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Baar Bahnhofplatz Anschluss an die grosse weite Welt

Schriftlich gibt es ihn eigentlich gar nicht. In keinem Vermessungsplan, in keinem Ortsplan existiert sein Name, auch nicht auf Strassenschildern und Hausnummern. Der grösste Baarer Platz hat von Amtes wegen keinen eingetragenen Namen, er fristet sozusagen ein illegales Dasein «sans papiers». Das müsste die Nomenklaturkommission bewegen, nach hundertsieben Jahren dem Platz seine Existenz zu bescheinigen. Bis dato ist der Bahnhofplatz nur ein etwas breiter gewordener und in die Länge gezogener Teilabschnitt der Bahnhofstrasse. Sollte es den verkehrstechnischen Gesetzmässigkeiten der durchgehenden StrassenNummerierung widersprechen, die Bahnhofstrasse mit dem Bahnhofplatz zu unterbrechen, könnte der östliche Zubringer den neuen Namen «Obere Bahnhofstrasse» und die westliche Fortsetzung «Untere Bahnhofstrasse» bekommen. Grund für einen Zuger Kunst-

Orion-Autobus der Automobilgesellschaft Zug. Ab 1904 bis zur Eröffnung der Elektrischen Strassenbahnen 1913 im Einsatz für die Strecken Zug–Baar–Menzingen und Zug–Oberägeri.

Hotel «Gotthard» am Bahnhofplatz um 1908.

historiker, wieder einmal den Baarern Grossstadtallüren vorzuhalten? Zug hat ohne Zweifel den schönsten Bahnhof weit und breit, Baar dafür den architekturpreisgekrönten urbanen Bahnhofplatz. Und wenn erst einmal der neue Bahnhof gebaut sein wird – doch davon später. Zurück zu den Anfängen 1847 wurde die erste schweizerische Bahnstrecke, die Spanischbrötlibahn Zürich–Baden, eröffnet. 1835 verkehrte das erste Dampfschiff auf dem Zürichsee, 1852 folgte ein Dampfboot auf dem Zugersee. Von zwei Seiten rückte das Eisenbahnnetz dem Kanton Zug näher. 1855 wurde die Nordostbahnstrecke Winterthur–Romanshorn eröffnet, im gleichen Jahr Winterthur– Oerlikon und ein Jahr später Oerlikon– Zürich.1857 wurde die Centralbahnstrecke Aarau–Olten–Emmenbrücke, 1858 Basel–Olten und 1859 Emmenbrücke–Luzern dem Betrieb übergeben. Verständlich, dass die Zuger Wirtschaftselite den Anschluss an die grosse Welt


der Bahn suchte. Das Besondere daran war, dass sich eine Gruppe über Partei-, Kantons- und Branchengrenzen hinaus gemeinsam für die Eisenbahn einsetzte. Der Bundesbeschluss vom 25. Heumonat 1856 befürwortete die Initiative der «Glorreichen Fünf» mit folgendem Wortlaut: «Nach Einsicht einer durch den Grossen Rat des Kantons Zug den Herren Franz Müller, Oberst, Franz Joseph Hegglin, Landammann, Heinrich Schmid und Wolfgang Henggeler, Spinnereiindustrielle sowie Heinrich Ulrich Vogel, Papierindustrieller, in der Eigenschaft eines provisorischen Komitees erteilten Konzession für den Bau und Betrieb einer Eisenbahn von der Grenze der Sihlbrücke über Baar, Zug nach der Grenze des Kantons Zug bei St. Adrian einer-, und andererseits vom Bahnhofe bei der Stadt Zug über die Grenze des Kantons Luzern bei Honau, vom 18. Brachmonat 1856» beschliesst die Bundesversammlung, dass dieser Konzession unter bestimmten Bedingungen die Genehmigung des Bundes erteilt wird. Die Zuger taten sich mit der Ost-West-Bahn zusammen. Sie erwies sich als die falsche Partnerin, sie machte Konkurs. Für den Kanton Zug bedeutete das einen Verlust von einer halben Million Franken, eine für die damalige Zeit horrende Summe. Der grosse Nachbarkanton Zürich hatte andere Pläne. Er wollte die einfachste Linienführung von Zürich nach Luzern über das Säuliamt. Die Nordostbahn Alfred Eschers übernahm die Fortführung des Bahnbaus und strich aus Kostengründen die

Sihltallinie ersatzlos. So kam Zug 1864 zu seinem Bahnanschluss via Zürich– Säuliamt. Die Vision der fünf Anbahner war damit Wirklichkeit geworden – allerdings mit einer bescheideneren Lösung als geplant. Baar musste sich noch mehr als 30 Jahre gedulden, bis es den Anschluss an die dampfende Eisenbahn erleben konnte. 31. Mai 1897: Baar feiert den Anschluss an die grosse weite Welt Erst 1890 sah sich die Nordostbahn in der Lage, den Bau der Linie Thalwil–Zug energisch anzupacken. Sieben Jahre dauerte der Bau der Strecke mit den beiden Tunnels durch den Zimmerberg und den Albis nach Baar, Zug und Arth-Goldau. Die neue Linie wurde am 31. Mai 1897 mit einem Extrazug eingeweiht. Der Chronist schrieb: «Die Gemeinde Baar bereitete dem Sonderzug ebenfalls einen sympathischen Empfang. In einer launigen Ansprache forderte der Baarer Festredner die Gäste auf, den Ehrentrunk, der besser als der Ruf der Bürger von Baar sei (!), einzunehmen.» Der ausgeschenkte Wein war statt Eigengewächs aus Baar ein edler Tropfen aus Algerien. Er stammte von den Weingärten des ausgewanderten Baarers Heinrich Henggeler. Der direkte Zubringer zum Gotthard wurde als wichtiges Bindeglied von Mittel- und Ostdeutschland nach Italien bezeichnet. Dies waren keine leeren Worte: Dank des neuen Teilstücks konnten die Fahrzeiten von Berlin nach Mailand um vier Stunden reduziert werden!


Baar Bahnhofplatz

Vom Auf und Ab eines Verkehrsknotenpunktes Der Bahnhof Baar hat eine Geschichte mit Höhen und Tiefen. Sie begann mit der Eröffnung auf angehobener Höhe über Meer: Der aus dem Tunnelbau geförderte Bauschutt und ein Teil des abgegrabenen «Jöchlerhangs» dienten nicht nur zur Aufschüttung des Damms, sondern zur Erhöhung des Bahnhofgebietes. War die Station Baar anfänglich als Haltestelle der Nord-Ost-Bahn NOB eröffnet worden, gelangte die Strecke Thalwil–Zug 1902 und somit auch Baar zu den SBB. 1913 kam dem Baarer Bahnhof weitere Bedeutung zu: Die Strecke Zug–Baar–Talacker–Menzingen wurde von den Elektrischen Strassenbahnen im Kanton Zug ESZ in Betrieb

Erster Neumühle-Silo im Bau 1929.

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Bahnhof Baar mit Kiosk auf der Ostseite. Postkarte 1928.

genommen. Neben dem Personenverkehr wurde dadurch sämtlicher Güterumschlag nach dem Ägerital und Menzingen dem Bahnhof Baar übertragen. 1923 wurde die Bahn elektrifiziert,


1931 wurde der Bahnhof umgebaut. Eine Unterführung und ein Zwischenperron wurden erstellt, die Gleisanlagen erweitert. Im gleichen Jahr wurde die Doppelspur Baar–Zug in Betrieb genommen. Um eine raschere Zugfolge zu ermöglichen, wurde die Strecke Baar– Sihlbrugg unterteilt und die Ausweichstation Litti geschaffen. Als 1953 die Elektrischen Strassenbahnen im Kanton Zug aufgehoben wurden, verlegte die ZVB den Umlad des Güterverkehrs nach Menzingen und ins Ägerital nach Zug. Weil die Klassifizierung den Rang eines Bahnhofs und seines Personals mit Punkten bewertet, die sich aus verschiedenen Kriterien ergeben (Anzahl Züge, verkaufte Billette, Abonnemente, Gütertonnen usw.), bewirkte der Wegfall dieses Güterumlads die Herabsetzung des Bahnhofs Baar auf eine Station I. Klasse. Dank Zuzug neuer Industriebetriebe nahm der Güterverkehr dann allmählich wieder zu. Aus diesem Grunde stieg am 1. Januar 1964 Baar wieder in den Rang eines Bahnhofs III. Klasse auf. 1966 gaben sich die SBB die Ehre, eine Lokomotive Ae 6/6 auf den Namen der Stadt Baar zu taufen: 1963 war Baar mit 10 000 Einwohnern statistisch betrachtet zur Stadt geworden. 2500 Besucher kamen auf den Bahnhof, um «ihre» Loki zu besichtigen. Übrigens: 2004 ist die Ae 6/6, die Gotthardlokomotive par excellence, in Pension gegangen. 30 000 Schulkinder in der ganzen Schweiz hatten die Jungfernfahrt mit der neuen Loki erlebt. Ein Zeitgenosse aus Oberwil-Zug

Luftaufnahme Neumühle Baar, rechts Villa Haab, links Restaurant Bahnhof mit Kino «Capitol». 1960.

kommentiert das Ereignis: «Eine Fahrt ins Tessin, das war für uns etwas Exotisches ... leider dauert eine Fahrt ins Tessin heute immer noch etwa gleich lang wie damals ... irgendwann sind die SBB leider stehen geblieben. Es bleibt zu hoffen, dass sie eines Tages wieder sowohl bei der Technik wie als auch mit Bezug auf die PR nicht nur mit der Zeit gehen, sondern dieser, wie damals, voraus sein werden.» Bahnhof Baar – wie er einmal war Wenn in früheren Jahren ein in sein Spielzeug verliebter Vater seinem Sohn einen Bahnhof in die Modellbahn einbaute, dann gehörten dazu ein Stationsgebäude, ein Stellwerk, ein Güterschuppen und natürlich die Person des Bahnhofvorstands mit der Kelle in der


Baar Bahnhofplatz

Der 82-jährige Alois Staub mit seinem Camionnagefuhrwerk.

Hand für den Abfahrbefehl. Aber das war einmal. 1966 wurde im Bahnhof Baar mit dem Einbau eines 1,5 Millionen Franken teuren Stellwerks begonnen. Es sollte ermöglichen, zuerst die Ausweichstationen Litti, später auch die Stationen Sihlbrugg, Horgen Oberdorf und Oberrieden Dorf von Baar aus zu bedienen. Sieben Jahre später war das Schnee von gestern. 1973 wurde im Bahnhof Zug das Stellwerk erneuert. Damit war die Fernsteuerung der Stationen Baar und Litti, später auch der weiteren Stationen im näheren Umkreis Tatsache geworden. Ende 1980 war die Doppelspur Baar–Litti vollendet. Ende 1982 konnten die SBB verkünden: Wir fahren mit Takt. Jede Stunde verkehrte jetzt ein Zug Richtung Zug und Zürich.

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Bis Ende 1984 war auf den Baarer Strassen das Pferdefuhrwerk der Fuhrhalterei Staub anzutreffen. Mehr als 60 Jahre war der sympathische Alois Staub mit seinen zwei «Freibergern» unterwegs gewesen, um den Leuten die im Güterschuppen eingetroffenen Waren auszuliefern. Ab Neujahr 1985 wurde das Pferdefuhrwerk durch einen Camion ersetzt. Weil die SBB zur Einsicht kamen, dass der Transport der Stückgüter nicht zu ihren Stärken gehört, schufen sie in den Achtzigerjahren das System Cargo domizil. 1996 wurde es ausgegliedert; private Strassentransporteure betreiben heute das Geschäft, im regionalen Bereich des Transporteurs auf der Strasse, auf weite Distanzen in der Regel per Bahn. Die Güterbahnhöfe hatten ihre Funktion verloren. Im Zuger Güterbahnhof wurde ein Ökihof eingerichtet. Der Baarer Güterschuppen wurde am 20. September 2002 dem Erdboden gleichgemacht. Wie es sich für Baar gehört, wurde anderntags ein Abbruchfest gefeiert. Zu schlechter Letzt notierte die Chronistin des Baarer Heimatbuchs am 1. April 1999 zwar keinen Aprilscherz, sondern die leidige Tatsache: «Baar hat keinen Bahnhofsvorstand mehr, da der Bahnhof Baar eine Filiale des Bahnhofs Zug wird. Ruedi Suter verabschiedet sich.» Dazu ein Auszug aus einem NZZ-Leserbrief vom April 2004: «Auch wenn ich 100 Jahre alt werden sollte, so werde ich nie verstehen, weshalb der Beruf eines Bahnhofsvorstandes als Auslaufmodell gelten soll. Wieder wollen die


SBB eine Reihe Bahnhöfe schliessen. Diesmal deren 150. Das AllrounderBahnhofspersonal hat viele andere sinnvolle Aufgaben. So schaut es zum Beispiel zum Billettautomaten, verhindert Vandalismus und berät über die stets komplizierter werdenden Fahrausweise, schickt die auf den Gleisen spielenden Kinder weg usw. Wenn beim Bahnhofspersonal gespart werden soll, wird bestimmt der falsche Finger verbunden!» Das grosse Baarer Bahnhoffest vom 7./ 8. Juni 1997 Eigentlich hätten die SBB in Zug ein Fest zum 150. Geburtstag der Schweizer Bahnen feiern wollen, verbunden mit Probefahrten der kommenden Stadtbahn. Weil dies aus technischen Gründen nicht möglich war, zogen sich die

Ruedi Suter, der letzte Baarer Bahnhofsvorstand, in historischer Uniform als Organisator des 100-Jahre-Bahnhof-Festes 1997.

Als die SBB noch Stückgüter transportierten: Werbeaufnahme aus dem Victoria-Möbelkatalog 1960.

Zuger von den Jubiläumsaktivitäten zurück. Da das SBB-Jubiläumsjahr mit dem 100. Geburtstag des Bahnhofs Baar zusammenfiel, wären für die Baarer Feierlichkeiten die Stadtbahnprobefahrten eine willkommene Attraktivität gewesen. Ruedi Suter, der lebendig aktive Bahnhofsvorstand und heutige Präsident des Verkehrsvereins, suchte eine Alternative und fand sie in Bestform: Er engagierte einen deutschen Hochgeschwindigkeitszug ICE für drei 75-minütige Rundfahrten von Baar übers Freiamt, Zürich und zurück. Eine kleine Sensation. Nach dem Rückzug von den SBB-Festivitäten blieb den Stadtzugern buchstäblich nur das Nachsehen: Der ICE fuhr im Zuger Bahnhof ohne Halt einfach durch! Ruedi Suter und Franz Wiser hatten mit ihrem Organisationskomitee ganze Arbeit geleistet für ein Baarer Fest in gewohnt sonniger Stimmung. Am Sonntag nach dem Baarer Bahnhofs-Jubiläum kamen Ehrengäste aus dem Ägerital mit einem Extrazug via Arth-Goldau nach Baar, um eine neue Lokomotive Re460, besser


Baar Bahnhofplatz

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bekannt als Lok 2000, auf den Namen «Ägerisee» zu taufen. Der rührige Ruedi Suter war knapp zwei Jahre nach seinem verdienten Erfolg nicht mehr Baarer Bahnhofsvorstand: siehe oben!

eine mittelgrosse Stube mit allerlei Komfort, wie Illustrierte in sechs Sprachen, Radio, Tranksame, Sitzgelegenheiten, Diskussion und beinahe unbeschränkte Aufenthaltszeit. Zwei zumindest waren stets anwesend, von früh bis spät und umgekehrt. Mit und ohne Unterbrechung, mit und ohne Zustrom des weiblichen Elements. Es fehlte auch nie der dritte. Unglücklicherweise besass er eine Rolleiflex und die fixe Idee, dass weniges hienieden von Dauer sei. Auch dieser Debattierklub, der Weltanschauung und Jazzmusik, Picasso und den lieben Gott mit der nämlichen Vehemenz zerredete wie den letzten Fussballmatch und die nächste Volksabstimmung, schien ihm nicht endlos währen zu können. (Er hatte leider recht.) Darum versuchte er innert der Galgenfrist eines zehnjährigen ‹Blühens› der Zentrale – sie war wirklich irgendwie ein Mittelpunkt – ein Fixativum zu finden. Wenn die Pointen der Gespräche knallten, zischten die Blitze der Photolampen, wenn die Paradoxe der Reden strahlten, leuchteten im Zentraledüster die 500-Watt-Reflektoren, und beim Knacken der Weltanschauungsnüsse klickte der Compurverschluss. Ein paar hundert Bilder füllten die Kartothek. Sie sollten ein Buch werden. Das Drum und Dran des ‹dokumentarischen Kerns› stand zur Rede. Es wurde ‹gestaltet›. Köpfe, Orte, Worte, Programme. Parodistische Repräsentativaufnahmen und ironische Montagen. Worte zu Bildern, Bilder über Worte. Ein Photobuch. Die Zentrale.» Auflage: drei Exemplare!

Ode an den Bahnhof In Armin Haabs Buch «Die Zentrale» findet sich eine fotografische Ode an den Bahnhof Baar mit einem erläuternd heiteren Text, wie er nur von Max Schumacher/Busch sein konnte. Das Bild zeigt einen vorbeisausenden Schnellzug, die Einsteigeperrons mit der Stationstafel «Baar» links liegen lassend. Was war eigentlich die «Zentrale»? In der internationalen Monatsschrift für Fotografie und Film «Camera» vom Januar 1951, die dem Werk von Armin Haab gewidmet war, gab Max Schumacher eine Erklärung: «Irgendwo in der Innerschweiz liegt das kleine Dorf, darin sich ein paar Freunde zusammenfanden. Ob sie nun gerade die Harmonie ihrer Weltanschauung einte, ist sehr zweifelhaft. Höchstwahrscheinlich war’s im Gegenteil eine anziehende Gegensätzlichkeit des Herkommens, des Berufes, der Gedanken, die sie zusammenführte. Studenten und Studierte, kunstgewerbelnde Künstler, Tageschronisten und Ewigkeitsdenker, Sportchampions, Emigranten und Vaganten, Politikersöhne (es gab sogar einen ‹kleinen Gemeinderat›) und Apolitische fanden sich statutenlos zum Verein. Ihr Lokal – ruhender Pol in der Ereignisse Flucht – war das Atelier eines Graphikers,


Aufnahme von Armin Haab für das Fotobuch «Die Zentrale»: Bahnhof Baar als internationale Durchgangsstation, zirka 1945.

Armin Haab (1919–1991) Armin Haab war einer der Söhne von Ernst und Anna Haab-Wickart in der Villa zur Neumühle. Haab erlernte den Beruf eines Typografen, besuchte später seinen künstlerischen Neigungen entsprechend die berühmte Fotoklasse von Hans Finsler an der Zürcher Kunstgewerbeschule. Dem Tod von Bruder Ernst, er war 1943 als passionierter Berggänger im Berner Oberland verschollen, folgte der familienbedingte Berufswechsel, die Ausbildung zum Mühlenfachmann. Zusammen mit seinem Cousin und Partner Kurt übernahm er 1948/49 die Leitung der Neumühle. Sie wurde allerdings 1965 stillgelegt und wich der Kosmetikfirma Chandor. Haab unternahm

mehr als 90 Berufs-, Bildungs-, Museums-, Trekking-, Kunst- und Wanderreisen. Sie brachten ihn nach allen Kontinenten von der Antarktis bis Island und Bhutan. Seine Fotothek umfasst rund vierzig Bände, eine Kulturgeschichte in Bildern. Sein Hauptwerk bleibt im Schweizer Fotomuseum Winterthur der Nachwelt erhalten. Bahnhofplatz bei Nacht «Das Buch vom Lande Zug��, eine Festgabe zur Zentenarfeier 1952, war u. a. mit zahlreichen Fotografien von Armin Haab illustriert. Die Aufnahme des Baarer Bahnhofplatzes war im Jubiläumsbuch, aber auch in der Fachzeitschrift «Camera» ganzseitig reproduziert. Sie


Baar Bahnhofplatz

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schrieb dazu: «Der Reiz dieser Photo liegt im Gleichgewicht von Hell und Dunkel und der Perspektive, die im hellen Wagendurchblick den Schnittpunkt findet.» So ist uns die nächtliche Ruhe des Bahnhofplatzes in den Vierzigerjahren inklusive Tramschienen in bildlicher Erinnerung erhalten geblieben.

Endstation Bahnhofplatz Vor dem Bahnhof war End- und Ausgangsstation der Zuger Strassenbahnen ESZ nach Zug-Postplatz, Ägeri und Menzingen. Das Tram Baar–Zug war ein Unikum. Zweimal wechselte es im Baarer Dorf die Seiten, und dies ausgerechnet in Kurven! Bei der Kirche unten kreischte

Armin Haab: Bahnhofplatz bei Nacht, zirka 1945.


es von links nach rechts (vom Rathaus aus gesehen), auf dem Kreuzplatz von rechts nach links in die Marktgasse. Werner Dossenbach, der begnadete Dorfchronist, hält im 25. JubiläumsHeimatbuch fest: «Wenn sich die Trämler bei Kursen mit Anhänger das so genannte Umsetzen auf dem Bahnhofplatz ersparen wollten, fuhren sie in die Marktgasse hinein und rückwärts auf dem nordseitigen Ast in die Bahnhofstrasse. Hier gab es schockartige Halte für die Automobilisten, die von der Neugasse her einfuhren, wenn plötzlich ein rückwärts fahrender Zug erschien.» Gastspiel der Post 1952 –1978 Seit 1904 war die Post im Parterre des Rathauses untergebracht. Aus der Chronik der Post geht hervor, dass die Unterhandlungen zur Beschaffung vermehrten Platzes ins Jahr 1944 zurückgehen. Damals wollte die Einwohnergemeinde (hört, hört!) ein eigenes Gebäude am Kreuzplatz errichten. Die Kreispostdirektion erkundigte sich sofort beim Bürgerrat, ob er eventuell mit einer vorzeitigen Auflösung des bis 31. März 1951 geltenden Mietvertrages einverstanden sei. Der Bürgerrat antwortete, dass er einer vorzeitigen Auflösung des Mietvertrages nicht zustimme. Wenn die Gemeinde ein eigenes Verwaltungsgebäude erstelle, so werde im Rathaus genügend Platz für Postlokale frei. 1945 unterbreitete das Postamt Baar der Kreispostdirektion ein Projekt der Architekten Bigliotti und Schweiger zur Vergrösserung der Post-

räume durch Hinzunahme der Polizeilokale. Damit wäre die Grundfläche von 95 auf 149 m2 vergrössert worden. Im gleichen Jahr schlug der VVB vor, die jetzigen Lokale zu räumen und in einen Neubau mit grossem Saal am Bahnhof zu ziehen. Im Januar 1946 fand eine Besprechung zwischen Postverwalter Wüest, Herrn Grolimund vom Hotel Gotthard und Architekt Bosshardt betreffend den Umbau des Hotels Gotthard statt. Im Februar wurde der Bürgerrat Baar darüber verständigt und gefragt, ob er bereit wäre, den Umbau des Rathaus-Erdgeschosses nach den Plänen von Bigliotti und Schweiger vorzunehmen. Der Bürgerrat antwortete, dass alles getan werde, um eine Verlegung der Post zu verhüten. Eine Aussprache der Kreispostdirektion mit Vertretern des Bürger- und Einwohnerrates ergab, dass es besser wäre, wenn die Post etwas anderes suchen und die Parterre-Räume des Rathauses der Gemeinde überlassen würde. Der Postverwalter erhielt den Auftrag, die Platzfrage weiter abzuklären. Eine neue Variante tauchte auf, das Grundstück von Herrn Hotz, Obermühle, am Bahnhof. Der Hickhack zwischen Gotthard und Grundstück Hotz zog sich weiter. Im August 1948 erfolgte im Amtsblatt die Baupublikation für einen Anbau an das Hotel Gotthard nach Plänen von Baumeister Alois Weber. Das Projekt befriedigte die Generaldirektion nicht. Ihre Hochbauabteilung arbeitete einen neuen Entwurf für einen Postbau im Garten des Bahnhofsvorstandes aus,


Baar Bahnhofplatz

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am 17. März 1952 eröffnet. Acht Jahre hatte der Entscheid für ein neues Postlokal gedauert. Aber die unvorhergesehene Entwicklung der Gemeinde liess die neuen Lokalitäten schon bald zu eng werden. Bereits 1969 musste die Post den Zustelldienst in einen Holzbau am Falkenweg verlegen. Schon seit 1964 war mit allen Instanzen verhandelt worden. Erst 1971 konnte die Neubau-Standortfrage entschieden werden. Am 5. Juni 1978 wurden die neuen Lokale im Stockwerkeigentum an der Dorfstrasse 16 eröffnet.

Brief des Baarer Einwohnerrats an die Besitzerin des Kinos «Capitol», Frau Veronika Hürlimann, vom 19. September 1945.

nachdem sich die SBB bereit erklärt hatten, der PTT das nötige Terrain beim Bahnhof zur Verfügung zu stellen. Nach eingehender Prüfung durch alle in Betracht fallenden Instanzen wurde das Projekt im Sommer 1951 begonnen und

High Noon am Bahnhofplatz Schon 1923 wurde ein erstes Gesuch eingereicht, um im Restaurant Bahnhof ein Kinotheater einzurichten. Der Einwohnerrat lehnte aus sozialen und ethischen Gründen ab. Die Einwohner wurden sogar aufgefordert, das Lokal zu meiden, wenn ein solches Theater eingerichtet würde. Zehn Jahre später hatte sich die Meinung geändert. Theo Klaus eröffnete 1933 im Hotel Bahnhof das Tonfilmtheater «Capitol». Am 1. Oktober 1937 mietete die Zuger Kinopionierin Veronika Hürlimann das Kino. Die Obrigkeiten waren nicht angetan von der Qualität der gezeigten Filme und machten dies in einem Brief des Einwohnerrats vom 19. September 1945 der Kinobesitzerin kund: «Der Einwohnerrat ist der Ansicht, dass die in Baar gezeigten Filme in kultureller Hinsicht tatsächlich wenig bieten und vielfach eine Gefahr für die jugendlichen Kinobesucher bedeuten.» Frau


Hürlimann konterte zwei Tage später in «entschiedener Weise dagegen. Ich habe nun eine Aufstellung über die in diesem Jahre gespielten Filme gemacht. Es geht nicht an, eine Programmation nach einem Film zu beurteilen, wie dies Herr Lienberger tut, der das Cinéma ‹Capitol› überhaupt nicht besucht. Der wohllöbliche Einwohnerrat wird sich von den angeführten Filmtiteln kein rechtes Bild über die Qualität der Filme machen können, ohne sie gesehen zu haben. Es sind dies alles Filme, die in Zürich in Erstaufführungstheatern gezeigt wurden. Ich bin der Ansicht, dass die Programme, die in Zürich und anderen Städten Anklang gefunden haben, auch für Baar genügen dürften ... In Baar ist es fast eine Unmöglichkeit, ganze Kulturfilmabende durchzuführen ... Es ist zu bemerken, dass gerade die guten, sensiblen Filme in Baar nicht beachtet werden, als Beispiele Robert Koch, Louis Pasteur ... Für meine Programmation tue ich das Möglichste, doch ist es genau wie beim Stadttheater (heute Opernhaus) in Zürich, das nicht von den wertvollen Stücken leben kann, sondern von der Operette.» Die beigelegte Programmliste vom 1.1. bis 23.9.1945 enthielt die verschiedensten Filmgenres vom Krimi und Western über Musik- und Kulturfilme bis zum wertvollen Streifen «Die letzte Chance», von Fachleuten als Krönung des Schweizer Filmschaffens bezeichnet. Das «Capitol» wurde Ende September 1969 geschlossen, das neue komfortable «Lux» war bereits 1956 eröffnet worden.

Nachsatz: Es ist mir niemand bekannt, dem die gezeigten Filme geistigen oder seelischen Schaden zugefügt haben; wir amüsierten uns ganz einfach ob der PiffPaff-Westernromantik von Billy the Kid, Jesse James, Zorro & Co. Und waren froh, wenn beim Ausgang uns nicht der Dorfpolizist um fünf Franken erleichterte – Jugendliche unter 18 Jahren hatten keinen Zutritt! Rund um den Bahnhofplatz Bis in die Neunzigerjahre geschah nicht viel Neues rund um den Bahnhofplatz. Die Tramschienen wurden entfernt, der Platz wie die übrigen Gemeindestrassen mit einem Asphaltbelag versehen, «staubfrei» gemacht, wie es im Strassenbaujargon hiess. Früher wurden die Strassen bei heissem Wetter mit dem Lauge-Spritzenwagen besprengt, was die Buben barfüssig hinterherlaufen und die Erwachsenen prognostizieren liess: «Jetz chonnts dä go räägne.» Im April 1965 wurde die Baarer Öffentlichkeit

Lauge-Spritzenwagen der Fuhrhalterei Staub zur Bindung des Strassenstaubes.


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von der Schliessung der 1905 gegründeten Neumühle überrascht. Verschiedene Gewerbe- und Handelsbetriebe zogen in die stillgelegte Mühle ein. Die Gründervilla wurde abgebrochen, die neue Kosmetikfabrikation Chandor SA erstellt. Später gesellte sich ein Gartencenter dazu. Ende Oktober 1977 wurde das total umgebaute und erweiterte Restaurant «Bahnhof» wieder eröffnet; auch das ehemalige Kino «Capitol» wurde als Speisesaal in den Umbau einbezogen. Im März und Mai 1991 verstarben Armin und Kurt Haab, die IndustriellenDynastie Haab ging damit zu Ende. Nachdem 1970 das letzte Grab auf dem Friedhof Asylstrasse eingesegnet worden war, wurde in den Neunzigerjahren aus dem ehemaligen Friedhof im Zusammenhang mit dem Bau des am Bahnhofplatz gelegenen Altersheims St. Martinspark eine grüne Parkfläche. Das neue, im Mai 1995 eröffnete Altersheim hat damit eine einmalig grosszügige Aussichtslage und die Öffentlichkeit einen wohl tuenden Erholungsraum erhalten. Der Gebäudekomplex St. Martinspark gehört nebst der Schulanlage Sternmatt II wohl zur besten Architektur der öffentlichen Hand in Baar. Neben dem St. Martinspark, an der Ecke zur Bahnhofstrasse, entstand auf dem Grundstück Hotz, Obermühle, ein rundgezogener Neubau (1998) mit Wohnungen, Geschäftsräumen und einem Café der Zuger Bäckerei-Konditorei Bossard, weiter rechts zur Dorfstrasse ein grosses Wohn- und Geschäftshaus (1996).

Ein Mann bringt die totale Erneuerung Er ist Chemiker mit Hochschulausbildung, weit gereister Wirtschaftsmann, initiativer Investor: Günter Zobel. Aus der so genannten Deutschen Demokratischen Republik rechtzeitig in den Westen abgesetzt, absolvierte er in Bonn das Studium der Chemie, trat in die Dienste des US-Unternehmens Johnson & Johnson als Controller, was ihn in die verschiedensten nahen und entfernteren Länder führte. 1960 lernte er im Büro in Zug den Baarer Industriellen Kurt Haab kennen. Haab engagierte Zobel als leitenden Chemiker für die neu gegründete Chandor. Innert kürzester Zeit wuchs die Chandor zur Schweizer Nummer 1 der Haarspray-Hersteller. Zobel zog es 1968 weiter zum Autopflege-Departement der Uniroyal, erwarb zwischenzeitlich ein Drittel Geschäftsanteil, kaufte die Alcochemie in Mettmenstetten und übersiedelte diese ins Industriegebiet Walterswil, übernahm von BayerRhône-Poulenc die Vertretung für den Vertrieb von Vitaminen. In Deutschland erwarb Zobel eine Firma für die Herstellung von Benzin-Additiven. Das Unternehmen entwickelte sich so erfolgreich, dass es ihm sogar gelang, die US-Konkurrenz im amerikafreundlichen Israel auszubooten. Kunden und Gäste aus aller Welt, vom Nahen Osten bis Indonesien, China und Russland gaben und geben sich in Walterswil die Hand. Nach dem Tod von Armin und Kurt Haab interessierte sich Zobel für die diversen Liegenschaften zwischen


Neumühle und «Gotthard». 1997 war es so weit, Zobel konnte die Grundstücke von den vormaligen Eigentümern kaufen. Er beauftragte den Ägerer Architekten Eugen Schumacher, das bereits bestehende Projekt aus dem Jahre 1991 zu überarbeiten und den zeitgemässen Vorstellungen für eine ZentrumsÜberbauung anzupassen. Diese sollte Geschäftsräume, Büros, Praxen und Wohnungen beinhalten. Der schwierigste Punkt war die Auflage, ein Hotel in die Überbauung integrieren zu müssen. Verhandlungen mit verschiedenen Hotelketten zeigten, dass die AccorGruppe mit ihrer weltweit operierenden Ibis-Hotelkette mit ihrem Konzept ein Preisniveau abdeckt, das im Kanton Zug noch nicht vorhanden war. Im November 1997 wurden die Baupläne für das 265 Parkplätze umfassende unterirdische Parkhaus eingereicht, im anschliessenden Januar für die gesamte Überbauung. Die speditive Behandlung durch die Behörden erlaubten bereits im Frühling 1998 den Baubeginn. Die Bauleitung lag in den Händen der Alfred Müller AG. Nach zweieinhalbjähriger Bauzeit wurde das Zentrum «Gotthard» termingerecht am 26. Oktober 2000 eröffnet. Baar existiert doch! Dem Hotel Ibis sei Dank: Jetzt hat unser Ort Eingang gefunden in die Urbibel aller Gastro-Reiseführer, den roten Guide Michelin (Schweiz). Kein Problem mehr für Private, Geschäftsleute und Vereine, Besucher und Gäste nach Baar

einzuladen und für entsprechende Unterkunft zu sorgen. Dass die Prognosen und Erwartungen der Ibis-Leute erfüllt wurden, zeigt die Bettenauslastung von über 75 % im Jahre 2003; klar, dass es in erster Linie den Raum Baar–Zug aufsuchende Geschäftsleute sind, die das Hotel buchen. Dass in der heutigen Zeit die Spesenkonti der reisenden Kaufleute nicht mehr so üppig ausgestattet sind wie in den Jahren der Hochkonjunktur, lässt das Ibis-Konzept zusätzlich profitieren. Ein weiterer Mangel in Baars Mitte konnte durch das Zentrum «Gotthard» behoben werden, das Fehlen eines grossen, gut zugänglichen Parkhauses. Nicht nur einkaufende Automobilisten können trockenen Fusses ihre Geschäfte erledigen, auch Bahnbenützer können die Läden und das Hotel ebenso erreichen. Und mit einem Mal konnten die aus den ennet den Gleisen, auch jenseits des «Jordans» gelegenen Gebieten beim Bahnhofparking einfahren, ohne die Dorfstrassen verstopfen zu müssen. Von da ist es ja nur ein Katzensprung zu Post, Bank und den Geschäften in Baars Zentrum. Architekturpreis für den neuen Bahnhofplatz Schon zum neunten Mal veranstalteten 2001 die Architekturzeitschrift «Hochparterre» und SF DRS die endjährliche Würdigung «Die Besten». Den dritten Preis in der Kategorie «Landschaft» widmeten die fünf Mitglieder der spezifischen Fachjury dem neu gestalteten


Baar Bahnhofplatz

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«Am Bahnhofquartier kann man ablesen, wie aus dem Dorf Baar in den letzten zwanzig Jahren ein Stück Agglomeration von Zug geworden ist. Auf der einen Seite der Gleise wächst eine Grossserie Wohnblöcke, auf der andern Seite gegen den Ortskern hin stehen Häuser mit Einkaufszentrum, ein Billighotel und am Rand eine alte Mühle, in der nun Zuger Briefkastenfirmen wohnen – ein beziehungsloses Nebeneinander rund um das alte Bahnhöflein. Damit die Restfläche dazwischen Form und Sinn bekomme, lud die Einwohnergemeinde fünf Büros zu einem Wettbewerb ein. Zusammen mit den Gewinnern, den Landschaftsarchitekten Vetsch Nipkow Partner aus Zürich, hat schliesslich der fürs Bauen zuständige Gemeinderat Walter Ineichen aus dem Resultat einen Platz gemacht.

Luftbild des neuen Bahnhofplatzes.

Bahnhofplatz Baar. Der Chefredaktor der Zeitschrift gab der Publikation den Titel. Platz für langsames Durcheinander Wenn auch die Baarer Leserinnen und Leser nicht alles goutieren werden, was Köbi Gantenbein schreibt, so sei hier dennoch der Wortlaut seines Kommentars original wiedergegeben.

Freier Raum genügt Dieser Platz ist die räumliche Antwort auf den Langsamverkehr, die letzte Weisheit der Verkehrsplaner. Statt mit Riegeln und Schwellen und separaten Wegen für Autos, Velos, Busse und Fussgänger soll hier das Durch- und Miteinander von selbst funktionieren. Langsamverkehr baut auf die Vernunft des Autofahrers als stärksten Verkehrsteilnehmer. Keine Fahrbahn gibt ihm den Weg vor, kein Zebrastreifen rettet den Fussgänger, auch kein Weg fürs Velo ist da und keiner für den Bus. Stattdessen ist der gut 35 Meter breite und 130 m lange Platz mit rechteckigen Betonplatten belegt. Die Architekten


haben die Gemeinde überzeugt: Damit das Miteinander funktioniert, genügt der Glaube an den vernünftigen Autofahrer nicht; es braucht grosszügigen, öffentlichen Raum. ‹Wir müssen die territoriale Besitzlosigkeit kultivieren›, sagt Beat Nipkow. Ausser den Markierungen für Sehbehinderte, ein paar Bänken und ein paar gegen den Plan aufgestellten Poller der Marke ‹gemeiner Züristickel› fehlt das übliche Mobiliar aus dem Arsenal der Verkehrsbändiger. Pflicht ist dafür Tempo 30. Ein Augenschein zeigt: Mutig stechen die Mütter mit Kinderwagen quer über den Platz, verblüffte Autofahrer kurven um sie herum, der Bus heult auf und kreuzt ein Auto von links, das gemäss Strassenverkehrsgesetz von rechts kommen müsste, ein älterer Herr streckt seinen Arm aus und

artig wartet das Auto. Das Ganze ist ungewohnt und scheint prekär – ein roter japanischer Sportwagen prescht über den Platz und demonstriert so gegen den Langsamverkehr. Das Dorf aneinander binden Die Idee Langsamverkehr hat eine Form, doch das konnte den Einwohnern Baars nicht genügen. Für die Automobilisten haben sie unter den Platz eine Garage einbauen lassen. Für die Busse haben die Architekten drei Stationen gebaut, an denen vier Fahrzeuge anlegen können, kleine Bauten, welche die Weite des Platzes nicht stören, mit auskragenden, gläsernen Dächern, welche die Buspassagiere vor Regen und Sonne schützen. Eine weitere Forderung: Der Platz soll die Baumusterzentrale rund

Bahnhofplatz bei Nacht mit Bus-Terminal im Vordergrund.


Baar Bahnhofplatz

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um den Bahnhof zusammenfassen. Dafür brauchen die Architekten ein einfaches Mittel: Der grosszügige, leere Raum beruhigt die Material- und Farbenvielfalt von Baars Bahnhofblöcken, nur leicht abgehoben fliessen die geteerten Vorplätze der privaten Gebäude in die rechteckige Musterung über. Wo die Baarer ‹Prachtsstrasse› Richtung Dorfkern abzweigt, stehen eine 12 Meter hohe, dicke Lichtsäule und ein rechteckiges Wasserbecken mit Springbrunnen. Das als Teile eines Lichtplanes, der Wasserbecken, Bäume und architektonisch markante Ecken und Punkte nachts leuchten lässt. Als vierte Funktion schliesslich soll der Platz das alte und das neue Baar, geteilt durch den Bahnhof, zusammenbinden. Dafür benutzen die Architekten die alte Unterführung und setzten auf der Seite der neuen Wohnblöcke einen kleinen, fast quadratischen Platz mit Blauglockenbäumen. Die Böschung zu den Geleisen hält hier eine mächtige Betonscheibe, die dem kleinen Platz ein Gesicht gibt, Ob man auf den blauen Bänken ruhen und träumen wird? Auf jeden Fall findet man den Eingang zum Bahnhof gut und freut sich auf den Tag, an dem die SBB und die Gemeinde die alte Unterführung zum Bahnhof so renoviert haben werden, dass sie zum neuen Bahnhofplatz passt. ‹Das Spannende an meinem Beruf: Ein Projekt dauert lange›, sagt Beat Nipkow, der Landschaftsarchitekt.» So lange auch wieder nicht. Die modernisierte, mit einem gläsernen Lift und einer Leuchtwand versehene, grosse

Unterführung ist eine sehr gelungene Bereicherung des neuen Bahnhofareals. Gut gelöst ist auch der unterirdische Zugang zum Zentrum «Gotthard» mit seinen Parkplätzen. Ein Blick in die Zukunft des Bahnhofs Baar Die Entwicklung zum städtischen Bahnhofzentrum geht weiter. Die SBB eröffneten im April 2003 einen Wettbewerb mit dem Ziel, den Bahnhofplatz räumlich zu fassen und mit einer gleisnahen Randbebauung zu ergänzen sowie die für den Betrieb des Bahnhofs Baar nötigen Räume und Anlagen zu projektieren, den Zugang zu den Gleisen zu verbessern, die Orientierung und Übersicht zu erleichtern, die Sicherheit für die Benutzer zu erhöhen und zusätzliche, vor allem unterirdische Parkplätze zu schaffen. Für die in den Bebauungsplänen «Altersheim» und «Bahnhof» festgelegten Baubereiche war ein Team bestehend aus Architekt/in und Investor/in zu finden, das bereit ist, das Land zu Eigentum oder im Baurecht zu erwerben und das vorgeschlagene Projekt in naher Zukunft zu finanzieren und zu realisieren. Ein nicht bescheidener Forderungskatalog der grössten Grundeigentümerin der Schweiz! Anfang Mai 2004 präsentierten die SBB die Vorschläge. Als Sieger ging das Projekt «Schnellzug» der Architekten Annette Gigon / Mike Guyer und der Landschaftsarchitekten Vetsch Nipkow Partner aus Zürich hervor, die als Gestalter des Bahnhofplatzes spezifische


Siegerprojekt «Schnellzug» für das neue Bahnhofsgebäude.

Kenntnisse der lokalen Problemstellung einbringen konnten. Als Investor zeichnete die Halter Generalunternehmung. Ein Auszug aus dem Bericht der Jury: «Die spannungsvolle Abfolge von sorgfältig gegliederten Baukörpern, verbunden durch ein gemeinsames Dach, schaffen einen prägnanten, stimmungsvollen Abschluss des Bahnhofplatzes. Das architektonische Konzept wird der Aufgabe in hohem Masse gerecht und ist detailliert durchgearbeitet. Das Projekt schafft städtebaulich einen überzeugenden Abschluss des Bahnhofplatzes. Die Gebäude wirken trotz unterschiedlichen Nutzungen einheitlich und haben in ihrer ruhigen Präsenz eine starke Ausstrahlung.» Nicht nur die SBB und die Investorin freuten sich über das Projekt Gigon / Guyer, bis heute schweizweit bekannt für Wohnungsbauten und Museen (Kirchner-Museum, Davos; Kunstmuseum Winterthur; Museum Liner, Appenzell), auch die Gemeinde zeigte Zufriedenheit für das gewählte Projekt. Von Bedeutung sind für die Öffentlichkeit auch die Anbindung der Tiefgaragen an

die Garage des Zentrums «Gotthard» und für den Geschäftsbereich mit der Garage des gegenüberliegenden Geschäftshauses Trio. Es werden also keine zusätzlichen Garageneinfahrten erforderlich sein. Läuft alles planmässig, werden die neuen Geschäfte im Bahnhof auf Weihnachten 2006 eröffnen können. Dann wird die neue «Rail City Baar» fertig gebaut sein. Freude herrscht bei den fortschrittsgläubigen Baarerinnen und Baarern. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt: der Abschied vom «kleinen Bahnhöflein». Auf der grössten modernen Platzüberbauung Europas, dem Berliner Potsdamerplatz, ist ein kleines altes Haus inmitten moderner Glasarchitektur stehen gelassen worden. Schade, dass hier die SBB nicht auf die Idee gekommen sind, den alten Bahnhof in den Neubau als Relikt der Gründerzeit zu integrieren, darin ein Bahnhofsmuseum einzurichten mit einer Modelleisenbahn und einem Stationsgebäude, Stellwerk, Güterschuppen und Bahnhofsvorstand ... Roman Treichler


Verein Heimatbuch Baar