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Ausgabe Zivilgesellschaft im Donauraum

1 | 2017

das magazin für die donauländer

connects danube

Zivilgesellschaft im Aufbruch Wofür sich junge Menschen entlang der Donau engagieren

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Inhalt

UNGARN

LET'S BRIDGE!

Young Generation

ROMAKONFERENZ

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BRÜCKEN BAUEN MIT BESONDEREN STÄRKEN Wie Jugendliche aus verschiedenen Ländern voneinander lernen.............................4-5

HERAUSFORDERUNG FÜR EUROPA Integration von Roma: Konferenz in Budapest..........................6 VON DER IDEE ZUM PROJEKT Baden-Württemberg Stiftung als Partner der Zivilgesellschaft.............8-9

ZIVILGESELLSCHAFT

GRASWURZELDEMOKRATIE Wie neue politische Bewegungen entstehen in Serbien, Ungarn, Deutschland und BosnienHerzegowina........................................12

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VERBINDET

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GROWING FROM MUSIC! Mostar Rock School überwindet ethnische Grenzen............................14 SCHIFF AHOI! Das europäische Projekt Danube Women City Guide startet ...................................................16 TERMINE ...........................................7

DIE FACEBOOK-GENERATION GEHT AUF DIE STRASSE Wie sich junge Rumänen gegen Korruption wehren............10-12

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Musik

LITERATUR .....................................17 IMPRESSUM....................................17

RUMÄNIEN

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Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

O

danube connects gibts auch auf Facebook und Twitter!

hne Gesellschaft ist Glück unmöglich.

Die Weisheit von Seneca ist aktueller denn je. Obwohl die Zivilgesellschaft in den Donauregionen zu kurz kommt, bewegt sie viel für eine friedliche gemeinsame Zukunft.

Nicht nur bei Konferenzen wird lebhaft disku-

tiert, sondern in vielen NGO's werden Projekte

ins Leben gerufen, die Menschen in unterschied-

lichsten Bereichen vernetzen und wertvolle Arbeit

Wir bieten täglich mehrsprachige aktuelle Nachrichten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Tourismus aus den Donauländern. Zudem informieren wir über Projekte der EU-Donauraumstrategie und geben Hinweise auf Veranstaltungen entlang der Donau. Am besten, Sie schauen gleich mal vorbei!

für die Gesellschaft leisten. Der Mutlosigkeit, die sich in Europa breitgemacht hat, zum Trotz: Es

gibt selbstbewusste Bewegungen, auch wenn auf

ihrem Weg zum Ziel Steine liegen. Gerade junge Menschen sind aktiv, bauen Brücken und reißen Grenzen in den Köpfen ein.

Doch es ist auch an uns Erwachsenen, die Verantwortung für ein fried-

liches Beisammensein zu übernehmen, damit Kinder und die Jugend von

heute hoffnungsvoll auf eine Zukunft blicken können. Denn Bildung und das Kennenlernen anderer Länder gehören dazu, um eine gute Zukunft

für den gesamten Donauraum zu schaffen. Genauso ist die aktive Beteili-

Sie haben interessante Infos über den Donauraum?

Wir haben Jugendliche und Menschen in der Donauregion besucht und

Schicken Sie den Link einfach an info@danube-connects.eu.

gung der Politik gefragt.

waren beeindruckt und erstaunt, was sie mit einfachen Mitteln erreicht haben. Lernen Sie außergewöhnliche Projekte und ihre Initiatoren kennen. Let’s bridge!

Sabine Geller,

Chefredaktion und Initiatorin, danube connects

das magazin für die donauländer

Tel. +49 (0)731 153 75 05 Fax +49 (0)731 153 75 06 info@danube-connects.eu www.danube-connects.eu www.facebook.com/danube.connects twitter.com/DanubeConnects


Let's Bridge

BRÜCKEN BAUEN mit besonderen STÄRKEN Die Donau verbindet! Das konnten Jugendliche aus Deutschland und der Ukraine im Projekt „Let’s Bridge“ hautnah erfahren. Vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer haben sie mit ihrem Kleinbus rund 3000 Kilometer hinter sich gelassen, um untereinander und gemeinsam mit anderen TeilnehmerInnen neue Brücken zu bauen. Migration, Jugendarbeitslosigkeit und politische Partizipation der jungen Generation.

Friedensbrücke in Budapest

So vielfältig wie der Donauraum sind die Perspektiven der Jugendlichen dort: Sie zu verstehen und zu diskutieren war Ziel des Projekts. Im Austausch mit Jugendlichen vor Ort und politischen EntscheidungsträgerInnen in insgesamt zehn Städten entlang der Donau hat die junge Reisegruppe nachhaltige Erfahrungen der Völkerverständigung gesammelt und diese in verschiedenen Medienformaten festgehalten. Das intensive Zusammenleben über 15 Tage mit acht Personen unterschiedlicher Herkunft hat der Reise einen besonderen Charakter und tiefe Einblicke in die gegenseitigen Lebenswelten gegeben. Beim ersten Kennenlernen am Frankfurter Flughafen noch vorsichtig herangetastet, ist das bi-nationale Team schnell zu einer kleinen Familie zusammengewachsen. Die Aktivitäten während der Reise haben die Mitarbeit

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und das Engagement jedes Einzelnen erfordert. So wurden schnell Talente und Vorlieben entdeckt, die genutzt und sichtbar gemacht werden konnten. Nachhaltige Erfahrungen hat die Gruppe nicht nur untereinander, sondern vor allem mit den Menschen auf dem Weg gemacht. Das Zusammentreffen mit Jugendlichen vor Ort sowie mit EntscheidungsträgerInnen aus Politik und Hochschule bot beiderseits einen interessanten Austausch mit besonderem Lerneffekt. Hierbei wurden gemeinsam Chancen und Herausforderungen der Jugendlichen aus den jeweiligen Ländern diskutiert. Ob in Wenzenbach, Regensburg, Passau, Wien, Budapest, Bački Monoštor, Belgrad, Svishtov, Bukarest oder Odessa – das Projektteam hat seine tiefen Spuren hinterlassen, neue Einsichten gesammelt und positive Impulse gesetzt. Die Gespräche verliefen hauptsächlich zu Themen wie die Herausforderungen von Flucht und

In jedem Land war die Jugendarbeitslosigkeit sehr präsent. Die Diskussionen über die Vor- und Nachteile der Mitgliedschaft in der Europäischen Union waren ebenfalls oft Teil der Gespräche. Man kann die gesamten Ergebnisse nicht generalisieren oder zusammenfassen. Die Gespräche gaben immer nur einen Bruchteil von einem Einblick in die verschiedenen Lebenswelten, Herausforderungen und Kulturen wieder. Eines wurde dem Team jedoch ganz klar: Die Jugend der Donauregion braucht mehr Zugang zu Mobilität, interkulturellem Austausch und beruflicher Orientierung bzw. mehr Perspektiven. Die Projektgruppe war sichtlich motiviert und spürte durch die Begegnungen eine verstärkte Verantwortung, die eigenen Chancen und Möglichkeiten zu schätzen und sich für andere mehr einzusetzen. Zusätzlich zu den

Donausteg beim Mediencamp, Backi Monostor, Serbien.


Höhepunkt der Reise war Odessa, wo die Projektgruppe ein besonderes Programm erwartete. Gemeinsam mit der Partnerorganisation „Social Academy“ aus Kiew wurde hier eine öffentliche Veranstaltung organisiert, in der Prof. Tsvitkov Olexandr aus Kiev eine Präsentation über die Donaugeschichte, die damit verbundene Entwicklung der Ukraine und die vielen Punkte, welche die Menschen entlang der Donau verbinden hielt. Alle neuen Erkenntnisse wurden täglich über Social Media dokumentiert. So konnten im Laufe der Projekttour ein Blog, eine Facebook-Seite und insgesamt acht Video-Trailer entstehen. Aufgrund der kurzen aber sehr positiven Erfahrungen in den verschiedenen Begegnungen und Ortschaften haben alle TeilnehmerInnen erklärt, dass sie sicher wieder zurückkommen und mit mehr Zeit noch mehr Schönheiten der Donau entdecken würden.

Let's Bridge

FU LA T BE B UR C T . E H H A E N G E.

örtlichen Interviews und Treffen gab es immer wieder Austauschmöglichkeiten und Impulse unter dem Team zu den Themen Demokratie, Friedensbildung, Erinnerungskultur und politische Partizipation.

Ich werde diese unterschiedlichsten Treffen und die Personen nie vergessen, weil jeder Besuch wieder zu neuen Denkanstößen führte. Ich bin so stolz auf unser Team, denn ich weiß, dass wir mit kleinen Schritten etwas für uns ganz Großes bewirkt haben!" Ruslana Bondarenko, Ukraine

Interviews und Social Media-Aktivitäten berichten über das Projekt.

INFO Aufgrund der positiven Ergebnisse war es klar, dass „Let’s Bridge“ weitergehen musste. Mit einem neuen Donauprojekt unter dem Titel „Future Lab“ will der Starkmacher e.V. Jugendlichen der Donau Raum geben, sich gezielt Gedanken über ihre Zukunft zu machen. In einer Art Lernfabrik können sich Jugendliche aus allen Donauländern in bis zu drei Jugendbegegnungen austauschen und voneinander lernen. In der Zukunftswerkstatt bekommen die Jugendlichen die Chance, in sozialen, nachhaltigen und unternehmerischen Aspekten gecoacht zu werden. Sie entwickeln und erarbeiten ihre eigene Idee oder ihr eigenes Projekt, z.B. für ein Start-Up oder ein kommunales Sozialprojekt. Eingeladen sind alle Jugendliche aus Baden Württemberg und den Donauländern im Alter von 18 bis 25 Jahren. Folgende Termine werden angeboten mit einer Teilnahmegebühr von je 100 € (Reduzierung nach Absprache möglich): 21. - 28.08.2017 in Kroatien, 28.10. - 4.11.2017 in der Ukraine, 03. - 08.04.2018 in Mannheim (Abschlussveranstaltung)

Jugendliche, die sich besonders stark engagieren, bekommen die Chance, an der Abschlussveranstaltung in Mannheim ohne Teilnahmegebühr teilzunehmen.

Sonderveröffentlichung der:

Anmeldungen und Infos findet man unter: http://starkmacher.eu/projekte/future-lab

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Roma

Herausforderung für Europa Die Integration der Roma ist trotz großer politischer Pläne eine der größten Herausforderungen Europas, vor allem im Donauraum. Auf der „Roma Inclusion Conference“ vom 6. bis 8. April in Budapest wurden an der deutschsprachigen Andrássy Universität neben strategischen Programmen auch konkrete Projekte präsentiert.

„Duna Romani Luma“, „Die Welt der Roma an der Donau“ heißt das von der Ulmer Europäischen Donau-Akademie (EDA) initiierte und vom Staatsministerium Baden-Württemberg finanzierte Bildungs-, Beschäftigungs- und Integrations-Projekt, in dessen Rahmen auch die Konferenz stattfand. Das Engagement der Institutionen rührt daher, als dass durch Armutsmigration auch nach Baden-Württemberg die Verbesserung der Lebensbedingungen der Roma in Südosteuropa eine gemeinsame Aufgabe aller Donauländer ist. Im Rahmen von Duna Romani Luma wurden bereits ein Kinder-Betreuungshaus im rumänischen Cidreag, ein Beschäftigungsprogramm für Roma-Frauen in Novi Sad, die Schulpartnerschaft zwischen dem Gandhi Gymnasium Pécs und dem Ulmer Anna-Essinger-Gymnasium sowie 2015 eine erste RomaKonferenz in Ulm realisiert. In seinem Grußwort betonte Péter Szegvári, Berater der Budapester Stadtverwaltung, dass das Thema für Ungarns Hauptstadt u.a. aus kultureller und ökonomischer Sicht wichtig sei, daher alle dortigen Roma in den Bildungssektor integriert werden müssten. Peter Langer, Generalkoordinator des Rates der Donaustädte und Regionen, erklärte: „Bei allem Elend und aller Diskriminierung gibt es auch Roma mit großem Selbstbewusstsein, die vieles leisten. Dennoch ist die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen eine der größten Herausforderungen der europäischen Politik, vor allem im Donauraum.“ László Ulicska vom ungarischen Ministerium für Humanressourcen lieferte einen

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Uccu Stiftung: Mentoren-Musikworkshop mit Ferenc Snétberger

Überblick über Ungarns 2011 verabschiedete Roma-Strategie. „In Ungarn konzentriert sich die Roma-Armut besonders auf die nordöstlichen Gemeinden, die grundsätzlich als schwach gelten“, so Ulicska. Der Anteil der Roma unter den von Armut gefährdeten Personen ist seit 2014 rückläufig, doch waren es 2016 immer noch 83 Prozent. „Roma-Akteure oft resigniert“ Gordana Berjan, Geschäftsführerin des Europäischen Jugendzentrums Budapest, erinnerte, dass der Europäische Rat seit 1969 Empfehlungen auf dem Gebiet gibt. „Hilfen wie der Roma-Jugend Aktionsplan sind dringend nötig, damit der Roma-Nachwuchs sich gut entwickeln kann“, verdeutlichte sie. Konkrete Projekte stellte Tea Erdélyi von der Budapester Esély NonprofitGesellschaft vor, etwa ein Mentorenprogramm in Budapest-Csepel, ein

Brettspiel und ein Programm für Berufseinsteiger, durch das Praktika vermittelt wurden. „Diese Vorhaben sollen vor allem für die Bedürfnisse der Roma sensibilisieren, aber auch für den Austausch, etwa der Roma-Generationen untereinander sorgen“, so Erdélyi. Sie schloss mit der Information, dass das neue Budapester Gleichberechtigungsprogramm aufgrund aktueller Entwicklungen auch auf Migranten abziele. Paul Langer, EDA-Projektkoordinator und Konferenz-Organisator, erklärte auf danube connects-Nachfrage: „Das Jahrzehnt der Roma-Integration endete 2015, viele der Probleme blieben aber bestehen. Daher wollen wir mit der Konferenz alle möglichen RomaAkteure zusammenbringen und zum Austausch anregen, um Lösungen zu entwickeln und zu präsentieren – denn sie wirken oft resigniert.“ Prof. Mirko Savić vom Zentrum für Angewandte Statistik der Universität Novi


Daniel Hirsch, Budapest

Termine 2017

2017 29. 06.

International Danube Day

05. - 09.07.

EXIT Festival, Novi Sad (Serbien), Festung Petrovaradin

13. - 15.07. Sea Dance Festival in Budva, Montenegro 16.07./23.07. Fischerstechen auf der Donau Ulm /Neu-Ulm 19. 07.

Sandhimmel, Lesung im Haus der Donau, Ulm

24. 07.

Stadtfeiertag Schwörmontag, Ulm

27.07.

Popfest am Karlsplatz, Wien

09. - 16.08.

Sziget Festival, Budapest

09. - 13.08.

Guca-Trumpet-Festival, Serbien

Events 2017

Sad wies in seinem Vortrag auf das Problem hin, dass ethnische Angaben selten in öffentlichen Statistiken auftauchen. „So kann die Anzahl der Roma in Europa vier - 14 Millionen betragen. Solche Daten sind aber wichtig für das Benchmarking, um Aussagen über Verhältnisse treffen oder Effekte messen zu können.“ Dennoch ließe sich sagen, dass in Europa einzig in der Donauregion der Anteil an Roma in jedem Land über zehn Prozent beträgt, und diese aber auch nur etwa ein Drittel unter den Landesbürgern mit Schulabschluss und Job ausmachen. Gusztáv Varga von der Musikformation Kalyi Jag forderte mehr Beteiligung von Roma und mehr Roma-Vertreter in allen staatlichen Behörden. Er erwarte die Aufstellung eines Europäischen RomaRates, der u.a. auch einen europaweiten Roma-Fernsehsender betreibt und über ein Budget von 1,5 Milliarden Euro verfügen sollte, das die Länder mit RomaBevölkerung zusammen aufbringen.

11.08. - 18.08. Filmfestival, Sarajevo 02. - 24.09. George Enescu International Festival, Bukarest

INFO

07. - 11.09.

Ars Electronica Festival, Linz

Unter 47 eingereichten Projekten wurden fünf Projekte aus fünf Ländern mit Fördermitteln prämiert; sie unterstützen die Teilhabe der Roma entlang der Donau. Darunter etwa „The Association of Roma Intellectuals“ (2.000 € Förderung), das serbischen Roma-Schülern bei der Berufsorientierung hilft, die in Rumänien tätige und Roma miteinander vernetzende Organisation „Young Roma Maramures“ (1.500 €), und die sich für die Begegnung von Roma und NichtRoma einsetzende ungarische „Uccu Roma Informal Education Foundation“ (1.300 €).

16.09.

Kulturnacht, Ulm/Neu-Ulm

11. - 13.10.

Donau-Kulturkonferenz, Pécs

12. – 15.10.

Jahreskonferenz der European Journalists Association, Ljubljana

17.10.

4rd Participation Day of Danube Civil Society Forum, Budapest

18. - 19.10. Jahresforum der EU-Donauraumstrategie, Budapest 08. - 12.11.

Internationale Messe BUCH WIEN, Wien

10.11.

Donausalon, Haus der Donau, Ulm

16. - 19.11.

Europäische Literaturtage in Spitz

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Zivilgesellschaft

Starke Entwicklung der Partizipation in der EU Donauraumstrategie Die dritte Ausgabe der Danube Participation Days fand am 2. und 3. November 2016 erstmals über zwei Tage in Bratislava (Slowakei) statt. Etwa 210 VertreterInnen der Zivilgesellschaft, Städte und Gemeinden, der Wissenschaft und Ministerien aus dem gesamten Donauraum diskutierten über die jüngsten Entwicklungen zu Partizipation und Nachhaltigkeit in der EU-Donauraumstrategie (EUSDR). Die beiden Tage standen unter dem Motto “Working towards Sustainable Development: Civil Society, Local Actors and EU strategies”. Hochrangige ExpertInnen wie der EU-Kommissar a.D. Franz Fischler und die Staatsrätin des Bundeslandes Baden-Württemberg, Gisela Erler, bestätigten das Eingangsstatement von EU-Kommissarin Corina Crețu und betonten die Bedeutung von Partizipation und sozialer Innovation für eine nachhaltige Entwicklung des Donauraumes. Georg Mildenberger (Zentrum für soziale Investitionen und Innovationen der Universität Heidelberg) präsentierte aus der Arbeitsgruppe zur sozialen Innovation die Forderung nach einem breiten inklusiven und partizipativen Politikansatz, der soziale Innovation im Donauraum erst wirklich ermögliche. Georg Mildenberger führte aus, dass insbesondere die Zivilgesellschaft und die lokalen Akteure großes Potenzial zur Lösung der vielfältigen Herausforderungen des Donauraumes haben. Ihre enge Verknüpfung mit den BürgerInnen und den anderen Sektoren der Gesellschaft sei eine ihrer besonderen Stärken. Die Arbeitsgruppe Open Governance forderte den nutzerfreundlichen und einfachen Zugang zu wichtigen öffentlichen Daten, etwa auf entsprechenden

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Plattformen, die die Partizipation der Zivilgesellschaft vereinfachen und oft erst ermöglichen würde. Der Arbeitstag fand mit einem glanzvollem Empfang, gegeben vom Bürgermeister der Stadt Bratislava, im Rathaus seinen Höhepunkt. Am zweiten Tag wurde das Thema Partizipation und Nachhaltigkeit aus der Perspektive der Regionen, der Städte und Gemeinden diskutiert. Das Danube Civil Society Foum (DCSF) und die Priority Area 10 der EUSDR luden gemeinsam mit dem Rat der Donaustädte und Regionen (CoDCR), der Danube Local Actors Platform (D-LAP) und der ARGE Donauländer zu einer vertieften Diskussion. Das zugrunde liegende Konzept der Danube Participation Days wurde in den letzten fünf Jahren von Stefan Lütgenau, DCSF, und der Priority Area 10 der EUSDR entwickelt. Die Priority Area 10 (in gemeinsamer Verantwortung der Stadt Wien und dem Centre for European Perspective in Slowenien) verantwortet den Prioritätsbereich „Institutionelle Kapazitätsentwicklung und Kooperation“ und damit auch die Agenden zur Zivilgesellschaft in der EUSDR. Die 3. Danube Participation Days in Bratislava knüpften mit ihrer direkten zeitlichen und örtlichen Nähe zum

Jahresforum der EUSDR an die junge Tradition der Jahre 2014 (Eisenstadt/ Wien) und 2015 (Ulm) an. Die Baden-Württemberg Stiftung unterstützt die Danube Participation Days mit ihrem Programm Perspektive Donau: Bildung, Kultur und Zivilgesellschaft für den Zeitraum von 2016 – 2018. Das EU Ladder Project unterstützt zusätzlich die Danube Participation Days der Jahre 2016 und 2017. Ein Konsortium aus Agapedia gGmbH, dem Rat der Donaustädte und Regionen, der ARGE Donauländer, der Priority Area 10 in Wien, dem Zentrum für soziale Investitionen und Innovationen der Universität Heidelberg sowie der Andrassy Universität in Budapest, dem Netzwerk Zivilgesellschaft in der EUSDR in Baden-Württemberg und dem Civic Participation Forum in Bulgarien arbeitet gemeinsam an der inhaltlichen Gestaltung der Danube Participation Days 2016 – 2018. Der diesjährige Danube Participation Day wird am 17. Oktober 2017 an der Andrassy Universität in Budapest stattfinden. 2018 lädt das bulgarische Civic Participation Forum zum 5th Danube Participation Day nach Sofia (weitere Information in der Infobox). Partizipative Regierungsführung hat in der EUSDR eine besondere Bedeutung in der Ergänzung des Top-Down


Zivilgesellschaft

Aufgrund der gegenwärtigen Herausforderungen der EU sind der gesellschaftliche Konsens und die Beteiligung der Zivilgesellschaft heute wichtiger denn je”. Corina Crețu, EU-Kommissarin für Regionalpolitik bei den 3. Danube Particpation Days in Bratislava

Danube Participation Days

Ansatzes und zum Ausgleich der „Drei Neins“ (kein neues Geld, keine neuen Institutionen, keine neue Gesetzgebung). Die systematische Umsetzung von bottom-up Methoden und Ansätzen, die Zivilgesellschaft und lokale Akteure einbinden, ist ein zentrales Element für den Erfolg der EU-Donauraumstrategie. Hier kommen NGOs und lokale Akteure aus unterschiedlichsten Arbeitsgebieten (Umwelt, Soziales, Kultur, Bildung, Wissenschaft) mit Entscheidungsträgern auf Regierungsebene und Verantwortlichen für die EUSDR zu einem Meinungs- und Erfahrungsaustausch zusammen. Unterstützt wird dies zusätzlich durch die enge Einbindung der Danube Local Actor Platform (D-LAP). Die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend. Für das Jahr 2017 sind acht National Participation Days geplant. Von Ulm, Eisenstadt, Prag, über Bratislava, Ljublana und Sofia bis hin zu Chisinau und Odessa werden VertreterInnen aus Zivilgesellschaft mit PartnerInnen aus Politik, Verwaltung, Städten und Gemeinden zusammengebracht. Vertrauensbildung ist eines der vielen wesentlichen Resultate dieser Prozesse und Gespräche. In den post-sozialis-

tischen Transformationsländern des Donauraumes und in den westlichen Demokratien ist das Vertrauen zwischen Regierenden und der Zivilgesellschaft stark ausbaufähig oder schwindet. Dies begünstigt eine wachsende Polarisierung der Gesellschaften und einen Zuwachs von populistischen Parteien. Das beim Startschuss der EU-Donauraumstrategie im Jahr 2011 ausgegebene Ziel von Ministerpräsident Winfried Kretschmann, die Strategie mit Leben zu füllen, ist heute wichtiger denn je. Die Danube und die National Participation Days sind ein zentrales Element, um diese Ziel zu erreichen.

Am 17. Oktober 2017 wird der 4. Danube Participation Day in der Andrassy Universität stattfinden, gefolgt vom Annual Forum der EUSDR am 18. - 19. Oktober 2017 in Budapest. Unter dem Titel “Paving the Path: Science meets Innovation and Participation”, werden das Verhältnis von Partizipation, guter Regierungsführung und Wissenschaft analysiert und diskutiert. Für Ihre Teilnahme kontaktieren Sie bitte office@foster-europe.org Weitere Informationen zur Partizipation in der EUSDR, dem DCSF, der D-Lap und den Participation Days finden Sie unter: www.danubestrategy.eu www.danube-capacitycooperation.eu

TERMINE:

Prag 30.05.2017 Bukarest 22.06.2017 Stuttgart, 29.6.2017

Sonderveröffentlichung der:

weitere Termine in Planung: Chisinau, September 2017 Odessa, September 2017 Eisenstadt Herbst 2017 Ljubljana Herbst 2017 Bratislava Herbst 2017

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Politik

RUMÄNIEN

Die Facebook-Generation geht auf die Straße Die Mehrheit der rumänischen Protestbewegung ist jung, nutzt soziale Medien, richtet sich gegen die Eliten und will mehr Europa. Es geht um Freiheit, Rechtsstaat, Anstand und Bürgersinn. Eine Spurensuche im Westen des Landes: Wer sind die jungen Demonstranten? Ein asiatisches Restaurant in Temeswar. Hier treffe ich Dan Caramidariu, Mitte 30, Jurist, Hochschuldozent und Kolumnist. Auch mit den zurückliegenden Massenprotesten hat er sich beschäftigt: „Ich war auch dabei, weil ich der Meinung war, dass die Regierung zurückrudern muss. Das hat sie dann auch gemacht. Und ich wollte mir diese Leute ansehen. Ich wollte sehen, wie sie ticken. Und mein Eindruck ist der: Sie waren sich alle einig, dass sie für die richtige Sache protestieren. Aber wie das Ganze funktioniert, das wissen sie nicht.” Dan Caramidariu lehnt sich zurück, wird nachdenklich. Da ist einerseits das Wahlergebnis der jüngsten

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Parlamentswahl. Diese hat der sozialdemokratisch geführten Regierung eine satte Mehrheit beschert. Und andererseits sind da jene Hunderttausende, die kurze Zeit später genau gegen die mit großer Mehrheit gewählte Regierung auf die Straße gegangen sind: „Es stellt sich folgende Frage, nämlich ob diese junge, urbane, etwas wohlhabendere Schicht überhaupt an den Wahlen vom Dezember 2016 teilgenommen hat. Ich bin überzeugt, dass viele von den jungen Leuten, die Anfang Februar auf die Straße gegangen sind, eigentlich bei den Wahlen nicht dabei waren. Dass sie nicht gewählt haben. Dass die Leute auf die Straße gegangen sind, finde ich gut. Besser wäre es, wenn sie auch wählen gehen würden.” Die Wahlbeteiligung bei den jüngsten Parlamentswahlen lag bei unter 40 Prozent. Wählen gehen, sich politisch engagieren − das ist bei der Mehrheit der jungen Erwachsenen nicht gerade sexy. „Das ist eine Facebook-Generation.

Das sind Leute, die sich auf Facebook herumtreiben, die Fotos auf Instagram hochladen, ja. Und die ständig twittern und so. Was ihnen aber fehlt, ist die politische Bildung. Sie haben sich wahrscheinlich in den letzten Jahren geärgert über so manche Unzulänglichkeit der rumänischen Gesellschaft. Und sie haben inzwischen Erwartungen an die Regierung entwickelt, ohne überhaupt politisch aktiv zu sein und ohne überhaupt wählen zu gehen. Politisch würde ich sie, und das mag vielleicht arrogant klingen, als eher unbedarft einschätzen.” Industriebrachen und schrumpfende Stadt Unterwegs im Rathaus der westrumänischen Industriestadt Resita, gut 150 Kilometer von Temeswar entfernt. Auf einer der Anhöhen des Banater Berglandes, die die Stadt umgeben, zeugt


as ist mein hart „ Dgewonnenes Recht, in

ein metallisches großes Zahnrad von der einstigen Größe dieser Stadt: Bis Anfang der 1990er-Jahre waren die zahlreichen Fabriken hier noch intakt. Knapp drei Jahrzehnte später prägen Industriebrachen das Stadtbild. Im Rathaus sitzt aber jemand, der als Hoffnungsträger für ein besseres, moderneres, demokratischeres Rumänien gilt: Ion Popa, Mitte 50, offenes dunkelblaues Hemd, Jeans, weder Krawatte noch Sakko. Der Mann sieht eher aus wie der Manager eines Start-Up-Unternehmens als wie der Bürgermeister einer kränkelnden Industriestadt. Grinsend zeigt er auf eine ungewöhnliche Vase auf seinem Schreibtisch. Statt Blumen stehen darin – abgepackte Nudeln! Popa hatte es nach der rumänischen Revolution im Dezember 1989 vom Geldwechsler in den staubigen Straßen Resitas bis zum Inhaber einer der größten Nudelfabrikanten Rumäniens gebracht. Man nennt Popa auch den NudelMillionär.

„Dann habe ich bemerkt: Diese Stadt sieht nicht sehr gut aus. Ich habe ja noch zwei Kinder, vier Jahre und acht Jahre alt. Seit ich die Kinder habe, bin ich schon mehr auf die Straßen gegangen. Und am Ende habe ich gesagt: Eh, ich probiere die Stadt zu verändern weil ich glaube, in den 27 Jahren ist es eher nach unten gegangen. Von ehemals 120.000 Einwohnern haben wir jetzt noch 73.000. Wir haben mehr als 50.000 Leute verloren. Die Industrie ist kaputt gegangen.“ Hinzu kommt: Viele frühere Bürgermeister von Resita hatten nur eines im Sinn, nämlich sich die eigenen Taschen zu füllen. „Der frühere Bürgermeister ist im Gefängnis für drei Jahre. Derjenige, der vor ihm dran war, ist auch im Gefängnis. Da kann man sehen, wie gut es der Stadt gegangen ist", meint er leicht ironisch. Fakt ist: Genau solche Ver-

einer Demokratie wählen zu gehen – und das habe ich ausgeübt." Raluca Nelepcu

gehen sollten nach der umstrittenen Eilverordnung der neuen Regierung aus dem Strafgesetzbuch getilgt oder abgemildert werden. Geht gar nicht, fand Ion Popa und beteiligte sich auf seine Weise an den Protesten − durch einen in ganz Rumänien einzigartigen Bürgermeister-Streik. „Und dann habe ich gesagt: Stopp, ich arbeite von diesem Moment nicht mehr. Dann habe ich einen Streik gemacht. Und mit mir zusammengekommen sind ein paar hundert Leute in Resita. Da ist nichts mehr passiert seit 1989. An einem Tag haben wir 1500 Leute gehabt. Jeden Abend waren wir zusammen.” Ein Bürgermeister, der zusammen mit seinen Bürgern auf die Straße geht, gegen die Zentralregierung im fernen Bukarest: Das ist einzigartig in Rumänien. Und Ion Popa ist durch den Verkauf seiner Nudelfabrik an italienische Investoren finanziell unabhängig und immun gegen Bestechung. Nun fühlt er sich in der Pflicht, etwas für seine Stadt zu tun: „Zum Beispiel machen wir eine neue Tram-Linie von elf Kilometern. Das alleine kostet 25 Millionen Euro für Mobilität. Dann haben wir verschiedene Projekte zum Energiesparen. Da geht es um Privathäuser, diese großen Blöcke. Und wir haben diese Schulen: sieben theoretische Schulen. Das machen wir alles neu mit europäischem Geld. Und wir haben einen 15 Hektar großen Industriepark eingerichtet.“ Der harte Kern lässt nicht locker Zurück in Temeswar: Raluca Nelepcu, Mitte 30, ist Redakteurin der deutschsprachigen „Banater Zeitung“. Sie schaut gerade die aktuellen Meldungen

Zivilgesellschaft

der Nachrichtenagenturen durch. Zwar gehen inzwischen deutlich weniger Menschen auf die Straße als zu Beginn der öffentlichen Proteste, dafür aber werden die Aktionen immer kreativer. Dennoch macht sich Raluca Nelepku Gedanken, weshalb die Mehrzahl der rumänischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen sich nicht politisch engagiert, außer auf der Straße zu demonstrieren: „Ich habe so das Gefühl, dass man so enttäuscht ist von der Politik – man denkt: Egal, wen man wählt, man hat eine schlechte Wahl getroffen. Man geht aus Enttäuschung lieber überhaupt nicht wählen. Ich bin wählen gegangen, auch wenn ich vielleicht nur das kleinere Übel gewählt habe. Ich war auch nicht hundertprozentig überzeugt. Aber ich bin wählen gegangen, denn das ist mein hart gewonnenes Recht, in einer Demokratie wählen zu gehen – und das habe ich ausgeübt.“ Für das kleinere Übel stimmen müssen − das trifft das Grundproblem der

Bestens vernetzt in der digitalen Welt: Andreea Oance (links) und Raluca Nelepcu, Redakteurinnen der „Banater Zeitung“

rumänischen Politik. Denn fast täglich wird etwas Neues über korrupte Politiker in den Regierungsparteien veröffentlicht – und nicht nur bei ihnen, sondern auch bei der Opposition. Das aber stößt gerade jungen Rumäninnen und Rumänen bitter auf. Andreea Oance, danube connects 01I 17

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Zivilgesellschaft

Der „Amazonas Europas“ UNGARN

die auch als Redakteurin der „Banater Zeitung“ arbeitet, sagt: „Die Jugend, die jungen Leute in Rumänien, die sind eben total entsetzt, wenn sie sehen, dass sich wirklich nichts ändert. Dass die Politiker immer die gleichen sind, die pendeln von einer Partei zur andern. Ich weiß nicht, wie man das politische Leben in Rumänien wieder beleben kann." Einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es: Zwar wurden bei den Parlamentswahlen im Dezember die Sozialdemokraten mit post-kommunistischem Anstrich stärkste Partei. Gleichzeitig kam jedoch erstmals eine neue Partei ins Parlament, getragen von einer jüngeren, bisher unverbrauchten Politiker-Generation, die „Union Salvats Romania“. Die vornehmlich jüngeren Abgeordneten der „Union Salvats Romania“ haben zwar kaum politische Erfahrung. Dass sie aber bei den Wahlen überhaupt den Einzug ins Parlament geschafft haben, wertet Andreea Oance bereits als Hoffnungszeichen. Thomas Wagner, Journalist

Sie kam aus dem Nichts und wurde vom Erfolg überrollt: Die Bewegung Momentum hat die Träume der ungarischen Regierung von einer Bewerbung um die Olympischen Sommerspiele 2024 zu Jahresbeginn zum Platzen gebracht. Innerhalb weniger Wochen hat Momentum fast 270 000 Unterschriften für ein Referendum über die OlympiaBewerbung gesammelt. Eine Überraschung für die Momentum-Organisatoren um den 28jährigen Juristen Andras Fekete-Györ, aber auch für den rechtspopulistischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. Um eine Abstimmungsniederlage zu vermeiden, verzichtete seine Regierung auf die prestigeträchtige Olym-

pia-Bewerbung. Momentum, die sich pro-europäisch, ideologiefrei und pragmatisch gibt, hat sich ein weiteres Ziel gesetzt: Nach der Zulassung als Partei will die Bewegung bei den Parlamentswahlen im Frühjahr 2018 die Fünf-Prozent-Hürde überwinden. Angesichts der zerstrittenen Opposition könnte Momentum damit zu einer ernsthaften Alternative für die ungarischen Wähler werden. Thomas Zehender, danube connects

SERBIEN Ähnlich wie Viktor Orbán in Ungarn � � in Serbien vereint Aleksandar Vucic immer mehr Macht auf sich – ebenfalls dank einer zerstrittenen Opposition. So war es wenig überraschend, dass Vučić das Amt des Ministerpräsidenten aufgegeben hat und sich Anfang April zum Staatspräsidenten wählen ließ. Bereits im ersten Wahlgang holte er die absolute Mehrheit. Viel mehr überraschten die anhaltenden öffentlichen Proteste nach der Wahl, organisiert von jungen Bürgern ohne parteipolitische

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Bindung über die sozialen Medien. Sie warfen dem scheinbar allmächtigen Politiker Wahlmanipulation und Korruption vor. Nicht nur in der Hauptstadt Belgrad, in Niš als zweitgrößter Stadt Serbiens oder Novi Sad zeigten sich die Demonstranten, selbst durch das Provinzstädtchen Sombor zog ein Protestzug. Rücktrittsforderungen perlen an Aleksandar Vučić jedoch ab. Seine Taktik geht auf: Innen mit eiserner Hand durchregieren, Medien und Opposition fest im Griff, nach außen als verlässlicher EU-Beitrittskandidat auftreten. tze

Im Stil eines Alleinherrschers bestimmt � � die serbische Politik: Aleksandar Vucic erst als Regierungschef, nun als Staatspräsident.


Zivilgesellschaft

BOSNIEN-HERZEGOWINA Während der Belagerung von Sarajevo schoss die jugoslawische Volksarmee � im August 1992 das markanteste Gebäude der Stadt in Flammen: die Vijecnica, das ehemalige Rathaus und seit 1947 Sitz der Nationalbibliothek von Bosnien.

Wiederaufbau und Renovierung dauerten von 1996 bis zum Mai 2014. Doch bis heute verwehrt die Stadtverwaltung der Nationalbibliothek den Wiedereinzug in die Vijećnica und vermietet stattdessen die repräsentativen Räume für kommerzielle Events. Dagegen – und gegen weitere Missstände – kämpft die linksgerichtete politische Organisation „Jedan grad, jedna borba“ (eine Stadt, ein Kampf). Als Graswurzelbewegung will sie die Bürger informieren und andere Gruppen bei ihrer Selbstorganisation unterstützen, um Druck auf die politisch Verantwortlichen auszuüben. Themen sind vor allem die negativen Auswirkungen der Privatisierung von Gesundheitsversorgung und öffentlicher Ressourcen sowie der Deregulierung

der Wirtschaft angesichts einer zerbrochenen, unterdrückten politischen Mehrheit. tze

Die Vijecnica, das Rathaus von � Sarajevo gilt als eines der schönsten Beispiele des pseudomaurischen Stils.

DEUTSCHLAND Immer wieder sonntags treffen sich europafreundliche Bürger in zahlreichen deutschen Städten, schwenken Europafähnchen, hören Reden zu und verbreiten eine positive Stimmung. Pulse of Europe, eine Bürgerinitiative eines Frankfurter Rechtsanwalts-Ehepaars, bringt sie auf die Straßen, organisiert vor allem über soziale Medien. Seit Ende März finden diese Kundgebungen auch in Ulm statt, meistens verbunden mit einem symbolischen Gang über die Donau hinüber in die bayerische Schwesterstadt Neu-Ulm. Obligatorisch bei jedem Stelldichein von

Pulse of Europe sind das Singen der Europahymne und das Verlesen der zehn Grundsätze der Bewegung, die sehr allgemein gehalten sind. „Reformen sind notwendig“ heißt es zum Beispiel an siebter Stelle.

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Konkrete Aussagen wie sie jüngst die Politologin Ulrike Guérot („Weshalb Europa eine Republik werden muss“) veröffentlicht hat, sind nicht zu erkennen – weder zur EU-Erweiterung noch zum Verhältnis zwischen Nationalstaaten und Europäischer Union. tze

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Musik

Mostar Rock School

Growing from Music!

Orhan „Oha" Maslo, einer der Initiatoren der Mostar Rock School

Die bosnisch-herzegowinische Stadt Mostar ist seit dem Ende des Balkankrieges zweigeteilt. Katholische und moslemische Kinder werden getrennt und unterschiedlich voneinander unterrichtet. Der Musiker Orhan Maslo will diese ethnische Trennung unterbinden und gründet „Mostar Rock School“, ein Ort, in dem Kinder gemeinsam Musik machen. Trotz des Erfolges hat er mit vielen Problemen zu kämpfen. Im Interview erzählt er, weshalb es sich lohnt, für dieses Projekt zu kämpfen und was er sich von der Zukunft erhofft. Wie kamen Sie auf die Idee, eine Rock School zu gründen? Ich lebte nach dem Balkankrieg in einem Kinderheim in Mostar, als die Organisation „Apeiron de Art“, eine Gemeinschaft lokaler Musiker, Kindern in Schulen Musikunterricht gab. Schon damals dachte ich, dass es wunderbar wäre, solch eine Institution zu gründen. So ist diese Idee aus Jugendträumen entstanden. Mithilfe eines Freundes habe ich 2001 „Growing from Music“ gegründet, dessen Name mein eigenes Leben beschrieb. 2011 lernte ich Kollegen von der holländischen Organisation „Musicians without Borders“ kennen, die eine Rock School im kosovarischen Mitrovica hatten. Ich fand die Schule super und so wurde im August 2012 Mostar Rock School gegründet, als sich acht Mädchen und Jungs zusammen mit vier Lehrern im Rock Camp in

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Skopje trafen. Bei ihrer Rückkehr haben diese jungen Musiker so viel positive Energie mit nach Mostar gebracht, dass wir im ersten Jahr um die 90 Anmeldungen hatten. Seitdem wächst die Zahl der Interessenten stetig. Weshalb wollten Sie die Schule in Mostar eröffnen? Hier bin ich geboren und ich will der Stadt was zurückgeben. Leider ist Mostar in den Medien immer wieder mit schlechten Nachrichten vertreten. Es ist Zeit, dass sich das Image der Stadt ändert. Sie ist seit dem Balkankrieg politisch geteilt und in Schulen wird Segregation vorangetrieben. Man sagt, die Kultur sei zehn Jahre der Politik voraus. So wollte ich kulturell was bewegen. Es war und ist unser Ziel, Kinder und Jugendliche von der Straße zu holen, damit sie sich kennenlernen und

annähern. Das geht am besten, wenn sie gemeinsam etwas erschaffen und auf ihre Arbeit stolz sein können. Wir, die ältere Generation, sollten ihnen solch eine Plattform anbieten und sie in ihrem Tun unterstützen, damit sie Hoffnung haben und an eine gute Zukunft glauben können. Wie konnten Sie die Eltern überzeugen, ihre Kinder in Ihre Musikschule zu schicken? Dazu haben Kinder und Jugendliche selbst beigetragen. Es gab sicherlich Bedenken einiger Eltern, was auf die Medien und Politik zurück zu führen ist. Andererseits wurde ich Zeuge, wie genau diese Eltern Seite an Seite eine wundervolle Zeit auf den Konzerten ihrer Kinder verbrachten.


Musik

Was sind die größten Probleme, mit denen Sie zu kämpfen haben? Die Faulheit kann der größte Feind des Menschen sein. Und das trifft leider auf den ganzen Balkan zu. Der Großteil der Bevölkerung ist vom politischen System und der Regierung enttäuscht. Sie glauben weder an sich noch an ihre Stimme. So legen sie ihren Kindern nahe, so schnell wie möglich die Schule zu beenden und das Land zu verlassen, um sich im Ausland eine bessere Zukunft zu sichern. Desinteresse steht im Vordergrund. Das ruft die lethargische Faulheit hervor, welche diese Unmenschen nutzen, die sich Politiker nennen und wie im 18. Jahrhundert herrschen! Die Ungebildeten besiegen die Gebildeten. Das ist ein ernst zu nehmendes Problem. Weshalb haben Sie nicht aufgegeben, als die finanzielle Unterstützung fehlte? Wer würde es schon übers Herz bringen, hunderte Kinder auf die Straße zu setzen? Und ja, es gibt auch solche Menschen. In der heutigen Welt herrscht der Kapitalismus und die Priorität liegt bei den meisten zuerst bei sich selbst. Doch wir haben jahrelang Gutes gesät und haben gehofft, dass es Früchte tragen würde. Wir haben nicht aufgegeben und es hat sich gelohnt.

Musik auf dem Balkan, wie Turbofolk zum Bespiel, die Sexismus und Nationalismus verbreitet. Gute Musik allerdings betrügt und lügt nicht. Du kannst alles spüren. Deswegen wird sie auch als universelle Sprache verstanden und auch so eingesetzt. Wann haben Sie erkannt, dass diese Schule was bewegt? Im Musik Camp 2016 nahmen Kinder und Jugendliche aus 18 bosnisch-herzegowinischen Städten teil. Die meisten davon aus kleinen Orten, an der Grenze zwischen der Föderation und der Republika Srpska gelegen. Also Orte, wo nicht in Jugend und Kindheit investiert wird. Wir haben bemerkt, wie viel ihnen unsere Schule bedeutet. Das sagt schon alles über den Erfolg des Projekts aus. Die Politik kann gar so viel Hass säen, um unsere Liebe, die wir streuen, auszurotten! Hat die Musikschule was in den Köpfen der Eltern bewegen können? Ich hoffe es sehr. Die jungen Menschen sind engagiert und wissen, was sie wollen. Und seit sie bemerkt haben, dass ihre Träume wahr werden, sind sie umso motivierter. Die Eltern können viel von ihren Kindern lernen.

Ihr Wunsch für die Zukunft? Dass das Volk klüger wird. Sonst wird es keine gesellschaftliche Evolution geben. Was den Wunsch in Bezug auf das Projekt anbetrifft: Mostar, die Stadt, die noch politisch zweigeteilt ist, soll Zentrum der Musik-Szene des Balkans werden! Mirella Sidro, Journalistin, Augsburg

INFO Orhan „Oha" Maslo, Jahrgang 1978, arbeitet seit 17 Jahren in der Musikindustrie. Der Musiker, Manager und Produzent spielte als Percussionist u.a. für Dubioza Kolektiv, Mostar Sevdah Reunion, Dutch Metropole Orchestra. Er lebt und arbeitet in Mostar. Musik ist für ihn die universelle Sprache, die Brücken baut.

Mostar Rock School in concert im Musik-Center Pavarotti in Mostar, April 2017

Vom wem erhalten Sie aktuell die größte Unterstützung? Dank der schwedischen SIDA (Behörde für internationale Entwicklungszusammenarbeit) und USAID ist unsere Existenz bis 2020 gesichert. Auch hat die Stadt Mostar ab 2017 die Kosten der Miete unserer Räumlichkeiten übernommen. Weshalb denken Sie, dass Musik verbindet und eine ethnische Teilung auf dem Balkan unterbindet? Ich muss Sie verbessern: Moderne urbane Musik verbindet. Es gibt leider

www.mostarrockschool.org www.mostarrockschool.org/web/en/about_staff.htm

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Civil Society

Schiff ahoi!

Das Projekt "Danube Women City Guide" will historisches und aktuelles Wirken von Frauen in den Donaustädten sichtbarer machen. Anbieter von Stadtspaziergängen und -führungen aus der Sicht von Frauen sollen in Städten und Kommunen entlang der Donau vernetzt werden. Europäische Partnerschaft Das Vorhaben wird von der Universität Ulm koordiniert, die Partnerorganisationen kommen aus Österreich, Ungarn, Kroatien, Serbien und Rumänien. Fachleute aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft, Kultur und Medien werden ein Jahr lang gemeinsam recherchieren, Erfahrungen und Einsichten austauschen und ihre Ergebnisse medial gestalten. Während des Internationalen Donaufests Ulm/Neu-Ulm 2018 wird eine Publikation präsentiert, die auf das Wirken von Frauen in den Donaustädten aufmerksam macht. Begleitend dazu werden auf der Website https://women.danube-stories.eu nicht nur die Ergebnisse der europäischen Auseinandersetzung gezeigt, sondern auch Angebote von Frauenstadtführungen und -spaziergängen verlinkt, sodass im Laufe der Zeit ein Netzwerk für „Donaufrauen“ entsteht. Unterstützt wird das Projekt von der BadenWürttemberg Stiftung im Programm „Perspektive Donau: Bildung, Kultur und Zivilgesellschaft“.

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Das europäische Projekt "Danube Women City Guide" startet seine Reise. Rechtzeitig im Vorfeld des Europatags fand Anfang Mai die Auftaktveranstaltung eines neuen Donauprojekts statt – mit einer Schifffahrt von Wien nach Bratislava auf der Donau.

Bei der Startveranstaltung in Wien nahmen auch zwei Vertreter des Teams Novi Sad 2021 teil, das für die Vorbereitung der Aktivitäten der serbischen Stadt als „Europäische Kulturhauptstadt 2021“ verantwortlich ist. Tamara Zelenović Vasiljević, leitende Geschäftsführerin der Novi Sad 2021-Stiftung, und Vuk Radulović, zuständig für die internationalen Kooperationen, zeigten sich

von Frauen in der Kunst. Und wir wollen auch bessere Positionen für Frauen als Künstlerinnen und Kultur-Managerinnen erreichen.” Die europäische Auseinandersetzung wird auch die Folgen des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien um die Jahrtausendwende auf Frauen und ihre Geschichte einbeziehen.

Die Frauenstadtführung in Wien beginnt vor dem Parlament

höchste interessiert am Projekt, denn das Thema Repräsentation von Frauen bildete einen starken Fokus im Antrag der Stadt auf den begehrten Titel einer Europäischen Kulturhauptstadt. „Wir sind bereit unsere Stadt im Donauraum zu vernetzen und werden dieses Projekt gerne mit unserer Kooperation unterstützen“, erläutert Tamara Zelenović Vasiljević. „Es ist so wichtig, die Geschichte von Frauen zu sehen, besonders im Hinblick auf das kulturelle Erbe und die Perspektive

Projektstart in Ulm In Ulm startete das Projekt bereits zum internationalen Frauentag 2017, mit einer Frauenstadtführung. Der Schwerpunkt liegt darauf, junge Frauen für die Lebensleistungen von Frauen zu sensibilisieren und sich mit ihren eigenen Zukunftsvorstellungen auseinander zu setzen. In Vorbereitung sind Projektaktivitäten mit der St. Hildegard-Schule, dem Anna-Essinger-Gymnasium und der Hochschule Neu-Ulm. Christiana Weidel, Wien


Literatur

Es gibt viele Bücher über Porajmos, den Völkermord an den europäischen Roma und Sinti zur Zeit des Nationalsozialismus. Doch wenige Publikationen beschäftigen sich mit der Geschichte der Bürgerrechtsbewegung Deutscher Roma und Sinti. Die Autorin Behar Heinemann, Romni aus dem ehemaligen Jugoslawien, schrieb nun einen Band über Romani Rose. Sein Name ist untrennbar verbunden mit dem Kampf um Anerkennung der Minderheit und Ausgleich für das erlittene Leid im Zweiten Weltkrieg. Der Menschenrechtler gilt seit einem halben Jahrhundert als Symbol für Gerechtigkeit und steht für Versöhnung mit der Mehrheitsgesellschaft. Die Autorin Heinemann, die seit 25 Jahren in Deutschland lebt, ist bestens mit seiner Arbeit vertraut. Mit ihrem Buch leistet sie einen wesentlichen Beitrag zur Versöhnung. Behar Heinemann: Romani Rose – ein Leben für die Menschenrechte. Verlag: danube books 228 Seiten, 21 x 24 cm, Hardcover, ca. 250 Abbildungen ISBN 978-3-946046-07-3, 20,00 EUR

Direkt, radikal und kraftvoll, oft auch sinnlich, zärtlich und nachdenklich wirkt die Lyrik der aus Rumänien stammenden Schriftstellerin Ilse Hehn, die in Ulm an der Donau lebt. Ihre Texte kreisen um die wesentlichen Dinge des Lebens – Liebe, Vertrauen, Tod und Respekt vor dem Leben. Jedem Gedicht hat die Autorin ein bekanntes Motiv der Kunstgeschichte zugeordnet und durch Übermalung in ein eigenständiges Kunstwerk verwandelt, das Assoziationen weckt. Das alles regt zum Nachdenken an, irritiert und amüsiert. Ilse Hehn beweist, welche Faszination zeitgenössische Lyrik erzeugen kann. Ilse Hehn: Sandhimmel. Lyrik & Übermalungen. Verlag: danube books Verlag 108 Seiten, 17,3 x 21 cm ca. 60 farbige Abbildungen.

ISBN 978-3-946046-06-6, 18,00 EUR

Impressum/imprint danube connects das magazin für die donauländer/ the magazine for the danube countries Tel. +49 / (0)731 / 153 75 05 Fax +49 / (0)731 / 153 75 06 info@danube-connects.eu Herausgeber/publisher: European Journalists Association, Sektion Ulm (section of Ulm) Verlag/publishing house: Süddeutsche Verlagsgesellschaft Nicolaus-Otto-Str. 14, 89079 Ulm

Konzept und Gestaltung/ concept and design: Sabine Geller info@danube-connects.eu Redaktion/editor: Thomas Zehender danube@profitextulm.de Social Media: Thomas Zehender Anzeigenleitung/advertisement: Sabine Geller info@danube-connects.eu

Bildnachweis/photo credits: Titelbild/Cover: © Terese Wald Elvira Eberhardt, Sabine Geller, Daniel Hirsch, Stephan Ozsvath, Leon E. Panetta, Zoly Pazmany Übersetzung/translation: Meike Westerhaus Autoren/authors: Sabine Geller, Daniel Hirsch, Mirella Sidro, Thomas Wagner, Christiana Weidel, Thomas Zehender

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danube connects – das magazin für die donauländer, 1/2017  

Schwerpunktausgabe zur Zivilgesellschaft im Donauraum

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