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UNFERTIG IST EINE HALTUNG. NICHT DAS ABGESCHLOSSENE PROJEKT, NICHT DIE VOLLENDETE ARBEIT SIND VON INTERESSE, SONDERN DIE MÖGLICHKEITEN, DIE SICH IM PROZESS BEFINDEN. DEM STREBEN NACH HOCHGLANZ UND FORMALER STRENGE WIRD DAS POTENZIAL ANGEFANGENER, NICHT VOLLENDETER, IMMER WIEDER NEU BEGONNENER UND WIEDERDENTDECKTER, WEITERGESPONNENER UND VORÜBERGEHEND VERGESSENER PROJEKTE GEGENÜBERGESTELLT. MIT DIESER IDEE DER UNFERTIGKEIT SETZEN SICH SEBASTIAN VAN DER BURG (MODE), ZARA PFEIFFER UND DANIEL SPRINGER (BEIDE FOTOGRAFIE) IN IHREN ARBEITEN AUSEINANDER.

- ACHIM REESE (ARCH+) -


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1 Die ร„sthetik des Unfertigen . 2 Raumkonzept . . . . . . . . 3 Arbeiten . . . . . . . . . . . 4 Ausstellungsfotos . . . . . . 5 Erรถffnung . . . . . . . . . .


1 DIE

ÄSTHETIK DES UNFERTIG


GEN


Julia Schulz-Dornburg, veröffentlicht in „Ruinas Modernas“

Aldo van Eyck‘s Grundriss für den Sonsbeek Pavillion

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Die Ästhetik des Unfertigen un | fertig [Duden] a: noch nicht fertiggestellt, noch nicht im endgültigen Zustand b: noch nicht vollkommen, noch nicht ausgereift Wir sind es gewohnt unsere Umwelt mit fertigen Produkten zu umgeben. Sei es ein Haus fertigzustellen, eine Wohnung einzurichten oder fertigverpackte Produkte zu kaufen. Nicht nur unser Konsumverhalten ist von einem fertigen Zustand geprägt, sondern auch in der Architektur und im Design ist der Prozess lediglich die Hinführung zu einem fertigen und vollendeten Ergebniss. Alleine die Kunst nimmt für sich in Anspruch dem Künstler die freie Wahl zu lassen, wann ein Werk vollendet ist. Der unfertige Zustand ist jedoch ein alltägliches Phänomen. Ob es nun ökonomische Krisen, verwahrloste Stadtbezirke oder innerstädtische Brachen sind. Sie alle haben eines gemeinsam. Sie befinden sich in einem Zustand des Übergangs, sprich ein Zustand, der nicht ursprünglich so geplant wurde. Gerade in diesem Stadium des Übergangs beinhaltet die vorgefundene Unfertigkeit eine besondere Kraft. Und zwar die Kraft der Vorstellung und mit ihr folglich das Potential der Veränderung. Somit war das Hauptaugenmerk der Ausstellung nicht auf abgeschlossene Projekte gerichtet, sondern auf Arbeiten oder Ausdrucksweisen, die eine Ästhetik und Qualität im unfertigen Zustand suchen. Die Interpretation dieser Qualitäten war je nach Interesse und Ausdrucksmittel individuell unterschiedlich. Folglich resultierte daraus auch die Frage, inwieweit das Konzept des Unfertigen der Ausdruck eines Gestaltungsdranges ist. Wie beginnt man eine Ausstellung, deren Ziel es ist das Potential des Unfertigen, also des noch nicht fertiggestellten, her-

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Stills aus Hsiao-hsien Hou‘s Film „Three Times“

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vorzuheben? Vermutlich erstmal damit, die Idee entstehen zu lassen und ihr im weiteren Verlauf immer mehr Form zu geben. Letztlich gab es drei Dinge, die das Ausstellungskonzept zum größten Teil inspiriert haben. 1. Unfertige Räume Die Fotografien von Julia Schulz-Domberg mit dem Titel „Ruinas Modernas“ dokumentieren Ruinen, die aufgrund von ökonomischen Krisen unfertig und funktionlos in der spanischen Landschaft stehen. Ähnlich solcher Ruinen wurde der Raum für die Ausstellung adaptiert, mit dem Ziel gerade solche Potentiale von funktionlosen Strukturen herauszufordern und ihnen neue Inhalte zu vermitteln. 2. Räumliche Bewegung Der Sonsbeek Pavilion von Aldo van Eyck diente als Inspiration für die Gliederung des Raumes. Am Beispiel des Grundrisses erkennt man verschiedene Möglichkeiten auf relativ engem Raum unterschiedliche Sicht- und Bewegungsachsen zu ermöglichen. Durch die Hängung der ausgestellten Mode von der Decke wurde die Bewegung strukturiert. Somit erhielt die Mode eine Funktion von statischen Elementen, dass die Bewegung definiert und gewohnte Sichtachsen auf die Fotografien bricht, aber gleichzeitig auch neue herstellt. 3. Licht und Präsentation In dem Film „Three Times“ von 2005 des taiwanischen Regisseurs Hsiao-Hsien Hou gibt es eine Szene, in der eine junge Frau sich durch die Wohnung eines Fotografen bewegt, mit dem sie eine Beziehung hat. Dabei läuft sie durch den Flur in dem viele Fotografien zu sehen sind. Sie findet eine Neonröhre, nimmt sie in die Hand und betrachtet die Fotografien aus nächster Nähe. Daraus entstand die Idee den Raum so dunkel wie möglich zu halten und die Ausstellungsbesucher selbst über die Beleuchtung bestimmen zu lassen. Daniel Springer

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Z E P T


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R A U M K O N


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Die Raumnutzung Der Ausstellungsraum hat noch zwei angrenzende Räume. Einer wurde als Bar verwendet, der andere als öffentliches „Wohnzimmer“, in dem man sitzen und sich unterhalten konnte. Die Wände waren für die Fotografien vorgesehen, während der Raum an sich für die Mode zur Verfügung stand. Auf den Raumnutzungsdiagrammen sieht man, welches architektonische Element für die Platzierung bzw. die Hänging der Objekte für den jeweiligen Aussteller zur Verfügung stand.

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Zara Pfeiffer Fotografie

Sebastian van der Burg Mode

Daniel Springer Fotografie

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Die Definition des Raumes Die ausgestellte Mode ist der raumdefinierende Aspekt in der Ausstellung. Durch ein Raster, was an der Decke mit durchsichtigen Plastikdrähten aufgespannt wurde, konnten die Kleidungsstücke „unsichtbar“ im Raum abgehängt und somit platziert werden. Dadurch konnten unterschiedliche Wege definiert werden, die den Besucher durch die Ausstellung leiten. Die Kleidungsstücke waren „konstante“ Elemente wie Gebäude, die einerseits Blickkontakt zu den Fotografien herstellen oder auch wieder brechen konnten. Dem Besucher konnten daher unterschiedliche Verknüpfungen der Arbeiten vermittelt werden.

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Die H채ngung der Mode definiert die Bewegung im Raum.

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Die Bewegung im Raum „Wenn es also zunächst richtig ist, dass die räumliche Ordnung eine Reihe von Möglichkeiten ... oder von Verboten ... enthält, dann aktualisiert der Gehende bestimmte dieser Möglichkeiten. Dadurch verhilft er ihnen zur Existenz und verschafft ihnen eine Erscheinung. Aber er verändert sie auch und erfindet neue Möglichkeiten, da er durch Abkürzungen, Umwege und Improvisationen auf seinem Weg bestimmte räumliche Elemente bevorzugen, verändern oder beiseite lassen kann.“ (Michel de Certeau, Kunst des Handelns)

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Bewegungsdiagramm

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Ausstellungsansicht

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B A R

perspektivische Darstellung der R채umlichkeiten

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Der Besucher eignet sich den Raum an Die Beleuchtung des Raumes ist sehr reduziert. Es wurden vier Hallogenleuchten auf dem Boden ausgelegt, die reduziertes kühles Licht in den Raum werfen. Das bedeutet, das der Raum an sich sehr dunkel ist. Eigentich zu dunkel, um die Fotografien zu betrachten und von den Kleidungsstücken kann man nur schwarze Umrisse und keine Struktur erkennen. Gemäß der Idee aus dem Film „Three Times“ werden die Objekte erst zum Leben erweckt, d. h. richtig gesehen, wenn der Besucher selbst anhand der Hallogenleuchten sich den Raum aneignet. Dadurch entstehen unterschiedliche Lichtsituationen, die von sehr hell bis sehr dunkel verlaufen und verschaffen so auch eine interessante Außenwirkung von der Straße.

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Perspektive von Innen

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DANIEL SPRINGER

„UNFERTIGE SITUATIONEN IN DER STADTPLANUNG SIND AUSDRUCK VON UTOPIE UND DYSTOPIE ZUGLEICH. SIE SIND ENTWEDER PRODUKT VON TRÄUMEN AUS LÄNGST VERGANGENEN ZEITEN ODER SIE OFFENBAREN EINEN ABSURDEN BLICK IN DAS NOCH ZU ENTSTEHENDE IN DER ZUKUNFT.“

Fotos folgend © Daniel Springer

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Utopie Park, Be‘er Sheva, Israel, 2012

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Utopie Brücke, Be‘er Sheva, Israel, 2012

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Utopie Haus, Jerusalem, Israel, 2012

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Utopie Parkplatz, Totes Meer, Israel, 2012

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Utopie Auto, Be‘er Sheva, Israel, 2012

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SEBASTIAN VAN DER BURG

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Fotos folgend Š Daniel Springer

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ZARA PFEIFFER

‚UNFERTIG‘ IS AN EXPLORATION OF OBJECT AND HUMAN ABSTRACTION. STATES OF TRANSITION ARE RELEASED BY ITS CONTEXT AND BROUGHT INTO NEW RELATION, BASED ON FORM AND GEOMETRY.

Fotos folgend © Zara Pfeiffer

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U N G S F O T O S


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A U S T E L L U N


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Alle Fotos auf der vorherigen, dieser und folgenden Doppelseite von Daniel Springer.

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Design & Produktion: Daniel Springer Berlin, 2013.

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Danke an Alle, die uns bei diesem Projekt unterst체tzt haben. Und besonderen Dank an das Atelier \- [Backslashdash] f체r die Bereitstellung der R채umlichkeiten. Berlin, 2012.


Booklet Exhibition  

The catalog of the exhibition "unfertig" (unfinished), Berlin, December 2012. Copy on demand.

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