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Darjan Hil

Wiederentdeckung des Wimmelbildes

Inhaltsverzeichnis Sensibilisieren zum Thema

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Der Begriff des Wimmelbildes

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Das Wimmelbild in Breughels Sprichwörterbild

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Landschaft

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Perspektive und Horizont

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Farbe

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Detaillierungsgrad und Komplexität der Handlung

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Ikonographie

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Literaturverzeichnis

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Bildverzeichnis

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Sensibilisieren zum Thema Wir leben heute in einer von Informationen überfluteten Welt. Jedes Ereignis im Leben eines Menschen wird in Bildern festgehalten. Das Fotografieren ist längst nicht mehr ein Handwerk, welches nur von wenigen Menschen beherrscht wird. Das einfrieren eine Momentes, welches sich in dieser weise nie mehr wiederholen wird, ist zu einer einfach auszuführenden Routine für Jedermann geworden. Ein kritisches Hinterfragen des Bildes bzw. der entstandenen Komposition ist schon lange nicht mehr wichtig, oder besser nicht der Gegenstand allgemeiner Ausbildung. Für den geübten Betrachter sind die meisten Fotografien von einer starken Offensichtlichkeit geprägt. Wenn jemand als Tourist das erste Mal New York besucht, so kann man davon ausgehen, dass in der Reisedokumentation eine Fotografie vom Times Square vorhanden sein wird. In den Zeitungen ist es eine ähnliche Entwicklung zu finden. Elke Grittmann, Doktorandin über Pressefotografie schreibt: „Wer im neuen Jahrtausend durch die bundesdeutschen Tages- und Wochenzeitungen blättert, erhält... den Eindruck, der Fotojournalismus befinde sich im Aufschwung. Noch nie wurden so viele Bilder gedruckt, noch nie wurde so viel Platz für die visuelle Berichterstattung eingeräumt.“1

Grittmann, E: Die Konstruktion von Authentizität. In Kneiper, T. und Müller, M.G. (Hrsg.), 2003, S.131 1

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An dieser Stelle stellt sich die Frage, ob durch die Bilderflut unser Leben besser geworden ist? Kann man bei diesen Bildern von Qualität sprechen, oder eher von einer hohen qualitätlosen Quantität? Die Motivation hinter der Bildreproduktion wird durch folgendes Zitat deutlich: „Insgesamt wird es für Unternehmen immer schwerer, ihre Marken gezielt am Markt zu profilieren - gleichzeitig wird die kraftvolle Profilierung immer wichtiger. Erfolgreich setzen sich jede Marken durch, die eine lebendige und einzigartige Bilderwelt bieten und damit spontan verhaltenswirksame innere Bilder beim Konsumenten auslösen.“2 Das Unternehmen ist heute bestrebt nach aussen ein möglichst starkes und einprägsames Bild zu transportieren, welches zu den Aufgabenbereichen des Marketing gehört. Doch viel gravierender als die Aussensicht einer Firma ist die heutige Entwicklung der Kommunikation selbst. Powerpoint Präsentationen sind das neue Trägermedium zwischen einen Sprecher und dem Publikum geworden. Noch nie war die Sprache so folien- und bilderbasiert wie heute. Hat diese Entwicklung zu einer besseren und reflektierten Kommunikation beigetragen? Hilft es überhaupt irgendjemand, wenn der Inhalt auf ein puzzleartiges Konstrukt von 30 Folien zerlegt wird? Die zeitgenössische Kunst hat sich schon seit langer Zeit von diesen „banalen“ und „offensichtlich“ verstandenen Bildern verabschiedet. Der Prozess der Bilderzeugung ist immer mehr in den Vordergrund geraten. Leicht verständliche (vorher offensichtlich oder banal genannte) Motive werden schnell als Propaganda, als Marketing oder intellektuell schwache Leistung abgestempelt. Aus diesem Grund will ich an dieser Stelle zu einem Künstler Stellung nehmen, welcher es geschafft hat in seinem künstlerischen Schaffen eine grosse Anzahl von Geschichten in einem Bild zu komprimieren. Die Rede ist von Pieter Bruegel den Älteren. Das beachtliche an seinem Werk ist es, dass er für seine Zeit entsprechend, die Bilder allgemein verständlich für viele Bevölkerungsschichten konzipiert hat. Man könnte sogar behaupten, dass diese Werke altersunabhängig sind, denn sie üben noch heute die gleiche Faszination auf Jung und Alt aus. Diese beinahe magische Technik der Umsetzung kann in den heutigen Kinderbüchern vorgefunden werden unter dem Begriff des Wimmelbildes. Der Begriff des Wimmelbildes Leider existiert bis heute keine gängige Definition zum Begriff des Wimmelbildes. Das Wimmeln selbst wird durch das schnelle Bewegen einer grossen Anzahl von zum Beispiel Insekten bezeichnet. Auf der anderen Seite bedeutet der Satz: „der Platz wimmelt von Personen“, dass auf dem Platz eine grosse Anzahl 2

Herbst, D. Scheier, C: Corporate Imagery. Cornelsen Verlag, 2004, S.35

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mit Personen verbundenen Handlungen stattfindet. An dieser Stelle ist es wichtig festzuhalten, dass Wimmelbilder mit statischen Objekten nicht funktionieren würden. Es müssen also Momentaufnahmen von Prozessen bzw. Handlungen festgehalten werden. Dies macht den Hauptreiz von einem Wimmelbild aus. Wir sind in der Lange mehrere Handlungen gleichzeitig zu beobachten, diese zu verstehen und in Relation zur anderen zu bringen, wodurch neue Handlungen entstehen. In früherer Zeit wurde das Wimmelbild auch als Wuzelbild bezeichnet. Die Definition von „wuzeln“ enthält nur einen kleinen Unterschied im Detail zu „wimmeln“. Das Wimmeln kann als ein passiver Beobachtungsprozess verstanden werden, wo eine Person in das Geschehen nicht involviert ist, wohingegen bei „wuzeln“ der aktive Prozess des sich schnell hin und her bewegens verstanden wird. Zwei andere in der Literatur zu findende Begriffe, welche in diesem Zusammenhang erklärt werden müssten sind das Suchbild und das Vexierbild. Das Suchbild kann als eine Art visuelles Rätsel verstanden werden, wo der Betrachter aufgefordert ist ein vorgegebenes Detail im Bild zu finden. Dieses ist meist gut versteckt und in eine grössere Handlung verstrickt. Die heute in den Kinderbüchern verwendeten Wimmelbilder verschmelzen in ihrer Funktion mit dem Suchbild. Ein Beispiel dafür ist die Weltberühmten Kinderbruchreihe, „Wo ist Walter?“ , des Briten Martin Handford. In den grossformatigen detailreichen Zeichnungen ist die Figur des Walters zu finden. Diese ist natürlich in einer überfüllten Szenerie von Menschen und Tieren versteckt und an seiner Brille und dem rot- weiss gestreiften Pullover und der Pudelmütze zu identifizieren. Das Buch wurde bereits in zahlreiche Sprachen übersetzt, wo jeweils der Name Walter umgetauft wurde in Wally (England, Italien, Spanien) , Waldo (USA), Charlie (Frankreich), Willy (Norwegen) und Holger (Dänemark). Häufige Motive sind Stadtszenen, Jahrmärkte und überfüllte Strände. Diese Vertrautheit mit den Schauplätzen übt die Faszination des Bildes aus. Die Handlung ist auf das Verständnis des Betrachters heruntergebrochen und regt eine Art Selbstidentifikation mit Vorkommnissen aus der eigenen Vergangenheit an. Dieser Erfolg ist auch P. Breughel d. Ä. zuzuschreiben, denn er hat es geschafft komplexe Themen der damaligen Zeit in einer allegorischen und amüsanten Weise in das damalige Bauern- und Stadtleben zu transportieren. Er hat es verstanden ernsthafte Themen, wie zum Beispiel „die sieben Todsünden“, in der Tonlage so zu verändern, dass aus dem Schrecken ein Lachen wurde. Zweifelsohne liegen die Wurzeln von P. Breughels Schaffen in den Werken von Hieronymus Bosch, welcher ein halbes Jahrhundert zuvor die Welt mit seinen kreativ- schockierend umgesetzten Stellungnahmen zu Fragen der Moral wachzurütteln und zu erzie-

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hen versuchte. Das Mittel seiner visuellen Kommunikation war das Wimmeln von animalischen Komponenten, Dämonen und Monstern. Im Kontext der geheimnisvollen Visualisierungen des Mittelalters ist der Begriff des Vexierbildes zu erläutern, welches ein im Spätmittelalter verwendetes Stilmittel war versteckte Aussagen zu machen. Ein Künstler musste, bei nicht für die damalige Zeit angemessenen Bildinhalten, damit rechnen bestraft zu werden. So wurde ein scheinbar korrekt konstruiertes Bild durch eine Drehung oder eine geänderte Bildrichtung in einen anderen Zusammenhang gebracht. Einer der berühmten Vertreter dieses Genres ist Giuseppe Arcimboldo, welcher durch komplexe Aneinanderreihungen von Objekten überraschende Portraits und Stillleben komponierte.

Das Wimmelbild in Breughels Sprichwörterbild Im folgenden Abschnitt soll weniger über das Leben und Werk von P. Breughel dem Älteren geschildert werden, sondern viel eher die Dimensionen seines Erfindungsreichtums bezüglich des Genres der Wimmelbilder. Die folgenden Punkte beziehen sich auf das Sprichwörterbild von Pieter Breughel. Landschaft

In den frühen Schaffensjahren hat P. Breughel eine Reise nach Italien unternommen, wo er am meisten von der Natur bei der Alpenüberquerung beeindruckt wurde. Diese Inspiration hat man in seinen späteren Werken wieder gefunden, obwohl es in den Niederlanden des 16. Jahrhunderts noch lange nicht üblich war, sich als Künstler direkt und unvoreingenommen der Natur zu nähren. „Das Malen fand noch lange in geschlossenen Räumen statt und man lernte Kompositionsregeln und die Nachahmung früherer Meister.“3 Der Umstand als Beobachter mit scheinbar bekannten und zugleich imposanten Landschaften konfrontiert zu werden fesselt regelrecht die Aufmerksamkeit und regt zur spielhaften Suche nach Handlungen und Verbindungen zwischen diesen auf. Perspektive und Horizont

P. Breughel scheint die bereits bei Hieronymus Bosch aufzufindenden schmalen Horizonte übernommen zu haben. Es ist ein sehr gutes Stilmittel dem eigentli3 Vöhringer,

Chr.: Pieter Bruegel. Könemann Verlag, 1999, S.36

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chen Geschehen mehr platz zu schaffen. Das Horizont ist vorhanden, jedoch nimmt es nicht mehr als das obere viertel vom Gemälde ein. Die dargestellten Figuren, welche sich in der ersten Linie befinden, sind nicht überproportional gross gezeichnet, da diese sonst zu viel Platz einnehmen würden. Sie beginnen in einer bestimmten Grösse stetig in die Tiefe der Landschaft abzunehmen. Als Beobachter befindet man sich in einer Art Vogelperspektive, welche jedoch nicht zu weit in die Höhe anzusetzen ist, sondern viel eher als ein auf einen Ast sitzender Vogel zu verstehen ist. „Breughel schuf eine raffinierte verschachtelte Phantasiearchitektur vor einer Küste, halb Dorf, halb Stadt und doch mit Raum für Acker, Wald und Meer - gewissermaßen eine Welt für sich.“4 Es ist weiter interessant zu beobachten, dass die Szenerien scheinbar über den Bildrand hinaus führen. Das Bild schneidet offensichtlich einen Teil der Realität heraus. Die dadurch entstehende Energie und Dynamik veranlasst den Beobachter das weitere nicht sichtbare Geschehen zu ergänzen. In den heutigen Wimmelbildern ist der Blickwinkel noch weiter in die Vogelperspektive gerückt, wodurch der Horizont verschwunden ist. Die dargestellten Figuren weisen alle die selbe Grösse auf. Diese Darstellungsart ist vielleicht, im Gegensatz zu Breughel, auf die Tatsache zurückzuführen, dass heute Menschen fliegen können und diese Kompositionsart nicht fremdartig erscheint. Farbe

Die von Breughel verwendeten Gewandfarben sind nicht den tatsächlichen Farben nachempfunden. Sie dienen in der Komposition als reine Akzente um auf bestimmte Sachverhalte aufmerksam zu machen. Detaillierungsgrad und Komplexität der Handlung

Breughels Gemälde sind sehr voll mit Handlungen. Es scheint, dass leere Flächen vermieden wurden um ein Verstricken der Handlungen zu ermöglichen. Ein Mann der mit dem Kopf gegen eine eigens für das Sprichwort gemalte Wand rennt, scheint bei näherer Betrachtung auch in eine andere Handlung verstrickt zu sein. Der Mann trägt eine Schlachtschürze und ein Messer. In seiner unmittelbaren Nähe befinden sich schlachtreife Säue, welche auf das Sprichwort deuten: „Schuster bleib bei Deinen Leisten“.

4 Vöhringer,

Chr.: Pieter Bruegel. Könemann Verlag, 1999, S.49

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Den Gegensatz zu dieser offensichtlichen Komplexität scheint die Tatsache zu stehen, dass jedes der Handlungen und Details vollkommen aus dem Gefüge herausgenommen werden könnte. Die Schärfe der Figuren und der Kontrast ist in jedem Bereich des Gemäldes gegeben und lässt sich autonom betrachten. Die letzten Figuren Sprichwörterbildes beim Meer sind genauso scharf erkenntlich wie die Vorderen. Es gibt keine Elemente im Bild, welche als Unterstützung von einem anderen stehen. Alles ist so detailliert, dass es vollkommen für sich alleine stehen kann. Weiter auffallend ist, dass es Darstellungen gibt, welche unabhängig von ihrer Umgebung sind und dadurch frei im Raum positioniert werden können. Falls die Identifikation der Handlung anhand von kleinen und feinen Details geschieht so befinden sie sich im Vordergrund. Sind auffällige Objekte nötig so wird das Geschehen eher weiter verkleinert und in den weiter entfernten Raum gestellt. Als Beispiel ist das Sprichwort „Rosen vor die Säue werfen“, also etwas unnützes tun, in Breughels Gemälde deutlich zentriert im Vordergrund zu finden. Ikonographie

„Jemand den blauen Mantel umhängen“, den Ehepartner betrügen, ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass sich Breughel von der mittelalterlichen Ikonographie entfernt hat. Sein grosser Verdienst bestand darin, dass er bestrebt war Gemäldedetails nicht im übertragenen Sinne zu konzipieren sondern im direkt ablesbaren. Die Frau, welche ihrem man den blauen Mantel umhängt ist genau wie das Sprichwort es besagt im Zentrum des Sprichwörterbildes vorzufinden und nicht etwa als ein Strauss, welcher im übertragenen Sinn im Mittelalter als Symbol für Untreue galt.

Abschließend möchte ich einen Punkt einbringen, der meiner Meinung nach ein Wimmelbild bzw. Breughels Sprichwörter so ausserordentlich macht. Ich bin überzeugt, dass ein wichtiger Anteil am Erfolg eines Wimmelbildes der Humor ist. Nur Witz vermag einen Beobachter zu veranlassen, dass er ein Bild gerne mehrere Male anschaut und aus diesem lernt. „So übernimmt Bruegel die boshaften Formen zu verschiedenen Zwecken- um zu amüsieren, zu entzücken und zu faszinieren - bringt aber auch seine Originalität zur Geltung.“5

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Silver L: Hieronymus Bosch, Hirmer Verlag München, 2006, S.390

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Literaturverzeichnis Grittmann, E: Die Konstruktion von Authentizität. In Kneiper, T. und Müller, M.G. (Hrsg.), 2003 Grossahns R: Staatlich Museen Berlin - Niederländische Malerei Nr. 710, Aussenamt, Herbst, D. Scheier, C: Corporate Imagery. Cornelsen Verlag, 2004 Silver L: Hieronymus Bosch, Hirmer Verlag München, 2006 Trnek R: Vernissage Zeitschrift zur Ausstellung, 01/01 9.Jahrgang 81, 2001 Vöhringer, Chr.: Pieter Bruegel. Könemann Verlag, 1999 Onlinequellen: www.wiktionary.org (freies Wörterbuch) www.wikipedia.org (freie Enzyklopädie) www.metmuseum.org (The Metropolitan Museum of Art) www.boschbreughel.com (Bosch Brueghel Society)

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Bildverzeichnis Der DJH Tisch-/Wandkalender 2010, Wimmelbild, http://www.jugendherberge.de/lvb/rheinland/info/infomaterial/wimmelbild.htm

Sprichtwörterbild, Pieter Breughel der Ältere, 1559, Gemäldegalerie, Berlin

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Wimmelbilder von damals bis heute