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CITY OF GOLD   GOLD TRIP 01

NARROW SPACE

KUNSTHAUS OBERHAUSEN



NARROW SPACE


IMPRESSUM Redaktion: Daniela Risch Gestaltung: Kai Behrendt Fotografie: Daniela Risch Diese Publikation wurde herausgegeben von CITY OF GOLD, anläßlich der Ausstellung NARROW SPACE – GOLD TRIP 01 vom 3. bis 25. Oktober 2020 im Kunsthaus Haven, ­Oberhausen. GOLD TRIP ist eine Reihe künstlerischer Interventionen des CITY OF GOLD in Partnerinstitutionen und an temporären Orten, initiiert und kuratiert von Daniela Risch. GOLD TRIP 01 wurde durch die freundliche Einladung von Philipp Valenta ins Kunsthaus Haven ermöglicht und mit der Unterstützung des Kulturamtes Essen, dem Corona Sonderfonds Kultur der Stadt Essen, dem Frauenkulturbüro NRW und dem Engagement aller beteiligten Künstler*innen realisiert. instagram.com/_cityofgold_ facebook.com/cityofgoldessen


EINE AUSSTELLUNGSBEGEHUNG MIT DENIS BURY

Von meiner Wohnung in Essen fahre ich nach Oberhausen. Im Navigationsgerät habe ich die Einstellung Autobahn vermeiden gewählt und höre, wie bereits über die ganze Woche, Themen über 30 Jahre Mauerfall – über das Internet bei dem Berliner Sender Radio Eins. Der 3. Oktober 2020, dunkel und verregnet. Die Straßen leer. Keine Flagge, keine Veranstaltung, kein Mensch auf der Straße. Nur ich auf dem Weg zu einer Ausstellung und im Kopf in meiner sächsischen Heimatstadt zur Wendezeit. Von einer Straße, die aussieht wie alle anderen hier, biege ich tiefer in ein Wohngebiet und vermute einen Fehler bei der Adressangabe. Dann taucht ein größeres Gebäude auf, ein Schulgebäude, ich bin am Ziel. Eine Zigarette drehend, freue ich mich am Eingang Daniela Risch zu sehen. Ich kenne Sie als Initiatorin und Künstlerin von City of Gold, einem wunderbaren Kunstraum in der Essener Nordstadt. Sie hat die Ausstellung zusammengestellt. Ich betrete das Gebäude, gehe über die Steintreppe des Schulhauses der Ausstellung entgegen und treffe auf einem Absatz auf ein leicht zerbeultes Metallregal, in dem mehrere gymnastische Sitzbälle gedrängt wurden. Zwei Absätze weiter liegt eine sportlich geschnittene Plastiktextilie mit der Längsseite am Rand des Treppenhauses über den Stufen, diese korrekt nachzeichnend. Daneben ein Video: zwei Hände fassen einen Ballon. Sie halten ihn, formen ihn, mal fester, mal zärtlicher. Dann sehe ich zwei weitere Sitzbälle, jeweils in die sich gegenüberstehenden Stühle geklemmt, auf einer Fläche, die wie ein weißer Fotohintergrund aussieht. Der animistische Teil meines Gehirns assoziiert sofort eingepferchte Personen, ähnlich einer Talk-Show-Situation direkt gegenüber, zur Schau gestellt auf dem Fotohintergrund. Auch das bereits erwähnte Metallregal wird nun um ein Schubladendenken belebt, darin gequetschte Meinungen. Daneben eine Videoprojektion in der Größe zweier DIN-A4Seiten. Die schaue ich mir später an. Nun gehe ich vom Treppenhaus in einen Raum, darin ist das Gerüst eines Zeltes, in dem man bequem aufrecht stehen kann und mehrere Personen Platz finden können. Noch bevor ich blinzele und mein assoziativer Gedankenapparat anspringt, kommt mir die Erinnerung an ein NVA-Zelt, vielleicht einem Camping-Zelt. NVA: Nationale Volksarmee der DDR. Schnell aufgebaute und schnell abgebaute Behausung der antifaschistisch-militärischen ­Streitmacht. Ich sehe weiter eine saubere, einfarbige Fläche, die den Koordinaten der Zeltstangen folgt. Eine Fläche ohne Raum. Mir kommen die Zelte flüchtender Menschen in den Sinn. Und IKEA, das in Hinblick auf sich künftig abzeichnende Flüchtlingsströme für die UNO neue Unterkünfte entwickelte – 2013.1 Die Fläche ist rein und wird während der Ausstellungseröffnung respektiert: keiner läuft über sie hinweg. Man kann Fragen warum. Kein Verbot steht im Raum. Die Covid-19-Hygieneregeln verlangen, dass nur eine begrenzte Anzahl Besucher den Raum betreten darf. Damit ist für niemanden ablesbar, ob sich der vereinzelte Betrachter um das große Kunstwerk in der Mitte des Raumes schlängelt oder gerade zufällig einen Standpunkt außerhalb der Fläche angewählt hat. Auch ich gehe nicht über die aus Quarzsand so perfekt gestaltete Fläche und schaue mir die Arbeiten an den Wänden an. Ich sehe


ein von der Wand abstehendes Dreieck, etwas größer als A5. Es ist ein kräftigeres Papier, flächig grau bemalt und mit deutlichen, geometrischen Faltlinien versehen. Sie teilen die Gesamt- in verschiedene Einzelflächen. Ich denke an Beton, öffentliche und nicht-öffentliche Plätze, Brutalismus, der, ursprünglich soziale Aspekte des Bauens betonend, später rein effizient betrieben wurde. Die dreieckig aufgespannte Form des Papiers in der Nähe zur „Zeltstangenarbeit“ lässt mich allerdings auch an eine Zeltplane denken, aufgespannt im Wald. Freiheit, gemeinsame Gemütlichkeit, Schutz vor Regen. Und so verändert sich auch mein Blick auf die Zeltstangen. Ich muss an meine Großeltern denken, Dauercamper in Deutschbaselitz, Geburtsort Georg Baselitz’. Federball spielen auf der Sandbank im See, Schaukeln in dem Wäldchen um das Zelt – mit diesen Gedanken lockere ich mich auf und sehe nun die Farben, Linien, Flächen, die malerischen oder grafischen Aspekte der Ausstellung. Ich sehe eine helle Fläche, schmutzig, deutlich aufliegend auf einem Hintergrund aus Hartfaser, ebenfalls etwas größer als A5. Sie endet links mit dem Rand der Trägerfläche, zieht sich unwinkelig in geraden Linien über zwei Drittel des Untergrundes und ist an der oberen rechten Ecke noch angeschnitten. Die schmutzige Fläche scheint mir ein Pendant zur sauberen Fläche zwischen den Zeltstangen zu sein – benutzt. Und während ich bei der Papierarbeit zuvor an konkrete Vorstellungen der Kunst dachte, sind es hier konstruktivistische Momente. Jetzt – beim schreiben dieses Textes – überlege ich, diesen Punkt noch etwas auszuarbeiten, meine Gedanken von West nach Ost streifen zu lassen. Diese Ausstellung scheint mir doch politischer … Nun gehe ich zur Wandfläche gegenüber. Kleine Schächtelchen sind an diese unregelmäßig angebracht. Mal mit der Stirn-, mal mit der Längsseite. Darin Farbwelten. Pastose Räume, Zimmer, Tage. Farben liegen aneinander, bröckeln, geben Einsicht in die transparenten, geschlossenen Schachteln oder verbergen. Dreidimensionale Leinwände subjektiver Empfindung – wie Tagebücher, Lyrik, Romankapitel. Teile einer Welt. Selten soviel Raum und Zeit, auf wenig Fläche, zeitvergessen. Mein Text benötigt hier eigentlich ein Innehalten. Blättern Sie doch im Katalog die Arbeiten auf und verweilen Sie ein wenig in ihnen!

1  Ikea-Häuschen statt Flüchtlingszelte, https://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/ ikeahaeuschen-statt-fluechtlingszelte/story/23613147, 30.6.2013, abgerufen am 5.10.2020


REBEKKA BENZENBERG UND SVEN DIRKMANN   WHEN ATTITUDE TRIES TO FIT THE FORM


DANIELA RISCH   SUNKEN


LUISE FLÜGGE   BALLON


REBEKKA BENZENBERG UND SVEN DIRKMANN   WHEN ATTITUDE TRIES TO FIT THE FORM


MARITA BULLMANN   ONE CLOTH PIECE


ALICE MUSIOL   BASIS


ALICE MUSIOL   BASIS


THOMAS BUTS   O. T.


DANIELA RISCH   SHAPE


MARIOLA LASCHET   KAWULIPOO


MARIOLA LASCHET   KAWULIPOO



Wir steigen wieder ein bei einem bemalten, nahezu quadratischen Papier mit zwei Faltungen. Sie trennen eine schmale Fläche vom Rest, der wiederum einmal diagonal gefaltet ist. Die Arbeit scheint eine perfekte Verbindung von subjektiver Wahrnehmung und Gestaltung über Gedankenmodelle, Doktrinen und deren Kritik. Durchschreitet man diesen Teil der Ausstellung entgegen meiner Laufrichtung, ist sie ebenfalls der perfekte Beginn dieses Raumes. Ich verlasse ihn und werde wieder von den gequetschten Gummibällen in den Metallstühlen empfangen. Gequetscht wird auch der Luftballon im bereits am Anfang dieses Textes erwähnten Video. Aber er wird auch vorsichtig gefasst, geradezu gestreichelt. Am Ende freigelassen: die Luft entweicht aus einem Körper, den sie vorher definierte. Definition von innen, Verformung von außen, dazwischen eine Wand. Und im Entweichen mischt sich die Luft mit ihrer Umgebung. Sie wechselst von einem begreifbaren Gegenstand in eine ­körper­lose Form. Jetzt schaue ich mir die kleinen Videoprojektionen an. Ich sehe zwei Räume. In einem versucht eine nackte Person irgendwie mit einem etwas zu großen Hemd klar zu kommen, was an einem Bügel im Raum hängt, und versucht sich damit zu bedecken. So richtig scheint das nicht zu funktionieren. Video zwei zeigt die Person ebenfalls mit einem Bekleidungsstück ringend, am Boden liegend. Sie zieht und zerrt daran, Schutz suchend. Zuerst denke ich an Erwin Wurms One Minute Sculptures. Das stimmt aber gar nicht. Hier kämpft jemand mit einem Konstrukt, einem Hemd was nicht passt. Kleidungsstücke sind Konventionen, sich ständig ändernd. Sie stehen für gesellschaftliche Akzeptanz und Eigenständigkeit. In diesen Polen ist es nicht leicht, seine eigene Haltung oder das passende Kleidungsstück zu finden. Grenzen des eigenen Handelns werden sichtbar. Und die Ausstellung rückt für mich einmal mehr ins Politische. Nun öffnet sich mir auch die zweite in diesem Text erwähnte Arbeit, die Plastiktextilie auf den Treppenstufen. Unter ästhetischen Gesichtspunkten sehe ich eine graue Fläche. Mit der geraden Seite liegt sie rechts an einer Wand an, mit der gerundeten Seite links, an der ein dunkler Streifen verläuft, teilt sie die Treppe. Ursprünglich gehörte dieses Material zu einem Faltboot aus DDR-Produktion. Wie ich erfahre, stammen die Zeltstangen der anderen Arbeit aus demselben Werk. Die Arbeiten sind jedoch nicht von der gleichen Künstlerin. Wird die Treppe, der steinerne Fortschritt ins darauf Folgende, hier in ein Ost und ein West geteilt? Ist dieses Zwischenstück der Treppe symbolischer Ausschnitt einer Geschichte? Und steht der Teil des Bootes für Fluchtversuche der Menschen aus der DDR? Denn auch dafür wurden sie verwendet: schnell aufgebaut und schnell abgebaut … Noch einmal laufen meine Gedanken in diese Richtungen bei der Aufführung eines percussiven Stückes. Pattern werden aufgemacht und widerrufen. Systematik und das Verlassen dieser scheinen mir Anhaltspunkte. Dabei wird das Stück nicht freigespielt. Es ist keine Improvisation, sondern folgt einer Komposition Iannis Xenakis’. Ausgehend von mathematischen Ansätzen der Wahrscheinlichkeitsrechnung entwickelte er einen Stil, der der stochastischen Musik. Dabei werden allgemeingültige Aussagen mit zufälligen verglichen. Auf dem Nachhauseweg lasse ich das Radio ausgeschaltet, vermeide aber wiederum die Autobahnen. Es geht mir viel durch den Kopf. Noch einmal bin ich bei dem Faltboot auf der Treppe. Es steht nicht aufgepeppelt auf einem Sockel, es liegt skelettlos auf der Treppe. Vielleicht sollte man damit einfach wieder etwas fahren. Im Gepäck dreißig gemeinsame Jahre.


THOMAS BUTS   O. T.


THOMAS BUTS   O. T.


LUISE FLÜGGE   BALLON


MARITA BULLMANN   ONE CLOTH PIECE


MARITA BULLMANN   ONE CLOTH PIECE


DANIELA RISCH   SUNKEN


MARITA BULLMANN  One cloth piece, 2009, Video, 10 min Marita Bullmanns performative, installative und fotografische Arbeiten sind Auseinandersetzungen mit alltäglichen Materialien, Handlungen und Räumen. Sie begibt sich auf die Suche nach einer direkten Begegnung zwischen Körper und Raum. Ihre Arbeitsweise lässt sich als ein zeitlich ephemerer, orts- und situationsspezifischer Prozess begreifen. Ihre Arbeitsweise lässt sich als einen zeitlich ephemeren, orts- und situationsspezifischen Prozess begreifen. Mit ihren Handlungen kreiert sie eigene Realitäten und Szenarien, die das Bewusstsein für Gegenstand, Material, Körper und Raum verstärken. Visuelle, zeitliche, haptische oder akustische Elemente ­bestimmen die Wirkung und die Wahrnehmung ihrer Darbietung. → www.maritabullmann.de THOMAS BUTS  o. T., 2020, Wachs auf Papier, 3-teilig, verschiedene Formate Thomas Buts künstlerische Arbeit umfasst Malerei, (Klang-) Installation und Performance. Seine malerischen Arbeiten spielen mit den Erschein­ ungsformen der gegenstandsfreien Kunst und werden mittels Faltungen oder Schichtungen manchmal auch Objekt, Skulptur oder Installation. In seinen kleinformatigen Papierobjekten wurde der Gestus des Farbauftrags im Produktionsprozess teilweise aufgelöst. Wärme ließ die wachshaltigen Farben die Papiere durchdringen und durchfärben. Die Materialität der so entstandenen Oberflächenstruktur entwickelt ihre besondere Wirkung im Zusammenspiel mit den benachbarten Objekten in dieser Ausstellung. → instagram.com/thomas.buts LUISE FLÜGGE  Ballon, 2019, Video, HD, Loop, 3 min Luise Flügge arbeitet überwiegend mit F ­ otografie und Video. Gegenstand dieser Arbeiten ist immer wieder der eigene Körper. Ein Pas de Deux zwischen Kamera und Künstlerin erzeugt intime Selbstporträts, die den Körper in Interaktion mit Gegenständen und Umgebung zeigen. Die eigene Biografie nimmt dabei eine eher unterschwellige Rolle ein, während das eigene Gesicht und der eigene Körper zur Projektions- und Aktionsfläche der künstlerischen Auseinandersetzung werden. → instagram.com/luise_fluegge MARIOLA LASCHET  Kawulipoo, 2019, 9-teilig, Kunststoffboxen, je 13 × 6,6 × 2,8 cm Mariola Laschet eröffnet auf ihren Leinwänden und in ihren malerischen Objekten mit differenziert leuchtenden und fein abgestimmten Farben je­

weils aufs Neue eigene Räume und Universen. Die sich überlagernden Schichtungen, Strukturen und Transparenzen scheinen in unendliche Bild­welten hineinzuziehen. Jeder Bogen, ­Farbschwung, jeder Fleck weckt eine innere Erfahrung, die sich als physisches Empfinden in die Gegenwart drängt. → www.mariola-laschet.de DIRK MANN und BEN BERG When attitude tries to fit the form, 2020, 2-teilig, Gymnastikbälle, Aluminiumregal, Stuhlgestelle Dirk Mann und Ben Berg (Sven Dirkmann und Rebekka Benzenberg) sind ein im Jahr 2017 ­gegründetes Künstlerkollektiv. Ihre Arbeiten ­befassen sich mit dem Thema des sozialen Raums. Dabei setzt sich das Kollektiv weitestgehend mit dem Thema der Genderidentität auseinander. Geschlechterrollen werden hinterfragt, mit ihnen gespielt und gebrochen. → instagram.com/dirkmann_benberg ALICE MUSIOL Basis, 2020, Zeltgerüst, Sand, 217 × 483 × 400 cm Das Werk von Alice Musiol umfasst ein breites Spektrum: Zeichnungen, Druckgrafik, Wandarbeiten, Objekte, Skulpturen, Installationen, Projektionen. Im Zentrum steht dabei weniger das Medium, sondern vielmehr eine grundsätzliche Haltung, die zu einer Arbeit führt.   Obgleich sich Musiol in hohem Maße auf Situationen, Räume, auf ein Repertoire von Vorhan­ denem – Material, Gegenstände, Arbeitsmöglichkeiten etc. – einlässt, steht der Bezug zu ihrer eigenen Identität, zu ihrer Biografie und Körpererfahrung, zu ihren eigenen Zeitmaßstäben und den damit verbundenen Möglichkeiten immer im Mittelpunkt ihres Schaffens. (Dr. Reinhard Spieler, Sprengel Museum Hannover) → www.alicemusiol.de DANIELA RISCH Shape, 2019, Acryl auf MDF, 20 × 30 cm Sunken, 2020, Bootshaut Daniela Risch entwickelt ihre Arbeiten innerhalb einer breitgefächerten fotografischen, filmischen, installativen und malerischen Praxis. Die einfache und prägnante Formensprache ihrer Malerei enthält jedoch die gesamte Komplexität von Farbe, Form, Fläche und Materialität. Sichtbares und Nicht-Sichtbares erzeugen Spannung, die Farbformen evozieren unterschiedliche Affekte und stimulieren je nach Gestaltung Erfahrungen der Dynamik, Verhaltenheit oder Ruhe. Ihre Installationen sind auch als dialogische Angebote an den Raum und die in ihm enthaltenen anderen künstlerischen Arbeiten zu lesen. → instagram.com/daniela.risch



CITY OF GOLD 2020


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