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DIE

Pforte

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2010 | Nr. 63

Schulpforta-Nachrichten

Zeitschrift des Pförtner Bundes e. V.


Inhalt Geleitwort des Vorsitzenden Grußwort des Rektors

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Vergangenes aus der Pforte Vom Fürstenhaus zum modernen Internat Spiegelscherben III Erinnerungen an Walter Sauter

Aktuelles aus der Landesschule Enthüllung einer Gedenktafel Richard Lepsius Forscher statt Abenteurer Predigt zum Schulfest in Pforta Visionen zur Klosterkirche Holzhammer-Atheismus

Vom Pförtner Bund Stühle für die Klosterkirche Sachspenden für Museum gesucht Erinnerungen ans Weihnachtsoratorium Weihnachtsoratorium 2010 Zurück in die Slums Jahresbericht Berlin 2010 Klassentreffen des Jahrgangs 39 val. 2009 Klassentreffen des Jahrgangs 39 val. 2010 Pförtnerabend in Hessen Gänsegedichte Tabula gratulatoria Ecce-Feierstunde 2010 Ecce 2010 Nachruf für Werner Ludewig (1932 – 2009) Haushaltsrechnung 2009 Pförtnerabende Impressum

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Geleitwort des Vorsitzenden

Wenn dieses »Geleitwort« mit einer Anrede ausgestattet wäre, hätte ich Sie, die verehrten Mitglieder des Pförtner Bundes e.V., zu Beginn des neuen Heftes der »Pforte« gerne mit »Liebe Topophile« angeredet. Keine Angst, es geht um keine Verdächtigungen, Beleidigungen oder überhaupt irgend etwas Negatives! Topophile sind »Ortsliebende«, sind Menschen, die zu einem bestimmten Ort eine besondere affektive Verbindung entwickelt haben. Der Begriff der Topophilia wurde 1974 von dem an der University of Minnesota und dann in Madison/Wisconsin lehrenden chinesischstämmigen US-Humangeographen Yi-Fu Tuan (geb. 1930 in Tientsin) mit seiner inzwischen vielfach übersetzten und oft wiederaufgelegten Monographie »Topophilia. A Study of Environmental Perception, Attitudes, and Values« eingeführt. Das Konzept der Topophilie reicht inzwischen weit über den Bereich der Geographie hinaus und hat in letzter Zeit auch verstärkte Aufmerksamkeit in der Migrations- und der Post-HolocaustForschung gefunden: Welche Faktoren bewirken die topophile Verbindung zu einem bestimmten, oft biographisch verlorenem Ort und wie wirken sich solche affektiven Befindlichkeiten aus? Wir Ehemaligen erahnen intuitiv, worum es bei dem Phänomen der Topophilie geht. Unsere spezifische Bindung an den »Ort« Pforta, trotz oft sehr gemischter Erinnerungen an die jeweilige Schulzeit, hat uns schon oft beschäftigt. Rector em. Karl Büchsenschütz sprach zuweilen von der »Aura des Ortes«. Andere meinten, das Geheimnis von Pforta verberge sich in seinen altehrwürdigen Mauern, die in allem Wechsel der Zeiten die immer gleichen blieben. Eine wirklich überzeugende Erklärung für die Bindekraft der alten »Pforte« gibt es bisher noch nicht. Vielleicht schreibt einmal ein Schüler oder eine Schülerin eine Besondere Lernleistung (BLL) zum Thema »Pforta im Licht der Topophilia-Konzeption«. Das könnte spannend werden! Der Pförtner Bund e. V. hat auch in den vergangenen Monaten seine Fördertätigkeit für die Landesschule auf vielfache Weise fortgesetzt. Bei seiner letzten Sitzung beschloss der Vorstand, die Restaurierung und Wiedereinbringung des einzigartigen gotischen Grisaille-Fensters in die Klosterkirche mit 40.000 € zu fördern. Auch das Erscheinen von gleich drei Publikationen zum Kloster und zur Landesschule Pforta konnten wir ermöglichen. Klaus-Dieter Fichtner legt seine gesammelten Beiträge »Schulpforte. Geschichte und Geschichten« vor.

Geleitwort des Vorsitzenden | 3


Petra Dorfmüller bietet eine kurzgefasste Übersicht zur Geschichte und Kultur der Zisterzienser. Anja Kling widmet der »Abtskapelle im ehemaligen Kloster Pforta« eine Monographie im VDG Verlag Weimar, die die kunsthistorischen, politischen und historischen Hintergründe dieses »außergewöhnlichen Objekts« neu bewertet. Besonders hingewiesen sei auf unsere Spendenaktion für die neue Bestuhlung der Klosterkirche »Der beste Platz trägt Ihren Namen!«, zu der Sie in diesem neuen Heft unserer Mitgliederzeitschrift Genaueres an späterer Stelle erfahren können. Ansonsten kann ich nur die üblichen Bitten wiederholen: Werben Sie für den Pförtner Bund! Melden Sie bitte alle Änderungen über unsere neue Datenbank möglichst unverzüglich, damit wir Sie nicht aus dem Auge verlieren! Die Älteren unter uns sollten ihre Viten dem Archiv (Klaus-Dieter Fichtner) anvertrauen! Spenden werden zu jeder Zeit und in jeder Höhe gerne entgegen genommen! Unser finanzieller Einsatz ist gerade in einer Zeit, wo in Pforta so viel Neues entsteht und vieles umfassend saniert und restauriert wird, unbedingt erforderlich! David Ortmann, dem Redakteur der »Pforte«, ist auch für dieses (leicht verspätet [!!] erscheinende) Heft zusammen mit allen, die dazu Beiträge geleistet haben, sehr herzlich zu danken.  Peter Maser (al. port. 57 – 59)

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GruSSwort des Rektors

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Ein Jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde. Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. (Prediger 3,1.10 – 11)

Ich stelle meinem Grußwort für »Die PFORTE« dieses Wort aus dem Alten Testament voran. Erlebe ich doch jeden Tag neu, dass man im Hinblick auf sein eigenes Leben, die Familie oder auch eine Bildungseinrichtung wie die Landesschule Pforta zwar Vieles andenken kann, man am Ende trotz bester Planung aber doch immer wieder durch völlig unerwartete Situationen und Entwicklungen überrascht wird. Der Volksmund hat diesbezüglich einen Satz geprägt, der – zumindest für gläubige Menschen – etwas Beruhigendes hat: »Der Mensch denkt, und Gott lenkt.« In den vergangenen zwei Jahren haben Schüler-, Eltern- und Lehrerschaft intensiv über die Arbeit der Landesschule Pforta nachgedacht, um gemeinsam ein Bildungskonzept für das 21. Jahrhundert zu formulieren. Das verschriftlichte Ergebnis wurde im Sommer 2010 nicht allein dem Kultusministerium in Magdeburg zur Prüfung vorgelegt, sondern bei unterschiedlichsten Gelegenheiten auch interessierten Ehemaligen, den Eltern zukünftiger Schülerinnen und Schü-

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ler, besuchenden Vertretern anderer Internatsgymnasien, Repräsentanten verschiedener großer Stiftungen sowie Erziehungswissenschaftlern, Schul­experten und Bildungspolitikern unterschiedlichster Couleur vorgestellt. Der wahre Wert gleich welchen Konzeptes erweist sich zweifellos erst in der erlebbaren praktischen Umsetzung. Gleichwohl erfreute die überaus positive Resonanz der oben genannten Personenkreise, welche exemplarisch an der nachstehenden Überblicksdarstellung zum Stand unserer Schulentwicklung sowie zum Wert des Pfortenser Abiturs abzulesen ist, alle Beteiligten und ermutigte das Kollegium, die vereinbarten Ideen zur praktischen Erprobung sukzessive in den Schul- und Internatsalltag einfließen zu lassen. Mittlerweile wurden Neuerungen wie Lehrer-Tutoriate für die Jahrgangsstufe 9, fachspezifische Studientage oder Lernvereinbarungen zur Ermöglichung völlig selbständiger Arbeit besonders leistungsstarker Schülerinnen und Schüler erprobt und von allen Beteiligten positiv evaluiert. Folgerichtig wird es nun darum gehen, in Gesprächen mit dem Kultusministerium dafür zu sorgen, dass diese Strukturen dauerhaft implementiert und vom Land als Schulträger bedient werden. Angesichts der weiterhin überdurchschnittlichen schulischen Leistungen unserer Schülerinnen und Schüler sowie einer überwältigenden Fülle von Wettbewerbserfolgen in allen Bereichen sollte es trotz enger finanzieller Spielräume der öffentlichen Hand gelingen, das landesweit einzigartige schulische Profil der Landesschule Pforta im Sinne einer fortgesetzten Qualitätsverbesserung weiter zu schärfen. Ebenso wie im baulichen Bereich der Landesschule gilt eben auch im Hinblick auf den eigentlichen Unterricht die Feststellung, dass es kein Luxus ist, in gute Schulen zu investieren. Es wäre ein Luxus, dies nicht zu tun.  bernd Westermeyer, rector portensis

(Abbildung rechts entommen aus: Handbuch Schulentwicklung: Theorie – Forschungsbefunde – Entwicklungsprozesse – Methodenrepertoire. Bad Heilbrunn 2010. Die Landesschule Pforta ist dort neben einigen wenigen anderen ausgewählten Schulen mit einem Beitrag zur Schulprogrammarbeit vertreten.)

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Vergangenes aus der Pforte *  *  *


Vom Fürstenhaus zum modernen Internat

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Ein markantes Gebäude im Komplex der Landesschule Pforta ist das sogenannte Fürstenhaus. Es wurde in den Jahren 1568 – 1575 auf den Grundmauern eines Vorratshauses (promptuarium) des Klosters mit einem runden Treppenturm in spätgotischer Formensprache (s. Bergner 1905) erbaut. In der ursprünglichen Absicht sollte es ein Jagdschloss des Kurfürsten werden. Daher leitet sich der Name ab. Es diente jedoch kaum diesem Zweck, sondern hauptsächlich durch seine Logierzimmer für den Landesfürsten bei seinem Besuch – nur einmal ist ein Kurfürst erwähnt worden – für die Kontrollen der adligen Schulinspektoren und Visitatoren der Universität Leipzig. Die westliche Außenfront ziert im Obergeschoss eine Titulatur des Kurfürsten zur Gründungszeit: »Augustus dei gratia Dux in Saxonia, sacri Romani imperii Archimarschallus et Elector, Landgravius Thuringiae, Marchis Misnice et Burggravius Magdeburgi«. Übersetzt: »Augustus, von Gottes Gnaden Herzog von Sachsen, Erzmarschall und Erwählter des Heiligen Römischen Reiches, Landgraf von Thüringen, Markgraf von Meißen und Burggraf von Magdeburg«. Dieses Bauwerk wurde unter dem 6. Rektor der Schule, Christoph Baldauf, der von 1554 – 1579 sein Amt ausübte, errichtet. Als er die Schule nach vier Jahren wegen des Heiratsverbotes verließ, griff Melanchthon ein, erreichte die Aufhebung dieser Einschränkung für Rektor und Lehrer ab 1580. Baldauf nahm daraufhin seine Tätigkeit wieder auf. Er hatte zuvor das Gymnasium in seiner Heimatstadt Zittau absolviert, an der Wittenberger Universität studiert (s. Dorfmüller, 2006).Das Fürstenhaus entstand auf dem Vorgängerbau des Infirmariums (Krankenhaus),der Badestube und des Necessariums aus der Klosterzeit. Mit dem Übergang 1815 in den preußischen Herrschaftsbereich wechselte das dort bestehende Justizamt zum Amtsgericht nach Naumburg. 1817 wird nur noch ein Gerichtslokal im Erdgeschoss erwähnt. Dann lagerten hier die Speisevorräte für die Schulküche. Von 1908 – 1912 wurden vier Lehrerwohnungen eingerichtet. Dabei entdeckte man zwei bemerkenswerte Funde. Im Helm des Treppenturmes kam eine Ur-

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kunde aus der Gründungszeit zum Vorschein und ein Münzschatz. Dazu genauere Angaben aus zeitgenössischen Berichten: Ein am Bau beschäftigter Arbeiter fand eine unscheinbare Blechdose, die er zunächst beiseite legte. Er lieferte sie jedoch nicht ab und nahm sie mit nach Hause. Dort fand er darin zu seinem Erstaunen mehrere hundert Gold- und einige Silbermünzen mit einem Gewicht von 1500 g. Mit einigen beglich er seine Schulden bei seinem Bruder. Dieser verschenkte wiederum einige Stücke an gute Bekannte, andere verkaufte er an einen Juwelier in Halle, die übrigen an einen Goldschmied. Als dieser sie weiter versetzte, kam es zu einer Nachforschung der Herkunft. In einer Gerichtsverhandlung wurde der Goldschmied als Hehler verurteilt, die übrigen »Vorhändler« ebenfalls. Der Verbleib der Münzen wurde verfolgt, der zu Privatpersonen, dem Berliner Leihhaus und der Berliner Münze führte – wobei der Gesamtwert mit 4500 Mark eingeschätzt wurde. Die Landesschule bemühte sich nach Kenntnis des Urteils um ihren Besitz, wobei 60 Münzen in Privat-

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haushalten beschlagnahmt wurden und 136 beim Münzhandel. Die Schule erhielt 54 Stück zurück und eine Ausgleichszahlung – manches blieb verschollen. Weitere Forschungen ergaben, dass es sich vermutlich um einen Privatbesitz in Schulpforte gehandelt hatte, da keine Lücken in den Kassen feststellbar waren. Die Münzen stammten aus verschiedenen Ländern, die älteste wies 1654 in der Prägung auf. Soweit zum Schatzfund. Das Gebäude ist äußerlich mit alten Bauspuren versehen. An der Westseite ist die älteste Bauweise erkennbar, an der Ostseite sind Reste von Tür- und Fensteröffnungen im Putz ablesbar. Im südlichen Kellerbereich ist eine kleine Steinmetzarbeit an einem Fenster sichtbar, die offenbar als bauliche Spielerei anzusehen ist. Sie zeigt einen Vogel, der an einer Traube pickt. An der Ostwand ist eine Spolie zu erkennen, die drei Kapellenteile mit Kreuzen zeigt. In sie ist ein Doppelkreuz eingeritzt. Solche Kreuze stammten der Legende nach aus dem Heiligen Land. Eins wurde durch Kreuzritter nach Europa gebracht, in einem Kloster in Lothringen aufbewahrt. Man nannte es daher »Croix de Lorraine« (Lothringer Kreuz). Nach Mitteilung der Forschungsstelle der Zisterzienser ist das Kreuz als Symbol ihres Ordens anzusehen. Gegenüber der Westseite des Fürstenhauses steht der 1704 vom Schulverwalter Gleichmann errichtete Brunnentrog, der eine direkte Verbindung zur Klopstockquelle besitzt. Eine Inschrift erläutert die Errichtung. In den vergangenen Jahrzehnten wurde das Fürstenhaus ein Wohngebäude für verschiedene Mieter, die zumeist in der Landesschule beschäftigt waren. Durch bauliche Mängel stand es lange Zeit unbewohnt. 2007 wurde von der Landesschule eine Baumaßnahme beantragt, da sowohl brandschutztechnische Mängel bestanden als auch der allgemeine bauliche Zustand schlecht war. Die Sanierungsvorhaben in Verein mit den Internaten im Klausurgebäude begannen mit der Bauphase im März 2009. Dafür stellte die Landesregierung eine Summe von 3,9 Mio. Euro zur Verfügung. Dabei wurde ein aus dem Fürstenhaus stammender historischer Unterzug wieder als Schmuckelement in das neue Treppenhaus eingesetzt, der bis dahin Exponat im Romanischen Haus in Bad Kösen gewesen war. Die feierliche Übergabe erfolgte am 13.Oktober 2010 im Beisein von Regierungsvertretern, allerdings ohne die Ausstattung der Schülerzimmer, um einen bes-

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seren Eindruck vom Bauwerk erhalten zu können. In der anschließenden Ferienwoche wurde die Möblierung vorgenommen, so dass 50 Schüler nach den Oktoberferien 2010 ihr neues Domizil beziehen konnten. Ihnen stehen außer ihren 26 Zimmern 4 Teeküchen, Sanitärräume, ein Clubraum, ein Handwerksraum, ein Arbeitsgruppenraum, PC-Arbeitsplätze, ein Waschmaschinen- und Wäschetrocknungsraum, ein Tischtennisraum zur Verfügung sowie natürlich im Dienstbereich für Lehrer zwei Zimmer, eine Hauselternwohnung, ferner Räume für die technischen Kräfte.  Dr. Klaus-Dieter Fichtner (extr. port. 46 –48 val.), Archivar

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Spiegelscherben III

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Schülerarbeiten, meist die Valediktionsarbeiten, werden in Pforta seit 1602 aufbewahrt und können schon allein durch ihre Themen einen Einblick in das Wissen und die Interessen der jeweiligen Zeit gewähren. In den vorangegangenen Ausgaben der »Pforte« waren die Zeiträume von 1602 – 1650 (Nr. 61/2008, S. 20 – 23) und von 1651 – 1700 (Nr. 62/2009, S. 14 – 19) betrachtet worden, hier soll nun der von 1701 – 1750 folgen. Das Wort speculum, Spiegel, begegnet in diesem Zeitraum allerdings nur zweimal: Der aus Leipzig stammende Christian Gottfried Hoffmann sieht 1711 seine Heimatstadt im alten Massilia (= Marseille) gespiegelt, und Johann Gottlob Walter, der später Geistlicher Inspektor in Pforta werden sollte, hält 1724 seine Valediktion über das menschliche Leben als Spiegel der göttlichen Vorsehung. Auch in diesem Zeitabschnitt gibt es Reden, die aus einem anderen Grund als der Valediktion gehalten wurden. So hält Kaspar Bertuch z. B. 1703 Reden über Geburt und Inkarnation Jesu sowie die Verbindung von Theologie und Philologie. Adam Gottlob Groschuff stellt 1710 die Frömmigkeit als oberstes Gebot beim Lernen heraus und verlässt die Schule ein Jahr später mit einer memoria Josephs I. Ludwig Samuel Siegmann und August Gottlob Besser blicken 1712 bzw. 1715 auf das vergangene Jahr zurück und verabschieden sich dann mit einer Rede über Regionalbezeichnungen bzw. die Fleischbänke von Paris (ein Thema, das auch 1720 [Grützner] und 1746 [Clausing] erörtert wird). Einen Rückblick auf das vergangene Jahr gibt auch Friedrich Wilhelm Mylius 1711 bei seiner Valediktion. Der auffälligste Unterschied zum vorangegangenen Jahrhundert besteht darin, dass ab den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts (vielleicht ab dem Rektorat von Friedrich Gotthilf Freytag, das der bisherige Tertius 1731 antrat), eine ausführliche Danksagung, gratiarum actio, meist an Gott, den fürstlichen Landesherrn, die Lehrer, Mitschüler und die Pforte, mitgebunden wird und allmählich die Responsorien der Mitschüler verdrängt (die letzten erscheinen 1741). Diese Danksagung ist oft genau so umfangreich wie die Abschiedsrede, überwiegend in Versform und in den unterschiedlichsten Sprachen verfasst, während die Valediktionsarbeiten meistens nur noch lateinisch geschrieben sind. Wenn die griechische Sprache gewählt wird, geschieht das überwiegend in gebundener Form. Trotzdem wird an der Notwendigkeit des Griechischen festgehalten (z. B. Kessler 1734, Pfeiffer 1737, Poeland 1742), das sogar von Frauen beherrscht wird (Porschberger 1424). Hebräische Verse tauchen nur noch zweimal auf: 1725 untersucht Johann Gottfried Konrad Müller das Natürliche und Kunstfertige bei den Tieren, und 1743 stattet Johann Christoph Friedrich Steinmüller seinen Dank auf Griechisch und Hebräisch ab.

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Bei den Danksagungen brillieren die Schüler nicht nur in den alten Sprachen, sondern auch in Italienisch, Französisch (ab 1725 unterrichtet an der Schule ein Maître Französisch) und Englisch. Darin spiegelt sich die wachsende Weltläufigkeit der jungen Leute wider, zu deren Bildung auch die grand tour, die Bildungsreise meist nach Italien, England, die Niederlande und Frankreich gehörte. Der Nutzen solcher Reisen (peregrinatio) wird mehrfach thematisiert (z. B. Schmidt 1716, Wolff 1717, Flesse 1732: per Italiae provincias, 1735 Rabe: magna peregrinatio), während peregrinatio früher meist die fromme Pilgerschaft bedeutete. Auch der französischen Sprache gelten Valediktionsarbeiten (1721 Otto; 1725 Weidler; 1747 Berger, der dann folgerichtig seinen Dank französisch formuliert). Den modernen Sprachen ebenbürtig tritt das Deutsche zur Seite. 1732 verabschiedet sich Gottfried Ephraim Müller erstmals mit einem deutschen Valet. 1715 rückt Johann Friedrich Hesse in seiner Abschiedsrede die deutsche Sprache ins rechte Licht. Johann Friedrich Scheuchler befasst sich 1718 mit der Pflege der einheimischen Sprache (sein Responsent lobt dann Luther), und Gottlieb Joachim Krimmer spricht 1701 über das gelehrte Deutschland. Das geschieht auf Latein, während Georg Gottlieb Wagner, der sich 1750 weiblichen Dichterinnen deutscher Sprache widmet, doch wenigstens deutsche Beispiele anführt. Solche liefert auch 1734 Johann Adolf Wiese, der aber über den Schaden spricht, wenn Schriftsteller nur deutsch schreiben. Auch der Nürnberger Elias Konrad Trabitz fügt 1710 seiner Arbeit über seine Heimatstadt einen deutschen Vers bei, und Friedrich August Pietschius gibt 1726 deutsche Inschriften in seiner Rede über die Heilquellen bei Marienberg wieder. Ein deutscher Vers taucht im gleichen Jahr auch bei Gottlob Friedrich Siegel auf, der über Thubal Kain spricht. Deutsche Gedichte tauchen dann aber häufig bei den Danksagungen auf. Dass sich ein Schüler durch seinen Namen zur Thematik seiner Abschlussarbeit veranlasst sieht, begegnet wie im vergangenen Jahrhundert ziemlich häufig. Aber die Wortspiele werden raffinierter und gelehrter. Meist sind es jetzt die Nachnamen, die die Anspielung auslösen. So spricht Johann Samuel Nicolai 1715 über den Heiligen Nikolaus, Otto Friedrich Otto im selben Jahr über Otto den Großen, während sich sein jüngerer Bruder Otto Gottlob 1719 dann Otto II. zuwendet (ein dritter Bruder verlässt Pforta 1722 ohne Valediktion). Ein doppeltes Wortspiel löst auch der Name Elias Mirus aus, der sich 1717 mit einer Rede über Elias den Wundertäter verabschiedet. Joseph Fuchs hält 1714 ein encomium vulpeculae, ein Loblied auf das Füchslein, Karl Siegfried Hahn stellt 1719 den gallus gallinaceus, den Haushahn, vor, wobei er diesen vermutlich auf dem Titelblatt

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abgebildet hatte, wo jetzt eine saubere Lücke klafft. Das lässt sich aus einer Arbeit seines Mitschülers Karl August Huth erschließen, der an derselben Stelle auf dem Titelblatt einen hübschen Hut gezeichnet hat (weitere Titelbildchen bei Clementz 1721 und Lehmann 1725). Johann Emanuel Raspe befasst sich 1729 mit Heinrich Raspe, Johann August Herrmann 1745 mit Arminius, David Gottlob Burckhardt 1712 mit Bischof Burkhard und Gottfried Himmler 1716 mit einer Arbeit de coelis, über die Himmel. Den Namen wörtlich nehmen Georg Heinrich Rathsmann, wenn er sich 1712 mit der Pflicht guter Ratgebung gegenüber dem Herrscher befasst, Johann Balthasar Bauer 1726 eruditos rusticos, bäuerliche Unterweisungen, erteilt und Johann Benjamin Bergmann 1731 über den Metallabbau in Sachsen spricht. Aber am liebsten stellt man sich in eine Reihe berühmter Gelehrter gleichen Namens (so z. B. Gottfried Immanuel Lucius 1716, Melchior Samuel Krahmer 1719, Heinrich Alexander von Eichstedt 1727, Friedrich Christian Hoffmann 1728, Johann Adam Löwe 1730, Johann Andreas Thoelden 1739). Anastasius Weisinger befasst sich 1741 mit berühmten Namensvettern seines Vornamens. Beim Brüderpaar Leyser beschäftigt sich der jüngere 1722 mit dem vornehmen Geschlecht der Leysers, während sich der ältere drei Jahre zuvor Polycarp Lyser zuwendet und damit eine andere Art der Anspielung erkennen lässt, sich einem einzelnen Namensvetter zuzuwenden (z. B. Johann Georg Heinße 1717 über Daniel Heinse, Christian Gottlieb Hütter 171 über Leonhard Hutter, Johann Christoph Clauder 1722 über den Altenburger Rektor Joseph Clauder, Johann Friedrich Chemnitz 1747 über den Theologen Martin Chemnitz). Gleicher Vor- und Nachname veranlassen Georg Heinrich Götze 1737 und Christian Müller 1738 zu ihrer Themenwahl, wobei letzterer gleich mehrere Gelehrte seines Namens ausfindig macht. Besonderen Bezug zu Pforta lassen die Reden von Adolf Heinrich Kühn 1714, August Gottsorge Laurentius 1720 und Johann Kunad 1734 über die früheren Rektoren der Schule, Johannes Kühn, Georg Lorenz und Andreas Kunad, erkennen. (Die Rektoren David Schreber und Friedrich Gotthilf Freytag werden 1736 bzw. 1745 gewürdigt.) Bei dem Zeitzer Severin Habermann (latinisert Avenarius) gab auch sein Herkunftsort den Ausschlag: Er befasst sich 1720 mit dem Superintendenten Johannes Avenarius von Naumburg-Zeitz. Lokalstolz zeigt sich sonst ebenfalls in diesem Zeitabschnitt. Aber auch hier werden die Würdigungen des Herkunftsortes oft diffiziler und gelehrter: Der Naumburger Christian Elias Römer apostrophiert 1706 seine Heimatstadt als foecunda liberorum mater, als nährreiche Mutter für Kinder, Johann Jakob Stein erinnert im selben Jahr an Naumburgs Wohltäter, ähnlich Johann Michael Fix 1717. Der Saalecker Karl Liebmann Daume erinnert 1709 an Bischof Rudolf, den Schenken von Saaleck. Auf die Naumburg-Zeitzer Bischöfe geht Moritz Wilhelm

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Abbildungen via Petra Dorfmüller

Gebler 1707 ein, auf Naumburger Konvente Karl Gottfried von Wolffersdorf 1709 und auf die Verlegung des Bischofssitzes von Zeitz nach Naumburg Johann Martin Ernst 1708. Johann Daniel Schrey erinnert 1737 an den Naumburger Rektor Bloss. Ähnlich vielfältig blicken Leipziger auf ihre Stadt: Johann Heinrich Lauche (1718) lobt die Fürsorge für die Waisen und Kaspar August Schulze (1720) die für die Armen. Gottlob August Werner würdigt 1724 den Theologen Johann Olearius und Gottfried Friedrich Otto 1727 Martin Friedrich Frieß, von dem er sogar ein ganzseitiges Porträt beifügt. Friedrich August Ide hebt 1720 die Pflege griechischer Wissenschaften hervor, und Johann August Streckfuß blickt 1748 auf die neuntägige Messe. Johann Friedrich Burckhardt bezieht sich 1740 auf berühmte Theologen und Christian Friedrich Förtsch 1748 auf die Ursprünge der Leipziger Akademie. Sie stammen allerdings nicht aus Leipzig. Neben allgemeinem Lob auf Dresden (1712, 1718) werden besonders der Aufschwung unter Kurfürst August (1730) und die evangelische Hauptkirche (1731) hervorgehoben. Der Ausbau der Feste Königstein muss besonders imponiert haben (1702, 1717, 1723). Aber sehr viel häufiger als im vorigen Jahrhundert huldigen die abgehenden Schüler berühmten Einwohnern ihrer Heimatstädte. Die Wurzener Wolff (1722) und Marschner (1723) erinnern z. B. an Bischof Christoph Daniel Schreiter und Konsul Abraham Kirsten. Der Wittenberger Ernst Friedrich Wernsdorff widmet sich 1736 den Grabmälern sächsischer Herrscher in Wittenberg, die er auch zeichnerisch festhält (sein Responsent würdigt dann die Grablege Rudolfs im Merseburger Dom). Johann Gottfried Wolff erinnert 1721 an Pastor David Schwerdner aus seiner Heimatstadt Pirna. Das soll an Beispielen genügen.

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Auch das Lob auf Pforta erklingt in diffizilerer Form (in den Danksagungen wird seine liebliche Lage im Saaletal, dem 1718 eine eigene Arbeit gewidmet ist, ja dann fast regelmäßig besungen). Es wird an berühmte Theologen erinnert, die aus der Schule hervorgingen (Gräfe 1705), mit einem griechischen Gedicht an die Rektoren (Schmid 1733) sowie die Schule besonders gewürdigt (1737 Bock, 1747 Ehrig), die 1728 der ersten christlichen Bildungsstätte in Alexandria (s. dazu Wolff 1735) gleichgesetzt wird. 1711 wird an ihren 169. Geburtstag erinnert (Wagner) und 1709 an das Jahr 1666, in dem der Speisesaal restauriert wurde (Wolckau, keine Valediktionsrede). Das dreißigjährige Dienstjubiläum des Tertius Christian Heider wird 1722 von Johann Gottlieb Kopper gewürdigt. Pforta dürfte auch bei Andreas Sigismund Kunad als Vorbild seiner Rede von 1735 über die Schule als gloriae porta gedient haben. Ob mit den secunda Portae fata, die Karl Wilhelm Redel 1713 darstellt, die Kloster- und die Schulzeit gemeint sind? Die klösterliche Vorgeschichte scheint sonst wenig zu interessieren, aber vielleicht geht die mit Ora et labora überschriebene Rede von Daniel Karl Wolff 1726 auf die mönchische Lebensweise ein. Sein Mitschüler Johann Nikolaus Schwabe, der unmittelbar nach ihm valedizierte, sprach über Handel treibende Mönche, was ja ebenfalls gut zu den Zisterziensern passt. Der Umwandlung des Klosters Roßleben zur Schule geht Johann Friedrich Laun 1738 nach. Der schulischen Ausbildung wird überhaupt große Aufmerksamkeit geschenkt, sei es in öffentlichen Schulen (z.B. Zeibig 1727, Kreller 1733, Funkler 1740), Provinzialschulen (Litzkendorff 1737) oder solchen der Vergangenheit (Weinig 1704, Zimmermann 1729, Wolff 1735). Armut sollte dabei kein Hindernis sein (Gahrmann 1710, Schütze 1715, Hesse 1738). Über gebildete Arme spricht 1721 Johann Michael Kuntze. Aber auch für principes ist eine gute Schulbildung unerlässlich (z. B. Kregel 1707, Kretschmann 1712, Schubert 1728, Heine 1738). Über gelehrte Herrscher- und Königinnen spricht Johann Julius Christoph Ellenberger 1749. Zahlreiche Reden widmen sich den Pflichten der Schüler, Eltern und Lehrer bei der Erziehung. Das geht nicht immer ohne Tränen ab (Steinmüller 1729), und allzu viel nächtliches Lernen kann gefährlich sein (Preue 1729). Die Bedeutung der Wissenschaften und deren Pflege an den neu entstehenden Akademien (z.B. Sterlick 1709, Löwe 1725, Müller 1734, Jenichen und Wagner 1735, Frenzel 1744) wird vielfach thematisiert. Dabei wird auch auf andere Länder geschaut: Belgien (Müllner 1725), Russland, die Türkei (Hass, Röller 1730) und Polen (Jänisch 1744). 1725 wurde ein zusätzlicher Mathematiklehrer in Pforta eingestellt. Das spiegelt sich in etlichen Reden wider (z. B. Lobrinus und Vöetsch 1729, Brüderpaar Pitschel 1734 und 1735, Dähnert 1742, Krebs und Schramm 1744). Auf Johann Bernoulli wird 1745 eingegangen und über Frauen, die in der Mathematik glänzen, sprechen Gottfried Ulrich Junius 1736 und Johann And-

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Von 1712 – 1733 war das Amt Schulpforte dem Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar verpfändet worden. Das schlägt sich in Arbeiten über das Haus Weimar (1714 Hecker, mit interessanten Inschriften und einer gemalten Sonnenuhr; 1717 Sperl; 1727 Otto; 1729 aus dem Winckel, 1746 von Arnim) oder die heutige Anna-Amalia-Bibliothek (Seeberger 1723) nieder. Auch den sächsischen Landesherren und dem Kaiser wird gehuldigt, aber längst nicht mehr so häufig wie im vorigen Jahrhundert. An zeitgenössischen, ausländischen Herrschern interessieren besonders Zar Peter I. (1712 Weidlich, 1719 Schirmmeister, 1725 Klebe, 1736 von Doering) und Katharina die Große (1727 Croeso), die schwedischen Könige Karl VI. (1715 Kaulfus, 1718 Meyer, 1739 Schütter, 1741 Fischer) und Karl VII. (1719 Gerlach, 1745 Wolff) mit ihrer Kriegsführung (1712 Lohs, 1719 Tripto, 1745 Reinhardt, 1748 Kette). Als Geistesgrößen der jüngsten Vergangenheit wird an Spener (1719 Beer), Francke (1737 Montag, 1745 Wittich) und Leibniz (1741 von Doering, 1748 Steinbrück) erinnert. Die Austreibung der Salzburger Protestanten 1731 wird schon ein Jahr später von Gotthilf Christian Warlitz thematisiert. 1714 war Sebnitz von einem mächtigen Unwetter heimgesucht worden, das die gesamte Stadt unter Wasser setzte und fünf Todesopfer forderte. Der Tag ist als »Sebnitzer Schreckenstag« in die Lokalgeschichte eingegangen und veranlasste den Sebnitzer Gottlob Illing zum Thema seiner Valediktion, mit der er 1717 die Schule verließ. Ebenfalls 1714 war während der Peters-Paul-Messe in Naumburg ein verheerendes Feuer ausgebrochen, dem Johann Gottfried Riewau aus Jena noch im selben Jahr ein carmen widmet. Das literarische Talent Friedrich Gottlieb Klopstocks wurde schon in Pforta geweckt. Er verließ die Schule 1745 mit einer Arbeit über epische Dichter.  Malwine Maser

Abbildungen via Petra Dorfmüller

reas Lüdemann 1745. Häufiger thematisiert werden Recht und Rechtsberatung, bei der sich ebenfalls Frauen hervortun (Coderisch 1735). Bei medizinischen Themen fallen solche zur gesunden Lebensführung auf: Diät ist die beste Medizin (Budäus 1712), Thermal- und Heilquellen sind gesund (Biedermann 1717, Weber 1704, Junghansen 1706, Pielitz 1722), aber auch durchgemachte Krankheiten nützlich (Ackermann 1719). Drillinge (1706 Scherfing) und Zwillinge (1716 Klingsch) werden interessant, die Gefahr des lebendig Begrabenwerdens taucht auf (1721 Burckhardt).

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Erinnerungen an Walter Sauter

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Nach seinem Weggang aus Schulpforta ist Herr Sauter, soviel ich weiß, an drei Orten tätig gewesen: in Meisenheim am Glan, in Hannover und in Lüneburg, wo er von 1959 bis 1969 das traditionsreiche Johanneum (gegründet 1406) geleitet hat. Es gab in Lüneburg damals drei Gymnasien: das Johanneum mit altsprachlichem, neusprachlichem und mathematisch-naturwissenschaftlichem Zweig, eine reine Jungenschule; die Raabeschule (neusprachlich / mathematisch) für Mädchen; und die erst nach dem Krieg gegründete Herderschule (neusprachlich / mathematisch) als einziges Gymnasium mit Koedukation. An der Herderschule habe ich seit 1964 unterrichtet. Ich habe also die unerfreulichen Ereignisse, die schließlich zu Sauters Rücktritt geführt haben, nicht aus unmittelbarer Nähe erlebt. Dem freundlichen Entgegenkommen eines Kollegen vom Johanneum, der mir Dokumente aus der Zeit, eine eigene zusammenfassende Darstellung und eine Rede Sauters aus dem Jahr 1961 zur Verfügung gestellt hat, verdanke ich die Möglichkeit, darüber zu schreiben. Vorher möchte ich ein schönes Zeugnis von Sauters Wirken in Meisenheim wenigstens erwähnen. Er schrieb dort 1951 für die Aufführung mit einer Quinta »Die Fabula vom Theseus und dem Minotaurus, ein lateinisch-deutsches Versspiel«, ein Stück, dem man die Freude anmerkt, mit der es geschrieben wurde, und die sich gewiss auf die Jungen und Mädchen, die es aufführten, und auf deren Eltern, das erste Publikum, übertragen hat. Unter Lateinlehrern wurde es zum Begriff, wurde wiederaufgeführt und fand Nacheiferer. Eine Sammlung von 23 Stücken für das lateinische Schultheater brachte der Klett Verlag 1990 heraus, darunter Sauters von 1951 als das erste. Jetzt, als ich Sauters Rede zur Abiturienten-Entlassungsfeier von 1961 las, kam mir sein zehn Jahre älteres Schuldrama wieder in den Sinn. Dädalus nämlich, der kunstreiche Erfinder, eine Person im Theaterstück, taucht in der Rede wieder auf. In dem Stück hatte er seinem Sohn Ikarus, der mit ihm das Los der Gefangenschaft beim König Minos von Kreta teilte, mit den Worten wieder Mut gemacht: »Quid est Minos? Stultus rex, ego autem artifex. Alas nobis comparemus, ut in patriam volemus!« (für Nichtlateiner verdeutscht: »Minos ist ein dummer Tropf, aber ich ein kluger Kopf. Flügel wollen wir uns machen, und dann heim mit hundert Sachen!«) Also: Erfindergeist triumphiert über Tyrannenmacht.

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In der Rede ist nun Dädalus das Urbild des technischen Erfinders geworden, der letztlich nur Unheil anrichtet – was in der Sage auch angelegt ist. Erfindung und Geist treten auseinander und gegeneinander: »Wir haben ja nichts anderes als das kostbare Geschenk der geistigen Substanz, die uns vermacht und immer neu aufgegeben ist. Nur aus ihr und durch sie können wir uns als Menschen in der Masse bewahren und die Zukunft bewältigen. Gegenüber der durch die moderne Technik geschaffenen unerhörten Steigerung aller Möglichkeiten, ein Vorgang, dem Dämonie innewohnt, gibt es als heilende und steuernde Kraft nur ein im gleichen Maße sich steigerndes Bewusstsein der Verantwortung, was oft genug ganz schlicht und einfach Verzicht wird bedeuten müssen. Sich metaphysisch stärken im gleichen Maße, wie die Technik wächst«, so formuliert es Ernst Jünger.« Und dann: »Gefährlicher als der offene Missbrauch von Stein und Hammer, Speer und Blei, Panzer, Bombe und Atom ist das schleichende Gift, das unter den trügenden Namen der Schmeichelworte Wohlfahrt, zivilisatorischer Fortschritt und Glück sich in das gesunde Mark frisst, um es langsam aber sicher zu zerstören. … Die Welt bedarf des rettenden Gedankens aus dem Geiste.« Hinterlassen solche Worte nicht eine gewisse Ratlosigkeit? Wie mögen Abiturienten, Eltern und Kollegen sie aufgenommen haben? Vielleicht lässt sich von hier aus auch verstehen, warum Jahre später die revoltierenden Studenten von 1968, als sie nun auch in die Schulen einzudringen suchten, gerade das Johanneum und die Person Sauters zum Ziel ihrer Angriffe machten. Dass die Unruhen, die in den ersten Monaten von 1969 das Johanneum erschütterten und sogar die Aufmerksamkeit von ZEIT und SPIEGEL auf sich lenkten, im wesentlichen von außen in die Schule hineingetragen worden sind, ist nicht zu bezweifeln. So ließ der Allgemeine Studentenausschuß (ASTA) der Pädagogischen Hochschule Lüneburg, der offensichtlich vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) beherrscht wurde, am 5. Mai 1969 wissen, daß »den Studenten der Pädagogischen Hochschule Lüneburg die Situation an ihrem künftigen Arbeitsplatz nicht gleichgültig sein kann«. Unterstützung kam auch aus Hamburg. Rückblickend schrieb der SPIEGEL am 12. Mai 1969: »Die ›rote Inge‹, Star des SDS in Hamburg, zog aus, 51 Kilometer weiter südöstlich die Revolution zu verbreiten. ›Wir gehen in die Provinz‹, so verkündete die 21-jährige Studentin, ›um auch dort das System zu verunsichern.‹« Es traf sich gut, dass die aus Lüneburg stammende Inge einen Bruder in einer zwölften Klasse des Johanneums hatte. Er tat sich als Verteiler von Flugblättern hervor.

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Nun zu den Ereignissen selbst: In der Nacht zum 28. Januar wurden zum ersten Mal Wände des Schulgebäudes mit Parolen bepinselt: »Undemokratische Schule – Faschistische Gesellschaft« und »Passt auf Sauter, euer Bewusstsein klaut er«. Die Täter blieben unbekannt; der zweite Spruch wurde später noch des öfteren skandiert. Als Sauter im Februar die Abiturientenklassen aufforderte, für die Entlassungsfeier einen Redner aus ihrer Mitte zu benennen, wurde ein besonders aktives Mitglied des »Sozialistischen Schülerbundes« (SSB) vorgeschlagen. Er war in einer Versammlung, in der von 84 Abiturienten 47 anwesend waren, mit 27 gegen 20 Stimmen gewählt worden. Sauter lehnte den Vorschlag als inakzeptabel ab (der Schüler hatte im Vorjahr am Rande eines Schulfestes zu einer Geldsammlung für den Vietkong aufgerufen). Eine neue »Wahl« fand statt, wieder wurde derselbe Schüler »mit absoluter Mehrheit gewählt« (mit 28 gegen 27 Stimmen; es fehlten also diesmal 29 desinteressierte Abiturienten). Wahrscheinlich versprachen sich manche ein Gaudi von seinem Auftritt. Sauter, unterstützt vom Klassenlehrer, blieb bei der Ablehnung. Er hat seine Haltung später in der Lüneburger Landeszeitung (LZ) noch einmal verteidigt: »Was hätten wohl Eltern, Kollegen, Öffentlichkeit von einem Schulleiter halten sollen, der wissentlich einen bisher würdigen Akt dergestalt in Frage stellen ließ?« Die »Sozialisten« aber hatten jetzt einen Fall gefunden, den sie ausschlachten konnten, und sie nutzten die Gelegenheit. Die Ablehnung eines Redners bei einer Feier wurde umgedeutet zur Missachtung der demokratischen und schulrechtlich garantierten Wahl eines Schülersprechers; man steigerte sieh in die Empörung von Unterdrückten hinein, unter der Bezeichnung »kritisch« und »satirisch« wurden unflätige Beleidigungen und orakelnde Drohungen ausgestoßen. Ein Flugblatt vom 11.3.1969 kann die damalige Situation besser vergegenwärtigen als jede Beschreibung (es zeigt sich auch, wie gespalten die Schülerschaft war und dass ihre gewählten Vertreter die Provokationen ablehnten): 1. (Erste) Mahnung an Seine Majestät, den Direktor des Johanneums, E. Sauter Das Credo an die »Dreieinfältigkeit« wurde am 28.2. in der Klasse 12 g/1 des Johanneums ausgehängt. »Ich glaube an Sauter, der die Schule fertig geschaffen hat, wie ein Ding, das immer so bleiben muss, …

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Ich glaube an Hesse, der mit Sauter auf die Schule gekommen ist, an die Gemeinschaft aller Lehrer und ihre Verantwortung für das, was aus unserer Schule wird, …« Der Kopfarbeiter Sauter wurde zum Handarbeiter, eigenhändig riss er das unbotmäßige Stück Papier von der Wand. »An ihm uns messend, erkennen wir, wie unsere Intelligenz verkrüppelt, unsere Phantasie erstickt, unsere Anstrengung vertan ist, weil wir nicht leben, wie er lebt, ...« Der Mann, der in seiner Aula Heldengedenktafeln, Nationalfahne und Lorbeerkranz liebevoll umsorgt, wurde von der Schülerschaft für sein Treiben zur Rechenschaft gezogen. Eben noch für sein unlauteres Verhalten bezüglich der Abitursfeierlichkeiten zur Rede gestellt, lieferte er wieder einmal ein Kabinettsstückchen autoritärer Rechthaberei: Ich bin hier der Herr im Haus, was hier hängt und was nicht hängt, bestimme ich! schleuderte er den Schülern entgegen. In dieser Situation finden wir es merkwürdig, wenn unser Schulsprecher sich eines guten Verhältnisses mit dem Direktor rühmt. Kann oder will unser braver SMV-ler nicht sehen, daß sein sogenanntes »gutes Verhältnis« nur mehr die autoritär-hierarchischen Strukturen stabilisiert und verschleiert? Doch unser Kampf gilt nicht den SMV-Marionetten der Schulbürokratie; er gilt einer Gesellschaft, in deren Schulen Charaktermasken wie Sauter ihr Unwesen treiben. Heute noch kann Sauter sagen, er sei Herr im Hause; schon morgen kann dieses Haus ihn unter seinen Trümmern begraben. … verantwortlich: Projektgruppe freies Johanneum Exekutionskomitee (das »E. Sauter« bezieht sich auf seinen Spitznamen »Eddi«; SMV ist die Schülermitverwaltung) Wie aus dem Flugblatt hervorgeht, hatte Sauter eine gegen ihn gerichtete Pa­ rodie des Glaubensbekenntnisses aus einem Klassenraum entfernt. Gegen zwei Schüler, die das Flugblatt vor der Schule verteilt hatten, beschloss zwei Tage danach die Gesamtkonferenz ein Verfahren zur Verweisung von der Schule einzuleiten (diese bedurfte der Zustimmung der Schulbehörde). Der zuständige Oberschulrat D. kam am 19. März aus Hannover und überredete das Kollegium

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– vielleicht mit guten Gründen – den ersten Beschluss zurückzunehmen und die Verweisung nur für den Wiederholungsfall anzudrohen. Sauter fühlte sich im Stich gelassen – verständlicherweise, wenn man bedenkt, was er am Vortag erlebt hatte. Bereits am 15. März rief ein Flugblatt, das diesmal fünf Schüler des Johanneums unterschrieben hatten, zu einem »Teach-In« vor der Schule auf: »Lasst eure Mitschüler nicht im Stich« – »Es ist wichtig, daß die Mehrheit der Schülerschaft geschlossen gegen das Lehrerkollegium auftritt«. In der LZ stand am nächsten Tag: »Teach-In scheitert an Winterwetter und Desinteresse«. Dafür wurde dann am 18. eine Demonstration von Studenten der PH organisiert, an der auch einige Schüler teilnahmen. Man zog vor Sauters Wohnung, es gab Sprechchöre, ein Hackebeil wurde geschwungen. Ob es bei dieser Gelegenheit war oder ein andermal, weiß ich nicht: jedenfalls sind einmal auch Steine geworfen worden, und einer zum mindesten flog durch die Fensterscheibe ins Zimmer (Frau Sauter hat uns das später einmal gezeigt). Die Demonstranten zogen weiter zum Johanneum, das sie, wie die LZ schrieb, etwa eine halbe Stunde besetzt hielten; aus einem Klassenfenster hingen eine rote Fahne und eine des Vietkong. Einem Reporter der ZEIT erzählten sie, sie hätten das Gebäude »bis zum Eintreffen der Polizei besetzt gehalten«, und das wurde auch so abgedruckt. In Wirklichkeit war Sauter ihnen allein entgegengetreten und hatte sie durch den Hinweis auf sein Hausrecht zum Abzug bewegt. Die ZEIT berichtete auch über die Hintergründe ganz im Sinne der Demonstranten; eine Richtigstellung erfolgte durch einen Leserbrief des Oberschulrats D. Natürlich wurde die Rücknahme der Verweisung vom SSB als Sieg gefeiert. In einem von drei Schülern des Johanneums unterschriebenen Flugblatt (der jüngste war 15 Jahre alt) wurde dem Kollegium »Radfahrermentalität« bescheinigt. Auf Veranlassung eines Elternvertreters erschien Oberschulrat D., begleitet von einem Justitiar, erneut in Lüneburg. Sie berieten ohne Lehrer mit den drei Schülern und veranlassten sie zu einer Entschuldigung, die dann so arrogant ausfiel, dass sie vom Kollegium nicht als solche akzeptiert wurde. Trotzdem: »Das Johanneum sieht von allen Maßnahmen ab«, so die LZ. Am Dienstag, dem 22. April, teilte sie dann mit: »Der Leiter des Lüneburger Johanneums, Oberstudiendirektor Walter Sauter, hat am Montag vor dem Lehrerkollegium der Schule bekanntgegeben, dass er in Hannover seine Pensionierung beantragt habe. Er glaube, erklärte Sauter, nach den getroffenen Entscheidungen eine weitere Amtsführung für die nächsten drei Jahre vor seinem Gewissen nicht vertreten zu können.«

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Auf den tendenziösen Bericht der ZEIT über die Ereignisse vom 18. März hatte auch ich mit einem Leserbrief geantwortet. Ich wies darin auf Sauters Zivilcourage hin, stellte aber auch dar, wie wir ihn als Schüler erlebt hatten, erwähnte unter anderem, dass er uns nicht nur in den Naumburger Dom geführt, sondern auch mit dem Gefängnis bekannt gemacht hatte. Der Brief wurde nicht gedruckt, aber ich zeigte den Durchschlag meinem Direktor, und der gab ihn an Sauter weiter. Ich bekam einen dankbaren Anruf, und als am 5. Mai im »Schützenhaus« eine Elternversammlung stattfand, auf der Sauter verabschiedet und zugleich eine geplante Reform der Oberstufe vorgestellt werden sollte, saß ich mit Sauter zusammen; mein älterer Sohn war damals Sextaner am Johanneum. Dabei war auch ein Kollege und Freund von mir, ebenfalls Vater eines Johanniters. Sauter war geistreich wie gewöhnlich, spöttelte auch ein bisschen über die laudatio, die der Vorsitzende des Schulelternrats begann. Sie fand freilich ein vorzeitiges Ende. Sauter hatte wohl als einer der ersten die anrückenden Demonstranten schon durchs Fenster gesehen; er verabschiedete sich schnell und war schon fort, als sie in den Saal einrückten. Dem Redner wurde das Mikrofon weggedreht, ein Student forderte zur »Diskussion« auf. Mir ist nur noch erinnerlich, dass mein Freund, der das Kriegsende noch als Soldat mitgemacht hatte, dagegen protestierte, dass man die Tafeln zum Gedächtnis an die gefallenen Schüler ironisch als »Heldengedenktafeln« verächtlich machen wollte. Im Übrigen wurde es laut, die Eltern – es sollen gegen 600 gewesen sein – waren empört, aber machtlos gegen die gewaltsame Beendigung der Versammlung. Das Gespräch über Reformen fiel erst einmal aus. Enger noch und familiärer wurde unser Verhältnis später dadurch, dass Sauter unserem Sohn, der den mathematischen Zweig gewählt hatte und unterdessen 12 Jahre alt war, Privatunterricht im Griechischen gab. Es war, glaube ich, für beide eine Freude. Jedenfalls ging unser Sohn ausgesprochen gern hin, fand Sauter interessant, lernte tüchtig und ließ sich von Frau Sauter verwöhnen, die jedesmal etwas Köstliches bereit hielt. So kam es, dass Sauters auch bei der Feier seiner Konfirmation 1973 dabei waren; Sauter schenkte das Neue Testament, griechisch. Auch meine Mutter war – aus Thale – gekommen; mein Vater war kurz davor gestorben.

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Ein Wiedersehen hatte es schon ein oder zwei Jahre vorher gegeben, als Sauters während eines Besuchs meiner Eltern bei uns waren. An diesen schönen Abend denken wir immer wieder gern zurück, und dann fällt uns eine Kleinigkeit ein, die für Sauters Charme – von dem meine Frau heute noch schwärmt – so bezeichnend ist. Wie damals üblich, wurde am Schluss noch Kaffee und Kuchen geboten, eine Quarktorte diesmal. Sie wurde sehr gelobt, und man fragte nach dem Rezept. Es war von meiner Schwester, und darin fand sich nun die hübsche Bemerkung: »Zucker: schütt‹ ich«, was allgemeine Heiterkeit auslöste. Sauter, beredt wie er war, pries die Kunst des Schüttens und des Backens und erklärte eine sofortige Gruß- und Dankeskarte für unerlässlich. Meine Schwester hat sich über die Karte mit den sechs Unterschriften sehr gefreut. Zu Weinachten 1975 bekam ich einen Sonderdruck mit der freundlichen Aufschrift: »Mit herzlichen Weihnachtsgrüßen und Dank für die Hilfe, Ihr Walter Sauter, 24.XII.75«. Es waren fünf ausgewählte Satiren des Horaz, die Sauter neu übersetzt hatte (meine »Hilfe« bestand im Ausleihen eines Kommentars). Das Heft liegt vor mir, ich habe eben noch einmal Sauters lebendiges Deutsch und seine eleganten Hexameter bewundert. Als wir das letzte Mal bei Sauters zu Besuch waren, litt er bereits an seiner Krebserkrankung. Anwesend war auch sein Zahnarzt und Duzfreund, offensichtlich ein Geistesverwandter. Die Erzählungen und Scherze der beiden alten Herren waren hinreißend. Am 20. Februar 1976 ist Walter Sauter gestorben. Ein sanfter Tod erlöste ihn von seinem schweren in Tapferkeit und Würde getragenen Leiden, stand in der Anzeige. Bei der Trauerfeier am 26. las der Pastor die von ihm hinterlassenen Verse:

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Alter Mann von siebzig Jahren sitzt und überdenkt die Zeit; lässt nun alles, alles fahren, rüstet für die Ewigkeit. An die Kindheit denkt er gerne, weiß in allem noch Bescheid, mit den Jahren wächst die Ferne, nahe rückt die Ewigkeit, All des Jünglings Streben, Irren, Liebens Süße, Bitterkeit, alle heißdurchlebten Wirren reiften hin zur Ewigkeit. Glühend hat der Mann verkündet seiner »Alten« Freud und Leid. Hat es irgendwo gezündet? Grausam schweigt die Ewigkeit. Walter Sauter Martin String (al. port. 45 – 49 val.)

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Aktuelles aus der Landesschule *  *  *


Enthüllung einer Gedenktafel zu Ehren des groSSen deutschen Ägyptologen Richard Lepsius

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Auf einen Vorschlag von Prof. Dr.-Ing. Dr. phil. Frank Müller-Römer hin, den dieser bereits anlässlich des Klassentreffens seines Jahrgangs (1954) im Jahr 2007 unterbreitete, wurde am 18. November – rechtzeitig zum 200. Geburtstag des großen deutschen Ägyptologen und Schülers in Pforta (1823 – 1829) Richard Lespsius eine von Minister a. D. Curt H. Becker (links) und Prof. Dr.- Ing. Dr. phil. Frank Müller-Römer (rechts) gestiftete Gedenktafel enthüllt.  Prof. Dr.-Ing. Dr. phil. Frank Müller-Römer

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Richard Lepsius Begründer der modernen Ägyptologie Kurzfassung des Vortrags von Prof. Frank Müller-Römer im Rahmen eines Kongresses anlässlich des 200. Geburtstags von Richard Lepsius (vom 14. bis 16. Januar 2011 in Pforta).

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Richard Lepsius – einer in Naumburg / Saale alteingesessenen Familie entstammend – wurde dort am 23. Dezember 1810 geboren. Im Alter von 12 Jahren wurde Lepsius in die Internatsschule Schulpforta aufgenommen. Bereits während der Schulzeit wurde bei Lepsius durch viele Gespräche mit Lehrern das Interesse an alten Klassikern und der Schönheit des klassischen Altertums geweckt. Die Bibliothek der Schule bot dafür einen reichen Fundus. Lepsius war darüber hinaus außerordentlich sprachbegabt und beherrschte neben Latein und Griechisch auch Alt- und Mittelhochdeutsch. Später kamen die Sprachen Englisch, Französisch und Italienisch hinzu, in denen er Vorträge halten, Abhandlungen schreiben und Korrespondenzen führen konnte. Das Studium der Archäologie, des Griechischen und des Sanscrit führte Lepsius zunächst nach Leipzig. Nach vier Semestern wechselte er nach Göttingen. Mit 22 Jahren schloss er an der Berliner Universität sein Studium mit der Dissertation ab und promovierte zum Dr. theol. und Dr. phil. Im Anschluss an sein Studium ging Lepsius zunächst nach Paris, wo bei Studien in Museen, Sammlungen und Bibliotheken sein Interesse für die Ägyptologie geweckt wurde. Aufenthalte in England, Holland und in Italien am Archäologischen Institut in Rom folgten. Schon während der Studienzeit entstand bei Lepsius der Wunsch, sich später der Forschung und Lehre zu widmen. Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts galt Lepsius als einer der bedeutendsten Ägyptologen nach Champollion, dessen Entdeckung der Entzifferung der Hieroglyphen er fortführte und vollendete. Erst dadurch wurden die Inschriften vollständig lesbar. Je mehr sich Lepsius mit der Ägyptologie beschäftigte, umso mehr wuchs sein Wunsch, Ägypten kennen zu lernen und die historischen Denkmäler vor Ort zu erforschen. Der von ihm am 20. Dezember 1840 gestellte Antrag auf eine Unterstützung einer Expedition nach Ägypten wurde bereits einige Tage später vom preußischen König Wilhelm IV. genehmigt. Lepsius wurde mit den Vorbereitungen beauftragt. Mitte 1842 wurden die Expedition nach Ägypten und Nubien im

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vorgeschlagenen Umfang genehmigt und Lepsius die Leitung übertragen. Die Reisezeit dauerte insgesamt vier Jahre bis 1846. Eine wissenschaftliche und naturgetreue Aufnahme und Darstellung möglichst aller Bauten, Skulpturen, Reliefs und Malereien sowie die Erfassung aller Denkmäler Ägyptens und Nubiens sollten durchgeführt werden. Alle Expeditionsteilnehmer setzten mit ihren Arbeitsergebnissen neue Maßstäbe. Dies gilt sowohl für das Gebiet der systematisch-wissenschaftlichen Bauforschung als auch für den Bereich der Epigraphik. Die wissenschaftliche Herangehensweise an die Kultur des Alten Ägypten hatte nichts mehr mit der romantischen Auffassung des 18. Jahrhunderts, in dessen Verlauf eine Vielzahl ägyptisierender Kunst und Architektur entstand, gemein. Die wissenschaftlichen Arbeiten von Richard Lepsius sind Standardwerke, die auch heute noch für die Ägyptologie unverzichtbar sind. Als Ergebnis der Expedition wurden ca. 15 000 Gipsabdrücke, mehr als 2000 Zeichnungen und Gemälde, unzählige Abklatsche und ca. 1500 Objekte nach Berlin mitgebracht. Lepsius nahm nur solche Fundstücke mit nach Berlin, die ihm zur Vervollständigung der noch reichlich unvollständigen Berliner Sammlungen notwendig erschienen. Die wissenschaftliche Ausbeute der Expedition beruht also nur zum geringsten Teil aus den mitgebrachten Objekten. In den Jahren 1849 bis 1859 veröffentlichte Lepsius die Ergebnisse der Expedition als »ideelle Ausbeute« auf 894 Tafeln in seinem zwölfbändigen Monumentalwerk »Denkmäler aus Ägypten und Äthiopien«, welches heute noch als Standardwerk gilt. Darin sind Topographie und Architektur, Denkmäler und Inschriften heute zum Teil nicht mehr vorhandener Bauwerke zwischen Kairo und Karthum enthalten. Die Zeichnungen und Abbildungen ermöglichten – wie bereits an anderer Stelle erwähnt – vor dem Entstehen der Fotografie einen bis dahin nicht möglichen Einblick in die ägyptische Kultur. Mit seiner gut vorbereiteten und wohldurchdachten Expedition leistete Richard Lepsius einen der wichtigsten deutschen Beiträge zur Erforschung des Alten Ägypten. Die Genauigkeit der archäologischen Aufnahme und die Exaktheit sowie Präzision der zeichnerischen Wiedergabe führten dazu, dass die deutsche Ägyptologie jeden Vergleich mit anderen Ländern standhielt. Die Herangehensweise an die Gegenstände und das systematische Erfassen der archäologischen Befunde sind noch heute Maßstab für die Arbeiten moderner Ägyptologen. Bis heute gilt Richard Lepsius als einer der bedeutendsten Vertreter der Ägyptologie. Er ist einer der Pioniere dieser Wissenschaft im 19. Jahrhundert und

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wird zu Recht in eine Reihe mit dem Entzifferer der Hieroglyphen, Jean-Francois Champollion, dem bedeutenden Ägyptologen Auguste Mariette und dem Philologen Heinrich Brugsch gestellt, die alle wesentliche Beiträge zur Erforschung der Kultur des Alten Ägypten geleistet haben. Lepsius erkannte die Bedeutung der ägyptischen Kunst und Kultur für die Geschichte der Menschheit und arbeitete als erster Wissenschaftler systematisch an einer Erforschung der Geschichte Ägyptens. Das Lebenswerk von Richard Lepsius ist durch eine ungeheure Bandbreite der umfangreichen wissenschaftlichen Arbeiten und Veröffentlichungen von der Philologie und Sprachforschung über Studien zur Chronologie bis hin zur Philosophie, Kunstgeschichte und archäologischen Dokumentation geprägt. Seit langem werden in der Ägyptologie einzelne Bereiche bzw. Spezialgebiete getrennt behandelt und erforscht. Lepsius hat über all diese Forschungsgebiete hinweg Abhandlungen veröffentlicht – auch über ganz spezielle Themen wie ägyptische Münzkunde und Gesetzgebung, den ägyptischen Kalender und das Maßsystem sowie metallurgische Chemie. Richard Lepsius war einer der großen deutschen Forscher und Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts; die Ägyptologie hat ihm unendlich viel zu verdanken. Wir sollten uns immer wieder daran erinnern. Pforta kann stolz auf seinen Schüler sein!  Prof. Dr.-Ing. Dr. phil. Frank Müller-Römer

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Forscher statt Abenteurer Dieser Artikel von Roland Lüders erschien am 17. Januar 2011 im Naumburger Tageblatt:

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Carl Richard Lepsius war keiner jener Abenteurer, die bei ihrer Suche nach ägyptischen Altertümern vor allem den Entdecker-Ruhm vor Augen hatten. Vielmehr gebührt ihm die Ehre, als systematischer Forscher einen in Deutschland ganz neuen Wissenschaftszweig etabliert zu haben: die moderne Ägyptologie. Das verdeutlichte Ägyptologe Frank Müller-Römer aus München am Sonnabend während eines Kolloquiums in der Aula der Landesschule, das im Rahmen eines Tagungswochenendes anlässlich des 200. Lepsius-Geburtstages stattfand. Nach einer kurzen Einführung, in der der Wissenschaftler über Schul- und Studienzeit des Jubilars und seine ersten wissenschaftlichen Arbeiten berichtete, stellte Müller-Römer die Leistungen von Carl Richard Lepsius als Ägyptologe ins Zentrum seiner Ausführungen. Unterstützt von Geistesgrößen seiner Zeit wie Carl von Bunsen, Eduard Gerhard und Alexander von Humboldt, erhielt er 1842 vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. den Auftrag, eine wissenschaftliche Forschungsexpedition nach Ägypten und Äthiopien zu leiten, von der er 1845 zurückkehrte. Für die Expedition hatte Lepsius ein exzellentes Mitarbeiter-Team zusammengestellt. Dazu gehörten nicht nur im Kopieren von Hieroglyphen ausgebildete Zeichner, sondern auch Architekten, Landvermesser und Aquarellmaler. Die Expedition führte Lepsius über die Pyramiden und Memphis das Niltal hinauf nach Luxor und in die Nekropole Theben West mit dem berühmten Tal der Könige. Hier kartierte Lepsius 25 Pharaonen-Gräber. Ebenso gehörte das nubische Abu Simbel mit der damals noch teilweise vom Sand verschütteten Tempelanlage von Ramses dem Großen zu Lepsius’ Forschungsstationen. Durch eine Generalvollmacht des ägyptischen Regenten Muhammad Ali hatte Lepsius freie Hand, selbst an Originaldenkmälern Stücke für die dann 1850 eröffnete Ägyptische Abteilung des Neuen Museums in Berlin mitzunehmen. [...] Müller-Römers Fazit: »Die wissenschaftliche Ausbeute der Expedition beruht also nur zum geringsten Teil aus den mitgebrachten Objekten.« Ihren Niederschlag fanden diese Reise und weitere Expeditionen in dem zwölfbändigen Tafelwerk »Denkmäler aus Ägypten und Äthiopien«.  ROLAND LÜDERS

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Predigt zum Schulfest in Pforta Am 9. Mai 2010 (467. Jahrestag der »Neuen Landesordnung«) predigte Pfarrerin Friederike Portenhauser zum Schulfestgottesdienst über 1. Mose 28, 10 – 19 a:

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Liebe Schulfestgemeinde, war Jakob Schüler in Schulpforte? Sicher gab es im Laufe der 467-jährigen Geschichte der Landesschule viele Jakobs, und sicher gibt es auch unter den aktuellen Schülern mehrere mit diesem Namen. Aber ich meine nicht die vielen Jakobs, die seit 1543 und bis heute in Schulpforte gelebt und gelernt haben, sondern ich meine den biblischen Jakob aus dem 1. Buch Mose. Er hat sich nicht nur den Erstgeburtssegen seines Vaters Isaak, sondern inzwischen auch eine Art Heimatrecht in Pforte erschlichen – jedes Jahr ist sein Traum von der Himmelsleiter Gegenstand der Predigt im Schulfestgottesdienst, und Ende der 1990er Jahre sind hier im Chorraum der Kirche die Fenster wieder eingesetzt worden, die Jakob schlafend und von der Himmelsleiter träumend zeigen. So ist Jakob ein Stück weit einer von uns geworden. Aber wenn ich von Jakob als Schüler in Pforte spreche, meine ich immer noch etwas anderes: Jakobs Weg in unserem Predigttext entspricht mit seinen vier Stationen dem Weg, den Pfortenser Schüler gehen. Manches ist uns fremd in diesem Text – die Himmelsleiter mit den auf- und absteigenden Engeln vielleicht, der Stein, den Jakob zum Schlafen an sein Kopfende legt und den er hinterher aufrichtet und mit Öl begießt, Jakobs Gelübde –, aber doch meine ich, dieser Jakob kann uns vertraut werden, als sei er einer von uns ehemaligen und gegenwärtigen Schülerinnen und Schülern von Pforte. Wie ich darauf komme? Nun, ich möchte Sie und euch mitnehmen auf den Weg dieses Schülers Jakob.

1. Der Auszug Am Anfang einer jeden Schülerkarriere in Schulpforte steht der Auszug. Es ist kein Schulwechsel wie andere. Der Einschnitt ist tiefer. Da werden nicht nur wie am Beginn jedes neuen Schuljahres neue Blöcke, Stifte und Bücher gekauft. Es werden auch Rucksäcke und Koffer gepackt, und im Laufe der Zeit wandert auch das eine oder andere Möbelstück ins neue Zimmer in Pforte. Freude ist dabei und Aufbruchsstimmung, aber auch ein nachdenklicher Zug: Was erwartet mich? Werde ich mich wohlfühlen, Freunde finden, durchhalten? Gelingt das Loslassen – auf beiden Seiten: bei den Schülern und bei den Eltern?

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Auch Jakob zieht aus. »Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran«, heißt es lapidar am Beginn unseres Textes (v. 10). Kein Wort von den inneren Kämpfen, die ihn dabei begleitet haben mögen. Schließlich musste er fliehen, nachdem er sich von seinem Vater Isaak den Erstgeburtssegen erschlichen hatte und sein älterer Zwillingsbruder Esau ihn deswegen umbringen wollte. Jakob wusste nicht, wann und ob er überhaupt jemals zu seiner Familie würde zurückkehren können. Sein Unterwegssein war seine Lebensform. Das ist ein charakteristischer Zug der alttestamentlichen Erzelternerzählungen, der Geschichten von Abraham, Isaak und Jakob mit ihren Familien. Immer wieder müssen sie aufbrechen, ihre Heimat verlassen, den Weg ins Unbekannte wagen. Das erste, was wir ganz am Beginn der Geschichte Israels von Abraham erfahren, ist Gottes Auftrag: »Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.« (Gen 12,1). Freilich, Abraham, Isaak und Jakob lebten mit ihren Familien als Nomaden, ganz anders als wir heute. Aber auch für uns als Christen gilt, dass wir im Inneren ein Stück weit Nomaden sind. »Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir«, heißt es im Hebräerbrief (Hebr 13,14). Die Welt, in der wir leben, die uns anvertraut ist und die zu gestalten wir aufgerufen sind, ist uns doch als Christen nicht in einem letzten Sinne Heimat. Unsere Heimat ist bei Gott, und von Ihm kommt uns alles zu, was unser irdisches Leben ausfüllt. So ein Auszug nach Pforte ist ja erst der Beginn eines längeren »Exodus«: Die meisten Schülerinnen und Schüler ziehen mindestens einmal, wenn nicht mehrmals innerhalb von Pforte um. Und dann kommt der Umzug an den Studienort, kommen Praktika, vielleicht auch Auslandsaufenthalte. Aber es müssen nicht immer die äußerlich sichtbaren Auszüge sein. Manche Aufbrüche geschehen ganz im Verborgenen, in unserem Inneren. Es lohnt sich, Altes, Vertrautes, Eingefahrenes hinter sich zu lassen. Aufzubrechen wie Jakob – auch ins Ungewisse hinein. Gerade das hält in uns das Bewusstsein wach: Wir sind noch nicht angekommen. Unser Leben ist ein Weg und hat ein Ziel. Es ist nicht immer leicht, neu aufzubrechen im Leben. Das kann anstrengend sein, schmerzlich auch. Aber es hält uns lebendig. Es hält uns offen für Gott.

2. Der Traum Offen ist tatsächlich so vieles in der Zeit, die junge Menschen als Schülerinnen und Schüler in Pforte verbringen. In diesen Jahren zwischen 14 und 18 oder 19 liegt die Zukunft vor einem. Zehn Jahre später ist das schon ganz anders. Mein

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Abiturjahrgang traf sich gestern Abend zum zehnjährigen Abijubiläum, und da hat sich schon viel verändert: Wir sind mit dem Studium fertig, sind mit dem Berufseinstieg beschäftigt oder haben ihn schon hinter uns, so mancher hat geheiratet, Kinder bekommen, der eine oder die andere hat sogar schon ein Haus gebaut. Freilich – auch vor uns liegt noch viel. Das Leben bleibt spannend und voller Veränderungen. Aber einige entscheidende Weichen sind gestellt. All das ist noch offen, wenn man nach Pforte kommt. Und das ist gut so! Wie wertvoll sind diese Jahre des Suchens und Fragens, auch der Ungewissheit, eben der Offenheit der Zukunft! Ich weiß nur zu gut: Diese Jahre sind nicht immer leicht. Die Offenheit der Zukunft kann Angst machen. Studien- und Berufswahl sind schwierig. Dann stellt man sich in dieser Zeit ja auch die großen, letzten Fragen – etwa nach dem Sinn des Lebens. Und man hat es in diesem Alter nicht leicht mit sich selbst. Aber diese Zeit ist so wichtig. Und in Pforte hat sie einen geschützten Raum, in dem man sich entwickeln, in dem man fragen, suchen, ausprobieren, wachsen kann. Den eigenen Träumen nachspüren, Visionen entwickeln – auch dafür und in erster Linie dafür sind diese Jahre doch da. Und Jakob? Auch sein Auszug führt zu einem Traum. Ganz zufällig findet er diesen Ort. Er wird von der untergehenden Sonne überrascht. Und da im Orient auf den Sonnenuntergang sehr schnell die schwarze Nacht folgt, muss er über Nacht bleiben. Jakob legt sich zum Schlafen hin – und träumt. Es ist der erste Traum, der in der Bibel berichtet wird. Viele weitere werden folgen: z. B. die Träume seines jüngsten Sohnes Josef, die ihm erst zum Verhängnis werden, ihn dann aber retten. Im Alten Testament haben Träume oft einen prophetischen Charakter. Sie eröffnen eine Wirklichkeit, die normalerweise verborgen ist. Jakob träumt von einer Himmelsleiter (einer Himmelsrampe, müsste man eigentlich sagen), auf der die Engel, die Boten Gottes, immer wieder auf- und absteigen. Der Himmel ist offen. Die Verbindung zwischen Gott und den Menschen ist da. Wie viel Raum haben denn Träume in unserem Leben? Wo spüren wir unseren Sehnsüchten, Visionen nach? Es lohnt sich! Jakob zumindest begegnet beim Träumen dem Grund seiner Existenz – Gott.

3. Die Gottesbegegnung »Hier ist die Pforte des Himmels!«, ruft Jakob staunend (v. 17). Tor heißt es im Grundtext; mit demselben Wort werden im Hebräischen Stadttore bezeichnet, etwa die vielen Tore der Jerusalemer Stadtmauer. Es geht also bei dieser »Pforte« nicht um ein kleines Türchen, sondern um ein Tor, vielleicht vergleichbar mit

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dem Torhaus hier in Schulpforte. Könntet ihr heutigen Schülerinnen und Schüler auch rufen: »Hier ist die Pforte des Himmels!«? Ist Pforte für euch ein Ort der Träume, gar ein Tor zum Himmel? – Naja, paradiesisch geht es hier ja nicht immer zu. Die Abgeschiedenheit z. B. ist nicht immer etwas Schönes, wenn man in Schulpforte lebt. Der Schulalltag ist fordernd. Und man kann unliebsamen Mitschülern und Lehrern kaum aus dem Weg gehen, weil man einfach zusammen hier wohnt. Und doch: eine Pforte, ein Tor zum Himmel. Wenn man als Schülerin oder Schüler nach Pforte kommt, dann erschließen sich einem neue Perspektiven. Der intensive Unterricht kann neue Horizonte eröffnen, genauso wie die vielen Arbeitsgemeinschaften und Projekte, wie die Gespräche und das Zusammenleben mit Gleichgesinnten und mit Lehrerinnen und Lehrern, die nicht nur ihr Wissen, sondern auch ihre Persönlichkeit einbringen. Gerade in diesen vielfältigen Begegnungen, in den neu sich öffnenden Horizonten, in dem Suchen und Fragen will Gott uns begegnen. Unser Gott, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Vater Jesu Christi, ist ein Gott des Aufbruchs. Er ist da, wo wir das Leben suchen, wo wir uns Neues erschließen, wo wir fragen, wo wir auch manches Mal an allem zweifeln. Jakob kommt an diesen Ort, an dem er übernachtet, ohne zu wissen, dass Gott dort ist. Aber er macht dort eine Erfahrung – im Traum –, die ihn hinterher sagen lässt: »Der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!« (v. 16) Oft sehen auch wir ja erst im Nachhinein Gottes Spuren in unserem Leben. Aber sie sind da, und unser Auszug – der äußere und der innere – will uns Augen und Herz öffnen für Gottes Gegenwart in unserem Leben.

4. Der Weg geht weiter Was machen wir aus den Erfahrungen, wo uns plötzlich der Himmel offen steht, wo wir Gottes Führung und Begleitung erleben, wo wir ganz bei uns selbst und damit ganz bei Gott sind? Wir lassen in unserem Leben gewöhnlich nicht viele Räume für die Träume, die Visionen, die grundlegenden Fragen nach dem Sinn und nach dem Ziel – und oft genug würden wir diese Räume gern offen lassen, aber der Druck von außen schließt sie uns zu. Auch hier können wir uns an Jakob halten. Er hat nämlich gleich drei Vorschläge zu machen, wie wir uns das Erfahrene bewahren können: Jakob richtet den Stein auf als sichtbares Zeichen für seine Begegnung mit Gott. Und er gibt dem Ort dieser Begegnung einen Namen. Auch wir können die Güte Gottes, die wir erfahren, sichtbar machen, indem wir ihr einen Namen geben,

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indem wir aufschreiben oder erzählen, was wir an Gutem erlebt haben. Oder indem wir uns durch ein Zeichen daran erinnern lassen. Für mich ist die Kirche St. Marien hier in Pforte so ein sichtbares Zeichen für die Begegnung mit Gott geworden. Aber auch Menschen können sichtbare Zeichen sein für das Gute, das wir in unserem Leben erfahren haben. Am deutlichsten ist das wohl bei Kindern: sichtbare Zeichen für Gottes Güte. Nicht nur für ihre Mütter, an die wir ja heute am Muttertag besonders denken. Haben Sie, habt ihr so ein sichtbares Zeichen für Gottes Güte – einen Ort, einen Menschen, ein Lied, ein Gedicht vielleicht? Jakob hat aber noch einen anderen Vorschlag. Er legt ein Gelübde ab: »Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der Herr mein Gott sein.« (v. 20f.) So etwas mag uns fremd sein. Aber Jakobs Gelübde bedeutet, dass er Gott beim Wort nimmt. Dass er Ihn festlegt auf das Gute, das Er ihm verheißen hat. Dass er Gott zutraut, ihn zu versorgen – mit Brot, mit Kleidern und mit Shalom, mit Frieden an Leib und Seele. Gott etwas zutrauen, das will uns Jakob sagen. Denn an Gott glauben heißt ja überhaupt: Ihm vertrauen. Und Jakob hat noch einen dritten Vorschlag, wie wir uns an das Gute in unserem Leben halten können. Er verspricht Gott, von allem, was er Ihm gibt, den Zehnten, also ein Zehntel zu geben. Was wir von der erfahrenen Güte Gottes weitergeben – an Geld, an Zeit, an Kraft, an Liebe –, das wird uns nicht genommen, sondern das macht uns reicher. Der Weg geht weiter. Jakobs Weg und unserer. Und wie Jakob dürfen wir auf unseren Weg Gottes Verheißung mitnehmen: »Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst.« (v. 15) Und der Friede Gottes, der größer ist als alles, was wir begreifen können, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.  Friederike Portenhauser (geb. Seitz, al. port. 96 – 00 val.)

Predigt zum Schulfest in Pforta | 39


Visionen zur Klosterkirche Sechste Pforta-Konferenz stellt Fragen der weiteren Sanierung des mittelalterlichen Sakralbaus in den Mittelpunkt. Anregung zu Forschungsprojekt. Dieser Artikel und der darunterstehende Kommentar von Roland Lüders erschienen am 22. Januar 2011 im Naumburger Tageblat:

U

Utopisch erscheinende Visionen: Ohne sie wäre die Entwicklung der Landesschule Pforta in den letzten beiden Jahrzehnten nicht denkbar gewesen. Darauf verwies Rektor Bernd Westermeyer während der sechsten Pforta-Konferenz. Vieles von dem, was Anfang der 90er Jahre für nicht möglich gehalten wurde, ist jetzt in Schulpforte Realität. Denkt man nur an sanierte Internate, die Erneuerung der Aula, die Restaurierung der Orgel, Bau von Küchentrakt, Medienzentrum und Turnhalle oder die Restaurierung des Fürstenhauses. Vieles davon wurde während der Pforta-Konferenzen auf den Weg gebracht. Und auch zur jüngsten Auflage standen wieder Visionen im Mittelpunkt, genauer gesagt, Ideen zur Entwicklung und Nutzung der Klosterkirche. Visionen deshalb, weil es laut Westermeyer noch kein Konzept zur Finanzierung der weiteren Sanierung des Gotteshauses gibt. Eingeladen zur Konferenz hatten Landesschule und Stiftung Schulpforta zahlreiche Vertreter aus Politik und Tourismus, darunter die Landtagsabgeordneten Eva Feußner (CDU), Krimhild Fischer und Rita Mittendorf (beide SPD) sowie Justizminister a. D. Curt Becker (CDU). Ebenso steuerten Experten wie Udo Schießl, Rektor der Dresdner Kunsthochschule und Sprecher des Naumburg-Kollegs, ihre Ideen bei. Dass in Blick auf die Zukunft des Gotteshauses noch großer Handlungsbedarf besteht, zeigte die Analyse von Vertretern des sachsen-anhaltischen Landesamts für Denkmalpflege. Nachdem in den 90er Jahren die Außenhaut des Sakralbaus weitgehend restauriert worden war, müssen nun diese Maßnahmen abgeschlossen und danach Innenraumraumarbeiten in Angriff genommen werden. So stehen neben statischen Sicherungen weitere Fassadenarbeiten an. Vor dem inbau von noch restaurierungsbedürftigen Glasfenstern müssen Reparaturen am Maßwerk und an Wandflächen erledigt werden. Erst danach könne man Konzepte zur Innenraumgestaltung umsetzen. Auf Ablehnung stieß während der Diskussion

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allerdings die Einschätzung der Denkmalpfleger, dass in der DDR eine, »Purifizierung« genannte, Rückumwandlung des Kircheninneren in einen mittelalterlichen Raum stattgefunden habe. Die Erneuerung der Kirche als gefördertes Forschungsprojekt: Diese Vision brachte Udo Schießl in Blick auf die Finanzierungsfrage als eine Möglichkeit ein, die Arbeiten in Gang zu bringen. Hochschulabsolventen, so DoktorandenTeams, könnten hier mit Unterstützung von studentischen Hilfskräften einen wertvollen Beitrag leisten.  ROLAND LÜDERS

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HolzhammerAtheismus

Schade, dass das Unwort des Jahres schon vergeben ist. »Purifizierung« hätte vielleicht auch eine Chance gehabt. Mag ja sein, dass dieser Begriff im Fachjargon der Denkmalpfleger seine Berechtigung hat. Dort steht er für die Entfernung stilfremder Elemente. Ob man allerdings wie Vertreter des Landesamtes für Denkmalschutz auf der Pforta-Konferenz die Maßnahmen, die seit 1958 in der Pfortenser Kirche liefen, als einen solchen Akt der Einhaltung eines denkmalpflegerischen »Reinheitsgebotes« ansehen kann, ist mehr als fraglich. Selbst eingedenk der Tatsache, dass es zur DDR-Zeit einige Notreparaturen gab: Den damals Herrschenden zu bescheinigen, dass sie mit der Zerschlagung von Orgel und Mobiliar aus dem 19. Jahrhundert einen denkmalpflegerischen Beitrag geleistet hätten, ist eine mehr als blauäugige ahistorische Sicht. Kein Wunder, dass sie lautstarken Widerspruch von Konferenzteilnehmern wie Curt Becker oder Peter Maser, Vorsitzender des Pförtner-Bundes, erntete. Steht doch ähnlich wie bei der Sprengung der Leipziger Uni-Kirche vielmehr die Ideologie eines Holzhammer-Atheismus hinter der Zerstörungsaktion.  ROLAND LÜDERS

Visionen zur Klosterkirche & Holzhammer-Atheismus | 41


Vom Pförtner Bund *  *  *


Stühle für die Klosterkirche

E

Eine großzügige Spende wird die Anschaffung von rund 120 hochwertigen Stühlen für die Klosterkirche in Pforta ermöglichen. Das ist ein guter Anfang, aber reicht natürlich nicht aus, um allen einen angemessenen Platz zu bieten, die bei großen Veranstaltungen unsere Kirche füllen. Deshalb rufen wir zur Stuhlspende »Der beste Platz trägt Ihren Namen!« auf. Pro Stuhl sind rund 200 Euro erforderlich. Wenn Sie es wünschen, wird Ihr Name auf einer Plakette an Ihrem Stuhl angebracht werden. Gönnen Sie sich selber einen Stuhl in Pforta! Lassen Sie sich zu runden Geburtstagen und anderen Anlässen mit einem (oder mehreren) Stühlen für Pforta beschenken! Kein Klassentreffen mehr ohne eine Stuhlspende! Auch Teilbeträge sind möglich! Wenn viele mitmachen, werden wir es schaffen! Überweisen Sie Ihre Spende mit Verwendungszweck »Stühle für Pforta« auf das Konto des Pförtner Bundes e.V. bei der Deutschen Bank Naumburg, Konto-Nr. 646 337 600, BLZ 860 700 24. Prof. Dr. Peter Maser

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I

Sachspenden für Museum gesucht

Im Zusammenhang mit der geplanten Umgestaltung des Gutshofes (entsprechend der 2008 erstellten kulturtouristischen Studie, vgl. Pforta-Info Nr. 32) soll im ehemaligen Rinderstall eine große Dauerausstellung, eigentlich ein Museum zur Geschichte von Kloster und Schule, entstehen. Wenn auch das geplante Museum derzeit noch in weiter Ferne zu sein scheint, möchten wir dennoch schon um eventuelle Sachspenden dafür bitten. Je eher man mit dem Sammeln beginnt, desto besser kann man planen. Natürlich besitzt die Schule selbst schon viele Dinge, die für die Ausstellung geeignet sind, doch vielleicht gibt es ja noch tolle zukünftige Exponate in Privatbesitz, die unsere Ausstellung bereichern könnten. Neben Fotos und Dokumenten interessieren uns besonders greifbare Gegenstände. Wir bitten deshalb alle Ehemaligen, ihre Erinnerungsstücke an die Landesschule unter dem Gesichtspunkt zu betrachten, dass uns einfach alles interessiert, was entbehrt werden kann. Normale Gebrauchsgegenstände sind dabei genauso gefragt wie seltene Einzelstücke, z. B. eventuell entwendetes Besteck oder Porzellan aus dem Bestand der Schule oder auch Abzeichen und Medaillen. Da wir alle Epochen der Schulgeschichte darstellen wollen, wären auch Jungmannen-Uniformen (oder Teile davon) und Dolche oder FDJ-Blusen gern gesehen. Aber auch alte Schulhefte u. ä. nähmen wir sehr gern. Wir hoffen sehr auf Unterstützung und danken allen, die unsere Suche in irgendeiner Form unterstützen, schon im Voraus. Petra Dorfmüller (al. port. 82 – 86 val.)

Sachspenden für Museum gesucht | 45


Erinnerungen ans Weihnachtsoratorium

Ü

Über 50 Jahre erklang kein »Jauchzet, frohlocket« mehr in den Mauern der heutigen Landesschule. Zum letzten Mal in den 1950er Jahren. Herr Dr. Rauschelbach: erinnern Sie sich an Ihr eigenes Mitwirken? Nun, ich kann natürlich die Zeitpunkte nicht mehr nennen. Aber natürlich habe ich mehrmals mitgesungen, schon unter Zimmermann. Ich bin 1948 in die Schule gekommen, mit der 7. Klasse, und dann sprach mich der Musiklehrer Zimmermann an, ob ich nicht Lust hätte mitzusingen. Und da hab ich damals längere Zeit im Alt gesungen. Wir fingen mit dem Weihnachtsoratorium an. Dann habe ich kurze Zeit Tenor gesungen und dann ging ich in den Bass über. Wie war das mit den Aufführungen? Wurde das gesamte Weihnachtsoratorium gesungen, oder Ausschnitte? Das weiß ich nicht mehr so genau. Auf jeden Fall haben wir die ersten drei Teile gesungen. Wir haben aber auch aus den anderen Teilen gesungen. Das weiß ich noch. Und die Aufführungen fanden aber nicht in der Kirche statt? Die fanden in der Aula statt und waren voll besetzt, also gut besucht. Eben nicht nur von der Schülerschaft oder Lehrerschaft, sondern auch von den Einwohnern. Und die Musiker – bei der Aufführung 2010 waren das ja zum Teil ehemalige Schüler – wie war das zu Ihrer Zeit? Da waren die Schüler, aber da wurden dann auch immer noch Kräfte von auswärts besorgt. Aber das weiß ich nicht mehr so genau – das ist schon so lange her. Aber es war eine Zeit, in der man das Weihnachtsoratorium noch aufführen durfte.

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Ja, nun passen Sie auf! Das wurde ja dann noch spannend. Es ging noch, und ich habe ja dann Musiklehrer Gericke (Frank-Thomas Gericke, mag. port. 53 – 95, Anm. d. Red.) noch erlebt. Ich habe ja 1955 das Abitur gemacht, hatte aber noch vor dem Abitur Bescheid vom Rektorat bekommen, dass ich auf Grund meiner politischen Einstellung und Mitgliedschaft in der »Jungen Gemeinde« – das wurde nicht genannt, aber das war ja der Hauptgrund, ich war ja damals als Organist beschäftigt in der »Jungen Gemeinde« – da wurde mir mitgeteilt, dass ich zum Studium nicht zugelassen würde, ich solle mich erst in der Produktion bewähren. Ich habe dann nach dem Abitur bei Elektro-Karl in Almrich eine Stelle als Hilfsarbeiter angenommen und habe da Elektromotoren auseinandergenommen usw. Und dann habe ich aber, nachdem die Ferien vorbei waren, wieder im Chor mitgesungen, als Gastsänger.  –

Ja, ich hab ja gegenüber gewohnt, im jetzigen Internat »V«. Da haben wir ja gewohnt mit den Eltern. Und ich brauchte nur über die Straße gehen und war dann schon drüben. Und habe da auch noch das Weihnachtsoratorium … also zumindest Teile wurden dann noch gesungen unter Gericke. Und kurz nach Weihnachten traf ich ihn. Und da kam er mit ziemlich bedrücktem Gesicht zu mir und sagte: »Dieter, hör mal, es ist nicht mehr erwünscht, dass Du mitsingst, und gib uns bitte noch das Liederbuch zurück.« Na das hab ich dann gemacht, und acht Wochen später war ich dann im Westen, bin über Berlin abgehauen. Und das war dann noch 1955? Das war 55 und da konnte man das also noch singen.

Foto: David Ortmann für DIE PFORTE

Also von außerhalb?

Erinnerungen ans Weihnachts-Oratorium | 47


Da war das also wahrscheinlich die letzte Aufführung in Pforte? Das war wohl die letzte, meines Wissens. Mit welchen Gefühlen sind Sie denn zum Weihnachtsoratorium 2010 in die Kirche zurückgekehrt? Die kann ich nicht beschreiben – ich war selig – es war ja so: Wir sind dann im Auto gefahren. Stefan (Stefan Rauschelbach, al. port. 05 – 09 val. ist ein Enkel und hat 2010 neben einigen anderen Ehemaligen den Chor bei der Aufführung in der Klosterkirche verstärkt, Anm. d. Red.) hat sich neben mich gesetzt. Und ich hab dann die CD in den Spieler reingesteckt während der Fahrt, und dann haben wir aus voller Brust die ersten drei Teile des Weihnachtsoratoriums gesungen. Und der Stefan hat mich dauernd angeguckt und sagte: »Opa das kann doch nicht wahr sein, dass du das alles noch auswendig kannst.« Und meine Frau saß hinten und hat sich köstlich amüsiert. Also schon ein besonderer Moment – das Weihnachtsoratorium nach über 50 Jahren wieder in Schulpforte zu hören? Ach, das war herrlich – das kann ich nicht beschreiben. Mir geht’s ja jedes Mal so, ich fahr jetzt im Mai zum Schulfest wieder hin. Mein Ältester fährt ja mit dem anderen Enkel jetzt nach Pforte, denn der will auch die Aufnahmeprüfung machen … Das Gespräch führte Matthias Haase (83 – 87 val.)

Dr. Dieter Rauschelbach (48 – 55 val.) wuchs auf dem Schulgelände auf. Zuerst im sogenannten Aufwärterhaus vor dem Torhaus, später im Gutsgebäude, dem heutigen Internat »V«. Sein Vater war als Hauptbuchhalter beim Gut Schulpforta beschäftigt. Nach der Flucht aus der DDR studierte Dieter Rauschelbach in Heidelberg Medizin. Heute lebt er mit seiner Frau in Rheinland-Pfalz.

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W

WeihnachtsOratorium 2010

Wenn Parkplätze überquellen und warme Decken den vergeblichen Kampf gegen die Kälte der Klosterkirche aufnehmen – dann ist Weihnachten in Schulpforta, dann zieht es Eltern, Ehemalige und Freunde der Landesschulen zu den traditionellen Weihnachtskonzerten des Musikzweiges. Diesmal nun sollte es etwas ganz Besonderes geben: Nach Jahrzehnten erklang wieder Johann Sebastian Bachs großes »Weihnachtsoratorium« innerhalb der alten Zisterziensermauern. Schule, Musikzweig und der unermüdliche Kersten Lachmann hatten den Kraftakt unternommen, beiden Pfortenser Chören großenteils aus Weimar ein Orchester und Solistenensemble an die Seite zu stellen, aus diesen Dutzenden Musikern in kurzer Zeit einen Klangkörper zu formen. Und alle vertrauten, großzügig organisatorisch und finanziell unterstützt von der Stiftung Schulpforta, dass viele Zuhörer diesen Aufwand durch ihr Kommen honorieren würden, einmal mehr den Weg nach Pforta fänden – und ausnahmsweise auch den Eintritt in dieses Ausnahmekonzert zahlen würden. Am Ende wurde dieser Mut belohnt, die tief bestuhlte Kirche war bei den beiden Aufführungen am 11. und 12. Dezember fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Und wenn dann die Pauken tönen und die Trompeten erschallen – wie es Bach noch in seiner Glückwunschkantate für Maria Josepha von Österreich formulierte, bevor er daraus den Anfangschor »Jauchzet, frohlocket« schuf –, dann klammern sich die Anwesenden an die Decken, rücken zusammen und genießen diesen Klang am besonderen Orte. Gewiss: Es gibt akustisch günstigere Räume, in denen die Worte und Töne des »Weihnachtsoratoriums« scharf ans Ohr dringen und nicht in den Echoäther aufsteigen; es gibt Orte, an denen Trompeterlippen nicht an die Instrumente frieren. Aber in der Pfortenser Klosterkirche sollte eben nicht die kühle Perfektion der häuslichen CD-Aufnahme herausgefordert werden, hier wurde vielmehr die Gemeinschaft der Musiker und Zuhörer gefeiert, auf musikalisch gewohnt hohem Niveau, in langjähriger Kenntnis der Tücken des Raumes. Unter der kraftvollen Leitung von Kersten Lachmann fanden Jugend- und Mädchenchor der Landesschule zusammen, spielte das Orchester mutig auf, und auch die jungen Solisten überzeugten in den aufgeführten drei Teilen musikalisch und artikulativ. Und wie schön war es zu hören, dass es hier nicht um das Abfeiern eines weihnachtlichen Dauerbrenners ging! Vielmehr wurde konzentriert eine unserer

Weihnachtsoratorium 2010 | 49


Foto: David Ortmann für DIE PFORTE

prägenden Kulturgeschichten erzählt, mag man glauben oder nicht: Die Geburt eines, der Frieden schaffen soll in einer zerstrittenen Welt und der selbst schon in seinen ersten Lebensstunden verfolgt wird; dessen abenteuerliche Ankunft von Bach immer wieder umschlossen wird mit der Bekenntnis zur Liebe an den Menschen und am Herrn: Ich will dich mit Fleiß bewahren / ich will dir leben hier (Nummer 33). Vom beschwingten Triumph »Jauchzet, frohlocket« über das schüchtern-zweifelnde »Wie soll ich dich empfangen« bis zum Wiegenlied »Schlafe, mein Liebster« sind es bei Bach nur wenige Schritte, und doch durchmisst er mit ihnen die gesamte Weihnachtszeit. Es bleibt Schulpforta zu wünschen, dass solche besonderen Konzerte ebenso weihnachtliche Tradition werden wie die fantastischen Choraufführungen; eine solche Tradition hieße nicht, in jedem Jahr ein Highlight stemmen zu müssen, und es muss auch nicht immer das »Weihnachtsoratorium« sein. Doch es sind diese Momente, in denen Schule und Musikzweig ihren Anspruch und ihre hohe Leistungsfähigkeit eindrucksvoll unter Beweis stellen können, und in der ein die Schüler-Generationen verbindende Pfortenser Bund greifbar wird, weil Ehemalige den Doppelchor sängerisch unterstützen. Und wenn am Ende die Kerzen im Takt der Paukenschläge züngeln und man genau hinhören muss, ob nicht auch die Kirchenmauern mitsingen – dann ist Weihnachten in Pforta. 

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David Ortmann (al. port. 01 – 06 val.)


Zurück in die Slums Dieser Artikel über den Freiwilligeneinsatz von Dr. Dietrich Rutz (al.port. 55 – 59 val.) im Rahmen von »Ärzte für die Dritte Welt« erschien am 6. Dezember 2009 in den Potsamer Neuen Nachrichten und wird hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin erneut abgedruckt.

K

Kurz vor acht Uhr in Mathare Valley. Wer hier wohnt, den gibt es offiziell gar nicht, der hat keine Adresse. Das verästelte Wegesystem in dem Megaslum im Nordosten der kenianischen Hauptstadt Nairobi kennt keine Straßennamen, keine Straßenbeleuchtung und eigentlich auch keine Straßen. Es sind Staubwege, auf denen die Bewohner der ärmlichen Wellblechhütten am Morgen in die mehrere Kilometer entfernte Stadt zur Arbeit laufen, wenn sie denn eine haben. Auch für den Potsdamer Arzt Doktor Dietrich Rutz war es für sechs Wochen der morgendliche Weg zur Arbeit. Nur in umgekehrter Richtung. Der pensionierte Gynäkologe engagierte sich in Nairobi ehrenamtlich in einem Gesundheitszentrum des Vereins »Ärzte für die Dritte Welt«. »Baraka« heißt das Projekt, in dem die Ärmsten der Armen dort seit beinahe 20 Jahren eine medizinische Grundversorgung bekommen. Es soll ein Segen für die Bevölkerung sein: das jedenfalls bedeutet der Name des Hauses, wenn man ihn aus dem Kiswahili übersetzt. Aber auch die deutsche Assoziation – eine Baracke – ist nicht verkehrt: das Gesundheitszentrum ist in einfachsten Räumen in einem Steinhaus mitten im Slum untergebracht. Wenn Dietrich Rutz am Morgen von seinem Bungalow am Rande des Slums zur »Baraka« gekommen ist, haben dort schon um die 200 Menschen gewartet: »Es war proppevoll«, berichtet der Mediziner, der gerade von seinem vierten Einsatz in Kenia zurückgekommen ist. Um acht Uhr begann die Sprechstunde. Rund 350 Patienten besuchen »Baraka« pro Tag, es sind Slumbewohner ohne Adresse und ohne Geld. Sie leiden an Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Aids oder Malaria, haben Mangelerscheinungen, schwere Verbrennungen vom Hantieren mit Kerosinkochern, chronische Krankheiten wie Asthma und Diabetes oder Hautkrankheiten. Aber selbst die Behandlungsgebühr im kommunalen Krankenhaus, umgerechnet vier Euro, können sie sich nicht leisten. Von den deutschen Ärzten im Gesundheitszentrum – eine Gruppe von jeweils fünf bis sechs Freiwilligen aus verschiedenen Fachrichtungen – werden die Patienten kostenlos behandelt und bekommen die nötigsten Medikamente. Es ist eine Herausforderung für die Ärzte, die deutsche Standards gewohnt sind:

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»Man muss sich auf seine medizinischen Grundkenntnisse besinnen, um mit den bescheidenen Möglichkeiten dort helfen zu können«, sagt Dietrich Rutz. Unterstützt werden die Mediziner dabei von einem Team von etwa 70 einheimischen Mitarbeitern, darunter Krankenschwestern, die gleichzeitig dolmetschen; Labormitarbeiter, Apotheker, aber auch Fahrer. »Baraka« ist eins von weltweit neun Projekten des Vereins »Ärzte für die Dritte Welt« mit Sitz in Frankfurt am Main. Finanziert wird es durch Spendengelder aus Deutschland. Nach Vereinsangaben gehen jährlich mehr als 330 deutsche Ärzte dafür unentgeltlich ins Ausland – so wie Dietrich Rutz. Den Wunsch nach einem solchen Engagement habe er schon lange gehegt, sagt der 69-Jährige, der als Chefarzt der Gynäkologie im niederrheinischen Geldern bei Krefeld arbeitete: »Solange ich klinisch tätig war, hatte ich einfach keine Zeit dafür.« Erst nach der Pensionierung konnte er sein Vorhaben wahr machen. Dass sein Einsatz in Kenia mehr als der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein ist, davon ist der Potsdamer nach seinem vierten Einsatz überzeugt. »Es gibt eine langsame Veränderung des Gesundheitsbewusstseins«, erklärt er. Etwa beim Thema Aids: Noch vor vier Jahren hätten die meisten Patienten bei der Diagnose »dicht gemacht«, erinnert er sich: »Die haben das einfach nicht akzeptiert und sind gegangen.« Mittlerweile seien die Slumbewohner offener für eine Behandlung. »Sie haben durch Mund-zu-Mund-Propaganda oder bei unseren Vorträgen erfahren, dass sie gegen die Krankheit nicht völlig machtlos sind«, meint Rutz. Für Erkundungen in Nairobi blieb dem Potsdamer nach dem Acht-Stunden-Tag im Sprechzimmer kaum Zeit: Mit Einbruch der Dunkelheit gegen halb sieben dürfe man sich als Weißer nicht mehr auf die Straßen trauen, erklärt er. Und trotzdem will er wieder nach Nairobi zurück: »Wenn ich gesund bleibe, werde ich nächstes Jahr nochmal gehen.« Spendenkonto: Ärzte für die Dritte Welt e.V., Evangelische Kreditgenossenschaft Frankfurt, BLZ: 520 604 10, Kontonummer: 4 88 88 80. Infos: www.aerzte3welt.de.  Jana Haase

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S

Jahresbericht Berlin 2010

Am 16. Januar fand unser am Jahresanfang nun schon Tradition gewordener »Schlössertag« statt: Heide und Dr. Peter Brettschneider hatten uns im Schloss Königswusterhausen und im Restaurant angemeldet. Mit lukullischen Gerichten und Zeit zum Gedankenaustausch unter Pfortensern haben 45 Teilnehmer ein interessantes und winterliches Wochenende eingeläutet. Rechtzeitige Einladung schon im Januar und das attraktive Programm unseres Treffens – Führung im Neuen Museum –, anschließend Beisammensein im Restaurant Weihenstephaner am Hackeschen Markt waren ausschlaggebend dafür, dass insgesamt 78 Personen der Einladung gefolgt waren. Wegen des großen Andranges teilten wir uns bei der 90-minütigen Führung zum Thema »Architektur und Highlights« in drei Gruppen. Höhepunkt war natürlich Nofretete, die uns bezaubert hat in einem Moment, wo wir den ganzen Raum, in dem sie uns erwartete, nur für uns allein hatten. Mit dem anschließenden Beisammensein im Restaurant war der Tag jedenfalls ein großer Erfolg und wir freuen uns schon auf das Herbsttreffen. Danke Helmut. Elsa LeiSS (al. port. 51 – 54 val.) und Siegward Ruhm (al. port. 51 – 55 val.) Das Herbsttreffen mit Martini-Gänseessen fand am Freitag, 12. November im Restaurant des Hotels Holiday Inn am Gesundbrunnen – wie schon 2009 – statt. Zum Empfang gab es Glühwein und wir durften Snacks dazu selbst organisieren. Das haben unsere Studenten übernommen, die für die Förderung der Theatergruppe in Pforta gesammelt haben. Durch den Abriss des Ludoriums verändern sich die Spielstätten. Wir konnten im Ergebnis dem Konto des Pförtner Bundes zweckbestimmt 270,- € überweisen. Zudem gab es zwei interessante Vorträge zu Pforta und seiner Umgebung: Der neue Prokurator Maik Reichel (seit Januar 2010) stellte sich dem Berliner Kreis mit Informationen zum Stand der Gesamtplanung für Pforta vor. Der Abriss von zwei Gebäuden auf dem Gutsgelände soll Anfang des Jahres 2011 beginnen. Zur zu erwartenden Bestätigung der beantragten Fördermittel durch die Landesregierung in Höhe von mehr als 4 Millionen äußerte sich Herr Rei-

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chel zuversichtlich. Dann soll auch der Neubau für das Besucher- und Informationszentrum sowie die Rekonstruktion der zwei angrenzenden alten Gebäude kommen. Es wird sich zeigen, ob schon zu der Ende Juni 2011 beginnenden Landesausstellung in Naumburg (Pforta eingeschlossen) etwas zu sehen sein wird. Altrektor Karl Büchsenschütz informierte uns über ein kulturhistorisch bemerkenswertes Anliegen, zu dem auch Pforta gehört. Es geht um den »Naumburger Dom und die hochmittelalterliche Herrschaftslandschaft an Saale und Unstrut«. Die Bundesrepublik Deutschland wird bei der UNESCO 2015 die Aufnahme des Projektes in die Liste des Weltkulturerbes beantragen. Herr Büchsenschütz hat uns als Leiter der Arbeitsgruppe für die Vorbereitungsarbeiten in seiner rhetorisch gekonnten Weise über die Hintergründe, viele Aktivitäten und das Gesamtanliegen des Projektes informiert. Erste Grundlagen für die Antragstellung sind erarbeitet. Unter www.WelterbeanSaaleundUnstrut.de kann in die 82-seitige Broschüre Einsicht genommen werden. Der Leiter des Berliner Kreises konnte seinem Mitglied Dr. Hans Schubert für sein im letzten Jahr erschienenes Buch »Schulpforta 1945 bis 1990« danken. Es stellt eine vom Historiker gut zusammengetragene Chronik dar. Die berücksichtigten vielen Aussagen von ehemaligen Schülern machen das Buch besonders interessant. Mit Freude konnte ich Dietrich Volkmann, al. port. 46 – 49, mit einem von Hubert Kinzel, al.port 55 – 59 val., im Eigenverlag hergestellten Fotokalender »Schulpforte 2011« danken und ehren. Dietrich Volkmann hatte sich zu seinem 75. Geburtstag im Januar von seinen Gästen Spenden für Pforta gewünscht. Auf dem Konto des Pförtner Bundes sind knapp 1400 Euro für den Umbau der alten Turnhalle zum Schülertheater (Mehrzweckhalle) eingegangen. Die 85 Teilnehmer am Herbsttreffen konnten ihr vorgewähltes Essen (vorwiegend Gans und Ente) in angenehmer Atmosphäre genießen. Zusammen mit den Vorträgen und den Gesprächen, zu denen man gut von Tisch zu Tisch wechseln konnte, war es ein gelungener Abend, wie ihn sich viele als regionales Treffen vorstellen. Zum Ort des Herbsttreffens am Gesundbrunnen gab es auch allgemeine Zustimmung, denn er ist gut mit allen Verkehrsmitteln zu erreichen. So freuen wir uns über ein gut abgeschlossenes Jahr 2010.

Helmut Heimbürge (al.port. 55 – 57 v al.)

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Klassentreffen des Jahrgangs 39 val. Zum 70. Abitur in Schulpforta vom 20. – 23.8.2009 Dieser Artikel hatte in der letzten »Pforte« nicht abgedruckt werden können und findet nun verspätet seinen richtigen Platz:

V

Von unserer bewährten Organisatorin Isabell mit Wolf-Dieter Kreide vorbereitet, trafen sich die letzten vier Valedizierten unserer Klasse (Karl-Heinz Bickmann, Frank-Dieter Gerhardt, Wolf-Dieter Kreide und Klaus Schiller) und vier Damen am 20. August bis zum 23. August 2009 in Freyburg a. d. Unstrut. Unser Hotel Rebschule beherrscht eine hervorragende Aussichtslage auf die Umgebung bis Naumburg und nahe Schulpforta. Der Höhepunkt unseres Programms war der Besuch unserer alma mater am nächsten Tag mit einem Empfang durch den rector portensis Bernd Westermeyer. Nach der Begrüßung, die für die Gehbehinderten in der Eingangshalle stattfand, führte der Rektor ein freimütiges Gespräch über die inneren und äußeren Bedingungen des Schulbetriebs unter seiner Leitung, wobei er auch auf die zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten, z. B. den Studientag, einging. Er erhielt für seinen inhaltsreichen Vortrag unseren kräftigen Applaus. Danach folgte im Beisein des Herrn Rektors eine Besichtigung der Bibliothek und der Aula. Nach gebührendem Dank für die vom Rektor selbst angeheftete Anstecknadel und die von ihm ausgehändigte Broschüre »Keilzeit«, ein von den Alumnen und Lehrern lebendig beschriebener Jahresbericht 2008/2009 über die Schulereignisse, erfolgte die freundliche Verabschiedung. Ein herzhaftes Mittagessen im Fischhaus rundete das Programm ab. Am Sonntag nahmen wir Abschied nach dem Frühstück und hoffen, dass wir uns alle im zufriedenen Gesundheitszustand beim nächsten Klassentreffen, das von Tammy und Klaus Schiller organisiert wird, wiedersehen können.  Klaus Schiller (34 – 39 val.)

Klassentreffen des Jahrgangs 39 val. | 55


Klassentreffen des Jahrgangs 39 val.

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in Bad Soden-Allendorf vom 25. bis 28.8.2010

Das Wiedersehen fand, von Tammy und Klaus Schiller (34 –39 val.) bestens vorbereitet, in der Nähe von Bad Soden-Allendorf im Berggasthof Ahrensberg statt, einem »landidyllischen« Haus in erholsamer Landschaft und mit für uns bequemer Ausstattung. Von dort aus bot sich uns Gelegenheit, einige Sehenswürdigkeiten im Werratal kennen zu lernen; so das reizvolle Kurbad selbst, das nachdenklich stimmende »Zonen«-Grenzmuseum »Schifflersgrund« und den Werratalsee an Bord der flotten »Werranixe«. Eine große Rolle spielten wiederum die Gespräche und insbesondere die Erinnerungen an unsere Pforta-Zeit. Diesmal waren es Bilder aus einer alten Publikation der »Festgabe zum 350-jährigen Jubiläum der Landesschule«. Darin ist in 21 Stationen das Alumnenleben vor rund 100 Jahren sehr anschaulich dargestellt, von der Ankunft der Novitien bis zur Abfahrt nach bestandener Valediktion. Sehr beeindruckt hat uns das Bild vom Cönakel, dem gemeinsamen Mittagessen an langen Tischreihen und Bänken. So hatten es unsere Jahrgänge noch bis zu den Sommerferien 1936 erlebt und tradionsgemäß als Mittagsgebet das »Gloria tibi trinitas …« begeistert gesungen; denn der stimmkräftige »Praecentor« Fritz-Walther Kämpfe (33 – 38 val.) spornte uns an. Mit der danach erfolgten Modernisierung des Speisesaales verschwand nicht nur das alte Inventar, sondern auch das »Gloria«. An dessen Stelle trat ein von einem Jungmann vorgetragener Mittagsspruch, der dem NS-Zeitgeist entsprechen sollte.

Dass dieses Klassentreffen überhaupt stattfand, verdankten wir insbesondere unserem Karl-Heinz Bickmann (36 – 39 val.) mit dessen Impulsen anlässlich seines 90. Geburtstages. Spontan fiel unser Beschluss, das sehr gelungene Zusammensein in 2011 an gleicher Stelle zu wiederholen.  Hans Rettkowski (36 – 42 val.)

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D

Pförtnerabend in Hessen

Da seit Jahren der Standort Frankfurt am Main nicht besetzt war und deshalb keine Pförtnerabende stattfanden, ich vor einem Jahr meinen Wohnsitz von Franken nach Hessen verlegt hatte, reifte die Idee, einen Abend der hessischen Pförtner im Frankfurter Raum zu organisieren. Der Versuch, Interesse zu erwecken, war von Erfolg gekrönt. So trafen sich am 4.12.2010 zwölf Ehemalige im Gasthof »Rupp« in Bad Homburg zum Kennenlernen, Erfahrungsaustausch, traditionellem Gänseessen und weiterer Planung. Die Gruppe bestand aus valedizierten Portensern verschiedenster Altersstufen (von 28 bis 76 Jahren). Interessant waren die kurz geschilderten Lebensläufe und beruflichen Werdegänge, die die einzelnen nach Hessen geführt haben. Aus allen Berichten war – unabhängig vom Alter der Erzählenden – die Verbundenheit mit unserer alten Schule zu spüren. Die Zeit des Zusammenseins verging wie im Flug. Es gab nicht nur Gänsebraten, sondern auch Gänsegedichte und ein erfolgreich bestandenes Portenser-Quiz. Fotos aus unserer alten Pforte machten die Runde, ein teilnehmender ehemaliger Lehrer erheiterte alle mit lateinischen Witzen. Gemeinsam sangen wir das uns allen wohlbekannte Lied »An der Saale hellem Strande«. Hervorheben möchte ich die Anwesenheit eines Alt-Afraners (Prof. Lutz), der uns Einblick in die Geschichte der Fürstenschule St. Afra gab und zu unserer Freude Verbundenheit mit Schulpforte erkennen ließ. Als wir uns am späten Abend trennten, war bereits beschlossen worden, zum nächsten Martinstreffen wieder zusammen zu kommen. Hierfür liegen bereits Anmeldungen von denen vor, die aus verschiedensten Gründen diesmal nicht hatten teilnehmen können. Eine Wanderung um Frankfurt im kommenden Sommer ist ebenfalls angedacht, und alle freuen sich auf das nächste Treffen. So lebt nun auch der Portenser Geist in Hessen weiter, und das erfüllt uns alle mit großer Freude.  Dr. Sibylle Fink, geb. Schöner (al. port. 1955  – 1959)  ––

Pförtnerabend in Hessen | 57


Gänsegedicht

W

Wenn es wie jedes Jahr novembert, dann werd’ ich stets daran remembered, lass’ jetzt die Finger vom Camembert und wende dich, ihr habt’s erraten, jetzt endlich zu dem Gänsebraten, sonst wär’ die schöne Zeit verplempert! Wenn nun zurück den Blick ich lenke und überschlägig mal bedenke, wie viele Gänse das wohl waren, die ich seit nunmehr achtzig Jahren nach Herzenslust hab’ hier verzehrt, ist die Zahl Hundert nicht verkehrt. In Pforte war’s, her ist es lang, dass ich die erste Gans verschlang. Durch Krieg und Nachkriegszeit jedoch entstand ein großes Gänseloch: von Alliierten umerzogen, hab ich kaum hundert Pfund gewogen. Doch nach dem Krieg, in Bonn begann’s, dann mit der Gänse-Renaissance. Die Pforte rief, in großen Haufen schnell kamen die Pförtner angelaufen. Seitdem hab’ ich es nie versäumt, den Pegasus mir aufgezäumt und scheute nicht die weite Reise, dabei zu sein in diesem Kreise. Wie’s weitergeht, ist alles offen. Da können wir nur eines hoffen, und darauf lasst uns einen heben: die Gänse sterben, die Pförtner soll’n leben!

Ulrich Schiller (al. port. 29 –35 val.)

58 | Gänsegedicht


Gänsegedicht

Z

Vorgetragen beim hessischen Pförtnertreffen 2010. Zwei Gänslein kam’ geflogen im Hessenland zum »Rupp«, das eine ward gefangen; dann aßen wir es upp. Das andere flehte kläglich: »Ach, lasst mich wieder gehn, das Leben ist doch herrlich, das müsst ihr doch verstehn.« Die Pförtner schauten lange aufs Gänselein herab und suchten dann die Karte nach andern Speisen ab. Das Gänslein zog zufrieden in Richtung Erlenbach, die Pförtner aber sahen dem Gänslein lange nach. Im nächsten Jahr wird wieder ein Gänseessen sein, und wir bestell’n schon heute zum Mahl auch Rind und Schwein. Kommt dann ein Schwein gelaufen und bittet uns um Gnad, dann essen wir Kartoffeln mit Möhren und Salat.

Dr. Sibylle Fink, geb. Schöner (val. 59)

G

Vorgetragen beim hessischen Pförtnertreffen 2010. Gar manchen Leuten ist bekannt Schulpforte nah dem Saalestrand. Man lernt dort für das Abitur; Doch geht es nicht um Wissen nur: Schulpfortes Geist jahrein jahraus geht damit in die Welt hinaus, und so gelangt er, wie man sieht, auch hier in dieses Landgebiet. Dazu gehört ein kleiner Brauch, den schon Schulpforte übte auch: jetzt und hinfort gilt nun für Hessen zur Martinszeit das Gänseessen.

Dr. Manfred Simon (Mag. port. 57 – 59)

Gänsegedicht | 59


Tabula Gratulatoria Vorname Karl-Heinz Kurt Werner-Rolf Fritz Ruth Werner

Name Klemmt Gutmann Pick Hacker von Dufving (geb. Meichßner) Schiffmann

Ulrich Friedrich Hans-Wilhelm Elisabeth

Pforta 26 – 29 27 – 34 v. 26 – 32 v. 29 – 34 v.

MDP MDP MDP MDP MDP MDP

Geburtstag 14.10.1910 01.02.1913 25.08.1913 26.09.1913 03.12.1913

Alter 101 98 98 98 98

MDP

14.02.1916

95

14.03.1916 29.05.1916 14.11.1916 06.12.1916

95 95 95 95

01.02.1918 24.12.1918 05.01.1919 29.03.1919 20.07.1919 23.08.1919 07.09.1919 22.09.1919 30.10.1919

93 93 92 92 92 92 92 92 92

09.02.1920 12.06.1920 27.08.1920 08.12.1920

91 91 91 91

MDP

05.02.1921 26.03.1921 27.04.1921

90 90 90

MDP MDP MDP

11.07.1921 12.07.1921 27.08.1921

90 90 90

Schiller Meyer Preller Axthelm (geb. Fürbringer) Margarete Dreckmann Christian Frühbuß Leonhard Seboldt Wolf-Dietrich Bindemann Martin Anton Schmidt Hans Ulrich Schulz Wolfgang Klimke Karl H. Merkel Hans-Eberh. Hanstein Frh Karl-Heinz Bickmann Karl-Heinz Kühne Frank-Dieter Gerhardt Charlotte Kaiser-Dieckhoff (geb. Dieckhoff) Heinrich Zander Wolf-Dieter Kreide Hans Joachim Doege

29 – 35 v. 29 – 35 29 – 34

MDP MDP MDP MDP

31 35 32 32 34

MDP

Heinrich Brigitte Ilse

34 – 35

Heitmann Franke Hossfeld

60 | Tabula gratulatoria

– – – – –

38 v. 38 v. 36 34 37 v.

MDP MDP MDP

35 – 37 35 – 37 v. 36 – 39 v. 34 – 35 34 – 39 v.

33 – 39 v. 35 – 39 v. 36 – 39 v.

MDP MDP


Vorname Rose Christian Lupold Klaus-Herbert Friedrich Erika Heinz Uwe Burkhard Günter Oldwig Joachim Martin Heinrich Hans Gerhard Axel Karl-Heinrich Heribert Christoph Hans Joachim Udo Ulrich Eckart Wilhelm Claus Hans-Hinrich Kirykos Christian Kurt Sigrid Manfred Erich Eberhard Joachim Hermann Hartmut

Name Drechsler (geb. Feiertag) Hübener von Wedel Hildebrand Bock Zinck (geb. Klose) Mussbach Storm Hildebrand Nebe von Fischer Münzenberg Schmiedt Geyer Herrmann Walther Hübschmann Hemmerling Hess Janke Männig Schlegel Schlase Kissling Lutz Behnke Habermann Kotsianos Uhlig Richter Branscheid (geb. Schumann) Günzel Stöckeler Ebert Genscher Schinkel Dürr

Pforta

MDP MDP

Geburtstag 16.10.1921

Alter 90

33 40 37 40

– – – –

34 44 v. 44 41

MDP

37 41 41 48 43 48 45 45 45

– – – – – – – – –

44 45 45 49 45 49 47 49 49

MDP MDP

45 46 41 45 42 42 48

– – – – – – –

49 50 44 50 49 43 50

13.12.1921 08.06.1926 11.08.1926 20.08.1926 02.10.1926 08.11.1926 27.01.1931 14.02.1931 24.02.1931 06.03.1931 14.03.1931 25.03.1931 29.03.1931 05.04.1931 14.04.1931 18.04.1931 29.04.1931 21.05.1931 07.06.1931 25.06.1931 26.06.1931 14.07.1931 20.07.1931 22.07.1931 27.07.1931 12.08.1931 02.09.1931 20.09.1931 24.09.1931 02.10.1931

90 85 85 85 85 85 80 80 80 80 80 80 80 80 80 80 80 80 80 80 80 80 80 80 80 80 80 80 80 80

12.10.1931 07.11.1931 12.12.1931 08.01.1936 15.01.1936 29.01.1936

80 80 80 75 75 75

v.

MDP

v.

MDP MDP

v. v.

MDP

v.

MDP

v. v.

MDP MDP

v. MDP

42 47 44 46

– 45 – 52 v. – – 49 v.

MDP MDP

43 42 42 50 51 47

– – – – – –

MDP

49 v. 45 45 52 53 v. 52

MDP MDP MDP

Tabula gratulatoria | 61


Vorname Christa Michael Ferdinand Herbert Gisbert Rosemarie Günther Georg Siegfried Frank Erich Klaus Werner Udo Karl-Heinz Franz Heiner Klaus-Jürgen Horst Klaus Walter Wolfram Elsa Dorothea Curt H. Bernhard Erika Eva-Maria Vilja Jörg Albrecht Gerhard Hartmut Artur Rudolf

Name Sywottek (geb. Friedrich) Friedrich Uhl Gröbner Krusche Bucke Schulz Garbers Pank Müller-Römer Schulze Vogt Ziesch Gleitsmann Stock Heydt Zetzsche Schwarz Sitta Kuntze Burian Buschbeck Leiß (geb. Hirsemann) Muschik Becker Künzel Frenkel (geb. Hussel) Behrends (geb. Loock) Rodigast (geb. Kebschull) Reling von Blumenthal Sywottek Riebe Denda Walter

62 | Tabula gratulatoria

Pforta 48 – 54 v.

MDP

Geburtstag 31.01.1936

Alter 75

48 51 50 50 48 47 46 48 48 48 50 49 48 48 51 52 47 48 51 52 45 51

MDP

31.01.1936 11.02.1936 12.02.1936 20.02.1936 23.02.1936 01.03.1936 02.03.1936 24.03.1936 24.03.1936 01.04.1936 05.04.1936 06.04.1936 07.04.1936 11.04.1936 12.04.1936 12.04.1936 18.04.1936 05.05.1936 13.05.1936 29.05.1936 31.05.1936 01.06.1936

75 75 75 75 75 75 75 75 75 75 75 75 75 75 75 75 75 75 75 75 75 75

MDP MDP

01.06.1936 19.06.1936 22.06.1936 29.06.1936

75 75 75 75

MDP

11.07.1936

75

12.07.1936

75

28.07.1936 05.08.1936 12.08.1936 16.08.1936 03.09.1936 04.09.1936

75 75 75 75 75 75

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

54 55 55 54 54 53 47 52 52 54 53 55 54 52 54 56 54 53 55 53 49 54

v. v. v. v. v. v.

v. v. v. v. v.

MDP

MDP MDP MDP MDP MDP

v. v. v.

MDP

v. v.

MDP

v.

v. 48 – 54 v. 55 – 55 v. 50 – 52 v.

51 – 55 v. 46 56 48 51 48 51

– – – – – –

50 50 54 55 54 55

v. v. v. v. v.

MDP MDP MDP MDP


Vorname Dieter Günther Karl-Walter Roland Anne-Marie Rosemarie Horst Helga

Name Scheidereit Engelmann Perlberg Weber Nießen (geb. Richter) Voigt (geb. Jürries) Krumbholz Wiecker (geb. Hertting)

Pforta 48 – 54 51 – 55 48 – 54 52 – 56 51 – 55

v. v. v. v.

MDP Geburtstag MDP 24.09.1936 26.10.1936 MDP 29.10.1936 02.11.1936 MDP 14.11.1936

Alter 75 75 75 75 75

51 – 55

v.

08.12.1936

75

51 – 55 51 – 56

v. v.

MDP 19.12.1936 21.12.1936

75 75

MDP = Mitglied des Pförtner Bundes

Tabula gratulatoria | 63


EcceFeierstunde 2010

V

Verehrte Anverwandte der Verstorbenen! Liebe Pförtner und Pfortenser! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Verehrte Gäste! Wir haben uns heute Abend in unserer vor fast 900 Jahre errichteten Klosterkirche versammelt, um eine alte Tradition zu pflegen und all jener Pfortenserinnen und Pfortenser zu gedenken, die seit der letzten Ecce-Feier im Herbst 2009 verstorben sind. Für die Angehörigen und Freunde der Toten ist diese Stunde des gemeinsamen Gedenkens, der persönlichen Erinnerung, ausgesprochen tröstlich. Aber auch für die meisten anderen Anwesenden schließt sich hier und heute wahrnehmbar ein Kreis, der seinen Ausgangspunkt mit der Immatrikulation nahm und sich nun mit dieser Ecce-Feierstunde vollendet. Wir können im Hinblick auf das individuelle menschliche Leben also tatsächlich ebenso von einem Kreislauf sprechen, wie mit Blick auf das Stirb und Werde der uns in Schulpforte in all ihrer Vielfalt umgebenden Natur. Anders als in den letzten Jahren möchte ich den Schwerpunkt meiner Ansprache heute nicht nur auf die Erinnerung an die Verstorbenen legen. Sie sind einen Teil unseres Lebensweges gemeinsam mit uns gegangen und sie werden aufgrund ihrer Worte, Werke und Taten unvergessen in unseren Herzen und Köpfen weiterleben. Angesichts eines vor wenigen Tagen unerwartet verstorbenen Nachbarn aus unserer Schul- und Dorfgemeinschaft, der mit Schulpforte als Lebensort so sehr verbunden war, dass er hier über lange Jahre als freier Steinmetz arbeitete und wohnte, möchte ich heute von der Bedeutung der Allgegenwart des Todes für unser tägliches Leben sprechen. Im Deutschland der Gegenwart genießen wir alle ein Leben in Wohlstand und Sicherheit. Abgesehen von der Generation derer, die den Zweiten Weltkrieg erleben mussten, ist kaum jemand von uns jemals massiv mit Tod und Vernichtung konfrontiert worden. Entsprechend sind wir schlimmstenfalls durch den Tod von Familienangehörigen oder Freunden persönlich betroffen, und zumeist begegnet uns der Tod eher beiläufig als Euphemismus: Wir lesen in den Zeitun-

64 | Ecce-Feierstunde 2010


gen Nachrufe auf »sanft Entschlafene« und nehmen an penibel organisierten Beisetzungen auf gepflegten Friedhöfen teil. Zugleich ist es den meisten Zeitgenossen unangenehm, offen über den Tod zu sprechen. Er wird im kollektiven Bewusstsein offenbar nicht mehr als notwendiger Teil des menschlichen Lebens betrachtet. Unsere Vorfahren mussten angesichts wiederkehrender Kriege, Krankheiten und Hungersnöte fast zwangsläufig anders empfinden: »Memento moriendum esse!« – »Bedenke [Mensch], dass Du sterblich bist!« Dieser im Grunde triviale Satz galt für Bauern, Feldherren und Kaiser gleichermaßen. Im Umkehrschluss ergab sich aus dieser Mahnung bzw. Einsicht eine weitere Maxime für das Leben jedes einzelnen Menschen: »Carpe Diem!« – »Nutze den Tag!« war ein Grundsatz, der durch den unerwarteten Tod anderer täglich neue Bestätigung fand. Die zitierten Mahnungen haben ihre Gültigkeit allen modernen Verdrängungsmechanismen zum Trotz behalten, und auch wir Europäer des 21. Jahrhunderts sollten sie uns wieder neu zu Herzen nehmen. Unser Leben in Wohlstand und Sicherheit ist zum einen wahrlich keine Selbstverständlichkeit, sondern muss aktiv bewahrt werden. Zum anderen sollten wir jeden neuen Tag mit Freude als Geschenk betrachten und ihm einen Sinn geben. Wenn uns dies gelingt, machen wir aus unserem Leben etwas Wertvolles – für uns selbst, für unsere Familien und Freunde, vor allem aber für unsere Mitmenschen im Allgemeinen. Menschen, die der Nachwelt mit großer Schaffensfreude bewusst viel Wertvolles und Schönes erarbeiten, haben erkannt, dass die Begriffe »Zeit« und »Leben« keine Synonyme darstellen und dass erst der Tod das Leben kostbar macht. So schrieb Wolfgang Amadeus Mozart, den erst seine wunderbare Musik unsterblich machte, am 4. April 1787 an seinen Vater Leopold folgende Zeilen: »Da der Tod der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so habe ich mich seit ein paar Jahren mit diesem wahren, besten Freunde des Menschen bekannt gemacht, dass sein Bild allein nichts Schreckendes mehr für mich hat, sondern recht viel Beruhigendes und Tröstendes! Und ich danke meinem Gott, dass er mir das Glück gegönnt hat, mir die Gelegenheit zu verschaffen, ihn als den Schlüssel zu unserer wahren Glückseeligkeit kennen zu lernen.«  Bernd Westermeyer, rector portensis

Ecce-Feierstunde 2010 | 65


Ecce 2010 Prof. Dr. Stefan BAAR  * 23. 1. 1927  † 26. 02. 2010 rec. port. 1956 – 1958, MDP Gudrun BINAR  * 23. 7. 1943  † 4. 7. 2010 Erzieherin in Pforte 1988 – 1991 Dr. Heide BRITO, geb. Hennige  * 10. 2. 1944  † Sept. 2008 al. port. 1958 – 1962 val. Hellmuth FELLNER  * 29. 12. 1925  † al. port. 1937 – 1940 Klaus GIESEL  * 7. 2. 1944  † 3. 11. 2009 al. port. 1958 – 1962 val., MDP Peter GREHL  * 19.4.1958  † 28.10.2010 Einwohner / Steinmetz Dr. Eberhard GRÜNDLER  * 24.11.1916  † 9.1.2010 al. port. 1939 –1935 Dr. Wolfgang HAHN  * 9.10.1941  † 25.11.2009 al. port. 1956 – 1960 val. Rolf KATTNER  * 4.3.1939  † 18.7.2010 al. port. 1953 – 1957 val., MDP Norbert LANGNER  * 8.5.1949  † 30.9.2010 al. port. 1954 – 1958 val. Werner LUDEWIG  * 23.2.1932  † 30.11.2009 al. port. 1945 – 1949 Hartwig MÜLLER  * 9.3.1915  † 4.12.2009 al. port. 1929 – 1935 val. Ingrid REMETH, geb. Schierz  * 19.8.1941  † 23.5.2010 al. port. 1956 – 1960 val.

66 | Ecce 2010


Otto Peter RENTSCH  * 4.10.1951  † 23.3.2010 Einwohner und Mann der ehemaligen Erzieherin Karin Rentsch Christine SABATH, geb. Oswald  * 26.12.1946  † 7.1.2008 al. port. 1961 –1965 val. Hans-Joachim SCHEER  * 9.8.1943  † 28.12.2009 al. port. 1958 – 1962 val. Klaus STEINRÜCK  * 2.9.1938  † 28.7.2009 al. port. 1952 – 1956 val. Manfred TROMMER  * 23.8.1931  † 2010 al. port. 1945 – 1950 val., MDP Dr. Dieter WANDELT  * 16.10.1943  † 18.3.2010 al. port. 1958 – 1961

1. Künftige Meldungen zu Verstorbenen bitte an vorstand@pforta.de bzw. 03 44 63 275 44 (Dr. Klaus-Dieter Fichtner) oder 03 44 63 351 10 (Petra Dorfmüller) 2. Die Ecce-Feier findet jährlich am Donnerstag vor Totensonntag um 19 Uhr in der Kirche statt. 3. Die Liste der zu Ehrenden kann ab 31. Oktober bei den Vorstandsmitgliedern erfragt werden.

Ecce 2010 | 67


Nachruf für Werner Ludewig (1932 – 2009)

W

Werner Ludewig wurde am 23. Februar 1932 in Weimar als erstes von fünf Kindern einer Lehrerfamilie geboren. Nach dem Besuch des Weimarer Gymnasiums von 1942 – 1945 kam er im Oktober 1945 als einer der ersten Schüler an die wieder errichtete Landesschule Pforta, die er 1949 mit dem Abitur abschloss. Danach studierte er von 1949 bis 1954 Geographie und Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit dem Abschluss als Diplom-Geograph. Im gleichen Jahr heiratete er seine Studienkollegin Rita; aus der Ehe gingen drei Söhne hervor. Als Lektor für Populärwissenschaft arbeitete Werner Ludewig bis zum Jahr 1958 im Urania-Verlag Jena, ab 1955 Leipzig. Hier erschien auch sein erstes, heute noch gut lesbares und bildendes Buch »Länder und Meere«, in dem der 24-jährige Autor anschaulich über eine Weltreise berichtet, die er erst viele Jahre später in Etappen antreten konnte. Wegen politischer Differenzen im Verlag floh die Familie 1958 in die Bundesrepublik, wo Werner Ludewig im gleichen Jahr in den Bertelsmann Verlag Gütersloh eintrat und wo er ab 1967 als Chefredakteur der Lexikon-Redaktion und Leiter des Lexikon-Instituts Bertelsmann, zuletzt als Leiter der Stabsstelle Zentrale Verlagsaufgaben des Bertelsmann-Lexikonverlags tätig war. Seine zahlreichen Publikationen, vor allem als Beiträge zu Enzyklopädien und Sammelwerken seines Verlags erschienen, befassten sich vorwiegend mit den Ländern des Nahen Ostens und Israel, denen sein besonderes Interesse galt und die er intensiv bereiste. Ehrenamtlich engagierte er sich u. a. im Landesverband Westfalen der evangelischen Akademikerschaft, deren Vorsitzender er von 1972 – 78 war. Aus Liebe zu seiner »alten« Schule nahm er regen Anteil am Leben des Pförtner Bundes, dessen Aktivitäten – vor allem im Kreis seiner Schülergeneration – er tatkräftig unterstützte. Im letzten Drittel wurde sein Leben und damit das seiner Familie von seinen schweren Krankheiten überschattet. Dessen ungeachtet führte er seine erfolgreiche berufliche Arbeit bis 1997 weiter. Werner Ludewig verstarb nach akuter Komplikation seiner langdauernden Erkrankung am 30. November 2009 im 78. Lebensjahr und wurde – seinem Wunsch folgend – in Weimar beigesetzt.  Petra Dorfmüller (al. port. 82 – 86 val.)

68 | Nachruf für Werner Ludewig (1932 – 2009)


Haushaltsrechnung Kalenderjahr 2009 | 69


PförtnerAbende Berlin

Dr. Helmut Heimbürge Myslowitzer Straße 8 12621 Berlin Tel. 030 | 5671582 heimbuerge@gmx.net

Bonn/Rheinland

Dr. Wolfgang von Hänisch Carl-Duisberg-Str. 24 53121 Bonn Tel. 0228 | 220702

Dresden

Christian Klinghardt Wallotstraße 29 01309 Dresden Tel./Fax 0351 | 3161427 elisachris@gmx.de

Frankfurt/M.

Dr. Sibylle Fink Münzenberger Straße 14 61352 Bad Homburg v. d. H. Tel. 06172 | 1010793

Hamburg

Günther Schedlinski Melkerstieg 12 A 22559 Hamburg Tel. 040 | 862626 Fax 040 | 861093

70 | Pförtnerabende

Karlsruhe/Oberrhein

Renate Frankenberger geb. Winkelmann Heidelberger Straße 17 76344 Eggenstein-­ Leopoldshafen Tel. 07247 | 22372

Hannover

zz. nicht besetzt

Leipzig

zz. nicht besetzt

München

Ronny Michael Radke Cecinastraße 68c 82205 Gilching Tel. 08105 | 391172 ronnymichaelradke @web.de

Münster

Stephan Kreutz Münsterstraße 54 59348 Lüdinghausen Tel. 02591 | 6852 sukreuz@t-online.de

&

Dr. Wolfgang Knackstedt Rubensstraße 190 48165 Münster Tel./Fax 02501 | 25935 drwoknack@gmx.de

Pforta

Der Vorsitzende des Pförtner Bundes e.V. Prof. Dr. Peter Maser (vgl. Impressum)

Schwerin/Mecklenburg-­ Vorpommern zz. nicht besetzt

Thüringen

Matthias Haase Heichelheimer Gasse 21 99439 Kleinobringen Tel. 03643 | 418888 matthias-haase @t-­online.de

AkeL

Dr. Wolfgang von Hänisch Carl-Duisberg-Straße 24 53121 Bonn Tel. 0228 | 220702 webmaster@akel.de

Anschrift der Landesschule Pforta

Schulstraße 12 06628 Schulpforte Tel. 034463 | 350 Fax 034463 | 26839 landesschule@pforta.de


Impressum Vorsitzender

Prof. Dr. Peter Maser Berbigstraße 7 06628 Bad Kösen Tel. 034463 | 62490 Fax 034463 | 62491 peter.maser@t-online.de

Schatzmeisterin

Claudia Pohland Friedrich-Nietzsche-Straße 18 06628 Bad Kösen Tel. 034463 | 61963 CPohland@aol.com

Schriftführerin

Dr. Anne Hultsch

Archivar

Dr. Klaus-Dieter Fichtner Richard-Kanzler-Straße 1 06628 Bad Kösen Tel. 034463 | 27544

Redaktion und Gestaltung David Ortmann Mendelssohnstraße 9 06844 Dessau-Roßlau Tel. 0340 | 8591763 Tel. mob. 0176 | 50071529 david.ortmann@gmail.com

Gesamtherstellung

Saale-Druck Naumburg GmbH Topfmarkt 7 06618 Naumburg Tel. 03445 | 24370

Konten Pförtner Bund e. V.

Jahresbeitrag zurzeit 40 Euro Postbank Hamburg Nr. 10 584 200 (Beitragskonto) (BLZ 200 100 20) IBAN: DE15 2001 0020 0010 5842 00 BIC (S.W.I.F.T.): PBNKDEFF Deutsche Bank Naumburg Nr. 646 337 600 (BLZ 860 700 24)

Melanchthon-Stiftung

Sitz der Stiftung: Bielefeld Christian Klinghardt Wallotstraße 29 01309 Dresden Tel./Fax. 0351 | 3161427 elisachris@gmx.de Volksbank Hamburg Ost-West Nr. 53 222 601 (BLZ 201 902 06)

Stiftung Schulpforta

– Stiftung des öffentlichen Rechts – Prokurator Maik Reichel Schulstraße 22 06628 Schulpforte Tel. 034463 | 61761 Beiträge für DIE PFORTE bitte an david.ortmann@gmail.com oder das Zentrum Pförtner Bund, Schul­ straße 22, 06628 Schulpforte. Redaktionsschluss der nächsten Ausgabe: Ende November 2011

Foto (4. Umschlagseite): David Ortmann für DIE PFORTE

Herausgeber

Pförtner Bund e. V. vorstand@pforta.de www.pforta.de


Nr. 63 | 2010 010 2

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Profile for David Ortmann

DIE PFORTE Nr. 63/2009  

Die 63. Ausgabe der Mitgliederzeitschrift des Pförtner Bundes e.V.

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