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Klaws, David: Existhermik, Philosophie des 20. Jahrhunderts. Hamburg, 2012 Alles Rechte an den Illustrationen liegen bei dem Autor. Die Rechte an den Texten liegen bei den jeweiligen Autoren der Onlinepublikationen und B端chern.


Philosophie des 20. Jahrhunderts

EINLEITUNG

Das 20. Jahrhundert war Schauplatz mehrerer physikalischer Umwälzungen. Eine erste kam vom Atomphysiker Max Planck mit der Veröffentlichung seiner Entdeckung des Wirkungsquantums genau im Jahre 1900. Grundlegenden Einfluss auf das philosophische Denken im 20. Jahrhundert nahm aber vor allem die Relativitätstheorie Einsteins, die eine völlige Erneuerung des Weltbildes zur Folge hatte. Mit Einstein wurde klar, dass die als unumstößlich geltenden Naturgesetze, hier die Mechanik Newtons, die über 200 Jahre aller Physik zugrunde lag, durch neue Theorien ablösbar sind. Raum und Zeit waren auf einmal nicht mehr absolut und können erst mit der Entstehung der Materie, d. h. des Kosmos entstanden sein. Eine der Grundansichten Einsteins war es, dass Theorien bestimmen, was man beobachten kann. Die Weiterentwicklung dieser umwälzenden neuen Weltsicht führte durch Werner Heisenbergs Quantenmechanik und seine Unschärferelation sowie die Quantentheorie von Niels Bohr über die Konstitution von Atomen und Molekülen, nach der mit sich ausschließenden Versuchsanordnungen ein und dasselbe Objekt erfasst werden kann, zu der Erkenntnis, dass physikalische Phänomene nur mit Wahrscheinlichkeiten berechnet werden können. Hiernach war auf einmal die von Planck und Einstein (Gott würfelt nicht) noch als sicher angenommene Frage der Determination der physikalischen Welt wieder offen, was u.a. für die Diskussion in der Philosophie des Geistes von Bedeutung ist. Bemerkenswert ist, dass diese Naturwissenschaftler, zu denen auch noch Erwin Schrödinger (Wellenmechanik), Wolfgang Pauli (Theorien entstehen durch das Verstehen empirischen Materials, durch das Schauen innerer symbolischer Bilder) sowie Carl Friedrich von Weizsäcker (Grundbedingung jeder Erfahrung ist die Zeit) zu zählen sind, nicht nur über ihre erkenntnistheoretischen Implikationen zumeist von einem platonischen Standpunkt aus nachdachten, sondern auch die moralisch–politischen Konsequenzen in philosophischen Arbeiten bedachten und zum Teil gegen den Strom publizierten. Auch im Bereich der Tiefenpsychologie riefen Sigmund Freud, Alfred Adler und Carl Gustav Jung radikale Änderungen im Denken hervor. Wenn auch diese Theorien im Sinne von Wissenschaftlichkeit erheblicher Kritik ausgesetzt sind, spielen Triebe, Prägung und das Unterbewusste im Denken der Gegenwart eine erhebliche Rolle. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schälte sich immer mehr die Biologie als die prägende Naturwissenschaft heraus. Wichtige Stichwörter sind die Evolution, Molekularbiologie, Gentechnik und Neurowissenschaften, deren theoretische Grundlagen wiederum Verschiebungen im Selbstverständnis des Menschen bedeuten.

Vergleicht man die Welt am Beginn und am Ende des 20. Jahrhunderts, so zeigt sich ein Bild extremer Umwälzungen in technischer, gesellschaftlicher und politischer Hinsicht. Als Reaktion auf Kriege ungeheuren Ausmaßes und das Phänomen des Völkermordes scheint Kants Idee vom Völkerbund als überstaatlicher Vertragsgemeinschaft zumindest eine Chance zu haben, auch wenn die nationalstaatlichen Egoismen in vieler Hinsicht noch ungebrochen sind. Eine Bedrohung scheint das außerordentliche Bevölkerungswachstum zu sein, dessen Konsequenzen zu Beginn des neuen Jahrtausends noch gar nicht absehbar sind. Aus der Klassengesellschaft des 19. Jahrhunderts ist eine Massen- und Konsumgesellschaft geworden, wo in den Industriestaaten kaum noch Sorge um die persönliche Existenz besteht, aber viele Ängste durch Arbeitslosigkeit an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden. Demgegenüber gibt es Hunger und Not in den sog. unterentwickelten Ländern, denen aus den reichen Ländern unverhohlenes Desinteresse und Egoismus gegenüberstehen. Als Konsequenz haben die naturwissenschaftlichen, technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts auch neue Diskussionen in der Ethik hervorgerufen, wie sie in Fragen der Technikfolgen, der Genethik oder der Umweltethik zum Ausdruck kommen. So sieht sich die Menschheit mit der Massenvernichtung des Nationalsozialismus, den Atombomben von Hiroshima und Nagasaki, der Konfrontation von Hunger und extremen Reichtum, Umweltkatastrophen wie Tschernobyl oder einer drohenden Klimakatastrophe konfrontiert. Diese Problemlage wurde im 20. Jahrhundert geschaffen, ohne dass konkrete Lösungen in Aussicht sind. Aus philosophischer Sicht ist festzustellen, dass es nur wenige Beiträge gibt, die Lösungswege anstreben. Das philosophische Gespräch schwankt mehr zwischen kommentierender Analyse und theoretischem Diskurs. Als unermüdliche Kämpfer gegen den Gleichmut des Alltäglichen ragen Bertrand Russell, Albert Einstein, Albert Schweitzer, Theodor W. Adorno und Hans Jonas heraus.


Aphoristiker

FRIedrich nietzsche W

ar ein klassischer Philologe, der postum als Philosoph zu Weltruhm kam. Als Nebenwerke schuf er Dichtungen und musikalische Kompositionen. Ursprünglich preußischer Staatsbürger, war er seit seiner Übersiedlung nach Basel 1869 staatenlos. Nietzsche wurde unmittelbar im Anschluss an sein Studium, mit 24 Jahren, Professor für klassische Philologie in Basel. Bereits zehn Jahre später legte er aus gesundheitlichen Gründen die Professur nieder. Von nun an bereiste er – auf der Suche nach Orten, deren Klima sich günstig auf seine Leiden auswirkt – Frankreich, Italien, Deutschland und die Schweiz. Ab seinem 45. Lebensjahr litt er unter einer schweren psychischen Krankheit, die ihn arbeits- und geschäftsunfähig machte. Als Pflegefall verbrachte er den Rest seines Lebens in der Obhut zunächst seiner Mutter, dann seiner Schwester. Er starb im Jahre 1900 im Alter von 55 Jahren. Seine Anfang der 1890er Jahre rasch einsetzende Berühmtheit hat er selbst nicht mehr bewusst erlebt. Den jungen Nietzsche beeindruckte besonders die Philosophie Schopenhauers. Später wandte er sich von dessen Pessimismus ab und stellte eine radikale Lebensbejahung in den Mittelpunkt seiner Philosophie. Sein Werk enthält scharfe Kritiken an Moral, Religion, Philosophie, Wissenschaft und Formen der Kunst. Die zeitgenössische Kultur war in seinen Augen lebensschwächer als die des antiken Griechenland. Wiederkehrendes Ziel von Nietzsches Angriffen ist vor allem die christliche Moral sowie die christliche und platonistische Metaphysik. Er stellte den Wert der Wahrheit überhaupt in Frage und wurde damit Wegbereiter postmoderner philosophischer Ansätze. Auch Nietzsches Konzepte des „Übermenschen“, des „Willens zur Macht“ oder der „ewigen Wiederkunft“ geben bis heute Anlass zu Deutungen und Diskussionen. Nietzsches Denken hat weit über die Philosophie hinaus gewirkt und bis heute unterschiedlichste Deutungen und Bewertungen erfahren. Nietzsche schuf keine systematische Philosophie. Oft wählte er den Aphorismus als Ausdrucksform seiner Gedanken. Seine Prosa, seine Gedichte und der pathetisch-lyrische Stil von Also sprach Zarathustra verschafften ihm auch Anerkennung als Schriftsteller.

„Scharfe Kritiken an Moral, Religion, Philosophie, Wissenschaft und Formen der Kunst.“


Albert Camus

Freundschaft V

on den Freunden.Ueberlege nur mit dir selber einmal, wie verschieden die Empfindungen, wie getheilt die Meinungen selbst unter den naechsten Bekannten sind; wie selbst gleiche Meinungen in den Koepfen deiner Freunde eine ganz andere Stellung oder Staerke haben, als in deinem; wie hundertfaeltig der Anlass kommt zum Missverstehen, zum feindseligen Auseinanderfliehen. Nach alledem wirst du dir sagen: wie unsicher ist der Boden, auf dem alle unsere Buendnisse und Freundschaften ruhen, wie nahe sind kalte Regenguesse oder boese Wetter, wie vereinsamt ist jeder Mensch! Sieht Einer diess ein und noch dazu, dass alle Meinungen und deren Art und Staerke bei seinen Mitmenschen ebenso nothwendig und unverantwortlich sind wie ihre Handlungen, gewinnt er das Auge fuer diese innere Nothwendigkeit der Meinungen aus der unloesbaren Verflechtung von Charakter, Beschaeftigung, Talent, Umgebung,so wird er vielleicht die Bitterkeit und Schaerfe jener Empfindung los, mit der jener Weise rief: Freunde, es giebt keine Freunde! Er wird sich vielmehr eingestehen: ja es giebt Freunde, aber der Irrthum, die Taeuschung ueber dich fuehrte sie dir zu; und Schweigen muessen sie gelernt haben, um dir Freund zu bleiben; denn fast immer beruhen solche menschliche Beziehungen darauf, dass irgend ein paar Dinge nie gesagt werden, ja dass an sie nie geruehrt wird; kommen diese Steinchen aber in‘s Rollen, so folgt die Freundschaft hinterdrein und zerbricht. Giebt es Menschen, welche nicht toedtlich zu verletzen sind, wenn sie erfuehren, was ihre vertrautesten Freunde im Grunde von ihnen wissen?Indem wir uns selbst erkennen und unser Wesen selber als eine wandelnde Sphaere der Meinungen und Stimmungen ansehen und somit ein Wenig geringschaetzen lernen, bringen wir uns wieder in‘s Gleichgewicht mit den Uebrigen. Es ist wahr, wir haben gute Gruende, jeden unserer Bekannten, und seien es die groessten, gering zu achten; aber eben so gute, diese Empfindung gegen uns selber zu kehren.Und so wollen wir es mit einander aushalten, da wir es ja mit uns aushalten; und vielleicht kommt jedem auch einmal die freudigere Stunde, wo er sagt: Freunde, es giebt keine Freunde! so rief der sterbende Weise; Feinde, es giebt keinen Feind!ruf ‘ ich, der lebende Thor.

„Freunde, es gibt keine Freunde! so rief der sterbende Weise; Feinde, es gibt keinen Feind! ruf ‘ ich, der lebende Thor.“


D

" enn das Seinswissen hat seinen Ursprung in der Negation" "der Mensch ist derjenige der Verneinen koennen muss, um die Seinsweise einzuloesen Zu der er als - Fuersichsein zufaellig bestimmt ist."


Friedrich Nietzsche

Lüge und Wahrheit im aussermoralischen Sinn In irgend einem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der ,Weltgeschichte“: aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mußten sterben. So könnte Jemand eine Fabel erfinden und würde doch nicht genügend illustriert haben, wie kläglich, wie schattenhaft und flüchtig, wie zwecklos und beliebig sich der menschliche Intellekt innerhalb der Natur ausnimmt; es gab Ewigkeiten, in denen er nicht war; wenn es wieder mit ihm vorbei ist, wird sich nichts begeben haben. Denn es gibt für jenen Intellekt keine weitere Mission, die über das Menschenleben hinausführte. Sondern menschlich ist er, und nur sein Besitzer und Erzeuger nimmt ihn so pathetisch, als ob die Angeln der Welt sich in ihm drehten. Könnten wir uns aber mit der Mücke verständigen, so würden wir vernehmen, daß auch sie mit diesem Pathos durch die Luft schwimmt und in sich das fliegende Zentrum dieser Welt fühlt. Es ist nichts so verwerflich und gering in der Natur, was nicht durch einen kleinen Anhauch jener Kraft des Erkennens sofort wie ein Schlauch aufgeschwellt würde; und wie jeder Lastträger seinen Bewunderer haben will, so meint gar der stolzeste Mensch, der Philosoph, von allen Seiten die Augen des Weltalls teleskopisch auf sein Handeln und Denken gerichtet zu sehen. Es ist merkwürdig, daß dies der Intellekt zu Stande bringt, er, der doch gerade nur als Hilfsmittel den unglücklichsten delikatesten vergänglichsten Wesen beigegeben ist, um sie eine Minute im Dasein festzuhalten; aus dem sie sonst, ohne jene Beigabe, so schnell wie Lessings Sohn zu flüchten allen Grund hätte. Jener mit dem Erkennen und Empfinden verbundene Hochmut, verblendende Nebel über die Augen und Sinne der Menschen legend, täuscht sie also über den Wert des Daseins, dadurch daß er über das Erkennen selbst die schmeichelhafteste Wertschätzung in sich trägt. Seine allgemeinste Wirkung ist Täuschung - aber auch die einzelsten Wirkungen tragen etwas von gleichem Charakter an sich. Der Intellekt, als ein Mittel zur Erhaltung des Individuums, entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung; denn diese ist das Mittel, durch das die schwächeren, weniger robusten Individuen sich erhalten, als welchen einen Kampf um die Existenz mit Hörnern oder scharfem Raubtier-Gebiss zu führen versagt ist. Im Menschen kommt diese Verstellungskunst auf ihren Gipfel: hier ist die Täuschung, das Schmeicheln, Lügen und Trügen, das Hinter-dem-Rücken-Reden, das Repräsentieren, das im erborgten Glanze Leben, das Maskiertsein, die verhüllende Konvention, das Bühnenspiel vor Anderen und vor sich selbst, kurz das fortwährende Herumflattern um die eine Flamme Eitelkeit so sehr die Regel und das Gesetz, daß fast nichts unbegreiflicher ist, als wie unter den Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte. Sie sind tief eingetaucht in Illusionen und Traumbilder, ihr Auge gleitet nur auf der Oberfläche der Dinge herum und sieht ,Formen‘, ihre Empfindung führt nirgends in die Wahrheit, sondern begnügt sich Reize zu empfangen und gleichsam ein tastendes Spiel auf dem Rücken der Dinge zu spielen. Dazu läßt sich der Mensch Nachts, ein Leben hindurch, im Traume belügen, ohne daß sein moralisches Gefühl dies je zu verhindern suchte: während es Menschen geben soll, die durch starken Willen das Schnarchen beseitigt haben. Was weiß der Mensch eigentlich von sich selbst! Ja, vermöchte er auch nur sich einmal vollständig, hingelegt wie in einen erleuchteten Glaskasten, zu perzipieren!


Verschweigt die Natur ihm nicht das Allermeiste, selbst über seinen Körper, um ihn, abseits von den Windungen der Gedärme, dem raschen Fluß der Blutströme, den verwickelten Fasererzitterungen, in ein stolzes gauklerisches Bewußtsein zu bannen und einzuschließen! Sie warf den Schlüssel weg: und wehe der verhängnisvollen Neubegier, die durch eine Spalte einmal aus dem Bewußtseinszimmer heraus und hinab zu sehen vermöchte und die jetzt ahnte, daß auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen, dem Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht, in der Gleichgültigkeit seines Nichtwissens, und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend. Woher, in aller Welt, bei dieser Konstellation der Trieb zur Wahrheit ! Soweit das Individuum sich gegenüber andern Individuen erhalten will, benutzte es in einem natürlichen Zustande der Dinge den Intellekt zumeist nur zur Verstellung; weil aber der Mensch zugleich aus Not und Langeweile gesellschaftlich und heerdenweise existieren will, braucht er einen Friedensschluß und trachtet darnach, daß wenigstens das allergröbste bellum omnium contra omnes aus seiner Welt verschwinde. Dieser Friedensschluß bringt aber etwas mit sich, was wie der erste Schritt zur Erlangung jenes rätselhaften Wahrheitstriebes aussieht. Jetzt wird nämlich das fixiert, was von nun an „Wahrheit“ sein soll d. h. es wird eine gleichmäßig gültige und verbindliche Bezeichnung der Dinge erfunden und die Gesetzgebung der Sprache gibt auch die ersten Gesetze der Wahrheit: denn es entsteht hier zum ersten Male der Kontrast von Wahrheit und Lüge: der Lügner gebraucht die gültigen Bezeichnungen, die Worte, um das Unwirkliche als wirklich erscheinen zu machen; er sagt z. B. ich bin reich, während für diesen Zustand gerade „arm“ die richtige Bezeichnung wäre. Er mißbraucht die festen Konventionen durch beliebige Vertauschungen oder gar Umkehrungen der Namen. Wenn er dies in eigennütziger und übrigens Schaden bringender Weise tut, so wird ihm die Gesellschaft nicht mehr trauen und ihn dadurch von sich ausschließen. Die Menschen fliehen dabei das Betrogenwerden nicht so sehr, als das Beschädigtwerden durch Betrug. Sie hassen auch auf dieser Stufe im Grunde nicht die Täuschung sondern die schlimmen, feindseligen Folgen gewisser Gattungen von Täuschungen. In einem ähnlichen beschränkten Sinne will der Mensch auch nur die Wahrheit. Er begehrt die angenehmen, Leben erhaltenden Folgen der Wahrheit; gegen die reine folgenlose Erkenntnis ist er gleichgültig, gegen die vielleicht schädlichen und zerstörenden Wahrheiten sogar feindlich, gestimmt. Und überdies: wie steht es mit jenen Konventionen der Sprache? Sind sie vielleicht Erzeugnisse der Erkenntnis, des Wahrheitssinnes: decken sich die Bezeichnungen und die Dinge? Ist die Sprache der adäquate Ausdruck aller Realitäten! Nur durch Vergeßlichkeit kann der Mensch je dazu kommen zu wähnen: er besitze eine Wahrheit in dem eben bezeichneten Grade. Wenn er sich nicht mit der Wahrheit in der Form der Tautologie d. h. mit leeren Hülsen begnügen will, so wird er ewig Illusionen für Wahrheiten einhandeln. Was ist ein Wort! Die Abbildung eines Nervenreizes in Lauten. Von dem Nervenreiz aber weiterzuschließen auf eine Ursache außer uns, ist bereits das Resultat einer falschen und unberechtigten Anwendung des Satzes vom Grunde. Wie dürften wir, wenn die Wahrheit bei der Genesis der Sprache, der Gesichtspunkt der Gewißheit bei den Bezeichnungen allein entscheidend gewesen wäre, wie dürften wir doch sagen: der Stein ist hart: als ob uns ,hart“ noch sonst bekannt wäre und nicht nur als eine ganz subjektive Reizung! Wir teilen die Dinge nach Geschlechtern ein, wir bezeichnen den Baum als männlich, die Pflanze als weiblich: welche willkürlichen Übertragungen! Wie weit hinausgeflogen über den Kanon der Gewißheit! Wir reden von einer Schlange: die Bezeichnung trifft nichts als das Sichwinden, könnte also auch dem Wurme zukommen. Welche willkürlichen Abgrenzungen, welche einseitigen Bevorzugungen bald der bald jener Eigenschaft eines Dinges! Die verschiedenen Sprachen neben einander gestellt zeigen, daß es bei den Worten nie auf die Wahrheit, nie auf einen adäquaten Ausdruck ankommt: denn sonst gäbe es nicht so viele Sprachen. Das ,Ding an sich“ (das würde eben die reine folgenlose Wahrheit sein) ist auch dem Sprachbildner ganz unfaßlich und ganz und gar nicht erstrebenswert. Er bezeichnet nur die Relationen der Dinge zu den Menschen und nimmt zu deren Ausdrucke die kühnsten Metaphern zu Hülfe. Ein Nervenreiz zuerst übertragen in ein Bild! erste Metapher. Das Bild wieder nachgeformt in einen Laut! Zweite Metapher. Und jedesmal vollständiges Überspringen der Sphäre, mitten hinein in eine ganz andere und neue. Man kann sich einen Menschen denken, der ganz taub ist und nie eine Empfindung des Tones und der Musik gehabt hat: wie dieser etwa die Chladnischen Klangfiguren im Sande anstaunt, ihre Ursachen im Erzittern der Saite findet und nun darauf schwören wird, jetzt müsse er wissen, was die Menschen den Ton nennen, so geht es uns allen mit der Sprache. Wir glauben etwas von den Dingen selbst zu wissen, wenn wir von Bäumen, Farben, Schnee und Blumen reden und besitzen doch nichts als Metaphern der Dinge, die der ursprünglichen Wesenheiten ganz und gar nicht entsprechen. Wie der Ton als Sandfigur, so nimmt sich das rätselhafte X des Dings an sich einmal als Nervenreiz, dann als Bild, endlich als Laut aus. Logisch geht es also jedenfalls nicht bei der Entstehung der Sprache zu, und das ganze Material worin und womit später der Mensch der

Wahrheit, der Forscher, der Philosoph arbeitet und baut, stammt, wenn nicht aus Wolkenkukuksheim, so doch jedenfalls nicht aus dem Wesen der Dinge. Denken wir besonders noch an die Bildung der Begriffe: jedes Wort wird sofort dadurch Begriff, daß es eben nicht für das einmalige ganz und gar individualisierte Urerlebnis, dem es sein Entstehen verdankt, etwa als Erinnerung dienen soll, sondern zugleich für zahllose, mehr oder weniger ähnliche, d. h. streng genommen niemals gleiche, also auf lauter ungleiche Fälle passen muß. Jeder Begriff entsteht durch Gleichsetzen des Nicht-Gleichen. So gewiß nie ein Blatt einem anderen ganz gleich ist, so gewiß ist der Begriff Blatt durch beliebiges Fallenlassen dieser individuellen Verschiedenheiten, durch ein Vergessen des Unterscheidenden gebildet und erweckt nun die Vorstellung, als ob es in der Natur außer den Blättern etwas gäbe, das „Blatt“ wäre, etwa eine Urform, nach der alle Blätter gewebt, gezeichnet, abgezirkelt, gefärbt, gekräuselt, bemalt wären, aber von ungeschickten Händen, so daß kein Exemplar korrekt und zuverlässig als treues Abbild der Urform ausgefallen wäre. Wir nennen einen Menschen ehrlich; warum hat er heute so ehrlich gehandelt? fragen wir. Unsere Antwort pflegt zu lauten: seiner Ehrlichkeit wegen. Die Ehrlichkeit! das heißt wieder: das Blatt ist die Ursache der Blätter. Wir wissen ja gar nichts von einer wesenhaften Qualität, die die Ehrlichkeit hieße, wohl aber von zahlreichen individualisierten, somit ungleichen Handlungen, die wir durch Weglassen des Ungleichen gleichsetzen und jetzt als ehrliche Handlungen bezeichnen; zuletzt formulieren wir aus ihnen eine qualitas occulta mit dem Namen die Ehrlichkeit. Das Übersehen des Individuellen und Wirklichen gibt uns den Begriff, wie es uns auch die Form gibt, wohingegen die Natur keine Formen und Begriffe, also auch keine Gattungen kennt, sondern nur ein für uns unzugängliches und undefinierbares X. Denn auch unser Gegensatz von Individuum und Gattung ist anthropomorphisch und entstammt nicht dem Wesen der Dinge wenn wir auch nicht zu sagen wagen, daß er ihm nicht entspricht das wäre nämlich eine dogmatische Behauptung und als solche ebenso unerweislich wie ihr Gegenteil. Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen in Betracht kommen. Wir wissen immer noch nicht, woher der Trieb zur Wahrheit stammt: denn bis jetzt haben wir nur von der Verpflichtung gehört, die die Gesellschaft, um zu existieren, stellt, wahrhaft zu sein, d. h. die usuellen Metaphern zu brauchen, also moralisch ausgedrückt: von der Verpflichtung nach einer festen Konvention zu lügen, scharenweise in einem für alle verbindlichen Stile zu lügen. Nun vergißt freilich der Mensch, daß es so mit ihm steht; er lügt also in der bezeichneten Weise unbewußt und nach hundertjährigen Gewöhnungen - und kommt eben DURCH DIESE UNBEWUßTHEIT, eben durch dies Vergessen zum Gefühl der Wahrheit. An dem Gefühl verpflichtet zu sein, ein Ding als rot, ein anderes als kalt, ein drittes als stumm zu bezeichnen, erwacht eine moralische auf Wahrheit sich beziehende Regung: aus dem Gegensatz des Lügners, dem Niemand traut, den alle ausschließen, demonstriert sich der Mensch das Ehrwürdige, Zutrauliche und Nützliche der Wahrheit. Er stellt jetzt sein Handeln als VERNÜNFTIGES Wesen unter die Herrschaft der Abstraktionen; er leidet es nicht mehr, durch die plötzlichen Eindrücke, durch die Anschauungen fortgerissen zu werden, er verallgemeinert alle diese Eindrücke erst zu entfärbteren, kühleren Begriffen, um an sie das Fahrzeug seines Lebens und Handelns anzuknüpfen. Alles, was den Menschen gegen das Tier abhebt, hängt von dieser Fähigkeit ab, die anschaulichen Metaphern zu einem Schema zu verflüchtigen, also ein Bild in einen Begriff aufzulösen; im Bereich jener Schemata nämlich ist etwas möglich, was niemals unter den anschaulichen ersten Eindrücken gelingen möchte: eine pyramidale Ordnung nach Kasten und Graden aufzubauen, eine neue Welt von Gesetzen, Privilegien, Unterordnungen, Grenzbestimmungen zu schaffen, die nun der anderen anschaulichen Welt der ersten Eindrücke gegenübertritt, als das Festere, Allgemeinere, Bekanntere, Menschlichere und daher als das Regulierende und Imperativische. Während jede Anschauungsmetapher individuell und ohne ihres Gleichen ist und deshalb allem Rubrizieren immer zu entfliehen weiß, zeugt der große Bau der Begriffe die starre Regelmäßigkeit eines römischen Columbariums und atmet in der Logik jene Strenge und Kühle aus, die der Mathematik zu eigen ist. Wer von dieser Kühle angehaucht wird, wird es kaum glauben, daß auch der Begriff, knöchern und eckig wie ein Würfel und versetzbar wie jener, doch nur als das RESIDUUM EINER METHAPHER übrig bleibt, und daß die Illusion der künstlerischen Übertragung eines Nervenreizes in Bilder, wenn nicht die Mutter so doch die Großmutter eines jeden Begriffs ist. Innerhalb dieses Würfelspiels der Begriffe heißt aber „Wahrheit“ - jeden Würfel so zu gebrauchen, wie er bezeichnet ist; genau seine Augen zu zählen, richtige Rubriken zu bilden und nie gegen die Kastenordnung und gegen die Reihenfolge der Rangklassen zu verstoßen. Wie die Römer und Etrusker sich den


Himmel durch starre mathematische Linien zerschnitten und in einen solchermaßen abgegrenzten Raum als in ein templum einen Gott bannten, so hat jedes Volk über sich einen solchen mathematisch zerteilten Begriffshimmel und versteht nun unter der Forderung der Wahrheit, daß jeder Begriffsgott nur in SEINER Sphäre gesucht werde. Man darf hier den Menschen wohl bewundern als ein gewaltiges Baugenie, dem auf beweglichen Fundamenten und gleichsam auf fließendem Wasser das Auftürmen eines unendlich komplizierten Begriffsdomes gelingt; freilich, um auf solchen Fundamenten Halt zu finden, muß es ein Bau, wie aus Spinnefäden sein, so zart, um von der Welle mit fortgetragen, so fest, um nicht von dem Winde auseinander geblasen zu werden. Als Baugenie erhebt sich solcher Maßen der Mensch weit über die Biene: diese baut aus Wachs, das sie aus der Natur zusammenholt, er aus dem weit zarteren Stoffe der Begriffe, die er erst aus sich fabrizieren muß. Er ist hier sehr zu bewundern - aber nur nicht wegen seines Triebes zur Wahrheit, zum reinen Erkennen der Dinge. Wenn jemand ein Ding hinter einem Busche versteckt, es eben dort wieder sucht und auch findet, so ist an diesem Suchen und Finden nicht viel zu rühmen: so aber steht es mit dem Suchen und Finden der „Wahrheit“ innerhalb des Vernunft-Bezirkes. Wenn ich die Definition des Säugetiers mache und dann erkläre, nach Besichtigung eines Kamels: Siehe, ein Säugetier, so wird damit eine Wahrheit zwar an das Licht gebracht, aber sie ist von begrenztem Werte, ich meine, sie ist durch und durch anthropomorphisch und enthält keinen einzigen Punkt, der „wahr an sich“, wirklich und allgemeingültig, abgesehen von dem Menschen, wäre. Der Forscher nach solchen Wahrheiten sucht im Grunde nur die Metamorphose der Welt in den Menschen; er ringt nach einem Verstehen der Welt als eines menschenartigen Dinges und erkämpft sich besten Falls das Gefühl einer Assimilation. Ähnlich wie der Astrolog die Sterne im Dienste der Menschen und im Zusammenhange mit ihrem Glück und Leide betrachtet, so betrachtet ein solcher Forscher die ganze Welt als geknüpft an den Menschen, als den unendlich gebrochenen Wiederklang eines Urklanges, des Menschen, als das vervielfältigte Abbild des einen Urbildes, des Menschen. Sein Verfahren ist: den Menschen als Maß an alle Dinge zu halten, wobei er aber von dem Irrtume ausgeht, zu glauben, er habe diese Dinge unmittelbar als reine Objekte vor sich. Er vergißt also die originalen Anschauungsmetaphern als Metaphern und nimmt sie als die Dinge selbst. Nur durch das Vergessen jener primitiven Metapherwelt, nur durch das Hart- und Starr-Werden einer ursprünglich in hitziger Flüssigkeit aus dem Urvermögen menschlicher Phantasie hervorströmenden Bildermasse, nur durch den unbesiegbaren Glauben, DIESE Sonne, DIESES Fenster, dieser Tisch sei eine Wahrheit an sich, kurz nur dadurch, daß der Mensch sich als Subjekt und zwar als KÜNSTLERISCH SCHAFFENDES Subjekt vergißt, lebt er mit einiger Ruhe, Sicherheit und Konsequenz; wenn er einen Augenblick nur aus den Gefängniswänden dieses Glaubens heraus könnte, so wäre es sofort mit seinem „Selbstbewußtsein“ vorbei. Schon dies kostet ihm Mühe, sich einzugestehen, wie das Insekt oder der Vogel eine ganz andere Welt perzipieren als der Mensch, und daß die Frage, welche von beiden Weltperzeptionen richtiger ist, eine ganz sinnlose ist, da hierzu bereits mit dem Maßstabe der RICHTIGEN PERCEPTION d.h. mit einem NICHT VORHANDENEN Maßstabe gemessen werden müßte. Überhaupt aber scheint mir die richtige Perzeption - das würde heißen der adäquate Ausdruck eines Objekts im Subjekt - ein widerspruchsvolles Unding: denn zwischen zwei absolut verschiedenen Sphären wie zwischen Subjekt und Objekt gibt es keine Kausalität, keine Richtigkeit, keinen Ausdruck, sondern höchstens ein ÄSTHETISCHES Verhalten, ich meine eine andeutende Übertragung, eine nachstammelnde Übersetzung in eine ganz fremde Sprache. Wozu es aber jedenfalls einer frei dichtenden und frei erfindenden Mittel-Sphäre und Mittelkraft bedarf. Das Wort Erscheinung enthält viele Verführungen, weshalb ich es möglichst vermeide; denn es ist nicht wahr, daß das Wesen der Dinge in der empirischen Welt erscheint. Ein Maler, dem die Hände fehlen und der durch Gesang das ihm vorschwebende Bild ausdrücken wollte wird immer noch mehr bei dieser Vertauschung der Sphären verraten, als die empirische Welt vom Wesen der Dinge verrät. Selbst das Verhältnis eines Nervenreizes zu dem hervorgebrachten Bilde ist an sich kein notwendiges; wenn aber eben dasselbe Bild Millionen Mal hervorgebracht und durch viele Menschengeschlechter hindurch vererbt ist, ja zuletzt bei der gesamten Menschheit jedesmal in Folge desselben Anlasses erscheint, so bekommt es endlich für den Menschen dieselbe Bedeutung, als ob es das einzig notwendige Bild sei und als ob jenes Verhältnis des ursprünglichen Nervenreizes zu dem hergebrachten Bilde ein strenges Kausalitätsverhältnis sei; wie ein Traum, ewig wiederholt, durchaus als Wirklichkeit empfunden und beurteilt werden würde, Aber das Hart- und Starr-Werden einer Metapher verbürgt durchaus nichts für die Notwendigkeit und ausschließliche Berechtigung dieser Metapher. Es hat gewiß jeder Mensch, der in solchen Betrachtungen heimisch ist, gegen jeden derartigen Idealismus ein tiefes Mißtrauen empfunden, so oft er sich einmal recht deutlich von der ewigen Konsequenz, Allgegenwärtigkeit und Unfehlbarkeit der Naturgesetze überzeugte; er hat den Schluß gemacht: hier ist alles, soweit wir dringen, nach der Höhe der teleskopischen und nach der Tiefe der mikroskopischen Welt, so sicher, ausgebaut, endlos, gesetzmäßig und ohne Lücken; die Wissenschaft wird ewig in diesen Schachten mit Erfolg zu graben haben und alles Gefundene wird zusammenstimmen und sich nicht widersprechen. Wie wenig gleicht dies einem Phantasieerzeugnis: denn wenn

es dies wäre, müßte es doch irgendwo den Schein und die Unrealität erraten lassen. Dagegen ist einmal zu sagen: hätten wir noch, jeder für sich eine verschiedenartige Sinnesempfindung, könnten wir selbst nur bald als Vogel, bald als Wurm, bald als Pflanze perzipieren, oder sähe der eine von uns denselben Reiz als rot, der andere als blau, hörte ein Dritter ihn sogar als Ton, so würde niemand von einer solchen Gesetzmäßigkeit der Natur reden. sondern sie nur als ein höchst subjektives Gebilde begreifen. Sodann: was ist für uns überhaupt ein Naturgesetz; es ist uns nicht an sich bekannt, sondern nur in seinen Wirkungen d. h. in seinen Relationen zu anderen Naturgesetzen, die uns wieder nur als Relationen bekannt sind. Also verweisen alle diese Relationen immer nur wieder auf einander und sind uns ihrem Wesen nach unverständlich durch und durch; nur das, was wir hinzubringen, die Zeit, der Raum, also Sukzsessionsverhältnisse und Zahlen sind uns wirklich daran bekannt. Alles Wunderbare aber, das wir gerade an den Naturgesetzen anstaunen, das unsere Erklärung fordert und uns zum Mißtrauen gegen den Idealismus verführen könnte, liegt gerade und ganz allein nur in der mathematischen Strenge und Unverbrüchlichkeit der Zeit- und Raum-Vorstellungen. Diese aber produzieren wir in uns und aus uns mit jener Notwendigkeit, mit der die Spinne spinnt; wenn wir gezwungen sind, alle Dinge nur unter diesen Formen zu begreifen, so ist es dann nicht mehr wunderbar, daß wir an allen Dingen eigentlich nur eben diese Formen begreifen: denn sie alle müssen die Gesetze der Zahl in sich tragen, und die Zahl gerade ist das Erstaunlichste in den Dingen. Alle Gesetzmäßigkeit, die uns im Sternenlauf und im chemischen Prozeß so imponiert, fällt im Grund mit jenen Eigenschaften zusammen, die wir selbst an die Dinge heranbringen, so daß wir damit uns selber imponieren. Dabei ergibt sich allerdings, daß jene künstlerische Metapherbildung, mit der in uns jede Empfindung beginnt, bereits jene Formen voraussetzt, also in ihnen vollzogen wird; nur aus dem festen Verharren dieser Urformen erklärt sich die Möglichkeit, wie nachher wieder aus den Metaphern selbst ein Bau der Begriffe konstituiert werden sollte. Dieser ist nämlich eine Nachahmung der Zeit- Raum- und Zahlenverhältnisse auf dem Boden der Metaphern.


Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: „Ich suche Gott! Ich suche Gott!“ Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist er denn verlorengegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? - so schrien und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. „Wohin ist Gott?“ rief er, „ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet - ihr und ich! Wir sind seine Mörder! Aber wie haben wir das gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? - auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet - wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?

Friedrich Nietzsche

Der tolle Mensch

Es gab nie eine größere Tat - und wer nun immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!“ Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. „Ich komme zu früh“, sagte er dann, „ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert - es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne - und doch haben sie dieselbe getan!“ - Man erzählt noch, dass der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedenen Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: „Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Gräber und die Grabmäler Gottes sind?“ (Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, München 1959, S. 166 f)


Existenzialist

ALBERT CAMUS

C

amus stammte aus einer Familie, die seit drei Generationen in Algerien ansässig war. Er hatte südfranzösische Wurzeln väterlicherseits und spanische mütterlicherseits. Albert Camus, der in Deutschland eher als Philosoph denn als Literat bekannt ist, zählte sich selbst nicht zu den Vertretern des Existentialismus. Insbesondere seine frühen Werke stehen dieser philosophischen Strömung jedoch sehr nahe. So würdigte Jean-Paul Sartre seinen Roman Der Fremde (1942) als wichtiges Werk des Existentialismus. Das philosophische Werk von Camus hat jedoch auch einen eigenständigen Charakter. Die Camus’sche Philosophie wird daher in Abgrenzung zum Existentialismus oft als „Philosophie des Absurden“ bezeichnet. Dies erscheint gerechtfertigt, da insbesondere Camus’ Sicht der Revolte von der existentialistischen Philosophie abweicht, was schließlich auch zum Bruch mit Sartre führte. Die beiden philosophischen Hauptwerke von Camus sind die Essays Der Mythos des Sisyphos (Le Mythe de Sisyphe, 1944) und Der Mensch in der Revolte (L‘Homme révolté, 1951). Daneben bringt Camus seine Philosophie auch in seinen Romanen und Bühnenstücken zum Ausdruck.

„Philosophie des Absurden“


Albert Camus

SELBSTMORD

E

s gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie. Freiwilliges Sterben hat zur Voraussetzung, dass man wenigstens instinktiv das Lächerliche dieser Gewohnheit erkannt hat, das Fehlen jedes tieferen Grundes zum Leben, die Sinnlosigkeit dieser täglichen Betätigung, die Nutzlosigkeit des Leidens. Der Zynismus der sinnlosen Arbeit, für die man das ganze Leben hingibt, drang nicht erst in der Postmoderne ins Bewusstsein des modernen Menschen. Louis-Ferdinand Céline hat dieses Unbehagen schon 1932 in seinem berühmten Buch: Reise ans Ende der Nacht geschildert: Und das Ärgste ist dann, wenn man sich fragt, wie man am nächsten Tag wieder die Kraft aufbringen soll, um wieder zu tun, was man tags zuvor uns schon seit viel zu langer Zeit immer wieder getan hat, woher man die Entschlusskraft zu allen diesen Blödsinnigen Handlungen nehmen soll, zu diesen Plänen, die zu nichts führen, diesen vergeblichen Versuchen, aus der ärgsten Not herauszukommen, die einen nur davon überzeugen, dass das Schicksal unüberwindlich ist und das man jeden Abend wieder den Fuss der Mauer herunterfällt und sich immer wieder vor dem Morgen fürchtet, das immer ungewisser und trostloser erscheint.

„das Fehlen jedes tieferen Grundes zum Leben“


Albert Camus

Streben

D

er Mensch muss in der Lage sein, die Last der Sinnlosigkeit zu ertragen, Selbstverantwortung übernehmen und nach Glück streben. Nur so wird er Herr seines Schicksals und kann der die Absurdität des Lebens überwinden.

...

Selbstverantwortung und das streben nach glück


Existenzialist

SARTRE

I

n den Nachkriegsjahren war Sartre der tonangebende französische Intellektuelle: Sein L’Être et le néant (Das Sein und das Nichts) und der Essay L’Existentialisme est un humanisme (Der Existentialismus ist ein Humanismus) von 1946 galten als Hauptwerke der neuen, hauptsächlich von ihm geschaffenen Philosophie des Existenzialismus, dessen Kernaussage ist, dass der Mensch durch den Zufall seiner Geburt in die Existenz „geworfen“ ist und aktiv selbst versuchen muss, dem Leben einen Sinn zu geben. Auch als Publizist war Sartre sehr aktiv. Die von ihm gegründete und herausgegebene Zeitschrift Les Temps Modernes (Moderne Zeiten) wurde ein Forum für viele Autoren von Rang. Entsprechend wurde sein Leben immer bewegter. Er gab Interviews und ging – oft zusammen mit Beauvoir – auf Vortragsreisen im In- und Ausland. Auch politisch blieb er engagiert: So war er 1948 Mitbegründer einer kurzlebigen neuen Partei, die einen „dritten Weg“ zwischen Sozialisten und Kommunisten beschreiten sollte. Allerdings schlug er sich 1952, anlässlich der Verhaftung von Jacques Duclos, dem damaligen Fraktionsvorsitzenden der KPF, auf die Seite der Kommunisten, was den Bruch mit etlichen gemäßigt linken Intellektuellen nach sich zog, zum Beispiel mit Camus, dem er Verrat an den Zielen der Linken vorwarf. 1956 kehrte Sartre wiederum den Kommunisten den Rücken, weil er die brutale russische Intervention in Ungarn missbilligte. In seinem 1960 erschienenen Werk Critique de la raison dialectique (Kritik der dialektischen Vernunft) versuchte er, die marxistische Dialektik mit dem Existenzialismus und dessen Betonung des freien Willens zu verbinden.

„der Mensch durch den Zufall seiner Geburt in die Existenz „geworfen“, muss aktiv selbst versuchen, dem Leben einen Sinn zu geben.“


Jean-Paul Sartre

AtheiSTISCHer EXISTENZialismus

D

er atheistische Existentialismus, für den ich stehe, ist zusammenhängender. Er erklärt, daß, wenn Gott nicht existiert, es mindestens ein Wesen gibt, bei dem die Existenz der Essenz vorausgeht, ein Wesen, das existiert, bevor es durch irgendeinen Begriff definiert werden kann, und daß dieses Wesen der Mensch oder, wie Heidegger sagt, die menschliche Wirklichkeit ist. Was bedeutet hier, daß die Existenz der Essenz vorausgeht? Es bedeutet, daß der Mensch zuerst existiert, sich begegnet, in der Welt auftaucht und sich danach definiert.


Jean-Paul Sartre

Wille/Verstand V

erwickelt werden die Dinge dadurch, daß es zwei Arten von Existentialisten gibt: die ersten, welche Christen sind, unter die ich Jaspers und Gabriel Marcel (dieser katholischer Konfession) einreihen würde; und auf der andern Seite die atheistischen Existentialisten, zu denen Heidegger und auch die französischen Existentialisten und ich selber zu stellen sind. Gemeinsam haben sie die Überzeugung, daß die Existenz der Essenz vorangehe, oder, wenn Sie wollen, daß man von der Ichheit ausgehen muß. Was soll man genauer darunter verstehen? Betrachten wir ein Artefakt, zum Beispiel ein Buch oder ein Papiermesser, so ist dieser Gegenstand von einem Handwerker angefertigt worden, der sich von einem Begriff hat anregen lassen, er hat sich auf den Begriff Papiermesser bezogen und zugleich auf eine vorher bestehende Technik der Erzeugung, welche zu dem Begriff gehört und im Grunde ein Rezept ist. Somit ist das Papiermesser zugleich ein Gegenstand, der auf eine bestimmte Art hergestellt wird und anderseits eine bestimmte Verwendung hat; und man kann sich nicht einen Menschen vorstellen, der ein Papiermesser anfertigte, ohne zu wissen, wozu der Gegenstand dienen soll. Wir werden also sagen, daß in bezug auf das Papiermesser die Essenz - das heißt die Summe der Rezepte und der Eigenschaften, die erlauben, es anzufertigen und es zu bestimmen - der Existenz vorangeht, und so ist die Anwesenheit mir gegenüber solch eines Papiermessers oder solch eines Buches determiniert. Wir haben also hier ein technisches Bild der Welt, in der, kann man sagen, die Erzeugung der Existenz vorausgeht. Wenn wir einen Schöpfer-Gott annehmen, so wird dieser Gott meistens einem höherstehenden Handwerker angeglichen; und was für eine theologische Lehre wir auch betrachten, ob es sich um eine Lehre wie die von Descartes oder von Leibniz handelt, wir räumen immer ein, daß der Wille mehr oder weniger dem Verstand folgt oder ihn wenigstens begleitet, und daß Gott, wenn er schafft, genau weiß, was er schafft.

„wir räumen immer ein, daß der Wille mehr oder weniger dem Verstand folgt oder ihn wenigstens begleitet“

Demnach ist der Begriff Mensch im Geiste Gottes dem Begriff Papiermesser im Geiste des Handwerkers anzugleichen, und Gott erzeugt den Menschen nach Techniken und einem Begriff, genau wie der Handwerker ein Papiermesser nach einer Definition und einer Technik anfertigt. So verwirklicht der individuelle Mensch einen bestimmten Begriff, der im göttlichen Verstande ist. Im 18. Jahrhundert wird in den atheistischen Lehren der Philosophen der Begriff Gottes abgeschafft, aber nicht ebensosehr die Idee, daß die Essenz der Existenz vorangehe.


Jean-Paul Sartre

BEWUssTSEIN

D

as Sein ist also eine Angelegenheit menschlichen Bewußtseins, das immer schon, wenn auch nicht auf leicht durchschaubare Weise, mit dem Sein verquickt ist. Für Sartre geht es nun darum, diese Verquickung aufzulösen, und zwar ohne das eine dem anderen zu opfern, gemeint ist: ohne das Sein in Bewußtsein oder das Bewußtsein in Sein aufzuheben. Im Sinne dieser Vermeidungsabsicht ist schon die Feststellung zu verstehen, das Sein in der Gestalt des Ansichseins sei das, was es ist. Zwar taucht es im Weltumkreis des Menschen auf, aber als etwas in sich Verschlossenes, Massives, als „vollständige Positivität“. Man darf hier wohl zur Verdeutlichung an den Felsbrocken denken, der ist, was er ist, nicht mehr und nicht weniger und nichts anderes. Er ändert sich zwar im Laufe der Zeiten, wird der Form nach ein anderer, aber er weiß nicht um diese mögliche Andersheit noch kümmert sie ihn. Indes, von dieser erratischen und sturen Seinsart des Ansichseins ist nicht alles in der Welt. Nicht alles hat diese undurchdringliche Präsenz des ungeschaffenen und beziehungslosen Vorkommens, dessen Kontingenz Sartre dadurch unterstreicht, daß er ihm bescheinigt, es sei „überzählig für alle Ewigkeit“ (Sein und Nichts). Vielmehr verweist dieses Ansichsein auf einen anderen Seinstypus: den des Fürsichseins. Diese andere Seinsgestalt gibt anfänglich keine Rätsel auf. Man kann sie nämlich auf dem Weg der Negation der ersten entdecken. Ist nämlich das Sein „an sich“, was es ist, dann ist offenbar das Sein „für sich“ nicht einfach das,was es ist, sondern (auch?), das, was es nicht ist. Und heißt es von jenem, es sei „massiv“, so müßte diesem eine gewisse „Transparenz“, also Bewußtheit eignen. Nun ist für Sartre der Weg der Negation, der hier mit einer bestimmten Verfahrenslogik beschritten wurde, keineswegs ein Wortspiel mit sich ausschließenden Gegensätzen, sondern ein Abenteuer der Seinserfahrung, in dem sich das Moment des Negativen und der Verneinung immer deutlicher als Seinsverfassung des menschlichen In-der-Weltseins durcharbeitet. Sie muß in Grundzügen entwickelt werden, weil sie unmittelbar von Bedeutung für die anthropologische Begründung des existentialen Humanismus im Horizont des Entwurfs ist. Festzuhalten wäre vorläufig: Sartre kennt zwei Seinsgestalten oder „Seinsregionen. Das Sein „als Ganzes“, zu dem die Spekulation hindenkt, ist gesplittet, und zwar in einen Seinsbereich von Seiendem, das einfach ist, was es ist, und in einen anderen Seinsbereich - den menschlichen - der nicht einfach ist, was er ist, sondern der verneinend über sich hinausweist. Im Menschen kommt das Sein zu Bewußtsein, aber nicht als angenehme Zutat, vielmehr als Tragödie eines Risses, der sich zwischen den Menschen (Fürsichsein) und den nichtmenschlichen Dingen (Anfürsichsein) auftut und der sich in ihm selbst wiederfindet. Sofern der Mensch nicht nur ist, sondern um das Sein weiß, ist er dessen Störenfried, aber so, daß er selbst nicht zum Frieden gelangt. Denn das Seinswissen hat seinen Ursprung in der Negation, das heißt: es entsteht aus dem Vollzug wesenhafter Verneinung. Der Mensch, das wäre eine erste Folgerung,

ist derjenige, der verneinen können muß, um die Seinsweise einzulösen, zu der er - als Fürsichsein - zufällig bestimmt ist. Man denkt an den „Geist, der stets verneint“. Denn die Seinsweise des Menschen wäre diejenige des notorischen Verneiners, der aber selbst fortdauernd zum Opfer der Verneinung wird. Vor diesem Hintergrund verliert allerdings der „Entwurf “ als Einlösung des Fürsichseins die Harmlosigkeit simplen „Planungsverhaltens“ - vorausgesetzt, die Entgegensetzung von Ansichsein und Fürsichsein und die Interpretation ihres Verhältnisses als Verneinung ist nicht nur eine spekulative Spintisiererei, in der Sartre sein bürgerschreckendes Unbehagen am Philistertum zu einem „Seinsbefund“ aufsteigert und gegen Argumente immunisiert. Es ist also zu fragen, ob und wie Sartre seine spekulativ verneinende Entgegensetzung von Ansichsein und Fürsichsein einlösen, also evident machen kann.


A

n der Wand ist ein weißes Loch, der Spiegel. Das ist eine Falle. Ich weiß, daß ich mich fangen lassen werde. Da! Das graue Ding ist im Spiegel aufgetaucht. Ich trete näher und sehe es an, ich kann nicht mehr weggehen. Das ist die Spiegelung meines Gesichtes. Oft, an diesen verpfuschten Tagen, sehe ich es lange an. Ich werde aus diesem Gesicht nicht schlau. Die der anderen haben einen Sinn. Meines nicht. Ich kann nicht einmal entscheiden, ob es schön oder häßlich ist. Ich denke, es ist häßlich, da man es mir gesagt hat. Aber das trifft mich nicht. Eigentlich bin ich sogar schockiert, daß man ihm derartige Eigenschaften zusprechen kann, so als wollte man einen Erdklumpen oder einen Felsblock schön oder häßlich nennen. [...] Mein Blick wandert langsam, unwillig über diese Stirn, über diese Wangen: er trifft auf nichts festes, er versandet. Natürlich, da ist eine Nase, Augen, ein Mund, aber das alles hat keinen Sinn, nicht einmal einen menschlichen Ausdruck. [...] Meine Tante Bigeois sagte zu mir, als ich klein war: „Wenn Du zu lange in den Spiegel schaust, wirst Du einen Affen sehen.“ Ich muß wohl noch länger hineingeschaut haben: was ich sehe, ist noch weit unter dem Affen, an der Grenze der pflanzlichen Welt, auf dem Niveau der Polypen. Das lebt, ich bestreite es nicht, aber es ist nicht dieses Leben [...]


Existenzialist

KARL JASPERS

K

arl Theodor Jaspers (* 23. Februar 1883 in Oldenburg; † 26. Februar 1969 in Basel) war ein deutscher Psychiater und Philosoph, der weit über Deutschland hinaus bekannt wurde. Er lehrte u. a. in Basel und wurde 1967 Schweizer Staatsbürger. Jaspers gilt als herausragender Vertreter der Existenzphilosophie, die er vom Existentialismus Jean-Paul Sartres strikt unterschied. Er war zunächst Lehrer und anschließend lebenslanger Freund von Hannah Arendt, mit der ihn auch ein jahrzehntelanger Briefwechsel verband. Auch mit Martin Heidegger stand er in Briefwechsel, der – in der Zeit des Nationalsozialismus unterbrochen – nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch spärlich war. Mit Max Weber, Hans W. Gruhle und Kurt Schneider verband ihn eine langjährige Freundschaft. Enge Kontakte unterhielt er auch zu Alfred Weber, Eberhard Gothein und Gustav Radbruch. Er gehörte zum Marianne-Weber-Kreis. Nach 1945 war er maßgeblich an der Neugründung der Universität Heidelberg beteiligt und trat dadurch in eine lebenslange Beziehung mit deren erstem Rektor nach der Wiedereröffnung, Karl Heinrich Bauer. Ursprünglich Mediziner, hat Jaspers grundlegend zur wissenschaftlichen Entwicklung der Psychiatrie beigetragen. Sein philosophisches Werk wirkt insbesondere in den Bereichen der Religionsphilosophie, Geschichtsphilosophie und der Interkulturellen Philosophie. Mit seinen einführenden Schriften zur Philosophie, aber auch mit seinen Schriften zu politischen Fragen wie zur Atombombe, zur Demokratieentwicklung in Deutschland oder zur Wiedervereinigung hat er hohe Auflagen erreicht und ist so auch einem breiteren Publikum bekannt geworden. Philosophie war für Jaspers keine Wissenschaft, sondern vielmehr Existenzerhellung, die sich mit dem Sein als Ganzes befasst. Jede Äußerung zur Philosophie ist so gesehen selbst schon Philosophie. Philosophie tritt da auf, wo Menschen wach werden. Philosophie ist das Gewahrwerden der eigenen Ohnmacht und Schwäche. Jaspers unterschied damit wissenschaftliche Wahrheit von existentieller Wahrheit. Während die eine intersubjektiv nachvollziehbar ist, könne man bei der anderen nicht von Erkenntnis sprechen, da sie sich auf transzendente Gegenstände (Gott, Freiheit) richtet. Wissenschaft kennt Fortschritt, Philosophie nach seiner Auffassung nicht.


Vergewissern wir uns unserer menschlichen Lage. Wir sind immer in Situationen. Die Situationen wandeln sich, Gelegenheiten treten auf. Wenn sie versäumt werden, kehren sie nicht wieder. Ich kann selber an der Veränderung der Situation arbeiten. Aber es gibt Situationen, die in ihrem Wesen bleiben, auch wenn ihre augenblickliche Erscheinung anders wird und ihre überwältigende Macht sich in Schleier hüllt: ich muß sterben, ich muß leiden, ich muß kämpfen, ich bin dem Zufall unterworfen, ich verstricke mich unausweichlich in Schuld. Diese Grundsituationen unseres Daseins nennen wir Grenzsituationen. Das heißt, es sind Situationen, über die wir nicht hinaus können, die wir nicht ändern können.“ Einführung in die Philosophie Piper Verlag, München 1999


Karl Jaspers

Totalitarismus

Im Bereich des Totalitarismus herrscht der absolute Machtanspruch eines Denkens. Das System strebt nach Totalwissen und Vormacht und beansprucht die Wahrheit in ihrer Ganzheit für sich. Totalitäre Denkweisen zeichnen sich daher für Jaspers insbesondere durch mangelndes Grenzbewusstsein aus. Das Streben danach, das Ganze zu besitzen, muss letztlich aber scheitern, weil dieser Besitzanspruch die Existenz des Menschen und seine Fähigkeiten übersteigt. Am ganzen Sein (an der ganzen Wahrheit aus Existenz und Transzendenz) kann der Mensch nur teilhaben, es jedoch nicht besitzen. (vgl. Kapitel 1) Totalitäres Denken entzieht sich zudem in seiner Denkweise jeglicher Form von Kritik, weil es auf sich selbst beschränkt ebenso wenig Teil hat an der Pluralität der Wirklichkeit wie an der Erfahrung der Ohnmacht des Menschen im Scheitern seines o. g. Besitzanspruchs und seiner begrenzten Fähigkeiten. Innerhalb eines solchen Systems ist die Philosophie am Ende. Ihr Denken erstickt in der Unfreiheit des totalitären Denkansatzes. Was ihr in einer solchen Welt bleibt, sind „Zweifel [...] an der […] Wahrheit“ im Alleinsein oder das Martyrium. Entweder zwingt die Übermacht der Umwelt dem Philosophierenden eine falsche Wahrheit auf, oder er bleibt vereinzelt und möglicherweise zweifelnd mit seiner Wahrheit zurück. In Anbetracht der heutigen Menschenmassen, die innerhalb eines politischen Systems leben, ist die Ohnmacht des Einzelnen vollkommen. In dieser Situation bleibt der Philosophie nur, die innere Widerstandsfähigkeit durch ihre Denkweise zu stärken.


Karl Jaspers

URSPRUNG

M

achen wir uns unsere menschliche Lage auf andere Weise deutlich als die Unzuverlässigkeit allen Weltseins. Die Fraglosigkeit in uns nimmt die Welt als das Sein schlechthin. In glücklicher Lage jubeln wir aus unserer Kraft, haben gedankenloses Zutrauen, kennen nichts anderes als unsere Gegenwärtigkeit. Im Schmerz, in der Kraftlosigkeit, in der Ohnmacht verzweifeln wir. Und wenn es überstanden ist und wir noch leben, so lassen wir uns wieder selbstvergessen hineingleiten in das Leben des Glücks. Aber der Mensch ist durch solche Erfahrungen klug geworden. Die Bedrohung drängt ihn, sich zu sichern. Naturbeherrschung und menschliche Gemeinschaft sollen das Dasein garantieren. Der Mensch bemächtigt sich der Natur, um ihren Dienst sich verfügbar zu machen; Natur soll durch Erkenntnis und Technik verläßlich werden. Doch in der Beherrschung der Natur bleibt die Unberechenbarkeit und damit die ständige Bedrohung, und dann das Scheitern im ganzen: die schwere mühsame Arbeit, Alter, Krankheit und Tod sind nicht abzuschaffen. Alles Verläßlichwerden beherrschter Natur ist nur ein Besonderes im Rahmen der totalen Unverläßlichkeit. Und der Mensch vereinigt sich zur Gemeinschaft, um den endlosen Kampf aller gegen alle einzuschränken und am Ende auszuschalten; in gegenseitiger Hilfe will er Sicherheit gewinnen. Aber auch hier bleibt die Grenze. Nur wo Staaten in einem Zustand wären, daß jeder Bürger so zum anderen steht, wie es die absolute Solidarität fordert, da könnten Gerechtigkeit und Freiheit im Ganzen sicher sein. Denn nur dann stehen, wenn einem Unrecht geschieht, die anderen wie ein Mann dagegen. Das war niemals so. Immer ist es ein begrenzter Kreis von Menschen, oder es sind nur einzelne, die füreinander im Äußersten, auch in der Ohnmacht, wirklich da bleiben. Kein Staat, keine Kirche, keine Gesellschaft schützt absolut. Solcher Schutz war die schöne Täuschung ruhiger Zeiten, in denen die Grenze verschleiert blieb. Gegen die gesamte Unverläßlichkeit der Welt aber steht doch das andere: In der Welt gibt es das Glaubwürdige, das Vertrauenerweckende, gibt es den tragenden Grund: Heimat und Landschaft -Eltern und Vorfahren - Geschwister und Freunde - die Gattin. Es gibt den geschichtlichen Grund der Überlieferung in der eigenen Sprache, im Glauben, im Werk der Denker, der Dichter und Künstler. Aber auch diese gesamte Überlieferung gibt keine Geborgenheit, auch sie keine absolute Verläßlichkeit. Denn als was sie an uns herantritt, ist alles Menschenwerk, nirgends ist Gott in der Welt. Die Überlieferung bleibt immer zugleich Frage. Jederzeit muß der Mensch im Blick auf sie aus eigenem Ursprung finden, was ihm Gewißheit, Sein, Verläßlichkeit ist. Aber in der Unverläßlichkeit allen Weltseins ist der Zeiger aufgerichtet. Er verbietet, in der Welt Genüge zu finden; er weist auf ein anderes.


KRLJSPRS “Heutige Kunst: Ihr Wesensausdruck ist Chaos bei äusserem Können.” Die geistige Situation der Zeit


EXISTHERMIK Philosophie des 20. Jahrhunderts

Š David Klaws 2012


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