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CARSTEN REINHOLD SCHULZ TAPED WORLD STREAM PILOT

„dizzy …“


Inhalt 3+6

Taped World Stream Pilot

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Interview

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Vita Impressum und Dank

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Taped World Stream Pilot die Überschrift bietet auf mehreren Wegen Zugang zu der, als zeitlich zusammenhängende, nicht abgeschlossenen Reihe von Aktionen anzusehenden Projektreihe. Sprachlich gesehen kann „taped world“ mit der (z.B. auf Band) aufgezeichneten Welt assoziiert werden. Ebenso mit einer, im medizinisch-kurierenden Sinne gemeinten, bandagierten Welt. Eine einfache und mehr materialbezogene Übersetzung zeigt sich in der mit Klebestreifen ausgestatteten umfassenden Umgebung, „stream pilot“ dagegen lässt ohne weiteres Assoziationen mit futuristischen Comic Helden zu. Die Entwicklung von Prozessen, die eine reflektierende Kunst zulassen und zu einer beweglichen und neuen Formensprache führt, ist für Carsten Reinhold Schulz von immenser Bedeutung. An tradierten Künstlerbildern lässt sich seine mit vielen Querverweisen spielende Arbeitweise, die an jedem Ort entstehen kann, nicht messen. Die Lust am Zulassen der Prozesse, der Wille, den Dingen in ihren vielen Facetten einen notwendigen Handlungsspielraum zu gewähren, ist stets mit einem starken Glauben an die sich selbst erneuernden gestalterischen Kräfte verbunden. Seine hier vorgestellte Form der Kunst ist nicht mehr von Orten oder Ateliers abhängig, sie ist ungebunden. Sie ist ein Angebot. Die Motivpalette ist angeregt von künstlerischen und sozio-politischen Aspekten. Was passiert mit den Streifen und klebenden Bändern in der Realität? Welche verbindenden Formen lassen sich damit erfahrbar machen? Ursprünglich nur als formale Strukturierungen eingesetzt, haben sich die Klebebänder mehrfarbig in immer neuen Kombinationen zu einer klaren Farbsprache entwickelt, die sich in Kombination und Reflektionen von modernen Kunstformen, üblicherweise den Off-Räumen der Illegalität zuzurechnen und zu historischen Positionen der Kunstgeschichte formieren. Es entstehen neue, voneinander abhängige Bilder im öffentlichen Raum, die, obwohl als temporäre Erscheinung angelegt, den Bezugsrahmen von den Anfängen der Abstraktion bis zu den heutigsten Formen der Kunst zu koppeln vermögen. Mit großer Selbstverständlichkeit streifen sie den bekannten Habitus des hehren Kunstwerkes ab, zugunsten fast beliebiger temporärer Werksysteme. weiter auf Seite 6

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diverse tapes aus „taped world stream pilot“ öffentlicher Raum, 2009

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Fortsetzung von Seite 3

Was bedeutet das? Isoliert man die von Carsten Reinhold Schulz benutzten farbigen Kombinationen aus adhesive-tape Material – also Klebe- und Isolierband – aus dem Gesamtkontext, so erinnern die Bänder schnell z.B. an die Farbfeldmalerei des Albers-Schülers Kenneth Noland. Die Idee einer horizontalen Bewegung ist ein direkter und gewünschter Bezug. Nolands Ausspruch, das Malerei, ungeachtet des gewählten Bildsystems einer Farbe, den ihr eigenen oder benötigten Raum verschaffen müsse, könnte ebenso gut auf die in diesem Katalog gezeigte Kunst verweisen, bliebe aber als Ansatz eine Einbahnstraße. Auch das durch Barnett Newman geprägte „sublime“, in seinen „ZIP“-Arbeiten könnte kontrapunktisch herangezogen werden oder die kontemplativ ordnenden Bilder eines Mark Rothko. Alles hinkende Vergleiche, handelt es sich doch bei allen gerade aufgeführten Malern um eben solche und um Arbeiten auf traditionellen Bildträgern. Der Geruch von Rest-Ideologie haftet ihnen durchaus an. Vor allem durch den beinhalteten Wunsch dieser Maler nach einer Steuerung des Menschen, ja seiner Auflösung in der Farbe. Es sind dies allesamt wichtige, aber verkürzende Zugänge zur vorliegenden Arbeit, es sind Pole, schlichte Perspektivpunkte, zwischen denen sich „taped world stream pilot“ bewegt. Seit den 1990er Jahren ist für Carsten Reinhold Schulz die Rolle des Künstlers – als Wegweiser der sich permanent erneuernden Kunstpositionierung– ein entscheidender Aspekt seiner Arbeit. Als Bildträger nutzt er für seine schnell aufgebrachten, farbig strukturierten Klebebänder, zumeist die, mit ebenso schnell gemalten Graffitis und Tags versehenen Stromkästen, Türen oder öffentlichen Werbetafeln. Die künstlerische Verbindung funktioniert, das ist augenscheinlich, mit großer Lässigkeit. Das tut sie trotz oder gerade wegen der stark abweichenden Bearbeitungen des überlagerten, zufälligen Bildträgers, der nie einer sein sollte. Im absurden Klima einer rechtswidrigen Situation, weisen die beinahe sportlich anmutenden Farbstreifen des Künstlers deutlich auf eine Versöhnung oder zumindest einen Dialog von kunsthistorisch relevanten Positionen und den heutigen Strömungen der bildenden Kunst hin. Ebenso geben sie einen Fingerzeig auf mögliche Rollen eines Künstlers der Gegenwart. Wenn er sich überhaupt noch so nennen möchte. Marcel Duchamps „Die Künstler der Zukunft werden im Untergrund arbeiten ...“ scheint kurz aufzuleuchten und verblasst schließlich vor den sich abzeichnenden kulturellen Chancen.

Frederike Fuchs, 2009 „Die Kunst ist außer Haus“

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diverse tapes aus „taped world stream pilot“ öffentlicher Raum, 2009

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„taped world selection 1“, 160 x 80 cm, Fotografie und adhesive tape auf Forex, 2009

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diverse tapes aus „taped world stream pilot“ öffentlicher Raum, 2009

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Der Künstler und Kurator Wolfgang Spanier im Gespräch mit Carsten Reinhold Schulz über die Bedingungen seiner Arbeit „taped world stream pilot“ in den Düsseldorfer Ausstellungsräumen des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen Anfang 2009. Ein wichtiger Moment der letzten Zeit? „Im Jahr 2007 habe ich mein Atelier bewusst endgültig aufgegeben, temporäres Arbeiten ist für mich jetzt noch wichtiger – es ist ein entscheidender Teil der von mir derzeit akzeptierten künstlerischen Einstellungen geworden. Es scheint, du schließt damit sogenannte tradierte Kunstformen von vorneherein vom Diskurs aus? Nein, das wäre unglaublich anmaßend und dogmatisch. Aber ich muss glaubhaft sein in dem was ich tue, diese Einstellung erwarte ich logischerweise auch von anderen Menschen und Künstlern, selbst wenn derzeit alle gezwungen sind, sich in Momenten der Spielerei aufzureiben. Was verbindest du mit dem Kunstbegriff? Welchem? Also, ich sehe künstlerische Arbeiten immer nur als Teil der gesamten Kultur, ich kann nicht nur in fokussierten malerischen oder bildhauerischen Überlegungen verharren. Das ist in Permanenz gestrig, entsetzlich und langweilig. Ich interessiere mich für Angebote. Das ist mein Weg zu den entscheidenden Fragestellungen. Kannst du einen grundsätzlichen Ansatz beschreiben? Kultur ist eine ernste Sache und ich möchte sie so sehr beschützen, wie die Kultur ihrerseits Gesellschaften vor der Barbarei schützen kann. Als jemand der 1963 geboren worden ist, habe ich diese Lektion des Dritten Reiches bei den Eltern und in der Schule ja noch sehr intensiv gelernt. Woher kommt bei einer solchen Sicht das spielerische Element? Eine ernste Einstellung gebiert immer abgrundtiefe Komik, das ist wunderbar grotesk und natürlich eine Form der Rettung. Das gefällt mir. Ich glaube, hier sitzt ein Teil meiner Persönlichkeit, den ich zutiefst akzeptiere. Was stört dich derzeit am meisten? Derzeit befürchte ich, dass die Unmenschlichkeit und Dummheit durch die Hintertür der Gleichgültigkeit und Mit-

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„taped world selection 2“, 160 x 80 cm, Fotografie und adhesive tape auf Forex, 2009

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„taped world selection 3“, 160 x 80 cm, Fotografie und adhesive tape auf Forex, 2009

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telmäßigkeit wieder bei uns Einzug hält. Politisch ist das ja schon offensichtlich. Ich sehe keine wirkliche Haltung der Künstler dazu. Ich sehe noch zu viele Produkte ohne Anbindung und zuwenig Kritik. Oder die Diskussion ist vorhanden, findet aber keinen gesellschaftlichen Niederschlag. Vielleicht im Kleinstgruppendiskurs. Und auch das könnte, meiner Meinung nach, anders werden. Es scheint alles so möglich. Aber wie immer zählt nur die Tat. In welche Richtung schaust du jetzt? Kunst die relevant ist, und das ist nicht neu, hat etwas mit Beweglichkeit zu tun, daher kann die kulturell gewünschte Kommunikation idealerweise auf die Straße ausgelagert werden. Der Straßenraum wurde ja extra für Bewegung und Transport erfunden und errichtet. Ich rede hier nicht von der üblichen Kunst im öffentlichen Raum, die ist ja interessanterweise auch auf dem Vormarsch, ich rede auch nicht von den 1970er Jahren und fadenscheiniger Agitprop Kunst, sondern ich spreche von neuen Formen großer Kunst, die die Straßen beseelt, vielleicht temporär wie Musik, vielleicht als bewegliche Basis für die nächsten Künstler. Sogar ein neues Wertesystem könnte sichtbar werden. Was ist damit gemeint? Was ich mir vorstellen kann ist das woran ich arbeite: Kunstwerke als konkrete Dockingstation der nächsten. Eine Arbeits- und Entwicklungsweise wie die eines Virus. Das sieht man doch schon sehr deutlich in der „taped world stream pilot“ Serie. Ich finde, sich immer wieder erneuernde Bilder entwickeln zauberhafte und wunderschöne Geschichten. Es wird von mir nicht übermalt und zerstört, sondern gemeinsam erzählt. Das ist so etwas wie Jazz, denke ich. Eine freie Form der künstlerischen Kommunikation. Bisher sah man nur den Graffiti-Künstler der versuchte den anderen zu verdrängen und zu übersprühen, was sich in einer animalischen Reviertechnik erschöpfen muss. Welche Folgen hätte die von dir aufgezeigte Kunstauffassung? Eine vollständig neue Bewertung von Bildauffassung und vom Wertbegriff der Kunst wäre die logische Konsequenz. Die Isolierung der Künstler würde aufgehoben, die Isolierung der Künste ebenfalls. Eine sich so entwickelnde Kunstform würde zudem interessante Alternativen selbst zu den Museen schaffen, die automatisch als Archiv ausgedient hätten. Sie würden einfach implodieren. Denn Kunst bliebe dann immer sichtbar und öffentlich vorhanden. Vor allem, nachdem man die schwarzen Trümmerreste der nutzlos gewordenen und ausgebrannten Autos weggeräumt hätte. In welcher Situation siehst du die Kunstvermittlung? Derzeit sind viele Kunstvermittler bemüht und allzu oft auch durch einseitige Sponsoren gezwungen, die Menschen immer weiter von der Kunst zu trennen, in dem man sie zu didaktisch orientierten Ausstellungen der Superlative, zu arterhaltenden Großkundgebungen in Museen und Kunsthallen zusammenruft, das ist die übliche Technik einer an den bekannten Vermittlungssystemen geschulten Logik. Es ist natürlich reaktionär. Es ist bloße Machtpolitik. Jeder weiß das. Was haben Künstler noch damit zu tun? Ein Beispiel: ob dieser Text Sinn macht, entscheidet nicht sein offensichtlicher Sinn, sondern der, dem er in die Hände fällt. Es gibt eben nur Angebote ... Du hast viele Projekte zur Rolle des Künstlers gemacht, wie sieht deine Sicht darauf heute aus? Künstler könnten endlich ihre Bilder verbinden, neue Arbeitsprozesse finden, das Mosaik zusammensetzen, neue Rollen entwickeln, ihre Situation gesellschaftlich definieren. Aber noch halten sie sich an vorgegebene Strukturen. Aber der Einsatz liegt jetzt auf dem Tisch. Also, mein Unwille gegenüber politischen und sozialen Manipulationen der menschlichen Gemeinschaft, zu der sich auch Künstler mittlerweile zählen sollten, ist für mich ein bewusst eingesetztes Aggregat in einer überwiegend schemenhaften Zeit. Künstler können versuchen ein paar klare Momente beizusteuern. Das wäre schon eine ganze Menge.

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© Carsten Reinhold Schulz 2009 NU.DE CONTEMPORARY Düsseldorf

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Relevante Daten, Projekte zur Rolle und Funktion des Künstlers, Discografie

Carsten Reinhold Schulz

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*1963 Mönchengladbach, Anthroposophisches Kunststudium Free International University, F.I.U. Hamburg, bei Günther Lierschof und Wolfgang Genoux, Ausstellungen: „Die Culturwert:Sammlung", Landesmuseum Volk und Wirtschaft (jetzt NRW Forum) in Kooperation mit den Goethe-Instituten Brasilia, Sao Paulo, Moskau, New York, Brüssel, Oslo. „Junge Kunst in Netzwerken“, Kunsthalle Baden-Baden. „Saccharose“ Der Künstler als Süßwaren-Produzent, Museumsshops in Deutschland. „Die versöhnende Kraft der Saccharose“, „Zuckerlecksteine im öffentliche Raum“ (diverse Städte, in progress), „Body In The Blue“, Breda, NL, „10 sec Films”Video,„Ichals …2“ Foto-Arbeiten auf Forex, Kunsthalle Flingern, Düsseldorf. „Der Künstler als Galerist“: Aufbau und künstlerische Leitung der Galerie VIKTOR GRRAY 07--09, Düsseldorf. „Taped World Stream Pilot“, Projekte im öffentlichen Raum (div. Städte in progress), Entwicklung der interstationären Galerie und Kunstgruppe „NEW DECONTEMPORARY“, projects and projections“, Entwicklung des Galerie-Magazins (Print und online) GALPORT 2009 Buch/Katalog/Ansprache: „Der Kulturwert." Verlag für Wissenschaft und Forschung, Berlin, „Kuratierende Reden/ Katalogtexte zu den Ausstellungen innerhalb des Galerie- und Ausstellungsprojektes „Viktor Grray“ Düsseldorf CD als Autor/Produzent für den Buchhandel: CD „Papadada" Hörbuch. 54 min., CD „Laabs Kowalski" Hörbuch, 50 min., CD „Der Weltkrieg im Freibad", Hörbuch 30 min., CD „Drei alte Artistinnen", Hörbuch nach dem gleichnamigen Theaterstück, CD „Elvis, Jesus, Dieter Bohlen und Du.", Hörbuch, 62 min., CD „Unterhaltung für Deutschland", bildende Künstler als Autoren, mit Martin Baltscheit, Klaus Sievers, Arnold Schalks, Carsten Reinhold Schulz, CD „CULTURWERT:SAMMLUNG" goes radio, 52 min. Das Hörbuch zum gleichnamigen Kunstprojekt, mit Axel Grube u.a. CD/Musik: „Arbeitslosenlieder", Musik für Texte aus Internetforen für Arbeitslose, „REC - HardCoreHomeRecordings", 1990-2000, „Dankeschön, Amerika", Download-Song während des Irak-Krieges für die Homepage der Jungsozialisten Deutschland. „Die Schwarze Hand - kontraproduktive Wahlkampflieder im Bundestagswahlkampf `08. Mit Sebastian Dörries.Band / Lesung /Auftritt seit 2007: „DAS ZWEITE FELD" Lesung und Nu-Chansons, mit Walfried Böcker (kb) Carsten Tiemessen (g) u.a.Messeteilnahmen: Medienkunstmesse und contemporary art ruhr, C.A.R. Zeche-Zollverein, Essen. Tease Art, Kunstmesse, Köln, „Die RFBK“ Neue soziale und politische Formen der Kunst, www.rfbk.de, 2010, Das zweite Feld der Kunst „Rolle 29“, „wall objects und memo songs“, 2011 neue Bildformen, Düsseldorf . Dieser Katalog wurde anlässlich der Messepräsentation von Carsten Reinhold Schulz mit NEW DECONTEMPORARY projects and projections (www.nudecontemporary.de) im Rahmen der C.A.R., contemporary art ruhr 30.10. – 02.11.2009, in den Hallen von Zeche Zollverein und Zollverein School, Essen, NRW erstellt. Ein Dankeschön an Silvia Sonnenschmidt und Thomas Volkmann, Agentur 162, Wolfgang Spanier und Brita Münster für „support and understanding“


Taped World  

street art, open space theory

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