, in denen Jennifer Aniston oder Katherine Heigl perfekt frisiert und nur ein ganz klein bisschen zickig nach dem Mann ihrer Träume suchten – und zwei enttäuschende „Sex and the City“-Filme, die den Witz der TVSerie aus dem Auge verloren hatten. Die Frauen in „Brautalarm“ sind anders, weder niedlich noch makellos und außer der Suche nach Mr. Right oder dem perfekte Kleid treiben sie auch andere Sorgen um. Zwischendurch geht’s sogar deftig zur Sache, im Bett mit „Mad Men“-Star Jon Hamm oder – nach einer unglücklichen Lebens-

mittelvergiftung – auch hinsichtlich unterschiedlichster Körperausscheidungen. Hier mögen zwar Frauen im Mittelpunkt stehen, aber deswegen rüttelt Produzent und Komödien-Guru Judd Apatow („Beim ersten Mal“) schließlich noch lange nicht an seinem bewährten Comedy-Rezept. Ob das am Ende eher weiblicher oder männlicher Humor ist, ist letztlich ebenso zweitrangig, wie der Einwand, dass eine große Anzahl Frauen sich mit diesen Filmheldinnen womöglich nicht identifizieren kann oder will. Denn auch von Adam Sandler, Seth Rogen oder den „Hangover’-Jungs fühlt sich weiß Gott nicht jeder Mann ideal repräsentiert. Aber trotzdem ist es höchst erfreulich und geradezu bahnbrechend, dass „Brautalarm“ seinen Protagonistinnen das gleiche Maß an unreifer Hemmungslosigkeit zugesteht, das sonst nur den männlichen Riesenbabys gebührt. Und dass der Film nebenbei noch einer der umwerfend komischsten seit langem ist, schadet natürlich auch nicht! Text: Patrick Heidmann Kinostart: 21. Juli 2011


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KINO

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Dany Boon im Interview

Er feierte Erfolge als Komiker und Schauspieler („Micmacs“), doch zum Superstar wurde Dany Boon erst als Hauptdarsteller, Autor und Regisseur von „Willkommen bei den Sch’tis“. Nun legt der 45-jährige Franzose mit der Komödie „Nichts zu verzollen“ den Nachfolger vor. Dany, wie kamen Sie darauf, einen Film über die Grenze zwischen Frankreich und Belgien zu drehen? Ich bin in der Gegend dort aufgewachsen, das Haus meiner Eltern war keine 500 Meter von der Grenze entfernt. Ich habe die französisch-belgische Grenze oft überquert, und sogar in Belgien studiert. Ich ging dort zur Kunstschule und hatte immer so viele Mappen, Taschen und anderes Zubehör dabei, dass ich ständig von den Zollbeamten angehalten und durchsucht wurde. Vermutlich dachten die, als Künstler – der noch dazu aussah wie Robert Smith von The Cure – müsste ich irgendetwas mit Drogen zu tun haben. Wie groß sind denn eigentlich wirklich die Vorbehalte zwischen Franzosen und Belgiern? Natürlich nicht so stark, wie ich es im Film zeige. Da musste ich etwas übertreiben, schließlich ist „Nichts zu verzollen“ eine Komödie. Aber das Verhältnis zwischen beiden – die immerhin die gleiche Hautfarbe, Religion und Sprache haben – erschien mir ideal, einen leichtfüßigen Film zu drehen, der trotzdem von Vorurteilen und Rassismus handelt.

Sie selbst leben ja mittlerweile in den USA, oder? Zuletzt bin ich gependelt, zwischen dort und Paris. Ich habe ja als kreativer Berater am Remake von „Willkommen bei den Sch’tis“ mitgearbeitet, doch zuletzt ist das Projekt etwas ins Stocken geraten. Mal sehen, was daraus wird. Aber als Regisseur würden Sie dort gerne arbeiten? Prinzipiell auf jeden Fall. Zusammen mit Will Smiths Firma hatte ich auch schon ziemlich viel Zeit in ein konkretes Projekt gesteckt, bevor ich dann doch abgesagt habe. Die Sache war nicht das richtige für mich. Hollywood ist ein gefährliches Pflaster, dort kann man schnell seine Seele verlieren. Denken Sie nur an Florian Henckel von Donnersmarck und „The Tourist“! Interview: Patrick Heidmann

Nichts zu verzollen In einer Zeit, als die EU noch die EG ist, stehen sich an der französisch-belgischen Grenze zwei Zollbeamte gegenüber – und können sich nicht leiden. Ruben Vandervoorde (Benoit Poelvoorde) ist ein ultra-patriotischer Stinkstiefel, für den die Franzosen der Abschaum sind. Sein Gegenüber Mathias Ducatel (Dany Boon) ist seit einer Weile heimlich mit der Schwester des Belgiers liiert, was die Sache nicht einfacher macht. Vor allem, als in den Neunzigern die Grenzöffnung bevorsteht und die beiden plötzlich gemeinsam Patrouille fahren müssen... Was sich nach einer leicht albernen Komödienidee anhört, ist es auch. Gleiches ließ sich allerdings auch schon über „Willkommen bei den Sch’tis“ sagen, Wer damals gelacht hat, wird sich auch dieses Mal amüsieren. Text: Patrick Heidmann Kinostart: 28. Juli


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3 Fragen an

Petra Schmidt-Schaller... ... die nach ihrem Durchbruch mit „Ein fliehendes Pferd“ und jeder Menge TVRollen nun in „Ein Sommer in Orange“ eine Berliner Mutter auf Selbstfindungstrip in der bayerischen Provinz der frühen Achtziger spielt und damit nach „Almanya“ schon in ihrer zweiten Culture Clash-Komödie 2011 zu sehen ist. Petra, bist du jetzt Bhagwan-Expertin? Genauigkeit war schon wichtig, denn ich glaube, dass sich Komik nur entwickeln kann, wenn man sich eng an die Fakten hält oder die Realität nur ganz leicht überhöht. Ich hätte es wirklich schade gefunden, wenn wir uns nicht mit Bhagwan oder eben den Neo-Sannyasins beschäftigt hätten. Dann hätten wir uns ausschließlich lustig darüber gemacht und die Inhalte, um die es damals ging, nicht verstanden. Kannst du denn mittlerweile verstehen, was der Reiz an dieser Sekte war? Vielleicht war das diese Beschäftigung ausschließlich mit sich selber und der Frage, wie man in unserer Welt leben kann. Es ging zu dieser Zeit Bhagwan wirklich noch hauptsächlich um die Liebe. Wichtig war meiner

Meinung nach zu begreifen, dass man nur dieses eine Leben hat, das man entweder in Depression und Dunkelheit oder in Helligkeit und Liebe leben kann. Heute gehören viele dieser Erkenntnisse ganz selbstverständlich in unsere Gesellschaft. Aber den Kulturschock in Bayern kann man heute noch haben, oder? Na klar! Sogar am Filmset, wenn Berliner wie Oliver Korittke oder ich unseren Regisseur Marcus H. Rosenmüller kaum verstanden haben. In den ersten Wochen blickte er meist auf vier ratlose Gesichter, wenn er uns die Szenen beschrieb. Interview: Patrick Heidmann Sommer in Orange, ab 18. August

Helena Bonham-Carter... ... die derzeit beschäftigt ist wie lange nicht: Nach „The King’s Speech“ ist sie in „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 2“ (ab 14.7.) ein letztes Mal als Bellatrix Lestrange zu sehen, anschließend begeistert sie in der sehr britischen Tragikomödie „Toast“ als wenig sympathische, aber kulinarisch fitte Putzfrau. Helena, in „Toast“ spielen Sie eine famose Köchin. Wie sieht es in echt aus? Von famos wollen wir mal nicht sprechen. Aber ich bin es auf jeden Fall, die bei uns in der Familie kocht. Von Tim (Burton, ihr Lebensgefährte, Anm. d. Red.) ist in dieser Hinsicht nicht viel zu erwarten. Und ich liebe es. Ich kaufe auch jede Menge Kochbücher und lese die dann zum Einschlafen. Nur daraus kochen tue ich dann doch eher selten. Welches Gericht gelingt Ihnen denn am besten? Meine Brathähnchen sind nicht schlecht, auch wenn man das alleine ja noch nicht als echtes Gericht bezeichnen kann. Eigentlich denke ich mir immer ganz spontan etwas aus, je nachdem, was gerade da ist. Ganz schlichte, improvisierte Sachen eben, gerne mit

ein bisschen Fleisch und Soße. Überhaupt liebe ich Soßen, leider ganz im Gegensatz zu Tim. Nach vielen Filmen mit Burton haben Sie zuletzt häufig für andere Regisseure vor der Kamera gestanden. Ist er da eifersüchtig? Überhaupt nicht. Im Gegenteil bestärkt er mich immer, wenn spannende Projekte meinen Weg kreuzen. Genauso wie ich nichts dagegen hätte, wenn er mit anderen Schauspielerinnen arbeitet. Verunsichert sind meistens eher die anderen Regisseure, denen „der Lebensgefährte“ irgendwie Respekt einflößt. Dabei ist Tim der letzte, vor dem man Angst haben müsste. Interview: Jonathan Fink Toast, ab 11. August

Xavier Dolan... ... der gerade einmal 22 Jahre als ist, aber mit der großartigen Dreiecksgeschichte „Herzensbrecher“ schon seinen zweiten Film vorlegt und dabei genau wie bei „I Killed My Mother“ als Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller gleichzeitig verantwortlich zeichnete. Xavier, ist dein neuer Film genauso autobiografisch wie der erste? Die Geschichte ist zumindest ziemlich nah dran an verschiedenen Erfahrungen mit Beziehungen und Zurückweisung. Aber was die Atmosphäre oder Dialoge angeht, habe ich auf Fiktion zurückgegriffen. Ungefiltert das eigene Leben auf der Leinwand zu zeigen, macht noch lange keinen guten Film. So eine Dreiecksgeschichte habe ich zum Beispiel in Wirklichkeit nie erlebt. Regisseur oder Schauspieler. Woran liegt dir mehr? Auf jeden Fall an der Schauspielerei, denn sie war meine allererste Berührung mit Kunst. Ich stehe vor der Kamera, seit ich vier Jahre alt bin. Nichts hat mich in meinem Leben mehr geprägt; so viel Leidenschaft und Herzblut, so viele Enttäuschungen und Rückschläge.

Deswegen wünsche ich mir für die Zukunft sehr, verstärkt für andere Regisseure vor der Kamera zu stehen. Glaubst du, dass es dafür ein Problem ist, dass Du offen schwul bist? Keine Ahnung. Ich kann ohne Frage Heteros genauso gut spielen wie Schwule. Aber es stimmt schon: Viele Menschen haben in dieser Hinsicht erschreckend wenig Fantasie und können sich jenseits ihres beschränkten, konventionellen Horizonts nichts vorstellen. Hoffen wir mal, dass ich trotzdem noch ein paar Rollen bekomme, selbst wenn mich die meisten als „schwuler Schauspieler“ verbucht haben. Ansonsten schreibe ich mir meine Hetero-Rolle eben selbst! Interview: Patrick Heidmann Herzensbrecher, ab 7. Juli


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KINO

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Super 8

Schmalfilm-Junkies  

Regisseur J.J. Abrams sehnt sich nach den Siebzigern. Schon seine epochale TV-Serie „Lost“, deren zentrales Thema Zeitreisen waren, suhlte sich ausgiebig in dieser von Mythen umrankten Dekade. Sein neuer Film spielt im Sommer 1979, und ist dermaßen detailversessen ausgestattet, dass man wirklich zu glauben gewillt ist, die gesamte Crew hätte sich mit einer Zeitkapsel um 30 Jahre zurückkatapultiert. Lillian, Ohio, ist nicht der Nabel der Welt. Der 14-jährige Joe (Joel Courtney) betrauert seine Mutter, die bei einem Unfall im örtlichen Stahlwerk zu Tode kam. Sein Vater (Kyle Chandler) ist selbst noch zu geschockt, um seinem Sohn eine Stütze zu sein. Um der häuslichen Tristesse zu entkommen, dreht Joe Zombie-Filme mit seinen filmbegeisterten Freunden: Charles (Riley Griffiths) kompensiert seine Gewichtsprobleme indem er sich als Regisseur in Pose wirft, Cary (Ryan Lee) ist passionierter Pyromane und deshalb für Special Effects zuständig, und Alice (Elle Fanning), die als einzige ganz passabel schauspielern kann, sieht sogar mit Zombie-Make-Up umwerfend aus. Abrams gönnt dem Zuschauer nicht viel Zeit mit den Aktivitäten der Clique, die allein schon einen großartigen Film hätten füllen können, sondern treibt seine Story atemlos weiter. Während eines Nacht-Drehs am Bahnhof werden die Kids Zeugen der desaströsen

Havarie eines durchfahrenden Güterzuges. Im Trümmerhagel rennen sie um ihr Leben. Die  zurückgelassene Super 8-Kamera aber filmt weiter, während etwas dem Zugwrack entsteigt. Was, das bekommen wir erst viel später zu sehen, denn Schmalfilm-Entwicklung dauert nun mal mindestens drei Tage, wie der stets zugekiffte Hippie im örtlichen Foto-Laden betont. Während dieser Zeit verwandelt sich Joes beschaulicher Heimatort in eine apokalyptische militärische Sperrzone. Doch die Kids erweisen sich als wahre Pragmatiker. Herumliegende Trümmer und patrouillierendes Militär sind natürlich der ideale Hintergrund für ihren Gruselschocker. So nutzen sie die Gunst der Stunde und filmen trotz allgemeinen

Notstands fleißig weiter. Bis Alice plötzlich auf mysteriöse Weise verschwindet... „Super 8“, bei dem Steven Spielberg als Produzent fungierte, wirkt – die Computereffekte mal ausgeklammert – wie eine verlorene Perle, die jahrelang in einem Keller vor sich hingammelte und nun mit 30 Jahren Verspätung in die Kinos kommt. Den „Film im Film“, das krude Endprodukt der Zombie-Crew, gibt’s übrigens als Abschieds-Schmankerl im Abspann. Also bloß nicht zu früh aus dem Kino rennen!   Text: Calle Claus Kinostart: 4. August 2011

Krankenschwester schwer schuftet, um das Geld für die Familie zu verdienen, schlägt sich der ungelernte Dean eher schlecht als recht mit Gelegenheitsjobs durch. Ein gemeinsames Wochenende in einem Motel soll die beiden noch einmal zueinander bringen, doch auch dieses Unterfangen geht nicht ganz so friedlich über die Bühne wie angedacht. Wenn wir die zwei miteinander erleben, fragt man sich als Zuschauer schon, wie die beiden einmal zueinander gefunden haben. In eingestreuten Rückblenden, die uns die glückliche Vergangenheit des Paares vor Augen führen, beantwortet uns Cianfrance genau diese Frage und wir bekommen zumindest eine Ahnung davon, was vor sechs Jahren den Funken zum Überspringen gebracht hat. Und trotzdem ahnt man auch dort bereits, dass es mit ihnen auf Dauer nicht gut gehen kann – zu unterschiedliche, ja gegensätzliche Charaktere sind die zwei.

Blue Valentine

Im Gefängnis des Miteinanders Es gibt sie immer wieder, die kleinen Projekte des amerikanischen Independentkinos mit erstaunlich prominenter Besetzung, wie zuletzt „Beginners“ oder „The Kids Are All Right“. In diesem aufwühlenden Beziehungsdrama dürfen nun Michelle Williams („Brokeback Mountain“) und Ryan Gosling („Half Nelson“) vor der Kamera glänzen. Dass Regisseur Derek Cianfrance über viel Erfahrung aus dem Dokumentarfilmbereich verfügt, kann man seinem zweiten Spielfilm ansehen: realitätsnah inszeniert er diesen unter die Haut gehenden, sexuell aufgeladenen Trip in das Innere einer längst zerfallenen Ehe. Dazu treffen wir auf die Eheleute Dean

(Gosling) und Cindy (Williams), die seit sechs Jahren ein Paar sind, in deren Beziehung es jedoch schon lange nicht mehr rund läuft. Daran vermag auch die Existenz ihrer gemeinsamen Tochter Frankie (Faith Wladyka) nichts zu ändern, obwohl beide Elternteile das Kind über alles lieben. Während Cindy als

Genau beobacht und rasierklingenscharf seziert der Regisseur den Verlust einer Unbeschwertheit im Umgang miteinander, die im Laufe der Jahre der Dauerhaft im Gefängnis des Miteinanders gewichen ist. Diesem äußerst intensiven, in spröden Bildern gehaltenen und daher eher deprimierenden Verfall einer einst großen Liebe schaut man nicht zuletzt deshalb so begeistert zu, weil er von zwei erstklassigen Schauspielern getragen wird, die in jedem Augenblick ihrer Figuren mit absoluter Wahrhaftigkeit vollkommen verkörpern. Kleines Kino aus den USA, das zwar die Tendenz hat, sich ein wenig zu sehr in sich selbst zu verlieren, dieses Manko dafür mit den Leistungen zweier großartiger Schauspieler wieder ausgleicht. Text: Dirk Lüneberg Kinostart: 4. August 2011


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KINO

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I’m Still Here Being Joaquin Phoenix

Joaquin Phoenix hatte es schon längst geschafft. Er spielte in Blockbustern wie „Signs“ und „Gladiator“, erhielt Oscar-Nominierungen und einen Golden Globe für seine Rolle als Johnny Cash in „Walk the Line“. Ende 2008 jedoch verkündete der Filmstar überraschenderweise, er werde die Schauspielerei an den Nagel hängen und strebe nun eine neue Karriere als HipHop-Musiker an. Er ließ sich einen zotteligen Bart und filzige Haare stehen, legte kräftig an Bauchumfang zu und irritierte mit grottigen Live-Auftritten als Möchtegern-Rapper. Sein derangiertes Erscheinen in der Talkshow von David Letterman ist inzwischen legendär. Das kann doch alles nicht wahr sein, dachte man daher bald - und das war es natürlich auch nicht. Vergangenes Jahr bereits feierte „I’m Still Here“ Premiere auf dem Filmfestival von Venedig. Die Fake-Doku zeigt nun, da man von dem seltsamen Streich längst weiß, vor allem die bemerkenswerte Hartnäckigkeit, mit welcher der Hollywood-Schauspieler die Öffent-

lichkeit von seiner Wandlung überzeugen wollte. Man habe sich mit dem Starsystem der heutigen Massenmedienlandschaft auseinandersetzen wollen, sagte Phoenix während eines neuerlichen Auftritts bei Letterman. Doch geht der Film Fragen zu dem Thema nicht wirklich auf den Grund. Anstatt den Fake als solchen zu dokumentieren, wird das Gezeigte erstaunlich humorlos weiterhin als „echt“ ausgegeben. Es reicht nicht mal für ein paar derbe Lacher, wie in Sascha Baron Cohens Realsatire „Borat“. Gerade diesen Vergleich muss sich „I’m Still Here“ aber gefallen lassen, setzen Phoenix und Affleck ebenfalls auf Männergenitalien und fäkale Entgleisungen. Warum auch immer. Text: Peter Meisterhans Kinostart: 11. August 2011

Arschkalt

Keine warmen Worte

Frostig geht es zu im neuen Film von André Erkau („Selbstgespräche“), in dem ein frustrierter Ex-Unternehmer sein unterkühltes Ich zum Schmelzen bringt. Leider lässt die dargestellte Gefühlskälte in „Arschkalt“ in keiner Weise zu, dass auch nur ansatzweise ein Funken überspringt. „Manchmal wünschte ich mir, ich wäre ein Fischstäbchen. Früher oder später würde ich zwar in der Pfanne landen, aber bis dahin hätte ich wenigstens meine Ruhe“ – so lautet die Lebenseinstellung des vom Schicksal gebeutelten Tiefkühl-Lieferanten Berg (Herbert Knaup). Dieser hat nicht nur seine Frau und seine eigene Firma verloren, sondern muss seinem im Altenheim lebenden Vater auch noch eine heile Welt vorspielen. Erst als Berg sein lebenslustiger und naiver Kollege Moerer (Johannes Allmayer aus „Vincent will Meer“) zur Seite gestellt wird und er mit der attraktiven Lieke (Elke Winkens) eine neue Chefin vor die Nase gesetzt bekommt, beginnt der unterkühlte Zyniker langsam aufzutauen.

Jemandem wie Herbert Knaup bei der gekonnten Darstellung gebeutelter Einzelgänger zuzusehen ist immer eine Freude. Darüber hinaus hat „Arschkalt“ jedoch leider nicht allzu viel Vergnügliches zu bieten. Regisseur Erkau gelingt es nämlich nicht, mit seinem Zweitling über den Status einer akzeptablen TV-Produktion hinauszukommen. Das Potenzial des Aufzeigens von Veränderungen in der modernen Arbeitswelt wird großzügig verschenkt, die tiefsinnigen Momente wirken angestrengt und schwerfällig, und selbiges gilt zudem leider sowohl für die humoristische als auch für die amouröse Komponente. Die Eisigkeit zieht sich durch sämtliche Bereiche. Insofern ist „Arschkalt“ vor allem eins: arschlangweilig. Text: Daniel Schieferdecker Kinostart: 21. Juli 2011

Midnight in Paris Urlaub in Nostalgia

Zeitreisen sind im Kino meist aufwändige Angelegenheiten, mit erfinderisch ausgetüftelten Maschinen und großem High-Tech-Einsatz. Wenn, wie nun in „Midnight in Paris“, in einem Film von Woody Allen eine Zeitreise stattfindet, ist das allerdings alles analog und wundervoll oldschool. Es reicht einfach ein Wagen, der zufällig kurz nach Mitternacht an einer speziellen Straßenkreuzung in Paris vorbeigefahren kommt... Drin sitzt allerdings nicht Präsidentengattin Carla Bruni-Sarkozy, um die schon während der Dreharbeiten viel Wirbel entfacht wurde. Ganze drei Szenen mit ihr als Museumsführerin sind zu sehen. Stattdessen ist hier Owen Wilson alias Gil der Protagonist: eine sehr entspannte Variante der Allen-Alter Egos und ein Drehbuchautor mit Schriftstellerambitionen, der einen romantisch verklärenden Blick auf das Paris vor allem der 1920er hat. Als er mit seiner Verlobten (Rachel McAdams) einige Zeit in der französischen Hauptstadt verbringt, torkelt er nachts rotweinselig allein durch die Straßen

und wird von besagtem Auto aufgelesen. Das bringt ihn zurück in die Vergangenheit, wo er auf die ganzen großen Künstler trifft, die für Allen selbst einst Idole waren und hier witzig überspitzte Auftritte haben: Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald, Salvador Dalí, Pablo Picasso, Gertrude Stein. Aus dieser hübschen Grundidee entwickelt sich eine charmante, äußerst schwelgerisch ausgestattete Fantasie, die in warmen Farben und Postkarteneindrücken von Paris schwärmt, aber beim reizenden Dahintröpfeln durchaus noch ein klitzekleines bisschen mehr Schwung und Esprit hätte vertragen können. Text: Sascha Rettig Kinostart: 18. August 2011


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KINO

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Belgrad Radio Taxi

Der Zoowärter

Ein Tick anders

„Was soll euch passieren in einer Stadt, die bereits 46-mal zerstört worden ist?“ Auf diese hypothetische Frage des Radio-DJs hätte Taxifahrer Gavrilo (Nebojsa Glogovac) sicher seine ganz eigene Antwort. Er liest eines Tages eine verletzte Frau auf, die wenig später aus dem Wagen springt und sich von einer Brücke stürzt – und ihr Baby in Gavrilos Taxi zurücklässt. Doch auch das Leben der Lehrerin Anica (Anica Dobra) wie das der Apothekerin Biljana (Branka Katic) wird dadurch in neue Bahnen gelenkt. „Belgrad Radio Taxi“ (ab 21.7.), der jüngste Film des serbischen Regisseurs Srdjan Koljevic, ist ein, wie man so schön sagt, wunderbarer kleiner Film, der seinen brüchigen Figuren eben die Wärme und den Humor gönnt, die sie brauchen, um über die Runden zu kommen. Ihre ineinander verschobenen Geschichten kriegen ihren Rahmen durch die Musik eines Belgrader Radiosenders – ein charmanter Anklang an George Lucas’ „American Graffiti“. Übrigens: In einer Nebenrolle ist der großartige Stipe Erceg zu sehen.

Oha, ein Zoowärter kann mit Tieren sprechen, die ihm dabei helfen wollen, seine Ex-Freundin zurückzuerobern? Das Ganze von Adam Sandler produziert und mit „King of Queens“-Pummelchen Kevin James in der Hauptrolle? Hört sich nach einer hysterischen Gagschleuder an, für die man lieber kein Geld an der Kinokasse ausgibt. Irrtum, denn Regisseur Frank Coraci wagt in „Der Zoowärter“ (ab 7.7.) den ehrenwerten Versuch, der familientauglichen PopcornKomödie eine zweite Ebene zu geben. Die Tiere sind hier die viel menschlicheren Wesen – allen voran der depressive Gorilla Bernie, der in der Originalfassung von Nick Nolte gesprochen wird. Spätestens als er mit Griffin (James) über den Dächern von Boston schaukelt, um dessen wahre Liebe – die bezaubernde Tierärztin Kate (Rosario Dawson) – zu beeindrucken, wird aus der „Tiere können sprechen“-Effekthascherei eine ganz passable „King Kong“-Parodie und damit schon fasst Zitatkino. Trotz des doppelten Bodens bleibt der Plot aber leider vorhersehbar.

Wenn die 17-jährige Eva (Jasna Fritzi Bauer) ein Geschäft betritt, grüßt sie mit einem kräftigen „Heil Hitler!“ und ihrer Mutter schmettert sie regelmäßig „Nutte“ ins Gesicht. Eva leidet unter dem Tourette-Syndrom, wobei „Leiden“ eigentlich nicht der richtige Ausdruck ist. Denn „Ein Tick anders“ (ab 7.7.) kommt – anders als so viele andere Filme über vergleichbare Behinderungen – trotz des ernsten Themas als echte Familien-Komödie durch. Nachdem Eva erfährt, dass ihre ebenso verrückten wie verschuldeten Eltern nach Berlin ziehen wollen, schmiedet sie mit ihrem Onkel Bernie einen nicht ganz legalen Plan, der ihr ein dickes Bankkonto einbringt. Die durchweg überzeugende Besetzung und die kreative Bildsprache, mit der Regisseur Andi Rogenhagen die sich Bahn brechenden Tabuwörter visualisiert, trösten darüber hinweg, dass die Szenen oft recht lose aneinander gereiht sind und dem Zuschauer zeitweise die Orientierung nehmen.

Nader und Simin – Eine Trennung

Was Du nicht siehst

Willkommen in Cedar Rapids

Text: Friedrich Reip

Selten wurde eine Preisvergabe so einhellig begrüßt wie die des Goldenen Berlinale-Bären 2011 an „Nader und Simin – Eine Trennung“ (ab 14.7.). In seinem Familiendrama über ein Ehepaar in der Trennung und die Konflikte, in die es dabei mit der Tochter, einem Alzheimer-kranken Vater und einer streng gläubigen Putzfrau bis hin zu einem Mordvorwurf gerät, konzentriert sich der iranische Regisseur Asghar Farhadi nur auf den ersten Blick aufs Private. Von der ersten Szene an, in der der Wunsch nach Ausreise und einer besseren Zukunft für die Tochter thematisiert wird, erzählt der emotional packende, ebenso dicht wie detailreich inszenierte Film subtil und oft zwischen den Zeilen über Klassenunterschiede, Religion oder Frauenrechte. So entsteht ein komplexes, hervorragend gespieltes Bild der heutigen iranischen Gesellschaft – und unbedingt preiswürdiges Kino. Text: Patrick Heidmann

Text: Cosima Grohmann

Internatsschüler Anton (Ludwig Trepte) fährt mit seiner Mutter und ihrem neuen Lebensgefährten in ein Ferienhaus in die Bretagne. Den Tod des leiblichen Vaters hat Anton nicht verwunden, er ist in sich gekehrt und fühlt sich innerhalb der neuen Familie wie ein Fremdkörper. Deutlich mehr Zeit verbringt er mit David (Frederick Lau) und Katja (Alice Dwyer) vom Nachbargrundstück. Die beiden faszinieren ihn. Katja ist schön und ein bisschen geheimnisvoll, David ein Draufgänger, der immer das tut, wonach ihm ist. Selten sind das gute Ideen und Anton droht sich in seiner undurchsichtigen und chaotischer werdenden Gefühlswelt zu verlieren. „Was du nicht siehst“ (ab 7.7.) ist ein kleiner, ruhiger Thriller, der vor allem von seiner Stimmung lebt. Dauerhaften Nervenkitzel entwickelt der Plot dabei nicht, aber das ist zweitrangig. Hitze, Langeweile, Pilze nehmen im Wald, die erotischen und aggressiven Spannungen – all das wird greifbar inszeniert und nimmt für eine Weile gefangen. Text: Christian Stein

Text: Cosima Grohmann

Der herzensgute, aber auch grenzenlos naive Versicherungsvertreter Tim (Ed Helms, bekannt aus „Hangover“) soll seine Heimatstadt und Versicherungsgesellschaft würdig auf einer Konferenz in Cedar Rapids vertreten. Was manch einer als große Chance begreifen würde, bereitet Tim Kopfzerbrechen, schließlich ist es das erste Mal, dass er die Kleinststadt verlässt. Diese Geschichte eines sympathischen Helden, der in die raue Welt geschubst wird, um dabei sich selbst, aber auch seine Umwelt ein wenig (zum Besseren) zu verändern, wird hier gekonnt variiert. Die Stärke von „Willkommen in Cedar Rapids“ (ab 7.7.) liegt in den Figuren, die zwar immer leicht überzeichnet sind, die man aber trotzdem genau zu kennen glaubt.... Dazu kommt ein feiner, nie ins allzu Vulgäre abdriftenden Humor und ein lustvoll aufspielendes Ensemble. Genug Gründe, sich diese Komödie nicht entgehen zu lassen. Text: Dirk Lüneberg


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KINO DVD

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DVD DES MONATS True Grit (Paramount)

Weltweit 250 Millionen Dollar hat das Remake des John Wayne-Western „Der Marschall“ (beziehungsweise die zweite Verfilmung des Romans „True Grit“ von Charles Portis) an den Kinokassen eingespielt. Es ist damit der bisher kommerziell erfolgreichste Film der Brüder Coen. Das wird an der mittlerweile enormen Zugkraft der Regisseure, der namhaften Besetzung und dem nicht totzukriegenden Genre liegen. Denn die erzählte Geschichte ist wenig spektakulär. Der Vater der 14-jährigen Mattie (Hailee Steinfeld) wurde vom Rumtreiber

und Tagedieb Tom Chaney (Josh Brolin) erschossen. Das Mädchen begibt sich auf seine Spur - entschlossen, für Gerechtigkeit zu sorgen und das heißt, den Mörder tot zu sehen. Dank genügend Verstand und Geld heuert Mattie den Marschall Rooster Cogburn (Jeff Bridges) an, den etwas betagten, aber ruchlosen und wenig zimperlichen Arm des Gesetzes. Ein weiterer, zunächst unerwünschter Begleiter ist der Ranger LaBeouf (Matt Damon), der auf das offiziell ausgesetzte Kopfgeld für Chaney aus ist. Im Gegensatz zu anderen Filmen von Joel und Ethan Coen ist dieser nahe-

127 Hours

Brothers

72 Stunden - The Next Three Days

Chatroom

(20th Century Fox) James Franco brilliert mit einer grandiosen Leistung in Danny Boyles erstem Film nach dem Oscar-Abräumer „Slumdog Millionär“. Basierend auf einer wahren Begebenheit spielt Franco den sorglosen Draufgängertypen Aron Ralston, der beim Kraxeln im Nirgendwo der Wüste Utahs in eine Schlucht stürzt und unter einem Felsblock eingeklemmt wird. Ohne Aussicht auf Rettung wird ihm bald klar, dass er sich um jeden Preis selbst befreien muss. Mit gewohnt souveräner Clip-Ästhetik inszeniert Boyle das hochdramatische Kammerspiel als bildgewaltige Reise ins Innerste des Protagonisten und als begeisterndes Plädoyer für den Wert menschlichen (Über-)Lebens. Text: Peter Meisterhans

(Kinowelt) Mit schierer Willenskraft und mathematischem Verstand stemmt sich John gegen das Justizsystem – eine Figur, Russell Crowe wie auf den Leib geschrieben. Für seine als Mörderin verurteilte Frau ist der Rechtsweg, ihre Unschuld zu beweisen, ausgeschöpft. Der unbescholtene Lehrer plant mit der Intensität eines Getriebenen, dem wunden Herz eines treuen Ehemanns und dem Tunnelblick eines Mannes, der sein Schicksal selbst in der Hand behalten will, den perfekten Ausbruch. Das Remake nach französischer Vorlage ist durchkonstruiert, aber bis zum Schluss spannend. Es gibt Outtakes, geschnittene Szenen und ein Making Of als Bonus. Text: Elisabeth Nagy

Another Year

(Prokino/ EuroVideo) Tom und Gerri führen seit Jahren eine glückliche Ehe, das Kochen und die Gartenarbeit sind ihre Leidenschaft. Und für Freunde und Familie steht die Tür immer offen. Doch nicht alle von denen führen ein ebenso idyllisches zufriedenes Leben und somit kommen auch die Probleme zu Besuch. Altmeister Mike Leigh hat mit „Another Year“ ein weiteres Meisterwerk abgeliefert. Unaufgeregt und doch emotional berührend inszeniert er seine Geschichte um Liebe, Freundschaft und Familie. Getragen von einem wunderbaren Schauspieler-Ensemble ist der Film ein Ereignis, das man in solch feinsinniger Präzision lange nicht mehr gesehen hat. Dazu kommen Interviews und die B-Roll. Text: Cornelis Hähnel

(Koch Media) Sam (Tobey Maguire) hat es bei den Marines zu etwas gebracht, seine Jugendliebe Grace (Natalie Portman) geheiratet und zwei Kinder mit ihr. Sein Bruder Tommy (Jake Gyllenhaal) hingegen hat bisher nicht viel auf die Reihe bekommen. Als Sams Hubschrauber in Afghanistan abgeschossen und er für tot erklärt wird, kümmert sich Tommy um die Familie – bis sein Bruder überraschend zurückkehrt. US-Remake eines dänischen Dramas, das sich stark am hervorragenden Original orientiert und deshalb (auch dank des erstklassigen Ensembles) vollends überzeugt. Auf der DVD gibt es noch einen Audiokommentar, ein Making Of, Featurettes und den Trailer. Text: Dirk Lüneberg (Universum) Filme in der virtuellen Welt sind immer eine heikle Angelegenheit, und auch Horrorexperte Hideo Nakata muss sich arg anstrengen, die Realität und seinen „Chatroom“ stimmig unter einen Hut zu bringen. Dort treffen sich eine Handvoll psychisch ziemlicher labiler britischer Teenager, von denen sich bald einer („Kick-Ass“- und „Nowhere Boy“-Star Aaron Johnson) als gefährlicher Manipulator erweist. Die Lächerlichkeit lauert dabei mitunter an jeder Ecke, doch überzeugende Jung-Darsteller und überraschend unblutige Spannung sorgen immerhin für souveränen Psycho-Grusel. Dazu gibt’s ein paar Interviews und die B-Roll. Text: Patrick Heidmann

Der ganz groSSe Traum

(Senator/Universum) Daniel Brühl spielt den deutschen Fußball-Visionär Konrad Koch, der 1874 nach einem EnglandAufenthalt die Liebe für das runde Leder nach Braunschweig importiert. Der unkonventionelle Lehrer hat damit bei seinen Schülern schnell Erfolg, stößt bei Eltern und Kollegium jedoch nur auf wenig Gegenliebe. Nun gilt es, für die neu entfachte Leidenschaft zu kämpfen. In einer sehr erwachsenen Rolle überzeugt Brühl in einem Familienfilm, der sich mit dem Ursprung von Deutschlands beliebtester Sportart beschäftigt. Als Extras winken Outtakes, Audiokommentare, Making Of und Deleted Scenes. Text: Daniel Schieferdecker

zu vorhersehbar und (fast) frei von absurden Momenten. So werden die raue, unwirtliche und schöne Landschaft und die ähnlich beschreibbaren Charaktere zum Mittelpunkt. Steinfeld ist grandios und es macht viel Spaß, Bridges’ Dude hundert Jahre früher und auf Schnaps statt Gras zu sehen. „True Grit“ ist sicher nicht das aufregendste Werk der Coens, aber eines der schönsten. Es erscheint auf DVD und Blu-ray, mit Extras über die Besetzung, die damalige Mode und die Figur der Mattie. Text: Christian Stein

Eine Familie

(Tobis/Universum) Aufwühlender und emotionaler als dieser dänische Berlinale-Beitrag können Fa m i l i e n g e s c h i c h t e n kaum sein. Galeristin Ditte muss sich zwischen einem aufregenden Job in New York und einem Baby mit ihrem Freund entscheiden, während Papa und Hofbäcker Rikard plötzlich lebensbedrohlich erkrankt. Die Schauspielerleistungen (nicht zuletzt von Jesper Christensen) sind meisterlich, genauso wie die Authentizität, Sensibilität und Dichte, mit der Regisseurin Pernille Fischer Christensen von Alltagsbanalitäten bis zum Sterben das gesamte Dramenspektrum zusammenhält. Auf DVD gibt’s dazu Interviews und ein Making Of. Text: Patrick Heidmann

Howl

(Pandora/Alive) Als der damals 29-jährige Allen Ginsberg 1955 erstmals sein Gedicht „Howl“ vor Publikum vorträgt, löst das einen Skandal aus. Seine offenen Worte und der unverhohlene Gebrauch von sexueller Sprache sind zu viel für das prüde Amerika: Ginsberg landet vor Gericht. James Franco brilliert als Beat-Dichter in dem grandios bebilderten Werk von Robert Epstein und Jeffrey Friedman, bei dem die Poesie Ginsbergs durch die Kombination von Sprache, Musik und halluzinativer Animation auf wundervolle Art und Weise erfahrbar gemacht wird. Als Extras winken 70 Minuten Bonusmaterial, darunter ein Making Of. Text: Daniel Schieferdecker

BEST OF THE REST Wann genau war Sharon Stone ein Weltstar? Man erinnert sich kaum noch, so selten schaffen es ihre Filme mittlerweile in die Kinos. Die prinzipiell ganz nette Roadmovie-Komödie „Five Dollars a Day“ (Koch Media) des Briten Nigel Cole ist da keine Ausnahme und erreicht mit drei Jahren Verspätung immerhin den DVD-Markt. Stone beweist darin Humor, aber die Hauptrolle spielt eigentlich Christopher Walken und auch sonst reicht es nicht zum echten Comeback. Auch der Stern von Zach Galifianakis strahlt – „Hangover“ hin oder her – noch nicht so hell, dass sein Name automatisch die Massen anlockt. Wobei das mit einer kruden Tragikomödie aus dem Psychiatrie-Milieu wie „It’s kind of a Funny Story“ (Universal) wohl auch schwer gewesen wäre. Immerhin: Emma Roberts („Scream 4“) beweist an seiner Seite einmal mehr Star-Potential. Noch prominenter besetzt ist aber „After.Life“ (Koch Media): In dem eher stylishen als stimmigen Psychothriller um einen Bestatter und eine vermeintliche Tote spielen Liam Neeson und Christina Ricci die Hauptrollen. Andere kommen ohne gefeierte Schauspieler aus. „Julia’s Eyes“ (Kinowelt) etwa ist ordentlich spannender, von Guillermo del Toro präsentierter Gruselhorror aus Spanien und optimal f��r alle, die Sinn für Mystery und Spukhäuser haben. „Serengeti“ (Universum) dagegen geht ganz ohne Menschen – und begeistert einfach durch großartige Tierbilder. Wem es doch besser gefiel mit etwas Name-Dropping: „Freundschaft Plus“ (Paramount) mit OscarGewinnerin Natalie Portman und Ashton Kutcher ist netter Romantik-Spaß, der keinem weh tut; Sophie Marceau beweist in der herzigen Selbstfindungsgeschichte „VergissMichNicht“ (SchwarzWeiss/goodmovies/Indigo) einmal mehr, warum sie auch fast 30 Jahre nach „La Boum“ noch immer ein Star ist; und Gérard Depardieu und Alexandra Maria Lara machen das Beste aus dem Schmonz in „Small World“ (Majestic/20th Century Fox). Nur Harrison Ford, Rachel McAdams und Diane Keaton stehen in „Morning Glory“ (Paramount) dem mangelnden Witz leider hilflos gegenüber.

Text: Patrick Heidmann


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Ich bin Nummer Vier

(Walt Disney) Man heuere die Blockbuster-Profis Michael Bay und Steven Spielberg als Produzenten und TeenAction-Spezialist D.J. Caruso als Regisseur an, nehme eine Handvoll unbekannter Jungschauspieler, peppe das preiswerte Darsteller-Team mit einem Ensemblemitglied der TV-Serie „Glee“ (Dianna Agron) auf, stecke alle in einen stark an die „Twilight“-Saga erinnernden Plot, tausche Vampir Edward gegen John den Außerirdischen aus, mache aus der nach Edward schmachtenden Brünette Bella die sich nach John verzehrende Blondine Sarah und fertig ist ein belangloser Teenie-Mystery-Actioner. Auf der DVD finden sich noch Pannen vom Dreh sowie das Feature „Nummer 6 werden“. Text: Dirk Lüneberg

Jack In Love

(Alamode/Alive) Als der New Yorker Limousinenfahrer Jack die versponnene Connie kennen lernt, bekommt er endlich den Drive, etwas aus seinem Leben zu machen. Zusammen mit seinem Freund Clyde und dessen Frau Lucy lernt er kochen, schwimmen und zieht gelegentlich auch mal an der Shisha. Während sich Connie und Jack immer weiter annähern, zerbricht Clydes Ehe... Philip Seymour Hoffmans Regiedebüt basiert auf einem Theaterstück. Den Dialogen wird folglich viel Raum gelassen, die Figuren sind gekonnt auf einander abgestimmt. Und mit den melancholisch-eingängigen Songs der Band Grizzly Bear erhält diese kleine intelligente Großstadtgeschichte auch noch den passenden Sound. Text: Cosima Grohmann

Johnny Mad Dog

(Koch Media) Jean-Stéphane Sauvaires Spielfilmdebüt gibt einen bedrückenden Einblick in die von unfassbarer Brutalität geprägte Realität afrikanischer Kindersoldaten, die, von Drogen benebelt, durch das Land streifen und morden, vergewaltigen und plündern. Sauvaire besetzte seinen Film ausschließlich mit Laiendarstellern, die allesamt jahrelang selbst als Rebellen gegen den 2003 gestürzten liberianischen Despoten Charles Taylor kämpften. Das ebenfalls enthaltene 50-minütige Making Of, das ausgiebig die Arbeit mit den Kindern in den Straßen Liberias schildert, ist übrigens mindestens genauso sehenswert wie der außergewöhnliche Hauptfilm. Text: Sebastian Gosmann

Last Night

(NFP/Warner Home) „Last Night“ ist ein Film über moderne Beziehungen. Michael (Sam Worthington) und Joanna (Keira Knightley) sind ein glückliches Paar, bis sich bei Joanna eines Tages der Verdacht einschleicht, Michael könnte etwas für seine Kollegin Laura (Eva Mendes) empfinden. Im Strudel der Eifersucht trifft Joanna auf ihren Ex-Freund Alex (Guillaume Canet) und kommt nun selbst in die unangenehme Situation, sich zwischen Lust und Liebe entscheiden zu müssen. Ein hochkarätig besetztes Drama um Vertrauen, Täuschung und Begierde. Als Extras gibt es Interviews mit den Beteiligten zu sehen. Text: Daniel Schieferdecker

Meine erfundene Frau

(Sony) Durch ein Missverständnis muss Frauenheld Danny (Adam Sandler) für seine aktuelle Neueroberung eine Ehefrau samt Familie aus dem Hut zaubern. Daher bittet er seine Assistentin Katherine (Jennifer Aniston), sich mit ihren beiden Kindern als eben diese auszugeben, was zu den absurdesten Situationen führt. Sandler in Hochform, eine Aniston, die an ihre besten Sitcom-Momente in „Friends“ erinnert, und eine selbstironische Nicole Kidman als überambitionierte Oberzicke übertrumpfen sich in dieser turbulente Komödie gegenseitig mit ihrer Spiellaune. Die DVD punktet mit einem Audiokommentar, Outtakes, Featurettes und entfallenen Szenen. Text: Dirk Lüneberg

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Kult Californication – Die dritte Season (Paramount)

Von „True Blood“ und „Mad Men“ bis „Breaking Bad“ oder „30 Rock“ – die Liste der famosen USSerien, die im deutschen Fernsehen untergehen, ist lang. Auch „Californication“ gehört dazu und lohnt deswegen auf DVD. Die dritte (und nicht jugendfreie) Staffel über die verkrachten Lebensabenteuer des auf Sex und Drogen spezialisierten Autors und nun Teilzeit-Dozenten Hank Moody (David Duchovny, einmal mehr sehenswert) überzeugt erneut mit boshaftem Humor – und tollen Gaststars wie Kathleen Turner, Peter Gallagher, Eva Amurri und einem herrlich selbstironischen Rick Springfield. Text: Patrick Heidmann

Mit Herz und Handschellen

(Spassgesellschaft/Sony Music) Manchmal ist sogar das deutsche Fernsehen für positive Überraschungen gut. Die als Krimikomödie erstaunlich unterhaltsame Serie „Mit Herz und Handschellen“ nämlich erwies sich (nach ersten Anlaufschwierigkeiten) als unerwarteter Quotenhit, an dem nicht zuletzt der Protagonist begeistert. Denn erstens wird Kriminalkommissar Leo Kraft von Henning Baum gespielt – und zweitens ist er schwul, was mit so viel angenehmer Selbstverständlichkeit im TV noch immer eine Seltenheit ist. Warum nach zwei Staffeln (die nun komplett in einer DVD-Box erhältlich sind) trotzdem Schluss war, bleibt rätselhaft. Aber Baum-Fans bleibt immerhin noch die auch nicht schlechte Serie „Der letzte Bulle“. Text: Jonathan Fink

Win a Lot Auch in diesem Monat könnt ihr wieder zahlreiche der hier vorgestellten DVDs (und Blu-Rays) gewinnen. Schickt uns einfach eine Postkarte oder E-Mail (verlosung@sallys.net) mit dem Kennwort „DVD-Verlosung“ und eurem Wunschtitel. Ggf. Altersnachweis nicht vergessen! Zu gewinnen gibt es: True Grit – 3x DVD & gebrandeter Ledergeldbeutel, Californicaton 3 – 3x DVD sowie von David Duchovny handsignierte Boxen der ersten beiden Staffeln, 72 Stunden – 3x DVD & Sporttaschen, Ich bin Nummer Vier – 2x DVD, Roman & Schlüsselanhänger, Last Night – 5x DVD, The Big C – 3x DVD, Mit Herz und Handschellen – 3x DVD, Howl – 3x DVD, Another Year – 3x DVD, Jack in Love – 3x DVD, 127 Hours – 3x DVD, Johnny Mad Dog– 3x DVD, Serengeti – 3x DVD, Freundschaft Plus– 3x DVD, After.Life– 3x DVD, VergissMichNicht– 3x DVD, The Green Hornet– 2x DVD, 1x BD, Meine erfundene Frau – 2x DVD, 1x BD, Chatroom – 2x DVD, 1x BD, Brothers – 2x DVD, 1x BD, Nachtblende - 2x DVD, 1x BD, The Romantics – 2x BD & Poster, Eine Familie – 2x DVD & Poster, It’s kind of a Funny Story – 2x DVD & Poster, Rubber – 2x DVD, Five Dollars a Day – 2x DVD und Der ganz große Traum – 1x BD, 1x Special Edition DVD.

Nachtblende

(Universum) Der Strom starker französischer Filme, die bei uns – wenn überhaupt – nur im Heimkino zu sehen sind, reißt weiterhin nicht ab. Auch diese packende Mischung aus Thriller und Selbstfindungsdrama, in der ein Familienvater versehentlich den Liebhaber seiner Frau umbringt, vor den Trümmern seiner Existenz steht und mit neuer Identität noch einmal von vorne anfangen will, hätte eigentlich die große Leinwand verdient. Das liegt nicht zuletzt an dem immer wieder umwerfenden Romain Duris („Der Auftragslover“) in der Hauptrolle – und einem Auftritt der großen Catherine Deneuve. Als Bonusmaterial locken dagegen nur Interviews und Trailer. Text: Jonathan Fink

Rubber

(Capelight/Universum) Das erste Opfer ist ein Skorpion. Es folgen ein Hase und eine Krähe. Dann sterben die ersten Menschen – alles wegen der Mordlust eines Autoreifens. Das ist eine einigermaßen bescheuerte Idee, die aber erstaunlich gut funktioniert. Regisseur Quentin Dupieux (alias Mr. Oizo) möchte diesen Nonsens aber besonders klug aufblasen: Es rollt nämlich nicht nur der böse Reifen durch die Wüste, sondern ein Film-im-Film Publikum nervt leider mit einer pseudooriginellen Metaebene. Als Bonusmaterial gibt es Interviews, eines davon läuft rückwärts und ist spiegelverkehrt untertitelt. Ein Film für Sammler. Text: Christian Stein

The Big C – Die komplette erste Season

(Sony) Cathy ist Lehrerin, 42 Jahre alt, unauffällig. Sie erfährt, dass sie Krebs im fortgeschrittenen Stadium hat. So weit, so ernst. Doch dies ist eine Comedy-Serie. Laura Linney spielt herzerfrischend die Frau, die ihren Ehemann vor die Tür setzt und sich mit einem pubertierenden Sohn herumärgert, von ihren Schülern ganz zu schweigen, und fortan das Leben, das ihr bleibt, in die eigene Hand nimmt. Erstaunlich, wie sie ihre Ressourcen ausschöpft, kurz innehält, um dann genau das zu tun, was eine amerikanische Vorstadtehefrau wohl nicht täte. 13 Episoden werden Outtakes, Interviews und ein Making Of beigefügt. Text: Elisabeth Nagy

The Green Hornet

(Sony) In der durchwachsenen Comic-Verfilmung von Michel Gondry spielt Seth Rogen den reichen, verwöhnten Sohn eines Medienmoguls, der nach dem Tod seines Vaters eigentlich dessen Geschäfte übernehmen soll. Doch er beschließt, lieber auf

coole Art Gutes zu tun und zieht mit seinem Partner Kato fortan als maskierter Superhelden-Verschnitt Green Hornet durch die Gegend. Das ist hin und wieder ganz amüsant, aber so recht mag Rogens Geek-Humor weder zum Genre noch zu Gondrys zaghaft skurrilen Einfällen passen. Vor allem aber Christoph Waltz als Bösewicht hat sich mit dieser ersten Hollywoodrolle nach „Inglourious Basterds“ keinen Gefallen getan. Auf DVD und Blu-ray immerhin mit netten Extras. Text: Peter Meisterhans

The Romantics

(Universal) Am Abend vor ihrer Hochzeit haben Tom (Josh Duhamel) und Lila (Anna Paquin) ihre Freunde eingeladen: „The Romantics“ waren in ihrer Collegezeit unzertrennlich. In der Nacht kochen alte Leidenschaften wieder hoch, vor allem zwischen Tom und Laura (Katie Holmes). Allerdings kommt keiner außer der einigermaßen gewagten Handkamera den Protagonisten wirklich nahe und auch wenn es hübsch anzusehen ist, wie Holmes von ihrem iPhone romantische Gedichte abliest, bleibt die ganze Geschichte am Ende buchstäblich im Regen stehen. Auf Dogma getrimmtes Drama über verlorene Jugendlieben, gescheiterte Freundschaften und die Zweckmäßigkeit der Ehe. Text: Cosima Grohmann


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COMPUTERSPIELE

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Duke Nukem Forever Sexismus, Gewalt, Poser-Sprüche - kein Zweifel, der Duke ist zurück. Nach unglaublichen 12 Jahren Entwicklungszeit erblickt „Duke Nukem Forever“ entgegen allen Erwartungen doch noch das Licht der Ladenregale - und zelebriert besten Achtziger-Jahre Action-Trash. Die Aliens sind zurück - und verdammt wütend. Schließlich vermasselte ihnen Duke Nukem einst die Invasion der Erde. Böse Außeriridische lassen sich von so etwas aber nicht entmutigen, sondern starten eine neue Attacke, diesmal auf Las Vegas – sie wollen es Duke Nukem heimzahlen. Der ist dort mittlerweile ein Medienstar mit eigener Talkshow, Burger-Kette und

an die Olsen-Twins erinnernden lüsternen Groupies. Und da sie bei ihrem neuerlichen Eroberungsversuch alles andere zimperlich vorgehen, muss auch der Duke wieder zu den bewährten Mitteln greifen - von Arschtritten und Fausthieben über allerlei Gegenstände, Extras wie Schrumpfstrahler und Schusswaffen bis hin zu großen Geschützen und Fahrzeugen.

Schön: Das Spiel nimmt sich von der ersten Minute an nicht sonderlich ernst, neben ironischen Anspielungen auf die lange Entwicklungszeit gibt es praktisch ununterbrochen blöde Sprüche und Witze. Die sind allerdings Geschmackssache - ein bisschen Fäkalhumor muss man schon mögen, um an Pissoir-Geschicklichkeitsaufgaben oder angedeuteten Blowjobs Gefallen zu finden, und wer sich für Frauenrechte engagiert sollte ohnehin besser einen großen Bogen um das Spiel machen. Im Grunde ist der Titel allerdings ganz klassische Shooter-Kost: Viel nachgedacht werden muss nicht. In der Regel geht es darum, die sehr linearen Level zu absolvieren, zwischendurch Extras aufzusammeln und mal hier und mal da einen Schalter zu drücken, vor allem aber: Kontinuierlich zu ballern oder den Nahkampf zu üben. Aber nicht nur spielerisch wirkt „Duke Nukem Forever“ oft wie ein Programm aus der Vergangenheit, auch der Grafik und den Animationen merkt man an, dass sie in die Jahre gekommen sind. Wer sich als Fan des Klassikers „Duke Nukem 3D“ gerne an die eigene Jugend erinnert, der wird an dem Spiel und seinem speziellen Humor trotzdem Spaß haben. Wer allerdings erwartet hat, dass sich der Duke weiterentwickelt, auch etwas fürs Auge ist und neue Maßstäbe setzt, der sollte um das Spiel einen Bogen machen. Oder schätzungsweise zwölf Jahre auf die nächste Fortsetzung warten. Text: Tito Wiesner

Genre: Shooter Publisher: 2K Games Plattform: PC, Xbox 360, PS3

Infamous 2 Der vom Fahrradkurier zum Superheld beförderte Cole MacGrath ist zurück - und hat eine Generalüberholung spendiert bekommen. Das Szenario ist neu, sein Look ebenso; die Wahl zwischen strahlendem Helden oder gemeinem Schurken steht ihm aber auch diesmal wieder offen. Wer „Infamous“ gespielt hat, kann nahtlos den zweiten Teil starten - das Spiel beginnt praktisch dort, wo der Vorgänger endete. Eine böse Bestie hat Coles Heimatstadt Empire City zerstört und dafür gesorgt, dass er in die Südstaatenmetropole New Marais umsiedeln musste. Dort nimmt er die Verfolgung des Oberbösewichts auf, muss vor dem Aufeinandertreffen zunächst einmal aber zahlreiche Missionen und Aufträge abarbeiten. Eine große Hilfe sind dabei wieder seine elektrischen Superkräfte, deren Kapazität im Spielverlauf immer weiter ausgebaut wird - an Stromleitungen und Generatoren lädt er sich auf und kann die Energie fortan nutzen, um zum Beispiel Blitze auf die Kontrahenten zu schleudern. MacGrath kann sich zudem auf verschiedene Arten durch das frei begehbare New Marais bewegen. Neben Laufen oder kurzen Flugpassagen ist es möglich, an Hauswänden und Laternenmasten hoch zu kraxeln oder aber auf Stromleitungen entlang zu gleiten. Unterwegs warten zahlreiche Bewohner mit Aufträgen auf ihn. Die reichen von einfachen Transport- oder Befreiungsaktionen bis hin zu Missionen, bei denen sich Cole klar für die gute oder böse Seite entscheiden

muss - ihm ist auch diesmal wieder freigestellt, ob er sich zum Helden oder zum Feind der Stadt entwickelt. Wer in Feuergefechten wenig Rücksicht auf das Leben von Zivilisten nimmt oder Demonstranten verprügelt, muss sich nicht wundern wenn einen die Stadteinwohner nicht gerade mit offenen Armen empfangen oder auch mal Steine werfen. Helden hingegen unterstützt die Polizei, sie bekommen auch mal Applaus spendiert und erstrahlen in hellem Licht. In beiden Fällen gibt es ein beeindruckendes Arsenal an Waffen: Neben grundlegenden Dingen wie Blitzen und Granaten für Fernangriffe kann Cole sich auch im Nahkampf mit einer Art elektrischem Schlagstock wehren. Für erledigte Gegner und zerstörte Anlagen

kommen dann neue oder mächtigere Attacken dazu, etwa Scharfschützen-Funktionen oder die Möglichkeit, ein ganzes Gewitter auszulösen. Insgesamt liegen die Veränderungen im Vergleich zum Vorgänger aber im Detail - Story und Grafik sind besser, Waffen und Extras zahlreicher. Wer den ersten Teil mochte, wird zufrieden sein, wer schon damals abwechslungsreichere Missionen wollte, muss auf Teil Drei hoffen. Text: Tito Wiesner

Genre: Action Publisher: Sony Plattform: PS3


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COMPUTERSPIELE

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knifflige Jump&Run-Passagen überstehen. Für die Gefechte steht ein ganzes Arsenal ungewöhnlicher Waffen bereit – angefangen bei scharfen Klingen über als Maschinengewehr fungierende Pfeffermühlen bis hin zu Extras wie der Möglichkeit zu schrumpfen oder sich in Schmetterlinge aufzulösen und so den gegnerischen Attacken zu entgehen.

Alice Madness Returns Im Wunderland wird’s wieder blutig: Ein Steckenpferd zum Prügeln, scharfe Klingen zum Schnetzeln und eine Pfeffermühle zum Schießen - die Alice, die sich im Nachfolger vom elf Jahre alten „American McGee’s Alice“ durchs Wunderland kämpft, hat nur wenig mit der einst von Lewis Carroll erdachten Figur zu tun. Zudem hat sie auch deutlich mehr Probleme psychischer und technischer Art. Alice ist im Vergleich zum PC-Spiel von 2000 älter geworden, besser geht es ihr allerdings nicht - immer noch wird sie von schaurigen Alpträumen heimgesucht, die durch den gewaltsamen Feuertod ihrer Eltern vor elf Jahren ausgelöst wurden. Alice gibt sich selbst die Schuld an den Vorkommnissen und muss deshalb erneut ins Wunderland aufbrechen, um dort aufzuräumen und so auch die Bilder

und Stimmen in ihren Träumen ruhig zu stellen. Das Wunderland ist einmal mehr kein wirklich heimeliger Platz - böse Kräfte sorgen dafür, dass die skurrilen Charaktere und schaurig-schönen Schauplätze von Tod und Verzweiflung umgeben sind. Um sich aller Gefahren zu erwehren, muss Alice einerseits zu den Waffen greifen und immer neue Gegner erledigen, andererseits aber auch zahlreiche

Allerdings sind die Kämpfe dennoch längst nicht so abwechslungsreich wie erhofft - Gegner-Typen wiederholen sich oft, wirkliche Taktik ist meist nur bei den wenigen Endgegnern gefragt und die Kamera sorgt für Frust. Frust ist auch ein gutes Stichwort für die Geschicklichkeits-Passagen: Über Pilze, bewegliche oder transparente Plattformen hüpft es sich trotz Kombo-Sprüngen und der Möglichkeit zu gleiten dank schlechter Sicht oft nicht angenehm, zumal meist perfektes Timing gefragt ist; zahlreiche Bildschirmtode sind die Folge. Rundum gelungen ist dafür einmal mehr die Inszenierung - die Charaktere, von der berühmten Grinsekatze über die Kartensoldaten bis zum Hutmacher, die Szenerien und die Story sind eine Klasse für sich. Das Wunderland strotzt förmlich vor abgedrehten Ideen und hat viel Atmosphäre zu bieten. Insgesamt also eine stimmungsvolle Angelegenheit, die aber leider insgesamt auf Grund spielerischer Magerkost die hohen Erwartungen nicht ganz erfüllt - monotone Kämpfe, frustrierende GeschicklichkeitsPassagen und zu wenige gute Rätsel trüben die Freude über die abgedrehten Ideen immer wieder. Text: Tito Wiesner

Genre: Action Publisher: EA Plattform: PC, Xbox360, PS3

Hector

Badge of Carnage Omas mit Elektro-Schocker, Teenager in Unterhosen, gewalttätige Terroristen: Die Welt von „Hector - Badge of Carnage“ hat wenig mit dem familienfreundlichen Entertainment zu tun, das im AdventureGenre sonst so häufig geboten wird. Hector ist wohl kaum die Art von Polizist, wie sie im Lehrbuch steht - übergewichtig, meist alkoholisiert und nicht gerade nett und freundlich. Trotzdem ist er die letzte Hoffnung der Kleinstadt Clappers Wreake, als diese von einem gewalttätigen Terroristen unter Beschuss genommen wird. Blöd nur, dass der vermeintliche Retter nach einer durchzechten Nacht mal wieder in der Ausnüchterungszelle festhängt, in der er sich offensichtlich selbst eingeschlossen hat. Die erste Aufgabe lautet also, aus dem selbst geschaffenen Gefängnis auszubrechen - und sich dabei mit dem durchaus derben Charme von Hector und seiner Umgebung vertraut zu machen. Die verdreckte Toilette benutzen, Müllhaufen durchwühlen, eine Angel aus Kondom und Schnürsenkeln basteln und dann im WC-Becken fischen: Wer Proleme mit Fäkalhumor und teils durchaus ekligen Rätseln hat, wird Hector kaum ins Herz schließen. Trotzdem kann dem schroffen Burschen eine gehörige Portion Charme nicht abgesprochen werden: Wenn er Teenagern ihre Hosen klaut, Prostituierte beschimpft, versucht gewalttätigen Omas zu entkommen oder mit blöden Sprüchen

den Terroristen zu verwirren, hat das immer wieder einen äußerst hohen Unterhaltungswert - eine gewisse Abgebrühtheit beim Spieler vorausgesetzt. Bedienung und Rätseldesign sind typisch für ein Point&Click-Adventure: Gegenstände werden per Mausklick untersucht, eingesteckt und dann kombiniert oder angewendet, Gespräche in MultipleChoice-Manier geführt. Technisch ist der erste Teil der als Trilogie angelegten Serie sicherlich eher unterdurchschnittlich - dem Spiel ist deutlich anzusehen, dass es zunächst für iPhone und iPod Touch erschien. Inhaltlich wird aber großes Entertainment geboten:

„Hector“ ist spaßige Adventure-Kost für alle die, die sich an einem Sex- und Alkohol-süchtigen Polizisten ebenso wenig stören wie an überzeichneter Gewalt und derben Flüchen. Die erste Episode gibt es für weniger als zehn Euro unter telltalegames.com Text: Tito Wiesner

Genre: Adventure Publisher: Telltale Games Plattform: PC


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SPORT

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Der Hochsommer steht in den Startlöchern und wer im Wasser planschen und auf der Wiese liegen ziemlich öde findet, dem bietet der Trendsport Wakeskaten eine anständige Abkühlung mit Action-Zulage. Diese hippe Sommersportart ist ein Mix aus, ta-dah: Wakeboarden und Skaten. Der junge Lukas Süß beherrscht sie wie kaum ein anderer. Denn der 20-Jährige ist Wakeskater der ersten Stunde und seit über neun Jahren mit seinem Board auf Tour. Mittlerweile hat er schon so ziemlich alle Spots in Europa besucht und war bei den wichtigsten Wettbewerben wie O’Neill Wake The Line – Freestyle Wakeboard Worlds mit dabei. Zu Hause an der SeilbahnAnlage in Duisburg-Wedau kennt er jedes Hindernis. Hier unterrichtet er an freien Tagen die Kinder und zeigt seine astreine Wakeskate-Technik. Wir haben Lukas Süß bei O’Neill Wake The Line am 18. Juni im Kölner Stadionbad getroffen. Wie bitte? Wakeskaten in einem Freibad – hört sich wohl eher ungewöhnlich an. Doch hier treffen sich jährlich die weltbesten Boot- und Cable-Wakeboarder sowie Wakeskater, um bei der Freestyle Wakeboard Worlds um insgesamt 30.000 Dollar Preisgeld zu kämpfen. Mit einer speziellen Seilzuganlage werden die Fahrer über das komplette Stadionbad gezogen. Sogenannte „Obstacles“ in Form von Kickern und Rails liegen dann bereit, um die einzelnen Becken zu verbinden. Für einen Tag entsteht so ein über 300 Meter langer Parcours, der auf der Welt einmalig ist. Das Freibad wird zur Wakeboard-Arena. Lukas, erzähl' uns doch mal - Skateboarden kennt jeder und auch Wakeboarden ist mittlerweile einer breiten Masse ein Begriff. Doch was hat man sich unter Wakeskaten vorzustellen? Das Wakeskaten führt genau diese beiden Sport-

arten zusammen. Eigentlich mag ich den Vergleich nicht, aber man kann es sich wie Skateboarden auf dem Wasser vorstellen. Das Wakeskate hat keine Bindungen und ist etwa ein Drittel kleiner als das Wakeboard. Man steht lediglich mit ganz normalen Sneakers drauf, den nötigen Halt bietet dabei das Griptape. Es gibt Wakeskates aus Holz oder aus Hartschaum ähnlich wie beim Wakeboard.  Warum sollte man Wakeskaten unbedingt ausprobieren? Was braucht man dazu und wo ist das möglich? Es geht beim Wakeskaten nicht nur ums Wakeskaten, es geht viel mehr um das ganze Drumherum. An sonnigen Tagen kann man mit seinen Freunden am See abhängen und nebenbei noch ein bisschen Sport treiben. Wenn man das Wakeskaten erlernen will, braucht man nur seine Boardshorts einzupacken und zur nächsten Wakeboardseilbahn zu fahren. Es gibt in Deutschland mittlerweile 65 solcher Seilbahnen. Die meisten bieten einen Anfängerkurs an, dort kann man unter Gleichgesinnten das Wakeskaten erlernen. Die Kurse dauern in der Regel zwei Stunden, doch die meisten haben den Dreh schon nach wenigen Versuchen raus. Also keine Angst, es ist wirklich ganz easy! Welche Tricks sind für Einsteiger geeignet und was ist dann die „hohe Schule“ des Wakeskaten? Wie auch beim Skateboarden sollte man zuerst mit den Basics anfangen. Zu den Grundtechniken

zählt definitiv der Olli. Ohne den Olli geht leider gar nichts. Wenn der Olli sitzt, kann man sich am Shuvit oder am Kickflip versuchen. Zur "hohen Schule" des Wakeskaten zählen Tricks wie der 360 Flip oder bs Gazele. Viele Skateboarder können sich das nicht vorstellen, aber mit dem Wakeskate kann man beinahe die selben Tricks machen wie mit einem normalen Skateboard.  Info zu O’Neill Wake The Line: waketheline.com Und hier trifft sich die Wakeskate- und Wakeboard-Szene: thegapmagazin.com


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: Schritt 1 Bei Tricks sollte man sich immer nur mit einer Hand an der Hantel festhalten, um die andere zum Balancieren frei zu haben.

: Schritt 3 Jetzt hebt man die Nose aufs Rail und dreht gleichzeitig die Hüfte um 90 Grad zur Fahrtrichtung.

: Schritt 5 Jetzt versuchst du mit der anderen Hand die Hantel zu greifen Mach’ dabei die Hand weit auf, das erleichtert das Greifen hinterm Rücken.

SPORT

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: Schritt 2 Beim Olli drückt man mit dem vorderen Fuß das Skate kurz nach unten, dadurch popt das Skate nach oben.

Schritt 4: Ab jetzt ist nur noch deine Balance gefragt, am besten gehst du dabei ein bisschen in die Knie.

: Schritt 6 Jetzt ziehst du die Hantel mit der linken Hand zum Körper, dabei drehst du dich wieder um 90 Grad und wieder zur Fahrtrichtung. Versuche die Landung abzufangen, indem du weit in die Knie gehst. Sobald du dich sicher fühlst, kannst du langsam wieder aufstehen.


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COMIX, HÖR-/BÜCHER

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5 Fragen an Klaus Scherwinski  

Der schweigsame Klaus Scherwinski ist in Deutschland vor allem für seine Arbeiten für die Serien des legendären Weissblech-Verlages, wie “Hammerharte Horrorschocker“ oder auch “Welten des Schreckens“ bekannt. Dort erscheint nun für alle Fans seiner Arbeit unter dem Titel “Ungeheuer!“ ein Sammelband dieser Kurzgeschichten, angereichert mit in Deutschland bisher unveröffentlichtem Material. Außerdem ließ sich der schüchterne Scherwinski überreden, Einblick in seinen Arbeitsprozess zu geben. Gibt es etwas Besonderes, was Comic allen anderen Medien voraus hat? Gibt es etwas, was nur Comic kann? Nur Comic kann eine Geschichte erzählen und dabei visuell verzerren und interpretieren, ohne die Rezeptionsgeschwindigkeit vorzugeben. Ein Zeichentrickfilm ist irgendwann zu Ende. Zurückspulen oder anhalten ist nicht angebracht. Comic darf das. Das Medium stellt sich auf den Leser ein, überlässt ihm aber nicht die ganze Arbeit der Visualisierung. Diese Mischung aus literarischer Tiefe und künstlerischer Performance ist schlichtweg genial! Welche Musik hörst du (momentan) am liebsten beim Zeichnen? Eric Powell The Goon 7 – Chinatown und das Geheimnis von Mr. Wicker

(Cross Cult) Goon und Hellboy sind im gewissen Sinne Brüder im Geiste. Beide sind äußerlich eher grobschlächtige Gesellen, welche sich mit allerlei Arten von Monstern und okkultem Viehzeug herumärgern müssen. Probleme lösen sie dadurch, dass mit ihren großen Fäusten draufhauen. Fragen werden, wenn überhaupt, erst danach gestellt. Meistens aber eher gar nicht. Beide sind unglaublich gut gezeichnet und ihre Autoren voller anscheinend nie versiegendem Ideenreichtum. Nun ist aber ein Held, dem sowieso nichts passieren kann, auf Dauer und bei aller gelungenen Komik etwas eintönig. Deswegen hat man auch für Superman das Kryptonit erfunden (bzw. gegen ihn). Hellboy hat vor allem schwer an sich selbst zu tragen, an seiner Bestimmung bzw. dem was andere als sein unwiderrufliches Schicksal bezeichnen (nämlich nichts Geringeres als das Ende der Welt einzuläuten). Er versucht, seine Rolle in der Welt zu finden und das macht ihn verletzlich. Sogar so sehr, dass er manisch-depressive Symptome zeigt. Goon hatte dies Tiefe nie. Goon war “nur“ lustig und drohte so auf Dauer …nun ja doch etwas langweilig und belanglos zu werden. Goons Verletzlichkeit, seine innerlichen und äußeren Narben heißen “Chinatown“. Von Beginn der Serie wurde das ominöse geflüsterte “Damals in Chinatown“ als eine Art Running Gag eingebaut und verwies auf traumatische Ereignisse, die Goon erst zu dem gemacht haben, was er heute ist. In “Chinatown und das Geheimnis von Mr. Wicker“ erzählt Eric Powell, was damals nun wirklich passiert ist. Und die Geschichte ist nicht lustig. Nein, im Ernst! “Chinatown“ ist keine komische Geschichte. Auch wenn es natürlich Prügeleien und Monster gibt. Es geht um gebrochene Herzen und Vorstellungen vom Leben, die sich nicht erfüllen. Und nicht zuletzt geht es um Freundschaft. Am

Fast alles. Von Achtziger- und Neunziger-Zeichentrickserien-Soundtracks bis Industrial Bands wie Gothsicles und Cruciform Injection die ich persönlich aus Chicago kenne. Ja, und auch Lady Gaga – wenn es ’nen coolen Beat hat, passt es zu meinen Illustrationen; schließlich zeichne ich nur selten die ruhigen Momente. Welcher ist dein aktueller Lieblingscomic? B.P.R.D, der Hellboy-Ableger. Das Erzähltempo ist meist langsam, selbst wenn es um Monsterjagd geht, aber die Charakterentwicklung rockt gewaltig.

Ende der Geschichte, wissen wir, wie Goon zu seinen Narben gekommen ist. Und dass ihm dieser ernste Ton – wie die Narben – gut zu Gesicht stehen. Natürlich nicht immer. Aber ab und zu. Zwischen einer Zombieschlägerei und einer rektalen Satansbaby-Geburt, geben sie Goon die Persönlichkeit und, ähem: Tiefe, die ihn auf lange Sicht erst interessant machen. Auf die Freundschaft, Prost! Text: A. Hartung Preis: 19,80 Euro Heimat: Cross-cult.de

Verlosung

Wir verlosen zusammen mit dem Cross CultVerlag drei Exemplare des Bandes. Sendet dazu eine Mail an comix@sallys.net, in der ihr in einem Satz schreibt, was IHR glaubt, was damals in Chinatown passiert ist.

Heraus zum Comic Clash!

Der Berliner Comicprinz Mawil betont in Interviews gerne, dass er sich in der Comicszene so wohl fühlt, weil sie so klein und kuschelig ist und alle zusammenhalten. Ellenbogendenken gibt es hier nicht. Einen Wettbewerb samt Kräftemessen dementsprechend natürlich auch nicht. Mit dieser Kuschelmentalität soll es aber nun ein Ende haben! Die beiden Comicmagazine Epidermophytie und Moga Mobo fordern alle einheimischen Comicmacher zum ultimativen Battle der Hefte – zum Comic Clash! Ein Wettbewerb der Magazine, bei dem das beste Heft gewinnt. Das Prinzip ist einfach. Jede teilnehmende Mannschaft gestaltet eine Ausgabe zu ein und demselben Thema. Das Thema ist nichts Geringeres als: der Sinn des Lebens. Jeder Zeichner darf nur bei einem Magazin mitwirken. Sein großes Finale soll der Comic Clash dann auf dem Comic Salon in Erlangen finden! Anmeldeschluß ist der 30. August. Weitere Infos und die vollständigen Regeln unter: comic-clash.de Mögen die Besten gewinnen!

Was empfiehlst du Nachwuchskünstlern? Habt Spaß beim Zeichnen! Nur das lässt euch lang genug dabei bleiben. Und zeichnet Storys und ganze Szenen. Das macht euren Lesern richtig Freude – hintergrundlose Pinup-Zeichner gibt es leider schon genug.  Welche Musik soll bei deiner Beerdigung laufen? Wozu meine Hinterbliebenen grade so „Lust“ haben. Heimat: weissblechcomics.com Foto: Luisa Preißler klausscherwinski.de Preis: 9,80 Euro

MAX GOLDT PENIS’GSCHICHTERLN AUS DEM HOTEL MAMA

(Hörbuch Hamburg) Max Goldt hasst Interviews. Für alle, die es noch nicht wussten, hat er kürzlich einen Text darüber geschrieben. „Fast vierzig zum Teil ziemlich coole Interviewantworten ohne die dazugehörigen dummen Fragen“ heißt er, ist genau das, dabei so lustig wie der Titel lang und zu finden auf dem neuen Hörbuch „Penis’gschichterln aus dem Hotel Mama“. Das wiederum ist eine Art Best of und versammelt zwölf Texte aus den Jahren 1994 bis 2010, dargeboten teils als Live- teils als Studiolesung. Das meiste dürfte Fans bekannt sein, nur die eingangs erwähnten Interviewantworten und „Tätowiert, motorisiert, desinteressiert“ wurden noch nicht veröffentlicht. Aber auch die alten Geschichten hört man sich im fünften Durchgang gerne an, denn was hier präsentiert wird, ist geistreicher, wunderschön komponierter, dabei absurder und gerade deshalb so entlarvender Irrsinn, der das Leben und die Welt treffender beschreibt als der Jahresausstoß der gesammelten Leitartikler unserer überregionalen Presse. (2CDs/rund 150 Minuten)

Text: Moritz Honert

ERNEST HEMINGWAY BEST OF

(SWR/WDR/Der AudioVerlag) Hemingway in einem Satz? Das geht: „Man kann einen Mann nur vernichten, nicht besiegen.“ So schrieb er das 1927 in der Stierkampf-Novelle „Der Unbesiegte“ wortwörtlich und später mit anderen Worten in eigentlich allen seiner Bücher und Geschichten. Anlässlich Hemingways 50. Todestages hat der Audio-Verlag acht Hörspieladaption von Geschichten und Romanen gesammelt, die zwi-

schen 1948 und 1977 vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk produziert wurden. Darunter „Der alte Mann und das Meer“, „Schnee am Kilimandscharo“ und „Wem die Stunde schlägt“ - die Romane natürlich gewaltig gekürzt. Das stört weniger als das Alter, das man den Produktionen deutlich anhört. Die Erzähler klingen schnarrend und näselnd wie die Fußballkommentatoren aus Adenauers Zeiten und auch die Dialoge sind sehr zack-zack aber dementsprechend altbacken. Wer sich an dem nostalgischen Flair nicht stört, bekommt dennoch einen schöne Einstieg in das Werk des wohl einzigen Mannes, der noch mehr Mann war als John Wayne. (8 CDs/rund 530 Minuten)

Text: Moritz Honert

SONST ERSCHIENEN Mit „Der Anschlag“ erscheint nicht nur die zehnte Folge von „Don Harris“ (Folgenreich/ Universal), sondern auch die erste Geschichte, die nicht auf einem Roman von Jason Dark beruht. Aber Autor und Regisseur Oliver Döring hat genug Erfahrung gesammelt, um den Kampf von dem Psycho-Cop gegen die Höllensöhne und ihr „Projekt 666“ passend weiterzuspinnen. Weitergesponnen wird ebenfalls die „Gruselkabinett“Reihe (Titania Medien), der wir auch noch mal ein Ohr geliehen haben, weil wir eine gewaltige Schwäche für Sherlock Holmes und ägyptische Archäologie mit uns herumtragen. So richtig begeistert waren wir dann aber nicht von Folge 51 und Arthur Conan Doyles „Die Mumie“. Zum einen ist die Story über einen mysteriösen Nachbarn und einen herumschleichenden Killer doch arg vorhersehbar, zum anderen ist das Finale dermaßen unspektakulär, dass man sich kurz fragt, ob man da einen Witz nicht verstanden hat.

Texte: Holger Muster, Moritz Honert


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BIRAND BINGÜL DER HODSCHA UND DIE PIEPENKÖTTER

(DG Literatur/Universal) Nuri Hodscha wird in eine deutsche Kleinstadt versetzt, um eine muslimische Gemeinde zu übernehmen. So recht will es ihm da nicht gefallen, gibt es doch nicht mal eine richtige Moschee. Die fordert er aber direkt öffentlich ein. Das findet Bürgermeisterin Ursula Piepenkötter kurz vor der (Wieder-)Wahl gar nicht spaßig – und schon fliegen die Fetzen... Wann immer ein bürgerlicher Machtinhaber auf einen geistlichen Würdenträger trifft, wird natürlich auf „Don Camillo und Peppone“ verwiesen. Das kann auch hier nicht ausbleiben, denn die Wortgefechte sind ähnlich unnachgiebig und der Hodscha konferiert immer wieder mit seinem Gott. Hinzu kommt noch etwas „Romeo und Julia“ und fertig ist das durchaus unterhaltsame Update dieses ewigen Zweikampfs. (4 CDs/rund 292 Minuten)

Text: Holger Muster

STAR WARS THE CLONE WARS (FOLGE 1 UND 2)

(Folgenreich/Universal) Zwischen den „Star Wars“Filmen II und III klafft zeitlich eine Lücke, die mit der Animationsserie „The Clone Wars“ etwas geschlossen wird. Wer von Helden wie Anakin Skywalker und Yoda nicht genug bekommen kann, ist hier also richtig. Die Hörspiele setzen je zwei TV-Folgen um, wobei auch drei auf die CDs gepasst hätten. Aber die Machart ist gelungen. Die fehlenden Bilder werden durch starke Sounds und die effektiven Beschreibungen von Erzähler Uli Krohm gut kompensiert. Inhaltlich geht es vor allem darum, dass die Jedis von einem neuen Schlachtschiff erfahren. Wie der zweite Untertitel „Die Zerstörung der Malevolence“ aber verrät, wird am Ende alles gut. Also eher viel Lärm um Nichts, doch dafür unterhaltsam. (je 1 CD/rund 45 Minuten)

(Heyne Hardcore) Endlich gibt es das auf Englisch bereits vor drei Jahren erschienene „offizielle Bandbuch“ nun auch auf Deutsch. Es handelt sich nicht um eine klassische Biografie, sondern um eine umfangreiche Materialsammlung mit persönlichen Texten von Strummer, Jones, Simonon und Headon und ist von den verbliebenen Bandmitgliedern autorisiert (deshalb „offiziell“). Auf über 400 Seiten äußern sich The Clash zu allen relevanten Themen, von der Entstehung der Band 1976 über Tourneen, Singles und LPs bis zur Auflösung 1984. Zahlreiche Zeitungsausschnitte, Fotos, Setlists, Album- und Singlecover vermitteln zudem nicht nur eine Ahnung vom gesellschaftlichen Umfeld, in dem sich The Clash und Punk in England entwickelten, sondern machen auch den zu spät Geborenen deutlich, was sie versäumt haben: Journalisten und Fans sind elektrisiert, das Establishment ist schwer verwirrt, Polizei und Behörden sind vollkommen ratlos – aber allen ist klar, dass sie Zeuge von etwas ganz Besonderem, Großen, weit über die Musik hinaus Gehenden sind. Daneben wirkt jeder Hype um Pete Doherty, Josh Homme oder meinetwegen auch Michael Jackson einfach nur lächerlich. Musik wird nie wieder den Stellenwert in der Gesellschaft haben, zu dem ihr Bands wie The Clash verholfen haben. Ein Must-Have für jeden Clash-Fan, ein ShouldHave für jeden Ramones-Fan – und eine Erbauung für jeden wahren Musikliebhaber. Text: Elmar Bassen

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Moses Schneider Das etwas andere Handbuch oder How To Pimp My Übungsraum (Transporterraum Verlag)

Es ist Musikproduzent Moses Schneider hoch anzurechnen, dass er „Das etwas andere Handbuch“ geschrieben hat, könnte er sich doch mit etwas Pech damit um seinen Job bringen. Denn so detailverliebt und offen, wie Schneider in diesem kleinen Leitfaden zum perfekten Recording im eigenen Proberaum vorgeht, erweckt er wirklich den Eindruck, dass jeder eine Platte wie Turbostaats „Island Manöver“ (Bild unten rechts), die „Boombox“ der Beatsteaks (Bild unten links) oder Tocotronics „Schall & Wahn“ aufnehmen kann, zumindest so lange er die entsprechenden Songs parat hat. Von der besten Mikrofonierung (inklusive der mittlerweile legendären „Wurst“ für Schlagzeug-Aufnahmen) über den gewünschten Bass-Drum-Sound bis zur empfehlenswerten Ordnerstruktur im Computer während der Aufnahmen – „Das etwas andere Handbuch“ leitet durch den ganzen Prozess und lässt wenig Fragen offen. Neben allen guten Tipps und Tricks legt Schneider in diesem Buch irgendwie auch sein musikalisches Ich offen, indem er gerade heraus sagt, was er an einer guten Aufnahme wichtig und unwichtig findet. Dass man aufgenommene Takes statt sie zu nummerieren lieber „Letzter vor der Essenspause, müde, das können wir besser, super letzter Refrain“ nennen sollte, zeigt die Liebe zur ungekünstelten Musik, die Schneider offensichtlich antreibt. Empfehlenswert auch für Besitzer großer Studios. Wenn ihr euch Moses Schneider nicht leisten könnt, aber trotzdem ein Hitalbum auf Tasche habt, könnt ihr vielleicht mit einem der zwei von uns verlosten Exemplare etwas anfangen. Schreibt uns eine weitere Band, die Moses produziert hat an verlosung@sallys.net Text: Timo Richard

Text: Holger Muster

THE CLASH Das offizielle Bandbuch

HÖR-/BÜCHER

Anja Goerz Herz auf Sendung

(rororo) Hrm. Nö! Nichts gegen Liebesgeschichten mit Happy End, nichts gegen Sylt, nichts gegen Frauenthemen – aber dieses Buch geht gar nicht. Da reiht sich Klischee an Klischee, seicht an bescheuert, Rosamunde Pilcher an Arzt-Roman. Pummelige Frauen sind voll lustig und total sympathisch und schwärmen heimlich vor sich hin für debile Radiomoderatoren. Kommt es dann zum lang ersehnten Date, müssen sie sich so viel Mut antrinken, dass sie nicht mehr wissen, von wem um alles in der Welt sie denn nun schwanger sind. Häh? Klar, dass am Ende der Richtige dann doch der Frosch war und wenn sie nicht gestorben sind… Dann doch lieber Mängelexemplare mit Feuchtgebieten! Text: Caroline Frey

Peter May Die Katakomben von Paris

(rororo) Eine Wette lässt den schottischen Forensiker Enzo Mackay Ermittlungen in einem Fall aufnehmen, der bereits zehn Jahre zurück liegt: Jaques Gaillard, ein hohes Tier in der französischen Regierung, verschwand damals spurlos. Als Enzo zusammen mit dem Journalisten Roger Raffin zunächst immerhin den Schädel des Vermissten in den Katakomben unter Paris findet, wird klar: Gaillard ist nicht nur verschwunden, sondern ziemlich tot. Die Spu-

rensuche wird jetzt zum kryptischen Rätsel. Dem Schädel sind verschiedene Gegenstände beigefügt, die auf den ersten Blick keinen rechten Sinn ergeben wollen. Womit auch das grundlegende Prinzip dieser Geschichte verraten wäre. Eine gute Idee, in ihrer Wiederholung – und so ein Toter besteht ja aus mehr als nur aus seinem Kopf – irgendwann leider etwas monoton wird. Das große Finale und die gut gezeichneten Figuren machen dieses Buch aber doch zu einem lesenswerten Krimi, der Lust auf den zweiten Fall macht. Text: Caroline Frey

Kim Frank 27

(rororo) Wenn Ex-Musiker Bücher über Musiker schreiben, ist das oft ärgerlich und meistens irgendwie unangenehm für den Leser. Kim Frank, ehemals Sänger der Teen-Pop-Grunge-Band Echt und auch ansonsten ein umtriebiger Kreativmensch lässt es sich nicht nehmen und schreibt einen Roman über einen Musiker, namentlich Mika, der kurz vor seinem 27. Geburtstag zum Star wird. Doch anstatt den plötzlichen Ruhm zu genießen, hat Mika Angst, bald dem berühmten „Club 27“ anzugehören. Den Rest kann man sich irgendwie denken. Wie das so ist, wenn Musiker über Musiker schreiben, fehlt auch Kim Frank der Abstand zum Klischee. Mit trüffelschweinhafter Treffsicherheit fördert er sowohl erzählerisch wie auch stilistisch Plattheiten zu Tage und pflügt durch den Garten berechenbarer Sex-, Drugs- und Rock’n’Roll-Snapshots, als hätte er es irgendwie eilig, endlich mit diesem hingeschluderten Buch fertig zu werden. Man kann nur hoffen, dass Kim Frank und Mika nicht zu viele Gemeinsamkeiten haben. Text: Timo Richard

TV-TIPP Summer of Girls

Arte widmet sich einen ganzen Sommer lang den starken Frauen der Popmusik. Zu Recht. Bereits seit 2007 existiert der Programmschwerpunkt „Summer of...“. Anstatt, wie in der Vergangenheit, eine Zeitreise in frühere Jahrzehnte zu unternehmen, widmet sich der „Summer of...“ diesmal starken Frauen, die Musikgeschichte schrieben. Jeden Dienstagabend im Juli und August zollt Arte Musikerinnen wie Aretha Franklin, Barbra Streisand oder Kylie Minogue Tribut. Durch das Programm, das unter anderem legendäre Konzerte und Musikdokumentationen zeigt, führt keine Geringere als Wir Sind Helden-Frontfrau Judith Holofernes. Jeder Abend steht dabei unter einem besonderen Motto: Dass „Groupies“ nicht immer nur „Groupies“ waren, sondern die sexuelle Revolution mit eingeläutet haben, erzählt beispielsweise der Abend „Rock Angels“, der mit einem Konzert von PJ Harvey ausklingen wird. Die Sendung „Icons and Idols“ schlägt einen Bogen von Janis Joplin, dem ersten weiblichen Rockstar, bis zu Anna Calvi, die aktuell Publikum und Kritiker begeistert. Auch in den Spielfilmen, die Arte zur Primetime zeigt, geben Frauen den Ton an: Norah Jones in „My Blueberry Nights“ oder die unvergleichliche Meryl Streep in „Last Radio Show“.


X-Wort

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QUERGEFRAGT Einfach die Antworten auf die Fragen in die dazugehörigen Kästchen kritzeln, und somit im besten Fall das richtige Lösungswort ermitteln. Das könnt ihr dann per Postkarte oder E-Mail an uns schicken und nehmt damit automatisch teil an der Verlosung des neuen Casper-Albums „XOXO“. Einsendeschluss ist der 18. Juli 2011. [Sämtliche Umlaute (also ä, ö, ü) werden zu Vokalen (ae, oe, ue) und alle Begriffe werden ohne Leerzeichen geschrieben. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.]

Waagerecht

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3. Da kommen angeblich die Frauen her. Böser Zwilling von hier 5. Dauerbeschallung bei Jennifer Rostock. Lieblingsfarbe von Barbie 6. Das Gegenteil von Blaine. Lieblingstyp von Barbie 8. Können Taking Back Sunday jetzt auch nicht mehr auseinanderbringen. Lieblingsklientel von Barbie 10. Sollte man in Mexiko nur mit ausreichend Schmiergeld versuchen. 11. Lieblingsthema im HipHop. Jagt der Hund an sich selbst 14. Weiß um die Größe deines Schwanzes 16. Zwischenzeitlicher Wohnort von Casper. Demnächst vielleicht keine Supermacht mehr 18. In Gold Lebenszeichen. Sonst eher lebensbedrohlich giftig 20. Mit Bonham-Carter im Kino. Englisches Frühstück ohne geht gar nicht 25. Mit ie geschrieben Pop-Historie. Lieblingshaarfarbe von Barbie 26. Für Jason Black ganz was neues. Für andere Mord 28. Das freundliche Gespenst. Auf dem Titel dieser Ausgabe

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1. Bei K.I.Z. auf dem Brot, bei Moses Schneider im Schlagzeug 2. Mit Timmy dem Hund fünf. Essentiell für die Entstehung von Big Talk-Alben 4. Lateinischer Testinhalt 7. Held von Kim Franks Gruselgeschichte. Ansonsten mit Kopfstimme ziemlich erfolgreich 9. In klein aus Schweden/Japan. Als Frucht in albernen Modegetränken. Ansonsten eher feurig temperamentvoll 10. Extraschmankerl auf Cee Lo Green-Konzerten 12. Dieser Ian ist laut Casper eigentlich Gott 13. Um das sein zu dürfen, muss man nur HipHop machen. Auch ansonsten für fast jeden machbar. 15. Sind Simple Plan mittlerweile vielleicht. Erwachsen nicht 17. Dort steht nach Black Lips-Geographie ein Berg. Lawrence’ Hauptaufenthaltsort 19. Vergnügungszentrum bei K.I.Z. Kalt im Kino 21. DAS Medium für Pixel Ping Pong. In Zusammenhang mit Empire weniger entspannend 22. Umarmung und Küsschen auf Internettisch. Konsensalbum auch 23. Als Bande im dritten Programm beliebt. Als Zwilling ziemlich reich 24. Wenn als Kriegsverbrecher unterwegs, gehen K.I.Z. gerne dahin 27. ... sind die Bäume im Speed Dating. Laut NAS geht es HipHop genau so

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Das Lösungswort der letzten Ausgabe war übrigens „HERING“

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Seite 66

SCREENSHOTS/VORSCHAU/IMPRESSUM

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TIMMY

Ich gehe gerne langsam. Ich stehe gerne, sitze gerne und liege gerne rum. Mir macht es nichts aus, an roten Ampeln zu warten und ich bleibe auch sonst gerne einfach mal stehen. Denn immer dann – wenn man sich langsamer bewegt als die Welt – zieht diese mit lustigen Schritten an einem vorbei und macht dabei irgendwelchen Blödsinn. Wie zum Beispiel neulich, als ich bierisch langsam, nahezu unhörbar, mit Unterschall-Geschwindigkeit, durch meine Heimatstraße schlich und mich ganz dolle duckte, damit mich eventuell vorbeifahrende Google-Street-View Kamerawagen nicht erwischen konnten, um nachher Fotos von mir zu veröffentlichen, auf denen ich ganz verschwommen aussehe. Eine ältere Nachbarin stand vor der Türe und redete mit jemandem. Hörbar erregt. „Timmy“,

VORSCHAU INTERVIEWS Portugal. The Man

IM KINO Gleich zwei viel beschäftigte Männer standen uns Rede und Antwort: US-Schauspieler Jason Bateman, der mit „Kill the Boss“ und „Wie ausgewechselt“ zwei neue Komödien am Start hat, und Tausendsassa Matthias Schweighöfer, der bei „What a Man“ nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern auch die Regie übernahm. Mangelnde Frauenpower ist allerdings auch nicht zu befürchten, dafür sorgt „Avatar“-Star Zoe Saldana im Actionfilm „Colombiana“.

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sagte sie, „Wenn ich gewusst hätte, dass du nur zum Spielen raus willst, dann wären wir oben geblieben. Komm jetzt her! Wir gehen hoch zu Papa. Der spielt dann mit dir. Kommst du?“ Timmys Antwort war überraschend. Er sagte nicht: „Ja, Mama“, oder „Nein, Mama“, sondern „WUFF!“ Timmy war klein, hatte braunes Fell, Waschlappenohren, Schokolinsenaugen und roch nach Kot. Timmy war ein Hund. Ich weiß, dass Menschen mit Hunden sprechen. Ich selbst habe es bestimmt schon mal getan. Nicht lange. Aber vor allem irgendwie ANDERS. Die Menschen machen einen Unterschied in Vokabular und Tonfall, je nachdem, ob sie mit ihrem Hund, ihrer Mama, einer Prostituierten oder ihrem Bewährungshelfer sprechen. Niemand sagt: „Fick dich, du Hure, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“, zu seiner Freundin oder versucht eine Torte zu kaufen mit den Worten: “ Na, wo hat der kleine Kacka-Kacka-Bäcka denn seine HappaHappa-Torte? Na, wo denn?“ Niemand! Ich weiß, dass Menschen und Hunde seit Jahrhunderten ein extremes Verhältnis pflegen und ich glaube auch, dass ganz bestimmte Menschen zu ihren Hunden ein ganz BESONDERS extremes Verhältnis pflegen. Egal. Menschen mögen Hunde. Sie baden sie, sie föhnen sie und schleckern sie ab. Sie kaufen ihnen Schuhe, Schmuck und Koks und bringen ihnen Männchen und amputieren bei. Hunde haben ihre eigenen Salons, Clubs, Schulen und Autos. Es gibt Zeitschriften, Zahnbürsten, Bars, Restaurants, Hotels und alkoholfreien Champagner für Hunde. Hunde heiraten, lassen sich scheiden und gehen in den Puff. Es gibt sogar Hunde, die so reich sind, dass sie sich selbst Hunde halten. Für Hunde gibt es ALLES! Trotzdem sind Hunde keine Menschen, sondern allenfalls ihr bester Freund (nach Alkohol) und deshalb muss die Konversation mit ihnen auch keinem wissenschaftlichen Anspruch gerecht werden. Es muss – ehrlich gesagt – nicht mal Konversation sein. „Mach Sitz“, „Platz“ und „Fass!“ reichen völlig aus. Gestern habe ich Timmy und Frauchen aufgelauert. Ich wollte mehr. Und es gab mehr! „Mann! Bist du dumm? Ich habe dir tausend Mal gesagt, wenn ICH über die Straße gehe, dann gehst du mit. Jetzt bleibst du so lange drüben, bis ich dich hole.“ Diesmal war die Antwort verständlicher: „Ja, Schatz!“, sagte ihr Mann. Und blieb drüben. Bis sie ihn holte. Yessica Yeti

Josef Limper (www.kanzlei-limper.de) Marc Zibirre, LL.M. (info@merribiz.de)

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Bücher: Timo Richard *** Comics: Andreas Hartung *** Comicstrip: aha *** Computerspiele: Tito Wiesner *** Demodesaster: Roy Fabian, Maik Werther *** Hörspiele: Moritz Honert *** Kino: Patrick Heidmann *** Neuigkeiten: Robby Steuding *** Platten: Ina Göritz *** Sport: Christine Stiller *** Lektorat: Florian Hayler, Torsten Hempelt *** Online: Ina Göritz, Christine Stiller

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Frank Abel, Jochen Barthel, Elmar Bassen, Volker Bernhard, Kai Butterweck, Ben Foitzik, Jens Fritze, Gordon Gernand, Robert Goldbach, Sebastian Gosmann, Sarah Gulinski, Michael Haacken, Cornelis Hähnel, Florian Hayler, Lasse Holler, Leon Ilsen, Stephanie Johne, Tim Kegler, Aiko Kempen, Philipp Kohl, Eric Landmann, Arne Lieb, Dirk Lüneberg, Peter Meisterhans, Nina Meyer, Boris Mischke, Christopher Mühlig, Johannes Musial, Holger Muster, Elisabeth Nagy, Vanessa Pape, Marc Phillips, Friedrich Reip, Sascha Rettig, Verena Reygers, Timo Richard, Daniel Schieferdecker, Franziska Schuh, Kristin Sperling, Steffen Sydow, Maritta Seitz, Natascha Siegert, Fabian Soethof, Samuel Stein, Frank Straessner, Frédéric Schwilden, Katharina Schulze-Geißler, Frank Thießies, Nina Töllner, Hans-Christian Vortisch, Marek Weber, Silvia Weber, Kati Weilhammer, Marcus Willfroth, Yessica Yeti

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Auszubildende: Mandy Scholz

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Titelfoto Casper und K.I.Z.: Erik Weiss Fotografen: Frank Abel, David Biene, Birte Filmer, Sebastian Gabsch, Ali Ghandtschi, Tim Klöcker, Oliver Schümers, Jan Umpfenbach, Erik Weiss, Jan Windszus, Ben Wolf, Stephan Mühlau

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Caroline Frey, Mario Krenz Editorial Design & Konzept: Bijan Latif * www.bijanlatif.com

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