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JUNI 2014

Kinder in den Kommunen

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Zukunftskongress 01. – 02. Juli 2014 Ebene B | Stand B 0256


Inhalt

Titel Kinder in den Kommunen 4

Foto: Dirk Bleicker

Liebe Leserin, lieber Leser, nach der Wahl ist vor der Wahl. Aber trotzdem müssen wir erst mal alle Ergebnisse sichten, einordnen, Wunden lecken und vielleicht sogar der Freude über einen Sieg Ausdruck verleihen. Wir haben ein paar Highlights, Bemerkens- und Wissenswertes der Kommunalwahlen vom 25. Mai auf den Seiten 26 bis 28 zusammengetragen. An der Form der Kinderbetreuung liegt es oft immer noch, dass Frauen nach Geburten nicht wieder auf die Karriereleiter aufspringen können. Dazu hat Maicke Mackerodt ein paar Best-Practice-Beispiele herausgesucht auf der Seite 13. Wie es um die Ernährung unserer Sprößlinge bestellt ist, das erklären die Beiträge auf den Seiten 12 und 29. Die Berliner Starköchin Sarah Wiener kocht persönlich. Die Personalentwicklung in den Kommunen hat Nachholbedarf. Die Konkurrenz zu gut zahlenden Privatunternehmen ist gestiegen. Wie man das Thema neu angehen kann, zeigen der Verband Kommunaler Arbeitgeber und Verdi auf den Seiten 22 und 24. Holger Albers schildert auf Seite 20, was die Personalentwicklung eher bremst und wie dort der Fuß wieder auf´s Gas kommt. Unsere letzte Ausgabe vor der Sommerpause kommt Anfang Juli zu Ihnen. Bis dahin viel Sonne (nicht nur im Herzen) wünscht

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Frauen wollen Familie und Beruf | Interview mit Manuela Schwesig, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Wer arm ist, stirbt früher | Gesundheit geht auch die Kommunen an Leidenschaftlich nachhaltig | Junior-Ranger in Brandenburg Solidarische Stadtgesellschaft | Nürnberg und die Kinderrechte Rollenspiel für´s Kindeswohl | Integration à la HIPPY Jede Neuerung bedeutet Veränderung | Jahrgangsübergreifender Unterricht „Kein Kind zurücklassen“ | Präventionsketten schmieden, Kindern helfen Wachsen Pommes Frites in der Tüte? | Sarah Wiener stiftet Gesundheit für Kinder „Neue Zeiten für Familien“ | Städtenetzwerk für gestresste Eltern „Bürger haben realistische (Kosten-)Vorstellungen“ | Familienkonferenz in Hannover Flexibel und bedarfsgerecht | Kitaplanung per Software SPD-Bundestagsfraktion | Kampf gegen Analphabetismus

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4 Report Personalentwicklung 17 18 20 21 22 24 25

Zeitenwende | Nachwuchs schwer gesucht Aufsichtsrat will gelernt sein | Wichtige Aufgabe in kommunalen Unternehmen Von der Schulden- zur Nachwuchsbremse | Die Konkurrenz ist DAX-notiert Was ist eine Kippa? | Migrationshintergrund willkommen Der Münchner Weg | Erfolgreiche Personalarbeit Gute Arbeit in Kommunen| Systematische Personalentwicklung tut Not Sozialdemokratische Kommunal-Akademie | Ausbildung für PolitikerInnen in spe

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Barbara Behrends, Chefredakteurin

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Kommunalwahlen 2014 | Highlights, Ergebnisse und Statistiken Bücher | Termine Das Letzte | Vorschau | Impressum 5 | 2014 DEMO

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Frauen wollen Familie und Beruf Familienministerin Manuela Schwesig kann die Sorgen und Nöte von Müttern bestens nachvollziehen. Sie hat selbst den siebenjährigen Julian, um den sich die ganze Familie kümmert. Dazu gehört: Auch die Minister-Mutter selbst plant feste Zeit für ihren Sohn ein Interview Barbara Behrends

DEMO: Frau Schwesig, in dieser Ausgabe dreht sich alles um die Kinder. Sie haben selbst einen siebenjährigen Sohn. Bekommen Sie persönlich die Planung mit Schule, Zeit fürs Kind und der geplanten Hilfe von Vater und Großeltern immer nahtlos hin? Manuela Schwesig: Wie alle Eltern, die den Spagat zwischen Beruf und Familie meistern, müssen auch wir gut organisiert sein. Meistens fahre ich mittwochs nach der Kabinettssitzung nach Hause und verbringe den Rest des Tages gemeinsam mit meinem Sohn. Dann lese ich auch keine Akten

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zwischendurch und das Handy schalte ich aus. Das Gleiche gilt auch für den Sonntag. Meine Schwiegermutter, die in Schwerin lebt, holt einmal in der Woche Julian von der Schule ab und geht mit ihm zum Gitarrenunterricht. Das ist natürlich eine große Unterstützung und immer ein besonderer Tag für meinen Sohn. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für beide Elternteile nicht einfach zu managen. Das meiste bleibt immer noch an den Frauen hängen. Wie kann man diesem Problem beikommen, was

kann das Ministerium da bewirken? Die Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt, ein bedarfsgerechtes Angebot an Betreuungsplätzen und flexible Arbeitszeiten sind der Schlüssel, um Familien den Rücken zu stärken. Für Letzteres gibt es demnächst das ElterngeldPlus. Wer Teilzeit arbeitet, soll künftig den vollen Anspruch des Elterngelds nutzen können. Und wenn sowohl Vater als auch Mutter Teilzeit arbeiten und sich gemeinsam um das Kind kümmern, soll es einen Partnerschaftsbonus geben. Dies ist ein erster Schritt zur Umsetzung meiner Idee der Familienarbeitszeit. Wir brauchen au-


Titel

Titel: Kinder in den Kommunen

Foto: SerrNovik/Fotolia

milienarbeitszeit angestoßen. Wenn beide Eltern ihre Arbeitsstunden eine Zeit lang etwas reduzieren können, bleibt für beide genug Zeit für die Familie und niemand muss seine beruflichen Ziele gefährden. Und auch die Wirtschaft profitiert von motivierten Vätern und Müttern, die beide als qualifizierte Fachkräfte dem Arbeitsmarkt weiter zur Verfügung stehen.

ßerdem den Rechtsanspruch auf Rückkehr in Vollzeit. Darauf haben sich SPD und Union auch geeinigt. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles wird dazu ein entsprechendes Gesetz auf den Weg bringen. Ist die Kinderbetreuung inzwischen überall in der Republik flächendeckend gesichert? Kann jede Frau arbeiten, auch Vollzeit, wenn sie es möchte? Viele Frauen stehen immer noch vor der Wahl zwischen Familie und Beruf. Leider ist es nicht selbstverständlich, beides haben zu können. Oft fehlt ein geeigneter Kita-Platz oder flexible Arbeitszeiten sind im Unternehmen nicht akzeptiert. Wir werden in den nächsten vier Jahren sechs Milliarden Euro zusätzlich für Kitas, Schulen und Hochschulen bereitstellen und damit den Ausbau der Kinderbetreuung in Kita und Hort weiter vorantreiben. Über die Hälfte aller Eltern wünschen sich, dass es möglich wäre, die Arbeit mit den Kindern partnerschaftlich zu

Manuela Schwesig

Foto: Bundesregierung/Denzel

teilen. Nur 14 Prozent können das umsetzen. Da muss sich was tun, aber was? Neben dem konkreten Vorhaben ElterngeldPlus, das bereits im Juli 2015 in Kraft treten soll, habe ich die Diskussion um eine Fa-

Es ist wichtig, dass gerade Frauen nach ihrer Elternzeit wieder voll in den Beruf einsteigen können. Was für Pläne hat das Ministerium, um ihnen dabei nachhaltig zu helfen? Teilzeit gilt in Unternehmen oft als Sackgasse für Karrieremöglichkeiten. Es sind jedoch mehrheitlich Frauen, die ihre Stundenzahl nach dem ersten Kind reduzieren. Die so genannte Präsenzkultur mit Besprechungsund Konferenzterminen bis in die späten Abendstunden hinein schrecken viele Mütter ab. Da sind schon die Unternehmen in der Pflicht, auch eine familienfreundliche Arbeitskultur zu schaffen.

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Titel

Foto: freshidea/Fotolia

Wer arm ist, stirbt früher?

Beim Thema Gesundheit können Kommunen viel machen. Und das müssen sie auch Autor Jan Schröder

Knapp ein Viertel der erwachsenen Deutschen hat starkes Übergewicht. Ein Drittel konsumiert zu viel Alkohol. Und vier Fünftel bewegen sich im Alltag zu wenig. An schlechten Vorbildern für die nachwachsende Generation mangelt es nicht, quer durch alle Gesellschaftsschichten. Verbinden sich derartige erste Lebenserfahrungen mit geringeren Bildungschancen wird „Wer arm ist, stirbt früher!“ zur traurigen Realität. Kinder aus Familien mit geringerem sozioökonomischem Status haben immer noch eine um mehr als zehn Jahre geringere Lebenserwartung als ihre besser gestellten Altersgenossen. Sie müssen zudem damit rechnen, wesentlich früher und länger unter gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu leiden. In einem so wohlhabenden Land wie Deutschland ist das schwer zu ertragen. (Über)lebenschancen dürfen nicht von Geburts- und Wohnort abhängen. Auch rein ökonomisch betrachtet, ist es wenig sinnvoll, Krankheiten teuer zu therapieren und Arbeitsausfall zu finanzieren, wenn man dies mit gesundheitsökonomisch effizienten Maßnahmen in der Kindheit verhindern kann.

Umsorgungsnetzwerke Materieller Ausgleich allein reicht nicht aus, um im eng verwobenen Geflecht aus Bildung, Gesundheit und Wohlstand Wirkung zu erzielen. Vielmehr gilt es, Familien in ihrer Schutz- und Vorbildfunktion zu stärken,

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sie bei Wissensvermittlung und Bewusstseinsbildung zu unterstützen. Dies gelingt, wenn wir die Lebenswelten Familie und Gleichaltrigengruppen sowie Kita, Schule und Quartiernäher ins Visier nehmen. Erfolgreiche Projekte sind mit den Netzwerken Gesunde Kinder in Brandenburg und den Präventionsketten in Nordrhein-Westfalen bereits am Start. Familienpaten und –hebammen unterstützen Familien in den ersten Jahren. Kitas bereiten gemeinsam mit Eltern gesunde Frühstücke vor. Schülerkonfliktlotsen verhindern die Eskalation von Gewalt auf dem Schulhof. Streetballprojekte geben dem Imponiergehabe männlicher Jugendlicher neue Ausdrucksformen, die nichts mit exzessivem Trinken zu tun haben. Klar ist: Es geht um mehr als die bisherigen Kurs- und Informationsangebote der Krankenkassen zur Prävention. Und ebenso klar ist: Gesundheitsförderung sieht im Hochschwarzwald anders aus als in Neukölln. Überall gilt es jedoch, Gesundheitsförderung bei Fachkräften und Ehrenamtlichen zu bewerben. Gebraucht werden zudem strategisch handelnde Netzwerke auf kommunaler Ebene, in denen Menschen und Institutionen wie Schule, Jugendarbeit, Kitas, Kinderärzte, Stadtentwicklung, Gesundheitsamt u.v.a. zusammenwirken. Lokale Bündnisse für Familie können dort, wo es solche Netzwerke noch nicht gibt, ein guter Ausgangspunkt sein.

Gesundheit und Herkunft „Gesund aufwachsen – für alle!“ ist überall dort ein Thema, wo die Gesellschaft nicht akzeptieren möchte, dass Gesundheit immer noch eine Frage der Herkunft ist. Auf einer Anhörung der ASG (Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokrat/inn/en im Gesundheitswesen) zum geplanten Präventionsgesetz am 8. Mai 2014 in Berlin, wurden verbindliche Rahmenbedingungen gefordert, um setting-orientiertes Arbeiten nachhaltig zu etablieren und zu vervielfältigen. Zusätzliche finanzielle Mittel und verlässliche Netzwerkstrukturen vor Ort mit der Kommune als Gewährleistungsträger helfen dabei mit. Bundesweite Gesundheitsziele geben Orientierung, ein bundesweites Kompetenzzentrum soll Qualifizierung bieten. Konkret gehandelt und entschieden werden muss jedoch vor Ort. Denn eins steht fest: Kinder brauchen uns alle, damit gesund aufwachsen Realität wird.

Dr. Jan Schröder www.jan-schroeder-beratung.de Weitere Informationen zum Thema Die Anhörung der Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im Gesundheitswesen (ASG) ist Online dokumentiert. Hier findet sich auch eine Langfassung dieses Beitrags. www.spd.de/spd_organisationen/ASG/aktuelle_ themen/anhrung-zum-prventionsgesetz


Titel

Leidenschaftlich nachhaltig Was haben Wolf, Langohr und Stachelbart gemein? Junior-Ranger in Brandenburg kennen die Antwort Autorin Betina Post, Sachgebietsleiterin Umweltbildung, Naturwacht Brandenburg

Brandenburgs Reichtum liegt gut getarnt unter dem Dach der Buchenwälder, in den Tiefen der Flussauen, in den Weiten der Heiden... Namen wie Stachelbart, Moosjungfer, Langohr, Sonnentau und Federgeistchen bergen das Versprechen gut erzählter Geschichten mit kleinen Helden und großen Taten. Und genau das ist es, was die Junior Ranger erleben. Im Alter zwischen fünf und 16 Jahren gehen sie gemeinsam mit den Rangern der Naturwacht Brandenburg auf Entdeckungsreise und lassen sich vom Reichtum der Natur

in eine Geschichte entführen, in der sie selber eine Rolle spielen können. Angetrieben von der eigenen Neugier und bestärkt durch die gemeinsamen Entdeckungstouren, üben sich die Junior Ranger in ihren persönlichen Fähigkeiten und lernen, das scheinbar Offensichtliche zu hinterfragen und abzuwägen: die Zusammenhänge zwischen stabilen Ökosystemen und nachhaltigem Leben, den Wert und die Auswirkungen von Nutzen und Schutz der Landschaft. Somit ist das Junior-Ranger-Programm eine

lebensnahe und aktive Ergänzung der schulischen Bildung. Es wurde sowohl als UNDekade-Projekt „Bildung für nachhaltige Entwicklung“, als auch im Rahmen des bundesweiten Programms als UN-Dekade-Projekt „Biologische Vielfalt“ ausgezeichnet. Allgemeine Infos und mehr zum Programm www.naturwacht.de und www. junior-ranger.de „Junior Ranger“ beim Nachhaltigkeitswettbewerb des Landes Brandenburg bit.ly/1k4FABa Anzeige

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Titel

Die solidarische Stadtgesellschaft – auch für die Kleinsten Kinder sind unsere Zukunft. Und die muss gepflegt werden Autor Reiner Prölß

Kinder haben Rechte – überall auf der Welt. Die Kommune ist dabei das unmittelbare Lebensumfeld, das auch in ihrem Sinne gestaltet werden muss. Auf Grundlage der UN-Kinderrechtskonvention und des Kinderund Jugendhilfegesetzes (SGB VIII) tragen kommunale Jugendämter zur Durchsetzung der Rechte von Kindern auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit bei. „Die solidarische Stadtgesellschaft“ – ein Leitprinzip der Nürnberger Kommunalpolitik – gilt somit auch für die Jüngsten der Stadt.

Modell für die Kletterskulptur entstanden in einem Workshop mit Kindern und Jugendlichen der Falkengruppe Nürnberg Maxfeld und Künstlern, begleitet vom Jugendamt. Die bereits angesprochene Kinderkommission organisiert zudem regelmäßig vor den stadtteilbezogenen Bürgerversammlungen Kinderversammlungen, in denen Fachleute aus der Stadtverwaltung sich die Anliegen der Kinder anhören. Über den Ausgang der Anträge erhalten die Kinder eine Rückmel-

Die achte Station der Straße der Kinderrechte steht für einen weiteren Bereich: Kommunen sind aufgefordert, die Lebensbedingungen in ihrem Wirkungskreis von Kindern mitgestalten zu lassen. Die Idee und das

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Nürnberg macht was für Familien Nürnberg will sein Profil als familienfreundliche Stadt stärken, der strukturellen Benachteiligung von Familien entgegenwirken und ein solidarisches Miteinander der Generationen voranbringen. Das ist auch ein Beitrag für eine neue Kultur des Aufwachsens.

Erst 2010 hat Deutschland diese UN-Konvention in allen Punkten ratifiziert. Foto: Yvonne Bogdanski/Fotolia

Dies zeigt sich auch in den Kindertageseinrichtungen: Galten sie früher lediglich als „Betreuungsorte“ für Kinder, so gehören heute bildungspolitische Erwartungen dazu. Kommunen stehen damit nicht nur in der Pflicht, ein quantitatives Angebot an Krippen, Kindergärten und Horten bereit zu stellen, sondern auch die qualitative Entwicklung der Angebote zu gestalten. Dazu gehört neben einer Ausdifferenzierung der Bildungsinhalte und der kontinuierlichen Qualifizierung des Personals auch die bessere finanzielle Ausstattung von Einrichtungen, die wegen sozialräumlicher Herausforderungen besonders belastet sind und diesen Belastungen konzeptionell und fachlich innovativ begegnen. Neben der regelmäßigen quantitativen Bedarfsplanung hat Nürnberg bereits 2007 ein Programm zur qualitativen Weiterentwicklung der Kindertageseinrichtungen aufgelegt und finanziell ausgestattet.

dung und nehmen so an demokratischen Prozessen teil. Ein weiterer wichtiger Baustein in der Lobbyarbeit für Kinder und ihre Familien sind die Bündnisse für Familie. Das Original wurde 2001 in Nürnberg gegründet. Mit den Bündnissen sollen die Situation

In der Kommunalpolitik gilt nach wie vor das alte Motto: „Kinderlärm ist Zukunftsmusik!“ Wir sind gefordert, diese Zukunftsmusik nicht verstummen zu lassen. Kommunale Kinder- und Jugendpolitik hat vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten zum Wohle der Kinder. Wir müssen sie nur nutzen.

„Mit Bildung die Welt besteigen“ Nürnberg, das sich als Konsequenz seiner historischen Verantwortung als „Stadt des Friedens und der Menschenrechte“ der Menschenrechtsarbeit verschrieben hat, setzt auch in Sachen Kinderrechte Zeichen: Die Kinderkommission, 1993 als Unterausschuss des Jugendhilfeausschusses ins Leben gerufen, vertritt über Anträge an die Verwaltung oder direkte politische Initiativen Anliegen der Nürnberger Kinder. Im Jahr 2007 installierte sie im Stadtpark die „Straße der Kinderrechte“, die als begeh- und erfahrbares „Denkmal“ Kindern und Erwachsenen die Rechte von Kindern auf künstlerische, bunte, kindgerechte Weise nahebringt. Zuletzt wurde im Sommer 2013 die achte Station der Straße der Kinderrechte – „Mit Bildung die Welt besteigen“ – eingeweiht. Die Kletterskulptur spiegelt Artikel 28 der Kinderrechtskonvention, das Recht auf Bildung, Schule und Berufsausbildung, wider.

und die Lebensbedingungen von Familien stärker in den Mittelpunkt kommunalpolitischen Handelns gerückt werden.


Titel

Rollenspiel für‘s Kindeswohl

bislang sehr in seiner eigenen Kultur gelebt“, sagt Andrea Schlagmann vom Verein „FAIRBund“ in Leipzig.

Seit 1991 werden Kinder mit HIPPY auf die Schule vorbereitet

Das ist einer von nunmehr 42 Standorten in der Bundesrepublik, an denen HIPPY oder das Partnerprogramm Opstapje laufen. Derzeit, so Hagen Böttcher, Leiter der Stabstelle Marketing und Strategie von Impuls Deutschland, würden 1 850 Familien in 140 Gruppen bundesweit betreut. Mit rund 42 Prozent bilden die Türken die stärkste Gruppe. Laut Böttcher sind nur 16 Prozent Deutsche dabei.

Autor Ulf Buschmann

Die junge Mutter stellt sich vor. „Guten Tag, wir sind die HIPPY-Gruppe“, sagt sie etwas schüchtern in die große Runde eines Stadtteilzentrums in Bremen. Einmal in der Woche kommen sie und andere Frauen hier zusammen, um über Erziehungsfragen zu sprechen. Sie alle haben einen Migrationshintergrund, doch sie vereint noch mehr: Ihnen ist daran gelegen, ihren Kindern den Start in der Schule so leicht wie möglich zu machen. Zielgruppe sind Kinder von drei bis sieben Jahren. Dafür gibt es seit dem Jahr 1991 das Programm HIPPY. Es steht für „Home Interaction for Parents and Preschool Youngsters“. Dies bedeutet nichts weiter, als dass Eltern mit ihren Kindern in Rollenspielen die Fähigkeiten trainieren, die sie benötigen, um sich in der Schule und im Alltag zurecht zu finden. Konkret gestärkt werden sollen die koordinatorischen Fähigkeiten der Kinder, die Eltern-Kind-Beziehungen und nicht zuletzt die Sprachkompetenz.

Bildung beginnt in der Familie Vor allem Kindern aus Zuwandererfamilien soll HIPPY helfen zurechtzukommen – auch dann wenn ein oder beide Elternteile die deutsche Sprache nicht beherrschen. „Gerade Migrantenfamilien sind es gewöhnt, dass die Bildung ihrer Kinder von den Kindergärten und Schulen übernommen wird“, sagt Kirsten Limberger, HIPPY-Regionalkoordinatorin aus Gießen. Dabei fange Bildung schon in der Familie an, umschreibt sie die Philosophie hinter HIPPY. Die Erkenntnis, dass Mütter und Väter bereits etwas für ihren Nachwuchs tun müssen, setze sich immer mehr durch, ist aus den Reihen der HIPPY-Macher zu erfahren. Deshalb sei das Programm so aufgebaut, dass auch

Eltern mit wenig Deutschkenntnissen alles mitmachen könnten, weiß Selda Kirisci. Sie ist eine von drei Regionalkoordinatorinnen des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Bremen. Der Kreisverband der Hansestadt war einer der beiden Verbände, die HIPPY zunächst als dreijähriges Modell starteten. Die Fäden des Programms laufen auch heute noch in Bremen zusammen: bei der Impuls Deutschland gGmbH. Gesellschafter sind die beiden Vereine HIPPY Deutschland und Opstapje. So nennt sich ein Programm aus den Niederlanden, das ähnliche Ziele wie HIPPY hat, sich jedoch an Kinder von einem bis drei Jahren wendet. HIPPY selbst wurde in den 1960er Jahren in Israel entwickelt, um den Menschen dort den Neustart zu erleichtern.

An 42 Orten läuft das Programm

Die Finanzierung erfolgt vielfach über die Kommunen. Darüber hinaus gibt es eine Anschubfinanzierung für jeden neuen HIPPY-Standort von 10  000 Euro der Stiftung „Deutschland rundet auf“. Vom 3. bis 4. Juli steht eine Fachtagung in Hannover auf dem Programm.

Weitere Informationen www.impuls-familienbildung.de

Andere Kulturen besser verstehen: Rollenspiele fördern die Empathie. Foto: solovyova/Fotolia

Die HIPPY-Struktur überzeugte nicht nur die Macher in Bremen, sondern auch in Nürnberg, die zweite Modellstadt war. So eine Arbeitsweise nämlich war bis dato in hiesigen Breiten völlig unbekannt. HIPPY funktioniert so: Über einen Zeitraum von zwei Jahren arbeiten die jeweils teilnehmenden Familien zusammen mit ihren Kindern das Unterrichtsmaterial durch. Mütter – die sind es meistens – und Väter beschäftigen sich fünf Tage in der Woche jeweils zehn bis 15 Minuten mit ihrem Nachwuchs. Sie sammeln zum Beispiel Steine und sortieren sie nach Formen und Farben. Dabei gibt es Unterstützung von den Hausbesucherinnen. Sie gehen mit den Eltern das Unterrichtsmaterial durch, etwa als 1:1-Spiel. Darüber hinaus finden einmal wöchentlich die Gruppentreffen statt. Diese Struktur helfe nicht nur den Kindern, sondern auch den Eltern, insbesondere den Müttern, aus der Isolation herauszukommen, sind alle Beteiligten überzeugt. „Wer als Mutter mitmacht, hat

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Titel

Jede Neuerung bedeutet Veränderung Eine kleine Grundschule in Schleswig-Holstein revolutuioniert den Unterricht. Jahrgangsübergreifender Unterricht war für Eltern und Politik gewöhnungsbedürftig, dennoch preiswürdig Autor Carsten Wittmaack

In vielen Städten und Gemeinden befinden sich die Schulen in einem beklagenswerten Zustand. Weil das nötige Geld für Sanierungen fehlt, nagt der Zahn der Zeit an den Gebäuden, und der Unterricht verläuft vielerorts fast noch „wie zu Großvaters Zeiten“. Doch längst nicht überall sind die Schulen ein Problemfall. Ein gutes Beispiel unter vielen ist die Grundschule Op de Host. Sie liegt in Horst, einer 5 000-Einwohner-Gemeinde im Süden Schleswig-Holsteins. Vor knapp drei Jahren sind die 185 Schüler in einen 3,4 Millionen Euro teuren Neubau umgezogen. Unterrichtet wird jahrgangsübergreifend, und ge rade erst durfte sich das Kolle gium über einen Preis der

Cornelsen-Stiftung für ihr inklusives Unterrichtskonzept unter dem Motto „Heterogenität als gewollte Selbstverständlichkeit“ freuen.

Der bewegte Unterricht Seit 2006 ist Aenne Thurau Rektorin der Grundschule. Die 47-Jährige hat gemeinsam mit Eltern, Schülern und ihrem Lehrer-Team in den vergangenen Jahren viel bewegt – musste dabei aber auch feststellen, wie schwer es oft ist, sinnvolle Modernisierungen auf den Weg zu bringen. Jede Neuerung bedeutet Veränderung. Und die wird fast immer kritisch beäugt. Das erfuhren Thurau und ihre Mitstreiter, als sie die althergebrachten Unterricht sformen aufbrechen wollten. Die altersmäßig getrennten Klassenstufen sollten 2010 in j a h r g a n g s ü b e rgreifenden Klassen umgewandelt werden. Es kostete alle Beteiligten viele Nerven, bis Eltern und Politik vom neuen Modell überzeugt waren.

Aenne Thurau ist seit 2006 Leiterin der Horster Grundschule Op de Host. Seither wurden nicht nur die Räumlichkeiten erneuert, sondern auch das Unterrichtskonzept. Foto: Wittmaack

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Seither wird an der Op de Host alterstechnisch über alle Grundschulgrenzen hinweg unterrichtet. Kinder der ersten bis vierten Klasse arb eiten und

lernen zusammen und voneinander. „Die Kinder fangen hier als die Kleinsten an, und irgendwann sind sie die verantwortungsvollen Großen“, erklärt Thurau. So würden die Jungen und Mädchen wie von selbst an ihren Aufgaben wachsen. Der Einzugsbereich der Grundschule erstreckt sich über einen Umkreis von fünf bis sieben Kilometern. Doch sogar aus dem rund 15 Kilometer entfernten Glückstadt schicken Eltern ihre Kinder nach Horst, weil die Schule einen so guten Ruf genießt.

Entwicklung von unten und mit „Blick über den Zaun“ Gelernt wird in modernsten Räumlichkeiten und Klassen, die stattliche 80 Quadratmeter groß sind. Doch noch weit mehr ist es das Kollegium, das die Anziehungskraft der Schule ausmacht. Unter anderem beteiligt man sich beim Verbund-Projekt „Blick über den Zaun“. Die insgesamt knapp 140 Mitglieder wollen ihre Schulen „von unten“ weiter entwickeln. „Wir sind auch Fortbildungsschule“, erklärt Thurau. Dabei sei man aber selbst ständig auf der Suche nach „Anregungen von außen“. Der „Blick über den Zaun“ sei dafür geradezu ideal. Der Schulverbund bündelt reformpädagogisch orientierte Schulen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Einbringen müssen die Schulen dabei eigene Ideen und vor allem Zeit. Ein Engagement, das in Horst gern aufgebracht wird. Schließlich geht es in Zeiten des demografischen Wandels, freier Schulwahl und sinkender Schülerzahlen auch um die eigene Zukunft.

Die Grundschule Op de Host im Netz www.gsopdehost.lernnetz.de Mehr zum Schulverband „Blick über den Zaun“ www.blickueberdenzaun.de


Titel

„Kein Kind zurücklassen!“ 18 Kommunen, ein richtungweisendens Modellvorhaben: Prävention statt Nachsorge. Eine eigens aufgebaute Koordinationsstelle fungiert als Schnittstelle Autor Dr. Heinz-Jürgen Stolz, Leiter der Landeskoordinierungsstelle „Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor“

Gelingendes Aufwachsen für alle ermöglichen – mit diesem Ziel haben die Landesregierung Nordrhein-Westfalen und die Bertelsmann Stiftung 2012 ein richtungsweisendes Modellvorhaben auf den Weg gebracht. Bei „Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor“ arbeiten 18 Modellkommunen (kreisfreie und kreisangehörige Gemeinden sowie Landkreise) daran, präventive Angebotsstrukturen auf- und auszubauen, um Familien frühzeitig passgenaue Unterstützung zu bieten und so spätere, kostspielige Interventionen zu verhindern. Der Ansatz: Die Perspektive wechseln und vom Kind aus denken, nicht in institutionellen Zuständigkeiten. Das Ziel: Ein lückenloses Präventionsangebot schaffen – von der Schwangerschaft bis zum Eintritt in das Berufsleben.

Ein Netz, das trägt und weit reicht Besonders wichtig ist hierbei die Vernetzung der verschiedenen Akteure aus Kinder- und Jugendhilfe, Bildung, Gesundheits- und sozialem Sicherungssystem. Vorbeugende Förderangebote sollen sich auf die gesamte Kindesentwicklung beziehen, nicht nur auf einzelne Stationen (z. B. Kita, Schule, Ausbildung). In diesem Fall spricht man von einer „kommunalen Präventionskette“, die allen Kinder die gleichen Chancen auf gute Bildung und ein eigenverantwortliches Leben ermöglichen soll. Zu stark nämlich hängen derzeit kindliche Entwicklungsperspektiven von (ungleichen) Lebenslagen ab. Ein Beispiel aus dem Lernnetzwerk, in dem sich die Modellkommunen regelmäßig miteinander austauschen: Datenanalysen in einer mittelgroßen Ruhrgebietsstadt zeigen, wie stark unzureichende Deutschkenntnisse zum Schulbeginn von Charakteristika wie einem Migrationshintergrund, einem unterdurchschnittlichen Bildungsgrad der Eltern, dem

Sozialgeldbezug der Kinder, der fehlenden Beteiligung in einem Sportverein, einem späten Kita-Eintrittsalter von über vier Jahren und einem unterdurchschnittlichen Sozialstaus der besuchten Kita geprägt sind. Kommt all diese bei einem einzelnen Kind zusammen, so liegt die Wahrscheinlichkeit, dass es unzureichende Deutschkenntnisse erlangt, bei 75 statt bei elf Prozent, wie im Durchschnitt dieser Kommune. Mit solchen Datenanalysen können Hilfen sehr genau und gezielt gestaltet werden: Allein ein früherer Besuch der Kita bereits vor dem dritten Lebensjahr erhöht die Chance auf ausreichende Deutschkenntnisse zum Schulbeginn bei einer solchen Konstellation um 20 Prozentpunkte. Das Modellvorhaben fußt daher auf zwei Grundsätzen: Zum einen müssen kommunale Präventionsketten datengestützt, das heißt „evidenzbasiert“ gestaltet werden, um wirksame von unwirksamen Maßnahmen unterscheiden, zielorientierte Steuerung strategisch etablieren und ineffiziente Doppelstrukturen abschaffen zu können. Dies alles verspricht dann mittelfristig auch entlastende Effekte für die Kommunalhaushalte. Zum anderen bedarf es für den nachhaltigen Aufbau einer Präventionskette der Einbindung aller entscheidenden Akteure und Kräfte im kommunalen Kontext.

Maßanfertigungen und Lerneffekte Auch wenn das Projekt noch nicht abgeschlossen ist, lassen sich nach zwei Jahren bereits wichtige Aussagen treffen. Die erste lautet: Vorbeugung funktioniert! Das zeigen zahlreiche Beispiele aus den Modellkommunen. Doppelstrukturen in den Verwaltungen

sind in vielen Fällen bereits abgeschafft, Angebote für Kinder, Jugendliche und Eltern sind besser miteinander vernetzt. Kommunale Präventionsketten sind zudem stets passgenaue, auf die jeweilige Kommune zugeschnittene Maßanfertigungen. Dazu braucht es eine Kultur der Evidenzbasierung sowie die kontinuierliche Unterstützung durch die kommunale Spitze. Beides wiederum braucht den regelmäßigen Austausch von Wissen und Erfahrung in einem Lernnetzwerk.

Der nächster Schritt besteht darin, die Erfahrungen aus zwei Jahren aufzubereiten und über den Kreis der 18 Modellkommunen hinaus verfügbar zu machen, damit alle Kinder, Jugendlichen und deren Familien von den Fortschritten profitieren können. Weitere Informationen Eine offizielle Zwischenbilanz wird am 29. August 2014 in Oberhausen vorgestellt und von einer Ausstellung gerahmt. Das Programm, alle teilnehmenden Kommunen (mit interaktiver Karte) sowie Hinweise zur Veranstaltung finden sich im Netz unter www.kein-kind-zuruecklassen.de

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nährungskurse nehmen. Die Stiftung setzt dabei auf das Prinzip des „rückwärtigen Impulses“. Personal in Kitas und Schulen wird ausgebildet, den Kindern die Ernährung, das Essen und vor allem das Kochen nahe zu bringen. Die Kinder bringen die Rezepte, die sie selbst gekocht haben mit nach Hause. „Endlich erzählt mein Kind mal, was in der Schule so abgeht“, sagen viele Eltern. So manche Mutter oder Vater lernt dabei erst das Kochen. Und Kinder, die oft gar nicht mehr wissen, wo die Lebensmittel herkommen, wissen jetzt, dass die Panade ums Fischstäbchen nicht die Haut ist.

Kinder der internationalen Gesamtschule Heidelberg (IGH) kochen mit Sarah Wiener.

Foto: Florian Freundt

Wachsen Pommes Frites in der Tüte? Viele Kinder, aber auch Erwachsene, wissen nicht, dass nachhaltige und gesunde Ernährung wichtig ist und sogar schmecken kann Autorin Barbara Behrends

Die Emanzipation der Frau und die politische Wende in Deutschland waren nicht gut für das Verhältnis, das die Menschen hierzulande zum Essen haben. Viele 68er-Damen dachten, Emanzipation, das heißt, nie mehr am Kochtopf stehen. Und nach der Wende waren die östlichen Nutzgärten in den Schulen schnell verwildert und man fand die neuen Fertigprodukte erst mal spannender. Bis auch die Männer das Kochen entdeckten und die Nachwendebürger wieder zum Ursprung der Nahrung zurückfanden – das dauerte.

kochen kann, wenn es erwachsen ist und weiß, wo unsere Lebensmittel herkommen – das war ihr Motiv, als Wiener im Jahr 2007 beschloss, eine Stiftung zu gründen, die sich für gesunde Ernährung von Kinder einsetzt.

„Ich möchte was tun“

Die Kurse, die die Stiftung anbietet, sind heiß begehrt und eine lange Warteliste zeugt davon, wie wichtig viele Verantwortliche in den Schulen diese Koch- und Er-

Dies alles wissend sagte sich die Starköchin Sarah Wiener: „Ich möchte was tun“. Dass jedes Kind, ob männlich oder weiblich,

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Eine tatkräftige Frau, wie sie eine ist, setzt so eine Idee dann auch um. Nicht nur, dass sie selbst ihre größte Spenderin ist – sie trägt die Verwaltungs- und Betriebskosten alleine – sie hat auch mit der Hilfe ihrer Mitarbeiter ein großflächiges Konzept erstellt, nach dem die Stiftung höchst erfolgreich agiert.

Fünf Leute in Teilzeit und ein hauptamtlicher Geschäftsführer, Daniel Mouratidis, führen seit 2011 die Kurse durch. In anderthalb Tagen lernen Mitarbeiter, worauf es ankommt bei der gesunden Ernährung für Kinder, und wie man den Kleinen einiges schmackhaft machen kann. Das Gelernte gibt es auch zum Nachlesen und -sehen auf DVD. Besuche auf Bio-Bauernhöfen gehören dazu. Kinder sollten wissen, woher ihr Essen kommt. Ungefähr 400 Fahrten und bundesweit etwa 1 400 Kurse gab es schon. Auch andere Zugänge hat die Stiftung inzwischen erschlossen. In Berlin ging es in eine Galerie mit niederländischen Stilleben, auf denen erfahrungsgemäß immer viel zu essen zu sehen ist. Neben dem Effekt, dass die meisten Kinder das erste Mal in ihrem Leben in einer Gemäldeausstellung waren, kann man hier wunderbar nachvollziehen, was die Menschen zu anderen Zeiten gegessen und getrunken haben.

Schokolade darf, gesund muss „Vernünftig essen muss nicht lustfeindlich sein. Schokolade ist ab und an ganz ok. Aber ich muss wissen, was ich esse,“ so Sarah Wieners Credo mit dem sie schon viel Leckeres und Gesundes in die bundesdeutsche Schul- und Kitawelt gebracht hat.

Mehr über die Arbeit der Stiftung im Netz www.sarah-wiener-stiftung.de Die Besprechung des Kinder-Kochbuchs von Sarah Wiener steht auf Seite 29


Titel

„Neue Zeiten für Familien“ Foto: Can Stock/ paulprescott72

Ein Städte-Netzwerk stärkt berufstätige Eltern und sichert Standorte in Nordrhein-Westfalen Autorin Maicke Mackerodt

„Durchorganisieren“, „Zack, Zack, Zack…“, „Zeitnot“, „Schlechtes Gewissen“. Das fällt berufstätigen Müttern und Vätern zum Stichwort Familienalltag ein. Zeit ist offenbar ein knappes Gut für engagierte Eltern. 18 Großstädte an Rhein und Ruhr haben sich bisher dem bundesweiten Bündnis „Neue Zeiten für Familie“ angeschlossen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist im wirtschaftlichen Wettbewerb um gute Fachkräfte mittlerweile ein immer wichtigeres Kriterium. Das NRW-Städte-Netzwerk will Familien mit besseren kommunalen Angeboten vom täglichen Zeitdruck entlasten. Nicht nur die NRW-Städte haben bisher viel zu langsam und wenig flexibel auf doppelt berufstätige Eltern reagiert. Öffnungszeiten von Ämtern, Schulen und Kitas in insgesamt über 40 großen Städten sollen künftig Schichtdienst- und Randzeiten mit berücksichtigen oder Kinderbetreuungslösungen für Notfälle schaffen. Es gilt überhaupt, Servicezeiten von Rathäusern oder Ärzten familienorientiert zu gestalten. Der Dienstleistungsabend in Aachen ist hilfreich, wenn Ämter, Praxen, Bibliotheken abends länger geöffnet haben. Oder Dokumente wie der Anwohnerparkschein online abrufbar sind.

Verlässlicher bei Zeitkonflikten Das Städte-Netzwerk ist, gemeinsam mit den Lokalen Bündnissen, eine Antwort auf den Wettbewerb der Kommunen nicht nur um zahlungskräftige DoppelverdienerEltern sondern überhaupt um Familien. Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU), der das Netzwerk initiierte, stellte es 2013 beim zweiten Demografiegipfel der Bundesregierung vor: „Wir müssen für Fa-

milien verlässlicher werden. Uns fehlen oft noch die passgenauen Lösungen für familiäre Zeitkonflikte.“ Kommunale Zeitpolitik wird seiner Meinung nach vor allem für große Städte zum wichtigen Standortfaktor. „Ob, wann und wo eine Familie gegründet wird und wo sie dauerhaft lebt, hängt davon ab, wie stimmig die Zeitstrukturen sind.“ Das Ziel: Mit lokalen Fachleuten Erfahrungen und Konzepte auszutauschen und voranzutreiben. Dazu gehört, attraktive Angebote anderer Netzwerk-Städte kennenzulernen, wie beispielweise in Hannover, „wo Familien bei der Stadtentwicklung mitgedacht werden“, weiß Aachens OB-Referentin Caroline Herff (CDU). „Wenn spezielle Quartiere neu entwickelt werden, müssen die für junge Familien attraktiv gemacht werden. Gibt es in der direkten Umgebung Kindergärten und Spielplätze, wo man hinlaufen kann, ist diese hohe Lebensqualität ein gutes Lockmittel, um auf Dauer gutes Personal zu bekommen.“ Wenn Sportvereine ihre Angebote auf das Gelände der Ganztagsschulen verlegen, erreichen sie die Kinder und entlasten die Eltern. Sie müssen ihren Nachwuchs nicht mehr extra zum Training fahren und wieder abholen. Da in Aachens Innenstadt viele junge Familien wohnen, soll es langfristig für Kinder sichere und kurze Schulwege geben. Dazu macht OB Philipp mit Eltern, Erzieherinnen und Kindern eigens Stadtspaziergänge. Beim gemeinsamen Netzwerk-Treffen in Heidelberg bekamen die Initiatoren „gute Anregungen“ zur Ferienganztagsbetreu-

u n g. „H i e r gibt es für alle Ferienzeiten komplette Ganztagsangebote“, erläutert Caroline Herff, „das ist toll, das möchten wir in Aachen auch umsetzen.“ Die Kurstadt plant außerdem, spätestens 2015 ein Familienservicebüro einzurichten: „Wo Beratung und Dienstleistung an einem Ort gebündelt werden“. Anstatt bei verschiedenen Stellen unendlich viel Zeit zu verplempern, kann man an einem Ort Kindergeld beantragen oder den Nachwuchs in der Grundschule anmelden. Das Internet informiert zuvor ausführlich, welche Unterlagen mitzubringen sind. „Das spart Lauferei, Zeit und Geld.“

Bochum punktet bei Familien Bochums Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz (SPD) gehörte zu den ersten Unterzeichnern von „Neue Zeiten für Familie“. Nach dem Aus für den Opel-Produktionsstandort will die 66-jährige Soziologin nun mit Familiengerechtigkeit punkten. Es gibt ein Kinderbüro für Eltern und Kinder, die offene Ganztagsbetreuung an den Schulen ist gut ausgebaut. Fünf Familienbildungsstätten unterstützen Familien in allen Lebensphasen. Die Ruhrpottstadt hat sich mit dem gemeinnützigen Verein „Familiengerechte Kommune e.V.“ einem Auditierungsverfahren unterzogen und wird am 1. Juli 2014 bei der Fachveranstaltung „Familiengerechter Arbeitgeber Kommune“ als familienfreundlich zertifiziert.

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Titel

„Bürger haben sehr realistische (Kosten-)Vorstellungen“ Hannover will familienfreundlicher werden: Familienkonferenzen in den Stadtteilen und Online-Beteiligung unter dem Motto „Wie will ich leben in …?“ sollen helfen Autorin Birgit Hohberg

Bildung, das Zusammenleben der Generationen, Lebensräume für Familien, Gesundheit: Dies sind nur einige der vielfältigen Themen, die Familien interessieren und zu denen die Stadt Hannover ihre Bürgerinnen und Bürger als „Experten der eigenen Lebenslage“ beteiligt. Seit Juni 2012 führt die Stadt Hannover Familienkonferenzen in den hannoverschen Stadtteilen durch: Im Mittelpunkt jeder Konferenz steht eine Zukunftswerkstatt, bei der alle Teilnehmenden ihre Ideen und Verbesserungsvorschläge einbringen können. Über die Online-Familienkonferenz bekamen zudem diejenigen eine Beteiligungsmöglichkeit, die etwa aus Zeitgründen nicht an den Familienkonferenzen vor Ort teilnehmen konnten. Bei Folgeterminen in den Stadtteilen werden die konkreten Maßnahmen Als „Experten der eigenen Lebenslage“ kennen Familien ihre Bedürfnisse am besten – generationenübergreifend. Foto: Landeshauptstadt Hannover

vorgestellt, etwa Arbeitsgruppen zu zahlreichen Themen wie zum Beispiel ÖPNV, Bildungs- und Sportangebote sowie generationenübergreifendes Wohnen.

kümmert sich nun eine Arbeitsgemeinschaft um diese Fragen und ihre Lösung.

Beispiel Vahrenwalder Park, über dessen Gestaltung sowohl bei den Familienkonferenzen in Vahrenwald-List als auch bei der Online-Diskussion rege gesprochen wurde: Die Ideen und Verbesserungsvorschläge reichten von Konzerten, Festen und Lesungen, einem Bücherschrank speziell für Kinder und Jugendliche über einen Trim-Dich-Pfad bis hin zu einem Grillplatz. Deutlich wurde aber auch, dass der Zustand des Parks verbessert werden muss: Mehr Sicherheit durch bessere Beleuchtung und Parkranger, Patenschaften und gemeinsame Aktionen für die Sauberkeit und überdachte Parkbänke waren einige der Vorschläge, die etwa bei der Online-Diskussion geäußert und von der Stadt aufgegriffen wurden: Auf Einladung des Stadtbezirksmanagements Vahrenwald und der Bezirksbürgermeisterin

„Sowohl bei den Präsenzveranstaltungen als auch bei der Online-Familienkonferenz haben wir festgestellt, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr gute, zahlreiche und vor allem auch – Stichwort Kosten – sehr realistische Vorstellungen haben. Als Verwaltung und Politik erhalten wir wertvolle Hinweise. Und so profitieren beide Seiten“, betont Bärbel Kuhlmey, Familienmanagerin der Landeshauptstadt Hannover.

(Online-)Bürgerbeteiligung – eine Win-Win-Situation

Teil des Gesamtprozesses sind auch „harte“ statistische Daten, etwa ein Familienmonitoring, eine Familienstrukturanalyse und eine Repräsentativbefragung, die zusammen mit den Ergebnissen der Familienkonferenzen zu einem Gesamtbericht zusammengestellt werden, der schließlich in das Stadtentwicklungsprogramm 2030 einfließen wird. Die Online-Familienkonferenz und die Präsenzveranstaltungen in den hannoverschen Stadtteilen zeigen, dass sich die Beteiligten ihrer Stadt sehr verbunden fühlen. Dies stellt zugleich eine Bestätigung der von der Stadt Hannover eingeschlagenen Linie in der Familienpolitik dar. Die Autorin ist Leiterin „Online-Moderation“ bei der DEMOS Gesellschaft für E-Partizipation mbH und führte die Online-Familienkonferenz im Auftrag der Landeshauptstadt durch. Mehr zu den Familienkonferenzen www.hannover.de/Leben-in-der-Region-Hannover/ Soziales/Familie-Partnerschaft/Familienkonferenzen

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im Vorfeld über unser Angebot informieren. So können wir uns effektiver um die echten Betreuungswüsche kümmern.“ Auch die Träger profitieren, obwohl es hier anfangs kleinere Ressentiments gab. Die Ansprüche an den Datenschutz werden erfüllt. Außerdem können sie die Auslastung und Nachfrage ihrer Einrichtungen mit der Software überblicken und damit die Ausrichtung des Angebots und die Belegungsplanung optimieren. Ziel ist es, zukünftig die Kinder- und Jugendhilfestatistik auf Knopfdruck zu erstellen, das spart immens Zeit.

Integrierte Beitragsberechnung und Kita-Finanzierung

Eltern pochen auf ihr Recht, einen Betreuungsplatz für ihre Kinder zu haben. Für Kommunen heißt das: Service nach außen und bessere Organisation nach innen realisieren. Foto: Marco2811/Fotolia

Flexibel und bedarfsgerecht Kiel will familienfreundlicher werden. Die Stadtverwaltung sorgt daher nicht nur für mehr Plätze, sondern auch für deren transparente und effiziente Verwaltung Autor Henning Witzel

Seit knapp einem Jahr setzt Kiel auf eine Software, um die Betreuungsplätze für Kinder zu vergeben. Ein wichtiger Teil dieser Lösung ist ein Internetportal, über das sich Eltern über die bestehenden Angebote informieren können. So erfahren sie beispielsweise, wo es freie Plätze gibt, welches pädagogische Konzept verfolgt wird oder ob es einen eigenen Spielplatz gibt. Über ein Onlineformular können die Eltern ihre Betreuungswünsche direkt bei den Kitas anmelden. Dabei müssen die Daten nur einmal in das System eingegeben werden, egal bei wie vielen Einrichtungen Platzwünsche angemeldet werden. Das Portal wird von immer mehr Familien genutzt, denn der Mehrwert spricht sich rum.

Vorteile für Eltern, Stadt und Kitas Jugendhilfeplanerin Jana Koschinski verdeutlicht den Nutzen der Software „Kita-Planer 2“ für die Stadt: „Wir und auch die Einrichtungen selbst können nun ohne großen Aufwand auf taggenaue Wartelisten zugreifen und erhalten viel genauere Informationen über die angemeldeten Kinder. Das ermöglicht eine sehr gute Bedarfsplanung.“ Als eine echte Arbeitserleichterung empfindet die Anwendung Soudakone Rattanavong, Leiter der „Kita am Wasserturm“ aus dem Stadtteil Neumühlen-Dietrichsdorf: „Wir haben nunmehr zielgerechte Anrufe und E-Mails von Eltern, weil sie sich schon

Einen Vorteil bringt der Kita-Planer 2 für das Berechnen der Elternbeiträge und das Erstellen der Bescheide mit sich, wie Rattanavong erläutert: „Sobald wir alle nötigen Daten eingegeben haben, kann durch die Verwaltung mit der Beitragsberechnung begonnen werden, ohne dass eine gesonderte Information durch die Einrichtung erfolgen muss. Damit erhalten die Eltern die Bescheide nun sehr zeitnah. Änderungen der Betreuungszeiten, Kitawechsel oder Umzüge werden durch die Software umgehend berücksichtigt.“ Um die Beteiligten zusätzlich zu entlasten, wird künftig auch die Kitafinanzierung mit der Software abgewickelt. „Derzeit arbeiten wir am neuen Finanzierungsmodell. Anschließend wird auch dieser essenzielle Punkt im Kita-Planer abgebildet“, erläutert Jana Koschinski. Der Zeitplan zur Einführung der Software war sportlich, das sagen übereinstimmend Vertreter von Stadt und Kitas. Trotz anfänglicher technischer und organisatorischer Hürden überwiegt der Nutzen für alle Beteiligten. Natürlich bekommt auch in Kiel nicht jeder seinen Wunschplatz. In solchen Fällen werden die Eltern an eine Beratungsstelle verwiesen. Die Mitarbeiter dort versuchen alles, um zu helfen. Diese Mühen lohnen sich, denn in Kiel hat bisher keiner seinen Rechtsanspruch eingeklagt. „Das liegt am gut ausgebauten Angebot, unserer Beratungsstelle und an der transparenten Vergabepraxis dank unserer Software“, freut sich Jugendhilfeplanerin Koschinski.

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Titel

Ich lese was, was du nicht liest Wie mangelnde Grundbildung das Leben beeinflusst und damit jede politische Ebene zum aktiven Handeln aufgerufen ist – von der Kommune bis zum Bund

Lesen und Schreiben sind essentielle Begleiter unseres täglichen Lebens: am Morgen wird die Zeitung gelesen, auf der Arbeit werden diverse Emails geschrieben, in der Mittagspause wird der neue Handyvertrag abgeschlossen; abends wird eine Jeans im OnlineHandel bestellt. 7,5 Millionen Menschen in Deutschland haben mit dieser Art von Alltag Schwierigkeiten. Denn sie können nicht so gut lesen und schreiben, dass sie problemlos Handyverträge, Internetseiten oder Zeitungen lesen können. Sie haben es entweder nie richtig gelernt oder es im Laufe der Jahre verlernt. Sie können nur einzelne Sätze lesen und schreiben, aber keine zusammenhängenden Texte. Trotzdem haben sie vielfach Schulabschlüsse, sind berufstätig oder haben eine Familie. Ihr Manko ist ein Riesentabu.

Analphabetismus ist ein Thema 2011 gab es die erste repräsentative Erhebung zu funktionalem Analphabetismus in Deutschland. Die leo.-Studie hat schockiert und die mangelnde Grundbildung auf die politische Agenda gebracht. Zuvor waren es fast ausschließlich die Volkshochschulen, die beharrlich auf das Thema verwiesen haben. Sie leisten auch jetzt als öffentliche Institution stetig Alphabetisierungsarbeit und müssen unbedingt hierbei gestärkt werden. Ein weiteres Beispiel für kommunales Engagement gibt die Stadt Trier. Dort hat sich mit knapp 79 Partner aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Politik, Wohlfahrtsverbänden und Verwaltung das größte Bündnis deutschlandweit zusammengeschlossen. Oberste Ziele sind dort Vernetzung von Akteuren und finanziellen Ressourcen, Austausch und Kommunikation über vorhandene Angebotsstrukturen und eine gemeinsame Weiterentwicklung von Grundbildungsprojekten in der Stadt. Diese Ziele sind im Rahmen einer Charta festgeschrieben, die von den einzelnen Bündnismitgliedern und dem sozialdemo-

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Schambesetzte Schwäche Analphabetismus: Wenn Buchstaben keinen Sinn ergeben. Foto: lassedesignen/Fotolia

kratischen Schirmherrn des Projekts – dem Bürgermeister der Stadt Trier, Klaus Jensen – unterschrieben werden. Die Bundesregierung wird in dieser Legislaturperiode die Nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener zu einer Nationalen Alphabetisierungs-Dekade weiterentwickeln. Dabei will die SPDBundestagsfraktion vor allem zielgruppenspezifische Förderprogramme etablieren, denn erwerbstätige Personen mit einer Leseund Schreibschwäche brauchen andere Angebote als gerade zugewanderte Analphabetinnen und Analphabeten. Ein Qualifizierungsprogramm für Kursleitende und deren Lernmateralien soll die Professionalisierung der Alphabetisierungsarbeit in Deutschland stärken. Die Förderung von Leseprodukten soll eine positive Lesespirale in Gang setzen.

Vorneweg: die kommunale Kraft Ein besonderes Anliegen der SPD-Bundestagsfraktion ist es, dass familienorientierte Grundbildungsangebote im Rahmen der Nationalen Alphabetisierungsdekade aufgebaut werden. Denn mangelnde Grundbildung hängt häufig mit mangelnder Schreib- und

Sprachpraxis in den Familien zusammen. Mit Hilfe von Projekten für die gesamte Familie wollen wir verhindern, dass funktionaler Analphabetismus über Generationen in Familien weiter getragen wird. Die Prävention von mangelhaften Kompetenzen im Lesen und Schreiben schafft frühe Bildungsteilhabe, die für den gesamten weiteren Lebensverlauf von Bedeutung ist. Im Zeitalter von Digitalisierung und Technologisierung dürfen wir künftige Generationen nicht wegen mangelnder Lese- und Schreibfertigkeiten von Teilhabe und Chancengleichheit ausschließen. Dafür brauchen wir alle Kräfte in der Nationalen Alphabetisierungsdekade – und die Kommunen hierbei vorneweg. Dr. Ernst-Dieter Rossmann, MdB Sprecher der Arbeitsgruppe Bildung und Forschung

V.i.S.d.P.: Petra Ernstberger, Parlamentarische Geschäftsführerin, Platz der Republik 1, 11011 Berlin, Tel.: (030) 227-744 20, petra.ernstberger@spdfraktion.de


Report

Report: Personalentwicklung

Foto: DOC RABE Media/Fotolia

Zeitenwende Gleich ob Stadt oder Land, wirtschaftlich stark oder schwach: Bei der Suche nach Nachwuchs müssen sich die Kommunen mittlerweile mächtig anstrengen Autor Ulf Buschmann

Es sind genau 31: von A wie Altenpfleger über I wie Industriemechaniker bis W wie Wirtschaftsingenieur. Diese Aufzählung steht nicht etwa auf der Seite der Arbeitsagentur. Es ist der Reiter „Ausbildung/Studium“ des Portals „www.berufe-mv.de“. Auf der verwandten Seite „www.berufe-sh.de“ sind es etwas weniger, nämlich 25. Die Palette ist jedoch ziemlich gleich – kein Wunder, ist doch die Absicht, die dahinter steht, die gleiche: junge Leute für einen Job im öffentlichen Dienst zu begeistern.

Demografie wirft ihre Schatten voraus Dieses Unterfangen ist längst nicht mehr so einfach. Noch vor wenigen Jahren konnten die Kommunen aus dem Vollen bei den Bewerbern schöpfen, inzwischen wird überall händeringend qualifizierter Nachwuchs gesucht. Schuld daran ist in erster Linie der demografische Wandel: Die Jungen werden weniger, die Älteren werden mehr und scheiden in ein paar Jahren zuhauf aus dem Erwerbsleben aus. Thomas Deiters, stellvertretender Geschäftsführer des Städte- und Gemeindetages Mecklenburg-Vorpommern, spricht von einem

„Zeitenwandel“. Und: „Es ist kein Selbstläufer mehr, man muss sich kümmern.“ Deshalb ist Deiters‘ Verband auf den schon im Jahr 2008 von Schleswig-Holstein ins Rollen gebrachten Zug mit aufgesprungen und hat sein Portal auf den Weg gebracht. Allerdings ist dies nur einer von vielen Wegen, den die Kommunen im nordwestlichsten Bundesland beschreiten. Dazu gehört unter anderem auch die Präsenz auf Ausbildungsmessen.

Nachwuchs-Kampagne gegen Persionierungs-Welle Ziel ist es zuerst einmal, das Image des öffentlichen Dienstes zu verbessern. Denn noch immer haben die jungen Leute quer durch die Republik muffige Amtsstuben und schläfrige Beamte im Kopf. Davon möchten die Verbände weg. „Sehr wenige Leute wissen, was im öffentlich Dienst zu tun ist“, sagt Michael Glaser vom Städte- und Gemeindetage Mecklenburg-Vorpommern. Mit diesem Problem haben fast alle Kommunen in der Bundesrepublik zu kämpfen, egal ob in strukturschwachen oder strukturstarken Gebieten. Wer glaubt, dass sich die Bewerber in den Rathäusern dort die Klinke in die Hand geben, wo es wenig Ausbildungsplätze in der

freien Wirtschaft gibt, der täuscht sich. Zwar sei es noch nicht angekommen, gleichwohl aber sieht beispielsweise Ueckermündes Bürgermeister Gerd Walther dieses Problem auf seine Stadt zukommen. Die Kommune werde sich ab 2017/18 verstärkt „kampagnenmäßig“ mit der Ausbildung des Nachwuchses befassen müssen, denn wie überall im öffentlichen Dienst setzt auch in Deutschland jüngstem Seebad am Stettiner Haff ab 2020 eine massive Pensionierungswelle ein. Mit dem gleichen Problem haben genauso die Städte und Gemeinden in den westlichen Bundesländern zu kämpfen, die wirtschaftlich nicht so gut aufgestellt sind. Hierzu gehört die Kreisstadt Osterholz-Scharmbeck bei Bremen. Sie bildet jedes Jahr einen jungen Menschen als Verwaltungsfachangestellten und erstmals in diesem Jahr zum Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste Bibliothek – dem früheren Bibliothekar – aus.

Ausbildung als Bindung Wer selbst ausbilde, erhöhe die Bindung an die Arbeitsstelle, erläutern Volker Lütjen, Leiter des Fachbereichs Finanzen und Personal, und Thorsten Rohde, als Dezernent unter anderem für Personal und Organisa5 | 2014 DEMO

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Report

übernehmen.“ Damit möchte die Kommune der auf sie zukommenden Pensionierungswelle zuvorkommen. Allerdings ist die Zeit, in der sie wie die anderen Städte und Gemeinden aus dem Vollen schöpfen konnten, längst vorbei. Dies, so Rohde und Lütjen, lasse sich z w a r n i c ht Einfach von der Straße weg den/die passenden Mitarbeiter/in finden? Diese Zeiten belegen, doch sind lange vorbei. Foto: Santiago Cornejo/Fotolia ein Trend sei

tion zuständig. Lütjen ergänzt: „Unser Ziel ist es, die Auszubildenden zu

erkennbar. Hätten sich noch vor einigen Jahren 100 bis 120 Bewerber gemeldet, seien es jetzt noch 60 bis 70. Auf den demografischen Wandel alleine möchten die beiden Niedersachsen diesen Umstand nicht schieben. Es habe aus ihrer Sicht auch etwas mit der allgemein guten wirtschaftlichen Lage zu tun. Was von allen Seiten zu hören ist: Das allgemeine Bildungsniveau der Bewerber sei stark abgesunken. Dies betreffe die Kenntnisse in Deutsch und Mathe genauso wie die Allgemeinbildung. „Wer sich in der öffentlichen Verwaltung bewirbt sollte schon wissen, wie der Landrat heißt“, meint zu Recht Ueckermündes Bürgermeister Brandt.

Aufsichtsrat will gelernt sein Rechte und Pflichten von Aufsichtsräten in kommunalen Unternehmen Autor Dr. Ulrich Blaschke

Großes Stühlerücken nach den Kommunalwahlen: Viele Mitglieder von Stadträten, Gemeinderäten und Kreistagen werden derzeit in die Aufsichtsräte der kommunalen Unternehmen abgeordnet. Sie finden sich in einer (oft neuen) Rolle als Diener zweier Herren wieder: als Vertreter der Kommune und zugleich als Teil eines Organs, das dem Wohl des Unternehmens verpflichtet ist. Diese Doppelrolle ist schwierig, aber gewollt: Die kommunalen Aufsichtsratsmitglieder sichern den angemessenen Einfluss der Kommune auf ihre Unternehmen. Diese sollen Teil des „Konzerns Kommune“ bleiben, auch wenn private Rechtsformen genutzt werden.

Was kommt auf mich als Aufsichtsratsmitglied zu? Der Aufsichtsrat soll kontrollieren und beraten. Vom einzelnen Mitglied wird eine persönliche und eigenverantwortliche Amtsausübung gefordert. Das setzt Mindestkenntnisse allgemeiner, wirtschaftlicher, organisatorischer und rechtlicher Art voraus, die es

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erlauben, alle normalerweise anfallenden Geschäftsvorgänge ohne fremde Hilfe zu verstehen und sachgerecht zu beurteilen. Eine regelmäßige Sitzungsteilnahme ist eine Mindestanforderung. Die Arbeit des Aufsichtsrats sollte aber auch mit eigenen Initiativen und Sachbeiträgen gefördert werden. Sorgfältige Abwägung ist gefragt, wenn wichtige Geschäfte der Zustimmung des Aufsichtsrats bedürfen.

Im Spannungsfeld zwischen Kommune und Unternehmen Für kommunale Aufsichtsratsmitglieder stellen sich spezielle Fragen: Welche Vorgänge darf ich im Gemeinderat oder in meiner Fraktion offenlegen, ohne gegen die gesellschaftsrechtliche Verschwiegenheitspflicht zu verstoßen? Muss ich mich an Weisungen des Kreistags halten? Was mache ich, wenn ich eine Entscheidung für falsch halte? Hafte ich auch persönlich für Fehlentscheidungen? Für solche Fragen sollten kommunale Aufsichtsratsmitglieder einen klaren Kompass entwickeln.

Empfehlung für den Einstieg Meine Empfehlung für neue Aufsichtsratsmitglieder lautet: Lesen Sie unbedingt den Gesellschaftsvertrag Ihres Unternehmens und den Lagebericht der letzten Jahresabschlussprüfung. Lassen Sie sich die Situation des Unternehmens und den Jahresabschluss von der Geschäftsführung und ggf. dem Wirtschaftsprüfer erläutern. Fragen Sie nach, wenn Sie sich nicht ausreichend informiert fühlen. Prüfen Sie sich stets selbst: Nützt die Entscheidung unserem Unternehmen oder Dritten? Und haben Sie keine Scheu, die Schulungsmöglichkeiten zu nutzen, die die Kommunen selbst, Kanzleien und teilweise auch die SGK für Aufsichtsratsmitglieder anbieten.

Dr. Ulrich Blaschke Rechtsanwalt, Europajurist (Univ. Würzburg), KPMG Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, Nürnberg


2. ZUKUNFTSKONGRESS STAAT & VERWALTUNG 2014 01./02. Juli 2014

bcc | Alexanderstraße 11 | 10178 Berlin

© BMI/Bildschön

Unter der Schirmherrschaft des Bundesministers des Innern

Registrierung • Beteiligung • Information unter www.zukunftskongress.info Mit Unterstützung von (Stand 22.05.2014)

Beteiligte Staaten und Bundesländer

Institutionelle Partner

Gold

Silber

Bronze/Aussteller/Inserenten

S Y S T E M H A U S

Partner des eGovernment Wettbewerbs

veranstaltet von

Medienpartner

In Partnerschaft mit


Report

Von der Schulden- zur Nachwuchsbremse Die Kommunen haben ein Nachwuchsproblem. Doch mit „Nachwuchs 2. Klasse“ lassen sich die Herausforderungen kaum meistern. Konzepte müssen her Autor Holger Albers

Der öffentliche Dienst wird kleiner. Stellen werden nicht neu besetzt oder gleich ganz gestrichen. Der zunehmende Kostendruck ist das wichtigste Argument für diese Entwicklung. Die Kommunen holen sich damit aber gleichzeitig ein neues Problem ins Haus: Ihnen geht angesichts der demografischen Entwicklung der Nachwuchs aus. Die Demografie trifft letztendlich alle Wirtschaftsbereiche. Der Industrie fehlen die Facharbeiter, dem Handwerk die Azubis und Absolventen technischer Hochschulen sind quer durch alle Wirtschaftszweige begehrt. Während die Wirtschaft aber mit guten Gehältern und ebensolchen Aufstiegsmöglichkeiten lockt, sind den Kommunen oft die Hände gebunden. In diesem Wettbewerb scheinen sie chancenlos ins Hintertreffen zu geraten.

Die Konkurrenz ist DAX-notiert „Im Kampf um gute Nachwuchskräfte muss sich eine Kommune als Marke positionieren,“ betont Isolde Schwarz-Krieger, Pressesprecherin im Personalamt der Stadt München. Dieses in Marketingkreisen „Employer Branding“ genannte Vorgehen stellt für sie die Grundvoraussetzung dar, um sich

als Stadtverwaltung gegen die lokale Wirtschaft durchzusetzen: „Schließlich konkurrieren wir hier in München ja unter anderem gleich mit sieben Dax-Konzernen.“ Dass die Zeiten endgültig vorbei sind, in denen kommunale Arbeitgeber nur aus einer Flut von Bewerbern auswählen mussten, weiß auch Ulf Fischer. Der Ausbildungsleiter der Stadt Düsseldorf sieht die Notwendigkeit des aktiven Handelns: „Wir müssen klar machen, dass Arbeiten im öffentlichen Dienst alles andere als verstaubt und unflexibel ist.“ In beiden Landeshauptstädten wird seit Jahren bereits offensives Nachwuchsmarketing betrieben. Zielgruppengerecht stehen digitale Aktivitäten besonders im Fokus. Das schließt die Kommunikation über Facebook ebenso ein wie ein Online-Bewerberportal. Bei den Face-to-Face-Kontakten reicht die Bandbreite lokal von Berufsinformationen in den schulischen Abschlussklassen bis zu Ständen auf internationalen Ausbildungsmessen. „Wir reisen dafür bis nach Spanien“, bestätigt Schwarz-Krieger. Das geschehe auch, weil der Migrantenanteil in der Verwaltung im Falle Münchens von derzeit rund 20 Prozent langfristig dem der Stadtbevölkerung (37 Prozent) angeglichen werden soll. Mit welchen Argumenten aber soll ein

kommunaler Arbeitgeber überzeugen? „Wir können mit der sozialen Sicherheit und der Familienfreundlichkeit punkten,“ glaubt Regina Offer, Hauptreferentin für Arbeitsmarktpolitik beim Deutschen Städtetag. Für Britta Ibald von der Beamtenvertretung DBB steht außerdem die Flexibiltät der Arbeitszeit bis hin zu Modellen für die Lebensarbeitszeit ganz oben auf der Liste. Auch für Verdi-Sprecher Jan Jurczyk dominieren die weichen Faktoren in der Argumentation.

Sparzwang schwächt Kommunen bei der Personalsuche Dabei ist Jurczyk eher enttäuscht vom Handeln der Kommunen: „Das Problembewusstsein wächst, aber die Sachzwänge dominieren. Bis auf wenige Ausnahmen gibt es kaum Ansätze für professionelles Recruiting.“ Und selbst wo es betrieben wird, wie in München, bleiben Stellen unbesetzt. Hochschulabsolventen wie Ingenieure, Architekten oder IT-Fachleute bleiben Mangelware. Letztendlich verhindert oft die Schuldenbremse, dass Nachwuchsmarketing professionell durchgeführt wird. Dieser heutige Sparzwang wird die Kommunen zukünftig weiter schwächen, darin sind sich die zuständigen Experten einig. „Beim Personal werden sich die Städte und Gemeinden zu Tode sparen,“ fasst DBB-Sprecherin Britta Ibald zusammen. Wer ordentliche Arbeit haben will, muss sein Personal auch ordenlich entlohnen. Foto: L.S./Fotolia

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Report

Was ist eine Kippa? Wie die Hamburger Verwaltung gezielt um Jugendliche mit Migrationshintergrund wirbt Autorin Susanne Dohrn

Das Tor zur Welt hat 1,8 Millionen Einwohner, mehr als 500 000 sind Zuwanderer. Ihr Anteil bei den Beschäftigten in der Verwaltung betrug 2008, nur 8,9 Prozent. Deshalb rief die Stadt 2006 die Kampagne „Wir sind Hamburg! Bist Du dabei?“ ins Leben. Seitdem lächeln in U- und S-Bahnen junge Leute von Plakaten, bei denen schon an der Hautfarbe die Herkunft zu erkennen ist, erklären Flyer wie das mit der Ausbildung bei Polizei und Feuerwehr, im Strafvollzug oder in der Steuerverwaltung läuft. Das Ziel: Den Be-

werbungs- und Einstellungsanteil von jungen Leuten mit Migrationshintergrund im öffentlichen Dienst auf 20 Prozent zu steigern. Der betrug beim Start der Kampagne 5,2 Prozent, jetzt sind es rund 17 Prozent. Der SPD-Senat hat die zunächst auf fünf Jahre befristete Kampagne 2012 entfristet. „Ich fühlte mich durch die Kampagne willkommen geheißen“, erzählt Orlando Perrone (21). Er studiert im 4. Semester Public Management, ist Beamter im Vorbereitungsdienst mit italienischem Pass. EU-Bürger

können in Deutschland Beamte werden. „Sogar Nicht-EU-Bürger, wenn ein besonderes dienstliches Interesse besteht“, so Stefan Müller, Leiter der Kampagne in Hamburg. Mehr Migranten in der Verwaltung, bedeute Teilhabe an der Gestaltung der Stadt und fördere die Verständigung zwischen Behörden und BürgerInnen, so Müller. „Mehrwert“ nennt er das, weil die Verwaltung die Interessenlagen unterschiedlicher Kulturkreise so besser kennenlerne und darauf reagieren könne. Einen Ausländerbonus im Bewerbungsverfahren gibt es nicht. In einem Test und einem mehrstündigen Assessment Center werden Deutsch, Mathe, Urteilsvermögen und Allgemeinwissen geprüft, 2007 kam „interkulturelle Kompetenz“ hinzu. Das ist sinnvoll sagt Orlando Perrone, der auch gebrochenes Deutsch gut versteht. Im Einstellungstest wurde er übrigens gefragt, was eine Kippa sei, die Kopfbedeckung männlicher Juden. Anzeige

Themenreihe

Hochkarätig besetzt u.a. mit folgenden Referenten:

Personal & Verwaltung 14. Oktober 2014 | koelnmesse

Photo: Halsch

Photo: Burkert

Personalmanagement im Public Sector

Volker Halsch Head of public sector, arvato

Photo: Lang

Photo: Himbertn

Dolores Burkert Verwaltungsdirektorin und Dezernentin bei der Stadt Neuss

Nathalie Himbert Bachelor-Studentin „Politics, Administration and International Relations“, Zeppelin Universität Friedrichshafen

Sabine Lang Leiterin des Leitungsstabes Strategische Steuerung, Bundesverwaltungsamt, Köln

Personalmanagement im Public Sector www.personalundverwaltung.de Im Rahmen der

Photo: Malchow

Photo: Kronenberg

Zukunf t Personal

Oliver Malchow Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP)

Partner

Willi Russ 2. Vorsitzender dbb beamtenbund und tarifunion, Berlin

Medienpartner

Mit mehr als: 16.000 Fachbesuchern, 650 Ausstellern 220 Vorträgen & Diskussionen 6 Themenreihen + 2 Sonderflächen


Report

Der Münchner Weg Über die Personalarbeit in einer prosperierenden Kommune Autor Dr. Thomas Böhle, Personal- und Organisationsreferent der Stadt München

München nimmt bei der demografischen Entwicklung eine Sonderrolle ein, da die Bevölkerungsanzahl zunimmt und für die kommenden zehn Jahre weiteres Wachstum prognostiziert wird. Gleichzeitig herrscht auf dem Münchner Arbeitsmarkt Fachkräftemangel. Dies bekommt auch die Stadtverwaltung der bayerischen Landeshauptstadt zu spüren, die Gewinnung des Personals wird immer schwieriger. Die Altersstruktur der Belegschaft ist gegenwärtig in den meisten Bereichen noch ausgewogen, das Durchschnittsalter liegt bei 44 Jahren. Die Stadt hat frühzeitig erkannt, dass es für sie als vorausschauend planende Arbeitgeberin notwendig ist, sowohl aktiv mit zielorientierter Personalplanung und -gewinnung für ausreichend Nachwuchs zu sorgen, als auch die bestehende Belegschaft gezielt zu qualifizieren, zu erhalten und zu entwickeln.

Von München aus ist man rasch in der Natur: Wenn denn ausreichend Freizeit dafür bleibt. Foto: W. Heiber Fotostudio/Fotolia

Zum einen hat die Stadt ihr Personalmarketing stark erweitert und setzt z. B. auf eine ansprechende Arbeitgebermarke, Anzeigenkampagnen, Teilnahme an Personalmessen, Nutzung der Sozialen Medien und weitere innovative Marketinginstrumente. Als einer der größten kommunalen Ausbildungsbetriebe Deutschlands sorgen wir mit einem breiten Angebot an Ausbildungs- und Studienrichtungen für eine gleichbleibend hohe Anzahl an Nachwuchskräften. Auch unsere Werbung in lokalen Ethno-Medien und im Ausland erschließt gezielt neue Potentiale.

sowie die umfassende Förderung und Entwicklung der Potenziale unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Teil des Marketings ist, dass wir uns dem bundesweiten Wettbewerb mit anderen Arbeitgebern offensiv stellen und als erste Kommune bei „Great Place to Work – Deutschlands beste Arbeitgeber“ teilgenommen haben. Bei diesem Audit wurden uns Stärken, insbesondere in den Bereichen „Entwickeln“ und „Fürsorge“, attestiert. Zum anderen intensivieren wir unsere Anstrengungen zur Mitarbeiterbindung. Gegenwärtig wird ein Kompetenzmanagement aufgelegt, mit dem Ziel, das richtige Personal zu gewinnen und das vorhandene Personal zu entwickeln, zu binden und zu erhalten.

Bei unseren Marketingaktivitäten präsentieren wir unsere besonderen Stärken als Arbeitgeberin, wie z. B. eine Vielzahl von Angeboten zur Work-Life-Balance, die Vielfalt der Aufgabenfelder und ihre Sinnhaftigkeit

Zudem werden die vorhandenen Personalentwicklungsinstrumente über das Kompetenzmanagement intensiver vernetzt. Weiterhin investieren wir in die Gesundheit unserer Beschäftigten mit einem umfassenden

Ethno-Medien, Work-Life-Balance & Audit

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betrieblichen Gesundheitsmanagement. Eine laufende Austrittsbefragung hat ein Monitoring der Maßnahmen zur Folge.

Familie macht Sinn, wenn der Arbeitgeber sie im Sinn hat Im April 2013 ist die Landeshauptstadt München als eines von fünf Unternehmen mit dem „Deutschen Bildungspreis“ ausgezeichnet worden und hat sich damit in der Kategorie Großunternehmen u.a. gegen namhafte Dax-Konzerne durchgesetzt. Im Dezember 2013 erhielten wir den Deutschen Unternehmenspreis Gesundheit in der Kategorie „Familienorientierung“. Die Jury hob hervor, dass München ideale Rahmenbedingungen der Familienfreundlichkeit für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschaffen habe. Dies sei auch eine wichtige Voraussetzung für deren Gesundheit. Den Erfolg unserer Arbeit machen auch zahlreiche Preise und Siegel deutlich.


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Immer mehr Kommunen setzen auf Interamt.

Foto: Vivento

Nachwuchswerbung 2.0 gewinnt an Qualität Integration eignungsdiagnostischer Verfahren Autorin Elisabeth Pusacker

Der öffentliche Dienst ist größter Ausbilder in Deutschland. Sein Bedarf an geeigneten Nachwuchskräften wird jedoch demographisch bedingt in Zukunft immer schwieriger zu decken sein. Dabei erweist sich das Internet nicht nur als ein zielgruppenstarkes Medium, sondern auch als eine durchaus effiziente Rekrutierungsplattform – auch im öffentlichen Dienst. Doch die „Besten der Besten“ erhält nur der Arbeitgeber, der auf qualifizierte Bewerbungsverfahren setzt und zügig zu einer (Vor-)Auswahl gelangt. Denn die Behörden stehen im „War for Talents“ der Nachwuchskräfte nicht nur untereinander, sondern auch mit der Privatwirtschaft zunehmend im Wettbewerb. Die Integration von eignungsdiagnostischen Verfahren macht gerade beim Online-Recruiting von Schulabgängern deshalb Sinn. Um die geburtenschwachen

Jahrgänge, die derzeit massiv ins Arbeitsleben eintreten, wird stark geworben. Daher werden die richtigen Rekrutierungsinstrumente, die richtige Ansprache, die Positionierung als attraktiver Arbeitgeber sowie ein qualifiziertes Bewerberverfahren entscheidend sein, um den Fachkräftenachwuchs für sich zu gewinnen.

nicht an andere Arbeitgeber zu verlieren. „Um die Bewerberauswahl effizient und kostengünstig zu gestalten, sollten ungeeignete Bewerber/innen bereits früh im Auswahlprozess identifiziert werden“, sagt Dipl.-Psych. Stadelmaier von der Deutschen Gesellschaft für Personalwesen e.V. (DGP). „Hierfür bieten sich vor allem online-basierte Verfahren an. Durch diese Art von Vorauswahl kann das Auswahlverfahren nicht nur beschleunigt werden, sondern gewinnt auch an Effizienz.“

Einerseits müssen die Verwaltungen bei der Suche nach passenden Auszubildenden neue Wege einschlagen und ihre Vorzüge wie Arbeitsplatzsicherheit, Familienfreundlichkeit, eine sozial relevante Tätigkeit sowie Karrierechancen besser präsentieren.

Eignungsdiagnostik für Schulabgänger

Andererseits spielen auch die Faktoren Zeit und Qualität eine erhebliche Rolle im Bewerberverfahren. Die Reaktionszeit ist insbesondere im heiß umkämpften Fachkräftemarkt wesentlich, um Nachwuchstalente

Zum Thema Eignungsdiagnostik arbeitet die die DGP eng mit Vivento, dem Betreiber von Interamt, zusammen. Ziel ist es, das Onlineverfahren prozessual zu integrieren und so möglichst vielen Kommunen anbieten zu können.

„Insbesondere bei der Vorauswahl sagen Zeugnisnoten alleine oft wenig über die Eignung von Kandidaten aus“, so Ulrich Stadelmaier. Daher setzen bereits einige Behörden auf den Einsatz so genannter eignungsdiagnostischer Verfahren. Zugeschnitten auf die Anforderungen des Ausbildungsplatzes lassen sich so neben der Allgemeinbildung auch Kernkompetenzen beziehungsweise Entwicklungschancen im Vorfeld „abklopfen“. Günter Martin, Interamt-Projektleiter bei Vivento, erläutert: „Durch die Integration von eignungsdiagnostischen Verfahren wie sie die DGP entwickelt hat, bietet Interamt dem öffentlichen Dienst die Möglichkeit, ihre Rekrutierungsprozesse schneller, effizienter und qualifizierter zu gestalten.“

In Kürze Im vergangenen Jahr verzeichnete das Stellenportal Interamt rund sechs Millionen Seitenaufrufe. Angesichts der aktuellen Zugriffszahlen rechnen die Interamt-Betreiber für das laufende Jahr mit einem weiteren Anstieg. Die Deutsche Gesellschaft für Personalwesen e.V. gibt es bereits seit 1949. Tätigkeitsfelder sind Personalauswahl, Personalentwicklung und Organisationsentwicklung. Ihr Motto: Erfolgreiche Personalauswahl setzt den Einsatz prognosesicherer Eignungstests voraus.


nur einzelne neue PE-Instrumente ein, ohne sich vorher über Gesamtziele verständigt zu haben.

Was ist zu tun?

Kommunales Personal arbeitet in vielen Bereichen – und will gefördert werden.

Foto: Can Stock/Kurhan

Gute Arbeit in Kommunen – mit Personalentwicklung Kommunen müssen ihre Arbeitgeberrolle vorbildhaft gestalten Autor Achim Meerkamp, Mitglied des Verdi-Bundesvorstands und zuständig für Kommunen

Die Kommunen haben sich mit der Personalpolitik der vergangenen zwei Jahrzehnte, die im Wesentlichen von Spardruck und Personalabbau geprägt waren, in eine schwierige Lage gebracht: Die Zahl der Beschäftigten sank im kommunalen Bereich von 1,57 Millionen im Jahr 2000 um rund 200  000 im Jahr 2011 (ohne Beschäftigte der kommunalen Unternehmen in privaten Rechtsformen). Das entspricht einem Rückgang um 13 Prozent. Einstellungsstopps, geringere Ausbildungszahlen bis hin zu Ausbildungsstopps, die Nichtübernahme von Ausgebildeten, Beförderungsstopps und Wiederbesetzungssperren haben zu einem deutlich gestiegenen Durchschnittsalter der Beschäftigten geführt. Im Jahr 2011 waren rund ein Viertel der Beschäftigten 55 Jahre und älter. Umso härter werden die Kommunalverwaltungen die Ruhestandwellen der geburtenstarken Jahrgänge treffen. Dabei wachsen mit veränderten kommunalen Aufgaben die Anforderungen an Beschäftigte. Gleichzeitig nehmen die gesundheitlichen Belastungen zu. Viele Beschäftigte stehen unter Zeitdruck, dabei müssen sie oft

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DEMO 5 | 2014

Abstriche bei der Qualität der Arbeit machen, um das Arbeitspensum zu bewältigen.

Jetzt handeln Wenn es den Kommunen jetzt nicht gelingt, mit systematischen Personalentwicklungsmaßnahmen hart dagegen zu steuern, werden kommunale Aufgaben in den nächsten Jahren im Verwaltungs-, aber auch besonders im technischen, sozialen und im Gesundheitsbereich, nicht mehr kundenorientiert und bürgerfreundlich zu bewältigen sein. Schließlich müssen die Kommunen im Konkurrenzkampf mit der privaten Wirtschaft um qualifiziertes Personal bestehen. Der prognostizierte Rückgang des Erwerbspersonenpotentials wird die Rekrutierung zusätzlich erschweren. Häufig haben wir in der Vergangenheit erlebt, dass Personalentwicklung (PE) in Hochglanzbroschüren präsentiert, aber im Arbeitsalltag der Beschäftigten nicht oder nur selten gelebt wurde. Sie wurde nach außen symbolhaft als Zeichen von Modernität verkauft, oft blieb man in den Verwaltungen bei der Situationsanalyse stecken oder setzte

Die Kommunen sollten sich in ihrer Rolle als Arbeitgeber auf ihre Vorbildfunktion zurückbesinnen. In den Verwaltungen sind nicht nur verlässliche Datengrundlagen, aus der alle personellen Entwicklungen abzulesen sind, herzustellen. Vor allem müssen Maßnahmen eines demografiesensiblen Personalmanagements entwickelt und umgesetzt werden. Mit Erfolg wird das nur beteiligungsorientiert, unter frühzeitiger Einbindung der Personalräte und Beschäftigten, gelingen. Vereinzelte Maßnahmen reichen bei weitem nicht aus. Was die Kommunalverwaltungen benötigen, ist ein ganzheitliches Konzept mit aufeinander abgestimmten Instrumenten, die auf sich ändernde Bedürfnisse der Beschäftigten und der BürgerInnen reagieren können. Im Mittelpunkt stehen dabei die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, alters- und altengerechtes Arbeiten, Gesundheitsmanagement sowie der Wissenstransfer und die Aus- und Weiterbildung. Nicht zuletzt müssen wieder mehr Stellen geschaffen werden, um Arbeitsverdichtung und eine verminderte Leistungsfähigkeit des öffentlichen Dienstes zu verhindern. Kommunalverwaltungen müssen als Arbeitgeber attraktiv sein, um junge Beschäftigte zu rekrutieren. Aber auch die älteren Beschäftigten dürfen nicht aus dem Blick geraten: Mit guten Arbeitsbedingungen geht es darum, sie langfristig (gesund) zu halten. Dafür gibt es gute Beispiele. So haben sich acht Dienststellen am ver.di-Modellprojekt zum demografischen Wandel beteiligt: die Technischen Betriebe der Stadt Konstanz, der Landkreis Osnabrück, die Stadt Bochum, die Stadt Marburg, die Stadt Wolfsburg, der Kommunalservice der Stadt Jena, die Stadt Osnabrück und der Landesbetrieb für Straßenbau des Saarlandes. Sie haben erstaunliche praktische Ansätze entwickelt, die auf ihren jeweiligen Bedarf zugeschnitten sind und Anregungen geben können. Die Kommunen müssen die demografische Entwicklung als Chance begreifen und sie jetzt nutzen.


Report

Die Sozialdemokratische Kommunal-Akademie Eine Erfolgsgeschichte über eintausendfünfhundert Talente Autoren Alexander Götz, SGK-Geschäftsführer und Klaus Tovar, Leiter der Parteischule im Willy-Brandt-Haus

Mit Personalentwicklung umschreiben wir ein bisschen sperrig, was für erfolgreiche Organisationen die Basis ist. Nämlich die Herausforderung, wie Menschen für wichtige Ämter und Funktionen gewonnen, befähigt und während ihrer Laufbahn unterstützt werden können. Das gilt für Unternehmen, für die öffentliche Verwaltung, aber eben auch für die ehren- und hauptamtliche Kommunalpolitik. Und zu diesem Zweck haben der SPD-Parteivorstand und die BundesSGK im Jahr 2001 die Sozialdemokratische Kommunal-Akademie gegründet. Ihr Ziel ist es, junge KommunalpolitikerInnen aus ganz Deutschland zusammenzubringen und sie in ihrem politischen Engagement zu bestärken.

Was sie wurden, was sie sind Der Erfolg des Projekts gibt der Idee recht: Ein Dutzend der AbsolventInnen sitzt heute

Ein Politiker muss auch feiern können: Abschlusslehrgang aus dem Jahr 2014 Foto: SPD Parteischule

im Bundestag, über 50 in Länderparlamenten. Viele wurden BürgermeisterInnen und Fraktionsvorsitzende. Vor allem aber blieben sie in den allermeisten Fällen in ihrer Umgebung in der Lokalpolitik aktiv und trugen damit zur Verankerung der Partei in der Fläche bei. Und die Akademie hatte Pilotcharakter. Viele Landesverbände, Landes-SGKen und die Friedrich-Ebert-Stiftung griffen das Konzept auf, gründeten regionale Kommunalakademien und Mentoring-Programme.

Modernes Führungstraining Aus der Überzeugung heraus, dass sich die SPD um den Nachwuchs und die Vorbereitung auf politische Karrieren kümmern sollte, wurden erst 100 und jetzt 120 Nachwuchskräfte pro Jahr in der Kommunal-Akademie geschult. In der Summe sind das seit der Gründung über 1 500 Personen. Derzeit passiert das in zwei Kursen mit je 60 Plätzen, die an vier Wochenenden hochkonzentriert im Stile moderner Führungstrainings durchgeführt werden.

Dabei wurde das Programm über die nunmehr 42 Kurse hinweg beständig weiterentwickelt. Das Grundkonzept bildet der Mix aus kommunalpolitischem Fachwissen, Kompetenztrainings und politischer Orientierung. Das Trainerteam hat im Laufe der Jahre gewechselt. Heute begleiten vier junge TrainerInnen mit nationaler und internationaler Erfahrung die Kurse. Unterstützt werden sie dabei an jedem der vier Kurswochenenden von kommunalen PraktikerInnen sowie Prominenten aus der Europa-, Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik, die zu einem Kamingespräch geladen werden. So waren Doris Ahnen, Kurt Beck, Jens Böhrnsen, Edelgard Buhlmann, Jens Bullerjahn, Malu Dreyer, Sigmar Gabriel, Iris Gleicke, Matthias Groote, Hubertus Heil, Dr. Barbara Hendricks, Hannelore Kraft, Nicolette Kressl, Willi Lemke, Matthias Machnig, Dr. Ulrich Maly, Christoph Matschie, Claus Möller, Michael Müller, Franz Müntefering, Andrea Nahles, Ralf Stegner, Steffen Reiche, Manuela Schwesig, Olaf Scholz, Peer Steinbrück, Wolfgang Tiefensee, Ute Vogt, Stephan Weil, Klaus Wowereit, Brigitte Zypries und viele mehr bereits Gäste in der Kommunal-Akademie. Wer innovative und wirksame Kommunalpolitik persönlich vorstellen und junge Menschen für aktive Gestaltung und soziale Politik vor Ort begeistern will, nutzt diese Gelegenheit gern.

Es geht erfolgreich weiter Und es geht weiter. Nach wie vor ist die SPD die einzige Partei, die auf allen Ebenen Weiterbildung anbietet. Parteischule, Bundesund Landes-SGKen sind hier in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung und den (kommunal)politischen Bildungswerken aktiv: mit gezielten Angeboten für die Freizeitund Berufspolitik, für Hauptamtliche und Ehrenamtliche, zur Europa-, Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik, im Rahmen der SPD-Führungsakademie und mit Wahlsiegund BürgermeisterInnen-Seminare. Die Sozialdemokratische Kommunal-Akademie bleibt dabei zentraler Bestandteil. Im Herbst startet der 43. Kurs mit erneut 60 jungen Talenten. Weitere Informationen www.spd.de/spd_organisationen/parteischule

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Kommunalwahlen

Wahlen, Wahlen, Wahlen – soweit das Auge reicht Parallel zur Europawahl fanden am 25. Mai in zehn Bundesländern Kommunalwahlen statt. Hinzu kamen diverse Direktwahlen. Wir haben ein paar Highlights ausgewählt Autoren Nils Hilbert, Christian Ludwig und Henning Witzel Von Hamburg bis Baden-Württemberg, von Rheinland-Pfalz bis Sachsen, waren die Deutschen aufgerufen, ihre Stadtobersten zu wählen sowie die Sitze in Räten, Bezirksversammlungen etc. neu zu bestimmen. Ab und an kamen noch ein paar zusätzliche Kreuze hinzu – etwa in Berlin: Hier wurde per Volksentscheid über die Frage entscheiden, ob auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhof gebaut werden soll. Die Interessierten werden es registriert haben: Die Entscheidung wurde gegen die Pläne des Senats zu Bebauung getroffen.

Die doppelte Losnummer Direktwahlen in NRW, das bedeutet, mehr Menschen dürfen wählen, als viele EU-Staaten Einwohner haben. Und sie haben gut gewählt: In neun der 18 mittelgroßen Städten zwischen 50 000 und 100 000 Einwohnern konnten sich die SPD-BewerberInnen bereits durchsetzen: Detmold, Dinslaken, Dormagen, Eschweiler, Gladbeck, Herten, Lüdenscheid, Wesel und Bergkamen, wo Roland Schäfer bis 2020 die Zügel in der Hand hält. Zum Ende seiner Amtszeit wird Schäfer 70 Jahre alt sein. „Na und? Ich bin kerngesund“, sein Kommentar dazu. Nicht nur seine Gesundheit ist

Zwar soll hier niemand in ein allzu helles Licht gerückt werden, aber ein paar Ereignisse waren doch so spannend, dass sie Erwähnung finden. Alle Ergebnisse (Bewertungen, Überblicke, Tabellen etc.) finden sich wohlsortiert auf der Homepage der Bundes-SGK unter www.bundes-sgk.de.

Es gibt sie noch: die guten Dinge Christian Pospischil (SPD) ist neuer Attendorner Bürgermeister. Mit knapp 58 Prozent der abgegebenen Stimmen setzte er sich gegen Amtsinhaber Wolfgang Hilleke durch. Auch im Rat stellt die SPD jetzt die Mehrheit. Damit ist Attendorn im Kreis Olpe seit 30 Jahren die erste Kommune mit einer SPD-Mehrheit im Rat.

Die CDU mag keine Stadtluft Zur Einstimmung: In Städten über 200 000 Einwohnern stellt die CDU nur noch wenige Rathauschefs. Auch in Braunschweig und Düsseldorf könnte damit schon nach der Stichwahl Schluss sein. In der nordrheinwestfälischen Landeshauptstadt geht SPDKandidat Thomas Geisel mit Rückenwind in die Stichwahl. Nicht ganz so einwohnerstark aber hervorstechend: eine Gemeinde in Rheinland-Pfalz. Gewohnheitsmäßig wird hier eigentlich CDU gewählt – doch in Heidesheim leistet man plötzlich Widerstand. Das Ergebnis: Aus dem Stand schafft Sozialdemokrat Martin Weidmann mit 53,3 Prozent den Sprung auf den Chefsessel, der seit Jahren von Jens Lothar Hessel (CDU) besetzt war.

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DEMO 5 | 2014

Doch wer denkt, nur Rheinländer könnten für gute Stimmung sorgen, sollte seinen Blick nach Lehnitz/Oberhavel richten: Hier ließ Einzelbewerber Gerd Baer es so richtig krachen: Er holte sich einfach zwei Sitze im Ortsbeirat – 1 027 Stimmen sei Dank. Doch keine Angst, die Kollegen der Lokalzeitung vor Ort haben die Lage sondiert: „Sitz zwei ist nicht zuteilbar.“ Schwierige Situation auch in Bonn Das endgültige Ergebnis der Sitzverteilung im Stadtrat wurde hier per Los entschieden. Weil die WählerInnen in Drottendorf/Gronau es spannend machen wollten, haben sie SPDBewerber Holger Clausen und seinem CDUGegenkandidat exakt die gleiche Anzahl von Stimmen geschenkt. Das Los entschied zu Gunsten des CDU-Bewerbers.

In Weyhe bei Bremen konnte sich gestern Andreas Bovenschulte, bis Ende 2013 Landesvorsitzender der SPD Bremen, durchsetzen: Bei der Bürgermeisterwahl erhielt er im ersten Wahlgang 55,6 Prozent der Stimmen. Roland Schäfer

Foto: privat

äußerst robust – sein Wahlergebnis: satte 69 Prozent. Am 15. Juni kommt es dann zu Stichwahlen in Dorsten, Herford, Hilden, Marl, Troisdorf und Velbert. Bei den Ratswahlen konnte die SPD zudem ihre absoluten Mehrheiten in Herten und Eschweiler verteidigen.

Gelsenkirchen sieht weiter rot: Oberbürgermeister Frank Baranowski, Vorsitzender der SGK in NRW, wurde mit 67,8 Prozent wiedergewählt. Und im Stadtrat gibt es folgende Gewichtung: SPD 50,2 Prozent, CDU 21,0 Prozent, Grüne 5,9 Prozent, AfD 5,0 Prozent, Linke 4,7 Prozent, proNRW 4,0 Prozent.


Kommunalwahlen

Ein so großes kommunales “Stühle-Rücken” hat es lange nicht mehr gegeben. Foto: Can Stock/Ciklamen

In den fünf von SPD-Landräten geführten Landkreise Niedersachsens konnten zwei direkt im ersten Wahlgang wieder gewonnen werden: die Landkreise Leer mit Landrat Bernhard Bramlage (76,5 Prozent) und Lüneburg mit Landrat Manfred Nahrstedt (50,5 Prozent). Auch Bottrop stellt sich mit „Zweidrittelmehrheit“ (66,1 Prozent) hinter das amtierende sozialdemokratische Stadtoberhaupt Bernd Tischler. Und Bayerns rote Feste bleibt rot: Bei den Wahlen in Nürnberg wurde Ulrich Maly (SPD), derzeitiger Präsident des Deutschen Städtetages, mit 67,1 Prozent im Amt bestätigt. Auch im Stadtrat stellt die SPD die größte Mehrheit, Dank eines Stimmenateils von 44,1 Prozent (CDU 29,4, Grüne 9,0 Prozent). Lars Kolan, SPD-Mann in Golßen (DahmeSpreewald-Kreis) hat mit 67,2 Prozent gegen 32,8 Prozent des CDU-Herausforderers sein Bürgermeisteramt verteidigt. Die SPD kam in Golßen auf satte 57,4 Prozent und ließ die CDU mit 26,1 Prozent und die LINKE mit 13,5 Prozent deutlich hinter sich. Hessisch-klare Verhältnisse im Schwalm-EderKreis: ein Kandidat, SPD-Mann, 74,4 Prozent – Gratulation, Frank-Martin Neupärtl!

Nur Geduld, das wird schon... Der Vorsitzende der Bundes-SGK Norbert Bude geht mit 40,6 Prozent bzw. einem Vorsprung von 1,5 Prozent in die Stichwahl um das Amt des Oberbürgermeisters der Stadt Mönchengladbach. Am 15. Juni 2014 finden in vier niedersächischen Städten Stichwahlen zum Amt des Oberbürgermeisters statt. In Göttingen und Lüneburg geht es um den Erhalt des Amts für die SPD. In Braunschweig und Hameln könnte die SPD das Amt des Oberbürgermeisters neu gewinnen. Bereits im ersten Wahlgang konnte sich indes SPD-Kandidat Axel Jahnz in Delmenhorst (63,1 Prozent) durchsetzen.

Bei den Bezirkswahlen in Hamburg erzielte die SPD bei den Wahlen zu den Bezirksversammlungen 35,2 Prozent der Gesamtstimmen. Sie verlor 9,7 Prozentpunkte gegenüber 2011. Die CDU konnte bei den Wahlen zu den Bezirksversammlungen mit 24,8 Prozent der Gesamtstimmen ihr Ergebnis gegenüber dem Jahr 2011 (23,2 Prozent) um 1,6 Prozentpunkte verbessern. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass die guten Ergebnisse 2011 auch dem Sog des Sieges des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz und der Schwäche der Grünen nach der gescheiterten schwarz-grünen Koalition zu verdanken waren.

von 1,5 Prozent auf 25,4 Prozentpunkte – die SPD ist stärkste Kraft. In die Landratsstichwahlen am 15. Juni gehen im Burgenlandkreis Manuela Hartwig, im Jerichower Land Steffen Burchhardt und im Salzlandkreis Markus Bauer. Im Saarland wurde die Große Koalition auf Landesebene bei den Wahlen bestätigt: Die CDU bleibt mit 38,3 Prozent (+1,7 Prozent) vorne, die SPD kann mit einem Plus von 2,5 Prozent auf 34,7 aufwarten. Verlierer war die LINKE mit 7,3 Prozent (-5,6) und die FDP 2,4

Ach, das ist ja interessant... Wenn sich Wahlgebiete ändern, ändern sich oft auch die Mehrheitsverhältnisse. In Bad Kreuznach (Rheinland-Pfalz) war wegen einer Gebietsänderung vor Ablauf der Wahlperiode eine OB-Wahl notwendig: Offenbar hat sich aber gebietsweit herumgesprochen, dass Heike Kaster-Meurer gute Arbeit leistet. 55 Prozent und somit fast 20 Prozentpunkte vor der ebenfalls weiblichen CDU-Konkurrenz bestätigen das. Waren die Ergebnisse der Kommunalwahlen in Mecklenburg-Vorpommern aus Sicht der SPD mit Verlusten von über acht Prozentpunkten wenig erfreulich, gibt es dennoch Lichtblicke: Die NPD fiel landesweit mit 3,2 Prozent noch hinter die FDP zurück (-2,2 Prozent). Bei der einzigen Landratswahl wird Kerstin Weiss (SPD) in Nordwestmecklenburg als Favoritin für die Stichwahl gesehen – Ihr Ergebnis 33,4 Prozent. Auch in Sachsen-Anhalt ist die SPD bei den Kommunalwahlen auf Rang 3 zurückgefallen. In Magdeburg gelang immerhin ein Zuwachs

Heike Kaster-Meurer

Foto: Stadt Bad Kreuznach

Prozent (-4,8). Parallel dazu gewann Theophil Gallo (SPD) die Landratswahl im Saar-PfalzKreis. Im Stadtrat von Saarbrücken bleibt die SPD mit 30,4 Prozent stärkste Partei. Die SPD erreichte in Thüringen insgesamt 18,3 Prozent und verlor landesweit zwei Prozentpunkte. Entgegen diesem Trend konnte sie im Kyffhäuserkreis (+8,6 Prozent) und im Kreis Schmalkalden (+8,3 Prozentpunkte) zulegen In Sachsen kam die SPD auf 10,7 Prozent und verlor somit 0,2 Prozentpunkten im Vergleich zu 2009. Ihre besten Ergebnisse erzielte sie in Chemnitz (19,5 Prozent) und Leipzig (18,4 Prozent) sowie in den Kreisen Nordsachsen (20,9 Prozent) und Leipzig (16,2 Prozent). Noch ein Nachtrag aus dem brandenburgischen Landkreis Prignitz: Torsten Uhe (parteilos/Kandidat der SPD mit Unterstützung von der Partei DIE LINKE) gewann die Wahl am 11. Mai mit 64,1 Prozent.

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Kommunalwahlen

Übersicht der Gesamtergebnisse der Kommunalwahlen1 am 25. Mai 2014 Bundesland

Wahlbeteiligung

SPD

CDU

Grüne

Linke

FDP

AfD

NPD

Sonstige/ WG2

Baden-Württemberg

49,5

17,9

35,5

12,4

k.A. 3

4,7

k.A 3

k.A. 3

5,6/24,0

(-2,0)

(0,0)

(+0,9)

(+1,6)

46,3

24,5

24,8

6,2

20,2

4,0

3,9

2,2

14,2

(-3,1)

(-1,3)

(+4,9)

(+1,5)

(-4,5)

(-3,3)

(+3,9)

(+0,4)

(-1,8)

41,3

35,2

24,8

18,2

10,2

3,9

4,5

0,3

3,0

(-13,8)

(-9,7)

(+1,6)

(+4,0)

(+3,2)

(-2,1)

(+4,5)

(-0,8)

(-0,6)

46,5

18,9

33,0

5,8

19,7

3,3

4,2

3,2

11,9

(-0,1)

(-0,4)

(+1,2)

(+0,8)

(-1,9)

(-5,4)

(+4,2)

(0,0)

(+1,4)

Brandenburg

Hamburg

MecklenburgVorpommern

(2,7)

(+0,6/-0,3)

Nordrheinwestfalen

50,0

31,0

38,0

11,7

4,6

4,8

2,5

0,2

2,7/4,5

(-1,9)

(+1,6)

(-0,7)

(-0,3)

(+0,3)

(-4,3)

(+2,5)

(-0,2)

(+1,6/-0,4)

Rheinland-Pfalz

55,6

29,8

38,6

9,5

3,2

4,1

3,0

0,2

0,8/10,6

(+0,5)

(+0,3)

(+0,9)

(+1,4)

(+0,5)

(-4,9)

(+3,0)

(-0,2)

(-0,4/-0,9)

52,5

34,7

38,3

6,1

7,3

2,4

5,3

0,9

3,0/1,8

(-4,8)

(+2,4)

(+1,6)

(-0,4)

(-5,6)

(-4,8)

(+5,3)

(+0,3)

(+2,3/-1,5)

Saarland

Sachsen4

Sachsen-Anhalt

Thüringen

Ergebnise der Europawahl in Deutschland

49,1

10,7

33,3

5,8

16,5

4,2

2,5

1,9

1,4/23,8

(+1,4)

(-0.2)

(+0,6)

(+0,8)

(+1,0)

(-4,1)

(+2,5)

(-0,4)

(+0,6/-0,8)

43,1

18,3

34,3

5,5

21,5

4,5

2,3

1,6

3,1/8,9

(+6,2)

(-2,2)

(+2,0)

(+1,2)

(+1,2)

(-4,0)

(+2,3)

(-0,6)

(+0,3/-0,3)

51,4

18,3

35,0

5,0

21,9

3,4

0,6

3,1

12,7

(-1,8)

(-2,0)

(+1,7)

(+0,5)

(+1,2)

(-4,0)

(+0,6)

(-2,1)

(-1,1)

Wahlbeteiligung

SPD

CDU/CSU Grüne

Linke

FDP

AfD

NPD

Sonstige

48,1

27,3

35,3

10,7

7,4

3,4

7,0

1,0

7,8

(+4,9)

(+6,5)

(-2,6)

(-1,4)

(-0,1)

(-7,6)

(+7,0)

(+1,0)

(-3,0)

Quelle: Statistische Landesämter; Bundeswahlleiter; Zusammenstellung Bundes-SGK. Es können Rundungsabweichungen auftreten. Gesamtergebnisse der Kommunalwahlen (Kreistagswahlen und Stadtratswahlen der kreisfreien Städte, Ausnahmen sind gekennzeichnet) in prozentualen Stimmenanteilen. Unter den Ergebnissen von 2014 findet sich die Differenz zum Gesamtergebnis der jeweils vorherigen Kommunalwahlen (Jahr ist in Klammern angegeben): Baden-Württemberg (2009), Brandenburg (2008), Hamburg (Bezirksversammlungen 2011), Mecklenburg-Vorpommern(2009), Nordrhein-Westfalen (2009), Rheinland-Pfalz (2009), Saarland (2009), Sachsen (Stadt- und Gemeinderatswahlen 2009), Sachsen-Anhalt (Vergleichszahlen: aggregiertes Gesamtergebnis der Wahlen in 2007 bzw. 2009) und Thüringen (2009) 2 Sonstige sowie Wählergemeinschaften, -vereinigungen und -gruppen. In den Bundesländern, in denen für das Gesamtergebnis ein Gesamtanteil der Stimmen für Wählergemeinschaften angegeben wurde, ist dies ausgewiesen. 3 Ein differenziertes Gesamtergebnis mit den Stimmenanteilen für die Linke, die AfD und die NPD lässt sich auf der Grundlage der vom Statistischen Landesamt Baden-Württemberg bisher veröffentlichten Daten nicht darstellen. 4 Grundlage für das Gesamtergebnis der Kommunalwahlen in Sachsen sind die Ergebnisse der Wahlen zu allen Stadt- und Gemeinderäten. Die Vergleichszahlen beziehen sich auf die Gemeinderatswahlen 2009. Aufgrund der Absage der Gemeinderatswahlen in vier Gemeinden berücksichtigt dieses Gesamtergebnis nur die Ergebnisse von 428 von 432 Gemeinden. Die vier abgesagten Gemeinderatswahlen werden voraussichtlich am 31.08.2014 parallel zur Landtagswahl nachgeholt. 1

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DEMO 5 | 2014


Bücher

Nachhaltige Küche für Kinder, Eltern und Erzieher Gesundes Essen nährt nicht nur den Körper, sondern auch die Seele gute Köche noch einiges dazu zu lernen gibt, das gut zu wissen und gesund für alle ist. Die Geschichten um die Ernährung drumherum sind interessant, für Kinder bestens aufbereitet und kommen ohne erhobenen Zeigefinger aus. Das Buch transportiert den Spirit der Wienerschen Kochkunst und gleichzeitig eine zeitgemäße biologisch wertvolle Grundeinstellung zu unserer Ernährung.

Gründung und Führung ihrer Stiftung, das war für Köchin Sarah Wiener noch nicht alles (siehe auch Artikel auf Seite 12). Auch Lehrer oder KitaMitarbeiter, die noch nicht in den Genuss einer Schulung gekommen sind, sollen die Möglichkeit haben, mit nachhaltigem Erfolg für und mit den ihnen anvertrauten Kindern zu kochen. Eltern können sich da ebenfalls einbringen. In der Tat stellt man bei der Lektüre fest, dass es auch für

Oft haben junge ErzieherInnen selbst nur rudimentäre Kenntnisse in der Ernährungslehre und vom Kochen. Ziel der Stiftung und letzten Endes auch dieses Buches ist es, das Wissen um das, was wir essen in die Ausbildung von ErzieherInnen zu integrieren. BB

Kerstin Ahrens, Stephanie Lehmann, Meike Rathgeber Landschaft schmeckt Nachhaltig kochen mit Kindern Beltz Verlag, 2014, 209 Seiten, 17,95 Euro, ISBN 978-3-407-75396-0

Die moderne City ist heute ein Lebensstil Wie sich die BürgerInnen ihre Innenstädte wieder zurückerobern Die City wie die Schriftstellerin und Professorin Hannelore Schlaffer sie sieht, ist nicht das Zentrum einer Stadt. Sie meint damit den Lebensstil, den man pflegt, wenn man heute, was inzwischen wieder häufig der Fall ist, als Bürger das Lebensgefühl mitten in der Stadt genießt. Eine nicht sehr weitsichtige Baupolitik hatte die Menschen nach dem Krieg aus dem Innern der Städte vertrieben. Es sieht so aus, als wenn seit einiger Zeit der Trend wieder in die Städte zurückgeht. Hannelore Schlaffer zeigt sich mit ihrem Essay als gute Beobachterin und liebevolle Chronistin eines sich entwickelnden Straßenlebens neuerer Prägung. Ihrer Ansicht nach ist das neue Leben in der Stadtmitte auch eine neue Lebensform, die sich Menschen zu eigen machen, die die Geräusche, die Bewegungen und den Lauf einer Stadt lieben und sich damit wohlfüh-

len können. Freiräume schafft sich der moderne Stadtbewohner, indem er schon morgens in der U-Bahn über Kopfhörer seine eigene Musik hört und damit eine gesunde Distanz zwischen sich und seine Umgebung bringt. BB

Hannelore Schlaffer Die City Straßenleben in der geplanten Stadt zu Klampen Verlag, 2013, 176 Seiten, 18,00 Euro, ISBN 978-386674-188-1

Termine SGK-Seminar: Mein Weg zur Bürgermeisterin – Frauen ins Rathaus 27. und 28.06.2014, Springe www.bundes-sgk.de/termine Zukunftskongress Staat und Verwaltung 2014 1. und 2. 7.2014, Berlin www.zukunftskongress.info Consense – Internationale Fachmesse und Kongress für nachhaltiges Bauen, Investieren und Betreiben 1. und 2. 7.2014, Stuttgart www.messe-stuttgart.de/consense Erster Deutscher Kommunalradkongress 2014 3. 7.2014, Siegburg www.dstgb.de/dstgb/Home/ Veranstaltungen INTERFORST 2014 – Internationale Leitmesse für Forstwirtschaft und Forsttechnik mit wissenschaftlichen Veranstaltungen und Sonderschauen 16. bis 20.07.2014, München www.interforst.de Difu-Seminar (Kooperation mit dem Deutschen Städtetag): Inklusion in deutschen Schulen – Erfahrungen und Handlungsbedarfe 01. und 02. 9.2014, Berlin www.difu.de/veranstaltungen Difu-Seminar: Gartenschauen: Trends, Konzepte und Perspektiven 11. und 12. 9.2014, Berlin www.difu.de/veranstaltungen VKU-Stadtwerkekongress 2014 16. und 17. 9.2014, Neuss www.innovation-congress.de/ vku-stadtwerkekongress2014 KGSt-FORUM 2014 17. bis 19. 9.2014, Dresden www.kgst.de/kgst-forum-2014

DEMO-Kommunalkongress 2014 27. – 28.11.2014, Berlin www.demo-kommunalkongress.de

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Das Letzte

Kein Foto nirgends

formation, dass die Disponentin 1986 in Stettin geboren ist.

Ein antiquiertes Frauenbild einer Partei muss folgerichtig auch ohne Foto auskommen

Googelt man den Namen, erhält man die vollständige Adresse. Einladung für die Fotografen, sich vor der Haustür auf die Lauer zu legen und der geschätzten Öffentlichkeit mit einem Foto der Kandidatin auszuhelfen? Dann kann Google aber doch noch mit einem Foto aufwarten. Zuerst kommt zwar so eine Art Castro-Verschnitt in den Blick, aber man hat schnell raus, dass Frau Ysar bestimmt nicht für Kuba spioniert und auch keine gealterte Conchita Wurst ist, sondern eine junge Dame, die gerne mal einen Döner zu sich nimmt. Das wiederum dokumentiert sie mit einem Foto von sich und ihrer kleinen Tochter Isa. Dabei steht eine lange Beschwerde, dass der Döner zwar gut, aber immer ohne die von ihr gewünschte Remoulade serviert wird.

meinen, das retromäßige Frauenbild, das die AfD allgemein veräußert, könnte mit solchen Aussagen nachhaltig gestärkt werden. Nur die Sache der Frau, die bleibt auf der Strecke. Letztlich aber auch die Partei. Denn – oh Wunder – die Damen verweigern bundesweit der AfD mehrheitlich ihre Stimmen. Vermutlich möchten sie nicht so gerne mit der bizarren AfD-Vorzeigefrau Beatrix von Storch in einen Topf geworfen werden. Und über 20 hat man doch schon vielfach eine eigene Meinung Auch eine Möglichkeit zur Bebilderung: zur Sache der Frau – sogar Die virtuelle Dame ist für alles und wenn man selbst eine ist. nichts verwendbar. Passt immer.

„Mädchen um die 20 ist eine öffentliche Vorstellung nicht zumutbar“ sagt die AfD (Alternative für Deutschland) in Bocholt. Aber nur zu gerne nimmt die Partei dort diese „Mädchen“ mit auf ihre Liste. Fast könnte man

DEMO 6/2014 erscheint am 10. Juli 2014

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Doch zurück zu den Mädchen um die 20 in Bocholt. Dort sind die KandidatInnen der Partei AfD immerhin zu einem Drittel der Damenwelt zuzurechnen. In der Liste für den Wahlbezirk 1 erscheint also eine Marta Yasar mit einem Blindfoto und der In-

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So genau wollte der Wähler das nun auch wieder nicht wissen. Aber ein Blick auf den Menschen und eine öffentliche Vorstellung der Dame, die man da wählen soll, das war doch wohl wirklich nicht zu viel verlangt. Barbara Behrends

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mit folgenden Themen: Der Titel widmet sich, ganz der Jahreszeit entsprechend, der Freizeit. Was bieten die Kommunen? Was gibt es an touristischen Attraktionen? Im Report geht es dann zur Sache bei den Stadtwerken. Was können und machen sie besser als Private?

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DEMO 5 | 2014

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