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Schulnotizen 4-2008

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Geschütteltes Vorarlberg Zur Rettung unseres Sprachschatzes Kurt Greussing

W e r o f f e n e n A u g e s u n d r e i n e n H e r z e ns d u r c h u n s e r e L a n d e g e h t , s i e h t u n d s p ü r t , d a s s n u r m e h r w e n i g e s v o n u n s e r e m T r a d i t i o n s b e s t a n d d e m Z ug r i f f d e r M o d e r n e z u t r o t z e n v e r m ag : A u t o r i t ä t , w i e d i e u n s e r e s L a n d e s r a t s f ü r Schule und Sport, wird ruchlos angefochten, Bischof Elmars segensreiches Wirken wird mit frechen Protestrufen bedacht, und mancheror ts droht gar der Traktor das Pferd zu verdrä ngen.

Umso dringender ist es, Kulturformen zu bewahren, die ohne schützendes Bemühen wohl das Zeitliche segnen würden. Zu diesen gehört der Schüttelreim. Seit dem 13. Jahrhundert bereichert er unseren Sprachschatz. Auch wenn er seit damals von einer der erhabensten Gedichtformen nur allzu oft zum Mittler von Zoten ("Er griff in ihrer Hülle Falten / und konnte kaum die Fülle halten") abge-

Rese leise: / Sei bitteschön ganz leise, Rese, / wenn ich auf dieser Reise lese." Die Motivation zur Herstellung von Schüttelreimen speist sich ganz und gar aus der Zwecklosigkeit des Ästhetischen, also aus jenem Drängen

sen - gerade heutzutage, wo wir doch alle ziemlich knapp bei Kassa sind? Am ehesten kommt diese Verbindung von Edlem und Nützlichem bekanntermaßen in der Bildung zum Tragen. Deshalb haben sich die "schulnotizen" dankenswerterweise entschlossen, eine Kollektion von Schüttelreimen zur Vorarlberger Geographie, die ich ursprünglich nur um ihrer selbst Willen, also als reine

sunken ist, so verdient er doch als Traditionsgut den Strudeln unserer

Dichtung, kreiert habe, nach und nach den Lehrkräften unseres Landes zu-

schnelllebigen Zeit entrissen zu werden.

gänglich zu machen. nach in sich ruhender Schönheit, das

sonanten vertauscht ("Du bist / Buddhist") und/oder Vokale geschüt-

unser verehrter Friedrich von Schiller in seinen ästhetischen Schriften der Um- und Nachwelt weitgehend vergebens nahezubringen versuchte. Im Schüttelreim jedoch hat dieses Schillersche Ansinnen überlebt - etwa in dem an sich zwecklosen, doch in sich schönen Klassiker: "Jetzt geh ich in den Birkenwald, / denn meine Pillen wirken bald."

telt werden, wie dies vorbildlich in meiner Hommage an Michael Köhlmeier geschieht: "Der Dichter auf der Lesereise, / der sprach zu Freundin

Warum jedoch sollte sich die Zwecklosigkeit des Schönen nicht mit einem Gebrauchswert verbinden las-

Nicht um die komplexe Theorie des Schüttelreims soll es hier gehen. Dazu ist in einschlägigen Fachbüchern mehr gesagt worden, als dem poetischen Antrieb des Schöpfers oder Rezitators solcher Reime gut tut. Wesentlich ist, dass bei betonten Silben am Schluss der Zeile Anfangskon-

Mögen diese Schüttler nicht nur dem Geographie-Unterricht im Sinne der bewährten Heimatkunde, sondern auch dem vielerorts beklagten Sprachvermögen unserer heranwachsenden Jugend wertvolle Impulse verleihen!


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The faked Wienerschnitsel Auch die Geduld des Gasts in Bizau reißt, wenn statt ins Kalb er in die Riedsau beißt.

Krise der Nahversorgung Ich hatsch jetzt quer durch Andelsbuch, nur weil ich ein Schuhbandel such.

Ganzjähriger Betrieb Die Unmoral im Hinterwald macht nicht einmal vorm Winter halt.

Geschütteltes Vorarlberg  

Schüttelreime von Dr. Kurt Greussing, Schulnotizen 4/2008, S. 19-20.

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