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Wer hat Angst vor’m schwarzen Mann?

Ein Magazin zum Thema Angst


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Angst [verwandt mit lt. angustus ›eng‹] die, Gefühlszustand oder → Affekt, der einer unbestimmten Lebensbedrohung entspricht, im Unterschied zur objektbezogenen → Furcht. Als akuter Affekt muß die A. von der habituellen Ängstlichkeit als Persönlichkeitsfaktor abgegrenzt werden.  Freud unterschied Realangst vor Gefahren der Außenwelt, Gewissensangst vor dem Über-Ich und Triebangst vor der Stärke der Leidenschaften (im Es). Die A. habe ihren Ursprung im Erlebnis der Geburtsangst und der Trennungsangst des Kindes, das sich vor Liebesentzug oder dem Verlust der Mutter ängstigt. Während die Realangst, gerade im Zusammenhang mit der verbreiteten Unsicherheit des Selbstgefühls und der Lebensbedingungen, als ein allgemeines menschl. Phänomen anzusehen ist, kennzeichnen abnorme Gewissensangst (Schuldgefühle) und Triebangst den neurotischen Menschen. Die Tiefenpsychologie versteht daher A. als Konfliktindikator und sieht in ihr das Primärsymptom der → Neurose. Die neurotische A. ist meist inappellabel, d. h. der Einsicht und willentlichen Kontrolle unzugänglich.  Im Laufe der Entwicklung des Kindes können phasen typische Ängste als Begleiterscheinung des Selbständigwerdens auftreten (Entwicklungsangst, Reifungsangst), die als Schutz- oder Abwehrmechanismen normalerweise ohne Schaden überwunden werden. Verlust von Geborgenheit und Vertrauen (z. B. durch frühe Mutter-Kind-Trennung, zerrüttete Familien), Überforderung, Frustration, Drohungen und Härte können zu abnormer Steigerung der A. führen. Rhythmisierung des Tageslaufes, angemessene Leistungsforderungen, ausreichende Spielmöglichkeiten und Verständnis für die Nöte des Heranwachsenden wirken lösend und entspannend. Märchen tkönnen die amorphe kindliche A. objektivieren und abfangen.  Wie alle starken Affekte wird die A. von deutlicher vegetativer Symptomatik begleitet. Man unterscheidet objektlose A. (Erwartungsangst der Angstneurotiker) und gebundene A., die sich in Symptomhandlungen wie Zwängen und Phobien äußert. Massive Angstzustände treten auch bei bestimmten organischen Krankheiten, z.B. Herzkrankheiten und Asthma, auf. Endlich kommt A. als echtes Krankheitszeichen ohne erkennbare körperliche Krankheit und ohne seelische Beweggründe vor: bei Melancholie, Schizophrenie, Delirium.

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6 Nichts für schwache Nerven!

26 Die Kinder vom Flohmarkt

14 Was Angst uns antut und für uns tut

38 Wovor fürchten sich die Bielefelder?

24 Eine Märchenstunde

52 Wie aus Stress,Gefühle werden.

60 Ach, sie san wul von drieben!?

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30 Warum jagen uns Kinder Angst ein?

44 Herbst die goldene Jahreszeit!


Was kost’ der Spass? Neu: Mit Live-Akteuren!


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Gmork: »Sie werden zu Wahnideen in den Köpfen der Menschen, zu Vorstellungen der Angst, wo es in Wahrheit nichts zu fürchten gibt, zu Begierden nach Dingen, die Sie krank machen, zu Vorstellungen der Verzweiflung, wo kein Grund zur Verzweiflung da ist.« AtrÉJu: »Werden wir alle so?« Gmork: »Nein, es gibt viele Arten von Wahn und Verblendung, je nach dem, was ihr hier seid, schön oder häßlich, dumm oder klug, werdet ihr dort zu schönen oder häßlichen, dummen oder klugen Lügen.« Die unendliche Geschichte, Michael Ende


Was Angst uns antut & für uns tut  Ein wissenschaftlicher Ansatz

Wir können uns nicht willentlich von Angst freimachen, wie Sie sicherlich aufgrund Ihrer eigenen Erfahrung wissen. Obwohl alle amerikanischen Marineinfanteristen diese Fähigkeit von sich behaupten, sind bekanntlich viele von ihnen allein beim Anblick einer winzigen Injektionsnadel in Ohnmacht gefallen. Auf der anderen Seite können wir nicht willentlich in Angst geraten. Wie oft haben Sie sich gesagt: »Ich glaube, ich versetze mich selbst in Angst«? Wir können uns über irgendwelche Dinge Sorgen machen und uns in milde Angstzustände versetzen, doch es bedarf einer besonderen Bedrohung, die von unserer Umwelt ausgeht, um

wirkliche Angst oder Panik auszulösen: ein Einbrecher etwa mitten in der Nacht, ein Krokodil auf einsamer Straße, eine gefährliche Situation auf einer Autobahn usw. .  Wir sind so angelegt, daß wir ängstlich werden, wenn die Situation es erfordert. Die Fähigkeit hat sich in Jahrtausenden über Versuch und Irrtum entwickelt, denn die menschliche Spezies hatte in schweren Zeiten eine größere Überlebenschance, wenn die Reaktion auf drohende Gefahr automatisch ablief. Psychologische Forscher haben festgestellt, dass wir, wenn Angst uns überfällt, einen Augenblick lang »frösteln« oder losrennen, ohne überhaupt darüber


nachdenken zu müssen. Wenn unsere Vorfahren vor etwas Großem und Haarigem, das ihnen ohne Vorwarnung zu nahe kam, in Angst und Schrecken gerieten, dann war es für sie häufig am besten, wenn sie reglos blieben. Das Nervensystem von Tieren (einschließlich unseres) kann am leichtesten eine Klangänderung und am zweitleichtesten eine Bewegung im Gesichtsfeld wahrnehmen. So hatten unsere Vorfahren eine gute Chance, von einem Raubtier nicht bemerkt zu werden, wenn sie sich ruhig und still verhielten, statt herumzuflitzen und ihr Heil in der Flucht zu suchen. […]  Während bestimmter Phasen im Schlafzyklus träumen wir. Um uns daran zu hindern, im Traumvorgang körperlich zu agieren, blockiert das primitive Gefühlshirn die Nervenbahnen vom Kortex zu unseren Skelettmuskeln und lähmt damit auf wirksame Weise unseren gesamten Körper. Offensichtlich hindert uns die neurologische Lähmung daran, nachts im Bett herumzutoben und uns Schrammen und Beulen zuzuziehen. In einer rauhen primitiven Umwelt, wo wir während des Schlafes Raubtieren ausgeliefert wären, würde uns diese Lähmung davor bewahren, in der Nacht herumwandernde große Lebewesen anzulocken. Wenn Sie sich also steif wie ein Brett aus einem Traum gerissen sehen, entspannen Sie sich und freuen Sie sich über die Tatsache, daß Sie so beschaffen sind, unter fast allen Bedingungen zu überleben.    Die zweite wichtige Möglichkeit, die unser autonomes Gefühlshirn hat, um uns vor gefährlichen Ereignissen zu schützen, besteht darin, dass es uns veranlasst, davon zu rennen, ohne überhaupt darüber nachzudenken. Wenn unsere erfolgreichen Vorfahren etwas Haariges mit großen Zähnen

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Junger Affe – Angst, Alfred Steffen, 2005

auf sich zukommen sahen, riefen sie keine Ausschusssitzung ein, um das Problem zu analysieren, sondern gerieten in Angst und Schrecken und rannten wie der Teufel davon. Ich habe ein Poster an der Wand hängen, das mich an diesen Teil unseres Gefühlserbes erinnert: »Wenn du kühl, ruhig und gefaßt bleibst, während alle anderen kopflos umherrennen, dann verstehst du vielleicht den Ernst der Situation nicht.«   Wenn Sie das durchdringende, mit Schwäche einhergehende panische Angstgefühl durch Ihren Körper fluten spüren, dann empfangen Sie in Wahrheit das Ergebnis von

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Botschaften, die Ihr autonomes Gefühlshirn an Ihren übrigen Körper geschickt hat, um ihn darauf vorzubereiten, ein Höchstmaß an körperlicher Anstrengung zu unternehmen und so einer drohenden Gefahr zu entgehen. Diese Botschaften sind von Natur aus sowohl phasisch wie tonisch (irre Worte für kurz- und langfristig). Die tonischen Befehle sind chemischer Natur. Über die chemischen Veränderungen, die Angst in uns hervorrufen, wissen wir relativ wenig, doch es hat den Anschein, daß Adrenalin, ein organisches Enzym, am meisten dazu beiträgt, den Kessel anzuheizen. Adrenalin ist ein allgemeiner biochemischer Erregungsstoff, der unsere Skelettmuskeln darauf vorbereitet, große Energiemengen zu verbrauchen. Mit einfachen Worten, es bringt Sie in Schwung, damit Sie wie der Teufel rennen können. Wenn Sie aufhören zu rennen, sind Sie häufig nicht mehr von Angst erfüllt. Dann haben Sie all das Adrenalin metabolisiert (verbrannt), das Ihr autonomes Gefühlshirn per Befehl freigegeben hat, um Sie in die Lage zu versetzen, schnell und weit zu rennen. Andererseits, wenn Sie daran gehindert werden, schnell fortzulaufen, wenn Sie Angst haben, dann bleibt das Adrenalin unverbrannt in Ihrem Stoffwechselsystem und bringt Sie in einen teuflischen Zustand. Sie fühlen sich vollkommen schwach. Ihre Hände, Arme und Beine können anfangen, mehr oder minder stark zu zittern. Dies passierte mir einmal, als ich dummerweise, ohne darauf zu achten, wohin ich ging, vor einen Lastwagen latschte. Im gleichen Augenblick schwenkte der vordere Kotflügel seitlich an mir vorbei, und eine aufheulende Hupe ließ mich vor Schreck starr werden. Die Seite des Lastwagens streifte buchstäblich meine Nase. Als ich wieder zu mir kam und der Lastwagen bereits ein Stück die Straße hinuntergefahren war, befahl

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ich mir, ruhig zu bleiben, über die Straße zu gehen und nicht zu laufen. »Bleib um alles in der Welt ruhig«, sagte ich mir. Das war jedoch ein großer Fehler. Wenn ich mit höchster Geschwindigkeit von dem Lastwagen fortgelaufen wäre, hätte ich die nächsten fünfzehn Minuten nicht damit zubringen müssen, wie in einem Dämmerzustand herumzulaufen, von Zittern erfüllt und mich ständig fragend, was ich da nur tue und wohin ich denn eigentlich gehe.   Ein Teil des Angstgefühls geht auf große Änderungen im Blutstrom Ihres ganzen Körpers zurück. Das niedere Gefühlshirn lenkt große Blutmengen aus den Verdauungsorga-

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»Warum jemand ohnmächtig wird, wenn Angst ihn befällt – ist ein Geheimnis. «

nen ab, wo sie während des Laufens nicht benötigt werden, und entzieht auch dem Kopf, dem Nacken, dem Gesicht und dem Gehirn selbst große Mengen, da sie auch dort nicht gebraucht werden. Statt dessen wird diese große Blutreserve den Skelettmuskeln Ihrer Arme, Beine, des Rückens, der Brust und dem Bauch zugeführt, die in der Gefahrensituation den größten Teil Ihrer Energie beanspruchen.   Wenn diese Umverteilung des Blutes in die Skelettmuskeln bis zum äußersten getrieben wird, beobachten wir das vor Angst kalkweiße Gesicht, das ein Mensch zeigt, ehe er in Ohnmacht fällt. Diese Ohnmacht aufgrund von Angst hat nichts mit der zu tun, die verursacht wird durch Krankheit, körperliche Probleme, chemische Vergiftung infolge des Einatmens von Rauch oder der Einnahme von geistigen Getränken. Ihre Ursache ist rein mechanischer Art, das heißt, sie ist ein rapides Absinken des Blutdrucks im Gehirnbereich, dem dadurch Sauerstoff entzogen wird. Mit dieser von Angst hervorgerufenen Reaktion blockiert das Gefühlshirn das Bewußtsein. Mit anderen Worten, es bringt in etwa fünf Sekunden jede willentliche Einflußnahme des Kortex auf den übrigen Körper völlig zum Erliegen und läßt nur noch minimale nichtwillentliche Funktionen der Lebenserhaltung zu: also langsamer Herzschlag, langsamer Atem usw. Diese wunderbare automatische Tätigkeit unseres autonomen Gehirns stellt sicher, daß wir ohne Bewußtsein so weit wie möglich unabhängig von den Bedingungen unserer physikalischen Umwelt bleiben. Wir sind zeitweilig »auf Sparflamme gesetzt« und hinsichtlich Wärme und Sauerstoff nur auf einen geringen Energieaustausch zwischen uns und unserer physikalischen Umwelt angewiesen. In horizontaler Lage flach ausgestreckt, erlangen wir aufgrund unserer evolutio-

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nären Anlage auf schnellstem Wege unser Bewußtsein wieder. Von unseren Zehen bis zur Nase ist der Blutdruck ausgeglichen, womit gewährleistet ist, dass unser Gehirn über das Blut die gleiche Menge an Nährstoffen und Sauerstoff erhält wie die übrigen Teile des Körpers. Wenn wir infolge einer atmosphärischen Vergiftung ohnmächtig werden, findet sich die größte Sauerstoffkonzentration am Boden, denn Sauerstoff ist schwerer als die meisten Gase. Wenn die Bedingungen am Boden, wo Sie ohnmächtig liegen, nicht so angenehm sind, erlangen Sie innerhalb von wenigen Sekunden das Bewußtsein wieder. Wenn beispielsweise irgend etwas Schmerzliches geschieht, holt das autonome Gehirn Sie aus der Ohnmacht. Wenn Sie auf einen spitzen Stein fallen, tauchen sie sofort aus der Ohnmacht auf. Schmerzreize werden routinemäßig eingesetzt, um jemanden, der in Ohnmacht gefallen oder betäubt ist, wiederzubeleben, Reize wie Riechsalz oder Ammoniakgeist, ein Schlag ins Gesicht, ein heftiger Stoß gegen die Brust.  Für gewöhnlich nimmt man an, Frauen würden eher ohnmächtig als Männer, doch wir besitzen keine eindeutigen Daten, die diese Auffassung stützen. Ich habe viele ausgewachsene Männer umfallen sehen, als ihnen mit einer Nadel Blut entnommen werden sollte. Auch mir ist das einmal passiert. Warum jemand ohnmächtig wird, wenn Angst ihn befällt, ist ein Geheimnis.   Wir könnten das Ohnmächtigwerden als Fehlfunktion des Körpers und des Nervensystems abtun, als eine überreaktion, die den Blutdruck in der Nähe des Gehirns zu schnell senkt, als dass er auf mechanische Weise ausgeglichen werden könnte. Wir könnten aber auch sagen, dass Ohnmacht auf einen klaren Befehl des Gefühlshirns zurückgeht, und

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zwar in Situationen, wenn es nicht mehr möglich ist, entweder zu bluffen oder wegzurennen. Diese Entscheidung des autonomen Gehirns beruht unter Umständen auf einer realistischen Einschätzung des allgemeinen tierischen Verhaltens, mit dem unsere Vorfahren zu tun hatten und mit dem wir heutzutage in einer primitiven Umwelt ebenfalls zu tun hätten. Die meisten Raubtiere zeigen aus zwei Gründen aggressives Verhalten. Einmal, um sich Nahrung zu verschaffen. Und sie tun dies nicht mit aggressiver Wut, sondern mit der Geschicklichkeit und lauernden Kühle eines Staranwalts. Der zweite Grund besteht darin, dass sie sich selbst und ihr Territorium schützen wollen. Wenn wir in den Privatbereich eines Tieres eintreten und es uns brüllend und schnaufend angreift, dann heißt das nicht unbedingt, dass es an uns als Nahrung interessiert ist. Es kann sogar Vegetarier sein. Vielleicht sieht es uns nur als mögliche Bedrohung an und will uns erschrecken. Beobachten Sie beispielsweise Hunde, wie sie uns anknurren und angreifen, weil sie ihr Territorium schützen wollen. Legen wir uns flach auf den Boden und machen wir einen hilflosen und harmlosen Eindruck, werden sie uns wahrscheinlich nicht angreifen. So ist Ohnmacht unter Umständen kein schlechter Scherz. Wir können mit einiger Sicherheit vermuten, daß Ohnmacht Überlebenszwecken dient, wenn sie zum Arsenal unserer Angstreaktionen gehört.    Mit der Angstempfindung ist fernerhin die automatische Hemmung oder Blockade des Denkprozesses verbunden. Zur gleichen Zeit, da er den Körper physisch auf die Flucht vorbereitet, unterbricht der primitive Teil unseres Gehirns automatisch die Tätigkeit des denkenden Kortex.

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Diese langsame Ausschaltung der Willenshandlungen ist ebenfalls ein angeborener Bestandteil unseres evolutionären Erbes, der sicherstellen soll, dass wir uns, wenn Gefahr für Leib und Leben besteht, nicht müßigen Spekulationen hingeben. Diese nichtwillentliche Kontrolle erweist sich als höchst sinnvoll, wenn wir sie näher in Augenschein nehmen. Für unsere Vorfahren war es nicht sonderlich wichtig, viele komplizierte Probleme zu wälzen, wenn sie mit irgendeinem haarigen Untier im Nacken davonrasten. Es war nicht nötig, die Höhe von Bäumen zu analysieren. Der nächste Baum war der beste. Vor dem Klettern war nicht viel Denken erforderlich.

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»So ist Ohnmacht unter Umständen kein schlechter Scherz.«

Meditation , Alfred Steffen

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Was hast du damals getan was du nicht hättest tun sollen? »Nichts« Was hast du nicht getan was du hättest tun sollen? »Das und das dieses und jenes: Einiges« Warum hast du es nicht getan? »Weil ich Angst hatte« Warum hattest du Angst? »Weil ich nicht sterben wollte« Sind andere gestorben weil du nicht sterben wolltest? »Ich glaube ja« Hast du noch etwas zu sagen zu dem was du nicht getan hast? »Ja: Dich zu fragen. Was hättest du an meiner Stelle getan?« Das weiß ich nicht und ich kann über dich nicht richten. Nur eines weiß ich: Morgen wird keiner von uns leben bleiben wenn wir heute wieder nichts tun Gespräch mit einem Überlebenden, Erich Fried


Eine Märchenstunde Der Gevatter Tod

Es hatte ein armer Mann zwölf Kinder und mußte Tag und Nacht arbeiten, damit er ihnen nur Brot geben konnte. Als nun das dreizehnte zur Welt kam, wußte er sich in seiner Not nicht zu helfen, lief hinaus auf die große Landstraße und wollte den ersten, der ihm begegnete, zu Gevatter bitten. Der erste, der ihm begegnete, das war der liebe Gott, der wußte schon, was er auf dem Herzen hatte, und sprach zu ihm: »Armer Mann, du dauerst mich, ich will dein Kind aus der Taufe heben, will für es sorgen und es glücklich machen auf Erden.« Der Mann sprach: »Wer bist du?« –

»Ich bin der liebe Gott.« – »So begehr ich dich nicht zu Gevatter«, sagte der Mann, »du gibst dem Reichen und lässest den Armen hungern.« Das sprach der Mann, weil er nicht wußte, wie weislich Gott Reichtum und Armut verteilt. Also wendete er sich von dem Herrn und ging weiter. Da trat der Teufel zu ihm und sprach: »Was suchst du? Willst du mich zum Paten deines Kindes nehmen, so will ich ihm Gold die Hülle und die Fülle und alle Lust der Welt dazu geben.« Der Mann fragte: »Wer bist du?« – »Ich bin der Teufel.« –


»So begehr ich dich nicht zum Gevatter«, sprach der Mann, »du betrügst und verführst die Menschen.« Er ging weiter, da kam der dürrbeinige Tod auf ihn zugeschritten und sprach: »Nimm mich zu Gevatter!« Der Mann fragte: »Wer bist du?« – »Ich bin der Tod, der alle gleich macht.« Da sprach der Mann: »Du bist der Rechte, du holst den Reichen wie den Armen ohne Unterschied, du sollst mein Gevattersmann sein.« Der Tod antwortete: »Ich will dein Kind reich und berühmt machen, denn wer mich zum Freunde hat, dem kann’s nicht fehlen.« Der Mann sprach: »Künftigen Sonntag ist die Taufe, da stelle dich zu rechter Zeit ein!« Der Tod erschien, wie er versprochen hatte, und stand ganz ordentlich Gevatter.  Als der Knabe zu Jahren gekommen war, trat zu einer Zeit der Pate ein und hieß ihn mitgehen. Er führte ihn hinaus in den Wald, zeigte ihm ein Kraut, das da wuchs und sprach: »Jetzt sollst du dein Patengeschenk empfangen. Ich mache dich zu einem berühmten Arzt. Wenn du zu einem Kranken gerufen wirst, so will ich dir jedesmal erscheinen: steh ich zu Häupten des Kranken, so kannst du keck sprechen, du wolltest ihn wieder gesund machen, und gibst du ihm dann von deinem Kraute ein, so wird er genesen; steh ich aber zu Füßen des Kranken, so ist er mein, und du mußt sagen, alle Hilfe sei umsonst und kein Arzt in der Welt könne ihn retten. Aber hüte dich, daß du das Kraut nicht gegen meinen Willen gebrauchst, es könnte dir schlimm ergehen!« Es dauerte nicht lange, so war der Jüngling der berühmteste

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Arzt auf der ganzen Welt. »Er braucht nur den Kranken anzusehen, so weiß er schon, wie es steht, ob er wieder gesund wird, oder ob er sterben muß«, so hieß es von ihm, und weit und breit kamen die Leute herbei, holten ihn zu den Kranken und gaben ihm so viel Gold, daß er bald ein reicher Mann war.  Nun trug es sich zu, daß der König erkrankte. Der Arzt ward gerufen und sollte sagen, ob Genesung möglich wäre. Wie er aber zu dem Bette trat, so stand der Tod zu den Füßen des Kranken, und da war für ihn kein Kraut mehr gewachsen.

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Er ging weiter, da kam der dürrbeinige Tod auf ihn zugeschritten und sprach: »Nimm mich zu Gevatter!«

»Wenn ich doch einmal den Tod überlisten könnte«, dachte der Arzt, »er wird’s freilich übelnehmen, aber da ich sein Pate bin, so drückt er wohl ein Auge zu: ich will’s wagen.« Er faßte also den Kranken und legte ihn verkehrt, so daß der Tod zu Häupten desselben zu stehen kam. Dann gab er ihm von dem Kraute ein, und der König erholte sich und ward wieder gesund. Der Tod aber kam zu dem Arzte, machte ein böses Gesicht, drohte mit dem Finger und sagte: »Du hast mich hinter das Licht geführt, diesmal will ich dir’s nachsehen, weil du mein Pate bist, aber wagst du das noch einmal, so geht dir’s an den Kragen, und ich nehme dich selbst mit fort.«  Bald hernach verfiel die Tochter des Königs in eine schwere Krankheit. Sie war sein einziges Kind, er weinte Tag und Nacht, daß ihm die Augen erblindeten, und ließ bekanntmachen, wer sie vom Tode errettete, der sollte ihr Gemahl werden und die Krone erben. Der Arzt, als er zum Bett der Kranken kam, erblickte den Tod zu ihren Füßen. Er hätte sich der Warnung seines Paten erinnern sollen, aber die große Schönheit der Königstochter und das Glück, ihr Gemahl zu werden, betörten ihn so, daß er alle Gedanken in den Wind schlug. Er sah nicht, daß der Tod ihm zornige Blicke zuwarf, die Hand in die Höhe hob und mit der dürren Faust drohte; er hob die Kranke auf und legte ihr Haupt dahin, wo die Füße gelegen hatten. Dann gab er ihr das Kraut ein, und alsbald röteten sich ihre Wangen, und das Leben regte sich von neuern. Der Tod, als er sich zum zweitenmal um sein Eigentum betrogen sah, ging mit langen Schritten auf den Arzt zu und sprach:

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»Es ist aus mit dir, und die Reihe kommt an dich«, packte ihn mit seiner eiskalten Hand so hart, daß er nicht widerstehen konnte, und führte ihn in eine unterirdische Höhle. Da sah er, wie tausend und tausend Lichter in unübersehbaren Reihen brannten, einige große, andere halbgroß, andere klein. Jeden Augenblick verloschen einige und andere brannten wieder auf, also daß die Flämmchen in beständigem Wechsel hin und her zu hüpfen schienen. »Siehst du«, sprach der Tod, »das sind die Lebenslichter der Menschen. Die großen gehören Kindern, die halbgroßen Eheleuten in ihren besten Jahren, die kleinen gehören Greisen. Doch auch Kinder und junge Leute haben oft nur ein kleines Lichtchen.« – »Zeige mir mein Lebenslicht!« sagte der Arzt und meinte, es wäre noch recht groß. Der Tod deutete auf ein kleines Endchen, das eben auszugehen drohte und sagte: »Siehst du, das ist es.« – »Ach, lieber Pate«, sagte der erschrockene Arzt, »zündet mir ein neues an, tut mir’s zu Liebe, damit ich meines Lebens genießen kann, König werde und Gemahl der schönen Königstochter.« – »Ich kann nicht«, antwortete der Tod, »erst muß eins verlöschen, eh ein neues anbrennt.« – »So setzt das alte auf ein neues, das gleich fortbrennt, wenn jenes zu Ende ist«, bat der Arzt. Der Tod stellte sich, als ob er seinen Wunsch erfüllen wollte, langte ein frisches, großes Licht herbei, aber weil er sich rächen wollte, versah er’s beim Umstecken absichtlich, und das Stückehen fiel um und verlösch. Alsbald sank der Arzt zu Boden und war nun selbst

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in die Hand des Todes geraten.

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Die Kinder vom Flohmarkt Einblicke in frรถhliche Kindheiten von damals


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Warum jagen uns Kinder Angst ein? Regisseur Jaume Collet-Serra im Interview

Warum jagen uns unheimliche Kinder im Horrorfilm solche Angst ein? — Ich glaube, wir Menschen sind so geschaffen, dass wir Kinder immer beschützen wollen vor dem Bösen in der Welt. Wenn nun aber das Böse selbst in Kindesgestalt auftritt, wird es unberechenbarer und schwerer zu bekämpfen. Kinder verbinden wir normalerweise mit Unschuld, darum ist ein Kind sozusagen die perfekte Tarnung für »das Böse«. In Orphan kommt dazu, dass das kleine Mädchen nicht nur sehr böse, sondern äußerst clever ist und vor allem die Mutter damit zur völligen Verzweiflung und Todesangst treibt.

Du bist gebürtiger Spanier. Könnte es sein, dass das Motiv der »bösartigen Kinder« ein typisch spanisches Prinzip ist? Neben Orphan kamen in den letzten Jahren Filme wie das Waisenhaus, Shiver oder [REC] aus Spanien, die alle auf die ein oder andere Weise dieses Thema bedienen. — Ich kenne die Filme, glaube aber nicht, dass diese Häufung etwas mit dem Land zu tun hat. Das Thema ist zur Zeit generell einfach sehr populär im Horrorfilm. Da wäre noch Let The Right One In‚ Case 39 und es kommen in nächster Zeit auch noch einige weitere. Ich glaube, dass es sich da bloß um eine Phase


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Szene aus dem Film Orphan

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im Horror handelt. Vor zehn Jahren waren eben Serienkiller und fiese Monster angesagt, jetzt sind es Kinder. [lacht] Du hast gerade Let The Right One In erwähnt. Was dieser mit deinem Film gemein hat, ist, dass beide die Perspektive der Kinder sehr ernst nehmen und erfolgreich versuchen, den Zuschauer in diese kindliche Welt eintauchen zu lassen. — Das war die schwierigste Phase während des Drehs: Diese kindliche Perspektive glaubwürdig zu vermitteln. Da ruhte natürlich eine unglaubliche Last auf den Schultern der jungen Schauspieler, deren Agieren in diesem Fall über Gelingen oder Versagen des ganzen Films entscheidet. Wie war denn die Arbeit mit den jungen Schauspielern, die ja zwischen sieben und zwölf Jahren alt waren? Speziell bei einem Horrorfilm stelle ich mir das sehr kompliziert vor. — Es war sehr schwierig und anstrengend, keine Frage. Zunächst einmal das zeitliche Problem: Minderjährige Schauspieler dürfen laut Gesetz nicht länger als vier Stunden pro Tag vor der Kamera stehen. Das zieht natürlich alles unglaublich in die Länge.

und deinem Debüt House Of Wax? ― Das sind zwei sehr unterschiedliche Filme. Zunächst einmal glaube ich, dass Orphan um einiges »reifer« und auch psychologisch interessanter ist als House Of Wax. Wir hatten ein viel besseres Drehbuch als Grundlage. Bei House Of Wax ging es mir mehr um visuelle Aspekte. Es ist eben ein »Slasher-Film«, letztlich hatte ich nicht viel mehr zu tun als die Morde möglichst spektakulär in Szene zu setzen. Immerhin hast du so einen der visuell beeindruckendsten Showdowns der Horror-Geschichte kreiert. — Vielen Dank, das sehe ich genauso. Wie gesagt, es war mein Ziel, diesen relativ konventionellen Stoff zumindest rein optisch interessant zu machen. Bei Orphan habe ich hingegen versucht, mich mit visuellen Spielereien zurückzuhalten und den Fokus komplett auf die Schauspieler zu richten. Natürlich hätte ich den Film auch viel reißerischer und brutaler drehen können, aber das wäre meiner Meinung nach dem anspruchsvollen Drehbuch nicht gerecht geworden. Orphan ist so gedreht wie Horrorfilme aus den Siebzigern: Sehr ruhige Einstellungen und auf die schauspielersichen Leistungen konzentriert.

War es nicht merkwürdig, einem zwölfjährigen Mädchen dabei zuzuschauen, wie sie brutale Verbrechen begeht? — Eigentlich nicht, denn unheimlich oder schockierend werden die Szenen ja erst im fertigen Film, durch Hintergrundmusik zu Beispiel. Den Kindern hat es sogar viel Spaß gemacht mal so richtig bösartig sein zu dürfen. [lacht]

Welche Filme dieser Periode waren für dich denn besonders einflussreich? — Definitiv Roman Polanski’s Horrorfilme aus den Siebzigern: Der Mieter und Rosemary’s Baby. Ich mag diese Filme so sehr, weil sie so real erscheinen. Es wäre schön, wenn Orphan auch mal so ein Kultklassiker würde.

Wo siehst du die größten Unterschiede zwischen Orphan

Das Potential hätte er. Ist es das, was du mit deinen Filmen

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anstreben möchtest? — Meiner Meinung nach haben Filme eine längere Lebensdauer als nur das Startwochenende. House Of Wax zum Beispiel: Am Anfang haben sich alle darüber lustig gemacht und besonders erfolgreich war der Film auch nicht. Als man dann langsam vergessen hatte, dass Paris Hilton mitspielt, habe ich oft von Leuten gehört: »Ach, so schlecht war der Film auch nicht ...« Bei Orphan ist das anders. Da habe ich jetzt schon viel positives Feedback erhalten und hoffe einfach, dass ihn viele Menschen auf DVD und im Fernsehen für sich entdecken. [todernst] Aber ich mache mir keine großen Hoffnungen: Dieser Film ist einfach zu clever um kommerziell erfolgreich zu sein. Es gibt weder berühmte Stars noch Brüste zu sehen. Findest du es nicht deprimierend, dass ein Film nur unter diesen Prämissen erfolgreich sein kann? Was ist mit deinem Beispiel Let The Right One In? Der wird mit Sicherheit ein Klassiker werden und hat weder Brüste noch Stars. — Tja, das ist nun mal die Realität. Der Unterschied zwischen Orphan und Let The Right One In ist einfach: Mein Film ist eine amerikanische Produktion und in Amerika definiert sich Erfolg ausschließlich über Geld. Glaubt mir: Hätte ich exakt den gleichen Film in Spanien oder meinetwegen Deutschland produziert, wäre er womöglich auch sofort zum Klassiker geworden. Hollywood hingegen bestraft einen nur dafür, wenn man einen cleveren Film macht. Das muss dich doch unglaublich frustrieren. Schon, aber aus diesem Grund mache ich Filme. Ich versuche den bestmöglichen Film zu drehen. Anderes Thema: Du hast lange

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Collet-Serra am Set von Orphan

als Werbefilmer gearbeitet. Inwiefern hat diese Arbeit deinen jetzigen Stil oder das Herangehen an einen Film verändert? — Meinen Stil hat es nicht unbedingt beeinflusst und auch ansonsten kann ich das recht gut trennen. Einen Film zu drehen und einen einminütigen Werbespot zu konzipieren, sind einfach zwei komplett verschiedene Dinge. Meine Erfahrung in dieser Branche hilft mir allerdings, Probleme am Set schneller zu lösen und genau zu wissen, was für einen Look ich für den Film haben will. Ich arbeite einfach generell viel schneller. In deiner Kindheit hast du vor allem amerikanische Western und Kriegsfilme geschaut. Wie kommt es da, dass du bereits zwei Horrorfilme gedreht hast und nicht etwa einen Western? Woher kommt die Faszination für den Horror? — Ach, ich würde das nicht unbedingt Faszination nennen. Die Filme, die ich als Kind gemocht habe, waren eben die Art von Filmen, die damals angesagt waren. Das heißt aber nicht automatisch, dass ich solche Filme machen will. Bitte verstehe mich nicht falsch: Es würde mir sehr gefallen, einen Western zu drehen, aber zur Zeit ist dieses Genre ziemlich tot, da

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macht kaum ein Studio mit. Das könnte sich allerdings bald auch wieder ändern. Sprechen wir über deinen nächsten Film: Unknown White Male. — Das wird ein echter Thriller, in dem es um einem Mann geht, der aus dem Koma erwacht und feststellen muss, dass ihm jemand seine Identität gestohlen hat. Das ist ein tolles Projekt, wir haben eine sehr gute Besetzung, u. a. Liam Neeson, und werden den Film komplett in Berlin drehen. Eure Hauptstadt wird ziemlich in Schutt und Asche gelegt, das kann ich schon verraten! [lacht] Aber ich werde auch auf jeden Fall weiter Horrorfilme drehen, ich habe da noch einige schöne Ideen ... Ich möchte auf jeden Fall ungefähr jedes zweite Jahr einen Horrorfilm drehen. Da muss man aber schon eine besondere Verbindung zum Horror-Genre haben, eine gewisse Faszination. — Faszination ist das falsche Wort, aber es macht mir unglaublich viel Spaß, Horrorfilme zu drehen. Bei »normalen« Filmen ist es doch so: Es gibt zwei bis drei gute Szenen und der Rest des Films ist nur dazu da, um auf diese Szenen hinzusteuern. Das ist doch langweilig! Im Horrorbereich hat man die Möglichkeit, jede Szene ganz besonders und stimmungsvoll zu inszenieren. Außerdem gefällt mir, dass man mit diesen Filmen die extremsten Reaktionen beim Publikum auslösen kann: Sie lachen, sie sind geschockt, überrascht... Außerdem sind Horrorfilme billig zu produzieren! [lacht]

gefallen und welcher gar nicht? — Tja, da muss ich schon wieder Let The Right One Inbemühen. Ein großartiger Film und mit Sicherheit das Beste, was das Genre seit langem hervorgebracht hat. Ich freue mich auch sehr auf Paranormal Activity, der soll sehr beeindruckend werden. Was ich gar nicht mochte, waren auf jeden Fall diese Torture-PornGeschichten. Das ist mir einfach zu dümmlich. Ich könnte niemals so einen Film drehen, wäre mir auch viel zu einfach. Das ist doch nur ein reines Austesten von Special Effects, sonst nichts. Die Kunst ist, das Publikum zu schocken, OHNE alles zu zeigen. Das Schrecklichste ist meistens, was sich im Kopf abspielt. Nehmen wir ein Beispiel aus Orphan: Von der Szene, in der die Nonne getötet wird, hatte ich auch viel blutigere Einstellungen. Aber ich habe sie nicht verwendet und werde das auch nachträglich nicht tun. Und warum? — Weil die Szene meiner Meinung nach viel schockierender und bösartiger wirkt als mit Sturzbächen von Blut.

Eine letzte Frage: Wie stehst du zum zeitgenössischen Horrorfilm? Welcher Film der letzten Jahre hat dir besonders

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Justus: »So, lass uns mal genau überlegen, was passiert ist. Peter, weshalb bist du weggelaufen?« Peter: »Weshalb? Hmmmmhh — eine Ursache gab es eigentlich nicht. Ich bin weggelaufen, weil ich weglaufen wollte.« Justus: »Na, ich will anders fragen: Warum wolltest du weglaufen?« Peter: »Ja, hmmm — in der Echohalle fühlte ich mich gleich nicht wohl. Eben unbehaglich. Ein bisschen später war mir unerträglich beklommen zumute und ganz plötzlich war es nicht nur Beklemmung, sondern Angst. Da wollte ich nur noch weglaufen.« Justus: »Hmmm — da hast du genau das Gleiche erlebt wie ich, vom Unbehagen bis zur panischen Angst. Wir hörten das Echo und verspürten den Luftzug.« Peter: »Den eiskalten Luftzug und dann war da das Bild, das mich mit einem richtigen Auge anstarrte.« Justus: »Wahrscheinlich nur Einbildung, im Grunde haben wir nichts gesehen oder gehört was und geängstigt haben könnte, aber Angst hatten wir. Die Frage ist also, warum?« Peter: »Wieso? Warum? Jedes alte verlassene Haus macht einem irgendwie Angst. Und das Schloss da ist so unheimlich, dass es auch den Geistern grausen würde!« Justus: »Hmm — das wäre eine Erklärung.« Die drei Fragezeichen und das Gespensterschloss, Alfred Hitchcock


Wovor fĂźrchten sich die Bielefelder? Eine Umfrage in der BahnhofsstraĂ&#x;e


Elsa 82 Jahre Bettlerin

»Vor NICHTS ! Wenn es brennt, dann pinkle ich drauf und wenn der Wolf kommt, zeige ich ihm meinen blanken Arsch.«

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Autor Lena Öffler & Anna Gebhardt, Bilder Meike Adler


Speedy 25 Jahre Diplomschnorrer

»Vor kleinen, grünen Menschen.« und Lissy 2 Jahre Hündin eines Diplomschnorrers

»Vor einem leeren Fressnapf.«

o. A. 70 Jahre Rentnerin

»Vor’m Albtraum.«

Hildegard 46 Jahre Einzelhandelskaufrau

»Vor’m Überfall.«

Matthias 45 Jahre selbstständig

»Höhenangst und Klaustrophobie.«

Christoph-Andreas 65 Jahre Mathematiker

»Vor’m Teufel.«

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Wofor fürchten sich die Bielefelder?


Sanna 24 Jahre Studentin

»Vor’m Ertrinken.« Reinhild 52 Jahre Patentanwaltangestellte

»Vor Krankheit.«

Belema 40 Jahre  Geschäftsmann

»Vor Arbeitslosigkeit.«

und George 45 Jahre Schlosser

»Vor Schweinegrippe.«

Yanna 15 Jahre Schülerin

»Höhenangst.« Maria 68 Jahre Reinigungsfachkraft

und Nele 17 Jahre Schülerin

»Vor’m Überfall.«

»Vor Dunkelheit.«

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Larissa 39 Jahre Hausfrau/Mutter

»Davor, dass meine Kinder auf die falsche Bahn geraten.«

Moaid 31 Jahre Elektroniker

»Vor’m Unfall oder, dass Mama stirbt.« und Kadir 27 Jahre Gastronomiefachkraft

»Vor Umweltkatastophen. Stell dir vor es gibt ein Erdbeben und dir knallen die Häuser auf ’n Kopf!«

Julia 24 Jahre Studentin

»Davor, geliebte Menschen zu verlieren.«

Natalie 27 Jahre Assistentmanagerin im Einzelhandel

»Vor’m Überfall/Einbruch.«

Udo 52 Jahre Elektriker

»Vor Krankheit.«

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Autor Mann Mann Text Mann Mann


Jochen 50 Jahre Handlesvertreter

»Angst und Geld hab ich nie gekannt!«

Justus 25 Jahre Student

»Vor Krankheit.«

Robert 34 Jahre Im öffentlichen Dienst

»Verlustangst (dass den Kindern etwas zustößt)«

Lena 25 Jahre Studentin

»Vor Präsentationen.«

Angelika 26 Jahre Referendarin

»Am Ende des Lebens festzustellen, sinnlos gelebt zu haben.« und David 20 Jahre Ausbildung zum Zerspannungsmechaniker

»Ich würde es so ähnlich beantworten.«

Autor Mann Mann Text Mann Mann

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Herbst, die g端ldene Jahreszeit ! Mit den Hunden im Wald


Bilder Daniel Schilke

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Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind; er hat den Knaben wohl in dem Arm, er faßt ihn sicher, er hält ihn warm. »Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?« »Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht? Den Erlenkönig mit Kron und Schweif?« »Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.« »Du liebes Kind, komm, geh mit mir! Gar schöne Spiele spiel ich mit dir; manch bunte Blumen sind an dem Strand, meine Mutter hat manch gülden Gewand.« »Mein Vater, mein Vater, und hörst du nicht, was Erlenkönig mir leise verspricht?« »Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind; in dürren Blättern säuselt der Wind.« »Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn? Meine Töchter sollen dich warten schön: meine Töchter führen den nächtlichen Reihn und wiegen und tanzen und singen dich ein.« »Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort Erlkönigs Töchter am düstern Ort?« »Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau: es scheinen die alten Weiden so grau.« »Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt, und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.« »Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an! Erlkönig hat mir ein Leids getan!“ Dem Vater grausts; er reitet geschwind, er hält in den Armen das ächzende Kind, erreicht den Hof mit Müh und Not; in seinen Armen das Kind war tot. Erlkönig, Johann Wolfgang von Goethe


Wie aus Stress, Gefühle werden. Auf Spurensuche.

Wir sind damit wieder bei der alten Frage angekommen, warum wir so sind, wie wir sind, durch was unser Denken, Fühlen und Handeln tatsächlich bestimmt wird. Einer, der intensiv nach einer Antwort auf diese Frage gesucht hat und dabei ebenso Bemerkenswertes wie Bizarres aus den frühen Kindheitserinnerungen Erwachsener zutage gefördert hat, war Sigmund Freud. Er hatte, ebenso wie vor ihm Karl MarX und Charles DarWin, begriffen und – was wohl das wichtigste war – seinen Zeitgenossen auch begreiflich machen können, daß sich das, was ist, nur verstehen läßt, indem man sich fragt, wie es so, wie es ist, geworden ist.

Wenn der Weg, den ein Mensch, den die menschliche Gesellschaft oder den eine bestimmte Tierart im Lauf der Zeit zurücklegt, von so vielen Ereignissen beeinflußt und in seiner Richtung bestimmt wird, wie das nun einmal der Fall ist, dann wird eine solche Spurensuche zu einem mühsamen Unterfangen. Wenn dann noch jeder an einer anderen Stelle und nach anderen Einflüssen zu suchen beginnt, ist das chaotische Ende all dieser Bemühungen vorprogrammiert. So sind die Psychoanalytiker auf ihrem Weg bei der frühen Kindheit und den unterdrückten sexuellen Wünschen angekommen, die Entwicklungspsychologen bei den Stufen des


»Jeder Mensch ist bereits dann, wenn er geboren wird, anders als alle anderen.«

kindlichen Abstraktionsvermögens, bei dem, wie und was Kinder lernen, die Epigenetiker bei den vorgeburtlichen Einflüssen im Mutterleib, die Genetiker bei den ererbten, die frühe Hirnentwicklung steuernden genetischen Programmen und die Soziobiologen bei dem, was diese Gene in grauer Vorzeit vielleicht dazu gebracht haben mag, unser Verhalten noch heute zu steuern. Alle kommen zu Erkenntnissen und Aussagen, die ein Stück weit tragen und überzeugen, bis sie anfangen, einander zu widersprechen und sich gegenseitig zu entwerten. Das Durcheinander ist perfekt, alle haben Recht, aber jeder eben nur ein bißchen. Und wir, was machen wir? Wir gestatten immer demjenigen, seine Meinung am lautesten zu verkünden, dessen Auffassung davon, wie wir so geworden sind, wie wir sind, uns zur Zeit am besten in den Kram paßt.  Wollen wir gerade einmal die Welt verändern, holen wir Freud und Piaget und all diejenigen hervor, die uns darin bestärken, daß der Mensch sich ändern, daß er erzogen werden kann. Sind die Weltverbesserer wieder einmal mit ihren Konzepten gescheitert, wird den Genetikern und Soziobiologen das Wort erteilt und Gelegenheit gegeben, ihren Graben noch etwas tiefer auszuheben. So geht das Pendel hin und her, bis – ja, bis was? Bis uns entweder die Kraft oder ganz einfach die Lust vergeht, es ständig wieder anzustoßen. Irgendwann bleibt es dann stehen. Unten, in der Mitte. Es ist noch nicht ganz so weit, aber es scheint so, als könnten wir diesen Zustand, der nur noch durch das Gewicht, nicht den Schwung der Argumente bestimmt wird, noch selbst miterleben. Dann erst hätten wir Gelegenheit, unbefangen von allen Seiten genauer hinzuschauen, und würden feststellen,

Autor Gerald Hüther Text Thomas D. Mcavoy

daß die Herausbildung der kognitiven und emotionalen Fähigkeiten eines Menschen sowohl von gewissen angeborenen Voraussetzungen als auch von den während seiner Entwicklung vorgefundenen Bedingungen abhängt.   Als erstes würden wir sehen, was jede Hebamme schon lange weiß, daß es nämlich keine zwei Neugeborenen gibt, ja nicht einmal eineiige Zwillinge, die sich in jeder Hinsicht gleichen. Jeder Mensch ist bereits dann, wenn er geboren wird, anders als alle anderen. Er sieht nicht nur anders aus, er verhält sich auch anders. Der eine ist ruhiger, der andere lauter, der eine interessierter an dem, was ihn umgibt, der andere weniger, der eine läßt sich durch fast nichts erschüttern, der andere schreit bei jeder Kleinigkeit, der eine verhält sich fordernd, der andere nachgiebig. Jeder für sich ist einzigartig. Bereits unmittelbar nach der Geburt ist schon nicht mehr auseinanderzuhalten, was von dieser Einzigartigkeit durch die von den Eltern stammenden genetischen Programme verursacht und was davon bereits das Ergebnis von Einflüssen ist, denen das Neugeborene während seiner sehr langen und äußerst komplizierten Entwicklung im Mutterleib ausgesetzt war. […]  Jeder von uns hat bis zum Zeitpunkt seiner Geburt schon eine ganze Menge gelernt. Wenn er auf die Welt kommt, weiß er zumindest eines sehr genau, nämlich was Geborgenheit bedeutet. Jetzt lernt er die Angst kennen, und er spürt die Auswirkungen der damit einhergehenden Streßreaktion an seinem ganzen Körper. Es geht um das nackte Überleben, und er kennt zunächst nur eine Lösung: Er schreit und versucht verzweifelt, wenigstens einen Zipfel dieser Wärme und Abgeschirmtheit, dieser sicheren Versorgung und die-

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ses schwimmenden schwerelosen Schaukelns im Bauch der Mutter wiederzufinden. Alles, was er von dort bereits kennt, den Herzschlag der Mutter oder eine immer wieder gehörte Melodie, selbst Gerüche, die er nun wiedererkennt, hilft ihm, die Angst zu unterdrücken, die er in seiner völlig neuen Welt erlebt. Er strebt immer wieder dorthin zurück, und indem er das tut, macht er eine neue Erfahrung nach der anderen. Zu diesen Erfahrungen zählen all die kleinen Erfolge, die seine Streßreaktion kontrollierbar machen. Dabei werden diejenigen Verschaltungen in seinem Gehirn gebahnt, die er bei seiner Suche nach dem verlorengegangenen Glück immer wieder benutzt. Oberflächlich betrachtet sehen viele dieser initial beobachtbaren Verhaltensreaktionen von Neugeborenen so aus, als seien sie von angeborenen, genetisch festgelegten neuronalen Verschaltungen gesteuert. Ein typisches Beispiel hierfür ist die auffällige Zielstrebigkeit, mit der alle neugeborenen Säugetiere die mütterlichen Milchdrüsen suchen und finden. Bei Ratten wurde dieses »Nippelsuchverhalten« genauer untersucht. Es stellte sich heraus, daß die Neugeborenen so zielstrebig auf die Brustwarzen der Mutter zusteuern, weil diese einen Duftstoff absondern, der auch in der Amnionflüssigkeit (Fruchtwasser) enthalten ist, und den die jungen Ratten daher bereits gut kennen. Wäscht man diesen Duftstoff von den mütterlichen Brustwarzen ab, so wird die Brust nicht mehr gefunden. […] Das scheinbar instinktive Nippelsuchverhalten neugeborener Ratten (und vermutlich auch anderer Säugetiere) ist somit Ausdruck der intrauterin beziehungsweise perinatal stattgefundenen Bahnung von assoziativen Verschaltungen zwischen bestimmten Geruchsempfindungen und anderen, die intrauterine

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Konrad Lorenz zusammen mit seinen Gänsen

Geborgenheit signalisierenden Wahrnehmungen.   Nach der »Geburt« von Enten- und Gänseküken führen ähnliche Bahnungsprozesse dazu, daß die frisch geschlüpften Küken der Mutter (oder irgendjemandem, der sich bewegt, selbst einer Spielzeugeisenbahn) nachfolgen.  Konrad Lorenz hat dieses Phänomen als Prägung bezeichnet. Damit es dazu kommen kann, muß sich das »Prägungsobjekt« bewegen, das heißt, es muß immer wieder aus dem Blickfeld des Kükens verschwinden. Die dadurch ausgelöste Angst muß durch eine eigene Verhaltensreaktion (Rufen, Nachfolgen) kontrollierbar gemacht werden können. Die im Verlauf dieser wiederholten Streßreaktion stattfindenden zentralnervösen Aktivierungsprozesse führen zur Bahnung der dabei benutzten Verschaltungen und damit zur Festigung bestimmter Verhaltensreaktionen. Am Beispiel der Prägung von Gänseküken auf einen Menschen wird deutlich, welche weitreichenden Konsequenzen derartige, sehr früh stattfindende, besonders intensive Bahnungsprozesse haben können: Eine solche Gans wird später versuchen, sich mit ihrem »Prägungsobjekt« zu paaren.   Das alles passiert allen Neugeborenen und doch hat es jeder

Autor Mann Mann Text Mann Mann


»Wir konnten das tun, wann immer wir wollten, auch ohne unmittelbare Not, Bedrängnis oder Angst.«

von uns etwas anders erlebt. Diejenigen, die kräftig und gesund auf die Welt kamen, fanden sich schneller in der neuen Welt zurecht als die anderen. Die schwächlicheren und empfindlicheren machten ihre Erfahrungen langsamer, dafür aber intensiver und nachhaltiger. Diejenigen, die eine ausgeglichene, erfahrene und sichere Mutter hatten, kamen in jeder Hinsicht besser voran als diejenigen, die sich immer wieder neu auf eine sich ständige verändernde Mutter einstellen mußten. Manchmal paßten die Angebote der Mutter und die Bedürfnisse des Neugeborenen gut zusammen, so daß zu schnelle Entwicklungen gebremst und damit intensiver und nachhaltiger gestaltet, zu vorsichtige, ängstliche Verhaltensweisen abgebaut und Voraussetzungen für eine raschere Entwicklung geschaffen wurden. In manchen Fällen klappte das Zusammenspiel weniger gut und die Mutter verstärkte durch ihr Verhalten zu rasche und deshalb zu einseitige oder zu ängstliche und deshalb zu wenig eigenständige Entwicklungen ihres Kindes. Was wir während dieser Phase erlebt haben, wie wir uns mit unseren Anlagen und den ersten Erfahrungen in dieser neuen Welt zurechtgefunden haben, was wir als Säugling im einzelnen gelernt haben, wissen wir heute nicht mehr. Die Verschaltungen, die wir benutzt haben, um beispielsweise unsere Bewegungen zu koordinieren, sind jedoch nicht verschwunden. Wir haben sie auf unserer weiteren Suche nach besseren Lösungen zur Kontrolle der Angst immer weiter benutzt, ausgebaut, verfeinert und an die Erfordernisse unseres weiteren Lebens angepaßt. So sind unsere tapsigen Bewegungen zu exakter Körperbeherrschung, so ist unser anfängliches Geschrei und Gebabbel allmählich zu einer verständlichen Sprache

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geworden, unserer Muttersprache. Jedesmal, wenn es uns gelang, unsere Angst durch die Benutzung irgendeiner der vielen, sich in unserem Gehirn herausbildenden oder schon angelegten Verschaltungen zu besiegen, war das Verschwinden der Angst unsere größte Belohnung. Wir wurden in die Arme genommen, geküßt, gestreichelt und bekamen so ein Stück der Wärme und Geborgenheit wieder, die wir mit unserer Geburt verloren hatten. Später reichte uns schon ein Lob, ein liebevoller Blick, ein freundliches Lächeln der Mutter, um uns dieses Gefühl der Geborgenheit wiederzugeben und uns Mut zu machen, auf unserem weiteren Weg. So haben wir immer wieder erfahren, wie die Angst verschwand, wenn jemand in unserer Nähe war, der uns mit seiner Wärme Sicherheit und Schutz bot, der uns liebte. Das war die erste eigene Erfahrung, die wir in unserem Leben gemacht haben. Die Verschaltungen hierfür wurden immer wieder gebahnt und das Gefühl, daß wir bei einem Menschen, der uns liebt, geborgen sind, wurde tief in das Gehirn eines jeden Menschen eingegraben.   Leider haben nicht alle Kinder dieses Glück, und leider bleiben diese Verschaltungen nicht automatisch für den Rest des Lebens so fest verankert, wie sie es damals waren. Die mit kontrollierbaren Belastungen einhergehende Aktivierung des noradrenergen Leitsystems in unserem Gehirn hat während unserer ersten Lebensmonate nicht nur dazu beigetragen, die für die Bewegungskoordination und für das Gefühl des Geborgenseins verantwortlichen Verschaltungen zu bahnen. Auch unsere Wahrnehmungsfähigkeit und die Verarbeitung von Sinneseindrücken wurden immer ausgefeilter und sicherer. Immer besser wurden wir in

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»Jedesmal, wenn unser Lächeln von ihnen erwidert wurde, war auch unsere eigene mitfühlende Angst wie weggeblasen …«

die Lage versetzt, die durch unser Verhalten ausgelösten Reaktionen auf seiten der Mutter und dem inzwischen größer gewordenen Kreis von Bezugspersonen zu erkennen. Immer besser konnten wir herausfinden, was wir tun mußten, um uns ihre Geborgenheit, ihre Liebe zu sichern. Nun waren wir erstmals in der Lage, einfach nur durch ein Lächeln, durch ein liebes Wort, durch ein zärtliches Streicheln die Wärme und Zuwendung eines anderen Menschen zu gewinnen, uns durch eigenes Handeln Liebe schenken zu lassen. Wir konnten das tun, wann immer wir wollten, auch ohne unmittelbare Not, Bedrängnis oder Angst. Hätten wir es jedoch tatsächlich ausschließlich so benutzt, wären die dabei aktivierten Verschaltungen in unserem Gehirn auch nicht gebahnt worden. Diese Verschaltungen wurden gebahnt, weil wir sie eben nicht einfach so, sondern vor allem immer dann benutzten, wenn wir Angst hatten. Wir haben immer dann liebevoll gelächelt und zärtlich gestreichelt, wenn wir spürten, daß der andere in Bedrängnis war, daß die Mutter oder der Vater sich Sorgen machten, daß sie Angst hatten. Jedesmal, wenn unser Lächeln von ihnen erwidert wurde, war auch unsere eigene mitfühlende Angst wie weggeblasen, wurden die betreffenden Verschaltungen ein Stück tiefer in unserem Gehirn verankert. In uns zurückgeblieben ist das Gefühl, daß wir einem anderen Menschen etwas geben können, das seine Angst besiegt, daß wir uns hingeben können. Damals haben wir begriffen, was es heißt, einen anderen Menschen lieben zu können. Damals, als unsere Eltern noch voll Ungeduld darauf warteten, wann wir endlich die ersten Schritte gehen, die ersten Worte stammeln und womöglich das erste Mal in den Topf machen würden, haben wir von ih-

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nen fast unbemerkt zwei entscheidende Fähigkeiten erworben, […] was es bedeutet, von anderen Menschen geliebt zu werden und unsere Liebe anderen Menschen schenken zu können. Damit dieses Gefühl wachsen kann, braucht jedes Baby jemanden, der ihm seine Wärme, seine Zärtlichkeit, seinen ganzen Körper und seine ganze Zuneigung unbefangen und ohne Zaudern nicht immerzu, sondern immer dann schenkt, wenn es Angst verspürt.   Die Mutter (oder wer immer es sein mag) muß seine Signale der Verunsicherung verstehen, und sie muß ihrem Kind deutlich und so, daß es von ihm auch verstanden wird, zeigen, daß es selbst bereits in der Lage ist, nicht nur seine, sondern auch ihre Ängste zu verjagen, sie froh und glücklich zu machen. Der an das Bettchen gehängte Klimbim und das ganze »pädagogisch wertvolle« Spielzeug in der Krabbelecke ist dabei bestenfalls schmückendes Beiwerk. Wenig hilfreich sind auch alle Maßnahmen, die darauf abzielen, ein Kind bereits dann zu erziehen, wenn es noch voll und ganz damit beschäftigt ist, seine ersten beiden Keimblätter auszubilden. Die Versuche von Eltern, ihrem Sprößling bereits sehr früh beizubringen, was ihnen besonders wichtig erscheint, sind für ein Kleinkind oft nur schwer durchschaubar. Jedes vergebliche Bemühen, es dazu zu bringen, nicht mehr in die Windeln, sondern in einen Topf zu machen, löst zunächst nichts anderes als eine immer wiederkehrende unkontrollierbare Streßreaktion aus und trägt dazu bei, alle bisher schon entwickelten Verschaltungen in seinem Gehirn aufzulösen. Das sind vor allem diejenigen, die das Gefühl von Geborgenheit vermitteln, wie auch jene, die sein Vertrauen in seine Fähigkeit bestimmen, diese Geborgenheit zu erlan-

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Konrad Lorenz umgeben von einer Gänsefamilie

gen. Eltern, die sich weniger von ihren Vorstellungen leiten lassen und genauer auf die Signale ihres Kindes achten, merken sehr genau, wann ihm die Sache mit den Windeln unangenehm zu werden beginnt. Das wäre der richtige Zeitpunkt, um ihm behilflich zu sein, dieses kleine Problem zu bewältigen und das Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten wachsen zu lassen. Wird er verpaßt, so lernt das Kind wieder etwas anderes, nämlich, daß man sich an vollgemachte Windeln auch ganz gut gewöhnen kann. Auch das wird gebahnt und läßt sich später möglicherweise nur schwer wieder auflösen.  Eltern müssen also ein sehr feines Gespür dafür entwickeln, was in ihrem Kind vorgeht, was es fühlt, von welchen Ängsten es getrieben wird und auf welche Weise es versucht, seine Angst und die dadurch ausgelöste Streßreaktion kontrollierbar zu machen. Wie man dieses Gespür entwickelt, weiß ich nicht. Wer sich nicht in einen Säugling hineinfühlen kann, dem wird auch die Lektüre aller Bücher, Zeitschriften und Ratgeber dieser Welt nicht wirklich weiterhelfen. Wer naiv versucht, sich in sein Kind hineinzuversetzen, ohne zumindest in Grundzügen zu wissen, wie es zu diesem Zeit-

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punkt seiner Entwicklung die Welt betrachtet, betrachten muß, was es fühlt, weil es gar nichts anderes fühlen kann, der hält allzuleicht und ohne es zu merken seine eigenen Vorstellungen und Empfindungen für die des Kindes. Wenigstens in groben Zügen läßt sich nachvollziehen, was ein Kind empfinden muß, nachdem es im Lauf seines ersten Lebensjahres die Erfahrung gemacht hat, daß ihm die Zuwendung der Mutter Sicherheit und Schutz bietet und die Angst vor allem Neuen zu bewältigen hilft. Es hat sich unter diesem sicheren Schirm entfaltet, hat Laufen und Sprechen gelernt, kann aus Bauklötzen Türme bauen, fast allein essen und weiß, daß es sich, wann immer es bedrohlich wird, unter diesen Schirm retten kann. Es fühlt sich in dieser Welt nun wieder ähnlich geborgen wie damals, vor seiner Geburt. Es weiß, wie sehr es diese Geborgenheit braucht, und muß sich deshalb immer wieder vergewissern, daß sie ständig verfügbar ist. Deshalb klebt es nun am Rockzipfel der Mutter wie eine Klette und paßt auf, daß keiner kommt, der diese auch noch für sich beansprucht. […]

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Ach, sie san wul von driebn !? Was treibt Opa Rodenwald in Bärenbach?

Im kleinen erzgebirgischen Ort Bärenbach macht die Familie Habermann für ein paar Tage Urlaub und hofft, sich vom Alltag der Großstadt Berlin entspannen zu können. Doch schon bald fühlen sich die Habermanns im malerischen Ort wie zu Hause und nehmen das Angebot des Bürgermeisters an, in Bärenbach zu bleiben bzw. dahin umzusiedeln. Sie finden ein kleines altes Haus und richten sich darin gemütlich ihre Wohnung ein.  Bald müssen sie aber erkennen, dass es mit der Gemütlichkeit im schönen neuen Heim vorbei ist, denn es spukt darin gewaltig. Das muss auch Vater Habermann schnell

erkennen, der normalerweise als Wissenschaftler und Arzt jeglichen Aberglauben ablehnt. Die Kinder der Habermanns aber finden Gefallen an dem Spuk und den Spukgeschichten rund ums Haus. Sie freunden sich mit Opa Rodenwald an und werden recht schnell in abenteuerliche Erlebnisse hinein gezogen.  Opa Rodenwald ist in Wirklichkeit der Roboter RO-101, der im Auftrag der drei Obskuraner das Haus bewachen soll. Die drei Obskuraner sind Außerirdische vom fernen Planeten Obskura, die das Haus im Mittelalter als »Feriendomizil« gebaut hatten. Für diesen Bau hatten die Obskuraner seiner-


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zeit unrechtmäßig Material vom Planeten Obskura entwendet, wodurch dieser nun »eiert«. Um diesen Zustand zu beheben, haben die Obskuraner den Auftrag, das verwendete Material – also Haus und Roboter – auf ihren Heimatplaneten zurückzubringen.  Aus der Geschichte der Obskuraner im Mittelalter, die damals schon mancher Spuk umgeben hatte, hat sich parallel dazu eine erzgebirgische Sage entwickelt, die das Fernsehen verfilmen will. Dazu ist ein Drehstab aus Berlin angereist, der gleichzeitig mit den Obskuranern im Erzgebirge erscheint. Da die Obskuraner so wie seinerzeit im Mittelalter

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auf der Erde auftreten, ergeben sich jede Menge amüsante Verwechslungen mit den Filmleuten. Da die Kinder als einzige langsam die wahren Zusammenhänge erkennen, geben sie nicht so schnell auf und lassen sich eine ganze Menge einfallen, um ihren geliebten Opa und natürlich das Haus zu beschützen.

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Impressum Gestaltung  Meike Adler, Anna Gebhardt & Daniel Schilke Papier BioTop 3 – 120g/m² Schrift Newzald Druck Fachhochschule Bielefeld

Texte: Brockhaus Enzyklopädie — Angst Definition. F.A. Brockhaus, Wiesbaden Gebrüder Grimm — Grimms Märchen. Lechner Verlag, Genf: 1992 Erich Fried — Es ist was es ist. Liebesgedichte Angstgedichte Zorngedichte. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin: 2007 Gerald Hüther — Biologie der Angst. Wie aus Stress Gefühle werden. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen: 1999    Manuel J. Smith — Gib deiner Angst einen Tritt. Wolfgang Krüger Verlag, Frankfurt am Main: 1977 Alfred Hitchcock — Die drei Fragezeichen im Gespensterschloss. Europa (Sony Music), 2001 Tim Lindemann — Regisseur Jaume Collet-Serra im Interview. http://www.blairwitch.de/index.php?seitenid=20&specialid=83 Stanley Rachman — Angst. Formen, Ursachen und Therapie. U&S Taschenbücher, 1974

Bilder: http://kr.blog.yahoo.com/ficusandumbrella/938568 http://images.google.com/hosted/life http://www.hamburger-heilpraktiker-fachschule.de/ Dr. Heinrich Hoffmann: Der Struwwelpeter. Gondrom Verlag GmbH, Bindlach: 2001

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