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„Determinantengedrängel“

Freie Universität Bozen Fakultät für Design und Künste Projekt: Wie zufällig ist der Zufall? | SS 09

Studentin: Lena Widmann

Visuelle Kommunikation: Prof. Antonino Benincasa Bildsemiotik: Prof. Jörg Gleiter Interior and Exhibit Design: Prof. Roberto Gigliotti

Schriften: Klavika, SplitlevelHouse, Ashyhouse Papier: LANA Dessin 150

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Das Sommersemester 2009, mein zweites Fachsemester im Studiengang Design an der Universität Bozen, „bescherte“ mir das Thema „ Zufall“. Eigentlich hatte ich aus den Projektangeboten für dieses Semester ein anderes Thema ausgewählt, aber wir Menschen sind, so behauptet es der Philosoph Odo Marquard, „stets mehr unsere Zufälle als unsere Wahl“ (1). Darauf komme ich später noch zurück. Dieses kleine Buch soll meine Auseinandersetzung mit dem Projektthema „Wie zufällig ist der Zufall?“ dokumentieren. Damit rücken für mich drei Aspekte in den Mittelpunkt: Wie kann ich meine Gedanken und mein Wissen zum Thema zusammenfassen und sichtbar machen? Wie kann ich dieses Wissen anwenden und nutzen - in meiner persönlichen Entwicklung und in meiner gestalterischen Arbeit? Wie kann ich mein „Informationswissen“ und mein „Handlungswissen“ (2) so darstellen, gestalten und mitteilen, dass man es verstehen kann?

Im Wesentlichen habe ich mich für einen narrativen Ansatz entschieden. Das heißt, meine Aussagen sollen mit Geschichten, Bildern und Analogien anschaulich gemacht werden, um dadurch die Komplexität des Themas zu reduzieren. Den Begriff „Determinantengedrängel“ (3) übernehme ich von Odo Marquard als Titel für das Buch, und als Überschrift für mein erstes Kapitel. Hier sollen Begriffe geklärt, Unterscheidungen getroffen und Thesen zum Thema formuliert werden.

Im zweiten Schritt schildere ich genau die Situation, in der meine theoretischen Annahmen erste Auswirkungen in der praktischen Arbeit zeigen. Hier wird mir klar, wie ich das Projekt umsetzen könnte. Das Kapitel „Nils“ dokumentiert wie ich den Zufall spielerisch nutze und ihn quasi als „Co-Produzent“ entdecke. Im letzen Kapitel versuche ich die gewonnen Erkenntnisse und die gemachten Erfahrungen einzuschätzen und zu bewerten.

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„Determinantengedrängel“

Inhalt

„Determinantengedrängel“

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„Genau“

17

„Nils“

29

„Klaro“

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Anmerkungen

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„Determinantengedrängel“

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Determinantengedrängel

Die Auseinandersetzungen mit dem Thema „Zufall“ haben mich weitergebracht. Meine Bezüge und Informationen zum Thema möchte ich im Folgenden kurz darstellen. Überraschend war es für mich zu erkennen, dass sich im Grunde die gesamte Menschheitsgeschichte, bezogen auf den Zufall, in drei Abschnitte einteilen lässt. Die ersten beiden Abschnitte erwähne ich kurz, den dritten möchte ich genauer ausführen und dabei zu-

zufall

sammenfassen, welche Rolle der Zufall in der Evolution der Welt, meiner persönlichen

schicksal nation determi chaos ktion reprodu gesetze

regeln nz koinzide

einlichkeit wahrsch

Entwicklung und der Entwicklung meiner gestalterischen Arbeit spielen könnte. Und vielleicht, soviel kann ich vorwegnehmen, hängt das alles ja irgendwie zusammen. Meide den Zufall, er ist eine miserable Angelegenheit und „[...] scheint einer der schlimmsten Feinde von Freiheit und Würde des Menschen zu sein“. (4) Diese Auffassung hat eine lange Tradition; denn die Menschen bekämpfen den Zufall seit langer Zeit. Hegel umreißt den Sinn philosophischen Denkens mit den Worten: „Die philosophische Betrachtung hat keinen anderen Sinn, als das Zufällige zu entfernen.“ (5) Die Methoden bestanden und bestehen immer noch darin, den Zufall durch das Aufdecken von Ursachen zur Strecke zu bringen, seine Gesetzmäßigkeiten zu erforschen, um ihm durch seine Wahrscheinlichkeit den Schrecken zu nehmen, oder seine Existenz

eit beliebigk

schlichtweg zu leugnen: „Wir möchten nicht, daß wir zufällig sind, wir möchten, daß wir

..

(6) Das Leben der Menschen war Jahrtausende lang durch „metaphysische Instanzen“

.. wahlmoglichkeiten kreativitat

notwendig sind, unsere Existenz unvermeidbar und seit allen Zeiten beschlossen ist“.

(7) und gesellschaftliche Vorgaben bestimmt. Da war nichts Zufälliges, sondern alles war Schicksal. Dies änderte sich grundlegend. Das Schicksal bestimmte zwar weiterhin das Leben, aber die Verantwortung liegt jetzt bei den Menschen und nicht mehr bei den Göttern. Sartre zum Beispiel stellt seine eigene Formel auf: „Wahl, die wir sind.“ (8) Selbst schuld also, am eigenen Leben - oder sei deines Glückes Schmied! Aber auch hier gibt es keinen Platz für den Zufall, denn alles ist unsere Wahl. „Der Mensch ist, oder soll sein, ausschließlich das Resultat seiner Absichten.“ (9) Im dritten Abschnitt wird die Bedeutung des Zufalls anerkannt. Zunächst - überraschender Weise - in den Naturwissenschaften; später ziehen auch die Philosophen nach und Odo Marquard formuliert heute in seiner „Apologie des Zufälligen“ (10): „Wir Menschen sind stet s mehr unsere Zufälle als unsere Wahl.“ (11) Diese These überzeugt mich, weshalb ich sie durch weitere Überlegungen stützen und ergänzen möchte. Zunächst jedoch soll der Begriff „Zufall“ definiert und abgegrenzt werden.

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“einer vergra..bt einen

Schon Aristoteles ließ das Zufällige gelten, „als das, was weder unmöglich noch notwendig ist und darum auch nicht oder auch anders sein könnte.“ (12) „Zufälle - auch das hat zuerst Aristoteles gesehen - können dadurch entstehen, daß voneinander unabhängige Determinationsketten unvermutet aufeinander treffen.“ (13) Den Menschen kommt etwas dazwischen, das seinerseits determiniert ist. Odysseus kam nicht auf die Insel Scheria, weil er dorthin wollte, sondern vom Sturm dorthin verschlagen wurde. Das Zufällige scheint immer das Beliebige zu sein, das, wie bereits erwähnt, weder unmöglich noch notwendig ist und deshalb auch nicht oder anders sein kann. Nach Marquard liegt dieser Annahme aber ein Missverständnis zu Grunde. Aus der Sicht eines Schöpfers, eines Gottes, scheint das Zufällige tatsächlich immer das Beliebige zu sein. Aus menschlicher Perspektive aber, muss unterschieden werden zwischen dem Zufälligen, das durch uns veränderbar ist - Marquard nennt es das „Beliebigkeitszufällige“ (15) - und dem Zufälligen, das durch uns nicht oder kaum veränderbar ist. Dieses Zufällige nennt Marquard das „Schicksalszufällige“ (16) und nach seiner Meinung sind es „überwiegend Zufälle dieser zweiten Art, [...] die unser Leben ausmachen.“ (17) Er schreibt weiter, dass „wir Menschen stets in unsere Geschichten verstrickt sind, denn [...] Handlungen werden dadurch zu Geschichten, daß ihnen etwas dazwischenkommt, passiert, widerfährt. Eine Geschichte ist eine Wahl, in die [...] etwas Schicksalszufälliges einbricht: darum kann man Geschichten nicht planen, sondern muß sie erzählen.“ (18) Zurück zu den Determinanten, die „unvermutet aufeinander treffen können.“ (19) Marquard formuliert nun, dass „[...] es überhaupt zuträglich für den Menschen [ist], viele Determinanten zu haben: nicht gar keine und nicht nur eine, sondern viele.“ (20) Die Überfülle an Determinanten, so seine These, macht den Menschen frei. Es gilt also, das „Determinantengedrängel“ in uns und um uns herum zu bemerken und in unserem Sinne zu nutzen.

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Schatz, um ihn zu verstecke ein anderer gra..bt e n; ine grub e, um eine n Baum zu das ist ein zufall fur pf lanzen jemande : n .. der eine g .. r u m b a n lich dabei einen e grabt, schatz z u f inden.“ (14)


Interessant waren für mich auch die Überlegungen des Naturwissenschaftlers und Physiknobelpreisträgers Gerd Binnig. Er vermutet, dass alle Entwicklungen (Evolutionen) nach dem gleichen Muster ablaufen. In einer Endlosschleife, die sich immer wiederholt, egal ob es sich dabei um die Entwicklung des Universums, der Ideenwelt eines Individuums, oder um die Entwicklung eines Stuhls handelt. Zitat: „In der Regel sieht man es so: Das Leben ist durch Zufall entstanden, die Produkte menschlicher

..nigssohn, der fragte seinen vater nach l a e m i ko n n i e r a es w .. er sagte: it uber das leben. der vat der wahrhe .. .. ostbarem ol in die hand, schau, ich gebe dir einen loffel mit k ir vom treiben der verliere nichts davon und berichte m .. und gassen. menschen auf den platzen, strassen .. n vielen war entzuckt von de der junge mann zog los und .. m, um zu .. s. als er zuruck ka eindrucken seines rundgang .. der berichten war der loffel leer. erneut schickte..ihn .. zu achten .. konig fort mit dem hinweis, sorgfaltig auf das ol en. und ihm vom treiben auf den strassen zu bericht .. .. , dabei den loffel .. stolz kehrte der konigssohn zuruck er, mit adleraugen f ixierend: schau vat .. t. gut, antwortete kein einziger tropfen ist verschutte strassen! der vater, und nun berichte von den ts erinnern konnte. h c i der sohn schwieg, weil er sich an n

Intelligenz durch Nachdenken. Daß hier etwas nicht stimmen kann, zeigt sich, wenn man ein sogenanntes Zufallsprodukt, z.B. einen Menschen, mit einem sogenannten Intelligenzprodukt, z.B. einem Auto, vergleicht: Dann scheint der Zufall mächtiger zu sein als die Intelligenz.“ (21) Wenn das keine Aufforderung ist, den Zufall in unsere Entwicklungen mit einzubeziehen - was dann? Nach Binnigs Vorstellung benötigt jede Entwicklung eine Ursuppe und einen Urknall. Er widerspricht damit der Vorstellung von einem Urknall als „singulärem Ereignis“ (22) und behauptet, dass jede Entwicklung ihren Urknall braucht. Dieser ist der Beginn einer Wirkeinheit, die nun bis zu ihrem Ende reproduziert wird. Oder man kann auch umgekehrt sagen, solange eine Wirkeinheit reproduziert wird ist sie. Danach kommt es zu zufälligen Begegnungen von Wirkeinheiten, die wiederum neue Wirkeinheiten hervorbringen. Diesen Vorgang nennt er „Mutation“. (23)

der vater nahm den sohn beiseite und sagte: ann musst du beide dinge wenn du die wahrheit f inden willst, d .. .. einen loffel mit dem wertvollen ol im auge haben, d n auf den strassen. (27) und die mensche

„Da mit jeder Mutation neue Möglichkeiten aufgetan werden und schon nach wenigen Schritten deren Zahl unüberschaubar würde, folgt jeder Mutation … ein Abbau von Möglichkeiten, eine „Auslese“. (24) Da die Begegnung von Wirkeinheiten zufällig passiert, begrenzt sich der Zufall selbst durch die Auslese. Es entsteht Ordnung oder Form. Übertragen auf meine Situation bedeutet dies: Ich will die Idee, den Gedanken reproduzieren, den Zufall in meine persönliche Entwicklung mit einbeziehen. Ich will mein „Determinantengedrängel“ bemerken und nutzen. Mir ist klar geworden, dass alle

“Was hat dein Ziel dir zuleide ge tan, .. dass du es so hartnackig verfolg st?“

Evolutionen eines gemeinsam haben: „Zielgerichtetheit und Unschärfe“. (25) Für das Erste sorgen meine Absichten und die

(26)

Auslese, für das Zweite der Zufall. Meine „Zufallsgeschichten“ möchte ich nun erzählen.

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„Genau“ in.

r se

ht

ic ja n

so

e chw

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ann end sk geh n i ja e n ich ! Ge m g n u ch ei etz ms hab U s l al he Zuf tisc es rak d p n ie td orie jetz The d n de Un mit n n De

igt

äft

ch bes

.

Da au!

17


april mi do fr sa di o M So sa fr do februar So Mo 1 2 3 4 do fr sa i m Januar 5 6 7 di o M 8 9 10 11 2 So 7 6 7 1 13 14 5 6 do fr sa i 5 m 12 17 18 4 di 3 9 13 14 15 16 1 2 So Mo 13 14 8 1 2 3 19 20 21 12 24 25 23 22 9 10 11 12 16 21 8 28 19 20 21 15 9 10 20 27 8 19 26 7 18 30 6 17 29 4 5 15 16 22 23 26 27 28 15 16 17 26 27 28 11 12 13 14 22 23 24 25 29 30 august 24 23 22 18 19 20 21 li do fr sa ju 29 30 31 Mo di mi 25 26 27 28 do fr sa So i m juni di 1 So Mo do fr sa mai 7 8 3 4 Mo di mi 6 2 So 5 1 sa 4 2 3 mi do fr 5 6 13 14 15 9 10 11 So Mo di 1 2 3 4 9 10 11 12 5 6 7 8 13 1 2 18 12 17 11 20 21 22 16 10 19 15 9 8 18 14 17 16 9 7 20 12 13 8 25 19 24 7 18 6 27 28 29 17 23 26 20 21 22 3 4 5 14 15 16 23 24 25 26 27 19 31 14 15 16 25 13 30 24 29 12 23 11 22 28 31 27 10 21 30 26 21 22 23 dezember 17 18 19 20 28 29 30 30 29 28 27 26 mi do fr sa 25 r be 24 novem So Mo di sa fr 5 do mi 31 1 2 3 4 oktober So Mo di sa 12 7 fr 11 6 do 10 5 mi 2 3 4 6 7 8 9 september So Mo di 1 2 3 1 11 12 13 14 13 14 15 16 17 18 19 mi do fr sa 10 9 di 8 o M 10 5 So 25 26 19 20 21 6 7 8 9 1 2 3 4 21 22 23 24 4 5 15 16 17 18 27 28 20 28 29 30 31 10 11 12 11 12 13 14 15 16 17 26 9 25 8 24 7 6 27 22 23 17 18 19 18 19 20 21 22 23 24 30 13 14 15 16 29 31 26 30 25 29 24 25 26 27 28 20 21 22 23 27 28 29 30

..

marz di mi 3 4 10 11 17 18 24 25 31

pr . a. se n

ta ti o n

18


28. Mai 2009 Gerade habe ich mein drittes Projektthema verworfen. Die Begeisterung meines Professors hält sich in Grenzen. Bis morgen soll ich mein Thema „zumachen“. Was das heißt? Endlich mit der Gestaltung anfangen! Aber was genau soll ich gestalten?

Noch 25 Tage bis zur Präsentation.

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29. Mai 2009 Noch 24 Tage bis zur Pr채sentation

schlecht frei und

d mir ist schlecht. ich bin frei un ir auch nicht schlecht sein? sollte m o s e wi t sein, mir schlech freilich sollte auch schlecht. und es ist mir

.. ding es konnte mir aller s auch nicht schlecht sein. .. gen: ich bin frei dann wurde ich sa und mir ist nicht schlecht.

(Ernst Jandl)

Vielleicht hilft mir ein langes Wochenende. Ich fahre heim.

20

(28)


30. Mai 2009 Noch 23 Tage bis zur Präsentation – heute muss es vorwärts gehen!

Aber erst möchte ich noch die Süddeutsche Zeitung lesen. So viel Zeit muss sein. Wie immer beginne ich mit dem Streiflicht. Kennen Sie das Streiflicht? Das Streiflicht ist der schräge Blick auf eher „nebensächliche“ aktuelle Themen, mit viel Genuss zu lesen – doch nicht ohne Tiefgang.

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22


Das Streiflicht (SZ) Der Humorist beginnt mit der Arbeit. Sein Herz ist schwer, sein Kopf ist

designer

leer. Schon sind die ersten Zeilen vertan, und noch ist kein Gedanke in Sicht, von einer Pointe gar nicht zu reden. Er hat schlecht geschlafen in der vergangenen Nacht, noch schlechter geträumt. Der Humorist hat schwierige Kinder, sein Familienleben ist ein Chaos, er hat einen immer mürrischen Chef, und er hat einen Redaktionsschluss, der ihn täglich bedroht. Der Humorist ist eine arme Sau, und es wäre schön, wenn ihn jetzt jemand in den Arm nähme. Am besten wäre dies der gerührte Leser, der heute einmal auf jeden Witz verzichtet. Aber das bleibt natürlich ein Wunschtraum. Der Leser kennt kein Erbarmen. Der Leser bezahlt den Humoristen, hat also Anspruch auf wenigstens eine gelungene Pointe. Bleibt diese weiterhin aus, nimmt er die Zeitung, zerknüllt sie verärgert und wirft sie in die Tonne. Fazit: Das Leben ist hart. Oder anders gesagt: Stranger than paradise. Damit sind wir beim genialen Filmemacher Jim Jarmusch und finden, wie schon so oft, bei ihm Trost. Diesmal nicht nur in seinem Werk, das konsequent die Lustigen meidet und die Betrübten liebt, sondern auch in einem Wortbeitrag des schon seit seinen Jünglingsjahren weißhaarigen Meisters. Gefragt, ob ihn Verrisse seiner Filme ärgern, sprach er nahezu zärtlich über seine Widersacher: „Da sitzt so ein Kritiker, der sieht zwölf Filme in der Woche und hat kleine Kinder, sein Haus ist im Chaos, und er hat einen Redaktionsschluss. Ich habe Sympathie für ihn.“ Das ist, in der langen und schmerzensreichen Zweierbeziehung zwischen Künstlern und Kritikern, ein ergreifend neuer Ton. Der Rezensent wird endlich einmal nicht, wie von Goethe bis Peymann übler Brauch, unflätig beschimpft („Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent“.), er wird auch nicht, was immer wieder vorkommt, vom Künstler geohrfeigt, hier mögen die Namen Käthe Dorsch und Josef Bierbichler genügen, er wird vielmehr vom geschmähten Künstler sachte in den Arm genommen und getröstet. Denn Jarmusch sieht ihn, wie er wirklich ist: nicht als arroganten Ignoranten, nicht als Kampfhund, sondern als arme Sau. Kurzum, Jarmusch sieht in ihm eine Figur aus einem Film von Jarmusch. Wie sollte er da anders als mit den Augen der Liebe auf ihn blicken? Gerade ist ein neuer Jarmusch-Film in die Kinos gekommen, „The Limits of Control“. Die Reaktionen der Experten sind zwiespältig: In der SZ wurde das Opus als „ein langes Vorspiel ohne Orgasmus“ beschrieben, und man darf annehmen, dass Jarmusch für diese Formulierung tiefe Sympathie empfindet. Denn auch die Kritiker gehören zur Jarmusch-Welt, zum Universum der Versager. Sie sind, auch wenn sie beileibe nicht immer zum Höhepunkt kommen, die unersättli-

genau!

chen Liebhaber des Kinos. Down by love. (29)

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Beim Weiterblättern stoße ich gleich auf den nächsten interessanten Artikel: „Das Große Ding Design: In H annover arbeitet ein junges Team an einem netteren Alltag“. (30)

Es geht um ding3000, drei Designer aus Hannover, die „unkonventionelles Industriedesign mit einer Spur Humor“ (31) machen und so Alltagsgegenstände neu interpretieren.

„Unter dem sprechenden Titel „Billy Wilder“ baute das Trio Regalbretter, die aus einem handelsüblichen Billy-Regal ein subversives Möbel machten, indem sie sich knickten und auffalteten und so der gewohnten Ikea-90-Grad-Optik Widerstand leisteten – eingebaut waren sie in ein paar Sekunden. Derzeit sind die Bretter vergriffen, es laufen aber Verhandlungen mit einem schwedischen Hersteller, der sich ganz auf Ikea-Tuning spezialisiert hat.“ (32)

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Ich muss an meinen Bruder denken. Der „Elchbezug“ seines Ikeastuhles gefällt ihm nicht. Den sollte man vielleicht auch mal tunen...?

Genau!

Das ist es! Die Idee die mir noch gefehlt hat für mein „großes Ding“. Ich nehme den Stuhl als Möglichkeit, meine Zufallstheorien zu erproben. Ich bin gespannt, ob sich „Determinantengedrängel“ einstellt.

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ar nhamm ael War k i M r: igne Des

Futterstoff: 100% Polypropylen Bezug Armlehnstuhl: 100% Baumw olle

60 cm

..

Rucken- und Sitzgestell: m assive Birke

..

Ruckenlehne/ Armlehne: massive Pappe, Polyethe r, Polyester-wattierung

57 cm 43 cm

80 cm 48 cm

Sitzplatte: Polyether, Polyesterwattierung

47 cm

e e Birk assiv m asis e luloseb Bein ro-zel t i N f e au Farb

Hoher Sitzkomfort durch Armle hnen und Polsterung .. in Sitz und Ruckenlehne.

Leicht zu pf legen durc h abnehmbaren, maschinen waschbaren Bezug. -

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„Probier dein neues Leben aus“ So heißt eine Link auf der Homepage (33) von IKEA. Nils hat dort folgende Nachricht hinterlassen:

„VIELEN DANK FÜR DIE SCHÖNE ZEIT. MEIN LEBEN GEHT JETZT OFFLINE WEITER. ALLES GUTE UND TSCHÜSS, NILS.“

Mein Leben geht jetzt ofFline weiter.

Nils, 2009 Mikael Warnhammar

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„Nils“

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Die Geschichte zu diesem Stuhl begin nt bei unserem Nachbarn. w a r e t n Elektriker zu Werke, die wa.. Dor hrend der Arbeit seine

Gefriertruhe aussteckten und v ergassen, sie wieder einzustecken. Unser Nachbar ist Ja..ger und hatte fast ein ganzes Reh in der

Gefriertruhe, das daraufhin langsam vor sich hin taute .

Das Missgeschick wurde zu spa..t bemerkt, das Fleisch war schon

aufgetaut und musste ver wertet werden. Deshalb bekamen wir

.. h am nachsten Tag zum

Rehkeule, die es gleic

Mittagessen gab.

So entstand die Idee, die stilisierten Elchgeweihe Jetzt kann man sogar seine Utensilien nach dem

30

eine

.. durch ein mitteleuropaisches Rehgeweih zu ersetzen. “Ikea-Ordnungsprinzip“ verstauen.


Deer Nils

31


Projektarbeit. meiner n a eder ze wi t i s ich eint die Sonne. sen sch s u a .. e jetzt gut. r D at t chslung e w b A r u z t i e ann. b r a en nzen k sschen Gart a i l b f n p i E ein an sie m s s a eit, d h so w e t s i e t e e B e Die Rot n. .. te geschnitten werde ss Der Buchs mu

? st das s a P . e .. nd Rote Beet Gruner Buchs u

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Nils im Garten

33


Der neue Vened ig-Krimi von Donna Le on ist da.

Meine Mutter ist

begeistert von

Comissario Br .. unetti und se inen fallen.

Woran ich aber bei Venedig denke:

. tauben

.. keit. Das ist der richt Klar, da gibt es nur eine Moglich ige Stuhl fur den Markus platz. .. Sieht nur so aus, als konnte keiner darauf sitzen. Am Komfort arbeite ich noch.

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Nils in Venedig

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ria Sto s. bas ul . sa ign Des del jeder stellt einen Designer vor.

.. Heute wird Saul Bass prasentiert. Ich mache aus dem Graf iker einen Produktdesigner...

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Nils meets Saul

37


.. Computer hoch gefahren. Skype geoffnet. Anna, die auch Design studiert,

..

hat im Feld “Eine Nachricht fur alle Kontakte hier eingeben“ Folgendes notiert:

l am a vampire pire pire.

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Nils in Transilvanien

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..

hlegestalten .. rend dem Stu h Wa schen Musik. .. re ich ein bis ho : nen singt n a D n a v Funny

hte auf alle Ich ac s, d as k .. onn en S ie

.. f Nag

au chte a ich

el, ich

mir glau ben,

en, achte auf Schraub

und auf Neuigke ich a iten chte auf dipps

un

or dv

, iten e h n nebe chte ich auf bodenu a m e all

Danke Funny! Auch ich achte jetzt auf Bodenunebenh eiten...

40


Funny Nils

41


Tanzen in Hyazinthblau aus der bunten Reihe

..

Jeden Donnerstag mache ich auf www. zeit.de das Ratsel

“Um die Ecke gedacht“ (34) Was tanzt in Hyazinthblau aus der bunten Reihe?

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Nils in Hyazinthblau

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Heute geh ich mit meiner Mutter zum Joggen. Wir ziehen uns um.

Als ich sie sehe, bekomme ich einen Schock. Sie hat ein T-Shirt

an, auf dem FUCK steht!

sprachlos schaue ich noch mal genauer hin und sehe,

dass es eigentlich FCUK ist – eine englische Marke, erkla..rt sie mir.

.. fer ..uberrascht. Auch auf der Joggingstrecke schauen einige Lau Also bitte etwas genauer hinschauen!

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Fcuk Nils

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„Klaro“

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Mit dem Zeitungsartikel über „ding3000“ hat alles angefangen. Er war sozusagen mein Urknall. In einem anderen Kontext hätte ich den Artikel zwar auch interessiert gelesen, aber nicht weiter verwendet und wahrscheinlich irgendwann wieder vergessen. Durch meine Absicht, ein Projektthema zu finden, habe ich die zufällige Begegnung mit ihm darauf übertragen und mich entschieden, die Theorie am Stuhl „Nils“ zu erproben.

Beim Entwerfen der Stühle habe ich mich von zufälligen Begegnungen beeinflussen lassen. Es ist nicht einfach, wenn man mitten im Geschehen steckt, sich gleichzeitig selbst zu beobachten, wahrzunehmen, was einem begegnet und diese Begegnungen auszuwerten. Vor allem, wenn man unter dem Druck steht, die Projektarbeit bis zum „Redaktionsschluss“ fertig zu stellen.

Manchmal bin ich in Versuchung geraten, bewusst nach etwas Ausschau zu halten, durch das ich den Stuhl verändern könnte. Aber das war nicht lohnend. Das „Determinantengedrängel“ hat sich tatsächlich eingestellt und meine Absichten wurden ständig von anderen durchkreuzt. Einige Begegnungen waren interessant, viele waren nicht hilfreich, manche habe ich vielleicht auch übersehen. Und so habe ich ausgewählt und meine Stühle gestaltet.

Ein „spielerischer“ Versuch, durch den ich gelernt habe, meine Umgebung anders wahrzunehmen und meine Beobachtungen in meine Arbeit einzubeziehen. Bin ich jetzt für den Ernstfall gewappnet? Eines steht fest: Die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Zufall war für mich notwendig und nützlich.

49


50


Das ist jedoch gerade die Faszination der Evolution:

„Man weiß nicht, wie es ausgeht.“

(35)

51


52


Anmerkungen

53


Literaturverzeichnis

A

Binnig, Gerd: Aus dem Nichts, Über die Kreativität von Natur und Mensch, Piper, München 1989 (4. Auflage von 1992)

B

Marquard, Odo: Apologie des Zufälligen, Reclam, Stuttgart 1986

C

Marti, Kurt: Im Sternzeichen des Esels. Sätze, Sprünge, Spiralen., Nagel & Kimche, 1995

D

Huber; Lockemann; Scheibel (Hg.): Bild Wissen Medien; Reinmann-Rothmeier, Gabi; Vohle, Frank: Pädagogisch-psychologische Ideen für die Repräsentation und Kommunikation von Wissen im Netz - ein narrativer Ansatz, Kopaed, München 2002

54


1

Marquard, 1986, Seite 118

2

siehe Literaturverzeichnis D

3

Marquard, 1986, Seite 134

4

Marquard, 1986, Seite 117

5

Marquard, 1986, Seite 117

6

vgl. Marquard, Seite 121

7

siehe Literaturverzeichnis B

8

Marquard, 1986, Seite 119

9

Marquard, 1986, Seite 119

10

siehe Literaturverzeichnis A

11

Marquard, 1986, 127

12

Aristoteles zitiert nach Marquard, 1986, Seite 118

13

Marquard, 1986, Seite 119

14

Aristoteles zitiert nach Marquard, 1986, Seite 119

15

Marquard, 1986, Seite 128

16

Marquard, 1986, Seite 128

17

Marquard, 1986, Seite 128

18

Marquard, 1986, Seite 129

19

Marquard, 1986, Seite 119

20

Marquard, 1986, Seite 133

21

Binnig, 1992, Seite 154

22

Binnig, 1992, Seite 154

23

Binnig, 1992, Seite 155

24

Binnig, 1992, Seite 156

25

Binnig, 1992, Seite 107

26

siehe Literaturverzeichnis C

27

siehe Literaturverzeichnis D, Seite 338

28

Jandl, Ernst: Eile mit Feile, Gesprochen von Ernst Jandl, Hörbuch, DHV der Hörverlag, München, 2003

29

Streiflicht, Süddeutsche Zeitung, München, Pfingsten, 30./31. Mai/1. Juni, Nr. 123, Seite 1

30

Das große Ding, Süddeutsche Zeitung, München, Pfingsten, 30./31. Mai/1. Juni, Nr. 123, Seite V2/5

31

Das große Ding, Süddeutsche Zeitung, München, Pfingsten, 30./31. Mai/1. Juni, Nr.123, Seite V2/5

32

Das große Ding, Süddeutsche Zeitung, München, Pfingsten, 30./31. Mai/1. Juni, Nr. 123, Seite V2/5

33

http://www.ikea.com/ms/de_DE/aktivitet/Nils.html, entnommen am: 11. Juni 2009

34

Um die Ecke gedacht, Das große ZEIT-Osterpreisrätsel, DIE ZEIT, Nr. 16/2009

35

Binnig, 1992, Seite 168 55


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Determinantengedrängel  

Wie zufällig ist der Zufall?

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