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AUSSTELLUNG

DUNKLE FARBEN LEUCHTEN AUCH Maler Henry Walinda kommt mit seinem „Circus Schwartz“ nach Wismar Am 13. August gastiert erstmals ab 19.30 Uhr der „Circus Schwartz“ in Wismar. Wobei nicht etwa ein Zelt sondern die Galerie Hinter dem Rathaus als Manege dient. Denn Henry Walinda, Maler aus Lischow (Landkreis Nordwestmecklenburg), eröffnet seine Ausstellung „Circus Schwartz. Dunkle Farben leuchten auch“. In seinen Werken dominieren dunkle Farben, Schwarz- und Brauntöne, die im Kontrast zu leuchtendem Rot und Gelb stehen. Walinda arbeitet mit dem Prinzip der Zerstörung. Immer wieder übermalt er seine Bilder, greift dabei auch zu Teer, Erde oder Alltagsgegenständen, etwa einem Gardinenfetzen. Er zerkratzt, wäscht Farben wieder ab, arbeitet Figuren heraus. Durch die plastische Oberfläche erzeugen die Bilder Schatten, die sich, je nach Lage im Raum, Stand des Betrachters und Tageszeit, immer wieder verändern. Zerstörung sei wichtig, damit, auch durch Zufall, neue, spannungsgeladene Bilderwelten entstehen können.

Henry Walinda (57) in seinem Atelier in Lischow bei Wismar.

„Der Zirkus ist ein Gegenentwurf zur Realität, eine Allegorie meiner Innenwelt“, sagt er. Die großformatigen, expressiven Bilder tragen Titel wie „Trapezdame Veronika“, „Der Schaukelartist“, „Der Direktor“. Jeder hat eine bestimmte Rolle. Interessierte können sie den Geschichten entnehmen, die in wenigen Sätzen unter den Werken stehen. „Die Geschichten dienen als Anregung, Sie sollen den Betrachter mitnehmen in die Zirkuswelt. Jeder kann sie bei Bedarf weiterentwickeln“, sagt Walinda. In diesen Geschichten gehen die Protagonisten meist unbeirrbar ihren Weg, sie kämpfen und lassen sich von äußeren Umständen nicht beeinflussen. „Die Bilder entstehen zuerst, dann überlege ich mir eine Geschichte. Mich interessieren soziale Gefüge, zwischenmenschliche Beziehungen, Abhängigkeiten“, sagt Walinda. Oft verwendet der 57-Jährige Ei-Tempera, eine selbst gemischte Emulsion aus Leinöl, Eigelb, Farbpigmenten und Wasser. Der Vorteil: „Die Farben bleiben lange frisch, sie sind lichtechter und leuchten nach“. 10

Schon früher mochte der Vater dreier erwachsener Kinder expressive Maler wie Oskar Kokoschka und Bernhard Heisig. Seinen Stil beeinflusst hat auch der Leipziger Gero Künzel, bei dem er von 1996 bis 2007 Malerei studiert hat. Bis heute ist er mit dem 52-Jährigen freundschaftlich verbunden. „Gero hat Humor, er riskiert auch mal etwas, ihm geht es nicht ums Gefallen. Er setzt seine Ideen durch“, sagt Walinda. Auch der gebürtige Zwickauer musste sich in seinem Leben oft gegen Widerstände durchsetzen. Über Umwege kam er zur Kunst: Nach dem Abschluss der zehnten Klasse in Grevesmühlen, wo er aufwuchs, lernte er zunächst Baumaschinist. Nach der Ausbildung verbrachte er zwei Jahre auf LKW und Planierraupe, es folgten anderthalb Jahre Armeezeit. Eigentlich hätte er schon damals gern Kunst studiert, aber er nahm Umwege, machte die Hochschulzulassung in Leipzig erst nach der Wende. Dennoch entstanden bereits Anfang der 80er Jahre erste Kunstwerke: figürliche, expressive Bilder, in denen er seine Kritik am damaligen System verarbeitete. Unzufrieden mit der gesellschaftlichen Enge in der mecklenburgischen Provinz folgte er in dieser Zeit seinem

Freiheitsdrang, zog nach Berlin. Dort lernte er Krankenpfleger, arbeitete sechs Jahre in der Psychiatrie des St. Joseph-Krankenhauses in Weißensee. „Das kirchliche Umfeld war wie ein Refugium“. Er malte Porträts seiner Patienten, unter ihnen war auch der Künstler Kurt Wanski. Die Patienten inspirierten Walinda: „Sie galten als unnormal, blieben aber unbeeinflussbar. Jeder hatte seine eigene Aura“, sagt er. Bis heute inspirieren ihn Menschen, die, trotz aller Widerstände, erfolgreich ihren Weg gehen. Dazu gehören zwei Literatur-Nobelpreisträger: die polnische Lyrikerin Wisawa Szymborska (1923-2012), die sich zum Beispiel in der Solidarno-Bewegung engagierte, und der Schwede Tomas Tranströmer (1931-2015). Trotz einer halbseitigen Lähmung infolge eines Schlaganfalls arbeitete er unermüdlich weiter, war bis zu seinem Tod auch als Pianist gefragt. „Beide thematisieren mit einer unprätentiösen, tiefgehenden Alltagssprache unliebsame, existenzielle Themen wie Krankheit, Versagen, Ablehnung und Tod“, erklärt Walinda. Gedichte der Lyriker bieten ihm seit 2012 eine Grundlage für Bilderzyklen, die bislang in Danzig und Wismar zu sehen waren. Weitere Ausstellungen führten ihn unter anderem nach Berlin, Leipzig, Fulda und Benares (Indien). Arbeiten im öffentlichen Raum befinden sich unter anderem in Palm Springs (USA), Kyoto (Japan), Bristol (Großbritannien), Würzburg und Frankfurt/ Main. Sich selbst bezeichnet Walinda als „Workaholic“. Täglich arbeitet er bis zu zwölf Stunden in seinem knapp 200 Quadratmeter großen Atelier unterm Dach in einem ehemaligen Gutshaus in Lischow. „Das ist mein Laboratorium.“ Meistens arbeitet er an mehreren Serien gleichzeitig. Aktuell bereitet er, neben dem „Circus Schwartz“, eine Weiterführung der MECKLENBURG-SCHWERIN delüx 2/2015

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Mecklenburg Schwerin delüx Sommer 2/2015  

Regionalmagazin

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